The Relationship of Anthroposophy to Natural Science
Foundations and Methods
GA 75
11 May 1922, Leipzig
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The Relationship of Anthroposophy to Natural Science, tr. SOL
6. Agnostizismus in der Wissenschaft und Anthroposophie
6. Agnosticism in Science and Anthroposophy
[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Gestatten Sie mir zunächst, daß ich dem Bunde für Anthroposophische Hochschularbeit hier meinen herzlichsten Dank dafür ausspreche, daß er mir Gelegenheit gibt, in einem orientierenden Vortrage über das Verhältnis gewisser wissenschaftlicher Eigentümlichkeiten der Gegenwart zu der Anthroposophie zu sprechen. Weiter muß ich Sie gerade heute bitten zu berücksichtigen, daß in einem solchen ersten, orientierenden Vortrage eine gewisse Schwierigkeit vorliegt. Dies deshalb, weil ja selbstverständlich vieles von dem, was gerade über ein umfassendes Thema zu sagen ist, nur angedeutet werden kann und daher notwendigerweise nur Anregungen gegeben werden können, die ja später weiterer Ausführungen bedürfen werden und die naturgemäß manches, was sich an Fragen auftürmen muß, unberücksichtigt lassen müssen.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! Allow me first to express my heartfelt thanks to the Association for Anthroposophical University Work for giving me the opportunity to speak in an introductory lecture on the relationship between certain scientific characteristics of the present day and anthroposophy. Furthermore, I must ask you—especially today—to bear in mind that there is a certain difficulty inherent in such an initial, introductory lecture. This is because, of course, much of what needs to be said about such a comprehensive topic can only be touched upon; consequently, I can only offer suggestions that will require further elaboration later and that, by their very nature, must leave aside many of the questions that are bound to arise.
[ 2 ] Aber auch in sachlicher Beziehung liegen ja gerade bei dem heutigen Thema gewisse Schwierigkeiten vor. Die erste besteht darin, daß in weitesten Kreisen heute, gerade wenn über das Thema gesprochen wird — über das Verhältnis von Wissenschaft und Anthroposophie in irgendeiner Beziehung —, dann sofort ein weit verbreitetes Vorurteil auftaucht, nämlich, daß die hier gemeinte Anthroposophie sich in irgendeine Oppositionsstellung begeben wolle zur Wissenschaft — zu dieser Wissenschaft wie sie sich heraufentwickelt hat in der Geschichte der Menschheit in den letzten Jahrhunderten, wie sie ihre Höhe ja erreicht hat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wenigstens in bezug auf die Denkweise und Methodologie. Es ist aber eben durchaus nicht der Fall, daß eine solche Oppositionsstellung vorliegt, denn diese Anthroposophie, wie ich sie hier meine, bemüht sich gerade darum, die besten prinzipiellen Grundlagen des wissenschaftlichen Wollens der neueren Zeit zur Geltung zu bringen. Und sie ist bemüht, daß gerade das weiter ausgebaut werde, was vorausgesetzt werden muß an menschlicher Anschauung, an wissenschaftlicher menschlicher Gesinnung, um im echten Sinne gerade die Anerkennung gebräuchlicher Wissenschaft zur Geltung zu bringen.
[ 2 ] But even from a factual standpoint, there are certain difficulties, particularly with regard to today’s topic. The first is that in very broad circles today, precisely when this topic is discussed—the relationship between science and anthroposophy in any context— a widespread prejudice immediately surfaces, namely, that the anthroposophy referred to here seeks to position itself in opposition to science—to the science that has developed throughout human history over the past few centuries, which reached its peak in the last third of the 19th century, at least in terms of its mode of thinking and methodology. However, it is by no means the case that such a position of opposition exists, for this anthroposophy—as I mean it here—strives precisely to bring to bear the best fundamental principles of modern scientific endeavor. And it strives to further develop precisely what is required in terms of human perception and a scientific human outlook in order to give due recognition, in the true sense, to conventional science.
[ 3 ] Und bei diesem weiteren Ausbau findet man, daß gerade von den sicheren Fundierungen der wissenschaftlichen Denkweise, wenn diese nur richtig verstanden und nicht bloß in ihren logischen, sondern in ihren lebendigen Konsequenzen verfolgt wird, dann auch der Weg gefunden wird zu jenen übersinnlichen Gebieten des Weltendaseins, mit denen sich die menschliche Wesenheit gerade in ihren ewigen Grundlagen verbunden fühlen muß. So soll in einer gewissen Beziehung einfach durch die Fortsetzung des Prinzipiellen in der Wissenschaft der Weg in die übersinnlichen Gebiete durch die Anthroposophie gefunden werden.
[ 3 ] And in this further development, one finds that it is precisely from the secure foundations of scientific thinking—if these are properly understood and pursued not merely in their logical but in their living consequences—that the path is also found to those supersensible realms of world existence with which the human being must feel connected precisely in its eternal foundations. Thus, in a certain sense, the path to the supersensible realms is to be found through anthroposophy simply by continuing the fundamental principles of science.
[ 4 ] Ich werde aber selbstverständlich, wenn ich in Ihrem Kreise zu sprechen habe über das Verhältnis von Anthroposophie zur Wissenschaft, so zu sprechen haben, daß Sie gewissermaßen nicht herauskommen aus demjenigen, was Sie gewohnt sind, als wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit und Denkweise anzuerkennen. Aber ich werde ja nicht über einzelne Gebiete zu sprechen haben, sondern ich werde zu sprechen haben gewissermaßen über den ganzen Bestand des Wissenschaftsgebäudes der Gegenwart. Und da ich vorauszusetzen habe, daß unter Ihnen, verehrte Kommilitonen, die Angehörigen der verschiedensten Wissenschaftsgebiete sind, so werde ich natürlich den einzelnen Bedürfnissen nicht gerecht werden können, und manches wird gewissermaßen in einer nicht abstrakt gemeinten, aber doch abstrakt ausschauenden Höhe sich bewegen müssen, so daß vielleicht aus dem, was ich zu sagen habe, für die einzelnen Gebiete der einzelne die Konsequenzen erst zu ziehen haben wird. Agnostizismus ist ja ein Wort, das heute weniger oft ausgesprochen wird, das aber etwas bezeichnet, was doch durchaus mit den Grundlagen unserer wissenschaftlichen Denkweise zusammenhängt. Es ist ja dieser Agnostizismus, ich möchte sagen als eine zu rechtfertigende wissenschaftliche Denkweise, besser gesagt vielleicht philosophische Denkweise von Persönlichkeiten wie Herbert Spencer begründet worden. Es ist ja auch vorzugsweise von ihm dieser Terminus gebraucht worden, und wenn wir die Definition des Agnostizismus suchen wollen, so werden wir sie bei ihm suchen müssen. Aber als eine Grundlage, gewissermaßen als eine Grundnote des wissenschaftlichen Denkens existiert ja dieser Agnostizismus in den weitesten Erkenntnisgebieten der Gegenwart. Wenn man zunächst ganz abstrakt sagen soll, was mit dem Agnostizismus gemeint ist, so könnte man etwa das folgende sagen: Man erkennt die wissenschaftliche Methoden an, die sich als sichere in den letzten Jahrhunderten herausgebildet haben, man treibt mit ihnen sachgemäße Wissenschaft, wie wir sie heute ja auf gewissen Gebieten treiben müssen — durch Beobachtung, durch das Experiment und durch dasjenige, was die gedankliche Verarbeitung sowohl des Experiments wie der Beobachtung ist.
[ 4 ] But of course, when I speak before you about the relationship between anthroposophy and science, I will have to do so in such a way that you do not, so to speak, stray from what you are accustomed to recognizing as scientific rigor and mode of thinking. But I will not, of course, be speaking about individual fields; rather, I will be speaking, so to speak, about the entire structure of contemporary science. And since I must assume that among you, dear fellow students, there are representatives of the most diverse scientific fields, I will naturally not be able to do justice to everyone’s individual needs, and some things will, so to speak, have to operate at a level that is not meant to be abstract but does appear abstract, so that perhaps each of you will have to draw your own conclusions for your respective fields from what I have to say. Agnosticism is, after all, a word that is used less frequently today, but which denotes something that is nevertheless closely connected to the foundations of our scientific way of thinking. It is, in fact, this agnosticism—which I would describe as a justifiable scientific way of thinking, or perhaps more accurately, a philosophical way of thinking—that was established by figures such as Herbert Spencer. It was, after all, primarily he who used this term, and if we wish to seek a definition of agnosticism, we must look to him. But as a foundation—as it were, a fundamental principle—of scientific thought, this agnosticism exists across the broadest fields of knowledge today. If one were to speak in very abstract terms about what is meant by agnosticism, one might say something like the following: One acknowledges the scientific methods that have emerged as reliable over the past few centuries; one uses them to conduct proper science, as we must do today in certain fields—through observation, through experimentation, and through the intellectual processing of both the experiment and the observation.
[ 5 ] Indem man in dieser Art Wissenschaft treibt — ich bemerke durchaus, für gewisse Gebiete heute absolut berechtigt —, kommt man dazu, sich zu sagen: Gewiß, mit dieser Wissenschaft erreicht man manches in bezug auf die Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten, die der Welt zugrunde liegen. Man bemüht sich dann, auch das, was man in dieser Art sich als Gesetzmäßigkeiten einverleibt hat, auf den Menschen selber auszudehnen, um so dasjenige zu gewinnen, was ja schließlich doch jeder von der Erkenntnis, wenn er gesundes Denken in sich trägt, haben will: eine Anschauung über die Stellung des Menschen im Weltall, über die Bestimmung des Menschen im Weltall.
[ 5 ] By pursuing science in this way—and I fully acknowledge that it is entirely justified in certain fields today—one comes to say to oneself: Certainly, this science enables us to achieve a great deal in terms of understanding the laws that underlie the world. One then endeavors to extend even those laws that one has incorporated in this way to human beings themselves, in order thereby to gain what, after all, everyone who possesses sound thinking ultimately seeks from knowledge: an insight into the place of human beings in the universe, into the purpose of human beings in the universe.
[ 6 ] Gerade wenn man in dieser Weise Wissenschaft treibt, so kommt man einfach im Verlaufe der Wissenschaft selbst dazu, sich zu sagen: Ja, diese Gesetzmäßigkeiten findet man, aber diese Gesetzmäßigkeiten beziehen sich eigentlich nur auf die Zusammenfassung der äußeren Phänomene, wie sie den Sinnen gegeben sind oder wie sie vielleicht, wenn sie nicht den Sinnen gegeben sind, auf der Grundlage des Materials, das sich aus der Sinnesbeobachtung ergibt, erschlossen werden können. Aber niemals kann sich dasjenige, was man auf diese Weise erkundet über die Natur und den Menschen, erstrecken auf jene Gebiete, die in älteren Formen der menschlichen Erkenntnis angesehen worden sind als die übersinnliche Grundlage der Welt, mit welcher das tiefste Wesen auch des Menschen, sein ewiges Wesen, wenn es so genannt werden darf, doch in einem gewissen Zusammenhang stehen muß.
[ 6 ] Precisely when one pursues science in this way, one simply comes to say to oneself in the course of the scientific process itself: Yes, one discovers these laws, but these laws actually refer only to the synthesis of external phenomena as they are presented to the senses—or, if they are not presented to the senses, as they can perhaps be deduced on the basis of the material derived from sensory observation. But what one investigates in this way about nature and human beings can never extend to those realms that, in earlier forms of human knowledge, were regarded as the supersensory foundation of the world—with which the deepest essence of human beings, their eternal essence, if it may be called that, must nevertheless be connected in some way.
[ 7 ] Man kommt also gerade durch die wissenschaftliche Betrachtungsweise zu einem Anerkennen des wissenschaftlich Unerkennbaren — man kommt zu gewissen Grenzen des wissenschaftlichen Forschens. Man kommt höchstens dazu, sich zu sagen: Die menschliche Seele, das innere Geistwesen des Menschen muß mit etwas zusammenhängen, was sich nicht erreichen läßt durch diese Wissenschaft allein. Was mit dem so zusammenhängt, das ist eben einfach nicht wissenschaftlich zu erforschen, das gehört in das Gebiet des Unerkennbaren. — Da steht man nicht vor dem Gnostizismus, sondern vor einem Agnostizismus, Und damit hat sich das gegenwärtige Geistesleben gerade wegen seiner Wissenschaftlichkeit in einen gewissen Gegensatz gestellt gegen das, was noch etwa zu der Zeit vorhanden war, als der Gnostizismus die Erkenntnisgesinnung war und Gnosis genannt wurde.
[ 7 ] It is precisely through the scientific approach that one comes to recognize what is scientifically unknowable—one reaches certain limits of scientific research. At most, one comes to say to oneself: The human soul, the inner spiritual being of the human being, must be connected to something that cannot be reached by this science alone. What is connected to it in this way simply cannot be investigated scientifically; it belongs to the realm of the unknowable. — One is not faced with Gnosticism here, but with agnosticism. And thus, precisely because of its scientific nature, contemporary spiritual life has placed itself in a certain opposition to what still existed at the time when Gnosticism was the prevailing attitude toward knowledge and was called “Gnosis.”
[ 8 ] Nun ist das, was hier als Anthroposophie vertreten wird, durchaus nicht etwa, wie manche glauben, eine Aufwärmung der alten Gnosis — die kann nicht wieder auferstehen. Die war aus der Denkweise ihrer Zeit, sozusagen aus der ganzen Wissenschaft ihrer Zeit herausgeboren. Wir stehen heute in einem Zeitalter, in dem wir, wenn wir eine Wissenschaft übersinnlich begründen wollen, dem Rechnung zu tragen haben, was durch das Wirken solcher Geister wie Kopernikus, Galilei und vieler anderer, die ich jetzt nicht nenne, in der Menschheitsentwicklung heraufgebracht worden ist. Und indem man dies ausspricht, erklärt man implizit, daß es unmöglich ist, sich auf den Standpunkt der Gnosis zu stellen, die ja natürlich nichts hatte von der modernen Wissenschaft. Aber darauf darf doch hingedeutet werden, daß dieser gnostische Standpunkt eben in einer gewissen Beziehung das Gegenteil war dessen, was heute vielfach als Grundnote der Wissenschaftlichkeit auftritt. Dieser gnostische Standpunkt war der, daß es dem Menschen sehr wohl möglich ist, wenn er sich an seine inneren, im gewöhnlichen Leben nicht angewendeten Erkenntniskräfte wendet, hinaufzudringen zu den übersinnlichen Gebieten und dasjenige zu finden, was dann zwar nicht Religion, aber Erkenntnisgrundlage auch des religiösen Lebens sein kann.
