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The Essence of Anthroposophy
GA 74

22 May 1920, Dornach

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2. Das Wesen des Thomismus

Lecture One

[ 1 ] Was ich mich gestern besonders hervorzuheben bemühte, das war, daß in jener geistigen Entwickelung des Abendlandes, die dann ihren Ausdruck in der Scholastik gefunden hat, nicht bloß dasjenige spielt, was man in abstrakten Begriffen erfassen kann und was sich etwa in abstrakten Begriffen, in einer Entwickelung abstrakter Begriffe vollzogen hat, sondern daß dahinter eine reale Entwickelung der Impulse der abendländischen Menschheit steht. Ich meine das so: Man kann zunächst, wie man ja das zumeist in der Philosophiegeschichte macht, den Blick auf dasjenige richten, was man bei den einzelnen Philosophenpersönlichkeiten findet. Man kann verfolgen, wie gewissermaßen die Ideen, die man bei einer Persönlichkeit des 6., 7., 8., 9. Jahrhunderts findet, dann fortgesponnen werden von Persönlichkeiten des io0., I1., 12., 13. Jahrhunderts, und man kann durch eine solche Betrachtung den Eindruck gewinnen, ein Denker habe von dem anderen gewisse Ideen übernommen und es liege eine gewisse Evolution von Ideen vor.

[ 1 ] During these three days, I would like to speak about a topic that one normally considers from a more formal aspect, and whose contents one normally only considers that the position of the philosophical worldview to Christianity was fixed as it were by the underlying philosophical movement of the Middle Ages. Because just this aspect of the matter was recently refreshed because Pope Leo XIII called on his clerics to do Thomism the official philosophy of the Catholic Church, our present topic has a certain significance from this side.

[ 2 ] Das ist eine geschichtliche Betrachtung des geistigen Lebens, die allmählich verlassen werden müßte. Denn dasjenige, was sich so abspielt, was sich offenbart aus den einzelnen menschlichen Seelen heraus, das sind doch eigentlich nur Symptome für ein tieferes Geschehen, das gewissermaßen hinter der Szene der äußeren Vorgänge liegt. Und dieses Geschehen, das sich abspielte von etwa ein paar Jahrhunderten an schon bevor das Christentum begründet worden ist, dann in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis in die Zeit der Scholastik hinein, ist ein ganz organischer Vorgang im Werden der abendländischen Menschheit. Ohne den Blick hinzurichten auf diesen organischen Vorgang, ist es ebenso unmöglich, darüber Aufschluß zu bekommen, wie über dasjenige, was Entwickelung, sagen wir vom zwölften bis zum zwanzigsten menschlichen Lebensjahre ist, wenn man nicht den wichtigen Einschlag in diesem Lebensalter ins Auge fassen würde, der mit der Geschlechtsreife und all den Kräften, die sich da aus den Untergründen der menschlichen Wesenheit heraufarbeiten, verbunden ist. So wühlt sich herauf aus den Tiefen dieses ganzen großen Organismus europäischer Menschheit etwas, was man eben dadurch charakterisieren kann — man könnte auch andere Charakteristiken erfinden —, daß man sagt: Sehr ehrlich und aufrichtig haben jene alten Dichter gesprochen, die etwa wie Homer begannen ihre epischen Gedichte: Singe mir, Göttin, den Zorn des Peleiden Achilleus —, oder: Singe mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes. — Diese Leute haben nicht eine Phrase sagen wollen, diese Leute haben empfunden als inneren Tatbestand ihres Bewußtseins, daß nicht ein einzelnes individuelles Ich sich da aussprechen will, sondern daß sich aussprechen will, was in der Tat empfunden wurde als ein höheres Geistig-Seelisches, das hereinspielt in den gewöhnlichen Bewußtseinszustand des Menschen.

[ 2 ] However, I would just like to look not only from this formal aspect at the matter that is connected as medieval philosophy with the central personalities of Albert the Great (1193-1280) and Thomas Aquinas (~1225-1274), but in the course of these days I would like to show the deeper historical background from which this philosophical movement arose which our time appreciates too little. One can say that Thomas Aquinas tried to grasp the problem of knowledge, of the complete worldview in a quite astute way in the thirteenth century, in a way that is hard to comprehend with our thinking today because conditions are part of reflection that the human beings of the present hardly fulfil, even if they are philosophers. It is necessary that you can completely project your thoughts in the way of thinking of Thomas Aquinas, his predecessors and successors that you know how you have to understand the concepts which lived in the souls of these medieval people about which, actually, the history of philosophy reports quite externally.

[ 3 ] Und wiederum — ich sagte es schon gestern — war Klopstock aufrichtig und durchschaute in einer gewissen Beziehung diesen Tatbestand, wenn auch vielleicht nur instinktiv, als er seine «Messias»-Dichtung begann; jetzt nicht: Singe, o Muse —, oder: Singe, o Göttin, von der Erlösung der Menschen —, sondern als er sagte: Singe, unsterbliche Seele —, also: Singe, individuelles Wesen, das in dem einzelnen Menschen als einer Individualität wohnt. — Als Klopstock seinen «Messias» schrieb, war allerdings dieses individuelle Fühlen in der einzelnen Seele schon weit vorgeschritten. Aber dieser innere Trieb, die Individualität herauszukehren, individuell das Leben zu gestalten, bildete sich im eminentesten Sinne in dem Zeitalter aus, das etwa von der Begründung des Christentums bis zu der Hochscholastik verläuft. In dem, was die Philosophen gedacht haben, kann man nur das Oberste sehen, dasjenige, was an die alleräußerste Oberfläche hinaufgeht von dem, was in den Tiefen der ganzen Menschheit sich vollzieht: das Individuellwerden des Bewußtseins europäischer Menschen. Und ein wesentliches Moment in der Verbreitung des Christentums durch diese Jahrhunderte ist die Tatsache, daß diejenigen, welche die Träger dieser Verbreitung waren, hineinsprechen mußten in eine Menschheit, die aus den Tiefen ihres Wesens heraus den Menschen immer mehr und mehr zu einem innerlichen Individuell-Erfühlen hindrängte.

[ 3 ] If you look now at the centre of our consideration, at Thomas Aquinas, he is a personality that disappears, compared with the main current of Christian philosophy in the Middle Ages, as a personality as it were who is, actually, only the exponent of that which lives in a broad worldview current and expresses a certain universality with him. So that Thomism is something exceptionally impersonal, something that only manifests by the personality of Thomas Aquinas. Against it, you recognise immediately that you look at a full, whole personality if you envisage Augustine (354-430) who is the most important predecessor of Thomism. With Augustine, we deal with a struggling person, with Thomas Aquinas with the medieval church that determines its position to heaven, earth, human beings, history et cetera. It expresses itself—indeed, with certain restrictions—as church by the philosophy of Thomas Aquinas.

[ 4 ] Nur unter diesem Gesichtspunkte lassen sich die einzelnen Ereignisse verstehen, die sich in diesem Zeitalter vollziehen. Und auch nur mit dem Blick auf diese Tatsachen läßt sich verstehen, was an Seelenkämpfen in solchen Persönlichkeiten stattgefunden hat, die dann eben in den tiefsten Tiefen der Menschenseele sich auseinandersetzen wollten mit dem Christentum auf der einen Seite und mit der Philosophie auf der andern Seite, wie Albertus Magnus und Thomas von Aquino. Heute liegt den gebräuchlichen Philosophiegeschichtsschreibern viel zu wenig von den wahren Gestalten der Seelenkämpfe vor, die ihren letzten Abschluß gewissermaßen in Albert und Thomas gefunden haben, als daß dieses Zeitalter in den gebräuchlichen Philosophiegeschichten auch nur annähernd deutlich genug geschildert würde. Da spielt vieles herein in das Seelenleben des Albert und des Thomas.

[ 4 ] A significant event takes place between both men, and without looking at this event, it is not possible to determine the position of both personalities to each other. This event took place in 553 when Emperor Justinian I (527-565) branded Origen (185-~254) as a heretic. The whole colouring of Augustine's worldview becomes clear only if you consider the historical background from which Augustine worked his way out. However, this historical background changes because that powerful influence on the West stops which had originated from the Greek academies in Athens and somewhere else. This influence lasted until the sixth century, and then it decreased, so that something remained in the western current that was quite different from that in which Augustine had still lived.

[ 5 ] Äußerlich sieht es so aus, als ob Albertus Magnus, der vom 12. ins 13. Jahrhundert hinüber lebte, und Thomas, der im 13. Jahrhundert lebte, nur gewissermaßen dialektisch hätten vereinigen wollen auf der einen Seite Augustinismus, von dem wir gestern gesprochen haben, und Aristotelismus. Der eine war der 'Träger der kirchlichen Ideen, der andere der Träger der ausgebildeten philosophischen Ideen. Den Einklang zwischen beiden zu suchen zieht sich allerdings wie ein Duktus hindurch durch all dasjenige, was die beiden geschrieben haben. Aber in alldem, was da in Gedanken fixiert wird wie in einer Blüte des abendländischen Fühlens und Wollens, lebt doch unendlich viel darinnen von dem, was dann nicht auf jenes Zeitalter übergegangen ist, das sich etwa von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis in unsere Tage erstreckt, und aus dem wir unsere gebräuchlichen Ideen für alle Wissenschaften und auch für das gesamte öffentliche Leben entnehmen.

[ 5 ] I ask you to take into consideration that I would like to give an introduction only today that I treat the real being of Thomism tomorrow, and that the purpose of my executions will completely appear, actually, only at the third day. Since I am in a special situation, also with reference to the Christian philosophy of the Middle Ages, in particular of Thomism,—you forgive for this personal remark. I have emphasised many a time what I experienced once when I reported that before a proletarian audience what I have to regard as truth in the course of western history. It caused that the students took kindly to that, however, the leaders of the proletarian movement believed that this was no real Marxism. Although I appealed to freedom of teaching, one answered to me in the decisive meeting that this party knows no freedom of teaching but only reasonable compulsion!—Hence, I had to finish my teaching, although I had many students of the proletariat who supported me.

[ 6 ] Dem heutigen Menschen erscheint es eigentlich nur wie etwas Paradoxes, wenn er hört, was wir gestern hören mußten von der Lebensanschauung des Augustinus: daß Augustinus tatsächlich der Anschauung war, daß ein Teil der Menschen von vornherein dazu bestimmt sei, die göttliche Gnade ohne Verdienst zu empfangen — denn eigentlich müßten sie nach der Erbsünde alle zugrunde gehen —, die göttliche Gnade zu empfangen und gerettet zu werden, seelisch-geistig gerettet zu werden; ein anderer Teil der Menschheit müsse seelisch-geistig zugrunde gehen, gleichgültig was er auch unternimmt. — Für den heutigen Menschen erscheint das paradox, vielleicht sogar sinnlos. Wer sich hineinfühlen kann in das Zeitalter, in dem Augustinus gelebt hat, in dem Augustinus all diejenigen Ideen und Empfindungen empfangen hat, die ich gestern charakterisierte, der wird anders fühlen. Der wird fühlen, daß man — noch dazu als ein Mensch wie Augustinus, der mittendrinnen stand in dem Kampfe zwischen dem Gedanken, der die ganze Menschheit als eine Einheit umfaßte, und jenem Gedanken, der die Individualität des Menschen herauskristallisieren wollte aus dieser einheitlichen Menschheit —, daß man es begreiflich finden kann, daß Augustinus auf diese Weise noch festhalten wollte an den Gedanken, die noch nicht als die altertümlichen Gedanken Rücksicht nahmen auf den einzelnen Menschen, die noch unter dem Einflusse solcher Ideen wie die des Plotinismus, den ich gestern charakterisiert habe, eben einzig und allein das Allgemeinmenschliche im Sinne hatten. Aber auf der anderen Seite wühlte auch in der Seele des Augustinus der Drang nach Individualität. Daher bekommen dieseIdeen eine so prägnante, seelen- und herzensmäßig prägnante Fassung, daher sind sie so erfüllt von menschlichem Erleben, und dadurch wird gerade Augustinus jene unendlich sympathische Gestalt, welche so tiefen Eindruck macht, wenn wir den Blick zurückwenden auf die Jahrhunderte, die der Scholastik vorangegangen sind.

[ 6 ] I experienced something similar another time with that which I wanted to say about Thomism and the medieval philosophy twenty years ago. At that time, the materialist monism was on its climax. To the care of a free, independent worldview, but only to the care of this materialist monism, the Giordano Bruno Association was founded in Germany in those days. Because it was impossible for me to take part in all empty gossip and phrases that appeared as monism in the world, I held a talk on Thomism in the Berlin Giordano Bruno Association. I tried to prove in this talk that Thomism is a spiritual monism, which manifests by an astute thinking of which the modern philosophy—influenced by Kant and Protestantism—has no idea or has no strength for it. Thus, I fell out also with monism! Today it is exceptionally difficult to speak of the things in such a way that the spoken arises from the real thing and is not put into the service of any party. Hence, I would like to speak about the phenomena, which I have indicated, during these three days again.

