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Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72

11 December 1918, Bern

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Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
  1. Freiheit, Unsterblichkeit, Soziales Leben

10. Sittliches, soziales und religiöses Leben vom Gesichtspunkte der Anthroposophie

10. Moral, Social, and Religious Life from the Perspective of Anthroposophy

[ 1 ] In dem vorgestrigen Vortrage bemühte ich mich zu zeigen, wie der Mensch dazu kommen kann, durch eine besondere Ausbildung seiner Seelenkräfte eine unmittelbare Anschauung zu bekommen derjenigen Welt, von der er als von einer geistigen Welt umgeben ist, geradeso, wie er von der sinnlichen Welt umgeben ist als Leibesmensch, jener geistigen Welt, von der aber durch das gewöhnliche Bewußtsein, durch dasjenige Bewußtsein, dem nicht jene Ausbildung der Seele zugrunde liegt, von der ich vorgestern eben gesprochen habe, von der durch dieses gewöhnliche Bewußtsein nichts erkannt werden kann. Heute möchte ich das Verhältnis dieser übersinnlich gewonnenen Erkenntnisse zu wichtigen Gebieten des menschlichen Lebens besprechen, insbesondere zu solchen Gebieten des menschlichen Lebens, die — wie man sagen kann — von einem gewissen Gesichtspunkte aus in unserer Zeit in eine Krise entweder schon eingetreten sind und sich mitten darinnen befinden oder aber in diese Krise eintreten werden. Ich möchte sprechen von dem Verhältnis der übersinnlichen Erkenntnis zu dem sittlichen, dem sozialen und dem religiösen Leben des Menschen.

[ 1 ] In the lecture I gave the day before yesterday, I endeavored to show how a person can, through a special training of their soul powers, gain a direct perception of the world that surrounds them as a spiritual world, just as as they are surrounded by the sensory world as physical human beings—that spiritual world of which, however, nothing can be perceived through ordinary consciousness, that is, the consciousness not grounded in the training of the soul I spoke of the day before yesterday. Today I would like to discuss the relationship of these supersensory insights to important areas of human life, particularly those areas of human life that—as one might say—from a certain point of view have either already entered a crisis in our time and are in the midst of it, or are about to enter such a crisis. I would like to speak about the relationship between supersensible knowledge and the moral, social, and religious life of human beings.

[ 2 ] Der insbesondere in früheren Zeiten viel genannte Naturforscher Wallace, der in ähnlicher Weise versuchte, eine Weltanschauung herbeizuführen wie Darwin, er hat einen bedeutungsvollen Ausspruch getan über die sittliche Entwickelung der Menschheit. Und auch Haeckel stimmt diesem Ausspruch bei, wie viele andere Forscher gerade von der naturwissenschaftlichen Richtung. Wallace sagte: So groß auch die Fortschritte der Menschheit mit Bezug auf die Erkenntnis der Natur und ihrer Hintergründe, also mit Bezug auf das Intellektuelle des Menschen sind, so gering sind auf der anderen Seite die Fortschritte des sittlichen Lebens. Von Etappe zu Etappe sehe man in der Welterkenntnis ein Weiterkommen. Sieht man hin — so meinte dieser Denker — auf die moralische Entwickelung, so kann man nicht sagen, daß die Menschheit beträchtliche Schritte seit uralten Zeiten vorwärts gemacht habe.

[ 2 ] The naturalist Wallace, who was frequently cited—especially in earlier times—and who, like Darwin, sought to establish a worldview, made a significant statement regarding the moral development of humanity. Haeckel also agrees with this statement, as do many other researchers, particularly those in the natural sciences. Wallace said: “As great as humanity’s progress has been with regard to the understanding of nature and its underlying principles—that is, with regard to the intellectual aspects of human life—so small, on the other hand, has been the progress of moral life. Step by step, one can see progress in our understanding of the world. But if one looks—as this thinker observed—at moral development, one cannot say that humanity has made significant strides forward since ancient times.

[ 3 ] Nun ist gewiß ein solcher Ausspruch gerade von seiten eines Naturforschers von ganz besonderer Bedeutung. Allerdings derjenige, der versucht, sich einen tieferen Einblick zu verschaffen in den Gang der menschlichen Entwickelung, wird diesem Denker nicht für alle Zeiten Recht geben können; aber für diejenige Zeit, für welche Wallace ein ganz besonders geschärftes Auge als Naturforscher hat, für die Zeit der neueren, durch die Naturwissenschaft besonders beleuchteten Menschheitsentwikkelung wird dieser Ausspruch sich halten lassen. In älteren Zeiten, die der genannte Denker weniger überblickt, ist es nicht richtig, daß die intellektuelle Erkenntnis in einer so wesentlichen Weise vorwärts eilt gegenüber den Umschwüngen, den Etappen der sittlichen Entwickelung. Aber gerade — was das Merkwürdige ist — für die Zeit, in welcher so glanzvoll die naturwissenschaftliche Erkenntnis vorgeschritten ist, gilt dasjenige, was dieser Denker behauptet. Und derjenige, der mit Verständnis, mit Menschenanteil, mit Menscheninteresse, mit Menschenliebe die katastrophalen Ereignisse der letzten viereinhalb Jahre betrachtet, der wird sich wahrhaftig nicht darüber täuschen können, daß dasjenige, was erlebt worden ist, nicht zeugt für einen besonderen sittlichen Fortschritt, der etwa gleichen Schritt hielte mit dem Intellektuellen innerhalb der Menschheit.

[ 3 ] Now, such a statement is certainly of very special significance, especially coming from a naturalist. However, anyone who attempts to gain a deeper insight into the course of human development will not be able to agree with this thinker forever; but for the period for which Wallace, as a naturalist, has a particularly keen eye—the period of more recent human development, which has been particularly illuminated by the natural sciences—this statement will hold true. In earlier times, which the aforementioned thinker has less of an overview of, it is not true that intellectual knowledge advances in such a significant way relative to the upheavals and stages of moral development. But precisely—and this is the curious thing—for the period in which scientific knowledge has advanced so brilliantly, what this thinker asserts holds true. And anyone who contemplates the catastrophic events of the past four and a half years with understanding, with human compassion, with human concern, and with love for humanity will truly be unable to delude themselves that what has been experienced does not attest to any particular moral progress that might keep pace with intellectual progress within humanity.

[ 4 ] Da liegt offenbar eine sehr bedeutungsvolle Frage vor, eine Frage, die um so drängender ist, als auf der anderen Seite wiederum gerade in unserer Zeit das Verlangen besteht, Bewußtsein auch über die Gebiete des menschlichen Lebens zu gewinnen, die man als das Feld des Moralischen, des Sittlichen bezeichnet. Derjenige aber, der in solcher Art, wie ich es vorgestern charakterisiert habe, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sich Erkenntnis verschafft von dem eigentlichen Charakter des naturwissenschaftlichen Forschens, derjenige, der durch jenes Erlebnis, das ich vorgestern geschildert habe, an die Grenze dieses naturwissenschaftlichen Erkennens sich wirklich gestellt gefunden hat, der weiß, daß hier nicht nur ein zufälliges Zusammentreffen vorliegt für die letzten Jahrhunderte, sondern daß ein ursächlicher Zusammenhang zu finden ist. Ich hatte vorgestern ausgeführt, wie gerade das Bedeutsame, das Wesentliche naturwissenschaftlicher Erkenntnis darin liegt, daß diese naturwissenschaftliche Erkenntnis zu ihren Fortschritten gelangt, indem sie gewissermaßen unberücksichtigt läßt dasjenige im menschlichen Seelenleben, das uns gerade befähigt, das rechte Verhältnis, die rechte Beziehung zwischen Mensch und Mensch herzustellen, dasjenige im menschlichen Seelenleben, das wir die Liebefähigkeit nennen. Weil aber — so mußte ich sagen — diese Liebefähigkeit in der menschlichen Seele fortwirkt, nur zurückgehalten werden muß, gerade darum, damit die Naturwissenschaft zu ihrer Höhe kommt während des naturwissenschaftlichen Erkennens, deshalb gelangt der Mensch im naturwissenschaftlichen Erkennen an eine gewisse Grenze.

[ 4 ] This is clearly a very significant question—one that is all the more pressing given that, on the other hand, there is a desire, particularly in our time, to gain awareness of those areas of human life that are referred to as the realm of morality and ethics. But the person who, in the manner I described the day before yesterday, gains insight from the standpoint of the spiritual sciences into the true character of scientific research—that person who, through the experience I described the day before yesterday, has truly found himself standing at the limits of this scientific knowledge—knows that this is not merely a coincidental convergence over the past few centuries, but that a causal connection can be found. I explained the day before yesterday how the very significance and essence of scientific knowledge lie in the fact that this scientific knowledge achieves its progress by, so to speak, disregarding that aspect of human soul life which precisely enables us to establish the right relationship, the right connection between one human being and another—that aspect of human soul life which we call the capacity for love. But because—as I had to say—this capacity for love continues to work within the human soul and merely needs to be held back, precisely so that natural science can reach its full potential during the process of scientific inquiry, this is why human beings reach a certain limit in scientific inquiry.

[ 5 ] Nun hängt, wie im physischen Leben leicht ersichtlich ist — und für das geistige Leben gilt etwas ganz Ähnliches —, nun hängt die Entwickelung der Liebefähigkeit im Menschen zusammen mit allem fortschreitenden, mit allem sich entwickelnden Leben, mit dem blühenden, aufgehenden Leben.

[ 5 ] Now, as is easily seen in physical life—and something very similar applies to spiritual life—the development of a person’s capacity for love is connected to all life that progresses, to all life that develops, to life that blossoms and flourishes.

[ 6 ] Betrachtet man im Gegensatze dazu diejenigen Geistfähigkeiten, die der Mensch gerade anwendet, wenn er den Naturlauf im Sinne der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung undilettantisch verfolgt, dann findet man, daß die Kräfte, die in dieser Forschung eine besondere Rolle spielen, sich nicht richten können auf das sprießende, sprossende Leben, sondern auf das niedergehende, auf das sich verlierende Leben, auf das absterbende Leben. Indem wir mit diesen naturwissenschaftlich forschenden Kräften in das Leben hineinschauen, schauen wir nicht das Leben, sondern das, was diesem Leben imprägniert ist als das Absteigende, Totwerdende.

[ 6 ] In contrast, if we consider the mental faculties that a person employs when pursuing the course of nature in the spirit of contemporary scientific research—without amateurishness—we find that the forces playing a special role in this research cannot be directed toward life that is sprouting and budding, but rather toward life that is declining, fading away, and dying. When we look into life with these scientific investigative forces, we do not see life itself, but rather that which is imbued in this life as the descending, the dying.

[ 7 ] Es ist für den, der dabei sein kann seelisch, indem die Kraft des naturwissenschaftlichen Forschens sich entwikkelt, nicht irgend etwas, was als Mangel bezeichnet werden kann bloß, der allmählich sich verbreitet, wenn gerade konsequent sein wollende Naturforscher immer wieder und wiederum dagegen sind, so etwas wie «Lebenskraft» oder dergleichen einzufügen in die naturwissenschaftliche Forschung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts ist mit Recht von der naturwissenschaftlichen Forschung ausgeschaltet worden dasjenige, was man früher als «Lebenskraft» bezeichnete. Nun glauben allerdings manche, es sei nur ein zeitweiliger Mangel, daß der Mensch nicht hineinschauen kann in das Leben, sondern eigentlich im Lebendigen nur das Tote, das Absterben betrachten kann. Aber es ist nicht so. Die Erkenntnisfähigkeit, die sich so auf die Natur richtet, ist selber darauf angewiesen, innerhalb des Lebendigen nur das Tote zu suchen, das im Abstieg Begriffene zu suchen. Daher liegt die Tendenz vor, das Leben herauszutreiben, um gerade dasjenige zu suchen, was nicht Leben ist. Und man kann nicht sagen, man werde, indem man die heute zu besonderer Höhe entwickelte naturwissenschaftliche Vorstellungsart weiter ausbildet, auch das Leben begreifen. Nein, diese Vorstellungsart wird gerade dadurch immer weiter und weiter zu ihrer Größe kommen, daß sie das Leben nicht begreift, sondern das sucht, was dem Leben — wie ich sagen möchte — eben einimprägniert ist als das Tote, als das Absterbende.

[ 7 ] For those who can participate spiritually in the development of scientific research, it is by no means merely a shortcoming—one that gradually spreads—when natural scientists who wish to be consistent repeatedly oppose the inclusion of concepts such as “vital force” or the like in scientific research. Over the course of the 19th century, what was formerly referred to as “life force” was rightly eliminated from scientific research. Now, however, some believe that it is merely a temporary shortcoming that human beings cannot look into life itself, but can in fact observe only the dead and the dying within the living. But this is not the case. The capacity for knowledge that is thus directed toward nature is itself compelled to seek within the living only what is dead, to seek what is in a state of decline. Hence there is a tendency to drive life aside in order to seek precisely that which is not life. And one cannot say that, by further developing the scientific mode of thinking—which has today reached a particularly high level—one will also come to understand life. No, this mode of thinking will attain its greatness more and more precisely because it does not comprehend life, but rather seeks what is—as I would like to say—imbued within life as the dead, as that which is dying.

[ 8 ] Daher ist auch in der Zeit, in welcher diese Denkweise zu einer besonderen Höhe gediehen ist, das Verständnis für die Seelenfähigkeiten zurückgegangen, wahrhaftig zurückgegangen, die zusammenhängen nun mit derjenigen Seelenfähigkeit, welche die Naturwissenschaft eigentlich nicht braucht, nicht brauchen kann: mit der Seelenfähigkeit — wenn man sich so ausdrücken darf — des Liebens. Und mit der Seelenfähigkeit des Liebens hängt das ganze sittliche, moralische Leben zusammen. Liebe ist die Grundkraft, die sich entwickeln muß, damit sittliches, damit moralisches Leben sei.

[ 8 ] That is why, even in an age when this way of thinking has reached a particular height, understanding of the soul’s faculties has declined—truly declined—faculties that are connected to the very soul faculty that natural science does not actually need, cannot need: the soul faculty—if one may put it that way—of loving. And the entire ethical and moral life is connected to the soul’s capacity for love. Love is the fundamental force that must develop in order for an ethical and moral life to exist.

[ 9 ] Man kann zeigen, daß auch äußere Ereignisse durchaus das belegen, was ich jetzt eben ausgeführt habe. Man erlebt auf diesem Gebiete ganz Merkwürdiges. Ich habe im Verlauf meiner Vorträge in den letzten Jahren, indem ich von anderen Gesichtspunkten aus gerade den vollen Einklang zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, darstellen wollte, wiederholt hinzuweisen gehabt auf ein ausgezeichnetes Buch, das in den letzten Jahren erschienen ist von Oscar Hertwig, «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins «Zufallstheorie». Ich mußte dieses Buch geradezu als eine glänzende Leistung eines gegenwärtigen Naturforschers schildern, weil Oscar Hertwig in diesem Buche alle die übereilten Schlußfolgerungen der materialistisch gesinnten Darwinisten aus gewissenhafter naturwissenschaftlicher Methode heraus widerlegt. Man hat es bei Oscar Hertwig eben zu tun mit einem die naturwissenschaftliche Vorstellungsart glänzend handhabenden Denker.

[ 9 ] It can be shown that external events also fully corroborate what I have just explained. One experiences quite remarkable things in this area. In the course of my lectures over the past few years—in which I sought, from various perspectives, to demonstrate the complete harmony between natural science and spiritual science, as understood here—I have repeatedly referred to an excellent book published in recent years by Oscar Hertwig, The Development of Organisms: A Refutation of Darwin’s “Theory of Chance.” I had to describe this book as nothing less than a brilliant achievement by a contemporary natural scientist, because in it Oscar Hertwig refutes, using a conscientious scientific method, all the hasty conclusions drawn by materialistically minded Darwinists. In Oscar Hertwig, we are dealing with a thinker who masterfully applies the scientific mode of thought.

