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Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72

30 November 1917, Bern

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Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
  1. Freiheit, Unsterblichkeit, Soziales Leben

6. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Ideen der Freiheit und des sozial-sittlichen Lebens

6. Findings from the Humanities on the Concepts of Freedom and Social and Moral Life

[ 1 ] Wer heute von anthroposophischer Geisteswissenschaft hört, so wie sie in diesen Betrachtungen hier gemeint ist, der bildet sich sehr häufig aus dem oder jenem, das er über die Sache vernimmt, das Urteil, daß er es zu tun habe mit irgend etwas, das sich in sektiererischer oder ähnlicher Weise in das Geistesleben der Gegenwart hineinstellen will. Insbesondere seit zur Pflege dieser geisteswissenschaftlichen Richtung der Bau in Dornach bei Basel in Angriff genommen worden ist, hat man sowohl diesen Bau wie die ganze Geisteswissenschaft in die Schablone — Schablonen braucht man ja heute so sehr — einer sektiererischen Geistesbewegung hineingefügt. Und es ist schwierig, gerade solchen Vorurteilen gegenüber irgend etwas anzufangen. Sie nisten sich immer mehr und mehr ein, und ich möchte fast sagen: Je mehr dagegen getan wird, mit desto größerer Heftigkeit treten sie auf und desto stärkeren Glauben finden sie.

[ 1 ] Anyone who hears today about anthroposophical spiritual science, as it is meant in these reflections, very often forms the judgment—based on this or that piece of information they hear about the subject—that they are dealing with something that seeks to insert itself into contemporary spiritual life in a sectarian or similar manner. Especially since construction began on the building in Dornach near Basel to support this branch of spiritual science, both this building and the entire field of spiritual science have been cast into the mold—and molds are so very much in demand today—of a sectarian spiritual movement. And it is difficult to even begin to address such prejudices against anything. They take root more and more, and I would almost say: the more one does to counter them, the more vehemently they arise and the stronger the belief in them becomes.

[ 2 ] Ich möchte dagegen einleitungsweise heute nur bemerken, daß dasjenige, was der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zugrunde liegt, nicht im allerentferntesten irgend etwas zu tun hat mit einer sektiererischen Tendenz oder einem sektiererischen Ziele. Ja, so wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hier gemeint ist, hat sie sich überhaupt nicht herausentwickelt aus irgendeinem zunächst religiösen Impuls, sondern sie steht auf dem Standpunkte, daß dasjenige, was sie will, eine notwendige Zeitbestrebung ist, gerade in Anbetracht der großen, bedeutsamen Errungenschaften des naturwissenschaftlichen Denkens im Laufe der letzten Jahrhunderte und insbesondere der neueren Zeit.

[ 2 ] By way of introduction, however, I would like to note today that what underlies anthroposophically oriented spiritual science has absolutely nothing to do with any sectarian tendency or goal. Indeed, as understood here, this anthroposophically oriented spiritual science did not develop at all from any initially religious impulse; rather, it takes the position that what it seeks is a necessary endeavor of our time, precisely in light of the great and significant achievements of scientific thought over the course of the last few centuries and, in particular, in recent times.

[ 3 ] Das naturwissenschaftliche Denken, das so Großes nach einer gewissen Seite hin geleistet hat, erweist sich bei wirklicher Kennerschaft als unbefähigt, einzutreten in die eigentlichen, das Gebiet des Geistes betreffenden Rätselfragen der Menschheit. Gerade dann erweist sich dieses naturwissenschaftliche Denken unbefähigt dazu, wenn es auf seinem Gebiete das Allerausgezeichnetste, das Bedeutendste, das Treffendste leistet. Und eine geschichtliche Notwendigkeit liegt vor, daß sich neben diese Naturwissenschaft, aber mit demselben Ernst, mit dem die Naturwissenschaft selber vorgeht, geisteswissenschaftliche Forschung in der neueren Zeit hinstellt.

[ 3 ] Scientific thinking, which has achieved so much in a certain respect, proves, upon closer examination, to be incapable of addressing the true enigmas of humanity that pertain to the realm of the spirit. It is precisely then—when scientific thinking achieves the most outstanding, the most significant, and the most apt results in its own field—that it proves incapable of addressing these questions. And there is a historical necessity for research in the humanities to emerge in modern times alongside the natural sciences, yet with the same seriousness with which the natural sciences themselves proceed.

[ 4 ] Und so ist es denn auch der Glaube und das Bestreben gerade dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, sich absolut nicht hineinzumischen in irgendeine religiöse Bewegung, absolut nicht zu beeinträchtigen irgendeine religiöse Bewegung, diese oder jene religiöse Überzeugung dieses oder jenes Menschen; im Gegenteil, sie wird die Menschen, die abgekommen sind vom Drinnenstehen im religiösen Leben, wiederum hinführen zu diesem religiösen Leben. — Doch dies nur nebenbei.

[ 4 ] And so it is precisely the conviction and aspiration of this anthroposophically oriented spiritual science to refrain absolutely from interfering in any religious movement, to refrain absolutely from influencing any religious movement or this or that person’s religious conviction; on the contrary, it will lead people who have strayed from active participation in religious life back to that religious life. — But this is just an aside.

[ 5 ] Aber, wie gesagt, nur einleitungsweise möchte ich auf manches in dieser Beziehung hinweisen, weil es, wenigstens innerlich, nicht ganz ohne Beziehung zu dem Thema des heutigen Abends steht.

[ 5 ] But, as I said, I would like to briefly touch on a few points in this regard, because—at least on a deeper level—they are not entirely unrelated to the topic of this evening.

[ 6 ] Oft ist da oder dort von mir betont worden, daß niemand beeinträchtigt wird in seiner religiösen Überzeugung durch dasjenige, was als Geisteswissenschaft auftritt. Wie oft ist insbesondere betont worden, daß Geisteswissenschaft sich nicht mischt in die religiösen Bewegungen und vor allen Dingen das nicht sein will und auch nicht sein kann aus den ganzen Zeitbedingungen der Gegenwart heraus, was man etwa als Gründung einer neuen Religion oder einer neuen Sekte oder dergleichen bezeichnet — wie oft ist das betont worden! Allein, gerade wenn man dieses betont, so wird sehr häufig von gewisser Seite her ein Vorwurf erhoben, der etwa so lautet, daß man sagt: Man sehe sich nur einmal diese Geisteswissenschaft an, sie hat über diesen oder jenen religiösen Impuls nichts zu sagen. — Und man tadelt dann, daß sie dieses oder jenes nicht zu sagen habe. Während das Nichtsagen gerade hervorgeht aus der Tendenz, daß die Vertreter der religiösen Bekenntnisse ihrerseits nicht beeinträchtigt werden in dem, was sie als ihre Arbeit zu leisten haben. Man will gerade den anderen nicht hineinreden. Und man kann dann leicht eine Waffe schmieden aus dem, was, um nicht irgendein Recht zu verletzen, nicht unternommen wird. Natürlich wird auch, wenn man das Gegenteil unternimmt, eine Gegnerschaft daraus konstruiert.

[ 6 ] I have often emphasized here and there that no one’s religious convictions are compromised by what is known as spiritual science. How often has it been emphasized, in particular, that spiritual science does not interfere in religious movements and, above all, does not wish to be—nor can it be, given the current conditions of our time—what might be described as the founding of a new religion, a new sect, or the like—how often has this been emphasized! Yet, precisely when this is emphasized, a reproach is very often leveled from a certain quarter, which goes something like this: “Just take a look at this spiritual science—it has nothing to say about this or that religious impulse.” — And then they criticize it for failing to address this or that. Yet this silence stems precisely from the tendency to ensure that the representatives of religious denominations, for their part, are not hindered in the work they are called upon to do. One simply does not want to interfere with the other. And one can then easily forge a weapon out of what is not undertaken in order not to violate some right. Of course, if one does the opposite, an opposition is also constructed out of it.

[ 7 ] Nun, ich wollte nur hinweisen darauf, daß, wer den Ursprung der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen verfolgt, finden wird, daß sie sich in gerader Entwickelung heraus ergeben aus Forderungen, die die richtig verstandene Naturwissenschaft selber stellt.

[ 7 ] Well, I just wanted to point out that anyone who traces the origins of spiritual scientific endeavors will find that they emerge as a direct development of the demands posed by natural science itself, when properly understood.

[ 8 ] Allein, bei genauerem Eingehen gerade auf solche Voraussetzungen, wie sie vorgestern hier besprochen worden sind, zeigt sich, daß diese naturwissenschaftliche Richtung durch dasjenige, wodurch sie groß ist, wiederum ungenügend sein muß gerade für solche Fragen, wie sie den Gegenstand der heutigen Auseinandersetzungen bilden sollen, für die Fragen des sittlich-sozialen Lebens.

[ 8 ] However, upon closer examination of precisely such presuppositions as those discussed here the day before yesterday, it becomes apparent that this scientific approach—precisely because of what makes it great—must in turn prove inadequate for the very questions that are to form the subject of today’s discussions: the questions of moral and social life.

[ 9 ] Man hört heute vielfach von dieser oder jener Seite: Dasjenige, was Naturwissenschaft großgezogen hat, was sie geleistet hat, müsse auch fruchtbar gemacht werden für die soziale oder soziologische Betrachtungsweise, fruchtbar gemacht werden für die Betrachtungsweise des Einlebens der ethischen, der moralischen Ideen in die menschliche Gesellschaft und so weiter.

[ 9 ] Today, one often hears from various quarters that what has fostered the natural sciences—and what they have accomplished—must also be made fruitful for social or sociological perspectives, and for the integration of ethical and moral ideas into human society, and so on.

[ 10 ] Nun möchte ich meinen Ausgang nehmen von etwas, was man heute sehr häufig hört. Heute wird ja das Urteil der Menschen durch das tragische, katastrophale Ereignis, in das die Gesamtmenschheit der Erde eingetreten ist — man kann schon so sagen heute —, es wird das Urteil der Menschen in mannigfaltigster Weise herausgefordert, über dieses oder jenes, was die großen, tief einschneidenden, traurigen Ereignisse bringen, sich ein Urteil zu bilden. Der eine hat nötig, durch Stellung und Beruf über dies oder jenes, was die traurigen Ereignisse bringen, sich ein Urteil zu bilden; der andere wird es sich bilden rein aus gutem Herzen, aus dem Mitfühlen mit dem Schicksal der gesamten Menschheit heraus. Und gerade aus diesen bedeutsamen, tief einschneidenden Ereignissen ist für manchen die Notwendigkeit entsprossen, sich ein Urteil zu bilden über dasjenige, was wir im weitesten Umfange das soziale Leben der Menschheit nennen können, das Leben der Menschheit in der menschlichen Gesellschaft selbst.

[ 10 ] Now I would like to begin with something we hear very often today. Today, people’s judgment is being challenged in the most diverse ways by the tragic, catastrophic event that all of humanity on Earth has entered into—one can certainly say that today— people’s judgment is being challenged in the most diverse ways to form an opinion about this or that aspect of what these great, profoundly life-altering, and sorrowful events bring. One person feels compelled, by virtue of their position and profession, to form an opinion about this or that aspect of what these sorrowful events bring; another will form a judgment purely out of the goodness of his heart, out of compassion for the fate of all humanity. And it is precisely from these significant, profoundly far-reaching events that the necessity has arisen for some to form a judgment about what we might broadly call the social life of humanity—the life of humanity within human society itself.

[ 11 ] Da hört man wiederum sehr häufig, wenn so die Fragen auftauchen: Was kann man über das oder jenes denken? Wie können diese oder jene Dinge unter dem Einfluß der heutigen traurigen Ereignisse entschieden werden? —, da hört man sehr häufig das Urteil: Die Geschichte lehrt das oder jenes. Geschichte ist ja schließlich nichts anderes als die Aufzählung desjenigen, was die Menschen zu wissen vermeinen über den Hergang des sozialen Lebens bis zur Gegenwart.

[ 11 ] Once again, one very often hears, when questions like these arise: What can one think about this or that? How can this or that issue be decided in light of today’s tragic events? — one very often hears the judgment: History teaches this or that. After all, history is nothing more than a record of what people believe they know about the course of social life up to the present.

[ 12 ] Geschichte ist in begreiflicher Weise für viele dasjenige, woraus sie sich ein Urteil bilden wollen, wie die Ereignisse, die sich im Menschenleben bis zu dieser Stufe entwickelt haben auf diesem oder jenem Gebiete, sich weiterentwickeln könnten.

[ 12 ] For many people, history is, understandably, the basis on which they seek to form a judgment as to how the events that have unfolded in human life up to this point—in this or that field—might develop in the future.

[ 13 ] Wer mit vollem Geistes- und Seelenanteil in den Ereignissen der heutigen Zeit drinnensteht, wird sich tatsächlich sagen müssen, daß diese Ereignisse nicht den Eindruck machen auf viele, daß aus ihnen ganz Neues gelernt werden müsse, daß in vieler Beziehung man nötig habe, nicht bei den Urteilen stehenzubleiben, die man vor vier, fünf Jahren über die Impulse des Menschenlebens gehabt hat.

[ 13 ] Anyone who is fully engaged, in mind and spirit, with the events of our time will indeed have to admit that these events do not give many people the impression that something entirely new must be learned from them, that in many respects it is necessary not to remain stuck with the judgments one held four or five years ago regarding the impulses of human life.

[ 14 ] Derjenige, der tief drinnensteht in diesen Ereignissen mit seinem Seelenanteil, wird sich dieses Urteil vom Umlernen bilden müssen. Das ist vielleicht gerade eines der traurigsten Symptome, daß dieses Urteil vom Umlernen heute noch nicht in breiten Schichten Platz gegriffen hat, trotzdem schon so lange Zeit diese traurigen Ereignisse bestehen, daß es heute noch so viele Menschen gibt, die da glauben, über gewisse Dinge können sie heute dasselbe Urteil anwenden, das sie vor vier oder fünf Jahren als Urteil geben konnten. Gerade die Zeichen der Zeit könnten in dieser Beziehung sehr, sehr viel lehren.

[ 14 ] Anyone who is deeply involved in these events with a part of their soul will have to form this judgment of “re-learning.” This is perhaps one of the saddest symptoms of all: that this judgment based on re-learning has not yet taken root among broad segments of the population, even though these sad events have been going on for so long that there are still so many people today who believe they can apply the same judgment to certain matters today as they could have four or five years ago. The signs of the times, in particular, could teach us a great, great deal in this regard.

[ 15 ] Ich möchte nur zunächst ein Beispiel der zeitgenössischen Geschichte anführen und dann eines aus dem größeren Umfange der Geschichte heraus.

[ 15 ] I would just like to start by giving an example from contemporary history and then one from the broader scope of history.

[ 16 ] Diejenigen, die sich mit der Zeitgeschichte befassen, wissen, daß sogenannte einsichtige Leute, Leute, die sich ihr Urteil aus einem scheinbaren Verfolgen der Tatsachen festgesetzt haben, in völliger Sachkenntnis glaubten sagen zu können, als dieser Krieg ausbrach: Dieser Krieg kann, nach den allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, die nun in der Menschheit sich einmal als soziale Struktur herausgebildet haben, keine längere Dauer als vier, höchstens sechs Monate haben. — Es sind wahrhaftig nicht unbedeutende Menschen, die dieses Urteil als ein solches gewählt haben, von dem sie geglaubt haben, daß es tief herausgegriffen sei aus einer sachgemäßen Anschauung über dasjenige, was ein Kenner der Verhältnisse beobachten könne.

[ 16 ] Those who study contemporary history know that so-called level-headed people—people who have formed their judgments based on what appears to be a careful examination of the facts—believed they could speak with complete authority when this war broke out: Given the general economic and social conditions that have now taken shape as a social structure within humanity, this war cannot last longer than four, at most six, months. — These are truly not insignificant people who arrived at this judgment, which they believed was deeply rooted in a proper understanding of what an expert on the circumstances could observe.

[ 17 ] In welcher Weise haben die Ereignisse selbst ein solches scheinbar sachgemäßes Urteil widerlegt! Wie wenig ist man noch geneigt, sich zu sagen: Solche sachgemäßen Urteile sind widerlegt, und man hat umzulernen. In solchen Dingen hat man umzulernen. — Man darf nicht einfach bei dem ja begreiflicherweise vorhandenen Vorurteile bleiben, die Geschichte lehre das oder jenes. Die Geschichte hat es gelehrt, daß der Krieg nicht länger als vier bis sechs Monate dauern kann; aber wie die Geschichte die Wirklichkeit trifft, das hat diese Wirklichkeit selber gelehrt!

[ 17 ] How the events themselves have refuted such a seemingly sound judgment! How reluctant people still are to admit to themselves: Such sound judgments have been refuted, and we must learn anew. In such matters, we must learn anew. — One must not simply cling to the—understandably existing—prejudice that history teaches this or that. History has taught that a war cannot last longer than four to six months; but how history corresponds to reality—that reality itself has taught!