[ 7 ] Über Augustinus hinaus hat sich dann für viele dasjenige, was den einzelnen Menschen des Abendlandes als Christ zusammenhielt mit seiner Kirche — aber nur in den Ideen des Augustinus —, erhalten. Nur waren diese Ideen, so wie ich sie Ihnen gestern gezeigt habe, eben nicht annehmbar für diese abendländische Menschheit, die den Gedanken nicht ertrug, die Gesamtmenschheit, das Einheitliche, als ein Ganzes zu nehmen und sich darinnen nur etwa zu fühlen wie ein Glied, noch dazu wie ein Glied, das zu dem Teil der Menschheit gehört, der dem Untergang, der Vernichtung verfallen ist. Und so sah sich die Kirche gedrängt, zu einem Ausweg zu greifen.

[ 7 ] Augustine positions himself as a struggling personality in the fourth and fifth centuries, as I have already said. The way in which Augustine struggles makes a deep impression if one is able to go into the special nature of this struggle. Two questions rose in Augustine's soul of which one has no idea today where the real cognitive and psychological questions have faded, actually. The first question is that which one can characterise possibly while one says, Augustine struggles for the being of that which the human being can acknowledge, actually, as truth fulfilling his soul. The second question is, how can one explain the evil in a world that has, nevertheless, sense only if at least the purpose of this world deals with the good? How can one explain that never the voice of the evil is silenced in the human nature also not if the human being strives honestly and sincerely for the good?

[ 8 ] Augustinus führte noch seinen gewaltigen Kampf gegen den Pelagius, jenen Mann, der schon ganz erfüllt war von dem Individualimpuls des Abendlandes. Es war dies jene Persönlichkeit, bei der wir als einem Zeitgenossen des Augustinus sehen können, wie voraus erscheint das Sich-als-Individualität-Fühlen, wie es sonst erst die Menschen der späteren Jahrhunderte gehabt haben. Daher kann er nicht anders als sagen: Es kann keine Rede davon sein, daß der Mensch ganz unbeteiligt bleiben müsse an seinem Schicksal in der sinnlichen Welt; es muß aus der Menschenindividualität selbst herausgeboren werden können die Kraft, durch welche die Seele den Anschluß findet an das, was sie aus der Umstrickung der Sinnlichkeit erhebt in die reinen geistigen Regionen, wo sie ihre Erlösung und Rückkehr zur Freiheit und Unsterblichkeit finden kann. — Das war dasjenige, was Augustinus’ Gegner geltend machten: daß der einzelne Mensch die Kraft finden müsse, die Erbsünde zu überwinden.

[ 8 ] I do not believe that one approaches Augustine really, if one interprets these two questions in such a way, as the average human people of the present would like to understand them. One has to look for the special colouring that these questions had for this man of the fourth and fifth centuries. Augustine experiences an internally moved, excessive life at first. However, in this life both questions appear repeatedly in him. He is in a conflict. The father is a pagan; the mother is a devout Christ. The mother did her best to win the son over to Christianity. At first, the son attains a certain seriousness of life and turns to Manichaeism. We want to look at this worldview later that Augustine got to know when he changed from a dissolute life to a serious one. Then, however, he felt more and more rejected—indeed, only after years—by Manichaeism, and a certain scepticism seized him from the whole trend of the philosophical life in which at a certain time the Greek philosophy had ended, and which survived then until the time of Augustine.

[ 9 ] Die Kirche stand mittendrinnen zwischen den beiden Gegnern, und sie suchte nach einem Ausweg. Dieser Ausweg wurde vielfach besprochen. Es wurde gewissermaßen hin und her geredet, und man ergriff dann die Mitte, und ich kann es jedem einzelnen von Ihnen überlassen, ob er diese Mitte in diesem Falle als die goldene Mitte oder als die kupferne Mitte ansieht. Man ergriff die Mitte: den Semipelagianismus. Man fand eine Formel, die eigentlich nicht recht Schwarz und nicht recht Weiß sagte, die verkündete: Es ist zwar so, wie Augustinus gesagt hat, aber es ist doch nicht ganz so, wie Augustinus gesagt hat; es ist auch nicht ganz so, wie Pelagius gesagt hat, aber es ist in einem gewissen Sinne auch so, wie er gesagt hat. Und so könne man sagen, daß zwar nicht durch einen weisheitsvollen ewigen Ratschluß der Gottheit die einen zur Sünde, die anderen zur Gnade verurteilt sind, daß die Menschen Anteil haben an ihrem Sündhaftwerden oder an ihrem Erfülltsein mit Gnade; aber die Sache sei denn doch so, daß zwar nicht eine göttliche Vorherbestimmung vorliege, aber ein göttliches Vorherwissen. Die Gottheit weiß vorher, ob der eine ein Sünder sein werde oder der andere ein Gnadenerfüllter sein werde.

[ 9 ] However, now scepticism withdraws more and more. Scepticism is only something to Augustine that brings him together with Greek philosophy. This scepticism leads him to that which exerted a deep influence certainly on his subjectivity on his whole attitude for some time. Scepticism leads him to a quite different direction, to Neoplatonism. Neoplatonism influenced Augustine even more than one normally thinks. One can understand his whole personality and his struggle only if one recognises how much he is involved in the Neoplatonic worldview. If one goes objectively into his development, one hardly finds, actually, that the break, which in this personality took place with the transition from Manichaeism to Neoplatonism or Plotinism, recurred with the same strength, when Augustine turned from Neoplatonism to Christianity. Since one can say, actually, Augustine remained a Neoplatonist to a certain degree. That is why his destiny induced him to get to know Christianity. It is, actually, not at all a big leap, but it is a natural development from Neoplatonism to Christianity. One cannot judge the Christianity of Augustine if one does not look at Manichaeism, a peculiar way to overcome the old pagan worldview at the same time with the Old Testament, with Judaism.

[ 10 ] Dabei wurde nicht weiter darauf Rücksicht genommen, als dieses Dogma verbreitet wurde, daß es sich im Grunde gar nicht um ein Vorherwissen handelte, sondern daß es sich darum handelte, klipp und klar Stellung zu nehmen zu dem, ob nun der einzelne individuelle Mensch sich verbinden kann mit den Kräften in seinem individuellen Seelenleben, die ihn herausheben aus seiner Trennung von dem göttlich-geistigen Wesen der Welt und ihn wieder zurückführen können zu dem göttlich-geistigen Wesen der Welt. So bleibt für das Dogmenwesen im Grunde genommen die Frage ungelöst, und ich möchte sagen: Auf der einen Seite genötigt, den Blick nach dem Dogmengehalt der Kirche zu richten, auf der anderen Seite aber aus innerster Empfindung heraus mit tiefster Verehrung für die Größe des Augustinus erfüllt, standen in der Hochscholastik Albertus und Thomas dem gegenüber, was sich als abendländische Geistesentwickelung innerhalb der christlichen Strömung ausbildete. Und hinein spielte doch noch manches aus früheren Zeiten. Es lebte fort so, daß man es sieht, wenn man genau hinblickt auf die Seele des Albertus, des Thomas, daß man es sieht auf dem Grunde ihrer Seele tätig sein, aber daß man auch einsieht, daß es ihnen selber nicht ganz vollbewußt ist, daß es in ihre Gedanken hineinspielt, daß sie es aber nicht zu einer präzisen Fassung bringen können.

[ 10 ] At that time, Manichaeism had expanded over North Africa where Augustine grew up in which many people of the West already lived. In the third century, Manichaeism came into being by Mani, a Persian (216-277). History hands down exceptionally little of it. If one wants to characterise Manichaeism, one must say, it depends more on the attitude of this worldview than on the literal contents.

[ 11 ] Das muß man bedenken, mehr bedenken für diese Zeit der Hochscholastik des Albert und des Thomas, als man eine ähnliche Erscheinung zum Beispiel in unserer Zeit bedenken müßte. Das Warum habe ich mir schon erlaubt hervorzuheben in meinen «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert», die dann erweitert wurden zu meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie», wo dann die Aufgabe anders gestellt war und daher die betreffende Stelle nicht wiederkehren konnte, wie ich mir noch erlauben will zu bemerken. Das gilt durchaus — und das wird uns morgen noch eingehend zu beschäftigen haben, jetzt will ich es nur erwähnen —, daß wir aus diesem Emporringen der Individualität bei den Denkern, die nun philosophisch ausbildeten dieses Emporringen der Individualität, dasjenige erleben, was höchste Blüte logischer Urteilskraft ist, man könnte sagen höchste Blüte logischer Technik.

[ 11 ] It is typical for Manichaeism above all that the separation of the human experience into spiritual and material does not yet make sense. The words or ideas “spirit” and “matter” have no sense for Manichaeism. Manichaeism sees in that what appears material to the senses something spiritual and does not tower above that which presents itself to the senses if it speaks of the spiritual. It applies to it much more than one normally thinks that it assumes spiritual phenomena, spiritual facts, indeed, in the stars and in their ways that it assumes that with the sun mystery something spiritual takes place here on earth at the same time. Something material manifests as something spiritual at the same time and vice versa. Hence, it is a given for Manichaeism that it speaks of astronomical phenomena, of world phenomena in such a way as it also speaks of moral and of events within the human evolution. Thus, the contrast of light and darkness which Manichaeism teaches—copying the ancient Persian worldview—is something naturally spiritual at the same time even more than one thinks. Manichaeism still speaks of that what moves there apparently as sun at the firmament, of something that is also concerned with the moral entities and impulses within the human evolution. It speaks of the relations of this moral-physical, which is there at the firmament, to the signs of the zodiac like to twelve beings by whom the primal being, the primal light being of the world, specifies its activities.

[ 12 ] Man kann schimpfen wie man will von diesem oder jenem Parteistandpunkte über die Scholastik — all dieses Schimpfen ist in der Regel wenig von einer wirklichen Sachkenntnis erfüllt. Denn wer Sinn hat für die Art und Weise, wie sich, ganz abgesehen jetzt von.dem sachlichen Inhalt, der Scharfsinn der Gedanken abspielt bei irgend etwas, was wissenschaftlich oder sonst erklärt wird, wer Sinn dafür hat zu erkennen, wie Zusammenhänge zusammengedacht werden, die zusammengedacht werden müssen, wenn das Leben Sinn bekommen soll —, wer für alles das und für manches andere Sinn hat, für den geht es schon auf, daß so präzis, so innerlich logisch gewissenhaft niemals gedacht worden ist vorher, und nachher niemals gedacht worden ist als in der Zeit der Hochscholastik. Gerade das ist das Wesentliche, daß da das reine Denken mit mathematischer Sicherheit von Idee zu Idee, von Urteil zu Urteil, von Schlußfolgerung zu Schlußfolgerung so verläuft, daß über den kleinsten Schritt und über das kleinste Schrittchen diese Denker sich immer Rechenschaft geben.

[ 12 ] However, something else is still distinctive of Manichaeism. It considers the human being by no means as that which the human being is to us today. The human being appears to us as a kind of crown of the earth creation. Manichaeism does not concede this. It considers the human being, actually, only as a scanty rest of that which should have become a human being on earth by the divine light being. Something else should have become a human being than that which now walks around as a human being on earth. That which now walks around as a human being on earth originated because the original human being whom the light being had created for supporting him in his fight against the demons of darkness lost this fight against these demons and was moved by the good powers into the sun. However, the demons still managed it to snatch a part of this original human being as it were from the real human being escaping to the sun and to form the earthly human race from it, which walks about on earth like a worse issue of that what could not live on the earth here because it had to be carried away into the sun during the big spiritual fight. The Christ Being appeared to lead the human being who was like a worse edition of his original destiny on earth, and Its activity shall erase the effect of the demons from the earth.

[ 13 ] Man muß nur bedenken, in welchem Milieu sich dieses Denken abspielte. Das war nicht ein Denken, das sich etwa so abspielte wie jetzt sich das Denken abspielt in der geräuschvollen Welt. Das war ein Denken, das sich abspielte in der stillen Klosterzelle oder sonst fern von dem Weltengetriebe. Das war ein Denken, das ganz aufging in dem Gedankenleben, und das war ein Denken, das auch noch durch andere Umstände die reine Denktechnik ausbilden konnte. Es ist heute tatsächlich schwer, diese reine Denktätigkeit auszubilden, denn kaum wird es irgendwie versucht, solche Denktätigkeit vor die Öffentlichkeit hinzustellen, die nichts anderes möchte als, durch ihren Inhalt bedingt, Gedanken an Gedanken reihen, dann kommen die unsachlichen Leute, die unlogischen Leute, greifen alles mögliche auf, werfen ihre brutalen Parteimeinungen entgegen. Und da man schon einmal ein Mensch unter Menschen ist, muß man sich auseinandersetzen mit diesen Dingen, die eigentlich nichts anderes sind als hineingeworfene Brutalitäten, die gar nichts zu tun haben oftmals mit demjenigen, um was es sich eigentlich handelt. Da ist sehr bald jene innere Ruhe verloren, der sich Denker des 12. und 13. Jahrhunderts hingeben konnten, die nicht auf den Widerspruch der Unvorbereiteten in ihrem sozialen Leben so außerordentlich viel zu geben brauchten.