[ 10 ] Nun trat etwas höchst Eigentümliches ein. Oscar Hertwig ließ folgen dieser ausgezeichneten Schrift über «Das Werden der Organismen» eine andere, kleinere Schrift, mit der er gewissermaßen seinen Tribut der Kriegszeit abtragen wollte, die sittliche, soziale, politische Fragen behandelte. Und siehe da: Diese Schrift ist — ich scheue nicht davor zurück, ungeschminkt die Sache auszusprechen —, diese Schrift ist voll des reinsten Unsinns. Diese Schrift ist absolut von einer Vorstellungsart getragen, die in keiner Richtung zur Auffassung der gestellten Fragen oder irgendwie zur Lösung der gestellten Fragen geeignet ist. So sehen wir einen glänzenden Naturforscher, einen Naturforscher, der auf seinem Gebiete groß ist gerade dadurch, daß er auf diesem Gebiete einseitig seine Denkungsart ausbildet, völlig versagen da, wo er soziale, sittliche, politische Phänomene ins Auge fassen will. Es ist dieses eine außerordentlich interessante Erscheinung, die in der Gegenwart zutage getreten ist.

[ 10 ] Now something most peculiar occurred. Oscar Hertwig followed up this excellent treatise on “The Development of Organisms” with another, shorter work, in which he sought, in a sense, to pay his tribute to the wartime era, addressing moral, social, and political issues. And lo and behold: This treatise is—I do not shy away from stating the matter bluntly—this treatise is full of the purest nonsense. This treatise is entirely driven by a mode of thinking that is in no way suited to understanding the questions posed or to solving them in any way. Thus we see a brilliant natural scientist—a natural scientist who is great in his field precisely because he has developed a one-sided way of thinking in that field—fail completely when he attempts to address social, moral, and political phenomena. This is an extraordinarily interesting phenomenon that has come to light in the present.

[ 11 ] Man könnte diese Erscheinungen, allerdings durch vielleicht weniger typische, sehr, sehr vermehren. Aber man braucht ja nur auf eines hinzuweisen, um zu zeigen, wie die zu berechtigten naturwissenschaftlichen Idealen hindrängende neuere Zeit unfruchtbar geworden ist in bezug auf das Durchschauen des sittlichen Lebens. Man muß, wenn man diese Dinge charakterisiert, weil die Leute heute das noch nicht glauben wollen, ein bißchen ketzerisch werden, ketzerisch in diesem Falle nicht so sehr gegen die Kirche oder gegen irgendeine Religionsgemeinschaft, sondern ketzerisch gegen ganz andere Richtungen. Es wird ja, wenn in der neueren Zeit von vielen auf recht Bedeutsames in der philosophischen Weltanschauung hingewiesen werden soll, auf etwas hingewiesen, das in einer gewissen Beziehung nicht so oberflächlich ist wie viele aus der bloßen Naturanschauung hervorgehende Philosophien, das aber doch zusammenstimmt für viele mit naturwissenschaftlicher Denkweise: Es wird auf Kant und den Kantianismus hingewiesen.

[ 11 ] One could multiply these examples many, many times over—albeit with perhaps less typical ones. But one need only point to one example to show how the modern era, with its push toward what are indeed legitimate scientific ideals, has become barren when it comes to understanding moral life. When characterizing these things—because people today are still unwilling to believe them—one must become a bit heretical; heretical in this case not so much against the Church or any religious community, but heretical against entirely different currents of thought. After all, when many people in modern times wish to point to something truly significant in the philosophical worldview, they point to something that, in a certain sense, is not as superficial as many philosophies arising from a mere view of nature, but which nevertheless aligns, for many, with the scientific way of thinking: they point to Kant and Kantianism.

[ 12 ] Nun, mit solchen Hinweisen verhält es sich ja sehr eigentümlich. Gerade hinsichtlich Kants trat einem eine eigentümliche Zitierwut in der letzten Zeit abstoßend, möchte man sagen, entgegen. Denn man konnte sehen, wie die schlimmsten Kriegshetzer Kant im Munde führten und ihn zitierten, wie die radikalsten Pazifisten Kant zitierten! Und diejenigen, die sich in verhältnismäßig kurzer Zeit, im Verlaufe von wenigen Wochen, in den letzten Wochen eben aus wütenden Kriegshetzern in radikale Pazifisten verwandelt haben — solche Menschen gibt es ja auch! —, die zitierten früher Kant und zitieren Kant jetzt in der schönsten Weise nach ihrer Meinung.

[ 12 ] Well, such references are indeed quite peculiar. Especially with regard to Kant, one has recently been confronted—one might say repulsively—with a peculiar frenzy of quoting. For one could see how the worst warmongers invoked Kant and quoted him, just as the most radical pacifists quoted him! And those who, in a relatively short time—in the course of just a few weeks, in recent weeks, in fact—have transformed themselves from furious warmongers into radical pacifists—such people do exist, after all!—they used to quote Kant and now quote him in what they consider the most beautiful way.

[ 13 ] Aber Kant ist in der Tat charakteristisch auf vielen Gebieten für die Form, die das neuzeitliche Denken angenommen hat. Er ist auch charakteristisch für die Art und Weise, wie Menschen oftmals dasjenige aufnehmen, was ihnen im Geistesleben entgegentritt. Durch seine Schreibart ist Kant ja ein etwas schwieriger Schriftsteller und kann schon gelten als etwas schwer verständlich. Da aber doch sich manche zum Verständnis durchringen und sich selbstverständlich für sehr gescheit halten — obwohl sie sich das nicht mit diesen Worten gestehen —, so finden sie dann, da Kant etwas so Gescheites gesagt hat, was sie gerade noch verstehen können, daß dieser Kant ein ganz besonders großer Mann sei.

[ 13 ] But Kant is indeed representative, in many areas, of the form that modern thought has taken. He is also representative of the way in which people often take in what they encounter in their intellectual lives. Due to his writing style, Kant is, after all, a somewhat difficult author and can indeed be considered somewhat hard to understand. But since some people do manage to make sense of him and naturally consider themselves very clever—even though they would not admit this in so many words—they then conclude, since Kant has said something so clever that they can just barely understand, that this Kant must be a particularly great man.

[ 14 ] Nun, in bezug auf das sittliche Leben hat Kant einen Grundsatz aufgestellt, der besonders häufig zitiert wird, allerdings manchmal nur genannt wird, indem man sagt, Kant habe in bezug auf das sittliche Leben den «kategorischen Imperativ» aufgestellt. Dieser «kategorische Imperativ», in Worte gefaßt, wie nimmt er sich denn eigentlich aus? Er enthält das Folgende: Handle so, daß die Maximen deines Handelns Richtschnur für alle Menschen werden können. — Mir ist das immer so vorgekommen, als wenn jemand sagt: Lasse dir einen Rock von einem Schneider fabrizieren, der möglichst so geformt ist, daß ihn alle Menschen tragen können. — Dasjenige nämlich, was sittliches, unmittelbares sittliches Impulsieren ist, was erfaßt sein will im Allerindividuellsten des Menschen, was sich so auch nur ausleben kann, wenn es im Allerindividuellsten des Menschen erfaßt wird, das wird in die Worthülsen einer alleräußersten Abstraktion gedrängt, in den grauen Nebel desjenigen, was für alle Menschen gleich gelten soll.

[ 14 ] Now, with regard to moral life, Kant formulated a principle that is cited particularly often—though sometimes it is merely referred to by saying that Kant established the “categorical imperative” with regard to moral life. This “categorical imperative”—put into words—what does it actually look like? It contains the following: Act in such a way that the maxims of your actions can serve as a guide for all people. — It has always struck me as if someone were saying: Have a tailor make you a coat that is designed, as far as possible, so that all people can wear it. — For that which is a moral, immediate moral impulse—which seeks to be grasped in the most individual aspect of a person, and which can only be fully realized when it is grasped in that most individual aspect—is forced into the empty phrases of the most extreme abstraction, into the gray mist of that which is supposed to apply equally to all people.

[ 15 ] Das Wichtige ist, einzusehen, daß man nach Abstraktionen, nach Allgemeinheit selbstverständlich streben muß auf dem Gebiete der Naturgesetzlichkeit, aber diese Vorstellungsart, die nach solchen Abstraktionen, nach solcher Allgemeingültigkeit strebt, daß die wegführt von dem Felde im Menschen, das erfaßt sein will, wenn man ins Seelenauge fassen möchte die sittlichen Impulse, also dasjenige, was den Menschen unmittelbar im sittlichen Leben trägt und durchkraftet. Denn dasjenige, wodurch wir sittliche Menschen sind, das muß sich entzünden an den unmittelbaren Lebensverhältnissen, an dem unmittelbaren Verhältnis von Mensch zu Mensch. Das ist in jedem einzelnen Falle ein Urindividuelles. Und die menschliche Seele muß die Möglichkeit haben, einen urindividuellen Impuls aus sich herauszutreiben, der sich nicht dadurch charakterisieren läßt, daß man sagt, er soll eine Maxime sein können für alle Menschen. Nein, dasjenige, was für alle Menschen Maxime sein kann, hat die allergeringste moralische Impulsität, trägt nicht den Menschen moralisch durchs Leben, sondern dasjenige, was ihn im individuellsten Sinne unmittelbar im Erscheinen nötigt, sich so oder so zu verhalten.

[ 15 ] The important thing is to realize that, in the realm of natural laws, one must naturally strive for abstractions and generalities; but this mode of thinking, which strives for such abstractions and such universal validity, leads one away from that aspect of the human being that demands to be grasped—that which, if one wishes to perceive the moral impulses with the eye of the soul, that is, that which directly sustains and animates human beings in their moral life. For that which makes us moral human beings must be kindled by the immediate circumstances of life, by the immediate relationship between one person and another. This is, in every single case, something fundamentally individual. And the human soul must have the possibility of driving forth from within itself a primordial individual impulse that cannot be characterized by saying that it should be capable of serving as a maxim for all human beings. No, that which can serve as a maxim for all people possesses the very least moral impetus; it does not sustain a person morally through life, but rather that which, in the most individual sense, compels him directly in the moment to act in one way or another.

[ 16 ] Im unmittelbaren Leben trägt den Menschen im moralischen Sinne nicht irgendein Begriff, nicht irgendeine Vorstellung, sondern ihn trägt da lediglich die Liebe. Und es war mein Bestreben vor 25 Jahren schon in meiner «Philosophie der Freiheit», gegen die abstrakte Tendenz des Kantianismus diese individuelle Sittlichkeitslehre zu begründen. Diese individuelle Sittlichkeitslehre ist vor allen Dingen durchdrungen von der Erkenntnis, daß dasjenige, was sittliches Handeln ist, nur hervorgehen kann aus einer solchen Liebe zu der betreffenden zu verrichtenden Handlung, die gleich ist der Liebe zu einem einzelnen menschlichen Individuum. Liebe muß walten in der Handlung, die eine sittliche genannt sein will, Liebe, die nicht Selbstliebe ist, sondern die gerade das Selbst zurückdrängt und an die Stelle des Selbstes dasjenige setzt, was geschehen soll aus reiner Liebe heraus. Die individuelle Einsicht, daß die Handlung, die mir obliegt, vollzogen werden soll, macht in Wahrheit die Handlung zu einer sittlichen.

[ 16 ] In everyday life, what sustains human beings in a moral sense is not some concept or idea, but simply love. And it was my aim, as early as 25 years ago in my Philosophy of Freedom, to establish this individual ethics as a counterpoint to the abstract tendency of Kantianism. This individual ethics is, above all, permeated by the realization that what constitutes moral action can arise only from a love for the specific action to be performed that is equal to the love for a single human individual. Love must prevail in the action that claims to be moral—a love that is not self-love, but rather one that pushes the self aside and replaces it with that which is to be done out of pure love. The individual insight that the action incumbent upon me is to be carried out is what truly makes the action moral.

[ 17 ] Nun habe ich ja vorgestern folgendes auszuführen gehabt: In demjenigen Bewußtsein, welches gewissermaßen erst herausspringt aus dem gewöhnlichen menschlichen Bewußtsein, das im gewöhnlichen Leben und auch in der allgemein bekannten Wissenschaft herrscht, in diesem übersinnlichen Bewußtsein — so möchte ich es jetzt nennen — waltet gerade diejenige Kraft, die im gewöhnlichen abstrakten Denken, im intellektuellen Denken, nicht herrscht, die Kraft der Liebe. Selbstverständlich ist damit nicht behauptet, daß die Tätigkeit, welche der Geistesforscher ausübt, indem er jenes Hineinschauen in die geistige Welt, von dem ich vorgestern sprach, in sich entwickelt, daß diese Tätigkeit gleich sei mit dem, was die Seele vollbringt, indem sie moralisch empfindet. Nicht gleich ist sie, aber gleichartig: So wie die Seele im gewöhnlichen Leben auf einem gewissen Gebiete wirkt, indem sie moralisch empfindet, in der gleichen Weise betätigt sie sich eben auf einem ganz anderen Gebiete, indem sie eine Kraft, die sonst schlummert, auferweckt, indem sie in die geistige Welt hineinschaut und dasjenige entwickelt, was man als das Endziel der übersinnlichen Erkenntnis bezeichnen kann, die intuitive Erkenntnis. Man steigt auf — Sie können das in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» nachlesen und in anderen Schriften von mir —, man steigt auf von der imaginativen zur inspirierten, zur intuitiven Erkenntnis. Dasjenige, was man intuitive Erkenntnis nennt, ist nicht gleich dem Lieben im moralischen Gebiete, aber die Lage, in der sich die Seele des Menschen befindet gegenüber den geistigen Wesenheiten und geistigen Ereignissen, die sie anschaut und in die sie hineinschaut durch die Intuition, die Lage der Seele in diesem übersinnlichen Anschauen, wenn diese Seele mit übersinnlicher Wesenheit zusammenkommt, diese Lage der Seele ist dieselbe, wie auf sinnlichem Gebiete, auf physischem Gebiete, die Lage der Seele ist, wenn sie in Liebe moralisch empfindet. Die Seelenlage ist dieselbe.

[ 17 ] Now, the day before yesterday I had the following to explain: In that consciousness which, in a sense, first emerges from ordinary human consciousness—the consciousness that prevails in everyday life and also in conventional science—in this supersensible consciousness—as I would now like to call it—prevails precisely that force which does not prevail in ordinary abstract thinking, in intellectual thinking: the force of love. Of course, this does not mean to claim that the activity the spiritual researcher engages in—by developing within himself that insight into the spiritual world of which I spoke the day before yesterday—is the same as what the soul accomplishes through moral feeling. It is not the same, but it is of the same nature: just as the soul acts in a certain sphere in ordinary life through moral feeling, in the same way it acts in a completely different sphere by awakening a power that otherwise lies dormant, by looking into the spiritual world and developing what can be described as the ultimate goal of supersensible knowledge—intuitive knowledge. One ascends—you can read about this in my book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in my Esoteric Science, as well as in other writings of mine—one ascends from imaginative to inspired to intuitive knowledge. What is called intuitive knowledge is not the same as love in the moral realm, but rather the state in which the human soul finds itself in relation to the spiritual beings and spiritual events that it beholds and into which it looks through intuition; the state of the soul in this supersensible beholding, when this soul encounters a supersensible being—this state of the soul is the same as, in the sensory realm, in the physical realm, the state of the soul is when it feels love in a moral sense. The soul’s state is the same.

[ 18 ] Daher darf diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, von der hier gesprochen wird, sagen: Innerhalb ihrer eigenen Betätigung wird auf höherer geistiger Stufe gerade diejenige Fähigkeit der menschlichen Seele gepflegt, die sich im moralischen Leben verwirklicht. Deshalb wird dasjenige, was gerade durch die gloriose Ausbildung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis in den Hintergrund gedrängt worden ist, der Hinblick, die Hinneigung zu jener Kraft in der Seele, die dem moralischen Handeln notwendig ist, besonders gepflegt durch die Geisteswissenschaft. Und so darf gesagt werden: Wenn man den Kantianismus ansieht, wenn man ansieht die besondere Vorstellungsart der naturwissenschaftlichen Denkweisen, so sind diese so geartet, daß sie das frühere, mehr instinktive Leben des Menschen, das die moralischen Impulse geliefert hat, gewissermaßen ins Unbewußte hinunterdrängen. Dasjenige aber, was als Geisteswissenschaft kommen muß, das hebt wiederum herauf diese Kräfte, die mit dem moralischen Empfinden verwandt sind. Und was früher als instinktive moralische Empfindungen in den Menschen lebte, wird heraufgehoben werden ins volle Bewußtsein, in die lichte Klarheit dadurch, daß Geisteswissenschaft sein wird.

