Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72

9 December 1918, Bern

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
  1. Freiheit, Unsterblichkeit, Soziales Leben

9. Rechtfertigung der Seelenwissenschaft im Sinne der Anthroposophie

9. Justification of the Science of the Soul in the Sense of Anthroposophy

[ 1 ] Wer das Geistesleben in der Gegenwart denkend zu verfolgen in der Lage ist, wird sich nicht verhehlen können, daß ein großer Teil unserer Zeitgenossen in seinem seelischen Suchen etwas außerordentlich Unbestimmtes hat, daß die meisten dieser Zeitgenossen, wenn sie sich Vorstellungen bilden wollen über ihre Stellung zum All, man könnte sagen über ihr Menschsein, es schwierig haben zu finden, woran sie sich halten sollen.

[ 1 ] Anyone capable of thoughtfully observing contemporary intellectual life cannot fail to notice that there is something extraordinarily vague about the spiritual quest of a large portion of our contemporaries; that most of these people, when they seek to form ideas about their place in the universe—or, one might say, about their very humanity—find it difficult to determine what they should hold onto.

[ 2 ] Geht man den Gründen nach durch eine unbefangene Betrachtung desjenigen, was dem Menschen heute im Leben entgegentritt, was sich ihm im Leben bietet, geht man den Gründen nach, die zu einer unklaren, zu einer unbestimmten Art und Weise des Suchens führen, so wird man wohl finden können, daß gerade durch etwas, was in einer gewissen Beziehung den Vorzug, ja den Triumph unserer Zeit ausmacht, auf der anderen Seite diese Unbestimmtheit, diese Unklarheit bewirkt wird. Dasjenige, was unserer Zeit — und zwar seit mehreren Jahrhunderten schon, aber ganz besonders seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dem Beginne des 20. Jahrhunderts — das Gepräge gibt, man möchte sagen, im Besten und, wie die letzten Jahre gezeigt haben, auch im Unangenehmen, das ist der bewunderungswürdige Fortschritt der Menschheit in bezug auf naturwissenschaftliche Einsicht, auf die Einsicht in die äußeren Vorgänge des Weltendaseins, und in bezug auf die Konsequenzen, die sich daraus ergeben für das unmittelbar praktische Leben.

[ 2 ] If one examines the reasons—through an unbiased consideration of what people encounter in life today, what life offers them—if one examines the reasons that lead to an unclear, an indefinite way of searching, one will likely find that it is precisely something that, in a certain sense, constitutes the hallmark—indeed, the triumph—of our age that, on the other hand, gives rise to this indeterminacy, this lack of clarity. That which has characterized our age—for several centuries now, but especially since the second half of the 19th century and the beginning of the 20th century— one might say, for the better and, as recent years have shown, also for the worse, is humanity’s admirable progress in terms of scientific understanding—an understanding of the external processes of existence in the world—and in terms of the consequences this entails for immediate practical life.

[ 3 ] Leicht kann man sagen, gerade wenn man die besondere Eigentümlichkeit ins Auge faßt, wie diese naturwissenschaftliche Einsicht, diese Gewöhnung, die Welt naturwissenschaftlich aufzufassen, auf den Menschen wirkt, daß mit ihr zusammenhängend ist die Unmöglichkeit, auf diesem Wege in das eigentlich seelische Gebiet einzudringen. Vielleicht wird gerade aus den heutigen Betrachtungen für manchen der verehrten Zuhörer sich ergeben, wie es mit der Größe, mit dem Triumphe naturwissenschaftlichen Erkennens zusammenhängt, daß Naturwissenschaft auf ihre eigene Weise keinen Aufschluß geben kann über das menschliche Seelenleben.

[ 3 ] It is easy to say—especially when one considers the particular peculiarity of how this scientific insight, this habit of perceiving the world scientifically, affects human beings—that linked to it is the impossibility of penetrating the truly spiritual realm by this means. Perhaps today’s reflections will reveal to some of you, my esteemed audience, how the greatness and triumph of scientific knowledge are connected to the fact that, in its own way, science cannot shed light on the life of the human soul.

[ 4 ] Nun nimmt aber diese naturwissenschaftliche Denkungsweise, berechtigt durch die äußerliche Autorität, die sie besitzt, alle Denkgewohnheiten des modernen Menschen in einer gewissen Weise in Anspruch. Sie hat — das ergibt sich dem Betrachter der Menschheitsentwickelung — in bezug auf gewisse Vorstellungsarten alles im seelischen Gefüge der Menschen geändert. Sieht man zurück auf die Art und Weise, wie vor dem Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens — man kann den Kopernikanismus als Grenze gegenüber dem alten annehmen — die Welt angeschaut wurde, so stellt sich nämlich heraus, daß der Mensch damals sich Vorstellungen gemacht hat über die Welt, die gigantisch waren, geeignet waren — so wie er es dazumal brauchte, wie es ihm heute nicht mehr genügen würde —, nach der einen Seite hin sich Aufklärung zu verschaffen über die Naturvorgänge, die ihm in der damaligen Zeit entgegentraten, und wie diese Vorstellungen zu gleicher Zeit geeignet waren, aufzuklären über dasjenige, was in seiner Seele als Vorstellungen lebte, als Gefühl, als Wollen pulsierte. Der Mensch hatte gewissermaßen einheitliche Vorstellungen über die Welt, die er auf der einen Seite wenden konnte nach der Natur, auf der anderen Seite nach seinem Inneren.

[ 4 ] Now, however, this scientific way of thinking, justified by the external authority it possesses, claims in a certain way to shape all the habits of thought of modern human beings. It has—as becomes clear to anyone observing the development of humanity—changed everything in the psychological makeup of human beings with regard to certain modes of perception. If we look back at the way the world was viewed before the dawn of modern intellectual life—we can take Copernicanism as the dividing line from the old era—it becomes clear that people at that time formed conceptions of the world that were vast, suited—as they needed them back then, though they would no longer suffice today— on the one hand to gain insight into the natural processes they encountered at that time, and how these ideas were at the same time suited to shedding light on what lived in their souls as ideas, pulsating as feeling and will. Human beings had, in a sense, unified conceptions of the world that they could direct, on the one hand, toward nature and, on the other, toward their inner selves.

[ 5 ] Man bemerkt heute nicht immer, weil man gar nicht gewohnt ist, die Entwickelung des Seelenlebens der Menschheit richtig zu beobachten, wie sehr sich die heutigen Vorstellungen von den eben gemeinten älteren Vorstellungen unterscheiden.

[ 5 ] Today, people do not always realize—because they are not accustomed to properly observing the development of humanity’s spiritual life—just how much today’s ideas differ from the older ideas just mentioned.

[ 6 ] Nun sind auf der anderen Seite — wir werden darüber übermorgen genau zu sprechen haben — alle Religionsbekenntnisse, die doch mehr oder weniger aus alten Zeiten geblieben sind, Nachklänge aus alten Zeiten sind, genährt von demjenigen, was in solchen alten Vorstellungen lag. In ihnen ist geblieben eine gewisse Art und Weise, über die menschliche Seele und ihre Stellung in der Welt zu denken. Da hinein hat die naturwissenschaftliche Autorität eine ungeheure Erschütterung gebracht. Der Mensch gibt sich heute nicht mehr zufrieden mit dem, was ihm von alten Zeiten überliefert ist, denn er ist daran gewöhnt, die Welt wissenschaftlich zu betrachten, und will von der Wissenschaft Aufschluß haben über die Lage seiner Seele im Weltenall, im Kosmos und seiner Entwickelung.

[ 6 ] On the other hand—and we will discuss this in detail the day after tomorrow—all religious creeds, which have, after all, more or less survived from ancient times and are echoes of those times, are nourished by what lay at the heart of such ancient conceptions. A certain way of thinking about the human soul and its place in the world has persisted within them. Into this, the authority of the natural sciences has brought a tremendous upheaval. People today are no longer satisfied with what has been handed down to them from ancient times, for they are accustomed to viewing the world scientifically and want science to provide insight into the place of their soul in the universe, in the cosmos, and into its development.

[ 7 ] Aber da gerade muß man gestehen, obwohl sich der Mensch gewöhnt hat, nicht mehr bei den alten Autoritäten Hilfe zu suchen, wenn er sich an etwas halten soll in bezug auf Aufklärung über sein Menschsein, gerade da muß man gestehen, daß dasjenige, was ihm nun wissenschaftlich geboten wird, ihn recht wenig befriedigen kann. Sieht man dasjenige an, was heute zum Beispiel als philosophische Seelenlehre gerade offiziell geboten wird, so wird der Mensch, der mit seinem gesunden Menschenverstand, mit seiner ehrlichen Seele sucht, an diese Seelenwissenschaft heranzutreten, nichts finden können, woraus er sozusagen etwas machen kann. Es zeigen sich heute eklatante Beispiele, daß das richtig ist, was ich eben gesagt habe.

[ 7 ] But it is precisely here that one must admit—even though people have grown accustomed to no longer seeking help from the old authorities when they need guidance regarding their humanity—that what is now offered to them scientifically can satisfy them very little. If one looks at what is officially presented today, for example, as a philosophical theory of the soul, a person who seeks to approach this science of the soul with common sense and an honest soul will find nothing from which he can, so to speak, make something of it. There are striking examples today that show that what I have just said is true.

[ 8 ] So gibt es einen merkwürdigen Philosophen — Richard Wahle heißt er —, der, trotzdem er Fachphilosoph ist, also sogar berufen ist, Philosophie als eine Wissenschaft an einer Universität zu vertreten, in einer sonderbaren Weise unzufrieden ist mit seiner Wissenschaft, die ihm vorgibt, Aufschluß geben zu können über das Wesentlichste im Menschen, der er aber durchaus nicht zuschreiben kann, daß sie zu solchem Aufschluß in der Lage ist.

[ 8 ] There is, for example, a peculiar philosopher — his name is Richard Wahle — who, despite being a professional philosopher—that is, someone who is even called upon to represent philosophy as a science at a university—is, in a peculiar way, dissatisfied with his discipline, which claims to be able to shed light on the most essential aspects of human nature, yet which he cannot in any way credit with being capable of providing such insight.

[ 9 ] Ich bin durchaus nicht geneigt, etwa den Glauben zu erwecken, daß solche einzelnen Persönlichkeiten mit ihren Anschauungen irgendeinen tieferen Einfluß auf das Denken, auf die Vorstellungen der Zeitgenossen haben. Ich glaube im Gegenteil, das Umgekehrte ist der Fall: In solchen Persönlichkeiten zeigt sich, was in Tausenden und Abertausenden unserer Zeitgenossen pulsiert. Es zeigt sich nur an einem einsamen Philosophen, der unzufrieden mit seiner eigenen Wissenschaft ist, eben in einer eklatanten Weise.

[ 9 ] I am by no means inclined to give the impression that such individual personalities, with their views, have any profound influence on the thinking or ideas of their contemporaries. On the contrary, I believe the opposite is true: such individuals reveal what is pulsating within thousands upon thousands of our contemporaries. It is simply manifested in a strikingly obvious way in a solitary philosopher who is dissatisfied with his own science.

[ 10 ] Nun, dieser Philosoph redet sonderbar über seine Philosophie. Er sagt: Die Philosophen der früheren Zeiten er ist auch mit denen höchst unzufrieden —, die lassen sich vergleichen mit Köchen und Kellnern in einem Restaurant, die den Leuten verdorbene Speisen reichen. Die heutigen Philosophen aber sind zu vergleichen mit Köchen und Kellnern, die im Restaurant unbeschäftigt herumstehen. — Also dieser Philosoph will von seiner Wissenschaft sagen, daß sie in den alten Zeiten nichts getaugt hat, keinen Aufschluß hat geben können über das Wichtigste im Menschen und daß sie heute nicht nur nichts taugt, sondern überhaupt nichts mehr bietet.

[ 10 ] Well, this philosopher speaks strangely about his philosophy. He says: The philosophers of earlier times—with whom he is also highly dissatisfied—can be compared to cooks and waiters in a restaurant who serve people spoiled food. Today’s philosophers, however, can be compared to cooks and waiters who stand around idle in a restaurant. — So this philosopher wants to say about his discipline that in the old days it was worthless, unable to shed light on what is most important in human beings, and that today it is not only worthless but offers absolutely nothing at all.

[ 11 ] So sonderbar es ist, wenn ein Mann, der über seine Wissenschaft so denkt, diese Wissenschaft offiziell vertritt, so ist es doch begründet, daß solche Erscheinungen innerhalb unserer Zeit auftreten. Denn das Eigentümliche besteht, daß eben seit dem Auftauchen des Kopernikanismus, des Galileismus, in der Naturwissenschaft Vorstellungen sich gebildet haben, die wesentlich anders sind als die alten Vorstellungen, die auf Natur und Geist nach dem Bedürfnisse der damaligen Zeit gleich gut paßten. Die Naturwissenschaft hat Fortschritte gemacht, hat solche Vorstellungen gebildet, die weit verschieden sind von den alten. Seelenwissenschaft ist bis heute nicht zu solcher Umbildung der alten Vorstellungen gekommen. Seelenwissenschaft ist geblieben bei den alten Vorstellungen, mit denen der Mensch eben heute nicht zufrieden sein kann, weil er gelernt hat, naturwissenschaftlich über die Welt zu denken, und weil in ihm die unbewußte Forderung erwacht, nun über die Seele auch so forschen zu können, wie man in der Naturwissenschaft über die äußere Natur forscht. Das gibt, ich möchte sagen, einen inneren Zwiespalt gerade in den Besten unseres Zeitalters. Und dieser innere Zwiespalt zeigt sich darin, daß sie sehen müssen: In der Seelenwissenschaft besteht dasjenige, was geboten wird, zum Teil aus bloßen Worten oder Worthülsen. Man will erklären, was eine Vorstellung ist. Man will erklären, was ein Gefühl ist, was Wollen ist. Man will von dieser Erklärung ausgehen, um zu der Frage nach dem ewigen Sein oder nicht ewigen Sein der Menschenseele zu kommen. Aber derjenige, der mit gesundem Sinn und Denken und Vorstellen an diese Dinge herantritt, der merkt sehr bald, daß er eigentlich nichts Substantielles, nichts Wirkliches in dem hat, was geredet wird über seelisches Leben, daß die alten Vorstellungen ihre Tragkraft verloren haben gegenüber dem Eindringlichen der naturwissenschaftlichen Vorstellungen und daß neue noch nicht gebildet sind.