[ 13 ] I know very well that not everything that one can still put into words of this worldview by our word usage, actually, is sufficient; since all that just arises from the depths of the soul life that are substantially different from the present ones. However, the essentials are that what I have already emphasised. Since as fantastic it may appear what I tell you about the progress of the earth in the sense of Manichaeism, it did not imagine that as something that one can only behold spiritually, but that a sense-perceptible phenomenon happens at the same time as something spiritual.

[ 14 ] Dieses und noch manches andere hat gerade in diesem Zeitalter jene auf der einen Seite wunderbare plastische, aber auch in feinen Konturen verlaufende Denktätigkeit hervorgerufen, welche die Scholastik kennzeichnet und welche namentlich bewußt angestrebt worden ist von Leuten wie Albertus und Thomas.

[ 14 ] That was the first to work powerfully on Augustine. We understand the problems that are connected with the personality of Augustine, actually, even by the fact that one envisages this mighty effect of Manichaeism, of its spiritual-material principle. One must ask himself, why did Augustine become dissatisfied with Manichaeism? Not, actually, because of its mystic contents but because of the whole attitude of Manichaeism.

[ 15 ] Aber nun bedenke man dieses: Auf der einen Seite sind Forderungen des Lebens da, die sich so ausnehmen, daß man es zu tun hat mit nicht ins Klaregebrachten Dogmen, was in zahlreichen Fällen ähnlich war dem charakterisierten Semipelagianismus, und daß man kämpfte, um aufrechtzuerhalten dasjenige, von dem man glaubte, daß es aufrechterhalten werden müsse, weil es die dazu berechtigte Kirche aufgestellt hat, daß man das aufrechterhalten wollte mit dem scharfsinnigsten Denken. Man stelle sich nur vor, was es heißt, gerade mit dem scharfsinnigsten Denken hineinzuleuchten in das, was so geartet war, wie ich es Ihnen nach dem Augustinismus charakterisieren mußte. Man muß schon in dieses Innere des scholastischen Strebens hineinschauen und nicht bloß am Faden der Begriffe, die man aufgelesen hat, diesen Hergang von der Parristik bis zu der Scholastik charakterisieren wollen.

[ 15 ] First, Augustine was taken in by the sensory descriptiveness, the vividness of this view, in a way. Then, however, something stirred in him that could not be content just with the vividness with which one considered the material as spiritual and the spiritual as material. One really does not manage it differently, as if one goes over from that which one has often only as a formal consideration to reality if one looks at the fact that Augustine was just a person who resembled very much the people of the Middle Ages and maybe even modern people than those people who were the natural bearers of Manichaeism. Augustine already has something of a renewal of mental life.

[ 16 ] Es spielte eben vieles halb Unbewußte in diese Geister der Hochscholastik hinein, und man kommt eigentlich nur zurecht, wenn man über das, was ich schon gestern charakterisiert habe, hinausblickend, noch etwa eine solche Gestalt ins Auge faßt wie die, die halb mysteriös vom sechsten Jahrhundert an in das europäische Geistesleben eintrat, die bekannt geworden ist unter dem Namen des Dionysius des Areopagiten. Ich kann heute, weil die Zeit dazu nicht ausreichen würde, nicht eingehen auf all die Streitigkeiten darüber, ob nun irgend etwas daran ist, daß diese Schriften erst im sechsten Jahrhundert verfaßt worden sind oder ob die andere Anschauung die richtige ist, die wenigstens das Traditionelle dieser Schriften in viel frühere Zeiträume zurückführt. Auf all das kommt es ja nicht an, sondern darauf kommt es an, daß vorlagen die Anschauungen des Dionysius des Areopagiten für die Denker des siebenten, achten Jahrhunderts bis noch in die Zeiten des Thomas von Aquino, und daß diese Schriften durchaus mit christlicher Nuance dasjenige in einer besonderen Gestalt enthielten, was ich Ihnen gestern als den Plotinismus, als den Neuplatonismus des Plotin charakterisiert habe, aber eben in einer besonderen Gestalt, durchaus mit christlicher Nuance. Und ganz besonders bedeutsam ist es geworden für die christlichen Denker des ausgehenden Altertums und des Beginnes des Mittelalters bis in die Mitte des Mittelalters, eben bis zur Hochscholastik, wie sich der Schreiber der Dionysiusschen Schriften verhalten hat zu dem Aufsteigen der menschlichen Seele bis zu einer Anschauung über das Göttliche.

[ 16 ] In our intellectual time that is prone to the abstract, one considers that which goes forward historically in any century as result of the preceding century and so on. It is pure nonsense if one states that that which happens, for example, in the eighteenth year of a human being is a mere effect of that which has happened in the thirteenth, fourteenth years. Since in between something takes place which works its way up from the depths of human nature which is not a mere effect of the preceding in the sense as one speaks of effect and cause justifiably, but which is the sexual maturity which just emerges from the nature of humanity. One has to acknowledge such leaps also at other times of the individual human development, where something works up its way from depths to the surface; so that one cannot say, what happens is only the immediately straight effect of that which has preceded.

[ 17 ] Dieser Dionysius wird ja gewöhnlich so geschildert, als ob er zwei Wege zum Göttlichen hätte. Die hat er auch. Der eine Weg ist der, daß er verlangt: Wenn der Mensch aufsteigen will von den Außendingen, die uns umgeben in der Welt, zu dem Göttlichen, so muß er versuchen herauszufinden aus all den Dingen, die da sind, ihre Vollkommenbheiten, ihr Wesentliches, muß versuchen zurückzugehen zu dem Allervollkommensten, muß die. Möglichkeit haben, das Allervollkommenste so mit Namen zu benennen, daß er einen Inhalt hat für dieses Göttlich-Vollkommenste, der nun wiederum sich gleichsam ausgießen und durch Individualisierung und Differenzierung die einzelnen Dinge der Welt aus sich hervorbringen kann. — So, möchte man sagen, ist für diesen Dionysius die Gottheit diejenige Wesenheit, die mit den Namen im reichlichsten Umfange versehen werden muß, die belegt werden muß mit den Prädikaten, die man als auszeichnendste Prädikate nur herausfinden kann aus allen Vollkommenheiten der Welt, die man zusammenfinden kann: Nimm all das, was dir auffällt in den Dingen der Welt an Vollkommenbheit, benenne es und benenne dann damit die Gottheit, dann kommst du zu einer Vorstellung über die Gottheit. — Das ist der eine Weg, den Dionysius vorschlägt.

[ 17 ] Such leaps also take place in the evolution of humanity, and you have to suppose that the spiritual condition of Manichaeism was before such leap and Augustine lived after the leap. He could not help ascending from that which a Manichaean considered as material-spiritual to the purely spiritual. Hence, he had to turn away from the vivid worldview of Manichaeism. That was the first to experience in his soul intensely, and we read his words: “the fact that I had to imagine bodily masses if I wanted to meditate on God and believed that nothing could exist but of that kind—this was the most substantial and almost the only reason of error which I could not avoid.”

[ 18 ] Der andere Weg ist, daß er sagt: Du erreichst die Gottheit nie, wenn du ihr auch nur einen einzigen Namen gibst, denn der ganze Seelenprozeß, der darauf hinausgeht, Vollkommenheiten in den Dingen zu finden, der darauf hinausläuft, das Wesenhafte der Dinge zu suchen, es zusammenzufassen, um es dann in dieser Zusammenfassung der Gottheit anzuheften, das führt niemals zu dem, was man Erkennen der Gottheit nennen kann. Du mußt so werden, daß du dich frei machst von alledem, was du in den Dingen erkannt hast. Du mußt dein Bewußtsein vollständig reinigen von alldem, was du an den Dingen erfahren hast. Du mußt nichts mehr wissen von demjenigen, was dir die Welt sagt. Du mußt alle Namen, die du gewohnt bist, den Dingen zu geben, vergessen und dich in einen Seelenzustand versetzen, wo du von der ganzen Welt nichts weißt. Wenn du das in deinem Seelenzustand erleben kannst, dann erlebst du den Namenlosen, der sofort verkannt wird, wenn man ihm irgendeinen Namen beilegt; dann erkennst du den Gott, den Übergott in seiner Überschönheit. Aber schon die Namen Übergott und Überschönheit würden störend sein. Sie können nur dazu dienen, dich hinzuweisen auf dasjenige, was du als Namenloses erleben mußt.

[ 18 ] Thus, he points back to that time in which Manichaeism lived in his soul; and thus he characterises this lifetime as an error. He wanted something at which he could look up as to something that forms the basis of the human being. He needed something that one cannot see as something material-spiritual immediately in the sensory universe, as the principles of Manichaeism did. As everything struggles intensely seriously and strongly to the surface of his soul, also this: “I asked the earth, and it spoke, I am not that. And what is on it, confessed the same.”

[ 19 ] Wie kommt man zurecht mit einer Persönlichkeit, die einem nicht eine Theologie gibt, die einem zwei Theologien gibt, eine positive und eine negative, eine rationalistische und eine mystische Theologie? Wer sich eben hineinversetzen kann in die Geistigkeit der Zeitalter, aus denen heraus das Christentum geboren ist, der kommt ganz gut damit zurecht. Wenn man allerdings den Verlauf der Menschheitsentwickelung auch für die ersten christlichen Jahrhunderte so schildert, wie die heutigen Materialisten das tun, dann erscheint einem so etwas wie die Schriften des Areopagiten mehr oder weniger als Narretei, als Hirnverbranntheit. Dann weist man sie in der Regel aber auch einfach zurück. Wenn man aber sich hineinversetzen kann in das, was damals erlebt und erfühlt worden ist, dann sieht man ein, was ein Mensch wie der Areopagite eigentlich wollte: im Grunde genommen nur ausdrücken, was Unzählige anstrebten. Für sie war nämlich die Gottheit ein Wesen, das man überhaupt nicht erkennen konnte, wenn man nur einen Weg zu ihr einschlug. Für ihn war die Gottheit ein Wesen, dem man sich nähern mußte auf rationellem Wege durch Namengebung und Namenfindung. Aber geht man nur diesen einen Weg, dann verliert man den Pfad, dann verliert man sich in dasjenige, was gewissermaßen der gottentleerte Weltenraum ist. Dann gelangt man nicht zu Gott. Aber man muß ihn gehen, diesen Weg, denn ohne ihn zu gehen, kommt man auch nicht zu dem Gotte. Aber man muß noch einen anderen Weg gehen. Das ist eben der, der das Namenlose anstrebt. Geht man jeden allein, dann findet man ebensowenig die Gottheit; aber geht man beide, so kreuzen sie sich, und man findet in dem Durchkreuzungspunkte die Gottheit. Es genügt nicht, zu streiten darüber, ob der eine Weg oder der andere Weg richtig sei. Beide sind sie richtig; aber jeder einzelne, für sich gegangen, führt zu nichts. Beide gegangen führen, wenn die Menschenseele sich im Kreuzungspunkte findet, zu dem, was angestrebt wird.

[ 19 ] What does Augustine look for? He looks for the actual divine.—Manichaeism would have answered to him: I am that as earth, as far as the divine expresses itself by the earthly work.—Augustine continues: “I asked the sea and the abysses and what they entail as living: we are not your God, search Him above us.—I asked the blowing winds and the whole atmosphere with all its inhabitants: the philosophers who looked the being of the things in us were mistaken, we are not God.” Neither the sea, nor the atmosphere, nor everything that you can perceive with the senses. “I asked the sun, the moon, and the stars. They said: we are not God whom you search.”

[ 20 ] Ich kann begreifen, wie manche Menschen der Gegenwart, die gewöhnt sind an das, was als Polemik gilt, zurückschrecken vor dem, was hier von dem Areopagiten gefordert wird. Aber dasjenige, was hier gefordert wird, das lebte bei den Menschen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten die führenden geistigen Persönlichkeiten waren, und es lebte dann traditionell noch weiter fort in der christlich-philosophischen Strömung des Abendlandes, und es lebte bis auf Albertus Magnus und bis auf Thomas von Aquino. Es lebte zum Beispiel durch jene Persönlichkeit, deren Namen ich schon gestern genannt habe, durch den am Hofe Karls des Kahlen lebenden Scotus Erigena. Dieser Scotus Erigena erinnert einen lebhaft an dasjenige, was ich Ihnen gestern sagte: Ich habe nie einen so sanften Menschen gekannt wie Vincenz Knauer, den Philosophiegeschichtsschreiber. Vincenz Knauer war immer sanft, aber er fing an wie ein Rohrspatz zu schimpfen, wenn die Rede kam auf Plotin oder das, was Plotin ähnlich war. Und Franz Brentano, der geistreiche Philosoph, der immer feierlich war, er wurde ganz unfeierlich und schimpfte in seinem Buch «Was für ein Philosoph manchmal Epoche macht» —, er meint «Plotin».

