Extending Natural Science
through Anthroposophy
GA 73
17 October 1918, Zurich
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Extending Natural Science through Anthroposophy, tr. SOL
8. Die Geschichte der Neuzeit im Lichte geisteswissenschaftlicher Forschung
8. Modern History in the Light of Research in Spiritual Science
[ 1 ] Indem ich heute einiges zu sprechen haben werde über den Verlauf der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit von dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, so wie sie hier in diesen Vorträgen gemeint ist und war, werde ich genötigt sein, mancherlei vorauszusetzen von dem, was ich in den vorangegangenen Vorträgen gesagt habe. Nur das wird es hauptsächlich sein, was ich vorauszusetzen habe und was ich, da mir ja nur eine beschränkte Zeit zur Verfügung steht, insofern es heute seine Anwendung findet, nicht werde wiederholen können: daß diese Geisteswissenschaft in den Linien, wie das im ersten Vortrage versucht worden ist, erhärten kann, daß der Mensch strebend mit seinen Seelenkräften zur Anerkennung einer übersinnlichen Welt kommen muß, und daß durch eine gewisse Schulung dieser Seelenkräfte — so wie ich diese Schulung wenigstens prinzipiell charakterisiert habe — Einsicht in die Tatsachen dieser übersinnlichen Welt für den Menschen auch zu gewinnen ist.
[ 1 ] Since I will have a great deal to say today about the course of humanity’s recent historical development from the perspective of spiritual science—as it has been and is intended in these lectures—I will be compelled to assume a number of things I have already stated in previous lectures. That will be the main thing I must take for granted—and, since I have only a limited amount of time at my disposal, I will not be able to repeat it today insofar as it applies here: that this spiritual science can substantiate, along the lines attempted in the first lecture, that human beings must strive with their soul forces to come to a recognition of a supersensible world, and that through a certain training of these soul forces—as I have characterized this training, at least in principle—insight into the realities of this supersensible world can also be gained by human beings.
[ 2 ] Nun handelt es sich darum, gerade diese Fundamentalwahrheiten anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft anzuwenden auf eines der allerbedeutsamsten Gebiete des menschlichen Erlebens, auf das geschichtliche Gebiet, und ich muß mich natürlich beschränken auf dasjenige, was uns zunächstliegt, auf die geschichtliche Entwickelung der neueren Menschheit. Geschichte, wenn man nicht tiefer eindringt in die Kulturentwickelung der Menschheit, hält man für eine sehr alte Wissenschaft. Allein in Wahrheit ist aus Anfängen, die man keineswegs schon Geschichte nennen kann, Geschichte eigentlich erst erblüht kaum vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Und in dem Sinne, wie wir heute gewöhnt sind, schon von der Schule her Geschichte aufzufassen: daß durch Geschichte gesucht werden die Entwickelungsgesetze der Menschheit im Laufe der Zeit, in diesem Sinne ist Geschichte eigentlich erst ein Kind des 19. Jahrhunderts.
[ 2 ] The task now is to apply precisely these fundamental truths of anthroposophically oriented spiritual science to one of the most significant areas of human experience—the field of history—and I must, of course, limit myself to what is closest to us: the historical development of modern humanity. History—unless one delves more deeply into the cultural development of humanity—is generally regarded as a very ancient science. But in truth, history—arising from beginnings that can by no means yet be called history—did not truly blossom until shortly before the second half of the 18th century. And in the sense in which we are accustomed to understanding history today, even from our school days—that is, as a means of seeking the laws of human development over the course of time—in this sense, history is actually a child of the 19th century.
[ 3 ] Hervorgegangen ist diese geschichtliche Wissenschaft aus den Interessen, die der Mensch ja immer an anderen Menschen und ihren Schicksalen genommen hat, insofern diese anderen Menschen und die Schicksale dieser anderen Menschen zusammenhängen im Umkreise des Erlebens mit dem eigenen Leben. Man kann sagen, es ist eine gerade Linie von der Familienchronik, durch die jemand, der etwas erfahren will über das Volk, über die Heimat, mit denen man zusammenhängt und endlich mit jenen Bestrebungen, durch die man die Entwickelungsgesetze der ganzen Menschheit erkennen will. Und bedeutsam ist es, daß die geschichtliche Betrachtung, die sonst immer in den genannten engeren Kreisen verlief, auf die ganze Menschheit erweitert wird. Erst in der neueren Zeit, die wir hier geschichtlich betrachten wollen, erstand aus mehr oder weniger enger begrenzten Interessen der Menschheit das ganz allgemein-menschliche Interesse an der Gesamtentwickelung der Menschheit der Erde.
[ 3 ] This historical science has emerged from the interest that people have always taken in other people and their fates, insofar as these other people and their fates are connected to one’s own life experience. One could say there is a straight line from the family chronicle to the desire to learn about one’s people and homeland—with which one is connected—and ultimately to those endeavors through which one seeks to recognize the laws of development governing all of humanity. And it is significant that the historical perspective, which otherwise always remained confined to the narrower circles mentioned, has been expanded to encompass all of humanity. It was only in more recent times—which we intend to examine historically here—that a general human interest in the overall development of humanity on Earth emerged from humanity’s more or less narrowly defined interests.
[ 4 ] Schon daraus kann ersehen werden von dem, der dies ersehen will, daß das reine Interesse des Menschen am Menschen als solchem im Grunde genommen jungen Datums ist. Nun handelt es sich darum, daß gerade, weil Geschichte aus dem Interesse des Menschen am Menschen entspringt, eine Klippe gegeben ist, wenn die Geschichte sich erheben will zur Erkenntnis des gesetzmäßigen Zusammenhanges der menschlichen Entwickelung. Denn dadurch wird die Geschichte sehr leicht hineingeführt in einen Abgrund, der mehr oder weniger zu irgendeiner Zeit jeder wissenschaftlichen Betrachtung gedroht hat, der fast ganz. überwunden ist in der neueren Zeit von der naturwissenschaftlichen Betrachtung, der aber oftmals ganz unbewußt bei den Menschen in die geschichtliche Betrachtung leicht hineinspielt: es ist der Gesichtspunkt, den man nennen kann den anthropomorphistischen, der dadurch entsteht, daß man dasjenige, was man im Menschen selber findet, nun hineinträgt in die Welt und ihre Erscheinungen, die sich darbieten. Das Nächstliegende ist ja das, was von der Naturwissenschaft glücklich überwunden ist, daß der Mensch sieht, wenn er irgend etwas vollbringt, dann handelt er nach Zwecken, nach Zielen. Dadurch ist der Mensch geneigt, auch dasjenige, was draußen in der Natur geschieht, und das, was im Verlauf der geschichtlichen Entwickelung geschieht, so zu betrachten, als ob zweckvolles Handeln in demselben Sinne darinnen zu suchen wäre, wie man das im Inneren des Menschen, also an sich selbst findet.
[ 4 ] From this alone, anyone willing to see it can discern that man’s pure interest in man as such is, in essence, a relatively recent phenomenon. Now the point is that, precisely because history springs from human interest in humanity, a pitfall arises when history seeks to ascend to an understanding of the lawful connections of human development. For this very thing very easily leads history into an abyss that has, to a greater or lesser extent, threatened every scientific inquiry at some point in time—an abyss that has been almost entirely overcome in more recent times by the natural sciences, but which often, quite unconsciously, creeps into people’s historical analysis: it is the perspective one might call anthropomorphistic, which arises when one projects onto the world and its phenomena what one finds within human beings themselves. The most obvious example—which has been successfully overcome by the natural sciences—is that when a person accomplishes something, they act with purpose and toward goals. Consequently, human beings are inclined to view what happens out in nature and what occurs in the course of historical development as if purposeful action in the same sense were to be sought there as one finds within human beings—that is, in oneself.
[ 5 ] Die Naturwissenschaft ist gerade dadurch in dem neueren Sinne groß geworden, daß sie diese Zweckmäßigkeitslehre ausschaltet, auch daß sie versucht, wenigstens nicht anthropomorphistisch zu sein, obwohl sie es in vielen Beziehungen unbewußt ist. Goethe sagte mit Recht: Der Mensch weiß gar nicht, wie anthropomorphistisch er ist. — Aber bei der Geschichte liegt noch ganz besonders die Verführung und Versuchung nahe, dasjenige, was man in sich selber findet, weil man ja das Menschliche betrachten will, auch draußen im Verlauf des geschichtlichen Werdens zu schauen. Und man kommt über diese Klippe, die mehr oder weniger bei den strebsamsten Denkern der neueren Zeit vorhanden war, wenn sie eine Art Philosophie der Geschichte begründen wollten, man kommt im Grunde genommen nur darüber hinaus, wenn man in der Betrachtung des Menschen selber schon über jene engen Grenzen der menschlichen Natur hinauskommt, welche charakterisiert sind dadurch, daß der Mensch nach dem unmittelbar Subjektiven, das heißt, nach den Zwecken handelt, die ihm in seinem Seelenleben zwischen Geburt und Tod möglich sind.
[ 5 ] Natural science has become great in the modern sense precisely because it eliminates this doctrine of finality, and also because it strives, at least, not to be anthropomorphic—even though it is, in many respects, unconsciously so. Goethe rightly said: “Man has no idea how anthropomorphic he is.” — But in the case of history, there is a particularly strong temptation to look for what one finds within oneself—since one wants to observe what is human—outside as well, in the course of historical development. And one can only overcome this pitfall—which has been present to a greater or lesser extent among the most ambitious thinkers of modern times when they sought to establish a kind of philosophy of history— one essentially overcomes it only when, in the contemplation of humanity itself, one already transcends those narrow limits of human nature that are characterized by the fact that human beings act according to the immediately subjective—that is, according to the ends that are possible for them in their inner life between birth and death.
[ 6 ] Überwindet man so, wie das in den vorhergehenden Tagen charakterisiert worden ist, diese rein sinnenfällige Natur des Menschen und das an diese gebundene Seelenleben zwischen Geburt und Tod dadurch, daß man sich zum übersinnlichen Menschen erhebt, dann kann man dasjenige, was sich durch übersinnliche Betrachtung des Menschen ergibt, hinausführen in das geschichtliche Werden. Denn indem der Mensch aufsteigend zu seinem übersinnlichen Wesen über sich selbst hinauskommt, wird er auch in der geschichtlichen Betrachtung nicht mehr anthropomorphistisch sein können, weil er es ja in der Betrachtung seines eigenen Wesens nicht mehr ist. So wird man schon, indem man sich anstrengt, eine gewisse Klippe der Weltbetrachtung zu vermeiden, hinausgeführt in das Übersinnliche.
[ 6 ] If, as described in the preceding days, one overcomes this purely sensory nature of the human being and the soul life bound to it between birth and death by elevating oneself to the supersensible human being, then one can carry what arises from the supersensible contemplation of the human being into historical development. For as the human being transcends himself by ascending to his supersensible being, he will no longer be able to be anthropomorphistic even in historical observation, since he is no longer so in his observation of his own being. Thus, simply by striving to avoid a certain pitfall in the observation of the world, one is led into the supersensible.
[ 7 ] Wenn man dann, ausgerüstet in seinem Erkennen mit denjenigen Kräften, die in die übersinnliche Welt hineinführen, an das geschichtliche Werden herandringt, dann erscheinen einem rein durch die übersinnlichen Anschauungen die Tatsachen des geschichtlichen Lebens in einem völlig neuen Lichte. Dann frägt man sich in diesem neuen Lichte: Ja, wie ist es denn eigentlich? Haben gewisse Tatsachen, die die Geschichte verzeichnet, die wir in unseren gebräuchlichen Geschichtsdarstellungen finden, haben sie wirklich eine solch nahe Beziehung zum Menschen, wie es ihnen oftmals zugeschrieben wird, wenn man meint, der Mensch sei so, wie er dasteht, ein Produkt des geschichtlichen Werdens, ein Produkt der Vergangenheit? — Wirft man aber diese Fragen nur auf im Lichte der übersinnlichen Erkenntnis, so sieht man sehr bald, wenn man den Blick auf die Ereignisse der Geschichte hinlenkt, wie wenig eigentlich mit dem, was zum Beispiel die Menschen in der Gegenwart in sich finden, was sie an Impulsen ihres Lebensablaufes finden, wie wenig die Menschen sagen können: Das oder jenes hängt zusammen mit diesem oder jenem historischen Ereignis der Vergangenheit. — Geradeso wie die Naturwissenschaft, wenn man sie konsequent verfolgt, über sich selbst hinausführt, so kommt man durch die geschichtliche Betrachtung dazu, sich sagen zu müssen: Die historischen Ereignisse fallen in einem gewissen Sinn auseinander. Man kann nicht im gewöhnlichen Sinn nur von Ursache und Wirkung sprechen und die Gegenwart nur wie eine Wirkung der Vergangenheit betrachten, insofern diese dasjenige enthält, was im Sinnenfälligen gefunden werden kann. Man kommt erst dann zu einer geschichtlichen Betrachtung, wenn man den Menschen anknüpft an das Übersinnliche und in den geschichtlichen Tatsachen selbst nicht das sucht, als was sie sich zunächst äußerlich darbieten, sondern wenn man in ihnen dasjenige sucht, was einem zunächst nur geoffenbart wird: einen übersinnlichen Vorgang im Weltgeschehen, in das die Menschen eingeflochten sind.
[ 7 ] When one then approaches historical development, equipped in one’s understanding with those powers that lead into the supersensible world, the facts of historical life appear in a completely new light, purely through supersensible perceptions. Then, in this new light, one asks oneself: Well, how is it really? Do certain facts recorded by history—which we find in our customary historical accounts—truly have such a close connection to human beings as is often attributed to them, when one assumes that human beings, as they appear, are a product of historical development, a product of the past? — But if one raises these questions solely in the light of supersensible knowledge, one very soon sees, when one turns one’s gaze to the events of history, how little of what people find within themselves in the present—for example, the impulses they find in the course of their lives—how little people can say: This or that is connected to this or that historical event of the past. — Just as the natural sciences, when pursued consistently, lead one beyond themselves, so too does a historical perspective lead one to conclude: Historical events, in a certain sense, fall apart. One cannot, in the ordinary sense, speak solely of cause and effect and regard the present merely as an effect of the past, insofar as the past contains what can be found in the sensible realm. One arrives at a historical perspective only when one connects human beings to the supersensible and does not seek in the historical facts themselves what they initially present externally, but rather seeks in them what is initially revealed to one: a supersensible process in world events in which human beings are interwoven.
[ 8 ] Dann aber wird die Geschichte etwas anderes als die Betrachtung der aufeinanderfolgenden Tatsachen; dann wird die Geschichte das, was ich nennen möchte eine Symptomatologie. Dann betrachtet man die einzelnen Tatsachen nicht so, wie sie sich einfach darstellen im sinnlichen Leben, sondern dann betrachtet man sie als Symptome, durch die man eindringt in ein hinter ihnen selbst liegendes übersinnliches, übergeschichtliches Geschehen. Dann wird man auch nicht mehr in derselben Weise nach einer unbedingten Vollständigkeit streben können, die ja ohnedies nicht zu erreichen ist — wer das geschichtliche Material auf irgendeinem Gebiete bearbeitet hat, weiß das —, sondern man wird versuchen, durch die aufzufindenden Tatsachen, die man als Symptome betrachtet, einzudringen in dasjenige, was hinter diesen Symptomen als große geistige Zusammenhänge verborgen ist.
[ 8 ] But then history becomes something other than the examination of successive facts; then history becomes what I would like to call a symptomatology. Then one does not view the individual facts as they simply present themselves in sensory life, but rather as symptoms through which one penetrates to a supersensory, transhistorical process lying beyond them. Then one will no longer be able to strive in the same way for an absolute completeness—which, in any case, cannot be achieved; anyone who has worked with historical material in any field knows this—but one will attempt, through the facts to be discovered—which are regarded as symptoms—to penetrate into what lies hidden behind these symptoms as great spiritual connections.
[ 9 ] So wird die Geschichte, wenn sie befruchtet werden wird von Geisteswissenschaft, den Weg nehmen aus einer reinen Tatsachenwissenschaft zu einer Symptomatologie. Und in dem Sinne, den ich hier meine, möchte ich Ihren Blick lenken auf wenigstens einige bedeutendere Erscheinungen in der Entwickelung der neueren Menschheit, um zu zeigen, wie der ganze Gang der neueren Geschichte sich darstellt, wenn man versucht, durch Tatsachen hinter die Tatsachen zu kommen.
[ 9 ] Thus, when history is enriched by spiritual science, it will evolve from a purely factual science into a symptomatology. And in the sense I mean here, I would like to draw your attention to at least a few significant phenomena in the development of modern humanity, in order to show how the entire course of modern history presents itself when one attempts to look beyond the facts through the facts themselves.
[ 10 ] Wenn man einen solchen Weg einschlägt, dann sieht man sich sehr bald gedrängt, abzukommen von jener Einteilung, die wir von der Schule her gewöhnt sind: daß wir die neuere Geschichte beginnen mit allerlei Betrachtungen über die Entdeckungsreisen und über die Bedeutung der Entdeckung Amerikas oder über Erfindungen und dergleichen. Man fühlt sich vielmehr gedrängt zu fragen: Wo ist ein Punkt — wenn wir bei der Gegenwart anfangen und nach rückwärts das geschichtliche Werden betrachten —, wo im Verlauf der Entwickelung der Menschheit wirklich eine Wendung eintritt, wo neue Lebensformen, neue Lebensverhältnisse eintreten?