[ 18 ] Therefore, this anthroposophically oriented spiritual science, of which we are speaking here, may say: Within its own practice, on a higher spiritual level, it is precisely that capacity of the human soul which is realized in moral life that is cultivated. For this reason, what has been pushed into the background precisely by the glorious development of scientific knowledge—namely, the attention to and inclination toward that power in the soul which is necessary for moral action—is particularly cultivated by spiritual science. And so it may be said: When one considers Kantianism, when one considers the particular mode of conception characteristic of scientific ways of thinking, these are of such a nature that they, so to speak, push the earlier, more instinctive life of the human being—which provided the moral impulses—down into the unconscious. But what must come as spiritual science, in turn, raises up these forces that are related to moral feeling. And what formerly lived in human beings as instinctive moral feelings will be raised up into full consciousness, into bright clarity, through the advent of spiritual science.

[ 19 ] So kann man begreifen, daß gerade in der Zeit, in der die Menschheit aus einem mehr instinktiven Seelenleben heraustrat und zuerst einseitig auf dem Gebiete des intellektuellen Erkennens der Natur sich ausbildete, daß da zunächst — immer ist das Leben Flut und Ebbe, ein Hin- und Herschwingen — zurücktrat der Sinn, der sich unmittelbar hinrichtet auf das, was im Menschen moralisch lebt. Und so bleibt, während schon auf der einen Seite, auf dem Gebiete der Naturwissenschaft der Mensch zu ganz unermeßlich großen Triumphen kam mit Bezug auf die Erkenntnis, so bleibt gerade während dieses naturwissenschaftlichen Zeitalters bis heute der Sinn, der bewußte Sinn für die moralischen Impulse ungepflegt. Er wird aufgehen, wenn gerade in den Mittelpunkt des Seelenlebens treten wird diejenige Kraft für die Erkenntnis der höheren übersinnlichen Welten, die auf einer anderen Stufe im gewöhnlich moralischen Empfinden in der Seele leben muß.

[ 19 ] Thus one can understand that precisely at the time when humanity emerged from a more instinctive spiritual life and first developed one-sidedly in the realm of intellectual understanding of nature, there was initially—for life is always a ebb and flow, a back-and-forth oscillation—the sense that is directly attuned to what lives morally within the human being receded. And so, while on the one hand, in the realm of natural science, humanity has achieved truly immeasurable triumphs in terms of knowledge, precisely during this age of natural science—and continuing to this day—the sense, the conscious sense for moral impulses, remains neglected. It will dawn when the very force for the knowledge of the higher supersensible worlds—which must dwell within the soul at a different level than ordinary moral feeling—steps into the very center of the soul’s life.

[ 20 ] Nun bringt die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, diese Vorstellungen über die übersinnlichen Welten zustande. Einige von diesen Vorstellungen sind ja vorgestern mitgeteilt worden; Sie können weiteres in den schon genannten Schriften und in anderen Schriften, die mit ihnen verwandt sind, finden. Werden diese geisteswissenschaftlichen Vorstellungen so wie die naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Menschheit aufgenommen werden, so werden sie im Seelenleben eine andere Bedeutung haben als die naturwissenschaftlichen Vorstellungen. Diese geisteswissenschaftlichen Vorstellungen sind hervorgeholt aus solchen Gebieten der Seele, wo die mit der moralischen Liebe verwandte Seelenkraft gepflegt wird. Sie wirken daher wiederum zurück auf die Liebefähigkeit des Menschen und damit auf die unmittelbar individuellen Impulse des moralischen Lebens. Während das Zeitalter der Abstraktionen, der Anbetung des nur theoretischen Hinweisens auf das ganz Abstrakte: Handle so, daß die Maximen deines Handelns Richtschnur für alle Menschen werden können —, nur sozusagen eine allgemeine Definition geben konnte, einen allgemeinen Begriff hinpfahlen konnte, wird dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, unmittelbar eingreifen können ins Leben, wird unmittelbar die Seele erwärmen können, so daß sie im einzelnen Falle dem Leben verständnisvoll sich gegenüberstellt und aus der Intuition des Lebens im individuellen Falle den sittlichen Impuls bekommt. Dann wird von dieser Geisteswissenschaft eine ganz andere Art von sittlicher Beeinflussung ausgehen als von irgendeiner abstrakten Sittentheorie oder einer Summe von moralischen Grundsätzen. Es wird dasjenige ausgehen, was dem Menschen nicht bloß seine Maximen unmittelbar sittlich macht, denn man kann es ja doch im Leben sehen — ich habe das auch hier schon zuweilen ausgesprochen und muß es immer wieder sagen —: Moralische Predigten helfen nicht viel im menschlichen Leben, moralische Predigten helfen eigentlich im menschlichen Leben ebensowenig, wie das gute Zureden bei einem Ofen hilft, er soll das Zimmer warm machen, wenn man kein Holz hineinlegt. Legt man aber Holz in den Ofen, dann braucht man ihm nicht zuzureden, dann wird er warm und wärmt das Zimmer. Alles Reden: Es ist ein kategorischer Imperativ, daß du ein guter Mensch bist, daß du dich gegen deine Mitmenschen so oder so benimmst, daß du das oder das tust —, das gleicht der Rede: Es ist deine Ofenpflicht, daß du das Zimmer warm machst, du wärst doch sonst kein guter Ofen. — Man kann aber diese moralischen Reden unterlassen und einfach mit Holz einheizen; denn anders wird doch nichts daraus werden. So ist es mit dem, was als Geisteswissenschaft konkret auftritt.

[ 20 ] Now, spiritual science, as understood here, gives rise to these concepts of the supersensible worlds. Some of these concepts were, in fact, presented the day before yesterday; you can find more in the writings already mentioned and in other writings related to them. If these spiritual-scientific concepts are received by humanity in the same way as scientific concepts, they will have a different significance in the life of the soul than scientific concepts do. These spiritual-scientific concepts are drawn from those regions of the soul where the soul force related to moral love is cultivated. They therefore, in turn, have a reciprocal effect on a person’s capacity for love and thus on the immediate, individual impulses of moral life. Whereas the age of abstractions—the worship of merely theoretical references to the entirely abstract: “Act in such a way that the maxims of your actions may serve as a guide for all people”— could, so to speak, only provide a general definition, could only establish a general concept, spiritual science will be able to intervene directly in life, will be able to warm the soul directly, so that in each individual case it faces life with understanding and derives the moral impulse from the intuition of life in that particular instance. Then this spiritual science will exert a completely different kind of moral influence than any abstract theory of ethics or a set of moral principles. It will bring about what not only makes a person’s maxims immediately moral—for one can indeed see this in life—I have already expressed this here at times and must say it again and again—: Moral sermons do not help much in human life; in fact, moral sermons help just as little in human life as coaxing a stove to warm the room when no wood is put into it. But if you put wood in the stove, then you don’t need to coax it; it will heat up and warm the room. All this talk—that it is a categorical imperative for you to be a good person, to behave toward your fellow human beings in this or that way, to do this or that—is like saying: “It is your duty as a stove to heat the room; otherwise, you wouldn’t be a good stove.” — But one can dispense with this moral talk and simply stoke the stove with wood; for nothing else will come of it anyway. So it is with what appears concretely as the science of the spirit.

[ 21 ] Es wird gerade freilich von mancher Seite als ein Erfordernis unserer Zeit angesehen, immer wiederum zu betonen: Die Menschen sollen sich lieben. — Aber das ist nur eine unnütze Rederei, wenn nicht gar ein Unfug, wenn nicht gar eine bloße Maske dafür, daß man eben wenig Menschenliebe hat und sie daher um so mehr betont. Aber bei dieser Geisteswissenschaft ist es so: Je weniger sie redet von Liebe, je weniger sie das Wort Liebe eitel nennt, desto mehr wird stattfinden, daß die besonderen Imaginationen der Vorstellung, indem sie sich aus der Liebekraft hervorgehend in diese Seele hineinsetzen, wiederum entzünden das Verständnis, ich möchte sagen, die Begabung, in der individuellen Situation unmittelbar das Moralische zu entfalten.

[ 21 ] Admittedly, some people today regard it as a necessity of our time to emphasize again and again: People should love one another. — But that is merely empty talk, if not outright nonsense, if not simply a mask for the fact that one actually has little love for others and therefore emphasizes it all the more. But with this spiritual science, the situation is this: the less it speaks of love, the less it uses the word “love” in vain, the more it will come to pass that the particular imaginations of the mind—arising from the power of love and settling into the soul—will in turn kindle the understanding; I would say, the gift of immediately unfolding the moral in the individual situation.

[ 22 ] Was daher diese Geisteswissenschaft hoffen darf, wenn sie den Zugang findet zu den Menschen, das ist, daß sie nicht bloß sittliche Maximen gibt, sondern — wenn ich mich jetzt trivial ausdrücken darf — sittliches Heizmaterial selber ist. Daher wird dasjenige, was vertrocknet ist unter der bloßen naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die auf das Tote geht, wiederum auftauen, wird zum Leben erweckt werden gerade durch diese Geisteswissenschaft. Und in bezug auf das sittliche Leben des Menschen wird zu bemerken sein, daß, wenn versucht worden ist von dieser oder jener Seite, gerade naturwissenschaftliches Denken auch in die sittliche Welt einzuführen, daß dieses naturwissenschaftliche Denken auf sittlichem Gebiet nur zu Niedergangsbegriffen führen kann, weil es auch der Natur gegenüber nur das niedergehende Leben in Betracht zieht. Aber weil Geisteswissenschaft in ihrem Suchen verwandt ist mit der produktiven Kraft, die in der Liebe sich ausdrückt, wird Geisteswissenschaft auch in der Lage sein, der Menschheit wiederum produktive Sittlichkeit zu bringen, nämlich sittliche Aufgabe, sittliche Mission. Sie wird wiederum so etwas unter die Menschen bringen, daß diese nicht verzweifeln werden an der Frage: Was soll ich eigentlich tun? Was ist meine Aufgabe? —, sondern sie wird so unter den Menschen wirken, diese Geisteswissenschaft, daß die Menschen aus ihr heraus die Anregung empfangen, das und jenes im Leben zu tun und dadurch auch durch das Leben sittlich getragen und gehalten zu werden. Jene Mühseligen und Beladenen werden weniger werden, die gerade daran seelisch kranken und infolge davon auch körperlich kranken, daß sie im Grunde mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen, weil sie nichts haben in ihrem Denken, in ihren Vorstellungen und ihren Ideen, was herausquillen läßt aus der in ihrem Leben sicher vorhandenen Lebensaufgabe die sittliche Aufgabe.

[ 22 ] What this spiritual science may therefore hope for, if it finds a way to reach people, is that it does not merely provide moral maxims, but—if I may put it in trivial terms—is itself moral fuel. Thus, that which has withered away under the mere scientific knowledge that deals with the dead will thaw once more and be brought to life precisely through this spiritual science. And with regard to human moral life, it will be evident that whenever attempts have been made from one side or the other to introduce scientific thinking into the moral realm, such scientific thinking can lead only to concepts of decline in the moral sphere, because even in relation to nature it considers only life in decline. But because spiritual science, in its seeking, is akin to the creative power expressed in love, spiritual science will also be able to bring productive morality back to humanity—namely, a moral task, a moral mission. It will once again bring something among people such that they will not despair over the question: “What am I actually supposed to do?” What is my task? — Instead, this spiritual science will work among people in such a way that they receive from it the inspiration to do this or that in life and, through this, to be morally sustained and supported by life itself. There will be fewer of those who are weary and burdened—those who are spiritually ill, and consequently physically ill as well, precisely because they fundamentally do not know what to do with their lives, since they have nothing in their thinking, in their conceptions, and in their ideas that allows the moral task to well up from the life task that certainly exists within their lives.

[ 23 ] In der Geisteswissenschaft wird eben ein Wissen, eine Summe von Eigenschaften vorhanden sein, die den Menschen nicht leer sein lassen von dem Konzipieren solcher Lebensaufgaben, sondern die ihn durchtränkt mit sittlichem Impuls, so daß er sich in jedem Augenblick des Lebens sagen kann: Du hast dies oder jenes zu tun — und dann keine Zeit findet, mit der leeren Seele dahinzubrüten und nicht zu wissen, was mit dem Leben anzufangen, gehen zu müssen in Sanatorien da- oder dorthin, um sich von außen wesenlos anregen zu lassen, damit die Seele ausgefüllt werde, während sie in Wahrheit fruchtbar nur ausgefüllt werden kann, wenn aus den Tiefen ihres eigenen Innern heraus die Lebensaufgaben geholt werden können und das Wesen des Menschen durchtränken.

[ 23 ] In spiritual science, there will be a body of knowledge—a sum of qualities—that does not leave a person empty of the ability to conceive of such life tasks, but rather imbues them with a moral impulse, so that at every moment of life they can say to themselves: You have this or that to do—and thus finds no time to brood with an empty soul, not knowing what to do with life, or to have to go to sanatoriums here or there to be stimulated from the outside in a meaningless way so that the soul might be filled, whereas in truth it can be fruitfully filled only when life’s tasks are drawn from the depths of one’s own inner being and permeate the human essence.

[ 24 ] Man kann leicht einwenden — und manche Erfahrung, die man heute noch da machen kann, wo sogenannte Anhänger der geisteswissenschaftlichen Bewegung leben, bestätigt das —, man kann heute leicht sagen, man bemerke ja an diesen Anhängern der Geisteswissenschaft nicht, daß diese Früchte, von denen eben gesprochen wurde, bei ihnen sich zeigen; im Gegenteil, man findet, daß vielfach auf dem Boden, auf dem sich solche Anhänger bewegen, erst recht Selbstsucht und Egoismus, manchmal ein raffinierter, geistig nuancierter Egoismus sich entfaltet, daß wenig Menschenliebe gerade in diesem Kreise oftmals zu finden ist. Das soll durchaus für heute noch zugegeben werden. Dasjenige, was sich entwickeln soll, das muß sich erst durch manche Hüllen und manche Hindernisse hindurch entwickeln. Aber im Wesen der Sache liegt es, daß die Dinge sich so entwickeln. Es ist auch sehr begründet, daß zunächst etwas anderes erscheint. Und diejenigen haben gar nicht unrecht, die da sagen: Ja, die Geisteswissenschaft findet ja auch — ich habe vorgestern über diese Dinge gesprochen —, daß das gegenwärtige Leben des Menschen zurückweist auf frühere Erdenleben und in künftige Erdenleben hinweist — wobei zwischen den Erdenleben immer Leben in der geistigen Welt liegen —, daß gewissermaßen das Schicksal, das der Mensch jetzt erlebt, trotz seiner Freiheit abhängig ist von dem, was der Mensch sich mitbringt aus früheren Erdenleben, und daß, was er in diesem Erdenleben vollbringt, wiederum hinüberwirken wird in kommende Erdenleben.

[ 24 ] One might easily object—and certain experiences one can still have today in places where so-called followers of the spiritual science movement live confirm this—one might easily say today that one does not observe in these followers of spiritual science that the fruits just mentioned are manifesting themselves in them; on the contrary, one finds that, in many cases, in the milieu in which such adherents move, selfishness and egotism—sometimes a sophisticated, intellectually nuanced form of egotism—are all the more prevalent, and that little love for humanity is often to be found precisely in this circle. This must certainly be acknowledged even today. That which is to develop must first make its way through many veils and many obstacles. But it is in the very nature of things that they develop this way. There is also a very good reason why something else appears at first. And those who say, “Yes, spiritual science also finds”—I spoke about these things the day before yesterday—“that a person’s present life points back to earlier earthly lives and points toward future earthly lives—with lives in the spiritual world always lying between the earthly lives—that, in a sense, the fate a person is now experiencing despite their freedom, is dependent on what they bring with them from previous earthly lives, and that what they accomplish in this earthly life will, in turn, have an effect on future earthly lives.