[ 20 ] Thus, he got free of Manichaeism, just of the element of Manichaeism that one has to characterise, actually, as the most significant. Augustine looks for a spiritual that is free of anything sense-perceptible. He lives just in that epoch of soul development when the soul had to break away from mere considering the sense-perceptible as something spiritual, the spiritual as something sense-perceptible; since one also misjudges the Greek philosophy in this respect absolutely. Hence, people have difficulties to understand the beginning of my Riddles of Philosophy because I tried to characterise it in such a way as it was.

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[ 21 ] If the Greek speaks of ideas, of concepts, the today's human beings believe that he means that with his ideas that we call thoughts or ideas today. This is not the case, but the Greek spoke of ideas as of something that he perceives in the outside world like colours and tones. What appeared in Manichaeism with an oriental nuance exists in the entire Greek worldview. The Greek sees his idea as he sees a colour. He still has the sensory-spiritual, spiritual-sensory, that soul experience which does not at all ascend to that which we know as something spiritual that is free of anything sense-perceptible as we understand it now—whether as a mere abstraction or as real contents of our soul, this we do not yet want to decide at this moment. The soul experience that is free of anything sense-perceptible is not yet anything that the Greek envisages. He does not differentiate between thinking and sense perception.

[ 21 ] Diejenigen, die mehr oder weniger, wenn auch mit Scharfsinn und Geistreichigkeit, dem Rationalismus zugeneigt sind, die werden schon schimpfen, wenn sie das zu Gesicht, zum geistigen Gesichte bekommen, was etwa da ausströmte von dem Areopagiten, und was dann eine letzte bedeutende Offenbarung fand in diesem Erigena. Er war in den letzten Lebensjahren noch Benediktinerprior. Aber seine eigenen Mönche haben ihn, wie die Sage sagt — die Sage; ich sage ja nicht, daß das wörtlich wahr ist, aber wenn es nicht ganz wahr ist, so ist es annähernd wahr —, die haben ihn so lange mit Stecknadeln bearbeitet, bis er tot war, weil er noch den Plotinismus hereinbrachte in das neunte Jahrhundert. Aber über ihn hinaus lebten seine Ideen, die zugleich die weitere Fortbildung der Ideen des Areopagiten waren. Seine Schriften sind mehr oder weniger bis in späte Zeiten hinein verschwunden gewesen; sie sind dann ja doch auf die Nachwelt gekommen. Im 12. Jahrhundert ist Scotus Erigena als Ketzer erklärt worden. Aber das hat ja noch nicht eine solche Bedeutung gehabt wie später und wie heute. Trotzdem sind Albertus Magnus und Thomas von Aquino tief beeinflußt auch von den Ideen des Scotus Erigena.

[ 22 ] One would have to correct the whole conception of the Platonic philosophy, actually, from this viewpoint, because only then it appears in the right light. So that one may say, Manichaeism is only a post-Christian elaboration of that what was in Hellenism. One also does not understand the great philosopher Aristotle who concludes the Greek philosophy if one does not know that—if he still speaks of concepts—he already stands, indeed, hard at the border of abstract understanding that he speaks, however, still in the sense of tradition seeing the concepts close to sense-perception.

[ 22 ] Das ist das eine, was wir gewissermaßen als eine Erbschaft aus früheren Zeiten auf dem Grunde der Seelen erblicken müssen, wenn wir vom Wesen des Thomismus sprechen wollen. Noch ein anderes aber kommt in Betracht. Im Plotinismus, den ich Ihnen gestern in bezug auf seine Kosmologie zu charakterisieren versuchte, findet sich eine sehr bedeutsame, aus einer sinnlich-übersinnlichen Schauung hervorgegangene Charakteristik des menschlichen Wesens. Man bekommt vor diesen Dingen eigentlich erst wiederum Respekt, wenn man sie aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus wieder findet. Da macht man auch ohne weiteres gern das folgende Geständnis. Da sagt man: Wenn man so unvorbereitet liest etwas wie den Plotin oder das, was von ihm überliefert ist, dann sieht es auch ziemlich chaotisch und kraus aus. Wenn man aber die entsprechenden Wahrheiten selber wieder entdeckt, dann gewinnen Ansichten, wenn sie auch anders ausgesprochen waren in der damaligen Zeit, als sie heute ausgesprochen werden müssen, doch ein ganz besonderes Antlitz. Und so ist denn bei Plotin eine Anschauung zu finden, die ich etwa in der folgenden Weise charakterisieren möchte.

[ 23 ] Augustine was simply forced by the viewpoint, which people of his epoch had attained by real processes that took place in them among whom Augustine was an outstanding personality, no longer to experience in the soul as a Greek had experienced. He was forced to a thinking that still keeps its contents if it cannot talk of earth, air, sea, stars, sun and moon that does not have vivid contents. He has to push his way to a divine that should have such abstract contents. Only such worldviews spoke to him, actually, which had originated from another viewpoint that I have just characterised as that of the sensory-extrasensory. No wonder that these souls came to scepticism because they strove in uncertain way for something that was not yet there and because they could only find that which they could not take up.

[ 23 ] Plotin betrachtet die menschliche Wesenheit mit ihren leiblich-seelisch-geistigen Eigentümlichkeiten. Er betrachtet sie zunächst von zwei Gesichtspunkten aus. Er betrachtet sie zuerst von dem Gesichtspunkte der Arbeit der Seele am Leib. Wollte ich in der heutigen Charakteristik sprechen, so müßte ich folgendes sagen. Plotin sagt sich zunächst: Wenn man ein Kind betrachtet, das hereinwächst in die Welt, dann sieht man, wie gewissermaßen noch fertig entwickelt wird dasjenige, was aus Geistig-Seelischem heraus sich als menschlicher Leib gestaltet. Für Plotin ist alles das, was materiell auftritt namentlich am Menschen — wenn ich den Ausdruck, bitte stoßen Sie sich nicht daran, gebrauchen darf — eine Ausschwitzung des Geistig-Seelischen, eine Krustation gewissermaßen des Geistig-Seelischen. Wir können alles das, was leiblich auftritt, als eine Krustation des Geistig-Seelischen auffassen. Dann aber, wenn der Mensch herangewachsen ist bis zu einem gewissen Grade, dann hören die geistig-seelischen Kräfte auf, ins Leibliche hineinzuarbeiten.

[ 24 ] However, on the other side the feeling to stand on a firm ground of truth and to get explanation about the question of the origin of the evil was so strong in Augustine that, nevertheless, Neo-Platonism influenced him equally considerably. Neo-Platonism or Plotinism in particular concludes Greek philosophy. Plotinus (~204-270) shows—what strictly speaking Plato's dialogues and in the least the Aristotelian philosophy cannot show—how the whole soul life proceeds if it searches a certain internalisation. Plotinus is the last latecomer of a kind of people who took quite different ways to knowledge than that which one later understood generally about which one developed an idea later. Plotinus appears to the modern human being, actually, as a daydreamer.

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[ 25 ] Plotinus appears just to those who have taken up more or less of the medieval scholasticism as an awful romanticist, even as a dangerous romanticist. I experienced that repeatedly. My old friend Vincenz Knauer (1828-1894), a Benedictine monk who wrote a history of philosophy and a book about the main problems of philosophy from Thales to Hamerling was the personified gentleness. This man scolded as never before if one discussed the philosophy of Neo-Platonism, in particular that of Plotinus. There he got very angry with Plotinus as with a dangerous romanticist. Franz Brentano (1838-1917), the brilliant Aristotelian, empiricist, and representative of the medieval philosophy wrote a booklet What a Philosopher Is Epoch-making Sometimes (1876). There, he got just angry with Plotinus, because Plotinus is the philosopher who was epoch-making as a dangerous romanticist at the end of the ancient Greek era. It is very difficult for the modern philosopher to understand Plotinus.

[ 24 ] Man könnte also sagen (es wird gezeichnet): Zunächst haben wir es zu tun mit einer solchen Betätigung des GeistigSeelischen am Leiblichen, daß dieses Leibliche herausgestaltet, herausorganisiert wird aus dem Geistig-Seelischen. Die Menschheitsorganisation ist aus dem Geistig-Seelischen heraus gearbeitet. Wenn ein gewisser Reifezustand eingetreten ist für irgend etwas in der organischen Tätigkeit, sagen wir zum Beispiel für diejenige Tätigkeit, auf welche die Kräfte verwendet werden, die später als die Kräfte des Gedächtnisses erscheinen, so treten eben diese Kräfte, die früher in den Leib hineingearbeitet haben, in einer geistig-seelischen Metamorphose auf. Was also zuerst materiell gearbeitet hat vom Geistig-Seelischen, das befreit sich, wenn es fertig ist mit seiner Arbeit, und tritt auf als selbständige Wesenheit: Seelenspiegel müßte man etwa sagen, wenn man im Sinne des Plotin sprechen wollte.

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[ 25 ] Es ist außerordentlich schwierig, mit unseren heutigen Begriffen diese Dinge zu charakterisieren. Man kommt ihnen nahe, wenn man etwa das Folgende denkt: Man sehe, wie der Mensch von einem gewissen Reifezustand seines Gedächtnisses an sich erinnern kann. Das kann er nicht als kleines Kind. Wo sind die Kräfte, mit denen er sich erinnert? Sie arbeiten zunächst am Organismus, sie gestalten den Organismus. Haben sie am Organismus gearbeitet, dann emanzipieren sie sich rein geistig-seelisch und bearbeiten jetzt, aber noch immer als Geistig-Seelisches, den Organismus. Dann erst wohnt wiederum in diesem Seelenspiegel drinnen der eigentliche Kern, das Ich. In Charakteristiken, in einem Ideengehalt, der außerordentlich bildhaft ist, arbeiten diese Anschauungen von dem, was Seelisches tätig arbeitet, und von dem, was dann bleibt, was gewissermaßen passiv wird gegenüber der Außenwelt, so daß es wie das Gedächtnis aufnimmt die Eindrücke der Außenwelt, sie dann behält —, in einer außerordentlich bildhaften Weise wird diese zweifache Arbeit der Seele, diese Gliederung der Seele in einen aktiven Teil, der eigentlich den Leib aufbaut, und in einen passiven Teil, von jener älteren Schichte menschlichen Empfindens und menschlicher Weltanschauung geschildert, die in Plotin ihren letzten Ausdruck gefunden hat und die dann über‚gegangen ist auf Augustinus und seine Nachfolger.

[ 26 ] About this philosopher of the third century, we may say at first, that what we experience as our mind contents, as the sum of concepts that we form about the world is to him not at all, what it is to us. I would like to say if I may express myself figuratively (Steiner draws): We understand the world with sense perception, then we abstract concepts from the sense perception and end up in the concepts. We have the concepts as an inner soul experience and we are aware more or less that we have abstractions. The essentials are that we end up there; we turn our attention to the sensory experience and end up where we form the sum of our concepts, our ideas.

[ 26 ] Rationalisiert, in mehr physische Begriffe umgesetzt, finden wir diese Anschauung im Aristotelismus. Aristoteles hatte auch wiederum von Plato her und auch von dem, worauf wiederum Plato fußte, dieses Schauen vorliegend. Aber wenn man Aristoteles liest, ist es so, als ob man sagen müßte: Aristoteles selber bestrebt sich, alles in abstrakte Begriffe zu fassen, was er an alten Anschauungen vor sich hatte. Und so sehen wir in dem aristotelischen System, das sich nun auch fortpflanzte, das gewissermaßen die rationalistische Gestalt desjenigen war, was Plotin gegeben hat in der anderen Gestalt, wir sehen in dem, was sich als Aristotelismus fortpflanzt bis zu Albertus und bis zu Thomas dem Aquinaten, eine gewissermaßen rationalisierte Mystik, eine rationalistische Beschreibung des geistigen Geheimnisses der menschlichen Wesenheit.

[ 27 ] That was not the way for Plotinus. To Plotinus this whole world of sense perception hardly existed at first. However, that which was something for him about which he spoke as we speak about plants, minerals, animals and physical human beings, that was something that he saw now above the concepts, this was a spiritual world, and this spiritual world had a lower border for him. This lower border was the concepts. We get the concepts by turning to the sensory things, abstracting and forming the concepts and say, the concepts are the summaries, the essences of ideal nature from sense perception. Plotinus said who cared little about sense perception at first, we as human beings live in a spiritual world, and that which this spiritual world reveals as a last to us that we see as its lower border this are the concepts.

