Extending Natural Science
through Anthroposophy
GA 73
15 October 1918, Zurich
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Extending Natural Science through Anthroposophy, tr. SOL
7. Naturerkenntnis, Sozialwissenschaft und Religiöses Leben im Lichte geisteswissenschaftlicher Anschauung
7. Knowledge of Nature, Social Science, and Religious Life in the Light of the Spiritual Scientific Perspective
[ 1 ] Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, von der ich hier in der vorigen und in dieser Woche zu sprechen hatte, sie ist, wie ja vielleicht schon aus den beiden Vorträgen hervorgeht, so ziemlich alles dasjenige nicht, wovon diejenigen, die sie nicht kennen, glauben, daß sie es sei. Insbesondere wird man bei Persönlichkeiten, die nur oberflächlich dieser geisteswissenschaftlichen Bestrebung nahegetreten sind, hören können, wie die Ergebnisse, oder sagen wir vorläufig: die gemeinten Ergebnisse, dieser Richtung durch die naturwissenschaftlichen Einsichten der Gegenwart völlig ausgeschlossen seien.
[ 1 ] Anthroposophically oriented spiritual science—which I have been discussing here both last week and this week—is, as may already be apparent from the two lectures, pretty much the opposite of what those who are unfamiliar with it believe it to be. In particular, one will hear from people who have only superficially engaged with this spiritual scientific endeavor that the findings—or, let us say for the time being, the purported findings—of this school are completely ruled out by current scientific insights.
[ 2 ] Weiter wird man hören können, wie dasjenige, was aus der geistigen Welt heruntergeholt sein soll, was Ergebnis übersinnlicher Erkenntnis sein soll, wie das gerade gegenüber den bedeutsamsten, größten, einschneidendsten Fragen der Gegenwart, die ja alle mehr oder weniger auf sozialem Gebiete liegen, unpraktisch, bedeutungslos sich erweise. Und endlich von einer dritten Seite wird immer wieder und wiederum betont, wie diese Geisteswissenschaft geeignet sei, die Menschen hinwegzubringen von wirklichem, gut gegründetem religiösen Empfinden und Fühlen, wie sie beitrage zur Religionslosigkeit unserer Zeit, und sogar von dieser Seite bedeutsame Gefahren in sich schließe.
[ 2 ] Furthermore, one will hear how that which is said to have been brought down from the spiritual world—that which is said to be the result of supersensory knowledge—proves to be impractical and meaningless, particularly in relation to the most significant, greatest, and most pivotal questions of our time, all of which, after all, lie more or less in the social sphere. And finally, from a third perspective, it is emphasized time and again how this spiritual science is capable of leading people away from genuine, well-founded religious sentiment and feeling, how it contributes to the irreligiousness of our time, and how it even poses significant dangers from this perspective.
[ 3 ] Über diese drei Mißverständnisse gegenüber anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft möchte ich heute vor allen Dingen reden, um dann übermorgen den Versuch zu machen, noch ein Bild der geschichtlichen Entwickelung der neueren Menschheit vom Gesichtspunkte dieser übersinnlichen Erkenntnis zu geben.
[ 3 ] Today I would like to speak primarily about these three misunderstandings regarding anthroposophically oriented spiritual science, so that the day after tomorrow I can attempt to provide a picture of the historical development of modern humanity from the perspective of this supersensible knowledge.
[ 4 ] Man muß, wenn man tiefer in das ganze Geistesgefüge unserer Zeit eindringen will, unbedingt den Blick auf alles dasjenige wenden, was gemacht hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts, daß das naturwissenschaftlihe Denken jene einschneidende Bedeutung erhalten hat, von der ich ja auch in den vorigen Vorträgen hinlänglich gesprochen habe. Man muß den Blick auf diese Entstehung des naturwissenschaftlichen Denkens lenken aus dem Grunde, weil heute nicht etwa bloß in der Naturwissenschaft naturwissenschaftlich gedacht wird, sondern weil in aller Welt jede Frage — zwar in ganz berechtigter Weise — in eine gewisse naturwissenschaftliche Beleuchtung gestellt wird. Daher darf man schon sagen: Insofern man erkennt, daß die historische EntwickeJung der neueren Menschheit in ganz elementarer Weise aus dem Inneren des Menschen eine naturwissenschaftliche Orientierung hervorgebracht hat, ist diese naturwissenschaftliche Orientierung berechtigt. Man darf demgegenüber sagen, Geisteswissenschaft würde sich von vornherein dadurch ein schlechtes Zeugnis ausstellen, daß sie mit dem naturwissenschaftlichen Denken der neueren Zeit in irgendeinen Widerspruch kommen würde. Sie kommt aber nicht in einen Widerspruch, sondern im Gegenteil: naturwissenschaftliches Denken und damit die ganze geistige Orientierung der Gegenwart bis in alle Zweige des Lebens hinein wird erst ein festes Fundament dadurch erhalten, daß diese naturwissenschaftliche Richtung sich bequemt, auf Geisteswissenschaft als auf ihre Grundlage zu bauen.
[ 4 ] If one wishes to penetrate more deeply into the entire intellectual fabric of our time, one must absolutely turn one’s attention to all that has happened over the course of the last three to four centuries—especially the 19th century—that has caused scientific thinking to take on that decisive significance of which I have, indeed, spoken at length in my previous lectures. One must turn one’s attention to the emergence of scientific thinking for the reason that today scientific thinking is not confined merely to the natural sciences, but because throughout the world every question—albeit quite justifiably—is viewed through a certain scientific lens. Therefore, one may well say: Insofar as one recognizes that the historical development of modern humanity has, in a very fundamental way, brought forth a scientific orientation from within the human being, this scientific orientation is justified. In contrast, one may say that the humanities would, from the outset, give themselves a poor reputation if they were to come into any kind of conflict with the scientific thinking of modern times. However, it does not come into conflict; on the contrary: scientific thinking—and with it the entire spiritual orientation of the present, extending into all branches of life—only gains a firm foundation when this scientific approach deigns to build upon the spiritual sciences as its foundation.
[ 5 ] Will man zunächst, ich möchte sagen in negativer Art, sich der damit gestellten Frage nähern, so muß man ein wenig hinschauen darauf, wie nicht die moderne Naturwissenschaft, sondern die besondere Artung des modernen Denkens nach der Naturwissenschaft hin entstanden ist. Und da muß man sagen, wer die Geschichte nicht äußerlich, oberflächlich betrachtet, sondern wer sie so betrachtet, daß er sich frägt: Wie entwickelte sich die Menschheit so von Zeitalter zu Zeitalter in ihren tiefsten, auch seelischen Fähigkeiten? — So wie sich ein einzelner Mensch entwickelt, und man nicht sagen kann, daß er als Dreißigjähriger, als Vierzigjähriger, als Fünfzigjähriger dieselbe Seelenverfassung hat, wie entwickelte sich die Menschheit in ihren Vorstellungen, in ihrer ganzen Denkweise, um zuletzt zu jenen Begriffen, zu jenen Ideen zu kommen, von denen sie vorzugsweise in der Gegenwart beherrscht ist? —, der wird bei einer vorurteilslosen Verfolgung der geistigen Entwickelung der Menschheit finden, daß diese Menschheit überhaupt in älteren Zeiten, und man kann sagen bis ins 17. Jahrhundert hinein, andere Vorstellungen hatte, sowohl über das menschliche Seelenleben als auch über das Göttliche in der Welt und über die Natur. Man kann das, was man aus der tieferen Verfolgung dieser Entwickelung ersehen kann, auch äußerlich bestätigt finden: Man gehe zurück in frühere Zeiten und man wird da, wo von Naturanschauung die Rede ist, nirgends getrennt finden die Betrachtung der äußeren Sinneswelt, der äußeren Natur und dessen, was man die Natur der menschlichen Seele nannte. Noch im 16. Jahrhundert und bis ins 17. Jahrhundert herein enthalten diejenigen Schriften, die über die natürliche Ordnung der Dinge handeln, auch immer dasjenige, was man in der betreffenden Zeit über die Natur der menschlichen Seele zu sagen hatte. Ja, es gab in dieser Zeit neben den geoffenbarten Lehren der Theologie eine Theologia naturalis, eine Theologie, welche ihre Lehre, ihre Anschauung aus der Natur der menschlichen Seele ableiten wollte.
[ 5 ] If one wishes to approach the question posed here—I would say, from a negative perspective—one must take a closer look at how it was not modern natural science itself, but rather the particular character of modern thought that emerged in the wake of natural science. And here one must say that those who do not view history from the outside, superficially, but rather view it by asking themselves: How has humanity developed from age to age in its deepest, spiritual capacities as well? — Just as an individual human being develops, and one cannot say that at thirty, forty, or fifty years of age he possesses the same state of mind—so too, how did humanity develop in its conceptions, in its entire way of thinking, to ultimately arrive at those concepts, those ideas, by which it is predominantly governed in the present? — Anyone who traces the spiritual development of humanity without prejudice will find that in earlier times—and one could say well into the 17th century—humanity held different conceptions, both regarding the life of the human soul and regarding the divine in the world and nature. What can be discerned from a deeper examination of this development can also be confirmed externally: if one goes back to earlier times, one will find, wherever the view of nature is discussed, that the consideration of the external sensory world, external nature, and what was called the nature of the human soul is never treated separately. Even in the 16th century and well into the 17th, the writings that deal with the natural order of things always included what was said at that time about the nature of the human soul. Indeed, during this period, alongside the revealed teachings of theology, there existed a Theologia naturalis—a theology that sought to derive its doctrine and worldview from the nature of the human soul.
[ 6 ] Das ist ein äußeres Zeichen für eine bedeutungsvolle Tatsache. Man hatte eben in früheren Zeiten, bevor das naturwissenschaftliche Denken der neueren Zeit heraufkam, solche Vorstellungen, welche zu gleicher Zeit geeignet waren, den Menschen eine befriedigende Naturerklärung zu geben und auch etwas zu sagen über das menschliche Seelenleben. Es waren die Begriffe über die Seele und den Geist nicht so getrennt von den Begriffen über Natur und Welt, wie das der Fall ist seit dem i7., 18. Jahrhundert, seitdem das naturwissenschaftliche Denken voll eingesetzt hat. Und diese andersgearteten Begriffe — und das ist das Wichtige-, die sind nicht etwa willkürlich damals aufgestellt und später verändert worden. Daß die Begriffe anders geartet wurden, hängt zusammen mit solchen Enwickelungskräften der Menschheit, die ebenso notwendig im Fortgang dieser Entwickelung liegen, wie die Veränderung der Körper- und Seelenkonstitution im Fortgang der individuellen menschlichen Entwickelung liegt, indem man älter wird vom Kind bis zum Greis.
[ 6 ] This is an outward sign of a significant fact. In earlier times, before the emergence of modern scientific thinking, people held such conceptions that were capable of both providing a satisfactory explanation of nature and saying something about the human soul. The concepts of the soul and the spirit were not as separate from the concepts of nature and the world as has been the case since the 17th and 18th centuries, when scientific thinking became fully established. And these different concepts—and this is the important point—were not arbitrarily established at that time and later altered. The fact that these concepts took on a different character is connected to those forces of human development that are just as necessary to the progress of this development as the change in physical and psychological constitution is to the course of individual human development, as one grows older from childhood to old age.
[ 7 ] Wir haben heute einmal durch die Naturwissenschaft solche Begriffe erlangt, welche nicht mehr, wie wir in der vorigen Woche gesehen haben, unmittelbar anwendbar sind, wenn man sich das menschliche Seelenleben erklären will. Und derjenige, welcher nun redlich, ehrlich und mit Ziehung der notwendigen Konsequenzen heute naturwissenschaftlich denken kann, der muß sich fragen: Was bedeutet eigentlich das Eintreten der Naturerkenntnis in die moderne Menschheitsentwickelung?
[ 7 ] Today, through the natural sciences, we have arrived at concepts that—as we saw last week—are no longer directly applicable when seeking to explain the inner life of the human soul. And anyone who is now able to think scientifically—in good faith, honestly, and by drawing the necessary conclusions—must ask themselves: What does the emergence of scientific knowledge actually mean for the development of modern humanity?
[ 8 ] Er kann eine befriedigende Auskunft über diese Frage nur erlangen, wenn er imstande ist, die Naturerkenntnis selber ihrem Wesen nach zu erforschen. Wer von vorneherein einfach auf dem Glauben fußt, daß die Naturwissenschaft das Um und Auf, das Eins und Alles in der Welterklärung ist, der kann nicht zu einer befriedigenden Antwort über diese Frage kommen. Nur wer imstande ist, sich zu fragen: Wie steht Naturwissenschaft zu der gesamten menschlichen Entwickelung? Wie steht sie zu den tiefsten Bedürfnissen und Fragestellungen, die aus der Seele des Menschen hervorquellen können? — nur der kann sich Aufklärung darüber geben, was Naturwissenschaft vermag.
[ 8 ] He can only obtain a satisfactory answer to this question if he is able to investigate the very nature of scientific knowledge itself. Anyone who, from the outset, simply relies on the belief that natural science is the be-all and end-all, the one and only thing in the explanation of the world, cannot arrive at a satisfactory answer to this question. Only those who are able to ask themselves: What is the relationship between the natural sciences and human development as a whole? What is its relationship to the deepest needs and questions that can spring from the human soul? — only they can gain clarity about what the natural sciences are capable of.
[ 9 ] Man muß gewissermaßen die Naturwissenschaft selber naturwissenschaftlich betrachten können. Und da darf man wohl darauf aufmerksam machen, daß ein Bedeutsames darin liegt, daß gerade auch schon bedeutende Denker, die sich mit dieser Frage befaßt haben, doch darauf gekommen sind, daß die Naturwissenschaft gewissermaßen naturgemäße Grenzen hat, Grenzen, von denen wir ja im ersten Vortrage gesprochen haben, die aber von dem denkenden Menschen der Gegenwart schon so gefühlt werden, daß, wenn die Leute einen Überblick sich verschaffen über dasjenige, was die Naturwissenschaft in ihren verschiedenen Gebieten verzeichnet, sie sich dann sagen müssen: Mit all diesen Vorstellungen, mit all diesen Begriffen, die uns die Naturwissenschaft verschafft auf Grundlage einer so strengen methodischen Forschung, wie wir sie haben, mit all diesen Begriffen, gerade wenn wir sie recht streng anschauen, kommen wir doch eigentlich in das nicht hinein, in das hineinzukommen wir ein natürliches Erkenntnisbedürfnis in unserer Seele tragen. Man fühlt gewissermaßen, daß die Naturwissenschaft zwar da ist, nicht anders sein kann, als sie ist — selbstverständlich von Irrtümern und Ausnahmen abgesehen —, aber daß sie gerade, wenn sie ihr Ideal erfüllt, nicht das tiefste Erkenntnisbedürfnis des Menschen auch gegenüber der Natur selber befriedigen kann.
