The Relationship of Anthroposophy to Natural Science
Foundations and Methods
GA 75
4 June 1921, Zurich
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The Relationship of Anthroposophy to Natural Science, tr. SOL
3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
3. Natural Science and Anthroposophy
Jakob Hugentobler: Sehr geehrte Damen und Herren! Ich heiße Sie zu unserer Vortragsveranstaltung herzlich willkommen. Es ist beabsichtigt, mit diesem Vortrag wiederum etwas Positives aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus vor Sie hinzustellen gegenüber dem, was sich als doch meist negative Kritik heute so breitmacht.
Jakob Hugentobler: Ladies and gentlemen! I would like to warmly welcome you to our lecture series. The intention of this lecture is once again to present something positive from the field of anthroposophical spiritual science, in contrast to the mostly negative criticism that is so widespread today.
[ 1 ] Wer heute die Augen offenhält, wer sich mit etwas tieferem Verständnis seiner Umwelt öffnet, der sieht auf allen kulturellen Gebieten — auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Religion und der Kunst- neuere Erscheinungen auftreten. Er sieht Anfänge, die aussehen wie etwas, was sich hindurchringen will, was noch nicht den eigentlichen Weg für dieses Durchringen gefunden hat. In der anthroposophischen Geisteswissenschaft wird nun versucht, für alles, was sich als ein gesundes Neues hier in den Anfängen zeigt, die Wurzeln aufzuzeigen — zu zeigen, wie man durchstoßen kann auf ein tieferes geistiges Gebiet und wie aus diesem geistigen Gebiet heraus etwas erwachsen kann, was wieder Zusammenschluß werden muß all dessen, was sich heute in so vielen getrennten Bewegungen bemerkbar macht. Es ist auf diese Möglichkeit einer tieferen Erkenntnis zurückzuführen, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft den Anspruch erhebt, sich auf alle Gebiete des Lebens zu erstrecken, in alle Gebiete des Lebens mit ihrer neuen Erkenntnis hineinzudringen. Von diesem Geiste, der als eine Befruchtung des gesamten kulturellen Lebens von heute tätig sein will und muß, soll hier gesprochen werden. Es darf also nicht mehr in der Art, wie es früher so häufig geschehen ist, mit Entrüstung, mit Verwunderung, mit Erstaunen davon gesprochen werden, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft eine Anmaßung an den Tag lege, indem sie sich auf alle Gebiete des Lebens verbreite. Es ist so, daß sie den Anspruch machen will, eine wirklich umfassende Weltanschauung zu sein. Aus einer solchen wirklichen Weltanschauung heraus wird in diesem Vortrage zu Ihnen gesprochen werden.
[ 1 ] Anyone who keeps their eyes open today, anyone who approaches their surroundings with a deeper understanding, will see new developments emerging in all cultural spheres—in the realms of science, religion, and art. They will see beginnings that look like something striving to break through, something that has not yet found the proper path for this breakthrough. Anthroposophical spiritual science now seeks to reveal the roots of everything that is emerging here in its early stages as a healthy new development—to show how one can break through into a deeper spiritual realm and how, from this spiritual realm, something can grow that must once again unite all that is manifesting itself today in so many separate movements. It is due to this possibility of deeper insight that anthroposophical spiritual science makes the claim to extend to all areas of life and to penetrate into all areas of life with its new insight. It is this spirit—which seeks and must act as a source of inspiration for the entirety of today’s cultural life—that will be discussed here. Therefore, we must no longer speak—as has so often been done in the past—with indignation, astonishment, or amazement about the fact that anthroposophical spiritual science displays a sense of presumption by extending itself into all areas of life. The fact is that it seeks to lay claim to being a truly comprehensive worldview. It is from the perspective of such a genuine worldview that this lecture will address you.
[ 2 ] Es ist Gelegenheit geboten, hier an Eurythmie-Fachkursen teilzunehmen — Eurythmie, diese neue Bewegungskunst, die von Dr. Rudolf Steiner inauguriert worden ist. Sie stützt sich auf die anthroposophische Geisteswissenschaft, und es wird also diese neue Kunst der Eurythmie in einzelnen Kursen unterrichtet werden. Ebenso ist Gelegenheit, in die anthroposophische Geisteswissenschaft in der Weise tiefer einzudringen, daß man Einführungskurse besuchen kann, die ebenfalls hier in Zürich gehalten werden. Man kann, wenn man sich interessiert, seinen Namen und die Adresse aufschreiben. Das übrige sehen Sie aus den Programmen, die Ihnen ausgeteilt worden sind.
[ 2 ] There is an opportunity here to participate in specialized eurythmy courses—eurythmy, this new art of movement that was founded by Dr. Rudolf Steiner. It is based on anthroposophical spiritual science, and this new art of eurythmy will therefore be taught in individual courses. There is also an opportunity to delve deeper into anthroposophical spiritual science by attending introductory courses, which are likewise held here in Zurich. If you are interested, you can write down your name and address. You can find the rest of the information in the programs that have been distributed to you.
[ 3 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn von Anthroposophie so oft ein Zerrbild entworfen wird und dieses Zerrbild dann bekämpft wird, so daß man in diesem Kampf eigentlich wenig von dem trifft, was Anthroposophie wirklich darstellt, so liegt das wohl daran, daß heute noch sehr viele Persönlichkeiten diese Anthroposophie auffassen wie etwas, was gewissermaßen in der Mitte steht zwischen Wissenschaft im strengen Sinne des Wortes auf der einen Seite und den verschiedenen religiösen Anschauungen auf der anderen Seite.
[ 3 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! When a distorted image of anthroposophy is so often portrayed—and this distorted image is then fought against—so that in this struggle one actually touches upon very little of what anthroposophy truly represents, it is probably because even today a great many people still view anthroposophy as something that stands, so to speak, midway between science in the strict sense of the word on the one hand and the various religious views on the other.
[ 4 ] Um in einer gewissen Weise darauf aufmerksam zu machen, wie wenig die Urteile zutreffend sind, welche der Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, eine solche schwankende Stellung zuweisen, möchte ich heute in diesem einleitenden Vortrag vor allen Dingen die Quellen besprechen, die eigentlichen Ursprünge des anthroposophischen Forschens. Und da muß ich vor allen Dingen zunächst auf folgendes aufmerksam machen. So sehr es auch der Fall ist, daß dasjenige, was durch Anthroposophie zutage tritt, die religiösen Gefühle und religiösen Empfindungen der Menschen berührt, so ist doch diese Anthroposophie selbst zunächst nicht aus irgendeinem religiösen Impuls entsprungen, sondern sie ist durchaus hervorgegangen aus der Naturwissenschaft unserer Zeit, aus einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Man kann das vielleicht von manchen Seiten zunächst sogar paradox finden, allein, gerade um den wissenschaftlichen Geist der Anthroposophie in der richtigen Art zu kennzeichnen, muß auf dieses Hervorgehen aus naturwissenschaftlicher Grundlage ganz besonders stark hingewiesen werden.
[ 4 ] To draw attention, in a certain way, to how inaccurate are the judgments that assign such a precarious position to anthroposophy—as it is understood here—I would like, in this introductory lecture today, to discuss above all the sources, the actual origins of anthroposophical research. And in this regard, I must first and foremost draw attention to the following. As much as it is true that what is brought to light by anthroposophy touches people’s religious feelings and sensibilities, anthroposophy itself did not, at first, arise from any religious impulse, but emerged entirely from the natural sciences of our time, from a scientific worldview. Some may even find this paradoxical at first, but precisely in order to characterize the scientific spirit of anthroposophy correctly, this origin in a scientific foundation must be emphasized very strongly.
[ 5 ] Man ist dabei, indem man sich zur Anthroposophie wendet, durchaus davon durchdrungen, daß die neuere Entwicklung der Menschheit ihr Größtes, ihre stärksten Kräfte dem verdankt, was man heute naturwissenschaftliche Einsichten nennt. Und ich möchte selbst durchaus bekennen, daß meiner Auffassung nach in der Anthroposophie kein anderer Geist herrschen darf als allein derjenige, der sich herangeschult hat am naturwissenschaftlichen Forschen der neueren Zeit, der vor allem kennengelernt hat die gewissenhaften, exakten Methoden des Beobachtens, des Experimentierens und des naturwissenschaftlichen Denkens der Gegenwart. Dabei wird allerdings, wenn man also von einer Art von naturwissenschaftlicher Vorbereitung zur Anthroposophie spricht, weniger in Betracht gezogen, was als Ergebnisse — als triumphale Ergebnisse möchte ich sagen — der neueren Naturwissenschaft aufgetreten ist, als vielmehr gerade dieser Geist der Schulung, den sich der Mensch erwirbt, wenn er lernt, naturwissenschaftlich, das heißt experimentierend und beobachtend, ernst zu arbeiten, in ernster Art sich eine wissenschaftliche Anschauung von den Wesenheiten der Welt und von den Tatsachen der Welt zu erringen.
[ 5 ] When one turns to anthroposophy, one is thoroughly imbued with the conviction that humanity’s recent development owes its greatest and strongest forces to what is today called scientific insight. And I myself would like to state quite clearly that, in my view, no spirit other than that which has been trained in modern scientific research—one that has, above all, become familiar with the conscientious, precise methods of observation, experimentation, and scientific thinking of the present day—may prevail in anthroposophy. However, when one speaks of a kind of scientific preparation for anthroposophy, less attention is paid to what has emerged as results—as triumphant results, I might say — of modern science, but rather this very spirit of training that a person acquires when they learn to work seriously in a scientific manner—that is, through experimentation and observation—and to earnestly gain a scientific understanding of the entities and facts of the world.
[ 6 ] Nun ist es ja so gekommen, daß im Laufe der naturwissenschaftlichen Entwicklung der neueren Zeit gewissermaßen immer mehr heraufgezogen ist innerhalb dieser Forschung der Sinn für die ausschließliche Bedeutung der sinnlichen Tatsachenwelt — dessen, was sich auf sichere Tatsachen gründet, die durch die Sinne beobachtet werden können und deren Beobachtung durch Instrumente verschärft werden kann. Nur was auf diese Art zugrunde gelegt werden kann, das gilt als eine wahrhaftige Grundlage der neueren wissenschaftlichen Forschung. Und je mehr man fortgeschritten ist, desto mehr kam man ab davon, im Denken, im methodischen Sinnen sich zu erheben über diese Tatsachenwelt. Man ist immer mehr und mehr dazu übergegangen, die Tatsachen gewissermaßen experimentierend so anzusehen, daß sie sich durch sich selbst in ihren gegenseitigen Beziehungen aussprechen und man auf diese Weise zu Naturgesetzen, wie man sie nennt, kommt.
[ 6 ] Now it so happened that, in the course of modern scientific development, a growing emphasis has emerged within this field of research on the exclusive significance of the sensory world of facts—that is, what is based on reliable facts that can be observed through the senses and whose observation can be enhanced by instruments. Only what can be based in this way is regarded as a true foundation of modern scientific research. And the further one has advanced, the more one has moved away from the idea of rising above this world of facts in thought and in methodological reasoning. There has been an increasing tendency to view the facts, as it were, experimentally, in such a way that they reveal themselves through their mutual relationships, and in this way one arrives at what are called the laws of nature.
[ 7 ] Gewiß, es ist noch nicht lange her, da hat man bei der Bearbeitung der Tatsachen den Weg von diesen Tatsachen zu mehr oder weniger kühnen Hypothesen nicht gescheut. Diese haben sich in der neueren Zeit weiter entwickelt zu Begriffssystemen. Und so ist man zu Erkenntnissen gekommen, zum Beispiel über das Weltenall. Wir leben jetzt allerdings in einer Zeit, in der man über die in ihrer Art so plausibel erscheinenden Hypothesen etwas in Zweifel gekommen ist, so zum Beispiel über die KantLaplacesche Weltentstehungshypothese. Sie gilt durchaus als etwas Unsicheres, obwohl man auf der anderen Seite wohl zugeben wird, daß man, wenn man überhaupt zu einer befriedigenden Überschau über die Erscheinungswelt kommen will, solche Hypothesen nicht recht entbehren kann. Dies charakterisiert ungefähr das eine. Also, ich konnte ja nur in kurzen Strichen andeuten, was demjenigen entgegentritt, der sich heute nun wirklich forschend in das naturwissenschaftliche Gebiet hineinbegibt.
[ 7 ] Certainly, it was not long ago that, in analyzing the facts, people did not shy away from drawing connections between these facts and more or less bold hypotheses. In recent times, these have evolved into conceptual systems. And so we have arrived at insights, for example, about the universe. We now live, however, in an age in which some doubts have arisen regarding these hypotheses, which seem so plausible in their own right—for example, regarding the Kant-Laplace hypothesis on the origin of the universe. It is certainly regarded as somewhat uncertain, although, on the other hand, one must admit that if one wishes to arrive at a satisfactory overview of the phenomenal world at all, one cannot really do without such hypotheses. This roughly characterizes one aspect. So, I could only briefly sketch what stands in the way of anyone who today truly sets out to explore the field of natural science.
