The Relationship of Anthroposophy to Natural Science
Foundations and Methods
GA 75
2 November 1921, Basel
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The Relationship of Anthroposophy to Natural Science, tr. SOL
5. Anthroposophie und Wissenschaft
5. Anthroposophy and Science
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Anthroposophie, wie sie gepflegt werden soll im Goetheanum in Dornach, findet heute noch die mannigfaltigsten Gegner — Gegner, die mit ihren Anschauungen auf dem Boden des KirchlichTheologischen stehen, sogar von künstlerischer Seite her hat sich manche Gegnerschaft gezeigt, namentlich auch Gegnerschaften, die nicht immer von durchaus sachlichen Ausgangspunkten ausgehen und aus den verschiedensten Parteirichtungen und aus den verschiedensten Gebieten des sozialen Lebens heraus kommen. Mit all diesen Gegnerschaften werde ich mich, meine sehr verehrten Anwesenden, heute nicht befassen, sondern dasjenige, was ich mir heute zur Aufgabe setzen möchte, soll einzig und allein sein eine Art von Behandlung der Mißverständnisse und Gegnerschaften, die der anthroposophischen Forschung von wissenschaftlicher Seite entgegengebracht werden. Denn es ist meine Überzeugung, daß, obgleich es durchaus notwendig erscheint, sich gegen die verschiedenen anderen Gegnerschaften zu wenden, diese von selbst nach und nach verschwinden, wenn die Auseinandersetzung zwischen Anthroposophie und Wissenschaft einmal in diejenigen Formen gebracht sein wird, welche notwendig sind, damit gegenwärtige offizielle Wissenschaft und Anthroposophie sich wirklich verstehen können. Augenblicklich ist ja die Lage so, daß durchaus gerade von wissenschaftlicher Seite her der anthroposophischen Forschung die größten Mißverständnisse entgegengebracht werden.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anthroposophy, as it is to be practiced at the Goetheanum in Dornach, still faces a wide variety of opponents today — opponents whose views are rooted in ecclesiastical-theological grounds; opposition has even arisen from the artistic sphere, notably opposition that does not always stem from strictly objective starting points and originates from the most diverse political factions and the most varied spheres of social life. Ladies and gentlemen, I will not address all of these forms of opposition today; rather, the task I have set for myself today is solely to address the misunderstandings and opposition that anthroposophical research faces from the scientific community. For it is my conviction that, although it seems absolutely necessary to address the various other forms of opposition, these will gradually disappear of their own accord once the debate between anthroposophy and science has been brought into the forms necessary for contemporary official science and anthroposophy to truly understand one another. At present, the situation is such that the greatest misunderstandings regarding anthroposophical research come precisely from the scientific community.
[ 2 ] Einleitend möchte ich aber betonen, daß die von mir vertretene anthroposophische Forschungsmethode — denn nur so möchte ich sie eigentlich nennen — durchaus auf wissenschaftlichem Boden stehen will und daß sie alle ihre Auseinandersetzungen so einrichten möchte, daß dieser wissenschaftliche Boden mit Ausschluß jeder Art von Dilettantismus und so weiter möglich werde. Der Ausgangspunkt für die anthroposophische Forschungsmethode ist ja ein solcher, daß den wissenschaftlichen Anforderungen und der ganzen wissenschaftlichen Gesinnung der neueren Zeit dabei Rechnung getragen worden ist. Anthroposophie stellt sich eben durchaus nicht von sich aus in irgendeine wirkliche Gegnerschaft zu der heutigen Wissenschaft, sondern sie möchte im Gegenteil das aufgreifen, was seit drei bis vier Jahrhunderten, insbesondere aber im 19. Jahrhundert und bis heute im Laufe der neueren Zivilisationsentwicklung heraufgekommen ist an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, an exakten wissenschaftlichen Methoden, wie sie sich namentlich auf dem Boden der Naturwissenschaft ergeben haben. Obzwar sie überall hinausgehen muß über die Ergebnisse und auch über das Gebiet der eigentlichen Naturwissenschaft, so wie sie heute gewöhnlich gemeint wird, möchte sie das, was zugrunde liegt als wissenschaftliche Disziplinierung, als wissenschaftliche Methoden, durchaus auch in die innere Erziehung zur anthroposophischen Methode aufnehmen. Ich werde heute nicht einen grundlegenden Vortrag halten können, sondern werde nur gewisse Punkte berühren, um dann gewissermaßen einige Verbindungslinien zu den heute wissenschaftlich anerkannten Gebieten hinüberziehen zu können.
[ 2 ] To begin with, however, I would like to emphasize that the anthroposophical research method I advocate—for that is really the only way I would like to call it—aims to stand firmly on scientific ground, and that it seeks to structure all its inquiries in such a way that this scientific foundation becomes possible, while excluding any form of dilettantism and so on. The starting point for the anthroposophical research method is, after all, one that takes into account the scientific requirements and the entire scientific mindset of modern times. Anthroposophy does not, in and of itself, place itself in any real opposition to contemporary science; on the contrary, it seeks to build upon what has emerged over the past three to four centuries, but especially in the 19th century and up to the present day in the course of modern civilization’s development—in terms of scientific rigor and precise scientific methods, as they have emerged particularly within the realm of the natural sciences. Although it must go beyond the findings and even the scope of natural science proper—as it is commonly understood today—it seeks to incorporate what underlies it—scientific rigor and scientific methods—into the inner training in the anthroposophical method. I will not be able to give a comprehensive lecture today, but will merely touch upon certain points in order to draw, so to speak, some connecting lines to the fields that are scientifically recognized today.
[ 3 ] Was zunächst von der Anthroposophie in Anspruch genommen wird, sind ja besondere Erkenntnismethoden — Erkenntnismethoden, welche abweichen von dem, was heute allgemein als gewöhnliche Erkenntnismethoden gilt, was aber doch ganz organisch aus diesen herauswächst. Man nimmt eben heute durchaus an, daß man wissenschaftlich nur forschen kann, wenn man sich auf den Boden einer Erkenntnis stellt, wie sie sich nun einmal im gewöhnlichen Leben ergibt, nachdem man eine heute normale Schulerziehung durchgemacht hat und sich dann experimentierend, beobachtend und im materialistischen Sinne denkend an die verschiedenen Gebiete des äußeren Naturdaseins mit Einschluß des Menschen heranbegibt.
[ 3 ] What anthroposophy initially claims to offer are, after all, specific methods of knowledge—methods that differ from what is generally regarded today as ordinary methods of knowledge, yet which grow quite organically out of them. It is widely accepted today that one can only conduct scientific research by standing on the ground of knowledge as it arises in everyday life—after having undergone a standard school education—and then approaching the various realms of external natural existence, including human beings, through experimentation, observation, and materialistic thinking.
[ 4 ] Auf diesem Boden kann Anthroposophie eben nicht stehen, sondern sie geht davon aus, daß es möglich ist, daß man geradeso, wie man von der frühesten Kindheit an die seelischen Fähigkeiten erst heranbildet bis zu dem, was man heute normale Seelenverfassung nennt oder was man als solche ansieht, weitere Erkenntnisfähigkeiten dadurch ausbildet, daß man von dieser sogenannten normalen Seelenverfassung aus sein Seelenleben — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — nun frei, selbständig in die Hand nimmt. Und durch diese Erkenntnisfähigkeiten ist man dann in der Lage, tiefere Einblicke in das Natur- und Menschendasein, in die Welterscheinungen zu gewinnen, als das ohne solche besonders entwickelten Fähigkeiten möglich ist. Solche Fähigkeiten werden nun nicht etwa in einer willkürlichen Handhabung des Seelenlebens entwickelt, sondern sie werden in ganz systematischer Weise entwickelt, nur daß man es nicht zu tun hat mit einer Ausbildung gewisser äußerer Handhabungen, mit der Anwendung der von der gewöhnlichen Logik anerkannten Denkgesetzmäßigkeiten, sondern mit der Entwicklung des intimen Seelenlebens selbst.
[ 4 ] Anthroposophy simply cannot stand on this ground; rather, it assumes that it is possible—just as just as one develops the soul’s faculties from earliest childhood up to what is today called a “normal” state of mind—or what is regarded as such—one can further develop faculties of knowledge by taking one’s soul life—if I may use that expression—freely and independently into one’s own hands from this so-called “normal” state of mind. And through these cognitive faculties, one is then able to gain deeper insights into the nature of the natural world and human existence, into the phenomena of the world, than is possible without such specially developed faculties. Such faculties are not developed through some arbitrary manipulation of one’s inner life, but rather in a thoroughly systematic manner—except that this does not involve training in certain external techniques or the application of the laws of thought recognized by ordinary logic, but rather the development of the inner life itself.
[ 5 ] Nur andeuten kann ich die Methoden, die da zur Entwicklung solcher übersinnlichen Seelenfähigkeiten angewendet werden. Ich habe in meinen verschiedenen Büchern, namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft», ausführliche Schilderungen gegeben, wie da der Mensch vorgehen kann, um aus den tiefen Untergründen des Seelenlebens heraus zu solchen Fähigkeiten zu kommen, durch die man eben — wenn ich mich trivial ausdrücken darf — mehr zu sehen vermag, als man mit dem gewöhnlichen, intellektuellen Denken, mit dem Experimentieren und Beobachten erforschen kann.
[ 5 ] I can only hint at the methods used to develop such extrasensory soul abilities. In my various books—notably in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in the second part of my Occult Science, I have provided detailed descriptions of how a person can proceed to attain, from the deep recesses of the soul life, such abilities through which one is able—if I may put it trivially—to see more than can be explored through ordinary, intellectual thinking, experimentation, and observation.
[ 6 ] Die erste Stufe einer solchen Erkenntnis habe ich genannt das imaginative Erkennen. Mit diesem imaginativen Erkennen ist nun nicht etwa gemeint, daß man entwickeln soll die Fähigkeit, sich Einbildungen, Phantasmen in die Seele hereinzuzüchten, sondern es ist gemeint gegenüber dem gewöhnlichen abstrakten Erkennen ein bildhaftes Erkennen, das man eben einfach braucht, um die wirklichen Geheimnisse des Daseins zu erforschen. Dieses bildhafte Erkennen, es wird — wie gesagt, ich kann nur das Prinzipielle andeuten —, so erlangt, daß man in langer Seelenarbeit — allerdings, es hängt von den individuellen Fähigkeiten ab, der eine braucht lange, der andere nur kurze Zeit —, versucht, ein Meditatives bis zur Steigerung der inneren Seelenfähigkeiten anzuwenden. Dieses meditative Leben besteht darin, daß man zum Beispiel — wie gesagt, das weitere ist geschildert in den genannten Büchern —, leicht überschaubare Vorstellungen, Vorstellungen also, die man entweder im Augenblicke bildet, so daß man sie in allen ihren Einzelheiten überschauen kann, oder die man sich von irgend jemandem, der kundig ist in solchen Dingen, geben läßt, daß man solche Vorstellungen mit aller Kraft anwesend sein läßt im gewöhnlichen Bewußtsein, daß man also gewissermaßen alle Seelenfähigkeiten konzentriert auf solche leicht überschaubaren Vorstellungen.
[ 6 ] I have called the first stage of such cognition “imaginative cognition.” By “imaginative cognition,” I do not mean that one should develop the ability to cultivate imaginings or phantasms within the soul; rather, I mean a pictorial form of cognition—as opposed to ordinary abstract cognition—that is simply necessary for exploring the true mysteries of existence. This pictorial cognition—as I said, I can only hint at the principles—is attained through prolonged inner work—though this depends on individual abilities; for some it takes a long time, for others only a short time—in which one attempts to apply a meditative practice to the point of enhancing one’s inner spiritual capacities. This meditative life consists, for example—as I said, the rest is described in the books mentioned— taking easily comprehensible mental images—that is, images that one either forms in the moment, so that one can take in all their details, or that one receives from someone knowledgeable in such matters—and allowing these images to be fully present in one’s ordinary consciousness with all one’s strength, thus, in a sense, concentrating all one’s spiritual faculties on such easily comprehensible mental images.
[ 7 ] Was wird dadurch erreicht? Nun, ich möchte das, was dadurch erreicht wird, durch einen Vergleich ausdrücken. Wenn jemand die Muskeln seines Armes fortwährend anwendet, namentlich wenn er sie anwendet in einer ganz bestimmten, systematischen Weise, dann werden ihm Kräfte für diese Muskeln zuwachsen. Wenn jemand in einer solchen Weise die Seelenfähigkeiten anwendet, daß er sie konzentriert auf ein selbstzugeteiltes Ziel, auf einen selbst zugeteilten inneren Seeleninhalt, dann werden die Seelenkräfte als solche erstarken, werden erkraften. Und dadurch kommt man in die Lage — wie gesagt, man muß solche Übungen lange machen —, dadurch kommt man in die Lage, innerlich, ohne jetzt Rücksicht zu nehmen auf äußere Sinneseindrücke, eine solche Seelenstärke zu entwickeln, wie sie sonst nur angewendet wird gegenüber den äußeren Sinneseindrücken selbst.
[ 7 ] What is achieved by this? Well, I would like to illustrate what is achieved by means of a comparison. If someone continually exercises the muscles of their arm—especially if they exercise them in a very specific, systematic way—then strength will develop in those muscles. If someone exercises their soul faculties in such a way that they concentrate them on a goal they have set for themselves, on an inner soul content they have chosen for themselves, then the soul powers as such will grow stronger and gain strength. And through this—as I said, one must practice such exercises for a long time—one is enabled to develop, inwardly and without regard to external sensory impressions, a strength of soul that is otherwise applied only in response to the external sensory impressions themselves.
[ 8 ] Die äußeren Sinneseindrücke sind konkret, bildhaft. Jeder, der eine gewisse Selbstbesinnung hat, weiß, daß er eine größere Intensität seines Seelenlebens entwickelt, wenn er in den äußeren Sinneseindrücken lebt, als wenn er in abstrakten Vorstellungen oder in Erinnerungen lebt, wenn er also in demjenigen lebt, was ihm bleibt, wenn er seine Wahrnehmungsfähigkeit abwendet von dem äußeren Sinnesleben und sich eben nur auf sein Seelisches als solches beschränkt, so wie es, ich möchte sagen als ein Nachhall, als eine Nachwirkung entsteht durch die lebendigen, gesättigten äußeren Sinneseindrücke. Worauf es ankommt, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eben, daß das innere Seelenleben so verstärkt wird, daß man in dieser inneren Erkraftung etwas haben kann, was man sonst eigentlich im gegenwärtigen Menschenleben zwischen Geburt und Tod nur haben kann, wenn man der Stärke der äußeren Sinneseindrücke hingegeben ist. Man gelangt dadurch zu einem bildhaften Vorstellen, zu einem Vorstellen, das tatsächlich abweicht von dem gewöhnlichen abstrakten Vorstellen — sagen wir, wenn wir wissenschaftlich reden wollen, von jenem Vorstellen, durch das man sich auf Grundlage von Beobachtung und Experiment Naturgesetze zur Anschauung bringt. Man gelangt dazu, innerlich so zu erstarken, daß man nicht nur ein solches Denken, ein solches inneres Seelenleben hat, wie es zum Beispiel im Erfassen der Naturgesetze ist, sondern wie es im Erfassen äußerer Bildlichkeit ist. Man gelangt zu innerer Bildhaftigkeit des Vorstellens. Man gelangt dazu, nicht bloß in Gedanken abstrakter Art zu denken, sondern in inneren Bildern zu leben.
[ 8 ] External sensory impressions are concrete and vivid. Anyone who possesses a certain degree of self-reflection knows that they develop a greater intensity of inner life when they live within external sensory impressions than when they live within abstract ideas or memories—that is, when they live within what remains with them after they turn their powers of perception away from external sensory life and limit themselves solely to their inner life as such, just as it arises—I would say—as an echo, as an aftereffect of the vivid, rich external sensory impressions. What matters, ladies and gentlemen, is precisely that the inner life of the soul is strengthened to such an extent that, through this inner fortification, one can have something that, in ordinary human life between birth and death, one can otherwise only have when one is surrendered to the power of external sensory impressions. Through this, one arrives at a pictorial imagination—an imagination that actually differs from ordinary abstract thinking—let us say, if we wish to speak scientifically, from that kind of thinking through which one gains insight into the laws of nature on the basis of observation and experiment. One comes to be so strengthened inwardly that one possesses not only a mode of thinking and an inner life of the soul such as is found, for example, in the grasping of the laws of nature, but also such as is found in the grasping of external imagery. One attains an inner pictorial quality of imagination. One comes to think not merely in abstract thoughts, but to live in inner images.