[ 9 ] One must, so to speak, be able to view the natural sciences themselves from a scientific perspective. And in this regard, it is worth noting that it is significant that even prominent thinkers who have addressed this question have nevertheless come to the conclusion that natural science has, so to speak, limits inherent in nature—limits that we discussed in the first lecture, but which are already so keenly felt by the thinking person of today that, when people gain an overview of what natural science has documented in its various fields, they must then say to themselves: With all these ideas, with all these concepts that natural science provides us on the basis of such rigorous methodological research as we have, with all these concepts—especially when we examine them very closely—we still do not actually penetrate into that which we carry within our souls as a natural need for knowledge. One feels, as it were, that while the natural sciences are there—and cannot be anything other than what they are (apart from errors and exceptions, of course)—precisely when they fulfill their ideal, they cannot satisfy humanity’s deepest need for knowledge, even in relation to nature itself.
[ 10 ] Ich möchte dasjenige, was empfunden wird, in der folgenden paradoxen Weise aussprechen. Die Leute sind ja darüber sich einig geworden — so ist die Entwickelung gegangen in der neueren Zeit —, daß die Vorfahren auf einer kindlichen Stufe des Erkennens standen, bis eben die neuere Naturwissenschaft eine Änderung gebracht hat. Die Alten haben aus einer mehr oder weniger phantasteähnlichen Seelenbeschaffenheit heraus sich Vorstellungen auch über die Natur gebildet, Vorstellungen, die allerlei Geistiges in der Natur vermuteten, die allerlei Geistiges in der Natur sich auch begrifflich veranschaulichten. Man hat davon gesprochen, daß die Leute die Kräfte suchten, die hinter den Erscheinungen der Natur seien. Allein in ihren kindlichen Vorstellungen fanden diese Alten nicht Naturkräfte, sondern nur Naturgespenster. Und man sah wirklich, indem man stolz ist auf die Errungenschaften der neueren Naturwissenschaft, mit einem gewissen Hochmut zurück auf diese alten Denker, diese alten Erdenmenschen, die suchten, was hinter der sichtbaren Natur stecke. Und statt der wirklichen Naturkräfte, welche nun heute endlich gefunden werden, suchten diese Alten allerlei Gespenster, persönlich geartete Wesenheiten und dergleichen hinter den Naturerscheinungen, Wesenheiten, von denen man eben innerhalb des naturwissenschaftlichen Zeitalters sich nur die Vorstellungen bilden konnte, daß sie gar nichts zu tun haben mit der Naturordnung, daß sie hervorgehen aus einer menschlichen Seelenkraft, die eben nicht eindringen kann in die Wirklichkeit der Natur, und die sich daher von sich aus über diese Natur allerlei Vorstellungen macht.
[ 10 ] I would like to express what is felt in the following paradoxical way. People have, after all, come to agree—as developments have unfolded in recent times—that our ancestors were at a childlike stage of cognition until modern science brought about a change. The ancients, drawing from a more or less fanciful state of mind, formed conceptions about nature as well—conceptions that posited all manner of spiritual elements in nature and that also conceptualized these spiritual elements in nature. It has been said that people sought the forces believed to lie behind the phenomena of nature. Yet in their childlike conceptions, these ancients found not natural forces, but only natural ghosts. And indeed, taking pride in the achievements of modern natural science, we look back with a certain arrogance on these ancient thinkers, these ancient earthly beings, who sought what lay behind visible nature. And instead of the actual forces of nature—which have now finally been discovered—these ancient people sought all manner of ghosts, personalized entities, and the like behind natural phenomena, entities about which, precisely within the age of natural science, one could only form the notion that they have nothing at all to do with the order of nature, that they arise from a human soul force which simply cannot penetrate the reality of nature, and which therefore, of its own accord, forms all manner of conceptions about this nature.
[ 11 ] Nun aber, nachdem dies, was ich jetzt gesagt habe, noch vor ganz kurzer Zeit eigentlich ein selbstverständliches Dogma für jeden naturwissenschaftlich Denkenden war, kommen heute doch schon einzelne Persönlichkeiten, und deren Anschauungen sind immerhin bemerkenswert, darauf: Ja, wenn wir nun wirklich unsere Naturbegriffe anschauen, wenn wir nicht in dem Vorurteil leben, wir begreifen mit den Naturbegriffen auch das Wesen der Natur, sondern wenn wir diese Naturbegriffe so nehmen, wie sie sind, und abwarten, wie sie sich zu dem stellen, was wir eigentlich erleben an der Natur, wenn wir den vollen Menschen, nicht bloß unseren Verstand und unsere Experimentierkunst wirken lassen, dann verhalten sich diese naturwissenschaftlichen Vorstellungen einer unbefangenen Einsicht gegenüber doch so wie die alten Gespenster. Die naturwissenschaftlichen Vorstellungen haben etwas sehr Gespenstisches. — Es gibt heute doch schon so vorurteilslose Leute, die sagen: Die Alten haben aus ihrer Seelenverfassung heraus sich Gespenster vorgestellt; aber wir tun schließlich, gerade wenn wir rechte Naturforscher sind, auch nichts anderes. Denn das, was wir glauben in unseren Köpfen zu tragen als Vorstellungen über die Natur, ist in demselben Grade unwirklich gegenüber der Natur, wie die alten Gespenster unwirklich geglaubt wurden von der Naturwissenschaft.
[ 11 ] But now, even though what I have just said was, until very recently, essentially a self-evident dogma for anyone who thought scientifically, there are already a few individuals today—whose views are, after all, noteworthy—who argue: Yes, if we really examine our concepts of nature, if we do not live under the prejudice that that through these concepts of nature we also grasp the essence of nature itself, but rather if we take these concepts of nature as they are and see how they relate to what we actually experience in nature—if we allow the whole human being, not merely our intellect and our experimental skills, to be at work—then these scientific concepts behave toward an unbiased insight just like the ghosts of old. Scientific concepts have something very ghostly about them. — There are already people today who are so free of prejudice that they say: The ancients imagined ghosts based on the state of their souls; but ultimately, especially if we are true natural scientists, we are doing nothing different. For what we believe we carry in our minds as ideas about nature is just as unreal in relation to nature as the old ghosts were believed to be unreal by natural science.
[ 12 ] Diese Einsicht hat etwas sehr Berechtigtes. Und man findet die Berechtigung, wenn man sich frägt: Ja, wie kommt der Mensch eigentlich zur Naturerkenntnis? Zuerst steht der Mensch ja nicht erkennend, sondern höchstens beobachtend der Natur gegenüber. Und indem er die Natur beobachtet, tritt sie ihm allerdings in einer ganz anderen Lebendigkeit entgegen, als dann das Bild lebendig ist, das er sich machen kann in seinen naturwissenschaftlichen Vorstellungen. Wenn wir mit Augen und Ohren, wenn wir als ganzer Mensch, aber auch mit unserem Verstande der Natur gegenüberstehen und nicht bloß denken in Naturgesetzen und experimentieren im Laboratorium, wenn wir eben der Natur, so wie sie sich uns darstellt, beobachtend und die Beobachtungen denkend durcharbeitend gegenüberstehen, dann leben wir mit der Natur. Aber indem wir beginnen über die Natur zu forschen, können wir nicht das Leben aus der Natur mitnehmen. Und weil wir das Leben nicht mitnehmen können, weil wir lebendig als eins mit der Natur nur im unmittelbar erlebenden Beobachten stehen, so machen wir eigentlich die Natur, indem wir sie durch die Naturwissenschaft zu erfassen, gleichsam in uns einzusaugen versuchen, wir machen die Natur ärmer. Und wenn wir richtig naturwissenschaftlich erkennen wollen, machen wir sie eben in unserem Naturerkennen zum Gespenst. Das ist einfach eine Tatsache, die sich ebenso der Beobachtung ergibt, wie irgend etwas anderes sich der Beobachtung ergibt.
[ 12 ] There is something very valid about this insight. And one finds its validity when one asks: Yes, how does a person actually come to an understanding of nature? At first, a person does not approach nature with the intent to understand it, but at most to observe it. And as they observe nature, it indeed presents itself to them with a vitality quite different from the vividness of the image they can form in their scientific conceptions. When we face nature with our eyes and ears, as whole human beings, but also with our intellect—and not merely by thinking in terms of natural laws and experimenting in the laboratory—when we simply face nature as it presents itself to us, observing it and thoughtfully processing our observations, then we live with nature. But as soon as we begin to investigate nature, we cannot take life with us from nature. And because we cannot take life with us—because we stand as one with nature, alive, only in the act of immediate, experiential observation—we actually impoverish nature by attempting, as it were, to suck it into ourselves as we seek to grasp it through the natural sciences. And if we want to understand nature correctly through the natural sciences, we turn it into a specter in our very understanding of nature. This is simply a fact that emerges from observation just as anything else does.
[ 13 ] Es kommt nun allerdings gegenüber einer solchen Tatsache darauf an, daß man den Mut hat, sie sich zu gestehen. Was wird man tun, wenn man sich diese Tatsache gesteht: Wir kommen, indem wir die Natur erkennen, eigentlich zu einer Art von Auffassung, die unser erkennendes Bild von der Natur als Gespenst nimmt. — Man kommt dazu, sich diese Wahrheit wirklich vor die Seele zu legen und sich zu sagen: Also ist Naturerkenntnis etwas, was ins Gespenstische hinführt. — Und im erkennenden Wechselverkehr des Menschen mit der Natur auf naturwissenschaftliche Art verhält sich der Mensch so, daß er, wenn er sich von der Natur, von der Naturbeobachtung entfernt, ein Gespenst der Natur nährt.
[ 13 ] Faced with such a fact, however, what matters is having the courage to admit it to oneself. What will one do when one admits this fact to oneself: By recognizing nature, we actually arrive at a kind of understanding that turns our cognitive image of nature into a specter. — One comes to truly take this truth to heart and say to oneself: Thus, knowledge of nature is something that leads into the spectral realm. — And in humanity’s cognitive interaction with nature in the scientific sense, human beings behave in such a way that, when they distance themselves from nature and from the observation of nature, they nourish a specter of nature.
[ 14 ] Es gibt eine Persönlichkeit der neueren Menschheitsentwickelung, die nicht so offen, dafür aber nicht so paradox dasjenige ausgesprochen hat, was ich eben jetzt ausgesprochen habe, die es aber tief empfunden hat — und das ist Goethe. Weil Goethe in seinem Zeitalter schon zu stehen wußte in dieser mit sich selbst im Einklange sich befindlichen Weise zur Natur, deshalb wurde er auch nicht verstanden, für einen Dilettanten gehalten auf dem Naturforschergebiete. Man hat heute noch alle Mühe — ich darf es sagen, weil ich mich seit Jahrzehnten bemühe, einiges Verständnis für Goethe in unserer Zeitgenossenschaft nach dieser Richtung hin zu erwecken —, Goethes Art der Naturanschauung zum Verständnisse zu bringen.
[ 14 ] There is a figure in the recent history of human development who did not express what I have just said quite so openly, though certainly not in such a paradoxical way, but who felt it deeply—and that is Goethe. Because Goethe, even in his own time, knew how to stand in this way toward nature—in harmony with himself— he was consequently misunderstood and regarded as a dilettante in the field of natural science. Even today, it is still a great struggle—and I may say this because I have been striving for decades to awaken some understanding of Goethe in our contemporary society in this regard—to help people grasp Goethe’s view of nature.
[ 15 ] Was ist diese Art? Diese Art, die immer mehr und mehr wird ausgebildet werden, die — mag sein, bei Goethe noch dilettantisch, unvollkommen —, die aber weiter ausgebildet, echt wissenschaftlich ausgebildet werden muß, die dann zur wahren Naturerkenntnis auf allen Gebieten führen kann, was ist diese Art? Diese Art besteht darin, daß man dem menschlichen Erkennen, insoferne es sich von der Natur entfernt, dem bloßen Nachdenken, von dem ich auch schon die vorige Woche sprach von einem anderen Gesichtspunkte aus, so sich nähern kann, daß man dieses Nachdenken nicht nur dazu verwendet, um der Natur Gelegenheit zu geben, ihre gespenstische Wesenheit vor die menschliche Seele zu stellen. Goethe strebte nicht nach Naturgesetzen, die immer Abstraktionen sind, die immer etwas Totes sind gegenüber der lebendigen Natur. Goethe strebte nach reinen Erscheinungen, wie er es nannte: Urphänomenen. Er strebte dahin, das menschliche Denken nicht so zu verwenden, als ob es von sich aus Aufklärungen geben sollte über die Natur, als ob es solche Gesetze finden sollte wie die Gesetze von der Erhaltung der Kraft oder des Stoffes, die rein ausgedacht sind; sondern Goethe strebte danach, den Gedanken dazu zu verwenden, die Erscheinungen so zusammenzustellen, daß nichts mehr vom Menschen selbst durch diese Naturerscheinungen spricht, sondern daß die Erscheinungen rein durch sich selbst sprechen.
[ 15 ] What is this approach? This approach, which will be developed more and more—which, though perhaps still amateurish and imperfect in Goethe’s work—must be further developed, developed in a truly scientific manner, and which can then lead to a true understanding of nature in all fields—what is this approach? This approach consists in approaching human cognition—insofar as it distances itself from nature, from mere reflection, which I also spoke about last week from a different perspective—in such a way that this reflection is not merely used to give nature the opportunity to present its ghostly essence before the human soul. Goethe did not strive for laws of nature, which are always abstractions, which are always something dead in contrast to living nature. Goethe sought pure phenomena, as he called them: “primordial phenomena.” He strove not to use human thought as if it were meant to provide explanations of nature on its own, as if it were meant to discover laws such as those of the conservation of energy or matter, which are purely conceptual; rather, Goethe strove to use thought to arrange the phenomena in such a way that nothing of humanity itself speaks through these natural phenomena, but that the phenomena speak purely through themselves.
[ 16 ] Wenn wir jetzt aus dem Instinktiven, das der Gedanke bei Goethe hatte, herausgehen zu einem vollbewußten, besonnenen Erfassen, wohin kommen wir hier? Da kommen wir dahin, die Frage so zu beantworten, wie sie nur die übersinnliche Erkenntnis beantworten kann. Wir kommen dahin, zu fragen: Ja, was liegt eigentlich vor in dem, was wir in der Natur beobachten, wenn wir mit unseren Sinnen beobachten? — Es liegt dasjenige vor, was in der angedeuteten Art ein Gespenst ist, ein Gespenstischbilden. Das ist natürlich schon in der Natur enthalten, denn wir saugen es aus ihr heraus. Aber was ist noch in der Natur enthalten, außer dem, wenn wir mit ihr durch unsere Augen und Ohren in lebendigem Verkehr stehen, wenn wir uns unmittelbar den sinnenfälligen Eindrücken hingeben?
[ 16 ] If we now move from the instinctive approach that Goethe’s thought took to a fully conscious, deliberate understanding, where does that lead us? It leads us to answer the question in the way that only supersensible knowledge can answer it. We come to ask: Yes, what is actually present in what we observe in nature when we observe with our senses? — What is present is that which, in the manner indicated, is a phantom, a phantom-like formation. This is, of course, already contained within nature, for we draw it out of her. But what else is contained in nature, besides this, when we are in living communion with her through our eyes and ears, when we surrender ourselves directly to sensory impressions?