[ 8 ] Now, what is presented here as anthroposophy is by no means, as some believe, a revival of the old Gnosticism—that cannot be resurrected. It was born out of the way of thinking of its time, out of the entire body of science of its time, so to speak. We live today in an age in which, if we wish to establish a science on a supersensible foundation, we must take into account what has been brought about in the development of humanity through the work of such minds as Copernicus, Galileo, and many others whom I will not name here. And in saying this, one implicitly declares that it is impossible to adopt the Gnostic standpoint, which, of course, had nothing in common with modern science. But it may be pointed out that this Gnostic standpoint was, in a certain sense, the opposite of what today is often regarded as the fundamental principle of scientific rigor. This Gnostic viewpoint held that it is indeed possible for human beings, when they turn to their inner powers of knowledge—which are not utilized in ordinary life—to ascend into the supersensible realms and find that which, while not religion itself, can serve as the foundation of knowledge for religious life as well.
[ 9 ] Nun, wir werden am leichtesten zu einem Verständnis dessen kommen, was ich eigentlich heute in diesem orientierenden Vortrage zu sagen habe, wenn ich Sie zunächst an Altbekanntes erinnere, das aber hinweisen kann auf die Wandlung, die der menschliche Erkenntnisprozeß im Laufe der Menschheitsentwicklung durchgemacht hat.
[ 9 ] Well, the easiest way for us to understand what I actually have to say today in this introductory lecture is for me to first remind you of some familiar concepts that can, however, shed light on the transformation that the human process of cognition has undergone in the course of human development.
[ 10 ] Sie alle wissen ja, welche Umwandlung einfach in bezug auf das äußere wissenschaftliche Leben die Philosophie durchgemacht hat. Sie umfaßt — eigentlich sogar noch im heutigen Zeitalter — den ganzen Umfang dessen, was wissenschaftlich Erkenntnis war. Die Philosophie war doch einfach als menschliche Betätigung etwas, auf das schon der Name mit einem gewissen Recht hindeutet. Philosophie war etwas, was nicht bloß aus dem menschlichen Intellekt herausfloß, was nicht bloß aus der Beobachtung und dem Experiment herausfloß, obwohl sich die Philosophie auch auf die Ergebnisse erstreckte, zu denen Intellekt, Beobachtung und auch das primitive Experiment kommen konnten. Philosophie war wirklich dasjenige, was in einem viel höheren Grade als unsere heutige Wissenschaft — wiederum in berechtigter Weise —, aus dem ganzen Menschen herauskam. Philosophie kam schon heraus aus einer gewissen Gemüts- und Gefühlsbeziehung des Menschen zur Welt, und man zweifelte in dem Zeitalter, das auch der Philosophie den Namen gegeben hat, nicht daran, daß der Mensch zu einer gewissen Objektivität in der Erkenntnis auch dann kommen kann, wenn er nun nicht bloß aus Experiment, Beobachtung und Intellekt heraus seine Erkenntnisse sucht, sondern wenn er andere Kräfte anwendet — Kräfte, die mit demselben Worte auszudrücken sind, mit dem wir das «Lieben» von etwas bezeichnen —, wenn er sich also dieser Kräfte bedient.
[ 10 ] You all know, of course, what a transformation philosophy has undergone, at least as far as its external scientific life is concerned. It encompasses—even today, in fact—the entire scope of what constituted scientific knowledge. As a human activity, philosophy was simply something to which the name itself, with a certain degree of justification, alludes. Philosophy was something that did not flow solely from the human intellect, nor did it flow solely from observation and experiment, although philosophy did extend to the results that the intellect, observation, and even primitive experiment could arrive at. Philosophy was truly that which, to a much greater degree than our modern science—again, with good reason—arose from the whole human being. Philosophy arose from a certain emotional and feeling-based relationship of the human being to the world, and in the age that also gave philosophy its name, there was no doubt that a human being could attain a certain objectivity in knowledge even when seeking insights not merely through experiment, observation, and intellect, but by applying other powers — forces that can be expressed with the same word we use to describe “loving” something — that is, when he makes use of these forces.
[ 11 ] Und Philosophie umfaßte in dem Zeitalter der Griechen ja auch alles, was wir heute in der Naturerkenntnis zusammenfassen. Aus philosophischem Streben hat sich dann im Laufe der Jahrhunderte doch das herausentwikkelt, was wir heute als Naturerkenntnis haben. Diese Naturerkenntnis aber hat in der neueren Zeit ja eine ungeheure Wandlung durchgemacht — eine Wandlung, die sie erst in dem Grade zur Grundlage für die Lebenspraxis auf dem Gebiete der Technik gemacht hat, die wir ja heute in unserem Leben vor uns haben. Wer unbefangen den Blick schweifen läßt über das wissenschaftliche Leben der Gegenwart, der muß sich doch sagen: Was die Wissenschaft der letzten Zeit ganz besonders groß gemacht hat, das ist dasjenige, was nun auch dem praktischen Leben in der Technik zugrunde gelegt werden konnte. Unsere Naturwissenschaft ist endlich das geworden, was einem Worte von Kant entspricht — ich führe Kant ja dann an, wenn er etwas ausgesprochen hat, was ich anerkennen kann, trotzdem ich durchaus überall bekenne, daß ich auf vielen Gebieten ein Gegner Kants bin. Kant hat gesagt, in der Wissenschaft finde sich nur so viel wirkliche Wissenschaft, als Mathematik darinnen sei. In der wissenschaftlichen Praxis, namentlich in der naturwissenschaftlichen Praxis, ist das ja immer mehr und mehr zur Anerkennung gekommen.
[ 11 ] And in the age of the Greeks, philosophy did indeed encompass everything that we today subsume under the term “natural science.” Over the course of the centuries, philosophical inquiry eventually gave rise to what we now call natural science. In recent times, however, this understanding of nature has undergone a tremendous transformation—a transformation that has made it, to the extent we see in our lives today, the foundation for practical life in the field of technology. Anyone who lets their gaze wander impartially over contemporary scientific life must surely say to themselves: What has made science particularly great in recent times is precisely that which has now also become the foundation for practical life in technology. Our natural science has finally become what corresponds to a statement by Kant—I do, after all, cite Kant when he has said something I can acknowledge, even though I fully admit that in many areas I am an opponent of Kant. Kant said that there is only as much real science in a discipline as there is mathematics in it. In scientific practice, particularly in the natural sciences, this has increasingly come to be recognized.
[ 12 ] Wir treiben heute Naturwissenschaft, indem wir uns bewußt sind, daß wir dasjenige, was wir im Raum und in der Zeit durch die Beobachtung und durch das Experiment erkunden, mit demjenigen verbinden, was uns die Mathematik durch reine Innenanschauung erkennen läßt. Und gerade dadurch fühlen wir uns in der wissenschaftlichen Gewißheit, daß wir imstande sind, etwas, was so sehr menschliche Innenerkenntnis, menschliches Innenerlebnis ist wie das Mathematische, zu verweben mit dem, was uns Beobachtung und Experiment gibt. Indem wir durch die mathematische Gewißheit, die uns gegeben ist im reinen Innenerleben, dasjenige umspannen, was uns von außen kommt, fühlen wir, daß wir im Erkenntnisprozeß mit diesem Äußeren in einer Verbindung stehen, die uns genügt, um wissenschaftliche Gewißheit zu erleben. Und so sind wir immer mehr und mehr dazu gelangt, gerade von naturwissenschaftlichen Voraussetzungen ausgehend, die Exaktheit des Wissenschaftlichen darinnen zu sehen, daß wir das, was wir in wissenschaftlicher Arbeit tun, mathematisch rechtfertigen.
[ 12 ] Today we practice the natural sciences with the awareness that we are connecting what we explore in space and time through observation and experiment with what mathematics allows us to recognize through pure inner intuition. And it is precisely through this that we feel the scientific certainty that we are capable of interweaving something as deeply rooted in human inner insight and inner experience as mathematics with what observation and experiment provide us. By encompassing, through the mathematical certainty given to us in pure inner experience, that which comes to us from the outside, we feel that in the process of cognition we are connected to this external world in a way that is sufficient for us to experience scientific certainty. And so we have come to see, more and more, starting precisely from the premises of the natural sciences, that the precision of science lies in the fact that we mathematically justify what we do in scientific work.
[ 13 ] Warum tun wir das? Warum wir es tun, meine sehr verehrten Kommilitonen, das liegt eigentlich schon im dem, was ich eben gesagt habe. Es liegt darinnen, daß wir uns, indem wir Mathematik treiben, lediglich innerhalb unseres eigenen seelischen Erlebens betätigen, daß wir ganz in uns bleiben. Ich glaube, daß diejenigen, welche sich im speziellen den mathematischen Studien ergeben haben, mir recht geben werden, wenn ich sage: In bezug auf das innere Erlebnis ist das Mathematische, das Mathematisieren etwas, was für den, der es aus innerer Fähigkeit und Anlage, aus innerem Enthusiasmus möchte ich sagen, betreibt, viel mehr Befriedigung geben kann als alles übrige Erkennen der Außenwelt, einfach aus dem Grunde, weil man Schritt für Schritt unmittelbar verbunden ist mit dem, was man als wissenschaftliches Ergebnis hat. Und wenn man dann in der Lage ist, das einem von außen Entgegentretende zu verbinden mit dem, dessen ganzen Aufbau man kennt, dessen ganzen Aufbau man selber gemacht hat, so fühlt man eben in dem, was sich aus dem Verwobensein von äußerlich Gegebenem und mathematisch Erarbeitetem wissenschaftlich ergibt, etwas, was man als auf sicherer Grundlage fußend ansehen kann. Deshalb also, weil unsere Wissenschaft uns gestattet, das Äußere mit einem innerlich Erlebten durch die Mathematik zu verbinden, erkennen wir dieses als wissenschaftlich im Kantischen Sinne an, insofern Mathematik darinnen ist.
[ 13 ] Why do we do this? Why we do it, my dear fellow students, is actually already contained in what I just said. It lies in the fact that, when we engage in mathematics, we are operating solely within our own inner experience; we remain entirely within ourselves. I believe that those who have devoted themselves specifically to the study of mathematics will agree with me when I say: With regard to inner experience, mathematics—the act of doing mathematics—is something that, for those who pursue it out of inner ability and aptitude—out of inner enthusiasm, I would say—can provide far greater satisfaction than any other form of knowledge of the external world, simply because, step by step, one is directly connected to what one has achieved as a scientific result. And when one is then able to connect what one encounters from the outside with that whose entire structure one knows—whose entire structure one has constructed oneself—one senses, in what scientifically emerges from the interweaving of externally given facts and mathematically derived results, something that can be regarded as resting on a secure foundation. Therefore, because our science allows us to connect the external world with an inner experience through mathematics, we recognize this as scientific in the Kantian sense, insofar as mathematics is involved.
[ 14 ] Nun, damit ist aber zu gleicher Zeit der Weg eröffnet für eine ganz bestimmte Auffassung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, und diese Auffassung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung wird gerade vom anthroposophischen Forschen in ihren Konsequenzen verfolgt. Denn was liegt denn eigentlich darin, daß wir zu einer solchen Auffassung unseres wissenschaftlichen Erkennens gekommen sind? Darin liegt schon die Anerkennung dessen, daß wir unser Denken innerlich ausbilden wollen und, indem wir es innerlich ausbilden, zu einer Gewißheit kommen und es dann verwenden, um die äußeren Phänomene, um die äußeren Tatsachen gesetzmäßig zu verfolgen. Dieses Prinzip verfolgt nun auf dem Gebiete, wo es angemessen ist, gerade die Anthroposophie, indem sie sich hinwendet zu dem, was ich nennen möchte den reinen Phänomenalismus in bezug auf gewisse Gebiet der äußeren Naturwissenschaft, in bezug auf Mechanik, Physik, Chemie, in bezug auf alles, was zunächst nicht bis zum Leben heraufdringt. Im extremsten Sinne wird dieser Phänomenalismus von uns festgehalten für die Gebiete, die über dem Leblosen liegen. Aber wir werden gleich sehen, inwiefern er da eben ergänzt werden muß durch etwas wesentlich anderes.
[ 14 ] Well, this at the same time opens the way for a very specific understanding of the scientific worldview, and it is precisely the consequences of this understanding of the scientific worldview that are explored by anthroposophical research. For what does it actually mean that we have arrived at such an understanding of our scientific knowledge? It already implies the recognition that we wish to develop our thinking from within and, by developing it from within, arrive at a certainty and then use it to investigate external phenomena and external facts in accordance with the laws of nature. Anthroposophy now pursues this principle—where appropriate—by turning to what I would like to call “pure phenomenalism” with regard to certain areas of external natural science: mechanics, physics, chemistry, and everything that does not initially extend to the realm of life. In the most extreme sense, we uphold this phenomenalism for the realms that lie above the inanimate. But we shall see immediately to what extent it must be supplemented there by something essentially different.
[ 15 ] Man kommt nämlich, indem man gerade das mathematische Verhältnis zur Außenwelt sich vergegenwärtigt, nach und nach dazu, sich zu sagen, daß in unorganischen Wissenschaften das Denken überhaupt zunächst nur einen dienenden Charakter haben kann, daß wir nirgends berechtigt sind, von unseren Gedanken auch selber etwas in die Welt hineinzutragen, wenn wir reine Wissenschaft haben wollen. Das aber führt zu dem, was Phänomenalismus genannt wird und was in seiner Art, wenn es auch im einzelnen vielfach getadelt werden kann, am reinsten doch Goethe verfolgt hat.
