Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72
31 October 1918, Basel
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Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
8. Rechtfertigung der übersinnlichen Erkenntnis durch die Naturwissenschaft
8. Justification of Transcendental Knowledge through Natural Science
[ 1 ] Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie ich sie in Umrissen in diesen Vorträgen charakterisieren möchte, wird von unseren Zeitgenossen zumeist nicht beurteilt nach demjenigen, was sich aus genauerer Kenntnisnahme ergibt, sondern, man möchte sagen, von außen her, nach oberflächlicher Kenntnisnahme, welche nach irgendwelchen Schlagworten das Urteil bildet.
[ 1 ] Anthroposophically oriented spiritual science, as I would like to outline it in these lectures, is for the most part not judged by our contemporaries on the basis of what emerges from a closer examination, but—one might say—from the outside, based on a superficial understanding that forms a judgment according to various catchphrases.
[ 2 ] Insbesondere aus solchen Untergründen heraus machen sich zwei Vorurteile, man könnte auch sagen, Mißverständnisse gegen die hier gemeinte geisteswissenschaftliche Weltanschauung geltend. Das eine ist, daß diese Geisteswissenschaft verstoße gegen die ernste, gewissenhafte Methode, Forschungsweise der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, welche die neuere Zeit, die neuere menschliche Erkenntnisgesinnung durchaus beherrschen müsse, welche von Triumph zu Triumph in der neueren Zeit geeilt sei und gegen die eben nicht verstoßen werden dürfe.
[ 2 ] It is particularly from such backgrounds that two prejudices—or, one might say, misunderstandings—arise against the humanities-based worldview referred to here. The first is that this spiritual science violates the serious, conscientious method and approach to research characteristic of the natural-scientific worldview—a worldview that must thoroughly dominate the modern era and the modern human attitude toward knowledge, a worldview that has raced from triumph to triumph in modern times and which, precisely for that reason, must not be violated.
[ 3 ] Gewiß, wenn diese hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht in der Lage wäre, sich zu rechtfertigen vor naturwissenschaftlicher Weltanschauung, man müßte sie verurteilen. Deshalb wird dieses eine der Fragen sein, die heute hier zur Sprache kommen müssen: Wie ist geisteswissenschaftliche Weltanschauung in der hier vertretenen Richtung vor der Naturwissenschaft der Gegenwart, vor wirklicher, wahrer Naturwissenschaft zu rechtfertigen?
[ 3 ] Certainly, if the humanities—as understood here—were unable to justify themselves in the face of a scientific worldview, they would have to be condemned. That is why this will be one of the questions that must be addressed here today: How can a spiritual-scientific worldview, as represented here, be justified in the face of contemporary natural science—in the face of real, true natural science?
[ 4 ] Ein anderes, gleichgeartetes Vorurteil, das aber eigentlich innig mit dem eben charakterisierten zusammenhängt, ist das, daß diese Geisteswissenschaft führe in die Dunkelheiten, in die Trübnisse mystischer Seelenverfassung, Weltanschauung. Aus den heutigen Betrachtungen soll hervorgehen, daß ebenso das erste Vorurteil unbegründet ist wie das zweite, denn davon wollen wir einleitend ausgehen.
[ 4 ] Another prejudice of a similar nature—one that is, in fact, closely linked to the one just described—is the notion that this spiritual science leads into the darkness and murkiness of a mystical state of mind and worldview. It should become clear from today’s reflections that the first prejudice is just as unfounded as the second, for this is the premise from which we wish to proceed.
[ 5 ] Der ganze Weg, den jene Forschung durchzumachen hat, welche zu der hier betrachteten Geisteswissenschaft führt, er hat vor allen Dingen, ich möchte sagen, durch zwei Erkenntnistore zu führen. Und man kann eigentlich nicht in rechter Weise in das hineinkommen, was hier gemeint ist, wenn man diese zwei Tore nicht passiert hat. Das eine Tor ist dahin zu charakterisieren, daß der Geistesforscher wirklich drinnengestanden haben muß in der ganzen Gesinnung, in der ganzen Denk- und Forschungsweise, welche im gegenwärtigen Sinne zur Naturerkenntnis führt, daß er aber nicht nur in dieser Forschungsweise drinnengestanden hat, sondern auch an ihn herangetreten ist ein wichtiges, bedeutungsvolles Erlebnis mit dieser Forschung. Für die meisten, die sich mit Naturwissenschaft beschäftigen, bleibt ja eigentlich Naturwissenschaft nun eben Wissenschaft, etwas, was man als Wissen hat, womit man glaubt, in diese oder jene Gebiete des Daseins eindringen zu können.
[ 5 ] The entire path that research leading to the spiritual science under consideration here must take must, above all—I would say—pass through two gates of knowledge. And one cannot truly enter into what is meant here unless one has passed through these two gates. One gate can be characterized in this way: the spiritual researcher must truly have been immersed in the entire mindset, the entire way of thinking and researching that, in the current sense, leads to knowledge of nature; yet he must not only have been immersed in this way of research, but must also have had an important, significant experience through this research. For most people who engage with the natural sciences, natural science actually remains just that—science, something one possesses as knowledge, with which one believes one can penetrate this or that realm of existence.
[ 6 ] Für den Geistesforscher darf Naturerkenntnis nicht dieses bleiben. Für ihn handelt es sich darum, daß er, ich möchte sagen, innerlich seelisch probiert habe: Was für ein taugliches oder untaugliches Instrument sind die naturwissenschaftlichen Vorstellungen, wenn es sich darum handelt, in die Untergründe des Daseins einzudringen? Er muß gewissermaßen gelernt haben — wenn ich mich trivial ausdrücken darf — die Handhabung des naturwissenschaftlichen Denkens und mit diesem naturwissenschaftlichen Denken nach den verschiedensten Richtungen in gewissenhafter Weise, nun, ich will eben sagen, probiert haben: Wie taugt es oder taugt es nicht, um in das einzudringen, was äußere Natur selbst ist?
[ 6 ] For the researcher of the spirit, knowledge of nature must not remain merely this. For him, the issue is that he has—I would say—internally, in his soul, tested: To what extent are scientific concepts a suitable or unsuitable instrument when it comes to penetrating the depths of existence? He must, so to speak—if I may put it simply—have learned to handle scientific thinking and, using this scientific thinking in a variety of directions in a conscientious manner, well, I would simply say, have tested it: How suitable—or unsuitable—is it for penetrating into what external nature itself is?
[ 7 ] Nun kann man ja sagen, daß auf dem Gebiete der Naturwissenschaft selbst Persönlichkeiten erstanden sind, die mehr oder weniger bewußt sich damit befaßt haben, die Frage zu beantworten: Wie weit führt den Menschen mit Bezug auf die großen Erkenntnisrätsel das naturwissenschaftliche Forschen? — Und immer wieder und wieder muß erinnert werden an die Rede, die ein großer Naturforscher, ein großer Physiologe, Du BoisReymond, in den siebziger Jahren gehalten hat, an die berühmte Rede über die Grenzen des Naturerkennens, durch die er darlegen wollte, daß eben Naturerkennen an eine gewisse Grenze, und zwar an eine Grenze, die eigentlich dem menschlichen Streben sehr naheliegt, kommen müsse. Du Bois-Reymond führte dazumal aus, daß zwar die Naturforschung in der Lage sei, die Zusammenhänge der Naturerscheinungen in gewisse Gesetze zu bringen und hinter diesen Gesetzen Zusammenhänge in der atomistischen Welt zu finden, daß aber, selbst wenn man sich das Ideal dieser Naturerkenntnis erfüllt dächte, man mit ihr nicht einmal die zwei Grenzfragen beantworten könne: Was ist Materie, was ist Stoff? — und die andere: Was ist auch nur die allereinfachste Empfindung, das einfachste seelische Erlebnis?
[ 7 ] Now, one might say that even within the field of natural science itself, there have emerged figures who, more or less consciously, have sought to answer the question: To what extent does scientific research lead humanity in relation to the great mysteries of knowledge? — And time and again we must recall the speech delivered in the 1870s by a great natural scientist and physiologist, Du Bois-Reymond—the famous speech on the limits of scientific knowledge—in which he sought to demonstrate that scientific knowledge must indeed reach a certain limit, one that is, in fact, very close to the limits of human endeavor. Du Bois-Reymond argued at the time that, although natural science is capable of organizing the interrelationships of natural phenomena into certain laws and of discovering connections in the atomic world behind these laws, even if one were to believe that the ideal of this understanding of nature had been fulfilled, it would still be unable to answer even these two fundamental questions: What is matter, what is substance? — and the other: What is even the simplest sensation, the simplest mental experience?
[ 8 ] Vor diesen zwei Fragen, meinte dazumal Du BoisReymond, müsse naturwissenschaftliche Betrachtung haltmachen. Und da er der Anschauung war, daß naturwissenschaftliche Betrachtung die einzige wirkliche wissenschaftliche sei, so meinte er, daß der Mensch überhaupt niemals zu irgendeiner Erkenntnis in bezug auf die beiden angedeuteten Fragen, also auch nicht zu einer Erkenntnis über das menschliche Seelenleben und über dasjenige, was eigentlich hinter der Natur steht, kommen könne, daß es nicht nur Grenzen des Naturerkennens, daß es Grenzen des menschlichen Erkennens überhaupt gebe.
[ 8 ] Du Bois-Reymond argued at the time that scientific inquiry must stop short of these two questions. And since he held the view that scientific inquiry was the only truly scientific approach, he believed that human beings could never arrive at any understanding whatsoever regarding the two questions mentioned—including an understanding of the human psyche and of what actually lies beyond nature—and that there were limits not only to our understanding of nature but to human understanding in general.
[ 9 ] Dasjenige, was da bei Du Bois-Reymond und bei vielen anderen — ich führe ihn nur als Beispiel an — aus einem gewissen logischen Spekulieren heraus als Urteil sich gebildet hat, das muß beim Geistesforscher ins Leben umgesetzt sein. Der Geistesforscher muß gewissermaßen, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, alle Hoffnungen mit dem Naturerkennen erlebt haben und alle Enttäuschungen erlebt haben. Er muß das Naturerkennen so haben auf sich wirken lassen, daß er mit ihm versuchte, die Hindernisse menschlichen Geistesstrebens zu überwinden. Er muß durchgemacht haben die bittere Erfahrung, daß man eben, so streng und so gewissenhaft dieses Forschen ist, doch an gewisse Punkte herankommt, über die dieses Naturerkennen als über bestimmte Grenzen nicht hinwegkommt. Es muß gewissermaßen Erlebnis sein, was da in der Seele des Geistesforschers auftaucht. Er muß gelernt haben, sich zu stoßen mit den naturwissenschaftlichen Begriffen an gewissen Eckpfeilern, die sich darbieten im Naturdasein.
[ 9 ] What has taken shape as a judgment in the work of Du Bois-Reymond and many others—I cite him merely as an example—as a result of a certain kind of logical speculation must be brought to life by the researcher of the spirit. The spiritual researcher must, so to speak—if I may use that expression—have experienced all the hopes and all the disappointments associated with the study of nature. He must have allowed the study of nature to affect him in such a way that he sought, through it, to overcome the obstacles to human spiritual striving. He must have gone through the bitter experience that, no matter how rigorous and conscientious this research may be, one nevertheless reaches certain points beyond which this understanding of nature cannot go—certain limits it cannot transcend. What emerges in the soul of the spiritual researcher must, in a sense, be an experience. He must have learned to grapple with scientific concepts at certain cornerstones that present themselves in the natural world.
[ 10 ] Nun könnte ich viele solcher Eckpfeiler anführen, es würde sich in bezug auf alle dasselbe sagen lassen, was sich über die allereinfachsten Sachen sagen läßt, über die Begriffe von Kraft und Stoff zum Beispiel. Man kann mit dem, was Naturerkenntnis an Vorstellungen den Menschen darbietet, diese Natur bis zu einem gewissen Grade durchdringen. Aber unbegriffen bleibt in dem Bilde der Natur, das man sich dadurch machen kann, immer dasjenige, was sich in solchen Worten repräsentiert, wie Kraft und Stoff und vieles andere. Ich gehe auf das andere nicht ein. Man sieht, daß man mit denselben Methoden, mit derselben Denkweise, mit welcher man gerade fruchtbar in das Wesen des chemisch Vorhandenen in der Natur eindringt, daß man mit diesen Begriffen, mit diesen Vorstellungen, nicht in solches eindringen kann, das sich als Stoff ausbreitet, das als Kraft die Phänomene der Erscheinungen, der Vorgänge der Natur bedingt. Man stößt sich sozusagen an Kraft und Stoff. Man muß zuletzt zu dem Bekenntnis kommen: Je geeigneter die naturwissenschaftlichen Vorstellungen auf den zugänglichen Gebieten sind, desto ungeeigneter werden sie immer mehr und mehr für diese Eckpfeiler.
