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The Essence of Anthroposophy
GA 74

22 May 1920, Dornach

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2. Das Wesen des Thomismus

1. Thomas and Augustine

[ 1 ] Was ich mich gestern besonders hervorzuheben bemühte, das war, daß in jener geistigen Entwickelung des Abendlandes, die dann ihren Ausdruck in der Scholastik gefunden hat, nicht bloß dasjenige spielt, was man in abstrakten Begriffen erfassen kann und was sich etwa in abstrakten Begriffen, in einer Entwickelung abstrakter Begriffe vollzogen hat, sondern daß dahinter eine reale Entwickelung der Impulse der abendländischen Menschheit steht. Ich meine das so: Man kann zunächst, wie man ja das zumeist in der Philosophiegeschichte macht, den Blick auf dasjenige richten, was man bei den einzelnen Philosophenpersönlichkeiten findet. Man kann verfolgen, wie gewissermaßen die Ideen, die man bei einer Persönlichkeit des 6., 7., 8., 9. Jahrhunderts findet, dann fortgesponnen werden von Persönlichkeiten des io0., I1., 12., 13. Jahrhunderts, und man kann durch eine solche Betrachtung den Eindruck gewinnen, ein Denker habe von dem anderen gewisse Ideen übernommen und es liege eine gewisse Evolution von Ideen vor.

[ 1 ] Over the course of these three days, I would like to speak about a topic that is usually viewed from a more formal perspective, and whose substance is typically understood solely in terms of how the underlying philosophical movement of the Middle Ages, to a certain extent, defined the relationship between the philosophical worldview and Christianity. Since this very aspect of the matter has recently been revived, so to speak, by Pope Leo XIII’s call to his clergy to make Thomism the official philosophy of the Catholic Church, our current “topic” certainly has a certain significance from this perspective.

[ 2 ] Das ist eine geschichtliche Betrachtung des geistigen Lebens, die allmählich verlassen werden müßte. Denn dasjenige, was sich so abspielt, was sich offenbart aus den einzelnen menschlichen Seelen heraus, das sind doch eigentlich nur Symptome für ein tieferes Geschehen, das gewissermaßen hinter der Szene der äußeren Vorgänge liegt. Und dieses Geschehen, das sich abspielte von etwa ein paar Jahrhunderten an schon bevor das Christentum begründet worden ist, dann in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis in die Zeit der Scholastik hinein, ist ein ganz organischer Vorgang im Werden der abendländischen Menschheit. Ohne den Blick hinzurichten auf diesen organischen Vorgang, ist es ebenso unmöglich, darüber Aufschluß zu bekommen, wie über dasjenige, was Entwickelung, sagen wir vom zwölften bis zum zwanzigsten menschlichen Lebensjahre ist, wenn man nicht den wichtigen Einschlag in diesem Lebensalter ins Auge fassen würde, der mit der Geschlechtsreife und all den Kräften, die sich da aus den Untergründen der menschlichen Wesenheit heraufarbeiten, verbunden ist. So wühlt sich herauf aus den Tiefen dieses ganzen großen Organismus europäischer Menschheit etwas, was man eben dadurch charakterisieren kann — man könnte auch andere Charakteristiken erfinden —, daß man sagt: Sehr ehrlich und aufrichtig haben jene alten Dichter gesprochen, die etwa wie Homer begannen ihre epischen Gedichte: Singe mir, Göttin, den Zorn des Peleiden Achilleus —, oder: Singe mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes. — Diese Leute haben nicht eine Phrase sagen wollen, diese Leute haben empfunden als inneren Tatbestand ihres Bewußtseins, daß nicht ein einzelnes individuelles Ich sich da aussprechen will, sondern daß sich aussprechen will, was in der Tat empfunden wurde als ein höheres Geistig-Seelisches, das hereinspielt in den gewöhnlichen Bewußtseinszustand des Menschen.

[ 2 ] However, I do not wish to view the matter solely from this formal perspective—which, in a sense, crystallized as medieval philosophy around the figures of Albertus Magnus and Thomas Aquinas—but rather, over the course of these days, I would like to highlight the deeper historical background from which this philosophical movement, which is still far too little appreciated today, emerged. One might say: In the 13th century, Thomas Aquinas attempted in a very incisive way to grasp the problem of knowledge and the overall worldview in a manner that—one must admit—is actually difficult to conceive of today, because such contemplation requires prerequisites that are scarcely met by people of the present day, even if they are philosophers. It is necessary to be able to fully immerse oneself in the mode of thinking of Thomas Aquinas, his predecessors, and his successors—to understand how the concepts are to be understood, how they lived in the minds of these medieval people, about whom the history of philosophy actually reports in a rather superficial manner.

[ 3 ] Und wiederum — ich sagte es schon gestern — war Klopstock aufrichtig und durchschaute in einer gewissen Beziehung diesen Tatbestand, wenn auch vielleicht nur instinktiv, als er seine «Messias»-Dichtung begann; jetzt nicht: Singe, o Muse —, oder: Singe, o Göttin, von der Erlösung der Menschen —, sondern als er sagte: Singe, unsterbliche Seele —, also: Singe, individuelles Wesen, das in dem einzelnen Menschen als einer Individualität wohnt. — Als Klopstock seinen «Messias» schrieb, war allerdings dieses individuelle Fühlen in der einzelnen Seele schon weit vorgeschritten. Aber dieser innere Trieb, die Individualität herauszukehren, individuell das Leben zu gestalten, bildete sich im eminentesten Sinne in dem Zeitalter aus, das etwa von der Begründung des Christentums bis zu der Hochscholastik verläuft. In dem, was die Philosophen gedacht haben, kann man nur das Oberste sehen, dasjenige, was an die alleräußerste Oberfläche hinaufgeht von dem, was in den Tiefen der ganzen Menschheit sich vollzieht: das Individuellwerden des Bewußtseins europäischer Menschen. Und ein wesentliches Moment in der Verbreitung des Christentums durch diese Jahrhunderte ist die Tatsache, daß diejenigen, welche die Träger dieser Verbreitung waren, hineinsprechen mußten in eine Menschheit, die aus den Tiefen ihres Wesens heraus den Menschen immer mehr und mehr zu einem innerlichen Individuell-Erfühlen hindrängte.

[ 3 ] If we now turn our attention to the focal point of this discussion—Thomas Aquinas—we might say that in him we find a figure who, when viewed against the backdrop of the mainstream of medieval Christian philosophy, actually fades into the background; one might one might say, is really only the coefficient or the exponent for that which lives within a broad worldview and finds expression—precisely through this one personality—with a certain universality. So that when one speaks of Thomism, one can focus one’s attention on something extraordinarily impersonal, on something that actually reveals itself only through the personality of Thomas Aquinas. In contrast, one immediately sees that one must place a full, complete personality—with everything that manifests itself in a personality—at the center of one’s consideration when one looks at the one to whom Thomism primarily traces its origins, namely Augustine: with Augustine, everything is personal; with Thomas Aquinas, everything is, in fact, entirely impersonal. With Augustine, we are dealing with a man in struggle; with Thomas Aquinas, with the medieval Church, which defines its position toward heaven, earth, humanity, history, and so on—a Church that, one might even say—albeit with certain qualifications—expresses itself as a Church through the philosophy of Thomas Aquinas.

[ 4 ] Nur unter diesem Gesichtspunkte lassen sich die einzelnen Ereignisse verstehen, die sich in diesem Zeitalter vollziehen. Und auch nur mit dem Blick auf diese Tatsachen läßt sich verstehen, was an Seelenkämpfen in solchen Persönlichkeiten stattgefunden hat, die dann eben in den tiefsten Tiefen der Menschenseele sich auseinandersetzen wollten mit dem Christentum auf der einen Seite und mit der Philosophie auf der andern Seite, wie Albertus Magnus und Thomas von Aquino. Heute liegt den gebräuchlichen Philosophiegeschichtsschreibern viel zu wenig von den wahren Gestalten der Seelenkämpfe vor, die ihren letzten Abschluß gewissermaßen in Albert und Thomas gefunden haben, als daß dieses Zeitalter in den gebräuchlichen Philosophiegeschichten auch nur annähernd deutlich genug geschildert würde. Da spielt vieles herein in das Seelenleben des Albert und des Thomas.

[ 4 ] A significant event lies between the two, and without focusing on this event, it is impossible to determine the relationship between these two medieval figures. The event I am referring to is the condemnation of Origen carried out by Emperor Justinian. The full character of Augustine’s worldview becomes understandable only when one takes into account the entire historical context from which Augustine emerged. This historical background, however, takes on a completely different character when that powerful influence—it was indeed a powerful influence, despite much of what is said in the history of philosophy—on the Western world, which originated in the philosophical schools of Athens, comes to an end; an influence that essentially lasted well into the sixth century, then ebbed away, leaving behind something that, in the subsequent philosophical current of the West, was in fact quite different from the one in which Augustine was still actively engaged.

[ 5 ] Äußerlich sieht es so aus, als ob Albertus Magnus, der vom 12. ins 13. Jahrhundert hinüber lebte, und Thomas, der im 13. Jahrhundert lebte, nur gewissermaßen dialektisch hätten vereinigen wollen auf der einen Seite Augustinismus, von dem wir gestern gesprochen haben, und Aristotelismus. Der eine war der 'Träger der kirchlichen Ideen, der andere der Träger der ausgebildeten philosophischen Ideen. Den Einklang zwischen beiden zu suchen zieht sich allerdings wie ein Duktus hindurch durch all dasjenige, was die beiden geschrieben haben. Aber in alldem, was da in Gedanken fixiert wird wie in einer Blüte des abendländischen Fühlens und Wollens, lebt doch unendlich viel darinnen von dem, was dann nicht auf jenes Zeitalter übergegangen ist, das sich etwa von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis in unsere Tage erstreckt, und aus dem wir unsere gebräuchlichen Ideen für alle Wissenschaften und auch für das gesamte öffentliche Leben entnehmen.

[ 5 ] I must ask you to bear in mind that today’s session is more of an introduction, that tomorrow we will address the very essence of Thomism here, and that my goal—the reason why I am presenting everything I intend to say over the next few days—will not fully come to light until the third day. For you see, even with regard to medieval Christian philosophy—specifically Thomism—I am, in fact—please forgive this personal remark at the outset—in a very special situation. I have often emphasized, even in public lectures, what happened to me once when I presented to a proletarian audience what I must regard as the truth in the course of Western history. This led to a situation where, although there was a loyal following among the students, the leaders of the proletarian movement at the turn of the 19th to the 20th century concluded that what was being presented there was not genuine Marxism. And although one could have argued that a future humanity would surely have to recognize something like academic freedom, I was told at the decisive meeting at that time that this party knew no academic freedom, but only reasonable coercion! — And my teaching career had to be brought to an end, even though a large number of students had been recruited from the proletariat at that time.

[ 6 ] Dem heutigen Menschen erscheint es eigentlich nur wie etwas Paradoxes, wenn er hört, was wir gestern hören mußten von der Lebensanschauung des Augustinus: daß Augustinus tatsächlich der Anschauung war, daß ein Teil der Menschen von vornherein dazu bestimmt sei, die göttliche Gnade ohne Verdienst zu empfangen — denn eigentlich müßten sie nach der Erbsünde alle zugrunde gehen —, die göttliche Gnade zu empfangen und gerettet zu werden, seelisch-geistig gerettet zu werden; ein anderer Teil der Menschheit müsse seelisch-geistig zugrunde gehen, gleichgültig was er auch unternimmt. — Für den heutigen Menschen erscheint das paradox, vielleicht sogar sinnlos. Wer sich hineinfühlen kann in das Zeitalter, in dem Augustinus gelebt hat, in dem Augustinus all diejenigen Ideen und Empfindungen empfangen hat, die ich gestern charakterisierte, der wird anders fühlen. Der wird fühlen, daß man — noch dazu als ein Mensch wie Augustinus, der mittendrinnen stand in dem Kampfe zwischen dem Gedanken, der die ganze Menschheit als eine Einheit umfaßte, und jenem Gedanken, der die Individualität des Menschen herauskristallisieren wollte aus dieser einheitlichen Menschheit —, daß man es begreiflich finden kann, daß Augustinus auf diese Weise noch festhalten wollte an den Gedanken, die noch nicht als die altertümlichen Gedanken Rücksicht nahmen auf den einzelnen Menschen, die noch unter dem Einflusse solcher Ideen wie die des Plotinismus, den ich gestern charakterisiert habe, eben einzig und allein das Allgemeinmenschliche im Sinne hatten. Aber auf der anderen Seite wühlte auch in der Seele des Augustinus der Drang nach Individualität. Daher bekommen dieseIdeen eine so prägnante, seelen- und herzensmäßig prägnante Fassung, daher sind sie so erfüllt von menschlichem Erleben, und dadurch wird gerade Augustinus jene unendlich sympathische Gestalt, welche so tiefen Eindruck macht, wenn wir den Blick zurückwenden auf die Jahrhunderte, die der Scholastik vorangegangen sind.

[ 6 ] I had a similar experience elsewhere with what I wanted to say about nineteen or twenty years ago regarding Thomism and everything related to medieval philosophy. That was the time, right around the turn of the 19th to the 20th century, when what has come to be called monism had reached a particularly high tide. As a particular variant of monism—namely, materialistic monism—the “Giordano Bruno Society” had been founded in Germany at that time, ostensibly to foster a free, independent worldview, but in essence merely to promote this materialistic variant of monism. Because it was impossible for me to go along with all the empty rhetoric that was being passed off as monism at the time, I gave a lecture on Thomism at the Berlin “Giordano Bruno Society.” In this lecture, I sought to demonstrate that Thomism embodies a genuine spiritual monism, and that this spiritual monism is, moreover, revealed through the most incisive thinking conceivable—a mode of thought of which the more recent, philosophy—which is influenced by Kant and emerged from Protestantism—fundamentally has no conception of, and to which it certainly no longer has the capacity. And so I had ruined monism as well! It is indeed extraordinarily difficult today to speak of things in such a way that what is said resonates from the reality of the matter itself and does not serve any partisan agenda. I would like to strive once again over these three days to speak in this way about the phenomena I have alluded to.