[ 15 ] For by bringing to mind precisely the mathematical relationship to the external world, one gradually comes to realize that in the inorganic sciences, thought can initially have only a subservient character; that we are in no way justified in introducing anything of our own thoughts into the world if we wish to pursue pure science. But this leads to what is called phenomenalism—and in its purest form, even if it can be criticized in many respects, it was Goethe who pursued it most consistently.
[ 16 ] Was ist dieser Phänomenalismus? Er besteht darin, daß man die Phänomene — gleichgültig ob durch Beobachtung oder durch Experiment — rein auffaßt, so wie sie sich sinnenfällig ergeben, und daß man das Denken nur dazu verwendet, um die Phänomene in einem gewissen Zusammenhang zu schauen, die Phänomene so aufzureihen, daß sich die Phänomene selber erklären. Damit wird aber zunächst ausgeschaltet aus der reinen Naturwissenschaft alles, was Hypothesen nicht bloß als Hilfskonstruktionen auffaßt, sondern sie so auffaßt, als ob sie etwas geben könnten über das Wirkliche. Wenn man bei dem reinen Phänomenalismus stehen bleibt, so ist man zwar berechtigt, aus der Beobachtung und aus dem Experiment heraus eine atomistische Struktur — sei es in der materiellen, sei es in der Kräftewelt — anzunehmen, aber diese Tendenz zur atomistischen Struktur darf man nur insoweit gelten lassen, als man sie phänomenologisch verfolgen kann, als man sie anhand der Phänomene beschreiben kann.
[ 16 ] What is this phenomenalism? It consists in perceiving phenomena—whether through observation or experiment—purely as they present themselves to the senses, and in using thought only to view the phenomena in a certain context, to arrange them in such a way that they explain themselves. This, however, initially excludes from pure natural science everything that regards hypotheses not merely as auxiliary constructs, but as if they could provide insight into reality. If one adheres to pure phenomenalism, one is indeed justified in assuming, on the basis of observation and experiment, an atomistic structure—whether in the material world or in the world of forces—but this tendency toward an atomistic structure may only be accepted to the extent that it can be traced phenomenologically, that is, to the extent that it can be described on the basis of the phenomena.
[ 17 ] Gegen dieses Prinzip sündigt jene wissenschaftliche Weltanschauung, welche eine Atomistik konstruiert, die hinter den sinnlich verfolgbaren Phänomenen Tatsächliches konstatiert, das nicht in die Welt der Phänomene selbst hereinfallen kann. In dem Augenblicke, wo man zum Beispiel die Welt der Farben, die vor uns ausgebreitet ist, nicht einfach so verfolgt, daß man die eine Farbenerscheinung an die andere reiht, um dadurch zum gesetzmäRigen Zusammenhang des Farbigen zu kommen, sondern wenn man von dem Phänomen auf etwas Dahinterliegendes geht, das eben nicht bloß etwa eine Hilfskonstruktion sein, sondern ein Reales statuieren soll, wenn man dazu übergeht, Schwingungen oder dergleichen im Äther anzunehmen, dann dehnt man das Denken aus — über das Phänomen hinaus. Man durchstößt gewissermaßen aus einer gewissen Trägheit des Denkens heraus den Sinnesteppich, und man statuiert hinter dem Sinnesteppich eine Welt von wirbelnden Atomen oder dergleichen, wozu gar keine Veranlassung bei einem sich selbst verstehenden Denken vorliegt, das nur Diener sein will für die Aufreihung der Phänomene, für den immanenten gesetzmäßigen Zusammenhang innerhalb der Phänomene, das aber gegenüber der äußeren Sinneswelt nichts aussagen kann über das, was hinter dieser Sinneswelt liegen soll.
[ 17 ] That scientific worldview that constructs an atomistic theory—one that posits, behind the phenomena perceptible to the senses, a reality that cannot itself fall within the realm of phenomena—violates this principle. The moment one, for example, does not simply observe the world of colors spread out before us by stringing one color phenomenon after another to thereby arrive at the lawful interrelationship of colors, but instead proceeds from the phenomenon to something lying behind it—which is not merely supposed to be an auxiliary construct but is intended to establish a reality—and when one proceeds to to assume vibrations or the like in the ether, then one expands one’s thinking—beyond the phenomenon. One pierces, as it were, out of a certain inertia of thought, through the tapestry of the senses, and one posits behind that tapestry a world of swirling atoms or the like, for which there is absolutely no justification in a self-understanding thought that wishes only to serve the sequence of phenomena, the immanent, law-governed connection within the phenomena, but which, with regard to the external sensory world, can say nothing about what is supposed to lie beyond this sensory world.
[ 18 ] So aber zieht gerade die Anthroposophie die letzte Konsequenz, zu der in der modernen Naturwissenschaft eigentlich alles hintendiert. Wir sind sogar in dieser modernen Naturwissenschaft in der letzten Zeit in hohem Maße zu einer zwar theoretisch noch wenig zugegebenen, aber praktisch angewandten Ausbildung dieses Phänomenalismus gekommen, indem man sich einfach um die hypothetischen Atomwelten und dergleichen nicht kümmert und innerhalb der Phänomene stehenbleibt. Aber das hat ja eine ganz bestimmte Folge, wenn man innerhalb der Phänomene stehen bleibt. Das hat die Folge, daß man dann wirklich zum Agnostizismus kommt. Wenn man durch das Denken bloß die Phänomene aneinanderreiht, Ordnung hineinbringt in die Phänomene, so kommt man niemals mit diesem Ordnen, mit diesem Verfolgen von Gesetzmäßigkeiten an den Menschen selbst heran. Und das ist das Eigentümliche, daß man sich einfach offen gestehen muß: Wenn man die letzte, vollberechtigte Konsequenz der modernen Naturwissenschaft zieht, wenn man bis zum reinen Phänomenalismus geht, wenn man nicht unberechtigte Denkhypothesen hinter den Teppich der Sinnenwelt setzt— man kann gar nicht anders als zum Agnostizismus kommen. Dieser Agnostizismus aber, der ist nun für das Erkennen etwas ganz anderes, als was die Menschheit innerhalb ihres Entwicklungsganges, innerhalb ihrer Geschichte vom Erkennen eigentlich erhofft und durch das Erkennen gesucht hat.
[ 18 ] Anthroposophy, however, draws the ultimate conclusion toward which modern natural science is, in fact, tending. Even within modern natural science, we have recently come to a high degree of this form of phenomenalism—one that is still rarely acknowledged theoretically but is applied in practice—by simply disregarding hypothetical atomic worlds and the like and remaining within the realm of phenomena. But remaining within the phenomena has a very specific consequence. It leads to agnosticism. If one merely strings the phenomena together through thought, bringing order to them, one will never, through this ordering and this pursuit of laws, arrive at the human being itself. And that is the peculiar thing: one simply must admit openly that if one draws the ultimate, fully justified conclusion of modern natural science, if one goes as far as pure phenomenalism, if one does not sweep unjustified theoretical hypotheses under the rug of the sensory world—one cannot help but arrive at agnosticism. This agnosticism, however, is something entirely different for cognition than what humanity, in the course of its development and in its history of cognition, has actually hoped for and sought through cognition.
[ 19 ] Ich möchte Sie nicht gleich— obwohl ich auch das dann andeuten werde —, in entlegene übersinnliche Gebiete führen, aber ich möchte auf etwas hinweisen, was zeigen soll, wie Erkenntnis dennoch — zum Beispiel eben in alten Zeiten — als etwas ganz anderes aufgefaßt worden ist, als was heute, wenn wir gewissenhaft fortarbeiten auf unseren naturwissenschaftlichen Grundlagen, eben aus der Erkenntnis werden kann. Und da darf ich hinweisen wiederum auf jene Griechenzeit, welche alle Wissenschaften noch innerhalb der Philosophie vereinigt gehabt hat, da darf ich darauf hinweisen, daß ja jeder von uns wohl die tiefste Verehrung haben wird für griechische Kunst — sagen wir, um nur eines herauszuheben —, zum Beispiel für das, was in der griechischen Tragödie lebt.
[ 19 ] I do not wish to lead you immediately—though I will allude to this later—into remote, supernatural realms, but I would like to point out something that is intended to show how knowledge was nevertheless—for example, in ancient times—understood as something entirely different from what it can become today when we conscientiously continue to work on the basis of the natural sciences. And here I may again point to that Greek era, which still united all the sciences within philosophy; here I may point out that each of us surely has the deepest reverence for Greek art—let us say, to highlight just one example—for instance, for what lives on in Greek tragedy.
[ 20 ] Nun hat man bezüglich der griechischen Tragödie gesprochen von der in ihr vorkommenden Katharsis als von dem wichtigsten zu ihr gehörigen Bestandteil — von der Krisis, dem entscheidenden Element, das in der Tragödie lebt. Und eine wichtige Frage, die zu gleicher Zeit eine Frage ist, die uns tief in das Wesen des Erkenntnisprozesses hineinführen kann, wirft sich auf, wenn wir gerade an das anknüpfen, was der Grieche etwa an der Tragödie erlebt hat. Wenn man so abstrakt definiert, was die Katharsis ist, so wird ja gesagt in Anknüpfung an Aristoteles, die Tragödie solle beim Zuschauer Furcht und Mitleid erwecken, damit die menschliche Seele, indem solche oder ähnliche Leidenschaften in ihr auftauchen, diese menschliche Seele gereinigt werde von dieser Art Leidenschaftlichkeit. Nun sieht man aber — ich kann das hier nur anführen, die Beweise dafür können durchaus auch durch die gewöhnliche Wissenschaft gefunden werden —, aus allem, was in der griechischen Tragödie vorliegt, daß nämlich das Denken über diese Katharsis, über diese künstlerische Krisis, sehr eng verbunden war im griechischen Wesen zum Beispiel mit dem medizinischen Denken.
[ 20 ] Now, with regard to Greek tragedy, people have spoken of the catharsis that occurs within it as its most important constituent—of the crisis, the decisive element that animates the tragedy. And an important question—one that can simultaneously lead us deep into the very essence of the cognitive process—arises when we consider precisely what the ancient Greeks experienced in tragedy. If one defines catharsis in such abstract terms—as Aristotle does—it is said that tragedy should arouse fear and pity in the spectator, so that the human soul, as such or similar passions arise within it, may be purified of this kind of passion. Now, however—and I can only mention this here; the evidence for it can certainly also be found through conventional scholarship—it is evident from everything present in Greek tragedy that the conception of this catharsis, of this artistic crisis, was very closely linked in the Greek mindset, for example, to medical thought.
[ 21 ] Was da durch die Wirkung der Tragödie in der menschlichen Seele vorhanden war, das dachte man sich nur als einen mehr ins szenische heraufgehobenen Heilungsprozeß für etwas im Menschen befindliches Krankhaftes. So kann man von dieser Auffassung des Künstlerischen hinübersehen in die Art, wie der Grieche die Therapie, den Heilungsprozeß aufgefaßt hat. Er hat ihn so aufgefaßt, daß er vorausgesetzt hat, in dem kranken Organismus bilde sich etwas Pathologisches. Was sich da bildet — ich muß natürlich in einem orientierenden Vortrage ganz abstrakt sprechen —, gegen das nimmt der Organismus seinen Kampf auf. Der menschliche Organismus überwindet das Krankhafte in sich, indem er durch die Ausscheidungen den Krankheitsprozeß überwindet. So dachte man auf pathologisch-therapeutischem Gebiete. Genauso, nur auf ein höheres Niveau heraufgehoben, dachte man in bezug auf den künstlerischen Prozeß. Man dachte sich einfach, daß das, was die Tragödie tut, für die Seele eine Art Heilungsprozeß ist. Wie beim Katarrh die Krankheitsreste aus dem Organismus herauskommen, so sollte die Seele durch das Anschauen der Tragödie Furcht und Mitleid in sich entwickeln, dann den Kampf gegen diese Ausscheidungsprodukte aufnehmen und in ihrer Unterdrückung den Gesundungsprozeß erleben.
[ 21 ] What existed in the human soul as a result of the tragedy’s effect was conceived merely as a healing process—elevated to the stage—for something pathological within the human being. From this view of the artistic, one can look over to the way the Greeks understood therapy, the healing process. They understood it in such a way that they assumed something pathological was forming within the diseased organism. Whatever forms there—I must, of course, speak quite abstractly in an introductory lecture—the organism takes up the fight against it. The human organism overcomes the pathological within itself by expelling the disease process through excretions. This was the thinking in the field of pathology and therapy. In exactly the same way, but elevated to a higher level, people thought about the artistic process. It was simply thought that what tragedy accomplishes is a kind of healing process for the soul. Just as the remnants of illness are expelled from the organism in the case of catarrh, so too should the soul, through the experience of tragedy, develop fear and compassion within itself, then take up the struggle against these byproducts, and, in suppressing them, undergo the process of recovery.
[ 22 ] Man versteht das Fundamentale dieser Denkweise allerdings nur dann, wenn man weiß, daß schon im Griechentum — in diesem nach gewissen Richtungen hin gesunden Griechentum — die Ansicht vorhanden ist, daß es, wenn sich der Mensch bloß seiner Natur überläßt in bezug auf sein seelisches Entwickeln, eigentlich immerdar zu einer Art Erkrankung führt und daß das geistige Leben im Menschen ein fortwährender Gesundungsprozeß sein muß. Wer das Griechentum in dieser Beziehung intimer kennt, wird keinen Augenblick anstehen zuzugeben, daß der Grieche sich sein höchstes Geistesleben so vorstellte, daß er sich sagte: Das ist ein Heilmittel gegen die fortwährende Tendenz des Seelischen zu verkümmern; es ist eine Art, dem Tode entgegenzuwirken. Ein Wiederbeleben des Seelischen in der Richtung seines Wesens: Das war für den Griechen das geistige Leben. Nicht bloß ein abstraktes Erkennen sah der Grieche in seiner Wissenschaft; er sah in seiner Wissenschaft etwas, was in ihm einen Heilungsprozeß anregte. Und das war auch die besondere Art, wie dann in einer etwas anderen Färbung gedacht worden ist in jenen Weltanschauungen, die sich mehr auf das Judentum stützen, wo vom Sündenfall, von der Erbsünde gesprochen wird. Auch die Griechen hatten diese Anschauung — nur in einer anderen Weise —, daß es für die menschliche Seele notwendig ist, sich im Leben einem fortdauernden Gesundungsprozeß hinzugeben. Innerhalb dieses griechischen Geisteslebens war es überhaupt so, daß der Mensch keineswegs die Tätigkeiten, denen er sich hingab, und die Denkweisen, die er hegte, nebeneinanderstellte. Sie flossen bei ihm vielmehr zusammen, und so war ihm zum Beispiel die Heilkunst eben eine Kunst — nur eben eine Kunst, die innerhalb der Natur stehenblieb. Und gerade die Kunst betrachtete der Grieche — dieser eminent künstlerisch veranlagte Mensch — nicht als etwas, das profaniert oder in ein niederes Gebiet herabgezogen wird, wenn man es vergleicht mit demjenigen, was ein Gesundungsprozeß der menschlichen Wesenheit ist.