[ 9 ] In dem Augenblicke, wo man nun solch ein entwikkeltes inneres Anschauungsvermögen charakterisiert, wird sogleich geltend gemacht: Ja, Anthroposophie will etwas entwickeln, was man eigentlich kennt als untergeordnete Seelenfähigkeiten, als Seelenfähigkeiten, die halb oder ganz — wie man es nun nehmen will — in das Pathologische hinüberspielen.— Und weiter sagt man: Wer in einer solchen Weise sein inneres Anschauungsvermögen erkraftet, so daß ihm die Fähigkeit erwächst, zu inneren Bildern zu kommen, ohne daß er diese Bilder aus der äußeren Sinneswelt aufnimmt, der gibt sich hin einer Fähigkeit, die gleich ist mit der halluzinatorischen Fähigkeit, mit der Fähigkeit, sich allerlei pathologische Phantasmen einzubilden und dergleichen. — Und es ist ja in der Tat von Vertretern der heutigen Wissenschaften immer wieder eingewendet worden, daß man das, was da die Anthroposophie als ihr inneres Schauen in Bildern behauptet, zurückführen müsse auf unterdrückte Nervenkräfte, die dann in dem entsprechenden Momente durch das intensivierte innere Leben aus dem Inneren aufsteigen, so daß man eigentlich in diesen Bildern nichts anderes habe als ein unterdrücktes Nervenleben. Diejenigen Vertreter der Wissenschaft, die das anthroposophische Schauen in dieser Art verwechseln mit — im trivialen Leben so genannten — Halluzinationen, die haben sich eben doch nicht gründlich beschäftigt mit dem, was eigentlich das anthroposophische Schauen in Wirklichkeit ist. Erstens könnte man ja solchen Einwendungen damit begegnen, daß man aufmerksam macht, wie Anthroposophie überall darauf hält, daß sie in bezug auf das, was die äußere Naturwissenschaft behandelt, genau ebenso streng vorgeht wie diese Naturwissenschaft selbst und zu ihren wichtigsten Vorbereitungen das nimmt, was anerkannte naturwissenschaftliche Methoden sind, daß sie nur von diesen aufsteigt, so daß man also eigentlich nicht davon sprechen dürfte, daß derjenige, der auf dem wahren Boden der Anthroposophie steht, etwa Anzeichen davon an den Tag legen würde, daß er sich einem Schauen hingibt wie irgendein beliebiges Medium oder irgendein beliebiger Phantast. Man wird nicht erleben, daß ein beliebiges Medium oder ein beliebiger Phantast sich streng auf den Boden naturwissenschaftlicher Forschung stellt und diese zum Ausgangspunkte nimmt und das, was dann Schauen werden soll, gerade hervorgehen lassen will aus diesen strengen naturwissenschaftlichen Methoden. Aber davon will ich ja gar nicht einmal reden, sondern ich möchte darauf aufmerksam machen, daß Anthroposophie eine gründlichere, exaktere Denkmethode fordert, als eigentlich gewöhnlich in solchen Einwendungen zutage tritt oder angewendet wird.
[ 9 ] The moment one characterizes such a developed capacity for inner perception, the following objection is immediately raised: Yes, anthroposophy seeks to develop something that is actually known as subordinate soul faculties—faculties that, to a greater or lesser extent—depending on how one views it—border on the pathological. — And it is further said: Anyone who strengthens their inner power of perception in such a way that they develop the ability to arrive at inner images without deriving these images from the external sensory world is indulging in a capacity that is equivalent to the capacity for hallucinations, to the capacity for imagining all sorts of pathological phantasms and the like. — And indeed, representatives of modern science have repeatedly objected that what anthroposophy claims to be its inner vision in images must be attributed to repressed nervous forces, which then rise up from within at the appropriate moment due to an intensified inner life, so that these images are actually nothing more than a repressed nervous life. Those representatives of science who confuse anthroposophical vision in this way with what are commonly called “hallucinations” in everyday life have simply not thoroughly engaged with what anthroposophical vision actually is in reality. First, one could counter such objections by pointing out how anthroposophy consistently insists that, with regard to the subject matter of external natural science, it proceeds just as rigorously as natural science itself and adopts recognized scientific methods as its most important preparatory steps, rising only from these, so that one really ought not to say that someone standing on the true ground of anthroposophy would show any signs of indulging in a form of perception like that of just any medium or any fantasist. One will never see any medium or fantasist strictly grounding themselves in scientific research, taking it as a starting point, and seeking to derive what is to become “vision” precisely from these rigorous scientific methods. But I do not even wish to speak of that; rather, I would like to point out that anthroposophy demands a more thorough and precise method of thinking than is usually evident or applied in such objections.
[ 10 ] Da handelt es sich darum, daß vor allen Dingen solche Einwände doch noch nicht von einer wirklich gründlichen Seelenkunde oder Psychologie ausgehen. Unsere Seelenkunde läßt ja heute noch sehr vieles zu wünschen übrig. Sie ist durchaus nicht angemessen den exakten Methoden der äußeren Naturforschung. Sie ist eigentlich in vieler Beziehung durchaus ein Chaos von altüberlieferten und bis zu bloßen Worten extrahierten Vorstellungen und allerlei Abstraktionen. Sie beruht nicht auf einer wirklichen Beobachtung des Seelenlebens, auf einer exakten Empirie des Seelenlebens. Eine solche exakte psychologische Empirie muß sich ja vor allen Dingen die Frage vorlegen: Wie steht es eigentlich mit demjenigen, was unsere Sinneswahrnehmung ist? Was wirkt denn eigentlich in unserer Sinneswahrnehmung?
[ 10 ] The point is that, above all, such objections do not yet stem from a truly thorough study of the soul or psychology. Our study of the soul still leaves much to be desired today. It is by no means on par with the exact methods of external natural science. In many respects, it is actually a chaos of time-honored notions—reduced to mere words—and all manner of abstractions. It is not based on a genuine observation of the life of the soul, on an exact empirical study of the life of the soul. Such precise psychological empiricism must, above all, ask itself the question: What is the nature of our sensory perception? What is actually at work in our sensory perception?
[ 11 ] In unserem Gesamtseelenleben wirken Vorstellen, Fühlen, Wollen. Aber unser Seelenleben ist nicht so, daß wir anders als in der Abstraktion voneinander trennen können Vorstellen, Fühlen und Wollen, sondern an allem, was unsere Seele irgendwie vermag, sind Vorstellen, Fühlen und Wollen beteiligt. Man kann eigentlich nur sagen: Wenn wir im Vorstellungsleben sind, dann spielen Fühlen und Wollen in das Vorstellungsleben hinein. Wenn wir innerhalb des Vorstellungslebens ein bejahendes oder verneinendes Urteil fällen, dann ist allerdings unser Seelenleben nach außen orientiert, aber die Bejahung oder Verneinung wird durch einen Willensimpuls vollzogen. Es spielt in unser Vorstellungsleben dieser Willensimpuls durchaus hinein. Und nur derjenige kann einen exakten Begriff von dem Seelenleben und seinen verschiedenen Äußerungen bekommen, der sich überall klar ist, welches der Anteil des Fühlens am Wollen ist — oder umgekehrt des Vorstellens am Wollen und so weiter.
[ 11 ] Imagination, feeling, and volition are at work in our entire soul life. But our soul life is not such that we can separate imagination, feeling, and volition from one another except in the abstract; rather, imagination, feeling, and volition are involved in everything our soul is capable of in any way. One can really only say: When we are engaged in the life of imagination, then feeling and willing play a role in that life of imagination. When we make an affirmative or negative judgment within the life of imagination, our soul life is indeed oriented outward, but the affirmation or negation is carried out by an impulse of the will. This impulse of the will certainly plays a role in our life of imagination. And only those who are clear in every respect about the part that feeling plays in willing—or, conversely, the part that imagination plays in willing, and so on—can gain an accurate understanding of the life of the soul and its various manifestations.
[ 12 ] Nun ist ja verhältnismäßig leicht einzusehen, daß in unser Vorstellungsleben der Wille hineinspielt. Ich habe eben aufmerksam gemacht auf das Fällen von Urteilen, und derjenige, der das Urteilen wirklich studiert, wird eben schon sehen, wie in das Vorstellen der Wille hineinspielt. Aber auch — und das ist wichtig, meine sehr verehrten Anwesenden — in unser Sinneswahrnehmen spielt der Wille hinein. Und hier muß ich aufmerksam machen auf etwas, was gewöhnlich in der heutigen Psychologie wohl gar nicht gewußt wird, jedenfalls nicht genügend charakterisiert wird. In unser Sinneswahrnehmen, in all unser Sehen, Hören und in die sonstigen Sinneswahrnehmungen spielt durchaus der Wille hinein. Was geht eigentlich in der Sinneswahrnehmung vor sich?
[ 12 ] Now, it is relatively easy to see that the will plays a role in our life of imagination. I have just drawn attention to the process of forming judgments, and anyone who truly studies judgment will already see how the will plays a role in the process of imagining. But also—and this is important, ladies and gentlemen—the will plays a role in our sensory perception. And here I must draw your attention to something that is generally not even recognized in contemporary psychology, or at least not sufficiently characterized. The will certainly plays a role in our sensory perception—in all our seeing, hearing, and other sensory experiences. What actually takes place in sensory perception?
[ 13 ] Indem wir wahrnehmen, sind wir ja bei jedem Seelenakt, auch bei all demjenigen, in dem wir uns scheinbar passiv der Außenwelt gegenüberstellen, innerlich aktiv. In dem, was wir durch innerliche Aktivität der äußeren Welt entgegenbringen, uns also irgendeiner Sinneswahrnehmung exponieren, in dem lebt durchaus — allerdings, ich möchte sagen verdünnt, filtriert —, aber es lebt darin der Wille. Und das Wesentliche der Sinneswahrnehmung besteht darinnen, daß dieser Wille — man könnte das durchaus stundenlang im einzelnen ausführen, ich kann es hier nur andeuten —, daß dieser Wille, den wir gewissermaßen von innen nach außen exponieren, zurückgeschlagen wird von den verschiedenen Agenzien. Und wir werden das Wesen des Reizes, das Wesen der Gesamtsinneswahrnehmung nur begreifen, wenn wir dieses Spiel des Willens von innen nach außen und den Gegenschlag der Naturagenzien von außen nach innen ins Auge fassen können, wenn wir gewahr werden, wie in jedem Sinneswahrnehmungsakt ein Zurückschlagen des Willens vorhanden ist und wie alles das, was von der Sinneswahrnehmung an Erinnerungen oder sonstigen Vorstellungen bleibt, eigentlich zurückgenommener Willensimpuls ist. Und so können wir unterscheiden, indem wir uns sinnlich exponieren, dasjenige, was in einer solchen Weise vom Willen aus spielt, von demjenigen, was dann, ausgehend vom ganzen Akt und anschließend an diesen sich fortsetzt in dem Vorstellungsleben.
[ 13 ] Through our perception, we are, in fact, inwardly active in every act of the soul—even in those in which we seem to be passively facing the external world. In what we bring to the external world through inner activity—that is, in exposing ourselves to some form of sensory perception—the will is certainly present—albeit, I would say, in a diluted, filtered form—but it is present nonetheless. And the essence of sensory perception lies in the fact that this will—one could certainly elaborate on this in detail for hours; I can only hint at it here—that this will, which we, so to speak, project from the inside out, is repelled by the various natural agents. And we will grasp the nature of the stimulus, the nature of sensory perception as a whole, only if we can take into account this interplay of the will from the inside out and the counterforce of natural agents from the outside in, if we become aware how in every act of sensory perception there is a repulsion of the will, and how everything that remains from sensory perception—whether memories or other representations—is in fact a withdrawn impulse of the will. And so, by exposing ourselves to sensory experience, we can distinguish between that which originates in the will in this manner and that which, proceeding from the entire act and following upon it, continues in the life of the imagination.
[ 14 ] In dem Vorstellungsleben lebt nun, wie ich schon angedeutet habe, allerdings auch der Wille, aber er lebt so, daß das Innere des Menschen an dieser Willensentfaltung ins Vorstellungsleben hinein einen viel größeren Anteil hat als an der Willensentfaltung in das Sinnenleben hinein. Zunächst bleibt unser Wille vor allen Dingen viel aktiver, viel subjektiver, viel persönlicher im Vorstellen als in der Sinneswahrnehmung. Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, alles das, was ich beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zur Ausbildung des übersinnlichen Erkenntnisvermögens, das zielt darauf hin, daß man sich diesen Willen, der in die Sinneswahrnehmungen hineinspielt, der also angewendet werden muß auch von der exaktesten Naturforschung, zum vollen Bewußtsein erhebt. Und man muß nun sein Vorstellungsleben innerlich zunächst so organisieren, daß in diesem Vorstellungsleben nicht der subjektiv willkürliche Wille — wenn ich mich so ausdrükken darf — lebt, wie er sonst im Vorstellen lebt, sondern derselbe objektive Wille, der in der Sinneswahrnehmung lebt. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie ich sie meine, geht nicht darauf aus, in einer nebulos-mystischen Weise allerlei aus dem Untergrunde des Seelenlebens heraufzuholen, um etwa einen subjektiven Willen hineinzupressen in das Vorstellungsleben. Dieser subjektive Wille ist im gewöhnlichen Leben schon darinnen, aber er muß gerade durch die Übungen zur Erlangung höherer Erkenntnisse aus dem Vorstellungsleben herausgelöst werden, und es muß derjenige Wille, zu dessen Durchschauen man sich sorgfältig heranerzieht und der gerade in der Sinneswahrnehmung — und nur in der Sinneswahrnehmung — lebt, disziplinierend das Vorstellungsleben durchdringen.
[ 14 ] As I have already indicated, the will is indeed present in the life of the imagination; however, it is present in such a way that the inner self of the human being plays a much greater role in the unfolding of the will into the life of the imagination than in the unfolding of the will into the life of the senses. To begin with, our will remains, above all, much more active, much more subjective, and much more personal in imagination than in sensory perception. You see, esteemed audience, everything I have described in my book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds regarding the development of supersensory perception is aimed at raising this will—which plays a role in sensory perception and must therefore be taken into account even by the most precise natural science—to full consciousness. And one must now first organize one’s life of imagination inwardly in such a way that within this life of imagination it is not the subjectively arbitrary will—if I may put it that way—that prevails, as it otherwise does in the process of imagining, but rather the same objective will that is present in sensory perception. Anthroposophically oriented spiritual science, as I understand it, does not aim to bring all sorts of things up from the depths of soul life in a nebulous, mystical way in order, for example, to force a subjective will into the life of the imagination. This subjective will is already present in ordinary life, but it must be separated from the life of the imagination precisely through the exercises for attaining higher insights, and the will—which one carefully trains oneself to perceive and which lives precisely in sensory perception—and only in sensory perception—must permeate the life of the imagination in a disciplining way.
[ 15 ] Damit ist — wenn ich mich so ausdrücken darf — etwas Ungeheures erreicht. Damit ist erreicht, daß das gesamte Vorstellungsleben den Charakter annimmt, den sonst nur das Sinneswahrnehmen hat. Das ist etwas, was jeder einzelne als seine persönliche Entdeckung machen muß. Der Mensch weiß, vorstellen kann er sich alles mögliche; da kann der Wille hineinspielen, indem er das Urteil so oder so wendet. Was lebt nicht alles im Vorstellen! Wenn aber der Mensch seine Sinne gebraucht, dann zwingt ihm die Außenwelt die Disziplinierung des Willens auf — in solcher Weise, wie man den Willen bei der Sinneswahrnehmung eben anwenden kann —, und dann ist es unmöglich, die innere Subjektivität in willkürlicher Weise zur Geltung zu bringen. Ich erinnere daran, daß man wohl in der anthropologischen Psychologie schon von einer anderen Seite darauf aufmerksam gemacht hat, wie der Wille in den Sinneswahrnehmungen lebt — ich erinnere nur an die Lokalzeichen Lotzes und so weiter. Nur wenn man aber dazu kommt, diesen in die Objektivität überspringenden Willen nun auch in das Vorstellungsleben hereinzubringen, dann gestaltet man das Vorstellungsleben so, daß es zum imaginativen Erkennen wird, daß es ebenso teilhat an der Objektivität, wie sonst nur das Sinneswahrnehmen an der Objektivität teilhat.
[ 15 ] With this—if I may put it that way—something tremendous has been achieved. What has been achieved is that the entire life of the imagination takes on the character that is otherwise unique to sensory perception. This is something that each individual must discover for themselves. People know that they can imagine all sorts of things; the will can come into play here by turning the judgment one way or the other. How much life there is in the imagination! But when a person uses their senses, the external world imposes discipline on the will—in the very way that the will can be applied in sensory perception—and then it is impossible to assert inner subjectivity in an arbitrary manner. I would like to point out that anthropological psychology has already drawn attention, from a different angle, to how the will is present in sensory perceptions—I need only recall Lotze’s “local signs” and so on. But only when one succeeds in bringing this will—which leaps into objectivity—into the life of the imagination as well does one shape the life of the imagination in such a way that it becomes imaginative cognition, participating in objectivity just as sensory perception otherwise participates in objectivity.