[ 11 ] As strange as it may be that a man who thinks this way about his science should officially represent that science, it is nevertheless understandable that such phenomena occur in our time. For the peculiarity lies in the fact that, ever since the emergence of Copernicanism and Galileanism, ideas have taken shape in the natural sciences that are fundamentally different from the old ideas, which suited both nature and the human spirit just as well, given the needs of that time. Natural science has made progress and has developed concepts that are vastly different from the old ones. To this day, the science of the soul has not undergone such a transformation of its old concepts. Psychology has remained stuck in the old concepts, with which people today simply cannot be satisfied, because they have learned to think about the world in scientific terms, and because an unconscious demand has awakened within them to be able to investigate the soul in the same way that natural science investigates external nature. This creates, I would say, an inner conflict, particularly among the best minds of our age. And this inner conflict manifests itself in the fact that they must acknowledge: In the science of the soul, what is presented consists, in part, of mere words or empty phrases. One seeks to explain what a concept is. One seeks to explain what a feeling is, what volition is. One seeks to proceed from this explanation in order to arrive at the question of whether the human soul is eternal or not. But anyone who approaches these matters with sound judgment, thinking, and imagination will very soon realize that there is actually nothing substantial, nothing real in what is said about spiritual life; that the old concepts have lost their bearing in the face of the compelling nature of scientific concepts; and that new ones have not yet been formed.

[ 12 ] So gibt es aus solchen Untergründen heraus heute ein instinktives Sehnen der Menschen nach einer neuen Seelenkunde, nach einem neuen Wissen über die Seele. Aber es herrscht noch im öffentlichen Bewußtsein nicht eine eindringliche Klarheit darüber, auf welchem Wege da gesucht werden soll.

[ 12 ] Against this backdrop, there is today an instinctive longing among people for a new science of the soul, for new knowledge about the soul. But there is still no clear understanding in the public consciousness as to the path that should be taken in this search.

[ 13 ] Aus diesen Untergründen heraus, aus durchaus in Notwendigkeiten der Menschheitsentwickelung liegenden Untergründen heraus, ist dasjenige erwachsen, über das ich nun schon öfter hier sprechen durfte, von diesem Orte aus in Bern, und über das ich auch heute mit Bezug auf gewisse Kapitel sprechen möchte, was ich nenne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Man sieht sie heute vielfach als alles mögliche an, diese Geisteswissenschaft, nur nicht als dasjenige, was sie ist. Als den Ausfluß irgendeiner sektiererischen Strömung in der Gegenwart, als irgend etwas, was eine neue Religion stiften will oder dergleichen wird sie angesehen. Nein, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will dasjenige sein, was der moderne Mensch am allernotwendigsten braucht. Sie will dasjenige sein, was etwas gibt, an das man sich halten kann, wenn im echt modernen Sinne gesucht werden soll nach dem Rätsel des menschlichen Seelenlebens.

[ 13 ] From these foundations—foundations that are deeply rooted in the necessities of human development—has grown what I have already had the opportunity to discuss here on several occasions, from this very place in Bern, and what I would like to discuss again today in relation to certain chapters: what I call anthroposophically oriented spiritual science. Today, this spiritual science is often viewed as all sorts of things—anything but what it actually is. It is regarded as the offshoot of some sectarian movement of the present, or as something that seeks to establish a new religion, or the like. No, this anthroposophically oriented spiritual science aims to be precisely what modern human beings need most of all. It aims to be that which provides something to hold onto when seeking, in a truly modern sense, to unravel the mystery of human soul life.

[ 14 ] Allerdings sind die Wege, die diese Geisteswissenschaft einschlagen muß, dem heutigen Denken noch so ungewohnt, daß ein großer Teil der Zeitgenossen die Art, wie gesprochen wird über diese Dinge, schwierig findet, ein anderer Teil findet sie paradox oder phantastisch. Allein, dies teilt jede neu aufkommende Geisteserrungenschaft mit dieser anthroposophisch orientierten Anschauung. Und so möchte ich denn heute insbesondere über die wichtigsten Seelenfragen und ihren Zusammenhang mit dem menschlichen Leibesleben vom Standpunkte dieser Wissenschaft aus sprechen, möchte namentlich eingangs darauf aufmerksam machen, wie diese Geisteswissenschaft zumeist alles dasjenige nicht ist, was sich ein großer Teil unserer Zeitgenossen von ihr vorstellt, wie sie vielmehr dasjenige ist, was gerade von dem naturwissenschaftlichen Fortschritt dringend verlangt wird. Dieser naturwissenschaftliche Fortschritt hat gerade eines, ich möchte sagen, mit einer gewissen autoritativen Denkgewöhnung an die Menschen herangebracht. Das ist der Glaube, daß es gewisse Erkenntnisgrenzen gibt, daß man diese Erkenntnisgrenzen nicht überschreiten könne. Man sagt sich: Vielleicht liegt überhaupt nichts jenseits dieser Erkenntnisgrenzen. Diesseits dieser Erkenntnisgrenzen liegt nur die materielle Welt, die Welt der sinnlichen Anschaulichkeit. — Also entweder muß man überhaupt verzichten, ein seelisch-geistiges Leben anzunehmen, oder aber man muß sich sagen, man könne die Grenzen nicht überschreiten, die uns trennen von diesem seelisch-geistigen Leben, müsse verzichten auf eine Seelenerkenntnis.

[ 14 ] However, the paths that this spiritual science must take are still so unfamiliar to contemporary thinking that a large portion of our contemporaries find the way these things are discussed difficult to understand, while another portion finds them paradoxical or fantastical. Yet this is something that every newly emerging spiritual achievement shares with this anthroposophically oriented view. And so today I would like to speak in particular about the most important questions of the soul and their connection to human physical life from the standpoint of this science; I would like, in particular, to begin by pointing out how this spiritual science is, for the most part, not at all what a large portion of our contemporaries imagine it to be, but rather what is urgently demanded precisely by progress in the natural sciences. This progress in the natural sciences has, I would say, instilled in people a certain habitual way of thinking that is rooted in authority. This is the belief that there are certain limits to knowledge, that these limits cannot be transcended. People tell themselves: Perhaps there is nothing at all beyond these limits of knowledge. On this side of these limits lies only the material world, the world of sensory perception. — So either one must renounce the very idea of a spiritual-soul life, or one must tell oneself that one cannot cross the boundaries that separate us from this spiritual-soul life and must therefore forgo any knowledge of the soul.

[ 15 ] Dieser Punkt gerade, dieser so wesentliche Punkt ist es, der denen, die viel nachdenken über solche Sachen, mit großer Klarheit vor die Seele tritt, der aber unbestimmt, unterbewußt und instinktiv alle Menschen heute, die überhaupt denken wollen, beunruhigt. Von diesem Gesichtspunkte aus setzt gerade die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft mit ihrem Seelensuchen ein. Denn von zwei inneren Erlebnissen geht diese Seelenwissenschaft aus, von zwei Erlebnissen, die gerade zusammenhängen mit dem Auftauchen der Erkenntnisgrenzen im seelischen Suchen. Nicht daß diese Seelenwissenschaft etwa in leichtfertiger, dilettantischer Weise der Naturwissenschaft widersprechen wollte, wenn die Naturwissenschaft sich an Erkenntnisgrenzen gestellt sieht, nein, diese Seelenwissenschaft, sie sucht gerade in richtiger Weise fertig zu werden mit dem Erlebnis der naturwissenschaftlichen Erkenntnisgrenzen. Nur theoretisiert sie nicht, diese Geisteswissenschaft, sondern sie sucht mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Methoden, mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart fortzuschreiten auf dem Wege des Erkennens. Sie sucht mit voller innerer Klarheit zu dem Punkte zu kommen, wo man das Gefühl haben kann: Hier stehst du an den naturwissenschaftlichen Erkenntnisgrenzen. — Und sie sucht dann zu erleben, was man erleben kann an diesen Erkenntnisgrenzen.

[ 15 ] It is precisely this point—this essential point—that appears with great clarity to those who reflect deeply on such matters, yet which, in a vague, subconscious, and instinctive way, troubles all people today who are willing to think at all. From this perspective, the anthroposophically oriented spiritual science referred to here begins its search for the soul. For this spiritual science of the soul proceeds from two inner experiences—two experiences that are precisely connected with the emergence of the limits of knowledge in the soul’s quest. It is not that this science of the soul seeks to contradict the natural sciences in a frivolous, amateurish way when the natural sciences find themselves confronted with the limits of knowledge; no, this science of the soul seeks precisely to deal appropriately with the experience of the limits of knowledge in the natural sciences. However, this spiritual science does not merely theorize; rather, it seeks to advance along the path of knowledge with the help of the methods of natural science and the mode of thinking characteristic of natural science. It seeks, with complete inner clarity, to reach the point where one can feel: Here you stand at the limits of knowledge in natural science. — And it then seeks to experience what can be experienced at these limits of knowledge.

[ 16 ] Und siehe da, diese Seelenwissenschaft muß zunächst diese Erkenntnisgrenzen zugeben. Gerade indem sie nicht in blinder oder dilettantischer Gegnerschaft gegen die Naturwissenschaft vorgeht, sondern sich gründlich bekannt macht mit der Art, wie die Naturwissenschaft forscht, kommt sie zu einem Erlebnis an der Erkenntnisgrenze, das ich nun charakterisieren will.

[ 16 ] And lo and behold, this science of the soul must first acknowledge these limits of knowledge. Precisely because it does not proceed with blind or amateurish opposition to the natural sciences, but rather familiarizes itself thoroughly with the way the natural sciences conduct research, it arrives at an experience at the limits of knowledge, which I will now describe.

[ 17 ] Sie sagt sich: Man kann mit naturwissenschaftlichem Denken Naturprozesse verfolgen, aber man wird immer an gewisse Eckpfeiler der Erkenntnis kommen, die man nicht durchschreiten kann, denen gegenüber gerade das naturwissenschaftliche Denken erlahmen muß. Ich könnte viele solche Eckpfeiler anführen, möchte nur, weil zu vielem nicht Zeit ist, dasjenige anführen, was man gewöhnlich zusammenfaßt mit dem Begriffe «Kraft und Stoff», was man in dieser Art sehr häufig zusammenfaßt in der atomistischen Vorstellungswelt. Ich möchte von dem ausgehen. Der Mensch kann sehen, wenn er sich gerade naturwissenschaftlich schult, wie er in der Zergliederung der Naturprozesse fortschreiten kann, wie er aber dann genötigt ist, gewisse Begriffe, gewisse Ideen, eben Kraft und Stoff, einfach hinzunehmen. Und wie er sich dann sagen muß: Gegenüber diesen Begriffen, die ja allerdings in der Sinneswelt Realitäten darstellen, da kommst du nicht weiter, da kannst du gerade mit der Naturwissenschaft nicht hinein, da mußt du mit dem Naturerkennen stehenbleiben. Wenn man nun nicht in einseitiger Weise von Kantschen Anschauungen ausgeht, sondern unbefangen dieses innere Erlebnis an der Erkenntnisgrenze prüft, so fragt man sich: Ja, woran liegt es denn, daß diese naturwissenschaftliche Methode uns an eine solche Grenze stellt, an gewisse Eckpfeiler des Denkens stellt, woran liegt denn das eigentlich? — Die Menschen kommen gewöhnlich nicht darauf, weil sie ihr Denken nicht so ordnen, wie ich es heute abend nachher charakterisieren will, und dadurch nicht wirklich zur Beobachtung des inneren Lebens kommen. Sie bemerken nicht, daß der Mensch selber, so wie er nun einmal organisiert ist — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf —, schuld daran ist, daß er an solche Eckpfeiler herandringen muß.

[ 17 ] She tells herself: One can use scientific thinking to trace natural processes, but one will always come to certain cornerstones of knowledge that cannot be transcended—cornerstones in the face of which scientific thinking itself must falter. I could cite many such cornerstones, but since there isn’t time to cover everything, I would like to mention what is usually summarized by the terms “force and matter”—concepts that are very frequently grouped together in this way within the atomistic worldview. I would like to begin with that. When a person trains themselves in the natural sciences, they can see how far they can go in breaking down natural processes, but also how they are then compelled to simply accept certain concepts, certain ideas—namely, force and matter. And how one must then say to oneself: Faced with these concepts—which, admittedly, represent realities in the sensory world—you cannot go any further; you cannot penetrate them with natural science; you must stop there in your understanding of nature. If one does not proceed in a one-sided manner from Kantian views, but rather examines this inner experience at the limits of knowledge with an open mind, one asks oneself: Yes, why is it that this scientific method places us at such a limit, at certain cornerstones of thought—what is the reason for this, really? — People usually do not realize this because they do not organize their thinking in the way I intend to characterize later this evening, and thus do not truly come to observe their inner life. They do not notice that human beings themselves, as they are organized—if I may use that expression—are to blame for the fact that they must come up against such cornerstones.

[ 18 ] Die Menschen können sich nicht fragen: Woran liegt es denn eigentlich, daß mir solche Eckpfeiler begegnen? Sie können nicht von einem solchen Erleben, mit der Naturwissenschaft also, übergehen zu einem anderen naturwissenschaftlichen Erleben, Seelenerleben. Kann man das aber, eignet man sich darinnen eine gewisse Möglichkeit an, so ergibt sich folgendes: Man hat auf der einen Seite, wenn man sich an der Naturwissenschaft herangeschult hat, das Erleben von den Erkenntnisgrenzen dieser Naturwissenschaft. Man versucht dann auf der anderen Seite, Klarheit zu gewinnen über das innere Erleben, das man einfach hat, wenn man einem anderen Menschen gegenübersteht. Und man wird dann bemerken, wenn man sein inneres Seelenleben geschult hat: Es ist etwas ganz anderes, ob man einem Naturvorgang naturwissenschaftlich zergliedernd gegenübersteht oder ob man einem Menschen gegenübersteht und versucht, sich mit diesem Menschen zu verstehen, diesem Menschen seelisch nahezukommen. Und man merkt, wenn man nun vergleichen gelernt hat auf diesem Gebiete, daß diejenige seelische Kraft, die einen befähigt, dem Menschen verständig entgegenzutreten, daß diese selbe Seelenkraft, die eine Brücke baut zwischen Mensch und Mensch und dadurch das menschliche Leben erst möglich macht, daß diese selbe Seelenkraft, weil sie immer zwischen uns ist, weil sie immer auch dasein muß, weil der Mensch ein Ganzes ist, weil sie nicht ausgeschaltet werden kann, wenn wir naturwissenschaftlich forschen, daß diese Seelenkraft es ist, die uns an die Eckpfeiler der Erkenntnisgrenzen führt.