[ 25 ] Gewiß, ich habe es gehört, wie satte Menschen, denen es recht gut ging im Leben, wenn man sie hingewiesen hat, daß sie doch etwas voraushaben vor denjenigen, die hungern und elend sind, ich habe es gehört, wie solche satte Menschen, die aber glaubten, recht gute Anhänger irgendeiner geisteswissenschaftlichen Richtung zu sein, sagten: Na, das ist ganz recht so, wir haben uns das im früheren Leben verdient, und der hat sich sein Leben, seinen Hunger im früheren Leben verdient! — Das ist nur ein radikaler Ausdruck für das, was aber vielfach auftritt, womit aus sehr regen materialistischen Empfindungen heraus die Menschen das benützen, was sie in der Geisteswissenschaft empfangen, um ihre materialistischen Empfindungen zu rechtfertigen. Selbstverständlich, wenn man die menschliche Individualität hinausdehnen muß sogar über dieses Einzelleben zwischen Geburt und Tod, wenn man hinzuweisen hat auf dasjenige, was überpersönlich in der menschlichen Individualität sich entwickelt und durch Erdenleben hindurch sich entwickelt, so kann dadurch der Egoismus aufgestachelt werden; geradeso wie der theoretische Egoismus vielfach aufgestachelt wird bei den zahlreichen Bekennern der Geisteswissenschaft, die nun nichts eiliger zu tun haben, als auszudenken, wer sie in ihrem vorigen Erdenleben waren. Solche finden sich ja auch sehr zahlreich. Aber was da zugrunde liegt, ist das Folgende.

[ 25 ] Indeed, I have heard how well-fed people, who were doing quite well in life, when it was pointed out to them that they do, after all, have an advantage over those who are starving and miserable—I have heard how such well-fed people, who nevertheless believed themselves to be quite devoted followers of some school of spiritual science, said: “Well, that’s quite right; we earned it in a previous life, and he earned his life—his hunger—in a previous life!” — This is merely a radical expression of a phenomenon that occurs frequently, whereby people, driven by very intense materialistic impulses, use what they receive from spiritual science to justify their materialistic impulses. Of course, when one must extend human individuality even beyond this single life between birth and death, when one must point to that which develops in a transpersonal way within the human individuality and evolves through earthly lives, this can stir up egoism; just as theoretical egoism is frequently stirred up among the numerous adherents of spiritual science who now have nothing more urgent to do than to speculate about who they were in their previous earthly lives. Such people are indeed very numerous. But what underlies this is the following.

[ 26 ] Der Mensch macht in der Regel zwei Stufen durch mit der Geisteswissenschaft. Die erste Stufe besteht darinnen, daß er dasjenige, was er aus der Geisteswissenschaft empfängt, zu seiner eigenen Befriedigung entgegennimmt, daß er gewissermaßen ein Begehren an ihr erfüllt findet, daß sie ihm wohltut, wohltuend ist für gewisse Sehnsuchten der Seele. Er ist froh, daß ihm etwas gesagt wird, womit sich leben läßt, er will etwas für sich, für seine Befriedigung in der Seele haben. Das ist die erste Stufe. Sie hat gewiß gerade in der heutigen Zeit, wo man von anderswoher weniger bekommen kann für die Befriedigung der Seele, große Berechtigung.

[ 26 ] As a rule, a person goes through two stages in their approach to spiritual science. The first stage consists in accepting what one receives from spiritual science for one’s own satisfaction—in finding, as it were, a desire fulfilled in it, in finding that it does one good and is soothing to certain longings of the soul. They are glad to be told something that makes life bearable; they want something for themselves, for their own inner satisfaction. That is the first stage. It is certainly very justified, especially in today’s world, where one can obtain little else from elsewhere to satisfy the soul.

[ 27 ] Aber die zweite Stufe ist die, wo man hinausgeht über das bloße Begehren, über das, was gerade einen raffinierten Egoismus, der bei so zahlreichen Anhängern der Geisteswissenschaft zu bemerken ist, erzeugt, wo man hinausgeht darüber, daß man etwas haben will für sich, was einen befriedigt, wo man übergeht zu dem, daß der Wille, daß der ganze Mensch in seinem Verhältnis zum Leben angeregt, durchsickert und durchdrungen wird von demjenigen, was einem Geisteswissenschaft geben kann. Dann hört allerdings gerade der Egoismus auf, dann werden Welten aufgerührt im Menschen, die den Menschen hinaustragen über jenen engen Umkreis, der im Brüten über die eigene Seele besteht und im Begehren, daß dieses Brüten seine Befriedigung finde. Da wird der Mensch dann hingelenkt von sich weg eben auf andere Menschen. Und es geht dasjenige, was man als ein individuell-sittliches Empfinden bezeichnen kann, über in das soziale Empfinden, aus dem dann das sittliche, das moralische Handeln hervorquillt, aus dem dasjenige, was gerade einer Grundforderung unserer Zeit entspricht, hervorgeht.

[ 27 ] But the second stage is the one where one goes beyond mere desire, beyond what gives rise to a subtle form of egoism—which is evident among so many followers of spiritual science—where one moves beyond simply wanting something for oneself that brings satisfaction, and transitions to a state in which the will—the whole human being in their relationship to life—is stirred, permeated, and infused by what spiritual science can offer. Then, indeed, egoism ceases; then worlds are stirred within the human being, carrying him beyond that narrow sphere consisting of brooding over one’s own soul and desiring that this brooding find its satisfaction. There, the human being is then directed away from himself toward other human beings. And what can be described as an individual moral sensibility transforms into a social sensibility, from which moral action then springs forth—and from which emerges precisely that which corresponds to a fundamental demand of our time.

[ 28 ] Wir berühren damit etwas, was allerdings tief in die Krise unserer Zeit eindringt. Wir berühren zu gleicher Zeit ein Gebiet, auf dem, trotzdem es so brennend ist, die denkbar größten Unklarheiten herrschen. Indem ich aber auf das soziale Gebiet übergehe, möchte ich gleich einleitend vielleicht auf das Wichtigste hinweisen. Man wird sehr leicht, wenn man von dem Aufsteigen des Menschen zu solchem übersinnlichen Erkennen, wie ich es vorgestern charakterisiert habe, spricht oder sprechen hört, die Empfindung haben: Das ist etwas sehr Entlegenes, das ist etwas dem gewöhnlichen Erdenleben ganz Fremdes.

[ 28 ] We are thus touching on something that, however, cuts deeply into the crisis of our time. At the same time, we are touching on a field in which, despite its pressing nature, the greatest possible ambiguities prevail. But as I turn to the social sphere, I would like to begin by pointing out what is perhaps most important. When one speaks of—or hears others speak of—the ascent of the human being to the kind of supersensible knowledge that I characterized the day before yesterday, one very easily gets the impression that this is something very remote, something entirely foreign to ordinary earthly life.

[ 29 ] Ganz so ist es nicht. Wenn man mit dem Ausdruck keinen Mißbrauch treibt, so kann man sagen: Der Besitzer übersinnlicher Erkenntnis ist eben ein Seher. Dann kann man die Meinung haben, er hält sich dafür, daß er etwas, was sonst alle Menschen nicht haben, erwirbt. Das ist aber nicht der Fall. Auf einem Gebiete befindet sich immer jeder Mensch — nur daß man es im gewöhnlichen Leben nicht weiß, daß man sogar, wenn es behauptet wird, nicht gleich einen Sinn damit verbinden kann —, befindet sich immer jeder Mensch in der Seelenverfassung, die man sich für die anderen Gebiete der Geisteswissenschaft erst mühselig so aneignen muß, wie vorgestern charakterisiert, damit man zur übersinnlichen Erkenntnis komme. Auf einem Gebiete befindet man sich immer in dieser Seelenverfassung, sonst würde man auf diesem einen Gebiete eben einfach blind sein. Und dieses eine Gebiet ist das, wenn man eben liebend von Mensch zu Mensch in ein Verhältnis tritt. Den anderen Menschen, zu dem man liebend in ein Verhältnis tritt, den betrachtet man von demselben Seelengesichtspunkte aus — aber eben nur den Menschen —, von dem aus man zu schauen hat, wenn man übersinnliche Erkenntnisse haben will. Nur muß man die Fähigkeit der Seele erst entwickeln, um in bezug auf anderes dieselbe Lage in seiner Seele herbeizuführen, die einfach durch Instinkt, durch das gewöhnliche Leben herbeigeführt wird, wenn man liebend einem anderen Menschen verständnisvoll, mit Interesse gegenübersteht und sich mit Interesse in seine Seelenart vertieft. In diesem Falle, wo man einem anderen Menschen mit innerem Anteil, mit tiefem Verständnis, mit wahrhaftigem Interesse für sein innerstes Seelenleben, für sein ganzes Sichdarleben, entgegentritt, in dem Augenblicke wird man — wenn ich so sagen darf — im gewöhnlichen Leben hellsichtig. Es ist dem Menschen eben nur zugeteilt im gewöhnlichen Leben, in diesem einen Falle hellsichtig zu werden; für die anderen Fälle hat er sich erst auf methodische Weise, auf mühsame Weise die entsprechenden Fähigkeiten anzueignen.

[ 29 ] That is not quite the case. If one does not misuse the term, one can say: The possessor of supersensible knowledge is, in fact, a seer. One might then think that he believes he has acquired something that no one else possesses. But that is not the case. In one particular realm, every human being is always in a state of mind—though in ordinary life we are unaware of it, and even when it is asserted, we cannot immediately grasp its meaning—every human being is always in the state of mind that one must laboriously acquire for the other realms of spiritual science, as characterized the day before yesterday, in order to attain supersensible knowledge. There is one realm in which we are always in this state of mind; otherwise, we would simply be blind in that one realm. And this one realm is that in which one enters into a loving relationship from one human being to another. One regards the other person with whom one enters into a loving relationship from the very same spiritual perspective—but only that person—from which one must look if one wishes to attain supersensible knowledge. One must first develop the soul’s capacity, however, to bring about within one’s soul—in relation to another—the same state that is brought about simply by instinct, through ordinary life, when one approaches another person lovingly, with understanding and interest, and delves into that person’s soul nature with interest. In this case, when one approaches another person with inner involvement, with deep understanding, and with genuine interest in their innermost soul life and their entire way of being, at that very moment one becomes—if I may put it this way—clairvoyant in ordinary life. It is simply the case that in ordinary life, a person is granted the ability to become clairvoyant in this one instance only; in other cases, they must first acquire the corresponding abilities in a methodical and laborious manner.

[ 30 ] Das aber: verständnisvoll, mit Interesse dem anderen Menschen entgegentreten zu können, überhaupt im Leben die Fähigkeit zu entwickeln, in die Eigenart des anderen Menschen sich vertiefen zu können, das begründet doch trotz aller heutigen Einsprüche das wahrhaftige soziale Leben. Daher, weil es im Grunde genommen die Fähigkeit ist, welche instinktiv im Menschen da sein muß, wenn er zum Menschen sich in ein Verhältnis setzen will, weil es die Fähigkeit ist, mit der man gerade die bedeutsamsten Forschungen der Geisteswissenschaft zustande bringt, so wirkt auf das soziale Leben, auf die Erweckung der sozialen Gefühle, gerade diese Geisteswissenschaft wiederum zurück. Diejenige Erkenntnis, die man sich für die übersinnliche Welt aneignen muß, die wirkt zurück auf das soziale Empfinden, erweckt wirkliches Verständnis für den Nebenmenschen, für den Mitmenschen. Und das ist das Bedeutsame.

[ 30 ] But this—the ability to approach another person with understanding and interest, and indeed to develop in life the capacity to delve into the uniqueness of another person—is what, despite all the objections raised today, constitutes true social life. Therefore, because it is, at its core, the capacity that must instinctively be present in a human being if they are to enter into a relationship with another human being—and because it is the very capacity through which the most significant research in the spiritual sciences is accomplished—this spiritual science, in turn, has a reciprocal effect on social life and on the awakening of social feelings. The knowledge one must acquire regarding the supersensible world has a reciprocal effect on social sentiment, awakening genuine understanding for one’s neighbor, for one’s fellow human beings. And that is what is significant.

[ 31 ] Daher entstanden gerade in derjenigen Zeit die sozialen Forderungen, in der auf der anderen Seite naturwissenschaftliches Denken mit seiner Abstraktionskraft, mit seiner bloßen Intellektualität, die höchsten Triumphe feierte. Vor dem 16. Jahrhundert finden wir eigentlich nicht, daß die Menschen gründlich, namentlich nicht wissenschaftlich, nachdachten über irgendwelche sozialen Forderungen. Alles soziale Leben war in das Instinktive getaucht. Mit dem Heraufkommen der naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten beginnt zu gleicher Zeit die Notwendigkeit, soziale Begriffe sich anzueignen, bewußte soziale Empfindungen geltend zu machen. Und wenn wir sehen, wo in der radikalsten Weise die sozialen Forderungen auftreten, beim Industrieproletariat, von dem sie eigentlich ausgestrahlt sind, so finden wir, daß dieses Industrieproletariat seine ganzen Denkgewohnheiten entwickelt hat an dem, was auch erst in der neueren Zeit, und zwar gerade mit Hilfe der Naturwissenschaft, heraufgekommen ist: an der modernen Mechanistik, der modernen Maschinenkultur und so weiter. Ein Ergebnis der modernen Maschinenkultur ist das moderne Proletariat. Was, ich möchte sagen, an der äußerlich realisierten naturwissenschaftlichen Denkungsart, an dem modernen mechanistischen Kulturelemente das moderne Proletariat erlebt hat, also auf einem Umwege aus dem naturwissenschaftlichen Fortschritt heraus, das hat im Grunde die besondere Art, intellektuell sich hinzulenken auf die soziale Forderung, erzeugt. Indem zurückgedrängt worden ist durch alles das, was da in Betracht kommt, gerade die mit dem Hellseherischen verwandte Stellung des Menschen zwischen Mensch und Mensch, trat das soziale Element in diesen letzten Jahrhunderten wesentlich zurück. Und weil es zurückgetreten ist, weil die sozialen Instinkte nicht mehr geltend sind, entstehen die intellektuellen sozialen Forderungen.

[ 31 ] This is why social demands arose precisely during that period when, on the other hand, scientific thinking—with its power of abstraction and its sheer intellectuality—was celebrating its greatest triumphs. Before the 16th century, we do not actually find that people reflected thoroughly—and certainly not scientifically—on any social demands. All social life was steeped in instinct. With the emergence of scientific modes of thought, the need to acquire social concepts and to assert conscious social sentiments began at the same time. And when we look at where social demands arise in the most radical way—among the industrial proletariat, from which they actually emanate—we find that this industrial proletariat has developed its entire way of thinking based on what has only emerged in recent times, and specifically with the help of the natural sciences: modern mechanistic thought, modern machine culture, and so on. One result of modern machine culture is the modern proletariat. What, I would say, the modern proletariat has experienced in the outwardly realized scientific way of thinking—in the modern mechanistic cultural elements—that is, indirectly through scientific progress—has essentially given rise to this particular way of intellectually orienting itself toward social demands. Because all of these factors have suppressed precisely that aspect of human relations—the position between one person and another that is akin to clairvoyance—the social element has receded significantly in recent centuries. And because it has receded, because social instincts no longer prevail, intellectual social demands have arisen.

[ 32 ] Nun ist es sehr eigentümlich mit diesem Menschenleben. Wenn wir es nicht nur so betrachten, daß wir hinschauen auf das, was der Mensch ist als Leibeswesen in der physischen Umgebung, sondern aufmerksam darauf werden durch die Geisteswissenschaft, daß er als Seele in einer geistigen Umgebung ist, von der er nur durch das gewöhnliche Bewußtsein nichts weiß, dann verteilt sich das ganze menschliche Wesen zwischen physischer Welt und geistiger Welt. Auf eigentümliche Art verteilt es sich. Wenn wir zunächst auf unsere Naturanschauung hinblikken, auf das, was sich in der Naturwissenschaft auslebt, und auf das, was mit der Naturwissenschaft zusammenhängt, was ist da der Fall? Da ist das Merkwürdige, daß alle Fragen für das, was die Naturwissenschaft gibt, aus dem Geistigen kommen. Die Fragen kommen ja aus dem Geiste; gewiß, sie können, wie es in alten Zeiten getan wurde, hereingeholt werden aus dem Geiste, oder, wie in den neueren Zeiten es die Naturforscher tun, sie können durch Erbschaft übernommen werden von den Zeiten, wo sie sich instinktiv in das Menschengemüt hereingepflanzt haben.