[ 16 ] Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, gegenüber dem, was ich jetzt nur in wenigen Strichen andeuten konnte, gegenüber dem, was durchaus im exaktesten Sinne gemeint ist, was aber nicht so gemeint ist, daß man sich allerlei phantastischen Vorstellungen hingibt über innere Seelenentwicklung — wie es bei nebulosen Mystikern auch der Fall ist —, gegenüber dem sind doch all die Einwendungen — auch diejenigen, die heute von offizieller Wissenschaft gemacht werden — für den, der die Sache kennt, im Grunde außerordentlich dilettantisch. Denn gegenüber all dem, was jemals einfließen kann in Halluzinationen, in Träume, in all das, was nur aus der Organisation des Menschen subjektiv aufsteigt, gegenüber dem also, wo der Mensch ohne objektive Orientierung lebt, wo er ganz hingegeben ist nur seinem Inneren, gegenüber dem wird ein Vorstellungsleben entwickelt, das nachgebildet ist dem äußeren Sinnesleben mit seiner Objektivität. Es wird also gewissermaßen die Objektivität der Sinneswahrnehmung ausgedehnt nach innen über das Vorstellungsleben. In alledem, was beim Mediumismus, was irgendwie beim krankhaften Hellsehen vorliegt, wird dagegen das, was zur Bildhaftigkeit, zum halluzinatorischen Leben führt, aus dem Inneren des Menschen heraufgeholt.
[ 16 ] You see, ladies and gentlemen, in contrast to what I have been able to outline here only in a few broad strokes—in contrast to what is meant in the most precise sense, though not in the sense that one should indulge in all sorts of fanciful notions about inner soul development—as is the case with nebulous mystics— in light of that, all the objections—including those raised today by official science—are, for those who understand the matter, fundamentally extremely amateurish. For in contrast to everything that can ever find its way into hallucinations, into dreams, into all that arises subjectively from the human constitution—in contrast, that is, to situations where a person lives without objective orientation, where they are wholly absorbed only in their inner world—in contrast to this, an imaginative life is developed that mirrors the external sensory life with its objectivity. Thus, in a sense, the objectivity of sensory perception is extended inward through the life of the imagination. In contrast, in all that occurs in mediumship or in pathological clairvoyance, what leads to imagery and to hallucinatory life is drawn up from within the human being.
[ 17 ] Aber das ist ja gar nicht der Fall bei jenen Methoden, die angewendet werden zur anthroposophischen Forschung. Da geht man nicht von innen nach außen, wie es im Grunde bisher noch jede Mystik gemacht hat, sondern da geht man von außen nach innen. Da lernt man nicht an seinem inneren mystischen Gefühl, da lernt man gerade an der äußeren Sinneswahrnehmung, wie man sich objektiv der Welt gegenüber einstellt. Und dann entdeckt man, daß man allerdings, indem man auf diese Weise an der Sinneswahrnehmung gelernt hat, in die Lage kommt, das Vorstellungsleben in einer ebensolchen Weise zu einem Konkreten, zu einem innerlich Gesättigten zu gestalten, wie man es sonst nur bei der Sinneswahrnehmung vor sich hat. Und wenn man zu einem solch innerlich gesättigten Vorstellen kommt, das nun durchaus ebenso wie die Sinneswahrnehmung in etwas Objektives einfließt also nicht bloß subjektiv orientiert ist—, wenn man zu einem solchen imaginativen Vorstellen, wie ich es nenne, kommt, dann erst ist man in der Lage, aufzusteigen von einer gewissen Stufe der Naturerkenntnis zu einer anderen Stufe, die ich gleich charakterisieren will.
[ 17 ] But that is not at all the case with the methods used in anthroposophical research. There, one does not proceed from the inside out, as essentially every form of mysticism has done up to now, but rather from the outside in. One does not learn through one’s inner mystical feeling; rather, one learns precisely through external sensory perception how to relate objectively to the world. And then one discovers that, indeed, by learning in this way through sensory perception, one becomes able to shape one’s imaginative life in such a way that it becomes concrete and inwardly rich—just as one otherwise experiences it only through sensory perception. And when one arrives at such an inwardly rich imagination—which now flows into something objective just as sensory perception does, and is thus not merely subjectively oriented—when one arrives at such “imaginative imagination,” as I call it, only then is one able to ascend from one level of knowledge of nature to another level, which I shall characterize shortly.
[ 18 ] Vorerst aber möchte ich sagen, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft, so wie ich sie meine, sich durchaus redlich bemüht hat, zunächst Klarheit zu schaffen nach allen Seiten über die Stellung einer solchen imaginativen Erkenntnis. Und gestatten Sie mir, meine sehr verehrten Anwesenden, daß ich, der ich ja diese anthroposophische Geisteswissenschaft vor allen Dingen zu vertreten habe, eine kleine persönliche Einschaltung mache, die durchaus nicht persönlich gemeint ist, sondern ganz objektiv damit zusammenhängt, wie ich selber dazu gekommen bin, nicht nur solche anthroposophischen Methoden auszubilden, sondern es mir auch wahrhaftig sauer genug habe werden lassen, an solche anthroposophischen Methoden zu glauben, in ihnen eine Erkenntnisberechtigung zu sehen. Denn glauben Sie nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, daß derjenige, der es mit diesen Dingen ernst nimmt, unkritisch ist, daß er sich nicht durchaus auseinandersetzen will mit den gründlichsten und exaktesten erkenntniskritischen Methoden der Gegenwart. Wie gesagt, gestatten Sie mir eine persönliche Bemerkung.
[ 18 ] For now, however, I would like to say that anthroposophical spiritual science, as I understand it, has made a sincere effort to first establish clarity from all angles regarding the status of such imaginative knowledge. And allow me, my esteemed audience, as one who is, after all, primarily responsible for representing this anthroposophical spiritual science, to make a brief personal interjection—one that is by no means meant personally, but is entirely objective in relation to how I myself came to not only develop such anthroposophical methods, but also to have truly grown weary enough to believe in such anthroposophical methods and to see in them a legitimate basis for knowledge. For do not believe, my esteemed audience, that anyone who takes these matters seriously is uncritical, or that they are unwilling to engage thoroughly with the most rigorous and precise methods of epistemological criticism available today. As I said, allow me to make a personal remark.
[ 19 ] Ich war etwa dreizehn Jahre alt, da kam ich über eine Abhandlung, die — so war es ja besonders in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts tonangebend —, vor allen Dingen darauf bedacht war, die äußeren Naturerscheinungen in exakter Weise rechnungsmäßig zu erforschen und eigentlich nur dasjenige gelten zu lassen als Naturgesetzmäßigkeit, was man errechnen kann. Diese Abhandlung bemühte sich, selbst die letzten mystischen Begriffe aus der Naturerkenntnis herauszuwerfen. Als einen solchen mystischen Begriff sah diese Abhandlung die Gravitationskraft, die Anziehungskraft im Sinne Newtons, an. Diese Abhandlung hieß «Die Anziehungskraft betrachtet als eine Wirkung der Bewegung». Und es sollte nicht der mystische Begriff der Anziehung verwendet werden, indem zwei materielle Körper sich irgendwie anziehen durch den Raum hindurch, sondern es wurde in einer außerordentlich exakt-mathematischen Weise versucht, die Anziehung so zu erklären: Die ponderable Materie ist in einem Weltengase drinnen, und dadurch kann eine gewisse Anzahl Stöße zwischen — sagen wir — benachbarten materiellen Körpern berechnet werden. Wenn man nun die Zahl der Stöße, die von innen kommen, vergleicht mit der Zahl der Stöße, die von außen kommen, dann kommt man dabei zu einer reinen, mystikfreien Erklärung der Gravitation.
[ 19 ] I was about thirteen years old when I came across a treatise that—as was particularly the prevailing trend in the 1870s—was primarily concerned with investigating external natural phenomena in a precise, mathematical manner and, in fact, accepted as a law of nature only that which could be calculated. This treatise sought to eliminate even the last vestiges of mystical concepts from the understanding of nature. The treatise regarded the force of gravity—the force of attraction in Newton’s sense—as one such mystical concept. The treatise was titled “The Force of Attraction Considered as an Effect of Motion.” And rather than using the mystical concept of attraction—in which two material bodies somehow attract each other across space—an attempt was made, in an extraordinarily precise mathematical manner, to explain attraction as follows: Ponderable matter is contained within a cosmic gas, and through this, a certain number of collisions between—let us say—neighboring material bodies can be calculated. If one now compares the number of impacts coming from the inside with the number of impacts coming from the outside, one arrives at a pure, non-mystical explanation of gravity.
[ 20 ] Ich erwähne das aus dem Grunde, weil für mich diese Abhandlung eben — wie gesagt — in mein dreizehntes Lebensjahr hereingefallen ist. Um diese Abhandlung zu verstehen — Sie können sich denken, daß das für einen dreizehnjährigen Knaben nicht gerade ein Leichtes ist —, mußte ich mich bemühen, mit dreizehn Jahren schon Differential- und Integralrechnungen zu bezwingen, denn nur dadurch kann man diese Vorstellungen wirklich beherrschen. Und ich hatte dabei Gelegenheit, einen Ausgangspunkt zu gewinnen für alles folgende, was man eigentlich braucht, um mit solchen Vorstellungen, die in einer unbestimmten Gewißheit immer in mir gelebt haben, erkenntniskritisch zurechtzukommen. Man muß wirklich eine Vorstellung darüber gewinnen, wie man in dem ganzen Sinnesbeobachten eigentlich mathematische Gesetze oder auch Gesetze der Phoronomie verwendet, wie man da eigentlich vorgeht, was man von sich selbst der Außenwelt entgegenbringt und so weiter. Kurz, für mich war das der Ausgangspunkt, danach zu forschen, wie weit dieses merkwürdige innere Seelengebiet, das wir Mathematik nennen, eigentlich die äußere Wirklichkeit beherrschen kann.
[ 20 ] I mention this because, as I said, this treatise came into my life just as I was turning thirteen. To understand this treatise—as you can imagine, that’s not exactly an easy task for a thirteen-year-old boy—I had to make an effort to master differential and integral calculus at the age of thirteen, because that is the only way to truly grasp these concepts. And in doing so, I had the opportunity to gain a starting point for everything that followed—everything one actually needs to critically engage with such concepts, which have always lived within me with an indefinite certainty. One really must gain an understanding of how, in the context of sensory observation as a whole, one actually applies mathematical laws or even the laws of phoronomy; how one actually proceeds; what one brings from within oneself to the external world; and so on. In short, for me this was the starting point for investigating to what extent this strange inner realm of the soul, which we call mathematics, can actually govern external reality.
[ 21 ] Heinrich Schramm, der Verfasser dieser Abhandlung — ich halte sie heute noch für außerordentlich bedeutend —, war durchaus davon überzeugt, daß man mit der Mathematik überall hinkann, daß man also einfach vorauszusetzen hat Materie, Raum, Bewegung und daß man dann mit Mathematik überall hin kann. Er war überzeugt, daß man die verschiedensten Eigenarten des Naturwesens in der gewöhnlichen Mechanik, in der Wärmelehre, in der Optik, in dem Gebiete des Magnetismus und der Elektrizität, daß man all diese verschiedenen Erscheinungen mit der Mathematik erfassen kann, daß man zu all diesen verschiedenen Erscheinungen richtig gelangen kann, wenn man die Mathematik nur richtig anwendet. Wenn man also gewissermaßen diese mathematische Forschung auf einen hypothetischen materiellen Vorgang anwendet, springt einem die magnetische Anwendung entgegen, auf einen anderen Vorgang angewendet die elektrische Anwendung — kurz, man erklärt alle Naturerscheinungen als eine Wirkung der Bewegung. Man wird ganz mystikfrei; man beschränkt sich auf das Anschauliche, das man erfassen kann im rein mathematischen Vorstellen. Dieses Ringen, das muß man einmal durchgemacht haben, dieses Ringen mit einer Erkenntnis, die der Außenwelt gegenüber mathematisch vorgeht und nun mathematisch die Sinneswahrnehmungen erfassen will, denn die Außenwelt muß eben doch irgendwie erfaßt werden, auch wenn man noch so mathematisch vorgeht.
[ 21 ] Heinrich Schramm, the author of this treatise—which I still consider extraordinarily significant today—was thoroughly convinced that mathematics can take one anywhere; that is, one need only assume the existence of matter, space, and motion, and then mathematics can take one anywhere. He was convinced that one could grasp the most diverse characteristics of the natural world—in classical mechanics, in thermodynamics, in optics, and in the fields of magnetism and electricity—that one could understand all these various phenomena through mathematics, and that one could arrive at the correct understanding of all these phenomena simply by applying mathematics correctly. So when one applies this mathematical research, so to speak, to a hypothetical material process, the magnetic application immediately comes to mind; when applied to another process, the electrical application—in short, one explains all natural phenomena as an effect of motion. One becomes entirely free of mysticism; one limits oneself to what is concrete, what can be grasped through purely mathematical conception. This struggle—one must go through it at least once—this struggle with a form of knowledge that approaches the external world mathematically and now seeks to grasp sensory perceptions mathematically, for the external world must, after all, be grasped in some way, even if one proceeds as mathematically as possible.
[ 22 ] Nun ergab sich mir auf diesem Wege aber noch ein anderes. Ich vertiefte mich in das, was man in der Mathematik das Wahrscheinlichkeitsproblem nennt, wo man zu berechnen versucht, welche Wahrscheinlichkeit besteht, daß man — sagen wir zum Beispiel — mit zwei Würfeln einen bestimmten Wurf macht, wo oben die Eins, die Zwei und so weiter liegt, wo man also Wahrscheinlichkeiten ausrechnet. Dieses mathematische Gebiet, diese Wahrscheinlichkeitsrechnung, spielt ja eine sehr große Rolle im Versicherungswesen. Da findet die Wahrscheinlichkeitsrechnung durchaus eine reale Anwendung. Aus der Zahl der Sterbefälle innerhalb einer größeren Anzahl von Menschen berechnet man, welche Wahrscheinlichkeit besteht, daß irgendein — sagen wir — dreißigjähriger Mensch mit sechzig Jahren noch lebt, und danach bemißt man seine Versicherungsfähigkeit und auch seine Versicherungsprämie. Da berechnet man also etwas, wo man sich in einer sehr merkwürdigen Weise mit dem Rechnen in die Wirklichkeit hineinstellt. Daß man sich in die Wirklichkeit hineinstellt mit dem Rechnen, das werden Sie einfach daraus erkennen, daß ja theoretisch eigentlich jeder seine Lebensdauer so berechnen kann, daß es für das Versicherungswesen voll genügt. Ich hätte also zum Beispiel mit dreißig Jahren mich entschließen können, mein Leben zu versichern. Es wäre durchaus zu berechnen gewesen, wie groß meine wahrscheinliche Lebensdauer sein würde, wieviel ich also zu zahlen gehabt hätte. Kein Mensch wird aber glauben, daß er nun, wenn diese wahrscheinliche Lebensdauer abgelaufen ist, wirklich sterben muß.
[ 22 ] But this line of thought led me to something else. I immersed myself in what is known in mathematics as the probability problem, where one attempts to calculate the probability of—let’s say, for example—rolling a specific combination with two dice, where the faces show one, two, and so on, that is, where one calculates probabilities. This branch of mathematics, the theory of probability, plays a very significant role in the insurance industry. There, probability theory definitely finds a real-world application. Based on the number of deaths among a large group of people, one calculates the probability that a—let’s say—thirty-year-old person will still be alive at age sixty, and based on that, one determines their insurability and also their insurance premium. So here, calculations are used in a way that, in a very curious manner, brings mathematical reasoning into reality. That mathematical reasoning is applied to reality is evident simply from the fact that, theoretically, anyone can calculate their life expectancy in a way that is fully sufficient for the insurance industry. For example, I could have decided at the age of thirty to take out life insurance. It would have been entirely possible to calculate how long my probable lifespan would be—and thus how much I would have had to pay. But no one would believe that, once this probable lifespan has elapsed, they must actually die.
[ 23 ] Wir haben da durchaus ein Gebiet, wo die Mathematik gültig ist für das, was sie will, wo aber das individuelle Leben als solches sich durchaus nicht einfügt in das mathematische Formelwesen, wo das Leben als solches herausfällt aus dem mathematischen Formelwesen. Wir haben auf diese Weise in gewissen Gebieten der Naturwissenschaft eine innere Erkenntnisbefriedigung, wenn wir davon ausgehen, daß das mathematisch Durchschaute adäquat ist dem, was einem äußerlich in der Sinneswelt entgegentritt. Gerade in den Gebieten aber, in denen die Wahrscheinlichkeitsrechnung spielt, liegt durchaus etwas vor, wo wir uns sagen müssen: Für das äußere Leben, für dasjenige, was da vorgeht im äußeren Beobachten, genügt die Mathematik, aber niemals kann einem die Überzeugung beigebracht werden, daß damit auch das innere Leben gemeistert ist.