[ 7 ] Über Augustinus hinaus hat sich dann für viele dasjenige, was den einzelnen Menschen des Abendlandes als Christ zusammenhielt mit seiner Kirche — aber nur in den Ideen des Augustinus —, erhalten. Nur waren diese Ideen, so wie ich sie Ihnen gestern gezeigt habe, eben nicht annehmbar für diese abendländische Menschheit, die den Gedanken nicht ertrug, die Gesamtmenschheit, das Einheitliche, als ein Ganzes zu nehmen und sich darinnen nur etwa zu fühlen wie ein Glied, noch dazu wie ein Glied, das zu dem Teil der Menschheit gehört, der dem Untergang, der Vernichtung verfallen ist. Und so sah sich die Kirche gedrängt, zu einem Ausweg zu greifen.

[ 7 ] Augustine’s personality emerges in the fourth and fifth centuries as, as I have already said, a figure who struggles in the most profound sense. The very nature of Augustine’s struggle is what cuts deep into one’s soul when one is able to grasp the unique character of this struggle. There are two questions that arise with such intensity in Augustine’s soul that today—now that the true questions of knowledge and the soul have faded—we, in turn, have virtually no idea of them. The first question is one that can be characterized, for example, by saying: Augustine wrestles with the essence of that which human beings can actually recognize as truth—a truth that sustains them and fulfills their souls. The second question is this: How can one explain, in a world that has only one purpose—provided that the purpose of this world has at least something to do with the Good—how can one explain the presence of evil in this world? How can one explain, in human nature, specifically the sting of evil—which, at least in Augustine’s view, never falls silent—and the voice of evil, which never falls silent, even when a person develops an honest and sincere striving for the good?

[ 8 ] Augustinus führte noch seinen gewaltigen Kampf gegen den Pelagius, jenen Mann, der schon ganz erfüllt war von dem Individualimpuls des Abendlandes. Es war dies jene Persönlichkeit, bei der wir als einem Zeitgenossen des Augustinus sehen können, wie voraus erscheint das Sich-als-Individualität-Fühlen, wie es sonst erst die Menschen der späteren Jahrhunderte gehabt haben. Daher kann er nicht anders als sagen: Es kann keine Rede davon sein, daß der Mensch ganz unbeteiligt bleiben müsse an seinem Schicksal in der sinnlichen Welt; es muß aus der Menschenindividualität selbst herausgeboren werden können die Kraft, durch welche die Seele den Anschluß findet an das, was sie aus der Umstrickung der Sinnlichkeit erhebt in die reinen geistigen Regionen, wo sie ihre Erlösung und Rückkehr zur Freiheit und Unsterblichkeit finden kann. — Das war dasjenige, was Augustinus’ Gegner geltend machten: daß der einzelne Mensch die Kraft finden müsse, die Erbsünde zu überwinden.

[ 8 ] I do not believe that one can truly understand Augustine if one approaches these two questions in the way that the average person today—even if he is a philosopher—tends to do. One must look for the particular context in which these two questions existed for this man of the fourth and fifth centuries. Augustine, after all, initially led a turbulent—one might even say dissolute—life. But even amid this dissolute and turbulent life, these two questions kept surfacing for him. Personally, he was caught in a conflict. His father was a pagan; his mother, a devout Christian. His mother went to great lengths to win her son over to Christianity. At first, the son could only be won over to a certain kind of seriousness, and this seriousness was initially directed toward Manichaeism. We will later take a closer look at this worldview, which first entered Augustine’s field of vision as he transitioned from a somewhat dissolute life to one of profound seriousness. But then, though only after many years, he felt increasingly repelled by Manichaeism, and a certain skepticism took hold of him once again—not merely from the depths of his soul or from some abstract heights, but from the entire current of philosophical thought of the time—the skepticism into which Greek philosophy had drifted at a certain point and which had persisted right up to Augustine’s time.

[ 9 ] Die Kirche stand mittendrinnen zwischen den beiden Gegnern, und sie suchte nach einem Ausweg. Dieser Ausweg wurde vielfach besprochen. Es wurde gewissermaßen hin und her geredet, und man ergriff dann die Mitte, und ich kann es jedem einzelnen von Ihnen überlassen, ob er diese Mitte in diesem Falle als die goldene Mitte oder als die kupferne Mitte ansieht. Man ergriff die Mitte: den Semipelagianismus. Man fand eine Formel, die eigentlich nicht recht Schwarz und nicht recht Weiß sagte, die verkündete: Es ist zwar so, wie Augustinus gesagt hat, aber es ist doch nicht ganz so, wie Augustinus gesagt hat; es ist auch nicht ganz so, wie Pelagius gesagt hat, aber es ist in einem gewissen Sinne auch so, wie er gesagt hat. Und so könne man sagen, daß zwar nicht durch einen weisheitsvollen ewigen Ratschluß der Gottheit die einen zur Sünde, die anderen zur Gnade verurteilt sind, daß die Menschen Anteil haben an ihrem Sündhaftwerden oder an ihrem Erfülltsein mit Gnade; aber die Sache sei denn doch so, daß zwar nicht eine göttliche Vorherbestimmung vorliege, aber ein göttliches Vorherwissen. Die Gottheit weiß vorher, ob der eine ein Sünder sein werde oder der andere ein Gnadenerfüllter sein werde.

[ 9 ] But now skepticism is receding more and more. For Augustine, skepticism is, in a sense, merely something that connects him to Greek philosophy. And this skepticism contributes to that which undoubtedly exerted an extraordinarily profound influence on his subjectivity—on the entire disposition of his soul—for some time. Skepticism leads him in a completely different direction: toward what is usually called Neoplatonism in the history of philosophy. And Augustine was drawn to this Neoplatonism far more than is generally thought. Augustine’s entire personality and all his struggles can only be understood if one grasps how deeply the Neoplatonic worldview permeated his soul. And if one objectively examines Augustine’s development, one will find that the rupture that occurred in his personality during the transition from Manichaeism to Plotinism hardly repeated itself with the same intensity when Augustine moved from Neoplatonism to Christianity. For one can actually say: In a certain sense, Augustine remained a Neoplatonist; to the extent that he could become a Neoplatonist, he remained one. It’s just that he could only become one to a certain degree. And because he could only become one to a certain degree, fate then led him to become acquainted with the figure of Jesus Christ. And in fact, there is no enormous leap here at all; rather, there is a natural progression in Augustine from Neoplatonism to Christianity. $o, to understand how this Christianity is embodied in Augustine, one cannot judge this Augustinian Christianity without first looking at Manichaeism—a unique form of overcoming the ancient pagan worldview at the same time as the Old Testament and Judaism.

[ 10 ] Dabei wurde nicht weiter darauf Rücksicht genommen, als dieses Dogma verbreitet wurde, daß es sich im Grunde gar nicht um ein Vorherwissen handelte, sondern daß es sich darum handelte, klipp und klar Stellung zu nehmen zu dem, ob nun der einzelne individuelle Mensch sich verbinden kann mit den Kräften in seinem individuellen Seelenleben, die ihn herausheben aus seiner Trennung von dem göttlich-geistigen Wesen der Welt und ihn wieder zurückführen können zu dem göttlich-geistigen Wesen der Welt. So bleibt für das Dogmenwesen im Grunde genommen die Frage ungelöst, und ich möchte sagen: Auf der einen Seite genötigt, den Blick nach dem Dogmengehalt der Kirche zu richten, auf der anderen Seite aber aus innerster Empfindung heraus mit tiefster Verehrung für die Größe des Augustinus erfüllt, standen in der Hochscholastik Albertus und Thomas dem gegenüber, was sich als abendländische Geistesentwickelung innerhalb der christlichen Strömung ausbildete. Und hinein spielte doch noch manches aus früheren Zeiten. Es lebte fort so, daß man es sieht, wenn man genau hinblickt auf die Seele des Albertus, des Thomas, daß man es sieht auf dem Grunde ihrer Seele tätig sein, aber daß man auch einsieht, daß es ihnen selber nicht ganz vollbewußt ist, daß es in ihre Gedanken hineinspielt, daß sie es aber nicht zu einer präzisen Fassung bringen können.

[ 10 ] By the time Augustine was growing up, Manichaeism was already a philosophical movement that had spread well beyond North Africa—where Augustine, after all, grew up—and was embraced by many people in the West. It originated in Asia in the third century through Mani, a Persian; historically, very little of Manichaeism has survived to posterity. If one wishes to characterize Manichaeism, one must say: What matters most is the overall attitude of this worldview rather than what one might today literally describe as its content.

[ 11 ] Das muß man bedenken, mehr bedenken für diese Zeit der Hochscholastik des Albert und des Thomas, als man eine ähnliche Erscheinung zum Beispiel in unserer Zeit bedenken müßte. Das Warum habe ich mir schon erlaubt hervorzuheben in meinen «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert», die dann erweitert wurden zu meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie», wo dann die Aufgabe anders gestellt war und daher die betreffende Stelle nicht wiederkehren konnte, wie ich mir noch erlauben will zu bemerken. Das gilt durchaus — und das wird uns morgen noch eingehend zu beschäftigen haben, jetzt will ich es nur erwähnen —, daß wir aus diesem Emporringen der Individualität bei den Denkern, die nun philosophisch ausbildeten dieses Emporringen der Individualität, dasjenige erleben, was höchste Blüte logischer Urteilskraft ist, man könnte sagen höchste Blüte logischer Technik.

[ 11 ] What is most characteristic of Manichaeism is that, for it, the division of human experience into a spiritual side and a material side makes no sense at all. The words or concepts “spirit” and “matter” have no meaning for Manichaeism. Manichaeism perceives the spiritual in what appears materially to the senses and does not rise above what presents itself to the senses when it speaks of the spiritual. To a much greater extent than is usually thought—in a world that has become so abstract and intellectualistic—it is indeed the case for Manichaeism that it sees spiritual phenomena and spiritual realities in the stars and their movements, and that it sees in the mystery of the sun precisely what is unfolding here on earth as the spiritual. To speak of matter on the one hand and of spirit on the other makes no sense to Manichaeism. For it, what is spiritual manifests itself at the same time as material, and what manifests itself materially is, for it, the spiritual. Therefore, it is entirely natural for Manichaeism to speak of astronomical phenomena and worldly events in the same way that it speaks of moral matters and events within human development. Thus, for Manichaeism, the opposition it introduces into its worldview—light and darkness, in imitation of an ancient Persian concept—is far more significant than one might think; for Manichaeism, it is at the same time an entirely self-evident spiritual reality. And it goes without saying that Manichaeism also speaks of what appears to move across the vault of heaven as the sun as something that is connected to the moral entities and moral impulses within human evolution, and that it speaks of the relationships between this moral-physical entity, which moves across the vault of heaven, and the signs of the zodiac as twelve beings through which the primordial being—the primordial being of light in the world—specifies its activities.

[ 12 ] Man kann schimpfen wie man will von diesem oder jenem Parteistandpunkte über die Scholastik — all dieses Schimpfen ist in der Regel wenig von einer wirklichen Sachkenntnis erfüllt. Denn wer Sinn hat für die Art und Weise, wie sich, ganz abgesehen jetzt von.dem sachlichen Inhalt, der Scharfsinn der Gedanken abspielt bei irgend etwas, was wissenschaftlich oder sonst erklärt wird, wer Sinn dafür hat zu erkennen, wie Zusammenhänge zusammengedacht werden, die zusammengedacht werden müssen, wenn das Leben Sinn bekommen soll —, wer für alles das und für manches andere Sinn hat, für den geht es schon auf, daß so präzis, so innerlich logisch gewissenhaft niemals gedacht worden ist vorher, und nachher niemals gedacht worden ist als in der Zeit der Hochscholastik. Gerade das ist das Wesentliche, daß da das reine Denken mit mathematischer Sicherheit von Idee zu Idee, von Urteil zu Urteil, von Schlußfolgerung zu Schlußfolgerung so verläuft, daß über den kleinsten Schritt und über das kleinste Schrittchen diese Denker sich immer Rechenschaft geben.

[ 12 ] But there is another characteristic unique to this Manichaeism. It focuses on human beings, and to it, these human beings do not at all appear as what they appear to us today. To us, human beings appear as a kind of crown of earthly creation. Whether one thinks in more or less materialistic or spiritualistic terms, human beings today appear to us as a kind of crown of earthly creation, the human kingdom as the highest kingdom, or at least as the crowning achievement of the animal kingdom. Manichaeism cannot accept this. For Manichaeism, what has walked the earth as a human being—and was, in fact, still walking the earth in its own time—is really only a meager remnant of what was meant to become human on earth through the divine being of light. Something entirely different was meant to become human than what now walks the earth as a human being. That which now walks the earth as a human being came into being because the original human—whom the being of light had created to strengthen his battle against the demons of darkness—lost this battle against the demons of darkness but was transferred to the sun by the good powers, that is, was received by the realm of light itself. But the demons have nevertheless managed, to snatch, so to speak, a part of this primordial human being from the true human being who fled into the sun, and to form from it what constitutes the human race on Earth—this human race that thus walks the Earth as a inferior version here on Earth of that which could not live here at all, because it had to be carried away into the sun during the great spiritual struggle. In order to lead the human being—who appeared on Earth in this way as a inferior version—back to his original destiny, the Christ Being then appeared, and through its activity the effect of the demonic is to be removed from the Earth.