[ 22 ] However, one can only understand the fundamental nature of this way of thinking if one knows that even in ancient Greece—in that ancient Greek culture, which was sound in certain respects—the view existed that if human beings simply leave their spiritual development to their own nature, it will almost always lead to a kind of illness, and that the spiritual life within human beings must be a continuous process of healing. Anyone familiar with Greek culture in this regard will not hesitate for a moment to admit that the Greeks conceived of their highest spiritual life in such a way that they said to themselves: This is a remedy against the soul’s constant tendency to wither away; it is a way of counteracting death. A revitalization of the soul in accordance with its true nature: that was spiritual life for the Greeks. The Greeks saw in their science not merely abstract knowledge; they saw in it something that stimulated a healing process within them. And this was also the particular way of thinking—albeit in a somewhat different guise—found in those worldviews that are based more on Judaism, where one speaks of the Fall and original sin. The Greeks, too, held this view—albeit in a different way—that it is necessary for the human soul to devote itself to a continuous process of healing throughout life. Within this Greek spiritual life, it was generally the case that human beings by no means viewed the activities to which they devoted themselves and the ways of thinking they cherished as separate from one another. Rather, these flowed together for them, and so, for example, the art of healing was precisely an art—only an art that remained within the realm of nature. And it was precisely art that the Greeks—these eminently artistic people—did not regard as something that is profaned or dragged down into a lower realm when compared to what constitutes a process of healing for the human being.
[ 23 ] Und so sehen wir, wie in jenen älteren Zeiten Erkenntnis tatsächlich nicht getrennt war von der ganzen menschlichen Natur, wie sie alle menschlichen Tätigkeiten umfaßte. So wie die Philosophie die Naturerkenntnis umfaßt und alles, was sich nun aus der Wissenschaft ergeben sollte, indem es weiter und immer weiter entwickelt wurde, umfaßt sie auch das künstlerische Leben. Und im religiösen Leben schließlich sah man den zusammenfassenden großen Gesundungsprozeß der Menschheit, so daß wir, indem wir Erkenntnis im alten Stil auffassen, tatsächlich sagen müssen: Da ist die Erkenntnis aufgefaßt als etwas, was aus dem ganzen Menschen herauskommt. Das Denken war zwar schon da, aber die Menschheit konnte bei dieser Phase der Erkenntnisentwicklung eben nicht stehenbleiben. Was war denn mit dieser Phase der Erkenntnisentwicklung notwendig verbunden? Das sieht man so ganz klar, wenn man, ausgerüstet mit heutigem wissenschaftlichen Geiste, sich etwas — ich möchte sagen probeweise — vertieft in irgendein Werk, das damals, sagen wir im 13. oder 14. Jahrhundert, etwa auf naturwissenschaftlichem Gebiete als Wissenschaft galt. Wer solch ein Werk verstehen will, der muß sich nicht nur erst mit der Terminologie bekanntmachen, sondern er muß sich auch in den ganzen Geist hineinleben.
[ 23 ] And so we see how, in those earlier times, knowledge was in fact not separate from the whole of human nature, but encompassed all human activities. Just as philosophy encompasses knowledge of nature and everything that would later emerge from science as it was developed further and further, it also encompasses artistic life. And in religious life, finally, one saw the great, all-encompassing process of healing for humanity, so that when we conceive of knowledge in the old style, we must in fact say: Here, knowledge is conceived as something that emerges from the whole human being. Thinking was certainly already there, but humanity simply could not remain at this stage of the development of knowledge. What, then, was necessarily connected with this phase of the development of knowledge? This becomes very clear when, equipped with today’s scientific spirit, one delves—I would say tentatively—into any work that was considered science at that time, say in the 13th or 14th century, particularly in the field of the natural sciences. Anyone who wishes to understand such a work must not only first familiarize themselves with the terminology, but must also immerse themselves in its entire spirit.
[ 24 ] Ich zögere nicht zu behaupten: Wenn man vom heutigen Wissenschaftsgeiste durchdrungen ist und nicht erst intime, ehrliche historische Studien gemacht hat, muß man notwendigerweise ein naturwissenschaftliches Werk aus einer Zeit wie dem 13. und 14. nachchristlichen Jahrhundert mißverstehen, aus dem einfachen Grunde, weil selbst zur damaligen Zeit— und je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwicklung, desto mehr ist das der Fall—, der Mensch nicht nur Mathematik in die äußere Welt hineingetragen hat, sondern auch eine ganze Fülle von inneren Erlebnissen, an die er ebenso glaubte wie wir an unsere Mathematik. So sprechen wir die Natur ganz anders an, wenn wir heute als Chemiker von Sulfur, Phosphor oder Salz reden, als wenn die damaligen Menschen von Sulfur oder Salz gesprochen haben. Wenn wir die heutigen Begriffe anwenden, dann treffen wir nicht im allergeringsten den Sinn, der damals in einem — eben auch wissenschaftlich gemeinten — Buche war, und zwar aus dem Grunde, weil dazumal eben mehr und anderes als das Mathematische oder das der Mathematik Ähnliche in die Beobachtungsergebnisse der Außenwelt hineingetragen wurde. Der Mensch trug eine ganze Fülle von innerlich — auch qualitativ und nicht bloß quantitativ — Erlebtem in die Außenwelt hinein.
[ 24 ] I have no hesitation in asserting: If one is imbued with the spirit of modern science and has not first conducted in-depth, honest historical studies, one is bound to misunderstand a scientific work from a period such as the 13th and 14th centuries A.D., for the simple reason that even at that time —and the further back we go in human development, the more this is the case—humanity had not only brought mathematics into the external world, but also a whole wealth of inner experiences in which people believed just as firmly as we believe in our mathematics. Thus, we approach nature quite differently today when, as chemists, we speak of sulfur, phosphorus, or salt, than when people of that time spoke of sulfur or salt. If we apply today’s terms, we do not in the least capture the meaning that was contained in a book—even one intended to be scientific—back then, and this is because, at that time, more and different things than the mathematical or the mathematically similar were brought into the observational findings of the external world. Human beings brought a whole wealth of inner experiences—qualitative as well as quantitative—into the external world.
[ 25 ] Und ebenso wie wir ein naturwissenschaftliches Ergebnis mit einer mathematischen Formel aussprechen, ebenso wie wir scheinbar Subjekt mit Objekt verbinden, so verband man dazumal erst recht Subjekt mit Objekt, aber das Subjekt war eben von einer Fülle, von der wir heute keine Ahnung mehr haben und die wir uns auch gar nicht erlauben dürfen, in der selben Weise wiederum in die Natur hineinzutragen. Der Mensch sah damals in der Außenwelt vieles, was er selber in sie hineinlegte, so wie wir heute die Mathematik in die Natur hineinlegen. In keinem anderen Sinne als heute dachte er über die Natur, aber er sah vieles in sie hinein. Damit sah er aber auch das Moralische in die Natur hinein. Das Moralische sah der Mensch so in die Natur hinein, daß in vier Jahrtausenden in derselben Weise, wie ihm die Naturgesetze in seiner Erkenntnis erstanden, die Moralgesetze erstanden. Der Mensch, der das in die Natur hinausversetzte, was man in älteren Zeiten unter Salz, Sulfur, Phosphor und so weiter dachte, durfte, weil er dabei gar nichts anderes innerlich vollführte, auch dasjenige in die Natur hinausversetzen, was er als moralische Impulse erlebte.
[ 25 ] And just as we express a scientific finding using a mathematical formula—just as we seemingly link subject and object—so too did people in those days link subject and object even more so; but the subject was of a richness that we today have no concept of, and which we must not allow ourselves to project back into nature in the same way. Back then, people saw in the external world many things that they themselves projected into it, just as we today project mathematics into nature. They did not think about nature in any other sense than we do today, but they projected many things into it. In doing so, however, they also projected morality into nature. People perceived the moral aspect in nature in such a way that, over the course of four millennia, moral laws arose in the same way that the laws of nature arose in their understanding. Humanity, which projected into nature what in earlier times was thought of as salt, sulfur, phosphorus, and so on, was also permitted—because it was not inwardly accomplishing anything else in doing so—to project into nature that which it experienced as moral impulses.
[ 26 ] Nun aber haben wir uns mit Recht — denn diese Entwicklung mußte kommen — getrennt von einer solchen Auffassung der Außenwelt, durch die wir all das Angedeutete in sie hineintragen. Wir tragen nur mehr das Mathematische in die Außenwelt hinein, und unsere Wissenschaft wird deshalb zu einer sehr guten Grundlage der technischen Praxis. Aber indem wir also nur noch das Mathematische in die Außenwelt hineintragen, haben wir keine Berechtigung mehr, das Moralische auf dem Wege unserer Wissenschaft in die Objektivität hineinzuversetzen. Und wir müssen notwendigerweise — gerade, wenn wir recht wissenschaftlich sind in dem Sinne, der heraufgekommen ist in den letzten Jahrhunderten — einem moralischen Agnostizismus verfallen, denn es bleibt uns nichts anderes übrig, als in den Moralprinzipien nur noch das Subjektzu sehen, etwas zu sehen, wovon wir nichtbehaupten dürfen, daß es in derselben objektiven Weise aus der Natur kommt wie der Verlauf eines Naturprozesses selber.
[ 26 ] Now, however, we have rightly—for this development was inevitable—distanced ourselves from such a conception of the external world, through which we project all that has been alluded to into it. We now project only the mathematical into the external world, and our science therefore becomes a very sound foundation for technical practice. But since we now introduce only the mathematical into the external world, we no longer have any justification for incorporating the moral into objectivity through our science. And we must necessarily—precisely if we are truly scientific in the sense that has emerged over the last few centuries—succumb to moral agnosticism, for we have no choice but to view moral principles solely as subjective—as something about which we cannot claim that it arises from nature in the same objective manner as the course of a natural process itself.
[ 27 ] Und so haben wir denn die Notwendigkeit, uns zu fragen: Wie begründen wir Moralwissenschaft und damit die Grundlage aller Geisteswissenschaft, auch aller Sozialwissenschaft, wie begründen wir Moralwissenschaft in der Zeit, in der wir berechtigterweise für die äußere Natur den Phänomenalismus anerkennen müssen? Das war die große Frage für mich in der Zeit, als ich meine «Philosophie der Freiheit» schrieb. Ich stand auf dem Boden — völlig auf dem Boden! — der modernen Naturwissenschaft, ja, auf dem Boden eines Phänomenalismus gegenüber dem, was durch den Erkenntnisprozeß von der Sinnenaußenwelt zu ergründen ist. Dann aber muß man sich, wenn man die Konsequenz mit aller Ehrlichkeit bis zuletzt verfolgt, sagen: Wenn Moral objektiv begründet werden soll, dann muß sich neben diese Erkenntnis, die zum Phänomenalismus und damit zum Agnostizismus führt, eine andere hinstellen können — eine Erkenntnis, die nun nicht das Denken verwendet, um hypothetische Welten auszusinnen hinter den Phänomenen der Sinne, sondern es muß eine Erkenntnis begründet werden, die das Geistige unmittelbar in der Anschauung erfassen kann, nachdem es— außer dem Mathematischen — nicht mehr im alten Stile hinausgetragen wird in die Welt. Gerade der Agnostizismus ist es, der uns auf der einen Seite nötigt, ihn voll anzuerkennen auf seinem Gebiete, zugleich aber auf der anderen Seite auch nötigt, unseren Geist zur Aktivität aufzuraffen, um eine geistige Welt zu erfassen, aus welcher wir zunächst, wenn wir nicht bloß im Subjektiven bleiben wollen, durch objektive geistige Beobachtung die Moralprinzipien finden können.
[ 27 ] And so we are compelled to ask ourselves: How do we ground the science of morality—and with it the foundation of all humanities, including all social sciences? How do we ground the science of morality in an age when we must, quite rightly, acknowledge phenomenalism with regard to external nature? That was the great question for me at the time when I was writing my Philosophy of Freedom. I stood on the ground—completely on the ground!—of modern natural science, indeed, on the ground of phenomenalism with regard to what can be fathomed through the process of cognition from the external sensory world. But then, if one follows the consequences with complete honesty to their logical conclusion, one must say: If morality is to be objectively grounded, then alongside this knowledge—which leads to phenomenalism and thus to agnosticism—there must be room for another kind of knowledge: one that does not use thought to conjure up hypothetical worlds beyond the phenomena of the senses, but rather a form of knowledge that can grasp the spiritual directly through intuition, since—with the exception of mathematics—it is no longer conveyed to the world in the old style. It is precisely agnosticism that compels us, on the one hand, to fully acknowledge it within its own domain, while at the same time, on the other hand, compels us to rouse our minds to activity in order to grasp a spiritual world from which—if we do not wish to remain merely in the subjective realm—we can, through objective spiritual observation, discover moral principles.