[ 32 ] Now, there is something very peculiar about human life. If we do not merely view it by looking at what a human being is as a physical being in the physical environment, but rather become aware through spiritual science that the human being exists as a soul in a spiritual environment of which ordinary consciousness is unaware, then the entire human being is distributed between the physical world and the spiritual world. It is distributed in a peculiar way. If we first look at our view of nature—at what is expressed in the natural sciences and at what is connected with the natural sciences—what do we find? There is the curious fact that all questions regarding what the natural sciences provide arise from the spiritual realm. The questions do indeed come from the spirit; certainly, they can be drawn from the spirit, as was done in ancient times, or—as natural scientists do in more recent times—they can be inherited from the times when they instinctively took root in the human mind.

[ 33 ] Was wir experimentierend beobachten, das ist auf dem Gebiete der Naturanschauung nur Antwort. Fragen liegen im Geiste. Die Antworten, die liegen hier auf dem physischen Gebiete. Das ist ein sehr interessanter Zusammenhang. Und weil in alten Zeiten, in älteren Zeiten vorhanden war dasjenige, was man in gewisser Beziehung atavistisches, instinktives geistiges Leben nennen kann, so wurden in alten Zeiten naturwissenschaftliche Fragen instinktiv aus der menschlichen Seele heraus geboren. Viel umfassender waren diese Fragen als dasjenige, was in äußeren naturwissenschaftlichen Beobachtungen, in den Experimenten, die Menschen sich selber verschaffen konnten als Antwort. Das Eigentümliche trat ein, daß die Fähigkeit, die Fragen instinktiv noch zu empfinden, zurücktrat. Noch nicht vorhanden war der Einblick in die übersinnlichen Welten, daher man nur die Erbschaft zurückbehielt in den naturwissenschaftlichen Fragen gerade in dem Zeitalter, in dem man die Methoden ausbildete für die Beobachtung, das Experiment und so weiter.

[ 33 ] What we observe through experimentation is, in the realm of our perception of nature, merely an answer. Questions lie within the mind. The answers, however, lie here in the physical realm. This is a very interesting connection. And because in ancient times—in earlier eras—there existed what, in a certain sense, might be called an atavistic, instinctive spiritual life, scientific questions in those times arose instinctively from the human soul. These questions were far more comprehensive than the answers people could obtain for themselves through external scientific observations and experiments. What was peculiar was that the ability to still intuitively sense these questions began to recede. Insight into the supersensible worlds was not yet available; therefore, only the legacy of these questions remained in the realm of natural science—precisely in the age when methods for observation, experimentation, and so on were being developed.

[ 34 ] Wer einigermaßen verständnisvoll für eine solche Sache gerade die heutige Naturwissenschaft betrachtet, gerade die ausgezeichnetsten Leistungen auf diesem Gebiete, der kommt darauf, daß die Fragestellungen alle ererbt sind aus sehr alten Zeiten und sogar nach und nach immer blasser und blasser werden. Und die Antworten sind durchaus durch dieses Blasserwerden der Fragestellungen beeinträchtigt. Würde nicht Geisteswissenschaft auftauchen, welche aus der geistigen Welt neue Fragestellungen für die Naturwissenschaft zu liefern vermag, so daß dasjenige, was die Beobachtung durch das Experiment findet, in der richtigen Weise beleuchtet werden kann, so würde man allmählich eine vollständige Lähmung trotz aller äußeren methodischen Tätigkeit im naturwissenschaftlichen Leben erfahren müssen, wie man das heute schon sehr deutlich erleben kann, wenn man nur den Sinn hat dafür. Das ist mit Bezug auf die Naturanschauung der Fall.

[ 34 ] Anyone who approaches modern science—and specifically its most outstanding achievements in this field—with a reasonable degree of understanding will come to realize that the questions posed all stem from very ancient times and are, in fact, gradually becoming increasingly vague. And the answers are certainly compromised by this growing vagueness of the questions. If spiritual science were not to emerge—a science capable of providing new questions for natural science from the spiritual world, so that what is discovered through experimental observation can be properly illuminated—then, despite all external methodological activity in the life of natural science, we would gradually experience a complete paralysis, as can already be seen very clearly today if one is only attuned to it. This is the case with regard to the view of nature.

[ 35 ] Mit Bezug auf das soziale und sittliche Leben ist das Umgekehrte der Fall. Da offenbaren sich innerhalb der physischen Welt, der sinnlichen Welt, die Fragen, die Forderungen; und innerhalb der geistigen Welt kommen erst die Antworten. Da ist das Umgekehrte der Fall.

[ 35 ] With regard to social and moral life, the opposite is true. There, the questions and demands arise within the physical world, the sensory world; and the answers come only from within the spiritual world. There, the opposite is true.

[ 36 ] Nun hatte der Mensch früher ein instinktives Geistesleben, das ihm gewissermaßen, ohne daß er es bewußt innehatte, auf die Forderungen, die das soziale, das sittliche Leben hier in der physischen Welt stellt, aus dem Geiste heraus die Antworten gab. Was der Mensch früher an sittlichen und sozialen Maximen hervorgebracht hat, das war instinktiv hervorgebracht. Die Zeit, wo diese Instinkte in der Menschennatur gewirkt haben, sie ist vorüber. Wir leben in dem Zeitalter, wo der Mensch zur Bewußtheit übergehen muß, wo der Mensch vor allen Dingen fortgeschritten ist in bezug auf die Intellektualität, die im instinktiven Zeitalter noch nicht so lichtvoll vorhanden war wie gerade jetzt. Aber dieser Intellekt wirkt in seiner anfänglichen Naivität in einer gewissen Weise, ich möchte sagen, instinktiv.

[ 36 ] In the past, human beings had an instinctive spiritual life that, in a sense, provided answers from within the spirit—without their being consciously aware of it—to the demands posed by social and moral life here in the physical world. The moral and social maxims that human beings produced in the past were produced instinctively. The time when these instincts were at work in human nature is over. We live in an age in which human beings must transition to consciousness, an age in which human beings have advanced above all in terms of intellectuality—which was not yet as luminous in the instinctive age as it is now. But this intellect, in its initial naivety, operates in a certain way—I would say—instinctively.

[ 37 ] So traten zunächst herein in bezug auf das soziale Leben die sozialen Fragen, die sozialen Forderungen. Und die Antworten werden nimmermehr gefunden werden können anders, als daß man aufsteigt in die Welt des Übersinnlichen, aus der allein die Antworten kommen können. Für eine wirkliche Sozialwissenschaft, welche die notwendigen Antworten auf drängende, durch das Leben aufgegebene soziale Fragen der Gegenwart geben kann, brauchen wir die geisteswissenschaftliche Vertiefung, denn nur sie wird auf diese Antworten kommen. Und unser Zeitalter ist es selber, welches erhärtet, was in dieser Richtung eben gesagt werden muß.

[ 37 ] Thus, with regard to social life, social questions and social demands first came to the fore. And the answers can never be found in any other way than by ascending into the world of the supernatural, from which alone the answers can come. For a true social science capable of providing the necessary answers to the pressing social questions of the present posed by life itself, we need the depth of the humanities, for only they will arrive at these answers. And it is our own age that confirms what must be said in this regard.

[ 38 ] Wir sahen vorbeigehen in den letzten viereinhalb Jahren eine furchtbare Menschheitskatastrophe. Wir sehen heute über weite Ländergebiete der Erde ausgebreitet dasjenige, was aus dieser furchtbaren Erdenkatastrophe hervorgegangen ist, was noch manches in seinem Schoße enthält, das mit Besorgnis den Menschen blicken läßt auf die nächste Zukunft. Derjenige, der unbefangen diese Verhältnisse beobachtet, der wird eine Frage nicht so aufwerfen, wie sie gewöhnlich abstrakt aufgeworfen wird: Was hat denn eigentlich diese kriegerische Katastrophe über die ganze Welt in einer so furchtbaren Gestalt gebracht? — Wer geisteswissenschaftlich denkt, der denkt mit der Wirklichkeit auf allen Gebieten, der denkt nicht in Theorien, nicht in Abstraktionen, der weist überall auf Wirklichkeiten hin. Das, was diese furchtbare Katastrophe bewirkt hat, zeigt sich in dem, was nunmehr zurückgeblieben ist. Viel mehr als etwas anderes ist der vorläufige Ausgang dieser Katastrophe das Hinwegziehen eines Schleiers, und die Wahrheit tritt jetzt in ihrer nackten Gestalt über Ost- und Mitteleuropa und wohl auch über anderen Gegenden auf. Was jetzt auftritt, was sich jetzt zeigt in dem sozialen Chaos über die Erde hin, ja das war früher nicht etwa nicht da, das war nur in einer Scheinordnung gehalten, das war nur überdeckt. Die Katastrophe hat nur den Schleier hinweggezogen. Jetzt macht es sich geltend, was verdeckt war, und wir sehen dasjenige, was jetzt enthüllt wird. Wir sehen dasjenige, was als soziale Forderungen da lebt und was schreit nach den Antworten. Diese Antworten werden nicht gegeben von denen, die nach dem Muster naturwissenschaftlicher Begriffe vorgehen — wenn auch noch so geistreich und für das Proletariat einleuchtend, wie die marxistischen Begriffe es sind —, diese Antworten werden nicht gegeben durch solche Begriffe, die gerade nur vom sinnlichen Leben genommen werden wollen, sondern diese Antworten können nur gegeben werden aus den Quellen des geistigen Lebens heraus.

[ 38 ] Over the past four and a half years, we have witnessed a terrible catastrophe befalling humanity. Today, spread across vast regions of the Earth, we see what has emerged from this terrible global catastrophe—a situation that still holds within it many things that cause people to view the near future with concern. Anyone who observes these circumstances impartially will not pose the question in the abstract way it is usually posed: What, in fact, has this war-induced catastrophe brought upon the entire world in such a terrible form? — Those who think in terms of the spiritual sciences think in terms of reality in all areas; they do not think in theories or abstractions, but point to realities everywhere. What this terrible catastrophe has brought about is evident in what now remains. More than anything else, the preliminary outcome of this catastrophe is the lifting of a veil, and the truth now emerges in its naked form across Eastern and Central Europe—and likely in other regions as well. What is now emerging, what is now revealed in the social chaos sweeping across the earth—well, it wasn’t that it wasn’t there before; it was merely held in a semblance of order, it was merely concealed. The catastrophe has merely pulled back the veil. Now what was concealed is making itself felt, and we see what is now being revealed. We see what exists as social demands and what cries out for answers. These answers are not provided by those who proceed according to the model of scientific concepts—no matter how ingenious and convincing to the proletariat, as Marxist concepts are—these answers are not provided by concepts that seek to be derived solely from sensory life; rather, these answers can only be provided from the sources of spiritual life.

[ 39 ] Das ist dasjenige, was einem auch in unmittelbarer Beobachtung aufgeht, wenn man gewissenhaft und sorgfältig studiert, was in diesem oder jenem Punkt so aussichtslos, weil bloßen Raubbau treibend, bei diesen oder jenen Führern des heutigen sozialen Chaos zutage tritt. Diese Führer des heutigen sozialen Chaos, was können sie nur im Kopfe haben? Sie glauben, alte Klassen zu überwinden; sie haben aber nur die Gedanken dieser Klassen übernommen. Sie glauben, ein neues Menschenleben herbeizuführen, aber sie können es nur mit den Gedanken, die sie von dem alten Menschenleben übernommen haben. Karl Marx selber hat spottend über die Philosophen gesagt, sie hätten sich immer nur damit beschäftigt, durch Gedanken das Leben einzurichten; es käme aber darauf an, durch Gedanken das Leben umzugestalten. — Wäre er vollständig gewesen, hätte er den Schritt machen können aus dem physischen Leben ins Übersinnliche, so hätte er noch anderes sagen müssen. Dann wäre aber auch etwas ganz anderes herausgekommen. Er hätte dann sagen müssen: Diejenigen Gedanken, die bis nun gefällt worden sind, sind nur geeignet, das Leben im Sinnlichen so zu lassen, wie es ist; will man dieses Leben umgestalten, will man wirklich die Antworten auf die Fragen finden, die sich aus dem sozialen Chaos heraus entwickeln, dann braucht man andere Gedanken; denn die alten zeigen, daß sie das Leben nicht umgestalten können.

[ 39 ] This is precisely what becomes clear even through direct observation when one conscientiously and carefully studies what, on this or that point, appears so hopeless—because it amounts to mere exploitation—in the actions of certain leaders of today’s social chaos. These leaders of today’s social chaos—what on earth could they possibly have in mind? They believe they are overcoming old classes; yet they have merely adopted the ideas of those classes. They believe they are bringing about a new way of life, but they can do so only with the ideas they have inherited from the old way of life. Karl Marx himself said mockingly of the philosophers that they had always concerned themselves only with organizing life through thought; what matters, however, is to transform life through thought. — Had he been complete, had he been able to take the step from physical life into the supersensible, he would have had to say something else. But then something entirely different would have emerged. He would then have had to say: The thoughts that have been accepted up to now are only suitable for leaving life in the sensory realm as it is; if one wants to transform this life, if one truly wants to find the answers to the questions arising from social chaos, then one needs different thoughts; for the old ones show that they cannot transform life.

[ 40 ] Solch ein Geist wie Karl Marx mag lange schimpfen oder kritisieren über die Bourgeois-Gedanken, über das Bourgeois-Leben. Dem Proletarier ist das selbstverständlich einleuchtend. Und wie es dem Proletarier einleuchtend ist, darinnen muß man nur Erfahrung haben! Ich habe — wenn ich das einfügen darf, obgleich es eine persönliche Bemerkung ist — durch Jahre hindurch als Lehrer gewirkt in einer Arbeiter-Bildungsschule der sozialdemokratischen Partei. Ich weiß, was dem heutigen Proletarier einleuchtet; ich hatte Gelegenheit, kennenzulernen, was in diesen Seelen lebt, dasjenige, wovon sich ganze Schichten der heutigen Menschheit keine Vorstellungen machen. Das aber, um was es sich wirklich handelt, wird die Menschheit, auch durch das Proletariat hindurch, erst verstehen lernen müssen. Worum es sich eigentlich handelt, das ist, daß wir in einem Zeitalter leben, welches nicht mehr mit den alten Instinkten auskommen kann, aus denen das sittliche und soziale Leben der Menschen geflossen ist, welches vielmehr übergehen muß zu einer klaren, lichtvollen Erkenntnis der Antworten auf die sozialen und sittlichen Fragen, die hier im sinnlichen Leben aufgehen, aus der übersinnlichen Welt heraus.

[ 40 ] A mind like Karl Marx may rail or criticize bourgeois ideas and bourgeois life at length. To the proletarian, of course, this is self-evident. And just as it is self-evident to the proletarian—one need only have experience to see it! I have—if I may add this, even though it is a personal remark—worked for years as a teacher at a workers’ educational school run by the Social Democratic Party. I know what makes sense to today’s proletarian; I had the opportunity to get to know what lives in these souls—that which entire strata of today’s humanity cannot even begin to imagine. But what this is really all about, humanity—including the proletariat—will first have to learn to understand. What is actually at stake is that we live in an age that can no longer make do with the old instincts from which human moral and social life has flowed, but must rather transition to a clear, luminous understanding of the answers to the social and moral questions that arise here in sensory life, originating from the supersensible world.

[ 41 ] Damit gelangt man wiederum zu jenem WirklichkeitsStandpunkt, der verlorengegangen ist der Menschheit, die gerade heute glaubt, im Leben so recht in der Wirklichkeit drinnenzustehen. Es kommt einem diese Menschheit manchmal vor wie einer, der ein hufeisenförmiges Eisen sieht und dem einer sagt: Du, dieses hufeisenförmige Eisen, das aussieht wie ein anderes Eisen, das ist ein Magnet. — Ach, sagt der erste, das ist ja nur Eisen, damit beschlage ich mein Pferd. — Er glaubt nicht an die Wirklichkeit desjenigen, was er nicht mit Augen sieht. So ist es im Grunde beim materialistischen Denken mit der ganzen Welt. Man glaubt an ein Abstraktes, indem man gerade glaubt, in die Wirklichkeit hineinzuschauen. Man steht ferne der wahren Wirklichkeit, weil zu der wahren Wirklichkeit dasjenige gehört, was den Dingen, den Vorgängen und den Wesen als das geistige Leben, das übersinnliche Leben zugrunde liegt. Und man entfernt sich von der Wirklichkeit in seinen Denkgewohnheiten, in seinen Empfindungen, in seinen Willensimpulsen, man entfernt sich für das sittliche und soziale Leben, wenn man sich von dem Geiste nicht durchtränken lassen will.