[ 18 ] Ein anderes Beispiel, das aus einem größeren geschichtlichen Zusammenhange herausgegriffen ist: Im Jahre 1789, man kann sagen, im Aufgange derjenigen Zeit, in welcher eigentlich sich die Wissenschaft der Geschichte, wie wir sie heute kennen, erst herausgebildet hat — denn sie ist nicht so alt, wie man gewöhnlich glaubt; die Wissenschaft der Geschichte, wie wir sie heute auffassen, ist kaum älter als hundert Jahre, das wissen nur sehr wenige Menschen, im Aufgange der neuzeitlichen Geschichtsbetrachtung trat ein wahrhaft großer Mann sein historisches Lehramt an: Schiller in Jena. Und berühmt geworden ist ja die Rede, mit der er sein historisches Lehramt antrat: «Über den philosophischen Kopf und den Brotgelehrten». In dieser Rede, 1789, sprach Schiller einen sehr, sehr merkwürdigen Satz als seine Überzeugung aus, als dasjenige, was durchziehen sollte seine historische Auffassung. Dieser Satz lautet: Die europäische Staatengesellschaft scheint in eine große Familie verwandelt; die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen. — Dieser Satz ist ausgesprochen von jemandem, der mit Genialität versuchte einzudringen in das, was die Geschichte lehrt, und der auch, was man nicht leugnen wird, ein wenig Genialität hatte. Es ist ausgesprochen in der Zeit, welcher unmittelbar folgte die Französische Revolution mit allem, was sie dann selbst wiederum im Gefolge hatte.

[ 18 ] Another example, taken from a broader historical context: In 1789—one might say, at the dawn of the era in which the science of history, as we know it today, first began to take shape—for it is not as old as is commonly believed; the science of history, as we understand it today, is barely a hundred years old—a fact known to very few people—at the dawn of modern historical thought, a truly great man took up his professorship of history: Schiller in Jena. And the speech with which he assumed his professorship has, of course, become famous: “On the Philosophical Mind and the Scholar of Bread.” In this speech, delivered in 1789, Schiller expressed a very, very remarkable sentence as his conviction—as the principle that was to underpin his historical outlook. This sentence reads: “The community of European states seems to have been transformed into one great family; the members of this household may be hostile toward one another, but hopefully they will no longer tear one another apart.” — This statement was made by someone who, with genius, sought to penetrate the lessons of history—and who, as no one will deny, possessed a measure of genius. It was uttered in the period immediately following the French Revolution, with all that it, in turn, brought in its wake.

[ 19 ] Nun, wenn man gar die längeren Zeiträume, die nachher gekommen sind, ins Auge faßt — wie nimmt sich das aus, was Schiller aus der Geschichte gelernt hat, daß sich die europäischen Völker, daß sich die europäischen Staaten in eine große Familie verwandelt hätten, wie eine große Familie ausnähmen, daß sie sich zwar anfeinden, aber nicht mehr zerfleischen können? Etwas muß folgen aus dem, was heute die Zeichen der Zeit lehren. Das ist, daß man wirklich von ihnen etwas lernt.

[ 19 ] Well, if one considers even the longer periods that have come since then—how does this look in light of what Schiller learned from history, namely, that the European peoples and the European states have transformed into one big family, that they resemble a big family, and that although they may be hostile toward one another, they can no longer tear each other apart? Something must follow from what the signs of the times teach us today. That is, that we truly learn something from them.

[ 20 ] Nun, wie verhält es sich denn eigentlich mit dem, was da zugrunde liegt, mit dem Satz: Die Geschichte lehrt dies oder jenes? — Vor allen Dingen muß man sich klar darüber sein, daß man das Leben nicht nach seinen bloßen äußeren Symptomen beurteilen kann. Gerade das will Geisteswissenschaft: von der Oberfläche fort, in die tieferen Untergründe des Lebens eindringen. Man kann das Leben nicht nach seinen äußeren Symptomen beurteilen. Dasjenige, was heraufgekommen ist als naturwissenschaftliche Denkweise — wie gesagt, ich schätze sie aufs allerhöchste —, das hat sich herausgebildet aus den Denkgewohnheiten, den Denkimpulsen, die in den letzten Jahrhunderten in der Menschheit heraufgezogen sind. Das ist der Ausdruck dieser Denkimpulse. Und nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern alles Denken der Menschheit ist in diese Denkgewohnheiten hineingezogen worden, so daß diese Denkgewohnheiten nicht nur in der Naturwissenschaft segensreich wirken, sondern daß sie wirken müssen auch auf anderen Gebieten des Lebens. Man kann schon sagen: Mühe, Mühe hat man sich gegeben, dasjenige, was die Naturwissenschaft groß gemacht hat, auch hineinzutragen als Gedankenrichtung, als Gedankenimpuls in andere Gebiete des menschlichen Lebens. Die soziologischen, die sittlichen sollen uns heute vorzugsweise beschäftigen. Aber die Impulse haben da anders gewirkt.

[ 20 ] Well, what is the actual situation regarding the underlying premise—the statement that “history teaches this or that”? — Above all, one must be clear that life cannot be judged by its mere outward symptoms. That is precisely what spiritual science aims to do: to move away from the surface and penetrate into the deeper foundations of life. One cannot judge life by its outward symptoms. What has emerged as the scientific way of thinking—as I said, I hold it in the highest regard—has developed out of the habits of thought and the impulses of thought that have arisen in humanity over the past few centuries. It is the expression of these impulses of thought. And it is not only scientific thinking, but all of humanity’s thinking that has been drawn into these habits of thought, so that these habits of thought not only have a beneficial effect in the natural sciences, but must also have an effect in other areas of life. One can certainly say: Effort—great effort—has been made to carry over what has made the natural sciences great as a school of thought, as a thought impulse, into other areas of human life. Today, we should focus primarily on the sociological and ethical spheres. But the impulses have had a different effect there.

[ 21 ] Derjenige, der in tieferem Sinne die Zeitgeschichte zu verfolgen vermag, weiß, wie innig zusammenhängt das, was diese Impulse als ihre Wirkungen im Laufe der Zeit geäußert haben, mit dem katastrophalen Ereignis, in dem wir heute leben.

[ 21 ] Anyone capable of following contemporary history in a deeper sense knows how closely the effects these impulses have produced over time are connected to the catastrophic event we are living through today.

[ 22 ] Ich will nur als Ausgangspunkt anführen, daß sich gerade hervorragende Denker bemüht haben, dasjenige, was sich so bedeutungsvoll ergeben hat als naturwissenschaftliche Vorstellungsweise, auch auf das soziologische Gebiet zu übertragen, auf die Betrachtung anzuwenden, die zuletzt in die Geschichte, das geschichtliche Leben der Menschheit einmündet.

[ 22 ] I would like to begin by noting that it is precisely outstanding thinkers who have endeavored to apply what has emerged as such a significant scientific mode of thought to the field of sociology—to a mode of analysis that ultimately leads to history, to the historical life of humanity.

[ 23 ] Es sei ein Beispiel nach dieser Richtung erwähnt, aber Hunderte und Hunderte von Beispielen könnten erwähnt werden. Der große englische Philosoph Herbert Spencer versuchte, biologische Begriffe, Vorstellungen, die aus der naturwissenschaftlichen Betrachtung des Lebens herkommen, anzuwenden auf das soziale Zusammenleben der Menschen. Der Begriff der Entwickelung ist ja auf alles angewendet worden. Mit Recht ist er angewendet worden auch auf das Leben der Menschen.

[ 23 ] Let us mention one example along these lines, though hundreds and hundreds of examples could be cited. The great English philosopher Herbert Spencer attempted to apply biological concepts—ideas derived from the scientific study of life—to human social life. The concept of evolution has, after all, been applied to everything. It has also been rightly applied to human life.

[ 24 ] Nun sagte Herbert Spencer: Man sieht im organischen Leben, im Leben der Tiere, im Leben der Menschen selber Entwickelung; es entwickelt sich das einzelne Lebewesen so, daß es aus dem Keime hervorgeht, aus einer dreifachen Zellenlage, dem sogenannten Ektoderm, Esoderm und Entoderm. Es sind drei Zellagen, aus denen sich die verschiedenen Organe der Tiere und des Menschen entwickeln. Diese Art, einen naturwissenschaftlichen Vorgang zu erfassen, den versucht Herbert Spencer, der in die naturwissenschaftlichen Vorstellungen hineingewöhnte Herbert Spencer, nun auch auf das geschichtlich-soziale Leben anzuwenden. Er versucht, das, was sich im Menschenleben, im sittlichen, im geschichtlichen, sozialen Leben entwickelt, so zu fassen, daß es auch gleichsam aus einer dreifachen Schichtung heraus sich entwickle. Sehr interessant überträgt er alle diejenigen organischen Systeme, die sich beim Menschen und beim Tiere aus dem Ektoderm herausentwickeln, darauf, daß sich im sozialen Leben das Tun, das Wirken derjenigen Menschen, die dem militärischen Stande angehören, aus dem gleichsam sozialen Ektoderm entwickeln würde, diejenigen Menschen, die dem arbeitsamen Stande angehören, aus dem sozialen Entoderm, und diejenigen Menschen, die dem Kaufmanns-, dem vermittelnden Stande im Sozialen angehören, aus dem Esoderm. Dann ist es ja nur eine notwendige Konsequenz, daß der große englische Philosoph Herbert Spencer weiter sagt: Weil aus dem Ektoderm in der Organisation das Nervensystem und das Gehirn sich entwickelt, entwickelte sich auch aus dem sozialen Ektoderm heraus das Beste. — Ich werde selbstverständlich diese militaristische Anschauung des Philosophen Herbert Spencer nicht zu vertreten haben, will auch hier aus leicht begreiflichen Gründen nicht über diese Anschauung mich eingehend äußern; aber es ist für ihn nur eine notwendige Konsequenz, daß er dann sagt, die regierenden Kreise irgendeines Staates müßten notwendigerweise aus dem Militärstande hervorgehen, weil sonst der Staat ja kein Nervensystem, kein Kopfsystem hätte, keine Köpfe, sondern nur die untergeordneten Organe.

[ 24 ] Now Herbert Spencer said: One observes development in organic life—in the life of animals and in the life of humans themselves; the individual living being develops in such a way that it emerges from the embryo, from a three-layered cell structure—the so-called ectoderm, mesoderm, and endoderm. These are the three cell layers from which the various organs of animals and humans develop. Herbert Spencer—who was well-versed in scientific concepts—now attempts to apply this way of understanding a scientific process to historical and social life as well. He seeks to conceptualize what develops in human life—in moral, historical, and social life—in such a way that it, too, develops, as it were, from a three-layered structure. In a very interesting way, he applies all those organic systems that develop in humans and animals from the ectoderm to the idea that, in social life, the actions and activities of those who belong to the military class would develop, as it were, from the social ectoderm; those who belong to the working class, from the social endoderm; and those who belong to the merchant class—the mediating class in society—from the esoderm. It is then only a necessary consequence that the great English philosopher Herbert Spencer goes on to say: Just as the nervous system and the brain develop from the ectoderm in an organism, so too does the best emerge from the social ectoderm. — I will, of course, not be advocating this militaristic view of the philosopher Herbert Spencer, nor do I wish to comment on it in detail here for reasons that are easily understood; but it is only a necessary consequence for him to say that the ruling circles of any state must necessarily emerge from the military class, because otherwise the state would have no nervous system, no leadership, no leaders, but only the subordinate organs.

[ 25 ] Dies nur als ein Beispiel, es könnten Hunderte und Hunderte angeführt werden, für den Versuch, der so oft gemacht worden ist, unmittelbar naturwissenschaftliche Denkweise zu übertragen auf das Begreifen des sozialgeschichtlichen Lebens.

[ 25 ] This is just one example; hundreds and hundreds could be cited of the attempt—made so often—to directly apply a scientific way of thinking to the understanding of social and historical life.

[ 26 ] Wer ein Gefühl für solche Dinge hat — ich rede zunächst nur von Gefühlen für die Dinge —, der wird sehen, wie alle diese Versuche nur das eine zeigen, daß man mit solchen Vorstellungen, die in der Naturwissenschaft so Großes leisten, überhaupt nicht herankommen kann an dasjenige, was im sozialen, was im gesellschaftlichen Leben wirksam ist. Man kommt nicht heran an diese Dinge. Die große Frage entsteht: Warum kommt man nicht an diese Dinge heran?

[ 26 ] Anyone who has a feel for such things—and I am speaking here only of a sense of these matters—will see how all these attempts demonstrate only one thing: that such concepts, which achieve so much in the natural sciences, cannot even begin to address what is at work in social life. One cannot get to the heart of these things. The big question arises: Why can’t one get to the heart of these things?

[ 27 ] Ich werde nun scheinbar von etwas sehr, sehr weit Entlegenem ausgehen müssen, um dann unsere Betrachtungen einmünden zu lassen in das sittlich-soziale Gebiet. Aber es muß eben in der Geisteswissenschaft, da sie eine wesentlich andere Erkenntnisart anstreben muß, als es die naturwissenschaftliche ist, heute manches von sehr weit hergeführt werden.

[ 27 ] I will now apparently have to start from something very, very distant in order to then lead our reflections into the moral and social realm. But in spiritual science—since it must strive for a fundamentally different kind of knowledge than that of the natural sciences—many things today must be derived from very far afield.

[ 28 ] Dasjenige, worauf ich zunächst aufmerksam zu machen habe im Zusammenhang mit dem, was ich vorgestern vorgebracht habe, ist, daß die Menschen heute wenig geneigt sind, das gesamte Leben des Menschen in ihre Erkenntnis hereinzubeziehen. Was in die Erkenntnis hereinbezogen wird, ist das, was sich einschließt in das wache Tagesleben.

[ 28 ] The first point I must bring to your attention in connection with what I said the day before yesterday is that people today are not very inclined to include the entirety of human life in their understanding. What is included in this understanding is what is encompassed by waking daily life.

[ 29 ] Nun, wer vorgestern meinen Auseinandersetzungen gefolgt ist, wird mich nicht in dem Verdacht haben, daß ich irgendwelche phantastische, traumhafte Dinge in die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen einführen will; aber das muß betont werden: Das gesamte Menschenleben setzt sich zusammen aus demjenigen, was der Mensch — auf andere Wesen kann ich heute der Kürze der Zeit halber nicht eingehen —, was der Mensch erlebt im wachen Tagesleben, und dem, was sich in dieses Leben hereinstellt während des Schlafens und während des Träumens, das in chaotischen Bildern zunächst auf und ab wogt aus dem Schlafesleben. Es sind ja die merkwürdigsten, sonderbarsten Anschauungen gerade auf dem Gebiete naturwissenschaftlicher Vorstellungsart gebildet worden auch in bezug auf das Schlaf-, auf das 'Traumleben. Es würde sehr interessant sein, einmal darauf auch einzugehen. Allein, ich muß mich in bezug auf diese Dinge, die ja nur herangezogen werden sollen, kurz fassen. Vor allen Dingen hat man mit Bezug auf dasjenige, was der Fall sein soll beim Schlaf, wirklich recht merkwürdige Vorstellungen. Auf dieses muß ich doch aufmerksam machen.

[ 29 ] Well, anyone who followed my discussions the day before yesterday will not suspect me of wanting to introduce any fantastical, dreamlike elements into my spiritual scientific reflections; but this must be emphasized: The entirety of human life consists of what the human being—I cannot go into other beings today due to time constraints—experiences in waking daily life, and what enters into this life during sleep and during dreaming, which at first surges up and down in chaotic images from the life of sleep. Indeed, the most remarkable and peculiar conceptions have been formed precisely in the realm of scientific thought, including those concerning sleep and “dream life.” It would be very interesting to explore this topic in more detail at some point. However, I must be brief regarding these matters, which are, after all, only meant to be touched upon. Above all, people have truly peculiar ideas about what is supposed to happen during sleep. I must draw attention to this.

[ 30 ] Wer wird heute nicht oftmals auch als Wissenschafter überzeugt sein davon, daß der Schlaf von der Ermüdung kommt, daß der Mensch eben ermüdet werde und dann der Schlaf eintreten müsse. Jeder kann sich selbst die Widerlegung dieser Ermüdungstheorie sehr leicht leisten, indem er sich daran erinnert, daß der wohlgenährte Rentner, der irgendwie in ein Konzert oder in eine Vorlesung sich verfügt und nach den ersten fünf Minuten einschläft, durchaus nicht aus Ermüdung in den Schlaf versinken muß, sondern daß da ganz andere Gründe vorhanden sein müssen.

[ 30 ] Who among today’s scientists is not often convinced that sleep results from fatigue, that a person simply becomes tired and must then fall asleep? Anyone can very easily refute this theory of fatigue by recalling that the well-nourished retiree who somehow finds himself at a concert or a lecture and falls asleep after the first five minutes does not necessarily drift off to sleep because of fatigue, but that there must be entirely different reasons.