[ 17 ] Wer in dieser Weise, wie wir in der vorigen Woche hier angedeutet haben, auf der einen Seite das Vorstellungsvermögen, auf der anderen Seite das Willensvermögen bis zur übersinnlichen Erkenntnis schult, der kommt dahin, sich zu sagen: In dem Sinnenfälligen, wie es uns umgibt, ist schon, soweit es die Natur betrifft, das Übersinnliche drinnen. —Nur, auf dem Wege der Naturerkenntnis lassen wir das Übersinnliche weg und müssen es weglassen. Warum? Weil wir Menschen, insofern wir zwischen Geburt und Tod hier im physischen Leibe so organisiert sind, wie wir eben sind, dasjenige, was unser Geistig-Ewiges ist, selbst in einen sinnenfälligen Leib verwandelt haben. Wir sind nicht dadurch Mensch, daß wir in einem Hause des Übersinnlichen, das in uns als Ewiges lebt, wohnen, sondern wir sind dadurch Menschen, daß, indem wir eingetreten sind aus einer übersinnlichen Welt durch die Geburt oder die Empfängnis in das Sinnliche, das Übersinnliche, das vorher im rein Geistigen gelebt hat, sich umgewandelt hat in einen sinnlichen Leib, der zwischen Geburt und Tod als Sinnliches sich auslebt und der durch den Tod wiederum in das Übersinnliche eingeht, wie ich das im vorigen Vortrage auseinandergesetzt habe.
[ 17 ] Anyone who, as we hinted at here last week, trains both the power of imagination on the one hand and the power of will on the other to the point of supersensory knowledge will come to say to themselves: In the sensory world that surrounds us, the supersensible is already present, as far as nature is concerned. —However, on the path of natural science, we leave out the supersensible and must leave it out. Why? Because we human beings—insofar as we are organized here in the physical body between birth and death as we are—have ourselves transformed that which is our spiritual-eternal essence into a sensory body. We are not human because we dwell in a home of the supersensible, which lives within us as the eternal, but we are human because, having entered from a supersensible world into the sensible world through birth or conception, the supersensible, which previously lived in the purely spiritual realm, has been transformed into a physical body that lives out its existence as a physical entity between birth and death and which, through death, returns to the supersensible, as I explained in the previous lecture.
[ 18 ] Dadurch, daß wir selbst als Menschen sinnlich organisiert sind, muß dasjenige, was seinen Weg durch uns macht, die Naturbeobachtung, wenn sie Naturerkenntnis wird, sich vom Übersinnlichen entfernen. Und so kommt man durch eine wirklich übersinnliche Betrachtung auf folgendes. Man kommt darauf, einzusehen: wenn wir der Natur in ihrer bunten Mannigfaltigkeit des Lichtes und der Farben, in ihren Tönen, in allen ihren anderen sinnenfälligen Erscheinungen gegenüberstehen, dann offenbart sich ungetrennt ein Übersinnliches mit einem Sinnlichen, Übersinnliches im Sinnlichen. Insofern wir aber als Menschen betrachtend, erklärend an die Natur herantreten, können wir nur dasjenige aus der Natur entnehmen, was wir Menschen — die wir sinnliche Wesen sind und die der Sinnlichkeit angehören zwischen Geburt und Tod, nicht dem Übersinnlichen, das sich im Sinnlichen offenbart — in uns verarbeiten können. Weil wir so organisierte Menschen sind, machen wir durch unsere eigene sinnliche Natur dasjenige, was wir als Naturwissenschaft ausbilden, zu einem bloßen Bilde des Sinnlichen, was ein Gespenst sein muß, weil in dem, was uns als Natur umgibt, zugleich das Übersinnliche drinnen enthalten ist.
[ 18 ] Because we ourselves, as human beings, are organized through our senses, that which finds its way through us—the observation of nature, when it becomes knowledge of nature—must distance itself from the supersensible. And so, through a truly supersensible contemplation, one arrives at the following. One comes to realize that when we face nature in its colorful diversity of light and colors, in its sounds, and in all its other sensory phenomena, the supersensible reveals itself inseparably united with the sensory—the supersensible within the sensory. However, insofar as we, as human beings, approach nature with a contemplative and explanatory mindset, we can derive from nature only that which we humans—who are sensory beings and who, between birth and death, belong to the realm of the sensory, not to the supersensible that reveals itself within the sensory—can process within ourselves. Because we are human beings organized in this way, our own sensory nature causes what we develop as natural science to become a mere image of the sensory—which must be a phantom—because the supersensible is simultaneously contained within what surrounds us as nature.
[ 19 ] Daher gelangt derjenige, der wirklich auf die Art, wie Sie sie auch angegeben finden können in der «Geheimwissenschaft im Umriß» oder in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», sich in die Fähigkeit versetzt, Übersinnliches zu beobachten, dazu, sich zu sagen: Im Weltenall, dem man gegenübersteht, ist überall Übersinnliches enthalten. Und gehen wir über das Gespenst hinaus, das wir uns selbst in dem Bilde über die Natur machen müssen, so kommen wir nicht zu toten Atomen, kommen wir nicht zu Kraft und Stoff, sondern wir kommen zu übersinnlich Geistigem. Dieses Übersinnlich-Geistige kann und muß einen übersinnlichen Erkenntnisweg zu erkennen uns möglich machen.
[ 19 ] Therefore, anyone who truly develops the ability to observe the supersensible—as described in An Outline of Esoteric Science or How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?—will find themselves saying: The universe that lies before us contains the supersensible everywhere. And if we go beyond the illusion that we are forced to form of nature, we do not arrive at dead atoms; we do not arrive at force and matter; rather, we arrive at the supersensible spiritual. This supersensible spiritual can and must make it possible for us to recognize a supersensible path of knowledge.
[ 20 ] Wer Einsicht erhält in das Verhältnis des Menschen zu der ihn umgebenden Natur, sucht nicht nach toten Atomen, nicht nach Molekülen, nicht nach einem Übersinnlich-Sinnlichen, sondern nach dem wirklichen Übersinnlichen. Und dann findet man, wenn man übersinnlich forscht, nicht materielle Unterlagen desjenigen, was uns in Farben und Tönen umgibt, sondern man findet geistige Wesenheiten, übersinnliche Wesenheiten, die überall in der Natur enthalten sind. So daß die Naturwissenschaft, richtig aufgefaßt, gerade wenn sie rein die Erscheinungen im Goetheschen Sinne vor die Seele hinstellen will, dann in bezug auf das, was jenseits der Erscheinungen liegt, nicht Totes, sondern Lebendig-Geistiges wird. Gerade wenn man ehrlich und konsequent mit der Naturforschung zu Werke geht, wenn man nicht durch den Verstand oder durch die Experimentierkunst glaubt, über die Natur etwas ausmachen zu können, sondern wenn man weiß, daß man nichts anderes kann, als die Natur bis zur Erscheinung zu treiben, wo sie sich selbst ausspricht, dann weiß man, daß man mit diesen Erscheinungen, mit dem, was Goethe Urphänomene nennt, unmittelbar vor dem Übersinnlichen steht, daß man dann nicht nötig hat, aus Gesetzen der Kraft und des Stoffes heraus zu erklären, sondern daß man dann in die Notwendigkeit versetzt ist, aus Geistigem heraus zu erklären. Dies gibt im Grunde eine wirklich kritische, unbefangene Betrachtung, ich möchte sagen eine naturwissenschaftliche Betrachtung des Naturerkennens selbst.
[ 20 ] Anyone who gains insight into the relationship between human beings and the nature that surrounds them does not seek dead atoms, nor molecules, nor a “supersensible-sensible” realm, but rather the truly supersensible. And then, when one investigates the supersensible, one does not find material foundations for what surrounds us in colors and sounds, but rather one finds spiritual beings, supersensible beings, that are present everywhere in nature. Thus, when properly understood, natural science—precisely when it seeks to present phenomena to the soul in the Goethean sense—becomes, in relation to what lies beyond phenomena, not something dead but something living and spiritual. Precisely when one approaches natural research honestly and consistently—when one does not believe, through the intellect or the art of experimentation, that one can determine anything about nature, but rather knows that one can do nothing other than drive nature to the point of phenomenon where it expresses itself— then one knows that with these phenomena—with what Goethe calls “primordial phenomena”—one stands directly before the supersensible, that one then has no need to explain them on the basis of laws of force and matter, but that one is then compelled to explain them from a spiritual perspective. This essentially provides a truly critical, unbiased perspective—I would say a scientific perspective—on the very process of understanding nature.
[ 21 ] Wie verhält sich dazu nun die Geisteswissenschaft, die übersinnliche Erkenntnisse von sich aus will? Wenn Sie den Weg ins übersinnliche Erkennen nehmen, wie ich es Ihnen in der vorigen Woche charakterisiert habe, so werden Sie sich sagen: Wenn der Mensch durch jene Umwandlungen des Vorstellungsvermögens, des Willensvermögens wirklich dahin gelangt, das Übersinnliche so zu schauen, wie man durch Augen die Farben schaut, durch Ohren die Töne hört, wenn der Mensch dieses Übersinnliche so schaut, wie er sonst im gewöhnlichen Leben das Sinnliche schaut, dann ist dieser Übergang zum übersinnlichen Schauen wahrhaftig im Seelenerleben wie ein Aufwachen. Und dieses Erleben macht auch wirklich derjenige durch, der ein Geistesforscher ist. Man kann sagen: Wie im gewöhnlichen Erleben der Mensch aufwacht vom Schlafe oder Traumesleben und weiß, daß er während des Schlafes und Traumeslebens bloß in Bildern gelebt hat, und dann übergeht dadurch, daß er seinen Willen mit der äußeren Wirklichkeit in Verbindung zu stellen weiß, zu einer Welt, die er wirklich nennt gegenüber der Bilderwelt des Traumes, so wacht aus der Welt, in der wir sonst im gewöhnlichen wachenden Zustande sind, der Geist-Erkenner, derjenige, der bis zur übersinnlichen Forschung dringt, auf, indem er eine andere Welt vor sich hat, die sich zu der gewöhnlichen Sinneswelt verhält, wie sich die gewöhnliche Sinneswelt zu der Bilderwelt des Traumes verhält. Es ist ein Aufwachen. Dieses Aufwachen kann in der Seele erlebt werden.
[ 21 ] How, then, does spiritual science—which seeks supersensory knowledge of its own accord—relate to this? If you take the path to supersensible knowledge, as I described it to you last week, you will say to yourselves: If a person, through those transformations of the power of imagination and the power of will, truly comes to to perceive the supersensible just as one perceives colors through the eyes and hears sounds through the ears—if a person perceives this supersensible realm just as he otherwise perceives the sensory world in ordinary life—then this transition to supersensible perception is truly like an awakening in the soul’s experience. And this experience is indeed undergone by anyone who is a researcher of the spiritual sciences. One might say: Just as in ordinary experience a person awakens from sleep or the dream state and knows that during sleep and the dream state he has lived merely in images, and then—by knowing how to connect his will with external reality—transitions to a world he truly calls “reality” in contrast to the world of dream images, so, from the world in which we are otherwise in our ordinary waking state, the spiritual researcher—the one who delves into supersensory research—awakens by having before him another world that relates to the ordinary sensory world just as the ordinary sensory world relates to the world of dream images. It is an awakening. This awakening can be experienced in the soul.
[ 22 ] Dann wiederum werden diejenigen Erscheinungen, die wir in der Welt ringsherum um uns haben, eben zu Bildern in bezug auf die höhere, übersinnliche Welt, wie die Traumbilder bei gesundem Denken als Bilder genommen werden von dem, was man in der Sinnenwelt hat. Ich möchte an einem Beispiel andeuten, wie sich für den Geist-Erkenner die gewöhnliche Welt des Sinnlichen in eine Bilderwelt verwandelt. Man muß diese Dinge nur richtig verstehen, nicht irgendwie mystisch träumen, und nicht ins Nebulose kommen.
[ 22 ] Then, in turn, the phenomena we encounter in the world around us become images in relation to the higher, supersensible world, just as, in healthy thinking, dream images are regarded as images of what one experiences in the sensory world. I would like to use an example to illustrate how, for the spiritual knower, the ordinary sensory world is transformed into a world of images. One need only understand these things correctly—not engage in some kind of mystical daydreaming, nor slip into vagueness.
[ 23 ] Die gewöhnliche Naturwissenschaft betrachtet selbstverständlich den Menschen, indem sie gewissermaßen gleichwertig nebeneinandersetzt das Haupt, den Rumpf, die Gliedmaßen, die Extremitäten — mit dem, meine ich jetzt, was sich nach innen fortsetzt, wo zu den Gliedmaßen dann in morphologischer Denkungsweise auch alles Sexuelle gehört. Für das gewöhnliche Anschauen sind diese drei Glieder der menschlichen Natur etwas, ich möchte sagen, Absolutes, etwas Gleichwertiges. Vor der Geistesanschauung wird der Mensch, indem er als Sinneswesen vor uns steht, Bild seiner höheren, übersinnlichen Wesenheit, wie das gewöhnliche Tageserlebnis zum Bilde wird, wenn wir davon träumen. Dann aber wird auch die Menschenerkenntnis dadurch, daß der Mensch bezogen wird auf seine ewige übersinnliche Wesenheit, eine andere werden.
[ 23 ] Conventional natural science, of course, views the human being by placing the head, the torso, the limbs, and the extremities—I mean, in this context, what continues inward—side by side as if they were of equal value; in a morphological way of thinking, everything sexual also belongs to the limbs. To ordinary perception, these three aspects of human nature are, I would say, absolute, something of equal value. From the perspective of spiritual insight, however, the human being—as a sensory being standing before us—becomes an image of his higher, supersensory essence, just as ordinary daily experience becomes an image when we dream about it. But then, too, our understanding of the human being becomes something different as a result of relating the human being to his eternal, supersensory essence.
[ 24 ] Indem man das Erkennen mit der Bildnatur durchdringt, vorstellend, wird das ganze Erkennen des Menschen anders. Dann bleiben nicht mehr das Haupt — wenn ich nur auf diese zwei Glieder der Menschennatur Rücksicht nehmen will — und die Extremitätennatur gleichwertig, sondern dann sieht man in der Hauptesgestalt, wenn man sie genau studiert, dasjenige, was in seiner Formung dem vergangenen geistigen Leben nachgebildet ist, bevor der Mensch in die Sinneswelt eingetreten ist. Und in demjenigen, was Extremitätennatur ist, sieht man dasjenige, was vorgebildet ist — jetzt noch embryonal, was aber sich ausbilden wird in dem, was aus dem Menschen wird in der Zukunft, vor allen Dingen dann wird, wenn er in die übersinnliche Welt durch die Pforte des Todes eintritt. Es mag heute noch paradox klingen, allein das ist dasjenige, was in einer wirklich geisteswissenschaftlichen Auffassung aus der Goetheschen Metamorphosenlehre hervorgehen wird.