[ 23 ] We certainly have a field here where mathematics is valid for its intended purposes, but where individual life as such does not fit into the system of mathematical formulas at all—where life as such falls outside that system. In this way, in certain areas of the natural sciences, we experience an inner satisfaction of knowledge when we assume that what has been mathematically understood is adequate to what we encounter externally in the sensory world. But precisely in those areas where probability theory comes into play, there is certainly something that compels us to say: Mathematics suffices for external life, for what takes place in external observation, but one can never be convinced that it also masters inner life.
[ 24 ] Ich müßte sehr viel Zwischenglieder erzählen, wenn ich nun zeigen würde, wie ich, von solchen Vorstellungen ausgehend, zu dem Kapitel in meiner «Philosophie der Freiheit» — sie ist 1893 in erster Auflage erschienen — über den Lebenswert, über den Wert des menschlichen Lebens gekommen bin. Da hatte ich es ja vor allen Dingen zu tun mit einer Bekämpfung des Pessimismus als solchem. Dieser Pessimismus beherrschte dazumal noch viel mehr das philosophische Anschauen gewisser Kreise, als das dann später der Fall gewesen ist. Dieser Pessimismus ging ja prinzipiell von Schopenhauer aus, aber systematisch wurde dieser Pessimismus von Eduard von Hartmann begründet. Eduard von Hartmann ging nun mit Bezug auf das Gebiet des ethischen Lebens, des sozial-ethischen Lebens, vom Rechnen aus. Wenn Sie heute seine Rechnungen noch nachschauen - sie sind außerordentlich interessant. Er versucht nun, wirklich zu rechnen, wie man auf der einen Seite positiv ansetzen kann alles das, was dem Menschen im Leben Lust und Freude, Glück bringt und so weiter, und wie man auf der anderen Seite alles negativ ansetzen kann, was dem Menschen Leid, Schmerz, Unglück und so weiter bringt. Und er subtrahiert und bringt tatsächlich plausibel heraus, daß für die meisten Leute die unglücklichen Dinge, die leidvollen Dinge überwiegen, daß also die negativen Positionen überwiegen.
[ 24 ] I would have to recount a great many intermediate steps if I were now to show how, starting from such ideas, I arrived at the chapter in my Philosophy of Freedom—the first edition of which was published in 1893—on the value of life, on the value of human life. There, I was primarily concerned with combating pessimism as such. At that time, this pessimism dominated the philosophical outlook of certain circles to a far greater extent than was later the case. This pessimism originated, in principle, with Schopenhauer, but it was systematically founded by Eduard von Hartmann. Eduard von Hartmann, when it came to the realm of ethical life—specifically, social-ethical life—based his approach on calculation. If you look at his calculations today—they are extraordinarily interesting. He attempts to actually calculate, on the one hand, how to positively quantify everything that brings people pleasure, joy, happiness, and so on in life, and, on the other hand, how to negatively quantify everything that brings people suffering, pain, misfortune, and so on. And he subtracts and actually arrives at a plausible conclusion that, for most people, the unhappy and painful things outweigh the positive ones—that is, the negative factors predominate.
[ 25 ] Sie mögen über solche philosophischen «Kleinigkeiten» denken, wie Sie wollen; für denjenigen, der zu den Grundfesten der Erkenntnis vordringen will, sind das eben keine Kleinigkeiten, und sie dürfen es auch nicht bleiben, wenn wir aus der Misere des heutigen Erkenntnislebens herauskommen wollen. Für mich wurde das ein sehr wichtiges Problem, denn ich sagte mir, das fühlt doch der Mensch nicht so, wie es hier die Rechnung ergibt. Das ist doch Unsinn — das sieht man in dem Augenblicke, wo man den Menschen fragt: Wenn du dein Glück und dein Unglück zusammenzählen würdest, so würdest du auf der negativen Seite eine größere Zahl bekommen. Würdest du deshalb dein Leben für verloren halten? Würdest du dich deshalb zum Selbstmord für reif halten, wie es Eduard von Hartmann meint, daß es eigentlich jeder Mensch tun sollte, wenn er vernünftig wäre? Für Eduard von Hartmann sagt die Rechnung ja, aber das Leben sagt niemals ja. Warum nicht?
[ 25 ] You may think what you will about such philosophical “trifles”; for those who wish to penetrate to the very foundations of knowledge, these are by no means trifles, nor must they remain so if we are to escape the plight of today’s intellectual life. For me, this became a very important problem, because I told myself: People don’t actually feel the way this calculation suggests. That’s nonsense—you can see that the moment you ask someone: If you were to add up your happiness and your unhappiness, you’d end up with a larger number on the negative side. Would you therefore consider your life to be lost? Would you therefore consider yourself ready for suicide, as Eduard von Hartmann believes every person should do if they were rational? For Eduard von Hartmann, the calculation says yes, but life never says yes. Why not?
[ 26 ] Nun, ich habe in meiner «Philosophie der Freiheit» gezeigt, dass eben einfach diese Subtraktion, die Eduard von Hartmann ausgeführt hat, nicht ausgeführt wird, sondern dass, wenn man überhaupt eine Rechenoperation anwenden will, man eine ganz andere anwenden muss. Da muss man anwenden einen Bruch oder eine Division. Der Zähler oder Dividend erhält alles Glückliche, alles Lustvolle, alles das, was Befriedigung bringt, und der Nenner oder Divisor erhält alles das, was Leid, Unglück, Schmerz und so weiter bringt. Wenn Sie die Rechnung als Division anwenden, dann müssten Sie einen unendlichen Nenner haben, wenn Sie eine Zahl herauskriegen sollen, die Null als Lebensfazit bedeutet. Haben Sie überhaupt nur eine endliche Zahl von Leid und Schmerz, durch die sie dividieren können, dann kriegen Sie niemals ein Lebensfazit heraus, das Null ist. Der Mensch bringt sich nämlich nicht um infolge einer Subtraktion. Und indem ich zeigte, dass hier eben nicht subtrahiert, sondern höchstens dividiert werden darf oder ein Bruchansatz gemacht werden muss, konnte ich zugleich zeigen, dass man für die Mathematik in einem gewissen Falle genötigt ist, vom Leben auszugehen, dass man also einen Zugang gewinnen muss zum Leben, eine unmittelbare Anschauung des Lebens gewinnen muss, bevor man den mathematischen Ansatz macht.
[ 26 ] Well, in my Philosophy of Freedom I have shown that precisely this subtraction, which Eduard von Hartmann performed, is not actually performed; rather, if one wishes to apply a mathematical operation at all, one must apply a completely different one. One must apply a fraction or division. The numerator, or dividend, receives everything happy, everything pleasurable, everything that brings satisfaction, and the denominator, or divisor, receives everything that brings suffering, misfortune, pain, and so on. If you apply the calculation as division, then you would have to have an infinite denominator if you are to arrive at a number that signifies zero as the sum total of life. If you have even just a finite number of suffering and pain by which to divide, then you will never arrive at a sum total of life that is zero. For a person does not take their own life as a result of subtraction. And by showing that what is involved here is not subtraction, but at most division—or that a fractional approach must be taken—I was able to demonstrate at the same time that, in certain cases, mathematics requires one to start from life; that is, one must gain access to life, must gain a direct insight into life, before adopting a mathematical approach.
[ 27 ] Hier habe ich die drei Punkte beisammen: auf der einen Seite in der Naturwissenschaft den mathematischen Ansatz, der in der Wahrscheinlichkeitsrechnung adäquat sein kann dem äußeren Tatbestande, der aber der Wirklichkeit gegenüber dennoch nicht genügt, dann die Wirklichkeit, wie sie erfaßt wird in ihrer wirklichen individuellen Gestaltung, und schließlich die Wirklichkeit selbst, die unmittelbar angeschaut wird als Meisterin für den mathematischen Ansatz. Da hat man die Grenze des mathematisch Möglichen, insofern man von der Mathematik selber ausgeht. Und wenn man auf diese Weise erkennt, daß es eine Notwendigkeit gibt, über das Mathematische hinauszugehen, wenn man mit diesem Problem ringt, dann findet man, wenn man auf der anderen Seite jenes Vorstellen gewonnen hat, von dem ich heute gesprochen habe, daß man nun in der Wirklichkeit diesen Sprung gemacht hat, wo man über das abstrakte Denken hinaus, das in der Mathematik uns am reinsten entgegentritt, in die unmittelbare Wirklichkeit hineingekommen ist. Und von da aus erst entstand die Möglichkeit — man möchte sagen in einer erkenntnistheoretischen Weise, die Goethe selber noch nicht hat geben können —, die Goethesche Morphologie erstens zu erfassen und zweitens auch zu vertiefen, weiter auszuführen. Denn nun handelt es sich darum, daß man, wenn man jenes imaginative Vorstellen gewonnen hat, in der Tat anfängt zu begreifen, was Goethe eigentlich gemeint hat, als er seine Urpflanze, also eine innerlich-geistig erfaßte Form, die all den verschiedenen äußerlich mannigfaltigen Pflanzengestalten zugrunde liegt, entwickelte. Wenn man diese Urpflanze gefaßt hat, so sagte er, könne man theoretisch in der verschiedensten Weise Pflanzen mit der Möglichkeit des Wachstums erfinden, das heißt, man könne den Naturprozeß innerlich nachschaffen. Man hat einen innerlichen Seelenprozeß, durch den man— dem Naturprozeß voraus— aus der einen Urpflanze die verschiedensten Pflanzenformen hervorgehen lassen kann, innerlich nachschaffen kann, so wie die Natur aus der einen typischen Urpflanze die mannigfaltigsten Pflanzenformen schafft. Da hat Goethe schon den Übergang gewonnen von dem reinen abstrakten Denken zu demjenigen, was ich nun nennen möchte «Denken in Formen». Deshalb kam Goethe auch zu einer wirklichen Morphologie.
[ 27 ] Here I have the three points together: on the one hand, in the natural sciences, the mathematical approach, which may be adequate to the external facts in probability theory but which nevertheless falls short when confronted with reality; then reality as it is grasped in its actual, individual form; and finally, reality itself, which is directly perceived as the master of the mathematical approach. Therein lies the limit of what is mathematically possible, insofar as one proceeds from mathematics itself. And when one recognizes in this way that there is a necessity to go beyond the mathematical—when one wrestles with this problem—then one finds, once one has gained, on the other hand, that conception of which I have spoken today, that one has now made this leap in reality, where, having gone beyond abstract thought, which confronts us in its purest form in mathematics, and have entered into immediate reality. And only from there did the possibility arise—one might say in an epistemological way that Goethe himself was not yet able to articulate—first to grasp Goethe’s morphology and second to deepen and further develop it. For the point now is that, once one has attained that imaginative conception, one actually begins to grasp what Goethe actually meant when he developed his “primordial plant”—that is, a form grasped inwardly and spiritually that underlies all the various, outwardly diverse plant forms. Once one has grasped this “primordial plant,” he said, one can theoretically invent plants in the most diverse ways with the potential for growth—that is, one can internally recreate the natural process. One has an inner soul process through which—preceding the natural process—one can bring forth the most diverse plant forms from the one primordial plant, can recreate them inwardly, just as nature creates the most manifold plant forms from the one typical primordial plant. Here Goethe had already made the transition from pure abstract thinking to what I would now like to call “thinking in forms.” That is why Goethe also arrived at a true morphology.
[ 28 ] Dieses Denken in Formen — vielleicht darf ich es noch so charakterisieren. Was tun wir eigentlich gewöhnlich in der Geometrie? Da haben wir es mit Formen zu tun, speziell in der ebenen Geometrie wie auch in der Stereometrie. Aber eigentlich versuchen wir, die Formen zu beherrschen durch Zahlen, denn das Messen ist ja auch schließlich zurückzuführen auf etwas Zahlenmäßiges. Wir versuchen also, die Formen in die Abstraktion der Zahlen hereinzuzwingen. Aber das Mathematische ist, wie ich es gerade ausgeführt habe, begrenzt. Wir müssen es, wenn wir in die Wirklichkeit hinauskommen wollen, verlassen. Und wir können auch den Übergang finden von dem bloßen Zurückführen der geometrischen Formen auf Zahlen zu dem unmittelbaren Erfassen der geometrischen Form. Hat man in dieser Weise einmal Ernst gemacht mit einem innerlichen Erfassen der Geometrie, dann findet man den Übergang auch zu anderen Formen — zu denjenigen Formen, die Goethe meinte, als er von der Urpflanze sprach, die sich dann innerlich in der verschiedensten Weise zu mannigfaltigsten Pflanzenformen gestaltet. Geradeso wie ein Dreieck den einen Winkel größer, den anderen Winkel kleiner haben kann, so daß die verschieden speziellen Dreiecke entstehen, so entstehen aus der Urpflanze heraus, wenn ihr Gesetz einmal erfaßt ist, die mannigfaltigsten Pflanzengestalten, die man in der Seele also überschauen kann. Ich möchte sagen, Goethe ist auf subjektive Weise zu seiner Morphologie gekommen, hat sie auch nur bis zu einem gewissen Grade ausgebildet. Dasjenige aber, was man auf systematische Weise ausbildet, indem man den Willen, der sonst nur in der Sinneswahrnehmung lebt, hineintreibt in das Vorstellungsleben, was man da ausbildet als imaginatives Vorstellen, das ist ein Denken in Formen.
[ 28 ] This way of thinking in terms of shapes—perhaps I may characterize it that way. What do we actually usually do in geometry? We deal with shapes, especially in plane geometry as well as in solid geometry. But in reality, we try to master these shapes through numbers, for measurement, after all, can ultimately be traced back to something numerical. So we try to force the forms into the abstraction of numbers. But mathematics, as I have just explained, is limited. We must leave it behind if we want to step out into reality. And we can also find the transition from merely reducing geometric forms to numbers to the direct apprehension of the geometric form. Once one has seriously engaged in this way with an inner apprehension of geometry, one also finds the transition to other forms—to those forms that Goethe meant when he spoke of the primordial plant, which then internally takes shape in the most diverse ways into the most manifold plant forms. Just as a triangle can have one angle larger and another angle smaller, giving rise to various specific triangles, so too do the most diverse plant forms emerge from the primordial plant—once its law has been grasped—forms that one can thus survey within the soul. I would say that Goethe arrived at his morphology in a subjective way and developed it only to a certain extent. But what is developed in a systematic way—by driving the will, which otherwise lives only in sensory perception, into the life of the imagination, and what is developed there as imaginative thinking—that is thinking in forms.
[ 29 ] Und wir kommen dazu, jetzt diejenige Stufe der Naturerkenntnis zu überschauen, wo wir in abstrakten Gedanken erfaßbare Naturgesetze haben — dieses Denken können wir anwenden auf die anorganische, auf die leblose Welt. In dem Augenblicke, wo wir heraufkommen wollen in die organische Welt des Pflanzlichen, brauchen wir ein Denken in Formen. Meine sehr verehrten Anwesenden, man mag noch so sehr wettern gegen dieses Denken in Formen, man mag sagen, eine wirkliche Wissenschaft könne nur in diskursiver Weise fortschreiten, könne nur von einem Gedanken zum anderen, also nach der Methode, die man heute als logische Methode anerkennt, vorwärtskommen, man mag sagen, nur das sei wahre Wissenschaft. Ja, man mag lange dekretieren, das sei wahre Wissenschaft— wenn die Natur sich nicht ergibt dieser Wissenschaft, wenn die Natur, zum Beispiel die Pflanzenwelt, sich nicht hineinformen läßt in diese Wissenschaft, dann haben wir eben eine andere Wissenschaft nötig. Wenn das Denken, das rein diskursiv ist, das Denken, das rein abstrakt ist, nicht genügt, so haben wir eben das Denken in Formen, in innerer Bildhaftigkeit nötig. Und dieses Denken in innerer Bildhaftigkeit macht uns nach außen hin die Pflanzenwelt erklärlich, das macht uns nach innen hin die Einheit unseres gesamten Lebens zwischen Geburt und Tod erklärlich.
[ 29 ] And we now come to the stage of understanding nature where we have natural laws that can be grasped through abstract thought—we can apply this kind of thinking to the inorganic, lifeless world. The moment we wish to ascend into the organic world of plants, we need a mode of thinking in forms. Ladies and gentlemen, no matter how much one may rail against this thinking in forms, no matter how much one may say that true science can progress only in a discursive manner, can move forward only from one thought to another—that is, according to the method recognized today as the logical method—no matter how much one may claim that this alone is true science. Yes, one may decree at length that this is true science—but if nature does not yield to this science, if nature—for example, the plant world—cannot be shaped into this science, then we simply need a different kind of science. If thinking that is purely discursive, thinking that is purely abstract, is not enough, then we simply need thinking in forms, in inner imagery. And this thinking in inner imagery makes the plant world understandable to us outwardly; it makes the unity of our entire life between birth and death understandable to us inwardly.