[ 31 ] Derjenige, der diese Dinge erforscht, wird sehen, daß vielmehr die Ermüdung durch den Schlaf eintritt als Schlaf durch die Ermüdung. Schlafen und Wachen sind nun wirklich ein Rhythmus des Lebens, die abwechseln müssen, weil das eine ebenso notwendig ist für das menschliche Leben wie das andere.

[ 31 ] Anyone who investigates these matters will see that fatigue leads to sleep rather than sleep resulting from fatigue. Sleeping and waking are truly a rhythm of life that must alternate, because one is just as necessary for human life as the other.

[ 32 ] Nun, wie gesagt, auf die eigentliche Charakteristik dieses Lebensrhythmus kann ich nicht eingehen; was aber wichtig ist, das ist, daß Geisteswissenschaft auf der einen Seite genötigt ist, wirklich diese andere Seite des menschlichen Lebens, den Schlaf, mit seiner Offenbarung im Traume zu verfolgen, und auf der anderen Seite genötigt ist, festzustellen, daß dasjenige, was wir Schlaf und Traum nennen, viel ausgebreiteter im menschlichen Leben ist, als man gewöhnlich im trivialen Urteil eigentlich annimmt.

[ 32 ] Well, as I said, I cannot go into the actual characteristics of this rhythm of life; but what is important is that spiritual science, on the one hand, is compelled to truly explore this other aspect of human life—sleep, with its manifestations in dreams—and, on the other hand, is compelled to recognize that what we call sleep and dreams is far more widespread in human life than is generally assumed in trivial judgment.

[ 33 ] Geisteswissenschaft ist ganz und gar nicht darauf aus, alte abergläubische Vorurteile aufzunehmen. Und es gehört ganz gewiß zu den alten abergläubischen Vorurteilen, wenn man zum Beispiel dem Traum irgendwelche prophetische Bedeutung beimißt für irgend etwas Zukünftiges. Aber in solch altem Aberglauben steckt zuweilen ein vernünftiger Kern. Nur muß man ihn nicht so nehmen, wie man ihn gewöhnlich nimmt.

[ 33 ] The humanities are by no means intent on adopting old superstitious prejudices. And it certainly counts among the old superstitious prejudices, for example, to ascribe any prophetic significance to a dream regarding something in the future. But there is sometimes a rational core to such old superstitions. One just must not take it the way it is usually taken.

[ 34 ] Als ich kürzlich einen Zyklus von Vorträgen gehalten habe und daher über manches genauer sprechen konnte als hier, wo mir weniger Zeit zur Verfügung steht, habe ich auch darauf aufmerksam gemacht, wie Geisteswissenschaft das Problem des Schlafes, des Traumes ins Auge fassen müsse. Darauf wurde erwidert von derjenigen Seite, die die Psychoanalyse betreibt, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft von einer gewissen höheren Erkenntnis spreche, die sich wohl vergleichen ließe in bezug auf die Stärke, mit der sie im Bewußtsein wirkt, mit den im Bewußtsein anwesenden Traumesvorstellungen, daß aber die Psychoanalyse, die ja so aufgeklärt, naturwissenschaftlich sein will, in dieser Beziehung das Richtige treffe, weil sie dasjenige, was der Mensch träume, zu der Erforschung der menschlichen Natur nur so verwende, daß sie in den Äußerungen des Traumes bloß Symbolisches sehe, in alledem, was außer dem gewöhnlichen Bewußtsein auftrete, im sogenannten Unterbewußtsein, nur Symbolisches sehe; während ich zum Beispiel als Vertreter der Geisteswissenschaft dasjenige, was sonst im Unterbewußtsein auftritt, als eine Wirklichkeit nehme.

[ 34 ] When I recently gave a series of lectures—and was therefore able to discuss certain topics in greater detail than I can here, where I have less time—I also pointed out how spiritual science must address the problem of sleep and dreams. In response, those who practice psychoanalysis argued that this anthroposophically oriented spiritual science speaks of a certain higher form of knowledge which, in terms of the intensity with which it acts upon consciousness, could well be compared to the dream images present in consciousness; but that psychoanalysis, which, after all, is so enlightened and scientific, is correct in this regard, because it uses what a person dreams only for the study of human nature in such a way that it sees merely the symbolic in the expressions of dreams, and sees only the symbolic in everything that occurs outside of ordinary consciousness—in the so-called subconscious; whereas I, for example, as a representative of the spiritual sciences, regard what otherwise occurs in the subconscious as a reality.

[ 35 ] Nun, etwas weniger Zutreffendes, etwas in höherem Grade Mißverständlicheres könnte man gar nicht vorbringen. Denn niemals wird in der wirklichen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft jemandem einfallen, dasjenige, was der Traum darbietet, was unmittelbar Inhalt des Traumes ist, auch nur als symbolisch zu betrachten. Man kann getrost sagen: Wenn Psychoanalyse meint, dadurch hinaus zu sein über die Geisteswissenschaft, daß sie den Traum als etwas Symbolisches betrachtet, so ist Geisteswissenschaft nicht etwa darauf aus, den Inhalt des Traumes als eine Wirklichkeit zu betrachten, sondern sie zeigt sogar, daß dasjenige, was Inhalt des Traumes ist, überhaupt keinen realen Wert, keine reale Bedeutung hat. Dagegen sagt sie: Was im Traume lebt, was im Traume sich betätigt, das hängt zusammen mit dem, wovon ich vorgestern gesprochen habe, was der Mensch kennenlernt als seinen urewigen Wesenskern. Wenn der Mensch im Traume arbeitet — wenn man das arbeiten nennen darf—, so arbeitet ein Überschuß seines gewöhnlichen Bewußtseins im Traume, jener Überschuß seines gewöhnlichen Bewußtseins, der, wenn er durch eine gleich nachher auch wiederum eben prinzipiell zu besprechende Erkenntnis genau angeschaut wird, sich als zusammenhängend erweist mit dem urewigen Wesenskern des Menschen, welcher durch die Pforte des Todes in das geistige Leben eintritt nach dem Tode. Was im Traume lebt, ist auch dasjenige, was nun in unsere Zukunft hineinarbeitet. Aber dasjenige, was der Mensch im Traume erlebt, die Bilder, die er erlebt, die haben gar nichts zu tun mit der dem Traume zugrundeliegenden Wirklichkeit.

[ 35 ] Well, one could not possibly put forward anything less accurate or more misleading. For in genuine anthroposophically oriented spiritual science, it would never occur to anyone to regard what the dream presents—that is, the immediate content of the dream—as even symbolic. One can safely say: If psychoanalysis believes it has gone beyond spiritual science by viewing the dream as something symbolic, then spiritual science is not at all intent on viewing the content of the dream as a reality; rather, it even shows that what constitutes the content of the dream has no real value or real significance whatsoever. In contrast, spiritual science says: What lives in the dream, what is active in the dream, is connected to what I spoke of the day before yesterday—what a person comes to know as the primordial core of their being. When a person is “working” in a dream—if one may call it work— then an excess of their ordinary consciousness is at work in the dream—that excess of their ordinary consciousness which, when examined closely through a form of insight that will be discussed in principle shortly, proves to be connected with the eternal core of the human being’s being, which enters spiritual life after death through the gate of death. What lives in the dream is also that which now works into our future. But what a person experiences in a dream—the images they experience—have absolutely nothing to do with the reality underlying the dream.

[ 36 ] Daher wird der Geistesforscher den Traum niemals so betrachten, daß er folgendes außer acht lassen wird: Wenn jemand etwas träumt, so liegt dem Traume ein geistiges Faktum zugrunde, aber die Traumbilder, die erlebt werden, als im Traume erlebt erzählt werden, die könnten ganz andere sein. Ein Mensch kann dasselbe erleben wie ein anderer im Traume; aber er kann den Traum ganz anders, radikal anders erzählen, weil seine Traumbilder ganz andere Bedeutung haben. Auf was kommt es beim Traume dem Geistesforscher an? Nicht darauf kommt es ihm an, die Traumbilder als solche zu verfolgen — ob man sie nun in ihrer Wirklichkeit oder in ihrer Symbolik erfaßt—, sondern auf die innere Dramatik des Traumes: wie ein Bild auf das andere folgt, ob ein Bild das nächste ablöst, also eine Entspannung ist oder eine Beängstigung und dergleichen. Diese innere Dramatik, die die Seele ganz unterbewußt durchlebt, gibt sich nur dadurch dem gewöhnlichen Bewußtsein kund, daß sich das unterbewußt Erlebte in die Reminiszenzen des Alltagslebens kleidet. In Bildern umkleidet sich dasjenige, was da in seinem Unterbewußten als die seelische Dramatik in diesen Bildern arbeitet.

[ 36 ] Therefore, the researcher of the spiritual realm will never view a dream in such a way as to disregard the following: When someone dreams something, the dream is based on a spiritual fact, but the dream images—as experienced and recounted as they were experienced in the dream—could be entirely different. One person may experience the same thing as another in a dream; yet he may recount the dream in a completely different, radically different way, because his dream images have entirely different meanings. What matters to the spiritual researcher in a dream? What matters to them is not to trace the dream images as such—whether one grasps them in their reality or in their symbolism—but rather the inner drama of the dream: how one image follows another, whether one image replaces the next, thus bringing a sense of relief or anxiety, and so on. This inner drama, which the soul experiences entirely subconsciously, reveals itself to ordinary consciousness only when what is experienced subconsciously is clothed in the reminiscences of everyday life. That which is at work in the subconscious as the psychological drama of these images is clothed in images.

[ 37 ] Dasselbe Erlebnis kann sich für Hunderte anders, in hunderterlei andere Bilder kleiden. Wer als Geistesforscher einen Traum kennenlernt, weiß daher, daß er dem Traum nicht so zuzuhören hat, daß er auf seinen Inhalt sieht, sondern auf das Wie in ihm, auf die Art und Weise, wie die Bilder wogen. Darinnen steckt das Wesentliche.

[ 37 ] The same experience can take on different forms for hundreds of people, manifesting in hundreds of different images. Anyone who, as a researcher of the spiritual realm, becomes acquainted with a dream therefore knows that they must not listen to the dream by focusing on its content, but rather on the “how” within it—on the way the images ebb and flow. That is where the essence lies.

[ 38 ] Ich erwähne dieses, weil ich im Zusammenhange damit zu sagen habe, daß, wenn durch seelische Übungen, durch Erstarkung der besonderen Seelenkräfte in der Art, wie das vorgestern hier erwähnt worden ist, der Mensch darauf kommt, seinen urewigen Wesenskern zu schauen, der Mensch dann erkennt, was im Schlaf und Traum eigentlich ist. Diese Dinge sind Bewußtseinsvorgänge, und sie müssen auch innerhalb des Bewußtseinsfeldes erkannt werden. Der Geistesforscher, der in solcher Weise das Bewußtsein durchforscht, wie ich es vorgestern angegeben habe, kommt darauf, daß dasjenige, was in der neueren Zeit so vielfach verkannt wird, worauf keine naturwissenschaftliche Vorstellungsweise kommen kann, gerade solche ausgezeichnete psychische Physiologen wie Ziehen und andere bezeugen: Daß der Mensch die IchErfahrung, das Ich-Erlebnis, so wie er es hat, nur dadurch haben kann, daß er in den Lebensrhythmus des Wachens und des Schlafens eingespannt ist.

[ 38 ] I mention this because, in this context, I have to say that when, through spiritual exercises and by strengthening specific spiritual powers—as was mentioned here the day before yesterday—a person comes to behold the eternal core of their being, they then recognize what sleep and dreams actually are. These are processes of consciousness, and they must also be recognized within the field of consciousness. The spiritual researcher who explores consciousness in the manner I described the day before yesterday comes to the conclusion that what has been so frequently misunderstood in recent times—and which cannot be grasped by a natural-scientific mode of thinking—is precisely what such distinguished psychological physiologists as Ziehen and others attest: That human beings can have the experience of the “I”—the “I”-experience—as they do, only by being integrated into the life rhythm of waking and sleeping.

[ 39 ] Lernt man erkennen, was die Seele ist, so lernt man auch erkennen, daß nur dadurch der Mensch weiß von einem Ich, daß er zwischen Geburt und Tod nicht immer drinnensteckt im wachen Leben. Man denke sich hypothetisch das wache Leben ausgedehnt über das gesamte Menschenleben zwischen Geburt und Tod; man denke sich, daß man niemals schlafen könnte: dann hätte man niemals jene Widerlage, an welcher das Ich in der Zeit sich selber gewahr wird. Dadurch, daß man schlafen kann, daß man dieses Bewußtsein, das in der äußeren Sinneswelt und mit dem Verstande, der sich in der Sinneswelt betätigt, lebt, daß man dieses vertauschen kann mit einem Bewußtsein zwischen Einschlafen und Aufwachen, das nichts unterscheidet, weil es dumpf ist, dadurch hat man sein Ich-Bewußtsein. Der Mensch würde nicht lernen, zu sich «Ich» zu sagen, wenn er nicht in den Lebensrhythmus zwischen Schlafen und Wachen eingespannt wäre.

[ 39 ] If one learns to recognize what the soul is, one also learns to recognize that the only reason a person is aware of a “self” is that, between birth and death, he is not constantly immersed in waking life. Imagine, hypothetically, that waking life were extended to encompass the entire human lifespan between birth and death; imagine that one could never sleep: then one would never experience that contrast through which the “I” becomes aware of itself in time. It is precisely because one can sleep—because one can exchange this consciousness, which lives in the external sensory world and through the intellect that operates within that world, for a consciousness between falling asleep and waking up that distinguishes nothing because it is dull—that one possesses one’s sense of self. A person would not learn to say “I” to oneself if he were not caught up in the rhythm of life between sleeping and waking.

[ 40 ] Es ist merkwürdig, wie wenig man geneigt ist, auf solche Dinge einzugehen. Der große Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer, der sogenannte V-Vischer, hat sich eingelassen auf eine Betrachtung des Traumlebens. Er hat das interessante Buch über die Traumphantasie von Johannes Volkelt kritisiert und eine Abhandlung darüber geschrieben. Da war man flugs geneigt, ihn zum Spiritisten zu machen, obwohl er gewiß nicht im falsch mystischen Sinn sich auf solche Sachen einließ. Nun, was macht man nicht alles aus dem Menschen, wenn man ihm irgend etwas anhaben will. Aber Vischer wußte, daß die Menschen lange gut sagen können: Was sich im Traume äußert, ist phantastisches Zeug. — Gewiß ist es phantastisches Zeug, aber in diesem phantastischen Zeug lebt dasjenige, was urewiger Wesenskern der Seele ist. Und wenn der Mensch nicht bereit ist, bei vollem wachen Tagesleben, durch das wache Tagesleben, durch das, was man schauendes Bewußtsein nennen kann, Vorstellungen von solcher Stärke zu entwickeln, wie sie sonst nur der Traum hat, dann ist er überhaupt nicht imstande, in das Ewige der Menschenseele hineinzuschauen. Will man in das Ewige der Menschenseele hineinschauen, so muß man imstande sein, dasjenige, was im Traume unwillkürlich arbeitet, zum willkürlichen, zum völlig freien Bewußtsein zu erheben.

[ 40 ] It is strange how little people are inclined to delve into such matters. The great aesthetician Friedrich Theodor Vischer—known as “V-Vischer”—embarked on an exploration of the life of dreams. He criticized Johannes Volkelt’s interesting book on dream fantasy and wrote a treatise on the subject. People were quick to label him a spiritualist, even though he certainly did not engage with such matters in a falsely mystical sense. Well, what won’t people make of a person when they want to pin something on him? But Vischer knew that people can easily say: What manifests itself in dreams is fantastical stuff. — Certainly it is fantastical stuff, but within this fantastical stuff lives that which is the primal, eternal essence of the soul. And if a person is not prepared, in the full wakefulness of daily life—through that wakefulness, through what might be called “contemplative consciousness”—to develop images of such intensity as are otherwise found only in dreams, then he is utterly incapable of looking into the eternal nature of the human soul. If one wishes to look into the eternal nature of the human soul, one must be able to elevate that which works involuntarily in dreams to a voluntary, completely free consciousness.

[ 41 ] Aber Friedrich Theodor Vischer hat dazumal in sehr interessanter Weise auf etwas aufmerksam gemacht, das, richtig verfolgt, ungeheures Licht wirft auf das Menschenleben. Er hat aufmerksam darauf gemacht, daß derjenige, der den Traum nicht richtig verstehen kann, auch das menschliche Affektleben, das Leidenschaftsleben, das Gefühlsleben überhaupt, nicht richtig versteht. Warum das? Friedrich Theodor Vischer hat nämlich vollständig das Richtige getroffen! Genau ebenso, wie die Seele im Traume tätig ist, nur daß sie sich da in Bildern auslebt, die Reminiszenzen aus dem Leben sind, genau so ist während des wachen Tageslebens die Menschenseele tätig im Gefühls-, im Affekt-, im Leidenschaftsleben.