[ 27 ] Daß Aristoteles gewissermaßen heruntergeholt hat durch abstrakte Begriffe dasjenige, was die anderen in Schauungen gehabt haben, davon haben ein Bewußtsein Albertus und Thomas. Deshalb stehen sie auch dem Aristoteles wahrhaftig nicht so gegenüber wie die jetzigen Philosophiephilologen, die kuriose Streite entfaltet haben über zwei Begriffe, die von Aristoteles herrühren. Aber da die Aristotelischen Schriften nicht vollständig auf die Nachwelt gekommen sind, so findet man diese beiden Begriffe, ohne daß man sie bei Aristoteles im Zusammenhang hat — was ja immer eine Tatsache ist, die für viele gelehrte Streitigkeiten den Unterschied bieten kann —, man findet zwei Ideen bei Aristoteles. Aristoteles sieht ja in der menschlichen Wesenheit das, was zu einer Einheit zusammenfaßt das vegetative Prinzip des Menschen, das animalische Prinzip des Menschen, das niedere menschliche Prinzip, und dann das höhere menschliche Prinzip, dasjenige, was Aristoteles den Nous, was die Scholastik dann den Intellekt nennt. Aber Aristoteles unterscheidet zwischen dem Nous poietikos und dem Nous pathetikos, zwischen dem tätigen und leidenden Geiste des Menschen. Die Ausdrücke sind nicht mehr so bezeichnend, wie die griechischen waren, aber man kann doch sagen, Aristoteles unterscheidet zwischen dem aktiven Verstand, dem tätigen Geist des Menschen und dem passiven Verstand des Menschen. Was ist damit gemeint?

[ 28 ] For us the sensory world is beneath the concepts; for Plotinus a spiritual world, the real intellectual world, is above the concepts. I could also use the following image: we imagine once, we would be immersed in the sea, and we looked up to the sea surface, the sea surface would be the upper border. We lived in the sea, and we would just have the feeling: this border surrounds the element in which we live.

[ 28 ] Man begreift nicht, was damit gemeint ist, wenn man nicht auf den Ursprung dieser Begriffe zurückgeht. Geradeso wie die anderen Seelenkräfte sind in einer anderen Metamorphose die beiden Arten des Verstandes an dem Aufbau der menschlichen Seele betätigt: der Verstand, insofern er wirkt als tätiger, noch im Aufbau des Menschen wirksam, aber als Verstand, nicht wie das Gedächtnis einmal aufhörend und dann als Gedächtnis sich emanzipierend, sondern als Verstand das ganze Leben hindurch wirkend, das ist der Nous poietikos, das ist dasjenige, was aus dem Weltenall heraus sich individualisierend den Leib aufbaut im Sinne des Aristoteles. Es ist nichts anderes als das, was die den menschlichen Leib aufbauende tätige Seele des Plotin auch ist. Und dasjenige, was dann sich emanzipiert, was nur noch dazu da ist, um die äußere Welt aufzunehmen und die Eindrücke der äußeren Welt dialektisch zu verarbeiten, das ist der Nous pathetikos, das ist der leidende Intellekt, der intellectus possibilis. Es geht zurück, was in scharfer Dialektik, in präziser Logik in der Scholastik uns entgegentritt, auf diese alten Überlieferungen. Und man kommt nicht zurecht mit dem, was in den Seelen der Scholastiker sich abspielte, wenn man nicht dieses Hereinspielen uralter Traditionen berücksichtigt.

[ 29 ] For Plotinus this was different. He did not care about this sea around himself. However, for him this border which he saw there was the border of the world of concepts in which his soul lived, the lower border of that what was above it; so as if we interpreted the sea border as the border with the atmosphere. For Plotinus who was of the opinion that he continued the true view of Plato is that what is above the concepts at the same time that which Plato calls the world of ideas. This world of ideas is definitely something about which one speaks as a world in the sense of Plotinism.

[ 29 ] Dadurch, daß das alles, was ich Ihnen geschildert habe, in die Seele der Scholastiker hineinspielte, entstand für sie die große Frage, die man so gewöhnlich als das eigentliche Problem der Scholastik empfindet. In der Zeit, in der es für die Menschheit ein Schauen gab, das solche Dinge hervorbrachte wie den Platonismus oder seine rationalistische Filtrierung, den Aristotelismus, in der aber auch noch nicht das individuelle Fühlen bis zu seinem Höhepunkt gekommen war, in dieser Zeit konnte es die Scholastikprobleme noch nicht geben. Denn dasjenige, was wir heute Verstand nennen, was wir heute Intellekt nennen, und was nach der einen Seite hin seinen Ursprung in der Scholastikterminologie hat, das ist gerade ein Ausfluß des individuellen Menschen. Wenn wir alle gleich denken, so kommt es nur davon, daß wir alle gleich individuell organisiert sind und daß der Verstand geknüpft ist an dies in allen Menschen gleich organisierte Individuelle. Sie denken schon, insoferne Sie differenziert sind, auch verschieden. Das sind aber Nuancen, die mit der eigentlichen Logik nichts zu tun haben. Das eigentliche logische und dialektische Denken ist aber ein Ausfluß der allgemeinen menschheitlichen, aber individuell differenzierten Organisation.

[ 30 ] It does not come into your mind, even if you are followers of modern subjective philosophy, if you look out at a meadow to say: I have my meadow, you have your meadow, the third one has his meadow, even if you are persuaded by the fact that you all have the mental picture of the meadow only, isn't that so? You talk about one meadow that is outdoors; in the same way, Plotinus speaks about one world of ideas, not of the world of ideas in the first head, or in the second head, or in the third head. The soul takes part in this world of ideas. So that we may say, the soul, the psyche, develops as it were from the world of ideas, experiencing this world of ideas. Just as the world of ideas creates the psyche, the soul, the soul for its part creates the matter in which it is embodied. Hence, that from which the psyche takes its body is a creation of this psyche.

[ 30 ] So steht dann der Mensch, wenn er fühlt, er ist eine Individualität, da und sagt sich: Da steigen im Menschen auf die Gedanken, durch die die Außenwelt innerlich repräsentiert wird; da werden gewissermaßen von innen heraus die Gedanken zusammengestellt, die in ihrer Zusammenstellung wiederum ein Bild der Welt geben sollen. Da arbeiten im Innern des Menschen auf der einen Seite Vorstellungen, die sich knüpfen an einzelne individuelle Dinge, wie an einen einzelnen Stier oder an einen einzelnen Menschen, sagen wir wie Augustinus. Dann aber kommt der Mensch zu anderen inneren Erlebnissen, wie zu seinen Träumen, für die er einen solchen äußeren Repräsentanten zunächst nicht findet. Da kommt er zu denjenigen Erlebnissen, die er sich bildet, die rein Schimäre sind, wie hier auch schon für die Scholastik der Kentaur oder dergleichen Schimäre waren.

[ 31 ] There, however, is only the origin of individuation, there only the psyche divides, which, otherwise, participates in the uniform world of ideas, into the body A, into the body B and so on, and thereby the single souls originate only. The single souls originate from the fact that as it were the psyche is integrated into the single material bodies. Therefore, in the sense of Plotinism the human being can consider himself as a vessel at first. However, this is only that by which the soul manifests and is individualised. Then the human being has to experience his soul that rises to the world of ideas. Then there is a higher kind of experience. Talking about abstract concepts did not make sense to a Plotinist; since a Plotinist would have said, what should abstractions be? Concepts cannot be abstract, cannot be in limbo, they must be the concrete manifestations of the spiritual.

[ 31 ] Dann sind aber auf der anderen Seite diejenigen Begriffe und Ideen, die eigentlich nach beiden Seiten hin schillern: die Menschheit, der Typus Löwe, der Typus Wolf, und so weiter. Das sind die allgemeinen Begriffe, welche die Scholastiker nach altem Gebrauch die Universalien nannten. Als die Sache für die Menschen so lag, wie ich sie Ihnen gestern geschildert habe, als man herauf sich erhob gewissermaßen zu diesen Universalien und sie empfand als die unterste Grenze der sich dem Menschen durch Schauen offenbarenden Geistwelt, da waren eben einfach diese Universalien — Menschheit, Tierheit, Löwenheit und so weiter — dasjenige, durch das sich die Geistwelt, die intelligible Welt offenbarte, dasjenige, was die Seele als einen Ausfluß der übersinnlichen Welt erlebte. Um so zu erleben, war es nötig, jenes individuelle Gefühl noch nicht in sich zu haben, das sich dann in den charakterisierten Jahrhunderten auslebte. Jenes individualisierte Gefühl brachte es dahin, daß man sich sagte: Man steigt von den Sinnendingen auf bis zu jener Grenze, wo die mehr oder weniger abstrakten, aber doch erlebten Dinge sind, die Universalien Menschheit, Löwenheit, und so weiter.

[ 32 ] One is wrong if one interprets in such a way that ideas are abstractions. This is the expression of an intellectual world, a world of spirituality. That also existed in the usual experience with those people out of whom Plotinus and his followers grew up. For them such talking about concepts generally did not make sense, because for them the spiritual world projected into their souls. At the border of this projection, this world of concepts originated. However, only if one became engrossed, if one developed the soul further, that resulted which now the usual human being could not know which just someone experienced who soared a higher experience. Then he experienced that which was still above the world of ideas which was the One if you want to call it this way, so he experiences the One what was for Plotinus that which no concept reaches if one could delve into it without concepts in the inside, and which one calls Imagination spiritual-scientifically. You can read up that in my book How Does One Attain Knowledge of Higher Worlds? What I called Imagination there delves into that which is above the world of ideas according to Plotinus.

[ 32 ] Das sah die Scholastik sehr gut ein, daß man nicht ohne weiteres sagen kann: Das sind bloße Konzeptionen, bloße Zusammenfassungen der äußeren Welt —, sondern für die Scholastik wurde das ein Problem, mit dem sie rang. Wir müssen uns aus unserer Individualität heraus solche allgemeinen Begriffe bilden, solche Universalbegriffe. Wenn wir aber auf die Welt hinausschauen, so haben wir nicht die Menschheit, sondern einzelne Menschen, nicht die Wolfheit, sondern einzelne Wölfe. Aber auf der andern Seite: Wir können nicht dasjenige, was wir uns als die Wolfheit ausbilden oder als die Lammbheit ausbilden, nur sehen gewissermaßen so, daß wir einmal die Materie in einer Weise lammhaft gebildet haben, ein anderes Mal sie wolfhaft gebildet haben und die Wolfheit und die Lammheit nur so Zusammenstellungen wären, und das Materielle, das in diesen Zusammenfassungen drinnen ist, nur das einzig Wirkliche sei. Das können wir auch nicht ohne weiteres annehmen, denn wenn wir das annehmen, dann müßten wir ja annehmen: Sperren wir einen Wolf ein und schauen wir darauf, daß er durch eine gewisse Zeit hindurch, bis sein Stoffwechsel vollständig umgesetzt ist, nur Lämmer frißt, da erfüllt er sich dann ganz mit Lammesmaterie; aber er wird kein Lamm. Die Materie macht es nicht, er bleibt Wolf. Die Wolfheit ist also doch etwas, was nicht so ohne weiteres bloß mit dem Materiellen in einen Zusammenhang gebracht wird, denn materiell ist der ganze Wolf Lamm, aber er bleibt Wolf.

[ 33 ] Any cognition about the human soul also arose for Plotinus from this worldview. It is already contained in it. One can be an individualist only in the sense of Plotinus, while one is at the same time a human being who recognises that the human being rises to something that is above any individuality that he rises to something spiritual in which he rises upwards as it were, while we are more used today to submerging in the sensory. However, everything that is the expression of something that a right scholastic considers as a rave is nothing fictional for Plotinus, is not hypothetical. For Plotinus this was sure perception up to the One that could be experienced only in special cases, as for us minerals, plants, animals are percepts. He spoke only in the sense of something that the soul experiences immediately if he spoke about the soul, the Logos that participates in the Nous, in the world of ideas and in the One.

[ 33 ] Es ist heute vielfach ein Problem, das die Menschen gar nicht ernst nehmen. Es ist ein Problem gewesen, mit dem man mit allen Fasern der Seele gerungen hat in der Scholastik, gerade in ihrer Blütezeit. Und dieses Problem, das war in unmittelbarem Zusammenhang stehend mit den kirchlichen Interessen. Wie es mit den Kircheninteressen im Zusammenhang steht, davon können wir uns eine Vorstellung machen, wenn wir das Folgende berücksichtigen.

[ 34 ] For Plotinus the whole world was a spiritual being as it were; again it has a nuance of worldview different from that of Manichaeism and that of Augustine. Manichaeism recognises a sensory-extrasensory; for it, the words and concepts “matter” and “spirit” do not yet make sense. From his sensory view, Augustine strives for attaining a spiritual experience that is free of the sense-perceptible. For Plotinus the whole world is spirit, for him sensory things do not exist. Since that which seems material is only the lowest manifestation of the spirit. Everything is spirit, and if we penetrate deeply enough into the things, everything manifests as spirit.