[ 13 ] Man muß nur bedenken, in welchem Milieu sich dieses Denken abspielte. Das war nicht ein Denken, das sich etwa so abspielte wie jetzt sich das Denken abspielt in der geräuschvollen Welt. Das war ein Denken, das sich abspielte in der stillen Klosterzelle oder sonst fern von dem Weltengetriebe. Das war ein Denken, das ganz aufging in dem Gedankenleben, und das war ein Denken, das auch noch durch andere Umstände die reine Denktechnik ausbilden konnte. Es ist heute tatsächlich schwer, diese reine Denktätigkeit auszubilden, denn kaum wird es irgendwie versucht, solche Denktätigkeit vor die Öffentlichkeit hinzustellen, die nichts anderes möchte als, durch ihren Inhalt bedingt, Gedanken an Gedanken reihen, dann kommen die unsachlichen Leute, die unlogischen Leute, greifen alles mögliche auf, werfen ihre brutalen Parteimeinungen entgegen. Und da man schon einmal ein Mensch unter Menschen ist, muß man sich auseinandersetzen mit diesen Dingen, die eigentlich nichts anderes sind als hineingeworfene Brutalitäten, die gar nichts zu tun haben oftmals mit demjenigen, um was es sich eigentlich handelt. Da ist sehr bald jene innere Ruhe verloren, der sich Denker des 12. und 13. Jahrhunderts hingeben konnten, die nicht auf den Widerspruch der Unvorbereiteten in ihrem sozialen Leben so außerordentlich viel zu geben brauchten.

[ 13 ] I am well aware, my esteemed audience, that everything that can still be put into words about this worldview in today’s language can hardly be sufficient; for the whole of it arises from depths of spiritual experience that are fundamentally different from those of the present. But the essential point that must be emphasized today is precisely what I have already highlighted. For as fantastical as it may seem, what I am telling you about the course of Earth’s evolution in the Manichaean sense—Manichaeism did not at all present this as something that one must merely perceive in the mind, but rather as something that unfolds before the physical eyes as a spiritual phenomenon, just like what we today call a sensory phenomenon.

[ 14 ] Dieses und noch manches andere hat gerade in diesem Zeitalter jene auf der einen Seite wunderbare plastische, aber auch in feinen Konturen verlaufende Denktätigkeit hervorgerufen, welche die Scholastik kennzeichnet und welche namentlich bewußt angestrebt worden ist von Leuten wie Albertus und Thomas.

[ 14 ] That was the first thing that had a powerful effect on Augustine. And the issues tied to Augustine’s personality can really only be understood by taking into account this powerful influence of Manichaeism—its spiritual-material principle. One must ask: What was the source of Augustine’s dissatisfaction with Manichaeism? Not so much from what one might call the mystical content—as I have just characterized it for you—but rather, his dissatisfaction stemmed from the entire attitude of Manichaeism.

[ 15 ] Aber nun bedenke man dieses: Auf der einen Seite sind Forderungen des Lebens da, die sich so ausnehmen, daß man es zu tun hat mit nicht ins Klaregebrachten Dogmen, was in zahlreichen Fällen ähnlich war dem charakterisierten Semipelagianismus, und daß man kämpfte, um aufrechtzuerhalten dasjenige, von dem man glaubte, daß es aufrechterhalten werden müsse, weil es die dazu berechtigte Kirche aufgestellt hat, daß man das aufrechterhalten wollte mit dem scharfsinnigsten Denken. Man stelle sich nur vor, was es heißt, gerade mit dem scharfsinnigsten Denken hineinzuleuchten in das, was so geartet war, wie ich es Ihnen nach dem Augustinismus charakterisieren mußte. Man muß schon in dieses Innere des scholastischen Strebens hineinschauen und nicht bloß am Faden der Begriffe, die man aufgelesen hat, diesen Hergang von der Parristik bis zu der Scholastik charakterisieren wollen.

[ 15 ] At first, Augustine found himself, in a certain sense, captivated and deeply moved by the sensory vividness and the imagery with which this vision presented itself to him. But then something stirred within him that could not be satisfied with precisely this pictorial quality, with which the material was viewed spiritually and the spiritual materially. And one really has no other choice than to move from what is often merely a formal consideration to reality—that is, to recognize that Augustine was, after all, a human being who, fundamentally speaking, was already more similar to the people of the Middle Ages and perhaps even to those of more recent times than he could possibly have been to those people whose spiritual disposition made them the natural bearers of Manichaeism. Augustine already possesses something of what I would like to call a renewal of spiritual life.

[ 16 ] Es spielte eben vieles halb Unbewußte in diese Geister der Hochscholastik hinein, und man kommt eigentlich nur zurecht, wenn man über das, was ich schon gestern charakterisiert habe, hinausblickend, noch etwa eine solche Gestalt ins Auge faßt wie die, die halb mysteriös vom sechsten Jahrhundert an in das europäische Geistesleben eintrat, die bekannt geworden ist unter dem Namen des Dionysius des Areopagiten. Ich kann heute, weil die Zeit dazu nicht ausreichen würde, nicht eingehen auf all die Streitigkeiten darüber, ob nun irgend etwas daran ist, daß diese Schriften erst im sechsten Jahrhundert verfaßt worden sind oder ob die andere Anschauung die richtige ist, die wenigstens das Traditionelle dieser Schriften in viel frühere Zeiträume zurückführt. Auf all das kommt es ja nicht an, sondern darauf kommt es an, daß vorlagen die Anschauungen des Dionysius des Areopagiten für die Denker des siebenten, achten Jahrhunderts bis noch in die Zeiten des Thomas von Aquino, und daß diese Schriften durchaus mit christlicher Nuance dasjenige in einer besonderen Gestalt enthielten, was ich Ihnen gestern als den Plotinismus, als den Neuplatonismus des Plotin charakterisiert habe, aber eben in einer besonderen Gestalt, durchaus mit christlicher Nuance. Und ganz besonders bedeutsam ist es geworden für die christlichen Denker des ausgehenden Altertums und des Beginnes des Mittelalters bis in die Mitte des Mittelalters, eben bis zur Hochscholastik, wie sich der Schreiber der Dionysiusschen Schriften verhalten hat zu dem Aufsteigen der menschlichen Seele bis zu einer Anschauung über das Göttliche.

[ 16 ] On other occasions, it has also been necessary to frequently draw attention to the matters under consideration here in public lectures. In our present-day intellectual age, with its penchant for the abstract, one actually always sees in what becomes history for a given century the effect that is supposed to arise from what the previous century brought about, and so on. When it comes to the individual human being, it is pure nonsense to say that what happens, for example, at the age of eighteen is merely an effect within him of what happened at the ages of thirteen or fourteen; for in between lies something that works its way up from the deepest depths of human nature—something that is not merely an effect of what preceded it, in the sense that one can rightly speak of an effect as arising from a cause, but rather something that enters human life as sexual maturity emerging from the very essence of humanity. And such leaps in development must also be recognized at other stages of individual human development, where something struggles upward from the depths to the surface; so that one cannot say: What happens is merely the immediate, linear effect of what has gone before.

[ 17 ] Dieser Dionysius wird ja gewöhnlich so geschildert, als ob er zwei Wege zum Göttlichen hätte. Die hat er auch. Der eine Weg ist der, daß er verlangt: Wenn der Mensch aufsteigen will von den Außendingen, die uns umgeben in der Welt, zu dem Göttlichen, so muß er versuchen herauszufinden aus all den Dingen, die da sind, ihre Vollkommenbheiten, ihr Wesentliches, muß versuchen zurückzugehen zu dem Allervollkommensten, muß die. Möglichkeit haben, das Allervollkommenste so mit Namen zu benennen, daß er einen Inhalt hat für dieses Göttlich-Vollkommenste, der nun wiederum sich gleichsam ausgießen und durch Individualisierung und Differenzierung die einzelnen Dinge der Welt aus sich hervorbringen kann. — So, möchte man sagen, ist für diesen Dionysius die Gottheit diejenige Wesenheit, die mit den Namen im reichlichsten Umfange versehen werden muß, die belegt werden muß mit den Prädikaten, die man als auszeichnendste Prädikate nur herausfinden kann aus allen Vollkommenheiten der Welt, die man zusammenfinden kann: Nimm all das, was dir auffällt in den Dingen der Welt an Vollkommenbheit, benenne es und benenne dann damit die Gottheit, dann kommst du zu einer Vorstellung über die Gottheit. — Das ist der eine Weg, den Dionysius vorschlägt.

[ 17 ] Such leaps also occur within humanity as a whole, and one must assume that what preceded such a leap was Manichaeism, and that what followed it was the state of mind, the spiritual disposition, in which Augustine himself found himself. Augustine simply could not find peace in his inner life without rising from what a Manichaean had before him—both materially and spiritually—to a purely spiritual realm, to that which is constructed and perceived solely in the spirit. Augustine had to ascend to something far freer from sensuality than a Manichaean did. That is why he had to turn away from the pictorial, the visual worldview of Manichaeism. That was the first thing that played out so intensely in his soul, and we can read it, for example, in his own words: “That when I wanted to think of God, I had to imagine physical bodies and believed that nothing could exist other than such things—that was the most significant and almost the only reason for the error that I could not avoid.”

[ 18 ] Der andere Weg ist, daß er sagt: Du erreichst die Gottheit nie, wenn du ihr auch nur einen einzigen Namen gibst, denn der ganze Seelenprozeß, der darauf hinausgeht, Vollkommenheiten in den Dingen zu finden, der darauf hinausläuft, das Wesenhafte der Dinge zu suchen, es zusammenzufassen, um es dann in dieser Zusammenfassung der Gottheit anzuheften, das führt niemals zu dem, was man Erkennen der Gottheit nennen kann. Du mußt so werden, daß du dich frei machst von alledem, was du in den Dingen erkannt hast. Du mußt dein Bewußtsein vollständig reinigen von alldem, was du an den Dingen erfahren hast. Du mußt nichts mehr wissen von demjenigen, was dir die Welt sagt. Du mußt alle Namen, die du gewohnt bist, den Dingen zu geben, vergessen und dich in einen Seelenzustand versetzen, wo du von der ganzen Welt nichts weißt. Wenn du das in deinem Seelenzustand erleben kannst, dann erlebst du den Namenlosen, der sofort verkannt wird, wenn man ihm irgendeinen Namen beilegt; dann erkennst du den Gott, den Übergott in seiner Überschönheit. Aber schon die Namen Übergott und Überschönheit würden störend sein. Sie können nur dazu dienen, dich hinzuweisen auf dasjenige, was du als Namenloses erleben mußt.

[ 18 ] Thus he looks back to the time when Manichaeism, with its sensual spirituality and spiritual sensuality, lived within his soul; thus he points to this time, and thus he characterizes this period of his life as an error. He needed something to which he could look up as lying at the foundation of human existence. He needed something that, unlike the principles of Manichaeism, could not be directly perceived in the sensory universe as a spiritual-sensual reality. Just as everything in him struggles intensely, seriously, and powerfully to the surface of the soul, so too does this: “I asked the earth, and it said: ‘I am not it. And what is upon it confessed the same.”

[ 19 ] Wie kommt man zurecht mit einer Persönlichkeit, die einem nicht eine Theologie gibt, die einem zwei Theologien gibt, eine positive und eine negative, eine rationalistische und eine mystische Theologie? Wer sich eben hineinversetzen kann in die Geistigkeit der Zeitalter, aus denen heraus das Christentum geboren ist, der kommt ganz gut damit zurecht. Wenn man allerdings den Verlauf der Menschheitsentwickelung auch für die ersten christlichen Jahrhunderte so schildert, wie die heutigen Materialisten das tun, dann erscheint einem so etwas wie die Schriften des Areopagiten mehr oder weniger als Narretei, als Hirnverbranntheit. Dann weist man sie in der Regel aber auch einfach zurück. Wenn man aber sich hineinversetzen kann in das, was damals erlebt und erfühlt worden ist, dann sieht man ein, was ein Mensch wie der Areopagite eigentlich wollte: im Grunde genommen nur ausdrücken, was Unzählige anstrebten. Für sie war nämlich die Gottheit ein Wesen, das man überhaupt nicht erkennen konnte, wenn man nur einen Weg zu ihr einschlug. Für ihn war die Gottheit ein Wesen, dem man sich nähern mußte auf rationellem Wege durch Namengebung und Namenfindung. Aber geht man nur diesen einen Weg, dann verliert man den Pfad, dann verliert man sich in dasjenige, was gewissermaßen der gottentleerte Weltenraum ist. Dann gelangt man nicht zu Gott. Aber man muß ihn gehen, diesen Weg, denn ohne ihn zu gehen, kommt man auch nicht zu dem Gotte. Aber man muß noch einen anderen Weg gehen. Das ist eben der, der das Namenlose anstrebt. Geht man jeden allein, dann findet man ebensowenig die Gottheit; aber geht man beide, so kreuzen sie sich, und man findet in dem Durchkreuzungspunkte die Gottheit. Es genügt nicht, zu streiten darüber, ob der eine Weg oder der andere Weg richtig sei. Beide sind sie richtig; aber jeder einzelne, für sich gegangen, führt zu nichts. Beide gegangen führen, wenn die Menschenseele sich im Kreuzungspunkte findet, zu dem, was angestrebt wird.

[ 19 ] What is Augustine asking? He asks what the divine truly is, and he asks the earth, and it tells him: “I am not it.” — In Manichaeism, the answer would have been: “I am it as earth, insofar as the divine expresses itself through earthly action.” — And Augustine goes on to say: “I asked the sea and the abysses and all the living things they harbor: ‘We are not your God; seek above us.’ — I asked the blowing winds, and the entire atmosphere, together with all its inhabitants, spoke: ‘The philosophers who sought the essence of things within us were mistaken; we are not God.’” So neither the sea nor the atmosphere—nor anything that can be perceived by the senses. “I asked the sun, the moon, and the stars. They said: ‘We are not the God you seek.’”