[ 41 ] But Friedrich Theodor Vischer drew attention in a very interesting way to something that, if properly explored, sheds tremendous light on human life. He pointed out that anyone who cannot properly understand dreams also fails to properly understand human emotional life, the life of passion, and emotional life in general. Why is that? Because Friedrich Theodor Vischer was absolutely right! Just as the soul is active in dreams—except that there it expresses itself through images that are reminiscences of life—so, too, during waking life, the human soul is active in the life of feeling, emotion, and passion.

[ 42 ] Wir träumen in unseren Gefühlen, in unseren Affekten, in unseren Leidenschaften. Und wer imstande ist, das Seelenleben wirklich zu verfolgen, der weiß: Derselbe Grad von Intensität und dieselbe Qualität des Seelenlebens, die sich äußert in dem Traume, meinetwillen auf abnorme Weise, die äußert sich: während des wachen Tageslebens in all dem, was in menschlichen Gefühlen sonst lebt. Geistesforschung zeigt gerade dadurch, daß sie mit ihren Methoden die Seele wirklich beobachtet, daß der Mensch sein volles waches Tagesleben nur hat für die äußere Sinnesbeobachtung und für das Vorstellungsleben. Nur in bezug auf die Sinneswahrnehmungen und auf das Vorstellungsleben sind wir wirklich wach, während sich in das wache Tagesleben hineinzieht der Traum. Er zieht sich hinein in das wache Tagesleben, so daß dasjenige, was wir gefühlsmäßig erleben, was an gefühlsmäßigen Impulsen in uns ist, geträumt wird. Während das wache Tagesleben in den Sinneswahrnehmungen und in den Vorstellungen abläuft, geht der Unterstrom unterbewußten Lebens, der aber durch die Geisteswissenschaft in das Bewußtsein heraufgehoben werden kann, geht der Strom des unterbewußten Lebens als ein Traumstrom fort im Gefühl, im Leidenschaftsleben; wir träumen fort, indem wir wachen. Und vor allen Dingen: Wir schlafen fort, indem wir wachen. Wir träumen nicht nur, wir schlafen fort, indem wir wachen.

[ 42 ] We dream through our feelings, our emotions, and our passions. And anyone who is capable of truly observing the life of the soul knows this: the same degree of intensity and the same quality of the life of the soul that manifests itself in dreams—in my case, in an abnormal way—also manifests itself during waking daily life in everything that otherwise lives in human feelings. Spiritual research demonstrates precisely through its methods of truly observing the soul that human beings reserve their full waking life solely for external sensory perception and for the life of the imagination. We are truly awake only in relation to sensory perceptions and the life of the imagination, while the dream permeates waking life. It permeates waking life in such a way that what we experience emotionally—the emotional impulses within us—are dreamt. While waking daily life unfolds in sensory perceptions and in the life of the imagination, the undercurrent of subconscious life—which can, however, be brought up into consciousness through spiritual science—continues as a stream of dreams in the emotional and passionate life; we continue to dream while we are awake. And above all: We continue to sleep while we are awake. We do not merely dream; we continue to sleep while we are awake.

[ 43 ] Alles das, was in unserem Gefühle lebt, das träumen wir während des Wachens. Was in unserem Willen lebt, das ist uns im wachen Tagesleben nicht mehr bewußt, als das dumpfe, eben gar nicht mehr wahrnehmbare Bewußtsein während des Schlafes. Gerade deshalb haben die Menschen auf philosophischem Gebiete sich immer gestritten, ob der Wille frei sein könne oder nicht frei sein könne, weil sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, auch wenn sie noch so erleuchtete Philosophen sind, in das Getriebe der Seele, wenn sie sich im Willen äußert, ebensowenig hineinschauen können, wie sie in dasjenige hineinschauen, was die Seele erlebt während des tiefsten traumlosen Schlafes. Denn das Willensleben in seinem eigentlichen Geheimnisse wird tatsächlich nicht nur verträumt, es wird im gewöhnlichen Bewußtsein verschlafen. Wir wissen nichts weiter von irgendeiner Handlung, die wir begehen, von irgend etwas, das wir hineinstellen in das Leben, als was von der Sinneswahrnehmung bis zum Vorstellen reicht. Sie können sich selbst davon überzeugen, daß naturwissenschaftlich gründlich denkende Psycho-Physiologen auf diese Sache schon gekommen sind, wenn sie das sehr bedeutende Buch über Psychologie von Theodor Ziehen studieren: daß man stehenbleiben muß bei der Willensanlage, beim Willensimpuls, bei der Vorstellung; daß man weiter nicht hinunter kann. Dann erst tritt auf die fertige Handlung, die wieder in die Vorstellung eintritt. Was zwischen der fertigen Handlung und der Vorstellung liegt, das ist ebenso in die Dumpfheit des Bewußtseins eingetaucht beim wachen Tagesleben, wie das in die Finsternis eingetaucht ist, was der Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erlebt, wenn kein Traum durch seinen Schlaf zieht.

[ 43 ] Everything that lives in our emotions is what we dream about while awake. What lives in our will is no more conscious to us in our waking daily life than the dull, barely perceptible consciousness we experience during sleep. This is precisely why people in the realm of philosophy have always argued about whether the will can be free or not—because, even if they are the most enlightened of philosophers, they cannot, with their ordinary consciousness, look into the workings of the soul as it expresses itself in the will, just as little as they can into what the soul experiences during the deepest, dreamless sleep. For the life of the will, in its true mystery, is in fact not only dreamt away—it is slept through in ordinary consciousness. We know nothing more about any action we perform, or anything we bring into life, than what ranges from sensory perception to imagination. You can convince yourselves that psychophysiologists who think thoroughly from a scientific standpoint have already arrived at this conclusion by studying Theodor Ziehen’s highly significant book on psychology: that one must stop at the volitional disposition, at the volitional impulse, at the idea; that one cannot go any further down. Only then does the completed action occur, which in turn re-enters the imagination. What lies between the completed action and the imagination is just as immersed in the dullness of consciousness during waking daily life as that which a person experiences between falling asleep and waking up—when no dream passes through their sleep—is immersed in darkness.

[ 44 ] So träumen wir fort während unseres wachen Tageslebens, so schlafen wir fort. Aus unserem Traumesleben, das das Wachen durchzieht, gehen die Gefühlsimpulse hervor, aus dem das wache Tagesleben druchdringenden Schlafesleben die Willensimpulse. Dasjenige also, was sich im sozialen Leben, was sich in der Geschichte äußert, geht aus unserem Traum- und Schlafesleben hervor.

[ 44 ] Thus we continue to dream during our waking daily life; thus we continue to sleep. From our dream life, which permeates our waking state, arise the emotional impulses; from the sleep life that permeates our waking daily life arise the volitional impulses. Thus, that which manifests itself in social life and in history arises from our dream and sleep life.

[ 45 ] Untersucht man diese Dinge, so braucht man allerdings dazu — ich habe vorgestern darüber gesprochen — ein Erkenntnisvermögen, das durch eine ganz andere Art die Seele betätigt, als das gewöhnliche Bewußtsein dazu imstande ist, und das einen befähigt, wirklich das seelische Leben als solches durch das Seelische anzuschauen.

[ 45 ] To investigate these matters, however—as I spoke about the day before yesterday—one needs a faculty of cognition that engages the soul in a way entirely different from what ordinary consciousness is capable of, and that enables one to truly perceive spiritual life as such through the spiritual realm.

[ 46 ] Ich möchte auch heute etwas einfügen, was das Bewußtsein mit sich machen muß, um zu der Anschauung dieser Dinge zu kommen. Denn immer wieder und wiederum wird das Mißverständnis auftauchen, daß der Geistforscher seine Dinge nicht beweist. Er beweist sie dadurch, daß er zeigt, was die Seele vollbringt, um zu der Anschauung dieser Dinge zu kommen.

[ 46 ] I would also like to add something today regarding what consciousness must do in order to arrive at an understanding of these things. For time and again, the misunderstanding will arise that the spiritual researcher does not prove his claims. He proves them by showing what the soul accomplishes in order to arrive at a direct perception of these things.

[ 47 ] Zu der Anschauung der Dinge kann man aber allerdings nicht kommen, wenn man nur das gewöhnliche Bewußtsein zu Rate zieht. Wie gesagt, ich habe vorgestern darüber gesprochen. Das Genauere finden Sie in meinen Büchern, wie in der «Geheimwissenschaft» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», oder zusammengefaßt in meinem Buche «Vom Menschenrätsel», auch wiederum jetzt in meinem neuesten Buche, das in diesen Tagen erscheinen wird: «Von Seelenrätseln». Aber eines möchte ich hervorheben, was gerade für unsere heutige Betrachtung wesentlich sein kann: Die Art des Vorstellens, die für die naturwissenschaftlichen Gedanken voll gerechtfertigt ist, muß eine ganz andere werden, wenn der Mensch voll ins Auge fassen will, was ich jetzt gesagt habe und noch sagen werde. Es ist nicht mit einem so geformten Denken zu erfassen, wie man es mit Recht anwendet, wenn man es mit dem gewöhnlichen Tagesleben zu tun hat. Da reicht man nicht hinunter zum Beispiel in die Gebiete, in denen die Impulse des sozialen, sittlichen, juristischen, ethischen Lebens liegen. Man braucht da Begriffe, welche in viel intensiverer Weise mit der Wirklichkeit verwandt sind als die naturwissenschaftlichen Begriffe. Naturwissenschaftliche Begriffe zeichnen sich gerade dadurch aus, daß die Tatsache, das Wesen außer ihnen ist, daß sie in einer gewissen Weise gar nicht darauf angewiesen sind, unterzutauchen in das Objekt, unterzutauchen in die Objektivität selbst. Mit diesen Begriffen kann man nicht in Geisteswissenschaft eindringen. Um in Geisteswissenschaft einzudringen, ist nötig, daß die Begriffe zusammenwachsen mit dem Leben, daß sie untertauchen in das Leben, so daß sie in sich selber solches Erleben haben, in sich selber solches Erleben vibrieren fühlen, wie es in den Dingen selber drinnen vor sich geht.

[ 47 ] However, one cannot arrive at an understanding of these things by relying solely on ordinary consciousness. As I said, I spoke about this the day before yesterday. You can find more detailed information in my books, such as Occult Science and How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?, or summarized in my book The Riddle of Man, and again in my latest book, which will be published in the coming days: The Riddles of the Soul. But I would like to emphasize one thing that may be particularly essential for our consideration today: The kind of thinking that is fully justified for scientific thought must become something entirely different if one is to fully grasp what I have just said and what I am yet to say. It cannot be grasped with the kind of thinking that is rightly applied when dealing with ordinary daily life. That approach does not reach, for example, into the realms where the impulses of social, moral, legal, and ethical life lie. There, one needs concepts that are much more intimately connected with reality than scientific concepts. Scientific concepts are characterized precisely by the fact that the reality, the essence, lies outside them; in a certain sense, they are not at all dependent on immersing themselves in the object, on immersing themselves in objectivity itself. One cannot penetrate the humanities with these concepts. To penetrate the humanities, it is necessary for the concepts to grow together with life, to immerse themselves in life, so that they contain within themselves such an experience, so that they feel within themselves the vibration of what is happening within the things themselves.

[ 48 ] Das kann man nur dadurch erreichen, daß man sich loslöst von der Art, wie man im gewöhnlichen Bewußtsein mit seinen Vorstellungen zu den Dingen steht. Aber mit Recht hat dieses gewöhnliche Bewußtsein sich über die ganze Naturbetrachtung ausgedehnt, denn nur dadurch sind die glänzenden Fortschritte der Naturwissenschaft zu erreichen.

[ 48 ] This can only be achieved by breaking away from the way one relates to things through one’s ideas in ordinary consciousness. But this ordinary consciousness has rightly extended to encompass the entire study of nature, for only in this way can the brilliant advances of natural science be achieved.

[ 49 ] Wenn der Mensch eintritt in die geisteswissenschaftliche Betrachtung, so werden seine Vorstellungen etwas ganz anderes. Sehen Sie, wenn man einen Baum von vier Seiten betrachtet — ich habe das Beispiel auch hier schon angeführt —, von vier Seiten fotografiert, dann sind diese vier Seiten ganz verschieden voneinander, und Sie werden doch immer denselben Baum haben. Aus einer Fotografie kann man nicht sehen, wie der Baum eigentlich ist.

[ 49 ] When a person enters into a spiritual-scientific perspective, their perceptions become something entirely different. You see, if you look at a tree from four sides—I’ve already given this example here—or photograph it from four sides, those four sides are all quite different from one another, and yet you will always have the same tree. You cannot tell from a photograph what the tree is actually like.

[ 50 ] Im gewöhnlichen Leben ist der Mensch zufrieden, wenn er einen Begriff wie ein Abbild irgendeines Vorganges oder einer Wesenheit hat, wenn er rein ein Naturgesetz aussprechen kann. Sobald man in die Geisteswissenschaft eintritt, müssen Begriffe wie diese Fotografien von vier Seiten angewandt werden. Man kann niemals von einem Wesen oder einer Tatsache der wirklichen geistigen Welt eine Vorstellung bekommen, wenn man sich nur einen Begriff bildet. Man muß seine Begriffe so bilden, daß sie gewissermaßen um das Ding herumgehen, daß sie das Ding möglichst von den verschiedenen Seiten aus, ich darf jetzt sagen, ins Auge fassen, obwohl der Begriff nur symbolisch gemeint ist. Im äußeren Leben sind die Menschen Pantheisten, Monadisten oder Monisten oder irgendwelche andere «Isten». Man glaubt, mit einer solchen Vorstellung so recht irgend etwas von der Wirklichkeit zu erforschen. Der Geistesforscher weiß, daß das nicht möglich ist. Wenn es sich um geistiges Gebiet handelt, ist es nicht möglich, daß man pantheistisch forscht, den Baum nur von einer Seite betrachtet. Man muß zu gleicher Zeit Monadist sein, den Baum auch von einer anderen Seite fotografieren und so weiter, man muß seine Begriffe innerlich beweglich machen.

[ 50 ] In everyday life, a person is satisfied when they have a concept that serves as a representation of some process or entity, when they can simply state a law of nature. As soon as one enters the realm of spiritual science, concepts such as these must be applied from four different perspectives. One can never form a conception of a being or a fact in the real spiritual world by forming just one concept. One must form one’s concepts in such a way that they, so to speak, circle around the thing, that they take in the thing as much as possible from various sides—I may say now—though the concept is meant only symbolically. In everyday life, people are pantheists, monadists, monists, or some other kind of “-ist.” They believe that with such a concept they can truly explore something of reality. The spiritual researcher knows that this is not possible. When it comes to the spiritual realm, it is not possible to conduct research in a pantheistic manner—to view the tree from only one side. One must simultaneously be a monadist, photographing the tree from another side as well, and so on; one must make one’s concepts internally flexible.

[ 51 ] Dadurch aber erlangen Sie die Möglichkeit, wirklich unterzutauchen in das volle Leben. Dadurch werden Sie, wie ich es in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» gezeigt habe, wirklichkeitsgemäß in Ihren Begriffen. Und es ist nötig, in seinen Begriffen immer wirklichkeitsgemäßer und wirklichkeitsgemäßer zu werden. Das strebt der Geistesforscher an. Ich möchte mich durch ein Beispiel klarmachen.

[ 51 ] But this gives you the opportunity to truly immerse yourself in the fullness of life. As I have shown in my book The Riddle of Man, this makes your concepts more in line with reality. And it is necessary to become ever more true to reality in one’s concepts. This is what the spiritual researcher strives for. I would like to illustrate this with an example.

[ 52 ] Sehen Sie, der Naturforscher hat ganz recht, wenn er mit seinen Begriffen in der Sphäre des gewöhnlichen Bewußtseins bleibt. Bei ihm wird gerade dann Bedeutsames in seinem berechtigten Gebiete erreicht, wenn er diese Begriffe so nimmt, wie sie das gewöhnliche Bewußtsein darlebt; denn da stellen sie sich als geeignet heraus, die sinnenfälligen Tatsachen zu ergreifen. Wenn allerdings dann der Naturforscher diese Begriffe ausdehnen will über die sinnenfälligen Tatsachen hinaus, dann muß er sich bewußt sein, daß er vielleicht in eine Leere hineinkommt, daß er nicht mehr wirklichkeitsgemäß bleibt. Dazu ist das folgende Beispiel sehr interessant.

[ 52 ] You see, the natural scientist is quite right when he keeps his concepts within the sphere of ordinary consciousness. He achieves something meaningful within his legitimate domain precisely when he takes these concepts as they are presented by ordinary consciousness; for there they prove suitable for grasping the facts that are apparent to the senses. However, if the natural scientist then wishes to extend these concepts beyond the facts perceived by the senses, he must be aware that he may be venturing into a void, that he is no longer remaining true to reality. The following example is very interesting in this regard.