[ 18 ] People cannot ask themselves: Why is it, actually, that I encounter such cornerstones? They cannot move from one such experience—that of natural science—to another scientific experience, namely, a spiritual experience. But if one can do this, if one acquires a certain capacity for it, the following results: On the one hand, if one has trained oneself in natural science, one has the experience of the limits of knowledge within that natural science. On the other hand, one then attempts to gain clarity about the inner experience one simply has when facing another human being. And one will then notice, having trained one’s inner soul life: It is something entirely different whether one approaches a natural phenomenon with a scientific, analytical mindset or whether one faces a human being and tries to understand that person, to draw close to them in a soulful way. And once you have learned to make comparisons in this area, you realize that the very soul force that enables you to approach another person with understanding—that this same soul force builds a bridge between one person and another and thereby makes human life possible in the first place—that this very soul force, because it is always present between us, because it must always be there, because the human being is a whole, because it cannot be ruled out when we conduct scientific research—that this soul force is what leads us to the cornerstones of the limits of knowledge.

[ 19 ] Wir könnten einfach nicht von Mensch zu Mensch Liebe empfinden, von Mensch zu Mensch Sympathie empfinden, Neigung empfinden, wenn wir nicht diese Seelenkraft hätten, die sich dem naturwissenschaftlichen Erkennen, wenn man so sagen will, hindernd in den Weg stellt. Weil der Mensch ein Ganzes ist, weil er auch die Kraft der Liebefähigkeit haben muß und weil diese Kraft der Liebefähigkeit fortdauernd tätig ist, nicht schweigen kann, wenn man naturwissenschaftlich erkennt, so stellen sich die naturwissenschaftlichen Grenzen heraus. Dieselbe Kraft, die uns liebend zum Menschen hin uns neigen macht, dieselbe Kraft setzt uns naturwissenschaftliche Grenzpfeiler. Das stellt sich für den Geistesforscher heraus: Wäre die Naturwissenschaft nicht an Grenzen gestellt, wäre der Mensch ein zur Liebe unfähiges Wesen!

[ 19 ] We simply could not feel love from one person to another, feel sympathy from one person to another, or feel affection, if we did not possess this spiritual power, which—if one may say so—stands in the way of scientific understanding. Because the human being is a whole, because he must also possess the power of love, and because this power of love is constantly at work—it cannot remain silent when we engage in scientific inquiry—the limits of natural science become apparent. The very same power that causes us to incline toward others with love is the very same power that sets the boundaries of natural science for us. This is what becomes clear to the spiritual researcher: If natural science were not subject to limits, human beings would be beings incapable of love!

[ 20 ] Sehen Sie, das ist das eine wichtige Erlebnis, welches, ich möchte sagen, die inneren TIriebkräfte der Seele in Tätigkeit versetzen muß, damit man zu dem kommt, was ich hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nenne. Man darf nicht Gegner der Naturwissenschaft sein, man muß auf sie eingehen können, man muß in ihr geschult sein, wenn man wissenschaftlich in Geisteserkenntnis tätig sein will. Aber man muß dasjenige, was der Naturforscher gewöhnlich nur als Theorie treibt, zum Erlebnis machen, und aus dem Erlebnis zeigt sich einem dann, daß das so ist, wie ich es eben auseinandergesetzt habe mit dem eigentümlichen Zusammenwirken zwischen dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisvermögen und der menschlichen Liebefähigkeit.

[ 20 ] You see, this is the one important experience which, I would say, must set the soul’s inner driving forces in motion so that one may arrive at what I here call anthroposophically oriented spiritual science. One must not be opposed to the natural sciences; one must be able to engage with them and be trained in them if one wishes to be scientifically active in spiritual knowledge. But one must turn what the natural scientist usually treats merely as theory into an experience, and from that experience it then becomes clear that things are as I have just explained—namely, the unique interplay between the cognitive faculties of natural science and the human capacity for love.

[ 21 ] Das sehen nun manche Menschen bewußt, manche unbewußt ein. Instinktiv fühlen sie es. Sie wenden sich dann nach einer anderen Richtung hin, um über die Grenzen des naturwissenschaftlichen Erkennens hinaus zu einem Seelenerkennen zu kommen. Da gelangen sie dann, mehr oder weniger klar oder unklar, auf mystische Wege, suchen dasjenige, was ihnen die Naturwissenschaft nicht bieten kann, auf dem Wege sogenannter Eigenerkenntnis mehr oder weniger klarer oder unklarer Mystik.

[ 21 ] Some people recognize this consciously, others unconsciously. They sense it instinctively. They then turn in a different direction, seeking to go beyond the limits of scientific knowledge to attain an understanding of the soul. There they embark, more or less clearly or obscurely, on mystical paths, seeking what natural science cannot offer them through the path of so-called self-knowledge—a form of mysticism that is more or less clear or obscure.

[ 22 ] Sie sehen aus dem, was ich angegeben habe, daß man auf dem Wege der Naturwissenschaft — das lehrt eben gerade das Erlebnis, von dem ich gesprochen habe — zu einer Seelenforschung nicht kommen kann. Aber man tut der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch unrecht, wenn man sie mit dem verwechselt, was man gewöhnlich heute Mystik nennt. Denn ebenso wie in dem einen Erlebnis sich dem Geistesforscher die Unmöglichkeit naturwissenschaftlichen Erkennens für das seelische Gebiet zeigt, wie er durchgemacht haben muß, der Geistesforscher, dieses Erlebnis, das ihm diese Unmöglichkeit zeigt, so muß er auch durchgemacht haben, damit er den richtigen Ausgangspunkt hat, das andere Erlebnis, das ihm die Unmöglichkeit der gewöhnlichen Mystik zeigt, in das Seelenleben hineinzukommen.

[ 22 ] You can see from what I have stated that one cannot arrive at a study of the soul through the methods of natural science—this is precisely what the experience I have spoken of teaches. But one also does an injustice to the anthroposophically oriented spiritual science referred to here if one confuses it with what is commonly called mysticism today. For just as the experience reveals to the spiritual researcher the impossibility of scientific knowledge in the realm of the soul—an experience the spiritual researcher must have undergone— he must also have undergone the other experience—which reveals to him the impossibility of ordinary mysticism in penetrating the life of the soul—in order to have the correct starting point.

[ 23 ] Die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist weder Nachäffung der Naturwissenschaft, obwohl sie durchaus der Naturwissenschaft gegenüber nicht dilettantisch ist, wie ich gezeigt habe; sie ist aber auch nicht dasjenige, was man irgendwie Mystik oder dergleichen nennt. Aber sie muß durchgemacht haben das mystische Erlebnis, so wie sie durchgemacht haben muß das Erlebnis mit der Naturwissenschaft. Wie sie da gekommen sein muß an die naturwissenschaftliche Erkenntnisgrenze, so muß sie auf der anderen Seite dazu gelangt sein, Einsicht zu gewinnen in die Unmöglichkeit, auf mystischem Pfad in das innere Leben des Menschen einzudringen und dadurch den Kern des menschlichen Seelenlebens zu finden, den Zusammenhang mit dem Unendlichen, dem Ewigen. Auch die mystische Grenze muß der Geistesforscher gut kennen. Es muß sich ihm gezeigt haben, wie er, wenn er auf den Wegen sucht, die man so oft als mystische bezeichnet, in ein Unbestimmtes hineinkommt, das ihm zuletzt doch nichts sagt. Das drückt sich natürlich zuerst nur als eine bloße Empfindung aus. Forscht er weiter nach, dann findet er, daß ebenso eine innere Seelenkraft tätig ist, welche verhindert, auf mystischem Wege zu einer Seelenforschung zu kommen, wie in dem Sinne, wie ich es eben gezeigt habe, die Liebefähigkeit verhindert, auf naturwissenschaftlichem Wege zur Seelenforschung zu kommen.

[ 23 ] The anthroposophically oriented spiritual science referred to here is neither an imitation of natural science—although, as I have shown, it is by no means amateurish in relation to natural science—nor is it what is commonly called mysticism or the like. But it must have undergone the mystical experience, just as it must have undergone the experience with natural science. Just as it must have reached the limits of scientific knowledge, so, on the other hand, it must have come to realize the impossibility of penetrating the inner life of the human being via a mystical path and thereby finding the core of human soul life—the connection with the infinite and the eternal. The researcher of the spirit must also be well acquainted with the limits of mysticism. It must have become clear to him that, when he searches along the paths so often described as “mystical,” he enters into a realm of the indeterminate that ultimately tells him nothing. Of course, this initially expresses itself merely as a feeling. If he investigates further, he will find that there is also an inner power of the soul at work that prevents him from arriving at a study of the soul through mystical means—just as, in the sense I have just shown, the capacity for love prevents one from arriving at a study of the soul through scientific means.

[ 24 ] Da zeigt sich nun das Folgende: Wenn der Mensch sich noch so sehr anstrengt mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, das wir im gewöhnlichen Leben anwenden, das wir in der Wissenschaft nur etwas methodisch ausgebildet weiter gebrauchen, wenn der Mensch mit diesem Bewußtsein versucht, in sein Inneres hinunterzusteigen — was man so mystisches Forschen nennt —, so gelangt er doch zu nichts anderem als zu demjenigen, was im Verlaufe des gewöhnlichen Lebens zwischen Geburt und Tod, bis zu dem gegenwärtigen Zeitpunkte, in dem die mystische Forschung angestellt ist, in irgendeiner Weise sich eingeschlichen hat in das Seelenleben. In diesem Punkte sind gerade natürlich nach Mystik neigende Naturwissenschaftler in einer großen Unklarheit befangen. Sie glauben ja oft, durch innere Seelenvertiefung das oder jenes herausholen zu können, was einem Aufschluß geben kann über die Rätsel dieses Seelenlebens. Aber wir sind heute schon so weit im klaren Forschen, auch über die Naturvorgänge des menschlichen Wesens selbst, daß wir nicht mehr irre werden können, wenn wir nur gründlich vorgehen, über eine solche innere Versenkung. Ich will zum Beleg gewissermaßen ein Beispiel aus der Philosophie anführen, obwohl ich es durch eigene Erfahrung hundertfältig vermehren könnte. Allein, damit es nachgeprüft werden kann, will ich es aus der Literatur anführen. Sie finden es in den Abhandlungen über die Grenzfragen des Nerven- und Sinneslebens, die in Wiesbaden herauskommen. Eine dieser Schriften behandelt «Das unterbewußte Ich, sein Verhältnis zu Gesundheit und Erziehung». Da wird ein interessanter Fall erzählt. Louis Waldstein, der die Abhandlung geschrieben hat, spricht von einer eigenen Erfahrung. Er sagt, er ging einmal auf der Straße, stellte sich vor einen Buchladen hin, weil ihm auffiel ein naturwissenschaftliches Buch über Mollusken. Er wollte sich den Titel merken dieses Buches über Mollusken. Er schaute es mit dem Blick des Naturforschers an. Und siehe da, er mußte lächeln. Nun, denken Sie sich, ein Naturforscher steht vor einem Buchladen, sieht ein Buch über Mollusken — und muß lächeln und weiß gar nicht, warum er lächeln muß! Da kommt er darauf: Ich werde einmal die Augen zumachen, vielleicht ergibt sich mir, warum ich lächeln mußte. — Er machte die Augen zu, und siehe da: Was er, während er auf alles andere aufmerksam gewesen war, während er noch nicht die Augen zugemacht hatte, nicht bemerkte: ziemlich in der Ferne hörte er die Töne einer Drehorgel. Es waren dieselben Töne, welche ihn begleitet hatten, als er vor Jahrzehnten Tanzunterricht gehabt hatte. Schon dazumal hatte er diese Töne beachtet, sie waren ihm interessant, wie er die Schritte zu machen hatte, oder vielleicht hat es ihn an seine Partnerin erinnert. Also die Töne, die gerade dieser Melodie entsprachen, die waren es, die sich ihm eingeprägt hatten. Er hatte sie vergessen. Aber jetzt nach Jahrzehnten ergibt sich aus dem Innern seiner Seele heraus, daß er lächeln muß, weil diese Töne wiedererklingen, lächeln muß vor einem Buch über Mollusken. Sie erklingen ihm ganz unbestimmt, unterbewußt. Aber er muß lächeln, währenddem er ein Buch über die Mollusken anschaut.

[ 24 ] The following becomes apparent: No matter how hard a person may strive with the ordinary consciousness that we use in everyday life—which we continue to use in science, albeit in a somewhat more methodical form—and no matter how much that person attempts, with this consciousness, to descend into their inner being—what is commonly called “mystical research”— they arrive at nothing other than what has, in the course of ordinary life between birth and death—up to the present moment in which the mystical inquiry is being undertaken—in some way crept into the life of the soul. On this point, natural scientists who are naturally inclined toward mysticism are caught in a great deal of confusion. They often believe that through inner soulful contemplation they can draw out this or that which might shed light on the mysteries of this inner life. But we have already advanced so far in clear-sighted research—including into the natural processes of the human being itself—that we can no longer be led astray by such inner contemplation, provided we proceed thoroughly. To illustrate this, I will cite an example from philosophy, so to speak, although I could multiply it a hundredfold from my own experience. However, so that it can be verified, I will cite it from the literature. You will find it in the treatises on the borderline questions of nervous and sensory life, published in Wiesbaden. One of these writings deals with “The Subconscious Self, Its Relationship to Health and Education.” An interesting case is recounted there. Louis Waldstein, who wrote the treatise, speaks of a personal experience. He says that he was once walking down the street when he stopped in front of a bookstore because a scientific book on mollusks caught his eye. He wanted to remember the title of this book on mollusks. He looked at it with the eye of a naturalist. And lo and behold, he had to smile. Now, just imagine: a naturalist stands in front of a bookstore, sees a book on mollusks—and has to smile, without even knowing why he has to smile! Then it occurs to him: I’ll close my eyes for a moment; perhaps I’ll realize why I had to smile. — He closed his eyes, and lo and behold: what he hadn’t noticed while he’d been paying attention to everything else—before he’d closed his eyes—was the sound of a barrel organ in the distance. They were the same notes that had accompanied him when he’d taken dance lessons decades ago. Even back then, he’d paid attention to those notes; they’d interested him—how he was supposed to do the steps—or perhaps they’d reminded him of his dance partner. So the notes that corresponded precisely to that melody were the ones that had stuck in his mind. He’d forgotten them. But now, decades later, something deep within his soul compels him to smile as these notes resound again—to smile while looking at a book about mollusks. They ring out in his mind quite vaguely, subconsciously. But he cannot help but smile as he looks at a book about mollusks.

[ 25 ] Sie sehen, wie dieses innere Seelenleben des Menschen eigentlich spielt, wie wenig man geneigt ist, im gewöhnlichen Leben — das können Sie daraus entnehmen — auf dieses innere Seelenleben und sein Gefüge zu achten.