[ 30 ] Ich habe oftmals in meinen Büchern und in Vorträgen dargestellt, daß indem Augenblicke, wo man nun wirklich dieses imaginative Denken ausgebildet hat, es sich ergibt, daß sich das Leben von der Zeit an, wo man gelernt hat, zu sich «ich» zu sagen, wo das Erinnerungsvermögen beginnt, bis zum jetzigen Zeitpunkt wie in einem einzigen Tableau ablaufend zeigt. Ebenso wie man sonst seinen äußeren, physischen Körper als zu sich gehörig betrachtet und ihn in irgendeinem Momente anschaut, ebenso hat man auch sein bisheriges Erdenleben im Zeitverlauf wie in einem Bilderpanorama gleichzeitig vor sich. Das ist die erste Errungenschaft wirklich anthroposophischer Wissenschaft: das innere Leben als ein Tableau zu überschauen bis zur Geburt hin, so daß man nun wirklich diesen Zeitorganismus überschaut. Was in meinen verschiedenen Büchern der Ätherleib des Menschen oder der Bildekräfteleib genannt wird — was ist das nun anderes als dasjenige, was so errungen wird durch das imaginative Vorstellen? Wir kommen dazu, unser Leben zwischen der Geburt und dem gegenwärtigen Augenblicke — als eine Einheit in unmittelbarer Gegenwart sich darstellend — zu überschauen, zu gleicher Zeit mit den Impulsen, die uns über den gegenwärtigen Augenblick in unser weiteres Erdenleben hinaustragen. Und haben wir dieses errungen, dann ergibt sich auch die zweite Stufe des übersinnlichen Erkennens: diejenige, für die heute sogar schwer ein Name zu finden ist; innerlich, als Methode habe ich sie das inspirierte Erkennen genannt. Stoßen Sie sich nicht an dem Ausdrucke. Es soll nicht irgend etwas Althergebrachtes darunter verstanden werden, sondern nur dasjenige, was ich eben in meinen Büchern angedeutet habe, was ich auch hier prinzipiell andeuten will.
[ 30 ] I have often described in my books and lectures that, once one has truly developed this imaginative thinking, it becomes apparent that life—from the moment one learned to say “I” to oneself, when the faculty of memory begins, up to the present moment—unfolds as if in a single tableau. Just as one otherwise regards one’s outer, physical body as belonging to oneself and looks at it at any given moment, so too does one have one’s entire earthly life up to that point spread out before one simultaneously, as in a panorama of images. This is the first achievement of truly anthroposophical science: to survey one’s inner life as a tableau all the way back to birth, so that one can truly take in this organism of time. What is referred to in my various books as the human etheric body or the body of formative forces—what is this, if not precisely what is attained through imaginative visualization? We come to survey our life between birth and the present moment—presenting itself as a unity in the immediate present—at the same time as the impulses that carry us beyond the present moment into our further earthly life. And once we have attained this, the second stage of supersensible knowledge also emerges: the one for which it is even difficult to find a name today; inwardly, as a method, I have called it inspired knowledge. Do not take offense at the expression. It is not meant to refer to anything traditional, but only to what I have just hinted at in my books, and what I also wish to hint at here in principle.
[ 31 ] Ich habe gesagt, das imaginative Vorstellen werde dadurch errungen, daß wir gewisse leicht überschaubare Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins rücken und daß dadurch dieses Bewußtsein erstarkt. Geradeso wie wir da gewissermaßen das Erinnern nachbilden, wenn wir solche Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins rücken, müssen wir nun auch das Vergessen entwickeln als eine Willenstat unseres Lebens. Ebenso wie wir unsere ganzen Seelenkräfte konzentrieren können auf bestimmte Vorstellungen, die wir so, wie ich es charakterisiert habe, in unser Bewußtsein hereinstellen, ebenso müssen wir fähig werden, auch diese Vorstellungen durch innere Willkür, wann immer wir wollen, aus unserem Bewußtsein heraustreiben zu können. Wir müssen also das Vergessen ebenso nachbilden, wie wir das Erinnern künstlich — wenn ich mich so ausdrücken darf — nachbilden.
[ 31 ] I have said that imaginative visualization is achieved by bringing certain easily comprehensible images to the forefront of our consciousness, and that this strengthens our consciousness. Just as we, in a sense, mimic the act of remembering when we place such ideas at the center of our consciousness, we must now also develop the act of forgetting as a conscious choice in our lives. Just as we can concentrate all our soul forces on certain images that we bring into our consciousness in the way I have described, so too must we become capable of driving these images out of our consciousness through inner volition, whenever we wish. We must therefore simulate forgetting just as we artificially—if I may put it that way—simulate remembering.
[ 32 ] Wenn wir auch diese Übungen machen, so werden wir sehen, daß allerdings eine solche Vorstellung, die wir in dieser Weise in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins rücken, zunächst alle möglichen anderen Vorstellungen anzieht — wie Bienen kommen sie herein von allen Seiten, diese anderen Vorstellungen. Die müssen wir ausschließen lernen; überhaupt müssen wir alles Vorstellen ausschließen lernen. Wir müssen gewissermaßen lernen, nachdem wir solche Vorstellungen entwickelt haben, das Bewußtsein leer machen zu können, ohne daß wir dabei einschlafen. Man soll nur einmal probieren, was das heißt! Das muß geübt werden, denn sobald der Mensch, wenn er nur die gewöhnliche Bewußtseinsstärke hat, sich bemüht, sein Bewußtsein leer zu machen — namentlich nachdem er sich zunächst stark angestrengt hat, sich konzentriert hat auf eine bestimmte Vorstellung —, schläft er unweigerlich ein. Aber das ist ja gerade das, was herbeigeführt werden muß: leeres Bewußtsein nach imaginativen Vorstellungen, also zunächst ohne einen subjektiven Inhalt. Und in diesem Momente, wo man das errungen hat, da strömt die geistige Welt in das so vorbereitete Seelenleben herein. In diesem Momente gelangt man dazu, eine Welt zu schauen, die nicht für die äußerliche Sinneswahrnehmung da ist, sondern die diejenige Welt ist, die wir jetzt nicht bloß — wie in der imaginativen Erkenntnis, wo wir bis zur Geburt hinsehen — als unserem Erdenleben angehörig erblicken, sondern da sehen wir diejenige Welt, die uns als Wesen enthalten hat, bevor wir zum Erdenleben heruntergestiegen sind. Da lernen wir uns als geistig-seelisches Wesen in einer rein geistigen Welt kennen. Da lernen wir dasjenige in uns kennen, was diesen Organismus, der hier in der Erdenwelt lebt, geschaffen hat. Da lernen wir durch Erkenntnis das Unsterbliche des Menschen kennen.
[ 32 ] If we do these exercises as well, we will see that such a concept—which we bring into the center of our consciousness in this way—initially attracts all sorts of other concepts; like bees, these other concepts come in from all sides. We must learn to exclude them; in fact, we must learn to exclude all conceptualization. In a sense, after we have developed such ideas, we must learn to be able to empty our consciousness without falling asleep in the process. Just try it once to see what that means! This requires practice, for as soon as a person—even one with only ordinary mental strength—attempts to empty their consciousness—especially after having first exerted great effort to concentrate on a specific image—they inevitably fall asleep. But that is precisely what must be brought about: an empty consciousness following imaginative perceptions—that is, initially without any subjective content. And at the very moment one has achieved this, the spiritual world pours into the soul life thus prepared. At that moment, one comes to behold a world that is not accessible to external sensory perception, but rather the world that we now perceive not merely—as in imaginative insight, where we look back as far as birth—as belonging to our earthly life, but rather the world that contained us as beings before we descended into earthly life. There we come to know ourselves as spiritual-soul beings in a purely spiritual world. There we come to know that which within us created this organism that lives here in the earthly world. There, through insight, we come to know the immortality of the human being.
[ 33 ] Und von da aus ist es dann — das will ich nur erwähnen — eine Stufe zum intuitiven Erkennen, um auch die Einsicht zu bekommen, daß die Erdenleben des Menschen sich wiederholen. Aber das werden Sie aus dem, was ich nur andeutungsweise darstellen konnte, ersehen haben, daß es sich darum handelt, durch streng systematische Innenschulung dazu zu kommen, das Bewußtsein bereit zu machen, nicht eine beliebige Welt aus dem Inneren herauszuschöpfen, sondern im Gegenteil: das Bewußtsein nach vorheriger Imagination frei zu machen für das Anschauen der geistigen Welt. Ebenso wie wir mit den äußeren Sinnen der äußeren Welt gegenübertreten, indem in diesen äußeren Sinnen der Wille lebt, der mit der Objektivität in Beziehung, in ein Verhältnis tritt, so machen wir, nachdem wir das innere Seelenleben völlig frei von Körperlichem bekommen haben, die Seele bereit, die geistige Welt zu schauen, wie sie durch die Sinne die physisch-körperliche Welt schaut. Da bekommen wir die Möglichkeit zu sehen, welches Wesen uns aufgebaut hat, insofern wir aus der Individualität heraus, nicht aus dem Kosmos heraus aufgebaut sind, und wie dieses Wesen als präexistentes Wesen in der geistigen Welt gelebt hat, bevor wir aus der Vererbungsströmung durch Generationen hindurch den physischen Leib angenommen haben. Und dann lernen wir dasjenige erkennen, was wiederum, durch die Pforte des Todes tretend, hinausdringt in die geistige Welt, wenn wir diesen physischen Leib ablegen. Wir lernen erkennen, was diesen physischen Leib aufbaut, was in diesem physischen Leib eine gewisse Transformation erlebt durch die Geburt, was durch die Erfahrungen des Lebens neu angefacht wird und dann durch den Tod wiederum eintritt in die geistig-seelische Welt. Es wird also angestrebt durch die Entwicklung bestimmter Seelenkräfte nicht eine Phantasterei, nicht ein Philosophieren, nicht ein Spekulieren über die Unsterblichkeit des Menschen, sondern es wird angestrebt ein wirkliches Schauen dessen, was als Unsterbliches in uns lebt. Und vertiefen wir also das geistige Leben in dieser Weise, dann stehen wir in einer geistigen Objektivität drinnen, und es kann nicht gesagt werden, daß dieses Drinnenstehen in einer geistigen Objektivität in irgendeiner Weise sich vergleichen ließe mit den aus dem bloßen Inneren heraufsteigenden Halluzinationen oder irgendwelchen subjektiv phantastischen Gebilden.
[ 33 ] And from there—I just want to mention this—it is only one step to intuitive recognition, to gaining the insight that a person’s earthly lives repeat themselves. But you will have gathered from what I have been able to describe only in broad strokes that the aim is to use strictly systematic inner training to prepare the consciousness—not to conjure up just any world from within, but on the contrary: to free the consciousness, through prior imagination, to perceive the spiritual world. Just as we encounter the external world through our external senses—in which the will lives and enters into a relationship with objectivity—so, after we have made our inner soul life completely free from the physical, we prepare the soul to perceive the spiritual world just as it perceives the physical-bodily world through the senses. There we gain the ability to see which being has formed us—insofar as we are formed out of individuality, not out of the cosmos—and how this being, as a pre-existing being, lived in the spiritual world before we took on the physical body through the stream of heredity across generations. And then we learn to recognize that which, in turn, passing through the gate of death, emerges into the spiritual world when we shed this physical body. We learn to recognize what constitutes this physical body, what undergoes a certain transformation within this physical body through birth, what is rekindled by the experiences of life, and what then, through death, re-enters the spiritual-soul world. Thus, through the development of certain soul forces, we strive not for fantasy, not for philosophizing, not for speculating about human immortality, but for a genuine vision of what lives within us as immortal. And if we deepen our spiritual life in this way, then we stand within a spiritual objectivity, and it cannot be said that this standing within a spiritual objectivity is in any way comparable to the hallucinations arising from the mere inner self or to any subjective, fantastical constructs.
[ 34 ] Nun möchte ich — allerdings mehr vergleichsweise andeutend — zeigen, wie man auf diese Weise nicht nur zur Menschenerkenntnis, zu einer Anthropologie, sondern auch zu einer Kosmologie kommen kann. Die Zeit drängt, ich kann es daher nur kurz andeuten.
[ 34 ] Now I would like—albeit more in a comparative and suggestive manner—to show how this approach can lead not only to an understanding of humanity, to an anthropology, but also to a cosmology. Time is short, so I can only briefly touch on this.
[ 35 ] Wie geht unser gewöhnliches Leben zwischen Geburt und Tod vor sich? Da sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, wie wir durch die Sinneserfahrungen die äußeren Erlebnisse haben, wie durch die Sinneserfahrungen die Vorstellungen ausgelöst, entwickelt werden und wie dann, nachdem die Vorstellungen entwickelt worden sind, diese Vorstellungen wiederum hervorgerufen werden können durch die Erinnerungskräfte. Wir sehen also, wenn wir unser Seelenleben überschauen, daß wir in dem, was wir in uns tragen, gewissermaßen die Bilder haben von dem, was wir an der Außenwelt erlebt haben. Ich suche aus dem tiefsten Inneren meines Seelenlebens ein bestimmtes Vorstellungsbild. Dieses Vorstellungsbild bringt mir im gegenwärtigen Augenblicke etwas vor die Seele, was ich vielleicht vor fünfzehn Jahren erlebt habe: ein Objektives, vollständig subjektiv erlebt. Aber wenn mein gesamtes inneres Seelenleben gesund ist, wenn das, was ich mir da als Erinnerungsbild vorstelle, in einer gesunden Verbindung mit meinem übrigen Seelenleben steht und namentlich wenn ich in der Lage bin, mich äußerlich durch die Sinne jederzeit ordentlich orientieren zu können, dann bin ich auch imstande, aus dem, was ich gegenwärtig vor mir habe — indem ich äußerlich alles heranziehe, womit dies im Verhältnis steht — mir zu sagen, wie das äußere objektive Erlebnis vor fünfzehn Jahren war.
[ 35 ] How does our ordinary life unfold between birth and death? Here we see, my dear friends, how we have external experiences through our sensory perceptions, how these perceptions trigger and develop our mental images, and how, once these images have been developed, they can in turn be brought to mind through the powers of memory. So when we survey our inner life, we see that within ourselves we possess, so to speak, images of what we have experienced in the external world. I search from the deepest recesses of my inner life for a specific mental image. This mental image brings before my soul, in the present moment, something I may have experienced fifteen years ago: an objective reality, experienced entirely subjectively. But if my entire inner life is healthy—if what I imagine there as a memory image stands in a healthy connection with the rest of my inner life, and especially if I am able to orient myself properly in the external world through the senses at all times— then I am also able—by drawing upon everything externally that relates to what I currently have before me—to tell myself what the external, objective experience was like fifteen years ago.
[ 36 ] Durch unsere Seele tragen wir zwischen Geburt und Tod in uns zunächst die Welt unserer Erlebnisse. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wir tragen auch noch anderes in uns. Wenn wir nur so unser Leben betrachten, wie wir es gewöhnlich in unserem Seelenleben überschauen, da haben wir nur dasjenige gegenwärtig, was ich eben erwähnt habe. Aber wir tragen anderes in uns, und durch das, was ich Ihnen geschildert habe als übersinnliche Erkenntnis, schauen wir tiefer in uns hinein — nicht durch nebulose Mystik, sondern durch der Mathematik verwandte exakte Methoden. Wir tragen in uns Organe, die Organe unseres Inneren. Sie sind aufgebaut aus unserem präexistenten Wesen; sie sind aufgebaut aus der geistigen Welt.
[ 36 ] Through our soul, between birth and death, we carry within us, first and foremost, the world of our experiences. But, ladies and gentlemen, we also carry something else within us. If we consider our life only as we usually perceive it in our inner life, then we are aware only of what I have just mentioned. But we carry something else within us, and through what I have described to you as supersensible knowledge, we look deeper into ourselves—not through nebulous mysticism, but through exact methods akin to mathematics. We carry within us organs, the organs of our inner being. They are formed from our pre-existing being; they are formed from the spiritual world.
[ 37 ] Wer mit solch exakter Anthroposophie, wie ich sie geschildert habe, nun nicht bloß sein Seelenleben, das er sich zusammengesammelt hat zwischen Geburt und dem heutigen Momente, überblickt, sondern wer erkennen lernt durch exakte Methoden das Wesen der Kräfte, die in den inneren Organen walten, der gelangt dazu — so wie er durch seine subjektiven Seelen-Erinnerungsbilder die Welt seiner Erlebnisse kennenlernt —, aus seinen Organen, die er geistig durchschaut, die Welt in ihrer Entwicklung kennenzulernen. Und es ist nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, irgendeine Reminiszenz da an irgendeinen alten Aberglauben, an irgendeinen alten Sternenglauben oder dergleichen, wenn heute die Anthroposophie spricht von einer Weltentwicklung, sondern es ist eine Menschenerkenntnis zugrundeliegend, die den inneren Menschen so erkennt, wie das bloße Seelenleben erkannt wird als ein Abbild der seit der Geburt erlebten Ereignisse, die mit uns im Zusammenhang stehen.