[ 53 ] Es hat Professor Dewar, ein großer naturwissenschaftlicher Denker unserer Zeit, sehr gut und bedeutungsvoll aus dem, was der Forscher heute als Vorgänge beobachten kann, ausgemalt, wie der Endzustand der Erde sein wird nach Millionen von Jahren. Man kann, indem man ganz richtig physikalisch vorgeht, gerade als ein guter Physiker alles zu Rate zieht, sich Anschauungen darüber bilden, wie sich im Verlaufe von kurzen Zeiträumen gewisse Verhältnisse ändern. Dann rechnet man gewissermaßen aus, indem man das in der kürzeren Zeit sich Ändernde ausdehnt über einen großen Zeitraum, wie nach Millionen von Jahren die Sache aussieht. Da beschreibt der Professor sehr interessant, wie dann eine Zeit eintreten kann, wo zum Beispiel die Milch fest sein wird. — Ich weiß nicht, wie sie dann zutage treten wird; das ist eine andere Sache! — Er beschreibt, wie man die Wände des Zimmers mit diesem Weiß der Milch bestreichen wird; so fest wird die Milch sein. Allerdings wird es dann viele hundert Grade kälter sein als jetzt. Aber es wird keine flüssige Milch geben, die Milch wird fest sein. Die Dinge sind alle mit großem naturwissenschaftlichem Scharfsinn gedacht, und es ist gar nichts einzuwenden gegen die Aufstellung von solchen Hypothesen auf naturwissenschaftlichem Boden.

[ 53 ] Professor Dewar, a great scientific thinker of our time, has very clearly and meaningfully described—based on the processes that researchers can observe today—what the Earth’s final state will be like after millions of years. By proceeding entirely in accordance with the principles of physics—as a good physicist would do, taking everything into account—one can form a picture of how certain conditions change over short periods of time. Then, by extrapolating the changes occurring over a shorter period to a much longer timeframe, one can, in a sense, calculate what the situation will look like after millions of years. The professor describes in a very interesting way how a time might come when, for example, milk will be solid. — I don’t know how it will manifest itself then; that’s another matter! — He describes how the walls of a room will be coated with this white milk; that’s how solid the milk will be. Of course, it will then be many hundreds of degrees colder than it is now. But there will be no liquid milk; milk will be solid. These ideas are all conceived with great scientific acumen, and there is absolutely nothing to object to in the formulation of such hypotheses on a scientific basis.

[ 54 ] Für den Geistesforscher stellt sich sogleich ein anderer Gedanke hin, weil er lebendig, wirklich denkt und nicht abstrakt. Man kann ja sogar ganz gut das Beispiel von einem jungen Menschen nehmen von vierzehn Jahren, wie er sich verändert hat bis zum achtzehnten Jahre, und so diese kleinen Veränderungen dann zusammenstellen, nach der Methode, wie es Professor Dewar gemacht hat, und nun ausrechnen, wie dieser Menschenorganismus sein muß nach dreihundert Jahren. Es ist ganz dieselbe Methode. Nur lebt der Mensch nach dreihundert Jahren als physischer Mensch nicht mehr! Dem Geistesforscher stellt sich dies sogleich hin. Die Betrachtungsweise ist ganz richtig, nimmt alle naturwissenschaftlich-physikalischen Schikanen in Anspruch. Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, sie ist ganz richtig. Man darf sie nicht als falsch hinstellen, aber sie ist nicht wirklichkeitsgemäß, dringt nicht ein in das Wirkliche. Ebenso könnte man zurückgehen von den Veränderungen, die der menschliche Organismus durchmacht, und dann von diesen Veränderungen aus sich fragen: Wie war das vor dreihundert Jahren? Man wird etwas sehr Nettes herausbekommen — nur hat der Mensch nicht gelebt vor dreihundert Jahren! Aber nach diesem Muster bildet sich derjenige, der Theorien bildet, seine Beispiele. Die Kant-Laplacesche Theorie von dem Urnebel — sie hat ja mannigfaltige Modifikationen erfahren, die man alle kennen kann —, aber dasjenige, was ihr prinzipiell zugrunde liegt, das ist für den Geistesforscher ein unerlaubter Gedanke, weil ebensowenig, wie der Mensch vor dreihundert Jahren physisch gelebt hat, wenn man auch seinen früheren und späteren Zustand ganz richtig berechnet hat, ebensowenig die Erde gelebt hat in der Zeit, für die die Kant-Laplacesche Theorie vom Urnebel aufgestellt wird; und das Sonnensystem nicht vorhanden war. Das habe ich nur als Beispiel angeführt, wie Vorstellungen ganz richtig sein können, absolut aus richtigen Grundlagen abgeleitet sein können, wie sie aber trotzdem nicht wirklichkeitsgemäß zu sein brauchen.

[ 54 ] For the spiritual researcher, a different thought immediately comes to mind, because he thinks in a living, concrete way and not abstractly. One can even take the example of a young person aged fourteen and observe how he or she has changed by the age of eighteen, then compile these small changes using the method Professor Dewar employed, and calculate what this human organism must be like after three hundred years. It is exactly the same method. Only, after three hundred years, the human being no longer exists as a physical being! This becomes immediately apparent to the spiritual researcher. The approach is entirely correct; it makes full use of all the scientific and physical methods. There is absolutely nothing wrong with it; it is entirely correct. One must not portray it as false, but it does not correspond to reality; it does not penetrate into the real. Similarly, one could work backward from the changes the human organism undergoes and then, based on these changes, ask oneself: What was it like three hundred years ago? One will arrive at a very nice conclusion—except that humans did not exist three hundred years ago! But it is according to this pattern that those who formulate theories construct their examples. The Kant-Laplace theory of the primeval nebula—which, as we know, has undergone numerous modifications— but what underlies it in principle is, for the researcher of the spirit, an impermissible thought, because just as the human being did not physically exist three hundred years ago—even if one has correctly calculated his earlier and later states—so too did the Earth not exist during the time for which the Kant-Laplace theory of the primordial nebula is posited; and the solar system did not exist. I have cited this merely as an example of how ideas can be entirely correct, derived entirely from correct foundations, yet still need not correspond to reality.

[ 55 ] Das erreicht gerade der Geistesforscher durch seine Übungen, zu solchen Vorstellungen zu kommen, die wirklichkeitsgemäß sind, mit denen er dasjenige ergreift, was man nur ergreifen kann, wenn man in die Wirklichkeit untertaucht. Und durch solches Untertauchen lernt man erkennen, wie das Ich dann wäre in seinem gewöhnlichen Bewußtsein, wenn der Mensch nicht schlafen könnte. Es wäre eben gar nicht im menschlichen Bewußtsein vorhanden das Selbstbewußtsein oder Ich-Bewußtsein, wenn der Mensch nicht im zeitlichen Rhythmus von Schlafen und Wachen leben würde. Man lernt auch durch unmittelbare Anschauung erkennen, wie die Gefühlseigenschaften eigentlich geträumt werden, wie die Willenseigenschaften eigentlich geschlafen werden.

[ 55 ] This is precisely what the spiritual researcher achieves through his exercises: arriving at perceptions that are true to reality, through which he grasps that which can only be grasped by immersing oneself in reality. And through such immersion, one learns to recognize what the “I” would be like in its ordinary consciousness if human beings were unable to sleep. Self-consciousness—or “I”-consciousness—would simply not exist in human consciousness if human beings did not live within the temporal rhythm of sleep and wakefulness. One also learns through direct observation to recognize how emotional qualities are actually “dreamed,” and how volitional qualities are actually “slept.”

[ 56 ] In Parenthese gleichsam möchte ich hier etwas einfügen, weil ich von mehreren Seiten darauf aufmerksam gemacht worden bin, was sich auf eine Bemerkung bezieht, die ich vorgestern gemacht habe. Ich sagte: Dasjenige, was der Geistesforscher erlebt, kann umgewandelt werden in Begriffe; aber das Erlebnis selber, die unmittelbare Wahrnehmung des Geistigen, die kann nicht erinnert werden, sondern muß immer wieder neu erfahren werden.

[ 56 ] As an aside, so to speak, I would like to add something here, because several people have brought to my attention a remark I made the day before yesterday. I said: What the spiritual researcher experiences can be transformed into concepts; but the experience itself—the direct perception of the spiritual—cannot be recalled; rather, it must be experienced anew time and again.

[ 57 ] Man kann scheinbar ganz richtig einwenden: Wie kann man denn überhaupt wissen, daß irgendeine geistige Erfahrung neu ist, wenn man sich nicht erinnert? An die geistige Erfahrung kann man sich ebensowenig erinnern, wie man sich nicht an gewisse Menschen erinnert, die man nicht vor sich hat. Das geistige Ereignis, das entschwindet, das wird nicht in der Erinnerung aufbewahrt. Nur dann, wenn man es umgewandelt hat in Begriffe, in Vorstellungen, erinnert man sich an die Vorstellungen. Nur damit kein Mißverständnis eintritt, wollte ich dies gewissermaßen in Parenthese sagen.

[ 57 ] One might quite rightly object: How can one even know that a mental experience is new if one does not remember it? One cannot remember a mental experience any more than one remembers certain people who are not present. A mental event that fades away is not preserved in memory. Only when one has transformed it into concepts, into ideas, does one remember those ideas. Just to avoid any misunderstanding, I wanted to mention this, so to speak, in parentheses.

[ 58 ] Nun aber möchte ich auch noch die andere Seite des menschlichen Bewußtseins mit einer kurzen Bemerkung streifen. Was geschieht denn, wenn der Mensch nun wirklich dasjenige, was sonst immer im Unterbewußten bleibt, was verträumt, was verschlafen wird, wenn er das durch solche inneren Vorgänge, wie Sie sie geschildert finden in meinen Büchern, nun wirklich ins Bewußten heraufhebt? Wenn darüber ein Bewußtsein entsteht, so wie es im gewöhnlichen Bewußtsein des Tages nur vorhanden ist für das Sinnes- und Vorstellungsleben, da lernt der Mensch dann tatsächlich zum Beispiel dasjenige kennen, was in seinen Willensimpulsen sonst nur verschlafen wird. Aber wie man, wenn man auf das Schlafleben sich hinrichtet, erkennen lernt, daß das Ich-Bewußtsein abhängig ist vom Schlafesleben, so lernt man, in einer anderen Weise, durch die wirkliche Heraufhebung des Willenslebens aus dem Unterbewußten ins Bewußte erkennen, daß man dann, wenn man dieses Willensleben immer vor sich hätte, wenn man das Willensleben nicht verschlafen würde, ein ganz anderes Bewußtsein hätte, jenes Bewußtsein, das wirklich in einer gewissen Weise der Geistesforscher entwickelt. Das, was in uns will, und in gewisser Beziehung auch dasjenige, was unserem Fühlen entspricht, was in den Gefühlsimpulsen lebt, das würde, wenn der Mensch es so vor sich hätte wie sein Vorstellungsleben, auf ihn wirken wie ein anderer, wie wenn er einen zweiten, einen anderen Menschen in sich hätte. Der Mensch würde mit einem anderen Menschen herumgehen. Und man kann sagen: Es ist im weisheitsvollen Entwickelungsplan so eingerichtet, daß das einheitliche Bewußtsein, das der Mensch braucht für sein Leben zwischen Geburt und Tod, möglich gemacht wird dadurch, daß das Willensleben hinunter in den Schlaf gedrängt ist, er also nicht entzweigespalten wird dadurch, daß er den anderen immerfort anzuschauen hat, der eigentlich in ihm will. Dieser andere hängt nämlich wiederum zusammen mit dem urewigen Wesenskern des Menschen, mit dem von der Leiblichkeit freien, urewigen Wesenskern des Menschen, mit dem, was nicht durch die Leiblichkeit wirkt.

[ 58 ] But now I would also like to touch briefly on the other side of human consciousness. What happens, then, when a person truly brings into consciousness that which otherwise always remains in the subconscious—that which is dreamt or slept through—through such inner processes as you will find described in my books? When awareness of this arises—just as it is present in ordinary daytime consciousness only for sensory and imaginative life—a person then actually comes to know, for example, what is otherwise merely overlooked in their impulses of will. But just as one learns, when focusing on the life of sleep, that ego-consciousness is dependent on the life of sleep, so one learns, in a different way—through the actual raising of the life of the will from the subconscious into the conscious—that if one always had this life of the will before oneself, if one did not sleep through the life of the will, one would have an entirely different consciousness—that consciousness which the spiritual researcher truly develops in a certain way. That which wills within us—and, in a certain sense, also that which corresponds to our feeling, which lives in the impulses of feeling—would, if a person had it before them just as they do their life of imagination, act upon them as if it were another person, as if they had a second, different person within themselves. A person would be walking around with another person. And one can say: It is arranged in the wise plan of development such that the unified consciousness a person needs for their life between birth and death is made possible by the fact that the life of the will is pushed down into sleep; thus, the person is not split in two by having to constantly look at the other who is actually willing within them. For this other person, in turn, is connected to the human being’s primal, eternal core—to the human being’s primal, eternal core that is free from physicality, to that which does not act through physicality.

[ 59 ] Daher, wenn der Geistesforscher wirklich dazu gelangt — ich habe schon vorgestern gesagt, ich lasse mich nicht abhalten durch irgendeine Scheu, auf die Dinge aufmerksam zu machen, die wirklich aus dem Gebiete der Geistesforschung hervorgehen mit wissenschaftlicher Exaktheit, wie die naturwissenschaftlichen Gesetze auf naturwissenschaftlichem Gebiete —, wenn der Geistesforscher wirklich dazu gelangt, das Willensleben und das Gefühlsleben heraufzuholen in das Bewußtsein, wenn er seine innere Aktivität so verstärkt, daß er nicht bloß das Sinnes- und Vorstellungsleben in sich lebendig machen kann, sondern in sich lebendig machen kann das Gefühls- und Willensleben, dann wird die Welt ergänzt durch die andere Seite, durch die geistige Seite; dann erlebt der Mensch als eine Wirklichkeit, daß wir von denjenigen Seelen, welche den Leib verloren haben durch den Tod, nur durch unser Sinnes- und durch unser Vorstellungsleben getrennt sind. In dem Augenblick, wo wir bewußt eintreten in unser Gefühls- und Willensleben, treten wir in eine Region ein, wo wir auf gemeinsamem Gebiet auch mit den Seelen stehen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind.

[ 59 ] Therefore, if the spiritual researcher truly succeeds in this—as I said the day before yesterday, I will not allow myself to be deterred by any hesitation from drawing attention to the things that truly emerge from the field of spiritual research with scientific precision, just as the laws of natural science do in the realm of natural science— if the researcher in spiritual science truly succeeds in bringing the life of the will and the life of feeling into consciousness, if he strengthens his inner activity to such an extent that he can enliven within himself not only the life of the senses and imagination, but also the life of feeling and will, then the world is complemented by the other side, by the spiritual side; then the human being experiences as a reality that we are separated from those souls who have lost their bodies through death only by our sensory and imaginative lives. The moment we consciously enter into our emotional and volitional lives, we enter a realm where we stand on common ground even with the souls who have passed through the gate of death.

[ 60 ] Das Getrenntsein zwischen den sogenannten lebenden Menschenseelen und den sogenannten gestorbenen Menschenseelen überbrückt sich durch Geisteswissenschaft. Es überbrückt sich durch Geisteswissenschaft auf eine ganz exakte Weise. Durch eine ganz exakte Betrachtungsweise muß allerdings das Seelenleben wiederum umgestaltet werden. Wenn auf diesem Gebiete, in das da der Mensch eintritt, wirklich reale Wahrnehmungen gemacht werden wollen — Träume kommen unwillkürlich, dasjenige, was im Traume erlebt wird, kommt unwillkürlich —, wenn der Mensch etwas in sein Bewußtsein hereinbringen will, das wirklich aus dem Gebiete kommt, in dem die Toten leben, dann muß er mit ebensolchen willkürlichen Vorstellungen, aber jetzt höheren Vorstellungen, als die des wachen Tagesbewußtseins sind, weil diese Vorstellungen das Fühlens- und Willensleben umfassen müssen, er muß mit ebenso willkürlichen Vorstellungen den Objekten in der geistigen Welt gegenüberstehen, wie man sonst den Objekten in der Sinneswelt gegenübersteht. Im gewöhnlichen 'Traume kann man nicht unterscheiden das, was einen zwingt vorzustellen, und sich selber. Diese Unterscheidung ist vorhanden, wenn der Geistesforscher dem Leben naht, dem auch die durch den Tod gegangenen Seelen angehören.