[ 25 ] You can see how this inner life of the soul actually unfolds, and how little one is inclined—as you can gather from this—to pay attention to this inner life of the soul and its structure in everyday life.

[ 26 ] Der Kenner aber dieses inneren Seelenlebens weiß erstens, daß vieles von dem, wobei der Mensch glaubt, daß er irgend etwas ganz gewiß nicht erlebt habe, sondern ursprünglich aus der Seele heraushole, daß dies nichts anderes ist als irgendeine Reminiszenz aus der Kindheit oder Jugendzeit oder dergleichen. Man ist oftmals zum Beispiel als Mystiker geneigt zu glauben, daß man aus der eigenen Seele etwas hervorholen kann; und dabei holt man nur seine Reminiszenzen aus der Jugendzeit oder dergleichen hervor. Aber der Kenner dieses Seelenlebens weiß noch mehr. Er weiß, daß nicht nur diese Eindrücke, die oftmals recht unbestimmt in die Seele hereinkommen, so, wie sie hereingekommen sind, wiederum heraufkommen, sondern daß sie sich verwandeln können im Laufe der Zeit, daß sie zu etwas ganz anderem werden, ja, daß sie sich symbolisch umbilden, gar nicht mehr ähnlich sind in ihrem Verlauf dem Ursprünglichen, wenn sie wieder heraufkommen. Und trotzdem hat man es mit nichts anderem zu tun als mit dem, was man eben heraufgeholt hat. So gibt es manchen Mystiker, der holt sich aus seinem Unterbewußten Wahrnehmungen herauf über das Göttliche, über die Ewigkeit der Seele, große Wahrheiten, wie er meint, und siehe da: Diese großen Wahrheiten sind nichts anderes als — bildlich gesprochen — die umgewandelten Töne einer Drehorgel, die als Reminiszenzen zurückgeblieben sind. Ich will damit nur sagen, wie notwendig es ist, wenn man von Mystik redet, auf diese Dinge hinzuschauen.

[ 26 ] The connoisseur of this inner life of the soul, however, knows, first of all, that much of what a person believes they have certainly not experienced—but rather draws originally from the soul—is nothing other than some reminiscence from childhood, youth, or the like. For example, as a mystic, one is often inclined to believe that one can draw something out of one’s own soul; yet in doing so, one is merely drawing upon one’s memories from youth or the like. But the connoisseur of this inner life knows even more. He knows that not only do these impressions—which often enter the soul quite vaguely—resurface just as they entered, but that they can transform over time, that they become something entirely different, indeed, that they undergo a symbolic transformation, no longer resembling the original in their course when they resurface. And yet one is dealing with nothing other than what one has just brought up. Thus there are many a mystic who draws from his subconscious perceptions of the divine, of the eternity of the soul—great truths, as he believes—and lo and behold: These great truths are nothing other than—figuratively speaking—the transformed notes of a barrel organ that have remained as reminiscences. I merely wish to point out how necessary it is, when speaking of mysticism, to pay attention to these things.

[ 27 ] Wahrhaftig, die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft ist keine wissenschaftliche Spielerei, ist nicht etwas, was nicht rechnete mit solchen vor sich gehenden Wandlungen, wie ich sie eben jetzt charakterisiert habe. Sie ist voll wissenschaftlich durchbegründet. Und weil sie wissenschaftlich durchbegründet ist, sein will, schaut sie klar hin auf dasjenige, was inneres Seelenleben ist. Und da kommt sie dann zu dem Ergebnis, warum aus den Methoden heraus, aus dem Methodischen heraus, das ich gleich charakterisieren will, es eine innere Seelenkraft gibt, welche uns hindert, überhaupt hinunterzusteigen in dasjenige, was der ewige Seelenkern des Menschen ist.

[ 27 ] Truly, the anthroposophical spiritual science referred to here is not some scientific gimmick; it is not something that fails to take into account the kinds of transformations taking place that I have just described. It is thoroughly grounded in science. And because it is, and seeks to be, thoroughly grounded in science, it looks clearly at what constitutes the inner life of the soul. And there it arrives at the conclusion that, based on the methods—the methodological approach—which I will characterize in a moment, there is an inner soul force that prevents us from descending at all into what is the eternal core of the human soul.

[ 28 ] Geradeso, wie uns — was ich vorhin charakterisiert habe — die Liebefähigkeit verhindert, in das Innere der Natur einzudringen, uns Grenzen setzt in bezug auf die Naturerkenntnis, so gibt es eine Seelenkraft, die einen hindert, in das eigene Innere hinabzusteigen. Und diese innere Seelenkraft ist eine sehr gewöhnliche, ist eine solche, ohne die unser gewöhnliches Leben, unser gewöhnliches Bewußtsein nicht gesund ist. Es ist einfach die Erinnerungsfähigkeit, die uns als Menschen im Bewußtsein zusammenhält zwischen Geburt und Tod. Diese Erinnerungsfähigkeit verhindert, daß wir innerlich in unser Ewiges hinunterschauen, denn wir können mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, das wir eben im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ausbilden, nur bis zu jener Fläche hinschauen, auf der zurückstrahlen die Erlebnisse, die wir aufgenommen haben. Und so setzen sich uns innerlich Grenzen, die der Mystiker erlebt, durch die Erinnerungsfähigkeit.

[ 28 ] Just as—as I described earlier—our capacity for love prevents us from penetrating into the innermost essence of nature and sets limits on our understanding of nature, so there is a power of the soul that prevents us from descending into our own innermost being. And this inner power of the soul is a very ordinary one; it is one without which our ordinary life and our ordinary consciousness cannot be healthy. It is simply the ability to remember, which holds us together as human beings in consciousness between birth and death. This capacity for memory prevents us from looking inward into our eternal being, for with the ordinary consciousness that we develop in everyday life and in ordinary science, we can look only as far as that surface from which the experiences we have absorbed are reflected back. And so, through the capacity for memory, limits are set within us—limits that the mystic experiences.

[ 29 ] Das ist das zweite Erlebnis. Das eine ist, daß man in der Naturwissenschaft nicht ins seelische Gebiet kommen kann, das andere, das einen zum Forschen erst entzünden muß, von dem man ausgehen muß, ist, daß man mit Mystik nicht wirklich in das Innere hinunterdringen kann, weil sich die Kraft entgegenstellt, welche die Erinnerungskraft ist.

[ 29 ] This is the second experience. One is that in the natural sciences one cannot enter the realm of the soul; the other—which must first inspire one to research and from which one must proceed—is that through mysticism one cannot truly penetrate into the innermost depths, because the power of memory stands in the way.

[ 30 ] Indem man anthroposophisch orientierte Geistesforschung wirklich intensiv innerlich erlebt, diese Dinge durch innerliche Erlebnisse, innerliche Erfahrungen durchgemacht hat, gewinnt man gerade, ich möchte sagen, an den Enttäuschungen dieser inneren Erlebnisse, an der inneren 'Tragik dieser Erlebnisse die Kraft zu weiterem. Und worin besteht dieses Weitere? Dieses Weitere besteht in dem Entschlusse, auf der einen Seite zu verzichten, mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, das man im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft anwendet, in die Rätsel der Dinge eindringen zu wollen; aber auch zugleich in dem anderen Entschlusse, nun ein anderes Bewußtsein zu suchen, eine andere Seelenkraft zu suchen. An dem, was er an den beiden Erlebnissen hat, entzündet sich dem Geistesforscher die Fähigkeit, zu dem gewöhnlichen Bewußtsein ein anderes Bewußtsein hinzuzufinden.

[ 30 ] By truly and intensely experiencing anthroposophically oriented spiritual research from within—by having gone through these things through inner experiences—one gains, I would say, precisely from the disappointments of these inner experiences, from the inner “tragedy” of these experiences, the strength to go further. And what does this “further” consist of? This “further” consists, on the one hand, in the resolve to refrain from attempting to penetrate the mysteries of things with the ordinary consciousness one employs in ordinary life and in ordinary science; but also, at the same time, in the other resolve to now seek a different consciousness, to seek a different power of the soul. From what he gains from these two experiences, the spiritual researcher’s ability is kindled to find a consciousness different from ordinary consciousness.

[ 31 ] Das wird dasjenige sein, was die neue Seelenlehre zu der alten, heute nicht mehr tauglichen, hinzuzubringen hat, daß man überhaupt den Aufschluß im Sinne des modernen Bewußtseins und Denkens über das Seelenleben nicht gewinnen kann, weder auf naturwissenschaftlichem noch auf mystischem Wege mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, sondern daß dieses selber sich entwickeln muß zu einem anderen, daß aus dem gewöhnlichen, alltäglichen Bewußtsein ein anderes heraussprießen muß. Deshalb bildet die hier gemeinte anthroposophisch orientierte geisteswissenschaftliche Forschung solche Methoden aus, durch welche eine Wissenschaft gesucht wird, die nicht nur mit den Regeln des gewöhnlichen Bewußtseins forscht, sondern die erst zubereitet die menschliche Seele zu einem anderen Bewußtsein, zu einem anderen Bewußtseinszustand, in dem man dann über das seelische Leben forscht. Dadurch gewinnt diese neuere Seelenlehre wiederum die Möglichkeit, nicht bloß von Worten zu sprechen, wie ich vorhin angedeutet habe, wie es die offizielle Seelenlehre heute tut, sondern wiederum an Wirklichkeiten, an seelische Wirklichkeiten heranzudringen.

[ 31 ] This will be what the new doctrine of the soul must add to the old one—which is no longer valid today— is that one cannot at all gain insight into the life of the soul in the sense of modern consciousness and thought—neither through the natural sciences nor through mysticism using ordinary consciousness—but that this consciousness itself must develop into a different one; that a different consciousness must spring forth from ordinary, everyday consciousness. For this reason, the anthroposophically oriented spiritual scientific research referred to here develops methods through which a science is sought that does not merely investigate according to the rules of ordinary consciousness, but first prepares the human soul for a different consciousness—a different state of consciousness—in which one then investigates the life of the soul. In this way, this newer theory of the soul regains the ability not merely to speak of words, as I indicated earlier—as the official theory of the soul does today—but rather to approach realities, spiritual realities.

[ 32 ] Ich will nunmehr nur prinzipiell andeuten dasjenige, was Sie deutlich dargestellt finden in meinen Büchern, zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» über Methoden der Ausbildung eines Bewußtseins, das in die wirklichen Rätsel des Seelenlebens hineinführen kann. Da handelt es sich dabei darum, zunächst dasjenige auszubilden in der Seele, was eine gewisse innere Seelenkraft werden kann, was aber umbildet, möchte ich sagen, verwandelt gerade die Erinnerungskraft. Die Erinnerungskraft ist es ja, die, wie ich ausgeführt habe, uns hindert, in den menschlichen Seelenkern selber einzudringen.

[ 32 ] I will now merely outline, in general terms, what you will find clearly explained in my books, for example in How Does One Gain Insight into the Higher Worlds? or in my Occult Science regarding methods for developing a consciousness that can lead into the true mysteries of soul life. The point here is to first cultivate within the soul that which can become a certain inner soul force—but which, I would say, transforms—or rather, metamorphoses—the very power of memory. For it is the power of memory, as I have explained, that prevents us from penetrating into the very core of the human soul.

[ 33 ] Nun finden Sie unter den inneren Seelenentwicklungsmethoden, in den Schriften, die ich angeführt habe, Gesichtspunkte dafür, wie man dazu kommt, solche inneren Seelenverrichtungen zu pflegen, die nicht appellieren an das Erinnerungsvermögen, an das Gedächtnis.

[ 33 ] Now, among the methods of inner spiritual development described in the writings I have cited, you will find perspectives on how to cultivate inner spiritual practices that do not rely on the power of recollection or memory.

[ 34 ] Ich darf vielleicht in diesem Punkte, wahrhaftig nicht aus alberner persönlicher Eitelkeit, sondern weil hier das Subjektive mit dem Objektiven sich innig berührt, anführen, wie ich vor Jahrzehnten hingeführt worden bin zu sehen, welche Nöte vorliegen in der Umgestaltung der inneren Seelenkraft, um zu einem Seelenforschen zu kommen. Es ist selbstverständlich als persönliches ein höchst unbedeutendes Erlebnis, das ich anführen will, aber es war für mich vor Jahrzehnten wirklich ausschlaggebend. Wenn ich eine mathematische Schularbeit zu machen hatte, so wurde es mir immer schwer, mit dieser Schulaufgabe fertig zu werden, obwohl ich eigentlich — ich sage das nicht aus Eitelkeit, sondern nur als eine Tatsache — ein sehr guter Schüler in Mathematik war. Ich hatte kein Interesse dafür, möchte ich sagen, mit mathematischen, algebraischen oder geometrischen Formeln zu rechnen. Nicht wahr, ein anderer hätte es sich nun nach den Formeln ausgerechnet, was auszurechnen war. Ich war innerlich in die Notwendigkeit versetzt, mir erst am Rand die Formel abzuleiten, alles zu tun, wodurch man zur Formel kommt; ich hatte kein Interesse daran, gedächtnismäßig die Formeln zu haben, sondern ich hatte mehr Interesse daran, diejenigen Geistesprozesse zu üben, die sich in unmittelbarer Gegenwart abspielen und die nicht Erinnerungsreste dann sind. Ich wollte diese Dinge in unmittelbarer Gegenwart haben. Ich kam darauf, daß in diesem Nichtreflektieren auf das Gedächtnis wirklich eine innere Seelenanlage liegen kann. Und das war für mich mit der Ausgangspunkt, um dann weiter zu suchen nach denjenigen Methoden, die Sie in den angegebenen Büchern beschrieben finden und die darin bestehen, daß man auf meditativem Wege, wenn wir das so nennen wollen, das Vorstellen so weit bringt, daß dieses Vorstellen im Menschen so lebendig wird wie sonst nur das innere Seelenleben im Wahrnehmen ist.

[ 34 ] On this point, perhaps—truly not out of silly personal vanity, but because the subjective and the objective are intimately intertwined here—I may mention how, decades ago, I came to see the difficulties involved in transforming one’s inner spiritual power in order to embark on a journey of spiritual exploration. Of course, the personal experience I wish to recount is, in itself, a highly insignificant one, but it was truly decisive for me decades ago. Whenever I had to complete a math test at school, I always found it difficult to finish the assignment, even though I was actually—and I say this not out of vanity, but simply as a fact—a very good student in math. I had no interest, I would say, in calculating with mathematical, algebraic, or geometric formulas. After all, someone else would have simply worked out the calculation using the formulas. I felt an inner compulsion to first derive the formula on the margin, to do everything necessary to arrive at the formula; I had no interest in simply memorizing the formulas; rather, I was more interested in practicing those mental processes that take place in the immediate present and are not mere remnants of memory. I wanted to experience these things in the immediate present. I came to realize that this non-reliance on memory might indeed stem from an innate disposition of the soul. And that was, for me, the starting point for continuing to search for the methods you will find described in the books mentioned—methods that consist of using a meditative approach, if we want to call it that, to develop the imagination to such an extent that this imagination becomes as vivid within a person as the inner life of the soul otherwise is in perception.