[ 41 ] This brings us back to that perspective on reality that has been lost to humanity—a humanity that, especially today, believes it is so deeply immersed in reality. Sometimes this humanity seems like someone who sees a horseshoe-shaped piece of iron and is told: “Hey, that horseshoe-shaped piece of iron—it looks like any other piece of iron—is a magnet.”—“Oh,” says the first person, “that’s just iron; I’ll use it to shoe my horse.”—He does not believe in the reality of what he cannot see with his own eyes. This is essentially how materialistic thinking relates to the whole world. One believes in an abstraction precisely by believing that one is looking into reality. One stands far removed from true reality, because true reality includes that which underlies things, events, and beings as spiritual life, as the supersensible life. And one distances oneself from reality in one’s habits of thought, in one’s feelings, in one’s impulses of will; one distances oneself from moral and social life when one refuses to allow oneself to be imbued by the spirit.

[ 42 ] Während mit instinktivem Glauben die Menschen, ich möchte sagen, in übersichtlichen Verhältnissen lebten, die ihnen zeigten, wie alles das, in dem sie stehen, mit der Wirklichkeit zusammenhängt, leben sie heute in einer Weltenordnung, die kompliziert geworden ist, in der sie nicht einmal das Bestreben entwickeln für viele Dinge, das unmittelbare Verhältnis zur Wirklichkeit zu suchen. Was ein Bodenprodukt ist, was Kohl oder Weizen ist, und was Kohl oder Weizen als Ware für den Menschen für eine Bedeutung haben, das weiß der Mensch zunächst. Was die Verrichtung menschlicher Arbeit bedeutet von Mensch zu Mensch, das weiß er auch noch; was eine geistige Leistung bedeutet, das weiß er auch noch, weil er zur Befriedigung seiner Seelenbedürfnisse geistige Leistungen entgegennehmen will. Solange der Mensch innerhalb des Umkreises solcher Dinge steht, verbindet er die Vorstellungen, die er darüber gewinnt, und dasjenige, was er aus dem Leben infolge dieser Vorstellungen macht, mit der unmittelbaren Wirklichkeit. Aber das Leben ist komplizierter geworden, und heute gibt es viele Dinge im äußeren Leben, für die der Mensch kaum noch die Möglichkeit hat, auch nur daran zu denken, wie diese Dinge mit der unmittelbaren Wirklichkeit zusammenhängen. So sonderbar das klingt, für Wichtigstes ist dies der Fall. Was weiß der Mensch, wie Kapital, Zins, Rente, Geld selbst oder gar Kredit zusammenhängt mit demjenigen, was durch Kapital, durch Rente, durch Zins, durch Kredit, durch Geld im Leben vorgeht und in dem er drinnensteht? Der Mensch gibt nur Geldstücke von einer Hand in die andere; der Mensch bedient sich der Zinsanweisung, bedient sich der Rente für sein Leben. Wo hat er die Möglichkeit heute, daran zu denken, was es heißt: Geld aus einer Hand in die andere übergehen zu lassen, daß man im Grunde genommen, indem man Geld aus der einen Hand in die andere übergehen läßt, soundso viel menschliche Arbeitskraft aus einer Hand in die andere übergehen läßt!

[ 42 ] While, guided by instinctive faith, people—I would say—lived in clear and orderly circumstances that showed them how everything in their lives was connected to reality, today they live in a world order that has become complicated, one in which they do not even develop the desire, in many cases, to seek a direct relationship with reality. People know, at first glance, what a crop is—what cabbage or wheat is—and what significance cabbage or wheat has for them as commodities. They also know what the performance of human labor means from one person to another; they also know what an intellectual achievement means, because they seek to receive intellectual achievements to satisfy their spiritual needs. As long as a person remains within the sphere of such things, they connect the ideas they form about them—and what they make of life as a result of these ideas—with immediate reality. But life has become more complicated, and today there are many things in external life for which a person hardly has the opportunity even to consider how these things are connected to immediate reality. As strange as it may sound, this is the case for the most important things. What does a person know about how capital, interest, annuities, money itself, or even credit are connected to what happens in life—and in which they are immersed—through capital, annuities, interest, credit, and money? A person merely passes coins from one hand to the other; a person makes use of interest payments and annuities to support their livelihood. Where do they have the opportunity today to reflect on what it means to let money pass from one hand to the other—that, in essence, by letting money pass from one hand to the other, they are letting a certain amount of human labor power pass from one hand to the other!

[ 43 ] Oder man braucht nur noch an etwas anderes zu erinnern, um zu sehen, wie die Menschen heute hier den Zusammenhang mit der Wirklichkeit verloren haben. Jene Nationalökonomen, die heute die offiziellen Nationalökonomen sind und die oftmals so hilflos sind in bezug auf das Auffinden von wirklich sozialen Impulsen, die so Fruchtloses geleistet haben, was gerade jetzt sich in seiner Fruchtlosigkeit zeigt, wo es sich bewahrheiten und erwahren sollte im Leben, jene Nationalökonomen, sie können ebensowenig ganz klar Antwort darauf geben, was eigentlich Geld ist im sozialen Prozeß. Das ist ja ein Streit in der nationalökonomischen Wissenschaft, was Geld eigentlich ist. Es gibt sogenannte Metallisten und Nominalisten in der nationalökonomischen Wissenschaft in bezug auf das Geld. Die Metallisten behaupten, daß beim Geld in Betracht kommt der Metallwert, der Stoff als solcher. Die Nominalisten behaupten, daß bloß der Name, die Bewertung, die durch den Staat oder durch sonstige Korporationen dem betreffenden Stück zukommen, mit Ausschluß des metallischen Wertes, im sozialen Verkehr eine Bedeutung hat. Also nicht nur, daß man nicht Veranlassung nimmt, in diesen Dingen mit seinem ganzen Empfinden, mit seinem ganzen Menschenleben die Wirklichkeit zu verfolgen, sondern man weiß gar nicht einmal in der Wissenschaft, wie diese Dinge mit der Wirklichkeit zusammenhängen.

[ 43 ] Or one need only recall something else to see how people here today have lost touch with reality. Those economists—who are today’s official economists and who are often so helpless when it comes to identifying truly social impulses, who have produced such fruitless results, the fruitlessness of which is becoming apparent precisely now, when it should be proving itself and coming to fruition in life—those economists are just as unable to provide a clear answer to the question of what money actually is in the social process. This is, after all, a point of contention in the field of economics: what money actually is. In the field of economics, there are so-called metallists and nominalists with regard to money. The metallists assert that what matters in money is the metal value—the material itself. The nominalists assert that only the name and the value assigned to the piece in question by the state or other corporations—excluding the metal value—has significance in social transactions. Thus, not only do people fail to use their entire sensibility and the entirety of their human experience to pursue reality in these matters, but even within the field of economics, there is no understanding of how these things relate to reality.

[ 44 ] Gerade auf diesem Felde zeigt sich, wie die Zeit drängt, die Wirklichkeit wieder zu finden. Das ist nun dasjenige, was Geisteswissenschaft den Menschen bringen kann: eine andere Art von geistiger Beweglichkeit und auch von geistiger Notwendigkeit. Es ist ja wahr: Geisteswissenschaft, so wie sie hier vorgetragen wird, finden viele Menschen schwer, weil sie sich anstrengen müssen, geistig anstrengen müssen; und man liebt heute nicht, sich geistig anzustrengen. Wenn man naturwissenschaftlich beobachtet, Experimente macht, beobachtet man die Vorgänge, und das Denken ist mehr nur so eine Begleitung. Das geht an der Hand der äußeren Vorgänge vor sich. Das liebt man überhaupt heute in der Zeit der Kinos, wo man sich gern etwas vormachen läßt, das man mit dem Denken nur begleitet; das liebt man heute, wo man natürlich weniger gerne zu solchen Vorträgen geht, bei denen man mitgehen soll; man liebt viel mehr das, wo Lichtbilder gezeigt werden, wo nicht so viel gedacht zu werden braucht. Gewiß, Geisteswissenschaft fordert schon Anstrengung, Aktivität des menschlichen Seelenlebens. Das ist es, warum sie sich so schwer einbürgert, warum sie so viele Gegner, scheinbare Gegner findet. Aber es ist auch die Kompensation da, es ist auch das Gegenbild da. Diese Geisteswissenschaft macht die Begriffe, macht das Ideenvermögen des Menschen beweglich, macht es so, daß es vor allen Dingen auch den Willen hat, eindringen zu wollen in dasjenige, was in der Wirklichkeit vorliegt. Daher wird Geisteswissenschaft gerade in denjenigen Wissensgebieten, die durch das heutige, ich möchte sagen, nur begleitende Denken zu nichts Rechtem kommen, namentlich in der Nationalökonomie zum Beispiel, in der Volkswirtschaftslehre, in der Sozialwissenschaft und im sozialen Leben selbst, Ordnung schaffen können. Sie wird die langen Wege gehen können, die von solchen Dingen wie Geld, Kapital, Zins, Rente, Kredit bis zu der Wirklichkeit restlos hinführen.

[ 44 ] It is precisely in this field that we see how urgent it is to rediscover reality. This is precisely what spiritual science can offer people: a different kind of mental agility and also a different kind of spiritual necessity. It is true, after all: many people find spiritual science, as it is presented here, difficult because it requires effort—intellectual effort—and people today do not like to exert themselves intellectually. When one observes through the natural sciences or conducts experiments, one observes the processes, and thinking is more of an accompaniment. It proceeds hand in hand with the external processes. People love that today, in the age of the movies, where they like to be entertained by something they merely accompany with their thoughts; that’s what people love today, when they’re naturally less inclined to attend lectures where they’re expected to engage; they much prefer events where slides are shown, where there’s no need to think so much. Certainly, spiritual science does require effort and activity on the part of the human soul. That is why it has such a hard time gaining acceptance, why it encounters so many opponents—or apparent opponents. But there is also a counterbalance, there is also a counter-image. This spiritual science makes concepts—it makes the human capacity for ideas flexible—so that, above all, it also possesses the will to penetrate what actually exists in reality. Therefore, spiritual science will be able to bring order precisely to those fields of knowledge that achieve nothing of substance through today’s—I would say—merely accompanying mode of thinking, namely in political economy, for example, in economics, in the social sciences, and in social life itself. It will be able to traverse the long paths that lead unbroken from such things as money, capital, interest, rent, and credit all the way to reality.

[ 45 ] Gewiß sind heute sehr viele Leute, die sagen: Was, das soll Geisteswissenschaft, diese hohe, erhabene Geisteswissenschaft, die ja nur in geistigen Dingen schweben soll, die soll so etwas Materialistisches erstreben wie das Verständnis für Kapital und Zins und Rente und Kredit und so weiter? Dies muß ja gerade überwunden werden, aus dem muß man ja gerade herauskommen, wenn man in die Erhabenheit der geistigen Höhen kommt. — Das mag nach der einen Seite ja ganz richtig sein, aber nach dieser einen Seite, nach der es richtig ist, befriedigt es doch, wenigstens für dieses Erdenleben, nur egoistische oder raffiniert egoistische Instinkte des Menschen. Dasjenige, worauf es ankommt, ist, daß diese Geisteswissenschaft gerade das Praktischste für dieses menschliche Leben sein kann, daß sie, wenn in der richtigen Weise eingeführt, gerade für diejenigen Dinge, die sonst wie Scheinwirklichkeit über der wahren Wirklichkeit schweben, die wahre Wirklichkeit durchschauen lassen wird.

[ 45 ] Certainly, there are many people today who say: What, is this supposed to be spiritual science—this lofty, sublime spiritual science, which is supposed to dwell only in spiritual matters—is it supposed to strive for something as materialistic as an understanding of capital, interest, rent, credit, and so on? This is precisely what must be overcome; this is precisely what one must move beyond if one is to reach the sublimity of the spiritual heights. — That may indeed be quite correct from one perspective, but from that one perspective—the one in which it is correct—it nevertheless satisfies, at least for this earthly life, only the selfish or subtly selfish instincts of human beings. What matters is that this spiritual science can be precisely the most practical thing for human life, that—when introduced in the right way—it will allow us to see through to true reality precisely in those areas that otherwise hover above true reality as a kind of illusory reality.

[ 46 ] Und so möchte ich, weil die Zeit drängt, auf eine Sache besonders hinweisen. Wer heute das proletarische Denken kennt — und das proletarische Denken bleibt noch immer das Wichtigste innerhalb der sozialen Frage —, der weiß, daß eine Aufstellung des Marxismus ganz besonders einleuchtend ist für den Proletarier, daß aus dem, was durch die proletarische Bewegung durch die Welt geht, die eine Forderung immer wieder besprochen wird in der verschiedensten Gestalt. Das ist das, daß Karl Marx den Leuten plausibel zu machen verstand: Es gibt auf dem Weltmarkt Waren, die werden gekauft nach Angebot und Nachfrage und so weiter. Da herrscht ein bestimmtes Gesetz. Aber unter diesen Waren ist durch die moderne soziale Ordnung auch eine ganz besondere Ware, das ist die menschliche Arbeitskraft, die der Unternehmer kauft. Andere Leute haben andere Waren, die sie zum Markt tragen und verkaufen, Gegenstände als Ware, die menschliche Bedürfnisse befriedigt. Derjenige, der sich heute als Proletarier empfindet, hat, weil er besitzlos ist, solche Dinge nicht zu verkaufen; er hat zu verkaufen nur seine menschliche Arbeitskraft. Die trägt er zum Markt, die wird ihm abgekauft nur für so viel, als gerade notwendig ist, um seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie zu bestreiten. Nur so viel, als die menschliche Gesellschaft aufbringen muß, um sein Leben zu fristen, bekommt er, während der Mehrwert — das ist ja der marxistische Ausdruck — von den Unternehmern eingeheimst wird oder in die übrige soziale Zirkulation übergeführt wird.

[ 46 ] And so, since time is of the essence, I would like to draw particular attention to one thing. Anyone familiar with proletarian thought today—and proletarian thought remains the most important aspect of the social question—knows that a presentation of Marxism is particularly compelling to the proletarian, and that, among the various ideas circulating through the world via the proletarian movement, one demand is discussed time and again in a wide variety of forms. This is what Karl Marx knew how to make plausible to people: There are commodities on the world market that are bought and sold according to supply and demand, and so on. A certain law governs this. But among these commodities, due to the modern social order, there is also a very special commodity: human labor power, which the entrepreneur buys. Other people have other commodities that they bring to market and sell—objects as commodities that satisfy human needs. The person who identifies as a proletarian today, because he possesses nothing, has no such things to sell; he has only his human labor power to sell. He brings this to the market, and it is purchased from him only for as much as is strictly necessary to cover his livelihood and that of his family. He receives only as much as human society must provide to sustain his life, while the surplus value—to use the Marxist term—is pocketed by the entrepreneurs or transferred into the rest of social circulation.

[ 47 ] Die Empfindung, daß er seine Arbeitskraft zu Markte tragen muß, das ist dasjenige, was in dem Proletarier lebt, das ist dasjenige, was er durch die sogenannte Vergesellschaftung der Produktionsmittel eben abschaffen will.

[ 47 ] The feeling that he must sell his labor power on the market—that is what drives the proletarian; that is precisely what he seeks to abolish through the so-called socialization of the means of production.