[ 10 ] If one takes this approach, one very soon finds oneself compelled to depart from the structure we are accustomed to from school: that is, beginning modern history with all sorts of reflections on the voyages of discovery, the significance of the discovery of America, inventions, and the like. Rather, one feels compelled to ask: Where is the point—if we start with the present and look back at the course of history—where a real turning point occurs in the course of human development, where new ways of life and new social conditions emerge?
[ 11 ] Man hat in einer bequemen Weltanschauungsbetrachtung sehr häufig das Bestreben, sich zu sagen, die Dinge verlaufen einfach so, daß sukzessive das Folgende aus dem Früheren hervorgeht und daß nirgends bedeutende Umschwünge, bedeutende Wendungen stattfinden. Man hat sich ja sogar den bequemen Spruch geprägt: In der Natur fände nirgends ein Sprung statt. — Aber man sehe nur hin auf die Natur, wie da Sprünge stattfinden! Die Pflanze entwickelt zuerst die grünen Laubblätter, verwandelt sie dann in die farbigen Blumenblätter — ein Sprung. Und solche Sprünge sind überall in der Natur vorhanden, trotzdem sie einem gebräuchlichen, bequemen Vorurteil des Menschen widersprechen.
[ 11 ] In a comfortable worldview, people very often feel the urge to tell themselves that things simply unfold in such a way that what comes next arises successively from what came before, and that no significant upheavals or major turning points ever occur. People have even coined the convenient saying: “In nature, there are no sudden leaps.” — But one need only look at nature to see how leaps do occur! A plant first develops green leaves, then transforms them into colorful petals—a leap. And such leaps are found everywhere in nature, even though they contradict a common, convenient human prejudice.
[ 12 ] Und in der Tat, schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt, daß in der Welt, die uns zunächst naheliegt, in der europäischen Welt, mit dem 15. Jahrhundert eine Änderung in allen Lebensformen eintritt. Dasjenige, was früher insbesondere die Menschheit charakterisiert hat, wie sie in ihrer Seelenverfassung war, wie sie diese Seelenverfassung umgesetzt hat in äußere geschichtliche Taten, das wird anders im is. Jahrhundert. Und wir können geradezu wie auf einen Markstein wiederum vom Standpunkte der Symptomatologie auf eine etwas weiter zurückliegende Tatsache hinweisen, die ein wichtiger Wendepunkt im geschichtlichen Leben der neueren Menschheit ist: das ist der Zwang, der von Frankreich auf das Papsttum im Jahre 1303 ausgeübt wurde, als der Papst gezwungen wurde, seine Residenz von Rom nach Avignon zu verlegen. Zeitlich fällt diese Tatsache ja fast ganz zusammen mit der anderen, daß der Tempelherrenorden, diese eigentümliche, wiederum in einem eigentümlichen Verhältnis zur Kirche stehende Gemeinschaft, von der französischen Regierung vernichtet und ihrer Güter beraubt wird.
[ 12 ] And indeed, even a superficial observation shows that in the world closest to us—the European world—a change in all forms of life began in the 15th century. What previously characterized humanity in particular—the state of its soul and how it translated this state into external historical deeds—began to change in the 15th century. And we can point, as it were, to a milestone—again from the standpoint of symptomatology—that marks a somewhat earlier event, which is an important turning point in the historical life of modern humanity: this is the pressure exerted by France on the Papacy in 1303, when the Pope was forced to move his residence from Rome to Avignon. Chronologically, this event almost entirely coincides with another: the destruction of the Order of the Knights Templar—this peculiar community, which in turn had a peculiar relationship with the Church—by the French government, and the confiscation of its assets.
[ 13 ] Diese Ereignisse sind deshalb Wendepunkte in der neueren Entwickelung der Menschheit, weil sie zeigen, daß gegen etwas angekämpft wird, was über die ganze zivilisierte Welt der damaligen Zeit hin durch Jahrhunderte das Eigentümliche war. Das Eigentümliche war das, was. sich ausdrückte in jenen merkwürdigen Kämpfen und dadurch auch hervorgerufenen gegenseitigen Unterstützung, welche zwischen dem mitteleuropäischen Kaisertum und dem Papsttum stattfanden. Aber alle diese Kämpfe stehen in dem Lichte einer ganz bestimmten Tatsache. Die Menschen über die zivilisierte Welt hin sind nicht wie in der folgenden Zeit abgeteilt nach Gruppen, wie etwa nationale Gruppen oder dergleichen, ohne daß jede solche Abteilung überglänzt und überragt wird von einem Gemeinsamen, das sich nur ausdrücken läßt durch eine die Menschheit beherrschende Universalidee, die auf das Handeln der Menschen übergreift, die ausgeht auf der einen Seite von dem römischen Papsttum, das sich gewissermaßen als der Zusammenfasser der Menschheit fühlt. Ebenfalls universell, nur oftmals im Kampfe gegen diese Universalgemeinschaft, war dann das mittelalterliche Kaisertum.
[ 13 ] These events are turning points in the recent history of humanity because they show that people were fighting against something that had been a defining characteristic of the entire civilized world of that time for centuries. That characteristic was what found expression in those remarkable struggles—and the mutual support they engendered—that took place between the Central European Empire and the Papacy. But all these struggles must be viewed in the light of a very specific fact: People throughout the civilized world were not, as in the period that followed, divided into groups—such as national groups or the like— without each such division being overshadowed and surpassed by a common element that can only be expressed through a universal idea governing humanity, which extends to human actions, emanating on the one hand from the Roman Papacy, which, in a sense, sees itself as the unifier of humanity. Equally universal—though often in conflict with this universal community—was the medieval empire.
[ 14 ] Nun, gegen diese Art der Zusammenfassung der Menschheit richtet sich dasjenige, was hineinfällt in den Wendepunkt, den ich bezeichnet habe. Eine solche Zusammenfassung, wie sie durch das Mittelalter hindurch bestanden hat, in der die Menschen sich in einem großen Ganzen fühlten, eine solche Zusammenfassung war gebaut durch die Jahrhunderte hindurch auf gewisse unbewußte, im Menscheninneren liegende Impulse, die man kannte da, wo die Führung war, auf die man baute, indem man die Menschen zusammenfaßte. Eine gewisse Summe unbewußter Kräfte der Seele wurde angesprochen, wenn man die Menschheit unter den charakterisierten Gesichtspunkten zusammenfaßte, insofern sie damals über die zivilisierte Welt ausgebreitet war. Breschen, wahrnehmbare Breschen waren durch das Ereignis von Avignon geschlagen worden in die Art der Zusammenfassung. Damit ahnen wir schon, daß gerade dadurch in die Konstitution, in die Seelenverfassung der abendländischen Menschheit ein neues Element hineingetragen werden muß.
[ 14 ] Well, what falls under the turning point I have described is directed against this kind of unification of humanity. Such a unification, as it existed throughout the Middle Ages—in which people felt themselves to be part of a great whole—was built up over the centuries on the basis of certain unconscious impulses lying within the human soul; these were recognized by those in positions of leadership, upon whom people relied when unifying humanity. A certain sum of unconscious forces of the soul was addressed when humanity was brought together under the characterized aspects, insofar as it was then spread throughout the civilized world. The events at Avignon had opened up perceptible breaches in this mode of synthesis. This already gives us a sense that, precisely because of this, a new element must be introduced into the constitution, into the spiritual makeup, of Western humanity.
[ 15 ] Und nun sehen wir, wie dasjenige, was da im europäischen Westen wirkt, schon seit langer Zeit beeinträchtigt wird durch ein Ereignis, das wie naturhaft vom Osten hereinbricht. Ich brauche nur zu nennen alles dasjenige, was mit den Mongolenstürmen beginnt, und was sich dann anschließt an Wanderungen der Menschen vom Osten nach dem Westen, von Asien nach Europa herüber. Das gibt beides Wendepunkte, gibt für das anbrechende 135. Jahrhundert Europa und seinen Menschen die Struktur ihres Zusammenlebens. Und diese Struktur wird trotz aller Versuche, das Alte zu bewahren, eine andere, als sie früher war, als sie auf unbewußte Impulse rechnete. Die Menschheit sieht sich genötigt, immer mehr und mehr zur Bewußtheit überzugehen auch auf denjenigen Gebieten, in denen sie früher sich zusammenfassen ließ aus unbewußten Impulsen heraus.
[ 15 ] And now we see how what is at work in Western Europe has long been influenced by an event that seems to sweep in naturally from the East. I need only mention everything that begins with the Mongol invasions and what follows in the form of migrations of people from the East to the West, from Asia across to Europe. These events mark turning points and shape the structure of coexistence for Europe and its people as the 135th century dawns. And despite all attempts to preserve the old ways, this structure will be different from what it once was, when it relied on unconscious impulses. Humanity finds itself compelled to move more and more toward consciousness, even in those areas where it previously allowed itself to be guided by unconscious impulses.
[ 16 ] Und nun sehen wir unter diesen Wendungen im Westen von Europa sich etwas höchst Bedeutungsvolles vollziehen, gerade in Gebieten, in denen Menschen wohnten, die bis dahin gewohnt waren, mehr oder weniger, aber sehr bedeutsam ihre Zusammenfassung zu finden unter jener Universalidee, unter jenem Universalimpuls, den ich charakterisiert habe. In diesen Gebieten sehen wir, wie etwas völlig Neues auftritt: wie das nationale Element als zusammenfassendes Element an die Stelle des alten, mehr geistigen Elementes der katholischen Kirche tritt. Wir sehen sich entwickeln als Nationalstaaten, geradezu als die Muster der neueren Nationalstaaten, England und Frankreich.
[ 16 ] And now, amid these changes in Western Europe, we see something of the utmost significance taking place, precisely in regions inhabited by people who, until then, had been accustomed—to a greater or lesser extent, but in a very significant way—to finding their unity in that universal idea, in that universal impulse that I have described. In these regions, we see something entirely new emerging: the national element taking the place of the old, more spiritual element of the Catholic Church as the unifying force. We see England and France developing as nation-states—indeed, as the models for the newer nation-states.
[ 17 ] Versuchen wir zunächst hinzublicken auf die Art und Weise, wie das neue Element hineingetragen wird gerade in diese Gebiete des europäischen Westens. Wir finden zuerst sogar eine Zusammengehörigkeit bis ins 15. Jahrhundert hinein, bis jene Bewegung auftritt, die wir wiederum charakterisieren können durch einen Wendepunkt, den Wendepunkt 1428, wo die Scheidewand gezogen wird nach einer gewissen Richtung zwischen England und Frankreich, was sich ausdrückt in den Ereignissen, die sich gruppieren um die Jungfrau von Orleans. Es wird damals der Keim der Unabhängigkeit Frankreichs und Englands voneinander gelegt, während sie vorher mehr oder weniger in einem Zusammenhange gestanden haben. Dies ist eine ungeheuer bedeutungsvolle Erscheinung. Denn wir werden hervorwachsen sehen aus dieser Differenzierung, die erst damals, im 15. Jahrhundert, eingetreten ist, vieles, was sich wiederum symptomatisch im späteren Entwickelungsgange der Menschheit abspielt.
[ 17 ] Let us first consider the way in which this new element was introduced specifically into these regions of Western Europe. We even find a sense of unity extending into the 15th century, until that movement emerges which we can in turn characterize by a turning point—the turning point of 1428—when a dividing line is drawn in a certain direction between England and France, as expressed in the events centered around the Maid of Orleans. It was then that the seed of independence between France and England was sown, whereas previously they had been more or less interconnected. This is an immensely significant phenomenon. For we will see emerging from this differentiation—which only occurred then, in the 15th century—many developments that, in turn, play out symptomatically in the later course of human development.
[ 18 ] Eine weitere Wendung sehen wir eintreten, indem sich in Italien, damals vorbereitend ein selbständiges italienisches Bewußtsein, wiederum eine Art Nationalbewußstsein, heraus sich entwickelt aus dem, was gerade in Italien die alle solche nationalen und ähnlichen Gruppierungen überschattende Papstmacht hervorgebracht hat. Und wir sehen weiter, indem wir den Blick über Europa hinschweifen lassen — ich kann alle diese Dinge nur andeuten —, wie wir uns der Zeit nähern, in welcher in Mitteleuropa eine große Auseinandersetzung stattfindet zwischen den Mittel- und den mehr oder weniger nach dem Osten gelegenen Gebieten, zwischen Germanentum und Slawentum. Wir sehen hervorsprießen aus den Kämpfen dieser Gebiete, aus dem anstürmenden Slawentum, aus der Vermischung des Slawentums mit dem Germanentum, die habsburgische Macht. Wir sehen, indem wir das alles überblicken, wie einzelne Zentren herauswachsen aus dem Leben, das dadurch bestimmt ist. Wir sehen weiter recht individuelle Gebilde, die früher nicht in einer solchen Weise sich aus den Universalimpulsen herausgehoben haben, mit ihrer eigenen Gesinnung, mit ihrem eigenen Wollen nicht herausgehoben haben: wir sehen vom i3. bis i5. Jahrhundert erblühen die Städtekulturen über die ganze damalige abendländische zivilisierte Welt hin.
[ 18 ] We see another turning point taking place as, in Italy—where an independent Italian consciousness was then taking shape, yet again a kind of national consciousness—a new development emerges from what the papal power, which in Italy overshadowed all such national and similar groupings, had brought about. And as we let our gaze wander across Europe—I can only hint at all these things—we see how we are approaching a time in which a great conflict is taking place in Central Europe between the central regions and those more or less to the east, between Germanic and Slavic cultures. We see the Habsburg power springing forth from the struggles of these regions, from the advancing Slavic world, and from the intermingling of the Slavic and Germanic worlds. As we survey all this, we see how individual centers emerge from the life shaped by these forces. We further see quite distinctive entities that had not previously distinguished themselves in such a way from the universal impulses—had not distinguished themselves with their own spirit, with their own will: from the 13th to the 15th century, we see urban cultures blossoming throughout the entire civilized Western world of that time.
[ 19 ] Und wiederum sehen wir, nachdem sich die nationalen Aspirationen in Frankreich und in England differenziert haben, wie sich in England aus langdauernden Bürgerkriegen heraus dasjenige vorbereitete, was dann die Welt kennenlernt als den Parlamentarismus, als das Ziel einer solchen sozialen Struktur, die aus einer gegenseitigen Verständigung der einzelnen Menschen hervorgegangen ist.
[ 19 ] And once again, we see that, after national aspirations in France and England had diverged, what emerged in England out of protracted civil wars was what the world would come to know as parliamentarism—the goal of a social structure that arose from mutual understanding among individuals.
[ 20 ] Damit haben wir nicht alle, aber einzelne Symptome des neueren geschichtlichen Werdens vor unsere Seelen hingestellt. Ich habe nur hinzuzufügen, daß wir sehen, indem sich über Europa hin die Gruppierungen bildeten, die aus diesem Impulse herausgekommen sind, wie im Hintergrunde stehend, im Osten sich aufbauend, noch keimhaft, aus den Stürmen, aus denen es sich schon einmal herausbilden mußte, dasjenige, was dann das russische Gebilde wurde. Ein merkwürdiges Gebilde, von Europa aus gesehen sich so bildend, daß es der Empfindung nach immer ein Rätsel bleibt, daß die wichtigsten Impulse, die innerhalb dieses Gebildes leben, nicht eigentlich empfunden werden, zusammengeschweißt, möchte ich sagen, aus dem, was sich erhalten hat durch mancherlei Wanderungen hindurch: durch Byzanz hindurch, aus einer gewissen Metamorphose des katholischen Lebens; was sich gebildet hat aus dem, was durch das Blut, das zusammengeflossen ist aus Slawentum und Normannentum, hervorgesprossen ist, und was aufgenommen hat auf den Wegen, die Ihnen ja bekannt genug sind, vieles von dem, was Seelenverfassung des asiatischen Wesens ist, jene Seelenverfassung — ich meine jetzt die besten Teile dieser asiatischen Seelenverfassung —, die durch Jahrtausende hindurch sich hinweggerichtet hat von dem unmittelbar Sinnenfälligen zu großen mystischen Zusammenhängen, durch die man eindringen wollte in eine übersinnliche Welt, mit der zusammenhängt das sinnliche Leben der Menschen.
[ 20 ] In doing so, we have set before our minds not all, but some of the symptoms of recent historical developments. I need only add that, as the groups arising from this impulse took shape across Europe, we could see, standing in the background and taking shape in the East—still in its embryonic stage—emerging from the storms from which it had already once had to take form, that which would later become the Russian entity. A remarkable entity, viewed from Europe, taking shape in such a way that it always remains a mystery to the senses; the most important impulses living within this entity are not actually perceived—welded together, I might say, from what has been preserved through various migrations: through Byzantium, from a certain metamorphosis of Catholic life; what has emerged from the blood that flowed together from Slavic and Norman origins, and what has been absorbed along the paths that are, of course, well known to you, much of what constitutes the spiritual disposition of the Asian being—that spiritual disposition—I am referring now to the finest aspects of this Asian spiritual disposition—which, over the course of millennia, has moved away from the immediately sensory toward great mystical connections through which one sought to penetrate a supersensory world with which human sensory life is intertwined.