[ 24 ] By permeating cognition with the nature of the image—that is, through imagination—the whole of human cognition is transformed. Then—if I consider only these two aspects of human nature—the head and the nature of the extremities are no longer of equal value; rather, when one studies the form of the head closely, one sees in it that which, in its shaping, is modeled after the past spiritual life, before the human being entered the world of the senses. And in what constitutes the nature of the extremities, one sees that which is preformed—still embryonic at present, but which will develop into what the human being will become in the future, especially when he enters the supersensible world through the gate of death. It may still sound paradoxical today, but this is what will emerge from Goethe’s theory of metamorphosis in a truly spiritual-scientific understanding.
[ 25 ] Goethe betrachtete die einzelne Form der Pflanze, die einzelne Form am Tier und Menschen in ihrer Verwandlung, wie sie Bilder sind einer Grundgestalt. Eine umfassende geistige Metamorphosenlehre wird betrachten das Haupt als eine Metamorphose der Extremitäten des Menschen, aber so, daß sie das eine auf die Vergangenheit, das andere auf die Zukunft bezieht. Dann wird der Mensch selbst in seiner äußeren Konfiguration Bild desjenigen, was er im Geistigen ist. Und so wird alles Bild des Übersinnlichen, wie der Traum Bild wird, wenn wir uns in den Schlaf begeben. Was der Mensch im Übersinnlichen ist, wird während seiner Anwesenheit im Sinnlichen, während er darinnen wacht, Bild des Übersinnlichen, wie das Sinnliche Bild wird, wenn er in den Schlaf sinkt. Diese Erkenntnis ist ein unmittelbares, ich darf sagen empirisches Ergebnis der übersinnlichen Erfahrung.
[ 25 ] Goethe regarded the individual form of the plant, the individual form in animals and humans, in their transformation, as if they were images of a fundamental form. A comprehensive spiritual theory of metamorphosis will regard the head as a metamorphosis of the human extremities, but in such a way that it relates one to the past and the other to the future. Then the human being himself, in his outward configuration, becomes an image of what he is in the spiritual realm. And thus everything becomes an image of the supersensible, just as a dream becomes an image when we fall asleep. What a human being is in the supersensible becomes, during his presence in the sensible world—while he is awake within it—an image of the supersensible, just as the sensible world becomes an image when he sinks into sleep. This insight is a direct—I might say empirical—result of supersensible experience.
[ 26 ] Und nun vergleichen wir, was diese übersinnliche Erkenntnis aus sich selbst heraus, also als Anschauung über die Welt gewinnt, selbst über die Natur des Menschen, wenn sie Naturerkenntnis des Menschen anstrebt: Der Mensch und alle Natur wird zum Bilde, das erst bezogen werden muß auf eine übersinnliche Wirklichkeit. Nun stimmt das nicht vollständig mit dem überein, was der Naturforscher heute, wenn er denkt, selber findet als eine letzte Konsequenz. Er findet, daß seine Naturerscheinung gespenstisch wird, zum Bilde wird. Die übersinnliche Erkenntnis zeigt, daß alles dasjenige, was wir im Sinnenfälligen wahrnehmen, Bild werden muß, daß es bezogen werden muß auf ein Übersinnliches. Kurz, es gibt nichts, was so sehr zusammenläuft in ein harmonisches Auffassen der Welt als dasjenige, was man findet, wenn man nicht ein dogmatisch gläubiger Naturwissenschafter der Gegenwart ist, sondern ein denkender Naturwissenschafter, der seine Naturwissenschaft selber naturwissenschaftlich beobachten kann, der dann mit dem übereinstimmt, was der Geistesforscher über die Natur sagen muß, insoferne sie sich uns in der Beobachtung darbietet.
[ 26 ] And now let us compare what this supersensible knowledge gains of itself—that is, as an intuition of the world—even regarding human nature, when it strives for knowledge of human nature: Human beings and all of nature become an image that must first be related to a supersensible reality. Now, this does not entirely correspond to what the natural scientist today, when he reflects, finds to be the ultimate consequence. He finds that the natural phenomenon becomes ghostly, becomes an image. Supersensible knowledge shows that everything we perceive in the sensible world must become an image, that it must be related to a supersensible reality. In short, nothing converges so fully into a harmonious understanding of the world as what one finds when one is not a dogmatically believing contemporary natural scientist, but rather a thinking natural scientist who can observe his own natural science scientifically—and who then agrees with what the spiritual researcher must say about nature, insofar as it presents itself to us in observation.
[ 27 ] Das ist dasjenige, was kommen muß in die Menschheit hinein: daß die Menschen sich in die Lage versetzen, wirklich zu sehen, wie der Weg ins Übersinnliche und der denkerisch durchdrungene Weg ins Sinnliche zusammenlaufen; denn daraus erst wird sich ein totales Bild der Welt ergeben, welches uns nicht zum bloßen Besitzer eines gespenstischen Abbildes der Natur macht, sondern erkennen läßt, uns gestehen läßt, daß wir mit der gewöhnlichen Naturerklärung ein solches Gespenstisches haben schaffen müssen, uns aber zu gleicher Zeit zeigt, wie wir über dieses Naturbild hinaus ins Geistig-Übersinnliche hineindringen können. Dies ist die Stromrichtung, welche auch das naturwissenschaftliche Denken nehmen muß, um hinauszukommen über dasjenige, in das es sich selber notwendig, gerade wenn es sein Ideal erfüllt, hineinbringen muß. Es finden sich gewisse Widersprüche, indem man glaubt, man habe im Naturerkennen die Natur erfaßt, aber man hat eigentlich nur etwas erfaßt, mit dem man nicht hochmütig über die alten «Gespenster» hinwegblicken kann und was selbst nur ein Gespenst ist, hinter dem man die geistige Wirklichkeit suchen muß.
[ 27 ] This is what must come into humanity: that people put themselves in a position to truly see how the path to the supersensible and the path to the sensible—imbued with thought—converge; for only then will a complete picture of the world emerge—one that does not make us mere possessors of a ghostly image of nature, but allows us to recognize and admit that, with the ordinary explanation of nature, we have had to create such a ghostly image, while at the same time showing us how we can penetrate beyond this image of nature into the spiritual and supersensible. This is the direction that scientific thinking must also take in order to move beyond that into which it necessarily leads itself—precisely when it fulfills its ideal. Certain contradictions arise when one believes that, through the study of nature, one has grasped nature itself; yet in reality, one has grasped only something that does not allow one to look down haughtily upon the old “ghosts”—and which is itself merely a ghost, behind which one must seek spiritual reality.
[ 28 ] So steht Geist-Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, nicht in einem Widerspruch zu der Naturerkenntnis, sondern im Gegenteil: sie liefert der Naturerkenntnis dasjenige, was die Naturerkenntnis suchen muß, wenn sie sich selbst versteht; sie liefert, was unbewußt im Grunde genommen in jedem wahren Naturforscher als das Ziel seines Suchens enthalten ist; sie liefert das, was allein Befriedigung geben kann, während das bloße Naturforschen, gerade wenn es richtig betrieben wird, notwendig durch seine eigene Wesenheit ins Unbefriedigende hineinführen muß.
[ 28 ] Thus, knowledge of the spirit, as understood here, is not in contradiction to knowledge of nature; on the contrary, it provides knowledge of nature with precisely what knowledge of nature must seek if it is to understand itself; it provides what is, deep down and unconsciously, contained within every true natural scientist as the goal of his quest; it provides what alone can bring satisfaction, whereas mere natural science, precisely when practiced correctly, must necessarily lead into dissatisfaction by its very nature.
[ 29 ] Wird man immer mehr und mehr den wahren Charakter der übersinnlichen Erkenntnis, die gerade aus der Naturwissenschaft hervorgegangen ist, erkennen, dann wird man finden, daß Naturwissenschaft in neuerem Sinne nur dann bestehen kann, wenn sie sich durch Geisteswissenschaft ergänzt. Die Naturwissenschaft selber muß verlangen nach dieser übersinnlichen Erkenntnis. Dann wird sie erst wahre Naturerkenntnis, das heißt, selbst ein Weg ins Übersinnliche hinein.
[ 29 ] As people come to recognize more and more the true nature of supersensible knowledge—which has emerged precisely from the natural sciences—they will find that the natural sciences, in the modern sense, can only exist if they are complemented by the spiritual sciences. Natural science itself must call for this supersensible knowledge. Only then will it become true knowledge of nature—that is, a path into the supersensible itself.
[ 30 ] Ich wollte darüber nur diese Andeutungen geben. Man könnte viele Vorträge halten, die dann zeigen würden, daß der Gedanke der Naturwissenschaft selber Geisteswissenschaft fordert, wenn sie nicht ins Nichtige auslaufen will, wenn sie nicht in Mißverständnisse über ihr eigenes Forschen kommen will. Ich wollte nur zeigen, wie Naturwissenschaft selbst diese Geisteswissenschaft suchen muß. Naturwissenschaft hat große Triumphe gefeiert, hat Ungeheures im Erkenntnisweg der Menschheit geleistet; aber gerade wenn sie auf ihrem Wege fortschreiten wird, wird sie über sich hinausgelangen, wird sie in den Geist hineinführen.
[ 30 ] I just wanted to make these brief remarks on the subject. One could give many lectures that would show that the very concept of natural science demands the humanities if it is not to come to nothing, if it is not to fall into misunderstandings about its own research. I simply wanted to show how natural science itself must seek this spiritual science. Natural science has celebrated great triumphs and has achieved tremendous feats in the course of human knowledge; but precisely as it continues on its path, it will transcend itself and lead us into the spiritual realm.
[ 31 ] Heute liegen die Dinge so, daß eigentlich nur der sich kritisch verhalten sollte zur Naturwissenschaft, der selber naturwissenschaftlich denken kann, der nicht, sei es durch Unkenntnis, sei es durch Antipathie, negativ zur Naturwissenschaft steht, sondern positiv zu ihr steht. Und wenn ich eine persönliche Bemerkung machen darf, die ich eben nur mache, da sie vielleicht mit Sachlichem zusammenhängt, so ist es diese: Man hat mir vielfach vorgeworfen, daß ich in der langen Reihe meiner Schriften auch solche habe, welche sich intensiv damit befassen, die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts zu rechtfertigen, welche sich ganz, soweit man das mit naturwissenschaftlicher Denkungsweise kann, auf den Boden der Naturwissenschaft stellen. — Allein ich würde kein Wort über die Naturwissenschaft zu Ihnen zu sprechen haben und zu einem anderen Publikum in einer solchen Richtung, wie ich es heute gesprochen habe, wenn ich nicht darauf hinweisen könnte, daß ich es auch verstanden habe da, wo es darauf ankam, mich ganz positiv, zustimmend, insoweit die Zustimmung berechtigt ist, zur Naturwissenschaft zu verhalten. Ich glaube, daß nur derjenige über die Naturwissenschaft sprechen darf, der diese Naturwissenschaft kennt, und der ihre Errungenschaften zu würdigen weiß; während alles Gerede von sogenannten Mystikern oder Theosophen über die Naturwissenschaft, wenn sie die Naturwissenschaft nicht kennen, eben ein müßiges Gerede ist.
[ 31 ] Today, the situation is such that only those who are capable of thinking scientifically themselves should adopt a critical stance toward the natural sciences—those who do not view the natural sciences negatively, whether out of ignorance or antipathy, but rather view them positively. And if I may make a personal remark—which I am only making because it may be related to the subject at hand—it is this: I have often been accused of having, among my long series of writings, some that deal intensively with justifying 19th-century natural science, which, as far as one can do so with a scientific mindset, stand entirely on the ground of natural science. — Yet I would have nothing to say to you—or to any other audience—about natural science in the manner I have spoken today, were I not able to point out that I have also understood, when it mattered, how to take a wholly positive and approving stance toward natural science—insofar as such approval is justified. I believe that only those who know science and who know how to appreciate its achievements are entitled to speak about it; whereas all the talk by so-called mystics or theosophists about science—if they do not know science—is nothing but idle chatter.
[ 32 ] Damit glaube ich wenigstens in einigen Andeutungen über das erste Mißverständnis gesprochen zu haben, das sich gegenüber der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft von denjenigen ergibt, die über sie sprechen, ohne sie zu kennen.
[ 32 ] I believe I have thus addressed, at least in part, the first misunderstanding that arises regarding the anthroposophically oriented spiritual science referred to here on the part of those who speak about it without knowing it.
[ 33 ] Das zweite Mißverständnis ist dieses, daß man sehr häufig so etwas, was auf übersinnliche Erkenntnis geht, in dem angedeuteten Sinne für unpraktisch, für untauglich für das gewöhnliche Leben hält, und daß man das insbesondere in der Gegenwart als einen Tadel auffaßt, weil ja die Gegenwart genötigt ist, sich wirklich in vollstem Sinne des Wortes in das praktische Leben hineinzustürzen. Nun, nur von einer Seite wollen wir das, aber von einer sehr wichtigen Seite, ins Auge fassen, von seiten der Auffassung des sozialen Zusammenlebens der Menschheit. Wissenschaftliche und sonstige Betrachtungen des sozialen Zusammenlebens der Menschheit sind ja geradezu zur Devise, zum Losungswort der neueren Zeit geworden. Und auch dasjenige, was auf diesem Gebiete geschehen ist, steht im Grunde ganz in dem Lichte naturwissenschaftlicher Denkungsweise. Ich lege sogar wenig Wert darauf, daß sich diejenigen, die heute Soziologen sein wollen im rechten Sinne des Wortes zeitgemäß, die eine soziologische Wissenschaft begründen wollen, sich immer mehr und mehr bestreben, naturwissenschaftliche Vorstellungen und Begriffe herüberzunehmen aus der Naturwissenschaft und auf das menschliche soziale Zusammenleben anzuwenden. Darauf möchte ich sogar viel weniger Wert legen, weil Theorien für das wirklich praktische Leben — das zeigt insbesondere die übersinnliche Betrachtungsweise — eigentlich doch nur eine sehr geringe Bedeutung haben.
[ 33 ] The second misunderstanding is this: very often, anything that pertains to supersensory knowledge is considered, in the sense indicated, to be impractical and unsuitable for ordinary life; and this is viewed, especially in the present day, as a criticism, since the present age is compelled to throw itself—in the fullest sense of the word—into practical life. Well, let us consider this from just one perspective—but a very important one—namely, from the perspective of humanity’s social coexistence. Scientific and other analyses of humanity’s social coexistence have, in fact, become the very motto, the watchword of modern times. And what has taken place in this field is, at its core, entirely shaped by the mindset of the natural sciences. I actually attach little importance to the fact that those who today wish to be sociologists in the true sense of the word—contemporary sociologists—and who wish to establish a sociological science, are increasingly striving to adopt scientific concepts and ideas from the natural sciences and apply them to human social coexistence. I would place even less emphasis on this, because theories have, in fact, very little significance for real practical life—as the supersensible perspective in particular demonstrates.