[ 48 ] Nun ist dieser Gedanke ein solcher, der, wenn er nicht angefaßt wird von einem tieferen Gesichtspunkte aus, große moralische Unzuträglichkeiten herbeiführen wird. Hingewiesen muß werden mit jener Denkkraft, die gewonnen wird durch den Wirklichkeitssinn, den die Geisteswissenschaft gibt, daß nicht in der Weise, wie es bei Auguste Comte auftritt, sondern noch in einer ganz anderen Weise etwas als Tendenz in der Entwickelung der Menschheit liegt, was heute herausfordert Neugestaltung von etwas ganz Bestimmtem. Das ist nämlich so: Wir können zurückschauen noch in die griechische Zeit. Wir haben ja die Segnungen dieser griechischen Kultur an vielen von uns hinreichend erlebt — oder auch nicht hinreichend erlebt —, aber diese griechische Kultur, sie weist uns zurück auf das griechische Sklaventum, und sie läßt uns dann weiter denken, wie das Sklaventum selbst nach und nach in der Menschheitsentwickelung verschwunden ist. Was ist denn übergegangen mit dem Sklaventum an den anderen Menschen? Der ganze Mensch. Fast noch mit der Leibeigenschaft ist der ganze Mensch an den andern Menschen übergegangen. Da mußte der ganze Mensch als Sklave an den andern Menschen übergehen. Es lag so in der Menschheitsentwickelung und entsprach den dazumaligen menschlichen Instinkten. Und wenn man auf der einen Seite die Erfahrung macht, daß Plato, der große Philosoph, die Sklaverei für notwendig hält, so muß man als die Kompensation, die damit stets verbunden ist, eben wissen, daß der Sklave aus seinen Instinkten heraus, aus patriarchalischem Gefühle heraus das Sklaventum nicht als dasjenige empfand, als was wir es heute in der Rückschau in der menschlichen Entwickelung empfinden. Es lag eben damals die Sklaverei in der menschlichen Entwickelung.

[ 48 ] Now, this idea is one that, if not approached from a deeper perspective, will lead to serious moral problems. It must be pointed out—with that power of thought gained through the sense of reality provided by spiritual science—that there is a tendency in the development of humanity, not in the way it appears in Auguste Comte’s work, but in an entirely different way, which today calls for the reshaping of something very specific. The fact is this: We can still look back to the Greek era. Many of us have indeed experienced—or perhaps not sufficiently experienced—the blessings of this Greek culture, but this Greek culture points us back to Greek slavery and then leads us to reflect further on how slavery itself gradually disappeared in the course of human development. What, then, was transferred along with slavery to other human beings? The whole human being. Almost as far back as serfdom, the whole human being was transferred to other human beings. There, the whole human being had to be transferred to other human beings as a slave. This was part of human development and corresponded to the human instincts of that time. And while on the one hand we see that Plato, the great philosopher, considered slavery necessary, we must also recognize—as the compensation that is always associated with it—that the slave, driven by his instincts and patriarchal sentiments, did not perceive slavery as what we perceive it to be today when looking back on human development. Slavery was simply a part of human development at that time.

[ 49 ] Nun ist die Tendenz in der Entwickelung die, daß der Mensch immer weniger und weniger hingibt; als Sklave gab er noch sich ganz, dann kam die Zeit, wo er seine Arbeit hingibt, wo seine Arbeit ihm abgekauft wird nach demselben Wert, wie man Ware kauft. Wie in alten Zeiten der Mensch noch sich ganz hingegeben hat in der Sklaverei, und so, wie die Sklaverei überwunden worden ist durch eine historische Notwendigkeit, nicht durch den menschlichen Willen, so wird auch das überwunden werden, daß der Mensch nur einen Teil von seiner Wesenheit, seine Arbeit, hingibt.

[ 49 ] Now, the trend in development is that human beings give less and less of themselves; as slaves, they still gave themselves entirely; then came the time when they gave their labor—when their labor was bought from them at the same value as goods are purchased. Just as in ancient times people gave themselves entirely in slavery, and just as slavery was overcome by a historical necessity—not by human will—so too will the situation in which people give up only a part of their being—their labor—be overcome.

[ 50 ] Und dieses Gefühl, daß das so ist, daß das überwunden werden wird, das drückt sich aus in dem Verständnis des Proletariers gegenüber der ja allerdings sehr irrtümlich und einseitig geltend gemachten marzistischen Theorie von Arbeitskraft als Ware und so weiter. Aber wahr ist daran, daß zuerst der ganze Mensch, dann dieser Teil des Menschen, die menschliche Arbeitskraft, und jetzt als drittes, wonach die Entwickelung strebt, nur etwas anderes noch übergehen kann von einem Menschen zum anderen. Aufgehoben wird das soziale Leben nicht werden, aber etwas anderes wird an die Stelle treten. Wird man einmal von diesem anderen sprechen, wird man verstehen, die soziale Wirklichkeit so zu begreifen, daß man von diesem anderen sprechen kann, dann wird man Verständnis finden, indem man die neuen Gedanken haben wird, welche dem sozialen Leben entgegenkommen.

[ 50 ] And this feeling—that this is the case, that it will be overcome—is expressed in the proletarian’s understanding of the Marxist theory of labor power as a commodity and so on, a theory that is, admittedly, very erroneously and one-sidedly asserted. But what is true about this is that first the whole human being, then this part of the human being—human labor power—and now, thirdly, what development is striving toward, only something else can be transferred from one human being to another. Social life will not be abolished, but something else will take its place. Once people begin to speak of this “other,” once they come to understand social reality in such a way that they can speak of this “other,” then they will find understanding by embracing the new ideas that respond to social life.

[ 51 ] Jene Intuition, welche aus der Geisteswissenschaft fließt, sagt uns: Wir stehen unmittelbar in der Zeit, in der die soziale Struktur der Erdenmenschheit sich so umändern will, daß nun nicht mehr überhaupt Arbeitskraft, physische Arbeitskraft in Austausch gebracht werden kann mit irgendwelchem Mittel, das man auch für Ware hingibt, für objektive Ware, sondern daß diese menschliche Arbeitskraft frei verrichtet wird dadurch, daß der Mensch an eine bestimmte Stelle gestellt wird, in eine bestimmte soziale Position hineingerückt wird und den Orr, in dem er sich befindet, sich bestimmen läßt von der menschlichen Gesellschaft und auch seine Zeit verdingt für die menschliche Gesellschaft. Erst war es der ganze Mensch, der sich verkaufen mußte oder der verkauft wurde; dann wurde es die menschliche Arbeitskraft; und als drittes ist es Ort und Zeit. Auf gewissen Gebieten ist das schon durchgeführt. Es ist nicht so, daß wir sagen können: Wir selber, die wir in anderen Lebenspositionen sind als ein Proletarier, geben auch unsere Arbeitskraft hin, unsere Leistungen hin, irgend etwas anderes hin. Wir werden nicht für unsere Arbeitskraft bezahlt, sondern höchstens dafür bezahlt, daß wir an einem bestimmten Ort wirken und eine bestimmte Zeit hindurch unsere Kraft opfern für die Gesamtmenschheit. Dasjenige, was nicht mehr dem Menschen selber angehört, wodurch der Mensch in seiner Umgebung, sozialen Umgebung, drinnensteht, seine Position, die heute mehr oder weniger nur bei den Beamten — aber da führt es zu anderen Unzuträglichkeiten — bestimmt wird aus der sozialen Struktur heraus, das wird es sein, was an die Stelle treten wird der Bezahlung und des damit Zur-Ware-Werdens der Arbeitskraft.

[ 51 ] That intuition which flows from spiritual science tells us: We are living in a time when the social structure of humanity on Earth is about to change in such a way that labor power, physical labor power can be exchanged for any means that is also given up as a commodity—as an objective commodity—but rather that this human labor power is freely performed by the fact that the human being is placed in a specific position, is situated within a specific social position, and allows the place in which he finds himself to be determined by human society, and also devotes his time to human society. At first, it was the whole person who had to sell himself or was sold; then it became human labor power; and thirdly, it is place and time. In certain areas, this has already been implemented. It is not the case that we can say: We ourselves, who are in different life situations than a proletarian, also give up our labor power, our output, or anything else. We are not paid for our labor power, but at most for working in a specific place and devoting our energy for a certain period of time to the benefit of all humanity. That which no longer belongs to the individual—the social environment in which a person is embedded, their position, which today is determined more or less only for civil servants by the social structure (though this leads to other drawbacks)—will be what takes the place of payment and the resulting commodification of labor power.

[ 52 ] Das ist dasjenige, was einem sich offenbart, wenn man aus den geistigen Impulsen heraus die Menschheitsentwickelung, wie sie der Zukunft entgegeneilt, beobachtet. In dem Augenblicke, wo man dies einsieht, wird man, wenn man von autoritativer Stelle herab spricht und wirkt in den Einrichtungen, in den Gesetzen, wirkt da, wo gewirkt werden muß, im öffentlichen Leben, dann wird man so wirken, daß man zustrebt zum Beispiel einem solchen sozialen Prinzip, und dann wird man dem entgegenkommen, was als soziale Forderung heute in der Menschheit lebt. Die Zeit drängt, und ich kann anderes aus der Geisteswissenschaft heraus nicht mehr anführen.

[ 52 ] This is what becomes apparent when one observes, from the perspective of spiritual impulses, the development of humanity as it races toward the future. The moment one realizes this, when one speaks and acts from a position of authority—in institutions, in laws, and wherever action is needed in public life—one will act in such a way as to strive, for example, toward such a social principle, and one will thereby meet the social demands that exist among humanity today. Time is pressing, and I can no longer cite anything else from spiritual science.

[ 53 ] Man kann gut sagen: In den Proletarierköpfen lebt jetzt etwas anderes, in den Proletarierköpfen leben eben die marxistischen Ideen oder auch bei revolutionistisch gesinnten Leuten die den marxistischen ähnlichen Ideen; man hat es doch mit diesen Leuten zu tun. O nein! Ich selbst, sehr verehrte Anwesende — ich mache noch am Schlusse diese persönliche Bemerkung —, der ich Jahre hindurch unter diesen Leuten gelehrt habe, ich bin nicht durch diese Leute, sondern gegen den Willen der 400 Schüler von vier Abgesandten der Führerschaft hinausgedrängt worden. Diese Führer aber, die werden nicht mehr lange Führer sein. Dasjenige, was als Wüste zurückgeblieben ist nach dieser kriegerischen Katastrophe und worauf jetzt eine Zeitlang diese Führer wirken können, das wird diese Führer verschwinden sehen; denn sie werden aus ihren Ideen heraus nichts machen können. Mit dem Vertrauen zu den Führern wird das Vertrauen zu den alten Ideen verlorengehen.

[ 53 ] One could well say: Something different now lives in the minds of the proletariat—namely, Marxist ideas, or, in the case of revolutionary-minded people, ideas similar to Marxism; after all, we are dealing with these people. Oh no! I myself, esteemed audience—I’ll make this personal remark at the end—having taught among these people for years, was driven out not by them, but against the will of the 400 students by four emissaries of the leadership. But these leaders will not remain leaders for much longer. What remains as a wasteland after this war-torn catastrophe—and upon which these leaders can now exert their influence for a time—will see these leaders disappear; for they will be unable to achieve anything through their ideas. Along with trust in the leaders, trust in the old ideas will be lost.

[ 54 ] Und dasjenige ist es, was man herbeisehnen möchte, daß dann, wenn die Möglichkeit dazu da ist, auch Ohren dasein werden, zu hören das, was als wirkliche soziale Ideen verkündet werden kann, daß dann genügend Leute dasein werden, die geneigt sind, solche sozialen Ideen wirklich hineinzutragen in die Menschheit, solche sozialen Ideen, die aufbauend sind, fruchtbar sind, anstelle derjenigen, die heute Raubbau treibend — wie diejenigen von Lenin, Trotzkij und anderen — Zerstörung und Tod über die Menschheit bringen wollen.

[ 54 ] And that is what one longs for: that when the opportunity arises, there will also be ears to hear what can be proclaimed as genuine social ideas—that there will then be enough people willing to truly bring such social ideas to humanity, ideas that are constructive and fruitful, instead of those who, through their exploitative practices today—such as those of Lenin, Trotsky, and others—seek to bring destruction and death upon humanity.

[ 55 ] Das ist dasjenige, was vor allen Dingen heute zu berücksichtigen ist. Was man ausführen könnte über breite Gebiete des sozialen Lebens, ich wollte es nur andeuten, damit prinzipiell gesehen werde, wie diese Geisteswissenschaft auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens demjenigen, was wichtigste Forderung der Gegenwart ist, entgegenkommt.

[ 55 ] This is what must be taken into account above all else today. I could elaborate on this in relation to broad areas of social life, but I merely wanted to hint at it so that, from a principled standpoint, it might be seen how this spiritual science also addresses—in the realm of social life—what is the most important demand of our time.

[ 56 ] Zum Schlusse möchte ich noch darauf aufmerksam machen, daß diese Geisteswissenschaft auch auf dem dritten Gebiete, dem des religiösen Lebens, das finden will, was gerade Ziel der Gegenwart auch auf diesem Gebiete ist. Man kann so leicht von Leuten, die diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nur oberflächlich kennenlernen, den Einwand hören: Das ist eine sektiererische Bewegung, die will eine neue Religion stiften — und dergleichen. Die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ist ebensowenig Sekten bildend wie irgendeine neue Religion stiften wollend. Sie will Wissenschaft sein, diejenige Wissenschaft, die von dem Impuls der Zeit selbst gefordert wird. Sie will ebensowenig dilettantisch sein, wie die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete dilettantisch sein darf; sie steht auch nicht im Gegensatz zu der Naturwissenschaft, sondern in größerem Maße noch als die heutigen Naturwissenschafter selbst stellt sie sich auf den Standpunkt, der inauguriert worden ist gerade durch die naturwissenschaftliche Richtung.

[ 56 ] In conclusion, I would like to point out that this spiritual science also seeks, in the third realm—that of religious life—to discover what is precisely the goal of the present time in this realm as well. It is all too easy to hear the objection from people who have only a superficial acquaintance with this spiritual science, as it is understood here: “This is a sectarian movement that seeks to found a new religion”—and the like. The spiritual science referred to here is just as little intended to form sects as it is to found any new religion. It aims to be a science—the very science demanded by the impulse of the times themselves. It aims to be no more amateurish than the natural sciences are permitted to be in their own fields; nor does it stand in opposition to the natural sciences, but to a greater extent even than today’s natural scientists themselves, it adopts the standpoint that has been inaugurated precisely by the natural scientific movement.

[ 57 ] Aber etwas anderes ist der Fall. Diese Geisteswissenschaft sucht, gemäß den Forderungen der Gegenwart — und diese Forderungen werden sich der Zukunft zu immer weiter und weiter ergeben —, auch die religiösen Bedürfnisse in der Weise zu verstehen, wie sie nunmehr unter den veränderten Verhältnissen immer mehr werden verstanden werden müssen. Geisteswissenschaft will Wissenschaft sein. Wissenschaft führt immer weg von der menschlichen Individualität, wenn sie auch gerade verständlich macht auf sittlichem und sozialem Gebiete das Individuelle, wenn sie auch da gerade anregt die Quellen der individuellen Impulse. Aber als Wissenschaft selbst, als Erkenntnis, macht sie den Menschen selbstlos, führt weg von der Individualität, führt in dasjenige, was umfassend, universell ist. Jedoch der Mensch braucht zu seinem vollen Menschtum stets, daß er zum Übersinnlichen ein unmittelbar individuelles Verhältnis habe, ein Verhältnis, das er unmittelbar subjektiv ausleben kann. Der Mensch braucht nicht nur den Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt, so wie die Wissenschaft, die Geist-Wissenschaft ihn bieten kann, der Mensch braucht den Zusammenhang durch Kultus, Sakramentales und so weiter mit den Religionsstiftern und all der realen, äußeren sinnenfälligen Entwickelung durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch, die sich an die Religionsstifter und an die äußeren Offenbarungen anhängen. Geisteswissenschaft wird dasjenige, was da lebt, im äußeren Kultus, was lebt in den äußeren Bekenntnisformen, Geisteswissenschaft wird es geistig vertiefen, wird zeigen, wie das sich übersinnlich in der Sinnenwelt Offenbarende sich ausnimmt, wenn man es mit der übersinnlichen Erkenntnis durchdringt. Geisteswissenschaft wird so den Menschen in wahrhaft modernem Sinne vorbereiten, religiöse Bedürfnisse zu haben. Aber diese religiösen Bedürfnisse können nicht anders befriedigt werden, als indem man hinschaut auf die alten Religionen.