[ 28 ] Man hat meine «Philosophie der Freiheit» mit einem gewissen Recht einen ethischen Individualismus genannt, aber damit faßt man nur die eine Seite. Wir müssen selbstverständlich zum ethischen Individualismus kommen, weil das, was nun als Moralprinzip geschaut wird, von jedem einzelnen Menschen in Freiheit geschaut werden muß. Aber ebenso wie im inneren, aktiven Geistesprozeß das Mathematische in reiner Erkenntnis erarbeitet wird und dennoch innerhalb der Objektivität sich als begründet erweist, kann auch das, was Inhalt der moralischen Impulse ist, in rein geistiger Anschauung ergriffen werden — nicht bloß im Glauben, sondern in rein geistiger Anschauung. Und deshalb sieht man sich, wie es bei mir der Fall war in meiner «Philosophie der Freiheit», genötigt zu sagen: Moralwissenschaft muß begründet werden auf moralischer Intuition. — Und ich habe es dazumal ausgesprochen, daß wir nur dann im modernen Stile zu einer wirklichen moralischen Anschauung kommen können, wenn wir einsehen: Geradeso wie wir die einzelnen Naturphänomene aus der gesamten Natur herausschälen, müssen wir aus einer angeschauten geistigen Welt, aus einer übersinnlichen, geistigen Welt herausholen die nur geistig angeschauten, aber dennoch ganz unabhängig von uns objektiv erfaßten Moralprinzipien.
[ 28 ] My Philosophy of Freedom has, with some justification, been called an ethical individualism, but this captures only one side of the matter. We must, of course, arrive at ethical individualism, because what is now regarded as a moral principle must be perceived by each individual in freedom. But just as, in the inner, active process of thought, the mathematical is worked out in pure cognition and yet proves to be grounded within objectivity, so too can that which is the content of moral impulses be grasped in pure spiritual intuition—not merely in faith, but in pure spiritual intuition. And that is why one finds oneself compelled—as was the case for me in my Philosophy of Freedom—to say: The science of morality must be grounded in moral intuition. — And I stated at the time that we can only arrive at a true moral intuition in the modern sense if we recognize: Just as we isolate individual natural phenomena from nature as a whole, we must extract from a spiritually perceived world—from a supersensible, spiritual world—those moral principles that are perceived only spiritually, yet are objectively grasped entirely independently of us.
[ 29 ] Ich habe also zunächst von moralischer Intuition gesprochen. Damit ist der Erkenntnisprozeß in eine gewisse Linie gebracht. Durch den Erkenntnisprozeß — gerade wenn er echt naturwissenschaftlich bleiben soll —, ist die Seele dazu hingetrieben, ihre innersten Kräfte aufzuraffen und dieses Aufraffen so weit zu treiben, daß nun wirklich die Anschauung einer geistigen Welt möglich wird. Nun entsteht die Frage: Ist nur das, was als Moralimpulse zu erfassen ist, in der geistigen Welt zu schauen oder ist vielleicht das, was uns zu unseren moralischen Intuitionen führt, bloß ein Gebiet von vielen? Die Antwort darauf ergibt sich aber, wenn man das, was innerlich in der Seele erlebt worden ist, als moralische Intuitionen erfaßt und dieses dann in entsprechender Weise fortsetzt.
[ 29 ] So I began by speaking of moral intuition. This sets the process of cognition on a certain course. Through the process of cognition—especially if it is to remain genuinely scientific—the soul is driven to summon its innermost powers and to push this summoning so far that the perception of a spiritual world truly becomes possible. Now the question arises: Is only that which can be grasped as moral impulses to be found in the spiritual world, or is perhaps that which leads us to our moral intuitions merely one realm among many? The answer to this, however, becomes clear when one grasps what has been experienced inwardly in the soul as moral intuitions and then carries this forward in an appropriate manner.
[ 30 ] Genau dasselbe, was die Seele erlebt, indem sie sich aufrafft zur rein geistigen Erfassung des Moralischen — sie ist erst notwendig geworden in der neueren Zeit durch die Naturwissenschaft —, genau dasselbe, was da durchlebt wird, das kann nun auch durchlebt werden für weitere Gebiete. So kann gesagt werden, daß derjenige, der einmal Selbstbeobachtung dieses inneren Erlebnisses, das zur moralischen Intuition führt, geleistet hat, in der Tat nun dieses innere Erlebnis immer mehr ausbilden kann. Und der Ausbildung dieses inneren Erlebnisses dienen jene Übungen, die sie dargestellt finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Und diese Übungen führen dann dazu, daß man nicht beim Denken stehenbleibt und mit ihm Hypothesen bildet, sondern daß man dieses Denken in seiner Lebendigkeit betrachtet und weiterbildet — weiterbildet zu dem, was ich nun im zweiten Teile meines Vortrages weiter ausführen werde und was man nennen kann ein exaktes Schauen der übersinnlichen Welt. Gemeint ist nicht das verloren gegangene, mystische Schauen der älteren Zeit, sondern ein exaktes, ein der Wissenschaft gemäßes Schauen der übersinnlichen Welt, das man nennen kann ein exaktes Hellsehen. Und dadurch kommt man dann stufenweise zu denjenigen Erkenntnisformen, die ich erst vor kurzem hier auch in einem öffentlichen Vortrag charakterisiert habe: zu der Imagination, zu der Inspiration und zu der höheren Intuition — Erkenntnisformen, die dem inneren Menschen aufleuchten.
[ 30 ] Exactly the same experience that the soul undergoes when it rouses itself to a purely spiritual grasp of morality—which has only become necessary in recent times through the natural sciences—exactly the same experience that is lived through in that context can now also be lived through in other areas. Thus it can be said that anyone who has once engaged in self-observation of this inner experience—which leads to moral intuition—can in fact now develop this inner experience more and more. And the exercises described in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? serve to develop this inner experience. And these exercises then lead one not to remain at the level of thinking and form hypotheses through it, but rather to observe this thinking in its vitality and to develop it further—to develop it into what I will now elaborate on in the second part of my lecture and what can be called an exact perception of the supersensible world. What is meant here is not the lost, mystical vision of earlier times, but a precise, scientifically grounded perception of the supersensible world, which can be called precise clairvoyance. And through this, one then gradually arrives at those forms of knowledge that I characterized here only recently in a public lecture: imagination, inspiration, and higher intuition—forms of knowledge that dawn upon the inner human being.
[ 31 ] Wenn man sich nun fragt, wie können wir noch eine objektiv begründete Moralwissenschaft und damit auch Sozialwissenschaft haben, gerade wenn wir uns fest auf den Boden der Naturwissenschaft stellen, so habe ich Ihnen in diesen einleitenden Worten zunächst zeigen wollen, wie man, indem man sich ehrlich auf den Boden der heutigen Wissenschaft stellen, aber trotzdem sich dem Leben zuwenden will— dem Leben, wie es einfach dasein muß für den Menschen, der zu einer innerlichen Ganzheit kommen soll —, wie man dadurch hineingerrieben wird in ein geistiges Forschen. Dieses unterscheidet sich nun von dem gewöhnlichen Forschen dadurch, daß das gewöhnliche Forschen sich einfach jener Seelenkräfte bedient, die schon da sind, um sich dann zu verbreiten über das weite Feld der Beobachtung und des Experimentes. Demgegenüber wendet sich das anthroposophische Forschen zuerst an den Menschen, damit er höhere Seelenkräfte ausbilde, die dann, wenn sie exakt ausgebildet sind, zu einem höheren Schauen führen, was im Übersinnlichen die Ergänzung zu dem liefert, was wir durch unsere exakten naturwissenschaftlichen Methoden im Sinnlichen finden.
[ 31 ] If one now asks how we can still have an objectively grounded moral science—and thus also a social science—precisely when we stand firmly on the ground of the natural sciences, then in these introductory remarks I have sought first to show you how, by honestly standing on the ground of contemporary science, yet still turn toward life—life as it simply must exist for the human being who is to attain inner wholeness—how one is thereby drawn into spiritual inquiry. This differs from ordinary research in that ordinary research simply makes use of those soul forces that are already present, in order to then extend itself across the broad field of observation and experimentation. In contrast, anthroposophical research first turns to the human being so that he or she may develop higher soul powers which, when precisely developed, lead to a higher form of perception that provides, in the supersensible realm, the complement to what we find in the sensible world through our precise scientific methods.
[ 32 ] Wie dieses exakte höhere Schauen entwickelt wird, wie man nun aus dem Sinnlichen in das Übersinnliche außerhalb des moralischen Gebietes noch vordringen kann, das soll dann der Gegenstand meiner Auseinandersetzungen nach der Pause sein.
[ 32 ] How this precise, higher form of perception is developed, and how one can now proceed from the sensible realm into the supersensible realm beyond the realm of morality—that will be the subject of my discussions after the break.
Kurze Pause
Short break
[ 33 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis wird errungen durch das, was man Meditation nennen kann, verbunden mit einer gewissen Konzentration des Gedankenlebens. Das Wesentliche, worauf es dabei ankommt, habe ich in meinem letzten öffentlichen Vortrag hier in Leipzig von der einen Seite her geschildert. Heute will ich es von einer anderen Seite her charakterisieren, und zwar so, daß wir darüber hinaus den Weg zur wissenschaftlichen Erfassung der Welt finden. Das Wesentliche dieser Meditation, verbunden mit Konzentration der Gedanken, besteht eben darin, daß der Mensch nicht etwa stehenbleibt bei jener inneren Handhabung des Denkens, die sich einmal herausgebildet hat durch die Vererbung, durch die gewöhnliche Erziehung und so weiter, sondern daß er in einem gewissen Zeitpunkte seines reifen Lebens dieses Denken, das er sich angeeignet hat, erst als Ausgangspunkt betrachtet für eine weitere innere Entwicklung.
[ 33 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! The first stage of supersensible knowledge is attained through what might be called meditation, combined with a certain concentration of the life of thought. In my last public lecture here in Leipzig, I described the essential point of this from one perspective. Today I would like to characterize it from another perspective—namely, in such a way that we may thereby find the path to a scientific understanding of the world. The essence of this meditation, combined with concentration of thought, lies precisely in the fact that a person does not simply remain at that inner mode of thinking which has developed through heredity, ordinary upbringing, and so on, but that at a certain point in their mature life, they regard this thinking—which they have acquired—merely as a starting point for further inner development.
[ 34 ] Nun wissen Sie ja, daß es in der Gegenwart mystische Naturen gibt, die etwas verächtlich vom Denken sprechen und die zu allerlei anderen, mehr ins unterbewußte hinunterschillernden Erkenntniskräften Zuflucht nehmen, um dadurch eine Art von Anschauung über die Welt zu gewinnen, die dasjenige umfassen soll, wozu das gewöhnliche Denken nicht kommen kann. Mit diesem doch in das pathologische Gebiet hinüberspielenden, traumhaft-phantastischen Versenken in ein inneres Seelenleben hat das, was mit der Anthroposophie gemeint ist, nichts zu tun. Es bewegt sich gerade in der entgegengesetzten Richtung, es bewegt sich in der Richtung, daß jeder einzelne Schritt, welcher unternommen wird, um das Denken weiter auszubilden, zu einer höheren Fähigkeit umzubilden, daß jeder solcher Schritt mit einer solchen inneren, freien und besonnenen Anschaulichkeit verfolgt werden kann, wie sonst nur die innerlichen Seelenerlebnisse verfolgt werden können, die wir bei einer so besonnenen Erkenntnistätigkeit entwickeln, wie sie der Mathematiker pflegt.
[ 34 ] Now, as you know, there are mystical souls today who speak somewhat contemptuously of thinking and who take refuge in all manner of other powers of perception—ones that shimmer down into the subconscious—in order thereby to gain a kind of insight into the world that is supposed to encompass what ordinary thinking cannot reach. What is meant by anthroposophy has nothing to do with this dreamlike, fantastical immersion in an inner spiritual life, which verges on the pathological. It moves in precisely the opposite direction, it moves in the direction of ensuring that every single step taken to further develop thinking—to transform it into a higher capacity—can be pursued with such inner, free, and level-headed clarity as is otherwise possible only for the inner soul experiences we develop through a form of cognitive activity as level-headed as that practiced by the mathematician.
[ 35 ] So kann man sagen: Gerade das, wofür sich der moderne Mensch erzogen hat durch seine wissenschaftliche Bildung— das mathematische Denken —, wird als ein Muster genommen, jetzt nicht bloß zum Aufsuchen von irgendwelchen äußeren Zusammenhängen, sondern zum Ausbilden eines höheren Denkprozesses selbst. Was von der Mathematik unternommen wird in der— wenn ich mich bildlich aussprechen darf — horizontalen Ebene, das wird in vertikaler Richtung — möchte ich sagen — unternommen, indem man eine innere Seelentätigkeit, eine Seelenübung selber so vollzieht, daß man bei jedem einzelnen Schritt sich innerlich so Rechenschaft gibt, wie man sich bei den Schritten der Mathematik Rechenschaft gibt, indem man also beim Kontrollieren der Gedanken einen gewissen Vorstellungsinhalt in den Mittelpunkt seines Bewußtseins stellt, der einfach ein Gedankeninhalt sein soll. Es kommt gar nicht auf den Inhalt an; es kommt darauf an, was man mit ihm tut. Man soll sich nicht irgendwie selber etwas suggerieren. Von allen diesen mehr unbewußten Seelentätigkeiten ist das anthroposophische Üben das Gegenteil.
[ 35 ] Thus, one might say: Precisely that which modern man has cultivated through his scientific education—mathematical thinking—is taken as a model, not merely for uncovering external relationships, but for developing a higher thought process itself. What mathematics undertakes on the—if I may speak figuratively—horizontal plane is, in a vertical direction —as I would put it—by carrying out an inner activity of the soul, a spiritual exercise, in such a way that with every single step one gives oneself an inner account, just as one gives oneself an account in the steps of mathematics; that is, by placing a certain mental image at the center of one’s consciousness while checking one’s thoughts, an image that is meant to be simply a thought content. The content does not matter at all; what matters is what one does with it. One should not try to suggest anything to oneself in any way. Of all these more unconscious mental activities, anthroposophical practice is the opposite.