[ 10 ] Now, I could cite many such cornerstones; the same could be said about all of them as can be said about the simplest of things—the concepts of force and matter, for example. With the concepts that the study of nature provides us, we can penetrate nature to a certain degree. But what is represented by terms such as force and matter—and many others—always remains beyond our grasp in the picture of nature that we can form through these concepts. I will not go into the other point. It is clear that using the same methods, the same way of thinking, with which one successfully penetrates the essence of what is chemically present in nature—that with these concepts, with these ideas, one cannot penetrate that which extends as matter, that which, as force, determines the phenomena of nature and its processes. One comes up against force and matter, so to speak. Ultimately, one must admit: the more suitable scientific concepts are in the accessible fields, the more and more unsuitable they become for these cornerstones.
[ 11 ] Und ich möchte sagen, wenn man genügend erlebt hat in diesem Probieren, dann kommt man zu einer bestimmten Fragestellung. Dann fragt man sich: Ja, was ist denn eigentlich der Grund, warum man mit dem Naturerkennen zu solchen Grenzpfeilern kommt? — Und da ergibt sich denn dem forschenden Seelenleben, daß die Grundbedingung für das Anstoßen an solchen Eckpfeilern in der menschlichen Organisation, in der menschlichen Wesenheit selbst liegt. Man merkt zuletzt: Die Natur gibt gewisse Rätsellösungen nicht her, weil man selbst anders sein müßte, wenn solche Rätsellösungen einem zufließen sollten.
[ 11 ] And I would like to say that once one has gained sufficient experience through this process of exploration, one arrives at a specific question. Then one asks oneself: Well, what is actually the reason why, in the process of understanding nature, one encounters such cornerstones? — And it then becomes clear to the inquiring soul that the fundamental condition for encountering such cornerstones lies within the human organization, within the human being itself. One ultimately realizes: Nature does not provide certain solutions to these mysteries because one would have to be different oneself if such solutions were to come to one.
[ 12 ] Der Gedankengang, den ich hier vor Ihnen entwickle, ist ganz wesentlich unterschieden von dem Kantschen. Aber ich kann bezüglich der Verschiedenheit nur auf meine, jetzt in der Neuauflage eben erschienene «Philosophie der Freiheit» verweisen. Es würde zu weit führen, wenn ich diese Unterscheidung ausführlich auseinandersetzen würde.
[ 12 ] The line of thought I am developing here before you differs quite significantly from Kant’s. However, regarding this difference, I can only refer you to my Philosophy of Freedom, which has just been published in a new edition. It would take us too far afield if I were to discuss this distinction in detail.
[ 13 ] Für den Geistesforscher handelt es sich darum, darauf zu kommen, durch wirkliche Selbstbeobachtung darauf zu kommen, daß irgend etwas in der menschlichen Organisation uns hindert, die dargelegten Eckpfeilern zu durchdringen. Da zeigt sich zunächst: Dieselbe Kraft, welche den Menschen hindert, an diesen Eckpfeilern vorbeizukommen, das ist die Kraft, welche uns im gewöhnlichen Leben, überhaupt in unserem ganzen Dasein befähigt zur Liebe. Und das ist die bedeutsame Entdeckung, die man auf solchen Wegen, wie ich sie gestern charakterisiert habe, macht. Man muß gewissermaßen als Geistesforscher hypothetisch die Frage stellen: Wie müßte ein Wesen beschaffen sein — das dann nicht Mensch wäre —, welches solche naturwissenschaftlichen Anschauungen ausbildete, daß, in derselben Weise wie das Zugängliche in der Natur, auch diese Eckpfeiler gewissermaßen durchsichtig, vorstellungsgemäß durchsichtig sich offenbaren?
[ 13 ] For the spiritual researcher, the task is to realize—through genuine self-observation—that something within the human constitution prevents us from penetrating the cornerstones described here. It becomes apparent, first of all, that the very same force that prevents human beings from moving beyond these cornerstones is the force that enables us, in ordinary life—indeed, in our entire existence—to love. And that is the significant discovery one makes by following the paths I described yesterday. As a spiritual researcher, one must, so to speak, pose the hypothetical question: What would a being—which would then not be human—have to be like if it were to develop such scientific views that, in the same way as what is accessible in nature, these cornerstones, too, would reveal themselves as transparent, conceptually transparent?
[ 14 ] Ein solcher Mensch würde eine Geistesorganisation haben müssen, die nicht von der Kraft der Liebe durchdrungen wäre. Denn untersucht man dasjenige in wirklicher Selbstbeobachtung, was in jener Lebensäußerung zutage tritt, die wir Liebe in weitestem Sinne nennen, nicht nur Liebe zu irgendeinem menschlichen Wesen, die wir Liebe eben zu jeglichem Liebbaren nennen, untersucht man diese eigentümliche seelische Kraft, so ist ihr Charakter gerade der, daß in dieser Betätigung des Liebens unterdrückt wird, zunächst instinktiv in der menschlichen Natur unterdrückt wird, jene vorstellungsgemäß aktive Betätigung, welche im Verfolgen einer Naturerscheinung oder im Zusammenstellen und Verfolgen eines Experimentes auftreten muß.
[ 14 ] Such a person would have to possess a mental constitution that is not imbued with the power of love. For if one examines, through genuine self-observation, what comes to light in that expression of life we call love in the broadest sense—not merely love for any human being, but love for anything lovable—if one examines this peculiar spiritual power, its very nature is such that, in this act of loving, that imaginative, active engagement—which must arise when observing a natural phenomenon or when designing and conducting an experiment—is suppressed, initially instinctively suppressed within human nature.
[ 15 ] Liebe und naturwissenschaftliches Forschen müssen zwei entgegengesetzte Betätigungen des menschlichen Seelenlebens sein. Aber Liebefähigkeit muß in der menschlichen Natur sein. Der Mensch kann nicht gewissermaßen die Liebefähigkeit ad acta legen, beseitigen für die Zeit, in der er naturwissenschaftlich tätig ist. Er kann nach der einen Seite sich äußern nach dem naturwissenschaftlich Vorstellungsmäßigen. Aber dasjenige, was ihn zur Liebe befähigt, ist dann auch in ihm. Und das ist es, was gewissermaßen abdumpft, ablähmt die vorstellungsmäßige Tätigkeit an denjenigen Grenzpfeilern, die ich charakterisiert habe.
[ 15 ] Love and scientific research must be two opposing activities of the human soul. But the capacity for love must be inherent in human nature. A person cannot, so to speak, set aside this capacity for love or eliminate it for the time being while engaged in scientific work. On the one hand, he can express himself in terms of scientific concepts. But that which enables him to love is also within him. And that is what, so to speak, dulls and numbs conceptual activity at those boundary markers I have described.
[ 16 ] Dies ist ein erstes bedeutsames Erlebnis, eine Innenbeobachtung, welche der Geistesforscher auf seinem Wege gemacht haben muß. Gewiß, man kann sagen: Beweise das logisch. — Diese Frage liegt nahe. Weniger nahe liegt dann das Nachdenken darüber, in welchen Fällen man eine solche Frage eigentlich stellen kann. Man kann ja auch nicht die Frage stellen: Warum hat aus logischen Gründen der Stier Hörner oder der Fisch Flossen? Diese Dinge sind zunächst noch Ergebnisse der Beobachtung. Und der Geistesforscher kann auch nur auf die Beobachtung hinweisen, die sich auf dem angedeuteten Wege mit den Erfahrungen gerade des naturwissenschaftlichen Forschens ergibt.
[ 16 ] This is a first significant experience, an inner observation that the spiritual researcher must have made on his path. Certainly, one might say: Prove that logically. — This question comes to mind. Less obvious, however, is the question of in which cases one can actually ask such a question. After all, one cannot ask: Why, for logical reasons, does a bull have horns or a fish have fins? These things are, for the time being, still results of observation. And the spiritual researcher can only point to the observation that arises, along the path indicated, from the very experiences of scientific research.
[ 17 ] Man kann ja sagen: Ich will meine Seelenverfassung nicht so führen, daß sie zu solchen Erlebnissen kommt. — Nun gut, man kann selbstverständlich das unterlassen. Aber man kann dann nicht Anspruch darauf machen, daß man im Gebiete der Wahrheit irgend etwas zu entscheiden hat. Denn in wirkliche Wahrheit eindringen kann eben nur derjenige, der solche Klippen, wie die bezeichneten, wirklich angetroffen und, ich möchte sagen, dann umschifft hat.
[ 17 ] One might say: I do not want to manage my state of mind in such a way that it leads to such experiences. — Well, of course, one can choose not to do that. But then one cannot claim to have any say in matters of truth. For only those who have actually encountered such pitfalls as those described—and, I would say, have then navigated around them—can truly penetrate to the heart of truth.
[ 18 ] Das zweite Erlebnis, welches zu der zweiten inneren geisteswissenschaftlichen Entdeckung führt, das ist das, welches man macht, wenn man zum Beispiel angelangt ist bei dem Ergebnis, das ich eben jetzt auseinandergesetzt habe. So ausgesprochen, so exemplifiziert, wie das die moderne Geisteswissenschaft zu tun hat, wird das, was ich jetzt eben skizziert habe, allerdings kaum auf einem anderen Felde gemacht werden. Aber instinktiv, mehr oder weniger bewußt oder unbewußt, sind Leute doch darauf gekommen, wie ein gewissermaßen unbrauchbares Instrument die Naturanschauung ist, um in die Geheimnisse des Daseins einzudringen. Dann haben sie sich abgewendet von dieser Naturanschauung und versuchten auf anderem Wege diese Geheimnisse zu erforschen, nämlich auf mystischem Wege, auf dem Wege der innerlichen Selbstbeobachtung, des innerlichen Selbsterlebens. Ebenso wie der Geistesforscher gut kennen muß dasjenige, was man mit dem naturwissenschaftlichen Anschauen erleben kann, so muß er gut kennen dasjenige, was sich auf dem Wege innerlicher, mystischer Versenkung ergibt. Er muß gewissermaßen auch da probiert haben: Ist es möglich, auf dem Wege des Hinuntersteigens in das eigene Seelenleben, auf dem Wege, den man oftmals als den mystischen bezeichnet, zu den Quellen des Daseins zu gelangen? Zu jenen Quellen, mit denen ja doch der Mensch in irgendeiner Weise verbunden sein muß, wenn sie ihn überhaupt irgend etwas angehen? Der Geistesforscher wird auf diesem Wege ebenso Hoffnungen durchmachen, Enttäuschungen erleben und endlich bei dem wichtigen Ergebnisse anlangen, daß man ebensowenig auf diesem Wege der dunklen mystischen Versenkung in das eigene Innere zu den Geheimnissen des Daseins gelangen kann, wie auf dem Wege bloßer äußerer Naturanschauung. Auch da zeigt sich ihm, ich möchte sagen, eine Wand, gegen die er stößt, allerdings eine Wand, die dann in dem eigenen Inneren, im Seelischen, ist. Und wiederum hat er die Aufgabe, nunmehr zu erforschen, woran es eigentlich liegt, daß man auch auf dem Wege der mystischen Versenkung, wie sie oftmals genannt wird, nicht zu den Quellen des Daseins kommt.
[ 18 ] The second experience, which leads to the second inner discovery in spiritual science, is the one one has when, for example, one has arrived at the conclusion I have just explained. Expressed and illustrated in the way that modern spiritual science must do, what I have just outlined is indeed unlikely to be encountered in any other field. But instinctively—more or less consciously or unconsciously—people have come to realize how, in a sense, the view of nature is a useless instrument for penetrating the mysteries of existence. They then turned away from this view of nature and sought to explore these mysteries by other means—namely, through mystical paths, through inner self-observation and inner self-experience. Just as the spiritual researcher must be well acquainted with what can be experienced through the scientific observation of nature, so too must he be well acquainted with what arises through inner, mystical contemplation. In a sense, he must also have tested this: Is it possible, by descending into one’s own soul life—a path often referred to as the mystical one—to reach the sources of existence? Those sources to which a human being must surely be connected in some way, if they concern him at all? The spiritual researcher will, along this path, likewise experience hopes and disappointments and finally arrive at the important conclusion that one can no more reach the mysteries of existence through this path of dark, mystical immersion into one’s own inner self than through the path of mere external observation of nature. Here, too, a wall appears before him—I might say—a wall against which he strikes, though this wall lies within his own inner self, in the realm of the soul. And once again, he faces the task of investigating why it is that even through the path of mystical contemplation, as it is often called, one cannot reach the sources of existence.