[ 34 ] Was hat sich nicht Lassalle alles vorgestellt, als er jene Denkungsart in sich ausbildete, die er dann zusammenfaßte in seinem berühmten Vortrage «Die Wissenschaft und die Arbeiter». Er hatte das Ideal vor Augen, daß das menschliche Zusammenleben gerade durch den modernen Sozialismus aus dem Instinktiven ins Wissenschaftliche herübergetragen werden müsse, daß das Proletariat der neueren Zeit die Aufgabe habe, sich zu durchdringen mit der Wissenschaft, um dadurch gerade diese neuere Zeit herbeizuführen. Man hat dann gesehen, daß in einer anderen Art, bewußt so denkend, wie man in der Naturwissenschaft denkt, der Marxismus mit seiner materialistischen Geschichtsauffassung versuchte, aus einer Theorie heraus dasjenige zu begründen, was in die Gemüter übergehen sollte und was zu einer sozialen Gestaltung der Welt führen sollte.
[ 34 ] Just imagine what Lassalle envisioned as he developed within himself that way of thinking, which he later summarized in his famous lecture “Science and the Workers.” He had before his eyes the ideal that human coexistence must be transformed—precisely through modern socialism—from the instinctive to the scientific, and that the proletariat of the modern era had the task of imbuing itself with science in order thereby to bring about this very modern era. It then became apparent that, by thinking in a different way—consciously adopting the same mode of thought as in the natural sciences—Marxism, with its materialist conception of history, sought to establish, on the basis of a theory, what was to take root in people’s minds and what was to lead to a social reorganization of the world.
[ 35 ] Nun, diejenigen, die heute noch nicht sehen, nachdem die letzten vier Jahre über die Welt hingezogen sind, daß aus solchen Theorien heraus die menschlichen Gemüter sich sozial sehr wenig beinflussen lassen, die werden es in den nächsten Jahrzehnten eben zu sehen bekommen! Theorien kommen eigentlich wenig in Betracht, wenn das gemeint ist, was hier eigentlich gemeint sein soll: Soziales Zusammenleben und Gestaltung dieses sozialen Zusammenlebens aus den menschlichen Impulsen heraus im umfänglichsten Sinne. Es ist ja sehr viel drinnen in dem, was man zusammenfassen kann in das Wort: aus den menschlichen Impulsen heraus Gestaltung des sozialen Zusammenhanges.
[ 35 ] Well, those who still fail to see today—after the events of the past four years have swept across the world—that such theories have very little influence on human minds in a social context will certainly come to see it in the coming decades! Theories actually have little relevance when it comes to what is really meant here: social coexistence and the shaping of this social coexistence based on human impulses in the broadest sense. There is, after all, a great deal encompassed by what can be summarized in the phrase: the shaping of social cohesion based on human impulses.
[ 36 ] Man könnte jetzt wiederum viel sprechen von all den Versuchen, die gemacht worden sind, mehr oder weniger utopisch, dieses soziale Zusammenleben eben in einer der neueren Menschheit würdigen Weise zu gestalten. Aber darauf lege ich weniger Wert. Viel mehr Wert möchte ich darauf legen, daß sich ja das Leben gestaltet hat, allerdings gestaltet hat bis zu dem, was wir nun als eine furchtbare Weltkatastrophe sich entwickeln sehen in den letzten vier Jahren. Und mindestens einen Teil der Ursachen, die zu dieser furchtbaren Weltkatastrophe geführt haben, haben wir zu suchen in dem realen Widerspruch und Widerstreit der Impulse, in die sich das soziale Leben der Menschheit über die Erde hin hineingetrieben hat.
[ 36 ] One could, of course, speak at length about all the attempts—more or less utopian—that have been made to shape this social coexistence in a way worthy of modern humanity. But I attach less importance to that. I would like to place much greater emphasis on the fact that life has indeed taken shape—albeit in a way that has led to what we now see unfolding as a terrible global catastrophe over the past four years. And at least some of the causes that have led to this terrible global catastrophe are to be found in the real contradiction and conflict of impulses into which the social life of humanity across the earth has been driven.
[ 37 ] Mit Recht hat man darauf aufmerksam gemacht, daß die Menschheit in früheren Zeiten — es ist das dieselbe Zeit, in der man noch nicht im modernen Sinne so naturwissenschaftlich gedacht hat, wie ich es in diesem Vortrage charakterisiert habe — korporativ gelebt hat; Gilden, Zünfte, Zusammengehörigkeiten in der mannigfaltigsten Art waren da.
[ 37 ] It has rightly been pointed out that in earlier times—that is, the same period in which people did not yet think in scientific terms in the modern sense, as I have characterized it in this lecture—humanity lived in corporate communities; guilds, trade associations, and communities of the most diverse kinds existed.
[ 38 ] Dann kam das Zeitalter des modernen Individualismus mit seinem Ideale der menschlichen Freiheit. Man glaubte, diesem Ideale der menschlichen Freiheit, diesem Impuls des Individualismus schuldig zu sein, nach und nach die alten Korporationen aufzulösen. Und wer die Geschichte verfolgt, findet ja, wie diese Korporationen dann allmählich aufgelöst wurden. Man sah dann den weiteren Verlauf des volkswirtschaftlichen Lebens, und man sah, wie im Laufe der letzten Zeiten die Korporationen wieder ins Leben getreten sind. Ich will und kann mich nicht auf Einzelheiten einlassen, sonst müßte man Schritt für Schritt zeigen, wie auf der einen Seite korporative Gesellschaften oder Genossenschaften wie die Konsumentengenossenschaften entstanden, müßte zeigen, wie zum Teil durch Fortschleppen, durch Wiederaufleben der alten Gemeinschaftlichkeit die Menschen versuchten, mit dem Leben zurechtzukommen. Die alten Korporationen sind nicht wieder entstanden; aber bis zu den Trustbildungen hin sind neue Korporationen entstanden und durchziehen unsere soziale Struktur. Auf diese praktische Gestaltung des sozialen Lebens, wie es sich herausgebildet hat, nicht auf die Theorien, die die Menschen darüber ausgedacht haben, möchte ich viel mehr Wert legen.
[ 38 ] Then came the age of modern individualism with its ideal of human freedom. It was believed that, in the name of this ideal of human freedom—this impulse toward individualism—the old guilds should be gradually dissolved. And anyone who follows history will see how these guilds were indeed gradually dissolved. We then observed the further course of economic life, and we saw how, in recent times, the guilds have come back to life. I neither wish nor am able to go into details; otherwise, one would have to show, step by step, how, on the one hand, corporate societies or cooperatives—such as consumer cooperatives—came into being, and how, in part through a lingering legacy and the revival of old forms of community, people tried to cope with life. The old guilds have not been revived; but new corporate entities—extending all the way to the formation of trusts—have emerged and permeate our social structure. I would place far greater emphasis on this practical organization of social life, as it has developed, rather than on the theories that people have devised about it.
[ 39 ] Aber wie sich das alles gestaltet hat, auch wenn man Rücksicht nehmen muß auf die verschiedensten Interessenkräfte, auf andere Impulse des modernen Lebens, so muß man doch sagen: herausentwickelt hat sich die moderne Korporation auf verschiedensten Gebieten; erhalten hat sich dasjenige, was fortgeschleppt wird aus älteren Zeiten dadurch, daß es doch menschlichen Instinkten und menschlichen Willensimpulsen entspricht. Und in dem, wie man die Welt gestaltet hat — darauf lege ich Wert, nicht wie man darüber gedacht hat, sondern wie man die Welt gestaltet hat, wie man die Gemeinschaften gebildet hat, wie man Mensch zu Mensch, wenn auch unbewußt, gegliedert hat —, in dem liegt als innerster Impuls wiederum das naturwissenschaftliche Denken der neueren Zeit, aber in einer ganz besonderen Weise.
[ 39 ] But however all this has taken shape—even if one must take into account the most diverse interests and the various impulses of modern life—one must still say: the modern corporation has developed in a wide variety of fields; what has been preserved from earlier times is that which corresponds to human instincts and the impulses of the human will. And in the way the world has been shaped—and I emphasize this: not how people thought about it, but how they shaped the world, how they formed communities, how they organized human relationships, even if unconsciously—the scientific thinking of recent times lies at the very core as the innermost impulse, but in a very special way.
[ 40 ] Sieht man verständnisvoll zurück auf dasjenige, was früher die Menschen, als sie in Zünften, in Gilden gelebt haben — ich verteidige dieses selbstverständlich nicht und weiß, daß sie mit Recht abgeschafft worden sind —, sieht man auf das zurück, was die Menschen damals zusammengeführt hat und wie sie in diesen Gemeinschaften gelebt haben, dann merkt man einen beträchtlichen Unterschied von dem, was sie heute zusammenführt. Ein ganz hervorragendes Kennzeichen — jeder Kenner muß das zugestehen — der alten Gemeinschaften ist das, daß sich die Menschen sowohl innerhalb derselben als auch von Gemeinschaft zu Gemeinschaft verstanden haben. Selbstverständlich geschieht alles in der Welt nur bis zu einem gewissen Grade; aber verstanden haben sich die Menschen. Lehrmeister und Gesellen haben sich verstanden, indem der Lehrmeister wußte, wie es in der Seele des Gesellen aussah. Positiv verhielten sie sich zueinander. Warum? Weil in diesen Instinkten, aus den Willensimpulsen, aus denen diese Gemeinschaften entstanden sind, noch Geistig-Seelisches war, Geistig-Seelisches, das mit dem Körperlichen verbunden war.
[ 40 ] If one looks back with understanding at what used to bring people together when they lived in guilds—I am, of course, not defending this, and I know that they were rightly abolished—and considers what united people back then and how they lived in these communities, one notices a considerable difference from what brings them together today. A truly outstanding characteristic—which every expert must concede—of the old communities is that people understood one another both within the community and from one community to another. Of course, everything in the world happens only to a certain extent; but people did understand one another. Masters and journeymen understood one another because the master knew what was in the journeyman’s soul. They related to one another in a positive way. Why? Because in those instincts, in the impulses of the will from which these communities arose, there was still something spiritual and soulful—something spiritual and soulful that was connected to the physical.
[ 41 ] Dasselbe, was in älteren Zeiten machte, daß man mit den Vorstellungen, die man hatte, nicht nur die Natur anschauen konnte, sondern auch die Seele anschauen konnte, dieselben Vorstellungen, die instinktiv, unbewußt in den Menschen lebten und die aus Natur und Seelenleben eine Einheit machten, die lebten auch in den Instinkten, und die machten, daß man durch das Blut zusammenhing als Sohn zum Vater, als Tochter zur Mutter, oder als Angehöriger einer Nation oder als Angehöriger einer Zunft — wenn man durch das Blut zusammenhing oder durch irgendein anderes Interesse —, das machte, daß man aus den Instinkten heraus, denen aber geistig-seelische Impulse eingeboren waren, die Gemeinschaft forderte.
[ 41 ] The very same thing that, in earlier times, made it possible to view not only nature but also the soul through the concepts one held—those same concepts that lived instinctively and unconsciously within human beings and that united nature and the life of the soul into a single whole—also lived in the instincts, and these caused people to be bound together by blood—as a son to his father, as a daughter to her mother, or as a member of a nation or a guild—whether bound by blood or by some other interest—and this, arising from the instincts, which, however, had spiritual and soulful impulses inherent in them, led people to demand community.
[ 42 ] Nun kam das naturwissenschaftliche Kulturdenken. Die neuere Zeit ist nicht durch irgend etwas anderes in ihrer eigentlichen Struktur in bezug auf den Menschen gestaltet worden als gerade durch das naturwissenschaftliche Denken. Dadurch, daß der Mensch zu einem Naturdenken kam, welches die Erscheinungen, selbst wenn er es sich nicht gestand, so hinstellt, daß sie als gespenstischer Inhalt nichts mehr mit ihm zu tun haben, dadurch steht der Mensch auf sich selbst gestellt. Der alte Mensch war mit der Natur zusammen. Draußen erschien der Blitz, donnerte es, aus der Wolke fiel Regen: der alte Mensch sah darinnen die Äußerung einer Naturkraft. Innen verspürte er diesen oder jenen Trieb. Er sah diese Triebe instinktiv als ein Gleichnis einer solchen Naturkraft an. Er handelte gewissermaßen aus der Natur heraus, weil er sich durch die besondere Artung der genannten Naturerkenntnis noch nicht aus der Natur herausgestellt hatte.
[ 42 ] Then came scientific cultural thought. Modern times have been shaped in their very structure—in relation to human beings—by nothing other than scientific thinking. Because human beings have come to adopt a way of thinking about nature that presents phenomena—even if they did not admit it to themselves—as having nothing more to do with them as a ghostly content, human beings are now left to their own devices. The ancient human being was at one with nature. Outside, lightning flashed, thunder rumbled, and rain fell from the clouds: the ancient human saw in these phenomena the expression of a natural force. Within, he felt this or that impulse. He instinctively regarded these impulses as a metaphor for such a natural force. He acted, so to speak, out of nature, because he had not yet set himself apart from nature through the particular nature of the aforementioned scientific understanding of nature.
[ 43 ] In den letzten Jahrhunderten wurde der Mensch gerade dadurch, daß er zur reinen Naturerscheinung vordrang, aus der Natur herausgestellt. Die Naturerkenntnis bekommt dadurch erst ihre rechte Aufgabe, ihre rechte Mission im Entwickelungsgange der Menschheit, daß sie nicht absolute Erkenntnisse liefert, wie man heute noch abergläubisch meint — naturwissenschaftlich abergläubisch —, sondern daß sie die Menschen frei macht. Dann erst versteht man die Mission der Naturwissenschaft im Entwickelungsgange der Menschheit, wenn man die Natur als eine Erzieherin zur Freiheit auffaßt.
[ 43 ] In recent centuries, precisely by reducing humanity to a mere natural phenomenon, humanity has been set apart from nature. The study of nature only acquires its true purpose, its true mission in the course of human development, not by providing absolute knowledge—as is still superstitiously believed today—but by setting people free. Only then can one understand the mission of natural science in the course of human development, when one regards nature as a teacher of freedom.
[ 44 ] Dadurch, daß der Mensch die Naturerscheinungen in der neueren Naturwissenschaft aussondern muß, daß er sich entfernt von der Natur, dadurch wird er als Persönlichkeit auf sich gestellt. Dadurch aber war er zunächst, bevor er nun wiederum auf jenem übersinnlichen Weg, den ich angedeutet habe, zur übersinnlichen Welt kam, um sich wieder in die Welt hineinzustellen — wie er früher natürlich drinnengestanden war, so jetzt übersinnlich —, bevor er zu diesem Weg kam, den er nunmehr gegen die Zukunft hin zu beschreiten haben wird, war der Mensch gewissermaßen rein auf die Spitze seiner Persönlichkeit gestellt. Die Naturwissenschaft hat ihn auf die Spitze der Persönlichkeit gestellt. Die Naturwissenschaft hat die ganze Seelenverfassung bestimmt. Sie hatte seine Instinkte eingenommen. Dadurch stehen sich die modernen Menschen nicht so wie die alten Menschen als Bluts- oder Zunftverwandte, sondern sie stehen sich als Individualitäten, als Persönlichkeiten gegenüber. Sie müssen aus der Freiheit heraus ihre Vereinigungen, ihre sozialen Gemeinschaften suchen. Und sie haben sie daher zunächst nur aus Instinkten gefunden, aber aus Instinkten, die etwas Widerspruchsvolles haben, weil die Zeit der Instinkte vorüber ist, weil der Mensch auf der einen Seite nicht mehr instinktiv denken kann, sondern bewußt denken muß unter der Erziehung der Naturwissenschaft. Und auf der anderen Seite hatte der Mensch noch nicht die Möglichkeit, sich wieder durch übersinnliche Erkenntnis in die Welt hineinzustellen. Daher stellte er sich hinein in eine neue Welt, über die er dachte, und in die alte Welt so, wie er nicht mehr über sie dachte. Die alten Instinkte pflanzte er fort in die Welt, die ihm durch das moderne naturwissenschaftliche Denken gar nicht mehr vor der Seele lag. Dadurch kam, wenn man tiefer seelisch erfaßt, was durch die neuere Menschheit weht, jener klaffende Widerspruch in das moderne soziale Leben hinein.