[ 8 ] Das zweite ist aber vielleicht heute noch wichtiger. Es ist dies, daß man ja heute angesichts der Exaktheit, die man in der Naturwissenschaft einmal angenommen hat, nicht mehr wird auskommen können — selbst in den beschreibenden Naturwissenschaften nicht mehr — ohne eine gewisse mathematische Grundbildung. Es ist ja in der Naturanschauung der neuesten Zeit eine Definition aufgetreten, die sich allerdings etwas paradox, etwas extrem ausnimmt, die aber zeigt, von welchem Sinne man eigentlich beseelt ist in diesem naturwissenschaftlichen Denken. Es ist die Definition aufgekommen: Seiend ist dasjenige, was man messen kann. — Durch eine solche Definition wird darauf hingewiesen, wie sehr sich der naturwissenschaftlich Denkende heute in seinem Elemente fühlt, wenn er sich angeeignet hat die Kunst, die in der Geometrie und in der von der Geometrie ausgehenden exakten Messung liegt, in der Arithmetik und in den anderen Zweigen der Mathematik. Diese mathematische Schulung ist sozusagen etwas, was heute als eine Grundbedingung mitgebracht werden muß für ein ersprießliches wissenschaftliches Forschen.
[ 8 ] The second point, however, is perhaps even more important today. It is this: given the precision that has come to be taken for granted in the natural sciences, it is no longer possible—not even in the descriptive natural sciences—to get by without a certain basic mathematical education. Indeed, a definition has emerged in the modern view of nature that, while it may seem somewhat paradoxical and extreme, reveals the very spirit that animates scientific thinking today. The definition that has emerged is: “That which exists is that which can be measured.” — Such a definition highlights just how much the scientific thinker of today feels in his element once he has mastered the art found in geometry and in the precise measurement derived from geometry, in arithmetic, and in the other branches of mathematics. This mathematical training is, so to speak, something that must be brought with one today as a fundamental prerequisite for fruitful scientific research.
[ 9 ] Nun kommt für das, was ich heute über Anthroposophie sagen will, weniger in Betracht, was man als einzelne Ergebnisse des naturwissenschaftlichen Forschens durch Messen, Zählen und so weiter erreichen kann, sondern es kommt in Betracht jene eigentümliche Seelenverfassung, in die der Forscher kommt, wenn er — ausgerüstet mit dem durchschaubaren Gewebe arithmetischer, geometrischer oder algebraischer Vorstellungen, Vorstellungen aus der Welt der Differential- oder Intergralrechnung oder selbst der synthetischen Geometrie und so weiter —, wenn er, ausgerüstet mit dem ganzen Gewebe dieser Vorstellungen, die ja durchaus in der menschlichen Persönlichkeit selbst erzeugte Vorstellungen sind, herantritt an die äußere Erscheinungswelt und dann findet: Mit dem, was du im Grunde genommen aus deinem eigenen inneren Wesen heraus gewonnen hast, was du in Formeln, in Gebilde, was du in Gestalt gebracht hast aus deinem inneren Wesen heraus, damit kannst du eintauchen in das, was dir die Sinne darbieten. — Und er fühlt: Mit dem, was du gewissermaßen aus dir heraus gesponnen hast, kannst du umfassen und durchweben all das, was dir als ein ganz Fremdes entgegentritt aus der äußeren Tatsachenwelt. — Dieses Zusammenfließen des Mathematischen, das in voller Überschaubarkeit, mit freier, über alles sich hinziehender innerer Willensbetätigung als Gebilde, als Formeln gewonnen wird, dieses Zusammenfließen des Mathematischen mit dem, was uns äußerlich entgegentritt, uns gewissermaßen von außen zufällt, das macht die besondere Seelenstimmung desjenigen aus, der eben im Sinne heutiger exakter Naturforschung an die Natur herangeht.
[ 9 ] Now, what I wish to say today about anthroposophy is less concerned with what can be achieved as individual results of scientific research through measurement, counting, and so on, but rather with that peculiar state of mind into which the researcher enters when—equipped with the transparent fabric of arithmetic, geometric, or algebraic concepts—concepts from the world of differential or integral calculus or even synthetic geometry and so on—when, equipped with the entire fabric of these concepts—which are, after all, concepts generated entirely within the human personality itself—he approaches the external world of phenomena and then discovers: With what you have, in essence, derived from your own inner being—what you have expressed in formulas, in structures, what you have given form to from within your inner being—with that you can immerse yourself in what the senses present to you. — And he feels: With what you have, so to speak, spun out of yourself, you can encompass and interweave everything that confronts you as something entirely foreign from the external world of facts. — This confluence of the mathematical—which, in its complete clarity, with a free, all-encompassing inner exercise of will as a structure, as formulas—this convergence of the mathematical with what confronts us externally, what, so to speak, comes to us from without—this constitutes the particular state of mind of one who approaches nature in the spirit of today’s exact natural science.
[ 10 ] Nun möchte ich, meine sehr verehrten Anwesenden, gerade auf das aufmerksam machen, was man auf diese Weise beim Mathematisieren lernt, das heißt beim Ausbilden algebraischer oder sonstiger Formeln oder geometrischer Gebilde. Ich möchte hinweisen darauf, daß es ja dem Menschen durchaus möglich ist, gewissermaßen mit nach rückwärts gerichtetem Blicke sich selber zu beobachten, wie er sich verhält in diesem Mathematisieren, wie er in diesem Mathematisieren zu einer zunächst allerdings formellen Gewißheit kommt von der inneren Wahrheit dieser Formeln und Gebilde. Das kann er auf der einen Seite tun, und er gelangt dadurch zu einer Art von Einsicht in jenen psychologischen Prozeß, der sich da abspielt, indem man mathematisiert. Gewiß, in dem Heraufkommen der Naturwissenschaft hat man sich, ich möchte sagen zufriedengegeben mit der Anwendung des Mathematischen. Man hat wenig hingeschaut auf diesen psychologischen Prozeß. Aber gerade wenn man zur Natur kommen will, wenn man nun weiterkommen will vom bloßen naturwissenschaftlichen Forschen aus, so wird es schon notwendig sein, wirklich streng hinzuschauen auf die eigentlich in der Seele vorgehenden Prozesse, auf das, was vorgeht, indem man das Mathematische ausbildet. Denn warum? Wenn man wiederum denjenigen Prozeß betrachtet, der sich abspielt in der Beobachtung oder in der geregelten experimentierenden Beobachtung, wenn man mit dem Mathematischen das Äußere durchdringt dadurch, daß man diesen naturwissenschaftlichen Forschungsprozeß sozusagen an der eigenen Persönlichkeit beobachtet, kommt man dazu, nicht nur naturwissenschaftlich zu forschen, sondern sich auch in bewußter Weise erziehen zu können zu jener Art, die Wahrheit zu ergreifen, wie sie eben ergriffen werden kann durch solches Forschen. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, sehen Sie, von solchen Studien — zuerst von einer solchen naturwissenschaftlichen Forschungsweise und von einer solchen Anschauung der Forschertätigkeit, der inneren Forschertätigkeit — ist im Grunde genommen dasjenige ausgegangen, was in Wahrheit Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, genannt werden kann. Und an dieser Anschauung, dieser inneren Anschauung, soll auch all das gemessen werden, was als Anthroposophie auftritt. Ich gestehe es frei und offen, meine sehr verehrten Anwesenden: Es liegt im Menschen ein ursprüngliches Wahrheitsgefühl, so daß zahlreiche Persönlichkeiten, die, wenn sie von dem hören, was auf dem Gebiete der Anthroposophie als Ergebnis auftritt, bis zu einem gewissen Grade innerlich überzeugt werden. Allein, so wahr dies geschieht durch ein gewisses elementares Wahrheitsgefühl, so wahr ist es doch auf der anderen Seite, daß urteilsfähig und — wenn ich das Wort bilden darf — «forschungsfähig» auf anthroposophischem Gebiete nur derjenige ist, der die eben angedeutete Schulung und Selbstbeobachtung aus naturwissenschaftlichem Forschen heraus durchgemacht hat. Es ist ja so leicht, durch das Ansprechende der anthroposophischen Resultate in einen gewissen Dilettantismus zu verfallen, der wiederum Dilettanten anzieht. Allein, dieser Dilettantismus liegt eben durchaus nicht am Ursprunge desjenigen, was als Anthroposophie ja in der Gegenwart vor die Welt hintreten soll, sondern diese Anthroposophie sieht darauf, daß ihr jeder Dilettantismus durchaus fernbleibt und daß sie gewissermaßen über ihre Ergebnisse, namentlich über die Art, wie sie zu ihren Ergebnissen gelangt, vor der strengsten wissenschaftlichen Gesinnung der heutigen Zeit Rechenschaft ablegen kann. Deshalb nenne ich das, was in der Anthroposophie auftritt, zunächst nicht irgendeinen Glaubensinhalt, sondern etwas, was sich durchaus neben die Wissenschaft der Gegenwart — und diese durchdringend — hinstellen kann. Der Geist, der sich geschult hat an dem, was man heute von der Wissenschaft fordert, der der heute anerkannten Wissenschaft zugrunde liegt, ist derselbe wissenschaftliche Geist, der auch der Anthroposophie zugrunde liegt.
[ 10 ] Now, ladies and gentlemen, I would like to draw your attention specifically to what one learns in this way through the process of “mathematizing”—that is, through the derivation of algebraic or other formulas or geometric constructs. I would like to point out that it is indeed entirely possible for a person, so to speak, to observe themselves from a backward-looking perspective—to see how they behave in this process of mathematizing, and how, in the course of this process, they arrive at what is initially, admittedly, a formal certainty regarding the inner truth of these formulas and structures. On the one hand, one can do this, and in doing so, one gains a kind of insight into the psychological process that takes place when one engages in mathematical reasoning. Certainly, with the rise of the natural sciences, one has—I would say—been content with the application of mathematics. Little attention was paid to this psychological process. But precisely when one wishes to turn to nature, when one wishes to move beyond mere scientific research, it becomes necessary to look very closely at the processes actually taking place in the soul—at what occurs as one develops mathematical thinking. Why is this so? When one considers, in turn, the process that takes place in observation or in systematic experimental observation—when one penetrates the external world through mathematics by observing this scientific research process, so to speak, within one’s own personality—one arrives at a point where one is not only able to conduct scientific research but also to consciously educate oneself to grasp to grasp the truth, just as it can be grasped through such research. Now, my dear friends here present, you see, it is from such studies—first and foremost from such a scientific method of research and from such a view of the researcher’s activity, the inner activity of the researcher—that what can truly be called anthroposophy, as it is meant here, has essentially emerged. And it is against this perspective—this inner perspective—that everything presented as anthroposophy must be measured. I confess this freely and openly, my esteemed audience: There is an innate sense of truth within human beings, so that many people, when they hear about the findings in the field of anthroposophy, become inwardly convinced to a certain degree. However, as true as it is that this happens through a certain elemental sense of truth, it is equally true that only those who have undergone the training and self-observation I just mentioned—derived from scientific research—are capable of sound judgment and—if I may coin the term—“research-oriented” in the field of anthroposophy. It is, after all, so easy to fall into a certain kind of dilettantism due to the appealing nature of anthroposophical findings, which in turn attracts other dilettantes. However, this dilettantism is by no means at the root of what anthroposophy is meant to present to the world today; rather, anthroposophy ensures that all dilettantism remains entirely at a distance from it and that, in a sense, it can account for its findings— namely the way in which it arrives at its findings, to the strictest scientific standards of our time. That is why I do not initially refer to what appears in anthroposophy as a matter of faith, but as something that can stand entirely alongside—and indeed permeate—contemporary science. The spirit that has been trained in what is demanded of science today—the spirit that underlies today’s recognized science—is the same scientific spirit that also underlies anthroposophy.
[ 11 ] Aber gerade dann, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man mit diesem wissenschaftlichen Geiste durchdrungen ist, wenn man von dem bloßen mathematisierenden Sich-Ergehen in den äußeren Tatsachen zurückschaut auf das lebendige Forschen, auf das, was da wird, wenn man in der Seele — die äußeren Tatsachen hinter sich lassend — diese Wissenschaft gewissermaßen weiterträgt, gerade dann, wenn man auf das zurückblickt, was einem als Mensch von dieser Wissenschaft bleibt, dann tritt einem zunächst ein Problem wie ein großes Zentralproblem entgegen, das in seiner ganzen gigantischen Größe eigentlich nur derjenige fühlen kann, der sich gerade an der Wissenschaftlichkeit heranerzogen hat: Das ist das Problem der menschlichen Freiheit.
[ 11 ] But it is precisely then, my esteemed audience, when one is imbued with this scientific spirit, when one looks back from the mere mathematical indulgence in external facts toward living research—toward what comes into being when, in one’s soul, — leaving external facts behind — carries this science forward, so to speak; precisely then, when one looks back on what remains of this science for one as a human being, one is initially confronted with a problem—a great central problem—whose sheer magnitude can truly be felt only by those who have been educated in the scientific method: This is the problem of human freedom.
[ 12 ] Naturwissenschaft und die von ihr abhängige Philosophie — die heute abhängige Philosophie —, sie können gar nicht anders als zunächst ausgehen von dem, was so in die Dinge verwoben ist, daß wir von Notwendigkeit sprechen müssen. Es ist unmöglich, daß wir mit dem Geiste, der heute in der Naturwissenschaft waltet, von etwas anderem ausgehen als von der Notwendigkeit. Und es ist geradezu das Ideal der Wissenschaft, das, was uns in der Außenwelt entgegentritt, als ein System innerlich notwendig zusammenhängender Wesenheiten und Tatsachen zu durchschauen. Man kommt, indem man sich so naturwissenschaftlich forschend ergeht, gerade nicht an das heran, was einem in der inneren Tatsache der menschlichen Freiheit entgegentritt als ein unmittelbares Erlebnis. Man kommt an das eben nicht heran. Und so steht man vor der bedeutungsvollen Frage, die einen wie an einen Erkenntnisabgrund heranführt: Freiheit als unmittelbares Erlebnis ist dir doch gegeben! Warum kannst du dann, indem du gewissermaßen dein mathematisierendes Erkenntnisnetz ausspannst über die naturwissenschaftlichen Tatsachen und dir auf diese Weise ein Weltbild entwirfst, nicht herankommen an das, was doch eben nicht hinweggeleugnet werden kann als ein unmittelbares Erlebnis: die Freiheit!