[ 19 ] Da ist notwendig eigentlich, um zur Klarheit auf diesem Gebiete zu kommen, rückhaltlos, wirklich rückhaltlos naturwissenschaftliche Gesinnung anzuwenden, nicht mit jenen Wahnideen, mit jenen unklaren Versenkungsideen in das Innere, mit denen oftmals Mystik vorgeht, auch vorzugehen, sondern mit aller — zwar braucht es nicht immer nüchtern zu sein-, aber mit aller klaren Erforschung dieses Innere zu studieren. Dieses Innere des Menschen zu erforschen, es ist ja eigentlich gerade für den, der Klarheit anstrebt, nicht so ganz leicht. Denn dieses Innere des Menschen zeigt sich vielfach vor den eigenen Blicken recht, recht kompliziert. Ich möchte ein Beispiel anführen aus der Literatur, der naturwissenschaftlichen Literatur, welches geeignet ist, das zu zeigen. Es könnte in hundertfältiger Weise vermehrt werden, aber damit man es nachlesen kann, möchte ich es anführen aus einer Abhandlung über das unterbewußte Ich, die erschienen ist in dem Bergmannschen Verlag: «Das unterbewußte Ich, sein Verhältnis zu Gesundheit und Erziehung» von Louis Waldstein. Wie gesagt, es könnte das hundertfach vermehrt werden, ich möchte nur ein solches Beispiel anführen, welches zeigt, wie sehr man achtgeben muß, wenn man das eigene Seelenleben erforschen will, und wie leicht die Täuschung gerade auf diesem Gebiete des Forschens ist.
[ 19 ] In order to achieve clarity in this area, it is actually necessary to apply, unreservedly, truly unreservedly apply a scientific mindset—not proceeding with those delusional ideas, those vague notions of delving into the inner self, with which mysticism often proceeds, but rather studying this inner self with all—though it need not always be sober—but with all clear investigation. To explore this inner world of the human being is, in fact, not all that easy, especially for those who strive for clarity. For this inner world of the human being often appears quite, quite complicated to one’s own eyes. I would like to cite an example from the literature—specifically, scientific literature—that is well-suited to illustrating this point. It could be multiplied a hundredfold, but so that readers can look it up, I would like to quote from a treatise on the subconscious self published by Bergmann Verlag: The Subconscious Self: Its Relationship to Health and Education by Louis Waldstein. As I said, there are countless other examples; I would like to cite just one that shows how careful one must be when exploring one’s own inner life, and how easily one can be misled, particularly in this field of research.
[ 20 ] Da erzählt zum Beispiel derjenige, der auf solche Selbsterkenntnis mit naturwissenschaftlicher Gesinnung ausgegangen ist, von sich das folgende: Er stand eines Tages auf der Straße vor einem Buchladen. Seine Augen fielen auf ein Buch über die Mollusken. Und während er als Naturforscher diesen Buchtitel über die Mollusken liest, muß er lächeln und lachen. Er hat keine Ahnung zunächst, wie ihn dieser Buchtitel über die Mollusken zum Lächeln und Lachen veranlaßt. Und man muß auch sagen, es ist doch etwas höchst Merkwürdiges: Ein ernster Naturforscher sieht ein ernstes naturwissenschaftliches Buch in einem Buchladen — und muß lachen. Und siehe da, es fällt ihm ein: Vielleicht komme ich darauf, warum ich da ins Lachen komme, wenn ich die Augen zumache. — Er macht die Augen zu und lauscht. Ganz in der Ferne zeigen sich kaum hörbar die Töne einer Melodie, die er vor Jahrzehnten gehört hat und bei der er tanzen gelernt hat. Durch einen Leierkasten wird es hörbar. Diese Töne hat er, darauf kann er sich ungefähr besinnen, seit Jahrzehnten nicht gehört. Nun hat er sie bewußt auch nicht aufgenommen, während er den Buchtitel angeschaut hat; aber sie huschten gewissermaßen an seiner Seele vorbei und veranlaßten ihn zum Lächeln; auf ganz unterbewußte Weise wurde seine Seele veranlaßt, sich hinzuwenden den Eindrücken, die er vor Jahrzehnten gehabt hat und die recht undeutlich waren. Denn er muß sich selbst gestehen: Dazumal paßte er vielmehr auf, daß er seine Schritte ordentlich machte beim ersten Tanzenlernen, als daß er auf die Melodie selbst seine Gedanken gerichtet hätte. Seine Gedanken waren auch noch auf etwas anderes Unbedeutendes gerichtet, denn er hatte eine Partnerin, nicht wahr. Das alles wirkte aber im Unterbewußten nach, und er mußte lächeln.
[ 20 ] For example, the person who set out to achieve such self-knowledge with a scientific mindset recounts the following about himself: One day he was standing on the street in front of a bookstore. His eyes fell on a book about mollusks. And as he, a naturalist, reads this book title about mollusks, he can’t help but smile and laugh. At first, he has no idea why this book title about mollusks makes him smile and laugh. And it must be said, it is indeed something most peculiar: A serious naturalist sees a serious scientific book in a bookstore—and has to laugh. And lo and behold, it occurs to him: Maybe I’ll figure out why I start laughing when I close my eyes. — He closes his eyes and listens. From far away, the barely audible notes of a melody emerge—one he heard decades ago and to which he learned to dance. It comes from a barrel organ. He can vaguely recall that he hasn’t heard these notes in decades. Now, he hadn’t consciously taken them in while looking at the book’s title; but they flitted past his soul, as it were, and made him smile; in a completely subconscious way, his soul was prompted to turn toward the impressions he’d had decades ago, which were quite vague. For he must admit to himself: Back then, he was more concerned with keeping his steps in time while learning to dance than with focusing his thoughts on the melody itself. His thoughts were also directed toward something else of little importance, for he had a dance partner, didn’t he? But all of this continued to have an effect on his subconscious, and he couldn’t help but smile.
[ 21 ] Nun, nehmen wir aber das Beispiel, das wie gesagt hundertfach vermehrt werden könnte, nehmen wir das Beispiel ernst. Es ist maßgebend für unzählige Erlebnisse, die durch unser Dasein durchwallen und die uns zeigen, wie wenig eigentlich der Mensch in seinem Bewußtsein zusammenhängt mit dem, was unten im seelischen Leben vor sich geht, wie da in diesem Seelenleben herauftönt längst Vergessenes, ja nicht nur längst Vergessenes — ich habe darüber genauere Ausführungen gemacht in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, nicht nur längst Vergessenes und einmal Klargewesenes klingt da herauf im Seelenleben, sondern auch nicht bewußt Wahrgenommenes. Wir brauchen gar nicht einmal voll hingesehen oder hingehorcht zu haben auf dasjenige, was da war, und dennoch hat es einen gewissen Eindruck gemacht und kommt im geeigneten Augenblick herauf!
[ 21 ] Well, let’s take this example—which, as I said, could be multiplied a hundredfold—and take it seriously. It is decisive for countless experiences that surge through our existence and show us how little the human being is actually connected, in his consciousness, to what is taking place down below in the life of the soul—how things long forgotten, and indeed not only long forgotten—resound upward from that life of the soul; I have elaborated on this in greater detail in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?—but not only things long forgotten and things that were once clear resound upward in the soul life; things that were not consciously perceived also resound upward. We need not even have looked or listened fully to what was there, and yet it has made a certain impression and comes to the surface at the right moment!
[ 22 ] Derjenige, der gewissenhaft Geistesforscher ist, bildet den Weg aus, der hier mit einem ersten Schritte angedeutet ist. Er untersucht, was alles da in den Tiefen des Seelenlebens vorhanden ist, und dann kommt er darauf, wie gutgläubige, naive Mystiker oftmals solchen Dingen zum Opfer fallen. Diese gutgläubigen, naiven Mystiker, sie versenken sich in ihr Inneres, holen aus ihrem Inneren allerlei herauf, holen herauf dasjenige, was sie dann nennen ein Gefühl des Zusammenseins mit dem Urquell des Daseins, aber vielleicht sind es doch nur die umgewandelten Töne des Leierkastens! Vielleicht kommt es doch auf demselben Wege zustande, wie das zustande gekommen ist, von dem ich Ihnen erzählt habe. Denn das Eigentümliche zeigt sich im Seelenleben, daß solche Reminiszenzen, solche Dinge, die einmal Eindruck gemacht haben und dann fortwirken, nicht nur so heraufkommen, sondern umgewandelt, rein innerhalb unserer Organisation selbst, nicht nur wie sie ursprünglich waren, sondern als etwas ganz anderes. Dennoch sind sie nichts anderes als eine Bildtatsache desjenigen, was wir so erlebt haben. Mancher glaubt, tiefe Mystik tradieren zu können aus seiner Selbstbeobachtung heraus, und man hat es nur zu tun mit umgewandelten Jugendeindrücken oder dergleichen.
[ 22 ] The conscientious researcher of the spiritual realm charts the path that is hinted at here with a first step. He examines everything that exists in the depths of the soul’s life, and then he realizes how credulous, naive mystics often fall prey to such things. These trusting, naive mystics immerse themselves in their inner world, drawing all manner of things from within—including what they then call a feeling of oneness with the primordial source of existence—but perhaps these are nothing more than the transformed sounds of a barrel organ! Perhaps it comes about in the very same way as what I have told you about. For what is peculiar about the life of the soul is that such reminiscences—such things that once made an impression and continue to have an effect—do not simply surface, but are transformed, purely within our own constitution, not merely as they originally were, but as something entirely different. Nevertheless, they are nothing other than a visual manifestation of what we have experienced. Many believe they can convey profound mysticism through self-observation, yet what they are actually dealing with are merely transformed impressions from their youth or the like.
[ 23 ] Gerade auf diesem Wege muß sorgfältigst Geisteswissenschaft wirklich vorgehen, denn sie soll gerade das Klarste und nicht das Verworrenste sein. Das bemerkte ich schon wiederholt.
[ 23 ] It is precisely in this way that the spiritual sciences must proceed with the utmost care, for they are meant to be the clearest—not the most confusing. I have noted this repeatedly.
[ 24 ] Und so kommt denn der Geistesforscher dazu, gerade dasjenige in der menschlichen Seele zu studieren, wodurch das, was man im gewöhnlichen vollbewußten Erinnerungsleben hat, zusammenhängt mit allerlei unterbewußten Lebensreminiszenzen, umgewandelten Erinnerungen und so weiter. Und indem der Geistesforscher diesen Weg verfolgt, indem er wirklich mit naturwissenschaftlicher Gesinnung auf diesem Wege vorgeht, kommt er zur Beantwortung der zweiten Frage: Wie ist das Erlebnis mit der Mystik? Warum kommt man auf dem Wege gewöhnlicher Mystik im Grunde auch nur zu etwas Unbefriedigendem, wenn man wirklich die rechten Kräfte der Erkenntnisse in sich verspürt?
[ 24 ] And so the spiritual researcher comes to study precisely that aspect of the human soul through which what we experience in our ordinary, fully conscious life of memory is connected with all manner of subconscious life reminiscences, transformed memories, and so on. And as the spiritual researcher pursues this path—proceeding along it with a truly scientific mindset—he arrives at an answer to the second question: What is the experience of mysticism like? Why does the path of ordinary mysticism ultimately lead only to something unsatisfying when one truly senses the right powers of insight within oneself?