[ 44 ] Because human beings must isolate natural phenomena in modern natural science, and because they distance themselves from nature, they are left to their own devices as individuals. But as a result—before he once again found his way to the supersensible world via that supersensible path I have indicated, in order to re-establish himself within the world—just as he had naturally been a part of it before, so now in a supersensible way—before he arrived at this path, which he must now tread as he looks toward the future—human beings were, so to speak, placed purely at the pinnacle of their individuality. Natural science has placed him at the pinnacle of his personality. Natural science has determined the entire constitution of the soul. It had taken over his instincts. As a result, modern people do not relate to one another as ancient people did—as kinsmen by blood or members of a guild—but rather as individualities, as personalities. They must seek their associations and social communities out of a sense of freedom. And so they have found them, at first, only through instincts—but through instincts that contain a certain contradiction, because the age of instincts is over; on the one hand, human beings can no longer think instinctively but must think consciously, shaped by the education of the natural sciences. And on the other hand, human beings have not yet had the opportunity to re-establish themselves in the world through supersensible knowledge. Consequently, they placed themselves within a new world that they reflected upon, and within the old world in a way that no longer involved reflection. They continued to project the old instincts into a world that, due to modern scientific thinking, no longer lay before their souls at all. As a result, when one grasps more deeply, on a soul level, what is sweeping through modern humanity, that glaring contradiction has entered modern social life.
[ 45 ] Mit unzulänglichen Mitteln ist der Sozialismus, der gewiß ein Ideal der Menschheit ist, begründet worden. Warum? Die Naturerkenntnis stellt den Menschen nicht in die Welt hinein; sie sondert ihn als Persönlichkeit ab, sie macht das Bewußtsein der Persönlichkeit immer größer und größer. Daher kann er nur aus seinen selbstischen Instinkten heraus Gemeinschaften bilden. Sein Denken unterscheidet sich von dem, was er als Gemeinschaften aus Instinkten heraus bildet. Eine Disharmonie tritt auf und die Folge davon ist, daß eine disharmonische soziale Ordnung entstehen muß, wenn man bloß die Naturwissenschaft hat und bloß naturwissenschaftliche Begriffe anwendet auf die Gestaltung des sozialen Lebens, daß ein Widerspruch entstehen muß, ein innerlicher, lebendiger Widerspruch, der so lange bestehen wird, bis die Menschheit sich dazu entschließt, sich zu sagen: Gerade das moderne Leben muß, wenn es soziale Ordnung begründen will, Disharmonien schaffen, wenn es nicht einführt übersinnliche Erkenntnis in das soziale Zusammenleben, übersinnliches Empfinden und Wollen. — Solange man nicht von Mensch zu Mensch einander so gegenübersteht, daß man in dem anderen Menschen das Bild, die Erscheinung des unsterblichen Menschen sieht, solange man nicht in jedem Menschen, wenn man mit ihm in sozialem Zusammenhange lebt, zwar ein individuelles Wesen sieht, aber ein solches Wesen, das der Ausdruck ist einer übersinnlichen Wesenheit, solange man das, was der Soziologie und dem sozialen Impulse aus der Naturwissenschaft zuwachsen kann, nicht ergänzen will durch dasjenige, was man aus geistigem Erkennen gewinnt, so lange wird man mit dem modernen sozialen Denken, aber hauptsächlich mit der modernen sozialen Gestaltung, mit dem praktischen Auslegen der Begriffe in ein solches Leben hineinkommen, das sich selber auflösen muß, das zu Streit und Disharmonie führen muß.
[ 45 ] Socialism—which is certainly an ideal of humanity—has been founded on inadequate means. Why? Knowledge of nature does not place human beings within the world; rather, it sets them apart as individuals, making their sense of individuality ever greater and greater. Consequently, humans can form communities only out of their self-centered instincts. Their thinking differs from the communities they form based on instinct. A disharmony arises, and the consequence is that a disharmonious social order must emerge if one relies solely on the natural sciences and applies only scientific concepts to the shaping of social life; a contradiction must arise—an inner, living contradiction—that will persist until humanity resolves to say to itself: Modern life, in particular, must create disharmony if it is to establish social order, unless it introduces supersensible knowledge, supersensible feeling, and supersensible will into social coexistence. — As long as people do not relate to one another in such a way that they see in the other human being the image, the manifestation of the immortal human being; as long as, when living with another person in a social context, they see in each person an individual being—but one that is the expression of a supersensible entity; as long as they do not with what is gained through spiritual knowledge, one will, with modern social thought—but mainly with modern social organization and the practical application of these concepts—enter into a way of life that is bound to dissolve itself and lead to conflict and disharmony.
[ 46 ] Wer diesen inneren Zusammenhang versteht, der weiß, welchen Anteil an den vier letzten Jahren dasjenige hat, was ich eben jetzt angedeutet habe. Nicht, als ob ich behaupte, daß es allein schuld wäre, aber es hat einen ganz. wesentlichen Anteil, einen ungeheuer wesentlichen Anteil daran. Derjenige, welcher Sozialismus wünscht und will, ehrlich will, der muß die Menschheit zu Begriffen führen, die nicht bloß naturwissenschaftlich sind, weil im Leben von Mensch zu Mensch anderes lebt, anderes west, als was im Naturwissenschaftlichen zu erfassen ist.
[ 46 ] Anyone who understands this inner connection knows what role what I have just alluded to has played in the last four years. Not that I am claiming it is solely to blame, but it has played a very significant role—an immensely significant role—in this. Anyone who desires and wants socialism—who honestly wants it—must lead humanity to concepts that are not merely scientific, because in life, from person to person, something else lives and exists than what can be grasped by the natural sciences.
[ 47 ] Naturwissenschaft zeigt das dadurch, daß sie ein bestimmtes Ideal hat, und dieses bestimmte Ideal ist wiederum berechtigt. Die Naturwissenschaft strebt immer mehr und mehr zu dem Experiment hin, sie geht mehr und mehr von der bloßen Beschreibung und von der Beobachtung ab. Was ist dasExperiment? Das Experiment ist zunächst etwas, was zusammengestellt ist von unserem Verstande, der gerade wegführt von der Natur, der — wie ich in dem Vortrag der vorigen Woche gezeigt habe — in das Nichts eines Menschen hineinführt. Was wir im Experiment darstellen, hat im Grunde genommen nur scheinbar mit dem Leben der Natur zu tun. In Wahrheit hat es mit dem zu tun, was in der Natur erstirbt. Das zeigt sich, wenn man dasjenige, was durch experimentelle Denkweise gewonnen ist, anwenden will auf die Konfiguration des sozialen Lebens. Wer rein naturwissenschaftliche Begriffe, die ganz redliche, ehrliche, gerade ideal naturwissenschaftliche Begriffe sind, in das soziale Leben einführen will, der führt solches ins Leben ein, das nicht zum Aufstieg, zum Leben führt, sondern zum sozialen Tode führt. Und erfahren müßte die Menschheit, wenn sie nicht Übersinnliches zu dem Naturwissenschaftlichen einführen will in das soziale Leben, daß mit allem sozialen Wollen, mit allem Sozialismus nur Ordnungen geschaffen würden, die Unordnungen sind, die Verfall sind.
[ 47 ] Natural science demonstrates this by having a specific ideal, and this specific ideal is, in turn, justified. Natural science is increasingly oriented toward experimentation; it is moving further and further away from mere description and observation. What is an experiment? An experiment is, first and foremost, something constructed by our intellect, which leads us away from nature—and which, as I demonstrated in last week’s lecture, leads us into the nothingness of the human being. What we represent in an experiment is, in essence, only seemingly related to the life of nature. In truth, it has to do with what dies out in nature. This becomes evident when one attempts to apply what has been gained through experimental thinking to the structure of social life. Anyone who seeks to introduce purely scientific concepts—concepts that are entirely sincere, honest, and, in fact, ideally scientific—into social life is introducing into life something that does not lead to ascent or to life, but rather to social death. And humanity would have to learn—if it does not wish to introduce the supersensible into social life alongside the natural sciences—that all social striving, all socialism, would only create orders that are, in fact, disorder and decay.
[ 48 ] Derjenige Sozialismus, der die Menschen vom Übersinnlichen wegführt, wird soziale Strukturen der Zerstörung schaffen, soziale Strukturen des Hinwegführens, und er kann höchstens nur so weit kommen, daß er Altes benützt, um seine verfallenen Gedanken zu realisieren. Denn was ist im Grunde genommen bisher, nicht durch soziale Theorien, sondern durch den praktischen Sozialismus geschehen? Hat er sich wirklich als Weltgestalter radikal gefühlt? Dann würde er sich nicht in die alten Formen hinein bequemt haben, was er bis heute tut! So in den alten Formen kommt er einem vor wie jemand, der die Krinoline verpönt, aber sie nicht zu überwinden sucht, sondern sie auswattiert. So auch sehen wir, daß in dem sozialen Denken der neueren Zeit die alten Formen beibehalten werden, auswattiert werden. Denn was wollen die meisten Führer des neueren Sozialismus? Dort die Macht erlangen, wo andere die Macht erlangt haben, nicht gestalten, sondern umtauschen die Macht.
[ 48 ] Socialism that leads people away from the supernatural will create social structures of destruction, social structures that lead people astray, and at best it can only go so far as to use the old to realize its decayed ideas. For what, fundamentally speaking, has actually happened so far—not through social theories, but through practical socialism? Has it truly felt itself to be a radical shaper of the world? If so, it would not have settled into the old forms, as it continues to do to this day! In these old forms, it comes across as someone who disapproves of the crinoline but does not seek to overcome it; instead, they pad it out. Similarly, we see that in modern social thought, the old forms are retained and padded out. For what do most leaders of modern socialism want? To seize power where others have seized it—not to shape it, but to exchange it.
[ 49 ] Das ist, ich möchte sagen, nur von einer anderen Seite auch ein experimenteller Beweis dafür, daß man von Sozialismus nur sprechen kann, wenn man gleichzeitig den Willen hat, die Menschen zum Übersinnlichen hinzuführen, zu denjenigen Impulsen, die man der modernen Menschheit geben muß, wenn sie aus der Neigung zu Katastrophen, in die rein naturwissenschaftliche Impulse sie geführt haben, herauskommen will. Diese Impulse müssen gerade im sozialen Leben übersinnliche sein.
[ 49 ] This is, I would say, experimental proof—albeit from a different angle—that one can speak of socialism only if one simultaneously has the will to lead people toward the supersensible, toward those impulses that must be given to modern humanity if it is to emerge from the tendency toward catastrophes into which purely scientific impulses have led it. These impulses must be spiritual, especially in social life.
[ 50 ] Wahrhaftig, Geisteswissenschaft ist auf diesem Gebiete nicht unpraktisch. Sie kann vorläufig in vielen Beziehungen nur ihr Bedauern darüber aussprechen, daß es viele Menschen gibt, die sich so recht praktisch, so furchtbar praktisch vorkommen, daß sie sich die Finger ablecken möchten über ihre eigene Lebenspraxis, und die verachtungsvoll hinschauen auf die unpraktischen Leute, die aus Ideen heraus, aus dem Geiste heraus irgend etwas in die Welt einführen möchten! Nun, man kennt ja diese Seite der Philistrosität, die sich heute aufspielt gerade als die große Lebenspraxis, und die in brutaler Weise alles das abweist, was aus dem Geiste heraus kommen soll. Ins Absurde, ins Unmögliche wird sich diese Lebenspraxis hineinführen. Denn allein dasjenige ist praktisch, was auf die ganze, nicht auf die halbe oder Viertelswirklichkeit geht. Wer einen Hufeisenmagneten vor sich hat und, wenn ihm der andere sagt: Du, das kannst du benützen, das zieht anderes Eisen an, das ist ein Magnet —, ihm antwortet: Ach was, ich erkenne doch aus dieser Form nur ein Hufeisen, um ein Pferd damit zu beschlagen —, der gleicht dem, der das soziale Leben nur nach den Begriffen, die das Übersinnliche meiden, ordnen will. Derjenige aber, der da weiß, daß zur wahren Lebenspraxis die ganze Wirklichkeit gehört und damit das Übersinnliche, der gleicht dem, der den Hufeisenmagneten nicht mißbraucht, um das Pferd damit zu beschlagen, sondern ihn als Magneten verwendet.
[ 50 ] Truly, spiritual science is not impractical in this area. For the time being, in many respects, it can only express its regret that there are many people who consider themselves so practical—so terribly practical—that they would like to lick their fingers over their own practical way of life, and who look with contempt upon the impractical people who, out of ideas, out of the spirit, would like to introduce something into the world! Well, we are all familiar with this aspect of philistinism, which today presents itself precisely as the great “practical way of life” and which brutally rejects everything that is supposed to come from the spirit. This “practical way of life” will lead itself into the absurd, into the impossible. For only that which addresses the whole—not half or a quarter—of reality is truly practical. Anyone who has a horseshoe magnet in front of them and, when someone else says, “Hey, you can use this; it attracts other iron—it’s a magnet,” replies, “Oh, come on, all I see in this shape is a horseshoe for shoeing a horse”—such a person is like someone who wants to organize social life solely according to concepts that avoid the supersensible. But the one who knows that true life practice encompasses all of reality—and thus the supersensible—is like someone who does not misuse the horseshoe magnet to shoe a horse, but uses it as a magnet.
[ 51 ] Damit habe ich das zweite Mißverständnis besprochen, von dem ich heute reden möchte, wiederum nur andeutungsweise. Das dritte betrifft das, was nun ganz ins Innere des Menschenlebens hineingeht, was zu tun hat mit dem, was dem Menschen in vieler Beziehung am allerheiligsten sein muß; es betrifft das religiöse Leben.
[ 51 ] With that, I have addressed the second misunderstanding I would like to discuss today—again, only briefly. The third concerns what now penetrates to the very core of human life, what has to do with what must be most sacred to human beings in many respects; it concerns religious life.