[ 60 ] The separation between the so-called living human souls and the so-called deceased human souls is bridged by spiritual science. It is bridged by spiritual science in a very precise way. Through a very precise approach, however, the life of the soul must in turn be transformed. If one truly wishes to make real perceptions in this realm that human beings enter—dreams come involuntarily, and what is experienced in a dream comes involuntarily—if a person wishes to bring into their consciousness something that truly comes from the realm where the dead live, then they must use equally arbitrary concepts, but now higher than those of waking daytime consciousness, because these images must encompass the life of feeling and will—he must face the objects in the spiritual world with equally voluntary images, just as one otherwise faces the objects in the sensory world. In an ordinary dream, one cannot distinguish between what compels one to imagine and oneself. This distinction exists when the spiritual researcher approaches the life to which souls who have passed through death also belong.

[ 61 ] Daher sind Träume, die unwillkürlich kommen, auch wenn sie uns scheinbare Botschaften bringen aus einer übersinnlichen Welt, immer mit Vorsicht aufzunehmen. Der Geistesforscher kann nur dasjenige als seine wirkliche Beobachtung anerkennen, das er mit voller Willkür herbeiführen will. Will der Forscher daher in Verbindung kommen mit irgendeiner Seele, die dem geistigen Leben angehört, die vielleicht schon lange durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann kann er dadurch in Verbindung kommen, daß er von seinem Willen aus dasjenige herbeiführt, was er mit der betreffenden Seele erlebt, nicht in solcher unwillkürlichen Weise, wie es durch den Traum geschieht.

[ 61 ] Therefore, dreams that occur involuntarily—even if they seem to convey messages from a supernatural world—must always be treated with caution. The spiritual researcher can only recognize as a genuine observation that which he intends to bring about entirely of his own volition. If, therefore, the researcher wishes to establish contact with any soul belonging to the spiritual realm—one who may have long since passed through the gate of death—he can do so by willfully bringing about the experience he shares with that soul, rather than in the involuntary manner in which it occurs through a dream.

[ 62 ] Sehen Sie, Geistesforschung führt uns dahin, anzuerkennen, wie eine andere Welt hereinragt in unsere Welt, die aber für unsere Welt eine tiefe, eine intensive Bedeutung hat, aus dem einfachen Grunde, weil unser Gefühls-, weil unser Willensleben dieser Welt angehört.

[ 62 ] You see, spiritual research leads us to recognize how another world extends into our own—a world that, however, has a profound and intense significance for our world, for the simple reason that our emotional life and our life of the will belong to that world.

[ 63 ] Für die Welt nun, die in den Sinnen beschlossen ist, die mit Gesetzen umfaßt werden soll, die diesen Sinnen entnommen sind, kurz für die Welt, die die Naturwissenschaft betrachtet, reichen die abstrakten Vorstellungen des wachen und gewöhnlichen Bewußtseins aus. Für die Welt des sozial-sittlichen Lebens braucht man wirklichkeitsgemäße Vorstellungen. Vorstellungen, wie die KantLaplacesche Theorie, wie die Vorstellungen über den Endzustand der Erde, können nur zum Irrtum führen. Sie können berechtigte Vorstellungen sein, wenn man im Gebiete der theoretischen Diskussionen bleibt. In dem Augenblick, wo man in das soziale Leben, in die politische Struktur von der Wissenschaft her Vorstellungen einführt, die abstrakt, nicht wirklichkeitsgemäß sind, wirkt man zerstörend, bewirkt man Katastrophen innerhalb dieser Wirklichkeit. Da haben Vorstellungen, die nicht wirklichkeitsgemäß sind, eine ganz andere Bedeutung.

[ 63 ] For the world, however, that is confined to the senses—the world to be governed by laws derived from those senses—in short, for the world that the natural sciences consider, the abstract concepts of waking and ordinary consciousness are sufficient. For the world of social and moral life, one needs conceptions that correspond to reality. Conceptions such as the Kant-Laplace theory, or those regarding the final state of the Earth, can only lead to error. They may be valid conceptions if one remains within the realm of theoretical discussion. The moment one introduces into social life and the political structure, from a scientific perspective, concepts that are abstract and not grounded in reality, one has a destructive effect and brings about catastrophes within that reality. In this context, concepts that are not grounded in reality take on an entirely different meaning.

[ 64 ] Nun stellt sich heraus, wenn man dasjenige, was im Laufe der menschlichen Geschichte wirklich geschieht, was das geschichtliche Leben weitertreibt, betrachten will, so kann man es nicht betrachten mit dem naturwissenschaftlichen Vorstellen; denn dieses geschichtliche Leben wird nicht auf einem solchen Felde erlebt, auf dem die naturwissenschaftlichen Vorstellungen anzuwenden sind, die ganze Geschichte wird von dem Menschen nicht mit wachen Vorstellungen wirklich impulsiert, sondern sie wird geträumt. Das ist das Wichtige, das ins Auge gefaßt werden kann — heute noch eine ganz paradoxe Wahrheit, wie der Kopernikanismus ein Paradoxon war, als er aufgetreten ist —, das geschichtliche Leben wird nicht geschaffen aus solchen Vorstellungen heraus, wie wir sie eben im Naturwissenschaftlichen gewöhnt sind. Das Soziologische, das soziale Leben geht nicht hervor aus einem solchen Impulse, wie wir ihn mit der Naturwissenschaft erfassen, sondern es wird erträumt. Der Mensch träumt das gesellschaftliche Leben.

[ 64 ] Now it turns out that if one wishes to consider what actually happens in the course of human history—what drives historical life forward—one cannot do so using the concepts of the natural sciences; for this historical life is not experienced in a realm where the concepts of the natural sciences apply. The whole of history is not truly driven by human beings through conscious concepts, but is rather dreamed. This is the crucial point that can be grasped—a truth that is still quite paradoxical today, just as Copernicanism was a paradox when it first emerged—historical life is not created out of the kind of concepts we are accustomed to in the natural sciences. Sociological, social life does not arise from the kind of impulse we grasp through the natural sciences; rather, it is dreamed. Human beings dream social life.

[ 65 ] Interessant war mir immer — ich darf diese persönliche Bemerkung machen; es sind jetzt mehr als dreißig Jahre, daß ich mich intensiv mit diesem Problem befasse, es von allen Seiten zu erforschen gesucht habe —, interessant war mir, wie es strahlende Lichter hingeworfen hat auf ein Rätsel, wenn Herman Grimm im Gespräche mit mir öfter gesagt hat: Wendet man die gewöhnlichen Begriffe, die naturwissenschaftlichen Begriffe auf das geschichtliche Leben an, so daß sie tauglich sein sollen, so kommt man keinen Schritt weiter. Will man das geschichtliche Leben erfassen, will man hineinschauen in die Impulse, die darin wirken, dann kann man das nur mit der Phantasie. Herman Grimm war noch kein Geistesforscher, lehnte die Dinge ab; aber er meinte, man kann dieses geschichtliche Leben nur ergreifen mit der Phantasie. Nun, mit der Phantasie kann man es auch nicht ergreifen. Aber Grimm war doch wenigstens eine Persönlichkeit, die wußte: Man kann nicht mit den gewöhnlichen Begriffen hineinkommen in das geschichtliche Leben.

[ 65 ] I have always found it interesting—if I may make this personal remark; it has now been more than thirty years since I began to engage intensively with this problem, seeking to explore it from every angle—it has always interested me how it has shed brilliant light on a mystery whenever Herman Grimm, in conversation with me, has often said: If one applies the usual concepts—the concepts of the natural sciences—to historical life, as if they were suitable for that purpose, one gets nowhere. If one wants to grasp historical life, if one wants to look into the impulses at work within it, then one can do so only through the imagination. Herman Grimm was not yet a researcher of the spirit; he rejected such ideas. But he believed that one can grasp this historical life only through the imagination. Well, one cannot grasp it through the imagination either. But Grimm was at least a figure who knew this: one cannot enter into historical life using ordinary concepts.

[ 66 ] Aber gerade Geisteswissenschaft kann hineinkommen, indem sie hinzufügt zu dem gewöhnlichen Bewußtsein das imaginative Bewußtsein, das inspirierte Bewußtsein und das intuitive Bewußtsein, drei übersinnliche Vorstellungsarten des schauenden Bewußtseins. Geisteswissenschaft hebt dasjenige herauf ins Bewußtsein, was sonst verträumt, was sonst verschlafen wird.

[ 66 ] But it is precisely spiritual science that can bridge this gap by adding to ordinary consciousness imaginative consciousness, inspired consciousness, and intuitive consciousness—three supersensible modes of perception belonging to the contemplative consciousness. Spiritual science brings into consciousness what would otherwise be lost in daydreams or overlooked.

[ 67 ] In früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden hatten die Menschen — ich habe das auch schon vorgestern erwähnt — über die geistigen Tatsachen ein gewisses instinktives Bewußtsein. Aber dieses instinktive Bewußtsein mußte verlorengehen. Es ging verloren und wird immer mehr und mehr verlorengehen, je mehr sich die glänzenden Errungenschaften der Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete gut bewähren werden.

[ 67 ] In earlier centuries and millennia, people—as I mentioned the day before yesterday—had a certain instinctive awareness of spiritual realities. But this instinctive awareness was bound to be lost. It was lost and will be lost more and more as the brilliant achievements of natural science continue to prove their worth in their respective fields.

[ 68 ] Von der anderen Seite her muß das wiederkommen, was dem instinktiven Bewußtsein verlorengegangen ist. Daher kann man sagen: Während des menschlichen Instinktlebens konnten die sittlich-sozialen Ideen, die ethischen Ideen, die juristischen Ideen in das geschichtliche, in das soziale Leben, in das gesellschaftliche Leben hineinfließen, die geträumt sind; und so kann die Menschheit jetzt noch immer zehren von dem, was aus dem instinktiven Bewußtsein gekommen ist.

[ 68 ] From the other side, what has been lost to instinctive consciousness must return. Therefore, one can say: During the era of human instinctual life, moral and social ideas—ethical and legal ideas—that were merely dreamed of were able to flow into historical, social, and communal life; and so humanity can still draw upon what emerged from instinctive consciousness.

[ 69 ] Aber heraufgekommen ist dieses Zeitalter, in dem die Menschheit ins volle Bewußtsein hineintreten muß, in dem die Menschheit zur vollen Freiheit gelangen muß. Da wird das alte instinktive Bewußtsein nicht mehr ausreichen. Wir stehen in jener Epoche, in welcher geisteswissenschaftlich diejenigen Kräfte heraufgeholt werden müssen, welche in der sozialen Strukturgebung der Gesellschaft, in der ethischen Strukturgebung der Gesellschaft, im politischen Leben wirksam sein müssen. Niemals wird dasjenige, was im sozialen Leben lebt, erfaßt werden können mit den Begriffen, die nur den Sinneswahrnehmungen, die überhaupt nur dem wachen Tagesbewußtsein, dem gewöhnlichen Bewußtsein entnommen sind.

[ 69 ] But this age has dawned in which humanity must enter into full consciousness, in which humanity must attain full freedom. The old, instinctive consciousness will no longer suffice. We are in that epoch in which, from the perspective of spiritual science, those forces must be brought to the fore that are to be effective in the social structuring of society, in the ethical structuring of society, and in political life. What lives in social life can never be grasped with concepts derived solely from sensory perceptions—or, indeed, from waking daytime consciousness, from ordinary consciousness.

[ 70 ] Herman Grimm hatte ganz recht — aber er wußte nur die Hälfte der Sache —, wenn er sagte: Warum ist der englische Geschichtsforscher Gibbon so bedeutend, wenn er die ersten christlichen Jahrhunderte schildert, in der Schilderung desjenigen, was da unterging? Und warum findet man in seiner Geschichtsdarstellung gar nichts von dem bedeutenden Wachstum und Werden, das durch die christlichen Impulse in die Menschheitsentwikkelung hineingekommen ist? Aus dem Grunde, weil Gibbon eben auch die gewöhnlichen Begriffe nimmt, die Begriffe des wachen Tagesbewußtseins. Die können aber auch nur dasjenige erfassen, was untergeht, die können nur den Leichnam erfassen.

[ 70 ] Herman Grimm was quite right—though he understood only half the story—when he asked: Why is the English historian Gibbon so significant in his depiction of the early Christian centuries, specifically in his account of what was coming to an end? And why is there nothing in his historical account of the significant growth and development that Christian impulses brought to the evolution of humanity? For the reason that Gibbon, too, relies on ordinary concepts—the concepts of waking, everyday consciousness. But these can grasp only what is perishing; they can grasp only the corpse.

[ 71 ] Dasjenige, was wird, was wächst, das wird geträumt, verschlafen. Und das kann nur durch Geisteswissenschaft erkannt, durchschaut werden. Weil die politischen Impulse bewußt werden müssen, weil sie nicht mehr bloß instinktiv sein können, deshalb müssen sie geisteswissenschaftlich verstanden werden in der Zukunft.

[ 71 ] That which comes to be, that which grows—this is dreamed, this is slept through. And this can only be recognized and understood through spiritual science. Because political impulses must become conscious—since they can no longer be merely instinctive—they must therefore be understood through spiritual science in the future.

[ 72 ] Das ist es, was gerade auf einem tief mit der Menschenseele zusammenhängenden Gebiete aus den Zeichen der Zeit erkannt werden muß; selbst aus äußerlichen Dingen kann man heute solches erkennen. Nehmen wir ein heute sehr weitverbreitetes Beispiel.

[ 72 ] This is what must be recognized right now from the signs of the times in a realm deeply connected to the human soul; even from external things, one can recognize such things today. Let us take an example that is very widespread today.

[ 73 ] Indem ich von diesem Beispiel spreche, möge man nur ja nicht glauben, daß Geisteswissenschaft einseitig nach irgendeiner Richtung sein wolle, Partei ergreifen wolle nach der einen oder anderen Richtung, sondern das nimmt sie völlig ernst, daß man mit irgendeinem Begriff nur von einer Seite eine Sache beleuchtet und daß man daher etwas Unrechtes tut, wenn man diesen Begriff unmittelbar in die Wirklichkeit einführen will. Nehme ich zum Beispiel die ja manchen Menschen glänzend einleuchtende materialistische, geschichtlich-soziologische Auffassung, die Karl Marx und ähnliche Leute über das soziale Leben der Menschheit und den geschichtlichen Verlauf gegeben haben. Verfolgt man diese sozialdemokratische Betrachtungsweise, verfolgt man bei Marx, wie er wirklich mit einem gewissen Scharfsinn darstellen will, daß alles dasjenige, was geschichtlich geschieht, durch gewisse Klassenkämpfe sich auslebt, daß materielle Impulse das geschichtliche Leben in seiner Struktur bestimmen, dann merkt man: Verstehen kann man dasjenige, was Karl Marx auf diesem Gebiete sagt, nur dann, wenn man weiß, daß er, allerdings einseitig, Wirklichkeiten schildert. Aber was für Wirklichkeiten schildert er? Die Wirklichkeiten schildert er, die damals vergangen waren, als er seine Bücher geschrieben hat!

[ 73 ] In speaking of this example, one must by no means believe that spiritual science seeks to be one-sided in any particular direction or to take sides with one camp or the other; rather, it takes very seriously the fact that any concept illuminates a matter from only one side, and that one therefore acts wrongly if one attempts to apply this concept directly to reality. Take, for example, the materialistic, historical-sociological view—which is indeed brilliantly evident to many people—that Karl Marx and others of his ilk have presented regarding the social life of humanity and the course of history. If one follows this social-democratic perspective—and if one follows Marx as he truly seeks to demonstrate, with a certain acumen, that everything that happens historically plays out through certain class struggles, and that material impulses determine the structure of historical life—then one realizes: One can understand what Karl Marx says in this area only if one knows that he is describing realities—albeit one-sidedly. But what kind of realities does he describe? He describes the realities that had already passed by the time he wrote his books!

[ 74 ] Vom 16. Jahrhundert ab beginnt in der Tat das europäische und das zum Europäischen gehörende Leben so, daß neben dem, was man sonst konventionell in der Geschichte erzählte — Geschichte ist ja doch meist eine Fable convenue, wie sie in den Schulen gelehrt wird —, daß neben dem, was man so erzählt als wirkliche Geschichte, Klassenkämpfe da sind, materielle Impulse da sind. Das, was heraufgekommen ist bis in das Zeitalter, wo Karl Marx schildert — er schildert einseitig, aber er schildert nicht ganz mit Unrecht —, das, was in dem Augenblicke, wo er versucht, Begriffe des gewöhnlichen Bewußtseins darauf anzuwenden, schon ausgeträumt war von der Menschheit, was damals Wirklichkeit war, als die Menschheit geträumt hat, das wird in gewöhnliche Begriffe gefaßt. Aber nun stellt sich heraus: Wird nicht angewendet die Methode der Geisteswissenschaft, die aus der Wirklichkeit heraus ist, dann findet man aus dem, was man so mit gewöhnlichem Bewußtsein erfassen will, nichts in den sozialen Vorgängen für das, was weitergehen kann; man findet nichts Anwendbares für das Weiterleben. Karl Marx’ Schilderung ist richtig für eine gewisse Einseitigkeit des Lebens, für die letzten Jahrhunderte. Sie ist nicht mehr anwendbar, nachdem die Menschheit ausgeträumt, dasjenige ausgeschlafen hat, was er schildert. Es ist tatsächlich so: Wenn man wirklichkeitsgemäße Begriffe gewinnt, so kann man nicht sagen, daß man das, worauf es ankommt, aus der äußeren Erfahrung ablesen könne, wie es die Naturwissenschaft machen muß. Wer in irgendeiner Stellung des Lebens, in irgendeiner Position des Lebens eingreifen muß in die soziale Struktur, der muß wirklichkeitsgemäße Begriffe haben. Aber diese wirklichkeitsgemäßen Begriffe können nicht vom Leben abgelesen werden. Vom Leben abgelesen werden kann nur das, was das gewöhnliche Bewußtsein erfaßt.