[ 12 ] Natural science and the philosophy that depends on it—the philosophy that is dependent today—cannot help but start from what is so interwoven into things that we must speak of necessity. It is impossible, given the spirit that prevails in natural science today, to start from anything other than necessity. And it is, in fact, the very ideal of science to penetrate to the core of what confronts us in the external world as a system of internally necessary, interrelated entities and facts. By engaging in scientific inquiry in this way, one does not approach what confronts us in the inner reality of human freedom as an immediate experience. One simply does not approach that. And so one is faced with the profound question that leads one, as it were, to the abyss of knowledge: Freedom as an immediate experience is, after all, given to you! Why, then, as you stretch your mathematizing web of knowledge over the facts of natural science and in this way construct a worldview for yourself, can you not approach that which cannot be denied as an immediate experience: freedom!
[ 13 ] Wenn ich hier Persönliches einflechten darf, so möchte ich darauf hinweisen, daß mir selbst gerade aus meinen geisteswissenschaftlichen Forschungen schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entgegengetreten ist auf der einen Seite die naturwissenschaftliche Notwendigkeit, deren Bedeutung für die objektive Forschung zunächst gar nicht im mindesten geleugnet, sondern voll anerkannt werden soll, und auf der anderen Seite das Problem der Freiheit. Und ich habe versucht, in meiner 1893 erschienenen «Philosophie der Freiheit» mich so mit der Philosophie auseinanderzusetzen, wie das ein naturwissenschaftlich denkender Mensch der damaligen Gegenwart tun mußte.
[ 13 ] If I may interject a personal note here, I would like to point out that, precisely through my research in the humanities, I encountered as early as the 1880s, on the one hand, the necessity of the natural sciences—whose significance for objective research should not be denied in the least, but rather fully acknowledged—and, on the other hand, the problem of freedom. And in my Philosophy of Freedom, published in 1893, I attempted to engage with philosophy in the way that a person with a scientific mindset of that time was compelled to do.
[ 14 ] Nun, hätten wir heute schon eine ausgebildete, unseren wissenschaftlichen Bedürfnissen entsprechende Psychologie oder Seelenlehre — wir haben sie ja nicht —, wäre es leichter, über das zu sprechen, worüber ich in diesem Augenblicke zu sprechen habe. Mit der Seelenlehre ist es ja in der neuesten Zeit eigentümlich gegangen. Ich muß da immer wiederum, wenn ich das Schicksal der Psychologie, der Seelenlehre, charakterisieren will, hinweisen auf einen ausgezeichneten Denker der neuesten Zeit, der ja hier vor einem Jahre auf dem Zürichberg gestorben ist, auf Franz Brentano.
[ 14 ] Well, if we already had a fully developed psychology—or science of the soul—that met our scientific needs today—which, of course, we do not—it would be easier to speak about what I must discuss at this moment. The history of the science of the soul has taken a peculiar turn in recent times. Whenever I want to characterize the fate of psychology—the study of the soul—I must again and again point to an outstanding thinker of recent times, who, as you know, died here on the Zürichberg a year ago: Franz Brentano.
[ 15 ] Franz Brentano war im Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz drinnen im naturwissenschaftlichen Denken, und er hat, als er zuerst in Würzburg seine Thesen formte für seine Privatdozentur, unter seinen Thesen als Hauptthese diese, daß in der Seelenkunde keine andere Methode angewandt werden darf als diejenige, die in der äußeren Wissenschaft angewandt wird. 1874 hat dann Franz Brentano den ersten Band seiner «Psychologie auf empirischer Grundlage» veröffentlicht, und er hat versprochen, als dieser Band der «Psychologie» im Frühling des genannten Jahres erschienen ist, im Herbst den zweiten Band zu liefern und rasch hintereinander in den folgenden Jahren die nächsten vier Bände. Franz Brentano ist mittlerweile gestorben — es ist keine Fortsetzung des ersten Bandes erschienen!
[ 15 ] At the beginning of the second half of the 19th century, Franz Brentano was fully immersed in scientific thinking, and when he first formulated his theses in Würzburg for his appointment as a private lecturer, his main thesis was that no method other than that used in the natural sciences should be applied in the study of the mind. In 1874, Franz Brentano published the first volume of his Psychology on an Empirical Basis, and when this volume of Psychology appeared in the spring of that year, he promised to deliver the second volume in the fall and the next four volumes in quick succession in the following years. Franz Brentano has since died—no sequel to the first volume has been published!
[ 16 ] Wer diesen ersten Band der Brentanoschen Seelenlehre unbefangen liest, der versteht, ich möchte sagen aus der Art und Weise, wie diese Seelenlehre auftritt, durchaus, warum eine solche Fortsetzung nicht erschienen ist. Franz Brentano sagt ja in diesem seinem ersten Band frank und frei, daß man, wenn man dabei stehenbliebe, wo er stehenblieb, sich zuerst würde eingestehen müssen, eigentlich nichts zu wissen. Wenn man das Verbinden der Vorstellungen betrachtet und ihre Beziehungen zum Gedächtnis, die Vergesellschaftung der Vorstellungen, wie man das gewöhnlich nennt und so weiter, wenn man darauf die bloß naturwissenschaftlichen Methode anwendet, dann ist das kein Ersatz für eine solche Psychologie, wie sie Plato und Aristoteles sich erhofft hatten. Das wäre kein Ersatz für eine Psychologie, die sich auch befassen kann mit dem, was im Menschen als das Ewige zu bezeichnen ist, oder — wie sich Franz Brentano ausdrückt — die sich befassen kann mit dem vom Menschen, was bleibt, wenn das zeitliche Leben als Leib von ihm abfällt. Franz Brentano wollte dieses Problem, welches man im populären Sinne das Unsterblichkeitsproblem nennen kann, im naturwissenschaftlich-psychologischen Sinne lösen. Darum hat er gerungen. Er wollte — das möchte ich bestimmt sagen — nicht in jenes Gebiet eintreten, das ich hier als Anthroposophie bezeichnen muß; das erschien ihm nicht wissenschaftlich genug. Daher konnte er aber auch, weil er ein ehrlicher Forscher war, einfach nicht weiterschreiben. Ehrlichkeit auf dem Gebiet der Seelenlehre zu verbinden mit wissenschaftlichem Forschergeiste ist nur möglich, wenn man in der Lage ist, auf dem Wege jene Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Denkens zu entwickeln, welches eben die anthroposophische Geisteswissenschaft fordert.
[ 16 ] Anyone who reads this first volume of Brentano’s theory of the soul with an open mind will understand—I would say, from the very nature of how this theory is presented—why no such sequel was ever published. After all, Franz Brentano states frankly and openly in this first volume of his that if one were to stop where he stopped, one would first have to admit to oneself that one actually knows nothing. If one considers the combination of ideas and their relationship to memory—the “socialization of ideas,” as it is commonly called—and so on, and applies the purely scientific method to this, then that is no substitute for the kind of psychology that Plato and Aristotle had hoped for. That would be no substitute for a psychology that can also address what in human beings can be described as the eternal, or—as Franz Brentano puts it—that can address what remains of a human being when temporal life, in the form of the body, falls away from them. Franz Brentano wanted to solve this problem—which, in the popular sense, might be called the problem of immortality—in terms of natural science and psychology. That is what he struggled with. He did not—and I want to make this clear—wish to enter the realm that I must here describe as anthroposophy; that did not seem scientific enough to him. Consequently, however—precisely because he was an honest researcher—he simply could not continue writing. Combining honesty in the field of the psychology of the soul with a scientific spirit of inquiry is possible only if one is able to develop, along this path, that continuation of scientific thinking which anthroposophical spiritual science demands.
[ 17 ] Ich möchte sagen, es ist ein lebendiger Beweis, dieses Nicht-zu-Ende-Kommen Franz Brentanos mit seiner Psychologie, es ist ein lebendiger Beweis dafür, daß wir eben heute keine eigentliche Psychologie haben. Hätten wir eine Psychologie, eine eigentliche Psychologie, so würde man gewisse Dinge schon anders anschauen können, als sie heute gewöhnlich angeschaut werden. Und da möchte ich vor allen Dingen auf eines hinweisen. Wenn wir uns naturwissenschaftlich ergehen, die naturwissenschaftlichen Tatsachen in Gesetze bringen, diese Gesetze dann unserem Intellekt einverleiben, so daß wir gewissermaßen das in unserer Person mit forttragen, was sich uns, indem wir äußerlich beobachten und experimentieren, ergeben hat, so bemerken wir: Je mehr wir uns von den äußeren Tatsachen entfernen, je mehr wir gewissermaßen bloß innerlich arbeiten mit dem Verstande, der sich so vorzüglich erweist, wenn Experiment und Beobachtung ihm Führer sind, je mehr wir mit diesem Verstande weiterarbeiten, je mehr wir — mit anderen Worten — ins hypothetische Gebiet hineinkommen, in dasjenige Gebiet, wo man durch den Verstand etwas ausgestalten will, was hinter diesen Erscheinungen steht, desto deutlicher fühlt man: Man kommt in ein Gebiet hinein, dem gegenüber man sich auf die Dauer nicht befriedigt erklären kann. Je mehr man, ich möchte sagen frei sich ergehend zunächst in demjenigen Denken, das man ganz gut im naturwissenschaftlichen Forschen anwenden kann, je mehr man sich ergeht in diesem Denken, in diesem Bilden von Gedankenhypothesen, desto mehr kommt man zu etwas Unbefriedigendem. Und dieses Unbefriedigende zeigt sich im Grunde genommen im ganzen Verlauf der wissenschaftlichen Entwicklung.
[ 17 ] I would like to say that Franz Brentano’s failure to bring his psychology to a conclusion is living proof—it is living proof that we simply do not have a true psychology today. If we had a psychology—a true psychology—we would be able to view certain things differently than they are generally viewed today. And there is one point in particular I would like to emphasize. When we proceed in a scientific manner—formulating scientific facts into laws and then incorporating these laws into our intellect, so that we carry within ourselves, as it were, what has been revealed to us through external observation and experimentation—we notice: The more we distance ourselves from external facts, the more we work, so to speak, purely inwardly with the intellect—which proves so excellent when guided by experiment and observation—the more we continue to work with this intellect, the more we—in other words—enter the realm of the hypothetical, that realm where one seeks through the intellect to elaborate what lies behind these phenomena, the more clearly one feels: One is entering a realm with which, in the long run, one cannot be satisfied. The more one—I would say, freely indulging at first in the kind of thinking that can be applied quite well in scientific research—the more one indulges in this thinking, in this formation of thought hypotheses, the more one arrives at something unsatisfactory. And this unsatisfactoriness manifests itself, fundamentally speaking, throughout the entire course of scientific development.
[ 18 ] Es zeigt sich dadurch, daß wir sehen, wie die mannigfaltigsten Hypothesen aufgestellt worden sind — Hypothesen über das Licht, über die Elektrizitätserscheinungen, über die Schwerkraft und so weiter —, wir sehen, wie diese Hypothesen immer wiederum durch andere abgelöst werden. Und wer sich nicht durchaus auf den Standpunkt stellen will, daß wir es heute «so herrlich weit gebracht» haben, der muß aus diesen Empfindungen, die er gegenüber diesem Aufbauen von Hypothesen haben kann, doch sagen: Die Hypothesen, die in der letzten Zeit ausgebildet worden sind, werden wiederum durch andere abgelöst werden. — Wir sind da gewissermaßen mitten drin, die alte Lichthypothese durch eine andere — von den elektrischen Erscheinungen hergenommene — zu ersetzen. Und wir müssen uns sagen: Wir kommen eben in ein Gebiet hinein, wo wir uns Hypothesen bilden aufgrund dessen, was sich der Verstand gegenüber der sinnlichen Außenwelt aus der äußeren Beobachtung und durch das äußere Experimentieren an Naturgesetzen erringen kann. Wir kommen in ein Gebiet hinein, wo dieser Verstand gewissermaßen an ein Flüssiges gerät, an ein Etwas, das in uns durchaus nicht das Gefühl hervorrufen kann, daß wir mit diesen Verstandesgebilden, die wir da hypothetisch ausbilden und die doch, wenn sie einen Wert haben sollen, diesen Wert nur dann haben, wenn sie auf irgend etwas Reales, auf irgend etwas Seiendes hinweisen, eigentlich doch nicht herankommen können an ein Seiendes.
[ 18 ] This is evident from the fact that we see how the most diverse hypotheses have been put forward—hypotheses about light, about electrical phenomena, about gravity, and so on—and we see how these hypotheses are constantly being replaced by others. And anyone who does not wish to take the position that we have “come so wonderfully far” today must, based on the feelings they may have regarding this process of constructing hypotheses, nevertheless say: The hypotheses that have been developed in recent times will in turn be superseded by others. — We are, so to speak, in the midst of replacing the old light hypothesis with another—one derived from electrical phenomena. And we must tell ourselves: We are entering a realm where we form hypotheses based on what the intellect can grasp about the laws of nature through external observation and experimentation in relation to the sensory external world. We are entering a realm where this intellect, so to speak, encounters something fluid, something that cannot in the least evoke in us the feeling that we can actually approach a being with these intellectual constructs that we are hypothetically forming—constructs which, if they are to have any value, possess that value only if they point to something real, to something that exists, cannot actually come close to anything that exists.