[ 25 ] Da zeigt sich denn, daß eben im Menschen etwas dasein muß: geradeso wie die Liebeskraft dasein muß, die die naturwissenschaftliche Grenze liefert, so muß etwas da sein im Menschen, was ihn verhindert, in die Untergründe seines eigenen Wesens, wie es der Mystiker will, im gewöhnlichen Bewußtsein wirklich hinunterzutauchen. Würde nämlich der Mensch — man kann wiederum hypothetisch diese Gegenfrage stellen — die Fähigkeit haben, restlos hinunterzusteigen, alles zu verfolgen, was auf dem Wege anzutreffen ist, von dem ich gesprochen habe, und was der Mystiker glaubt, finden zu können in dem menschlichen Inneren, dann würde der Mensch die andere, für das Leben notwendige Fähigkeit nicht haben: nämlich die Kraft des Gedächtnisses, die Kraft der Erinnerung selbst. Es müssen sich gewissermaßen die Eindrücke des Lebens, die Vorstellungen des Lebens stauen. Sie dürfen nicht bis in unser Innerstes hineingehen. Wir müssen den Schleier vor unserem Inneren haben, der wie ein Spiegel wirkt und aus dem heraus zurückstrahlen unsere Erlebnisse als Erinnerungen. Und so wenig wir, wenn wir vor einem Spiegel stehen, das sehen, was hinter dem Spiegel liegt, so wenig sehen wir das menschliche Innere, das hinter jenem Spiegel liegt, der eigentlich unsere Erinnerungen zustande bringt.
[ 25 ] This shows, then, that there must be something within human beings: just as the power of love must exist—which sets the limit for the natural sciences—so there must be something within human beings that prevents them from truly delving into the depths of their own being, as the mystic would have it, within ordinary consciousness. For if human beings—and one can again pose this counterquestion hypothetically—had the ability to descend completely, to pursue everything encountered along the way that I have spoken of, and which the mystic believes he can find within the human interior, then human beings would lack the other ability necessary for life: namely, the power of memory, the power of recollection itself. In a sense, the impressions of life, the images of life, must accumulate. They must not penetrate into our innermost being. We must have a veil over our innermost being, which acts like a mirror, from which our experiences radiate back to us as memories. And just as we do not see what lies behind a mirror when we stand before it, so too do we not see the human inner being that lies behind that mirror, which is actually what brings our memories into being.
[ 26 ] Und so kommt zuletzt derjenige, der dieses zweite Erlebnis hat, wirklich darauf, daß im Grunde genommen alles, was auf dem Wege der gewöhnlichen Mystik zu erreichen ist, für den Geistesforscher nicht zu gebrauchen ist, weil es sich in irgendeiner Weise, wenn es nur im gewöhnlichen Bewußtsein verarbeitet wird, im Grunde doch als Lebensreminiszenz, als umgewandelte Erinnerungen oder dergleichen ausweist.
[ 26 ] And so, ultimately, the person who has this second experience truly comes to realize that, fundamentally, everything that can be attained through the path of ordinary mysticism is of no use to the spiritual researcher, because—if it is processed solely within ordinary consciousness—it ultimately reveals itself, in one way or another, to be a reminiscence of life, transformed memories, or the like.
[ 27 ] So sind zwei Ausgangspunkte, zwei Erlebnisse, die durchgemacht sein müssen, wenn man Geistesforscher sein will: das Erlebnis mit der Naturanschauung und das Erlebnis mit den Reminiszenzen, mit den umgewandelten Erinnerungen. Und aus diesen Erlebnissen heraus erhält man, ich möchte sagen, eine gewisse Erkenntnisweise. Und diese Erlebnisse, werden sie wahrhaftig ernst gemacht, werden sie nicht bloß, ich möchte sagen, theoretisch tradiert, sondern gelernt, mit allen Enttäuschungen, die mit diesen beiden Erlebnissen verbunden sind, an der eigenen Seele kennengelernt, dann bedeutet solches Erlebnis zu gleicher Zeit die Erzeugung einer inneren Kraft. Und diese Kraft bringt einen dazu, in anderer Weise den Erkenntnisweg zu verfolgen, als er mit dem gewöhnlichen Bewußtsein verfolgt wird.
[ 27 ] Thus, there are two starting points, two experiences that must be undergone if one wishes to be a researcher of the spirit: the experience of the perception of nature and the experience of reminiscences—of transformed memories. And from these experiences one gains, I would say, a certain way of knowing. And if these experiences are truly taken seriously—if they are not merely, I would say, passed down theoretically, but are learned through one’s own soul, along with all the disappointments associated with them—then such an experience simultaneously gives rise to an inner strength. And this strength leads one to pursue the path of knowledge in a different way than it is pursued with ordinary consciousness.
[ 28 ] Das eben, was ich auseinandergesetzt habe, ist die Unterlage, auf welcher sich aufbaut jenes Weiterarbeiten des Geistesforschers, das dahin zielt, nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein — das ja Liebefähigkeit und Erinnerungsfähigkeit sein muß für das gewöhnliche Leben —, nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein hineindringen zu wollen in die übersinnliche Welt, daß die Geheimnisse, nach denen wir forschen, sich enthüllen müssen; sondern erst sich ein anderes Bewußtsein heranerziehen, ein anderes Bewußtsein ausbilden, um mit Hilfe dieses anderen Bewußtseins in die übersinnliche Welt einzudringen.
[ 28 ] Precisely what I have just explained serves as the foundation upon which the spiritual researcher builds his further work—a work aimed not at penetrating the supersensible world with ordinary consciousness (which, after all, must be capable of love and memory for ordinary life), nor with ordinary consciousness, into the supersensible world—so that the mysteries we seek may reveal themselves—but rather to first cultivate a different consciousness, to develop a different consciousness, in order to penetrate the supersensible world with the help of this different consciousness.
[ 29 ] Es wurde hier eben angedeutet, daß es nötig ist, um zu der dem Menschen erstrebbaren Wahrheit zu kommen, über den gewöhnlichen Bewußtseinszustand, der für das alltägliche Leben und auch für die gewöhnliche Wissenschaft der richtige ist, hinausgelangen zu können zu einem anderen Bewußtseinszustand. Aber vor dieser Forderung schrecken die meisten unserer Zeitgenossen noch zurück. Sie wollen diese Forderung lieber als etwas Phantastisches, als etwas Schwärmerisches hinstellen, und verfallen dadurch in ein Zweifaches: entweder die Möglichkeit der Erkenntnis der höheren Wahrheiten abzulehnen oder an sie herantreten zu wollen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein. Es ist selbstverständlich aus dem Gesagten, daß man auf beiden Wegen nicht zu irgendeinem Ziele kommen kann.
[ 29 ] It has just been suggested here that, in order to arrive at the truth to which human beings can aspire, it is necessary to transcend the ordinary state of consciousness—which is appropriate for everyday life and also for conventional science—and reach a different state of consciousness. But most of our contemporaries still shy away from this demand. They prefer to dismiss it as something fanciful or fanciful, and thereby fall into one of two extremes: either rejecting the possibility of knowing higher truths or attempting to approach them with ordinary consciousness. It goes without saying from what has been said that neither of these paths can lead to any goal.
[ 30 ] Nun wird sich ja in einer gewissen Weise gerade aus diesen Erlebnissen heraus die Natur und Wesenheit des Weges ergeben, den man einzuschlagen hat. Was ist es denn nach dem Gesagten, was einen nicht hinuntersteigen läßt im gewöhnlichen Bewußtsein in das eigene Innere? Es ist das Gedächtnis, es ist die Erinnerungskraft. Erforscht man alles dasjenige, was zugrunde liegt der menschlichen Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern, dann findet man, wie eben die Erinnerungsfähigkeit gebunden ist an den menschlichen Leibesorganismus.
[ 30 ] Now, in a certain sense, it is precisely from these experiences that the nature and essence of the path one must take will emerge. What, then, according to what has been said, is it that prevents one from descending into one’s own inner being while in ordinary consciousness? It is memory; it is the power of recollection. If one investigates everything that underlies the human ability to remember something, one finds that the power of memory is bound to the human physical organism.
[ 31 ] Es ist ein ganz kolossaler Irrtum von Bergson, daß er meint, das Gedächtnis, wenigstens ein Teil des Gedächtnisses, sei nicht gebunden an den menschlichen Organismus. Geisteswissenschaft zeigt gerade, daß der Vorgang der Sinneswahrnehmung, den wir denkend durchdringen, in das Physiologische so eingeordnet ist, daß er nach der Erinnerung hindrängt. Daß wir erinnern können, das liegt schon im Sinneswahrnehmungsvorgang, der vorstellungsgemäß durchdrungen wird, selbst.
[ 31 ] It is a colossal error on Bergson’s part to believe that memory—or at least part of it—is not bound to the human organism. The humanities show precisely that the process of sensory perception, which we penetrate through thought, is integrated into the physiological in such a way that it drives us toward memory. The fact that we are able to remember is already inherent in the process of sensory perception itself, which is penetrated by thought.
[ 32 ] Nun, alles aber, was zur Erinnerung führt, was also nach der Naturanschauung hinzielt, das kann nicht, wie gezeigt worden ist, in das menschliche Innere hinunterführen. Die Frage entsteht also: Gibt es eine Möglichkeit, eine solche vorstellungsmäßige innere Seelenbetätigung zu entwickeln, die nichts mit der Erinnerung zu tun hat, die gewissermaßen herausgehoben ist aus dem alltäglichen und sonstigen wissenschaftlichen Leben, das ja, wenn es gesund sein will, immer an die Erinnerungen appellieren muß?
[ 32 ] Now, however, anything that leads to memory—that is, anything that points toward a view of nature—cannot, as has been shown, lead down into the human inner being. The question therefore arises: Is there a way to develop a form of inner mental activity—one that has nothing to do with memory, that is, in a sense, removed from everyday life and other scientific pursuits, which, if they are to be sound, must always appeal to memories?
[ 33 ] Vielleicht, weil hier das Persönliche, Subjektive, einen objektiven Wert haben könnte, darf ich hier einschalten, wie ich vor vielen Jahrzehnten selbst dahin geführt worden bin, zu den ersten elementarsten Schritten geführt worden bin, die dann zur weiteren Geistesforschung mich gebracht haben in bezug auf dieses Wesen der Erinnerungsfähigkeit.
[ 33 ] Perhaps because the personal and subjective could have objective value here, I would like to share how I myself was led down this path many decades ago—guided through the very first, most basic steps that then led me to further spiritual research regarding the nature of the faculty of memory.
[ 34 ] Es ist ein vielleicht Ihnen sehr unbedeutend erscheinendes Erlebnis meiner Kindheitsjahre. Aber immer und immer wiederum mußte ich während meiner Schulzeit an mir selbst die Wahrnehmung machen, daß ich, obwohl ich eigentlich in allen Fächern, welche zur Mathematik oder Geometrie hinneigten, die allerbesten Fortschritte machte, daß ich gar kein Talent hatte, mathematische Formeln — Sie werden ja vielleicht wissen, was das ist mir gedächtnismäßig zu merken. Ich könnte auch sagen, es lag nicht einmal daran, daß ich sie mir nicht hätte merken können, aber ich hatte keine Neigung, sie mir aneignen zu können. Wenn also eine Klausurarbeit, Schülerarbeit in diesen Dingen gemacht wurde, so machten die anderen ihre Rechnung algebraisch nach den mathematischen Formeln, die sie sich gemerkt hatten. Ich hatte immer wieder diese mathematischen Formeln im Augenblicke auch zu entwickeln aus dem Grundprinzip heraus, also immer die ganze Ableitung zu machen, und dann rechnete ich mit der Formel. Weil ich nicht verstanden habe, das gedächtnismäßig zu behalten, mußte ich immer suchen, den vorstellungsmäßigen Schluß, der zu der Formel führt, gegenwärtig zu haben, also etwas in den Vorstellungen zu entwickeln, das gewissermaßen nicht appelliert an das Gedächtnis.
[ 34 ] It is an experience from my childhood that may seem very insignificant to you. But time and time again during my school years, I had to realize that, even though I actually made the very best progress in all subjects related to mathematics or geometry, I had absolutely no talent for memorizing mathematical formulas—you may know what I mean by that. I could also say that it wasn’t even that I couldn’t have memorized them—I simply had no inclination to learn them. So whenever there was a test or an assignment in these subjects, the other students would work out their calculations algebraically using the mathematical formulas they had memorized. I, on the other hand, always had to derive these mathematical formulas on the spot from the basic principles—that is, to work out the entire derivation—and only then would I use the formula to calculate. Because I didn’t understand how to retain them by rote, I always had to try to keep the conceptual reasoning leading to the formula in mind—that is, to develop something in my mind that, so to speak, does not rely on memory.