[ 21 ] Nun, indem man solche und vielleicht noch manche andere Symptome der neueren Menschheitsentwickelung vor seine Seele treten läßt und sie nun wirklich unter dem Einflusse der erwähnten Fragestellung betrachtet, fällt einem ganz bedeutsam ein Charakteristisches auf, das sich in diesen Symptomen offenbart und das man erkennen lernt, wenn man sich frägt: Wie unterscheidet sich innerlich dasjenige, was sich in diesen Symptomen ausdrückt, von demjenigen, was in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden in ähnlicher Weise im geschichtlichen Werden der Menschheit, das mehr in das Unbewußte eingetaucht war, sich auslebte? — Man muß diese Dinge durchaus ohne Sympathie und Antipathie betrachten, in völlig objektiver Weise; dann erst kommt man auf dasjenige, was für die Erscheinungen auf diesem Gebiete charakteristisch ist.
[ 21 ] Now, when one allows such symptoms—and perhaps many others—of recent human development to come before one’s soul and truly considers them in light of the aforementioned question, one notices a very significant characteristic that is revealed in these symptoms and that one learns to recognize when one asks: How does that which is expressed in these symptoms differ internally from that which, in earlier centuries and millennia, played itself out in a similar way in the historical development of humanity—a development that was more deeply immersed in the unconscious? — One must view these things entirely without sympathy or antipathy, in a completely objective manner; only then does one arrive at what is characteristic of the phenomena in this field.
[ 22 ] Merkwürdig, wenn man sich frägt: Was haben alle diese Symptome, die da zum Beispiel heute von mir notifiziert worden sind, was haben sie Gemeinschaftliches, verglichen mit früheren Impulsen, die in die weltgeschichtliche Entwickelung eingetreten sind? — Ich will gar nicht reden von jener Fruchtbarkeit, mit der zum Beispiel das Christentum in positiver Weise in die Welt eingetreten ist und für die Seele Neues geschaffen hat. Ich will gar nicht von dieser Weise reden, ich will nur reden von solchen Impulsen, wie sie zum Beispiel oftmals gegeben worden sind im alten griechischen Leben, wo einfach ein neuer, wie aus dem Innersten der Menschennatur heraus produzierter Impuls gegeben wurde, der dann sich auslebte in einer ganz neuen Konfiguration der Tatsachen, oder wie er gegeben wurde, sagen wir, dem römischen Wesen im Augusteischen Zeitalter. Solche Impulse sind das alles nicht, die jetzt da auftreten. Wir sehen als hervorragendsten Impuls zum Beispiel den nationalen, der sich gründet nicht auf die Nationszusammengehörigkeit — wie man es heute vielfach identifiziert sieht als Staatszusammengehörigkeit aufgefaßt —, sondern der sich gründet auf das Nationale, insofern es sich auf natürlichen Untergründen der menschlichen Natur aufbaut. Wir sehen ihn als einen Impuls, der vom Menschen aufgenommen wird, ohne daß er ihn von innen heraus produziert. Der Mensch ist Franzose oder Engländer durch seine Natur. Und indem er sich, schaffend die geschichtliche Konfiguration, auf seine Nationalität bezieht, bezieht er sich nicht auf etwas, das er in seinem Geiste produziert, sondern er bezieht sich auf etwas, das er in seinem Geiste bloß von außen aufnimmt.
[ 22 ] It is curious to ask oneself: What do all these symptoms—which I have noted here today, for example—have in common with earlier impulses that have entered into the development of world history? — I do not wish to speak at all of the fruitfulness with which, for example, Christianity entered the world in a positive way and created something new for the soul. I do not wish to speak of this aspect at all; I wish only to speak of impulses such as those that were often given, for example, in ancient Greek life, where a new impulse—as if produced from the very depths of human nature—was simply given, which then played itself out in an entirely new configuration of facts; or as it was given, let us say, to the Roman spirit in the Augustan age. None of the impulses that are now emerging are of this kind. We see, for example, the national impulse as the most outstanding one; it is not based on national solidarity—as is often identified today and understood as state solidarity—but is based on the national insofar as it is built upon the natural foundations of human nature. We see it as an impulse that is received by the individual without being produced from within. A person is French or English by nature. And when, in shaping the historical configuration, he refers to his nationality, he is not referring to something he produces in his mind, but rather to something he merely receives into his mind from the outside.
[ 23 ] Vergleicht man das, was da in das geschichtliche Werden mit dem nationalen Prinzip eintritt, mit den früheren Impulsen, dann kommt man darauf, wie unendlich viel näherliegend in bezug auf das Produktive der Menschennatur alle die Impulse sind, die wir aufeinanderfolgend in der Griechenzeit, in der römisch-lateinischen Zeit in die Menschheit hineindringen sehen. Dasjenige aber, was da eingedrungen ist, das wird behalten, das wird konserviert. Und insofern man zu einem Neuen greift, nimmt man etwas, was man nicht selbst produziert, in der neueren Entwickelung auf, etwas, was von außen an den Menschen herantritt.
[ 23 ] If one compares what enters into the course of history through the national principle with the earlier impulses, one realizes how infinitely more in line with the productive aspect of human nature are all those impulses that we see successively penetrating humanity during the Greek era and the Roman-Latin era. But what has penetrated there is retained; it is preserved. And to the extent that one embraces something new, one incorporates into the newer development something that one has not produced oneself—something that approaches human beings from outside.
[ 24 ] Nachdem wir uns erst an dem mehr äußeren Gang der neueren europäischen Geschichte zu orientieren versuchten, versuchen wir nun in ihr Inneres einzudringen. Da sehen wir ein ganz ähnliches Anstürmen im Inneren der Seelenverfassung gegen dasjenige, was als Universalimpuls, der auf das Unbewußte rechnete, von alters her gebracht worden ist. Wir sehen, wie im i5. Jahrhundert us, schon vorher Wiclif, wir sehen, wie dann Luther, später Calvin anstürmen. Wir sehen etwas, das viel mehr als alles Frühere, das universeller gedacht war, die Menschen geben wollen, hineintragen wollen in die Geschichte, das individuell ist, das unmittelbar aus der menschlichen Natur selber quillt. Aber auch dabei sehen wir merkwürdigerweise, wie alles dasjenige, was diskutiert wird, anknüpft an das Frühere. Dasjenige, was neu ist, ist die Hinweisung des Menschen auf seine eigene Natur: Entscheide selbst über die Natur des Abendmahls. Entscheide selbst, wie du dich zu deinem Priester stellen willst, laß dir das nicht durch einen Universalimpuls von außen aufdrängen.
[ 24 ] Having first attempted to orient ourselves to the broader course of modern European history, we shall now try to penetrate its inner workings. There we see a very similar upheaval within the human psyche against that which, as a universal impulse relying on the unconscious, has been brought forth since time immemorial. We see how, in the 15th century—and even earlier with Wycliffe—we see how Luther then, and later Calvin, stormed onto the scene. We see something that, far more than anything that came before—which was conceived in more universal terms—seeks to give people something, to carry it into history: something that is individual, something that springs directly from human nature itself. But even here, strangely enough, we see how everything that is being discussed ties in with what came before. What is new is the call for people to look to their own nature: Decide for yourself on the nature of the Lord’s Supper. Decide for yourself how you want to relate to your priest; do not let this be imposed on you from the outside by a universal impulse.
[ 25 ] Wenn man aber eingeht auf das, worüber diskutiert wird, so ist es dasjenige, was früher in die Menschheit hineinproduziert worden ist, was als Abendmahlslehre schon da war, was seit Jahrhunderten schon da war in der Geschichte oder im menschlichen Leben überhaupt. Es wird nicht in der gleichen Weise wie früher aus der Seele heraus ein Neues produziert und dem geschichtlichen Leben übergeben, sondern es wird das Alte produziert und konserviert, all das, was da ist, ohne daß der Mensch etwas dazu tut, und es wird nur der Mensch in ein neues Verhältnis dazu gebracht.
[ 25 ] But if one considers what is being discussed, it is that which was previously instilled into humanity—that which already existed as the doctrine of the Lord’s Supper, that which has been present for centuries in history or in human life in general. Something new is not produced from the soul in the same way as before and handed over to historical life; rather, the old is produced and preserved—everything that is already there, without human intervention—and it is only the human being who is brought into a new relationship with it.
[ 26 ] Gerade wenn man diesen innerlichen Gang der europäischen Entwickelung verfolgt, sieht man, wie er unendlich viel Altes zerreißt, Altes ändert, metamorphosiert, wie er anstürmt gegen den früher herrschenden Universalimpuls. Das sieht man ganz genau an der Art und Weise, wie das Rittertum zerstiebt, das verbunden war in seiner ganzen inneren Verfassung, Seelenverfassung — man braucht nur die Kreuzzüge zu studieren —, mit dem Universalimpuls. Wiederum können wir da auf einen Wendepunkt hinweisen, der für alles andere, was geschieht, orientierend ist: auf die Schlacht bei Murten von 1476, gegen das Ende des i5. Jahrhunderts, wo ein solcher Kampf gegen das mit dem Universalimpuls verbundene Rittertum geführt wird, wie er aber an vielen Orten, hier repräsentativ, geführt wurde.
[ 26 ] It is precisely when one traces this inner course of European development that one sees how it tears apart, changes, and transforms an infinite amount of the old, and how it rushes headlong against the universal impulse that once prevailed. This can be seen very clearly in the way chivalry disintegrated—a phenomenon that was, in its entire inner constitution, its spiritual makeup—one need only study the Crusades—intimately linked to the universal impulse. Here again, we can point to a turning point that serves as a guide for everything else that happens: the Battle of Murten in 1476, toward the end of the 15th century, where such a struggle against chivalry—which was linked to the universal impulse—was waged, as it was in many places, but here in a representative manner.
[ 27 ] Und mit alldem verbunden, finden wir eine Änderung im Kirchenregiment selber. Dieses Kirchenregiment hat ja eine merkwürdige Gestalt angenommen, die Sie in jeder Geschichte charakterisiert finden können. In dieser Zeit, durch den Ansturm, fühlte es sich zu einer inneren Regeneration, zu einem inneren Verbessern veranlaßt; und so hat denn eigentlich der Ansturm die Kirche veranlaßt, selber in ihrem Schoße manches zu ändern. Aber überall sehen wir, wie dasjenige, was die Kirche heraufgehoben hat in die Menschheitsentwickelung, was sie in Form eines Universalimpulses verbreitet hat, wie das in ein neues Verhältnis zu jedem einzelnen Menschen gestellt werden soll. Wir sehen es über ganz Europa hin. Wir sehen es, wie die englische Kirche sich verselbständigt. Wir sehen es, wie in Mitteleuropa die Verselbständigung sich verbindet mit den politischen Mächten. Wir sehen überall, wie die Individualität, wie das Persönliche anstürmt gegen das Universelle, mit anderen Worten, wie dasjenige, was der Mensch im Bewußtsein sich erobern will, anstürmt gegen die frühere, mehr unbewußte oder unterbewußte Seelennatur des Menschen und was geschichtlich aus ihr folgte.
[ 27 ] And connected to all of this, we find a change in the church government itself. This church government has, in fact, taken on a remarkable form, one that you can find characterizing it throughout history. During this period, driven by the upheaval, it felt compelled to undergo an inner regeneration, an inner renewal; and so, in fact, the upheaval prompted the Church itself to change many things within its own ranks. But everywhere we see how that which the Church has raised up in the development of humanity—what it has spread in the form of a universal impulse—is now to be placed in a new relationship to each individual human being. We see this throughout all of Europe. We see it in the way the Church of England is becoming independent. We see it in Central Europe, where this independence is intertwined with political powers. Everywhere we see how individuality, how the personal, is surging against the universal; in other words, how that which human beings seek to conquer in their consciousness is surging against the earlier, more unconscious or subconscious nature of the human soul and what historically followed from it.
[ 28 ] Natürlich erhoben sich gegen solche Dinge auch die Gegenkräfte, gegen die Reformation die Gegenreformation. Aber an den Kämpfen, die das hervorrief, zeigt sich uns gleich, wenn wir Symptomatologie treiben, etwas Allerwichtigstes in bezug auf den Verlauf der neueren Geschichte. Wir sehen heraufkommen aus alledem, was geschehen ist im Zusammenhange mit den charakterisierten Symptomen, den Dreißigjährigen Krieg. Wenn wir den Dreißigjährigen Krieg studieren, kommen wir zu einem merkwürdigen Resultat. Entsprungen ist er aus den Gegensätzen, die sich in der Bekennerschaft der europäischen Menschheit herausgebildet hat. Er beginnt aus lauter solchen Impulsen heraus, welche mit den Religionskämpfen zusammenhängen, und er endet als eine rein politische Erscheinung. In seinem Verlauf wird er etwas ganz anderes, als er war in seinem Ausgangspunkt. Und wenn wir uns fragen, als er nach dreißig Jahren vorüber ist: Wie stellt sich uns der Verlauf dar in bezug auf dasjenige, was die Bekennerschaften der europäischen Menschheit sind? — steht man 1648 ganz genau auf demselben Standpunkt, auf dem man 1618 gestanden hat. Die ganzen dreißig Jahre haben in bezug auf das Verhältnis von Protestanten zu Katholiken und so weiter eigentlich nichts Wesentliches geändert. Da ist alles geblieben, wie es ist. Nur, im Verlauf des Krieges haben ganz andere Mächte eingegriffen, und daraus ist eine ganz andere Konfiguration der europäischen Völkergebilde geworden.
[ 28 ] Of course, opposing forces also arose against such developments—the Counter-Reformation against the Reformation. But when we analyze the struggles this provoked, something of the utmost importance regarding the course of modern history immediately becomes apparent to us. From all that has happened in connection with the symptoms described, we see the Thirty Years’ War emerging. When we study the Thirty Years’ War, we arrive at a remarkable conclusion. It arose from the contradictions that had developed within the religious confessions of the European people. It began purely out of impulses connected with the religious conflicts, and it ended as a purely political phenomenon. In the course of its development, it became something entirely different from what it was at its outset. And when we ask ourselves, once it is over after thirty years: How does its course appear to us in relation to the religious affiliations of the European people? — in 1648, we find ourselves standing on exactly the same ground as we did in 1618. Those thirty years have not actually changed anything significant in terms of the relationship between Protestants and Catholics, and so on. Everything has remained as it is. However, in the course of the war, entirely different powers intervened, and this has resulted in a completely different configuration of the European political entities.
[ 29 ] Gerade wer den Dreißigjährigen Krieg in dieser Weise studiert, der überzeugt sich eindringlich, wie man in der Geschichte nicht das Folgende als Wirkung an das Vorhergehende als Ursache anknüpfen kann, denn nichts war von dem, was aus dem Dreißigjährigen Krieg hervorgegangen ist, irgendwie als Wirkung im echten Sinne zusammenhängend mit dem, was man im echten Sinne als Ursache ansprechen kann. Verfolgt man den Verlauf, so sieht man, wie dasjenige, was äußerlich geschehen ist, nur ein Symptom für ein tieferes Geschehen sein kann. Gerade an diesem Dreißigjährigen Krieg zeigt sich das in einer ganz besonderen Weise. Aber, was ist geschehen? Gerade die Weststaaten rücken vor, und namentlich Frankreich durch dasjenige, was im Dreißigjährigen Krieg, nicht aus seinen Ursachen, sondern in seinem Verlauf entstanden ist. Dasjenige, was aus dem Dreißigjährigen Krieg hervorgegangen ist, das führte später dann zu dem großen königlichen Glanze von Frankreich. Wir sehen die königliche Macht Frankreichs Europa überstrahlen in der folgenden Zeit.
[ 29 ] It is precisely those who study the Thirty Years’ War in this way who become deeply convinced that, in history, one cannot link what follows as an effect to what preceded it as a cause; for nothing that emerged from the Thirty Years’ War was in any way connected, as an effect in the true sense, to what can be identified as a cause in the true sense. If one traces the course of events, one sees how what happened on the surface can be nothing more than a symptom of a deeper process. This is evident in a very special way precisely in the Thirty Years’ War. But what actually happened? It was precisely the Western powers that advanced, and France in particular, through what arose during the Thirty Years’ War—not from its causes, but from its course of events. What emerged from the Thirty Years’ War later led to the great royal splendor of France. We see the royal power of France outshining the rest of Europe in the period that followed.
[ 30 ] Und wiederum, in dem Schoße desjenigen, was da sich herausbildet, was fortpflanzt den alten nationalen Impuls, gerade im eminentesten Sinne fortpflanzt, in dem erwächst etwas, was weit über das bloße Nationale hinausgeht, was gewissermaßen das Nationale sprengt. Es erwächst dasjenige, was später sich auslebt in der Französischen Revolution: die Persönlichkeit. Die rein auf sich selbst gestellte menschliche Persönlichkeit will sich emanzipieren aus dem Zwange derjenigen Gemeinschaft, die nun auch nicht aus irgendeinem produktiven Impuls genommen ist, sondern die aus der Natur, aus der menschlichen Umgebung heraus von der menschlichen Seelenverfassung aufgenommen worden ist. Und wiederum sehen wir, wenn wir hinblicken auf das, was sich symptomatisch vollzieht, wie dann herauswächst, ganz unorganisch, könnte man sagen, ohne daß irgendeine Motivierung da ist, Napoleon, wie der Testamentsvollstrecker der Französischen Revolution.