[ 19 ] Und wer nun in wirklicher innerer Empirie, also ausgerüstet mit unbefangener Beobachtung der inneren Seelentatsachen, namentlich des Willens, dasjenige Element in der Seele betrachtet, das die Tatsache der Freiheit einschließt, der findet dies in einem wunderbaren Einklang mit der Unmöglichkeit, zu Hypothesen zu kommen, in welchen noch dieselbe Notwendigkeit steckt, die wir haben, wenn wir mit unserem Denken die Naturerscheinungen klassifizieren und systematisieren. Man empfindet dann: Kommt man mit diesem Denken heran an das Seelenleben und will im Seelenleben nur Hypothesen ausbilden, so schwimmt man gleichsam in einer Flüssigkeit. Man stößt im Seelenleben an nichts Festes. Und das stimmt wunderbar damit überein, daß im Seelenleben derjenige Impuls wurzelt, der sich betätigen kann, ohne daß eine Notwendigkeit in ihm waltet, der sich also frei bewegen kann.
[ 19 ] And whoever, in true inner empiricism, that is, equipped with an unbiased observation of the inner facts of the soul—namely, the will—and who contemplates that element in the soul which encompasses the fact of freedom, will find this to be in marvelous harmony with the impossibility of arriving at hypotheses that still contain the same necessity we encounter when we use our thinking to classify and systematize natural phenomena. One then senses: If one approaches the life of the soul with this kind of thinking and seeks only to formulate hypotheses within it, one is, as it were, floating in a liquid. One encounters nothing solid in the life of the soul. And this harmonizes wonderfully with the fact that rooted in the life of the soul is that impulse which can act without any necessity governing it—which can thus move freely.
[ 20 ] Ich möchte sagen, durch äußere naturwissenschaftliche Forschungen kommen wir zu einer Region unseres Seelenlebens, die uns zeigt: Wenn wir dahinein das Gebiet der Notwendigkeit fortsetzen wollen, so versagt das auch theoretisch; es befriedigt uns auch theoretisch nicht. Wir stoßen auf etwas in unserem Seelenleben, wo Freiheit wurzelt, wo Freiheit durchaus erlebt werden kann. Und wir werden dieses Gebiet der Freiheit nur dann richtig abgrenzen können von dem übrigen Gebiete der uns überschaubaren Welt, wenn wir sehen, daß wir gerade nicht, solange wir in der Notwendigkeit der überschaubaren Welt wandeln, mit dieser Notwendigkeit herankommen können an das, was innerlich erlebt wird, wenn wir im Gebiete der Freiheit sind. Gerade eine Psychologie, meine ich, die der heutigen wissenschaftlichen Exaktheit gewachsen ist, würde hinweisen auf die besondere Art von innerer Befriedigung, die man hat bei dem Hypothesenspiel und bei dem Zusammenklang mit dem, was man nun innerlich, seelisch erlebt, indem man die Tatsache der inneren Freiheit erlebt.
[ 20 ] I would like to say that through external scientific research we arrive at a region of our inner life that shows us: If we want to extend the realm of necessity into this region, it fails even theoretically; it does not satisfy us even theoretically. We encounter something in our inner life where freedom is rooted, where freedom can indeed be experienced. And we will only be able to properly distinguish this realm of freedom from the rest of the world that is comprehensible to us when we realize that, as long as we move within the necessity of the comprehensible world, we cannot use that necessity to approach what is experienced inwardly when we are in the realm of freedom. I believe that a psychology capable of meeting the demands of today’s scientific precision would point to the special kind of inner satisfaction one experiences in the play of hypotheses and in the harmony with what one now experiences inwardly, in the soul, by experiencing the reality of inner freedom.
[ 21 ] Ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam: Ich spreche hier nicht von irgendwelchen Methoden oder irgendwelchen Theorien über die Freiheit, sondern von der Tatsache der Freiheit, die wir einfach auffinden, indem wir uns unbefangen in unser Seelenleben selber vertiefen. Und dann, wenn wir dazu in der Lage sind, wenn wir so, mit echtem naturwissenschaftlichem Geist ausgerüstet, gewissermaßen gegen uns zugehend — nicht nach außen hingehend, sondern gegen uns zugehend — an die Grenze kommen, wo man mit wissenschaftlichem Denken noch ausreicht und wo wir übergehen können zu dem, was in uns erlebbar ist als Freiheit, dann kommen wir heran an die Möglichkeit, die Berechtigung der Anthroposophie zu empfinden. Denn Anthroposophie muß zunächst, indem sie ihren wissenschaftlichen Charakter darlegt, ausgehen von diesem Erlebnis des Nicht-Herankommens an die Freiheit mit dem, was äußerlich zu solch großen theoretischen und praktischen Triumphen geführt hat — mit der Naturwissenschaft.
[ 21 ] I would like to emphasize this point: I am not speaking here of just any methods or theories about freedom, but of the reality of freedom, which we simply discover by immersing ourselves impartially in our own inner life. And then, when we are able to do this—when, equipped with a genuine scientific spirit, we move, as it were, toward ourselves—not outward, but toward ourselves—and reach the limit where scientific thinking is no longer sufficient, and where we can transition to what can be experienced within us as freedom, then we approach the possibility of sensing the validity of anthroposophy. For anthroposophy must first, by demonstrating its scientific character, proceed from this experience of being unable to attain freedom through that which has externally led to such great theoretical and practical triumphs—namely, natural science.
[ 22 ] Nun steht man in diesem Freiheitserlebnis. Steht man aber darinnen nicht mit abstrakten Begriffen, sondern steht man eben innerlich davor, wie vor einer intimer erlebten inneren Tatsache, dann weiß man auch, indem man gewissermaßen die Seele innerlich erlebt, durchströmt, durchpulst mit dem, was als Freiheit erlebt wird: Man kann da zwar nicht hinein mit den Gedanken, die uns die äußeren Naturgesetze geben, aber wir stehen, wenn wir als Mensch uns nun wirklich in das Leben hineinstellen wollen, wenn wir zum Beispiel Ideale haben, wenn wir bekannt sind mit den wahren Anforderungen des Lebens, um da oder dort zuzugreifen im Leben — wir stehen in dieser Sphäre der Freiheit nicht gedankenlos drinnen. Wir stehen drinnen in der Sphäre der Freiheit, indem wir ein freies Denken entwickeln, und wir können kennenlernen das sich im Elemente der Freiheit bewegende Denken, das freie Denken, das zunächst nur eine innere Seelentätigkeit ist, das nicht zum Führer hat äußere Beobachtung, nicht zum Führer hat äußeres Experiment. Das ist als fortschreitender innerer Impuls gewissermaßen selbstschöpferisch in der Seele angelegt. Dieses Denken habe ich in meiner «Philosophie der Freiheit» das reine Denken genannt.
[ 22 ] Now one stands within this experience of freedom. But if one does not stand within it with abstract concepts, but rather stands inwardly before it—as before an intimately experienced inner reality—then one also knows, by, so to speak, experiencing the soul inwardly, as it is permeated and pulsates with what is experienced as freedom: We cannot, admittedly, enter into it with the thoughts provided by the external laws of nature, but when we, as human beings, truly wish to place ourselves within life—when, for example, we have ideals, when we are familiar with the true demands of life, so that we may act here or there in life—we do not stand thoughtlessly within this sphere of freedom. We stand within the sphere of freedom by developing free thinking, and we can come to know the thinking that moves within the element of freedom—free thinking, which is at first merely an inner activity of the soul, guided neither by external observation nor by external experimentation. This is, in a sense, self-creative, laid down in the soul as a progressive inner impulse. I have called this thinking “pure thinking” in my Philosophy of Freedom.
[ 23 ] Dieses Denken bildet gewissermaßen den Inhalt des Bewußtseins, wenn wir dieses Bewußtsein so geschult haben, wie ich es eben jetzt angedeutet habe. Dann aber, wenn wir uns in diesem Denken bewegen, können wir uns erinnern an den Seinsbegriff, an den Begriff der Wirklichkeit, den wir uns angeeignet haben an der äußeren Welt, insbesondere an der wissenschaftlich durchforschten äußeren Welt, wie sie uns die Naturwissenschaft gibt. Nehmen wir auf der einen Seite diesen Realitätsbegriff er braucht zunächst nicht ein besonders klarer zu sein, er kann einfach die Vorstellung sein, die sich in uns festsetzt im unmittelbaren äußeren und auch im wissenschaftlichen Verkehre mit der Außenwelt —, nehmen wir diesen Begriff, diese Vorstellung von der Realität auf der einen Seite, und nehmen wir dasjenige, was wir bewußt erleben, indem wir im freien Denken uns betätigen, dann tritt in unserer Seele etwas auf — ja, ich könnte es Grundgesetz nennen, ich könnte es Erlebnis nennen —, es tritt etwas auf, zu dem man sich innerlich vor sich selbst bekennen muß, indem man sich sagt: Ich denke, im Denken bin ich aber nicht, das heißt, ich bin nicht so, wie ich das Sein an der äußeren Welt kennengelernt habe. Und der bedeutungsvolle Satz tritt vor uns hin: Ich denke, also bin ich nicht.
[ 23 ] This way of thinking, in a sense, constitutes the content of consciousness once we have trained that consciousness as I have just indicated. But then, as we engage in this thinking, we can recall the concept of being, the concept of reality, which we have acquired from the external world—in particular, from the scientifically explored external world as presented to us by the natural sciences. Let us take, on the one hand, this concept of reality—it need not be particularly clear at first; it can simply be the idea that takes root within us through our immediate external and also scientific engagement with the external world—let us take this concept, this idea of reality, on the one hand, and let us take that which we consciously experience as we engage in free thinking; then something arises in our soul—yes, I could call it a fundamental law, I could call it an experience—something arises to which one must inwardly acknowledge before oneself by saying: I think, but I am not in thinking; that is to say, I am not as I have come to know being in the external world. And the significant sentence stands before us: I think, therefore I am not.
[ 24 ] Das hat man zunächst für sein Bewußtsein zu gewinnen, meine sehr verehrten Anwesenden. Und deshalb ist es so schwierig, der Gegenwart auseinanderzusetzen, welches eigentlich der Ausgangspunkt ist für die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, weil ja, wie vielleicht die meisten von Ihnen wissen, die neuere Philosophie noch immer mehr oder weniger bewußt oder unbewußt ausgeht von dem Satze des Descartes: Cogito ergo sum — ich denke, also bin ich. Man geht also aus von dem großen Irrtum, daß man im Denken irgend etwas erfaßt von einer Realität, von einer solchen Realität, wie man sie sich zunächst als Realität vorstellungsgemäß ausgebildet hat. Gestehen muß man sich zunächst: Was auftritt, indem ich denke, denke ich in Freiheit. Das ist das Erlebnis der Nicht-Realität, das ist ein Erlebnis, das zu gleicher Zeit ein Denkerlebnis und ein Willenserlebnis, ein reines Willenserlebnis, ein Begehrenserlebnis ist.
[ 24 ] This is something we must first bring to our consciousness, my esteemed audience. And that is why it is so difficult to explain to people today what is actually the starting point for the scientific nature of anthroposophy, because, as most of you may know, modern philosophy still, more or less consciously or unconsciously, proceeds from Descartes’s maxim: Cogito ergo sum — I think, therefore I am. One thus proceeds from the great error that, in thinking, one grasps something of a reality—a reality such as one has initially formed in one’s imagination as reality. One must first admit: What arises when I think, I think in freedom. This is the experience of non-reality; it is an experience that is at the same time an experience of thought and an experience of will—a pure experience of will, an experience of desire.
[ 25 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, dieses Erlebnis ist von einer ungeheuren Bedeutung für das Seelenleben. Es ist so, daß man sich eigentlich lange meditierend ergehen sollte in diesem Erlebnis, bis wir gewissermaßen unser Ich ausgehöhlt empfinden, wenn wir uns vor uns selbst gestehen: Ich denke, und in diesem Denken lebt mein Ich. Es ist so, wie wenn ich hinschaue auf eine farbige Wand, in deren Mitte ein schwarzer Kreis ist. Da ist Dunkelheit, da ist kein Licht. Ich sehe dennoch den schwarzen Kreis. Ich sehe innerhalb des Lichtes den schwarzen Kreis. Wenn ich zum Selbstbewußtsein komme im gewöhnlichen Leben und mir im Selbstbewußtsein gestehe: Indem ich denke, blicke ich nicht in eine Realität, ich blicke, wenn ich mich so ausdrücken darf, in den schwarzen Kreis hinein; in das Nicht-Licht blicke ich hinein, das die Dunkelheit ist. Ich glaube, daß ich eigentlich mich erblicke, weil innerhalb meines Bewußtseinsinhaltes das Ich ausgespart ist. Eben weil innerhalb meines Bewußtseinsinhaltes ein Nichts ist und ich dieses Nicht-Sein in dem Sein erblicke, deshalb halte ich mich zunächst in dem gewöhnlichen Denken für ein Ich. Dieses ist eine fundamentale Tatsache der Psychologie und Philosophie. Daß allerdings vielleicht noch mancherlei Wasser den Rhein hinunterrinnen wird, bevor die Philosophen sich einlassen auf diese Analyse, die dazu notwendig ist, um — nun, ich kann die Sache hier nur andeuten, ich kann nur hinweisen auf das, was da ist. Es kann noch manches in ganz langen psychologisch-philosophischen Darlegungen auseinandergesetzt werden, bis endlich eine solche Analyse gemacht wird.