[ 35 ] Das war für mich persönlich der Ausgangspunkt auf jenem Wege, der jeden Geistesforscher dazu führen muß, solche innere Seelenarbeit zu kultivieren, die dann wirklich zu einem veränderten Bewußtseinszustand führt, die man nennen könnte: kontemplatives Meditieren, Verweilen im inneren vorstellungsmäßigen Seelenleben. Aber dieses Vorstellungsarbeiten muß so eingerichtet sein, daß es, wenn dasselbe wieder auftreten soll, gewissermaßen aus demselben Impulse herauskommt, nicht eine wiederholte, erinnerungsmäßige Arbeit im Vorstellen ist.
[ 35 ] For me personally, this was the starting point on the path that must lead every spiritual researcher to cultivate the kind of inner soul work that truly leads to an altered state of consciousness—one that could be called contemplative meditation, or dwelling in the inner, imaginative life of the soul. But this imaginative work must be structured in such a way that, when it is to occur again, it arises, as it were, from the same impulse, rather than being a repeated, memory-based exercise in imagination.
[ 36 ] Darf ich vom Heutigen sprechen, so muß ich wiederum sagen — sehen Sie, ich halte über dieselben 'Themen manchmal zehn, zwanzig, dreißig Vorträge an verschiedenen Orten—: Niemals wäre ich imstande, einen Vortrag wiederum in derselben Weise zu halten über dasselbe Thema. Jeder ist anders, weil ich es eigentlich nicht so durchmachen will, daß ich mir irgend etwas merke, sondern daß in dem Momente, wo ich die Dinge ausspreche, sie sich wirklich auch gegenwärtig erzeugen. Also auch da kein Reflektieren auf dasjenige, was gedächtnismäßig bleiben kann.
[ 36 ] If I may speak about today, I must say once again—you see, I sometimes give ten, twenty, or thirty lectures on the same “topics” in different places—: I would never be able to give a lecture on the same topic in exactly the same way twice. Each one is different, because I don’t actually want to go through the process of memorizing anything; rather, I want things to truly come into being in the moment I speak them. So there is no reflection on what might remain in memory either.
[ 37 ] Mißverstehen Sie mich nicht; es fällt mir nicht ein, etwa zu behaupten, daß Geistesforschung darinnen bestünde, das Gedächtnismäßige auszuschalten. Man würde den Menschen selbstverständlich unbrauchbar für das Leben machen, wenn man ihm das Gedächtnis nehmen würde. Es wird ihm auch nicht genommen, wenn er in dieser Weise sein Denken ausbildet, daß er in das gewöhnliche Seelenleben hinein solch eine Seelenbetätigung führt, die nötig macht, immer wieder und wiederum neu erzeugt zu werden, und die nicht auf das Erinnerungsvermögen reflektiert. Das ist es im Grunde, was ich in den verschiedensten Einzelheiten dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern; das ist es, was in der einen oder in der anderen Weise durch diese oder jene seelischen Hilfsmittel angestrebt werden kann, was aber immer auf das Folgende hinausläuft: Zu jenem Denken, von dem ich gestern gesagt habe, daß es eigentlich nur das äußere Anschauen begleiten und dann zur Erinnerung führen muß, wenn das gewöhnliche Leben gesund sein soll, zu diesem Denken kommt ein anderes hinzu, das nicht darauf ausgeht, Erinnerungsgemäßes zu erzeugen, sondern solches, welches in immer neuer und neuer Weise in der Seele lebt, immer neu und neu erzeugt werden muß.
[ 37 ] Do not misunderstand me; it would never occur to me to claim that spiritual research consists in eliminating memory. Of course, one would render a person useless for life if one were to take away their memory. Nor is it taken away when a person develops their thinking in such a way that they introduce into their ordinary soul life a form of soul activity that must be continually and anew regenerated, and that does not rely on the power of memory. This is essentially what I have described in great detail in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, in my Occult Science, and in other books; this is what can be strived for in one way or another through this or that spiritual aid, but which always boils down to the following: To that kind of thinking—which, as I said yesterday, must actually only accompany external observation and then lead to memory if ordinary life is to be healthy—there is added another kind of thinking that does not aim to produce what is based on memory, but rather that which lives in the soul in ever new and new ways and must be generated anew again and again.
[ 38 ] Dadurch bringt sich der Mensch seelisch mit einem ganz anderen Element in Verbindung, als wenn er nur das Erinnerungsmäßige in sich aufnimmt. Dadurch gelangt der Mensch dazu, allmählich Vorstellungen, eine Vorstellungsbetätigung zu entwickeln, die nun wirklich nicht bloß jene blasse Vorstellungsbetätigung ist, die man kennt als Begleiterscheinung des gewöhnlichen Lebens oder der gewöhnlichen Wissenschaft, sondern es tritt nach und nach im Üben solcher nicht an die Erinnerung appellierender Vorstellungen eine Lebendigkeit auf, eine Erkraftung des Vorstellens, die, ohne daß man im Vorstellen Sinneswahrnehmungen hat, Augen-, Gehörswahrnehmungen hat, doch so lebendig ist, wie sonst nur unser Seelenleben ist, wenn wir Sinneswahrnehmungen haben. Man kommt zu einem Vorstellen, zu einem bloßen Vorstellen, welches so kraftvoll, so gesättigt ist, so lebendig ist, wie sonst nur das Seelenleben ist, wenn es der ganzen, vollsaftigen äußeren Sinneswelt gegenübersteht: ein Denken, das wie ein Anschauen ist, und ein Anschauen, aber ein innerlich erzeugtes Anschauen, das wie ein Denken ist.
[ 38 ] In this way, a person connects spiritually with an element that is entirely different from what they experience when they merely absorb memories. Through this, a person gradually develops imaginations—an imaginative activity—that is truly not merely that pale imaginative activity known as a byproduct of ordinary life or ordinary science; rather, through the practice of such imaginations that do not appeal to memory, a liveliness gradually emerges, a vitalization of imagination that—even without sensory perceptions, such as visual or auditory ones, being present in the act of imagining—is nonetheless as vivid as our inner life is otherwise only when we have sensory perceptions. One arrives at a form of imagination—a mere act of imagination—that is as powerful, as rich, and as vivid as the life of the soul is otherwise only when it faces the entire, vibrant external sensory world: a thinking that is like beholding, and a beholding—but an inwardly generated beholding—that is like thinking.
[ 39 ] Dies kann einen erst unterrichten über die Natur des eigentlichen menschlichen Lebens. Denn jetzt, wenn man in sich die Möglichkeit aufgenommen hat, solch anschauliches Vorstellen zu haben, jetzt erst kann man dieses Vorstellen vergleichen mit dem gewöhnlichen Vorstellen des Alltags und der gewöhnlichen Wissenschaft. Und dann kommt man erst darauf, was das letztere selbst für eine Wesenheit hat. Dann kommt man darauf, sich zu sagen: Ja, die Naturwissenschaft verwendet ja nur solche Vorstellungen, welche durch ihre eigene Wesenheit nach der Erinnerung hin organisiert sind; sie verwendet niemals diejenigen Vorstellungen, die so heranerzogen werden in der menschlichen Natur, wie ich es charakterisiert habe.
[ 39 ] This is what can truly teach us about the nature of human life itself. For it is only now—once we have internalized the capacity for such vivid imagination—that we can compare this imagination with the ordinary imagination of everyday life and conventional science. And only then does one come to realize what the latter itself is in essence. Only then does one come to say to oneself: Yes, the natural sciences use only those concepts that are, by their very nature, organized in accordance with memory; they never use those concepts that are cultivated within human nature in the way I have described.
[ 40 ] Aber dann, wenn man solches Denken entwickelt, solch anschauliches Denken, dann kommt man auch zu jenem Erlebnis, welches gewissermaßen den Spiegel, von dem ich vorhin vergleichsweise gesprochen habe, durchstößt, welches wirklich hinter das Gedächtnis hinunterdringt und in das menschliche Innere hineindringen kann.
[ 40 ] But then, when one develops this kind of thinking—this kind of vivid thinking—one also arrives at that experience which, in a sense, pierces through the mirror I spoke of earlier in a metaphorical sense, which truly penetrates beyond memory and can penetrate into the innermost being of the human being.
[ 41 ] Da zeigt sich allerdings: Kommt man in die Region, die sonst durch den Gedächtnisspiegel verdeckt wird, dann trifft man etwas, was das unvorbereitete Bewußtsein zunächst in einer eigentümlichen Weise berührt. Man macht ein Erlebnis durch, das sich nur vergleichen läßt mit dem persönlichen Erlebnis, ich möchte sagen, der Übersättigung, und man kommt darauf, daß im Menschen etwas lebt, das man nur auf dem angedeuteten Wege finden kann, das dem Menschen eine unbewußte Antipathie zu ihm selbst einflößt, sein eigenes Inneres, das ihn fortwährend zurückstößt. Zurückstoßende Kraft muß da vorhanden sein, wie Licht zurückgestoßen wird durch den Spiegelbelag. Der Spiegelbelag läßt sich gewissermaßen vergleichen mit dem, was da als ein unterbewußtes Antipathie- oder Übersättigungsgefühl sich geltend macht. Man merkt das nicht im gewöhnlichen Bewußtsein, weil es eben Spiegelbelag ist, weil man das, was zurückgestrahlt ist, erlebt in der Erinnerung.
[ 41 ] However, it becomes clear that when one enters the region that is otherwise obscured by the mirror of memory, one encounters something that, at first, touches the unprepared consciousness in a peculiar way. One undergoes an experience that can only be compared to the personal experience—I would say—of oversaturation, and one comes to realize that there is something alive within a person that can only be found in the manner I have hinted at—something that instills in a person an unconscious antipathy toward themselves, their own inner self, which constantly repels them. There must be a repulsive force at work here, just as light is repelled by the mirror coating. The mirror coating can, in a sense, be compared to what manifests itself as a subconscious feeling of antipathy or oversaturation. One does not notice this in ordinary consciousness, precisely because it is a mirror coating; because what is reflected back is experienced in memory.
[ 42 ] Jetzt aber, mit dem neu entwickelten Vorstellungsleben, dringt man ja hinunter, und man hat zu überwinden jene geschilderte Antipathie hinter dem Gedächtnisspiegel. Man überwindet sie nur, wenn man noch andere Erlebnisse zu den geschilderten hinzufügt, wenn man nicht nur versucht, solches Vorstellen in sich zu entwikkeln, das nicht Anspruch macht auf das Gedächtnis, sondern wenn man versucht, jene Kraft in sich auszubilden, welche in einer sehr alltäglichen, ich könnte besser sagen, allnächtlichen menschlichen Betätigung vorhanden ist, aber in einer sehr schwachen Weise, in einer unbrauchbaren Weise vorhanden ist. Ich meine jene Betätigung der menschlichen Seele, die sich im Traume darlebt.
[ 42 ] But now, with this newly developed imaginative life, one delves deeper, and one must overcome that antipathy described as lying behind the mirror of memory. One overcomes it only by adding other experiences to those described, not merely by trying to develop within oneself a form of imagination that makes no claim on memory, but by attempting to cultivate within oneself that power which is present in very ordinary, or rather, nightly human activity—but one that exists in a very weak, useless form. I mean that activity of the human soul that lives out its life in dreams.
[ 43 ] Das Träumen, die Traumtätigkeit ist etwas, was der Geistesforscher sehr wohl studieren muß, denn die Seele lebt natürlich auch in Träumen. Sie lebt, wie ja jeder weiß, in einer gewissen Weise in einer Unwirklichkeit, indem sie im Träumen lebt. Träume haben ja immer die Menschen dazu geführt, gewisse Rätselfragen des Lebens aufzuwerfen.
[ 43 ] Dreaming—the process of dreaming—is something that the researcher of the spiritual realm must certainly study, for the soul, of course, also lives in dreams. As everyone knows, it lives, in a certain sense, in an unreality when it is dreaming. Dreams have, after all, always led people to pose certain enigmatic questions about life.
[ 44 ] Der Geistesforscher wird weder so über die Träume forschen können, wie man das früher nach dem Muster der Traumbücher getan hat, noch wird er so zu forschen haben, wie es die moderne Psychoanalyse tut, denn beidesführtnichtin dasErkennen jener Kraft, die eigentlich hinter dem Träumen liegt. Kann man das Träumen verfolgen, dann zeigt sich immer, daß an jedem Traume beteiligt ist das menschliche Leibesinnere. Irgendwie sind es immer Leibesvorgänge, die mit dem Träumen zusammenhängen, aber Leibesvorgänge, die sich so äußern, daß sie in einer gewissen Weise hinausgehen über das ruhige Schlafesleben, sich hineindrängen in das Seelenleben und in irgendeiner bildlichen Unklarheit zum Ausdrucke kommen.