[ 34 ] Bevor Albertus Magnus und Thomas von Aquino mit ihrer besonderen Ausgestaltung der Philosophie auftraten, war es so, daß allerdings Leute schon aufgetreten waren wie Roscellin zum Beispiel, die die Behauptung aufgestellt haben und auch durchaus der Meinung waren: Diese allgemeinen Begriffe, diese Universalien sind eigentlich nichts anderes als dasjenige, was wir zusammenfassen von den äußeren individuellen Dingen; sie sind eigentlich bloße Worte, bloße Namen. — Und es hatte sich ausgebildet ein gewisser Nominalismus, der in den allgemeinen Dingen, in den Universalien, nur Worte sah. Aber Roscellin, der hat dogmatisch Ernst gemacht mit dem Nominaliismus und hat ihn auf die Trinität angewendet und hat gesagt: Wenn — was er als Richtiges ansah — dasjenige, was Zusammenfassung ist, nur ein Wort ist, dann ist die Dreieinigkeit nur ein Wort, und die Individuen sind das einzig Wirkliche: der Vater, der Sohn, der Heilige Geist. Dann fasse nur der menschliche Verstand durch einen Namen diese drei: Vater, Sohn und Heiliger Geist. — Mittelalterliche Geister haben bis in die letzten Konsequenzen hin solche Dinge ausgedehnt. Die Kirche war genötigt, auf der Synode zu Soissons diese Anschauung des Roscellin für einen partiellen Polytheismus und die Lehre für häretisch zu erklären. Also man war in einer gewissen Kalamität gegenüber dem Nominalismus. Es war also ein dogmatisches Interesse, das sich mit einem philosophischen zusammenschloß.

[ 35 ] This is something with which Augustine could not completely go along. Why? Because he did not have the view. Because Augustine just lived already as a forerunner in his epoch—as I would like to call Plotinus a latecomer, Augustine was just a forerunner of those human beings who do no longer feel that in the world of ideas a spiritual world manifests. He did not behold this world. He could learn it only from others. He could only find out it that one said this, and he could still develop a feeling of the fact that something of a human way to truth is contained in it. This was the conflict, in which Augustine faced Plotinism. However, actually, he was never completely hostile to an inner understanding of Plotinism, even if he could not behold. He only suspected that in this world something must be which he could not reach. In this mood, Augustine withdrew into loneliness in which he got to know the Bible and Christianity, and later the sermons of Aurelius Ambrosius (St. Ambrose, ~340-397, Bishop of Milan) and the Epistles of Paul. This mood persuaded him finally to say, what Plotinus sought as the being of the world in the being of the world of ideas, of the Nous, or in the One that one reaches only in special preferential soul states this appeared on earth in the person of Christ Jesus.—This arose to him as a conviction from the Bible: you do not need to soar the One; you need only to look at the historical tradition of Christ Jesus. There the One descended and became a human being.

[ 35 ] Heute empfindet man selbstverständlich eine solcheSituation nicht mehr als etwas Reales. In der damaligen Zeit hat man es allerdings als etwas sehr Reales empfunden, und gerade mit dem Verhältnis der Universalien zu den individuellen Dingen ringen die beiden geistig, Thomas und Albertus, und das ist für sie das wichtigste Problem. Im Grunde genommen ist alles andere nur eine Folge, das heißt insofern eine Folge, als alles andere eine gewisse Schattierung bekommen hat durch die Art und Weise, wie sie sich zu diesem Problem gestellt haben. Aber gerade in die Art und Weise, wie sich Albertus und Thomas zu diesem Problem gestellt haben, spielen hinein alle die Kräfte, die ich Ihnen bis jetzt geschildert habe, alle die Kräfte, die noch als Tradition geblieben waren von dem Areopagiten, die geblieben waren von Plotin, die durchgegangen waren durch die Seele des Augustinus, durch Erigena und durch viele andere, — all das spielt herein in die besondere Art der Gedankenformung, welche nun zutage trat zunächst durch Albertus und dann in einer weitläufigen philosophischen Begründung durch Thomas. Und man wußte ja noch: Da hat es Menschen gegeben, die über die Begriffe hinaufsahen in die geistige Welt, in die intellektuelle Welt, in diejenige Welt, von der auch der Thomismus als von einer Wirklichkeit spricht, in der er die materiefreien intellektuellen Wesen erblickt, die er die Engel nennt. Das sind nicht bloße Abstraktionen, das sind reale Wesenheiten, die nur keine Leiber haben. Es sind jene Wesenheiten, die Thomas versetzt in die zehnte Sphäre. Indem er sich umkreist denkt die Erde von der Sphäre des Mondes, des Merkur, der Venus, der Sonne und so weiter, kommt er dann über die achte zur neunten Sphäre und zu dem, was das Empyreum war, also zur zehnten Sphäre. Er denkt sich das alles durchaus durchsetzt von Intelligenzen, und die Intelligenzen, auf die er zunächst rekurriert, es sind diejenigen, welche das, was sie zu ihrer untersten Grenze haben, gewissermaßen hinunterscheinen lassen so, daß die menschliche Seele es erleben kann.

[ 36 ] Augustine swaps the philosophy of Plotinus for the church. He pronounces it clearly when he says: “Who could be so blinded to say that the church of the apostles deserves no faith which is so loyal and is supported by the accordance of so many brothers that it handed its scriptures conscientiously down to the descendants that it also maintained their chairs up to the present bishops with apostolic succession.” Augustine now places much value on the fact that one can prove, in the end,—if one only goes back through the centuries—that there lived human beings who still knew the disciples of the Lord, and an ongoing tradition of plausible kind exists that on earth that appeared which Plotinus tried to gain in the mentioned way.

[ 36 ] Aber so, wie ich es jetzt ausgesprochen habe, in dieser Form, in der es mehr angelehnt ist an den Plotinismus, kommt es nicht heraus aus dem bloßen individuellen Fühlen, zu dem sich gerade die Scholastik durchgerungen hatte, sondern es blieb für Albertus und für Thomas ein Glaube, daß es über den abstrakten Begriffen oben die Offenbarung dieser abstrakten Begriffe gebe. Und für sie entstand die Frage: Welche Realität haben denn diese abstrakten Begriffe?

[ 37 ] Augustine was now eager to use Plotinism, as far as he could penetrate into it to the understanding of that which had become accessible to his feeling by Christianity. He really applied that which he had received from Plotinism to understand Christianity and its contents. Thus, he transformed, for example, the concept of the One. For Plotinus this One was an experience; for Augustine who could not penetrate to this experience the One became something that he called with the abstract term “being,” the world of ideas was something that he called with the abstraction of “essence,” psyche something that he named with the abstraction “life” or also with the concept “love.” The fact that Augustine proceeded in such a way characterises best of all that he tried to grasp the spiritual world from which Christ Jesus had come with Neoplatonic, with Plotinist, he thought that there is a spiritual world above the human beings from which Christ comes. The tripartition was something that had become clear to Augustine from Plotinism. The three personalities of trinity—Father, Son, and Spirit—became clear to Augustine from Plotinism.

[ 37 ] Nun hatten sowohl Albertus wie Thomas noch eine Vorstellung von dem Tatbestand des Arbeitens des SeelischGeistigen an dem Leiblichen und des nachherigen Sichspiegelns des Seelisch-Geistigen, wenn genügend am Leiblichen gearbeitet ist. Von alldem hatten sie Vorstellungen. Sie hatten nun Vorstellungen auch von dem, was der Mensch in seinem einzelnen individuellen Leben wird, wie er von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich weiterentwickelt gerade durch dasjenige, was er an Eindrücken der Außenwelt aufnimmt und durch Eindrücke der Außenwelt verarbeitet. Und so bildete sich aus der Gedanke, daß wir allerdings die Welt um uns herum haben, aber diese Welt ist eine Offenbarung dessen, was überweltlich ist, was geistig ist. Indem wir die Welt betrachten, indem wir uns zu den einzelnen Mineralien, Pflanzen und Tieren hinwenden, ahnen wir gewissermaßen, daß dahintersteckt dasjenige, was sich offenbart aus höheren geistigen Welten.

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[ 38 ] Betrachten wir dann mit logischer Zergliederung, mit alldem, wozu uns unsere Seele fähig macht, mit alldem, was an Denkkraft in uns ist, die Welt der Naturreiche, so kommen wir zu dem, was von der geistigen Welt in die Naturreiche hineingelegt ist. Dann aber müssen wir uns klarwerden darüber: Wir wenden unseren Blick, unsere übrigen Sinnesorgane hin auf diese Welt. Da stehen wir mit der Welt in Verkehr. Wir gehen dann weg von der Welt. Wir bewahren gewissermaßen als Erinnerung dasjenige auf, was wir aus der Welt aufgenommen haben. Wir blicken in der Erinnerung wiederum zurück. Da erscheint uns eigentlich erst das Universelle, das Allgemeine, so etwas wie «Menschheit» und dergleichen, das erscheint uns erst in der inneren begrifflichen Gestalt. So daß Albertus und Thomas sagen: Blickst du zurück, wenn dir deine Seele reflektiert dasjenige, was ssiean der Außenwelt erlebt hat, dann hast du in deiner Seele lebend die Universalia. Du hast dann Universalia. Du bildest dir aus all den Menschen heraus, die dir begegnet sind, den Begriff der Menschheit. Du könntest ja überhaupt, wenn du nur individuelle Dinge erinnertest, bloß in irdischen Namen leben. Indem du überhaupt nicht bloß in irdischen Namen lebst, mußt du Universalia erleben. Da hast du die universalia post res, diejenigen, die nach den Dingen in der Seele leben. Während der Mensch seine Seele hinwendet zu den Dingen, hat er nicht dasselbe in seiner Seele, was er nachher hat, wenn er sich daran erinnert, wenn es ihm gewissermaßen vom Innern reflektiert wird, sondern er steht in einer realen Beziehung zu den Dingen. Er erlebt an den Dingen ihr Geistiges; er übersetzt es sich nur in die Form der Universalien post rem.

[ 38 ] If one asks, what filled the soul of Augustine if he spoke of the three persons? One has to answer, that filled him, which he had learnt from Plotinus. He also brought that which he had learnt from Plotinus into his Bible understanding. One realises how this works on, because this trinity comes alive again, for example, with Scotus Eriugena (John Scotus Eriugena, ~815- ~877, Irish theologian, philosopher) who lived at the court of Charles the Bald in the ninth century. He wrote a book about the division of nature (De divisione naturae, original title: Periphyseon) in which we still find a similar trinity. Christianity interprets its contents with the help of Plotinism.

[ 39 ] Indem Albertus und Thomas annehmen, daß der Mensch in dem Augenblicke, wo er durch sein Denkvermögen in Beziehung steht zu seiner Umgebung, zu einem Realen in Beziehung steht, also nicht bloß zu dem, was der Wolf ist dadurch, daß das Auge ihn sieht, das Ohr ihn hört und so weiter, sondern dadurch, daß der Mensch über ihn denken kann, sich den Typus «Wolf» herausbildet, erlebt er etwas, was in den Dingen unanschaulich gedanklich erfaßt wird, was auch nicht in den Sinnenentitäten aufgeht. Er erlebt die universalia in rebus, in den Dingen.

[ 39 ] Augustine kept some basic essentials of Plotinism. Imagine that, actually, the human being is an earthly individual only, because the psyche projects down to the material like into a vessel. If we ascend a little bit to the higher essential, we ascend from the human to the divine or spiritual where the trinity is rooted, then we do no longer deal with the single human beings but with the species, with humanity.

[ 40 ] Nun ist die Unterscheidung nicht ganz leicht zu machen, weil man gewöhnlich denkt, dasjenige, was man im Innern seiner Seele hat zuletzt als Reflexion, das sei auch in den Dingen dasselbe. Nein, es ist nicht dasselbe im Sinne des Thomas von Aquino. Was der Mensch als Idee in seiner Seele erlebt, mit seinem Verstande sich erklärt, das ist dasjenige, wodurch er das Reale, das Universelle erlebt. So daß der Form nach die Universalien iz den Dingen verschieden sind von den Universalten nach den Dingen, die in der Seele dann bleiben; aber innerlich sind sie dasselbe. Da haben Sie einen der scholastischen Begriffe, die man sich gewöhnlich nach ihrer ganzen Schärfe nicht vor die Seele führt. Die Universalien in den Dingen und die Universalien nach den Dingen in der Seele sind inhaltlich dasselbe, nur der Form nach verschieden.

[ 40 ] We do no longer direct our ideas so strongly to the whole humanity from our concepts as Augustine did this from Plotinism. I would like to say, seen from below the human beings appear as individuals; seen from above—if one may say it hypothetically—the whole humanity appears as a unity. For Plotinus now from this viewpoint the whole humanity grew together, seen from the front, in Adam. Adam was the whole humanity. While Adam originated from the spiritual world, he was a being, connected with the earth, that had free will, and that was unable to sin because in it that lived which was still up there—not that which originates from the aberration of the matter. The human being who was Adam at first could not sin, he could not be unfree, and with it, he could not die. There the effect of that came which Augustine felt as the counter-spirit, as Satan. He seduced the human being who became material and with it the whole humanity.