[ 25 ] Ladies and gentlemen, this experience is of immense significance for the life of the soul. The fact is that we should actually spend a long time meditating on this experience until, so to speak, we feel our “I” hollowed out, when we admit to ourselves: “I think, and my ‘I’ lives in this thinking.” It is as if I were looking at a colored wall with a black circle in the middle. There is darkness there; there is no light. Yet I still see the black circle. I see the black circle within the light. When I come to self-consciousness in ordinary life and admit to myself in that self-consciousness: “By thinking, I am not looking into a reality; I am looking, if I may put it that way, into the black circle; I am looking into the non-light, which is darkness.” I believe that I actually perceive myself because the “I” is absent from the content of my consciousness. Precisely because there is a nothingness within the content of my consciousness, and I perceive this non-being within being, I initially regard myself as an “I” in ordinary thinking. This is a fundamental fact of psychology and philosophy. However, a great deal of water will likely flow down the Rhine before philosophers engage in this analysis, which is necessary in order to—well, I can only hint at the matter here; I can only point to what is there. Much can still be discussed in very lengthy psychological and philosophical treatises until such an analysis is finally carried out.
[ 26 ] Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, ist man einmal darauf gekommen, daß man eigentlich in dem «Ich denke» zunächst in das Leere der Innenwelt blickt, ist man darauf gekommen, daß sich da etwas betätigt von dem, was willensartiger Natur ist, dann ist man an dem rechten Ausgangspunkte dessen, was nun an innerlichem methodisch-anthroposophischem Forschen auftreten kann. Und diese innerlichen methodisch-anthroposophischen Forschungen bestehen darin: Ausgehend von dem, was man an der Natur des Denkens in der Freiheitssphäre innerlich erlebt hat, was man dann erforscht hat an dem «Ich denke, also bin ich nicht» im Sinne des Seins der Wesen außen, indem man das hat auf sich wirken lassen, indem man, ich möchte sagen dieses Atom des Willensseins innerlich erfaßt hat, kann man dann in der Seelenstimmung sein, von der jene Meditation ausgeht, die man braucht, um zu einer wirklichen inneren Anschauung zu kommen.
[ 26 ] You see, ladies and gentlemen, once one has realized that in the “I think” one is actually gazing into the emptiness of the inner world, once one has realized that something of a volitional nature is at work there, then one has reached the proper starting point for what can now emerge in the form of inner, methodical anthroposophical research. And these inner, methodical, anthroposophical investigations consist in the following: Starting from what one has inwardly experienced regarding the nature of thinking in the sphere of freedom—what one has then explored in the statement “I think, therefore I am not” in the sense of the existence of beings outside oneself—by allowing this to take effect upon oneself, by, I would say, by inwardly grasping this atom of volitional being, one can then be in the soul mood from which arises the meditation needed to arrive at a true inner intuition.
[ 27 ] Mögen die Menschen das, was da als anthroposophische Methode auftritt, verketzern und in einer gewissen Weise vor der Menschheit dadurch entstellen, daß sie es so darstellen, als ob es im schlechten Sinne irgend etwas Minderwertiges wäre, wie man das oftmals so «minderwertig» nennt auf dem Gebiete der Experimente, des Pragmatismus und so weiter — auf all den Gebieten des mannigfaltigen Aberglaubens mögen die Menschen, wie gesagt, all das entstellen, was der Geistesforscher sich da ausbildet, indem er von einem feststehenden philosophischen Untergrund ausgeht das, was da an Methode, an meditativen Methoden entwickelt wird, das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist nichts anderes als eine Fortbildung derjenigen inneren Seelenkräfte, die wir haben, wenn wir mathematisieren, und deren Anwendung in der äußeren Naturforschung so große, so bedeutsame Resultate zeitigte. Hat man das gelernt, was im Mathematisieren in der Seele als Tätigkeit da ist, hat man sich in diese eigentümliche, wissenschaftlich gebildete Schaffensform hineingelebt, dann kann man sie weiter ausbilden, indem man gewissermaßen das nachbildet, was in unserem Gedächtnis auftritt, so daß wir an diesem Gedächtnis zunächst eine Art Leitimpuls für unser Leben haben. Wir haben diese Leitimpulse für unser Leben deshalb als Leitimpulse, weil ja das, was von einem bestimmten Punkte des Erlebens in unserer Kindheit als äußere Erlebnisse aufgetreten sind, sich verwandelt in innere Erlebnisse. Wir können gewissermaßen immer aus den unergründlichen Seelentiefen Partien dessen, was wir erlebt haben, in Bildern heraufholen. Wir können aber auch unterscheiden zwischen dem lebendigen Drinnenstehen im Erlebnisse, wie wir es etwa vor zehn Jahren gehabt haben, und dem Heraufholen dessen, was damals erlebt worden ist. Und seien die Bilder noch so lebendig — das Wesentliche in diesem Gedächtnisleben ist doch, daß wir das, was wir vorübergehend erleben, vorstellungsgemäß zu einem Dauernden in uns machen, allerdings zu einem solchen Dauernden, daß wir zunächst nicht bestimmen können, was da unten im Seelenleben — oder vielleicht auch im organischen Leben — vor sich geht. Wir können aber wieder bestimmen, was wir vor uns haben, wenn wir aus diesen Tiefen dasjenige im Bilde heraufholen, was wir erlebt haben.
[ 27 ] People may denounce what is presented as the anthroposophical method and, in a certain sense, distort it in the eyes of humanity by portraying it as if it were, in a negative sense, something inferior—as is often said “inferior” in the fields of experimentation, pragmatism, and so on—in all these realms of manifold superstition, may people, as I said, may they distort all that the spiritual researcher cultivates by proceeding from a firm philosophical foundation—what is developed there in terms of method, of meditative methods—that, my esteemed audience, is nothing other than a further development of those inner soul forces we possess when we engage in mathematical thinking, and whose application in external natural science has yielded such great, such significant results. Once one has learned what is present in the soul as an activity during mathematical reasoning, once one has immersed oneself in this unique, scientifically cultivated form of creativity, then one can further develop it by, so to speak, recreating what arises in our memory, so that we initially have in this memory a kind of guiding impulse for our lives. We have these guiding impulses for our lives precisely because what arose as external experiences from a particular point in our childhood is transformed into inner experiences. In a sense, we can always draw up from the unfathomable depths of the soul fragments of what we have experienced in the form of images. But we can also distinguish between the vivid, immersive experience of being right in the midst of an event—as we might have been, say, ten years ago—and the act of recalling what was experienced at that time. And no matter how vivid the images may be—the essential aspect of this life of memory is that we transform what we temporarily experience into something enduring within us through our imagination, though into such an enduring state that we cannot initially determine what is taking place down there in the life of the soul—or perhaps even in organic life. But we can once again determine what we have before us when we bring up from these depths, in the form of an image, what we have experienced.
[ 28 ] Leben wir uns nun ein in die Art und Weise, wie wir ein Gedächtnisbild haben, wie wir recht anschaulich ein Gedächtnisbild in uns haben, wenn wir uns durch längere Zeit an etwas erinnern, was wir erlebt haben, so lernen wir an diesem «Haben» eines Gedächtnisbildes das, was zur Meditation, zur grundlegenden Meditation der anthroposophischen Forschungsmethode notwendig ist. Da ist notwendig, daß wir eine leicht überschaubare Vorstellung in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins stellen, und es ist ganz gleichgültig, ob sie sich auf irgend etwas Äußerliches bezieht oder ob sie nur innerlich geformt ist, meinetwillen selbst aus der Phantasie heraus. Es kommt auf den Wahrheitsgehalt der Vorstellung zunächst nicht an, es kommt aber darauf an, daß wir sie leicht überschauen können. Das alles habe ich beschrieben in Bezug auf diese anthroposophische Forschungsmethode in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in der «Geheimwissenschaft» und in anderen Büchern; da habe ich beschrieben die Art und Weise, wie man sich genau so, wie man das im Mathematisieren macht, hineinbegibt in diese Form der meditativen Vorstellung, in diese Art der meditativen Vorstellung in der Seele.
[ 28 ] Let us now reflect on the way in which we possess a mental image—how vividly we hold a mental image within us when we recall, over a longer period of time, something we have experienced. Through this “possession” of a mental image, we learn what is necessary for meditation—for the fundamental meditation of the anthroposophical research method. It is necessary that we place a clearly comprehensible mental image at the center of our consciousness, and it makes no difference whether it relates to something external or whether it is formed solely internally—even, for my part, from the imagination. The truth content of the mental image is not initially important; what matters is that we can easily grasp it. I have described all of this in relation to this anthroposophical method of research in my books How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, in Esoteric Science, and in other works; there I have described the way in which one enters into this form of meditative imagination—this kind of meditative imagination within the soul—in exactly the same way as one does when doing mathematics.
[ 29 ] Da werden Sie es dann absurd finden, wenn jemand diese über das Mathematisieren noch hinausgehende, durch und durch von Willen durchzogene Seelentätigkeit mit irgend etwas Halluzinatorischem oder mit irgend etwas Unterbewußtem vergleicht. Das ist ja gerade der Grund, warum so viel gegeben wird auf eine mathematische Vorbereitung für die Anthroposophie, weil man dadurch erkennen lernt, wie man freie Hand hat im Hervorbringen von Vorstellungen und dem Festhalten der Vorstellungen im Bewußtsein. Und wer da sagt, das, was Anthroposophie bezwecke an innerem Willen, könne Halluzination sein, der geht — entweder absichtlich oder weil er nicht kann — nicht ein auf die ganze Art und Weise, wie nun dieses meditative Leben eigentlich besorgt wird, wie darauf gehalten wird, daß man zunächst, um ja nicht irgendwie Reminiszenzen aus dem Unterbewußtsein heraufzuholen, leicht überschaubare Vorstellungen in sein Bewußtsein hineinversetzt. Dadurch aber übt man eine Tätigkeit aus- durch innere Kraft, mit Anstrengung des Willens —, die man sonst nur anhand der äußeren Tatsachen ausübt, denn sonst geht man anhand der äußeren Tatsachen und Erlebnisse weiter und läßt anhand dieser äußeren Tatsachen und Erlebnisse das Vorstellungsleben verlaufen. Jetzt aber macht man sich von jenen äußeren Tatsachen und Erlebnissen frei — ich kann hier nur das Prinzipielle andeuten, das Genauere finden Sie in den genannten Büchern —, jetzt kommt es darauf an, die Vorstellungen durch inneren Willen festzuhalten und so dauernd eine Seelentätigkeit hervorzurufen, die sich sonst nur an äußeren Tatsachen entzündet und im Inneren des Menschen, gebunden an das äußere Dasein, verläuft. Dadurch aber, daß man ein solches Meditieren immer weiter und weiter ausbildet, dadurch, daß man jahrelang sich darin übt, Vorstellungen, die leicht überschaubar sind, zu dauernden zu machen, dadurch, daß man auf diese Weise kennenlernt jene Seelentätigkeit, die das über das gewöhnliche Sein hinausgehobene Denken losreißt von dem Leiblichen, dadurch erhebt man sich zu dem, was ich in den genannten Büchern dargestellt habe als imaginatives Erkennen.
[ 29 ] You will then find it absurd if someone compares this activity of the soul—which goes beyond mere mathematization and is thoroughly permeated by the will—to anything hallucinatory or subconscious. That is precisely why so much emphasis is placed on mathematical preparation for anthroposophy—because through it one learns to recognize how one has a free hand in bringing forth ideas and holding them fast in consciousness. And anyone who says that what anthroposophy aims for in terms of inner will could be a hallucination is — either intentionally or because they are unable to — fail to grasp the entire manner in which this meditative life is actually practiced, how care is taken to ensure that, in order to avoid bringing up any reminiscences from the subconscious, one first introduces easily comprehensible ideas into one’s consciousness. Through this, however, one exercises an activity—through inner strength, with an effort of the will—that one would otherwise exercise only on the basis of external facts, for otherwise one proceeds on the basis of external facts and experiences and allows one’s imaginative life to unfold on the basis of these external facts and experiences. Now, however, one frees oneself from those external facts and experiences—I can only hint at the principle here; you will find more details in the books mentioned— now what matters is to hold onto the images through inner will and thus continually evoke a soul activity that is otherwise kindled only by external facts and unfolds within the human being, bound to external existence. But by developing such meditation further and further—by practicing for years to transform easily comprehensible images into lasting ones— and by coming to know in this way that activity of the soul which, through thinking elevated beyond ordinary existence, detaches the mind from the physical—in this way one rises to what I have described in the aforementioned books as imaginative cognition.