[ 74 ] Starting in the 16th century, European life—and that which belongs to the European sphere—begins in such a way that, alongside what is conventionally recounted in history—for history is, after all, mostly a fable convenue, as taught in schools—alongside what is told as “real history,” there are class struggles and material impulses. What emerged up to the era described by Karl Marx—he describes it one-sidedly, though not entirely without reason—what had already been dreamt away by humanity by the moment he attempts to apply concepts of ordinary consciousness to it; what was reality back then, when humanity was still dreaming, is cast into ordinary concepts. But now it turns out: If the method of spiritual science—which arises from reality—is not applied, then one finds nothing in social processes, among what one seeks to grasp with ordinary consciousness, that can lead further; one finds nothing applicable for life going forward. Karl Marx’s description is correct for a certain one-sided aspect of life, for the past few centuries. It is no longer applicable now that humanity has dreamt itself out, having exhausted what he describes. It is indeed the case that when one arrives at concepts grounded in reality, one cannot say that what really matters can be deduced from external experience, as the natural sciences must do. Anyone who, in any role or position in life, must intervene in the social structure must have concepts grounded in reality. But these concepts grounded in reality cannot be derived from life itself. Only what ordinary consciousness grasps can be derived from life.

[ 75 ] Man muß im sozialen Leben drinnenstehen, wenn man es nicht mit fehlender Wirklichkeit, sondern mit lebendigen Begriffen zu tun haben will. Man muß so drinnenstehen, daß man nicht angewiesen ist darauf, daß einem dieses Leben etwas gibt, sondern daß man die Gesetze kennt, die sonst nur im Unterbewußten walten, und daß man sie einzuführen vermag in das Leben. Aus der imaginativen Erkenntnis, aus derjenigen Erkenntnis, welche das gewöhnliche abstrakte Vorstellen zu innerer Lebendigkeit so zu erheben vermag, daß diese Vorstellungen zwar bildhaft sind, aber dafür in die Wirklichkeit untertauchen, aus dieser imaginativen Erkenntnis gehen alle diejenigen Begriffe hervor, welche in der Zukunft wirksam sein können in bezug auf die soziale Struktur.

[ 75 ] One must be fully immersed in social life if one wishes to deal not with an absence of reality, but with living concepts. One must be so deeply immersed that one is not dependent on this life giving one something, but rather that one knows the laws that otherwise reign only in the subconscious, and that one is able to introduce them into life. From imaginative insight—that is, the kind of insight capable of elevating ordinary abstract concepts to such a degree of inner vitality that these concepts, while pictorial, are nonetheless immersed in reality—from this imaginative insight emerge all those concepts that can have an impact on the social structure in the future.

[ 76 ] Die sozialen Versuche sind deshalb so trostlos geblieben, sie haben deshalb so viele reale Irrtümer hervorgerufen, weil man glaubte, die sozialen Begriffe so auffassen zu können, wie man naturwissenschaftliche Begriffe aufstellt, weil man wirklichkeitsfremd diese Begriffe aufstellte. Aus der Imagination, aus dem Untertauchen in dasjenige, was sonst von dem gewöhnlichen Bewußtsein nur wie im Traume erlebt wird, können diejenigen Impulse nur hergeholt werden, die der braucht, der irgend etwas, was als soziale Idee gelten will, auszusprechen hat. Jede Zeit ist eine Übergangszeit. Es ist natürlich eine triviale Wahrheit, wenn immer wieder und wieder gesagt wird, eine Zeit ist eine Übergangszeit, es kommt nur darauf an, was übergeht. Aber in unserer Zeit geht das instinktive Bewußtsein über in das freie, in das volle Bewußtsein, das unter der Idee der Freiheit lebt. Da müssen die alten Impulse, die aus dem instinktiven Bewußtsein gekommen sind — auch das römische Recht gehört noch dazu —, sie müssen abgelöst werden von dem, was für das soziale Leben Imagination, für das ethisch-sittliche Leben die Inspiration ergibt, was für das Rechtsleben die Intuition ergibt. Das ist allerdings nicht so bequem, wie wenn man aus dem Abstrakten heraus allerlei Rechtsbegriffe konstruieren will und weiß, weil man ja ein gescheiter Mensch ist, wie die ganze Welt beschaffen sein soll. Das weiß man!

[ 76 ] Social experiments have remained so dismal and have given rise to so many real errors because people believed they could conceptualize social concepts in the same way that scientific concepts are formulated—because they formulated these concepts in a way that was detached from reality. Only from the imagination—from immersing oneself in that which is otherwise experienced by ordinary consciousness only as in a dream—can one draw the impulses needed by anyone who has something to express that claims to be a social idea. Every era is a time of transition. It is, of course, a trivial truth when it is said time and again that an era is a time of transition; what matters is only what is transitioning. But in our time, instinctive consciousness is transitioning into free, full consciousness, which lives under the idea of freedom. The old impulses that arose from instinctive consciousness—including Roman law—must be replaced by that which provides imagination for social life, inspiration for ethical and moral life, and intuition for legal life. Admittedly, this is not as convenient as trying to construct all sorts of legal concepts from the abstract and knowing—because one is, after all, a clever person—how the whole world should be constituted. One knows that!

[ 77 ] Als Geistesforscher ist man nicht in dieser Lage; da muß man überall in die Wirklichkeit eindringen. Man hat heute gar nicht viel Begriff davon, wie dieses geschieht. Durch Jahrzehnte hindurch wird auf diesem Gebiete so, aus dem Abstrakten heraus, gehandelt. Man weiß nicht, wie zum Beispiel die westlichen Völker Europas — als Völker, nicht als einzelne Menschen! — gewisse Seeleneigentümlichkeiten haben, die Völker Mitteleuropas, die Völker Osteuropas, Asiens, gewisse andere Seeleneigentümlichkeiten haben, wie diese Seeleneigentümlichkeiten zusammenhängen mit dem, was diese Völker sind. Heute in dieser katastrophalen Zeit sehen wir, wenn wir tiefer blicken, vielfach dasjenige, was die Geistesforschung allein zu sehen vermag, sehen ein für das äußere Bewußtsein nicht verständliches, trauriges Ereignis durch die Menschheit gehen in der Welt, deren Zeichen so deutlich sprechen, in der sich die Menschheit nur zurechtfinden kann, wenn sie wirklichkeitsgemäße Begriffe suchen will. Wirklichkeitsgemäße Begriffe sind nicht diejenigen, die nach dem Muster der Naturwissenschaft gemacht sind oder nach dem Muster des wachen Tagesbewußtseins, wenn es sich um das Soziale, das Sittliche, um das Rechtsleben handelt.

[ 77 ] As a researcher of the spirit, one is not in this position; one must penetrate reality in every respect. Today, people have very little understanding of how this happens. For decades, work in this field has been conducted in such an abstract manner. People do not know, for example, how the Western peoples of Europe—as peoples, not as individual human beings!—possess certain soul characteristics, and how the peoples of Central Europe, Eastern Europe, and Asia possess certain other soul characteristics, nor how these soul characteristics are connected to what these peoples are. Today, in these catastrophic times, when we look more deeply, we often see what only spiritual research is capable of seeing: we see a sad event, incomprehensible to outer consciousness, passing through humanity in the world—an event whose signs speak so clearly that humanity can only find its way if it seeks concepts that correspond to reality. Concepts that correspond to reality are not those modeled on the natural sciences or on waking daytime consciousness when it comes to social, moral, and legal life.

[ 78 ] Hier in der Schweiz ist ein Anfang gemacht worden, ein schöner Anfang in bezug auf Rechtsbegriffe, es ist versucht worden, die Begriffe des gewöhnlichen Vertragsverhältnisses aus der konkreten Wirklichkeit herauszuholen. Dr. Roman Boos hat in seinem ausgezeichneten, vor kurzem erschienenen Buch «Der Gesamtarbeitsvertrag nach SchweizerischemRecht»zumerstenMalinderheutigenZeit den Anfang damit gemacht, aus der konkreten Wirklichkeit heraus etwas zu suchen, was zur Rechtsstruktur gehört.

[ 78 ] Here in Switzerland, a start has been made—a promising one—with regard to legal concepts; an attempt has been made to ground the concepts of the ordinary contractual relationship in concrete reality. In his excellent, recently published book The Collective Bargaining Agreement under Swiss Law, Dr. Roman Boos has, for the first time in modern times, taken the first step toward identifying, within concrete reality, elements that form part of the legal structure.

[ 79 ] Diese Art, in sozialer, in sittlicher, in freiheitlicher Weise ins juristische Leben hineinzuleuchten, die muß ihren Fortgang nehmen, wenn wir die wirklichkeitsgemäßen Begriffe suchen wollen. Es gibt ein einfaches Mittel — gäbe ein einfaches Mittel —, das sehr hilfreich wäre, wenn in seiner radikalen Form versucht werden würde, irgendwo zu zeigen, wie die Begriffe des gewöhnlichen Bewußtseins, die sich so großartig ausnehmen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, wie diese Begriffe unvermögend sind, in das sittlich-soziale Leben einzugreifen. Man brauchte nur den Versuch zu machen, einmal ein Parlament zusammenzusetzen aus solchen Menschen, die gerade groß sind auf dem Gebiete philosophischen Nachdenkens über die Welt mit den Begriffen, die nur dem gewöhnlichen Bewußtsein, das man auch das wissenschaftliche nennt, entnommen sind. Ein solches Parlament wäre am geeignetsten, das Gemeinwesen, zu dem dieses Parlament gehört, in der kürzesten Zeit zugrunde zu richten, weil ein solches Parlament nur die untergehenden Impulse sehen würde.

[ 79 ] This way of shedding light on legal life from a social, moral, and libertarian perspective must continue if we are to seek concepts that correspond to reality. There is a simple means—there would be a simple means—that would be very helpful if, in its radical form, an attempt were made to demonstrate somewhere just how incapable the concepts of ordinary consciousness—which appear so magnificent in the realm of the natural sciences—are of intervening in moral and social life. One need only attempt to assemble a parliament consisting of people who are particularly prominent in the realm of philosophical reflection on the world, using concepts derived solely from ordinary consciousness—which is also called scientific consciousness. Such a parliament would be best suited to ruin the community to which it belongs in the shortest possible time, because such a parliament would see only the impulses that are fading away.

[ 80 ] Zum schaffenden Leben gehören diejenigen, welche in das Bewußtsein heraufheben können, was sonst im äußeren realen Leben und in der Geschichte nur träumt, was in den Schlaf hinuntergesunken ist.

[ 80 ] Those who can bring into consciousness what otherwise exists only as a dream in external real life and in history—what has sunk into sleep—are part of the creative life.

[ 81 ] Daher sind auch Utopien so trostlos. Utopien sind wirklich so, wie wenn man eine aus studierte Schachpartie anwenden wollte, ohne Rücksicht auf den Partner. Utopien bilden heißt, dasjenige, was leben sollte, in die abstrakten Verstandesformen fassen. Daher kann eine Utopie niemals etwas anderes enthalten, als was ein Gemeinwesen zugrunde richten kann, nicht aber, was es aufbauen kann. Denn was die Wirklichkeit aufbauen kann, das kann nicht im Anschlusse an verstandesmäßige Begriffe gefaßt werden, das wirkt nur in lebendigen Imaginationen und hat im unmittelbaren Wirken etwas, was verwandt ist, aber nicht dasselbe ist — ich bitte das ausdrücklich zu bemerken —, was verwandt ist mit einem künstlerischen Wirken. Das mannigfaltigste wird einem geoffenbart, wenn man gerade dieses soziale, dieses sittliche Leben betrachtet vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft.

[ 81 ] That is why utopias are so bleak. Utopias are really like trying to apply a carefully studied chess game without regard for one’s opponent. To construct utopias means to cast that which ought to live into abstract intellectual forms. Therefore, a utopia can never contain anything other than what a community can destroy—but not what it can build. For what reality can build cannot be grasped in terms of intellectual concepts; it operates only in living imaginations and has, in its immediate activity, something that is related to—but is not the same as—artistic activity—I ask that you note this explicitly. The greatest diversity is revealed to us when we consider precisely this social, this moral life from the perspective of spiritual science.

[ 82 ] Vor allen Dingen wird, wenn dasjenige, was sich auf diese Weise als sozial-sittliche Ideen, als juristische Ideen ausprägt, ins Leben hineingeht, immer gipfeln können in der menschlichen Freiheit. Diese menschliche Freiheit kann naturwissenschaftlich nie begriffen werden, weil Naturwissenschaft nicht auf das Freie im Menschen gehen kann; für die Naturwissenschaft kann der Mensch kein freies Wesen sein. Geisteswissenschaft zeigt aber den urewigen Wesenskern des Menschen, von dem ich Ihnen gesagt habe, das ist wie ein anderer Mensch im Menschen. Naturwissenschaft zeigt nur den einen, nicht den anderen Menschen; der andere ist aber der freie. Der freie Mensch lebt auch in dem Menschen. Aber durch das sozial-sittliche Leben, durch das staatliche Leben, durch das ethische Leben wird der freie Mensch herausgeholt.

[ 82 ] Above all, when that which manifests itself in this way as social and moral ideas, as legal ideas, enters into life, it will always culminate in human freedom. This human freedom can never be understood through the natural sciences, because the natural sciences cannot grasp what is free in human beings; for the natural sciences, human beings cannot be free beings. The humanities, however, reveal the eternal core of human nature, which I have told you about—it is like another human being within the human being. The natural sciences reveal only one human being, not the other; yet the other is the free one. The free human being also lives within the human being. But through social and moral life, through civic life, and through ethical life, the free human being is brought to the fore.

[ 83 ] Moderne Betrachtungsweise, wie sie jetzt durch die Tatsachen widerlegt werden sollte, wenn man richtig beobachten könnte, moderne Betrachtungsweise führt eigentlich überall schon in der Theorie zum Austreiben der Freiheit.

[ 83 ] The modern perspective—which should now be refuted by the facts, if one could observe them correctly—actually leads, even in theory, to the suppression of freedom in every area.

[ 84 ] Lassen Sie mich am Schlusse dieses noch anführen. Es hat ja immer gegeben in der neueren Zeit — und auch jetzt tritt es hervor und macht Aufsehen — solche Betrachtungen des sozial-sittlichen und des Staats- und politischen Lebens, welche den Staat zum Beispiel vergleichen mit einem Organismus, mit einer Lebensform. Von einem ausgezeichneten Forscher, den ich sehr schätze, ist ein aufsehenerregendes Buch erschienen: «Der Staat als Lebensform». Aber es ist so recht ein Beispiel für dasjenige, was überwunden werden muß. Manche haben versucht, diese Analogien zu bilden, den Staat zu vergleichen mit einem Organismus. Vergleichen kann man alles. Wenn es auf das Vergleichen ankäme, so könnte man ganz gut Vergleiche anführen zwischen einem Pfirsich und einem Spazierstock; es kommt nur darauf an, daß man geistreich genug dazu ist! Auf Vergleiche kommt gar nichts an, sondern darauf kommt es an, daß der Vergleich auch wirklichkeitsgemäß ist, wenn er schon gebraucht werden soll.

[ 84 ] Let me add this one last point. In modern times, there have always been—and even now they are coming to the fore and causing a stir—such perspectives on social and moral life, as well as on state and political life, which compare the state, for example, to an organism or a form of life. An outstanding scholar whom I hold in high regard has published a sensational book: The State as a Form of Life. But it is really an example of precisely what must be overcome. Some have attempted to draw these analogies, comparing the state to an organism. You can compare anything. If it were merely a matter of comparison, one could quite easily draw parallels between a peach and a walking stick; it just depends on being witty enough to do so! Comparisons are irrelevant; what matters is that the comparison be true to reality, if it is to be used at all.