[ 35 ] Nicht wahr, wenn wir äußerlich wahrnehmen, werden unsere Sinne die Wahrnehmung mit dem Denken begleiten. Es ist eine gewisse Lebendigkeit in unserem Seelenleben, wenn wir sinnlich wahrnehmen und die Wahrnehmungen mit unseren Vorstellungen begleiten. Aber wir begleiten eben nur die äußeren Wahrnehmungen mit unserem Denken. Im Meditieren macht man das anders. Im Meditieren verwendet man Vorstellungen, die man sich selbst gebildet hat, die man genau überschauen kann, bei denen man genau weiß: Es sind nicht Wahrnehmungen, nicht Reminiszenzen, nicht irgend etwas aus den Erinnerungen Entlehntes, aus den Erscheinungen Herausgeholtes, sondern sie sind etwas, was man sich selbst gemacht hat, was man klar überschauen kann.

[ 35 ] Isn’t it true that when we perceive the external world, our senses are accompanied by thought? There is a certain vitality in our inner life when we perceive through our senses and accompany those perceptions with our mental images. But we only accompany our external perceptions with our thinking. In meditation, one does things differently. In meditation, one uses mental images that one has formed oneself, that one can clearly grasp, and about which one knows precisely: They are not perceptions, not reminiscences, not something borrowed from memories or extracted from phenomena, but rather they are something one has created oneself, something one can clearly grasp.

[ 36 ] Solche Vorstellungen versetzt man in das innere Bewußstsein, gibt sich ihnen hin, verstärkt allmählich die innere Kraft, das innere Seelische so — ohne daß man durch die äußeren Wahrnehmungen zu einem Vorstellen kommt —, daß es ebenso lebendig wird wie das seelische Verweilen im sinnlichen Wahrnehmen, begleitet von Vorstellungen. Aber man bemerkt etwas anderes, indem man wirklich durch meditatives Leben — wenn es auch oftmals sehr lange dauert und intensiv betrieben werden muß —, indem man diese Geistesforschung ausbildet. Da zeigt sich das Eigentümliche, daß die Vorstellungen, die man dann faßt, gerade die wesentlichsten und wichtigsten und fundamentalsten, daß die immer neu geschaffen werden müssen, daß sie nicht in die Erinnerung übergehen. Das sind dann Vorstellungen, die in der Seele leben, ohne an das Erinnerungsvermögen zu appellieren.

[ 36 ] One brings such images into one’s inner consciousness, surrenders to them, and gradually strengthens one’s inner power so that the inner soul—without forming an image through external perceptions—becomes just as vivid as the soul’s dwelling in sensory perception, accompanied by images. But one notices something else by truly cultivating this spiritual exploration through a life of meditation—even if it often takes a very long time and must be pursued intensively. Here the peculiarity becomes apparent: the images one then forms—precisely the most essential, important, and fundamental ones—must constantly be recreated and do not pass into memory. These are images that live in the soul without appealing to the faculty of memory.

[ 37 ] Was ich Ihnen jetzt sage, ist eben einfach Erfahrung, es ist etwas, was man nur schildern kann; selbstverständlich kann jeder sagen, das müsse erst bewiesen werden. Es wird bewiesen durch innere Erfahrung. Nicht durch spiritistische Veranstaltungen, nicht durch irgendwelche äußere mechanistische Dinge, sondern einzig und allein dadurch, daß man nun dieses ganz andere, nicht an das Gedächtnis appellierende Bewußtsein hervorruft, kommt man auf den Weg, in das wirkliche Geistesleben hineinzuschauen. Denn nur solche Vorstellungen, die nicht an die Erinnerung appellieren, sind geeignet, den Menschen hineinzuführen in das geistige Leben.

[ 37 ] What I am telling you now is simply experience; it is something that can only be described. Of course, anyone can say that it must first be proven. It is proven through inner experience. Not through spiritualist séances, not through any external, mechanistic means, but solely by evoking this entirely different kind of consciousness—one that does not appeal to memory—does one set out on the path to gain insight into true spiritual life. For only such perceptions, which do not appeal to memory, are capable of leading a person into spiritual life.

[ 38 ] Allerdings, sie liefern ihm — das ist wieder eine Erfahrung — zunächst nur Bilder dieses geistigen Lebens. Während der Mensch, wenn er sinnlich wahrnimmt, unmittelbar an der Wahrnehmung das Gefühl hat — mögen die Erkenntnistheoretiker noch soviel dagegen haben, das könnte ich alles begründen —, während er, wenn er sinnlich wahrnimmt, unmittelbar das Gefühl hat, er stehe der Realität gegenüber, weiß der Mensch ebenso, wenn er vorrückt zu einem solchen nicht an die Erinnerungen appellierenden Vorstellen, wie ich es geschildert habe, mit diesen Vorstellungen etwas erleben kann, was er sonst auf keine Weise erleben kann, aber nur in Bildern. Er ist sich jetzt klar, durch die Stufe dieses inneren Seelenlebens, die er auf diese Weise erschritten hat, daß er ebenso, wie der Mensch in seinem Leibe zur sinnlichen Umgebung in Beziehung steht, mit seiner Seele — was er sich nur nicht vorstellt, durch das gewöhnliche Bewußtsein nicht wissen kann — in Beziehung steht zu einer geistigen Welt, die ihm zunächst allerdings nur in Bildern auftaucht. Das ist die große Erfahrung, ohne die eine Seelenwissenschaft der Gegenwart und der Zukunft nicht möglich ist, denn die alte ist nicht mehr brauchbar, gerade durch das naturwissenschaftliche Vorstellen nicht brauchbar.

[ 38 ] However—and this is another experience—at first they provide him only with images of this spiritual life. Whereas when a person perceives through the senses, they immediately have the feeling—no matter how much epistemologists may object to this, I could justify it all—that they are he is facing reality—a person knows just as well that when he advances to such concepts that do not appeal to memories, as I have described, he can experience something with these concepts that he cannot otherwise experience in any way, but only in images. Through this stage of inner soul life, which they have reached in this way, they are now clearly aware that just as a person relates to the sensory environment through their body, so too do they relate with their soul—something they cannot imagine or know through ordinary consciousness—to a spiritual world that, at first, appears to them only in images. This is the great experience without which a science of the soul—both in the present and the future—is impossible, for the old one is no longer useful, precisely because it is rendered useless by the scientific way of thinking.

[ 39 ] Das ist das Bedeutsame, daß wirklich aus dem gewöhnlichen Bewußtsein ein anderes heraussprießen kann und daß dieses andere erst Klarheit darüber gibt: Der Mensch ist nicht nur umgeben von einer Sinneswelt, sondern er ist umgeben von einer geistigen Welt. Und so wahr jeder Mensch mit seinem Leibe in der Sinneswelt ist, ebenso ist er mit seiner Seele in einer geistigen Welt drinnen, in einer Welt geistig-makrokosmischer Wesenheiten. Der Mensch hört auf, wenn er die Erfahrung hat, von der ich eben gesprochen habe, in unklarem Pantheismus zu sprechen davon: Es gibt Geist und Geist und Geist ... [Lücke in der Nachschrift]. Der Pantheismus ist nichts als eine unklare, illusionäre, verschwommene Anschauung der Welt. Dasjenige, was sich ergibt, allerdings zunächst nur im Bilde, das ist konkrete geistige Welt, die ebenso in Einzelheiten, in geistigen Wesenheiten vor die Seele tritt, wie die Sinneswelt in konkreten Einzelheiten vor die Seele tritt. Aber es sind Bilder.

[ 39 ] The significant point is that a different kind of consciousness can truly spring forth from ordinary consciousness, and that this different consciousness is what first provides clarity on the matter: Human beings are not only surrounded by a sensory world, but they are also surrounded by a spiritual world. And just as every human being is present with their body in the sensory world, so too are they present with their soul in a spiritual world—a world of spiritual-macrocosmic beings. When a person has the experience I have just described, they cease to speak in terms of vague pantheism: “There is spirit, and spirit, and spirit…” [gap in the postscript]. Pantheism is nothing but an unclear, illusory, and blurred view of the world. What emerges—albeit initially only as an image—is a concrete spiritual world that presents itself to the soul in details, in spiritual beings, just as the sensory world presents itself to the soul in concrete details. But these are images.

[ 40 ] Nur deshalb nenne ich in meinen Schriften die Stufe des Bewußtseins, zu der der Mensch auf solche meditative Weise emporschreitet, das imaginative Bewußtsein, das imaginative Bilderbewußtsein zunächst. Die geistige Welt tritt an den Menschen heran, wie, wenn er sich seiner Augen bedient, die sinnliche Welt in Farben, in Licht und Dunkel ihm entgegentritt. Aber er hat auch, wenn er nur sein Vorstellungsleben entwickelt, das Bewußtsein, er habe es mit Bildern zu tun. Sehen Sie, es ist eine Entwikkelung des Vorstellungslebens, welches den Menschen dazu führt, so in die geistige Welt hineinschauen zu können. Will der Mensch nicht nur zu Bildern, sondern im Sinne der hier gemeinten Geisteswissenschaft über die Bilder hinaus zu geistigen Wirklichkeiten, zu der Wirklichkeit der geistigen Wesenheiten kommen, so muß er nicht nur das Vorstellungsleben in einer solchen Art entwickeln, sondern auch das Willensleben. Geradeso, wie wir im gewöhnlichen Bewußtsein eigentlich nur, ich möchte sagen, nebenbei vorstellen — wir nehmen wahr, und an dem Wahrnehmen entwickeln wir das Vorstellen, machen uns Gedanken über die äußere Welt, aber das ist im gewöhnlichen Bewußtsein eigentlich mehr oder weniger eine Begleiterscheinung —, so ist für das gewöhnliche Bewußtsein eine Begleiterscheinung dasjenige, was im Wollen lebt, was im Willen lebt.

[ 40 ] That is the sole reason why, in my writings, I refer to the level of consciousness to which a person ascends through such meditative means as “imaginative consciousness,” or, initially, “imaginative pictorial consciousness.” The spiritual world approaches the human being just as, when he uses his eyes, the sensory world confronts him in colors, in light and darkness. But even when he merely develops his life of imagination, he is aware that he is dealing with images. You see, it is a development of the life of imagination that enables the human being to look into the spiritual world in this way. If a person wishes to go not only to images but—in the sense of spiritual science as understood here—beyond the images to spiritual realities, to the reality of spiritual beings, then they must develop not only their life of imagination in this way but also their life of will. Just as, in ordinary consciousness, we actually only— I might say, imagine as an afterthought—we perceive, and from that perception we develop imagination, forming thoughts about the external world, but in ordinary consciousness this is actually more or less a byproduct—so, for ordinary consciousness, what lives in the will is also a byproduct.

[ 41 ] Wir können den Willen ja in der Regel nur so beobachten, daß wir unser Tun auf die Außenwelt richten. Aber dadurch lernen wir den Willen nicht wirklich kennen. Ich könnte hier vieles gerade aus der neueren naturwissenschaftlich denkenden Psychologie anführen. Sie brauchen nur ein solches Buch wie Ziehens «Physiologische Psychologie» nachzulesen, so werden Sie bestätigt finden: Wenn wir über den Willen nachdenken, kommen wir nicht zu Rande. In dieses Gebiet sieht man gewöhnlich nicht hinein. Man sieht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nur, daß der Mensch übergeht aus seinem inneren Leben in ein äußeres Leben, in äußere Beziehungen zur Welt, indem er sein Wollen allmählich übergehen läßt in die Handlung, indem sein äußeres Leben eben ein Abdruck wird der Impulse seines Wollens. Durch die Beobachtung dieses Wollens mit dem gewöhnlichen Bewußtsein kann man nun aber nicht weiterkommen, kann man nicht in das Wesen dieses Wollens eindringen.

[ 41 ] As a rule, we can only observe the will by directing our actions toward the external world. But this does not allow us to truly understand the will. I could cite many examples here from recent psychology based on scientific thinking. You need only read a book such as Ziehen’s Physiological Psychology to find confirmation: when we reflect on the will, we never reach a conclusion. This is a realm into which one does not usually gain insight. With ordinary consciousness, one sees only that a person transitions from their inner life to an outer life—to external relationships with the world—by gradually transforming their volition into action, so that their outer life becomes an imprint of the impulses of their volition. However, observing this volition with ordinary consciousness does not take us any further; it does not allow us to penetrate the essence of this volition.

[ 42 ] Und hier handelt es sich darum: Wie das Vorstellen in der eben erwähnten Weise entwickelt worden ist zur imaginativen Erkenntnis dadurch, daß man ein gewisses Verhältnis zum Gedächtnisse, zur Erinnerungsfähigkeit hergestellt hat, so muß ein gewisses Verhältnis des menschlichen Wollens zu der Liebefähigkeit in eigentümlicher Art hergestellt werden. Es wird dieses Verhältnis dadurch hergestellt, daß gewissermaßen inneres Licht in das Wollen hineingebracht wird, daß der Mensch innerlich viel aktiver wird in bezug auf das Wollen, als er gewöhnlich ist. Dadurch wird er imstande sein, das Wollen in eine ganz andere Sphäre hineinzubringen.

[ 42 ] And this is the point: Just as imagination has been developed in the manner just mentioned into imaginative cognition by establishing a certain relationship to memory and the capacity to recall, so too must a certain relationship between human volition and the capacity for love be established in a unique way. This relationship is established by, as it were, bringing inner light into the will, so that the human being becomes much more active inwardly with regard to the will than he or she usually is. Through this, he or she will be able to bring the will into an entirely different sphere.

[ 43 ] Ich möchte mich wiederum durch eine sehr einfache Sache klarmachen. Viele Menschen bemerken solche Dinge des Lebens nicht; aber sie sind doch da. Die Menschen können unter anderem auch schreiben; jeder Mensch hat seine Schrift. Aber es gibt zweierlei Arten des Schreibenkönnens. Verschiedene Arten des Schreibenkönnens gibt es! Die eine besteht darin, daß man eine bestimmte Schrift hat, die wie durch die Leibesorganisation aus einem hervorgeht. Man hat so seine Handschrift. Man kann auch gar nicht anders, als, ich möchte sagen, die Handbewegung in einer gewissen Weise richten, und die Handschrift wird in einer gewissen Weise selbstverständlich, wie man in einer gewissen Weise den Löffel hält, wenn man ißt, oder sonst etwas so gewohnheitsmäßig tut, eigentlich aus der Leibesorganisation hervorgehend, schreibt man.