[ 30 ] Keine phantasievollen Vorstellungen, keine phantastischen Vorstellungen! Imaginatives Erkennen ist ein Erfülltsein des Bewußtseins mit Bildern, die in derselben Weise in der Seele anwesend sind wie die mathematischen Gestaltungen und Formeln. Und in diesem freien Handhaben der übersinnlichen Wirklichkeit, die man von jeder [physischen] Realität ebenso unterscheidet, wie man das Dreieck, welches man mit der Kreide auf die Tafel aufgezeichnet hat, als ein bloßes Symbolum mit vollem inneren Bewußtsein [von dem rein geistigen Begriff des Dreiecks] unterscheidet. Indem man in diesem imaginativen Leben der Seele nun selber etwas verharren kann, kommt man dazu, tatsächlich das Seelenleben kennenzulernen als etwas, was sich losreißen kann vom Leibe. Wir sind im gewöhnlichen Leben so — das lernt man erst dann recht erkennen, wenn man solche Übungen macht —, daß unser Leben gebunden ist an das Nervensystem und an den sonstigen Organismus. Wir sehen, daß, unabhängig vom Organismus, das Seelisch-Geistige in sich selber verläuft, und daß sich das Seelisch-Geistige mit Bildern erfüllen kann. Dadurch erst lernt man das meditative Leben kennen. Diese Bilder sind durchaus so wie die Gedächtnisbilder — nicht wie die Halluzinationen. Es ist nicht wahr, daß man mit so etwas wie Halluzinationen oder Visionen erfüllt ist, wenn man anthroposophisch forscht, sondern man lernt gerade an dem Dasein des Gedächtniswesens das Neuartige, die neue Art des Inhaltes kennen, in welcher die Bilder des imaginativen Erkennens oder imaginativen Bewußtseins auftreten. Aber man weiß auch, daß man jetzt nicht mehr sagen kann, wenn diese Bilder auftreten: Ich imaginiere, also bin ich nicht — wie man es beim Denken sagen kann.
[ 30 ] No fanciful notions, no fantastical notions! Imaginative cognition is a filling of consciousness with images that are present in the soul in the same way as mathematical figures and formulas. And in this free handling of the supersensible reality—which one distinguishes from every [physical] reality just as one distinguishes the triangle drawn with chalk on the blackboard as a mere symbol from the full inner awareness [of the purely spiritual concept of the triangle]. By being able to dwell for a time within this imaginative life of the soul, one comes to truly know the life of the soul as something that can detach itself from the body. In ordinary life—and one only truly recognizes this when one engages in such exercises—our life is bound to the nervous system and the rest of the organism. We see that, independent of the organism, the soul-spiritual unfolds within itself, and that the soul-spiritual can fill itself with images. Only through this does one come to know the meditative life. These images are entirely like the images of memory—not like hallucinations. It is not true that one is filled with something like hallucinations or visions when engaging in anthroposophical research; rather, it is precisely through the existence of the memory faculty that one comes to know the novelty, the new kind of content in which the images of imaginative cognition or imaginative consciousness arise. But one also knows that when these images arise, one can no longer say: “I am imagining, therefore I am not”—as one might say in the case of thinking.
[ 31 ] Jetzt begegne ich, indem ich zum Imaginieren aufsteige, in einer merkwürdigen Weise dem, was ich zuerst in der Außenwelt kennengelernt habe — ich begegne der Notwendigkeit. Ich kann im Imaginieren meine Bilder bilden, aber ich kann sie nicht gegenüber einer neuen Welt, die jetzt auftritt, in einer beliebigen Weise hin- und herwürfeln. Ich sehe mich nach und nach gedrängt, diese Bilder, die da bei mir auftreten im imaginativen Leben, auf eine neue Welt, die ich da kennenlerne, auf eine geistige Welt zu beziehen. Ich lerne erkennen: Ich muß dieses Bild, das ich zunächst vorbereitet habe, als eine Frage irgendeiner Tatsache der geistigen Welt gegenüberstellen und komme durch dieses Bild, das ich mir ja aufgebaut habe, in einen Zusammenhang mit dieser Welt hinein. Ich gelange durch die bewußt hergestellten Bilder des Imaginierens an eine geistige Welt heran, wie ich durch die Bilder, die meine Augen erzeugen, oder die Tonbilder, die meine Ohren herstellen, zum Wechselverkehr mit der sinnlichen Außenwelt komme. Diese letzteren Bilder, die ja erzeugt werden in Auge und Ohr, werden ohne meine Willkür erzeugt. Was in der Imagination als Bildwelt erzeugt wird, das wird allerdings nach einer solch eingehenden Schulung erlangt, wie ich es eben in den genannten Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und so weiter dargestellt habe. Aber man erlangt dadurch eine Möglichkeit, der geistigen Welt etwas entgegenzuhalten an innerer Betätigung, genauso wie unsere Sinne in der Augentätigkeit, in der Ohrentätigkeit der äußeren, natürlichen Welt etwas entgegenhalten können, damit wir von ihr Bilder erhalten. Was uns also die geistigen Welterkenntnisse erschließen soll, das muß erst in uns entwickelt werden, das muß erst aus den Tiefen der Seele heraufgeholt werden. Und das geschieht in der ersten Stufe des übersinnlichen Erkennens, in dem imaginativen Bewußtsein. Aber es ist bedeutsam, daß wir da eben hineinkommen in eine Art von Notwendigkeit. Und wir lernen jetzt erst um so mehr dasjenige erkennen, was eigentlich Freiheit ist.
[ 31 ] Now, as I rise to the realm of imagination, I encounter in a strange way what I first came to know in the external world—I encounter necessity. In my imaginative life, I can form my own images, but I cannot simply shuffle them back and forth at will in relation to a new world that is now emerging. I find myself gradually compelled to relate these images, which arise within me in the life of imagination, to a new world that I am coming to know—to a spiritual world. I come to realize: I must set this image, which I have initially prepared, in relation to some fact of the spiritual world, and through this image—which I have, after all, constructed myself—I enter into a connection with that world. Through the consciously created images of imagination, I approach a spiritual world, just as I enter into interaction with the sensory external world through the images produced by my eyes or the sound images produced by my ears. These latter images, which are produced in the eye and ear, arise independently of my will. What is produced in the imagination as a world of images, however, is attained only after such thorough training as I have just described in the aforementioned books How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and so on. But through this, one gains the ability to hold forth something from inner activity toward the spiritual world, just as our senses—through the activity of the eyes and the ears—can hold forth something toward the external, natural world so that we may receive images from it. What is to be revealed to us through knowledge of the spiritual worlds must first be developed within us; it must first be drawn up from the depths of the soul. And this takes place in the first stage of supersensible cognition, in imaginative consciousness. But it is significant that we enter into a kind of necessity here. And it is only now that we learn all the more to recognize what freedom actually is.
[ 32 ] Sehen Sie, wer halluziniert oder Visionen hat, der erzeugt aus seinem Leibe heraus Bilder. Er folgt nur einer inneren Notwendigkeit, einer inneren Nötigung. Wer in der Phantasie lebt, erzeugt aus seiner Seele heraus Bilder. Er ist sich mehr oder weniger bewußt, wie er diese Bilder erzeugt. Und wenn er ein gesund veranlagter Mensch ist und kein Wahnsinniger, dann weiß er, daß er in einer unwirklichen Phantasiewelt lebt. Was man im imaginativen Bewußtsein erzeugt, von dem weiß man — weil das gewöhnliche, normale Bewußtsein, das Bewußtsein, das sich in Freiheit erlebt, vorhanden bleibt —, daß man im imaginativen Bewußtsein die Bilder selber gestaltet, wie man in der Mathematik die Formel selber gestaltet, durch die man die Wirklichkeit begreift. Aber man weiß auch, daß man, wenn man hineinkommt in die geistige Welt, durch diese Bilder eine geistige Welt ergreift. Man sieht also, daß man als Mensch mit dem gewöhnlichen äußeren Bewußtsein diesen Vorgang begreifen kann. Wir haben in dem gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft die Möglichkeit, uns die Freiheit zu erringen — und das, weil man sich ja mit dem bloß bildlichen Vorstellen, das nicht in der Realität ist, sagen muß: Ich denke, also bin ich nicht — cogito ergo non sum. Wenn man mit diesem Denken seine Freiheit ausbildet und wiederum zurückblickt in die geistige Welt, so blickt man zurück in eine Welt, in der jene Notwendigkeit herrscht, die man zuerst an der Außenwelt kennengelernt hat. In der Außenwelt geht man von der Notwendigkeit der Tatsachen aus. Man rückt auf in ein Denken, wo gewissermaßen die Freiheit zurückstößt die Sicherheit des inneren Denkens.
[ 32 ] You see, those who hallucinate or have visions create images from within their own bodies. They are merely following an inner necessity, an inner compulsion. Those who live in the realm of fantasy create images from within their soul. They are more or less aware of how they create these images. And if they are a person of sound mind and not a madman, then they know that they are living in an unreal fantasy world. One knows about what one creates in imaginative consciousness—because ordinary, normal consciousness, the consciousness that experiences itself in freedom, remains present—that in imaginative consciousness one shapes the images oneself, just as in mathematics one shapes the formula oneself through which one comprehends reality. But one also knows that when one enters the spiritual world, one grasps a spiritual world through these images. One sees, then, that as a human being with ordinary external consciousness, one can grasp this process. In ordinary life and in ordinary science, we have the opportunity to attain freedom—and this is because, when dealing with mere pictorial imagination, which is not in reality, one must say to oneself: I think, therefore I am not—cogito ergo non sum. If one develops one’s freedom through this kind of thinking and then looks back into the spiritual world, one looks back into a world in which that very necessity prevails that one first came to know in the external world. In the external world, one proceeds from the necessity of facts. One advances to a mode of thinking in which, so to speak, freedom pushes back against the certainty of inner thought.
[ 33 ] Man geht aus von diesem freien Denken zum Imaginieren, das aber auch Anspruch darauf macht, ein Sein zu haben, und kommt so wieder in eine Welt der Notwendigkeit. Man kommt allerdings auf eine innere Weise wieder in diese Notwendigkeit hinein. Man lernt auf diese Art vor allen Dingen dasjenige wirklich durchschauen, von dem so vielfach gesprochen wird, was einem aber eigentlich immer in einer gewissen nebulosen, schlecht mystischen Weise entgegentritt. Lernt man nämlich dieses imaginative Bewußtsein erkennen, von dem ich gesprochen habe, dann ist Selbstbeobachtung überhaupt erst möglich. Ich möchte sagen, dasjenige, was früher vom Ich aus Stützpunkt war, wenn man ins Nicht-Ich sah, das beginnt sich etwas zu erhellen. Da dringt Wille hinein und beginnt etwas zu erfassen. Und man fühlt sich auch wieder in einer Welt der Notwendigkeit. So gelangt man zum Selbstbewußtsein.
[ 33 ] From this free thinking, one moves on to imagination, which, however, also claims to have a being of its own, and thus returns to a world of necessity. One returns to this necessity, however, in an inner way. In this way, one learns above all to truly see through that which is so often spoken of, but which actually always confronts one in a certain nebulous, pseudo-mystical way. For if one learns to recognize this imaginative consciousness of which I have spoken, then self-observation becomes possible at all. I would say that what used to serve as a point of reference from the “I” when one looked into the “not-I” begins to become somewhat clearer. Will penetrates this and begins to grasp something. And one also feels oneself once again in a world of necessity. In this way, one attains self-consciousness.
[ 34 ] Setzt man seine Übungen fort, so kommt man namentlich zu einer solchen Übung, wo man die Bilder ebenso, wie man sie heraufkommen fühlt, wiederum verschwinden machen kann. Und das muß man, sonst bleibt man eben nicht Herr darüber, sondern man wird Visionär und nicht Geistesforscher. Kommt man dazu, die Bilder wieder aus dem Bewußtsein tilgen zu können, kommt man zur völligen inneren Willensbetätigung in dieser Bilderwelt, so daß man das Bild auch wiederum austilgen kann, dessen Werden man in der Seele erlebt hat, tritt ein, was ich die zweite Stufe — das inspirierte Bewußtsein — genannt habe. Bitte stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck — man muß ja Ausdrücke als technische Hilfsmittel gebrauchen. Er wurde eben gebraucht im analogen Sinne, in Anlehnung an alte Ausdrücke, aber es ist durchaus eine neue Tatsache, eine selbsterforschte Tatsache damit gemeint; das neue, das inspirierte Bewußtsein ist damit gemeint. Und mit diesem steht man jetzt drinnen in der geistigen Realität. Und steht man in der geistigen Realität so drinnen, daß man sie wie um sich hat, wirklich jetzt um sich hat eine Welt von geistigen Wesenheiten, dann erblickt man auch die eigene Seele in ihrer wahren Wesenheit. Dann wird einem das, was die Anthroposophie schildert als wiederholte Erdenleben, eine unmittelbare Tatsache. Und man schaut immer mehr die Seele, wie sie von Leben zu Leben geht, mit dem dazwischen befindlichen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt — man sieht diesen Gang der Seele. Man hat das Vorstellen gewissermaßen erweitert, so daß es sich im Grunde genommen, nach innen gerichtet, umgekehrt bewegen kann, wie sich sonst das gedächtnismäßige Vorstellen bewegt.
[ 34 ] If one continues one’s exercises, one eventually arrives at a stage where one can make the images disappear just as one feels them arising. And one must do this; otherwise, one does not remain in control of them, but instead becomes a visionary rather than a researcher of the spirit. Once one reaches the point where one can erase the images from consciousness again, and achieves complete inner exercise of the will within this world of images—so that one can also erase the image whose formation one has experienced in the soul—what I have called the second stage—inspired consciousness—begins. Please do not take offense at the term—after all, one must use terms as technical aids. It was simply used in an analogous sense, drawing on old terms, but what is meant by it is an entirely new reality, a reality discovered through self-exploration; what is meant is the new, inspired consciousness. And with this, one now stands within spiritual reality. And when one stands so deeply within spiritual reality that one is surrounded by it—truly surrounded now by a world of spiritual beings—then one also beholds one’s own soul in its true essence. Then what anthroposophy describes as repeated earthly lives becomes an immediate reality. And one increasingly observes the soul as it passes from life to life, including the intervening period between death and a new birth—one sees this journey of the soul. One has, so to speak, expanded one’s imagination so that, directed inward, it can essentially move in the opposite direction to how memory-based imagination normally moves.