[ 20 ] Ich kann begreifen, wie manche Menschen der Gegenwart, die gewöhnt sind an das, was als Polemik gilt, zurückschrecken vor dem, was hier von dem Areopagiten gefordert wird. Aber dasjenige, was hier gefordert wird, das lebte bei den Menschen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten die führenden geistigen Persönlichkeiten waren, und es lebte dann traditionell noch weiter fort in der christlich-philosophischen Strömung des Abendlandes, und es lebte bis auf Albertus Magnus und bis auf Thomas von Aquino. Es lebte zum Beispiel durch jene Persönlichkeit, deren Namen ich schon gestern genannt habe, durch den am Hofe Karls des Kahlen lebenden Scotus Erigena. Dieser Scotus Erigena erinnert einen lebhaft an dasjenige, was ich Ihnen gestern sagte: Ich habe nie einen so sanften Menschen gekannt wie Vincenz Knauer, den Philosophiegeschichtsschreiber. Vincenz Knauer war immer sanft, aber er fing an wie ein Rohrspatz zu schimpfen, wenn die Rede kam auf Plotin oder das, was Plotin ähnlich war. Und Franz Brentano, der geistreiche Philosoph, der immer feierlich war, er wurde ganz unfeierlich und schimpfte in seinem Buch «Was für ein Philosoph manchmal Epoche macht» —, er meint «Plotin».

[ 20 ] Thus he struggles to free himself from Manichaeism—precisely from that element of Manichaeism that must actually be characterized as the most significant, at least in this context. Augustine seeks a spiritual realm free from sensuality. He finds himself precisely in that era of human soul development in which the soul must tear itself away from merely viewing the sensual as spiritual, and the spiritual as sensual; for Greek philosophy is thoroughly misunderstood in this regard as well. And that is why the beginning of my *Riddles of Philosophy* is so difficult to understand—because I attempted, for once, to characterize this Greek philosophy exactly as it was.

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[ 21 ] When the Greeks speak of ideas, of concepts—when Plato speaks in this way—people today believe that Plato, or the Greeks in general, meant by “ideas” what we today call thoughts or ideas. That is not the case; rather, the Greeks spoke of ideas as something they perceive in the external world, just as they spoke of color or sounds as perceptions in the external world. What was merely reinterpreted in Manichaeism with, I might say, an Eastern nuance is, in essence, present throughout the entire Greek worldview. The Greeks perceive their “idea” just as they perceive color. And they still have the sensually-spiritual and spiritually-sensual—that experience of the soul which does not at all rise to what we know as the spiritual free from sensibility; whether we now conceive of it as a mere abstraction or as a real content of our soul, we do not wish to decide that at this moment. The whole of what we call the senseless experience of the soul is, after all, not yet something the Greek takes into account. He does not distinguish, in the sense that we do, between thinking and external sensory perception.

[ 21 ] Diejenigen, die mehr oder weniger, wenn auch mit Scharfsinn und Geistreichigkeit, dem Rationalismus zugeneigt sind, die werden schon schimpfen, wenn sie das zu Gesicht, zum geistigen Gesichte bekommen, was etwa da ausströmte von dem Areopagiten, und was dann eine letzte bedeutende Offenbarung fand in diesem Erigena. Er war in den letzten Lebensjahren noch Benediktinerprior. Aber seine eigenen Mönche haben ihn, wie die Sage sagt — die Sage; ich sage ja nicht, daß das wörtlich wahr ist, aber wenn es nicht ganz wahr ist, so ist es annähernd wahr —, die haben ihn so lange mit Stecknadeln bearbeitet, bis er tot war, weil er noch den Plotinismus hereinbrachte in das neunte Jahrhundert. Aber über ihn hinaus lebten seine Ideen, die zugleich die weitere Fortbildung der Ideen des Areopagiten waren. Seine Schriften sind mehr oder weniger bis in späte Zeiten hinein verschwunden gewesen; sie sind dann ja doch auf die Nachwelt gekommen. Im 12. Jahrhundert ist Scotus Erigena als Ketzer erklärt worden. Aber das hat ja noch nicht eine solche Bedeutung gehabt wie später und wie heute. Trotzdem sind Albertus Magnus und Thomas von Aquino tief beeinflußt auch von den Ideen des Scotus Erigena.

[ 22 ] The entire conception of Platonic philosophy would actually have to be corrected from this perspective, for only then does it reveal its true nature. So one can say: Manichaeism is merely a post-Christian elaboration—as I have already said, with an Eastern nuance—of what existed in Greek culture. Nor can one understand that great genius—yet arch-philistine—who brings Greek philosophy to a close, Aristotle, unless one knows that, even when he still speaks of concepts, he is indeed already standing right on the threshold of grasping something abstract and free from the senses, yet he is, in essence, still speaking in the spirit of the felt tradition of that which still viewed concepts as belonging to the realm of the sensory world, just like perceptions.

[ 22 ] Das ist das eine, was wir gewissermaßen als eine Erbschaft aus früheren Zeiten auf dem Grunde der Seelen erblicken müssen, wenn wir vom Wesen des Thomismus sprechen wollen. Noch ein anderes aber kommt in Betracht. Im Plotinismus, den ich Ihnen gestern in bezug auf seine Kosmologie zu charakterisieren versuchte, findet sich eine sehr bedeutsame, aus einer sinnlich-übersinnlichen Schauung hervorgegangene Charakteristik des menschlichen Wesens. Man bekommt vor diesen Dingen eigentlich erst wiederum Respekt, wenn man sie aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus wieder findet. Da macht man auch ohne weiteres gern das folgende Geständnis. Da sagt man: Wenn man so unvorbereitet liest etwas wie den Plotin oder das, was von ihm überliefert ist, dann sieht es auch ziemlich chaotisch und kraus aus. Wenn man aber die entsprechenden Wahrheiten selber wieder entdeckt, dann gewinnen Ansichten, wenn sie auch anders ausgesprochen waren in der damaligen Zeit, als sie heute ausgesprochen werden müssen, doch ein ganz besonderes Antlitz. Und so ist denn bei Plotin eine Anschauung zu finden, die ich etwa in der folgenden Weise charakterisieren möchte.

[ 23 ] Augustine was simply compelled—by the perspective to which human souls had struggled their way in his age, by the actual processes taking place within human souls, among whom Augustine stood as a particularly outstanding figure— Augustine was simply compelled to no longer experience things merely within the soul, as a Greek had done; rather, he was compelled to rise to a form of thinking free from sensuality—a form of thinking that retains its content even when it cannot speak of the earth, the air, the sea, the stars, the sun, and the moon—a thinking that has an intangible content. And Augustine strove for a Divine Being that would possess such an abstract content. And now the only things that spoke to him were philosophies and worldviews that, in fact, expressed what they had to say to him from an entirely different perspective—namely, the one just characterized as the sensory-supersensory. No wonder that, since these souls were striving in an indefinite way toward something that was not yet there, and when they reached out—as it were, with spiritual arms—toward what was there, they could find only that which they could not comprehend—no wonder that these souls turned to skepticism!

[ 23 ] Plotin betrachtet die menschliche Wesenheit mit ihren leiblich-seelisch-geistigen Eigentümlichkeiten. Er betrachtet sie zunächst von zwei Gesichtspunkten aus. Er betrachtet sie zuerst von dem Gesichtspunkte der Arbeit der Seele am Leib. Wollte ich in der heutigen Charakteristik sprechen, so müßte ich folgendes sagen. Plotin sagt sich zunächst: Wenn man ein Kind betrachtet, das hereinwächst in die Welt, dann sieht man, wie gewissermaßen noch fertig entwickelt wird dasjenige, was aus Geistig-Seelischem heraus sich als menschlicher Leib gestaltet. Für Plotin ist alles das, was materiell auftritt namentlich am Menschen — wenn ich den Ausdruck, bitte stoßen Sie sich nicht daran, gebrauchen darf — eine Ausschwitzung des Geistig-Seelischen, eine Krustation gewissermaßen des Geistig-Seelischen. Wir können alles das, was leiblich auftritt, als eine Krustation des Geistig-Seelischen auffassen. Dann aber, wenn der Mensch herangewachsen ist bis zu einem gewissen Grade, dann hören die geistig-seelischen Kräfte auf, ins Leibliche hineinzuarbeiten.

[ 24 ] But on the other hand, the feeling of standing on solid ground of truth and gaining insight into the question of the origin of evil was so strong in Augustine that the worldview known as Neoplatonism—which stands at the very end of Greek philosophical development, particularly in the person of Plotinus—nonetheless shone just as brightly into his soul, and which also reveals to us historically—something that, fundamentally speaking, neither Plato’s dialogues nor, least of all, Aristotelian philosophy can reveal—how the entire life of the soul unfolded when it sought a certain interiorization, a transcendence of the ordinary. Plotinus is like the last straggler of a human type that took entirely different paths to knowledge and to the inner life of the soul than what has generally been understood since, or what people have subsequently come to intuit. Plotinus stands there in such a way that he actually appears to modern people as a fantasist.

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[ 25 ] Plotinus appears, especially to those who have more or less internalized medieval scholasticism, as a terrible dreamer—indeed, as a dangerous dreamer. I have observed this time and again. My old friend Vincenz Knauer, the Benedictine monk who wrote a history of philosophy and also authored a book on the main problems of philosophy from Thales to Hamerling, was the very picture of gentleness. This man never really raised his voice except when one had to discuss with him the philosophy of Neoplatonism, particularly that of Plotinus. Then he would become angry and rant terribly, railing against Plotinus as if he were a dangerous dreamer. And Brentano—the brilliant Aristotelian and empiricist Franz Brentano, who also carried the philosophy of the Middle Ages in his soul in an extraordinarily deep and intense way—wrote his little book *What Kind of Philosopher Sometimes Marks an Epoch*, and in it he actually rails just as fiercely against Plotinus, for Plotinus is the philosopher, the man who, in his opinion, marked an epoch as a dangerous dreamer at the end of Greek antiquity. Understanding Plotinus is indeed extraordinarily difficult for today’s philosophers.

[ 24 ] Man könnte also sagen (es wird gezeichnet): Zunächst haben wir es zu tun mit einer solchen Betätigung des GeistigSeelischen am Leiblichen, daß dieses Leibliche herausgestaltet, herausorganisiert wird aus dem Geistig-Seelischen. Die Menschheitsorganisation ist aus dem Geistig-Seelischen heraus gearbeitet. Wenn ein gewisser Reifezustand eingetreten ist für irgend etwas in der organischen Tätigkeit, sagen wir zum Beispiel für diejenige Tätigkeit, auf welche die Kräfte verwendet werden, die später als die Kräfte des Gedächtnisses erscheinen, so treten eben diese Kräfte, die früher in den Leib hineingearbeitet haben, in einer geistig-seelischen Metamorphose auf. Was also zuerst materiell gearbeitet hat vom Geistig-Seelischen, das befreit sich, wenn es fertig ist mit seiner Arbeit, und tritt auf als selbständige Wesenheit: Seelenspiegel müßte man etwa sagen, wenn man im Sinne des Plotin sprechen wollte.

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[ 25 ] Es ist außerordentlich schwierig, mit unseren heutigen Begriffen diese Dinge zu charakterisieren. Man kommt ihnen nahe, wenn man etwa das Folgende denkt: Man sehe, wie der Mensch von einem gewissen Reifezustand seines Gedächtnisses an sich erinnern kann. Das kann er nicht als kleines Kind. Wo sind die Kräfte, mit denen er sich erinnert? Sie arbeiten zunächst am Organismus, sie gestalten den Organismus. Haben sie am Organismus gearbeitet, dann emanzipieren sie sich rein geistig-seelisch und bearbeiten jetzt, aber noch immer als Geistig-Seelisches, den Organismus. Dann erst wohnt wiederum in diesem Seelenspiegel drinnen der eigentliche Kern, das Ich. In Charakteristiken, in einem Ideengehalt, der außerordentlich bildhaft ist, arbeiten diese Anschauungen von dem, was Seelisches tätig arbeitet, und von dem, was dann bleibt, was gewissermaßen passiv wird gegenüber der Außenwelt, so daß es wie das Gedächtnis aufnimmt die Eindrücke der Außenwelt, sie dann behält —, in einer außerordentlich bildhaften Weise wird diese zweifache Arbeit der Seele, diese Gliederung der Seele in einen aktiven Teil, der eigentlich den Leib aufbaut, und in einen passiven Teil, von jener älteren Schichte menschlichen Empfindens und menschlicher Weltanschauung geschildert, die in Plotin ihren letzten Ausdruck gefunden hat und die dann über‚gegangen ist auf Augustinus und seine Nachfolger.

[ 26 ] Regarding this third-century philosopher, we must first say this: What we experience as the content of our understanding, as the content of our reason—what we experience as the sum of the concepts we form about the world—is by no means the same thing to him as it is to us. I would like to say—if I may speak figuratively (it is being drawn)—that we grasp the world through sensory perceptions, then, through abstraction, transform these sensory perceptions into concepts, and thus end up with the concepts. We have these concepts as an inner psychological experience, and—if we are average people of the present—we are more or less aware that we are dealing with abstractions, something we have, as it were, extracted from things. The essential point is that we end there; we turn our attention to sensory experience and end up where we form the sum of our concepts, our ideas.

[ 26 ] Rationalisiert, in mehr physische Begriffe umgesetzt, finden wir diese Anschauung im Aristotelismus. Aristoteles hatte auch wiederum von Plato her und auch von dem, worauf wiederum Plato fußte, dieses Schauen vorliegend. Aber wenn man Aristoteles liest, ist es so, als ob man sagen müßte: Aristoteles selber bestrebt sich, alles in abstrakte Begriffe zu fassen, was er an alten Anschauungen vor sich hatte. Und so sehen wir in dem aristotelischen System, das sich nun auch fortpflanzte, das gewissermaßen die rationalistische Gestalt desjenigen war, was Plotin gegeben hat in der anderen Gestalt, wir sehen in dem, was sich als Aristotelismus fortpflanzt bis zu Albertus und bis zu Thomas dem Aquinaten, eine gewissermaßen rationalisierte Mystik, eine rationalistische Beschreibung des geistigen Geheimnisses der menschlichen Wesenheit.