[ 44 ] The spiritual researcher will neither be able to study dreams in the way that was once done, following the model of dream books, nor will he have to study them as modern psychoanalysis does, for neither approach leads to an understanding of the force that actually lies behind dreaming. If one observes dreaming, it always becomes apparent that the inner workings of the human body are involved in every dream. In one way or another, it is always bodily processes that are connected with dreaming—but bodily processes that manifest themselves in such a way that they, in a certain sense, transcend the tranquil state of sleep, intrude into the life of the soul, and find expression in some form of figurative ambiguity.
[ 45 ] Dieses Träumen so nehmen zu wollen, wie es sich in seinen Bildern darstellt, das kann dem Geistesforscher ja nicht einfallen. Man hat mich einmal im Anschluß an einen Vortrag von seiten eines Psychoanalytikers gefragt: Ja, das, was Sie Anthroposophie nennen, das nimmt die Träume mit Bezug auf ihren unmittelbaren Inhalt. Wir aber, wir Psychoanalytiker, nehmen die Träume, indem wir aus ihren Bildern erforschen wollen, was da im Unterbewußten rumort. — Nun, ich will die Sache nicht weiter ausführen, aber darauf ist zu erwidern: Wie der Psychoanalytiker — allerdings mit unzulänglichen Mitteln — die Träume nicht unmittelbar in ihrer Bildhaftigkeit nimmt, sondern etwas hinter ihnen erforschen will, so macht es erst recht der Geistesforscher, aber nicht mit unzulänglichen Mitteln. Ihm ist klar, gerade aus einer wirklich mit naturwissenschaftlicher Gesinnung getriebenen Erforschung des menschlichen Seelenlebens, daß dasselbe, was im Seeleninnern vorgeht, sich in ganz verschiedene Bilder kleiden kann, wenn geträumt wird. Ich will sagen: Man geht im Traum auf einen Berg hinauf und fällt auf der anderen Seite hinunter-, dasselbe könnte vorgehen, wenn man träumt, man habe ein Papier vor sich, das man durchstößt, in das man ein Loch macht. Die Bilder, die im Traume auftreten, sie sind nur eine Verbrämung, nur eine äußerliche Auskleidung. Und derjenige, der nach dem Inhalt des Traumes, nach dem Bildinhalt des Traumes sucht, wird niemals hinter das Geheimnis jener Kraft in der menschlichen Seele kommen, die im Träumen liegt. Derjenige allein kommt hinter die Kraft, die im Träumen liegt, der den Traum, ich möchte sagen, in seiner dramatischen Folge — ganz abgesehen davon, wie er sich bildhaft zum Ausdrucke bringt — verfolgen kann, der verfolgen kann, wie Spannungen und Lösungen oder stehenbleibende Spannungen im Seelenleben auftreten. Die können sich dann in die verschiedensten Bilder kleiden. Erst ein solches Denken, wie ich es geschildert habe, erst ein solches Denken kann eindringen in diejenigen Regionen des Seelenlebens, aus denen die verworrenen Träume im gewöhnlichen Bewußtsein kommen. Denn derjenigen Region in der menschlichen Organisation gehört das Träumen an, welche hinter dem Spiegel liegt.
[ 45 ] To want to take dreams as they present themselves in their images—that would never occur to a researcher of the human spirit. Once, following a lecture, a psychoanalyst asked me: “Yes, what you call anthroposophy takes dreams in terms of their immediate content.” But we, as psychoanalysts, approach dreams by seeking to uncover, through their images, what is stirring in the subconscious.” — Well, I don’t want to elaborate further on this, but the reply to that is: Just as the psychoanalyst—albeit with inadequate means—does not take dreams directly in their pictorial nature but seeks to explore what lies behind them, so does the spiritual researcher do the same, but not with inadequate means. It is clear to him—precisely from an investigation of the human psychological life driven by a truly scientific mindset—that the very same processes occurring within the psyche can take on entirely different images when one is dreaming. Let me put it this way: In a dream, one climbs a mountain and falls down the other side—the same thing could happen if one dreams of having a piece of paper in front of them that one pierces, making a hole in it. The images that appear in a dream are merely a veneer, merely an outer covering. And anyone who searches for the content of the dream—for the imagery within the dream—will never get to the bottom of the mystery of that power within the human soul that lies in dreaming. Only the person who can follow the dream—I would say, in its dramatic sequence—regardless of how it expresses itself visually, and who can trace how tensions and resolutions, or lingering tensions, arise in the life of the soul, can penetrate the power that lies in dreaming. These can then take on the most diverse forms. Only a way of thinking such as I have described—only such a way of thinking—can penetrate those regions of the soul from which the confused dreams of ordinary consciousness arise. For dreaming belongs to that region of the human organism which lies behind the mirror.
[ 46 ] Man taucht unter in das Gebiet, das hinter dem Spiegel liegt, wenn man mit ausgebildetem Vorstellen, das nicht an Erinnerungen appelliert, nun untertaucht in das menschliche Innere. Denn da trifft man die Kraft, die sonst nur, ich möchte sagen, embryonal oder unvollkommen in Träumen sich auslebt, da trifft man diese Kraft des menschlichen Inneren in ihrer wahren Gestalt. Sonst ist dasjenige, was da unten als die unterbewußte Natur des Menschen ist, etwas, was aus unterbewußter Antipathie in das Bewußtsein, in das Seelenleben heraufschlägt und dadurch eben die Spiegelung des Gedächtnisses bewirkt. Jetzt taucht man unter. Und allein dieses so Geschilderte, nicht die erinnerungsmäßigen Vorstellungen, kann so untertauchen, daß die Antipathie überwunden wird. Die Antipathie ist es, die unser Bewußtsein abstumpft gegen das eigene Innere, die uns nicht hinunterkommen läßt, zu zerstoßen den Spiegel, zu dringen unter den Spiegelbelag, hinein in eine Region, die sonst sich als Antipathie, unbewußte Antipathie für das menschliche Seelenleben erweist.
[ 46 ] One delves into the realm that lies beyond the mirror when, with a developed imagination that does not draw on memories, one now delves into the human inner world. For there one encounters the force that otherwise manifests itself, I might say, only in an embryonic or imperfect form in dreams; there one encounters this force of the human inner self in its true form. Otherwise, what lies down there as the subconscious nature of the human being is something that surges up into consciousness, into the life of the soul, out of subconscious antipathy, and thereby brings about the reflection of memory. Now one dives beneath the surface. And only what has been described here—not the images derived from memory—can dive so deeply that the antipathy is overcome. It is this antipathy that dulls our consciousness toward our own inner self, that prevents us from descending to shatter the mirror, to penetrate beneath the mirror’s surface, into a region that otherwise manifests as antipathy—unconscious antipathy—toward the human soul.
[ 47 ] Dadurch entwickeln wir eine Kraft, welche auch sonst im Leben vorhanden ist. Ich habe sie heute schon genannt in ihrer Bedeutung für das gewöhnliche Leben: jene Kraft, welche die menschliche Liebefähigkeit ist. Diese Liebefähigkeit lernen wir sonst erkennen, ich möchte sagen, in ihren Ansätzen, wie sie sich im gewöhnlichen Leben äußert. Dringen wir aber auf dem angedeuteten Weg hinunter in unser eigenes Inneres, dringen wir mit dem nicht erinnerungsmäßigen Vorstellen in dieses Gebiet hinunter, dann erhöht sich gerade die Kraft der Liebefähigkeit. Und das ist die zweite Seite des Seelenlebens, die der Geistesforscher ausbilden muß.
[ 47 ] In this way, we develop a power that is also present elsewhere in life. I have already mentioned it today in terms of its significance for everyday life: that power which is the human capacity for love. We usually come to recognize this capacity for love—I would say, in its early stages—as it manifests itself in everyday life. But when we delve into our own inner being along the path I have indicated—when we enter this realm through imagination that is not based on memory—then the power of the capacity for love is heightened. And this is the second aspect of the life of the soul that the researcher of the spirit must cultivate.
[ 48 ] Die erste Kraft besteht darinnen, daß er ein Vorstellungsleben entwickelt, das nicht auf Erinnerung hin gebaut ist. Das andere ist, daß er ein solches inneres Leben entwickelt — und es stellt sich bald heraus als ein Willensleben, denn das alles, was da erlebt wird, lebt sich aus in den Willensimpulsen —, ein solches Leben entwickelt, das im wesentlichen steigert die Liebefähigkeit. Während also auf dem Gebiete, auf dem man den Geist erforschen will, geradezu die Erinnerung ausgeschlossen sein muß, muß die Liebefähigkeit erhöht werden in einem Grade, von dem sich das gewöhnliche Bewußtsein keine Ahnung macht, weil dieses gewöhnliche Bewußtsein in der Regel nur die Liebe entwickelt in bezug auf äußere Wesen und äußere Dinge, nicht aber in bezug auf das Geistige; und das Geistige wird angetroffen auf dem Wege, von dem ich eben gesprochen habe, der durch das Zerbrechen des menschlichen Gedächtnisses in das menschliche Innere hineinkommt.
[ 48 ] The first force lies in the fact that he develops a life of imagination that is not based on memory. The other is that he develops such an inner life—and this soon reveals itself as a life of the will, for everything that is experienced there finds its expression in impulses of the will—such a life, which essentially increases the capacity for love. Thus, while memory must be virtually excluded in the realm where one seeks to explore the spirit, the capacity for love must be heightened to a degree of which ordinary consciousness has no inkling, because this ordinary consciousness generally develops love only in relation to external beings and external things, but not in relation to the spiritual; and the spiritual is encountered on the path I have just described, which enters the human inner being through the shattering of human memory.
[ 49 ] So stellt sich die vielleicht paradox klingende Tatsache heraus, daß dasjenige, was notwendig ist für den gewöhnlichen Naturforscher und das gewöhnliche Leben, die Erinnerungsfähigkeit und die Liebefähigkeit, auf dem Wege, den die Geistesforschung durchzumachen hat, sich so ausbildet, daß das Vorstellungsleben auf der einen Seite einlaufen muß in eine Region, wo auf das Erinnern kein Anspruch gemacht werden kann, das Willensleben aber einlaufen muß in eine Region, wo die Liebefähigkeit im wesentlichen erhöht wird.
[ 49 ] Thus, the fact—which may sound paradoxical—emerges that what is necessary for the ordinary natural scientist and for ordinary life—the capacity for memory and the capacity for love—develops, along the path that spiritual research must follow, in such a way that the life of the imagination, on the one hand, must enter a realm where no claim can be made to memory, while the life of the will must enter a realm where the capacity for love is substantially heightened.
[ 50 ] Dadurch dringt der Mensch in diejenigen Gebiete ein, die sonst hinter den naturwissenschaftlichen Grenzen liegen. Entwickelt er dasjenige, von dem ich gesprochen habe, eben nach den zwei Seiten der menschlichen Natur hin, dann gelangt er hinaus über jene Klippen, die an den Eckpfeilern sich darstellen.
[ 50 ] In this way, human beings venture into realms that would otherwise lie beyond the boundaries of the natural sciences. If they develop what I have spoken of in accordance with these two aspects of human nature, then they will surmount the cliffs that stand as cornerstones.
[ 51 ] Dasjenige, was sonst sich nur darstellt eben als Naturzusammenhang, wird gewissermaßen durchschaut. Man kommt dann allerdings nicht auf Atome, man kommt nicht auf den hypothetischen Stoff, die Materie, von denen sonst gesprochen wird; man kommt, indem man die Natur durchschaut, durchforscht, zum Übersinnlichen, zum Geist. Dadurch kommt man zum Geist, der hinter der Natur und in der Natur lebt, daß man gewissermaßen aufwacht. Denn ein Aufwachen ist es mit Bezug auf das gewöhnliche Bewußtsein, was ich eben geschildert habe. Wie der Mensch — das kann ich vergleichsweise sagen — im dumpfen Schlafes- oder Traumesdasein leben kann und dann aufwacht in das gewöhnliche Tagesbewußtsein hinein, so ist dasjenige, was ich geschildert habe, ein höheres Aufwachen, ein Aufwachen so, daß dem Erleben gegenüber, welches man mit dem Vorstellen, mit dem Wollen, wie ich es geschildert habe, durchmacht, das gewöhnliche Wachleben so ist, wie sonst das Traumesleben diesem Wachleben gegenüber.