[ 52 ] Nun, da sind allerdings sehr viele, namentlich solche, welche offizielle Vertreter oder auch nichtoffizielle Vertreter dieses oder jenes positiven Religionsbekenntnisses sind, solche, die wiederum, selbstverständlich ohne dem Autoritätsprinzip — sagt man heute höflich — nachzuhängen, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft verlästern als etwas, was die Menschen in Irreligiosität führen werde, die ihnen ein scheinbares Geist-Erkennen geben will anstatt dasjenige, was unmittelbar dem Menschen jenen Weg zeigt, durch den er aus dem Wesen seiner Natur heraus in das Übersinnliche, Religiöse hineinkommen kann. Ich werde heute nicht — obwohl das sehr verlockend wäre, aber die Zeit drängt, und auch sonstiges ist dabei zu bedenken — über dieses oder jenes Religionsbekenntnis sprechen, sondern über das religiöse Empfinden als solches.
[ 52 ] Well, there are indeed a great many—namely those who are official or unofficial representatives of this or that positive religious creed—who, in turn, of course without clinging to the principle of authority — as one politely says today — denounce this anthroposophically oriented spiritual science as something that will lead people into irreligiousness, something that seeks to give them an apparent knowledge of the spirit instead of that which directly shows human beings the path by which they can enter into the supersensible, the religious, from the very essence of their nature. Today I will not—although it would be very tempting, but time is pressing, and other matters must also be considered—speak about this or that religious creed, but rather about religious feeling as such.
[ 53 ] Wer die Geist-Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, ihrem wahren Wesen nach betrachtet, der wird, wie ich glaube, sehr bald daraufkommen können, daß sie ebensowenig, wie sie unpraktisch oder antisozial oder unnaturwissenschaftlich ist, ebensowenig irreligiös ist, ebensowenig geeignet, jemand von der Tiefe seiner religiösen Empfindung abzubringen. Denn, was ist denn nach dem Geiste der Ausführungen, die ich hier nun in diesen drei Vorträgen gemacht habe, gerade das Wesentliche der neueren, übersinnlichen Erkenntnis, wie sie durch die Anthroposophie angestrebt werden will?
[ 53 ] Anyone who considers spiritual knowledge—as it is meant here—in terms of its true nature will, I believe, very soon come to realize that it is no more irreligious than it is impractical, antisocial, or unscientific; nor is it in any way suited to dissuading anyone from the depth of their religious feeling. For, in the spirit of the remarks I have made here in these three lectures, what exactly is the essence of the newer, supersensory knowledge as sought by anthroposophy?
[ 54 ] Das Wesentliche ist, daß der Weg, der zur übersinnlichen Forschung führt, ins Unpersönliche münden muß. Bedenken Sie nur, wie radikal in der vorigen Woche darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß dasjenige, was der Mensch als Geistiges schaut, vor der Geburt oder nach dem Tode liegt, daß das Wesentliche des Lebens zwischen Geburt und Tod darin besteht, daß sich der Mensch in Materielles verwandelt hat. Und man kann sagen, gerade Geisteswissenschaft, die so hinführt durch die übersinnliche Erkenntnis zu dem wahren Unsterblichen, zu dem unwiderleglich Unsterblichen der menschlichen Seele, die kann in dieser Beziehung mit dem Materialismus sogar einverstanden sein. Sie weiß, daß das, was der Mensch materiell darlebt, eine Metamorphose, eine Umwandlung des Geistigen ist, und daß das Geistige seine Früchte daraus schöpft, daß es in den Abgrund des Materiellen geht und da gerade durch die Naturerkenntnis sich zur Freiheit entwickelt.
[ 54 ] The essential point is that the path leading to supersensory research must lead into the impersonal. Just consider how emphatically it had to be pointed out last week that what human beings perceive as spiritual lies either before birth or after death, and that the essence of life between birth and death consists in the fact that the human being has transformed itself into the material world. And one can say that spiritual science, precisely because it leads through supersensible knowledge to the true immortality—to the irrefutably immortal nature of the human soul—can in this respect even agree with materialism. It knows that what a human being lives out materially is a metamorphosis, a transformation of the spiritual, and that the spiritual draws its fruits from the fact that it descends into the abyss of the material and there, precisely through the knowledge of nature, develops into freedom.
[ 55 ] Aber das setzt nicht voraus, daß der Mensch aus dem Persönlichen, aus dem unmittelbaren Erleben hier im Leibe mit seiner Forschung ins Unpersönliche hineinmündet. Wenn man etwas übersinnlich erkennen will, setzt es eine Seelenverfassung voraus, die immer mehr und mehr geistig ins Unpersönliche hineinkommt, wie der Mensch früher physisch, als er noch nicht Naturerkenntnis hatte, im allgemeinen physisch im Übersinnlichen drinnenstand.
[ 55 ] But this does not imply that a person’s inquiry, starting from the personal—from immediate experience here in the body—necessarily leads into the impersonal. If one wishes to perceive something supersensible, it requires a state of mind that penetrates more and more spiritually into the impersonal realm, just as human beings used to be physically present in the supersensible realm—before they had any knowledge of nature.
[ 56 ] Der Mensch muß unpersönlich forschen im Geistigen, wenn er will, daß das Licht des Geistigen ihm hereinstrahle in das Materielle, in das Stoffliche. Allein, je weiter man kommt in diesem übersinnlichen Forschen, je mehr man sich durchdringt mit diesem übersinnlichen Forschen, mit diesem das Unpersönliche fordernden übersinnlichen Forschen, desto mehr fühlt man, wie vom anderen Pol des Menschen aus, vom Willenspol, dasjenige ausströmt, was unmittelbare religiöse Empfindung ist. Denn dieses unmittelbare religiöse Empfinden, es will auch nach dem Übersinnlichen, aber es will nach dem Übersinnlichen so, daß dabei die Persönlichkeit nicht verloren ist, daß alles das, was unmittelbar mit dem Persönlichen zwischen Geburt und Tod zusammenhängt, sich vereinigen kann mit demjenigen, was übersinnlich ist.
[ 56 ] Human beings must engage in impersonal spiritual inquiry if they wish for the light of the spiritual to shine into the material, into the physical. However, the further one progresses in this supersensory research, the more one becomes imbued with this supersensory research—this research that demands impersonality—the more one feels how, from the other pole of the human being, the pole of the will, that which is direct religious feeling flows forth. For this direct religious feeling also seeks the supersensible, but it seeks the supersensible in such a way that the personality is not lost in the process, so that everything directly connected with the personal existence between birth and death can unite with that which is supersensible.
[ 57 ] Gerade wenn man im rechten Sinne den Gang ins Übersinnliche durch die Wissenschaft versteht, wird man hingewiesen durch eine innere Kraft, die sich insbesondere als Bedürfnis der Verehrung des Geistigen kundgibt, zum Religiösen. Die wahre Entwickelung innerhalb des Weges in die geistige Welt hinein durch übersinnliches Erkennen ist diese, daß man immer mehr und mehr zu einer Vertiefung seines religiösen Lebens getrieben wird, daß man gerade verstehen lernt dasjenige, was man an religiösem Leben hat. Die Geisteswissenschaft führt notwendigerweise, weil das in der Entwickelung der Menschheit liegt, aus dem Persönlichen in das Unpersönliche, damit das Licht des Geistes wieder hereinleuchten kann in die sinnliche Welt.
[ 57 ] Precisely when one understands, in the true sense, the path into the supersensible through science, one is drawn toward religion by an inner force that manifests itself, in particular, as a need to revere the spiritual. True development along the path into the spiritual world through supersensible knowledge consists in being driven more and more toward a deepening of one’s religious life, in learning to understand precisely what one possesses in one’s religious life. Spiritual science necessarily leads—because this is inherent in human development—from the personal to the impersonal, so that the light of the spirit may once again shine into the sensory world.
[ 58 ] So muß auf der anderen Seite gerade als Folge dieser Geist-Erkenntnis ein vertieftes religiöses Leben auftreten, denn tief in der Menschennatur ist es begründet, daß das Geistige nicht nur in seinem Leuchten, in seinem Weisheitsvollen angeschaut werde, sondern auch verehrt werde. Diese Verehrung aber muß aus der Persönlichkeit kommen. In diese Region des Menschenerlebens kann nicht in unmittelbarer Gestalt dasjenige hinein, was geistig geschaut wird, sondern es muß sich erneuern, eine Metamorphose durchmachen, es muß sich verwandeln, es muß sich umsetzen in das Persönliche. Der Mensch wird, wenn er auf der einen Seite das Licht des Geistigen empfängt, hingehen und verehren dieses Geistige, suchen, wo er religiöses Leben, religiöse Vertiefung finden kann.
[ 58 ] Thus, on the other hand, precisely as a consequence of this spiritual insight, a deeper religious life must emerge, for it is deeply rooted in human nature that the spiritual should not only be contemplated in its radiance and wisdom, but also be revered. This reverence, however, must spring from the individual’s own personality. What is spiritually perceived cannot enter this realm of human experience in its immediate form; rather, it must be renewed, undergo a metamorphosis, be transformed, and be translated into the personal. When a person receives the light of the spiritual on the one hand, they will go forth and revere this spiritual realm, seeking where they can find religious life and religious deepening.
[ 59 ] Man muß nur auch von der anderen Seite, von der Seite der Vertreter des religiösen Lebens, die Dinge im richtigen Lichte sehen können. Man hat in alten Zeiten auf gewissen Seiten der menschlichen Bekennerschaft gesagt und hat es immer wieder wiederholt bis heute, das alte Heidnische hätte darin bestanden, daß man durch die bloße Weisheit sich nähern wollte dem Göttlichen. Aber mit Recht kann man das Wort immer wieder und wiederum wiederholen: Durch Weisheit werde das Göttliche in der Welt nicht erkannt —, das Göttliche nicht, das Übersinnliche, in dem der Mensch seine Unsterblichkeit hat, gewiß. Aber es kann als Göttliches nicht erkannt werden, denn das Göttliche muß verehrungsvoll empfunden werden. Es muß das Geistige erst den Weg in das Persönliche finden, den Weg, wo der Mensch als Persönlichkeit drinnensteht, indem er entweder durch den Gang der Naturbetrachtung zum Jehovadiener wird — indem er schaut dasjenige Wesen, das von Generation zu Generation als Übersinnliches im Blute wirkt und webt —, oder indem er auf dasjenige Wesen hinschaut, das mit seiner Seele in erlösendem Zusammenhange steht, auf den Christus Jesus [Nachschrift unvollständig].
[ 59 ] One must also be able to see things in their proper light from the other side—from the perspective of those who represent religious life. In ancient times, certain circles of religious adherents claimed—and have repeated this time and again to this day—that the old pagan way consisted in seeking to draw closer to the divine through wisdom alone. But one can rightly repeat this statement time and again: Wisdom alone does not reveal the Divine in the world—certainly not the Divine, the supersensible in which human beings find their immortality. But it cannot be recognized as the divine, for the divine must be felt with reverence. The spiritual must first find its way into the personal realm—the realm in which the human being stands as a personality—either by becoming a servant of Jehovah through the process of contemplating nature—by beholding that being which, from generation to generation, works and weaves in the blood as the supersensible— or by looking to that being who stands in a redemptive connection with his soul, to Christ Jesus [postscript incomplete].
[ 60 ] Der Mensch muß den Weg finden in die sinnliche Welt, wo er mit seiner Persönlichkeit steht. Aber auf der anderen Seite muß jenes Verständnis kommen, welches nicht nur sagt: Durch Weisheit wird das Göttliche nicht erkannt, weil es verehrungsvoll empfunden werden muß —, sondern: aus der bloßen Weisheit, aus der bloßen Religion kann nicht das Übersinnliche geschaut werden. Die Religion muß sich ergänzen durch die Anschauung des Übersinnlichen, sonst wird sie nur scheinbar einem naturwissenschaftlichen Zeitalter genügen können, indem sie alte Anschauungen fortpflanzt und sich gegen die neuen wendet. Religion, richtig erfaßt, braucht sich nicht zu fürchten vor dem Auftreten neuer, auch übersinnlicher Wahrheiten.
[ 60 ] Human beings must find their way into the sensory world, where they stand with their own personality. But on the other hand, there must come an understanding that does not merely say: “The divine cannot be recognized through wisdom alone, because it must be experienced with reverence”—but rather: “The supersensible cannot be perceived through wisdom alone, nor through religion alone.” Religion must be complemented by the perception of the supersensible; otherwise, it will only appear to satisfy a scientific age by perpetuating old views and turning against the new ones. Religion, properly understood, need not fear the emergence of new truths, even those of a supersensible nature.
[ 61 ] Und weiter entsteht noch so manches andere Mißverständnis: Wenn Religion glaubt, daß übersinnliches Erkennen ihr irgendwie schade, sie irgendwie beeinträchtigen könne in denjenigen Bestrebungen, in denen sie berechtigt ist, dann rechnet derjenige, der das glaubt, nicht mit der Fortentwickelung der Menschheit. Haben wir nicht, in der modernen Entwickelung stehend, indem wir auf der einen Seite gar nicht die Möglichkeit haben, zu rechtem sozialem Leben zu kommen, wenn nicht der Weg ins Übersinnliche genommen wird, haben wir nicht auch gesehen, wie dieses selbe naturwissenschaftliche Denken zu der Irreligiosität trieb, wie der Gang ins Naturwissenschaftliche zum Gang der Persönlichkeit hinein zur Irreligiosität trieb? [Lücke in der Nachschrift.] Heutige Geisteswissenschaft spricht stärker zu der menschlichen Natur, so daß sie getrieben werden kann zur religiösen Verehrung, wenn man sich nicht etwa, wie mancher oberflächliche Naturerkenner, von der religiösen Verehrung abwenden will. Stärker muß heute zur Seele gesprochen werden von dem übersinnlichen Leben, denn bewußter ist die Seele geworden, individueller. Die Kraft des religiösen Lebens muß stärker sein, wenn sie sich in der alten Gestalt entwickeln will.
[ 61 ] And many other misunderstandings arise as well: If religion believes that supersensible knowledge could somehow harm it or hinder it in those endeavors in which it is justified, then the person who believes this is not taking into account the ongoing development of humanity. Have we not, standing in the midst of modern development—in which, on the one hand, we have no possibility of achieving a true social life unless we take the path into the supersensible—have we not also seen how this very same scientific thinking has driven us toward irreligiousness, how the turn toward the scientific has driven the individual’s inner life toward irreligiousness? [Gap in the postscript.] Today’s spiritual science speaks more powerfully to human nature, so that it can be inspired to religious devotion—unless, like some superficial students of nature, one wishes to turn away from religious devotion. Today, the soul must be addressed more powerfully through the supersensible life, for the soul has become more conscious, more individual. The power of religious life must be stronger if it is to develop in its traditional form.
[ 62 ] Und noch ein anderes Mißverständnis gerade auf diesem Gebiete ist dieses, daß man glaubt, Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, wolle selber sektenbildend oder religionsbildend auftreten. Geisteswissenschaft hat dazu eine viel zu klare Einsicht in das Werden des Menschengeschlechts. Sie weiß, daß im Werden des Menschengeschlechts eben aufeinanderfolgende wirksame Kräfte walten, wie im Leben des einzelnen. Wie der Mensch im vierzigsten Lebensjahr nicht dieselbe Seelenverfassung haben kann, die er im zwanzigsten Jahre hatte, ebensowenig kann die Menschheit im 20. Jahrhundert dieselbe Seelenverfassung haben wie in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden.