[ 37 ] Whoever, through such precise anthroposophy as I have described, not only surveys the life of the soul that he has gathered within himself between birth and the present moment, but also learns to recognize, through precise methods, the nature of the forces at work in the internal organs, will come to — just as they come to know the world of their experiences through their subjective soul memories — to come to know the world in its development through their organs, which they perceive spiritually. And it is not, my esteemed audience, that there is any reminiscence here of some ancient superstition, some old belief in the stars, or the like, when anthroposophy speaks today of the evolution of the world; rather, it is based on an understanding of the human being that perceives the inner human being just as the mere life of the soul is perceived—as a reflection of the events experienced since birth that are connected with us.
[ 38 ] So erleben wir einen Zusammenhang mit der ganzen Welt. Wie unsere Erinnerungen innere Abbilder sind unserer Erlebnisse seit der Geburt, so ist unser ganzer innerer Mensch — wenn wir ihn verstehen lernen — ein Abbild der ganzen Weltentwicklung. Das heißt «Lesen in der Akasha-Chronik» — nicht all die konfusen Vorstellungen, die der Anthroposophie entgegengehalten werden. Das heißt aus Menschenerkenntnis, aus wahrer Menschenerkenntnis Welterkenntnis holen. Nur darf man sich die Sache nicht so einfach machen, wie es heute sehr häufig geschieht, wo man mit ein paar hingepfahlten Begriffen etwas, was nur irgend in einem exakten Erkenntnisringen enthalten ist, glaubt umfassen zu können. Niemand würde sich heute vermessen, das System der Mathematik durch ein paar hingepfahlte Begriffe erfassen oder gar kritisieren zu wollen. Dagegen dasjenige, was auf viel kompliziertere Weise, aber mit wahrem Erkenntnisringen erworben ist, das wird heute mit ein paar hingepfahlten Begriffen leichthin zu charakterisieren versucht. Derjenige, der sich bemüht, alle inneren Vorsichtsmaßregeln zu gebrauchen, um nicht in ein Subjektives zu verfallen, sondern ganz in die Objektivität unterzutauchen — das heißt, das Bewußtsein zuerst so zu gestalten, daß es in die geistige Objektivität untertauchen kann —, der wird in der Weise, ich möchte sagen verleumdet, daß man behauptet, im entsprechenden Momente würde nur unterdrückte Nervenkraft heraufgeholt und dabei würden allerlei halluzinatorische Bilder entwickelt.
[ 38 ] In this way, we experience a connection with the entire world. Just as our memories are inner reflections of our experiences since birth, so too is our entire inner being—if we learn to understand it—a reflection of the entire development of the world. That is what “reading the Akashic Records” means—not all the confused notions that are held against anthroposophy. It means deriving knowledge of the world from knowledge of the human being, from true knowledge of the human being. But we must not oversimplify the matter, as is so often done today, when people believe they can encompass something that is merely contained within the realm of exact science using a few arbitrary terms. No one today would presume to attempt to grasp—let alone criticize—the system of mathematics with a few arbitrary terms. Yet what has been acquired in a far more complex manner, but through genuine intellectual striving, is today casually attempted to be characterized with a few arbitrary terms. Anyone who strives to employ all internal precautions to avoid falling into subjectivity, but rather to immerse themselves completely in objectivity—that is, to first shape consciousness in such a way that it can immerse itself in spiritual objectivity—will, in the manner I might say, slandered by the claim that, at the relevant moment, only suppressed nervous energy is brought to the surface, giving rise to all manner of hallucinatory images.
[ 39 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ohne daß ich in eine Gegenkritik verfallen möchte, will ich nur charakterisieren, wie da gegenwärtig vorgegangen wird, und Ihnen das zum Schlusse an einem kleinen Beispiel zeigen. Es erschien vor kurzem eine Schrift, in welcher dargetan werden soll, daß dasjenige, was der Anthroposoph findet, ja bis zu einem gewissen Grade ganz gut zugegeben werden kann — aus dem einfachen Grunde, weil ja heute die andere Wissenschaft auch schon findet, daß die merkwürdigsten Seelenerlebnisse aus dem Unterbewußtsein heraufkommen können. Und so kann man, wie der Verfasser dieser Schrift meint, ganz gut dem Anthroposophen zugeben, daß er allerlei solches erlebt, wie es erlebt wird bei Medien, wie es erlebt wird, wenn man die Leute in Hypnose versetzt oder ihnen Suggestionen beibringt oder auch, wenn man sich selbst Suggestionen schafft. Namentlich wird in dieser Schrift das, was das Wesentlichste an Anthroposophie ist, auf Selbstsuggestion zurückgeführt.
[ 39 ] Well, ladies and gentlemen, without wishing to engage in a counter-critique, I would simply like to describe how things are currently being handled and, in conclusion, illustrate this with a small example. A treatise was recently published in which it is argued that what the anthroposophist finds can, to a certain extent, indeed be readily acknowledged—for the simple reason that modern science itself has already discovered that the most remarkable soul experiences can arise from the subconscious. And so, as the author of this treatise argues, one can quite readily concede to the anthroposophist that he experiences all manner of such phenomena—as they are experienced by mediums, as they are experienced when people are put under hypnosis or given suggestions, or even when one creates suggestions for oneself. In particular, this treatise attributes what is most essential to anthroposophy to autosuggestion.
[ 40 ] Und nun wird etwas sehr Mehrwürdiges getan. Es wird gezeigt, wie ja die wunderbarsten Wirkungen aus der Seele heraus möglich sind, wie man selbst merkwürdig weitgehende Heilungsprozesse für Tuberkulose, Metritis, Fibrome und so weiter aus dem Seelenleben heraus entwickeln kann, wie selbst tuberkulöse Deformationen der Wirbelsäule ausgeglichen werden können durch das Seelenleben: Warum sollte nicht auch dem Anthroposophen zugegeben werden können, daß er allerlei aus seinem Seelenleben heraufholt, namentlich wenn er sich zuerst in Selbstsuggestion versetzt? Und nun wird gezeigt, daß es solch subjektives Leben gibt, und solch subjektivem Leben, namentlich der Autosuggestion, der Selbstsuggestion, soll auch der Anthroposoph ergeben sein. Und da wird zum Beispiel das folgende behauptet:
[ 40 ] And now something of even greater value is being done. It is shown how the most marvelous effects are possible through the soul, how even remarkably far-reaching healing processes for tuberculosis, metritis, fibroids, and so on through one’s inner life, and how even tuberculous deformities of the spine can be corrected through the inner life: Why should it not be possible to concede to the anthroposophist that he draws all manner of things from his inner life, especially when he first puts himself into a state of autosuggestion? And now it is shown that such a subjective life exists, and the anthroposophist is also to devote himself to such a subjective life, namely autosuggestion. And there, for example, the following is asserted:
Mittels seiner ....
Using his ....
[ 41 ] — also mittels der geistig-seelischen Entwicklung, wie ich sie geschildert habe
[ 41 ] — that is, through spiritual and psychological development, as I have described it
... wird das selbstbewußte Handeln, das heißt die Selbstbesinnung in Trance ermöglicht.
... enables self-assured action—that is, self-reflection in a trance.
[ 42 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich hatte nicht von Trance gesprochen. Ich hatte Ihnen nur davon gesprochen, daß das Bewußtsein zu klareren, helleren Stufen kommt, nicht daß es zurückgeführt wird in Dunkelheit und Düsternis wie in der Trance!
[ 42 ] Well, my esteemed audience, I had not spoken of a trance. I had merely told you that consciousness reaches clearer, brighter levels—not that it is led back into darkness and gloom, as in a trance!
Und die Selbstbesinnung wiederum ist die Voraussetzung übersinnlichen Schauens. Anders gesagt: Die sogenannten transzendenten Erfahrungen sind Produkte einer methodisch erzeugten Selbstbesinnung im Trancezustand unter gleichzeitiger Wirkung einer systematischen Suggestion. Das eigentliche Agens dabei ist die Selbstsuggestion. Beweis hierfür ist unter anderem die ausdrückliche Versicherung Rudolf Steiners, «man müsse zur Erlangung höherer Erkenntnisse den Willen mit Gewalt in die Vorstellung hineintreiben».
And self-reflection, in turn, is the prerequisite for supersensory perception. In other words: So-called transcendent experiences are the products of a methodically induced state of self-reflection in a trance, under the simultaneous influence of systematic suggestion. The actual agent here is self-suggestion. Evidence for this includes, among other things, Rudolf Steiner’s explicit assertion that “to attain higher insights, one must force the will into the imagination.”
[ 43 ] Also, hier wird behauptet, ich hätte am 8. Juli in Bern in einem Vortrag gesagt, man müsse zur Erlangung höherer Erkenntnis den Willen mit Gewalt in die Vorstellung hineintreiben.
[ 43 ] So, it is claimed here that I said in a lecture in Bern on July 8 that, in order to attain higher knowledge, one must forcefully drive the will into the imagination.
[ 44 ] Nun, zunächst etwas, wo man sehen kann, wie merkwürdig exakt heute in wissenschaftlichen Abhandlungen vorgegangen wird! Da wird zum Beispiel auf derselben Seite gesagt, wie solche Suggestionen wirklich ausgeführt werden können, wie jemandem etwas suggeriert werden kann, so daß ihm eine Idee beigebracht wird, und wie er dadurch ganz aufgeht in dieser Idee und sogar allerlei aus sich selber macht infolge dieses Aufgehens in dieser Idee. Und nun sagt der Verfasser:
[ 44 ] Well, first of all, here’s something that shows just how remarkably precise the approach in scientific treatises is today! For example, on the very same page, it explains how such suggestions can actually be carried out—how something can be suggested to someone so that an idea is instilled in them, and how, as a result, they become completely absorbed in this idea and even produce all sorts of things of their own accord as a consequence of this absorption. And now the author says:
Diese Erfolge beruhen in der Hauptsache darauf, daß Coue einmal die Suggestion als eine selbständige, vom Willen unabhängige (ideo-dynamische) Kraft auffaßt
These successes are primarily due to the fact that Coué once conceived of suggestion as an autonomous force (ideo-dynamic) independent of the will
[ 45 ] — «ideo-dynamisch» steht in Klammern, das ist sehr wichtig! —
[ 45 ] — “ideo-dynamic” is in parentheses; this is very important! —
.... und daß er die Bedeutung dieser unterbewußten Macht erkannt hat.
... and that he recognized the significance of this subconscious power.
[ 46 ] Also, man hat es zu tun mit einer vom Willen unabhängigen, ideo-dynamischen Kraft. Trotzdem soll diese ideodynamische Kraft, die also vom Willen unabhängig ist, von mir in Anspruch genommen werden, indem ich sage, man muß seinen Willen in die Vorstellung hineintreiben. Nun, nehmen wir zunächst einmal den Satz so, wie der Verfasser behauptet, ich hätte ihn in Bern gesagt: Man muß mit Gewalt seinen Willen in die Vorstellung hineintreiben.
[ 46 ] So, we are dealing with an ideodynamic force that is independent of the will. Nevertheless, I am supposed to make use of this ideodynamic force—which is, after all, independent of the will—by saying that one must drive one’s will into the imagination. Well, let’s first take the sentence as the author claims I said it in Bern: “One must force one’s will into the idea.”
[ 47 ] Ich habe auch heute davon gesprochen, wie man den Willen, den man zuerst kennenlernt an der Sinneswahrnehmung, in das Vorstellungsleben hineinentwickeln muß. Dadurch bekämpft man gerade die bloß suggestiven Einflüsse. Damit wirkt man gerade im entgegengesetzten Sinne. Dieses Anwenden des Willens, das macht gerade alle suggestiven Einflußmöglichkeiten zunichte. Es läuft das, was ich geschildert habe, in der entgegengesetzten Richtung des suggestiven Einflusses. Das aber zeigt sich eigentlich schon daran, daß hier genannt werden diese suggestiven Einflüsse «ideo-dynamische Impulse», also nicht Willensimpulse, sondern ideo-dynamische Impulse. Und dennoch, dem Verfasser schwant trotzdem etwas richtig, das er nur noch nicht imstande ist ordentlich auszudrücken: Man muß zwar schon auch Willen aufbringen, wenn man subjektive Ideen gerade in die Vorstellungen hineinbringen will, aber das geschieht, ohne daß derjenige, dem es geschieht, der die Suggestion erfährt, seinen eigenen Willen anwendet.
[ 47 ] I also spoke today about how one must develop the will—which one first becomes acquainted with through sensory perception—into the life of the imagination. This is precisely how one combats purely suggestive influences. In doing so, one acts in exactly the opposite direction. This application of the will is precisely what nullifies all possibilities of suggestive influence. What I have described runs in the opposite direction of suggestive influence. This is actually already evident from the fact that these suggestive influences are referred to here as “ideo-dynamic impulses”—that is, not impulses of the will, but ideo-dynamic impulses. And yet, the author nevertheless senses that he is onto something, even if he is not yet able to express it properly: One must indeed muster willpower when one wants to introduce subjective ideas into one’s mental images, but this happens without the person to whom it happens—the one experiencing the suggestion—exercising their own will.
[ 48 ] Überall habe ich geschildert, daß der Betreffende, der anthroposophischer Forscher werden will, seinen Willen anwendet, also sich gerade heraushebt aus den Suggestionsmöglichkeiten. Daher konnte ich nicht sagen — ich las das in dieser Broschüre und sagte mir: Habe ich mir wirklich in Bern am 8. Juli 1920 irgendwie in einem Momente die Zunge lähmen lassen, habe ich wirklich gesagt, man müsse zur Erlangung höherer Erkenntnisse den Willen mit Gewalt in die Vorstellungen hineintreiben? Das kann nämlich ein jeder, denn die Suggestion kann auch geschehen, ohne daß Aktivität da ist von seiten desjenigen, dem etwas suggeriert wird.
[ 48 ] Throughout, I have described how the person in question, who wishes to become an anthroposophical researcher, exercises his will—that is, sets himself apart from the possibilities of suggestion. That is why I could not say—I read this in the brochure and said to myself: Did I really, in Bern on July 8, 1920, somehow allow my tongue to be paralyzed for a moment; did I really say that, in order to attain higher knowledge, one must forcefully drive the will into one’s ideas? For anyone can do that, since suggestion can occur even without any active participation on the part of the person being suggested to.
[ 49 ] Nun habe ich mir die Mühe gegeben, das Stenogramm meines Berner Vortrages vom 8. Juli 1920, das ich glücklicherweise heute gefunden habe, nachzusehen. Und sehen Sie nun dasjenige, was ich dazumal in Bern wirklich gesagt habe. Überall gab ich mir Mühe zu zeigen, wie gerade der zum suggestiven entgegengesetzte Weg eingeschlagen werden soll. Und dann sagte ich:
[ 49 ] I have now taken the trouble to check the transcript of my lecture in Bern on July 8, 1920, which I was fortunate enough to find today. And now take a look at what I actually said back then in Bern. Throughout, I made an effort to show how one should take the path that is precisely the opposite of the suggestive one. And then I said:
Da müssen wir immer größere und größere Kraft anwenden. Und auf das Anwenden dieser Kraft kommt es an; es kommt darauf an, daß wir den Willen hineintreiben, mit aller Macht den Willen hineintreiben in das Vorstellungsleben, in das Vorstellen, daß wir in der Tat heranerstarken an diesem Hineintreiben des Willens in das Vorstellungsleben.
We have to apply more and more force. And it is the application of this force that matters; what matters is that we drive our will—with all our might—into our life of imagination, into the act of imagining, so that we truly grow stronger through this driving of the will into our life of imagination.
[ 50 ] Das ist etwas anderes. In die Vorstellungen kann man nur Ideen hineintreiben. Wenn man vom Hineintreiben des Willens in das Vorstellungsleben spricht, so heißt es gerade, sich nicht die Vorstellungen durch Suggestionen beeinflussen zu lassen, sondern das freie, durch den Willen beherrschte Vorstellungsleben und Vorstellungswesen selber in die Hand zu nehmen. Sie sehen, es wird in Anführungszeichen zitiert, und es wird in Anführungszeichen das Gegenteil von dem gesagt, was ich wirklich gesprochen habe.
[ 50 ] That is something else entirely. One can only instill ideas into one’s imagination. When one speaks of infusing the will into the life of the imagination, it means precisely not allowing one’s ideas to be influenced by suggestions, but rather taking control of the free, will-governed life of the imagination and the imaginative faculty itself. You see, it is quoted in quotation marks, and the opposite of what I actually said is stated in quotation marks.