[ 36 ] Wenn man aber das, was man sich schon angeeignet hat als eine gewisse Form des Denkens, dadurch weiter ausbildet, daß man nun mit seiner ganzen Seelentätigkeit auf einem überschaubaren Inhalt ruht, und wenn man dieses Ruhen auf einer gewissen Seelentätigkeit, dieses Aufmerksamsein auf diese Seelentätigkeit mit Ausschluß alles anderen, was sonst in die Seele hereindringen kann, immer wieder vornimmt, so erstarkt der Denkprozeß. Und dann erst merkt man das, was sozusagen die gute Seite des Materialismus, der materialistischen Weltanschauung war. Denn man merkt jetzt, daß alles Denken, das man zunächst im gewöhnlichen Leben hat, namentlich jenes Denken, das sich dann fortsetzt in der Erinnerung, uns dazu führt, daß das, was wir erlebt haben in Gedanken, durch das Gedächtnis später wiederum heraufgebracht werden kann. Man merkt, daß das alles von dem Menschen zwischen Geburt und Tod nur so vollzogen werden kann, daß er sich dabei seines Leibes als einer Grundlage — ich will nicht sagen als eines Werkzeuges, aber als einer Grundlage — bedient. Und man merkt gerade dadurch, daß man jetzt das Denken durch innere Entwicklung weitertreibt, daß das gewöhnliche Denken eben durchaus an den menschlichen Leibesorganismus, an den menschlichen Leib gebunden ist und wie insbesondere der Gedächtnisprozeß nicht erklärt werden kann, ohne daß man für ihn eine feinere Physiologie zu Hilfe nimmt, denn jetzt erst merkt man, daß das Denken sich vom Leib befreit, daß es immer freier und freier wird vom Leib.
[ 36 ] But if one further develops what one has already acquired as a certain form of thought, by further developing it—that is, by now focusing one’s entire mental activity on a manageable subject matter—and if one repeatedly engages in this focusing of the mind on a specific mental activity, this attentiveness to that mental activity while excluding everything else that might otherwise intrude upon the mind, then the thought process is strengthened. And only then does one realize what was, so to speak, the positive aspect of materialism, of the materialistic worldview. For one now realizes that all the thinking one initially engages in during ordinary life—namely, the thinking that then continues in memory—leads us to the point where what we have experienced in thought can later be recalled through memory. One realizes that all of this can only be accomplished by a human being between birth and death by making use of one’s body as a foundation—I do not mean to say as a tool, but as a foundation. And it is precisely through this—by advancing thinking through inner development—that one realizes that ordinary thinking is indeed thoroughly bound to the human physical organism, to the human body, and that, in particular, the process of memory cannot be explained without resorting to a more refined physiology; for only now does one realize that thinking frees itself from the body, that it becomes ever freer and freer from the body.
[ 37 ] Jetzt erst steigt man auf von dem mit Hilfe des Körpers vor sich gehenden Denken zu einem Denken, das in inneren seelischen Prozessen sich abspielt; jetzt erst merkt man, daß man allmählich übergeht in ein solches inneres Erleben, wie es nicht eintritt, aber — ich möchte sagen — wie es sich vorbereitet. Wenn man aus dem wachen, gewöhnlichen Bewußtseinszustande in den Schlafzustand hinübergeht, wird einfach unser Organismus so, daß er jene Funktionen nicht mehr vollzieht, die sich ausleben im Vorstellen und in dem mit dem Vorstellen verbundenen Wahrnehmen.
[ 37 ] Only now do we rise from thinking that proceeds with the aid of the body to a form of thinking that takes place within inner psychological processes; only now do we realize that we are gradually transitioning into a kind of inner experience that does not yet occur, but—I would say—is in the process of being prepared. When one passes from the waking, ordinary state of consciousness into the state of sleep, our organism simply changes in such a way that it no longer performs those functions that find their expression in imagination and in the perception associated with imagination.
[ 38 ] Dadurch aber, daß wir im gewöhnlichen Leben nur in der Lage sind mit Hilfe unseres Leibes zu denken, erlischt das Denken in dem Augenblick, wo es eben nicht mehr mit Hilfe des Leibes vollzogen werden kann — das ist beim Einschlafen. Letzte Reste bleiben übrig in dem bildhaften Denken des Träumens, aber wenn man immer wieder und wiederum durch eine innere, eine exakte innere Übung — deshalb spreche ich von exaktem Hellsehen im Gegensatz zum dunklen, mystischen Hellsehen —, wenn man durch eine exakte Übung das Denken immer weiter und weiter treibt, lernt man die Möglichkeit eines Denkens erkennen, das unabhängig ist von der Leiblichkeit. Gerade dadurch darf der anthroposophische Forscher mit einer solchen inneren Sicherheit auf sein entwickeltes Denken hinweisen, weil er ja— besser noch als der Materialist — die Abhängigkeit des gewöhnlichen Denkens von der Leibesorganisation kennt und weil er erfährt, wie sich im Meditieren, im Üben das eigentliche Seelische heraushebt aus der Gebundenheit an den Leib. Man lernt eben leibfrei denken, man lernt, mit seiner IchWesenheit herauszutreten aus dem Leibe, man lernt den Leib als ein Objekt kennen, während er früher durchaus verbunden war mit der Subjektivität.
[ 38 ] However, because in everyday life we are only able to think with the aid of our body, thinking ceases the moment it can no longer be carried out with the aid of the body—that is, when we fall asleep. The last remnants remain in the pictorial thinking of dreaming, but if one repeatedly and persistently drives thinking further and further through an inner, precise inner exercise—which is why I speak of precise clairvoyance as opposed to obscure, mystical clairvoyance—if one drives thinking further and further through precise exercise, one learns to recognize the possibility of thinking that is independent of the physical body. It is precisely for this reason that the anthroposophical researcher can point to his developed thinking with such inner certainty, because he—even more so than the materialist—knows the dependence of ordinary thinking on the physical organization and because he experiences how, in meditation and practice, the true soul aspect emerges from its bondage to the body. One learns to think independently of the body; one learns to step out of the body with one’s “I”-being; one comes to know the body as an object, whereas previously it was entirely connected to subjectivity.
[ 39 ] Das ist es eben, was der gegenwärtigen Bildung schwer wird anzuerkennen, weil man auf der einen Seite das, was sich da ergibt und eigentlich immer mehr ergibt gerade durch anthroposophische Erkenntnis— das Gebundensein des Vorstellens an die Leibesfunktionen — in der modernen Naturwissenschaft durchschaut hat. Aber man muß sich klar sein darüber, daß trotz dieses Durchschauens nicht stehen geblieben werden kann bei diesem Denken, sondern daß dieses Denken losgelöst werden kann von dem Leibe dadurch, daß es innerlich erkraftet wird auf dem Wege der Meditation. Dann aber verwandelt sich dieses Denken.
[ 39 ] This is precisely what contemporary education finds difficult to acknowledge, because, on the one hand, modern natural science has already recognized—and, in fact, is recognizing more and more precisely through anthroposophical insight—the fact that imagination is bound to bodily functions. But one must be clear about the fact that, despite this insight, one cannot remain stuck in this way of thinking; rather, this thinking can be detached from the body by strengthening it inwardly through meditation. Then, however, this thinking is transformed.
[ 40 ] Zunächst ist es so: Wenn dieses leibfreie Denken aufblitzt, wenn das Erleben aufblitzt: du bist jetzt in einer Seelenbetätigung, die du so vollziehst, wie wenn du einfach aus deinem Leibe dich herausgezogen hättest —, wenn dieses innere Erlebnis aufblitzt, dann wird das Denken innerlich intensiver. Es erlangt dieselbe innere Sattheit, die man sonst nur beim Wahrnehmen eines Sinnlichen hat. Es erlangt das Denken Bildhaftigkeit. Das Denken bleibt ebenso in der Sphäre der Besonnenheit wie nur irgendein Denken, das an den Leib gebunden ist, aber es erlangt im leibfreien Zustande jetzt Bildhaftigkeit. Man denkt in Gebilden. Und dieses Denken in Gebilden, das war auch in seinem Anfang vorhanden in dem, was Goethe in seiner Morphologie ausgebildet hatte. Deshalb behauptet er, er könne seine Ideen mit Augen sehen. Er meinte natürlich nicht die sinnlichen Augen, sondern das, was bei ihm sozusagen aus einem elementar-natürlichen Prozeß entstand, was aber eben auch ausgebildet werden kann auf dem meditativen Wege. Er meinte damit, daß er mit dem «geistigen» Auge das schaut, was ebenso bildhaft ist wie sonst nur die sinnlichen Anschauungen, was aber durchaus seiner inneren Qualität nach gedankenhaft ist. Ich sage «gedankenhaft», nicht Gedanke, denn es ist ein fortgebildeter, ein metamorphosierter Gedanke — es ist gedankenhaft.
[ 40 ] First of all, this is how it is: When this bodyless thinking flashes into being, when the experience flashes into being—you are now engaged in a soul activity that you carry out as if you had simply withdrawn from your body—when this inner experience flashes into being, then thinking becomes more intense inwardly. It attains the same inner richness that one otherwise experiences only when perceiving something sensory. Thinking takes on a pictorial quality. Thinking remains just as much within the sphere of deliberation as any thinking bound to the body, but in this body-free state it now takes on a pictorial quality. One thinks in images. And this thinking in images was also present in its earliest form in what Goethe had developed in his Morphology. That is why he claimed he could see his ideas with his eyes. He did not, of course, mean the physical eyes, but rather what arose in him, so to speak, from an elemental-natural process—a process that can also be cultivated through meditation. By this he meant that with the “spiritual” eye he perceives what is just as pictorial as sensory perceptions otherwise are, yet which, in terms of its inner quality, is thoroughly thought-like. I say “thought-like,” not “thought,” for it is a further-developed, a metamorphosed thought—it is thought-like.
[ 41 ] Auf diese Weise erhebt man sich aber zu der Erkenntnis dessen, was man als Mensch in seinem Erdenleben ist— wenigstens zunächst bis zu dem Momente, in dem man gerade lebt. Das gewöhnliche Bewußtsein hat vor sich den gegenwärtigen Augenblick mit all den Erlebnissen, die in der Umwelt sind. Auch in der gewöhnlichen Wissenschaft hat man das vor sich, was dazu noch als Ergänzung kommt — es sind die gedankenmäßig auftauchenden Erinnerungen, die wir verbinden mit den Erlebnissen des gegenwärtigen Augenblicks. Dieses leibfreie, bildhafte Denken, zu dem wir uns erheben und von dem ich eben gesprochen habe und das ich das imaginative Denken nenne — nicht weil es eine Einbildung ist, sondern weil es eben in Bildern verläuft und nicht in Abstraktionen —, dieses Denken umfaßt unser bisheriges Erdenleben als eine Einheit wie in einem einzigen Tableau, das vor uns steht. Und wir erkennen jetzt, daß in uns eben neben dem Raumorganismus ein Zeitorganismus lebt — ein Organismus, bei dem das Vorher und Nachher in einem ebensolchen organischen Zusammenhang steht wie das Nebeneinander in dem äußeren, physischen Raumorganismus, den wir an uns tragen. Man erkennt diesen Organismus als einen übersinnlichen Organismus — in meinen Büchern habe ich ihn «Ätherleib» genannt, man kann ihn auch Lebensleib nennen.
[ 41 ] In this way, however, one rises to the realization of what one is as a human being in one’s earthly life—at least initially, up to the very moment in which one is currently living. Ordinary consciousness has before it the present moment with all the experiences that are present in the environment. Even in ordinary science, one has before one what comes as a supplement to this—namely, the memories that arise in thought, which we connect with the experiences of the present moment. This body-free, pictorial thinking to which we rise—and of which I have just spoken, and which I call imaginative thinking—not because it is a figment of the imagination, but because it proceeds in images rather than in abstractions—this thinking encompasses our earthly life to date as a unity, as if in a single tableau standing before us. And we now recognize that within us, alongside the spatial organism, there lives a temporal organism—an organism in which “before” and “after” are related in just as organic a way as the juxtaposition within the external, physical spatial organism that we carry within us. One recognizes this organism as a supersensible organism—in my books I have called it the “etheric body”; one can also call it the “life body.”
[ 42 ] Was er umfaßt, ist durchaus nicht identisch mit der unberechtigten Annahme einer «Lebenskraft» durch eine frühere Wissenschaft, die zu dieser Lebenskraft bloß auf hypothetischem Wege gekommen ist, während dieser Lebensleib als eine wirkliche Anschauung vor das entwikkelte imaginative Denken tritt. So gelangt man dazu, daß gewissermaßen das, was in dem inneren Menschenwesen für das gewöhnliche Bewußtsein ein Vergangenes ist — als etwas, was ich zum Beispiel vor zehn Jahren erlebt habe und was jetzt in meiner Erinnerung auftaucht —, daß das jetzt nicht als ein Vergangenes auftritt, sondern man erlebt das als ein unmittelbar Gegenwärtiges, man schaut es an mit der Intensität, wie man ein Gegenwärtiges anschaut. Dadurch aber steht das sonst in der Zeit Verlaufende in einer augenblicklichen Einheit vor einem; das ganze Leben ist ein Bild — ein Bild, dessen einzelne Teile innerlich zusammengehören. Und man merkt, daß in Wirklichkeit das Vergangene ein Gegenwärtiges ist, daß es nur dadurch als Vergangenheit erscheint, daß wir es mit unserer auf die gegenwärtige Beobachtung eingestellten Erkenntnis in diesem Augenblick nur als Erinnerung haben. In der Objektivität ist es aber ein unmittelbar Gegenwärtiges, ein Reales.
[ 42 ] What it encompasses is by no means identical with the unfounded assumption of a “life force” by earlier science, which arrived at this life force merely by way of hypothesis, whereas this life-body appears as a real vision before the developed imaginative thinking. Thus one arrives at a state in which, so to speak, what in the inner human being is a thing of the past for ordinary consciousness—as something I experienced, for example, ten years ago and which now surfaces in my memory—no longer appears as a thing of the past, but is experienced as something immediately present; one looks at it with the same intensity with which one looks at something in the present. As a result, however, what otherwise unfolds in time stands before one in an instantaneous unity; the whole of life is an image—an image whose individual parts belong together inwardly. And one realizes that, in reality, the past is a present reality; that it appears as the past only because, at this moment, we have it only as a memory through our cognition, which is attuned to present observation. In objectivity, however, it is something immediately present, something real.