[ 27 ] This was not the case for Plotinus. For Plotinus, this entire world of sensory perceptions was, in essence, initially barely existent. But that which was something for him—that of which he spoke just as we speak of plants, minerals, animals, and physical human beings—was something he now saw as lying above the concepts; it was a spiritual world, and this spiritual world had a lower boundary for him. This lower boundary was the concepts. While for us concepts are derived by turning to sensory objects, abstracting from them, and forming concepts—and we say: Concepts are the summaries, the extracts of an ideal nature derived from sensory perceptions—Plotinus, who initially paid little attention to sensory perceptions, said: “We as human beings live in a spiritual world, and what this spiritual world ultimately reveals to us—what we regard as its lower limit—are the concepts.”

[ 27 ] Daß Aristoteles gewissermaßen heruntergeholt hat durch abstrakte Begriffe dasjenige, was die anderen in Schauungen gehabt haben, davon haben ein Bewußtsein Albertus und Thomas. Deshalb stehen sie auch dem Aristoteles wahrhaftig nicht so gegenüber wie die jetzigen Philosophiephilologen, die kuriose Streite entfaltet haben über zwei Begriffe, die von Aristoteles herrühren. Aber da die Aristotelischen Schriften nicht vollständig auf die Nachwelt gekommen sind, so findet man diese beiden Begriffe, ohne daß man sie bei Aristoteles im Zusammenhang hat — was ja immer eine Tatsache ist, die für viele gelehrte Streitigkeiten den Unterschied bieten kann —, man findet zwei Ideen bei Aristoteles. Aristoteles sieht ja in der menschlichen Wesenheit das, was zu einer Einheit zusammenfaßt das vegetative Prinzip des Menschen, das animalische Prinzip des Menschen, das niedere menschliche Prinzip, und dann das höhere menschliche Prinzip, dasjenige, was Aristoteles den Nous, was die Scholastik dann den Intellekt nennt. Aber Aristoteles unterscheidet zwischen dem Nous poietikos und dem Nous pathetikos, zwischen dem tätigen und leidenden Geiste des Menschen. Die Ausdrücke sind nicht mehr so bezeichnend, wie die griechischen waren, aber man kann doch sagen, Aristoteles unterscheidet zwischen dem aktiven Verstand, dem tätigen Geist des Menschen und dem passiven Verstand des Menschen. Was ist damit gemeint?

[ 28 ] For us, the sensible world lies beneath the concepts; for Plotinus, however, a spiritual world lies beyond the concepts—the true intellectual world, the world of the true realm of the spirit. I could also use the following image: Let us imagine for a moment that we have submerged ourselves in the sea, and we look up toward the surface of the sea, seeing nothing but this surface, nothing above it—then the surface of the sea would be the upper boundary. We would be living in the sea, and we might have the feeling deep within our souls: “This boundary encloses us within the element of life in which we exist”—if we were beings organized for the sea.

[ 28 ] Man begreift nicht, was damit gemeint ist, wenn man nicht auf den Ursprung dieser Begriffe zurückgeht. Geradeso wie die anderen Seelenkräfte sind in einer anderen Metamorphose die beiden Arten des Verstandes an dem Aufbau der menschlichen Seele betätigt: der Verstand, insofern er wirkt als tätiger, noch im Aufbau des Menschen wirksam, aber als Verstand, nicht wie das Gedächtnis einmal aufhörend und dann als Gedächtnis sich emanzipierend, sondern als Verstand das ganze Leben hindurch wirkend, das ist der Nous poietikos, das ist dasjenige, was aus dem Weltenall heraus sich individualisierend den Leib aufbaut im Sinne des Aristoteles. Es ist nichts anderes als das, was die den menschlichen Leib aufbauende tätige Seele des Plotin auch ist. Und dasjenige, was dann sich emanzipiert, was nur noch dazu da ist, um die äußere Welt aufzunehmen und die Eindrücke der äußeren Welt dialektisch zu verarbeiten, das ist der Nous pathetikos, das ist der leidende Intellekt, der intellectus possibilis. Es geht zurück, was in scharfer Dialektik, in präziser Logik in der Scholastik uns entgegentritt, auf diese alten Überlieferungen. Und man kommt nicht zurecht mit dem, was in den Seelen der Scholastiker sich abspielte, wenn man nicht dieses Hereinspielen uralter Traditionen berücksichtigt.

[ 29 ] For Plotinus, it was different. He paid no attention to this sea surrounding him. For him, however, the boundary he saw there was the boundary of the world of concepts in which his soul lived—the lower boundary of that which lay above it; just as if we were to conceive of the edge of the sea as the boundary facing the airspace and the world of clouds, and so on. For Plotinus—who firmly believed that he was continuing Plato’s true, authentic vision—what lies beyond concepts is at the same time what Plato calls the world of Ideas. This world of Ideas is, first and foremost, something that is spoken of as a world in the sense of Plotinism.

[ 29 ] Dadurch, daß das alles, was ich Ihnen geschildert habe, in die Seele der Scholastiker hineinspielte, entstand für sie die große Frage, die man so gewöhnlich als das eigentliche Problem der Scholastik empfindet. In der Zeit, in der es für die Menschheit ein Schauen gab, das solche Dinge hervorbrachte wie den Platonismus oder seine rationalistische Filtrierung, den Aristotelismus, in der aber auch noch nicht das individuelle Fühlen bis zu seinem Höhepunkt gekommen war, in dieser Zeit konnte es die Scholastikprobleme noch nicht geben. Denn dasjenige, was wir heute Verstand nennen, was wir heute Intellekt nennen, und was nach der einen Seite hin seinen Ursprung in der Scholastikterminologie hat, das ist gerade ein Ausfluß des individuellen Menschen. Wenn wir alle gleich denken, so kommt es nur davon, daß wir alle gleich individuell organisiert sind und daß der Verstand geknüpft ist an dies in allen Menschen gleich organisierte Individuelle. Sie denken schon, insoferne Sie differenziert sind, auch verschieden. Das sind aber Nuancen, die mit der eigentlichen Logik nichts zu tun haben. Das eigentliche logische und dialektische Denken ist aber ein Ausfluß der allgemeinen menschheitlichen, aber individuell differenzierten Organisation.

[ 30 ] Surely it would not occur to any of you—even if you are subjectivists or adherents of modern subjectivist philosophy—when looking out at the meadow to say: “I have my meadow, you have your meadow, the third person has his meadow”—even if you are convinced that you all merely have the idea of the meadow. You speak of the unified meadow, of the one meadow that is out there; just as Plotinus speaks first of the one world of ideas, not of the world of ideas in this mind, or in a second mind, or in a third mind. The soul now participates in this world of ideas—and this is already evident from the very way in which one must characterize the train of thought that leads to this world of ideas—the soul participates in this world of ideas. So that we can say: In a sense, the soul, the psyche, unfolds out of the world of ideas, experiencing this world of ideas. And just as the world of ideas creates the psyche, the soul, so too does the soul, for its part, first create the matter in which it is embodied. Thus, that from which the psyche takes its body is, in essence, a creation of this psyche. |

[ 30 ] So steht dann der Mensch, wenn er fühlt, er ist eine Individualität, da und sagt sich: Da steigen im Menschen auf die Gedanken, durch die die Außenwelt innerlich repräsentiert wird; da werden gewissermaßen von innen heraus die Gedanken zusammengestellt, die in ihrer Zusammenstellung wiederum ein Bild der Welt geben sollen. Da arbeiten im Innern des Menschen auf der einen Seite Vorstellungen, die sich knüpfen an einzelne individuelle Dinge, wie an einen einzelnen Stier oder an einen einzelnen Menschen, sagen wir wie Augustinus. Dann aber kommt der Mensch zu anderen inneren Erlebnissen, wie zu seinen Träumen, für die er einen solchen äußeren Repräsentanten zunächst nicht findet. Da kommt er zu denjenigen Erlebnissen, die er sich bildet, die rein Schimäre sind, wie hier auch schon für die Scholastik der Kentaur oder dergleichen Schimäre waren.

[ 31 ] But it is only there that individuation begins; it is only there that the psyche—which otherwise participates in the unified world of ideas—begins to divide itself into body A, body B, and so on, and it is through this process that individual souls first come into being. The individual souls come into being as the psyche is, so to speak, incorporated into the individual material bodies. Just as if I had a large quantity of liquid as a single unit, then took twenty glasses and filled each one with this liquid, so that I would now have this liquid—which as such is a single unit—inside each one, so too do I have the psyche present everywhere by virtue of the psyche incarnating itself in bodies that it creates for itself. Thus, in the Plotinian sense, a person can first look at their outer appearance, at their vessel. But this is, in essence, merely the means through which the soul reveals itself, through which the soul also individualizes itself. Then the person must experience their soul internally, as it rises up to the world of ideas. Then there is a higher kind of experience. To speak of abstract concepts would make no sense to a Plotinist; for such abstract concepts—indeed, a Plotinist would have said: What are these, abstract concepts? Concepts cannot be abstract; concepts cannot hang in the air; they must somehow have been brought down from the Spirit; they must be the concrete manifestations of the spiritual.

[ 31 ] Dann sind aber auf der anderen Seite diejenigen Begriffe und Ideen, die eigentlich nach beiden Seiten hin schillern: die Menschheit, der Typus Löwe, der Typus Wolf, und so weiter. Das sind die allgemeinen Begriffe, welche die Scholastiker nach altem Gebrauch die Universalien nannten. Als die Sache für die Menschen so lag, wie ich sie Ihnen gestern geschildert habe, als man herauf sich erhob gewissermaßen zu diesen Universalien und sie empfand als die unterste Grenze der sich dem Menschen durch Schauen offenbarenden Geistwelt, da waren eben einfach diese Universalien — Menschheit, Tierheit, Löwenheit und so weiter — dasjenige, durch das sich die Geistwelt, die intelligible Welt offenbarte, dasjenige, was die Seele als einen Ausfluß der übersinnlichen Welt erlebte. Um so zu erleben, war es nötig, jenes individuelle Gefühl noch nicht in sich zu haben, das sich dann in den charakterisierten Jahrhunderten auslebte. Jenes individualisierte Gefühl brachte es dahin, daß man sich sagte: Man steigt von den Sinnendingen auf bis zu jener Grenze, wo die mehr oder weniger abstrakten, aber doch erlebten Dinge sind, die Universalien Menschheit, Löwenheit, und so weiter.

[ 32 ] It is therefore incorrect to interpret what has been presented as “ideas” as mere abstractions. This is the expression of an intellectual world, a world of spirituality. It is precisely what was also present in the everyday experience of those people from whose circumstances Plotinus and his followers emerged. For them, such discourse on concepts—as we develop it today—made no sense at all, for to them there was only a penetration of the spiritual world into the soul. And at the threshold of this penetration, in the experience itself, this world of concepts emerged. But only then—when one delved deeper, when one further developed the soul—did that emerge which the ordinary person could not know, which was experienced precisely by one who soared to a higher level of experience. He then experienced that which lay even beyond the world of ideas—the One, if one wishes to call it that—the experience of the One, which for Plotinus was that which could not be reached by concepts, precisely because it lay beyond the conceptual world; it could only be attained if one could immerse oneself inwardly without concepts, and this is characterized by what we here in our spiritual science call imagination. You can read about this in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, except that what is meant in this book is conceived in the sense of the present, whereas in Plotinus it was conceived in the sense of antiquity. What can be called “imagination” there, according to Plotinus, immerses itself in that which stands above the world of ideas.

[ 32 ] Das sah die Scholastik sehr gut ein, daß man nicht ohne weiteres sagen kann: Das sind bloße Konzeptionen, bloße Zusammenfassungen der äußeren Welt —, sondern für die Scholastik wurde das ein Problem, mit dem sie rang. Wir müssen uns aus unserer Individualität heraus solche allgemeinen Begriffe bilden, solche Universalbegriffe. Wenn wir aber auf die Welt hinausschauen, so haben wir nicht die Menschheit, sondern einzelne Menschen, nicht die Wolfheit, sondern einzelne Wölfe. Aber auf der andern Seite: Wir können nicht dasjenige, was wir uns als die Wolfheit ausbilden oder als die Lammbheit ausbilden, nur sehen gewissermaßen so, daß wir einmal die Materie in einer Weise lammhaft gebildet haben, ein anderes Mal sie wolfhaft gebildet haben und die Wolfheit und die Lammheit nur so Zusammenstellungen wären, und das Materielle, das in diesen Zusammenfassungen drinnen ist, nur das einzig Wirkliche sei. Das können wir auch nicht ohne weiteres annehmen, denn wenn wir das annehmen, dann müßten wir ja annehmen: Sperren wir einen Wolf ein und schauen wir darauf, daß er durch eine gewisse Zeit hindurch, bis sein Stoffwechsel vollständig umgesetzt ist, nur Lämmer frißt, da erfüllt er sich dann ganz mit Lammesmaterie; aber er wird kein Lamm. Die Materie macht es nicht, er bleibt Wolf. Die Wolfheit ist also doch etwas, was nicht so ohne weiteres bloß mit dem Materiellen in einen Zusammenhang gebracht wird, denn materiell ist der ganze Wolf Lamm, aber er bleibt Wolf.

[ 33 ] For Plotinus, this holistic view of the world actually gave rise to all knowledge concerning the human soul. After all, it is already inherent in it. And one can only be an individualist in Plotinus’s sense by being, at the same time, a person who recognizes how human beings elevate themselves into something that transcends all individuality—how they elevate themselves into a spiritual realm into which they, so to speak, rise upward—whereas in our age today we are more accustomed to immersing ourselves in the sensual. But all of this—which is the expression of something that even a true scholastic would regard as mere fantasy—is not, for Plotinus, something merely imagined; for Plotinus, these are not hypotheses. For Plotinus, this was a perception so certain—extending all the way to the One, which could be experienced only in exceptional cases—that for him it was as certain and as self-evident a perception as the perception of minerals, plants, and animals is for us today. He spoke only in the sense of something that is truly and immediately experienced by the soul when he spoke of the soul, the Logos, which participates in the Nous, in the world of ideas, and in the One.