[ 41 ] Dann aber kommt noch dazu, daß nun das, was in den Dingen ausgebreitet, individualisiert lebt, wiederum hinweist auf dasjenige, was ich gestern als im Plotinismus liegend, als die eigentlich intelligible Welt charakterisierte. Da sind wiederum dieselben Inhalte, die in den Dingen, nach den Dingen in der Menschenseele sind, inhaltlich gleich, formell verschieden, sind wiederum in anderer Form enthalten, aber wiederum von gleichem Inhalt: das sind die universalia ante res, vor den Dingen. Das sind die Universalien, wie sie in dem göttlichen Verstande und in dem Verstande der Diener des Göttlichen, der englischen Wesenheiten, enthalten sind.

[ 41 ] You realise that in this respect Augustine lives with his knowledge completely in Plotinism. The whole humanity is one to him. The single human being does not sin, with Adam the whole humanity sins. If one dwells on that which often lives between the lines in particular of the last writings of Augustine, one realises how exceptionally difficult it was for Augustine to consider the whole humanity as sinful. In him, the individual human being lived who had a sensation of the fact that the single human being becomes responsible more and more for that which he does and learns. It appeared almost as something impossible to Augustine at certain moments to feel that the single human being is only a member of the whole humanity. However, Neo-Platonism, Plotinism was so firm in him that he was able to look at the whole humanity only. Thus, this state of all human beings—the state of sin and death—transitioned into the state of the inability to be free and immortal.

[ 42 ] So wird dasjenige, was einer älteren Zeit unmittelbar geistig-sinnlich-übersinnliches Anschauen war, zu Anschauungen, die nur eben in sinnlichen Bildern abgebildet wurden, weil man das, was man übersinnlich schaut, selbst nach dem Areopagiten nicht einmal mit einem Namen benennen kann, wenn man es in seiner wahren Gestalt behandeln will. Man kann nur hinweisen und sagen: Es ist das alles nicht, was die äußeren Dinge sind. — So wird dasjenige, was für die Alten Schauung war, was für die Alten sich als eine Realität in der geistigen Welt darstellte, für dieScholastik etwas, worüber zu entscheiden hat eben all jener Scharfsinn des Denkens, all jene Plastizität und feine Logik, von der ich Ihnen heute gesprochen habe. Es ist heruntergeholt das Problem, das früher durch Schauen abgemacht wurde, in die Sphäre des Denkens, in die Sphäre der Ratio. Das ist das Wesen des Thomismus, das Wesen des Albertinismus, das Wesen der Hochscholastik. Sie sieht vor allen Dingen, daß in ihrer Zeit das Erfühlen der menschlichen Individualität in der Kulmination angelangt ist. Sie sieht vor allen Dingen alle Probleme vor sich in der rationellen Gestalt, in der logischen Gestalt, in der Gestalt, wie sie der Denker auffassen muß.

[ 42 ] The whole humanity had fallen with it, had turned away from its origin. Now God would simply have rejected humanity if he were only fair. However, He is not only fair; He is also merciful. Augustine felt this way. Hence, God decided to save a part of humanity—please note: to save a part of humanity—God decided that a part of humanity receives His grace by which this part of humanity is led back to the state of freedom and immortality which can be realised, however, completely only after death. The other part of humanity—they are the not selected—remains in the state of sin. Hence, humanity disintegrates into two parts: in those who are selected, and in those who are rejected. If one looks in the sense of Augustine at humanity, it simply disintegrates into these two parts, into those who are without merit destined to bliss only because the divine plan has wisely arranged it this way, and in those who cannot get the divine grace whatever they do, they are doomed. This view, which one also calls the doctrine of predestination, arose for Augustine from his view of the whole humanity. If the whole humanity sinned, the whole humanity would deserve to be condemned.

[ 43 ] Mit dieser Gestalt der Weltenprobleme in der Form des Denkens ringt wesenhaft die Scholastik. Und mit diesem Ringen und Denken steht die Scholastik mitten im kirchlichen Leben drinnen, das ich Ihnen nach den verschiedensten Seiten gestern und heute, wenn auch nur mit einzelnen Lichtern, beleuchtet habe. Da steht dasjenige, wovon man im 13., im 12. Jahrhundert glauben konnte, es ist zu erringen mit dem Denken, mit der scharfsinnigen Logik; da steht auf der anderen Seite dasjenige, was als kirchliche Dogmen überliefert ist, da steht der Glaubensinhalt.

[ 43 ] Which dreadful spiritual fights did arise from this doctrine of predestination? Tomorrow I would like to speak how Pelagianism, Semipelagianism grew out of it. However, today I would still like to add something in the end: we realise now how Augustine as a vividly struggling personality stands between that view which goes up to the spiritual and for which humanity becomes one. He interprets this to himself in the sense of the doctrine of predestination. However, he felt compelled to ascend from the human individuality to something spiritual that is free of any sense-perceptible and can arise again only from the individuality. The characteristic feature of the age whose forerunner Augustine was is that this age became aware of that of which in antiquity the human being did not became aware: the individual experience.

[ 44 ] Nehmen wir ein Beispiel, wie ein solcher Denker wie Thomas von Aquino zu den beiden Dingen steht. Da sagt Thomas von Aquino: Kann man das Dasein Gottes beweisen durch Logik? Ja, man kann es. — Thomas von Aquino gibt eine ganze Reihe von Beweisen. Einer derselben ist zum Beispiel der, daß er sagt: Erkenntnisse können wir zunächst nur gewinnen, indem wir an die universalia in rebus herangehen, in die Dinge hineinblicken. Wir können nicht durch Schauen — das ist einfach persönliches Erlebnis dieses Zeitalters — in die geistige Welt eindringen. Wir können nur dadurch mit menschlichen Kräften in die geistige Welt eindringen, daß wir uns in die Dinge vertiefen, aus den Dingen dasjenige herausholen, was wir universalia in rebus nennen können. Dann kann man zurückschließen, wie das mit diesen universalia ante res ist vorher —, so sagt er. Die Welt sehen wir bewegt; ein Ding bewegt immer das andere, weil es selbst bewegt ist. So kommen wir von einem bewegten Ding zu einem anderen bewegten Ding, von dem anderen bewegten Ding zu einem weiteren bewegten Ding. Das kann nicht so fortgehen, sondern wir müssen zu einem ersten Beweger kommen. Wäre der aber wieder bewegt, so würde es sich darum handeln, daß wir zu einem anderen Beweger übergehen. Wir müssen also zu einem unbewegten Beweger kommen. — Damit ist Thomas gerade angelangt — und auch Albertus macht ja denselben Schluß — bei dem aristotelischen unbewegten Beweger, bei der ersten Ursache. Den Gott als eine notwendig erste Wesenheit, als einen notwendig unbewegten ersten Beweger anzuerkennen, das ist dem logischen Denken gegeben.

[ 44 ] Today one takes many things as phrases. Klopstock (1724-1803, German poet) was still serious, he did not use commonplace phrases when he began his Messiah with the words: “Sing, immortal soul, on the sinful men's redemption.”—Homer began honestly and sincerely: “Sing, o goddess, to me about the rage ...” or: “Sing, o muse, to me of the man, the widely wandered Odysseus.”—These men did not speak of that which lived in the individuality; they spoke of that which speaks as a general humanity, as a type soul, as a psyche through them. This is no commonplace phrase if Homer lets the muse sing instead of himself. The fact that one can regard himself as an individuality arises only gradually. Augustine is one of the first to feel the individual existence of the human being with individual responsibility. Hence, he lived in this conflict. However, there just originated in his experience the individual pursuit for the non-sensory spiritual. In him was a personal, subjective struggle.

[ 45 ] Für die Trinität gibt es keinen solchen Gedankengang, der zu ihr hinführt. Sie ist aber überliefert. Man kann mit dem menschlichen Denken nur so weit kommen, daß man probiert, ob die Trinität widersinnig ist. Da findet man: Sie ist nicht widersinnig, aber man kann sie nicht beweisen, man muß sie glauben, man muß sie hinnehmen als einen Inhalt, bis zu dem sich die auf sich selbst gestellte menschliche Intellektualität nicht erheben kann.

[ 45 ] In the subsequent time, that understanding was also buried which Augustine could still have for Plotinism. After the Greek philosophers, the latecomers of Plato and Plotinus, had to emigrate to Persia, after these last philosophers had found their successors in the Academy of Gondishapur, in the West this view to the spiritual disappeared, and only that remained which the philistine Aristotle delivered as filtered Greek philosophy to future generations, but also only in single fragments. This propagated and came via the Arabs to Europe. This was that which had no consciousness of the real world of ideas. Thus, the big question was left; the human being has to create the spiritual from himself. He must bear the spiritual as an abstraction. If he sees lions, he thinks the concept of the “lion” if he sees wolves, he thinks the concept “wolf” if he sees the human being, he thinks the concept of the human being, these concepts live only in him, they emerge from the individuality.

[ 46 ] So steht die Scholastik vor der damals so bedeutungsvollen Frage: Wie weit kommt man mit dem sich selbst überlassenen menschlichen Verstande? Aber durch die Zeitentwickelung war sie noch in ganz besonderer Weise hineingestellt in die Tiefen dieses Problems, denn andere Denker gingen voran. Die hatten etwas scheinbar ganz Absurdes angenommen. Die hatten gesagt, es könne etwas theologisch wahr und philosophisch falsch sein. Man könne rundweg sagen: Es kann durchaus sein, daß Dinge dogmatisch überliefert sind, wie zum Beispiel die Trinität; wenn man dann nachdenkt über dieselbe Frage, so kommt man zum entgegengesetzten Resultat. Es ist durchaus möglich, daß die Vernunft zu anderen Ergebnissen führt als der Glaubensinhalt. — Und das ist wichtig, das war das andere, wovor die Scholastiker standen: die Lehre von der doppelten Wahrheit. Das ist dasjenige, worauf die beiden Denker Albertus und Thomas ganz besonderen Wert legten: den Glaubensinhalt in Einklang zu bringen mit dem Vernunftinhalt, keinen Widerspruch zu suchen zwischen dem, was die Vernunft denken kann, allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze, und dem Glaubensinhalt. Aber was die Vernunft denken kann, darf nicht widersprechen dem Glaubensinhalt, der Glaubensinhalt darf nicht widersprechen der Vernunft.

[ 46 ] The whole question would not yet have had any sense for Plotinus; now this question still gets a deep different sense. Augustine could still grasp the mystery of Christ Jesus with that which shone from Plotinism in his soul. Plotinism was buried; with the closing of the Neoplatonic Academy in Athens by Emperor Justinian in 529, the living coherence with such views ended. Different people felt deeply, what it means: the scriptures and tradition give us account of a spiritual world, we experience supersensible concepts from our individuality, concepts which are abstracted from the sensory. How do we relate to existence with these concepts? How do we relate to the being of the world with these concepts? Do our concepts live only as something arbitrary in us, or does it have anything to do with the outer world?

[ 47 ] Das war dazumal ein Radikalismus, denn die Mehrzahl der tonangebenden Kirchenautoritäten hielt fest an der Lehre der doppelten Wahrheit: daß einfach der Mensch müsse auf der einen Seite etwas Vernünftiges denken, inhaltlich in einer Gestalt, und der Glaubensinhalt könne es ihm in einer anderen Gestalt geben, und er müsse mit diesen zweiGestalten der Wahrheit leben. — Ich glaube, man könnte ein Gefühl bekommen für das geschichtliche Werden, wenn man bedenken würde, daß die Menschen mit ihren ganzen Seelenkräften vor so wenigen Jahrhunderten in solchen Problemen drinnensteckten. Denn diese Dinge tönen noch fort in unsere Zeiten. Wir leben auch noch in diesen Problemen. Wie wir darinnen leben, das wollen wir dann morgen besprechen. Heute wollte ich das Wesen des Thomismus im allgemeinen so charakterisieren, wie er in der damaligen Zeit gelebt hat.

[ 47 ] In this form, the questions appeared in extreme abstraction, but in an abstraction that were very serious human and medieval-ecclesiastical problems. In this abstraction, in this intimacy the questions emerged in Albert the Great and Thomas Aquinas. Then the quarrel between realists and nominalists took place. How does one relate to a world about which those concepts give account that can be born only in ourselves by our individuality? The medieval scholastics presented this big question to themselves. If you think which form Plotinism accepted in the doctrine of predestination, then you can feel the whole depth of this scholastic question: only a part of humanity could be blessed with the divine grace, can attain salvation; the other part was destined to the everlasting damnation from the start whatever it does. However, that which the human being could gain as knowledge to himself did just not arise from that into which Augustine could not yet transform his dreadful concept of predestination; this arose from the human individuality. For Augustine humanity was a whole, for Thomas every single human being was an individuality.