[ 30 ] And yet, within the very bosom of that which is taking shape—which perpetuates the old national impulse, perpetuates it in the most eminent sense—something is growing that goes far beyond the merely national, something that, in a sense, transcends the national. What emerges is that which later finds its full expression in the French Revolution: the personality. The human personality, left entirely to its own devices, seeks to emancipate itself from the constraints of that community, which is not itself derived from any productive impulse, but has been absorbed by the human constitution of the soul from nature and the human environment. And once again, when we look at what is unfolding symptomatically, we see how Napoleon then emerges—quite inorganically, one might say, without any underlying motivation—as the executor of the French Revolution.
[ 31 ] Aber wir sehen zu gleicher Zeit wiederum einen merkwürdigen, einen großen, gewaltigen Wendepunkt eintreten. Und dieser bedeutsame Wendepunkt der neueren Geschichte fällt auf den 21. Oktober 1805, wo durch die Schlacht von Trafalgar Napoleon verhindert wird, seine Fangarme nach England hinüber auszustrecken, wo dasjenige, was früher keimhaft veranlagt war — die Trennung zwischen England und dem Kontinente —, vollständig vollzogen wird.
[ 31 ] But at the same time, we see another remarkable, great, and momentous turning point taking place. And this significant turning point in modern history occurred on October 21, 1805, when the Battle of Trafalgar prevented Napoleon from extending his tentacles toward England, where what had previously been in its infancy—the separation between England and the continent—was fully realized.
[ 32 ] Und nun brauchen wir nur das allgemein Bekannte rasch vor unserer Seele vorüberziehen lassen. Wir finden, wie nun stattfindet in dem verselbständigten England gerade die Fortbildung des parlamentarischen, ins Liberale auslaufenden Lebens. Wir finden, wie in Frankreich der Verlauf im 19. Jahrhundert mehr tumultuarisch ist. Wir finden aber dann, wie auftaucht in einer neuen Gestalt, hinleuchtend symptomatisch über dasjenige, was eigentlich in den Grundfesten des europäischen Werdens geschieht, wie der europäische Westen und die europäische Mitte ihre Auseinandersetzung halten müssen in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit demjenigen, was eben wie ein dunkles Rätsel im europäischen Osten ist, mit demjenigen, was als russisches Gebilde entstanden ist, was wie eine Frage steht vor dem europäischen Werden. Wir sehen dann, wie gewisse Ideen im 19. Jahrhundert erstarken, wie sie bekämpft werden von anderen Ideen und wie die einen und die anderen Begriffe zu Impulsen des geschichtlichen Werdens werden. Wir sehen, wie im 19. Jahrhundert überall sich vorbereitet das, was dann im Jahre 1848 sich entlädt. Und wir sehen, wie sich herausentwickelt aus alldem die spätere umfassende und heute so tief in das menschliche Werden einschneidende sogenannte soziale Bewegung. Wir sehen unter dem, was da im 19. Jahrhundert sich bildet, ein ganz merkwürdiges Ereignis, auf das die europäische Menschheit wirklich tief beobachtend hinschauen konnte. Wir sehen nämlich entstehen aus jenem Glanze, der sich durch das Nationalwerden des französischen Staates entwickelt hat, eine Art Anspruch, weiter und weiter gehen.
[ 32 ] And now we need only let the generally known facts pass quickly before our minds. We see how, in England—which has become a nation in its own right—the development of parliamentary life, leading toward liberalism, is now taking place. We see how, in France, the course of events in the 19th century was more tumultuous. But then we see how, in a new form, in a strikingly symptomatic way of what is actually taking place at the very foundations of European development: how Western Europe and Central Europe had to grapple, in the 1850s, with that which was then like a dark enigma in Eastern Europe—with that which emerged as a Russian entity, which stands as a question before European development. We then see how certain ideas gain strength in the 19th century, how they are opposed by other ideas, and how both sets of concepts become driving forces in the course of history. We see how, throughout the 19th century, the events that would erupt in 1848 were brewing everywhere. And we see how, out of all this, the so-called social movement—which later took on such comprehensive scope and today cuts so deeply into human development—emerged. Among the developments taking shape in the 19th century, we see a most remarkable event that the people of Europe were able to observe with truly deep attention. For we see emerging from that splendor, which developed through the nation-building of the French state, a kind of claim to go further and further.
[ 33 ] Gewertet soll nicht werden; nicht mit Sympathie oder Antipathie sollen diese Dinge verfolgt werden, sondern ganz objektiv. Aber wir sehen, wie sich durch den Zusammenhang desjenigen, was da im Westen entsteht, mit dem, was weiter nach Osten läuft, etwas entwickelt, was von den Einsichtigen in der Zeit, in der es geschehen ist — ganz gleichgültig, wie sie sich zu dem, ob es hat geschehen sollen oder nicht, gestellt haben —, als ein unlösbares, zunächst unlösbares europäisches Problem angesehen worden ist. Man kann dabei sogar ganz absehen, ob Elsaß vorher bei Frankreich war oder nachher bei Deutschland — aus dem europäischen Leben heraus entwickelt sich dasjenige, was man heute kennt als die elsässische Frage.
[ 33 ] We should not pass judgment; these things should not be viewed with sympathy or antipathy, but rather completely objectively. But we see how, through the interconnection between what is emerging in the West and what is unfolding further to the East, something is developing that was regarded by those with insight at the time it occurred—regardless of their stance on whether it should have happened or not—as an intractable, at least initially intractable, European problem. One can even disregard entirely whether Alsace belonged to France before or to Germany afterward—what has emerged from European life is what is known today as the Alsatian question.
[ 34 ] Wer die Geschichte, namentlich die Äußerungen einsichtiger Menschen der damaligen Zeit verfolgt, weiß, daß diese Menschen schon damals vor sich sahen Konflikte, die dadurch geschaffen wurden, und die nach der einen wie nach der anderen Seite recht unlösbar sind, weil sie zusammenhängen mit all den schwierigen Fragen des europäischen Ostens, die aufgeworfen waren dadurch, daß der europäische Westen — wie der Krim-Krieg symptomatisch gezeigt hat — in die Auseinandersetzung gezwungen war mit dem europäischen Osten, der wie ein Rätsel hinter allen Erscheinungen stand. Und man sollte es eigentlich als etwas außerordentlich Bedeutsames ansehen und fühlen, insbesondere in diesen Tagen, wie etwas wie Unlösbares gegeben ist in der Art und Weise, wie sich Mitteleuropa stellen muß zu Westeuropa wegen einer Frage, die nach gewissen geschichtlichen Voraussetzungen in der Weise und in der anderen Weise gelöst gefordert werden kann, eine Frage, die entsprungen ist aus dem, was in Frankreich als nationaler Impuls sich herausgebildet hat, die aber, wenn man sie national lösen will, nicht gelöst werden kann.
[ 34 ] Anyone who follows history—particularly the statements of discerning people of that time—knows that even then these people foresaw conflicts that were created by this, and which are virtually insoluble from one side or the other, because they are connected to all the difficult questions of Eastern Europe that were raised by the fact that Western Europe—as the Crimean War symptomatically demonstrated—was forced into conflict with Eastern Europe, which stood like a mystery behind all phenomena. And one should actually regard and feel this as something extraordinarily significant, especially in these days, that there is something of an insoluble nature in the way Central Europe must position itself vis-à-vis Western Europe regarding an issue that, given certain historical preconditions, can be demanded to be resolved in one way or another—an issue that arose from what developed in France as a national impulse, but which, if one seeks to resolve it nationally, cannot be resolved.
[ 35 ] Ich könnte noch vieles anführen an Symptomen der neueren Geschichte, aber ich will nur dasjenige noch anführen, was tief eingreift in das ganze Werden der neueren Menschheit, ich will anführen, obwohl man die Zusammenhänge nicht immer klar übersieht, das Heraufkommen der neueren naturwissenschaftlichen Denkweise, deren Bedeutung ich ja von anderen Gesichtspunkten in den vorangegangenen Vorträgen charakterisiert habe. Die naturwissenschaftliche Denkweise kommt herauf. Was tut sie? Sie stellt den Menschen auf sich selbst. Sie ist es gerade, die den Menschen als Persönlichkeit heraussondert aus der Gemeinschaft. Sie ist in vieler Beziehung der Impuls, der treibend ist auch in all dem anderen, das ich angeführt habe. In dieser naturwissenschaftlichen Denkweise liegt etwas, das sonderbar verrät, welche Bedeutung sie in der neueren Geschichte hat.
[ 35 ] I could cite many more examples of phenomena in modern history, but I wish to mention only that which has profoundly influenced the entire development of modern humanity; I wish to mention—even though the connections are not always clearly apparent—the emergence of the modern scientific way of thinking, the significance of which I have already characterized from other perspectives in my previous lectures. The scientific way of thinking is on the rise. What does it do? It places the human being in relation to himself. It is precisely this way of thinking that singles out the human being as a personality from the community. In many respects, it is the driving force behind everything else I have mentioned. There is something in this scientific way of thinking that strangely reveals the significance it holds in modern history.
[ 36 ] Zweierlei Probleme entstehen. Das eine möchte ich durch eine Tatsache Ihrem Gemüte nahebringen. Es ist diese Tatsache, daß Goethe 1830 einmal von einem Freunde in heller Aufregung gefunden wurde, und als er gefragt wurde, was er habe, sagte er: Die Nachrichten, die aus Frankreich kommen, sind überwältigend, die Welt steht in Flammen, etwas Neues spinnt sich an. — Soret, zu dem Goethe das gesagt hatte, glaubte natürlich, Goethe spreche von der eben damals ausgebrochenen Dreißigerrevolution. Nein, von dem ist nicht die Rede, sagte Goethe, ich spreche von jener Revolution, welche sich abspielt zwischen den beiden Naturforschern Cuvier und Geoffroy de SaintHilaire! — Cuvier war der Anschauung, daß alle Wesen der Natur nebeneinanderstehen, jedes einzelne für sich aufzufassen sei, Saint-Hilaire suchte einen gemeinsamen Typus in den organischen Formen, brachte das ganze organische Leben in Fluß, so daß es nur überschaut werden kann in diesem Fluß, wenn man unmittelbar produktiv geistig diesen Blick hinrichtet auf die Natur und den Geist ebenso beweglich erlebt wie die Natur selber. Goethe spürte etwas davon, daß es notwendig ist für die kommende Zeit, auch der Natur gegenüber den Geist lebendig zu halten. In dem, was Goethe an Geoflroy de Saint-Hilaire spürte, lag dasjenige, was schließlich, wenn es aus seinen Keimen zu den Früchten getrieben wird, die übersinnlichen Begriffe der Naturerscheinungen sind, die ich vorgestern hier charakterisierte.
[ 36 ] Two kinds of problems arise. I would like to illustrate one of them to you with a fact. The fact is that in 1830, Goethe was once found by a friend in a state of great agitation, and when asked what was wrong, he said: “The news coming from France is overwhelming; the world is ablaze; something new is taking shape.” — Soret, to whom Goethe had said this, naturally believed that Goethe was speaking of the Revolution of the Thirties, which had just broken out at that time. “No, that is not what I mean,” said Goethe; “I am speaking of that revolution which is taking place between the two naturalists Cuvier and Geoffroy de Saint-Hilaire!” — Cuvier held the view that all beings in nature stand side by side, each to be understood in and of itself; Saint-Hilaire sought a common type in organic forms, bringing all organic life into a flow, so that it can only be grasped within this flow if one directs this gaze toward nature with an immediately productive spirit and experiences the spirit as mobile as nature itself. Goethe sensed something of the necessity, for the times to come, of keeping the spirit alive even in relation to nature. In what Goethe sensed in Geoffroy de Saint-Hilaire lay that which, when brought to fruition from its seeds, is the supersensible concepts of natural phenomena that I characterized here the day before yesterday.
[ 37 ] Zunächst aber wurde die Welt überschattet von alldem, was aus der anderen Naturanschauung hervorgeht, notwendigerweise überschattet von jener Naturanschauung, die den Menschen herausstellt aus dem unmittelbar lebendigen Zusammenhange mit den Naturerscheinungen. Diese Naturanschauung, die also nicht ergriffen ist von dem Impuls, den Goethe meinte, führt zu der Erfassung desjenigen, was eigentlich nicht lebt in der Natur, sondern was das Absterbende ist, was die Natur auflöst, weil es zusammenhängt mit dem, was im Menschen selber sterblich ist, wie ich vorgestern charakterisiert habe.
[ 37 ] At first, however, the world was overshadowed by everything that arises from the other view of nature—necessarily overshadowed by that view of nature which removes human beings from their immediate, living connection with natural phenomena. This view of nature—which is thus not driven by the impulse Goethe referred to—leads to the perception of that which does not actually live in nature, but rather of what is dying, of what dissolves nature, because it is connected to that which is mortal within human beings themselves, as I characterized it the day before yesterday.
[ 38 ] Die Naturanschauung, von der Goethe sich abwandte, ist diejenige, die das allmähliche Verfallen nur erfassen kann im Naturgange, und aus den Symptomen des Verfallens dann sich erheben möchte zu dem, was auf ihre Weise nicht gezeigt werden kann, was nur im übersinnlichen Anschauen sich zeigen kann: zu den Symptomen des Aufsteigens, des Wachsens, des Geborenwerdens, des Gedeihens. Aber — so paradox es wiederum klingt — diese Naturanschauung, die eigentlich auf das Tote gerichtet ist in der lebendigen Natur, die warf ihre Schatten tief hin auf das ganze moderne soziale Zusammenleben. Sie schuf im Grunde einen neuen Universalimpuls über die neuere Menschheit hin, aber einen solchen Universalimpuls, gegen den sich der Mensch selbst in seiner Individualität fortwährend auflehnen muß, weil er ihn herausstellt aus der Natur und er eben den Zusammenhang immer wieder suchen muß. Seine Erkenntnis stellt ihn heraus. Er muß aus etwas anderem, als er durch diese Erkenntnis anstrebt, seinen Zusammenhang wieder suchen. Ein Dualismus, eine Zweiheit im Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt wird dadurch in das Leben hineingetragen. Diese Naturwissenschaft strömt ein in das moderne Leben der Technik, das die ganze moderne Kultur trägt, das ungeheuer bedeutungsvoll eingreift.
[ 38 ] The view of nature from which Goethe turned away is the one that can only grasp gradual decay in the course of nature, and then seeks to rise, from the symptoms of decay, to that which cannot be revealed in its own way—that which can only be revealed through supersensory perception: the symptoms of ascent, of growth, of birth, of flourishing. But—as paradoxical as it may sound—this view of nature, which is actually directed toward the dead within living nature, cast its shadow deeply over the entire modern social order. It essentially created a new universal impulse that swept over modern humanity, but one against which human beings, in their individuality, must continually rebel, because this impulse sets them apart from nature, and they must constantly seek to reconnect with it. Their knowledge sets them apart. They must seek their connection once more from something other than what they strive for through this knowledge. A dualism, a dichotomy in the relationship between human beings and their environment, is thereby introduced into life. This natural science flows into modern technological life, which underpins all of modern culture and exerts an immensely significant influence.
[ 39 ] Haben wir gesehen in denjenigen Impulsen, die wir früher betrachtet haben, zum Beispiel in den nationalen, daß Althergebrachtes konserviert wird, kein neues Produktives eingeführt wird in das Leben, sieht man in dem Rätsel des europäischen Ostens, wie ein merkwürdig zur geistigen Produktivität angeregtes Volksgebilde sich einschnürt, um ja nicht produktiv sein zu dürfen, trotzdem es zur Produktivität im höchsten Maße veranlagt ist, sich einschnürt wirklich in die alleräußersten Fesseln der alten byzantinischen Kirchengemeinschaft, sehen wir, wie da Altes heraufgebracht wird und konserviert wird, so sehen wir, wie in dem, was die Naturanschauung ausgießt über die moderne Menschheit, nun ein Universales geschaffen wird, ein Universales, das nun wiederum nicht geht auf das, was der Mensch aus sich selber heraus produziert, sondern gerade auf dasjenige, was er in der Absonderung von sich selber als Verfall der Naturerscheinungen in seine Erkenntnis hereinnimmt und daher auch nur als etwas in seine Kultur einfließen lassen kann, was er hinausträgt in die Technik, indem er das Natürliche ertötet.
[ 39 ] We have seen in the impulses we considered earlier—for example, the national ones—that traditional elements are preserved and nothing new and productive is introduced into life; in the enigma of Eastern Europe, we see how a people, strangely inspired to intellectual productivity, constrains itself so as not to be allowed to be productive, despite being predisposed to productivity to the highest degree—truly constricting itself within the very outermost bonds of the old Byzantine ecclesiastical community—we see how the old is brought forth and preserved; and we see how, in what the view of nature pours out upon modern humanity, a universal is now created—a universal that, in turn, does not stem from what human beings produce out of themselves, but precisely from that which, in isolation from themselves, they take into their understanding as the decay of natural phenomena, and which they can therefore allow to flow into their culture only as something they carry out into technology by killing off the natural.