[ 62 ] Another misunderstanding in this very area is the belief that spiritual science, as it is understood here, seeks to act as a force for the formation of sects or religions. Spiritual science has far too clear an insight into the development of the human race for that. It knows that successive active forces are at work in the evolution of the human race, just as they are in the life of the individual. Just as a person in their fortieth year cannot have the same state of mind as they did in their twentieth, so too can humanity in the 20th century not have the same state of mind as it did in earlier centuries and millennia.
[ 63 ] Geisteswissenschaft sieht überall auf das Wirkliche und beurteilt dieses Wirkliche nicht nach ausgedachten Begriffen. Daher redet sie nicht, wie so mancher Mensch der Gegenwart, der wissenschaftlich eine Religion der Zukunft begründen will; sondern sie weiß, daß die Zeit der Religionsbildungen vorbei ist, abgeschlossen ist gerade mit der Bildung des Christentums. Denn diejenige Seelenverfassung, in der die Menschheit erfaßt werden konnte von jenem religiösen inneren Erleben, das dann fortgepflanzt werden muß, diese Zeit hängt innig zusammen mit der Weltverfassung, die in früheren Zeiten war. Nunmehr sind wir als Menschheit in eine Seelenverfassung eingetreten, die gerade durch die Naturwissenschaft heranerzogen werden mußte, die aber auch nach naturwissenschaftlichem Vorbilde ins Übersinnliche hineindringen will, die übersinnliches Wissen schaffen will, durch dieses übersinnliche Wissen immer größere Klarheit schaffen will über das, was in religiösen Zeitaltern auf religiöse Art sich geoffenbart hat, die aber nicht mehr selbst religionsbildend auftreten kann. Immer mehr und mehr verstehen dasjenige, was der Menschheit an Religion gegeben ist, dazu wird wahre Geisteswissenschaft führen, dieses Religiöse auch erlösen aus den Banden derer, die es unter allerlei Macht- und sonstigen Gelüsten auf falsche Bahnen geführt haben. Doch das kann ich nur andeuten. Es würde, weiter ausgeführt, eben zu weit führen.
[ 63 ] Spiritual science looks everywhere at reality and does not judge this reality according to concepts of the imagination. Therefore, it does not speak, as do so many people today who seek to scientifically establish a religion of the future; rather, it knows that the era of the formation of religions is over, having come to a close precisely with the formation of Christianity. For the state of mind in which humanity could be gripped by that inner religious experience—which must then be perpetuated—is intimately connected with the world order that existed in earlier times. Now, as humanity, we have entered a state of mind that had to be cultivated precisely through the natural sciences, but which also seeks to penetrate the supersensible according to a scientific model, which seeks to create supersensible knowledge, and through this supersensible knowledge to bring ever greater clarity to what was revealed in a religious manner during the religious ages—yet which can no longer itself act as a force for the formation of religion. More and more people are coming to understand what has been given to humanity in the form of religion; true spiritual science will lead to this, and will also liberate this religious aspect from the bonds of those who, driven by all manner of lust for power and other desires, have led it astray. But I can only hint at this. To elaborate further would simply take us too far afield.
[ 64 ] Mit diesen Andeutungen wollte ich eben nur kurz darauf hinweisen, wie Geisteswissenschaft schon ihrer Natur nach weder irreligiös machen kann, noch wie sie wollen könnte irgendeine neue Religion oder dergleichen stiften. Das alles sind Dinge, die nicht aus einer wirklichen Durchdringung desjenigen hervorgehen, was die hier gemeinte Geisteswissenschaft wirklich anstrebt, auch wenn sie behauptet werden. Und so kann man auch sagen: Gerade diejenigen Angriffe, die jetzt nur so hageln auf diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auch von seiten der Vertreter der Religionsbekenntnisse, sie beruhen allerdings auf manchmal recht gewollten Mißverständnissen und falschen Auslegungen. Am wenigsten hätten diejenigen, die es mit dem religiösen Leben der Menschheit ernst meinen, irgendeine Veranlassung, sich gegen die Geisteswissenschaft zu wenden. Denn die Geisteswissenschaft wird wieder zur wahren Religiosität zurückführen, während das bloß naturwissenschaftliche Zeitalter und die bloße positive Religion, welche nur Althergebrachtes bewahren will, von der wirklichen Religion hinwegführen muß. Denn diese positive Religion stammt aus den Zeiten, wo der Mensch anders in der Welt drinnenstand. Aber der Mensch wird sich nicht zurückschrauben lassen, so wie ein Vierzigjähriger nicht mehr zwanzig werden kann.
[ 64 ] With these remarks, I simply wanted to briefly point out how spiritual science, by its very nature, can neither make people irreligious nor could it, if it wanted to, establish any new religion or the like. These are all claims that do not stem from a genuine understanding of what spiritual science—as understood here—truly strives for, even if they are asserted. And so one can also say: Precisely those attacks that are now raining down on this anthroposophically oriented spiritual science—even from the side of representatives of religious denominations—are in fact based on misunderstandings and misinterpretations that are sometimes quite deliberate. Least of all would those who are serious about the religious life of humanity have any reason to turn against spiritual science. For spiritual science will lead back to true religiosity, whereas the purely scientific age and mere positive religion—which seeks only to preserve traditional customs—must lead people away from true religion. For this positive religion dates back to a time when human beings had a different relationship with the world. But human beings will not allow themselves to be turned back, just as a forty-year-old can no longer become twenty.
[ 65 ] Daher wird dasjenige religiöse Bekenntnis, das sich gegen die übersinnliche Erkenntnis der neueren Zeit stemmt, sich selber das Grab graben, auch wenn es noch so sehr darnach gelüstete, durch äußere Macht sich zu befestigen. Und immer wieder muß ich, was ich schon im vorigen Jahre hier in Zürich getan habe, daran erinnern, wie ein viel besserer Theologie- und Religionsbekenner der war, der einmal, obwohl er katholischer Priester war, als Rektor an der Universität über Galilei seine Antrittsvorlesung gehalten und darauf aufmerksam gemacht hat, wie die katholische Kirche — seine Kirche — seinerzeit sich gegen den Kopernikanismus gewandt hat, ja, es bis zum Jahre 1822 getan hat; wie er aber betonen mußte — Professor Müllner, katholischer Theologe und Philosoph —, als er sein Rektorat an der Wiener Universität antrat, daß wahre Religiosität, auch wahrer Katholizismus sich nicht wenden sollten gegen die Fortschritte der menschlichen Erkenntnis, weil jeder weitere Fortschritt in der menschlichen Erkenntnis nur die Wunder des Göttlichen in der Welt großartiger und herrlicher vor den Menschen hin ins Licht stellt.
[ 65 ] Therefore, any religious creed that resists the supernatural insights of modern times will dig its own grave, no matter how much it may yearn to consolidate its power through external means. And time and again I must recall—as I did last year here in Zurich—how much a better theologian and advocate of religion was the man who, although a Catholic priest, once delivered his inaugural lecture on Galileo as rector of the university and drew attention to how the Catholic Church—his Church—had at that time opposed Copernicanism; indeed, continued to do so until the year 1822; but how he—Professor Müllner, a Catholic theologian and philosopher—had to emphasize, when he assumed the rectorship at the University of Vienna, that true religiosity, and indeed true Catholicism, should not oppose the progress of human knowledge, because every further advance in human knowledge only brings the wonders of the divine in the world into the light before humanity in a more magnificent and glorious way.
[ 66 ] Das ist wirkliche religiöse und auch wirkliche christliche Denkweise! Und wie nicht eine äußerlich naturwissenschaftliche Erkenntnis von manchem, der das Religiöse wirklich, wahrhaft empfindet, als gegnerisch empfunden zu werden braucht, so auch nicht eine übersinnliche Erkenntnis, die sogar auf direktem Wege den Menschen wiederum zur Religiosität, aber allerdings zur freien Religiosität, zu derjenigen Religiosität, die in der Individualität, in der Persönlichkeit verankert ist, hinführen muß. Daher darf wohl gesagt werden, man sollte sich recht sehr anschauen gerade diejenigen Angriffe, die von diesen Seiten auf die anthroposophische Geisteswissenschaft kommen; denn sie gehen wahrhaftig nicht in Wirklichkeit von dem aus, wovon auszugehen sie vorgeben. Auch sie entspringen aus der Furcht und aus der Interesselosigkeit, wie ich das für die allgemeine Stellung der Menschheit zur Geisteswissenschaft im ersten dieser Vorträge charakterisiert habe. Man muß nur im richtigen Sinne lesen, was von dieser Seite gesagt wird! Allerdings werden diejenigen, die diese Dinge schreiben, nicht zu bekehren sein, und man sollte sich nicht der Naivität hingeben, daß man sie bekehren kann. Eine Widerlegung wäre ganz fruchtlos. Aber allerdings werden auch diejenigen, für die sie meistens schreiben, nicht zur Einsicht zu bringen sein. Der Gang der menschlichen Entwickelung kann aber bei denen doch nicht aufgehalten werden, die in ehrlicher Weise fühlen, was die Entwickelungskräfte der neueren Zeit in die menschliche Seele hineingelegt haben.
[ 66 ] That is truly religious—and truly Christian—thinking! And just as an outwardly scientific understanding of certain matters need not be perceived as antagonistic by those who truly and sincerely feel religious, so too a supersensible understanding—which must, in fact, lead people directly back to religiosity, but to a free religiosity, to that religiosity which is anchored in individuality and personality—need not be perceived as such either. Therefore, it may well be said that one should take a very close look at precisely those attacks directed from these quarters against anthroposophical spiritual science; for they truly do not, in reality, proceed from what they claim to be their starting point. They, too, spring from fear and indifference, as I characterized the general attitude of humanity toward spiritual science in the first of these lectures. One need only read what is said from this side in the right spirit! Admittedly, those who write these things will not be open to conversion, and one should not succumb to the naivety of thinking that one can convert them. A refutation would be entirely fruitless. But indeed, even those for whom they mostly write will not be persuaded to see reason. The course of human development, however, cannot be halted among those who honestly feel what the forces of modern development have instilled in the human soul.
[ 67 ] Durch den heutigen Vortrag — den ich übermorgen ergänzen will durch wiederum eine ganz positive Betrachtung über den neueren Geschichtsverlauf vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte, was unmittelbar in das allernächste Leben des Menschen hineinführen wird und in die brennendsten Fragen der Gegenwart — glaube ich gezeigt zu haben, wie jenes Suchen nach der übersinnlichen Erkenntnis, das.durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft angestrebt wird, weder naturwissenschaftfeindlich noch sozial unpraktisch, noch irgendwie für das religiöse Leben von Gefahr ist. Dagegen glaube ich gerade gezeigt zu haben: für denjenigen, welcher durchschaut, was die Gegenwart in der menschlichen Seelenverfassung für Kräfte erregen muß, und insbesondere, was für Kräfte die Zukunft erregen wird, für den wird es klar, daß für drei brennende Fragen dieser Gegenwart und der nächsten Zukunft das geisteswissenschaftliche Wissen bedeutungsvoll ist.
[ 67 ] Through today’s lecture—which I intend to supplement the day after tomorrow with yet another entirely positive perspective on recent historical developments from the standpoint of spiritual science, a perspective that will lead directly into the very immediate life of the human being and into the most pressing questions of the present—I believe I have shown how that search for supersensible knowledge, which is pursued by anthroposophically oriented spiritual science, is neither hostile to the natural sciences nor socially impractical, nor in any way a danger to religious life. On the contrary, I believe I have just shown that for those who perceive the forces that the present must stir up in the human soul—and, in particular, the forces that the future will stir up—it becomes clear that spiritual scientific knowledge is significant for three burning questions of the present and the immediate future.
[ 68 ] Wissenschaft steht seit Jahrhunderten und insbesondere in der Gegenwart und noch mehr in der Zukunft im Mittelpunkt des menschlichen Strebens. Die Frage wird entstehen: Was vermag Wissenschaft für die höchsten Bedürfnisse des Menschen nach der übersinnlichen Welt? Antwort darauf wird nur diejenige Wissenschaft geben können, die an der Geisteswissenschaft nicht vorbeigehen wird.
[ 68 ] For centuries—and especially in the present, and even more so in the future—science has been at the center of human endeavor. The question will arise: What can science do to meet humanity’s highest needs regarding the supersensible world? Only a science that does not ignore spiritual science will be able to provide an answer to this question.
[ 69 ] Eine weitere brennende Frage der Gegenwart und der nächsten Zukunft wird sein: Wie finden wir diejenigen Impulse, welche das soziale Leben gestalten können? Die Antwort wird sein müssen: Allein dasjenige, was geisteswissenschaftlich gewonnen ist, macht die Metamorphose durch, wenn es sich in das Menschenleben einfindet, daß es zum unmittelbar bewußten sozialen Leben von Mensch zu Mensch und damit auch zur sozialen Konfiguration des Menschengeschlechtes über die Erde hin führen kann.
[ 69 ] Another pressing question of the present and the near future will be: How do we find the impulses that can shape social life? The answer must be: Only that which has been gained through the study of the human sciences undergoes a metamorphosis when it finds its way into human life, so that it can lead to a directly conscious social life from person to person and thus also to the social configuration of the human race across the Earth.
[ 70 ] Und die dritte brennende Frage wird die sein: Wie kann das innerste Bedürfnis, das Verehrungsbedürfnis des Göttlichen in der menschlichen Seele in dem Zeitalter, das durch die Wissenschaft zur Individualität und zu der Persönlichkeit gekommen ist, befriedigt werden durch stärkere Kräfte, als sie von alters her aufgebracht worden sind? — Die Antwort muß wiederum sein: Solche stärkere Kräfte kann nur erregen dasjenige übersinnliche Schauen, was, wenn es in die menschliche Persönlichkeit sich hineinlebt, in die menschliche Persönlichkeit hineinmetamorphosiert, in ihr selber persönlich wird. Solche Kräfte kann nur dieses Übersinnliche durch Geisteswissenschaft, durch übersinnliche Erkenntnis angestrebte Wissen und Schauen werden, wie es die moderne Religiosität braucht, die Religiosität braucht, welche die Menschheit wirklich in bezug auf Gegenwart und Zukunft in den tiefsten Bedürfnissen der Seele, ja in den Untergründen der Seele wird befriedigen sollen.
[ 70 ] And the third burning question will be: How can the innermost need—the human soul’s need to revere the Divine—be satisfied in an age that has attained individuality and personality through science, by means of forces more powerful than those that have been mobilized since time immemorial? — The answer must again be: Such stronger forces can only be aroused by that supersensible vision which, when it becomes part of the human personality, is transformed into the human personality, and becomes personal within it. Such forces can only be attained through this supersensible realm—through spiritual science, through knowledge and insight sought via supersensible cognition—as required by modern religiosity, the kind of religiosity that is truly meant to satisfy humanity’s deepest spiritual needs—indeed, the very depths of the soul—with regard to the present and the future.