[ 43 ] I would like to illustrate my point once again with a very simple example. Many people do not notice such things in life; yet they are there. Among other things, people can also write; every person has their own handwriting. But there are two kinds of writing ability. There are different kinds of writing ability! One consists in having a certain handwriting that emerges from within a person, as if through the body’s constitution. One has one’s own handwriting. One simply cannot help but—I would say—direct the movement of the hand in a certain way, and the handwriting becomes natural in a certain way, just as one holds a spoon in a certain way when eating, or does something else out of habit; one writes, in fact, as a result of one’s physical constitution.

[ 44 ] Aber es gibt eine andere Art, schreiben zu können, die bei einer Anzahl von Menschen auftritt, die man gewöhnlich nicht beachtet. Das ist die, wo man eigentlich das Geschriebene wie hinzeichnet, wie hinmalt, wo man mit seiner Anschauung dabei ist, wo man wie ein Zeichner oder Maler den Buchstaben aufmalt. Solch eine Schrift haben sehr häufig diejenigen Menschen, die in ihrer Jugend sehr geliebt haben irgendeinen Lehrer oder irgendeine andere Autorität, der sie ihre Schrift nachgeahmt haben.

[ 44 ] But there is another way of writing that occurs among a number of people whom one usually overlooks. This is the way in which one actually draws or paints what is written, in which one’s imagination is fully engaged, and in which one sketches out the letters like a draftsman or painter. This type of handwriting is very common among people who, in their youth, greatly admired a particular teacher or some other authority figure whose handwriting they imitated.

[ 45 ] Dieses soll nur darauf hinleiten, daß beim gewöhnlichen Schreiben der Mensch gewohnheitsmäßig mit seiner Organisation beteiligt ist. Er kann aber auch in das Schreiben dasjenige einfließen lassen, was sonst nur in der Intellektualität oder in der Erkenntnis wirkt, er kann einfließen lassen in das Schreiben die Beobachtung, das Vorstellen. Das hängt aber zusammen innerlich. Geradeso, wie es zusammenhängt mit der Liebe, wenn ein Mensch sein ganzes Leben so die Buchstaben nachahmt, wie wenn er ein Maler oder Zeichner wäre, so drängt auch die Liebe merkwürdigerweise objektiv immer in das Wollen ein, wenn sich die Beobachtung dem Wollen, wenn sich die Fähigkeit, das Wollen beobachtend zu begleiten, dem Wollen beigesellt. Wie kann man das nun erreichen? Nun, man kann es erreichen durch strenge Selbstzucht, und zwar in der folgenden Art.

[ 45 ] This is merely meant to illustrate that, in ordinary writing, a person habitually engages their entire being. However, they can also incorporate into their writing elements that otherwise operate only in the realm of the intellect or cognition; they can incorporate observation and imagination into their writing. Yet these are intrinsically connected. Just as it is connected to love—when a person spends their entire life imitating letters as if they were a painter or draftsman—so, strangely enough, love objectively always intrudes into the will when observation joins the will, when the ability to accompany the will through observation joins the will. How, then, can this be achieved? Well, one can achieve it through strict self-discipline, specifically in the following manner.

[ 46 ] Im Leben — das weiß jeder Mensch — da entwickelt man sich. Wer nur ein wenig zurückschauen kann auf seinen Lebenslauf, der weiß, daß er vor zehn Jahren eine ganz andere innere Seelenverfassung gehabt hat als heute. Nicht nur, daß wir uns ändern mit Bezug darauf, daß wir neue Erfahrungen gewonnen haben, sondern wahrhaft auch darinnen, daß unsere Denkgewohnheiten andere werden, wenn auch weniger stark als die Summe der inneren Erfahrungen und dergleichen. Aber wir tun das zum größten Teil unbewußt. Das Leben, die Erziehung, die Verhältnisse, die bringen uns so vorwärts.

[ 46 ] In life—as every person knows—we evolve. Anyone who can look back even a little on the course of their life knows that ten years ago, they had a completely different inner state of mind than they do today. Not only do we change as a result of the new experiences we have gained, but we also truly change in that our habits of thought become different, even if this change is less pronounced than the sum of our inner experiences and the like. But for the most part, we do this unconsciously. Life, our upbringing, and our circumstances are what move us forward.

[ 47 ] Derjenige, der zur Geistesforschung kommen will, der muß dahin gelangen, diese innere Entwickelung bewußt zu verfolgen. Er muß, mit anderen Worten, dahin kommen, die Macht in sich zu entwickeln, daß er wirklich etwas anderes wird durch sein bloßes Vorstellen, durch seine bloßen Ideen. Das gehört einfach zur Methode für die Geistesforschung, zur Vorbereitung für die Geistesforschung. Man kann nicht in das Innere des geistigen Lebens eindringen, wenn man nicht das einmal durchgemacht hat, daß man fähig geworden ist, sich selber Entwickelungsimpulse einzuverleiben durch das Vorstellen.

[ 47 ] Anyone who wishes to engage in spiritual research must learn to consciously pursue this inner development. In other words, they must develop the power within themselves to truly become something else through their mere imagination, through their mere ideas. This is simply part of the method of spiritual research, part of the preparation for spiritual research. One cannot penetrate into the innermost depths of spiritual life unless one has first gone through the process of becoming capable of incorporating impulses for one’s own development through imagination.

[ 48 ] Man denke nur nach darüber, wie das gewöhnliche Leben in dieser Beziehung wirkt. Die Menschen haben es oftmals wirklich mit den allerbesten Absichten zu tun, wenn sie sich vornehmen, diese oder jene Eigenschaft abzulegen oder diese oder jene Eigenschaft sich anzueignen. Sie eignen sich ja auch andere Eigenschaften an, aber durch die Erziehung, durch die Verhältnisse eben, durch das äußere Leben. Aber eben das innere Seelenleben, im bloßen Vorstellen, ist nicht stark genug, in den Willen einzugreifen.

[ 48 ] Just think about how ordinary life plays out in this regard. People often have the very best of intentions when they resolve to abandon this or that trait or to acquire this or that trait. They do acquire other traits, but through upbringing, through circumstances, and through their external lives. But their inner spiritual life, in mere imagination, is not strong enough to influence the will.

[ 49 ] Das wiederum machen die Methoden, die in den genannten Büchern geschildert werden, daß wirklich das Innerste des Menschen fähig wird, in den Willen sich einzuleben. Dann findet eine besondere Ausbildung der Liebefähigkeit statt. Während auf der einen Seite eine Fähigkeit zur Geistesforschung entwickelt werden muß, die nicht appelliert an das Erinnern, muß gerade auf der anderen Seite eine Fähigkeit entwickelt werden, die die Liebefähigkeit unendlich vertieft, sie objektiv macht. Denn, was ist es denn, was dagegen spricht, daß unsere innersten Vorstellungen uns ändern? Nichts anderes ist es als die Selbstliebe. Und die Möglichkeit, durch bloße innere Vorstellung sich zu verändern, beruht darauf, daß man ja Selbstliebe in objektive Liebe verwandeln kann.

[ 49 ] This, in turn, is achieved through the methods described in the books mentioned, which enable the very innermost being of the human person to become attuned to the will. Then a special development of the capacity for love takes place. While, on the one hand, a capacity for spiritual research must be developed that does not rely on memory, on the other hand, a capacity must be developed that infinitely deepens the capacity for love and makes it objective. For what, after all, stands in the way of our innermost ideas changing us? It is nothing other than self-love. And the possibility of changing oneself through mere inner imagination rests on the fact that one can indeed transform self-love into objective love.

[ 50 ] Damit aber, daß man auf diesem Wege fortschreitet, gelangt man dazu, wiederum aus dem Bewußtseinszustand, den man im gewöhnlichen Leben hat, einen anderen herauszuholen. Und dieser andere befähigt einen jetzt, sich zu sagen: Du hast Bilder durch das, was früher geschildert worden ist; du wußtest, es gibt eine geistige Welt um dich, in der deine Seele lebt, wie dein Leib in der Sinneswelt lebt. Aber jetzt weißt du: Diese Bilder, die entsprechen einer Wirklichkeit, an die du stößest dadurch, daß du in dir einen Impuls entwickelt hast, der im Verfolg der eigenen Selbstentwickelung in systematischen Anstrengungen herangebildet wird. — Jetzt wird man nicht nur den Bildern der geistigen Wesenheiten entgegentreten, jetzt tritt man der geistigen Wirklichkeit selbst entgegen.

[ 50 ] But by proceeding in this way, one comes to draw forth another state of consciousness from the one one experiences in ordinary life. And this other state now enables you to say to yourself: You have formed images through what has been described earlier; you knew that there is a spiritual world around you in which your soul lives, just as your body lives in the sensory world. But now you know: These images correspond to a reality that you encounter by developing within yourself an impulse that is cultivated through systematic efforts in the course of your own self-development. — Now you will not only encounter the images of spiritual beings; now you will encounter spiritual reality itself.

[ 51 ] Nun ist man bis zu dieser Stufe gekommen. Man hat aus dem gewöhnlichen Bewußtsein ein anderes herausgeholt. Jetzt wird man wirklich fähig, das menschliche Seelenleben mit diesen Ihnen eben geschilderten Fähigkeiten zu durchschauen. Vor allen Dingen tritt eines auf: Nicht wahr, der Geistesforscher kann nur schildern, wie er zu diesen Dingen kommt. Man kann dann, ich wiederhole es, leicht sagen: Wo sind deine Beweise? — Die Beweise liegen eben darinnen, daß er schildert, wie er zu diesen Dingen gekommen ist, daß diese Dinge nachgeprüft werden können mit dem gesunden Menschenverstand und daß jeder Mensch dazu kommen kann, wenn er die Dinge nachprüft.

[ 51 ] We have now reached this stage. We have drawn a different kind of consciousness out of ordinary consciousness. Now we truly become capable of gaining insight into human soul life through the abilities I have just described to you. Above all, one thing becomes clear: Isn’t it true that the spiritual researcher can only describe how he arrived at these insights? One might then—and I repeat—easily ask: “Where is your proof?”—The proof lies precisely in the fact that he describes how he arrived at these insights, that these insights can be verified using common sense, and that anyone can reach the same conclusions if they examine the evidence for themselves.

[ 52 ] Dasjenige, was zum Beispiel als eine erste Möglichkeit auftreten kann, wenn man die Fähigkeiten dieses erhöhten Bewußtseins, dieses übersinnlichen Bewußtseins sich angeeignet hat, ist, daß man nun wirklich sich Aufschluß geben kann, was man vorher nicht kann, wegen der erwähnten beiderseitigen Schwellen, der mystischen und der naturwissenschaftlichen, daß man nun wirklich Aufschluß sich geben kann über den Wechselzustand, über den rhythmischen Wechsel im menschlichen Leben zwischen Wachen und Schlafen. Denn man wacht anders auf, wenn man dieses Bewußtsein entwickelt hat. Man wacht so auf, daß man nun deutlich weiß im Aufwachen: Vom Einschlafen bis zum Aufwachen hast du ein inneres Seelenleben gehabt, keinen Augenblick warst du in irgendeinem Nichts, du hast ein inneres Seelenleben gehabt, das nur ein ganz anderes ist als dasjenige, das du im Leib verbringst. Jetzt merkt man, wie neben dem Leibesprozesse die Seelenprozesse einhergehen, wie diese Seelenprozesse nur vom Aufwachen bis zum Einschlafen übertönt werden von dem, was der Mensch im Leibe erlebt; wie der Mensch aber in Wirklichkeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der geistigen Welt außerhalb seines Leibes ist und wie in dem Augenblicke, wo er dann aufwachen will und in seinen Leib eintritt, gerade dadurch, daß er darauf angewiesen ist, durch seine Werkzeuge die Erkenntnis, die Wahrnehmung sich zu vermitteln, ausgelöscht wird dasjenige, was erlebt ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Der Nachklang ist ja da für den Menschen; aber deutlich kommt man erst zum Bewußtsein, wie man im Geistigen gelebt hat vom Einschlafen bis zum Aufwachen, wenn man gelernt hat zu leben in solchen Vorstellungen, die nicht an die Erinnerungsfähigkeit appellieren. Denn das ist gerade das Eigentümliche: Wir führen ein Seelenleben vom Einschlafen bis zum Aufwachen, vergessen es aber, weil wir darauf trainiert sind, im gewöhnlichen Bewußtsein nur dasjenige zu wissen, was wir auch heute behalten können für das gewöhnliche Bewußtsein. Damit das gesunde Seelenleben sein könne, können wir im gewöhnlichen Bewußtsein die Schlafesvorstellungen nicht auffassen, die eben nicht darauf angelegt sind, im gewöhnlichen Sinne Erinnerungen zu werden, sondern darauf, vergessen zu werden. Wir können sie nur auffassen, wenn wir ein Seelenleben haben, das nicht veranlagt ist auf das Vergessen, sondern auf das Erinnern.

[ 52 ] One possibility that may arise, for example, when one has mastered the abilities of this heightened consciousness, this supersensory consciousness, is that one can now truly gain insight into what was previously impossible—due to the two thresholds mentioned, the mystical and the scientific—namely, that one can now truly gain insight into the state of transition, into the rhythmic alternation in human life between waking and sleeping. For one wakes up differently when one has developed this consciousness. One wakes up in such a way that one now knows clearly upon waking: From the moment you fell asleep until you woke up, you had an inner soul life; not for a single moment were you in any kind of nothingness; you had an inner soul life that is simply very different from the one you experience in the body. Now one realizes how the processes of the soul proceed alongside those of the body, how these processes of the soul are merely drowned out—from waking until falling asleep—by what the human being experiences in the body; yet in reality, from the moment of falling asleep until waking up, a person is in the spiritual world outside their body; and at the very moment when they are about to wake up and enter their body, precisely because they are dependent on their senses to convey knowledge and perception, what was experienced from falling asleep until waking up is erased. The afterglow is certainly there for the human being; but one only becomes clearly aware of how one has lived in the spiritual realm from falling asleep until waking up when one has learned to live in such mental images that do not appeal to the power of memory. For that is precisely what is peculiar: We lead a soul life from falling asleep to waking up, but we forget it because we are trained, in ordinary consciousness, to know only that which we can retain even today for ordinary consciousness. In order for a healthy soul life to exist, we cannot grasp the images of sleep in ordinary consciousness, since they are not intended to become memories in the ordinary sense, but rather to be forgotten. We can only grasp them if we have a soul life that is not predisposed to forgetting, but to remembering.