[ 85 ] Nun, ich kann im einzelnen die Sache heute nicht durchführen, weil die Zeit dazu nicht ausreicht. Aber vergleicht man wirklich das, was im sozial-sittlichen Leben pulsiert, mit dem, was im organischen Leben vorhanden ist, dann gilt der Vergleich nur insofern, als man den einzelnen Staat, ja, das einzelne Gemeinwesen vergleichen muß mit einer Zelle. Und wenn man eine Ansammlung von Zellen, wie es der Organismus ist, vergleichen will, so kann man nur das gesamte Leben auf der ganzen Erde zum Vergleich mit dem Organismus verwenden.

[ 85 ] Well, I cannot go into the details of the matter today because there is not enough time. But if one truly compares what is at work in social and moral life with what exists in organic life, then the comparison holds only insofar as one must compare the individual state—indeed, the individual community—to a cell. And if one wishes to compare a collection of cells, such as an organism, then one can only use all life on the entire Earth as a basis for comparison with the organism.

[ 86 ] Wie gesagt, das genannte Buch, «Der Staat als Lebensform», von Kjellen ist absolut unmöglich, aus dem Grunde, weil es diesen Vergleich in ganz unmöglicher Form gebraucht. Man kann aber, wenn man den Vergleich richtig gebraucht, den einzelnen Staat mit der Zelle vergleichen und das gesamte Leben über die Erde hin etwa mit einem aus einzelnen Zellen aufgebauten Organismus. Dann ist in diesem Organismus noch gar nicht dasjenige drinnen enthalten, was sich im Organismus als Seele, als Geist entwickelt. Aber auf das, was sich im Organismus als Seele, als Geist entwickelt, kommt es an; darauf kommt es sogar sehr an, daß zu dem Gesamtleben der Erde Geist hinzukommt. Und nur eine solche soziale Struktur der Erde wird richtig gedacht sein, welche nicht bei der Betrachtung des rein Äußerlichen die Meinung hegt, damit auch den Gesamtmenschen umfassen zu können.

[ 86 ] As I said, the book in question, The State as a Form of Life by Kjellen, is completely untenable, precisely because it uses this analogy in a wholly untenable way. However, if one uses the comparison correctly, one can compare the individual state to a cell and the entire life on Earth to an organism composed of individual cells. Yet this organism does not yet contain what develops within it as soul, as spirit. But what matters is what develops within the organism as soul and spirit; indeed, it is of the utmost importance that spirit be added to the total life of the Earth. And only a social structure of the Earth that does not, when considering purely external aspects, harbor the belief that it can thereby encompass the whole human being will be properly conceived.

[ 87 ] So wenig man im Organismus die Seele umfassen kann, den Geist umfassen kann, so wenig kann man, auch wenn man die organische Betrachtung über die ganze Erde ausdehnt, im bloßen staatlichen Leben dasjenige umfassen, in dem menschliche Freiheit wurzelt. Denn menschliche Freiheit ragt über die Organisation hinaus.

[ 87 ] Just as one cannot fully comprehend the soul or the spirit within the organism, so too—even if one extends this organic perspective to the entire earth—one cannot, within the realm of mere state life, fully comprehend that in which human freedom is rooted. For human freedom transcends the organism.

[ 88 ] Das ist etwas, was einem den Beweis liefern kann, wenn Sie es vollständig durchschauen, daß sogar dasjenige Nachdenken, welches die gewöhnliche abstrakte Bewußtseinsform hineinträgt in die Betrachtung des staatlichen Lebens, den Freiheitsbegriff ausschließen muß.

[ 88 ] This is something that, if you fully understand it, can provide proof that even the kind of thinking that introduces the ordinary, abstract form of consciousness into the examination of state life must necessarily exclude the concept of freedom.

[ 89 ] Geisteswissenschaft, indem sie das Leben ins Auge faßt, das frei ist von der Leiblichkeit, das sich nicht vergleichen läßt mit einem Organismus, wird allein berufen sein, auch wiederum den Begriff der freien menschlichen Seele einzuführen in das Leben.

[ 89 ] The humanities, by focusing on a life that is free from physicality—a life that cannot be compared to an organism—will be uniquely called upon to reintroduce the concept of the free human soul into life.

[ 90 ] Ich habe den Anfang damit gemacht schon 1894, als ich meine «Philosophie der Freiheit» — die leider schon so lange vergriffen ist — verfaßt habe, indem ich versuchte zu zeigen, wie dadurch, daß der Mensch tatsächlich ein freies Seelenleben entwickelt, das sich als ein anderes loslöst von dem in der Naturwissenschaft mit Recht bloß betrachteten Kausal-Begriff, wie dadurch der Mensch zu dem Ausleben seiner Freiheit kommt. Solange man nicht der Ansicht ist, Naturwissenschaft habe ganz recht, wenn sie Freiheit leugne auf ihrem Gebiete, weil sie es nur zu tun hat mit demjenigen, wo keine Freiheit ist — solange man das nicht einsieht, sieht man auch nicht ein, daß dasjenige, worauf sich Freiheit bezieht, auch nicht durch Naturwissenschaft zu erfassen ist.

[ 90 ] I began this as early as 1894, when I wrote my Philosophy of Freedom — which, unfortunately, has been out of print for so long — in which I attempted to show how, by actually developing a free spiritual life that, as something distinct, breaks away from the concept of causality—which natural science rightly regards as merely observational—human beings come to live out their freedom. As long as one does not hold the view that natural science is entirely correct in denying freedom within its domain—because it deals only with that which lacks freedom—as long as one does not recognize this, one also fails to recognize that that to which freedom pertains cannot be grasped by natural science either.

[ 91 ] Das aber erreicht Geisteswissenschaft, indem sie zeigt, daß der Mensch neben seinem Leib, der nach der einen Seite ein Ausdruck seiner Seele und seines Geistes ist, sein Geistiges hat, das nur erfaßt werden kann vom schauenden Bewußtsein, vom übersinnlichen Bewußtsein: vom imaginativen Bewußtsein, aus dem auch die sozialen Ideen fließen, vom inspirierten Bewußtsein, aus dem die sittlichen Ideen fließen, die sich im gewöhnlichen Leben im Mitgefühl, im Miterleben der anderen Menschen ausleben, aus dem, indem es intuitives Bewußtsein wird, die juristischen Ideen fließen, dadurch, daß im intuitiven Bewußtsein der Mensch nicht nur eindringt in das, was das andere Wesen ist, sondern durch dieses intuitive Bewußtsein das andere Wesen bis zu einem gewissen Grade auch in sich selber durchlebt. Und indem Geisteswissenschaft eindringt in das, was ewig ist im Menschen und was nur erfaßt werden kann durch imaginatives, inspiriertes, intuitives Bewußtsein, dringt Geisteswissenschaft auch vor zu dem, was unter dem Lichte, unter der Sonne der Freiheit im menschlichen Leben pulsieren kann.

[ 91 ] Spiritual science achieves this by showing that, in addition to the human body—which, on the one hand, is an expression of the soul and the spirit—human beings possess a spiritual aspect that can only be grasped by the contemplative consciousness, by the supersensible consciousness: by the imaginative consciousness, from which social ideas also flow; by the inspired consciousness, from which moral ideas flow—ideas that are lived out in ordinary life through compassion and empathy for others—and from which, when it becomes intuitive consciousness, legal ideas flow, because in intuitive consciousness a person not only penetrates into what the other being is, but through this intuitive consciousness also experiences the other being to a certain degree within themselves. And as spiritual science penetrates into what is eternal in the human being—and what can only be grasped through imaginative, inspired, and intuitive consciousness—it also advances toward that which can pulsate in human life under the light, under the sun of freedom.

[ 92 ] Heute ist es noch recht paradox, wenn man, um die Wirklichkeit zu schildern, in die Lage kommt, zu sagen, daß Schlaf- und Traumimpulse in der Geschichte, im sozialen Leben, im sittlichen Leben, im rechtlichen Leben, im Freiheitsleben pulsieren und daß dasjenige, was da pulsiert, nur gefunden werden kann mit Geisteswissenschaft. Aber ich muß immer wiederum erwähnen: Dasjenige, was Geisteswissenschaft für die heutige Zeit als ein Paradoxon in die Welt bringen muß, das läßt sich eben zusammenstellen mit dem Paradoxon, das Kopernikus in die Welt brachte, als die Menschen geglaubt haben, die Erde stehe still, die Sonne und die Sterne bewegen sich um sie herum. Er hat das Entgegengesetzte an die Stelle gesetzt. 1822 erst hat eine gewisse Kirche erlaubt, daß einer an den Kopernikanismus glauben dürfe! Nun, wie lange es dauern wird, bis die Gelehrten und die sogenannten Gebildeten der heutigen Zeit erlauben werden oder sich nicht mehr schämen werden wie eines Aberglaubens, anzunehmen, daß Geisteswissenschaft das Leben erklärt, erweitert zu wirklichkeitsgemäßen Begriffen, daß sie zu fruchttragenden Begriffen führt, das muß abgewartet werden. Aber die Zeichen der Zeit sprechen so stark, daß man den Wunsch haben möchte, es könne recht, recht bald geschehen! Aber erleuchtete, hervorragende Geister haben ja immer, wenn auch nur in einzelnen Geistesblitzen, dasjenige geschaut, was die Wahrheit ist. Geisteswissenschaft ist insoferne eigentlich nichts Neues. Sie faßt nur systematisch und durch wirklichkeitsgemäßes Schauen zusammen, worauf die Geistesblitze der hervorragendsten Persönlichkeiten der Menschheit immer gegangen sind.

[ 92 ] Today it is still quite paradoxical when, in order to describe reality, one finds oneself saying that impulses of sleep and dreaming pulsate through history, social life, moral life, legal life, and the life of freedom—and that what pulsates there can only be discovered through spiritual science. But I must mention again and again: What spiritual science must bring into the world as a paradox for our time can indeed be compared to the paradox that Copernicus brought into the world, when people believed that the Earth stood still and the Sun and the stars moved around it. He put forward the opposite. It was not until 1822 that a certain church permitted anyone to believe in Copernicanism! Well, how long it will take before the scholars and the so-called educated people of our time will allow—or will no longer be ashamed, as of a superstition, to accept—that spiritual science explains life, broadens it into concepts that correspond to reality, and leads to fruitful concepts—that remains to be seen. But the signs of the times speak so powerfully that one cannot help but hope it might happen very, very soon! Yet enlightened, outstanding minds have always—even if only in fleeting flashes of insight—beheld what the truth is. In this respect, spiritual science is actually nothing new. It merely systematizes and synthesizes, through a realistic perspective, what the flashes of insight from humanity’s most outstanding personalities have always pointed toward.

[ 93 ] Und wie ich gestern am Schlusse einen solchen Ewigkeitsgeist erwähnte, so sei heute derselbe erwähnt: Goethe. Er hat sich auch mit Geschichte befaßt, mit der Anschauung in der Geschichte. Er hat gefühlt, obwohl er noch nicht Geisteswissenschaft gehabt hat dazumal — die Zeit dazu war noch nicht gekommen in seinem Zeitalter —: In dem, was im geschichtlichen Leben pulsiert, ist nicht dasjenige enthalten, was in die Begriffe hineingebracht werden kann, die sich im gewöhnlichen Vorstellen und gewöhnlichen Sinneswahrnehmen eröffnen. Er hat gefühlt: Was in der Geschichte lebt, auch das Große, was in der Geschichte lebt, enthält Impulse, die anders sind als das abstrakte Vorstellen des gewöhnlichen Geisteslebens. Deshalb hat Goethe das bedeutende Wort über die Geschichte ausgesprochen: «Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt» —, ein Gefühl, das sie erregt, wenn man untertauchen kann in das geschichtliche Werden und nicht etwas herunterholt wie die Theoretiker des gewöhnlichen Bewußtseins, sondern wenn man solches hervorholt, das nicht bloß zum Vorstellen und Sinneswahrnehmen spricht, sondern das zu dem spricht, was in den gefühlsmäßigen Impulsen erträumt, was in den willensmäßigen Impulsen sogar verschlafen wird. Dann hat man das, was in der Geschichte lebt, nicht den Leichnam der Geschichte.

[ 93 ] And just as I mentioned such a spirit of eternity at the end of yesterday’s talk, so let the same be mentioned today: Goethe. He, too, engaged with history—with the perspective inherent in history. He sensed—even though he had not yet had the opportunity to study the humanities at that time—for the time for that had not yet come in his era—that what pulsates in historical life does not contain what can be expressed in the concepts that arise from ordinary imagination and ordinary sensory perception. He sensed that what lives in history—even the great things that live in history—contains impulses that are different from the abstract conceptualizations of ordinary mental life. That is why Goethe uttered those significant words about history: “The best thing we have from history is the enthusiasm it arouses”— a feeling it arouses when one can immerse oneself in the historical unfolding—not by extracting something from it, as the theorists of ordinary consciousness do, but by bringing forth that which speaks not merely to the imagination and the senses, but to what is dreamt of in the impulses of feeling, and what is even slumbering in the impulses of the will. Then one has what lives in history, not the corpse of history.

[ 94 ] Und mit Bezug auf das sozial-sittliche Leben, mit Bezug auf das Freiheits- und juristische Leben möchte man sagen: Es wird die Menschheit einschen müssen, daß sie zu einem solchen Erfassen der Wirklichkeit dieser Dinge zu kommen hat, bei dem sich der ganze Mensch beteiligt, auch dasjenige, was sonst im wachen Bewußtsein schläft, weil der Mensch sonst überhaupt unbewußt bleibt über das Gebiet des sozialen und des sittlichen Lebens.

[ 94 ] And with regard to social and moral life, with regard to freedom and the legal system, one might say: Humanity will have to realize that it must arrive at such an understanding of the reality of these things that the whole human being is involved, including that which otherwise lies dormant in waking consciousness, because otherwise the human being remains completely unaware of the realm of social and moral life.

[ 95 ] Und so wird es sich darum handeln, daß gerade dasjenige, was nicht theoretisch im Menschen ist, angeregt und angespornt und angefeuert werden kann, dasjenige, was dem Enthusiasmus ähnlich ist, was wirkt wie Kunst — wie Kunst, sage ich! Und so wird man wohl am Schlusse einer solchen Betrachtung die Worte aussprechen müssen, die dem Goethewort, das ich eben angeführt habe, ähnlich sind und die in einer gewissen Weise zusammenfassen das, was in einer kurzen Betrachtung heute nur angeregt werden konnte, aber auch nur angeregt werden wollte, die Zusammenfassung desjenigen, von dem ich glaube, daß es heute so notwendig unter dem Einfluß der Zeichen der Zeit gesprochen werden muß. Es handelt sich darum, daß der Mensch finde den ganzen Menschen, um im sozial-sittlichen Leben in entsprechender Weise zu wirken, um an der Gestaltung der sozial-sittlichen Struktur und des politischen Lebens weiteres zu leisten. Es handelt sich darum, daß der Mensch nicht nur zu abstrakten Ideen auf diesem Gebiete komme, nicht nur zu einem physiologischen Betrachten, sondern dazu komme, von Enthusiasmus durchdrungene, reale Kräfte, lebenswirkliche Kräfte zu haben. Auf die wartet die Zeit, diese traurige, diese katastrophale, diese Prüfungszeit!

[ 95 ] And so the point will be to stimulate, spur on, and inspire precisely that which is not theoretical in human beings—that which is akin to enthusiasm, that which has the effect of art—like art, I say! And so, at the end of such a reflection, one will likely have to utter words similar to the quote from Goethe that I just cited—words that, in a certain way, summarize what could only be hinted at in a brief reflection today, but also what was intended to be merely hinted at: the summary of that which I believe must be spoken of today, so urgently, under the influence of the signs of the times. The point is for human beings to discover the whole human being, so that they may act appropriately in social and moral life and make further contributions to the shaping of the social and moral structure and of political life. The point is that human beings should not merely arrive at abstract ideas in this realm, nor merely adopt a physiological perspective, but rather come to possess real, life-affirming forces imbued with enthusiasm. This is what our times—these sad, catastrophic, and trying times—are waiting for!

[ 96 ] Geisteswissenschaft will nur die Antwort geben dahingehend, was als das Rechte diesem Enthusiasmus zugrunde liegen will, und Geisteswissenschaft ist der Überzeugung, daß, wenn die Menschheit den Weg wiederum finden wird zu ihrem Ewigen, zu ihrem Unsterblichen, zu demjenigen Teil im Menschenleben, aus dem der Impuls der Freiheit quillt, dann wird diese Menschheit auch die richtigen Linien finden, um aus dem Chaos, in das sie geraten ist, in Wirklichkeit, nicht bloß durch Illusion, herauszufinden.

[ 96 ] Spiritual science seeks only to provide an answer as to what is truly underlying this enthusiasm, and spiritual science is convinced that when humanity once again finds the path to its eternal self, to its immortal self—to that part of human life from which the impulse toward freedom springs— then humanity will also find the right path to emerge from the chaos into which it has fallen—in reality, not merely through illusion.