[ 48 ] Nun, sehen Sie, so war es, daß das Hauptproblem, das sich vor Albertus und Thomas hinstellte, das war: Wie verhält sich der Vernunftinhalt des Menschen zu dem Glaubensinhalt? Wie kann dasjenige, was die Kirche zu glauben vorgibt, erstens verstanden werden, zweitens verteidigt werden gegen das, was ihm entgegengesetzt ist? Darinnen hatten ja auch Leute wie Albertus und Thomas viel zu tun. Denn in Europa lebte nun nicht eben ausschließlich das, was ich charakterisiert habe, sondern es lebten noch allerlei andere Ansichten. Mit der Ausbreitung des Islam, mit der Ausbreitung der Araber haben sich noch andere Anschauungen in Europa geltend gemacht. Und etwas von jenen Anschauungen, die ich gestern als die manichäischen charakterisiert habe, war über ganz Europa hin geblieben.

[ 48 ] How is this big world process of predestination associated with that which the single human being experiences? How is that associated which Augustine had completely neglected, actually, with that which the single human being can gain to himself? Imagine that Augustine took the doctrine of predestination because he did not want to assert but to extinguish the human individuality for the sake of humanity; Thomas Aquinas only faced the single human being with his quest for knowledge. In that which Augustine excluded from his consideration of humanity, Thomas had to look for the human knowledge and its relation to the world.

[ 49 ] Aber auch so etwas lebte wie dasjenige, was man als Repräsentation kennt durch die Lehre des Averroës aus dem 12. Jahrhundert, der da sagte: Was der Mensch denkt mit seinem reinen Intellekt, das gehört ihm nicht besonders, das gehört der ganzen Menschheit an. — Averroes sagt: Wir haben nicht etwa einen Verstand für uns; wir haben jeder einen Leib für uns, aber nicht jeder hat einen Verstand für sich. Der A hat einen eigenen Leib, aber der Verstand, der ist derselbe, den auch der B und wieder der C hat. — Man könnte sagen, für Averroes ist die Menschheit so, daß eine einheitliche Intelligenz, Verstand, da ist; in den tauchen alle Individuen unter. Da leben sie mit ihrem Kopf gewissermaßen. Wenn sie sterben, zieht sich der Leib zurück aus diesem universellen Verstande. Eine Unsterblichkeit gibt es nicht in dem Sinne eines individuellen Weiterdauerns nach dem Tode. Was da dauert, ist nur der universelle Verstand, ist nur das, was allen Menschen gemeinsam ist. .

[ 49 ] It is not enough that one puts such a question in the abstract, intellectually and rationalistically. It is necessary that you grasp such a question with your whole heart, with your whole personality. Then you can estimate how this question weighed heavily on those persons who were its bearers in the thirteenth century.

[ 50 ] Für Thomas lag die Sache so, daß er zu rechnen hatte mit dieser Universalität des Verstandes, daß er aber sich stellen mußte auf den Standpunkt, daß dasjenige, was universeller Verstand ist, sich nicht nur so innig vereinigt mit dem, was oben nun individuelles Gedächtnis ist im einzelnen Menschen, sondern was während des Lebens sich so vereinigt auch mit dem, was die tätigen Kräfte der Organisation, der leiblichen Organisation sind, so vereinigt, so eine Einheit bildet, daß all das, was im Menschen wirkt als die gestaltenden, vegetativen Kräfte, animalen Kräfte, als die Kräfte des Gedächtnisses, daß all das gewissermaßen während des Lebens angezogen wird von dem universellen Verstande und der Gesinnung. So daß sich Thomas das so vorstellt, daß der Mensch das Individuelle durch das Universelle anzieht und dann in die geistige Welt hineinzieht dasjenige, was sein Universelles angezogen hat, so daß er es da hineinträgt. Es kann also für Albertus und Thomas keine Präexistenz geben, wohl aber eine Postexistenz. Das ist ja dasjenige, was auch für Aristoteles da war. In dieser Beziehung wird auch der Aristotelismus fortgesetzt von diesen Denkern.

[ 51 ] So schließen sich zusammen die großen logischen Fragen der Universalien mit den Fragen, die das Weltenschicksal der einzelnen Menschen betreffen. In alles spielt schließlich — auch wenn ich Ihnen die Kosmologie des Thomas von Aquino, wenn ich Ihnen die außerordentlich weite, über fast alle Gebiete sich erstreckende, zahlreiche Bände umfassende Naturgeschichte des Albertus charakterisieren würde —, in all die Einzelheiten spielt hinein dasjenige, was ich Ihnen als das allgemeine logische Wesen des Albertinismus und des Thomismus charakterisieren mußte. Diese logische Wesenheit bestand darinnen: Wir können mit unserer Vernunft, was man dazumal eben den Intellekt nannte, nicht hinaufreichen; bis zu einer gewissen Grenze können wir alles in scharfsinniger Logik und Dialektik durchdringen, dann müssen wir eindringen in den Glaubensinhalt. Und so, wie ich es charakterisiert habe, standen beide diesen zwei Dingen gegenüber, ohne daß sie sich widersprechen: Was wir mit unserer Vernunft erfassen und was durch den Glaubensinhalt geoffenbart ist, beides kann nebeneinandergehen.

[ 52 ] Was lag denn nun aber eigentlich vor? Ich glaube, man kann diese Frage von den verschiedensten Seiten anfassen. Was lag da eigentlich welthistorisch vor als Wesen des Albertinismus und als Wesen des Thomismus? Sehen Sie, für Thomas ist eigentlich charakteristisch und wichtig, daß er, indem er die Vernunft anstrengt, den Gott zu beweisen, zu gleicher Zeit zusetzen muß: Man kommt zu einer Gottesvorstellung, wie sie mit Recht im Alten Testament als Jahve bezeichnet worden ist. — Das heißt, indem Thomas ausgeht von den vernünftigen Wegen, welche die einzelne Menschenseele machen kann, kommt er zu jenem einheitlichen Gotte, den auch das Alte Testament als den Jahve-Gott bezeichnet hat. Will man zu dem Christus kommen, muß man zu dem Glaubensinhalt übergehen; zu ihm kann man nicht durch das kommen, was die menschliche Seele an eigenem Geistigen erlebt.

[ 53 ] Nun steckt in den Auseinandersetzungen, gegen die sich die Hochscholastik einfach aus dem Zeitgeiste heraus wenden mußte, in diesen Anschauungen von der doppelten Wahrheit — daß etwas theologisch wahr und philosophisch falsch sein könne —, in ihnen steckt doch noch etwas Tieferes darinnen, was man allerdings in dem Zeitalter nicht überschauen konnte, in dem man überall umgeben war von dem Streben der Menschheit nach Rationalismus, nach Logik; es steckte doch etwas Tiefes dahinter. Es steckte nämlich das Folgende dahinter: daß diejenigen, die von der doppelten Wahrheit sprachen, allerdings nicht der Ansicht waren, daß theologisch Geoffenbartes und durch die Vernunft zu Erreichendes letzten Endes zweierlei ist, sondern vorläufig zweierlei Wahrheiten sind, und daß der Mensch deshalb zu zweierlei Wahrheiten kommt, weil er bis in das Innerste der Seele hinein den Sündenfall mitgemacht hat.

[ 54 ] Diese Frage glimmt gewissermaßen in den Untergründen der Seele bis zu Albertus und 'Thomas hin. In den Untergründen der Seele glimmt die Frage: Ja, haben wir nicht auch in unserem Denken, in dem, was wir als Vernunft in uns sehen, die Erbsünde aufgenommen? Ist es nicht gerade, weil die Vernunft abgefallen ist von der Geistigkeit, daß uns die Vernunft andere Wahrheitsgehalte vorgaukelt als die wirkliche Wahrheit? — Nehmen wir in unsere Vernunft den Christus auf, nehmen wir in unsere Vernunft etwas auf, was diese Vernunft also umwandelt, was diese Vernunft weiterentwickelt, dann erst stellt sie sich in Einklang mit der Wahrheit, die der Glaubensinhalt ist. Die Sündhaftigkeit der Vernunft lag in einer gewissen Weise zugrunde, indem die Denker der voralbertinischen und vorthomistischen Zeit von zwei Wahrheiten sprachen. Mit der Lehre von der Erbsünde und der Lehre von der Erlösung durch Christus wollten sie Ernst machen. Sie hatten noch nicht die Gedankenkraft, die Logizität dazu, aber sie wollten das ernsthaft machen. Sie legten sich die Frage vor: Wie erlöst der Christus in uns die Wahrheit der Vernunft, die der geistig geoffenbarten Wahrheit widerspricht? Wie werden wir bis in das Innerste hinein Christen? Denn unsere Vernunft ist schon verderbt; in ihr lebt die Erbsünde, daher widerspricht sie der reinen Glaubenswahrheit.

[ 55 ] Und nun traten Albertus und Thomas auf, und für sie schien es zunächst, daß es unrichtig ist, daß, wenn wir uns rein logisch in die universalia in rebus vertiefen, wenn wir in uns aufnehmen dasjenige, was in den Dingen Wirklichkeit ist, daß wir uns dann in Sündhaftigkeit über die Welt ergehen. Es darf. nicht die gewöhnliche Vernunft sündhaft sein. Im Grunde lebt die Frage der Christologie in dieser Frage der Hochscholastik. Und was nicht gelöst werden konnte für die Hochscholastik, das war die Frage: Wie tritt der Christus in das menschliche Denken ein? Wie wird das menschliche Denken durchchristet? Wie führt der Christus das eigene menschliche Denken hinauf in die Sphäre, wo es zusammenwachsen kann mit dem, was nur der geistige Glaubensinhalt ist?

[ 56 ] Das steckte noch als das eigentlich Bewegende in den Seelen der Scholastiker drinnen. Daher ist es, trotzdem die vollkommenste logische Technik in der Scholastik lebt, vor allen Dingen wichtig, daß man nicht die Resultate der Scholastik nimmt, sondern daß man durch die Antwort hinschaut auf die Fragestellungen; daß man absieht von dem, wozu sich im i12., im 13. Jahrhundert die Menschen hindurchringen können; daß man sieht auf die großen Probleme, die damals aufgestellt worden sind. Man war noch nicht mit der Christologie so weit gekommen, daß man die Erlösung der Menschen von der Erbsünde bis in das menschliche Denken hinein hat verfolgen können. Daher mußten Albertus und Thomas der Vernunft das Recht absprechen, die Stufen zu überschreiten, über die hinaufschreitend sie in die geistige Welt selbst eintreten könne. Und es blieb von der Hochscholastik die Frage zurück: Wie entwickelt sich das menschliche Denken hinauf zu einer Anschauung der geistigen Welt?

[ 57 ] Selbst das wichtigste Ergebnis der Hochscholastik ist eine Frage, ist nicht dasjenige, was als Inhalt von der Hochscholastik existiert. Es ist die Frage: Wie trägt man die Christologie in das Denken hinein? Wie wird das Denken christlich gemacht? — Diese Frage steht welthistorisch da in dem Augenblicke, als Thomas von Aquino 1274 stirbt. Bis zu diesem Momente konnte er sich nur durchringen zu der Frage. Die Frage steht mit aller Herzinnigkeit da in der europäischen Geisteskultur. Was aus ihr werden soll, das konnte nur zunächst so angedeutet werden, daß man sagte: Der Mensch dringt bis zu einem gewissen Grade in das Wesen, in das geistige Wesen der Dinge ein. Aber dann muß der Glaubensinhalt kommen. Und die beiden dürfen einander nur nicht widersprechen, sie müssen in Konkordanz miteinander sein. Aber die gewöhnliche Vernunft kann den Inhalt der höchsten Dinge, wie zum Beispiel die Trinität, die Inkarnation des Christus in dem Menschen Jesus und so weiter, nicht von sich aus begreifen. Die Vernunft kann begreifen nur so weit, daß sie sagen kann: Die Welt könnte in der Zeit entstanden sein, könnte aber auch von Ewigkeit her sein. Aber die Offenbarung sagt, sie ist in der Zeit entstanden. Wenn Sie die Vernunft noch einmal fragen, so finden Sie die Gründe, warum das In-der-Zeit-Entstehen das Vernünftigere, das Weisere ist.

[ 58 ] So ist der Scholastiker hineingestellt in die ganze Zeit. Mehr als man denkt, lebt in aller heutigen Wissenschaft, in dem ganzen öffentlichen Leben der Gegenwart noch dasjenige fort, aber allerdings in einer besonderen Gestalt, was von der Scholastik übriggeblieben ist. Wie lebendig im Grunde genommen die Scholastik noch in unseren Seelen ist und welche Stellung zu dem, was noch lebt von der Scholastik, der gegenwärtige Mensch eigentlich einnehmen muß, davon wollen wir dann morgen sprechen.