[ 53 ] Wir können also sagen: So, wie man, wenn man im Raume vorwärtsschreitet, auf den Raum zurückschaut, den man durchgemacht hat — das ist etwas anderes als Erinnerung —, so kann man, wenn man aufgewacht ist, wenn man an einem gewissen Zeitpunkt angelangt ist, zurückschauen auf dasjenige, was man durchlebt hat. Das Erinnern, das ein Heraufholen aus dem Seelenleben ist, das verwandelt sich in ein inneres Schauen, in ein Zurückschauen. Dadurch, daß man in solche Fähigkeiten hineinkommt, ist aber zu gleicher Zeit dies gegeben, daß sich diese Fähigkeiten eines übersinnlichen Bewußtseins immer mehr steigern, daß man immer mehr und mehr dazu gelangt, nun wirklich das Seelenleben studieren zu können.

[ 53 ] So we can say: Just as, when one moves forward in space, one looks back at the space one has traversed—which is something different from memory—so, when one has awakened, when one has reached a certain point in time, one can look back on what one has experienced. Remembering, which is a process of bringing things up from the life of the soul, transforms into an inner beholding, into looking back. However, as one develops these abilities, it follows that the capacities of supersensible consciousness increase more and more, and one becomes increasingly able to truly study the life of the soul.

[ 54 ] Ein erstes, das man studieren kann, ist zum Beispiel das Gefühlsleben. Und es ist gut, wenn man gerade vom Gefühlsleben ausgeht und sich orientiert an dem Erlebnis des Aufwachens und des Einschlafens mit den entwickelten Fähigkeiten des übersinnlichen Bewußtseins. Man kann nun wirklich hintreten an die Realität des seelischen Gefühlslebens. Und da zeigt sich ein Eigentümliches, etwas, was unmittelbar der Anschauung sich ergibt, wenn man das übersinnliche Bewußtsein entwickelt hat, das aber nachgeprüft werden kann und interessant nachgeprüft werden kann im Leben. Untersucht man nämlich mit dem Bewußtsein, von dem ich eben gesprochen habe, dasjenige, was Fühlen im Menschen in irgendeinem Zeitpunkte seines Lebens ist — man kann es erst untersuchen, wenn man die Seelenkräfte entwickelt hat, die im übersinnlichen Bewußtsein liegen; dann kann es nachgeprüft werden, wie ich gleich nachher erwähnen werde —, untersucht man den Gefühlsmoment, das Gefühlsleben, das, was im Fühlen in einem Augenblick ist, so stellt sich das Merkwürdige heraus, daß dieses Gefühlsleben in einem Augenblicke ein Zusammenströmen ist von alledem, was man vorher erlebt hat, und alledem, was man noch erleben wird.

[ 54 ] One of the first things one can study, for example, is the emotional life. And it is helpful to begin precisely with the emotional life and to orient oneself toward the experience of waking up and falling asleep using the developed faculties of supersensible consciousness. One can now truly approach the reality of the soul’s emotional life. And there something peculiar becomes apparent—something that presents itself directly to perception once one has developed supersensible consciousness, but which can be verified, and verified in an interesting way, in life. For if one examines, with the consciousness I have just spoken of, what feeling is in a human being at any given moment in their life—one can only examine this once one has developed the soul forces that lie within supersensible consciousness; then it can be verified, as I will mention shortly—if one examines the moment of feeling, the emotional life, that which is present in a single moment of feeling, then the remarkable fact emerges that this emotional life in a single moment is a convergence of everything one has previously experienced and everything one is yet to experience.

[ 55 ] Ich habe mir Mühe gegeben, nachdem ich diese Sache geisteswissenschaftlich erkundet hatte, sie nachzuweisen, sie nachzuprüfen an Beispielen, an denen man das nachprüfen kann. Man nehme das Goethesche Geistesleben, die inneren Gefühlsverläufe Goethes, sagen wir im Jahre 1790. Bei Goethe können wir den Dingen ja wirklich genau nachgehen. Nun kann man studieren, was Goethe durchgemacht hat irgendwie bis 1790, was sich auf seiner Seele abgeladen hat, was fruchtbar in dieser Seele ersprossen ist, und auch dasjenige bei Goethe, was dann von ihm nach 1790, bis 1832, erlebt worden ist, was er gedacht, gesonnen hat. Und es ist wirklich so, Sie können es nachprüfen: Wenn Sie den Grundcharakter der Erlebnisse nach 1790 nehmen als wirksam und ebenso die Erlebnisse von vor 1790, so finden Sie die Gefühlsverfassung Goethes in dem Zeitpunkt von 1790. Der Mensch erlebt gefühlsmäßig in irgendeinem Zeitpunkt den Zusammenfluß dessen, was seine unmittelbare Vergangenheit seit seiner Geburt ist, und dessen, was nachkommen wird bis zu seinem Tode.

[ 55 ] After exploring this matter from a spiritual-scientific perspective, I made an effort to substantiate it and verify it using examples that allow for such verification. Take, for instance, Goethe’s spiritual life—the inner emotional processes he experienced, say, in the year 1790. With Goethe, we can really examine things in great detail. Now one can study what Goethe went through up to 1790, what weighed on his soul, what sprouted fruitfully within that soul, and also what Goethe experienced after 1790, up until 1832—what he thought and contemplated. And it is truly the case—you can verify it: If you consider the fundamental character of his experiences after 1790 to be significant, and likewise those from before 1790, you will find Goethe’s emotional state at that point in time, 1790. At any given moment, a person emotionally experiences the convergence of what constitutes their immediate past since birth and what will follow until their death.

[ 56 ] Man wird, wenn man die neuere Seelenlehre einmal ausbilden wird, interessante Ergebnisse haben, zum Beispiel auf folgende Weise: Man wird das Seelenleben von Menschen in irgendeinem Zeitpunkte suchen, auf den bald der Tod folgt. Wer nur einen unbefangenen Blick hat, der wird überall sehen: Ein baldiges Sterben, das drückt sich aus gerade im Gefühlsleben; denn das Gefühlsleben ist der Zusammenfluß von demjenigen, was vorher da war, und dem, was nachher erst kommen wird, was aber schon da ist wie das Wetterleuchten der Zukunft, was sich noch nicht in Erlebnissen ausdrückt, was aber sich in der Gefühlsfärbung ausdrückt.

[ 56 ] Once the newer theory of the soul has been fully developed, we will obtain interesting results, for example in the following way: We will examine the inner life of people at a certain point in time, shortly before their death. Anyone with an unbiased perspective will see this everywhere: An impending death expresses itself precisely in emotional life; for emotional life is the confluence of what was there before and what is yet to come—what is already present, like a flash of lightning from the future, which has not yet found expression in experiences but is expressed in the emotional tone.

[ 57 ] So lernt man das Innere des Lebenslaufes, der ja vorzugsweise ein Verfließen der Gefühle ist, kennen. Und nun kann man aufsteigen, nachdem man das Gefühl geprüft hat auf diese Weise, zu der Prüfung des Vorstellungslebens. Aber man kann das Vorstellungsleben nicht mehr auf dem Wege heute erklären, wie es irgendeine der landläufigen Psychologien tut — es würden nur Worthülsen, wenn man es so erklären wollte —, sondern man muß sich fähig gemacht haben durch die Entwickelung des übersinnlichen Bewußtseins, zum Beispiel den Moment des Aufwachens wirklich anzuschauen, zu schauen, wie das Aufwachen darinnen besteht, daß das Erlebnis seinen Eindruck macht in das Leibliche. Man weiß das, weil man weiß, daß das Seelische in einer geistigen Umgebung gelebt hat vom Einschlafen bis zum Aufwachen, die eine ganz andere ist, die nur da sein kann dadurch, daß die Seele außerhalb des Leibes ist. Man weiß also, daß das Aufwachen ein Untertauchen in den Leib ist.

[ 57 ] This is how one comes to understand the inner workings of the life course, which is, after all, primarily a flow of feelings. And now, having examined feeling in this way, one can move on to the examination of the life of the imagination. But one can no longer explain the life of the imagination today in the way that any of the conventional schools of psychology do—it would amount to nothing but empty phrases if one were to explain it that way—but rather, one must have prepared oneself through the development of supersensible consciousness, for example, to truly observe the moment of waking up, to see how waking up consists in the experience making its impression on the physical body. One knows this because one knows that the soul has lived in a spiritual environment from falling asleep until waking up—an environment that is entirely different and can exist only because the soul is outside the body. One therefore knows that waking up is a immersion into the body.

[ 58 ] Man erkennt auf diese Weise die Selbständigkeit des Seelischen. Und man lernt nunmehr erkennen, daß dieses Aufwachen des Seelischen gewissermaßen in kurzen, aufeinanderfolgenden Rhythmen sich wiederholt im gewöhnlichen menschlichen Denken, im gewöhnlichen menschlichen Vorstellen. Diese Rhythmen spielen sich ab im fortlaufenden gewöhnlichen Bewußtsein, was Sie ja kaum bemerken, was aber in der neueren Psychologie sehr interessant von einzelnen Forschern bemerkt worden ist, John Ruskin sehr ausführlich schon beschreibt. So ist der reale Vorgang, der dabei geschieht, immer der, daß nur ein Miniaturbild da ist, eine kleine Abschattung des Aufwachens. Sie haben fortwährend Aufwachen, indem Sie vom Nichtvorstellen ins Vorstellen übergehen. Das ist außerordentlich bemerkenswert, das ist außerordentlich wichtig.

[ 58 ] In this way, one recognizes the independence of the soul. And one now learns to recognize that this awakening of the soul repeats itself, as it were, in short, successive rhythms within ordinary human thinking and ordinary human imagination. These rhythms unfold within the continuous flow of ordinary consciousness—something you hardly notice, but which has been observed in a very interesting way by individual researchers in recent psychology and described in great detail by John Ruskin. Thus, the actual process that takes place is always that there is only a miniature image, a small shadow of the awakening. You are constantly experiencing this awakening as you transition from non-imagination to imagination. This is extraordinarily remarkable; it is extraordinarily important.

[ 59 ] Lernt man auf diese Weise die Natur des Vorstellens kennen, kann man die Brücke bauen zwischen Vorstellen und Aufwachen, weiß man, daß das Vorstellen nur ein kleines Aufwachen ist, so weiß man auch, wie das Hinüber- und Herüberschwingen des selbständigen Seelischen in das Leibliche geschieht. Und indem man auf der einen Seite die Brücke baut zum Aufwachen, vom Vorstellen zum Aufwachen, kann man auf der anderen Seite sich die Fähigkeit aneignen, nun auch die Brücke zu bauen vom Aufwachen zum Geborenwerden oder Empfangenwerden, zu jenem Untertauchen des Seelischen in das Leibliche, das dann geschieht, wenn die Seele aus einer Anwesenheit in der geistigen Welt, bevor sie geboren oder empfangen ist, in den Leib untertaucht.

[ 59 ] If one comes to understand the nature of imagination in this way, one can build a bridge between imagination and awakening; once one knows that imagination is merely a small awakening, one also knows how the independent spiritual swings back and forth into the physical. And by building the bridge to awakening on the one hand—from imagination to awakening—one can, on the other hand, acquire the ability to build the bridge from awakening to being born or conceived, to that immersion of the soul into the physical body that occurs when the soul, having been present in the spiritual world before being born or conceived, immerses itself into the body.

[ 60 ] Die geisteswissenschaftliche Seelenkunde kann heute auf diesen kontinuierlichen Weg hinweisen. Lernt man das Vorstellen in seiner Realität kennen, so führt von dem Vorstellen die gerade Brücke zum Aufwachen, das heißt zur Beobachtung des Überganges des selbständigen Seelenlebens in das Leibesleben, aber von da aus die weitere Brücke zu dem Anschauen des leiblosen geistigen Lebens vor der Geburt oder, sagen wir, vor der Empfängnis. Und wer hineintragen kann dasjenige, was er im übersinnlichen Bewußtsein entwickelt hat, in das gewöhnliche Vorstellen, der weiß, daß er jetzt nicht nur zurückschaut auf das frühere geistige Leben, sondern er weiß, daß dieses frühere geistige Leben in das gegenwärtige Vorstellungsleben auch hereinwirkt.

[ 60 ] Today, spiritual science can point to this continuous path. If one comes to know imagination in its reality, then a direct bridge leads from imagination to awakening—that is, to the observation of the transition of the independent life of the soul into physical life—but from there, a further bridge leads to the perception of the disembodied spiritual life before birth or, let us say, before conception. And whoever can carry what they have developed in supersensible consciousness into ordinary imagination knows that they are now not only looking back on their earlier spiritual life, but also that this earlier spiritual life is active within their present life of imagination.

[ 61 ] Hier ist der Punkt, wo man meinetwillen heute noch lachen kann oder höhnen kann, wenn Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wie sie hier gemeint ist, hinweist auf ein vorgeburtliches, geistiges Leben der Seele, hinweist auch auf frühere Erdenleben, die man ebenso wirklich aus der Anschauung kennenlernt. Man kann lachen; aber der Weg kann aufgezeigt werden, auf dem das wissenschaftlich untersucht wird, nachdem man erst die Möglichkeit dieser wissenschaftlichen Untersuchung herbeigeführt hat.

[ 61 ] This is the point where, as far as I am concerned, people can still laugh or scoff today when spiritual science—of the anthroposophical kind, as meant here—points to a pre-birth, spiritual life of the soul, and also points to previous earthly lives, which one comes to know just as truly through spiritual insight. One may laugh; but the path can be shown by which this can be scientifically investigated, once the possibility of such scientific investigation has first been established.

[ 62 ] Hier ist der Punkt, wo aufmerksam darauf gemacht werden kann, wie man ebenso streng und undilettantisch verfährt wie heute die neuere Wissenschaft, aber durch Heranbilden, durch systematisches Heranbilden eines höheren Bewußtseins, und wie man eine Geisteswissenschaft begründet, die uns zum ewigen Wesenskern des Menschen führt, dahin führt, wirklich zu wissen, daß der Mensch mit seiner Seele einer geistigen Welt angehört, so wie er mit seinem Leibe einer sinnlichen Welt angehört; und daß in dieser geistigen Welt sein ewiger Wesenskern ist, daß er aus ihr herauskommt, wie er schon im Aufwachen da herauskommt, wie er geboren und empfangen wird und untertaucht in sein Leibesleben, untertaucht in das Vorstellungs- und Gefühlsleben.