[ 43 ] Dadurch also kommt man zu der Anerkennung dessen, was als das erste Übersinnliche im Menschen liegt. Aber man kommt dadurch auch zur Anerkennung von etwas, das nun in der gesamten Lebewelt außerdem noch vorhanden ist, was die unorganische Naturwissenschaft bis zur Chemie herauf nicht liefern kann: Man kommt zu der Anschauung, die die weitere Ausbildung ist der Goetheschen Morphologie; man kommt zu der Anschauung, wie die einzelne Pflanzenform nur eine besondere Ausgestaltung jener Form ist, die in anderen Pflanzen auch ruht; man kommt zu dem, was Goethe die Urpflanze nennt, die nun nicht etwa eine Zelle ist, sondern die eine konkret gestaltete, nur für das imaginative Erkennen zu erfassende übersinnliche Form ist, die aber in jeder einzelnen Pflanzengestalt leben kann — verändert, metamorphosiert leben kann. Man kommt zu der Anerkennung dessen, was wir im Vegetabilischen finden, wenn wir dieses voll verstehen wollen. Und man muß sich bei dieser Gelegenheit sagen: Bildet man diese imaginative Erkenntnis nicht aus, welche ein Übersinnliches, Dynamisches in allem Vegetabilischen zeigt, so lernt man nur das erkennen, was als mechanischer, physischer, chemischer Prozeß in der Pflanzengestalt vor sich geht.
[ 43 ] This, then, leads to the recognition of what lies within human beings as the first supersensible element. But it also leads to the recognition of something that is present throughout the entire world of living beings, something that inorganic natural science—up to and including chemistry—cannot provide: One arrives at the insight that is the further development of Goethe’s morphology; one arrives at the insight that the individual plant form is merely a particular manifestation of that form which also lies dormant in other plants; one arrives at what Goethe calls the “primordial plant,” which is by no means a cell, but rather a concretely formed, supersensible form that can only be grasped by imaginative cognition, yet which can live within every single plant form—can live in a transformed, metamorphosed state. One comes to recognize what we find in the plant kingdom if we wish to fully understand it. And one must say to oneself on this occasion: If one does not develop this imaginative insight, which reveals a supersensible, dynamic aspect in everything plant-related, then one learns to recognize only what takes place in the plant form as a mechanical, physical, or chemical process.
[ 44 ] Es ist das Verdienst der neueren Naturwissenschaft, insofern sie zum Beispiel Botanik ist, daß sie reinlich verfolgt das, was sich in der Pflanzengestalt abspielt oder besser gesagt in dem Raumesteil, der von der Pflanzengestalt umschlossen ist, was sich darin an mechanischen, physischen, chemischen Vorgängen abspielt. Diese Vorgänge sind keine anderen als diejenigen, die auch da draußen sind, aber sie werden erfaßt von etwas, was man nicht mit denselben Methoden, wie sie die physischen, die chemischen sind, erfassen kann. Sie werden erfaßt von dem, was als ein reales Übersinnliches lebt und nur in der Imagination erkannt werden kann — in jener Imagination, in der wir uns zugleich auch selber als menschliche Totalität in unserem Erleben seit unserer Geburt wie in einem einzigen Augenblick vor uns stehend finden.
[ 44 ] It is to the credit of modern natural science—insofar as it is, for example, botany—that it meticulously investigates what takes place within the plant form, or rather, within the portion of space enclosed by the plant form, specifically the mechanical, physical, and chemical processes occurring there. These processes are none other than those that also exist out there, but they are apprehended by something that cannot be grasped using the same methods as those of physics and chemistry. They are grasped by what lives as a real supersensible reality and can only be recognized in the imagination—in that imagination in which we simultaneously find ourselves standing before us as human totalities in our experience since birth, as if in a single moment.
[ 45 ] Wir lernen dadurch auf der einen Seite erkennen, warum wir, gerade wenn wir die modernen, exakten naturwissenschaftlichen Methoden, wie sie sich ausgebildet haben, anwenden, zu einem gewissen Agnostizismus kommen müssen in bezug auf die Auffassung des Vegetabilischen. Und so sehen wir ein, warum auf einem gewissen Felde der Agnostizismus sein muß; und so sehen wir auch ein, inwiefern Anthroposophie gerade dasjenige hinzufügt, was diesem Agnostizismus unbekannt bleiben muß. Wir sehen ein, inwiefern Anthroposophie über den Agnostizismus hinausführt, während sie ihn auf seinem Gebiete als vollberechtigt bestehen läßt. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist das eine.
[ 45 ] Through this, we come to recognize, on the one hand, why—precisely when we apply modern, exact scientific methods as they have developed—we must arrive at a certain agnosticism regarding our understanding of the plant kingdom. And so we come to understand why agnosticism is necessary in a certain field; and we also come to understand to what extent anthroposophy adds precisely that which must remain unknown to this agnosticism. We see to what extent anthroposophy leads beyond agnosticism, while allowing it to exist fully and rightfully within its own domain. That, ladies and gentlemen, is one point.
[ 46 ] Das andere aber ist, daß man sich auf dieser Stufe aneignet ein näheres Zusammengehen des menschlichen Wesens mit der Außenwelt. Physik, Mechanik, Chemie sie werden in der Gegenwart mit Recht so ausgebildet, daß wir möglichst kein Menschliches in diese Außenwelt hineintragen, indem wir sagen: Nur das hat Objektivität, bei dem wir uns alles Subjektiven enthalten. — Gewiß, die Berechtigung dieser Methode auf einem gewissen Felde wird die Anthroposophie nicht bekämpfen, sondern erst recht anerkennen. Aber wenn wir nun mit dem, was wir auch in der Imagination erkennen, dasjenige erfassen, anschauen, was nun auch im Vegetabilischen lebt, dann bringen wir es auf der einen Seite zu einer intimen Erkenntnis unserer eigenen, übersinnlichen Wesenheit — wenigstens wie sie zwischen Geburt und Tod ist —, aber wir bringen es dadurch auch zu einer Anschauung des Fluktuierenden, des Sich-Metamorphosierenden in der lebendigen Gestaltenwelt. Dadurch verbinden wir uns als Menschen zunächst auf einer ersten Stufe, in der Imagination, mit der Außenwelt. Wir fügen das Menschliche wiederum in unsere Weltanschauung ein.
[ 46 ] The other point, however, is that at this stage one acquires a closer connection between the human being and the external world. Physics, mechanics, and chemistry are currently taught—and rightly so—in such a way that we avoid introducing anything human into this external world as much as possible, by saying: Only that which is devoid of all subjectivity possesses objectivity. — Certainly, anthroposophy will not dispute the validity of this method in a certain field, but will, on the contrary, acknowledge it all the more. But when we use what we perceive in imagination to grasp and contemplate that which also lives in the plant kingdom, we thereby, on the one hand, arrive at an intimate understanding of our own supersensible being—at least as it exists between birth and death— but through this we also arrive at a perception of the fluctuating, the metamorphosing in the living world of forms. In this way, we as human beings first connect with the external world at an initial stage, in the realm of imagination. We in turn integrate the human element back into our worldview.
[ 47 ] Eine nächste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis ist die Inspiration. Sie wird dadurch errungen, daß man immer mehr und mehr ausbildet, ich möchte sagen den Gegenpol des Meditierens und Sich-Konzentrierens. Wer eine gewisse Übung sich angeeignet hat im Meditieren und Konzentrieren, der weiß, daß man, wenn man das Denken erkrafter, zugleich die innere Neigung bekommt, in dem, was sich als ein Teil der Seele als erkraftetes Denken ergibt, stehenzubleiben. Man muß sich beim Verlassen dieser erkrafteten imaginativen Gedanken mehr anstrengen als beim Verlassen eines anderen Gedankens. Aber wenn man es dazu bringt, daß man nun wirklich aus dem Bewußtsein wiederum herauswerfen kann diese erkrafteten Gedanken — diese ganze imaginative Welt, die man sich zunächst angeeignet hat —, wenn man mit anderen Worten das Bewußtsein leer machen kann — nicht leer machen kann auf dem gewöhnlichen Standpunkt, sondern leer machen kann, nachdem man es zuerst innerlich erkraftet hat —, dann wird diese Leerheit des Bewußtseins etwas ganz anderes, als was die Leerheit des Bewußtseins im gewöhnlichen Leben ist. Da ist die Leerheit des Bewußtseins das Schlafen.
[ 47 ] The next stage of supersensory knowledge is inspiration. It is attained by developing more and more—I would say—the opposite of meditation and concentration. Anyone who has acquired a certain degree of practice in meditation and concentration knows that when one strengthens one’s thinking, one simultaneously develops an inner inclination to linger in what emerges as a part of the soul—namely, this strengthened thinking. One must exert more effort to let go of these strengthened imaginative thoughts than to let go of any other thought. But if one manages to actually cast these intensified thoughts—this entire imaginative world that one has initially appropriated—out of consciousness again; in other words, if one can empty consciousness—not empty it from the ordinary standpoint, but empty it after first having intensified it inwardly— then this emptiness of consciousness becomes something entirely different from what the emptiness of consciousness is in ordinary life. There, the emptiness of consciousness is sleep.
[ 48 ] Die Leerheit des Bewußstseins aber, die auftritt, nachdem man dieses Bewußtsein zuerst erkraftet hat, die wird sehr bald erfüllt von den Erscheinungen einer Umwelt, die jetzt ganz anders sind als all das, was man vorher erkannt hat. Jetzt lernt man eine Welt kennen, auf die unsere gewöhnlichen Vorstellungen von Raum und Zeit gar nicht mehr anwendbar sind. Jetzt lernt man eine Welt kennen, die eine wirkliche seelisch-geistige Außenwelt ist. Sie ist ebenso konkret wie unsere reale Sinnenwelt. Sie kann aber nur dadurch in uns hineinfließen, daß man auf einer höheren Stufe das Bewußtsein leer gemacht hat. Nachdem man erst zur Imagination gekommen ist, indem man sich auf einen geistigen Inhalt konzentriert und nun außerhalb seines Leibes wahrnehmen kann, weil man Aktivität in sich hat — nicht jene Passivität, die beim gewöhnlichen Bewußtsein vorhanden ist—, und indem man durch die entsprechenden Vorbereitungen gegangen ist, dringt jetzt durch die entwickelte Aktivität des freigewordenen Bewußtseins die geistige Außenwelt ein, ebenso wie sonst die Erscheinungen der Farbenwelt oder der Tonwelt durch die Sinne eindringen.
[ 48 ] The emptiness of consciousness, however—which arises after one has first attained this state of consciousness—is very soon filled with the phenomena of an environment that is now entirely different from everything one had previously perceived. Now one comes to know a world to which our ordinary concepts of space and time no longer apply at all. Now one comes to know a world that is a true soul-spiritual external world. It is just as concrete as our real sensory world. But it can flow into us only by having emptied one’s consciousness on a higher level. Once one has reached the stage of imagination by concentrating on a spiritual content and can now perceive outside one’s body—because one possesses inner activity, not the passivity present in ordinary consciousness— and having gone through the appropriate preparations, the spiritual external world now penetrates through the developed activity of the liberated consciousness, just as the phenomena of the world of colors or the world of sound otherwise penetrate through the senses.
[ 49 ] Durch diese geistige Außenwelt gelangt man auf der einen Seite zu der Erkenntnis dessen, was wir als Menschen waren, bevor wir aus einer geistig-seelischen Welt heruntergestiegen sind in die physische Welt, bevor wir uns vereinigt haben mit dem, was im Mutterleibe durch die Konzeption vorbereitet worden ist als der physische Menschenkeim. Man gelangt zu einer Anschauung dessen, was erst in einer geistig-seelischen Welt gelebt hat und sich dann verbunden hat mit dem physischen Menschenwesen. Man lernt also dasjenige in einem kennen, was im Grunde genommen ganz unwirksam ist zwischen Geburt und Tod, was gewissermaßen ausgeschlossen ist von unserem sinnlichen Menschen, was aber in uns wirksam war und was in seiner Reinheit wirkte, bevor wir heruntergestiegen sind zu einer physischen Verleiblichung. Das ist das eine: Wir bekommen vertiefte Menschenerkenntnis, indem wir zu dieser zweiten Stufe des übersinnlichen Schauens aufsteigen, die ebenso exakt entwickelt wird wie die andere, die imaginative Stufe. Und diese Erkenntnis, durch die eine geistige Welt in uns einströmt, so wie die reine Luft von außen in unsere Lunge strömt und dann weiter verarbeitet wird, diese Erkenntnis, die wir für das gewöhnliche Bewußtsein im Unterbewußten, für das entwickelte Bewußtsein aber vollbewußt in uns weiter verarbeiten, dieses Einströmen also, das habe ich mir gestattet, die inspirative Erkenntnis zu nennen.
[ 49 ] Through this spiritual outer world, we come to understand, on the one hand, what we were as human beings before we descended from a spiritual-soul world into the physical world, before we united with what had been prepared in the womb through conception as the physical human embryo. One gains an insight into what first lived in a spiritual-soul world and then united with the physical human being. We thus come to know that which, in essence, is entirely inactive between birth and death—that which is, so to speak, excluded from our sensory human being—but which was active within us and worked in its purity before we descended into physical embodiment. That is one aspect: we gain a deeper understanding of the human being by ascending to this second stage of supersensible perception, which is developed just as precisely as the other, the imaginative stage. And this insight, through which a spiritual world flows into us, just as pure air flows from outside into our lungs and is then further processed—this insight, which we process within ourselves unconsciously for ordinary consciousness but fully consciously for developed consciousness—this inflow, I have taken the liberty of calling “inspirational insight.”