[ 51 ] That which otherwise presents itself merely as a natural context is, in a sense, seen through. One does not, however, arrive at atoms, nor at the hypothetical substance—matter—of which one usually speaks; rather, by seeing through and exploring nature, one arrives at the supersensible, at the spirit. In this way, one arrives at the Spirit that lives behind nature and within nature—one awakens, so to speak. For what I have just described is an awakening in relation to ordinary consciousness. Just as a person—to use a comparison—can live in a dull state of sleep or dreaming and then awaken into ordinary waking consciousness, so what I have described is a higher awakening—an awakening such that, compared to the experience one undergoes through imagination and volition as I have described, ordinary waking life is to this experience what dream life otherwise is to waking life.
[ 52 ] Namentlich mit Bezug auf eines möchte ich den Vergleich weiter ausführen. Den Traum sieht jedes gesunde Bewußtsein als eine Summe von Bildern an, und es weiß: Indem es aus dem Traume heraustritt und in die gewöhnliche Wirklichkeit eintritt, tritt es aus der Bilderwelt eben in die Seinssphäre herein. Im Traume wird die gewöhnliche Seinswelt Bilderwelt. So beginnt derjenige, der ein Geistesforscher geworden ist, der Welt, die er im übersinnlichen Bewußtsein, im erweckten übersinnlichen Bewußtsein nun erlebt, gegenüberzutreten. Er weiß: Diese gewöhnliche Welt, die wir mit Augen schauen, mit Ohren hören, mit den anderen Sinnen wahrnehmen, die wird für ihn eine Bilderwelt für das übersinnlich Erlebte. Die ganze Natur wird eine Bilderwelt für das übersinnlich Erlebte, wie die Traumeswelt sonst Bilderwelt ist für das gewöhnliche, äußere Sinnesleben-Sein. Da stellt sich heraus, daß eigentlich der Gang der neueren Naturforschung mit all ihren großartigen, gewaltigen Errungenschaften — denn der Geistesforscher stellt sich in bejahender, nicht in negativer Weise zu der Naturforschung —, daß diese ganze moderne Naturforschung eigentlich nur dadurch groß geworden ist, daß sie sich beschränkt darauf, Bildnatur zu geben, nicht eindringen will mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, in dasjenige, was als Geheimnis hinter den Bildern ist.
[ 52 ] I would like to elaborate further on this comparison, particularly with regard to one aspect. Every healthy consciousness regards the dream as a sum of images, and it knows that as it steps out of the dream and enters ordinary reality, it is stepping out of the world of images and into the sphere of being. In the dream, the ordinary world of being becomes a world of images. Thus, the one who has become a researcher of the spirit begins to confront the world that he now experiences in supersensible consciousness—in awakened supersensible consciousness. He knows: this ordinary world, which we see with our eyes, hear with our ears, and perceive with our other senses, becomes for him a world of images for what is experienced supersensually. The whole of nature becomes a world of images for what is experienced supersensually, just as the dream world is otherwise a world of images for ordinary, external sensory life and being. It turns out that the course of modern natural science, with all its magnificent, tremendous achievements—for the spiritual researcher takes an affirmative, not a negative, stance toward natural science—that this entire modern natural science has actually only become great by limiting itself to presenting nature in images, without seeking to penetrate, by the means at its disposal, into that which lies as a mystery behind the images.
[ 53 ] Ich möchte wiederum durch ein Gleichnis noch veranschaulichen, wie man zu jenem Wollen kommt, von dem ich gesagt habe, es ist eine Erhöhung der Liebefähigkeit, durch einen Vergleich, einen ganz einfachen, elementaren Vergleich, der aber dann weiter und immer weiter ausgebildet werden kann: Man weiß gewöhnlich nicht, daß dasjenige, was man Schreiben der Menschen nennt, wenn man auf verschiedene Menschen hinschaut, zwei ganz verschiedene Tätigkeiten darstellt. Diese feineren psychologischen Beobachtungen mit Bezug auf das Schreiben machen die wenigsten Menschen. Wenn der eine schreibt, so braucht dieses Schreiben seiner inneren Wesenheit nach mit Bezug auf einen gewissen Punkt nicht ganz dasselbe zu sein, was es ist, wenn der andere schreibt. Es gibt nämlich — und das ist bei den meisten Menschen der Fall — solche Personen, die schreiben, indem sie die Buchstaben so formen, daß die ganze Konfiguration des Buchstabens, ich möchte sagen, im Handgelenk liegt. Und natürlich meine ich damit mehr in alledem, was damit zusammenhängt. Der Mensch hat so seine Schrift, aber sie liegt in seiner Organisation, sie löst sich nicht los von seiner Organisation.
[ 53 ] I would like to use another parable to illustrate how one arrives at that kind of will—which I have described as an elevation of the capacity for love—through a comparison, a very simple, elementary comparison, which can then be developed further and further: People generally do not realize that what is called “handwriting”—when one observes different individuals—represents two entirely different activities. Very few people make these finer psychological observations regarding handwriting. When one person writes, this act of writing, in terms of its inner nature with regard to a certain aspect, need not be exactly the same as when another person writes. For there are—and this is the case with most people—those who write by forming the letters in such a way that the entire configuration of the letter, I might say, lies in the wrist. And of course, by this I mean more than just that; I mean everything connected with it. A person has his or her own handwriting, but it is rooted in his or her constitution; it is inseparable from it.
[ 54 ] Ich kenne andere Leute, die schreiben anders; die schreiben so, daß sich das Schreiben mehr loslöst von ihrer Organisation; sie malen gewissermaßen, indem sie schreiben. Es ist außerordentlich interessant, wenn man darauf kommt, daß es solche Menschen gibt, die eigentlich malen, indem sie schreiben, die eigentlich immer eine Anschauung von der Buchstabenform haben, die den Buchstaben immer formen, die ihn zeichnen, die also viel objektiver im Buchstaben leben. Die haben nicht im Handgelenk die Formen der Schrift, sondern sie zeichnen die Schrift.
[ 54 ] I know other people who write differently; they write in such a way that their writing becomes more detached from their organization; they paint, so to speak, as they write. It is extraordinarily interesting when one realizes that there are people like this—who actually paint while they write, who always have a visual conception of the letter’s form, who are constantly shaping the letter, who draw it—and who thus live much more objectively within the letter itself. They do not have the forms of the script in their wrists; rather, they draw the script.
[ 55 ] Gewöhnlich sind das solche Leute, die in ihrer Jugend eine große Liebefähigkeit an den Tag gelegt haben und die in ihrer Jugend die Eigentümlichkeit gezeigt haben: Wenn sie einmal einen Menschen gesehen hatten, den sie schätzten, so haben sie auch so geschrieben wie der, haben seine Schrift nachgeahmt. Wenn sie angefangen haben, einen anderen Menschen gern zu bekommen, malten sie seine Schrift nach. Und so blieb ihnen diese Fähigkeit für das Leben, daß die Schrift eigentlich ein Zeichnerisches, ein Malerisches ist.
[ 55 ] Usually these are people who, in their youth, displayed a great capacity for love and who exhibited a peculiar trait: once they had seen someone they admired, they would write just like that person, imitating his or her handwriting. Whenever they began to take a liking to someone else, they would copy that person’s handwriting. And so this ability remained with them throughout their lives, such that their handwriting actually took on a drawing-like, painterly quality.
[ 56 ] Da wird man aufmerksam, daß eine ganz andere elementare Betätigung des Menschen sich loslösen kann von dem Menschen, mehr in das Objekt hineinsteigen kann, und daß dieses In-das-Objekt-Hineinsteigen gerade mit der Liebefähigkeit des Menschen zusammenhängt. Man wird jene Liebefähigkeit, von der ich vorhin als einer Ausbildung des Willens gesprochen habe, diese Liebefähigkeit für den Geist bei solchen Menschen vorzugsweise ausgebildet finden, die eigentlich keine durch ihre Organisation bedingte Schrift haben, die im Grunde genommen immer schreiben können, wie sie wollen, nach links, nach rechts, stehend, liegend, was sie wollen, die die Buchstaben so oder so formen können. Das hängt zusammen mit dem Untertauchenkönnen, mit dem liebevollen Untertauchenkönnen in die objektive Welt.
[ 56 ] Here one becomes aware that a completely different, elemental human activity can detach itself from the human being, can penetrate more deeply into the object, and that this penetration into the object is precisely connected with the human capacity for love. One will find that capacity for love—which I spoke of earlier as a development of the will—particularly well developed in the spirit of those people who do not actually have a script dictated by their physical constitution, who, in essence, can always write however they wish—to the left, to the right, standing, lying down, however they please—and who can form the letters in any way they choose. This is connected to the ability to immerse oneself—the loving ability to immerse oneself in the objective world.
[ 57 ] Nun, dasjenige, was ich hier für die elementare Tätigkeit des Schreibens ausgeführt habe, das kann aktuell werden, das kann für den Menschen so werden, daß es auch in höhere Betätigungen hineinführt. Das ist dasjenige, was auf dem Wege liegt, den ich gemeint habe, indem ich zeigte, daß zu dem nicht an die Erinnerungen appellierenden Vorstellen jene Willensimpulse dazukommen müssen, welche gewissermaßen zusammenwachsen mit der äußeren Objektivität.
[ 57 ] Now, what I have described here regarding the elementary activity of writing can become relevant; it can develop for a person in such a way that it also leads into higher activities. This is what lies along the path I had in mind when I showed that those impulses of the will—which, in a sense, grow together with external objectivity—must be added to the acts of imagination that do not appeal to memories.
[ 58 ] Das ist wiederum dasjenige, was im Geistesforscher, ich möchte sagen, bis zu einem hohen Grade sich ausbilden muß. Dann wird für ihn dasjenige, was sonst grob, robust wirkt für das gewöhnliche Bewußtsein, es wird für ihn die Welt zum Bilde, indem sie sich gerade in ihrer Wahrheit enthüllt, und er dringt dann in Wahrheit durch zu dem Übersinnlichen.
[ 58 ] This, in turn, is precisely what must develop—I would say to a high degree—in the spiritual researcher. Then what otherwise appears coarse and rugged to ordinary consciousness becomes, for him, a reflection of the world as it reveals itself precisely in its truth, and he then truly penetrates to the supersensible.
[ 59 ] So stellt sich dann etwas heraus, das ich in der folgenden Weise charakterisieren möchte: Es gibt heute einen Philosophen, den ich von einer gewissen Seite her sehr schätzen muß, obwohl ich eigentlich mit nichts einverstanden sein kann, was er sagt. Aber es ist ein Philosoph, der sich gerade gut befaßt hat mit der Beantwortung der Frage: Was kann naturwissenschaftliche Gesinnung eigentlich über die Welt wissen? — Und er hat von verschiedensten Seiten her diese Frage beantwortet. Es ist der Philosoph Richard Wahle. Dieser Philosoph, ich möchte ihn als einen Repräsentanten hinstellen nicht nur für die Art, wie viele denken, sondern für die Art, nach der überhaupt das Denken der Zeit tendiert, ebenso wie ich gestern die Philosophen nicht etwa als die Lehrer der Menschheit hinstellen wollte, sondern als diejenigen, welche gewisse Symptome der Zeit zur Darstellung bringen. Dieser Richard Wahle versuchte, die modernen Weltanschauungen, wie er sie kennt — er kennt eben Geisteswissenschaft nicht und wird sie nicht kennenlernen wollen —, er versuchte, moderne Weltanschauungen zu fragen: Was kannst du lernen über die wahre Wirklichkeit? — Und er kam dazu, zu sagen: Nirgends, wenn wir nach naturwissenschaftlichem Muster die Welt anschauen, kommen wir dazu, das Kraftvolle zu erkennen, dasjenige, was die Vorgänge bewirkt; sondern wir lernen nur erkennen die Aufeinanderfolge der Vorgänge, das Bilden des einen Vorganges aus dem anderen. Aber dasjenige, was im einen Geschehen sich drängt, so daß das andere werden kann, das Kraftende, die Urfaktoren, wie Wahle es nennt, die lernt man nicht kennen. Und so kommt denn, indem er gewissenhaft versucht, die Frage zu beantworten: Was kann man mit der Naturforschung? —, so kommt denn dieser Richard Wahle, der ein Universitätsprofessor der Gegenwart ist, zu der Anschauung, daß diese moderne Naturanschauung eigentlich nun wirklich nicht ein Wahrheitsbild, ein Wirklichkeitsbild gibt von der äußeren Welt, sondern daß sie das gibt, was eigentlich nicht in der Wirklichkeit der Natur ist, sondern ein Naturgespenstisches. Und gerade je mehr das Ideal der Naturwissenschaft erfüllt ist, desto gespensterhafter wird dasjenige, was nun in dem Bild von der Natur vorhanden ist. Richard Wahle, in seinem «Über den Mechanismus des geistigen Lebens» sagt, man kann überhaupt zu nichts anderem kommen als zu einer solchen gespensterhaften Anschauung.