[ 51 ] Das ist aber nur ein Beispiel, meine sehr verehrten Anwesenden, für die Art und Weise, wie heute gerade von wissenschaftlicher Seite vielfach gegen Anthroposophie diskutiert wird, wie die Anthroposophie mißverstanden wird. Denn das ist außerordentlich charakteristisch, und die ganze Broschüre hat eigentlich diese Tendenz. Dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was mediumistische Erscheinungen sind, was Halluzinationen sind, was irgendwelche Visionen sind, die aus dem Inneren aufsteigen — ich habe sie immer aus dem Gebiete des anthroposophischen Lebens streng verwiesen und erklärt, daß ich all das für pathologisch halte, daß da unter das Sinnesleben hinuntergegangen wird, nicht über das Sinnesleben hinauf. Und ich habe das überall, an vielen Stellen im einzelnen ausgeführt, wie das, was Anthroposophie will, was Anthroposophie als Schilderungen geistig-seelischer Welten gibt, aus ganz anderen Grundlagen entspringt als dasjenige, was hier geltend gemacht wird. Und nun tritt die merkwürdige Tendenz auf, gerade dasjenige, was ich abweise, was ich als krankhaft, pathologisch betrachte, das wird als das Berechtigte an der Anthroposophie angesehen! Das heißt, man kehrt den Tatbestand um. Man macht die Leute glauben, daß ich irgend etwas schildere, was Halluzinationen oder dergleichen seien. Nun, die gibt es ja, sagt er, das geben wir also dem Anthroposophen ruhig zu, das sei ihm zugestanden. Aber er darf nicht über höhere Welten reden, da komme er in ein philosophisches Gebiet hinein, das sei nur als theosophische Glaubenslehre, als durch theosophische Glaubenslehre bedingte Phantasie zu bewerten.
[ 51 ] But this is only one example, my esteemed audience, of the way in which anthroposophy is frequently criticized today—particularly from scientific circles—and of how anthroposophy is misunderstood. For this is exceptionally characteristic, and the entire brochure actually reflects this tendency. As for what, my esteemed audience, mediumistic phenomena are, what hallucinations are, and what any kind of visions arising from within are—I have always strictly excluded them from the realm of anthroposophical life and explained that I consider all of this to be pathological, that it descends below the sensory life rather than rising above it. And I have elaborated on this in detail in many places, explaining how what anthroposophy aims for—the descriptions of spiritual and soul worlds that anthroposophy provides—arises from entirely different foundations than what is being asserted here. And now a strange tendency has emerged: precisely what I reject—what I regard as pathological—is being viewed as the legitimate aspect of anthroposophy! In other words, the facts are being turned on their head. People are being led to believe that I am describing something that amounts to hallucinations or the like. “Well,” he says, “those do exist; so we’ll gladly concede that to the anthroposophist—he’s entitled to that. But he must not speak of higher worlds; there he enters a philosophical realm, which must be regarded merely as a theosophical doctrine of faith—as imagination conditioned by theosophical doctrine.”
[ 52 ] Aber etwas höchst Charakteristisches, meine sehr verehrten Anwesenden: Der Mann, der sich hier zunächst herauskristallisiert dasjenige, was er haben will von der Anthroposophie — obwohl es das Gegenteil von dem ist, was Anthroposophie wirklich gibt —, der sagt: Was ich der Anthroposophie zugestehe, das kennen wir ja heute; man kennt Telepathie, Hellsehen, Teleplastie und so weiter. — Aber alles das gehört in das pathologische Gebiet, vielleicht auch in das therapeutische Gebiet — die Dinge hängen ja zusammen. Da müßte ich eingehen auf das, was ich in Ärztekursen wiederholt gesagt habe: wie durchaus aus Anthroposophie eine Pathologie und eine Therapie hervorzuholen sind, die in berechtigter Weise hinausgehen über das, was die heutige, bloß materialistische Auffassung geben kann. — Aber indem zuerst dasjenige verkehrt wird, was Anthroposophie geben kann, und indem dann dieses Verkehrte anerkannt wird, wird gesagt: Ja, man kann ja den Leuten allerlei suggerieren, aber das hat man noch nicht erlebt, daß Leute in der Trance so etwas erlebt haben wie astralische oder mentale Märchenländer.
[ 52 ] But here is something highly characteristic, my esteemed audience: The man who first emerges here as the one who wants to take from anthroposophy—even though it is the opposite of what anthroposophy actually offers—says: “What I acknowledge in anthroposophy, we are already familiar with today; we know about telepathy, clairvoyance, telekinesis, and so on.” — But all of that belongs to the field of pathology, and perhaps also to the field of therapy—after all, these things are interconnected. Here I would have to elaborate on what I have repeatedly said in courses for physicians: how it is entirely possible to derive from anthroposophy a pathology and a therapy that legitimately go beyond what today’s purely materialistic view can offer. — But by first misrepresenting what anthroposophy has to offer, and then by accepting this misrepresentation, people say: Yes, you can certainly suggest all sorts of things to people, but no one has ever actually experienced people in a trance going through something like astral or mental fairy-tale realms.
[ 53 ] Das ist es aber gerade! Er nennt es Märchenland, weil er es für Phantasien ausgibt. Das, sagt er, kann man nicht erleben auf dem Wege der Suggestion. Dennoch wird es erlebt. Eine merkwürdige Polemik! Erst wird herausgeschält aus den anthroposophischen Ergebnissen dasjenige, was man glaubt verstehen zu können, obwohl man es ganz und gar nicht versteht. Das wird dann zurechtgelegt als Halluzination und so weiter; das läßt man gelten. Das andere aber macht man zum Märchenland, aber man sagt, man könne es nicht suggerieren. Man kann es auch nicht suggerieren, sondern man muß es sich durch exakte innere Methoden erobern als innere Erkenntnis. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich mache niemandem einen Vorwurf daraus, daß er in einer solch grotesken Weise mißversteht, was Anthroposophie geben kann. Ich mache auch dieser angesehenen — und mit Recht angesehenen Sammlung von wissenschaftlichen, medizinischen und sonstigen Abhandlungen, die in München und Wiesbaden bei J. F. Bergmann erscheint, keinen Vorwurf, daß sie solche groteske Kritik der Anthroposophie aufnimmt, denn eigentlich ist das ganze Büchelchen von Albert Sichler sogar gutgemeint. Er möchte der Sache gerecht werden. Er kann es nicht, weil eben vorläufig noch ein Abgrund besteht zwischen dem, was man heute als offizielle Wissenschaft anerkennt, und dem, was man braucht, um nun wirklich weiterzukommen, denn es ist doch zum Schluß ein innerer Zusammenhang in dem geistigen Leben, zwischen unserem ganzen Zivilisationsleben und dem wissenschaftlichen Leben in der neueren Zeit. Und die Brücke muß gebaut werden hinüber zur Ethik, zum sozialen Leben. Das wird eine Wissenschaft nicht können, die bloß im Materiellen steckenbleibt oder höchstens über das Nichtmaterielle Hypothesen schwingt. Das kann nur eine Wissenschaft, die wirklich ins Geistige eindringt, denn im Sozialen wirkt das Geistige, und soziale Gesetze können nur gefunden werden von dem, der auch in der Natur Gesetze, Formen, Transformationen des Geistigen findet.
[ 53 ] But that’s exactly the point! He calls it “fairyland” because he dismisses it as fantasy. He says that such an experience cannot be had through suggestion. Yet it is experienced. What a strange polemic! First, one picks out from the anthroposophical findings whatever one believes one can understand, even though one does not understand it at all. This is then dismissed as a hallucination and so on; that is accepted. The other part, however, is turned into a “fairy-tale land,” yet one claims it cannot be suggested. It cannot be induced, but must be attained through precise inner methods as inner knowledge. Well, my esteemed audience, I do not reproach anyone for misunderstanding in such a grotesque way what anthroposophy has to offer. Nor do I hold it against this esteemed—and rightly so—collection of scientific, medical, and other treatises, published in Munich and Wiesbaden by J. F. Bergmann, that it includes such grotesque criticism of anthroposophy, for in fact the entire little book by Albert Sichler is actually well-intentioned. He wishes to do justice to the subject. He cannot do so, however, because for the time being there remains a gulf between what is recognized today as official science and what is needed to truly make progress; for, after all, there is ultimately an inner connection in spiritual life between our entire civilizational existence and scientific life in modern times. And the bridge must be built across to ethics, to social life. A science that remains stuck in the material realm—or at best merely posits hypotheses about the non-material—will not be able to do this. Only a science that truly penetrates into the spiritual realm can do so, for the spiritual is at work in the social sphere, and social laws can only be discovered by those who also find laws, forms, and transformations of the spiritual in nature.
[ 54 ] Nun, ich konnte in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung stand, heute nur einige Gesichtspunkte angeben, meine sehr verehrten Anwesenden. Ich wollte ihnen zeigen, wie Anthroposophie bestrebt ist, durchaus im Sinne wahrer Wissenschaft zu wirken, wie sie es sich in der Wissenschaftlichkeit und in der Erkenntniskritik durchaus ernst, sauber angelegen sein läßt, zu einer der Mathematik nachgebildeten Methode zu kommen. Auf der anderen Seite aber stehen ihr heute noch viele Vorurteile entgegen, trotzdem sie eigentlich von unserer Zivilisation als etwas ungeheuer Notwendiges gebraucht würde, weil sie allein imstande ist, erkenntnismäßig dem Menschen über sein eigenes Wesen eine wirkliche, eine befriedigende Aufklärung zu geben.
[ 54 ] Well, in the short time available to me today, I was able to present only a few points of view, my esteemed audience. I wanted to show you how anthroposophy strives to operate entirely in the spirit of true science, how it takes scientific rigor and the critique of knowledge very seriously, seeking to arrive at a method modeled on that of mathematics. On the other hand, however, it still faces many prejudices today, even though our civilization actually needs it as something incredibly essential, because it alone is capable of providing human beings with a genuine and satisfying understanding of their own nature through knowledge.
[ 55 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich glaube, wie gesagt, daß die Gegnerschaften verschwinden werden, wenn einmal ein objektiver Boden gewonnen sein wird, um zwischen der heute gangbaren Wissenschaft und der anthroposophischen Forschungsmethode eine Harmonie, ein gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Das muß abgewartet werden. Ehe dieses nicht geschaffen ist, werden allerlei parteimäßige oder religiöse, theologische oder sonstige Gegner kommen, die eben auf unsachlichem Boden sich bewegen. Wer aber drinnensteht in dieser Anthroposophie, wer es ernst meint mit ihr, ernst meint mit all dem, was von Dornach ausgehen will, der sagt sich— weil er weiß, wie ernst geforscht wird innerhalb dieses anthroposophischen Gebietes —, der sagt sich: So groß auch die Mißverständnisse sein mögen, es muß schließlich doch aus dem Ernste der neuzeitlichen wissenschaftlichen Methoden und Gesinnungen zum Schluß ein Ausgleich, eine Harmonie gefunden werden. Und dieses Bewußtsein, das darf man haben, wenn man selbst auf dem Boden steht, daß man zunächst bei allem, was man in der Anthroposophie sucht, sich jene gewissenhaften Prüfungsanforderungen vorlegt, die auch sonst heute in der Wissenschaft angewendet sein wollen. Und das ist es, was einen erwarten läßt den äußeren Ausgleich. Wenn man ernst vorgeht, kann man überzeugt sein, daß aus der heutigen Wissenschaft und aus dem, was Anthroposophie bisher zu leisten bemüht war — wenigstens für den, der beides kennt, gegenwärtige Wissenschaft und Anthroposophie —, heute schon der Ausgleich, die Harmonie durchaus gefunden werden kann, Und dieses Bewußtsein gibt Zuversicht, daß die wissenschaftliche Verständigung erfolgen wird. Und dann werden die anderen Gegnerschaften gegen Anthroposophie von selber verschwinden.
[ 55 ] Well, ladies and gentlemen, as I have said, I believe that these conflicts will disappear once an objective foundation has been established to create harmony and mutual understanding between today’s mainstream science and the anthroposophical method of research. We must wait and see. Until this is achieved, all manner of partisan, religious, theological, or other opponents will arise, operating precisely on an unscientific basis. But anyone who is deeply immersed in this anthroposophy, anyone who takes it seriously—who takes seriously everything that seeks to emanate from Dornach—will say to themselves—because they know how seriously research is conducted within this anthroposophical field—they will say to themselves: No matter how great the misunderstandings may be, a balance, a harmony, must ultimately be found through the seriousness of modern scientific methods and attitudes. And one may have this awareness if one stands on the ground that, in everything one seeks in anthroposophy, one first subjects oneself to those conscientious standards of scrutiny that are also required in science today. And that is what allows one to expect this external balance. If one proceeds seriously, one can be convinced that a balance and harmony can certainly be found today between modern science and what anthroposophy has strived to achieve so far—at least for those who are familiar with both, modern science and anthroposophy. And this awareness gives confidence that scientific understanding will be achieved. And then the other objections to anthroposophy will disappear of their own accord.
Es gibt keine Wortmeldungen.
No one has asked to speak.
[ 56 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist ja natürlich in einem Vortrage, der außerdem noch als Einleitungsvortrag zu einer ganzen Reihe von Vorträgen über Anthroposophie gehalten werden soll, immer nur möglich, einige Richtlinien zu berücksichtigen. Und so konnte namentlich dasjenige nicht berücksichtigt werden, das mir ganz besonders am Herzen gelegen hätte: die Brücke zu zeigen, welche hinüberführt von der Erkenntnisseite der Anthroposophie zur sozialen, praktisch-ethischen und religiösen Seite derselben. Und darüber — wir haben ja nur Zeit bis 10 Uhr — gestatten Sie mir ganz wenige Worte zu sagen. Wenn man heute die naturwissenschaftliche Weltanschauung — ich sage nicht die Naturwissenschaft, aber die naturwissenschaftliche Weltanschauung —, wie sie vielfach lebt gerade im Laientum, aber auch in Leuten, die nicht glauben Laien zu sein, die aber doch als Mitglieder verschiedener Monisten- und sonstiger Bünde die naturwissenschaftlichen Ideen von vor dreißig Jahren heute als religiöses Bekenntnis verzapfen, wenn man das, was sich wie eine Art von Weltanschauung doch mehr oder weniger als ein materialistisches Gebilde ergeben hat, ins Auge faßt, dann führt von dem, was heute viele Menschen als für das einzig Mögliche halten im Forschen, keine Brücke zu der Realität der ethischen Ideale und auch der sozialen Ideale hinüber.
[ 56 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! Of course, in a lecture—especially one intended to serve as an introductory lecture to a whole series of lectures on anthroposophy—it is always only possible to address a few guiding principles. And so, in particular, I was unable to address what would have been especially close to my heart: to show the bridge that leads from the epistemological side of anthroposophy to its social, practical-ethical, and religious aspects. And on that subject—since we only have time until 10 o’clock—please allow me to say just a few words. If one considers today’s scientific worldview—I am not speaking of natural science itself, but of the scientific worldview—as it is widely held, particularly among laypeople, but also among those who do not consider themselves laypeople, yet who, as members of various monist and other associations, peddle the scientific ideas of thirty years ago as a religious creed today, if one considers what has emerged more or less as a materialistic construct—a kind of worldview—then there is no bridge leading from what many people today regard as the only possible approach to research to the reality of ethical ideals and social ideals as well.
[ 57 ] Wir stehen heute, indem wir alles sehen, was die Naturwissenschaft uns gibt, vor der Notwendigkeit, für eine Weltanschauung uns Vorstellungen zu bilden zum Beispiel über Erdenanfang und Erdenende. Ich kann auch diese Dinge nur andeuten. Wir haben die von Kant-Laplace begründete Theorie des Erdenanfangs aus dem Urnebel heraus, der vorgestellt wird nach dem Gesetze der Aerodynamik und der Aeromechanik. Man stellt sich vor, wie aus einem Urnebel heraus sich das Planeten-Sonnen-System gebildet hat, wie sich die Erde abgesplittert hat. Es wird, allerdings mit fortwährend kritischer Behandlung der Frage, wie die Lebewesen entstanden sein könnten — wobei man an Erkenntnisgrenzen gelangen wird —, dann behandelt, wie nun auch das organische Leben aufsprießt aus dem, was anfangs nur im Urnebel vorhanden war, wie dann der Mensch aus diesem hervorgegangen ist und wie er sich heute im selbstbewußten Ich erlebt.
[ 57 ] Today, as we take in all that the natural sciences have to offer, we are faced with the necessity of forming ideas—for a worldview—about, for example, the origin and the end of the Earth. I can only touch upon these matters. We have the theory of the Earth’s origin, established by Kant-Laplace, which posits that the Earth emerged from a primordial nebula governed by the laws of aerodynamics and aeromechanics. One imagines how the planetary-solar system formed from a primordial nebula and how the Earth broke away from it. It then addresses—albeit with a continually critical examination of the question of how living beings might have arisen (a process that will inevitably reach the limits of our knowledge)—how organic life sprang forth from what initially existed only in the primordial nebula, how humanity emerged from this, and how humanity experiences itself today as a self-aware “I.”