[ 40 ] Dadurch, daß der Mensch zunächst im alten Sinne nicht produktiv ist, dadurch erringt er sich das in der neueren Zeit, seit dem 15. Jahrhundert auftretende Vollbewußtsein, während er früher nicht im Vollbewußtsein, sondern im Unterbewußtsein seinen Zusammenhang mit der Natur und mit der Welt überhaupt gewahrt hat. Zu der Konservierung des Alten kommt hinzu eine solche Erziehung der neueren Menschheit, die zwar durch ein Neues gegeben wird, die aber im Sinne des Alten verläuft. Dasjenige, was der Technik einverleibt wird, entspringt nur scheinbar produktiven Ideen. Aber diese produktiven Ideen entspringen nicht als selbständige Pflanze in der menschlichen Seele — wie das Übersinnliche, wenn es gesucht werden soll, als selbständige Pflanze in der menschlichen Seele entspringen muß —, sondern sie entspringen aus der ruhigen Betrachtung der objektiven Naturerscheinungen.
[ 40 ] Precisely because human beings are initially not productive in the old sense, they attain the full consciousness that has emerged in more recent times, since the 15th century, whereas in earlier times they maintained their connection with nature and with the world in general not through full consciousness but through the subconscious. In addition to the preservation of the old, there is a form of education for modern humanity that, while provided by something new, proceeds in the spirit of the old. That which is incorporated into technology arises only seemingly from productive ideas. But these productive ideas do not spring forth as an independent plant in the human soul—as the supersensible, when it is to be sought, must spring forth as an independent plant in the human soul—but rather they arise from the calm contemplation of objective natural phenomena.
[ 41 ] Wir sehen, wie ein bedeutsam in die neuere Entwickelung eingreifendes Ereignis gerade mit dieser modernen Technik zusammenhängt, denn erst jetzt zeigt sich, indem diese moderne Technik sich immer mehr und mehr in der neueren Geschichte ausbildet, daß auch eine Bedeutung gewinnt die Kolonisation; denn dasjenige, was das Kolonial- und Kolonisationsleben ist, das hängt im innigsten zusammen mit dem, was durch die Naturwissenschaft in die Technik einfließt.
[ 41 ] We see how an event that has significantly influenced recent developments is connected precisely to this modern technology, for it is only now—as this modern technology becomes increasingly prevalent in recent history—that colonization is also gaining significance; for the very nature of colonial life and colonization is intimately connected with what flows into technology through the natural sciences.
[ 42 ] Und nun werfen wir einen zusammenfassenden Blick noch auf das, was sich uns in all diesen Symptomen mehr oder weniger ausspricht. Wir sehen, wenn wir sie überblicken: was in ihnen auftritt seit dem i5. Jahrhundert als etwas Neues, das sind durchwegs Dinge, die nicht aus der produktiven Menschennatur heraus entspringen. Betrachtet man sie, dann sieht man sich genötigt, seinen Blick zu erweitern über den Gang des geschichtlichen Werdens der Menschheit, dann sieht man sich genötigt, anzuerkennen — und die übersinnliche Erkenntnis führt dazu, anzuerkennen —, daß es in diesem menschlichen Leben nicht bloß Aufsteigendes gibt, nicht bloß im abstrakten Sinne dasjenige, was man gewöhnlich Fortschritt nennt, sondern daß das aufsteigende, das sprießende, sprossende Leben verknüpft ist mit einem absteigenden Leben. Mit demjenigen ist das Leben verknüpft, das immerdar in den Tod hineinführt.
[ 42 ] And now let us take a summary look at what is more or less revealed to us in all these symptoms. When we survey them, we see that what has emerged in them since the 15th century as something new consists entirely of things that do not spring from human productive nature. When we consider them, we are compelled to broaden our perspective to encompass the course of humanity’s historical development, and one is compelled to acknowledge—and supersensible knowledge leads one to acknowledge—that in this human life there is not merely an upward movement, not merely, in the abstract sense, what is usually called progress, but that the ascending, sprouting, and flourishing life is linked to a descending life. Life is linked to that which leads ever onward into death.
[ 43 ] Wenn wir das einzelne Menschenleben betrachten, dann stellen sich uns Geburt und Wachsen und Werden getrennt hin neben Sterben und Verfall. Auch da ist es nur scheinbar; aber in der Betrachtung des äußeren Lebens zeigt uns gerade der Verlauf der neueren Geschichte, daß Sterben, absteigende und aufsteigende Entwickelung unmittelbar nebeneinanderstehen, ineinander eingreifen. Und wir sehen, daß die absteigende Entwickelung, die Entwickelung, die den geschichtlichen Tod aufnimmt, sogar für den Beginn dieser neueren Geschichtsepoche, die mit dem 15. Jahrhundert anhebt, zunächst durch mehrere Jahrhunderte bis in unsere Zeit herein eine große Bedeutung hat. Eine größere Bedeutung hat das Verfallsleben, das Todesleben, als das aufsteigende, das sprießende, sprossende Leben. Wir sehen, wie der Mensch in seinem Bewußtsein, indem er sich als moderner Mensch entwickelt, im Zusammenhang steht mit dem, was in ihm vergänglich ist, wie er spüren kann, wie dasjenige, was ihn zum Tode treibt, gerade auch das ist, was ihn in der Erkenntnis vorwärtsbringt. Während das sprießende, sprossende Leben ihn einlullt wie in Träume, können wir sehen, daß in der Geschichte unmittelbar eingreifend in der neueren Zeit sich herausentwickelt die Bewußtseinsseele aus der früher mehr unbewußten Seele, wie sie die Menschheit aus dem 8. vorchristlichen Jahrhunderte bis in das i5. nachchristliche Jahrhundert hinein entwikkelte. Wir sehen, wie der Mensch nötig hat für die erste Erziehung in der Menschheit zu dieser Bewußtseinsseele hin, daß sich gerade auch in seine Kultur wirksam für ihn hineinstellen die Verfallssymptome, die Symptome des Absterbelebens. Man wird das neuere geschichtliche Leben in seinem wirklichen Verhältnis zum Menschen nicht verstehen, wenn man nicht den Gedanken fassen kann — trotz aller Bewunderung, trotz aller willigen Anerkennung, die man haben muß für die großen, gewaltigen Errungenschaften der modernen Technik, der modernen nationalen Impulse —, daß in alldem absteigendes, zum Tode des geschichtlichen Werdens hinführendes Leben sein muß, und daß hineingeboren werden muß in dieses absteigende Leben ein aufsteigendes, ein sprießendes, sprossendes Leben.
[ 43 ] When we consider the life of an individual human being, birth, growth, and development appear to stand apart from death and decay. Here, too, it is only an illusion; but when we consider external life, the course of recent history shows us that death, descending development, and ascending development stand side by side and intertwine. And we see that the downward development—the development that embodies historical death—has great significance even for the beginning of this more recent historical epoch, which began in the 15th century, continuing for several centuries right up to our own time. The life of decay, the life of death, has greater significance than the upward, sprouting, and budding life. We see how human beings, in their consciousness—as they develop into modern human beings—are connected to that which is transitory within them, and how they can sense that precisely what drives them toward death is also what propels them forward in knowledge. While the sprouting, budding life lulls him as if into dreams, we can see that, intervening directly in history in more recent times, the consciousness soul has developed out of the previously more unconscious soul—the soul that humanity developed from the 8th century B.C. through the 15th century A.D. We see how, for humanity’s initial education toward this consciousness soul, it is necessary that the symptoms of decay—the symptoms of a life in decline—be actively incorporated into human culture. One cannot understand modern historical life in its true relationship to humanity unless one can grasp the idea—despite all admiration, despite all the willing recognition one must have for the great, mighty achievements of modern technology and modern national impulses—that in all of this there must be a descending life leading toward the death of historical becoming, and that an ascending, a sprouting, a budding life must be born into this descending life.
[ 44 ] Das ist es, was einsichtige Menschen in der neueren Zeit zu dem gebracht hat, was man den Kulturpessimismus nennen könnte. Solch ein Mensch wie Schopenhauer richtete den Blick hin auf den Verlauf namentlich der neueren Geschichte. Ihm kam dieses geschichtliche Treiben trotz aller Errungenschaften der neueren Zeit wie ein ziemlich nichtiges vor. Und allein dasjenige, was in einzelnen individuellen Menschen errungen werden kann, das schätzt Schopenhauer. Wenn auch die Pessimisten selbst nur Symptome sind im neueren geschichtlichen Werden, Menschen sind es, die ahnend hinblicken darauf, daß gerade das Größte, das Bedeutsamste, das man gewohnt ist als Charakteristikon der neueren Entwickelung anzusehen, der in das geschichtliche Werden sich hineinstellende Todesimpuls ist.
[ 44 ] This is what has led discerning people in modern times to what might be called cultural pessimism. A man like Schopenhauer turned his gaze toward the course of modern history in particular. To him, this historical turmoil seemed rather futile, despite all the achievements of modern times. And Schopenhauer values only what can be achieved by individual human beings. Even if the pessimists themselves are merely symptoms of modern historical development, they are people who intuitively perceive that precisely what is greatest and most significant—what we are accustomed to viewing as the hallmark of modern development—is the impulse of death that permeates historical development.
[ 45 ] Was folgt daraus? Daraus folgt etwas, was man nennen könnte den tragischen Einschlag des neueren geschichtlichen Lebens. Selbstverständlich ist die Förderung desjenigen, was wir teils als konservierte, teils als aus den naturwissenschaftlichen Anschauungen hervorgegangene neue Impulse zu verzeichnen haben. Alles das ist so, daß wir uns sagen müssen: Man muß es fördern, man muß sich ihm widmen, es ist eine Notwendigkeit der neueren Zeit; es ist für den Menschen unbedingt in die weltgeschichtliche Entwickelung hineinzustellen, aber es muß in jeder seiner Erscheinungen dasjenige, was auf diesem Gebiete geschaffen wird, notwendigerweise auch wiederum zu seinem eigenen Untergange führen. Es müssen gerade durch diese großen Errungenschaften in die neuere Entwickelung die Probleme sich hineinstellen, die in Sackgassen führen, die an Enden führen, die durch sich selber nicht auflösbar sind, die den Menschen vor etwas hinstellen, das ihm vorkommen muß wie der Tod. Das ist das Tragische, daß gefördert werden muß, daß als Errungenschaft angesehen werden muß dasjenige, von dem man weiß: indem man es schafft, schafft man etwas, was zu gleicher Zeit verfallen muß. Ja, man beginnt schon den Verfall, indem man es schafft. _
[ 45 ] What follows from this? What follows is something that could be called the tragic turn of recent historical life. Of course, we must promote those new impulses that we observe—some of which are preserved, and others that have emerged from scientific perspectives. All of this is such that we must say to ourselves: We must promote it, we must devote ourselves to it; it is a necessity of modern times; it must absolutely be placed within the development of world history, but in every one of its manifestations, what is created in this field must necessarily also lead, in turn, to its own downfall. It is precisely through these great achievements in modern development that problems must arise—problems that lead into dead ends, that lead to conclusions that cannot be resolved by their own nature, that confront humanity with something that must seem to it like death. That is the tragedy: what must be promoted, what must be regarded as an achievement, is precisely that which we know—by creating it, we create something that must simultaneously fall into decay. Indeed, we already set the decay in motion by creating it. _
[ 46 ] Wer glaubt, daß für sich bestehen können diejenigen Tatsachen, welche aus den angedeuteten Impulsen sich in die neuere geschichtliche Entwickelung hineinstellen, der gleicht einem Menschen, der da glaubt, daß eine Frau gebären kann ohne zu empfangen, ohne daß das andere Prinzip mit dem einen Prinzip sich verbindet. Was von den angedeuteten Impulsen kommt, stellt sich dar als etwas, das einseitig ist, das der Befruchtung von anderer Seite bedarf, wenn es fortbestehen soll. Denn in sich selber hat es nur die Kraft des Absterbens. Man nehme alles dasjenige, was sich durch die reine Naturgrundlage des Nationalen, was sich durch moderne Technik, durch Industrie und durch den sozialen Verkehr, sei er kommerzieller, sei er anderer Verkehr, in der neueren Menschheit ergeben hat, man nehme alles das — es ist für sich, seinem eigenen Impulse nach betrachtet, unfruchtbar und führt, ich möchte sagen, in Rhythmen immer in seinen eigenen Tod hinein. Und wir müssen erkennen, daß wir es so anzuschauen haben, daß wir uns sagen: Um etwas anderem willen muß dieses Sterbende als Errungenschaft in die moderne Welt hineingesetzt werden.
[ 46 ] Anyone who believes that the facts arising from the impulses mentioned above and entering into recent historical development can stand on their own is like a person who believes that a woman can give birth without conceiving, without the other principle uniting with the one principle. What arises from the impulses mentioned presents itself as something one-sided, which requires fertilization from another source if it is to continue to exist. For in and of itself, it possesses only the power to perish. Take everything that has emerged in modern humanity through the purely natural foundation of the national, through modern technology, through industry, and through social interaction—be it commercial or of another kind—take all of that: considered in and of itself, according to its own impulse, it is barren and leads, I might say, in its own rhythms, ever toward its own death. And we must recognize that we must view it in this way, that we must say to ourselves: For the sake of something else, this dying entity must be placed within the modern world as an achievement.
[ 47 ] Was ist dieses andere? Nun, wir haben ja gesehen, wenn wir nun den Gang der neueren Geschichte in ihrer Aufeinanderfolge an irgendwelchen Symptomen, die wir als solche ansehen, betrachten, so enthüllt sich uns eben das Merkwürdige, das ich angedeutet habe. Auf der einen Seite sehen wir seit dem i5. Jahrhundert gerade durch das Unproduktive die Bewußtseinsseele heraufblühen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie diese Bewußtseinsseele dadurch groß wird, daß aus ihrer Umgebung zunächst entzogen wird die Anregung zu dem Produktiven, daß sie sich erzieht an dem zum Sterben der Kultur immerdar von neuem führenden. Dadurch wird der Mensch verselbständigt, daß ihn die äußere Welt nicht anregt zu etwas, was produktiv lebt, sondern was in seiner Erkenntnis fortwährend den Keim des Sterbens trägt; dadurch wird der Mensch in seiner individuellen und bewußten Naturentwickelung erzogen, daß ihn die Außenwelt nicht erzieht zum Leben, nicht erzieht zu dem, was ihn hinaufbringen soll, sondern ihn fortwährend abhält von dem, was ihn hinaufbringen soll und dadurch gerade auf sich selbst stellt.
[ 47 ] What is this “other”? Well, we have seen that when we examine the course of recent history in its sequence through certain symptoms that we regard as such, the very peculiarity I have alluded to is revealed to us. On the one hand, since the 15th century, we have seen the soul of consciousness blossom precisely through the unproductive. On the other hand, we see how this soul of consciousness grows precisely because the stimulus for the productive is first withdrawn from its surroundings, so that it is shaped by that which continually leads to the death of culture. Human beings are thereby empowered to stand on their own, in that the external world does not stimulate them toward anything that lives productively, but rather toward that which, in their understanding, continually bears the seed of death; thus the human being is educated in his or her individual and conscious development of nature in such a way that the external world does not educate him or her toward life, does not educate him or her toward that which is meant to elevate him or her, but continually deters him or her from that which is meant to elevate him or her and thereby places him or her precisely upon his or her own feet.
[ 48 ] Aber nun sehen wir, wenn wir rein mit übersinnlicher Erkenntnis auf diesen Tatsachengang hinblicken, daß diesem Inneren des Menschen — dem Hingang zur Bewußtseinsseele seit dem i5. Jahrhundert — ein objektives Äußeres entspricht, das in den ersten Jahrhunderten nur nicht hervortreten konnte, das sich uns aber sofort zeigt, wenn wir nun wirklich unbefangen gerade das menschliche Gemüt in der Gegenwart mit seiner wiedererrungenen Hinneigung zu einem übersinnlichen Leben betrachten. Selbstverständlich ist es bei vielen noch unbewußt, aber bei sehr zahlreichen Menschen der Gegenwart ist dieses Hinneigen zu einem übersinnlichen Leben vorhanden. Und derjenige, der sich beschäftigt mit der Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientiert ist, der weiß, daß nur von vergänglicher Dauer war, was sich entwickelte als Prinzip des Ersterbens in der äußeren materiellen Kultur der neueren Zeit, daß wir vor einem großen Zeitenwendepunkte stehen, der bringen wird von außen — aber jetzt nicht durch die Natur angeregt, sondern so angeregt, wie ich es dargestellt habe in den Betrachtungen über anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft —, der an den Menschen heranbringt eine neue Offenbarung des Übersinnlichen.
[ 48 ] But now, when we look at this sequence of events purely through supersensible knowledge, we see that this inner aspect of the human being—the shift toward the conscious soul since the 15th century—corresponds to an objective external reality that simply could not come to the fore in the early centuries, but which reveals itself to us immediately when we now truly and impartially observe the human mind in the present with its newly regained inclination toward a supersensory life. Of course, for many it is still unconscious, but this inclination toward a supersensory life is present in a great many people today. And anyone who engages with spiritual science of an anthroposophical orientation knows that what developed as the principle of “first-coming” in the outer material culture of modern times was of only transitory duration; that we are standing at a great turning point in history, which will bring from without — but now not inspired by nature, rather inspired in the way I have described in my reflections on anthroposophically oriented spiritual science — which will bring to humanity a new revelation of the supersensible.