[ 33 ] Es ist heute vielfach ein Problem, das die Menschen gar nicht ernst nehmen. Es ist ein Problem gewesen, mit dem man mit allen Fasern der Seele gerungen hat in der Scholastik, gerade in ihrer Blütezeit. Und dieses Problem, das war in unmittelbarem Zusammenhang stehend mit den kirchlichen Interessen. Wie es mit den Kircheninteressen im Zusammenhang steht, davon können wir uns eine Vorstellung machen, wenn wir das Folgende berücksichtigen.

[ 34 ] For Plotinus, the entire world was, in a sense, spiritual; this represented yet another nuance of worldview, distinct from Manichaeism and from the one to which Augustine aspired. Manichaeism recognizes a sensory-super-sensory realm; for it, the words and concepts of “matter” and “spirit” have no meaning yet. Augustine strives, starting from his sensory perception, to arrive at a non-sensory spiritual experience of the soul. For Plotinus, the entire world is spiritual; for him, sensory objects do not exist. For what appears to be material is merely the mode of manifestation—the lowest mode of manifestation—of the spiritual. Everything is spirit, and if we only penetrate deeply enough into things, everything reveals itself as spirit.

[ 34 ] Bevor Albertus Magnus und Thomas von Aquino mit ihrer besonderen Ausgestaltung der Philosophie auftraten, war es so, daß allerdings Leute schon aufgetreten waren wie Roscellin zum Beispiel, die die Behauptung aufgestellt haben und auch durchaus der Meinung waren: Diese allgemeinen Begriffe, diese Universalien sind eigentlich nichts anderes als dasjenige, was wir zusammenfassen von den äußeren individuellen Dingen; sie sind eigentlich bloße Worte, bloße Namen. — Und es hatte sich ausgebildet ein gewisser Nominalismus, der in den allgemeinen Dingen, in den Universalien, nur Worte sah. Aber Roscellin, der hat dogmatisch Ernst gemacht mit dem Nominaliismus und hat ihn auf die Trinität angewendet und hat gesagt: Wenn — was er als Richtiges ansah — dasjenige, was Zusammenfassung ist, nur ein Wort ist, dann ist die Dreieinigkeit nur ein Wort, und die Individuen sind das einzig Wirkliche: der Vater, der Sohn, der Heilige Geist. Dann fasse nur der menschliche Verstand durch einen Namen diese drei: Vater, Sohn und Heiliger Geist. — Mittelalterliche Geister haben bis in die letzten Konsequenzen hin solche Dinge ausgedehnt. Die Kirche war genötigt, auf der Synode zu Soissons diese Anschauung des Roscellin für einen partiellen Polytheismus und die Lehre für häretisch zu erklären. Also man war in einer gewissen Kalamität gegenüber dem Nominalismus. Es war also ein dogmatisches Interesse, das sich mit einem philosophischen zusammenschloß.

[ 35 ] This is something Augustine could not quite accept. Why? Because he did not share that perspective. Because he was already living in his own era as—well, if I were to call Plotinus a laggard from the old days when such insights were held, yet who still extended into the third century, then Augustine was precisely a forerunner, in contrast to that laggard—a forerunner of those people who could no longer feel, sense, or perceive that in the world of ideas a spiritual world reveals itself downward. He simply no longer saw that. He could only have it told to him. He could only learn of it from others. He could only conclude that this was what was said, and he could still develop a sense that there was something in it that constitutes a human path to truth. That was the conflict in which Augustine found himself when confronted with Plotinism. But in truth, he was never entirely deterred from striving for an inner understanding of this Plotinism. But the vision did not open up to him. He merely sensed: There must be something within this world. But he could not bring himself to do it. That was the state of mind in which Augustine withdrew into solitude, from which he then came to know the Bible and Christianity, and later the sermons of Ambrose and the Epistles of Paul. And it was this state of mind that finally led him to say: That which Plotinus sought as the essence of the world—first in the essence of the world of ideas, the Nous, or in the One, which can only be attained in special states of the soul—has indeed appeared in the flesh on earth in human form through Jesus Christ. — This leapt out at him as a conviction from the Bible: You do not need to strive upward toward the One; you need only look to what historical tradition conveys to you about Jesus Christ. There, the One has descended and become human.

[ 35 ] Heute empfindet man selbstverständlich eine solcheSituation nicht mehr als etwas Reales. In der damaligen Zeit hat man es allerdings als etwas sehr Reales empfunden, und gerade mit dem Verhältnis der Universalien zu den individuellen Dingen ringen die beiden geistig, Thomas und Albertus, und das ist für sie das wichtigste Problem. Im Grunde genommen ist alles andere nur eine Folge, das heißt insofern eine Folge, als alles andere eine gewisse Schattierung bekommen hat durch die Art und Weise, wie sie sich zu diesem Problem gestellt haben. Aber gerade in die Art und Weise, wie sich Albertus und Thomas zu diesem Problem gestellt haben, spielen hinein alle die Kräfte, die ich Ihnen bis jetzt geschildert habe, alle die Kräfte, die noch als Tradition geblieben waren von dem Areopagiten, die geblieben waren von Plotin, die durchgegangen waren durch die Seele des Augustinus, durch Erigena und durch viele andere, — all das spielt herein in die besondere Art der Gedankenformung, welche nun zutage trat zunächst durch Albertus und dann in einer weitläufigen philosophischen Begründung durch Thomas. Und man wußte ja noch: Da hat es Menschen gegeben, die über die Begriffe hinaufsahen in die geistige Welt, in die intellektuelle Welt, in diejenige Welt, von der auch der Thomismus als von einer Wirklichkeit spricht, in der er die materiefreien intellektuellen Wesen erblickt, die er die Engel nennt. Das sind nicht bloße Abstraktionen, das sind reale Wesenheiten, die nur keine Leiber haben. Es sind jene Wesenheiten, die Thomas versetzt in die zehnte Sphäre. Indem er sich umkreist denkt die Erde von der Sphäre des Mondes, des Merkur, der Venus, der Sonne und so weiter, kommt er dann über die achte zur neunten Sphäre und zu dem, was das Empyreum war, also zur zehnten Sphäre. Er denkt sich das alles durchaus durchsetzt von Intelligenzen, und die Intelligenzen, auf die er zunächst rekurriert, es sind diejenigen, welche das, was sie zu ihrer untersten Grenze haben, gewissermaßen hinunterscheinen lassen so, daß die menschliche Seele es erleben kann.

[ 36 ] And Augustine exchanges the Church for the philosophy of Plotinus. He actually states quite clearly that he is exchanging the Church. He makes this clear by saying: “Who could be so deluded as to say that the Church of the Apostles does not deserve belief, a Church that is so faithful and supported by the consensus of so many brothers that it has conscientiously handed down their writings to posterity, just as it has preserved their cathedrals down to the present-day bishops through a strictly secured succession?” This is what Augustine, from the state of mind described above, now emphasizes as the primary value—that, after all, if one simply traces the history through the centuries, it can be demonstrated: There have been people who still knew the Lord’s disciples, and there exists a continuous and credible tradition that what Plotinus sought to attain through the method indicated has appeared on earth.

[ 36 ] Aber so, wie ich es jetzt ausgesprochen habe, in dieser Form, in der es mehr angelehnt ist an den Plotinismus, kommt es nicht heraus aus dem bloßen individuellen Fühlen, zu dem sich gerade die Scholastik durchgerungen hatte, sondern es blieb für Albertus und für Thomas ein Glaube, daß es über den abstrakten Begriffen oben die Offenbarung dieser abstrakten Begriffe gebe. Und für sie entstand die Frage: Welche Realität haben denn diese abstrakten Begriffe?

[ 37 ] And now Augustine felt the urge, to the extent that he could penetrate Plotinism, to use that Plotinism to understand what Christianity had revealed to him through his feelings, his sensibilities, and his inner perception. He did, in fact, apply what he had gained through Plotinus to understand Christianity and its content. For example, he reformulated the concept of the One. For Plotinus, the One was an experience; for Augustine, who could not penetrate to this experience, the One became something he designated with the abstract term “Being,” the world of ideas something he designated with the abstract concept of “Essence,” and the psyche something he designated with the abstract concept of “Life” or also with the concept of “Love.” The fact that Augustine proceeded in this way best characterizes us: he attempted to grasp the spiritual world—from which he conceived Christ Jesus as originating—using Neoplatonic, Plotinian concepts: that there is a spiritual world above humanity from which Christ originates. This tripartite structure was something that had become clear to Augustine through Plotinus. For Augustine, the three persons of the Trinity—the Father, the Son, and the Holy Spirit—became clear through Plotinus.

[ 37 ] Nun hatten sowohl Albertus wie Thomas noch eine Vorstellung von dem Tatbestand des Arbeitens des SeelischGeistigen an dem Leiblichen und des nachherigen Sichspiegelns des Seelisch-Geistigen, wenn genügend am Leiblichen gearbeitet ist. Von alldem hatten sie Vorstellungen. Sie hatten nun Vorstellungen auch von dem, was der Mensch in seinem einzelnen individuellen Leben wird, wie er von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich weiterentwickelt gerade durch dasjenige, was er an Eindrücken der Außenwelt aufnimmt und durch Eindrücke der Außenwelt verarbeitet. Und so bildete sich aus der Gedanke, daß wir allerdings die Welt um uns herum haben, aber diese Welt ist eine Offenbarung dessen, was überweltlich ist, was geistig ist. Indem wir die Welt betrachten, indem wir uns zu den einzelnen Mineralien, Pflanzen und Tieren hinwenden, ahnen wir gewissermaßen, daß dahintersteckt dasjenige, was sich offenbart aus höheren geistigen Welten.

AltName

[ 38 ] Betrachten wir dann mit logischer Zergliederung, mit alldem, wozu uns unsere Seele fähig macht, mit alldem, was an Denkkraft in uns ist, die Welt der Naturreiche, so kommen wir zu dem, was von der geistigen Welt in die Naturreiche hineingelegt ist. Dann aber müssen wir uns klarwerden darüber: Wir wenden unseren Blick, unsere übrigen Sinnesorgane hin auf diese Welt. Da stehen wir mit der Welt in Verkehr. Wir gehen dann weg von der Welt. Wir bewahren gewissermaßen als Erinnerung dasjenige auf, was wir aus der Welt aufgenommen haben. Wir blicken in der Erinnerung wiederum zurück. Da erscheint uns eigentlich erst das Universelle, das Allgemeine, so etwas wie «Menschheit» und dergleichen, das erscheint uns erst in der inneren begrifflichen Gestalt. So daß Albertus und Thomas sagen: Blickst du zurück, wenn dir deine Seele reflektiert dasjenige, was ssiean der Außenwelt erlebt hat, dann hast du in deiner Seele lebend die Universalia. Du hast dann Universalia. Du bildest dir aus all den Menschen heraus, die dir begegnet sind, den Begriff der Menschheit. Du könntest ja überhaupt, wenn du nur individuelle Dinge erinnertest, bloß in irdischen Namen leben. Indem du überhaupt nicht bloß in irdischen Namen lebst, mußt du Universalia erleben. Da hast du die universalia post res, diejenigen, die nach den Dingen in der Seele leben. Während der Mensch seine Seele hinwendet zu den Dingen, hat er nicht dasselbe in seiner Seele, was er nachher hat, wenn er sich daran erinnert, wenn es ihm gewissermaßen vom Innern reflektiert wird, sondern er steht in einer realen Beziehung zu den Dingen. Er erlebt an den Dingen ihr Geistiges; er übersetzt es sich nur in die Form der Universalien post rem.

[ 38 ] And if one were to ask in all seriousness: What filled Augustine’s soul when he spoke of three Persons? — one must answer: He was filled by what he had learned from Plotinus. And he also incorporated into his understanding of the Bible what he had learned from Plotinus. One can see how this continues to have an effect, for this trinity comes to life again, for example, in Scotus Erigena, who lived at the court of Charles the Bald in the ninth century and who wrote a book on the division, on the structure of nature, in which we still find a similar trinity. Christianity interprets its content from the perspective of Plotinism.

[ 39 ] Indem Albertus und Thomas annehmen, daß der Mensch in dem Augenblicke, wo er durch sein Denkvermögen in Beziehung steht zu seiner Umgebung, zu einem Realen in Beziehung steht, also nicht bloß zu dem, was der Wolf ist dadurch, daß das Auge ihn sieht, das Ohr ihn hört und so weiter, sondern dadurch, daß der Mensch über ihn denken kann, sich den Typus «Wolf» herausbildet, erlebt er etwas, was in den Dingen unanschaulich gedanklich erfaßt wird, was auch nicht in den Sinnenentitäten aufgeht. Er erlebt die universalia in rebus, in den Dingen.

[ 39 ] But what remained particularly strong in Augustine from this Plotinism was something fundamental to that very Plotinism. Just consider that, in fact, it is only by the psyche reaching down into the material world—as into a vessel—that a human being is an earthly individual. If we ascend even slightly into the higher realm of being—if we rise from the human to the divine or spiritual, where the Trinity is rooted—then we are no longer dealing with the individual human being; rather, we are dealing, so to speak, with the species, with humanity.