[ 62 ] This is the point where we can draw attention to how one can proceed just as rigorously and without amateurism as modern science does today, but through the cultivation—the systematic cultivation—of a higher consciousness, and how one can establish a spiritual science that leads us to the eternal core of the human being, leading us to truly know that human beings, with their souls, belong to a spiritual world, just as they belong to a sensory world with their bodies; and that in this spiritual world lies their eternal essence, that they emerge from it—just as they emerge from it upon waking, just as they are born and conceived—and immerse themselves in their physical life, immersing themselves in their life of imagination and feeling.

[ 63 ] Auf der anderen Seite kann man das Willensleben untersuchen mit dem übersinnlichen Bewußtsein. Da zeigt sich wieder eine Eigentümlichkeit.

[ 63 ] On the other hand, one can examine the life of the will through supersensible consciousness. Here, too, a peculiarity becomes apparent.

[ 64 ] Hat man den Willen sich durch Denken, durch Selbstzucht, wie ich es geschildert habe, heranerzogen, dann merkt man, daß das Wollen, der Übergang aus dem gewöhnlichen Bewußtsein zum Willensimpuls, eine große Ähnlichkeit hat, eigentlich gleichartig ist, jetzt nicht mit dem Aufwachen, sondern mit dem Einschlafen.

[ 64 ] If one has cultivated the will through thought and self-discipline, as I have described, then one realizes that the act of willing—the transition from ordinary consciousness to the impulse of the will—bears a great resemblance to, and is in fact identical with, not waking up, but falling asleep.

[ 65 ] Lernt man im übersinnlichen Bewußtsein wirklich den Vorgang des Einschlafens kennen, dann kann man ihn vergleichen mit dem: «Ich will». Dann lernt man erkennen, daß das Untertauchen in den Willen jedesmal ein abgeschattetes Miniaturbild ist des Einschlafens. Und man kann die Brücke bauen zwischen dem Willensvorgang und dem Einschlafen. Naturforscher werden vielleicht leugnen gerade naturwissenschaftliche Ergebnisse, die bestätigend für das wirken könnten, was ich eben gesagt habe. Man kann die Brücke bauen, sagte ich, von den Willensvorgängen zum Einschlafen, dann aber auch von dem Willensvorgang zum Tod, das heißt zum Herausgehen der Seele aus dem physischen Leib und zum Eintreten durch die Pforte des Todes in die geistige Welt.

[ 65 ] If one truly comes to understand the process of falling asleep in supersensible consciousness, one can compare it to the thought: “I want.” Then one learns to recognize that the immersion into the will is, each time, a shadowed miniature image of falling asleep. And one can build a bridge between the process of the will and falling asleep. Natural scientists may deny precisely those scientific findings that could confirm what I have just said. One can build a bridge, I said, from the processes of the will to falling asleep, but then also from the process of the will to death—that is, to the soul’s departure from the physical body and its entry through the gate of death into the spiritual world.

[ 66 ] Wer den Willen in seiner Wirklichkeit kennt, der kann von diesem Ausgangspunkte aus die wahre Einsicht, die wissenschaftliche Einsicht in die wahre Unsterblichkeitsfrage sich erwerben. Denn es führt von einer wirklichen, nicht von einer solchen Erkenntnis, wie sie die heutige Psychologie liefert in Worthülsen, sondern von einer wirklichen Einsicht, die aber auf keine andere Weise erworben werden kann als durch die genannte Vergleichung des Willens mit dem Einschlafen, es führt von da aus der Weg zum Tode. Und so, wie wenn durch Vorstellungen wir hereinwirkend haben die Vorgeburtszeit oder die Zeit vor der Empfängnis, die wir im geistigen Leben zubringen, wie das Vorstellen ein Nachwirken ist, ein bildhaftes Nachwirken ist unseres Lebens vor der Geburt oder vor der Empfängnis, so ist das Willensleben ein embryonales Leben, das wir dann, aus dem Embryonalen herausgeholt, in Vollendung umsetzen nach dem Tode und in das folgende FErdenleben führen.

[ 66 ] Whoever understands the will in its reality can, starting from this point, gain true insight—scientific insight—into the true question of immortality. For it is this genuine insight—not the kind of knowledge that modern psychology offers in empty phrases—but a genuine insight that can be acquired in no other way than through the aforementioned comparison of the will with falling asleep; from there, the path leads to death. And just as, through the images we bring to mind, we experience the prenatal period—or the time before conception—which we spend in spiritual life; just as this imagining is a lingering effect, a pictorial lingering effect of our life before birth or before conception—so the life of the will is an embryonic life, which we then, having drawn out of the embryonic stage, bring to full completion after death and carry over into the subsequent earthly life.

[ 67 ] Die innere Verwandtschaft des Willens, des Wollens mit dem Sterben, die muß sich ergeben für das höhere Bewußtsein, für das übersinnliche Bewußtsein. So daß wir, wenn wir uns denken würden, das, was als der Willensvorgang noch embryonal ist — dadurch gerade ist er bei uns Willensvorgang —, wenn wir uns ihn intensiv gesteigert denken würden, wenn wir das, was in uns vorgeht beim Wollen, intensiv gesteigert denken würden: Was würde herauskommen? Der Tod, jedesmal der Tod, weil das Wollen ein embryonales Sterben ist. Daher läßt sich auch dasjenige gerade studieren beim Wollen, was beim Sterben geschieht. Beim Sterben geschieht dasselbe, was beim Einschlafen geschieht: das Übergehen der Seele aus dem Leibesleben in das Übersinnliche, in das Geistesleben.

[ 67 ] The inner connection between the will, the act of willing, and dying—this must become apparent to the higher consciousness, to the supersensible consciousness. So that if we were to imagine what is still embryonic as a process of the will—which is precisely why it is a process of the will for us—if we were to imagine it intensely heightened, if we were to imagine what takes place within us when we will intensely heightened: What would emerge? Death, death every time, because willing is an embryonic dying. That is why, precisely through willing, we can study what happens during dying. During dying, the same thing happens as when we fall asleep: the soul’s passage from bodily life into the supersensible, into spiritual life.

[ 68 ] Es handelt sich nicht darum, daß irgendwelche phantastische Hypothesen ausgedacht werden in der hier von mir gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, sondern darum handelt es sich, daß gewissenhaft und mit echter wissenschaftlicher Schulung nur eben so vorgegangen wird, daß man von denjenigen Erlebnissen, die ich geschildert habe, ausgeht und aus diesen Erlebnissen heraus die Kraft entzündet, aus dem gewöhnlichen Bewußtsein ein anderes herauszuentwikkeln. Mit diesem anderen Bewußtsein erst ist es möglich, das seelische Leben zu erforschen. Was dann erforscht wird — ich habe es in meinen Büchern dargestellt —, ist so, daß der gesunde Menschenverstand es nachprüfen kann.

[ 68 ] The point is not that any fantastical hypotheses are concocted in the anthroposophically oriented spiritual science I am referring to here, but rather that, conscientiously and with genuine scientific training, one proceeds in such a way that one draws upon the experiences I have described, and, drawing on these experiences, kindle the power to develop a different kind of consciousness from ordinary consciousness. Only with this different consciousness is it possible to explore the life of the soul. What is then explored—as I have described in my books—is such that common sense can verify it.

[ 69 ] Um es zu erforschen, ist notwendig das übersinnliche Bewußtsein. Ist es einmal da, ist es erforscht, kann jeder es nachprüfen, wie auch jeder eine andere Wissenschaft nachprüfen kann. Denn es ist eine allgemeine Menscheneigenschaft, es ist nicht eine besondere, göttliche Begnadigung und so weiter. Die Frage kann nun auftauchen: Hängt die Tatsache, daß diese Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, gerade in der Gegenwart auftritt, hängt sie irgendwie zusammen mit den eigenartigen Impulsen der Gegenwart?

[ 69 ] To investigate this, supersensible consciousness is necessary. Once it is present and the matter has been investigated, anyone can verify it, just as anyone can verify any other science. For it is a general human capacity; it is not a special, divine gift, and so on. The question may now arise: Is the fact that this anthroposophy, as understood here, is emerging precisely at the present time somehow connected to the distinctive impulses of the present?

[ 70 ] Nun, bei unserem Ausgangspunkt der heutigen Abendbetrachtung habe ich ja gesagt, daß gerade die Naturwissenschaft selbst es ist in ihren Grenzen, welche diese Geisteswissenschaft herausfordert. Auf der anderen Seite treten aber, wie ich nun übermorgen Gelegenheit haben werde auseinanderzusetzen, in unserem sozialen, sittlichen, religiösen Leben heute Forderungen auf, die die Menschenseelen stellen und die aus den alten Traditionen nicht befriedigt werden können.

[ 70 ] Well, at the outset of our evening reflection today, I did say that it is precisely the natural sciences themselves, within their own limits, that challenge this spiritual science. On the other hand, however—as I will have the opportunity to discuss the day after tomorrow—demands are arising in our social, moral, and religious life today that are made by the human soul and cannot be satisfied by the old traditions.

[ 71 ] So wie ich heute zeigen konnte, wie diese Geisteswissenschaft entsteht, wie sie, wirklich gewissenhaft in der Forschung, sucht nach dem Unsterblichen in der Menschenseele und zu der Gewißheit der Unsterblichkeit der Menschenseele durch die unmittelbare Anschauung kommt, so ist auch nur diese Geisteswissenschaft geeignet, dasjenige zu leisten, das übermorgen eben von mir vorgebracht werden soll, was viele Menschen heute glauben, mit ganz anderen Mitteln leisten zu können. Das Seelenleben erforschen kann man nicht, wenn man nicht in das übersinnliche Bewußtsein eindringt. So kann man auch nicht die Grundlage der sozialen Struktur der menschlichen Gesellschaft erforschen, wenn man nicht mit den Mitteln des höheren Bewußtseins in die Grundlage des sittlichen, des religiösen, sozialpolitischen Lebens im heutigen Sinne eindringt. Es wird auch geschichtlich notwendig, daß der Mensch, damit er die großen Forderungen, die aus den Notwendigkeiten des Weltenwerdens ihm entgegentreten, lösen könne, eindringt mit diesem übersinnlichen Bewußtsein in dasjenige, was die Menschen denken, tun und wollen.

[ 71 ] Just as I was able to show today how this spiritual science comes into being, how it—through truly conscientious research—seeks the immortal in the human soul and arrives at the certainty of the human soul’s immortality through direct perception, so, too, only this spiritual science is capable of accomplishing what I am to present the day after tomorrow—something that many people today believe they can achieve by entirely different means. One cannot investigate the life of the soul unless one penetrates into supersensible consciousness. Similarly, one cannot investigate the foundation of the social structure of human society unless one penetrates, through the means of higher consciousness, into the foundation of moral, religious, and sociopolitical life as we understand it today. It is also historically necessary that human beings, in order to meet the great demands presented to them by the necessities of the world’s development, penetrate with this supersensible consciousness into what people think, do, and will.

[ 72 ] Das soll dann übermorgen gezeigt werden. Heute aber wollte ich nur, ich möchte sagen, zu diesem mehr zeitgemäßen Vortrage die Vorbereitung liefern, nämlich die Rechtfertigung der Seelenwissenschaft im Sinne der Anthroposophie. Und wenn ich auch nur skizzenhaft darstellen konnte dasjenige, was dabei in Betracht kommt, so glaube ich doch, daß derjenige, der vielleicht weniger auf meine Worte als auf dasjenige, was in diesen Worten sich aussprechen wollte, hinsieht und auf seine Konsequenzen, daß der sich sagen kann: Durch diese Seelenwissenschaft wird die heute suchende Menschheit das finden können, wovon ich anfangs der heutigen Betrachtung sagte, daß sie es eben nicht hat, woran sie sich im Seelensuchen und dann auch im äußeren Suchen halten kann.

[ 72 ] That will be presented the day after tomorrow. Today, however, I simply wanted—I might say—to lay the groundwork for this more contemporary lecture, namely, the justification of the science of the soul in the sense of anthroposophy. And even if I have been able to present only a rough outline of what is at stake here, I nevertheless believe that anyone who looks less at my words than at what these words sought to express—and at their implications—will be able to say: Through this science of the soul, humanity—which is searching today—will be able to find what I said at the beginning of today’s reflection: that it lacks precisely what it can hold onto in its search for the soul and, subsequently, in its outward search.

[ 73 ] Es wird Klarheit kommen über etwas, wonach ein großer Teil unserer Zeitgenossen sucht, und die anderen, die noch nicht suchen, suchen sollten. Es wird sich ihnen zeigen, daß immer unbrauchbarer werden wird für das moderne menschliche Bewußtsein dasjenige, was an alten Seelenvorstellungen traditionell heraufgekommen ist, daß die Menschen unsicher werden gerade über die wesentlichsten, ihrem Seelenleben notwendigen Rätselfragen, wenn sie nur bei den alten Vorstellungen bleiben, daß neue Vorstellungen nötig werden.

[ 73 ] Clarity will emerge regarding something that a large portion of our contemporaries are seeking, and that others—who are not yet seeking it—should be seeking. It will become clear to them that the traditional conceptions of the soul will become increasingly useless to modern human consciousness; that people will become uncertain precisely about the most essential, enigmatic questions necessary for their inner life if they cling only to the old conceptions; and that new conceptions will become necessary.

[ 74 ] Das ist es, was ich zeigen wollte: Man wird entweder auf diesen neuen Wegen, die ich angedeutet habe, nach einer neuen Seelenwissenschaft zur Befriedigung der höchsten inneren Bedürfnisse des Menschen suchen müssen, oder man würde — was unermeßlich zu beklagen wäre — überhaupt keine Seelenwissenschaft haben. Entweder wird man auf anthroposophisch orientierten Geisteswegen eine neue Seelenwissenschaft suchen oder auf eine Seelenwissenschaft verzichten. Das letztere aber wird die Menschheit nimmermehr tun.

[ 74 ] This is what I wanted to show: Either we must seek, along these new paths I have indicated, a new science of the soul to satisfy humanity’s highest inner needs, or—which would be a cause for immeasurable regret—we would have no science of the soul at all. Either we will seek a new science of the soul through anthroposophically oriented spiritual paths, or we will do without a science of the soul altogether. But humanity will never do the latter.

[ 75 ] Daher hat derjenige, der den Geistesweg, der hier gemeint ist, kennt, das Bewußtsein und die Hoffnung, daß dieser Geistesweg nicht einer bloßen imaginären, subjektiven Willkür entspringt, sondern daß er entspringt aus dem sozialen Fortschritt des menschlichen Geschlechtes in unserer heutigen Zeit und daß er deshalb gegangen werden wird.

[ 75 ] Therefore, anyone who is familiar with the spiritual path referred to here has the awareness and the hope that this spiritual path does not arise from mere imaginary, subjective arbitrariness, but rather from the social progress of the human race in our present time, and that it will therefore be followed.