[ 58 ] Nun habe ich Menschen kennengelernt— und im Grunde genommen ist doch das Leben der größte Lehrmeister, wenn man es nur richtig zu nehmen versteht —, ich habe Menschen kennengelernt, die diese naturwissenschaftliche Weltanschauung ernst nahmen. Ich erinnere mich an eine Persönlichkeit, die aber typisch, repräsentativ für zahlreiche andere ist. Die anderen machen sich das oftmals nicht klar, aber sie richten sich einen Altar des Glaubens, einen Altar der Erkenntnis auf. Das kann derjenige nicht, der es mit den naturwissenschaftlichen Vorstellungen ernst nimmt, der kommt eben zu solchen hypothetischen Vorstellungen über den Erdenanfang und über das Erdenende — zum Beispiel aus der Wärmelehre, aus der Entropielehre heraus, die dazu führt, sich vorzustellen, wie alles zum Schluß in den Wärmetod übergeht. Man lernt nur wenige Menschen kennen, die den innerlichen Mut haben, aus einer Vollmenschlichkeit heraus sich einzugestehen, in welche Lage heute der Mensch mit seinem Inneren versetzt wird, wenn er diese Dinge als einzig geltend ernst nimmt.
[ 58 ] Now I have met people—and, after all, life is the greatest teacher, if only one knows how to take it seriously—I have met people who took this scientific worldview seriously. I recall one individual who is, however, typical and representative of many others. The others often do not realize it, but they are erecting an altar of faith, an altar of knowledge. One who takes scientific ideas seriously cannot do this; such a person inevitably arrives at hypothetical notions about the origin and end of the Earth—for example, based on the theory of heat or the theory of entropy, which leads to imagining how everything will ultimately pass into heat death. One meets very few people who have the inner courage, out of a sense of full humanity, to admit to themselves the predicament into which humanity is placed today—in its innermost being—when it takes these things seriously as the only valid ones.
[ 59 ] Herman Grimm zum Beispiel sagt— verzeihen Sie den etwas drastischen Ausspruch, den ich zitiere —, aus seinem Empfinden heraus, indem er sich klarmacht, was da auf der Erde sich entwickeln soll zwischen dem Kant-Laplaceschen Urnebel und dem Zustand, zu dem uns die Lehre von der Entropie führen soll: Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund seine Kreise zieht, ist ein appetitlicheres Stück als dieses Weltenbild, das heute schon in den Schulen vor die Menschen hingestellt wird. Und künftige Zeitalter werden Mühe haben zu erklären, wie einmal ein besonders pathologisches Zeitalter dazu gekommen ist, solche Vorstellungen über Erdenanfang und Erdenende sich zu bilden. Man wird nicht begreifen können, meint er, daß man so etwas hat ernst nehmen können.
[ 59 ] Herman Grimm, for example, says—forgive me for quoting this somewhat drastic statement—based on his own intuition, as he reflects on what is supposed to unfold here on Earth between the Kant-Laplacean primordial nebula and the state to which the theory of entropy is supposed to lead us: A carrion bone around which a hungry dog circles is a more appetizing morsel than this worldview, which is already being presented to people in schools today. And future generations will have a hard time explaining how a particularly pathological era ever came to form such notions about the beginning and end of the Earth. People will not be able to comprehend, he says, how anyone could have taken such a thing seriously.
[ 60 ] Nun ja, meine sehr verehrten Anwesenden, diese Wissenschaft aber, die heute als Naturwissenschaft vor uns steht— wie gesagt, Anthroposophie wird nicht im geringsten an ihr mäkeln —, sie wird von ihr voll anerkannt auf ihrem Gebiete. Anthroposophie steht auf dem Boden wissenschaftlicher Gesinnung, denn wissenschaftlich gewissenhafte Methodik und innerliche Disziplinierung, wie sie sich herausgebildet haben, müssen als Vorbild anerkannt werden, nur müssen sie weiter ausgebildet werden in dem Sinne, wie ich das heute charakterisiert habe.
[ 60 ] Well, my esteemed audience, this science, which stands before us today as the natural sciences—as I said, anthroposophy does not in the least find fault with it—is fully recognized by it within its own field. Anthroposophy is grounded in a scientific spirit, for scientifically rigorous methodology and inner discipline, as they have developed, must be recognized as models; they simply need to be further developed in the sense I have described today.
[ 61 ] Dadurch kommt man aber auch zu einer wirklichen Menschenerkenntnis. Diese Menschenerkenntnis ist allerdings nicht so leicht zu gewinnen wie diejenige, die man heute aus physiologischen, biologischen Anschauungen gewinnt. Diese Menschenerkenntnis zeigt uns schließlich, wie der Mensch eigentlich ein Gebilde ist, das innerlich ganz verschieden organisiert ist nach dem Haupte zu und nach dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem zu — das sind die beiden Pole der menschlichen Wesenheit. Was ich jetzt kurz andeute, habe ich in langen Vortragsreihen bis ins kleinste ausgeführt. Aber ich will gleich zeigen, wie falsch es ist, wenn man zum Beispiel sagt, unser Denken gehe aus Prozessen unseres Gehirns hervor. Das wäre geradeso, wie wenn sich ein Wagen fortbewegt auf einer weich gewordenen Straße und da seine Eindrücke macht: Sie können den Weg an den Eindrücken des Wagens in der weich gewordenen Straße verfolgen. Aber bedenken Sie, jemand kommt und sagt: Du sollst diese Eindrücke erklären durch Kräfte, die da unten in der Erde sind; du mußt diese Konfigurationen erklären aus diesen unterirdischen Kräften! — Geradeso ist es mit den Methoden, die man heute anwendet, um aus leeren Organkräften die Gehirnwindungen, die Nervenstruktur zu erklären. Die Nervenstruktur ist zu erklären aus den Einwirkungen des Geistig-Seelischen, geradeso wie die Furchen in einer weich gewordenen Straße aus dem darüberfahrenden Wagen zu erklären sind.
[ 61 ] This, however, also leads to a true understanding of the human being. This understanding of the human being is not, however, as easy to attain as the one gained today from physiological and biological perspectives. This understanding of the human being ultimately shows us how the human being is, in fact, a structure that is organized internally in entirely different ways according to the head and the metabolic-limb system—these are the two poles of the human being. What I am now briefly hinting at, I have elaborated in great detail in long series of lectures. But I want to show right away how wrong it is to say, for example, that our thinking arises from processes in our brain. That would be just as if a car were moving along a road that had become soft and were leaving its impressions there: You can trace the path by the car’s impressions in the softened road. But consider this: someone comes along and says, “You must explain these impressions through forces that exist down there in the earth; you must explain these configurations based on these subterranean forces!”—It is exactly the same with the methods used today to explain the convolutions of the brain and the nervous structure based solely on the forces of the organs. The structure of the nervous system can be explained by the influences of the spiritual-soul aspect, just as the ruts in a softened road can be explained by the carriage driving over it.
[ 62 ] Es ist nur ein Bild. Aber in vollkommen exakter Wissenschaftlichkeit führt uns Anthroposophie dazu zu erkennen, wie das Denken, das Vorstellen ein geistig-seelischer Vorgang ist, der das Gehirn nur als eine Unterlage hat. Und er hat das Gehirn als eine Unterlage, weil er nicht beruht auf Wachstumsprozessen des Gehirns, auf organischen Prozessen, sondern gerade auf langsamen Sterbeprozessen des Gehirns. Das Nervensystem hat eigentlich nicht ein Leben, sondern das Entgegengesetzte eines Lebens, ein Zurückgehen des Lebens. Es muß erst Platz gemacht werden für die Gedanken. Die Nervenpartien müssen absterben, und ein fortwährendes Sterben, also ein Aus-dem-Wege-Schaffen der materiellen Vorgänge, muß eintreten, damit die geistig-seelischen Vorgänge Platz greifen können. Das muß immer wieder vom Gliedmaßen-Stoffwechselsystem ausgeglichen werden im Schlafe oder in sonstigen Vorgängen. Was so heraufsteigt, die bewußtseinslähmenden Prozesse, diejenigen Prozesse, von denen die Physiologie heute spricht, heben das Vorstellen ja auf, löschen es aus. Gerade wenn diese Prozesse herabgestimmt werden, in eine Art partiellen Sterbens übergehen, dann entsteht das Vorstellen, das Denken, so daß wir fortwährend Leben und Sterben, Geborenwerden und Sterben in uns tragen. Und der Moment des Sterbens, er ist nur, ich möchte sagen das Integral von den Differentialen, aus denen sich das Leben zusammensetzt, aus den Differentialen eines fortwährenden Sterbens, aus dem sich das Dasein des Menschen zusammensetzt.
[ 62 ] It is only an image. But with complete scientific precision, anthroposophy leads us to recognize how thinking and imagining are spiritual-psychic processes that use the brain merely as a foundation. And it has the brain as a foundation because it does not rest on the brain’s growth processes or on organic processes, but precisely on the brain’s slow processes of dying. The nervous system does not actually have a life, but rather the opposite of life—a retreating of life. Space must first be made for thoughts. The nerve tissues must die off, and a continuous process of dying—that is, the removal of material processes—must take place so that the mental and spiritual processes can take hold. This must be constantly balanced by the metabolic system of the limbs during sleep or other processes. What rises up in this way—the processes that paralyze consciousness, those processes of which physiology speaks today—actually suspend imagination, erase it. Precisely when these processes are subdued, transitioning into a kind of partial dying, then imagination and thought arise, so that we continually carry within us life and death, being born and dying. And the moment of dying is nothing other than—I would say—the integral of the differentials that make up life, of the differentials of a continuous dying, from which human existence is composed.
[ 63 ] Führt man diesen Gedankengang fort, dann kommt man dazu, etwas zu erkennen, was heute in der anerkannten Wissenschaft geradezu geleugnet werden muß, was aber doch in der wirklichen Fortsetzung dieser Wissenschaft liegt: daß der Mensch in sich wirkliche Abbauprozesse hat, fortwährend Sterbeprozesse hat. In diese Sterbeprozesse hinein entwickeln sich die ethischen Ideale, so daß diese ethischen Ideale nicht hängen an Fortsetzungen von organischen Prozessen, sondern an zurückgedrängten, sich rückbildenden organischen Prozessen. Das führt aber wiederum zu folgendem: Wenn einstmals unsere Erde bei was auch immer für einem mineralisch-biologischen Zustande angelangt sein wird, wenn die Erde meinetwillen nehmen wir die Hypothese als gültig, sie ist es nicht ganz, aber in einem gewissen Sinne doch —, wenn sie angelangt sein wird beim Wärmetod — wenn also keine anderen Prozesse mehr möglich sind, weil alles nach dem zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie sich gebildet hat als die Überbleibsel, die immer da sind, wenn Wärme an die Umgebung abgegeben wird, wenn Wärme umgesetzt wird—, wenn dieser Zustand eingetreten ist, dann ist das, was im Menschen gelebt hat als ethische Ideale, zu seiner größten Kraftentfaltung gekommen. Und das trägt das Erdendasein hinaus zu neuer planetarischer Bildung.
[ 63 ] If one follows this line of thought further, one comes to recognize something that is virtually denied by mainstream science today, yet which lies at the very heart of the true continuation of that science: that human beings have within themselves actual processes of decay, continuous processes of dying. Ethical ideals develop within these processes of dying, so that these ethical ideals are not tied to the continuation of organic processes, but rather to suppressed, regressing organic processes. This, in turn, leads to the following: When our Earth eventually reaches whatever mineral-biological state it may be—if, for my sake, we accept the hypothesis as valid (it is not entirely so, but in a certain sense it is)—when it reaches thermal death — that is, when no other processes are possible anymore, because everything has, according to the second law of thermodynamics, taken the form of the remnants that are always present when heat is released into the environment, when heat is converted—, when this state has been reached, then what has lived within human beings as ethical ideals will have attained its greatest expression of power. And this carries earthly existence forward toward a new planetary formation.
[ 64 ] Wir entdecken in unseren moralischen Idealen die Keime für spätere Welten, für spätere, durch unsere heutige Moral begründete Welten. Unsere Ideale bekommen dadurch einen realen Wert. Die heutige Philosophie ist genötigt, von bloßen Werten zu sprechen. Aber was gibt es für eine Möglichkeit, wenn man von Werten spricht, die im Menschen aufsteigen als bloße Ideen, die aber keine Keime sind von künftigen Realitäten, was gibt es für eine andere Aussicht, als sich zu sagen: Wir kommen her aus dem Kant-Laplaceschen Weltnebel, und irgendwie tauchen in unserem Selbstbewußtsein die moralischen Ideale auf, aber diese moralischen Ideale leben in uns nur wie Dunst und Nebel. — Das war eben die Persönlichkeit, auf die ich vorhin gedeutet habe, die als Gesetz annahm die moderne naturwissenschaftliche Entwicklung und sich sagte: Der Mensch ist geprellt in der Welt. Die naturwissenschaftliche Entwicklung hat ihn bis hierher gebracht, dann steigen die moralischen Ideale als Schaumgebilde auf, zerfließen wieder, und alles geht in den Wärmetod, in den großen Friedhof ein, denn die moralischen Ideale werden zwar erlebt, haben aber keine Möglichkeit, zur Realität zu werden.
[ 64 ] In our moral ideals, we discover the seeds of future worlds—worlds founded on our present-day morality. This gives our ideals a real value. Contemporary philosophy is compelled to speak of mere values. But what other option is there—when speaking of values that arise in human beings as mere ideas, yet are not the seeds of future realities—what other prospect is there but to say to ourselves: We come from the Kant-Laplacean cosmic nebula, and somehow moral ideals emerge in our self-consciousness, but these moral ideals live within us only as mist and fog.—That was precisely the personality I referred to earlier, who accepted modern scientific development as law and told himself: Humanity is cheated in the world. Scientific development has brought him this far; then moral ideals rise up like frothy formations, dissolve again, and everything merges into heat death, into the great graveyard, for although moral ideals are experienced, they have no possibility of becoming reality.
[ 65 ] Anthroposophie zeigt uns aus dem Verfolgen der zurückgehenden Prozesse, in die hineingewirkt haben die moralischen Ideale, daß diese moralischen Ideale in uns zwar nur ein ideelles Dasein haben, daß sie aber, indem sie sich im Menschen entwickeln, Keime sind für die Zukunft, daß wir in den moralischen Idealen Realitäten zu sehen haben, die erste Keime von Zukunftswelten sind, hervorgehend aus Idealität. So wie wir in dem Zukunftskeime der Pflanze dasjenige Pflanzenwesen sehen, das sich im nächsten Jahre gestaltet, so gestattet uns Anthroposophie, in den moralischen Idealen Keime von Zukunftswelten zu sehen. Und wir sehen hinter dem Kant-Laplaceschen Urnebel die Idealitäten der Vergangenheit als die Keime der gegenwärtigen Welt. Die gegenwärtige Welt ist die Realisierung, die Verwirklichung dessen, was einstmals nur gedacht worden ist, wie die gegenwärtige Pflanze die Verwirklichung des Keimes vom vorigen Jahr ist. Und was gegenwärtig bloß als moralischer Wert erlebt wird, ist realer Keim von Zukunftswelten.
[ 65 ] Anthroposophy shows us, by tracing the historical processes shaped by moral ideals, that while these moral ideals exist within us only as ideas, they—as they develop in human beings— are seeds for the future; that we must regard moral ideals as realities that are the first seeds of future worlds, emerging from ideality. Just as we see in the future seed of a plant the very plant being that will take shape in the coming year, so anthroposophy allows us to see in moral ideals the seeds of future worlds. And behind the Kant-Laplacean primordial nebula, we see the idealities of the past as the seeds of the present world. The present world is the realization, the actualization of what was once merely thought, just as the present plant is the realization of last year’s seed. And what is currently experienced merely as a moral value is a real seed of future worlds.
[ 66 ] Wir stehen nicht nur mit unseren natürlichen organischen Prozessen im Kosmos drinnen, wir stehen im Kosmos auch mit dem, was wir als moralische und soziale Werte in uns erleben. Wir erlangen eine Kosmologie, welche nicht allein Naturvorgänge und Naturgesetze zu ihren Agenzien zählt, wir erlangen eine Kosmologie, worinnen auch unsere gesamte moralische Welt als eine reale steht. Durch Anthroposophie wird die Brücke geschaffen von der natürlichen zur ethischen und religiösen Welt.
[ 66 ] We are not only part of the cosmos through our natural organic processes; we are also part of the cosmos through what we experience within ourselves as moral and social values. We arrive at a cosmology that does not count only natural processes and natural laws among its agents; we arrive at a cosmology in which our entire moral world also stands as a reality. Through anthroposophy, a bridge is built from the natural world to the ethical and religious world.
[ 67 ] Das ist das, was mir am Herzen lag, in einem kurzen Schlußwort noch anzudeuten, weil es im Vortrage nicht mehr möglich war.
[ 67 ] That is what I felt compelled to mention briefly in my closing remarks, since it was no longer possible to do so during the lecture.