[ 40 ] Nun ist die Unterscheidung nicht ganz leicht zu machen, weil man gewöhnlich denkt, dasjenige, was man im Innern seiner Seele hat zuletzt als Reflexion, das sei auch in den Dingen dasselbe. Nein, es ist nicht dasselbe im Sinne des Thomas von Aquino. Was der Mensch als Idee in seiner Seele erlebt, mit seinem Verstande sich erklärt, das ist dasjenige, wodurch er das Reale, das Universelle erlebt. So daß der Form nach die Universalien iz den Dingen verschieden sind von den Universalten nach den Dingen, die in der Seele dann bleiben; aber innerlich sind sie dasselbe. Da haben Sie einen der scholastischen Begriffe, die man sich gewöhnlich nach ihrer ganzen Schärfe nicht vor die Seele führt. Die Universalien in den Dingen und die Universalien nach den Dingen in der Seele sind inhaltlich dasselbe, nur der Form nach verschieden.

[ 40 ] We no longer derive our conceptions of all humanity so strongly from our present-day concepts, as Augustine did from Plotinus. I would say that, viewed from below, human beings appear as individuals; viewed from above—if one may put it that way hypothetically—all of humanity appears as a single entity. From this perspective, viewed from the front, all of humanity coalesced for Plotinus into Adam. Adam was all of humanity. And in that Adam emerged from the spiritual world, he was a being connected to the earth who possessed free will and who—because within him lived that which was still up above (not that which stems from the perversion of matter)—was incapable of sinning. It was impossible for this human being, who was initially Adam, to sin or to be unfree, and thus it was also impossible for him to die. Then came the influence of what Augustine perceived as the counter-spirit, as the satanic entity. It tempted and seduced the human being. He fell into matter, and with him, all of humanity.

[ 41 ] Dann aber kommt noch dazu, daß nun das, was in den Dingen ausgebreitet, individualisiert lebt, wiederum hinweist auf dasjenige, was ich gestern als im Plotinismus liegend, als die eigentlich intelligible Welt charakterisierte. Da sind wiederum dieselben Inhalte, die in den Dingen, nach den Dingen in der Menschenseele sind, inhaltlich gleich, formell verschieden, sind wiederum in anderer Form enthalten, aber wiederum von gleichem Inhalt: das sind die universalia ante res, vor den Dingen. Das sind die Universalien, wie sie in dem göttlichen Verstande und in dem Verstande der Diener des Göttlichen, der englischen Wesenheiten, enthalten sind.

[ 41 ] You see, in this respect, with the insight he had gained, Augustine is fully immersed in what Plotinism is. For him, all of humanity is one. It is not the individual human being who sins; rather, all of humanity sins in Adam. If one delves into what often lies between the lines—particularly in Augustine’s later writings—one sees how extraordinarily difficult it had become for Augustine to cast his gaze upon all of humanity, upon the possibility that all of humanity sins. For within him already lay the modern human being—the forerunner in contrast to the straggler. The individual human being lived within him—one who sensed that the individual becomes more and more responsible for what he does and learns. At certain moments, it seemed almost impossible to Augustine to feel that the individual human being is merely a link in the chain of all humanity. But Neoplatonism, Plotinism, was so deeply ingrained in him that he could, after all, only cast his gaze upon all of humanity. And so this condition of all human beings—the condition of sin, of sinning, of dying—had given way to the condition of being unable to be free, of being unable to be immortal.

[ 42 ] So wird dasjenige, was einer älteren Zeit unmittelbar geistig-sinnlich-übersinnliches Anschauen war, zu Anschauungen, die nur eben in sinnlichen Bildern abgebildet wurden, weil man das, was man übersinnlich schaut, selbst nach dem Areopagiten nicht einmal mit einem Namen benennen kann, wenn man es in seiner wahren Gestalt behandeln will. Man kann nur hinweisen und sagen: Es ist das alles nicht, was die äußeren Dinge sind. — So wird dasjenige, was für die Alten Schauung war, was für die Alten sich als eine Realität in der geistigen Welt darstellte, für dieScholastik etwas, worüber zu entscheiden hat eben all jener Scharfsinn des Denkens, all jene Plastizität und feine Logik, von der ich Ihnen heute gesprochen habe. Es ist heruntergeholt das Problem, das früher durch Schauen abgemacht wurde, in die Sphäre des Denkens, in die Sphäre der Ratio. Das ist das Wesen des Thomismus, das Wesen des Albertinismus, das Wesen der Hochscholastik. Sie sieht vor allen Dingen, daß in ihrer Zeit das Erfühlen der menschlichen Individualität in der Kulmination angelangt ist. Sie sieht vor allen Dingen alle Probleme vor sich in der rationellen Gestalt, in der logischen Gestalt, in der Gestalt, wie sie der Denker auffassen muß.

[ 42 ] All of humanity had thus fallen, having turned away from its origin. And God, if He were merely just, would now simply have rejected humanity. But He is not merely just; He is also merciful. This is how Augustine understood it. Therefore, God decided to save a portion of humanity—note well: a portion of humanity. That is to say, God’s decree designated a portion of humanity to receive grace, through which this portion of humanity is restored from the state of being unable to be free, of being unable to be immortal, to the state of being able to be free, of being able to be immortal—though this can only be fully realized after death. A portion of humanity is restored to this state. The other portion of humanity—that is, the unchosen—remains in the state of sin. Thus, humanity is divided into these two parts: those who are chosen and those who are rejected. And if one views humanity from an Augustinian perspective, it is simply divided into these two groups: those who are destined for bliss through no merit of their own, merely because it is wisely ordained in the divine plan for the world; and those who, no matter what they do, cannot attain grace—those who are determined and predestined to fall into damnation. This view, also known as the doctrine of predestination, arose for Augustine from the way he directed his gaze toward all of humanity. If all of humanity sinned, then all of humanity was, in fact, deserving of the fate of that part of humanity that was rejected.

[ 43 ] Mit dieser Gestalt der Weltenprobleme in der Form des Denkens ringt wesenhaft die Scholastik. Und mit diesem Ringen und Denken steht die Scholastik mitten im kirchlichen Leben drinnen, das ich Ihnen nach den verschiedensten Seiten gestern und heute, wenn auch nur mit einzelnen Lichtern, beleuchtet habe. Da steht dasjenige, wovon man im 13., im 12. Jahrhundert glauben konnte, es ist zu erringen mit dem Denken, mit der scharfsinnigen Logik; da steht auf der anderen Seite dasjenige, was als kirchliche Dogmen überliefert ist, da steht der Glaubensinhalt.

[ 43 ] We will discuss tomorrow the terrible intellectual struggles that arose from this doctrine of predestination, and how Pelagianism and Semipelagianism grew out of it. But today, I would just like to add one final point: We now see how Augustine, as a vividly struggling personality, stands right in the midst of that perspective which ascends toward the spiritual, and through whose gaze humanity becomes a whole. He interprets this in his own way, in the spirit of the doctrine of predestination. Yet within his soul lives the urge to rise from human individuality to a spiritual realm free of sensuality—a spiritual realm that, in turn, can originate only from individuality. This was precisely the defining characteristic of the age of which Augustine is the forerunner: that this age became aware of what people in antiquity had not perceived—individual experience.

[ 44 ] Nehmen wir ein Beispiel, wie ein solcher Denker wie Thomas von Aquino zu den beiden Dingen steht. Da sagt Thomas von Aquino: Kann man das Dasein Gottes beweisen durch Logik? Ja, man kann es. — Thomas von Aquino gibt eine ganze Reihe von Beweisen. Einer derselben ist zum Beispiel der, daß er sagt: Erkenntnisse können wir zunächst nur gewinnen, indem wir an die universalia in rebus herangehen, in die Dinge hineinblicken. Wir können nicht durch Schauen — das ist einfach persönliches Erlebnis dieses Zeitalters — in die geistige Welt eindringen. Wir können nur dadurch mit menschlichen Kräften in die geistige Welt eindringen, daß wir uns in die Dinge vertiefen, aus den Dingen dasjenige herausholen, was wir universalia in rebus nennen können. Dann kann man zurückschließen, wie das mit diesen universalia ante res ist vorher —, so sagt er. Die Welt sehen wir bewegt; ein Ding bewegt immer das andere, weil es selbst bewegt ist. So kommen wir von einem bewegten Ding zu einem anderen bewegten Ding, von dem anderen bewegten Ding zu einem weiteren bewegten Ding. Das kann nicht so fortgehen, sondern wir müssen zu einem ersten Beweger kommen. Wäre der aber wieder bewegt, so würde es sich darum handeln, daß wir zu einem anderen Beweger übergehen. Wir müssen also zu einem unbewegten Beweger kommen. — Damit ist Thomas gerade angelangt — und auch Albertus macht ja denselben Schluß — bei dem aristotelischen unbewegten Beweger, bei der ersten Ursache. Den Gott als eine notwendig erste Wesenheit, als einen notwendig unbewegten ersten Beweger anzuerkennen, das ist dem logischen Denken gegeben.

[ 44 ] Today, so much is dismissed as mere rhetoric. Klopstock was still serious—not a mere rhetorician—when he began his *Messiah* with the words: “Sing, immortal soul, of the redemption of sinful mankind.” — Homer began just as honestly and sincerely: “Sing, O Goddess, of the wrath...” . or: “Sing to me, O Muse, of the man, the far-traveled Odysseus.” — These people did not speak of what lives within the individual; they spoke of what speaks through them as universal humanity, as the soul of the human race, as the psyche. It is no mere phrase when Homer has the Muse sing in his stead. The ability to perceive oneself as an individual is only now emerging. And Augustine is one of the first to have, in essence, actually perceived the individual existence of the human being with its individual responsibility. That is why he lived within this inner conflict. But it was precisely in his experience that the individual striving for the non-sensory spiritual arose. Within him was a personal, subjective struggle.

[ 45 ] Für die Trinität gibt es keinen solchen Gedankengang, der zu ihr hinführt. Sie ist aber überliefert. Man kann mit dem menschlichen Denken nur so weit kommen, daß man probiert, ob die Trinität widersinnig ist. Da findet man: Sie ist nicht widersinnig, aber man kann sie nicht beweisen, man muß sie glauben, man muß sie hinnehmen als einen Inhalt, bis zu dem sich die auf sich selbst gestellte menschliche Intellektualität nicht erheben kann.

[ 45 ] In the period that followed, even whatever understanding Augustine might have had of Plotinism was lost. And after the Greek philosophers—the last followers of Plato— and Plotinus were forced to go into exile in Persia—and after these last philosophers found their successors at the Academy of Gundishapur—this aspiration toward the spiritual dried up in the West, and all that remained was what the philistine Aristotle passed down to posterity as filtered Greek philosophy, and even that only in isolated fragments. This took root and then, as we shall see, found its way into Europe via the Arabs—a roundabout route. This was that which no longer had any awareness of the actual world of ideas, which no longer had any Plotinism within it. And so the great question remained: Human beings must, after all, spin the spiritual out of themselves. Human beings must give birth to the spiritual as an abstraction. When they see lions and conceive of the concept of “lion,” when they see wolves and conceive of the concept of “wolf,” when they see human beings and conceive of the concept of “human being”—these concepts are alive only within them; this is what rises up from individuality.

[ 46 ] So steht die Scholastik vor der damals so bedeutungsvollen Frage: Wie weit kommt man mit dem sich selbst überlassenen menschlichen Verstande? Aber durch die Zeitentwickelung war sie noch in ganz besonderer Weise hineingestellt in die Tiefen dieses Problems, denn andere Denker gingen voran. Die hatten etwas scheinbar ganz Absurdes angenommen. Die hatten gesagt, es könne etwas theologisch wahr und philosophisch falsch sein. Man könne rundweg sagen: Es kann durchaus sein, daß Dinge dogmatisch überliefert sind, wie zum Beispiel die Trinität; wenn man dann nachdenkt über dieselbe Frage, so kommt man zum entgegengesetzten Resultat. Es ist durchaus möglich, daß die Vernunft zu anderen Ergebnissen führt als der Glaubensinhalt. — Und das ist wichtig, das war das andere, wovor die Scholastiker standen: die Lehre von der doppelten Wahrheit. Das ist dasjenige, worauf die beiden Denker Albertus und Thomas ganz besonderen Wert legten: den Glaubensinhalt in Einklang zu bringen mit dem Vernunftinhalt, keinen Widerspruch zu suchen zwischen dem, was die Vernunft denken kann, allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze, und dem Glaubensinhalt. Aber was die Vernunft denken kann, darf nicht widersprechen dem Glaubensinhalt, der Glaubensinhalt darf nicht widersprechen der Vernunft.

[ 46 ] The whole question would not yet have made sense to Plotinus; now this question takes on meaning. And now this question takes on yet another, deeper meaning. Augustine was still able to grasp the mystery of Christ Jesus through what had shone into his soul from Plotinus’s teachings. What had existed as Plotinism had been buried; with the closure of the school of philosophy in Athens in 529 by Emperor Justinian, the living connection to such views was severed. Various people have deeply sensed what it means: We hear of a spiritual world in tradition, in Scripture; we experience, from within our individuality, supersensory concepts—concepts abstracted from the sensible. How do these concepts relate to Being? How do they relate to the essence of the world? Does what we form as concepts exist within us merely as something arbitrary, or does it have some connection to the external world?

[ 47 ] Das war dazumal ein Radikalismus, denn die Mehrzahl der tonangebenden Kirchenautoritäten hielt fest an der Lehre der doppelten Wahrheit: daß einfach der Mensch müsse auf der einen Seite etwas Vernünftiges denken, inhaltlich in einer Gestalt, und der Glaubensinhalt könne es ihm in einer anderen Gestalt geben, und er müsse mit diesen zweiGestalten der Wahrheit leben. — Ich glaube, man könnte ein Gefühl bekommen für das geschichtliche Werden, wenn man bedenken würde, daß die Menschen mit ihren ganzen Seelenkräften vor so wenigen Jahrhunderten in solchen Problemen drinnensteckten. Denn diese Dinge tönen noch fort in unsere Zeiten. Wir leben auch noch in diesen Problemen. Wie wir darinnen leben, das wollen wir dann morgen besprechen. Heute wollte ich das Wesen des Thomismus im allgemeinen so charakterisieren, wie er in der damaligen Zeit gelebt hat.