[ 59 ] This leads to a situation that I would like to characterize as follows: There is a philosopher today whom I must greatly admire from a certain perspective, even though I cannot actually agree with anything he says. But he is a philosopher who has recently devoted himself to answering the question: What can a scientific mindset actually know about the world? — And he has answered this question from a wide variety of perspectives. It is the philosopher Richard Wahle. I would like to present this philosopher as a representative not only of the way many people think, but of the general direction in which contemporary thought is tending—just as yesterday I did not wish to present philosophers as teachers of humanity, but as those who bring certain symptoms of the times to light. This Richard Wahle attempted to question modern worldviews as he knows them—he is simply unfamiliar with spiritual science and has no desire to become acquainted with it—he attempted to ask modern worldviews: What can you learn about true reality? — And he came to say: Nowhere, when we view the world according to the model of the natural sciences, do we come to recognize the powerful force—that which brings about the events; rather, we learn only to recognize the sequence of events, the emergence of one event from another. But that which drives one event so that another can come into being—the forceful element, the “primordial factors,” as Wahle calls them—that is something we cannot come to know. And so, as he conscientiously attempts to answer the question: “What can be gained from the study of nature?”—this Richard Wahle, a contemporary university professor, comes to the view that this modern conception of nature does not actually provide a true picture, a realistic picture, of the external world, but rather presents something that is not actually part of the reality of nature—a spectral image of nature. And the more the ideal of natural science is fulfilled, the more phantom-like becomes what is now present in the image of nature. Richard Wahle, in his On the Mechanism of Spiritual Life, says that one cannot arrive at anything other than such a phantom-like view.
[ 60 ] Nun, das gibt für ihn, ich möchte sagen, geradezu die Verurteilung alles philosophischen Strebens. Er ist Philosoph, und er hat ein eigentümliches Urteil über die Philosophie nicht nur der Gegenwart, sondern auch über die Philosophie der Vergangenheit gefällt. Es ist allerdings eine merkwürdige Tatsache, daß der offizielle Vertreter der Philosophie an einer Universität in der Gegenwart zu dem Urteile kommt, das ich gleich anführen will, über Philosophie, also sozusagen über sein eigenes Handwerk. Es ist außerordentlich charakteristisch für die Gegenwart, aber es ist so. Und es ist auch in gewisser Beziehung gerade als Phänomen, als Tatsache außerordentlich beachtenswert. Dieser Richard Wahle schaut sich an das, was die Philosophie, was er selbst auf philosophischem Gebiet geleistet hat, und sagt ungefähr: Früher glich die Philosophie einem Restaurant, in dem Köche und Kellner ungenießbare Speisen den Gästen darboten; und jetzt ist die Philosophie ein Restaurant, in dem Köche und Kellner herumstehen und überhaupt nichts zu tun haben. — Er verweist also auf diese Kellner, will sagen Philosophen, in diesem merkwürdigen Restaurant der Gegenwart und geht aus von einer in gewisser Beziehung exakten Frage: Was kann die Naturwissenschaft? — Und er kommt dazu, die Grenze der Naturwissenschaft sich vor Augen zu stellen, indem er ihr gespensterhaftes Wesen, das nur an der Außenseite haften muß, eben sich vor die Seele führt. Er bringt es zur Erkenntnis der Bildnatur alles Naturerkennens. Und das ist überhaupt ein bedeutsames Phänomen im Gegenwarts-Geistesleben.
[ 60 ] Well, for him, I would say, this amounts to nothing less than a condemnation of all philosophical endeavor. He is a philosopher, and he has passed a peculiar judgment not only on contemporary philosophy but also on the philosophy of the past. It is, however, a curious fact that the official representative of philosophy at a university today arrives at the judgment I am about to cite regarding philosophy—that is, regarding his own craft, so to speak. It is extraordinarily characteristic of the present day, but it is true. And in a certain sense, it is also extraordinarily noteworthy precisely as a phenomenon, as a fact. This Richard Wahle looks at what philosophy—and what he himself has accomplished in the field of philosophy—has produced, and says something like this: In the past, philosophy resembled a restaurant where cooks and waiters served inedible food to the guests; and now philosophy is a restaurant where cooks and waiters stand around with absolutely nothing to do. — He thus refers to these waiters—that is, philosophers—in this strange restaurant of the present and begins with a question that is, in a certain sense, precise: What can the natural sciences do? — And he comes to visualize the limits of natural science by bringing its ghostly essence—which must cling only to the surface—before his soul. He arrives at the realization of the symbolic nature of all knowledge of nature. And this is, in general, a significant phenomenon in contemporary intellectual life.
[ 61 ] Die Naturwissenschaft tendiert dahin, gerade wenn sie sich gut selbst erkennt, immer mehr und mehr das erkennen zu müssen, daß sie eigentlich nur Bilder liefert, daß dasjenige, was sie Natur nennt, nur Bild ist von irgend etwas.
[ 61 ] The natural sciences, precisely when they come to understand themselves well, tend to realize more and more that they actually provide only images, that what they call “nature” is merely an image of something.
[ 62 ] Derjenige, der heute gewissenhafter naturwissenschaftlicher Denker ist, kommt nicht zum törichten Monismus, sondern er kommt zu der Anerkennung der Bildhaftigkeit alles Naturerkennens. Dafür könnten heute schon unzählige Zeugnisse angeführt werden, indem man diejenigen Betrachtungen nimmt, die nicht kleinlich sich hingeben dem naturwissenschaftlichen erkenntnistheoretischen Vorgang, sondern die in gewissenhafter Weise versuchen, sich die Frage zu beantworten: Inwiefern ist Naturwissenschaft ein taugliches Instrument zur Wahrheits- und Wirklichkeitserkenntnis? — Da ist es auf der einen Seite heute so, daß die Naturwissenschaft an ihre Grenze herankommt. Und je mehr sie sich ausbilden wird, diese Naturwissenschaft, je mehr ihr Ideal erfüllt wird, desto mehr wird sie gerade durch sich selbst, durch gewissenhafte Verfolgung ihres eigenen Wesens, zur Anerkenntnis ihrer Bildhaftigkeit kommen.
[ 62 ] Anyone who is a conscientious scientific thinker today does not arrive at foolish monism, but rather comes to recognize the figurative nature of all scientific knowledge. Countless examples of this could already be cited today by considering those reflections that do not petty-mindedly devote themselves to the epistemological process of natural science, but rather conscientiously attempt to answer the question: To what extent is natural science a suitable instrument for the knowledge of truth and reality? — On the one hand, it is the case today that natural science is approaching its limits. And the more this natural science develops, the more its ideal is fulfilled, the more it will come to recognize its own figurative nature precisely through itself, through the conscientious pursuit of its own essence.
[ 63 ] Und von anderer Seite haben wir den Gang der Geistesforschung, die dazu kommt, im Menschen ein solches Erkennen zu entwickeln, das über das Bild hinaus zur Wirklichkeit vorstößt. Naturwissenschaft zeigt: Was ich finden kann, ist Bild. — Geisteswissenschaft zeigt: Indem du ein höheres Bewußtsein ausbildest auf den Wegen, die ganz exakt angewendet werden, zeigst du, daß dasjenige, was im gewöhnlichen Bewußtsein, für das gewöhnliche Bewußtsein und für die gewöhnliche Wissenschaft existiert, Bildnatur hat und daß du das Wirkliche nur findest, wenn du über die Bildnatur hinausgehst.
[ 63 ] And from another perspective, we have the path of spiritual research, which aims to develop within the human being a kind of recognition that goes beyond the image to reach reality. Natural science shows: What I can discover is an image. — Spiritual science shows: By cultivating a higher consciousness through methods applied with precision, you demonstrate that what exists in ordinary consciousness—for ordinary consciousness and for ordinary science—is of an image-like nature, and that you find the real only when you go beyond the image-like nature.
[ 64 ] Wie könnte Geisteswissenschaft vor der Naturwissenschaft besser gerechtfertigt sein als durch die Tatsache, daß Geisteswissenschaft von sich aus die menschliche Entwickelung dazu bringt, anzuerkennen dasjenige, was aus sich heraus als ihr Ergebnis, wenn sie sich selbst versteht, die Naturwissenschaft selber finden muß.
[ 64 ] How could the humanities be better justified in the eyes of the natural sciences than by the fact that the humanities, by their very nature, lead human development to recognize that which, as a result of its own development—when it understands itself—the natural sciences themselves must inevitably discover.
[ 65 ] Nicht Worte, sondern die Tatsachen, die die Geisteswissenschaft in der menschlichen Seele produziert, sie werden übereinstimmen mit dem, was aus der Naturwissenschaft fließt. Dadurch wird sich im Zusammenarbeiten ganz von selbst dasjenige ergeben zwischen den beiden, was man nennen kann die Rechtfertigung der Geisteswissenschaft vor dem Forum der Naturwissenschaft.
[ 64 ] How could the humanities be better justified in the eyes of the natural sciences than by the fact that the humanities, by their very nature, lead human development to recognize that which, as a result of its own development—when it understands itself—the natural sciences themselves must inevitably discover.
[ 66 ] Eben das wollte ich mit einigen Ausführungen und Betrachtungen heute andeuten: Was die Geisteswissenschaft vor der Naturwissenschaft rechtfertigt, das ist die recht verstandene Naturwissenschaft selbst.
[ 66 ] That is precisely what I wanted to suggest today with a few remarks and reflections: What justifies the humanities in relation to the natural sciences is the natural sciences themselves, properly understood.
[ 67 ] Ich werde den Weg der menschlichen Geisteskultur, wie sich ihn die Geisteswissenschaft denkt, in den zwei Vorträgen der nächsten Woche weiter ausführen, in dem einen, indem ich das Dasein des Menschen von der Geburt bis zum Tode verfolgen werde und über Geburt und Tod hinaus in den ewigen Gang der menschlichen Seele hinein; in dem anderen, indem ich zeigen werde, wie sich das geschichtliche, soziale, sittlich-religiöse Leben vom Standpunkte der Geisteswissenschaft ausnehmen. Etwas aber ist da, was, ich möchte sagen, wie ein Grundton durchgehen muß durch das Bewußtsein, das der Geistesforscher der Menschheit gern übermitteln möchte, durchgehen muß als eine Grundtatsache gegenüber der mit Recht sich so, wie sie es tut, in die Zeit hineinstellenden Naturforschung. Dieser Grundton kann in folgender Art ausgesprochen werden: Wenn Naturwissenschaft sich selber nur richtig versteht, sie mündet an einem Punkte, an dem sie sich sagen muß: Hier stehe ich an meinen Grenzen, hier wird ein anderes gefordert.
[ 67 ] I will continue to elaborate on the path of human spiritual culture, as conceived by spiritual science, in the two lectures next week: in one, by tracing human existence from birth to death and beyond birth and death into the eternal journey of the human soul; in the other, by showing how historical, social, and moral-religious life appear from the perspective of spiritual science. But there is something—I would say—that must run like a fundamental tone through the consciousness that the spiritual researcher wishes to convey to humanity; it must run through as a fundamental fact in contrast to natural science, which rightly positions itself in time as it does. This underlying tone can be expressed as follows: If natural science truly understands itself, it leads to a point where it must say: “Here I have reached my limits; here something else is required.”
[ 68 ] Nun gut, dieses andere wird Geisteswissenschaft geben. Und damit wird sie nicht von sich aus, sondern durch die Naturwissenschaft vor der Naturwissenschaft selbst gerechtfertigt erscheinen.
[ 68 ] Very well, this other field will be the human sciences. And thus it will appear to be justified—not on its own, but by the natural sciences—even before the natural sciences themselves.