[ 49 ] Wir sehen sie überall herankommen, diese neue Offenbarung des Übersinnlichen. Sie wird jetzt errungen werden nicht so wie in früheren Zeiten, wo unbewußt der Mensch durch seine Instinkte zusammenhing mit der Natur und aus der Natur selber heraus dasjenige fand, das auch für die Seele galt, das er dann auch in das soziale, geschichtliche Leben einführen konnte. Über all dasjenige hinaus, was diese Naturanschauung und was die alten Impulse der neueren geschichtlichen Entwickelung geben können, wird sich ein produktives, ein übersinnliches Leben entwickeln. Das Leben wird sich offenbaren aus der geistigen Welt heraus. Und wenn man hinschaut gerade auf das, was sich in der Gegenwart ergeben hat als eine so furchtbare Katastrophe, was ist es anderes, in echtem Wahrheitslichte betrachtet, als etwas, in das sich Sterbendes zusammendrängt.
[ 49 ] We see it approaching from all sides, this new revelation of the supersensible. It will now be attained not as in earlier times, when human beings were unconsciously connected to nature through their instincts and found within nature itself that which also applied to the soul—and which they could then incorporate into social and historical life. Beyond all that this view of nature and the ancient impulses of more recent historical development can provide, a productive, supernatural life will develop. Life will reveal itself from within the spiritual world. And when one looks specifically at what has unfolded in the present as such a terrible catastrophe, what is it, viewed in the true light of truth, other than something into which all that is dying is converging?
[ 50 ] Innerhalb dieses katastrophalen Lebens wird vieles sterben. Schneller stirbt dasjenige, was so, wie ich es charakterisiert habe, das Prinzip des Sterbens in sich enthält. Zum Pessimismus ist, wenn auch zum Leid, wenn auch zum Schmerz, wenn auch zu alldem, was uns aus dem Anblicke und aus dem Mitmachen dieser Katastrophe erfließen kann, zum Kulturpessimismus ist keine Veranlassung, wenn man das Leben im Lichte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft betrachtet. Denn es zeigt sich einmal an einer Stelle der neueren geschichtlichen Entwickelung über die ganze Erde hin, daß zusammendringt dasjenige, was sonst verteilt ist als Sterben über das materielle Leben, was unserem neueren Leben den tragischen Zug gibt, was uns zugleich zeigt, daß alles dasjenige unfruchtbar sein muß, was so in die Welt kommt, wie ich es vorhin charakterisiert habe, daß dieses aber befruchtet werden muß aus dem vom Übersinnlichen heraus Empfangenen.
[ 50 ] Within this catastrophic existence, many things will die. That which, as I have characterized it, contains within itself the principle of dying will die more quickly. There is no cause for pessimism—not even for suffering, not even for pain, not even for all that may flow to us from witnessing and participating in this catastrophe—there is no cause for cultural pessimism when one views life in the light of anthroposophically oriented spiritual science. For it is evident at a certain point in recent historical development across the entire earth that what is otherwise dispersed as death throughout material life is now converging—this is what gives our recent life its tragic character, and at the same time shows us that everything that comes into the world as I characterized it earlier, and that this, however, must be fertilized by what is received from the supersensible.
[ 51 ] Und wer unbefangenen Gemütes hinschaut auf dasjenige, was die Ergänzung ist zu der Entwickelung der Bewußtseinsseele, auf die neuen Offenbarungen aus dem Übersinnlichen, der wird, selbst gebeugt vom Schmerze über dasjenige, was jetzt geschieht, das Haupt erheben und sich sagen: Es ist zugleich die erste Morgenröte für dasjenige, was den Impuls in der Menschheit auslösen muß nach dem Übersinnlichen hin. Verloren wären alle Leiden, alle Schmerzen über diesen Zusammenbruch, vergebens wären alle die Gefühle, die mit berechtigtem Schmerze hinschauen auf diesen Zusammenbruch, wenn sich diese Gefühle nicht erheben könnten dazu, daß, wie aus allem, was bestimmt ist zum Sterben in der Natur, so auch aus diesem Sterben ein Neues entspringt. Aber dasjenige, was sich entwickeln soll, kann sich nur entwickeln, wenn das andere, das Befruchtende, das aus der übersinnlichen Welt heraus sich offenbarend Befruchtende von der Menschheit willig aufgenommen werden wird.
[ 51 ] And whoever, with an open mind, looks upon that which complements the development of the conscious soul—the new revelations from the supersensible—will, even while bowed down by the pain of what is now happening, lift up their head and say to themselves: It is at the same time the first dawn of that which must trigger the impulse in humanity toward the supersensible. All the suffering, all the pain over this collapse would be lost; all the feelings that look upon this collapse with justified sorrow would be in vain, if these feelings could not rise to the realization that, just as from everything in nature that is destined to die, so too from this dying something new springs forth. But that which is to develop can only develop if the other—the fertilizing force, the fertilizing force that reveals itself from the supersensible world—is willingly received by humanity.
[ 52 ] Die Bewußtseinsseele hat sich entwickelt. Die Natur darf uns nicht mehr unbewußt dasjenige geben, was wir in die Welt des sozialen, des geschichtlichen Werdens hineinsetzen. Bewußt muß die neuere Menschheit auch aufnehmen, das heißt willig aufnehmen dasjenige, was als neuere übersinnliche Offenbarung der Bewußtseinsseele sich ergibt, wenn diese Bewußtseinsseele will. Gerade wenn wir ohne Vorurteile die Tragik des modernen Lebens betrachten, offenbart sich auf der anderen Seite der erlösende Impuls. Er offenbart sich dadurch, daß wir gedrängt werden, anzuerkennen die Offenbarung eines neuen Übersinnlichen, das nun auch für die Bewußtseinsseele da sein muß.
[ 52 ] The consciousness soul has evolved. Nature can no longer unconsciously provide us with what we bring into the world of social and historical development. Modern humanity must also consciously—that is, willingly—receive what emerges as a new supersensible revelation of the soul of consciousness when this soul of consciousness so wills. Precisely when we view the tragedy of modern life without prejudice, the redemptive impulse reveals itself on the other side. It reveals itself in that we are compelled to acknowledge the revelation of a new supersensible realm that must now also exist for the soul of consciousness.
[ 53 ] Und so sehen wir hindurch durch die Symptome auf das, was aus dem Menschen wird, und auf dasjenige, was dem Menschen sich aus dem Weltenall heraus offenbaren soll. Während der griechisch-lateinische Zeitraum, der begonnen hat im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und geschlossen hat im i5. Jahrhundert, noch das seelische Leben gebunden zeigte an das äußere körperliche Leben, dadurch gerade die großen griechischen, die großen römischen Errungenschaften hervorbrachte und sie dem Mittelalter übergab, geht über durch einen mächtigen Sprung im 15. Jahrhundert die Entwickelung zur Entwickelung der Bewußtseinskräfte, desjenigen, was man die Bewußtseinsseele nennen kann. Und in dieser Entwickelung stehen wir darinnen. Wir sehen, wie die Anknüpfung des Menschen an das, was sich hinter den Symptomen offenbart, erst eine wahre geschichtliche Wissenschaft werden kann. Aber man muß den
[ 53 ] And so we look beyond the symptoms to see what becomes of the human being, and to see that which is to be revealed to the human being from the universe. While the Greco-Roman period—which began in the 8th century B.C. and ended in the 15th century—still showed the spiritual life bound to external physical life, thereby giving rise to the great Greek and Roman achievements and bequeathing them to the Middle Ages, a powerful leap in the 15th century marked a shift in development toward the development of the powers of consciousness—what might be called the “conscious soul.” And we are in the midst of this development. We see how only by connecting human beings to what lies behind the symptoms can a true historical science emerge. But one must
[ 54 ] Mut haben anzuerkennen, daß um uns herum nicht nur Leben ist, sondern Tod ist, und daß der Tod notwendig ist, damit immer neues Leben geboren werde. Notwendig war auch das Überwiegen des Todes durch eine gewisse Zeit hindurch, damit der Mensch um so mehr die Kräfte der Bewußtseinsseele entwickeln könne. Und wird ihm nicht mehr von außen gegeben, so wird er auf den Weg gedrängt, im Inneren den Geist, das Übersinnliche zu suchen.
[ 54 ] To have the courage to acknowledge that there is not only life around us, but also death, and that death is necessary so that new life may continually be born. It was also necessary for death to predominate for a certain period of time so that human beings might develop the powers of the conscious soul all the more. And when nothing more is given to him from the outside, he is compelled to set out on the path of seeking the spirit, the supersensible, within himself.
[ 55 ] Nun kann man allerdings eines einwenden. Man kann sagen: Ja, wo sind denn die Menschen, wie zahlreich sind sie denn? — Es sind ihrer nicht viele, die da hinweisen können durch die Entwickelung ihrer eigenen Seelenkräfte auf die übersinnliche Welt. Es sind gewiß, das muß zugegeben werden, heute noch wenige. Es werden ihrer immer mehr werden; aber darauf kommt es nicht an, wieviel da sind, die den Weg hineinfinden in jenes Übersinnliche, das das Sinnliche befruchten muß, sondern darauf kommt es an, daß man den Weg übersinnlicher Erkenntnis nicht selbst zu gehen braucht, sondern, ganz gleichgültig, wie und als was man den schätzt, der die Ergebnisse des Übersinnlichen bringt — wenn sie einmal ausgesprochen sind, wenn sie hineingeworfen sind in die menschliche Geisteskultur, können sie durch den ganz gewöhnlichen Verstand, der den Menschen im Zeitalter der Bewußtseinsseele gegeben ist, auch verstanden werden. Begreifen kann der Mensch alles, was aus dem Übersinnlichen’ herausgeholt wird, heute schon in weitestem Umfange, wenn er sich nur nicht selber Steine in den Weg wirft durch Vorurteile, die er dann nicht überwinden kann.
[ 55 ] Now, however, one might raise an objection. One might say: Yes, but where are these people, and how many are there? — There are not many who, through the development of their own soul powers, can point the way to the supersensible world. It must be admitted that there are certainly still only a few today. Their numbers will continue to grow; but what matters is not how many there are who find their way into that supersensible realm—which must enrich the sensible world—but rather that one does not need to walk the path of supersensible knowledge oneself, but rather, no matter how or in what light one regards the one who brings forth the results of the supersensible—once they have been articulated, once they have been cast into human spiritual culture, they can also be understood by the very ordinary intellect given to human beings in the age of the soul of consciousness. People can already comprehend everything that is drawn from the “supersensible” to the greatest extent today, provided they do not throw obstacles in their own path through prejudices that they are then unable to overcome.
[ 56 ] Aber eines gehört mit dazu. Denken Sie nur, daß man durch eine solche Geschichtsbetrachtung, wie ich sie skizziert habe, genötigt ist, sich gewissermaßen erkennend, mit vollem Bewußtsein zu gestehen dasjenige, was man tun muß, was eine Notwendigkeit in der Zeit ist und eine Notwendigkeit immer mehr und mehr werden wird, daß das zu gleicher Zeit ein fortwährendes Absterbendes ist. Es gehört ein gewisser Mut dazu, anzuerkennen, daß man schaffen muß, damit das Schaffende untergehen könne und der Mutterboden sein könne für das Vaterprinzip des Geistigen, des Übersinnlichen. Solcher Mut ist zu allem übersinnlichen Erkennen allerdings notwendig. Und Furcht vor dem übersinnlichen Erkennen ist das, was viele Leute von diesem übersinnlichen Erkennen abhält. Auf einem Gebiete wenigstens stellt uns die neuere Zeit unmittelbar vor die Notwendigkeit, diesen Mut zu entwickeln, wenn wir überhaupt für die Entwickelung der Menschheit in Betracht kommen wollen: auf dem Gebiet der Geschichte. Diejenigen, die von übersinnlicher Erkenntnis etwas wissen, sprechen immer vom Überschreiten der Schwelle, von einem Hüter der Schwelle. Man spricht vom Überschreiten der Schwelle, weil, wenn man sich die übersinnliche Welt erschließt, man mit vielem brechen muß, was einem als unbedingt fester Boden der Erkenntnis erscheint, bevor man die Schwelle überschritten hat. Gewissermaßen empfindet es der Mensch unbewußt als eine Wohltat, daß er die Schwelle nicht zu überschreiten braucht. Was aber zu einer Zeit getan werden brauchte in bezug auf das geschichtliche Werden, es wird immer mehr und mehr zur Notwendigkeit. Und das gehört wiederum zum inneren Gang der geschichtlichen Entwickelung seit dem 15. Jahrhundert, es wird immer mehr und mehr zur Notwendigkeit, sich zu sagen: Du webst und lebst mit an dem Schaffen von Sterbeprozessen, von Verfallsprozessen. Du mußt dich diesen Verfallsprozessen widmen, und dadurch wird deine innere Kraft angeregt, gerade dadurch wirst du nahegebracht dem Übersinnlichen. Du mußt dasjenige, was du vorher als ein geistiges Fundament betrachtet hast, verlassen, die Schwelle in die übersinnliche Welt überschreiten, gewissermaßen den Boden unter den Füßen verlieren, dafür aber in dem eigenen Inneren den festen Schwerpunkt finden, an dem man sich auch gegenüber dem SinnlichBodenlosen halten kann.
[ 56 ] But there is one more thing to consider. Just consider that such a view of history, as I have outlined it, compels one—in a sense, with full awareness—to acknowledge what one must do, what is a necessity of the times and will become an ever-greater necessity: that this is, at the same time, a process of continual dying away. It takes a certain courage to acknowledge that one must create so that the creative process itself may perish and serve as the fertile ground for the fatherly principle of the spiritual, the supersensible. Such courage is, in fact, necessary for all supersensible knowledge. And fear of supersensible knowledge is what deters many people from pursuing it. In at least one area, modern times directly confront us with the necessity of developing this courage if we are to play any role at all in the development of humanity: in the field of history. Those who know anything about supersensible knowledge always speak of crossing the threshold, of a guardian of the threshold. People speak of crossing the threshold because, when one opens oneself to the supersensible world, one must break with much of what appears to be the absolutely solid ground of knowledge before one has crossed the threshold. In a sense, human beings unconsciously feel it is a blessing that they do not need to cross the threshold. But what once needed to be done in relation to historical development is becoming more and more of a necessity. And this, in turn, is part of the inner course of historical development since the fifteenth century: it is becoming more and more of a necessity to say to oneself: You are weaving and living along with the creation of processes of death, of decay. You must devote yourself to these processes of decay, and through this your inner strength is stimulated; it is precisely through this that you are brought closer to the supersensible. You must abandon what you previously regarded as a spiritual foundation, cross the threshold into the supersensible world, lose your footing, so to speak, but in return find within yourself the firm center of gravity that allows you to maintain your balance even in the face of the sensually boundless.
[ 57 ] Einen neuen Schwerpunkt seines ganzen Seelenlebens hat der Mensch notwendig zu finden. Und die geschichtliche Notwendigkeit legt ihm nahe, immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin diesen Schwerpunkt zu suchen. Dadurch, daß man also erkennt, wird es nicht anders. Wir stehen gewissermaßen — so wie ich es gemeint habe, ist es eben aufzufassen — vor dem Sterben. Dadurch, daß man sich das Geständnis ablegt: Es ist ein Sterben — dadurch wird es nicht anders. Aber man muß gerade dadurch gedrängt werden, das ihm entgegenstehende Lebende zu befruchten suchen. Denn es ist einmal so: Über dem Suchen nach übersinnlichen Erkenntnissen stand immer, solange die Menschheit strebte, die große, gewaltige Aufforderung: «Erkenne dich selbst.» Und auch für heute ist es die Aufforderung an die suchende Menschheit. Versucht der Mensch dies heute zu erkennen, so kann er es nur dadurch, daß er zu Welten aufsteigt, die über sein endliches Dasein hinauszuführen vermögen. Er muß vor allen Dingen, gedrängt durch die Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung, in bezug auf das geschichtliche Leben der neueren Zeit sich gestehen: mit der Bewußtseinsseele ist im Sinne der neueren Geschichte der Stachel eingepflanzt, sich immer mehr und mehr selbst zu erkennen. Damit, daß er sich selbst erkennt, ist er in die Notwendigkeit versetzt, über sich hinauszugelangen. Indem er über sich hinausgelangt, indem er sein Übersinnliches in seinem Sinnlichen erfaßt, gelangt er auch zu dem, was in der Geschichte als Übersinnliches wirkt und wofür die äußeren Tatsachen nur Symptome sind. Auch eine Geschichte werden wir erst wirklich haben, fruchtbar für das Leben, wenn wir hinter den Symptomen wie hinter den Naturerscheinungen das Übersinnliche suchen.
[ 57 ] Human beings must necessarily find a new focal point for their entire spiritual life. And historical necessity suggests that they should seek this focal point more and more as they look toward the future. Recognizing this fact does not change the situation. We are, so to speak—and this is precisely how it should be understood, as I have meant it—on the verge of death. The fact that one acknowledges: “It is a dying”—this does not change anything. But it is precisely this that must compel one to seek to nourish the living force that stands in opposition to it. For this is how it is: Above the search for supersensible knowledge, as long as humanity has striven, has always stood the great, powerful call: “Know thyself.” And even today, this is the call to humanity in its quest. If a person today attempts to recognize this, they can do so only by ascending to worlds capable of leading them beyond their finite existence. Above all, driven by the necessities of human development, they must admit to themselves, with regard to the historical life of modern times: in the sense of modern history, the stimulus to know oneself more and more deeply has been implanted in the conscious soul. By knowing themselves, they are compelled to transcend themselves. By transcending himself, by grasping the supersensible within the sensible, he also arrives at that which acts in history as the supersensible and of which external facts are merely symptoms. We will only truly have a history—one that is fruitful for life—when we seek the supersensible behind the symptoms, just as we do behind natural phenomena.