[ 57 ] But the reality is quite different. In accordance with the demands of the present—and these demands will become ever more apparent in the future—this spiritual science also seeks to understand religious needs in the way that they must now, under changed circumstances, be understood more and more. Spiritual science aims to be a science. Science always leads away from human individuality, even though it is precisely in the moral and social spheres that it makes the individual comprehensible, and even though it is precisely there that it stimulates the sources of individual impulses. But as science itself, as knowledge, it makes the human being selfless, leads away from individuality, and leads into that which is all-encompassing and universal. However, for the human being to achieve full humanity, it is always necessary that he have a direct, individual relationship to the supersensible—a relationship that he can experience directly and subjectively. Human beings need not only a connection to the supersensible world, as spiritual science can offer it; they also need a connection—through worship, the sacraments, and so on—to the founders of religions and to all the real, external, sensually perceptible developments throughout the decades and centuries that are linked to the founders of religions and to the external revelations. Spiritual science will take what lives in external worship, what lives in the external forms of confession; spiritual science will deepen it spiritually and show what the supersensible, as it manifests itself in the sensory world, actually looks like when penetrated by supersensible knowledge. In this way, spiritual science will prepare people, in a truly modern sense, to have religious needs. But these religious needs can be satisfied in no other way than by looking to the ancient religions.

[ 58 ] Es war merkwürdigerweise ein katholischer Kardinal, Newman, der bei seiner Antrittsrede in Rom das Wort ausgesprochen hat, das sonderbare Wort, er sehe für die katholische Kirche kein anderes Heil als eine neue Offenbarung. — Der katholische Kardinal zeigte damit bloß, daß er die seitherige Stellung des Menschen zu der alten Offenbarung nicht einnehmen kann, denn er verkündete gerade das, was durch die Geisteswissenschaft heraufkommen soll. Sie nimmt die Welt in ihrer Wirklichkeit, und sie weiß, daß — obzwar die Gesetze der Entwickelung der Menschheit andere sind als die des einzelnen Menschen —, daß, wie bei einzelnen Menschen Gesetze in der Entwickelung auftreten, so auch in der ganzen Menschheitsentwickelung. Und diese Gesetze in der Entwickelung des Einzelmenschen sind so, daß dasjenige, was der Mensch mit 50 Jahren erlebt, nicht eine Wiedererneuerung sein kann desjenigen, was er zum Beispiel mit 25 Jahren erlebt hat. Man kann nicht mit 50 Jahren in derselben Seelenverfassung dasselbe erleben, was man mit 25 Jahren erlebt hat. Für jedes Zeitalter gehört etwas anderes und in anderer Form.

[ 58 ] Strangely enough, it was a Catholic cardinal, Newman, who, in his inaugural address in Rome, uttered the words—those strange words—that he saw no other salvation for the Catholic Church than a new revelation. — The Catholic cardinal thereby merely demonstrated that he could not adopt the position that humanity had held up to that point regarding the old revelation, for he proclaimed precisely what is to emerge through spiritual science. Spiritual science takes the world as it truly is, and it knows that—although the laws governing the development of humanity differ from those of the individual human being—the same laws that govern development in individual human beings also apply to the development of humanity as a whole. And these laws governing the development of the individual are such that what a person experiences at age 50 cannot be a mere repetition of what he or she experienced, for example, at age 25. One cannot, at age 50, experience the same thing in the same state of mind as one did at age 25. Each stage of life calls for something different and in a different form.

[ 59 ] Nun ist die Entwickelung im Laufe der Menschheit etwas anderes. Sie ist nicht so wie beim einzelnen Menschen, und die Analogien aufzusuchen zwischen den einzelnen Menschen und der historischen Entwickelung ist ein Dilettantismus, ist falsch. Aber Geisteswissenschaft findet solche Gesetze, nach denen sich die ganze Menschheit entwickelt, und weiß, daß die Begründung von Religionen etwas ist, was ganz bestimmten Zeitaltern angehört, die hinter uns liegen, daß im Christentum sich zusammengefaßt hat synthetisch dasjenige, was in den übrigen Religionen verteilt war, daß das Christentum als religiöse Form in gewissem Sinne der Abschluß der religiösen Formen ist, daß man nicht im Sinne des Kardinals Newman auf eine neue Offenbarung zu warten hat, sondern daß man nur lichtvoller diejenige Offenbarung in neuerem Sinne, in höherem Sinne umgestaltet verstehen kann, die im Christentum als Religion unter anderen religiösen Offenbarungen aufgetreten ist. Gerade weil Geisteswissenschaft im Sinne der Wirklichkeit denkt und nicht gegen die Wirklichkeit, weiß sie, daß sie etwas Untunliches machen würde, wollte sie eine neue Religion stiften. Sie würde damit dasselbe tun, wie wenn sie einen 50 Jahre alten Menschen wieder 30 Jahre alt machen wollte. Denn worauf es ankommt in der Menschheitsentwickelung, das ist, daß die Art und Weise, sich zur religiösen Offenbarung zu stellen, mit der Zeit sich ändert, daß neue innere Grundlagen geschaffen werden müssen. Diese neuen inneren Grundlagen werden gerade für den heutigen Menschen und seine Forderungen, die allerdings für viele noch unbewußt bleiben, gerade durch die Geisteswissenschaft geschaffen. Und diejenigen, die sich aus der offiziellen Vertreterschaft dieses oder jenes Religionsbekenntnisses heraus fürchten oder wenigstens angeben, sich zu fürchten, daß Geisteswissenschaft die Menschen irreligiös machen könnte, die sollten sich vor allen Dingen einmal fragen, ob sie nicht viel mehr beitragen zur Irreligiosität der Menschen als diese Geisteswissenschaft, die im Gegenteil die Menschen gerade im rechten, wahren Sinne wiederum zum religiösen Leben zurückführen wird.

[ 59 ] Now, the course of human development is something else entirely. It is not the same as that of the individual human being, and seeking analogies between individual human beings and historical development is amateurish and incorrect. But spiritual science discovers the laws according to which all of humanity develops, and knows that the founding of religions belongs to very specific eras that lie behind us; that Christianity has synthetically brought together what was scattered among the other religions; that Christianity, as a religious form, is in a certain sense the culmination of religious forms; that one need not wait for a new revelation in the sense advocated by Cardinal Newman, but that one can only understand and reinterpret—in a more enlightened way, in a new and higher sense—the revelation that has appeared in Christianity as a religion among other religious revelations. Precisely because spiritual science thinks in terms of reality and not against reality, it knows that it would be attempting the impossible if it sought to found a new religion. It would be doing the same thing as if it wanted to make a 50-year-old person 30 years old again. For what matters in human development is that the way we relate to religious revelation changes over time, and that new inner foundations must be created. These new inner foundations are being created precisely for today’s human beings and their needs—needs that, admittedly, remain unconscious to many—precisely through spiritual science. And those who, as official representatives of this or that religious denomination, fear—or at least claim to fear—that spiritual science might make people irreligious, should first and foremost ask themselves whether they themselves do not contribute far more to people’s irreligiousness than this spiritual science, which, on the contrary, will lead people back to religious life in the true, true sense.

[ 60 ] Derjenige, der dieses religiöse Leben als Kirchenbekenntnis auf einer bestimmten Stufe zurückhalten will, der nicht will, daß hereindrängt das, was aus der neuen Seelenlage der Menschen notwendigerweise hereindrängen muß, der ist viel mehr ein Gegner der Religion, auch wenn er im Priesterkleide auftritt, als derjenige, der sich fragt: Wie kann der Mensch bei seinem vertieften Inneren auch jenen Zug wiederum in seiner Seele entwickeln, der ihn zum Verständnis des religiösen Lebens hinführt? — Geisteswissenschaft ist keine Religionsstiftung; sie ist Wissenschaft vom übersinnlichen Leben. Aber indem sie dieses ist, führt sie den Menschen auch zur Vertiefung derjenigen Instinkte, die gerade das religiöse Leben, das zurückgegangen ist unter der bloßen äußeren Naturerkenntnis, die gerade dieses religiöse Leben in den verschiedensten Formen wiederum in der Menschheit lebendig und fruchtbar machen wird.

[ 60 ] Anyone who seeks to hold back this religious life as a church creed at a certain stage—who does not want to allow what must necessarily emerge from the new state of the human soul to find its way in—is far more an opponent of religion, even if he appears in priestly garb, than the one who asks himself: How can human beings, with their deepened inner life, once again develop within their souls that impulse which leads them to an understanding of religious life? — Spiritual science is not the founding of a religion; it is the science of the supersensible life. But in being this, it also leads people to deepen those instincts that—precisely because religious life has declined under the influence of mere external knowledge of nature—will once again make this religious life alive and fruitful in humanity in the most diverse forms.

[ 61 ] Das hat Geisteswissenschaft zu erwidern gerade den heute von dieser Seite aus kommenden zahlreichen Angriffen, die aber wirklich von solchen ausgehen, die dem religiösen Leben in Wirklichkeit vielleicht feindlicher sind — obwohl sie mit Worten ihre Religion und ihr Bekenntnis verteidigen — als irgend jemand, der nur gleichgültig ist; geschweige denn der Geisteswissenschafter, der gerade zur wahren Religiosität zurückführen wird. Solchen Leuten möchte man immer eine Antwort geben, die ich auch heute wiederum zitieren werde, die ich genötigt war, einmal jemandem zu geben. Ich hielt in einer süddeutschen Stadt einen Vortrag über «Christentum und Weisheit». Da waren auch zwei katholische Geistliche drinnen; die hörten zu. Sie hatten sonst anderes nicht gehört, nur diesen Vortrag; der kam ihnen nicht gar so ketzerisch vor. Hinterher kamen sie zu mir und sagten: Sie sagen Dinge, gegen die wir uns nicht gerade wenden müssen als offizielle Vertreter der Religion. Aber es ist doch nicht richtig, daß Sie das auf diese Weise vorbringen. Wie Sie es vorbringen, so ist es nur für bestimmte Leute verständlich. Wie wir die Sache vorbringen, so ist es für alle Leute verständlich. — Ich sagte darauf: Hochwürden, sehen Sie, ich glaube ganz gerne — denn das liegt in der menschlichen Natur —, daß Sie denken, jeder Mensch müßte in einem ähnlichen Falle das gleiche tun wie Sie, denn das liegt eben in der menschlichen Natur, daß man immer glaubt, so wie man’s macht, sollte eigentlich ein jeder es machen. Aber ob ich denke, ich mache es richtig, oder ob Sie denken, Sie machen es richtig, darauf kommt es dem gar nicht an, der mit der Wirklichkeit denkt, sondern auf diese Wirklichkeit kommt es an. Die Wirklichkeit selber diktiert in diesem Falle die Antwort auf Ihren Einwand. Ich frage Sie: Gehen alle Leute noch zu Ihnen in die Kirche — das würde ja zeigen, daß Sie für alle sprechen —, oder bleiben auch welche draußen? — Da konnten sie nicht anders als mir sagen, daß auch welche draußen bleiben. Nun, sehen Sie, für diejenigen, sagte ich, die da draußen bleiben und die doch ein lebendiges, gesundes Empfinden haben, den Weg zu dem Christus hin zu finden, für die rede ich.

[ 61 ] This is what the humanities must respond to—namely, the numerous attacks coming from this quarter today, which, however, actually originate from those who are perhaps more hostile to religious life in reality—even though they defend their religion and their faith with words—than anyone who is merely indifferent; let alone the scholar of the humanities, who will lead people back to true religiosity. To such people, one always wants to give an answer—one that I will quote again today, which I was once compelled to give to someone. I gave a lecture in a city in southern Germany on “Christianity and Wisdom.” There were also two Catholic clergymen in the audience; they were listening. They hadn’t heard anything else—only this lecture—and it didn’t strike them as particularly heretical. Afterward, they came up to me and said: “You say things that we, as official representatives of religion, do not necessarily have to oppose. But it is not right for you to present it this way. The way you present it, it is only understandable to certain people.” The way we present the matter, it is understandable to everyone.” — I replied: “Reverend, you see, I can well believe—for that is human nature—that you think every person in a similar situation would have to do the same as you, because it is simply human nature to always believe that everyone should do things the way you do them.” But whether I think I’m doing it right, or whether you think you’re doing it right—that doesn’t matter at all to someone who thinks in terms of reality; what matters is this reality itself. In this case, reality itself dictates the answer to your objection. I ask you: Do all people still go to your church—which would show that you speak for everyone—or do some remain outside? —You had no choice but to tell me that some do remain outside. Well, you see, I said, for those who remain outside and who nevertheless have a living, healthy sense of how to find the path to Christ—it is for them that I speak.

[ 62 ] Das sagt die Wirklichkeit, nicht der subjektive Glaube, den jeder selbstverständlich haben kann. Lassen wir nicht uns entscheiden, sondern die Wirklichkeit entscheiden. Diese Wirklichkeitserkenntnis, diese innere Wirklichkeitssuche, das ist es, was gerade auf den drei heute im Kriege befindlichen Gebieten, auf dem Gebiet des sittlichen, sozialen, religiösen Lebens Geisteswissenschaft der Menschheit wird bringen können. Und vielleicht wird man, wenn man diese Dinge durchschaut, sich sagen können: Diese Geisteswissenschaft hat schon Aufgaben gerade für die Gegenwart. Und es ist nicht ein Zufall und nicht eine Willkür, nicht irgendeine Agitation eines einzelnen, daß diese Geisteswissenschaft gerade in der Gegenwart sich einlebt dem menschlichen Denken, Empfinden und den Willensimpulsen. Denn man kann in einer gewissen Weise sagen: Die Gegenwart selbst mit ihren schweren Erlebnissen, mit dem tragischen Geschick, das über die Menschheit kommen wird und wohl noch manches Tragische in ihrem Schoße trägt, diese Gegenwart, sie zeigt selbst, daß ein neues Heilmittel notwendig ist für mancherlei Dinge. Und mancherlei Dinge gibt es — das möchte ich zum Schlusse dieser Betrachtungen aussprechen —, für welche gerade der Wirklichkeitssinn, den Geisteswissenschaft entwickelt, zeigt, daß sie allein das Heilmittel sein kann und daß, wenn die Menschheit nicht den Mut und nicht das Interesse findet, sich zu dieser Geisteswissenschaft zu retten, man für viele Dinge des Heilmittels ermangeln werde.

[ 62 ] This is what reality tells us, not the subjective belief that everyone is, of course, entitled to hold. Let us not decide for ourselves, but let reality decide. This insight into reality, this inner search for reality—that is what spiritual science will be able to bring to humanity, especially in the three areas currently at war: the realms of moral, social, and religious life. And perhaps, once one sees through these things, one will be able to say: This spiritual science already has tasks specifically for the present. And it is no coincidence, no arbitrary decision, and not merely the agitation of a single individual that this spiritual science is taking root in human thought, feeling, and the impulses of the will precisely at this moment. For one can say, in a certain sense: The present itself, with its difficult experiences, with the tragic fate that will befall humanity and which likely still harbors many a tragedy within it—this present—it shows, in and of itself, that a new remedy is necessary for many things. And there are many things—I would like to say this in conclusion to these reflections—for which precisely the sense of reality developed by spiritual science shows that it alone can be the remedy, and that if humanity does not find the courage and the interest to turn to this spiritual science for salvation, we will lack a remedy for many things.

[ 63 ] Wird man nicht Geisteswissenschaft haben wollen, so wird man in vielen Dingen nicht weiterkönnen. Und man wird daher, da man in der Menschheit niemals in die Notwendigkeit versetzt ist, zum Pessimismus seine Zuflucht zu nehmen, sondern immer an die guten Seiten der Menschennatur glauben darf und glauben muß, man wird deshalb glauben dürfen: Weil die Menschheit die Beobachtung des übersinnlichen Lebens braucht, so wird sie den Weg zu dieser übersinnlichen Erkenntnis wählen und ihn dann auch finden.

[ 63 ] If one refuses to embrace the humanities, one will be unable to make progress in many areas. And therefore, since humanity is never forced to take refuge in pessimism but is always allowed—and indeed must—believe in the good aspects of human nature, we may therefore believe: Because humanity needs to observe the supersensible life, it will choose the path to this supersensible knowledge and will then also find it.