[ 35 ] Fragen wir uns: Wie bewegt sich das gedächtnismäßige Vorstellen? — Wie gesagt, da haben wir zuerst das Erlebnis: Wir sind mit der Außenwelt im Zusammenhange; wir leben uns mit unserem ganzen Menschen hinein in irgendein Ereignis der Außenwelt. Das spricht zu unseren Willensimpulsen, also besser gesagt, das spricht zu unserem Gefühl; das spricht auch zu unseren Vorstellungen. Wir leben mit unserem ganzen Menschen darinnen. Wir strengen uns vielleicht sogar physisch an, indem wir das Erlebnis haben. Kurz, mit dem ganzen Menschen leben wir darinnen. Dadurch taucht diese Seele, indem wir unsere Vorstellungen haben, in die Tiefe hinunter, und im Bilde können wir es wiederum hervorholen. Wir können sagen: Im gewöhnlichen Erleben schreiten wir vor vom äußeren Erlebnis zum gewöhnlichen Gedächtnis dadurch, daß die äußeren Bilder eine gewisse innere Metamorphose durchmachen. Im Meditieren, welches in anthroposophischer Forschung vorliegt, gehen wir den umgekehrten Weg. Wir lernen zuerst das Bild haben, das nicht an ein äußeres Erlebnis, nicht an unterbewußte Reminiszenzen anknüpfen darf, und lernen fortschreiten — jetzt nicht zu einem äußeren Erlebnis, sondern zu einem übersinnlichen Erlebnis, auch zu denjenigen Erlebnissen, die da liegen vor unserer Geburt beziehungsweise vor unserer Empfängnis. Wir lernen auf diese Weise die Präexistenz der Seele, das geistige Sein der Seele, kennen, wie wir sonst nur das kennenlernen, was uns die äußeren Erlebnisse gebracht haben bis zu einem gewissen Punkte in unserer Kindheit. Es ist das umgekehrte Erlebnis, das uns aber zu geistigem Erleben führt, wo wir vom Bilde ausgehen und zu dem Erlebnis aufsteigen. Und wenn wir zu gleicher Zeit eine gewisse Selbstzucht üben, namentlich eine solche Selbstzucht, die immer mehr und mehr sich hineinlebt in äußeres Handeln aus dem heraus, was wir im gewöhnlichen Leben als das Liebesgefühl kennen, dann lernen wir in objektiver Weise erkennen, wo wir aus den Aufgaben, die uns die Außenwelt gibt, in Liebe unsere Tätigkeit entwickeln können. Lernen wir dieses Leben kennen in der Außenwelt, dann wird auch das Fortschreiten vom Bild zur Wirklichkeit nach langer Übung allmählich so sein, daß wir von dem imaginativen durch das inspirierte zu dem intuitiven Bewußtsein vorschreiten, das heißt wir lernen, in der inneren Objektivität, in der inneren Notwendigkeit der geistigen Welt drinnenstehen.
[ 35 ] Let us ask ourselves: How does mental imagery work? — As I said, we first have the experience: We are connected to the external world; we immerse ourselves, with our whole being, in some event of the external world. This speaks to our impulses of will—or rather, it speaks to our feeling; it also speaks to our concepts. We live within it with our whole being. We may even exert ourselves physically as we have this experience. In short, we live within it with our whole being. Through this, as we form our concepts, our soul plunges into the depths, and we can bring it back up again in the form of an image. We can say: In ordinary experience, we proceed from external experience to ordinary memory through the fact that external images undergo a certain inner metamorphosis. In meditation, as practiced in anthroposophical research, we take the reverse path. We first learn to have an image that must not be linked to an external experience or to subconscious reminiscences, and we learn to proceed—not now toward an external experience, but toward a supersensible experience, including those experiences that lie before our birth or, rather, before our conception. In this way, we come to know the pre-existence of the soul, the spiritual being of the soul—something we would otherwise only come to know through the external experiences we have had up to a certain point in our childhood. It is the reverse experience, but one that leads us to spiritual experience, where we start from the image and ascend to the experience. And if, at the same time, we practice a certain self-discipline—namely, a self-discipline that increasingly manifests itself in external action stemming from what we know in ordinary life as the feeling of love—then we learn to recognize objectively where, through the tasks the external world presents to us, we can develop our activity in love. If we come to know this life in the external world, then—after long practice—the progression from image to reality will gradually take the form of advancing from imaginative consciousness through inspired consciousness to intuitive consciousness; that is, we learn to stand within the inner objectivity and inner necessity of the spiritual world.
[ 36 ] Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, in der Naturforschung geht man von der Notwendigkeit aus. Man geht gewissermaßen so an den Menschen heran, daß man im Denken nur insofern etwas beitragen kann, als man das, was man äußerlich naturwissenschaftlich erforscht hat, innerlich bewahrt und sich sagen kann, um im rechten Sinne Mensch zu sein: Du trägst etwas in dir, das mit dem Wesen der ganzen Welt zusammenhängt. — Aber man kommt, indem man den Versuch macht, mit jenem Denken an den Menschen heranzukommen, das ganz außerordentlich gut anzuwenden ist draußen in der Naturforschung, im äußeren Leben, in ein Gebiet — ich habe das charakterisiert, lesen Sie es nach in meiner «Philosophie der Freiheit» —, wo man nicht mehr weiterkann. Die Hypothesen werden unsicher.
[ 36 ] You see, my esteemed audience, in the natural sciences one proceeds from the premise of necessity. In a sense, one approaches humanity in such a way that one can contribute something in thought only to the extent that one internally preserves what one has externally investigated through the natural sciences and can say to oneself, in order to be human in the true sense: You carry within you something that is connected to the essence of the entire world. — But in attempting to approach human beings with that kind of thinking—which is extraordinarily well-suited for application out there in the natural sciences, in external life—one enters a realm—I have characterized this; you can read about it in my Philosophy of Freedom—where one can go no further. The hypotheses become uncertain.
[ 37 ] Aber wenn man das ausbildet, was auf dem Gebiete der Freiheit erlebt werden kann, dringt man auf einem umgekehrten Wege ein in die Objektivität des Geistes. Und da kann einem so recht zu Hilfe kommen, wenn man im Goetheschen Sinne — wie das in seinen naturwissenschaftlichen Schriften ausgeführt ist — das Denken nicht dazu verwendet, Hypothesen auszuspinnen, sondern nur die Phänomene zusammenzustellen.
[ 37 ] But when one cultivates what can be experienced in the realm of freedom, one penetrates the objectivity of the spirit by a reverse path. And this can be of great help if, in the Goethean sense—as explained in his scientific writings—one uses thinking not to spin out hypotheses, but merely to compile phenomena.
[ 38 ] Wenn man Phänomene zusammenstellt, lernt man erkennen, wie man heranzutreten hat an diese Welt. Man kommt so nicht zum Gebiet der Atome — nicht zu Atomen, nicht zu Elektronen und so weiter, die bis zu einem gewissen Grade berechtigt sind, soweit eben die äußere Erscheinung in Betracht kommt. Man kommt auf diese physikalisch-naturwissenschaftliche Betrachtungs- und Forschungsart eben nur an die äußeren Erscheinungen heran. Wenn man diese dagegen rein als Phänomene darstellt, dann kann man so zu dem hinter dem Phänomen Stehenden vordringen — zu dem wir selbst in unserem ewigen Wesenskern gehören —, daß man in das Imaginative, Inspirative, Intuitive aufsteigt. Und dadurch, meine sehr verehrten Anwesenden, gelangt man im Grunde genommen auch dazu, eine gewisse Selbsterkenntnis zu gewinnen, das zu realisieren, was man in der Selbstbeobachtung fordert. Man lernt, indem man das imaginative Bewußtsein entwickelt, in sich hineinzuschauen. Worauf beruht denn das Gedächtnis? Es beruht gewissermaßen darauf, daß wir das, was wir an der Außenwelt erleben, auffangen im Bilde — nicht so, wie es zum Beispiel in den ersten Tagen unserer Kindheit der Fall ist — da ist es in die Organisation hinunterversetzt —, sondern so, daß es sich spiegelt, daß es gewissermaßen an unserer Organisation eine Spiegelwand hat und daß wir es auffangen, indem wir uns erinnern, in dem Gedächtnisbilde des Erlebnisses. Indem wir so das Gedächtnis entwickeln, das wir brauchen zum gesunden sozialen und wissenschaftlichen Leben, überwinden wir auf der anderen Seite durch anthroposophische Forschung die Bindung an die physische Organisation. Allerdings muß dabei immer das gewöhnliche Bewußtsein dasein; nicht wie beim Halluzinieren darf es sein, sondern wer zum imaginativen Bewußtsein aufsteigt, der ist immer zu gleicher Zeit ein vernünftiger Mensch, der hat daneben immer das gewöhnliche Bewußtsein. Das ist es eben, was das imaginative Vorstellen, das inspirierte Vorstellen durchaus vom Halluzinieren unterscheidet. In dem, was der Körper hervorbringt, leben Halluzinationen, leben Visionen, so daß wir es, wenn wir aus dem Körper heraus körperliche Bilder entwickeln, mit Visionen, Halluzinationen zu tun haben. Wenn wir aus der Seele heraus Bilder komponieren, haben wir es mit Phantasiegestaltungen zu tun; wenn wir aus dem Geiste heraus, den wir ergreifen, indem wir uns frei vom Leib, rein geistig-seelisch betätigen lernen, Bilder komponieren, die wir uns vorstellen, dann ist das eine geistige Realität. Also, der Körper ist es, der die Bilder hervorbringt, indem er zu Halluzinationen und Visionen kommt. Die Seele komponiert Bilder, indem sie zu Phantasien, nicht zu visionären Bildern, gelangt. Der Geist in uns komponiert Bilder, indem er herantritt an die geistigen Realitäten.
[ 38 ] When one brings phenomena together, one learns to recognize how to approach this world. One does not thereby reach the realm of atoms—not atoms, not electrons, and so on, which are valid to a certain extent, insofar as external appearances are concerned. This physical-scientific approach to observation and research only allows one to approach the outer appearances. If, on the other hand, one presents these purely as phenomena, then one can penetrate to what lies behind the phenomenon—to which we ourselves belong in our eternal core of being—in such a way that one ascends into the imaginative, the inspirational, and the intuitive. And through this, ladies and gentlemen, one ultimately also comes to gain a certain self-knowledge, to realize what is required in self-observation. By developing imaginative consciousness, one learns to look within oneself. On what, then, is memory based? It is based, so to speak, on the fact that we capture what we experience in the external world in the form of an image—not in the way it happens, for example, in the early days of our childhood — where it is transferred down into the physical organization — but rather in such a way that it is reflected, that it has, so to speak, a mirror surface in our physical organization, and that we capture it by remembering it in the memory image of the experience. By developing memory in this way—the memory we need for a healthy social and scientific life—we simultaneously overcome, through anthroposophical research, our attachment to the physical organism. However, ordinary consciousness must always be present in this process; it must not be like hallucination, but whoever ascends to imaginative consciousness is always, at the same time, a rational person who also possesses ordinary consciousness. This is precisely what distinguishes imaginative perception—and inspired perception—from hallucination. Hallucinations and visions live within what the body produces, so that when we develop physical images from within the body, we are dealing with visions and hallucinations. When we compose images from the soul, we are dealing with figments of the imagination; when we compose images from the spirit—which we grasp by learning to act freely from the body, purely in a spiritual-soul manner—and imagine them, then this is a spiritual reality. Thus, it is the body that produces images by giving rise to hallucinations and visions. The soul composes images by giving rise to fantasies, not to visionary images. The spirit within us composes images by approaching spiritual realities.
[ 39 ] Wenn wir aber in uns den Blick zurückrichten, so sehen wir jetzt gewissermaßen durch den Spiegel hindurch, so wie wir, wenn wir einen realen Spiegel hätten und ihn durchstoßen oder etwas von dem Belag wegnehmen würden, durch den Spiegel hindurchsehen könnten. Und da tritt uns im Inneren nicht das entgegen, wovon die nebulosen Mystiker schwätzen; da tritt uns etwas ganz anderes entgegen, denn die Seele hat mancherlei erlebt, bis sie sich da in dem Innern mit irgendeiner Gottheit zu vereinen glaubt. Sie sprechen von den göttlichen Manifestationen im Ich. Sie sprechen von irgend etwas, was sie da erträumen. Wer aber mit wirklicher Geisteswissenschaft in sein Inneres eindringt, kommt zu etwas ganz anderem. Er kommt dazu, gerade dasjenige materiell zu sehen, was ihm sonst seelisch gegeben ist. Sonst ist ihm seelisch gegeben sein Denken, sein Fühlen, sein Wollen, sein Wünschen, seine Begehrungen; jetzt sieht er durch alles das hindurch, was er doch mehr oder weniger mit dem Gedächtnis zusammenhängend empfindet, und er sieht in die eigentliche innere Gesetzmäßigkeit seines Organismus hinein. Er lernt seinen Organismus kennen. Er wird nicht faseln und schwafeln von dem, wovon nebulose Mystiker faseln und schwafeln, sondern er redet von der eigentlichen Natur der Leber, der Lunge, des Magens, die er durch inneres Schauen kennenlernt. Er kann sein inneres Schauen hinzufügen zu dem, was die gewissenhafte äußerlich-physikalische Anatomie gibt. Da sehen Sie die Möglichkeit, zu einer wirklichen Wissenschaft der Pathologie aufzusteigen. Da sehen Sie, wie diejenige Geisteswissenschaft, die sich nicht zu nebuloser, zu faseliger Mystik hinwendet, sondern die von exakten Methoden ausgeht, wirklich sich hineinbegeben kann in das ganze Gebiet der Wissenschaften. Ja, man lernt noch viel mehr kennen. Vor allen Dingen erkennt man, daß selbst bei den ja selbstverständlich so großartig klingenden Mystikern, selbst bei der heiligen Therese oder bei Mechthild von Magdeburg, daß da eben im Grunde genommen körperlich abnorme Zustände mitspielen. Man lernt erkennen, wie abnorme, sagen wir Leber-, Milzfunktionen und so weiter dasein können, aus denen aufsteigen aus einem unvollkommenen, unharmonischen Funktionieren diejenigen Bilder, die wir in der Mystik sonst so bewundern.