[ 58 ] Aus unserer Geschichtsbetrachtung ging hervor, daß die neuere Entwickelung dem Menschen Prüfungen auferlegt, die Prüfung zu dem, daß er glaubt, das Leben sei nur aufsteigend, auch das absteigende Leben zu betrachten, zu der Evolution auch die Involution. Indem der Mensch übersinnlich erkennt, wird er sich bereitmachen zu diesen Prüfungen. Denn indem er geschichtlich übersinnlich erkennt, wird dieses Erkennen selbst dadurch, daß er die Schwelle überschreiten muß, seinen neuen Schwerpunkt im Inneren des Seelenlebens suchen muß, wird diese neue Erkenntnis eine so starke Prüfung für seine Seele sein, daß das, was aus dieser Prüfung hervorgeht, ihm Kraft gibt zum Durchmachen jener anderen Prüfungen, die das Leben immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin aus der Geschichte heraus dem Menschen auferlegen wird. Aber man darf sagen: Stark und kräftig und wirklich lebenstüchtig wird der Mensch doch nur durch Prüfungen. Davon soll ihn nicht Erkenntnisfurcht abhalten, in die Prüfungen hineinzutreten, sondern es soll ihn gerade Erkenntnismut treiben, diese Prüfungen auf sich zu nehmen. Er wird die Erkenntnisprüfungen zu solchen Kräften entwickeln, die ihn auch hineinführen als schaffendes, am Werden mitwirkendes, in die Geschichte fruchtbar hinein gestelltes Menschenwesen.
[ 58 ] Our historical analysis has shown that recent developments impose trials on human beings: the trial of being compelled, in their belief that life is only an ascent, to also consider the descent of life—evolution as well as involution. As human beings gain supersensory insight, they will prepare themselves for these trials. For as he gains supersensible insight into history—and this insight itself, by requiring him to cross the threshold and seek a new center of gravity within his inner soul life—this new understanding will be such a powerful trial for his soul that what emerges from this trial will give him the strength to endure those other trials that life will increasingly impose upon him as it moves further and further into the future, beyond the realm of history. But it may be said: A person becomes strong, vigorous, and truly capable of living only through trials. It is not a fear of knowledge that should deter him from entering into these trials, but rather a courage born of knowledge that should drive him to take on these trials. He will develop these trials of knowledge into forces that will lead him to become a human being who is creative, who participates in the process of becoming, and who is fruitfully engaged in history.
Fragenbeantwortung
Question and Answer
[ 59 ] Mir wurde nahegelegt, ob ich nicht in dieser Fragenbeantwortung kurz etwas sagen könnte über eine einzelne Erscheinung in der neueren geschichtlichen Entwickelung, die ja dem menschlichen Leben besonders naheliegt: über die Sprachentwickelung. Nun wäre natürlich darüber wiederum ein ganzer Vortrag zu halten, wenn ich irgend etwas Erschöpfendes sagen wollte. Aber ich möchte auf die Anregung schon aus dem Grunde eingehen, weil ich wirklich Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache hinlenken möchte, daß die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wahrhaftig nicht so dasteht, als ob sie etwa ihr Dasein einem Einfall verdankte, als ob sie aus der Pistole geschossen wäre, als ob sie aus zusammengeholten einzelnen Aperçus bestünde. Nein, wenn Sie sich mit der Literatur bekanntmachen, werden Sie sehen, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft schon aus der ganzen Breite der Beobachtung, aus der ganzen Breite der Welterscheinungen heraus das holt, was sie zu sagen hat.
[ 59 ] I was asked whether I might say a few words in this Q&A about a single phenomenon in recent historical development that is, after all, particularly close to human life: the development of language. Of course, this would require an entire lecture if I were to say anything exhaustive on the subject. But I would like to respond to this suggestion for the simple reason that I truly wish to draw your attention to the fact that the anthroposophically oriented spiritual science referred to here is certainly not something that owes its existence to a mere whim, as if it had sprung up out of nowhere, or as if it consisted of a collection of isolated insights. No, if you familiarize yourself with the literature, you will see that this anthroposophically oriented spiritual science draws what it has to say from the entire breadth of observation, from the entire breadth of world phenomena.
[ 60 ] Natürlich muß man immer, wenn man in einer Stunde und ich bedaure ja immer, daß es ohnedies immer länger wird! — weite Gebiete zusammenzufassen hat, den Eindruck machen, als ob man in abstrakten Gebieten herumwandelte; allein es soll auch niemand überzeugt, sondern nur angeregt werden, weiterzugehen, und dann wird man schon sehen, daß wirklich viel mehr als in einer anderen wissenschaftlichen Bestrebung gerade in dieser Geisteswissenschaft sorgfältiges, gewissenhaftes methodisches Suchen, ernste Forschung zugrunde liegt.
[ 60 ] Of course, whenever one has to summarize such broad topics in a single hour—and I always regret that it ends up taking longer anyway! — one has to summarize broad areas, one is bound to give the impression of wandering through abstract realms; yet the aim is not to convince anyone, but merely to inspire them to go further, and then they will see that this particular human science, more than any other scholarly endeavor, is founded on careful, conscientious, methodical inquiry and serious research.
[ 61 ] Es ist interessant, gerade das, was ich heute im allgemeinen charakterisiert habe, an einer solchen einzelnen Erscheinung wie der menschlichen Sprachentwickelung einmal zu beobachten. Ich will aber auch da nur auf eine Erscheinung dieser Sprachentwickelung eingehen. Wenn wir heute als Menschen sprechen, denken wir gewöhnlich gar nicht darüber nach, wie das Sprechen uns eigentlich in jedem Augenblicke zwingt, ungenau zu werden. Ich will nur das sagen: ungenau zu werden. Fritz Mauthner hat ein dreibändiges Werk und außerdem noch ein «Wörterbuch der Philosophie» geschrieben, um zum Ausdrucke zu bringen, wie alles dasjenige, was man in der Weltanschauung und in der Wissenschaft produziere, auf der Sprache beruhe und die Sprache ungenau sei. So daß man eigentlich niemals eine wahre Wissenschaft haben könne.
[ 61 ] It is interesting to observe, in a specific phenomenon such as the development of human language, precisely what I have described in general terms today. But even here, I want to focus on just one aspect of this linguistic development. When we speak as human beings today, we usually do not even think about how speaking actually forces us, at every moment, to become imprecise. I just want to say this: to become imprecise. Fritz Mauthner wrote a three-volume work and, in addition, a “Dictionary of Philosophy” to express how everything produced in worldview and science is based on language, and how language is imprecise. So that one can never actually have true science.
[ 62 ] Nun, das ist gegenüber der Geisteswissenschaft selbstverständlich eine törichte Behauptung, wenn sie auch in drei Bänden auftritt. Aber bedeutsam ist es doch, auf das zugrunde liegende Teilphänomen einzugehen. Wenn man zurückgeht in der menschlichen Sprachentwickelung, so findet man, entgegen der äußeren anthropologischen Sprachforschung, welche mit unzulänglichen Mitteln arbeitet, daß der Mensch in älteren Zeiten, je mehr man in diese älteren Zeiten kommt, immer mehr und mehr noch innerlich seelisch, auch wiederum instinktiv und unbewußt, verwachsen ist mit dem, was in seiner Sprache zum Ausdrucke kommt. Der Mensch löst sich auch von dem, was seine eigene Natur enthält, allmählich los, wie er sich von der äußeren Natur loslöst.
[ 62 ] Well, this is, of course, a foolish claim when it comes to the science of the spirit, even if it appears in three volumes. But it is nevertheless significant to address the underlying partial phenomenon. If one traces the development of human language back in time, one finds—contrary to external anthropological linguistic research, which works with inadequate means—that in earlier times, the further back one goes, the more and more deeply a person was inwardly and spiritually, and also instinctively and unconsciously, intertwined with what was expressed in their language. Human beings are also gradually detaching themselves from what their own nature contains, just as they detach themselves from external nature.
[ 63 ] Er löst sich auch von dem unmittelbaren Verbundenwerden mit der Sprache los. Und die Sprache wird etwas Außerliches. Ein starker Dualismus entsteht zwischen dem innerlich erlebten Gedanken, den mancher schon gar nicht mehr hat, weil er in der Sphäre der Sprache bleibt und dem, was gesprochen wird. Und nötig hat man, wenn man sich keiner Täuschung hingibt in dem Entwickelungspunkte der Menschheit, in dem wir jetzt stehen, im Zeitalter der Bewußtseinsseele, gerade hinzublicken darauf, wie die Sprache sich schon von dem Menschen losgelöst hat. Eigentlich sind es nur noch die Eigennamen, die sich auf ein einziges Wesen beziehen, die wirklich unmittelbar auf dieses Wesen zutreffen. Sobald man allgemeine Namen verwendet, seien sie Eigenschafts- oder Hauptwörter oder was immer, drücken sie nur ungenau dasjenige aus, was sie ausdrücken sollen. Sie sind abstrakt, sie sind Allgemeinheiten gleich. Und nur dann wird man die Sprache heute in ihrem Verhältnis zum menschlichen Leben richtig verstehen, wenn man sie auffaßt eigentlich als Gebärde; wenn man sich bewußt ist: wie ich unmittelbar lebendig hindeute, wenn ich mit dem Finger auf etwas zeige, so deute ich auch, durch die Hervorbringungen meines Kehlkopfes und durch den Laut, gebärdenhaft hin auf dasjenige, auf das sich die Laute der Sprache beziehen. Die Sprache auffassenlernen als Gebärde, das ist es, um was es sich handelt. So hat die alte Zeit ein unbestimmtes, ich möchte sagen, im Unterbewußtsein liegendes, instinktives Ahnen davon gehabt, wie das seelische Leben zusammenhängt gebärdenhaft mit dem Laut; sie hat nicht verwechselt das innerliche seelische Erleben mit dem, was in der Sprache zum Ausdrucke kommt.
[ 63 ] It also breaks away from the immediate connection to language. And language becomes something external. A strong dualism arises between the thought experienced inwardly—which some people no longer even have because it remains within the sphere of language—and what is actually spoken. And if one does not succumb to delusion at this stage of human development—the Age of the Conscious Soul—it is precisely necessary to look directly at how language has already become detached from the human being. In fact, it is only proper names—those referring to a single being—that truly and directly apply to that being. As soon as one uses general terms—whether they be adjectives, nouns, or whatever—they express only an imprecise representation of what they are meant to convey. They are abstract; they are akin to generalities. And only then will we truly understand language today in its relationship to human life—if we conceive of it, in fact, as a gesture; if we are aware that just as I point directly and vividly when I point my finger at something, so too do I point—through the movements of my larynx and through sound—in a gestural manner toward that to which the sounds of language refer. Learning to understand language as a gesture—that is what is at stake. Thus, ancient times had a vague—I would say subconscious—instinctive inkling of how inner spiritual life is connected, in a gestural way, to sound; they did not confuse inner spiritual experience with what finds expression in language.
[ 64 ] Wir selbst haben versucht, um auf einem Gebiete der Geisteswissenschaft naheliegende Bestrebungen zu entfalten, das Gebärdenhafte der Sprache wiederum zur Anschauung zu bringen in dem, was wir die Eurythmie nennen, wo versucht worden ist, den ganzen Menschen in Bewegung zu bringen, und durch die Bewegungen der Glieder, durch Bewegungen der Menschengestalt im Raume, durch Gruppenbewegungen, durch die Verhältnisse von Menschen untereinander, gebärdenhaft dasjenige auszudrücken, was sonst auch in der Gebärde, aber nur nicht als Gebärde bemerkt, durch den menschlichen Kehlkopf und seine Nachbarorgane zum Ausdrucke kommt. Wir bezeichnen diese Art von Bewegungskunst, die als Neues in die Menschheit eindringen muß, als Eurythmie. Und wir haben ja hier in Zürich an diesen Vortrag anknüpfen wollen eine eurythmische Darstellung. Sie muß verschoben werden, weil wir zwar die Erlaubnis bekamen, diese Vorträge in der jetzigen schwierigen Zeit zu halten, nicht aber, diese eurythmische Vorstellung zu geben. Sie hätte gerade zeigen wollen, wie gewissermaßen der ganze Mensch zum Kehlkopf wird. Indem man sich dessen bewußt wird, was die Sprache ist, kommt man auf etwas, was besonders wichtig, ganz fundamental wichtig für das Leben der Gegenwart und der Zukunft werden wird.
[ 64 ] We ourselves have sought to develop efforts that are natural in one area of the humanities: to bring the gestural nature of language back into focus through what we call eurythmy, in which an attempt has been made to set the whole human being in motion, and through the movements of the limbs, through movements of the human form in space, through group movements, and through the relationships between people, to express in a gestural manner that which is otherwise also expressed in gesture—though not recognized as such—and is conveyed through the human larynx and its neighboring organs. We call this art of movement, which must find its way into humanity as something new, “eurythmy.” And here in Zurich, we had intended to follow up this lecture with a eurythmic performance. It must be postponed, however, because although we received permission to hold these lectures during these difficult times, we did not receive permission to present this eurythmic performance. It was intended to show, so to speak, how the whole human being becomes the larynx. By becoming aware of what language is, we arrive at something that will become particularly important—fundamentally important—for life in the present and the future.
[ 65 ] Nichts trifft man heute öfter im menschlichen Leben, als daß irgend jemand etwas ausspricht, zum Beispiel ich hier in der Geisteswissenschaft. Ein anderer kommt und sagt: Das habe ich dort gelesen —, und zeigt etwas auf, was wenigstens in Einzelheiten mit den Worten allen vollständig übereinstimmt. Ich könnte Ihnen eklatante Fälle dieser Art zeigen. Ich will nur einen Fall besonders hervorheben, an dem sich mir die Sache ganz besonders hervorragend dargestellt hat.
[ 65 ] Nothing is more common in human life today than for someone to say something—for example, me here in the field of spiritual science. Someone else comes along and says, “I read that there—” and points to something that, at least in detail, corresponds completely with what was said. I could show you striking examples of this kind. I want to highlight just one case in particular, in which this matter presented itself to me in a particularly striking way.
[ 66 ] Ich habe, weil ich nun wahrlich versuche, all die Dinge, die die Geisteswissenschaft von mir an Verarbeitung fordert, auf das Leben anzuwenden, dadurch gerade einzudringen in die wirklichen Impulse des Lebens, so habe ich seit langem mich beschäftigt mit dem, was ich nennen möchte die ganze Denkungsart, die ganze Denkgesinnung von Woodrow Wilson. Es ist für mich interessant gewesen, gerade die Aufsätze über geschichtliche Methode, über Geschichtsbetrachtung und über das amerikanische geschichtliche Leben von Woodrow Wilson zu studieren. Er spielt ja eine so große Rolle im Leben der Gegenwart, man muß ihn kennenlernen — so sagt sich derjenige, der nicht dasjenige verschlafen will, was in der Gegenwart geschieht, sondern es mit wachen Sinnen beobachten will. Ich habe bewundern gelernt die Art und Weise, wie großartig, wirklich amerikanisch treffend Woodrow Wilson die Entwickelung des amerikanischen Volkes selbst darstellt, dieses Fortschreiten von dem amerikanischen Osten nach dem amerikanischen Westen, das Auftreten des wirklichen amerikanischen Lebens in einer ganz eigentümlichen Weise, erst, als durchgedrungen wird von dem Osten nach dem Westen, während alles übrige, was dem vorangegangen ist, von Woodrow Wilson prägnant dargestellt wird als Anhängsel zum europäischen Leben. Dieses Ausroden der Natur, dieses Überwinden der Natur, dieses Überwinden der Eingeborenen des amerikanischen Westens, diese eigentümliche Art von Geschichtemachen, die mit manchem ähnlich ist, was sonst im Leben der Menschen sich zugetragen hat, aber doch wiederum ganz spezifisch verschieden ist, es kommt großartig zum Ausdruck. Und daher ist es auch interessant, zu sehen, wie Woodrow Wilson seine Geschichtsmethode einrichtet.
[ 66 ] Because I am now truly trying to apply to life all the things that the science of the spirit requires me to process—and thereby to penetrate the very impulses of life—I have long been engaged with what I would like to call the entire way of thinking, the entire mindset of Woodrow Wilson. It has been interesting for me to study, in particular, Woodrow Wilson’s essays on historical method, on the study of history, and on American historical life. He plays such a major role in contemporary life that one must get to know him—so says anyone who does not want to miss out on what is happening in the present, but rather wishes to observe it with alert senses. I have come to admire the way in which Woodrow Wilson so magnificently, truly American in its accuracy, Woodrow Wilson portrays the development of the American people themselves—this progression from the American East to the American West, the emergence of authentic American life in a wholly distinctive manner, only as it spreads from East to West, while everything else that preceded it is succinctly portrayed by Woodrow Wilson as an appendage to European life. This subjugation of nature, this overcoming of nature, this subjugation of the indigenous peoples of the American West, this peculiar way of making history—which bears some resemblance to other events in human history but is, at the same time, quite distinct—is magnificently expressed. And that is why it is also interesting to see how Woodrow Wilson structures his approach to history.