[ 47 ] The questions arose in this form—in the most extreme abstraction, yet an abstraction that concerned the deepest human matters and those of the medieval Church. In this abstraction, in this heartfelt sincerity, the questions arose in the two figures of Albertus Magnus and Thomas Aquinas. They were then, in yet another level of abstraction, termed the questions of realism versus nominalism. How does one relate to a world described to us through concepts that can only be born within ourselves, out of our own individuality? That was the great question the medieval scholastics set before themselves. And if you consider the form that Plotinism took in Augustine’s doctrine of predestination, you will be able to sense the full depth of this scholastic question: Only a portion of humanity—and that only by God’s decree—could partake of grace, that is, attain salvation; the other portion was destined from the outset for eternal damnation, no matter what it might do. But what human beings were able to attain as the content of their knowledge arose precisely from that which Augustine had not yet been able to transform into his concept—the terrible concept of the doctrine of predestination—namely, human individuality. For Augustine, humanity was a whole; for Thomas, every single human being was an individual.

[ 48 ] Nun, sehen Sie, so war es, daß das Hauptproblem, das sich vor Albertus und Thomas hinstellte, das war: Wie verhält sich der Vernunftinhalt des Menschen zu dem Glaubensinhalt? Wie kann dasjenige, was die Kirche zu glauben vorgibt, erstens verstanden werden, zweitens verteidigt werden gegen das, was ihm entgegengesetzt ist? Darinnen hatten ja auch Leute wie Albertus und Thomas viel zu tun. Denn in Europa lebte nun nicht eben ausschließlich das, was ich charakterisiert habe, sondern es lebten noch allerlei andere Ansichten. Mit der Ausbreitung des Islam, mit der Ausbreitung der Araber haben sich noch andere Anschauungen in Europa geltend gemacht. Und etwas von jenen Anschauungen, die ich gestern als die manichäischen charakterisiert habe, war über ganz Europa hin geblieben.

[ 48 ] How does this grand cosmic process of predestination, as Augustine saw it, relate to what the individual human being experiences? How does that which Augustine actually rejected entirely relate to what the individual human being can achieve? Consider this: because Augustine did not wish to give human individuality its due, he accepted the doctrine of predestination, thereby obliterating human individuality for the sake of humanity; Thomas Aquinas, on the other hand, had only the individual human being, with his quest for knowledge, before him. From what Augustine had excluded from his view of humanity, Thomas had to seek human knowledge and its relationship to the world.

[ 49 ] Aber auch so etwas lebte wie dasjenige, was man als Repräsentation kennt durch die Lehre des Averroës aus dem 12. Jahrhundert, der da sagte: Was der Mensch denkt mit seinem reinen Intellekt, das gehört ihm nicht besonders, das gehört der ganzen Menschheit an. — Averroes sagt: Wir haben nicht etwa einen Verstand für uns; wir haben jeder einen Leib für uns, aber nicht jeder hat einen Verstand für sich. Der A hat einen eigenen Leib, aber der Verstand, der ist derselbe, den auch der B und wieder der C hat. — Man könnte sagen, für Averroes ist die Menschheit so, daß eine einheitliche Intelligenz, Verstand, da ist; in den tauchen alle Individuen unter. Da leben sie mit ihrem Kopf gewissermaßen. Wenn sie sterben, zieht sich der Leib zurück aus diesem universellen Verstande. Eine Unsterblichkeit gibt es nicht in dem Sinne eines individuellen Weiterdauerns nach dem Tode. Was da dauert, ist nur der universelle Verstand, ist nur das, was allen Menschen gemeinsam ist. .

[ 49 ] It is not enough to pose such a question in an abstract, intellectual, and rationalistic manner. It is necessary to grasp such a question with one’s whole heart, with one’s entire human personality. Only then will one be able to appreciate how heavily this question weighed upon those who bore it in the 13th century.

[ 50 ] Für Thomas lag die Sache so, daß er zu rechnen hatte mit dieser Universalität des Verstandes, daß er aber sich stellen mußte auf den Standpunkt, daß dasjenige, was universeller Verstand ist, sich nicht nur so innig vereinigt mit dem, was oben nun individuelles Gedächtnis ist im einzelnen Menschen, sondern was während des Lebens sich so vereinigt auch mit dem, was die tätigen Kräfte der Organisation, der leiblichen Organisation sind, so vereinigt, so eine Einheit bildet, daß all das, was im Menschen wirkt als die gestaltenden, vegetativen Kräfte, animalen Kräfte, als die Kräfte des Gedächtnisses, daß all das gewissermaßen während des Lebens angezogen wird von dem universellen Verstande und der Gesinnung. So daß sich Thomas das so vorstellt, daß der Mensch das Individuelle durch das Universelle anzieht und dann in die geistige Welt hineinzieht dasjenige, was sein Universelles angezogen hat, so daß er es da hineinträgt. Es kann also für Albertus und Thomas keine Präexistenz geben, wohl aber eine Postexistenz. Das ist ja dasjenige, was auch für Aristoteles da war. In dieser Beziehung wird auch der Aristotelismus fortgesetzt von diesen Denkern.

[ 51 ] So schließen sich zusammen die großen logischen Fragen der Universalien mit den Fragen, die das Weltenschicksal der einzelnen Menschen betreffen. In alles spielt schließlich — auch wenn ich Ihnen die Kosmologie des Thomas von Aquino, wenn ich Ihnen die außerordentlich weite, über fast alle Gebiete sich erstreckende, zahlreiche Bände umfassende Naturgeschichte des Albertus charakterisieren würde —, in all die Einzelheiten spielt hinein dasjenige, was ich Ihnen als das allgemeine logische Wesen des Albertinismus und des Thomismus charakterisieren mußte. Diese logische Wesenheit bestand darinnen: Wir können mit unserer Vernunft, was man dazumal eben den Intellekt nannte, nicht hinaufreichen; bis zu einer gewissen Grenze können wir alles in scharfsinniger Logik und Dialektik durchdringen, dann müssen wir eindringen in den Glaubensinhalt. Und so, wie ich es charakterisiert habe, standen beide diesen zwei Dingen gegenüber, ohne daß sie sich widersprechen: Was wir mit unserer Vernunft erfassen und was durch den Glaubensinhalt geoffenbart ist, beides kann nebeneinandergehen.

[ 52 ] Was lag denn nun aber eigentlich vor? Ich glaube, man kann diese Frage von den verschiedensten Seiten anfassen. Was lag da eigentlich welthistorisch vor als Wesen des Albertinismus und als Wesen des Thomismus? Sehen Sie, für Thomas ist eigentlich charakteristisch und wichtig, daß er, indem er die Vernunft anstrengt, den Gott zu beweisen, zu gleicher Zeit zusetzen muß: Man kommt zu einer Gottesvorstellung, wie sie mit Recht im Alten Testament als Jahve bezeichnet worden ist. — Das heißt, indem Thomas ausgeht von den vernünftigen Wegen, welche die einzelne Menschenseele machen kann, kommt er zu jenem einheitlichen Gotte, den auch das Alte Testament als den Jahve-Gott bezeichnet hat. Will man zu dem Christus kommen, muß man zu dem Glaubensinhalt übergehen; zu ihm kann man nicht durch das kommen, was die menschliche Seele an eigenem Geistigen erlebt.

[ 53 ] Nun steckt in den Auseinandersetzungen, gegen die sich die Hochscholastik einfach aus dem Zeitgeiste heraus wenden mußte, in diesen Anschauungen von der doppelten Wahrheit — daß etwas theologisch wahr und philosophisch falsch sein könne —, in ihnen steckt doch noch etwas Tieferes darinnen, was man allerdings in dem Zeitalter nicht überschauen konnte, in dem man überall umgeben war von dem Streben der Menschheit nach Rationalismus, nach Logik; es steckte doch etwas Tiefes dahinter. Es steckte nämlich das Folgende dahinter: daß diejenigen, die von der doppelten Wahrheit sprachen, allerdings nicht der Ansicht waren, daß theologisch Geoffenbartes und durch die Vernunft zu Erreichendes letzten Endes zweierlei ist, sondern vorläufig zweierlei Wahrheiten sind, und daß der Mensch deshalb zu zweierlei Wahrheiten kommt, weil er bis in das Innerste der Seele hinein den Sündenfall mitgemacht hat.

[ 54 ] Diese Frage glimmt gewissermaßen in den Untergründen der Seele bis zu Albertus und 'Thomas hin. In den Untergründen der Seele glimmt die Frage: Ja, haben wir nicht auch in unserem Denken, in dem, was wir als Vernunft in uns sehen, die Erbsünde aufgenommen? Ist es nicht gerade, weil die Vernunft abgefallen ist von der Geistigkeit, daß uns die Vernunft andere Wahrheitsgehalte vorgaukelt als die wirkliche Wahrheit? — Nehmen wir in unsere Vernunft den Christus auf, nehmen wir in unsere Vernunft etwas auf, was diese Vernunft also umwandelt, was diese Vernunft weiterentwickelt, dann erst stellt sie sich in Einklang mit der Wahrheit, die der Glaubensinhalt ist. Die Sündhaftigkeit der Vernunft lag in einer gewissen Weise zugrunde, indem die Denker der voralbertinischen und vorthomistischen Zeit von zwei Wahrheiten sprachen. Mit der Lehre von der Erbsünde und der Lehre von der Erlösung durch Christus wollten sie Ernst machen. Sie hatten noch nicht die Gedankenkraft, die Logizität dazu, aber sie wollten das ernsthaft machen. Sie legten sich die Frage vor: Wie erlöst der Christus in uns die Wahrheit der Vernunft, die der geistig geoffenbarten Wahrheit widerspricht? Wie werden wir bis in das Innerste hinein Christen? Denn unsere Vernunft ist schon verderbt; in ihr lebt die Erbsünde, daher widerspricht sie der reinen Glaubenswahrheit.

[ 55 ] Und nun traten Albertus und Thomas auf, und für sie schien es zunächst, daß es unrichtig ist, daß, wenn wir uns rein logisch in die universalia in rebus vertiefen, wenn wir in uns aufnehmen dasjenige, was in den Dingen Wirklichkeit ist, daß wir uns dann in Sündhaftigkeit über die Welt ergehen. Es darf. nicht die gewöhnliche Vernunft sündhaft sein. Im Grunde lebt die Frage der Christologie in dieser Frage der Hochscholastik. Und was nicht gelöst werden konnte für die Hochscholastik, das war die Frage: Wie tritt der Christus in das menschliche Denken ein? Wie wird das menschliche Denken durchchristet? Wie führt der Christus das eigene menschliche Denken hinauf in die Sphäre, wo es zusammenwachsen kann mit dem, was nur der geistige Glaubensinhalt ist?

[ 56 ] Das steckte noch als das eigentlich Bewegende in den Seelen der Scholastiker drinnen. Daher ist es, trotzdem die vollkommenste logische Technik in der Scholastik lebt, vor allen Dingen wichtig, daß man nicht die Resultate der Scholastik nimmt, sondern daß man durch die Antwort hinschaut auf die Fragestellungen; daß man absieht von dem, wozu sich im i12., im 13. Jahrhundert die Menschen hindurchringen können; daß man sieht auf die großen Probleme, die damals aufgestellt worden sind. Man war noch nicht mit der Christologie so weit gekommen, daß man die Erlösung der Menschen von der Erbsünde bis in das menschliche Denken hinein hat verfolgen können. Daher mußten Albertus und Thomas der Vernunft das Recht absprechen, die Stufen zu überschreiten, über die hinaufschreitend sie in die geistige Welt selbst eintreten könne. Und es blieb von der Hochscholastik die Frage zurück: Wie entwickelt sich das menschliche Denken hinauf zu einer Anschauung der geistigen Welt?

[ 57 ] Selbst das wichtigste Ergebnis der Hochscholastik ist eine Frage, ist nicht dasjenige, was als Inhalt von der Hochscholastik existiert. Es ist die Frage: Wie trägt man die Christologie in das Denken hinein? Wie wird das Denken christlich gemacht? — Diese Frage steht welthistorisch da in dem Augenblicke, als Thomas von Aquino 1274 stirbt. Bis zu diesem Momente konnte er sich nur durchringen zu der Frage. Die Frage steht mit aller Herzinnigkeit da in der europäischen Geisteskultur. Was aus ihr werden soll, das konnte nur zunächst so angedeutet werden, daß man sagte: Der Mensch dringt bis zu einem gewissen Grade in das Wesen, in das geistige Wesen der Dinge ein. Aber dann muß der Glaubensinhalt kommen. Und die beiden dürfen einander nur nicht widersprechen, sie müssen in Konkordanz miteinander sein. Aber die gewöhnliche Vernunft kann den Inhalt der höchsten Dinge, wie zum Beispiel die Trinität, die Inkarnation des Christus in dem Menschen Jesus und so weiter, nicht von sich aus begreifen. Die Vernunft kann begreifen nur so weit, daß sie sagen kann: Die Welt könnte in der Zeit entstanden sein, könnte aber auch von Ewigkeit her sein. Aber die Offenbarung sagt, sie ist in der Zeit entstanden. Wenn Sie die Vernunft noch einmal fragen, so finden Sie die Gründe, warum das In-der-Zeit-Entstehen das Vernünftigere, das Weisere ist.

[ 58 ] So ist der Scholastiker hineingestellt in die ganze Zeit. Mehr als man denkt, lebt in aller heutigen Wissenschaft, in dem ganzen öffentlichen Leben der Gegenwart noch dasjenige fort, aber allerdings in einer besonderen Gestalt, was von der Scholastik übriggeblieben ist. Wie lebendig im Grunde genommen die Scholastik noch in unseren Seelen ist und welche Stellung zu dem, was noch lebt von der Scholastik, der gegenwärtige Mensch eigentlich einnehmen muß, davon wollen wir dann morgen sprechen.