[ 39 ] But when we turn our gaze inward, we now see, as it were, through the mirror—just as we would be able to see through a real mirror if we were to pierce it or remove some of its coating. And what we encounter within is not what those nebulous mystics ramble on about; something quite different confronts us there, for the soul has experienced many things before it believes itself to be united with some deity within. They speak of divine manifestations in the “I.” They speak of something they dream up there. But whoever penetrates into their inner being through genuine spiritual science arrives at something entirely different. He comes to see, in a material sense, precisely what is otherwise given to him in the soul. Ordinarily, his thinking, feeling, willing, wishing, and desires are given to him in the soul; now he sees through all of this—which he perceives, to a greater or lesser extent, in connection with memory—and he sees into the actual inner laws governing his organism. He comes to know his organism. He will not ramble and ramble on about what nebulous mystics ramble and ramble on about, but rather he speaks of the actual nature of the liver, the lungs, and the stomach, which he comes to know through inner vision. He can add his inner vision to what conscientious external physical anatomy provides. There you see the possibility of advancing to a true science of pathology. There you see how that spiritual science which does not turn to nebulous, rambling mysticism, but which proceeds from exact methods, can truly penetrate the entire realm of the sciences. Yes, one learns much more. Above all, one recognizes that even in the case of the mystics—who, of course, sound so magnificent—even in the case of Saint Teresa or Mechthild of Magdeburg, there are, in essence, physically abnormal conditions at play. One learns to recognize how abnormal—let’s say, liver or spleen functions and so on—can give rise, through imperfect, disharmonious functioning, to those images that we otherwise so admire in mysticism.
[ 40 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Erkenntnis ist eine Sache, der gegenüber man nicht zurechtkommt mit Lebensvorurteilen, und wären sie noch so schön. Ich glaube, für den, der sich unbefangen in die Erkenntnis einleben kann, gibt es ein tieferes Hineinschauen in die Untergründe des Daseins, denn er weiß, wie der menschliche Organismus «auskocht» solch Schönes, wie es einem entgegentritt in den edelsten Gestalten, nämlich in einer heiligen Therese oder eben der Mechthild von Magdeburg, wenn sie sich mystisch schwärmend in Nebel ergehen und von allerlei träumen, was da aus dem Inneren rein seelisch-geistig aufsteigen soll. Das ist das Merkwürdige: daß wir durch Selbstbeobachtung zu der Materialität des menschlichen Organismus vorwärtsschreiten. Das wird immer mehr unterscheiden die exakte Anthroposophie von allem Faseln und Schwafeln von innerer Mystik, nämlich daß sie nicht ins Nebulose hineinführt, sondern in Wirklichkeiten. Sie lehrt das, was nicht durch die äußere Anatomie entwickelt werden kann, denn was man aus der äußeren Physiologie und Anatomie kennenlernen kann, ist nur die eine Seite; sie zeigt in dieser Weise, daß die Seele präexistent ist. Sie zeigt, wie diese Seele aus ihrem umfassenderen Sein herunterwirkt, um das, was im Mutterleibe geformt wird, aus dem Geistigen heraus zu gestalten. So entsteht aus der geistigen Welt heraus das Reale. Wir tauchen unter in das Gebiet der Wirklichkeit, indem wir meditativ vorwärtsdringen.
[ 40 ] My dear friends here today! Knowledge is something that cannot be approached with preconceived notions about life, no matter how beautiful they may be. I believe that for those who can open themselves to knowledge with an unbiased mind, there is a deeper insight into the foundations of existence, for they know how the human organism “brews” such beauty as we encounter in the noblest figures—namely, in a Saint Teresa or even Mechthild of Magdeburg—when, in mystical rapture, they lose themselves in the mist and dream of all manner of things that are meant to rise from within, purely in a soul-spiritual sense. This is what is remarkable: that through self-observation we advance toward an understanding of the materiality of the human organism. This is what will increasingly distinguish exact anthroposophy from all the rambling and ronsom of inner mysticism—namely, that it does not lead into nebulosity, but into realities. It teaches what cannot be developed through external anatomy, for what one can learn from external physiology and anatomy is only one side of the story; in this way, it shows that the soul is pre-existent. It shows how this soul works down from its more comprehensive being to shape, out of the spiritual, that which is formed in the womb. Thus the real arises from the spiritual world. We delve into the realm of reality as we advance through meditation.
[ 41 ] Indem wir in der Naturwissenschaft von der Außenwelt an den Menschen herantreten und indem die geisteswissenschaftlich-anthroposophische, die volle Menschenerkenntnis gegen das Naturgebiet hin geht, ergibt sich uns das, was den Menschen erleben läßt jenen Zusammenklang von Geist und Materie, den er erleben muß, wenn er voll im entsprechenden Sinne Mensch sein will. Er kommt an den Punkt, wo er aus einem inneren Drange heraus — eigentlich vom inneren Fühlen und Wollen aus- unmittelbar hinüberschreitet zum Erkennen. Es geht daraus hervor, daß wir ohne dieses Erkennen uns immer genötigt sehen, zu appellieren an eine atomistische Welt, und daß wir so nicht wirklich an das Innere des Materiellen herankommen. Lernen wir immer mehr das Materielle erkennen, dann lernen wir auch die Natur des Geistigen äußerlich erkennen. Wir lernen wirklich, jene Brücke zu schlagen, welche uns erkennend führt vom Geist zur Materie, von der Materie zum Geist. Wir brauchen nicht zu glauben, daß es damit möglich sei, auf einmal alle Weltenrätsel zu lösen. Schwachmütige Naturen mögen vielleicht sagen: Das Leben des heutigen Menschen muß ein tragisches sein, kommt er doch unweigerlich an Grenzen des Erkennens, die ihn die Weltenrätsel als unlösbar erscheinen lassen. — So ist es nicht. Wenn wir in dieser Weise aufsteigen und das geistige Leben kennenlernen, wie es wirklich ist, wie es gewissermaßen blitzartig in uns hineinschießt und wie auf der anderen Seite die materielle Welt uns wieder entgegentritt, wenn wir mit wirklichem Erkenntnisvermögen der Welt entgegentreten, dann lernen wir im Grunde genommen, indem wir aufsteigen zu einer solchen Erkenntnis, nicht etwas erleben, was uns von vornherein ins Faulbett trägt gegenüber dem Erkennen, sondern wir lernen den Kampf erkennen, in den wir hineinverwoben sind als Menschen. Der Mensch sieht, wie er draußen lebt in den Kämpfen geistiger Welten und Wesenheiten, wie er durch die sittliche Welt, die religiöse Welt an diesem Kampf teilnimmt, wie er das soziale Leben herausholt aus diesem Kampf. Er lernt etwas kennen, was die innere Seelenverfassung nicht sozusagen veroberflächlicht im Lösen der Weltenrätsel, was sie im Gegenteil vertieft.
[ 41 ] In the natural sciences, as we approach the human being from the external world, and in the spiritual-anthroposophical sciences, as our full understanding of the human being extends toward the realm of nature, we come to understand what enables human beings to experience that harmony between spirit and matter which they must experience if they are to be fully human in the proper sense. Human beings reach a point where, out of an inner impulse—actually out of inner feeling and will—they step directly into knowledge. It follows from this that without this knowledge, we are always compelled to resort to an atomistic worldview, and that in this way we cannot truly penetrate to the inner essence of the material world. As we learn to recognize the material world more and more, we also learn to recognize the nature of the spiritual world externally. We truly learn to build that bridge which, through understanding, leads us from spirit to matter, and from matter to spirit. We need not believe that this makes it possible to solve all the world’s mysteries at once. Those of a timid disposition might say: The life of modern man must be a tragic one, for he inevitably encounters limits to his understanding that make the world’s mysteries seem unsolvable. — That is not the case. When we ascend in this way and come to know spiritual life as it truly is—how it, so to speak, flashes into us like a bolt of lightning, and how, on the other hand, the material world confronts us once more—when we face the world with true cognitive capacity, then, in essence, as we ascend to such understanding, we do not experience something that lulls us into complacency from the outset with regard to knowledge; rather, we learn to recognize the struggle into which we, as human beings, are woven. Human beings see how they live out there amid the struggles of spiritual worlds and beings, how they participate in this struggle through the moral world and the religious world, and how they draw social life out of this struggle. They come to know something that does not, so to speak, trivialize the inner state of the soul in the unraveling of the world’s mysteries, but rather deepens it.
[ 42 ] Und das, meine sehr verehrten Anwesenden, will im Grunde genommen Anthroposophie. Sie ist der Weg, der Naturwissenschaft entgegenzukommen. Wer vom naturwissenschaftlichen Standpunkte aus oder — an die Naturwissenschaft anschließend — vom philosophischen Standpunkte aus Anthroposophie bekämpfen will, kämpft gegen Windmühlen, denn auf all das, was von Naturwissenschaft in berechtigter Weise vorgebracht wird, geht Anthroposophie ein; da kann sie dem, was durch eine solche Naturwissenschaft und eine solche Philosophie errungen werden kann, durch volle Erkenntnis nur entgegenkommen. Man hat diese volle Erkenntnis aber nicht gewollt. Durch lange Zeiten hindurch hat es das neuere Geistesleben, das neuere Zivilisationsleben zu dem gebracht, was da bekannt geworden ist in der letzten Zeit als Agnostizismus. Immer wieder und wieder haben diejenigen Denker, die nicht zu einer Fortbildung des Denkens kommen wollten, die sich nicht in die Welt des Imaginativen, Inspirierten und Intuitiven begeben wollten, von einem Ignorabimus geredet und damit etwas vor die Menschen so hingestellt — was eben bezeichnend ist —, daß es als ein Nicht-Erkennbares, Nicht-Durchschaubares gelten muß. Weil aber der Mensch immerfort weiß, ich bin Geist, ich bin Seele, so müßte er eigentlich in der Lage sein, den geistigen Ursprung zu unterscheiden von der nebulosen Mystik und dergleichen. Von alledem, was im wahrsten Sinne des Wortes Aberglaube ist auf den verschiedenen Gebieten des Lebens, von alledem liegt die Ursache nicht in der nach Klarheit trachtenden, nach exakter Naturwissenschaft trachtenden Anthroposophie, sondern der Ursprung von dem liegt bei dem Ignorabimus, in dem Agnostizismus. Diese schufen den «faseligen» Mystizismus. Gerade das Ignorabimus führt zum Agnostizismus, weil der Mensch den Geist immerfort suchen muß. Vom Ignorabimus und vom Agnostizismus gehen alle nebulosen Bewegungen aus.
[ 42 ] And that, my esteemed audience, is essentially what anthroposophy aims to do. It is the path toward reconciling with the natural sciences. Anyone who seeks to oppose anthroposophy from the standpoint of natural science—or, building upon natural science, from a philosophical standpoint—is tilting at windmills; for anthroposophy engages with everything that natural science rightly puts forward; in this way, it can only meet what such natural science and such philosophy have achieved with full understanding. But this full understanding was not sought. Over long periods of time, modern intellectual life and modern civilization have led to what has become known in recent times as agnosticism. Time and again, those thinkers who did not wish to develop their thinking further—who did not wish to enter the world of the imaginative, the inspired, and the intuitive—have spoken of an “ignorabimus,” thereby presenting something to people—which is precisely significant—that must be regarded as unknowable and inscrutable. But because human beings always know, “I am spirit, I am soul,” they should actually be able to distinguish the spiritual origin from nebulous mysticism and the like. Of all that which is, in the truest sense of the word, superstition in the various spheres of life, the cause of all this does not lie in anthroposophy—which strives for clarity and for exact natural science—but rather its origin lies in “Ignorabimus,” in agnosticism. These gave rise to “nonsensical” mysticism. It is precisely “Ignorabimus” that leads to agnosticism, because human beings must constantly seek the spirit. All nebulous movements stem from “Ignorabimus” and agnosticism.
[ 43 ] Anthroposophie will nicht Nebel, Anthroposophie will Licht sein, Anthroposophie will die Fortsetzung desjenigen Lichtes sein, das sie selber als ein die Menschheit forttragendes, wirklich geistiges Licht auch anerkennt in der modernen Naturwissenschaft. So sieht sie selber die Beziehungen zwischen moderner Naturwissenschaft, moderner Philosophie und ihr selbst als Anthroposophie.
[ 43 ] Anthroposophy does not seek to be a fog; anthroposophy seeks to be light; anthroposophy seeks to be the continuation of that light which it itself recognizes—as a truly spiritual light that carries humanity forward—even in modern natural science. This is how it views the relationships between modern natural science, modern philosophy, and itself as anthroposophy.