[ 67 ] Ich bin nachgegangen den Beschreibungen, wo er seine Geschichtsmethode selbst darstellt. Da stellte sich mir etwas sehr Eigentümliches heraus: Aus diesem durch und durch amerikanisch gearteten Mann fließen Sätze heraus, die mir fast wörtlich übereinstimmend schienen mit Sätzen eines ganz anderen Mannes, der wirklich aus ganz anderer Lebens- und Denkergesinnung heraus sich entwickelt hat. Man könnte Sätze von Woodrow Wilson in seinem Aufsatze über Methodik der Geschichte, die bei ihm solch gute Früchte getragen hat, wörtlich herübernehmen in Aufsätze von Herman Grimm, der nun ganz in der neuzeitlichen Goethe-Entwickelung drinnensteht, der nun aus dieser Goethe-Entwickelung als ein wirklich durch und durch mitteleuropäisch-deutscher Geist dasteht. Man könnte sagen: Man braucht nur Sätze herauszuheben aus Herman Grimms Aufsätzen, sie herüberzusetzen, und von Woodrow Wilson Sätze herübernehmen in Herman Grimms Aufsätze, man würde dem Wortlaute nach gar keine großen Veränderungen finden. — Aber man lernt an einer solchen Erfahrung dasjenige, was ich nun mit trivialen Worten ausdrücken will, aber ich will etwas sehr Bedeutsames dadurch ausdrücken, man lernt: Wenn zwei dasselbe sagen, ist es nicht dasselbe, sei es auch dem Wortlaute nach übereinstimmend.
[ 67 ] I looked into the passages where he himself describes his historical method. There I discovered something very peculiar: from this man, who was thoroughly American in character, flowed sentences that seemed to me to coincide almost word for word with those of a completely different man, one who had truly developed from a very different outlook on life and thought. One could take sentences from Woodrow Wilson’s essay on the methodology of history—which bore such good fruit for him—and transpose them verbatim into essays by Herman Grimm, who is now fully immersed in the modern Goethean development and who, emerging from this Goethean development, stands as a truly through-and-through Central European-German spirit. One could say: One need only extract sentences from Herman Grimm’s essays, transpose them, and incorporate sentences from Woodrow Wilson into Herman Grimm’s essays; in terms of wording, one would find no major changes at all. — But from such an experience one learns what I now wish to express in trivial words—though I intend to convey something very significant through them—one learns: When two people say the same thing, it is not the same, even if the wording coincides.
[ 68 ] Dasjenige, was man daraus lernen muß, ist, daß man sich einzuleben hat nicht bloß in den Wortlaut, der durch die Sprache gegeben ist, sondern in den ganzen Menschen. Dann wird man das spezifisch Verschiedene Herman Grimms und Woodrow Wilsons finden, dann wird man finden, wie bei Grimm jeder einzelne Satz erarbeitet ist mit voller Bewußtseinsseele, wie das Fortschreiten in dem geistvollen Aufsatze von Herman Grimm, wo er über geschichtliche Methode und geschichtliche Betrachtung spricht, wahrlich so ist, daß man sieht, von einem Satz zum anderen schreitet er fort im inneren Seelenkampf, so daß nichts unbewußt bleibt, sondern alles in das Bewußtsein hereingedrängt wird. Man hat immer zu tun mit diesem innerlichen Fortschreiten der Seele.
[ 68 ] The lesson to be learned from this is that one must immerse oneself not merely in the wording provided by language, but in the whole person. Then one will discover what specifically distinguishes Herman Grimm from Woodrow Wilson; then one will see how, in Grimm’s case, every single sentence is crafted with full conscious soul, how the progression in Herman Grimm’s insightful essay—in which he discusses historical method and historical perspective—is truly such that one sees him moving from one sentence to the next in an inner struggle of the soul, so that nothing remains unconscious, but everything is forced into consciousness. One is always dealing with this inner progression of the soul.
[ 69 ] Sieht man hinüber, wie sich bei Woodrow Wilson die Sache ausnimmt, dann sieht man, wie aus merkwürdig unterbewußten Untergründen der Seele, wie aus dem Menschen selbst im Gegensatz zu dem innerlichen Einwirken diese Sätze heraufdringen. Ich meine damit gar nichts Übles, aber ich möchte nur, wenn ich mich paradox ausdrücken darf, anschaulich machen, bei Herman Grimm fühle ich immer: in der Region des ganz bewußten Seelenlebens geht von Satz zu Satz alles seelische Leben vor sich; bei Woodrow Wilson spüre ich: er ist wie von etwas besessen, das in seinem eigenen Inneren liegt und das seine eigenen Wahrheiten in seinem eigenen Inneren heraufstrahlt. — Wie gesagt, ich meine nichts Sympathisches oder Antipathisches damit, sondern nur etwas, was ich charakterisieren will. Es wird ihm eingegeben aus den eigenen Untergründen der Seele. Da’ werden wir finden, wirklich zu erkennen, selbst wenn der Wortlaut gleich ist: wenn zwei dasselbe sagen, so ist es nicht dasselbe. Wir erkennen nur, was zugrunde liegt, wenn wir uns nicht an den Wortlaut halten, sondern wenn wir uns an das, was aus dem ganzen Darleben der Persönlichkeit folgt, zu halten verstehen.
[ 69 ] If one looks at how things appear in Woodrow Wilson’s case, one sees how these sentences well up from strange, subconscious depths of the soul, as if from the person himself—in contrast to an inner influence. I mean no harm by this, but I would simply like—if I may express myself paradoxically—to illustrate that with Herman Grimm I always feel: in the realm of fully conscious soul life, all spiritual life unfolds from sentence to sentence; with Woodrow Wilson, I sense that he is as if possessed by something that lies within him and that radiates his own truths from within. — As I said, I mean nothing sympathetic or unsympathetic by this, but only something I wish to characterize. It is inspired in him from the very depths of his soul. There we will come to truly recognize—even if the wording is the same—that when two people say the same thing, it is not the same. We recognize what lies at the root only when we do not cling to the wording, but rather when we know how to focus on what follows from the entire manifestation of the personality.
[ 70 ] Sehen Sie, das wird die moderne Menschheit lernen müssen zu überwinden, was heute so gang und gäbe ist: wenn man etwas vorgelegt bekommt, so beurteilt man es nur aus dem Inhalte heraus. Das wird man lernen müssen, daß der Inhalt gar nicht das Wesentliche ist. Wenn ich über Geisteswissenschaft spreche, so lege ich nicht das Wesentliche auf Satzformulierung, auf den Inhalt, sondern das Wesentliche beruht darauf, daß in das, was ich sage, einfließe dasjenige, was wirklich aus der übersinnlichen Welt heraus projiziert ist. Auf das Wie einen größeren Wert legen als auf das Was, daß man spürt, daß man fühlen kann: Die Dinge sind aus der übersinnlichen Welt heraus gesprochen, darauf kommt es an.
[ 70 ] You see, modern humanity will have to learn to overcome what is so commonplace today: when something is presented to us, we judge it solely on the basis of its content. We will have to learn that the content is not the essential thing at all. When I speak of spiritual science, I do not place the emphasis on the formulation of sentences or on the content; rather, the essential point is that what I say is infused with that which is truly projected from the supersensible world. To place greater value on the “how” than on the “what”—to sense, to feel that these things are spoken from the supersensible world—that is what matters.
[ 71 ] So muß man überhaupt auch in der Gegenwart gegenüber dem gewöhnlichen Leben lernen. Mag irgendeine Zeitung, irgendein Journal etwas noch so Schönes sagen man kann heute furchtbar schöne Sachen sagen, denn die Dinge liegen ja auf der Straße, die «schönen Ideale» und die «schönen Sachen» —, es kommt nicht auf den Wortlaut an, sondern es kommt darauf an, aus welchen Seelenmächten sie entspringen, daß man durch die Sätze selbst und durch die Worte hinblickt auf Symptome, auf den Menschen. Wir müssen durchdringen wie durch einen Schleier durch die Sprache und durch den Wortlaut, und so dem Menschen uns wiederum nähern. Das lehrt uns gerade die neuere Sprachentwickelung, die den Menschen losgelöst hat in seinem innersten Wesen, in seiner Bewußtseinsseele, von der Sprache. Das erzieht aus uns heraus die Notwendigkeit, nicht bloß auf den Wortlaut, sondern durch den Wortlaut durch auf die menschliche Seele zu sehen, nach allen Seiten, mit allen Möglichkeiten dem nachzugehen.
[ 71 ] This is how one must learn to approach ordinary life even in the present day. No matter how beautiful the things any newspaper or journal might say—and one can say terribly beautiful things today, for these “beautiful ideals” and “beautiful things” are, after all, right there on the street— it is not the wording that matters, but rather the powers of the soul from which they spring—so that through the sentences themselves and through the words, we look beyond to the symptoms, to the human being. We must penetrate language and the wording as if through a veil, and in this way draw closer to the human being once more. This is precisely what recent developments in language teach us—developments that have severed the connection between human beings and language in their innermost being, in their conscious soul. This instills in us the necessity not merely to focus on the wording, but to look through the wording and into the human soul, exploring it from all angles and in every possible way.
[ 72 ] Allerdings muß etwas überwunden werden, wenn in dieser Richtung fortgeschritten werden soll, denn die Menschen sind heute noch an die Abstraktionen gewöhnt, an dieses, ich möchte sagen bürgerliche, philiströse Sich-Halten an den unmittelbaren Inhalt. Wenn einer ein Ideal ausspricht und irgend etwas noch so schön formuliert — wir müssen uns klar sein, daß das heute so billig ist wie Brombeeren, denn die Ideale sind geformt. Man kann alle möglichen Ideale für die Menschen und die Völker hinstellen, sie sind geformt. Es kommt darauf an, woher sie kommen, woher im Seeleninneren, in der Seelenregion sie wirklich entspringen. Es wird das Leben ungeheuer befruchtet werden, wenn wir in die Lage kommen, das Leben so anzusehen.
[ 72 ] However, something must be overcome if we are to make progress in this direction, for people today are still accustomed to abstractions, to this—I would say bourgeois, philistine—clinging to immediate content. When someone articulates an ideal and formulates it however beautifully—we must realize that this is as commonplace as blackberries today, for the ideals are already set in stone. One can present all manner of ideals for people and nations, but they are already set in stone. What matters is where they come from—from what part of the inner soul, from what region of the soul they truly spring. Life will be immensely enriched if we are able to view life in this way.
[ 73 ] Vielleicht darf ich auch etwas Persönliches anführen. Sehen Sie, mir werden mancherlei poetische Produktionen übergeben. Wer dichtet heute nicht alles! Unter diesen poetischen Produktionen findet man solche, die sehr formvollendet sind, die wunderbar dies oder jenes ausdrücken, und solche, die scheinbar ungelenk sind, die Schwierigkeiten haben mit der Sprache, die sogar holperig, primitiv sind. Derjenige, der sich auf einen noch unmodernen Standpunkt stellt, der wird natürlich seine Freude haben über das Schöne, namentlich Formvollendete der Sprache. Er wird nicht, heute noch nicht, empfinden, daß Emanuel Geibel recht hatte, als er von sich selber sagte: Seine Verse werden ein Publikum finden, solange es Backfische gibt. Sie sind schön, sie sind glatt, und werden ein Publikum finden, selbst unter denjenigen Menschen, die zum Beispiel Wildenbruch oder ähnliche Leute für Dichter halten — und derer sind auch viele.
[ 73 ] Perhaps I may also mention something personal. You see, I am often given all sorts of poetic works. Everyone writes poetry these days! Among these poetic works, one finds some that are very polished in form, that express this or that wonderfully, and others that seem clumsy, that struggle with language, that are even stilted and primitive. Those who take a still-old-fashioned stance will, of course, take pleasure in beauty, particularly in the formal perfection of language. They will not—at least not yet—feel that Emanuel Geibel was right when he said of himself: “His verses will find an audience as long as there are young girls.” They are beautiful, they are polished, and they will find an audience, even among those people who, for example, consider Wildenbruch or similar figures to be poets—and there are many of them.
[ 74 ] Aber es gibt heute auf diesem Gebiete eine andere Beurteilung, und das ist auch bei anderen Künsten der Fall, aber hier spreche ich jetzt über die Sprache. Es gibt heute Dichter, über deren Verse man stolpern kann; man kann Schwierigkeiten haben, weil sie in einer ungelenken Sprache sprechen, aber es ist ein neuer Impuls in ihnen; den muß man fühlen! Man muß durch den Schleier der Sprache den geleckten Versen in das Oberflächliche der Seele blicken können. Denn geleckte Verse, schöne, geleckte Verse, die vie] schöner sind als die Goetheschen Verse, sind heute billig wie Brombeeren; denn die Sprache dichtet schon. Aber neues seelisches Leben, Leben, das unmittelbar aus dem Quell alles Lebens herkommt, das muß erst gesucht werden. Das drückt sich manchmal gerade dadurch aus, daß es einen Kampf zu führen hat mit der Sprache, daß es gewissermaßen erst bei einem Stottern ist. Aber solches «Stottern» kann einem lieber sein als dasjenige, was in sich vollendet ist, und nur auf eine oberflächliche Seele hinweist. Es wurden mir einmal Verse übergeben bei einer Gelegenheit, wo wir selbst solche Verse brauchten, weil wir eine Übersetzung aus einer anderen Sprache zu leisten hatten, sehr schöne Verse. Ich wurde wütend darüber und machte selbst schlechte. Ich bin mir bewußt, daß sie als Verse viel schlechter sind; aber ich wußte, ich wurde in dem Falle in die Notwendigkeit versetzt, in einer vielleicht holperig erscheinenden Sprache dasjenige auszudrücken, was ausgedrückt werden sollte, wenn man aus dem entsprechend gesuchten Lebensquell schöpfte. Ich überschätze durchaus nicht dasjenige, was ich zu leisten übernommen habe; aber ich überschätze auch nicht die geleckten Verse, die mir übergeben wurden.
[ 74 ] But today there is a different perspective in this area, and this is also the case with other arts, though here I am speaking specifically about language. There are poets today whose verses can trip you up; one may have difficulty because they speak in clumsy language, but there is a new impulse within them; one must feel it! One must be able to look through the veil of language, past the polished verses, into the superficiality of the soul. For polished verses—beautiful, polished verses that are far] more beautiful than Goethe’s verses—are as common as blackberries today; for language itself is already composing poetry. But new spiritual life—life that springs directly from the source of all life—must first be sought. This sometimes expresses itself precisely in the fact that it must wage a struggle with language, that it is, so to speak, still in the stage of stuttering. But such “stammering” can be more dear to one than that which is perfect in itself and points only to a superficial soul. Once, on an occasion when we ourselves needed such verses—because we had to produce a translation from another language—I was given some very beautiful verses. I became furious about it and wrote some bad ones myself. I am aware that they are much worse as verses; but I knew that, in that case, I was compelled to express—in language that might seem a bit clunky—what needed to be expressed when drawing from the appropriate wellspring of life. I by no means overestimate what I have undertaken to accomplish; but neither do I overestimate the polished verses that were handed to me.
[ 75 ] Das Suchen des Menschen durch die Sprache im Zeitalter der Bewußtseinsseele, das ist etwas, was wiederum als Lebenspraxis sich heraus ergibt aus einer wirklichen Betrachtung des sprachlichen Lebens. Ich habe deshalb auch heute rückhaltlos versucht, auch nicht bei jedem Satze so zu sprechen, als wenn ich Geisteswissenschaft tradierte und immer das Übersinnliche beweisen wollte, sondern ich habe versucht, das hineinzulegen in das Wie der Geschichtsbetrachtung. Und ich glaube, das ist auch das Wichtige: daß man nicht nur denjenigen einen wahren Geistesforscher immer wieder und wiederum nennt, der bei jedem fünften Wort das Wort: Geist und Geist und geistige Welt gebraucht und dann glaubt, das den Menschen dann so suggerieren zu können, sondern der durch die Art der Betrachtungsweise der Welt, selbst der alleräußerlichsten Welt, durch das Wie, wie er die Dinge darstellt, zeigt, daß der innerliche Führer, der eben von Gedanke zu Gedanke, von Anschauung zu Anschauung, von Impuls zu Impuls führt, daß dieser Führer der Geist ist. Wenn dieser Führer der Geist ist, dann braucht man ihn nicht immer wieder vorzupiepsen!
[ 75 ] Humanity’s search through language in the age of the consciousness soul is something that, in turn, emerges as a way of life from a genuine contemplation of linguistic life. That is why I have tried unreservedly today—even if not in every sentence—not to speak as if I were imparting spiritual science and always seeking to prove the supersensible, but rather I have tried to weave this into the very manner of historical observation. And I believe that is also what is important: that one does not simply keep calling someone a true spiritual researcher time and again merely because they use the words “ Spirit, Spirit, and spiritual world—and then believes he can suggest this to people—but rather one who, through his way of viewing the world—even the most external world—and through the manner in which he presents things, shows that the inner guide, who leads from thought to thought, from insight to insight, from impulse to impulse, is the Spirit. If this guide is the Spirit, then there’s no need to keep harping on about it!
[ 76 ] Das ist etwas, was Ihnen zeigt, wie man an der Sprache erhärten kann, was ich in einem umfassenden Vortrage darstellen könnte.
[ 76 ] This is something that shows you how language can be used to substantiate what I could explain in a comprehensive lecture.