[ 50 ] Das ist also die zweite Stufe. Durch sie gelangen wir zunächst dazu, unser Ewiges als Präexistierendes zu erkennen. Damit aber haben wir auch die Möglichkeit, in das einzudringen, was nun in der Außenwelt nicht bloß lebt, sondern was lebt und empfindet, was also in der lebendigen Gestaltung des Innenlebens sich so auslebt, daß dieses Innenleben sich selbst in der Empfindung gegenwärtig wird. Dadurch lernen wir erst das, was als Tierisches in unserer Umgebung lebt, erkennen. Wir ergänzen unsere Erkenntnis durch das, was wir nimmermehr erreichen können durch eine gewöhnliche Anschauung, wie wir sie ausgebildet haben in der Physik, in der Chemie. Wir gelangen dazu, das anzuschauen, was in dem Empfindenden lebt als ein höheres Übersinnliches. Wir lernen nun durch Anschauung, nicht durch philosophische Hypothesen im heutigen Sinne, tatsächlich eine neue, höhere Welt verfolgen: die Welt des Geistig-Seelischen in dem empfindenden Physischen. Damit aber bewegen wir uns wiederum ein Stück weiter fort vom Agnostizismus. Dieser muß dasein, wenn wir nur die chemischen Prozesse verfolgen in dem empfindenden Lebendigen. Die müssen wir verfolgen, und es ist das große Verdienst der neueren Naturwissenschaft, daß diese verfolgt werden können, aber damit muß diese Naturwissenschaft zum Agnostizismus werden. Dieser muß seine Ergänzung finden, daß man gerade nun in freier Geistigkeit durch die Inspiration dasjenige erfährt, was ergänzt werden muß, um zur vollen Realität des empfindenden Lebens zu gelangen. Dadurch aber erreicht man noch etwas anderes, wovon ich Ihnen ein Beispiel geben möchte. So gelangt man dazu zu erkennen, daß der Prozeß, der sich zum Beispiel in dem Menschlichen abspielt — für das Tierische ist es ähnlich —, daß dieser Prozeß nicht bloß ein aufsteigender, sondern zugleich auch ein absteigender ist. Man lernt eigentlich erst jetzt, sich recht innerlich anzuschauen; man lernt, indem man zu dieser inspirierten Erkenntnis aufsteigt, genauer kennen, was da eigentlich im gewöhnlichen Bewußtsein vor sich geht. Da lernt man vor allen Dingen erkennen, daß man es nicht, indem der Denkprozeß des gewöhnlichen — nicht des imaginativen — Bewußtseins vor sich geht, mit einem Aufbauprozeß zu tun hat, sondern mit einem Abbauprozeß, daß also im wesentlichen unser Nervenleben ein Leben im Abbau ist. Könnten nicht unsere Nerven abgebaut werden — und natürlich zwischendurch auch wieder aufgebaut werden —, so könnten wir nicht das gewöhnliche Denken entwikkeln. Das eigentliche, vitale Leben, wenn es im Übermaß erscheint, ist ja im Grunde ein Betäuben des Denkens, wie es bei jedem Schlaf auftritt. Dasjenige Leben, das durchsetzt ist von Empfinden und Denken, das muß zu gleicher Zeit einen Abbauprozeß, ich möchte sagen einen differentialen Sterbeprozeß in sich tragen.
[ 50 ] So this is the second stage. Through it, we first come to recognize our Eternal Self as pre-existing. But this also gives us the opportunity to penetrate into that which not only lives in the external world, but which lives and feels—that which, in the living form of inner life, expresses itself in such a way that this inner life becomes present to itself in sensation. Only through this do we learn to recognize what lives as the animal realm in our surroundings. We supplement our understanding with what we can never attain through ordinary observation, as we have developed it in physics and chemistry. We come to observe what lives within the sentient being as a higher, supersensible reality. We now learn, through direct perception—not through philosophical hypotheses in the modern sense—to actually explore a new, higher world: the world of the spiritual-psychic within the sentient physical realm. In doing so, however, we move a step further away from agnosticism. Agnosticism is inevitable if we limit ourselves to studying only the chemical processes within the sentient living being. We must study these processes, and it is the great achievement of modern natural science that they can be studied; but in doing so, this natural science must become agnosticism. Agnosticism must find its complement in the fact that, precisely now, through free spiritual activity and inspiration, we experience that which must be added in order to attain the full reality of sentient life. Through this, however, we attain something else as well, of which I would like to give you an example. In this way, one comes to recognize that the process taking place, for example, in the human realm—and it is similar in the animal realm—is not merely an ascending process, but at the same time a descending one as well. It is only now, in fact, that one learns to look inwardly at oneself; by rising to this inspired insight, one comes to know more precisely what is actually taking place in ordinary consciousness. Above all, one learns to recognize that when the thought process of ordinary—not imaginative—consciousness is at work, one is not dealing with a process of building up, but with a process of breaking down; that, in essence, our nervous life is a life of breakdown. If our nerves could not be broken down—and, of course, rebuilt again from time to time—we would not be able to develop ordinary thinking. True, vital life, when it appears in excess, is essentially a numbing of thought, as occurs during every sleep. That life which is permeated by feeling and thought must simultaneously carry within itself a process of decay—I would say a differential process of dying.
[ 51 ] Diesen Abbauprozeß lernt man zunächst im gesunden Leben kennen, das heißt in dem Leben, wo er auftritt, damit das menschliche Denken im gewöhnlichen Sinne des Wortes überhaupt zustande kommen kann. Wenn man sich einmal die Natur dieser Prozesse angeeignet hat, dann lernt man auch das abnorme Auftreten dieser Prozesse kennen. Es gibt einfach gewisse Organe oder Organsysteme in dem menschlichen Organismus, in denen Parallelprozesse zum gewöhnlichen Denken verlaufen. Wenn sich aber die Abbauprozesse, die sonst die physischen Grundlagen des Denkens sind, sozusagen durch eine innerliche Infektion — das Wort ist nicht ganz im eigentlichem Sinne gebraucht —, wenn sich diese Abbauprozesse auf jene Organe ausdehnen, denen sie sonst nicht zugeordnet sind, dann entstehen in diesen Krankheitszustände.
[ 51 ] One first becomes acquainted with this process of breakdown in healthy life—that is, in the kind of life where it occurs so that human thinking, in the ordinary sense of the word, can take place at all. Once one has grasped the nature of these processes, one also comes to recognize their abnormal manifestations. There are simply certain organs or organ systems in the human organism in which processes run parallel to ordinary thinking. However, when the degradative processes—which otherwise form the physical basis of thinking—spread, so to speak, through an internal infection—the word is not used quite in the strict sense—when these degradative processes extend to those organs to which they are not normally associated, pathological conditions arise in them.
[ 52 ] Es ist durchaus notwendig, daß man die Pathologie so ausbildet, daß wir die Prozesse, die wir in der Physiologie erkennen, auch in der Pathologie wiederfinden. Das ist aber nur möglich, wenn wir einsehen können das Wesenhafte dieser Prozesse in unserer menschlichen Organisation; bei der tierischen Organisation ist es ähnlich, aber doch etwas anders — ich sage das noch einmal, damit ich nicht mißverstanden werde. Indem wir die Prozesse in unserem menschlichen Organismus so verfolgen, daß wir die eine Polarität als eine auf Abbau angeordnete Organisation erkennen und die andere Polarität als eine, die im gesunden Zustande von diesem Abbau nicht ergriffen werden kann, lernen wir dieses Aufbauende und dieses Abbauende durchschauen in inspirierter Erkenntnis.
[ 52 ] It is absolutely necessary to structure the study of pathology in such a way that the processes we recognize in physiology are also reflected in pathology. But this is only possible if we can understand the essential nature of these processes in our human organism; in the animal organism, it is similar, yet somewhat different—I say this again so that I am not misunderstood. By tracing the processes in our human organism in such a way that we recognize one polarity as an organization oriented toward breakdown and the other polarity as one that, in a healthy state, cannot be affected by this breakdown, we learn to see through this constructive and this destructive aspect with inspired insight.
[ 53 ] Lernen wir dieses durchschauen und können wir dann dieses Durchschauen unseres eigenen Organismus verbinden mit einem inspirierten Erkennen der äußeren Welt, der Prozesse im Pflanzenreich, lernen wir dieses Mineralreich und auch das tierische Reich durch inspirierte Erkenntnis durchschauen, dann lernen wir eine Verwandtschaft der menschlichen Innenprozesse mit der äußeren Welt erkennen, die noch intimer ist als jene, die schon auf der früheren Stufe der Menschheitsgeschichte vorhanden war. Ich habe gezeigt, wie auf dieser früheren Stufe der Mensch sich verwandt fühlte mit der äußeren Natur, indem er in alledem, was vegetabilisch in den verschiedensten Metamorphosen auftritt, etwas sah, was er im Seelischen, in seinem eigenen Leben zwischen Geburt und Tod wiederfand.
[ 53 ] If we learn to perceive this clearly and can then combine this insight into our own organism with an inspired understanding of the external world—the processes in the plant kingdom—and if we learn to perceive the mineral kingdom and the animal kingdom through inspired insight, then we will come to recognize a kinship between human inner processes and the external world that is even more intimate than that which already existed at an earlier stage of human history. I have shown how, at this earlier stage, human beings felt a kinship with external nature by seeing in everything that appears as plant life in its most varied metamorphoses something that they recognized in their own soul life, in their own existence between birth and death.
[ 54 ] Lernt er aber nun durch inspirierte Erkenntnis noch dasjenige schauen, was er war im präexistenten Leben, dann durchschaut er zugleich dasjenige in dem äußeren Reiche, was nicht nur in der Empfindung lebt, sondern was eine gewisse Relation, ein gewisses Verhältnis hat zu demjenigen, was da in der menschlichen Organisation, die auf die Empfindung, auf das Denken hin orientiert ist, lebt. Und man lernt erkennen die Zusammenhänge zwischen den Prozessen draußen und den Prozessen drinnen, auch die Zusammenhänge mit dem Empfindungsleben. Man lernt das erkennen, was beim Menschen hervorgebracht wird, wenn die Organe ergriffen werden vom Abbau, die eigentlich davon nicht ergriffen werden dürften, weil der Abbau in diesem Sinne eben nur die Grundlage für den Denk- und Empfindungsprozeß sein muß. Wenn gewissermaßen die organische Tätigkeit für das Denken und Empfinden Glieder des menschlichen Organismus ergreift, die nicht ergriffen werden sollen, dann entsteht dasjenige, was wir in der Pathologie erfassen müssen. Wenn wir aber mit der gleichgearteten Erkenntnis die äußere Welt erfassen, dann finden wir dasjenige, was durch die Therapie erfaßt werden muß. Dann finden wir den entsprechenden Prozeß der polarischen Gegenwirkung, den — ich möchte mich so ausdrücken — normalen Abbau im Inneren. Kurz, wir finden durch eine innere Anschauung den Zusammenhang zwischen Pathologie und Therapie, zwischen dem Krankheitsprozeß und dem Heilmittel. Dadurch kommen wir über den medizinischen Agnostizismus hinaus — nicht, indem wir die gegenwärtige Medizin negieren, sondern indem wir anerkennen, was sie sein kann —, und dadurch finden wir zu gleicher Zeit den Weg, um das als Ergänzung zu ihr hinzuzufügen, was sie durch sich selbst nicht finden kann.
[ 54 ] But if, through inspired insight, he now comes to see what he was in his pre-existing life, then he simultaneously perceives in the outer realm that which not only lives in sensation but also has a certain relationship, a certain connection, to that which lives within the human organism—an organism oriented toward sensation and thinking. And one learns to recognize the connections between the processes outside and the processes inside, as well as the connections with the life of sensation. One learns to recognize what is brought about in a human being when organs are affected by degeneration—organs that, strictly speaking, should not be affected by it, because degeneration, in this sense, must serve only as the foundation for the processes of thinking and sensation. When, so to speak, the organic activity required for thinking and feeling affects parts of the human organism that should not be affected, then what arises is what we must identify in pathology. But when we perceive the external world with the same kind of insight, we find what must be addressed through therapy. Then we find the corresponding process of polar counteraction, which—to put it this way—is normal internal decay. In short, through inner intuition we find the connection between pathology and therapy, between the disease process and the remedy. In this way, we move beyond medical agnosticism—not by negating modern medicine, but by recognizing what it can be—and thereby we simultaneously find the path to adding, as a complement to it, what it cannot find on its own.
[ 55 ] Wenn man nun glaubt, daß Anthroposophie auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft irgendeinen Dilettantismus ausbilden will, so muß ich sagen: Das ist nicht der Fall! Sie will bewußt die Fortsetzung dessen sein, was sie als Ergebnis der heutigen Wissenschaft voll anerkennt, aber sie will das durch höhere Erkenntnismethoden ergänzen. Sie will also über die ja im Grunde genommen von jedem, der auch praktisch tätig ist, schon empfundenen Mängel der bloß probierenden Therapie hinauskommen zu einer aus der Anschauung gewonnenen Therapie, die einen inneren, organischen Zusammenhang mit der Pathologie hat, die gewissermaßen nur die andere Seite der Pathologie ist. Gelingt es einem auf die geschilderte Weise, in der Pathologie einfach eine Fortsetzung der Physiologie zu finden, dann gelingt es einem auch — dadurch, daß man ja die Verwandtschaft des Menschen mit seiner natürlichen Umgebung kennenlernt —, die Pathologie wiederum auf eine ganz rationelle Weise in die Therapie hinein fortzusetzen, so daß diese beiden in der Zukunft nicht so nebeneinander zu stehen brauchen, wie sie heute nebeneinander stehen in einer mehr agnostisch gefärbten Wissenschaft.
[ 55 ] If one now believes that anthroposophy seeks to foster any kind of dilettantism in the most diverse fields of science, I must say: That is not the case! It consciously seeks to build upon what it fully acknowledges as the achievement of modern science, but it seeks to supplement this with higher methods of knowledge. It therefore seeks to move beyond the shortcomings of purely trial-and-error therapy—shortcomings that are, after all, already sensed by anyone engaged in practical work—toward a therapy derived from intuition that has an inner, organic connection with pathology, which is, in a sense, merely the other side of pathology. If one succeeds, in the manner described, in finding in pathology simply a continuation of physiology, then one also succeeds—by coming to understand the kinship between the human being and their natural environment— to extend pathology into therapy in a thoroughly rational manner, so that in the future these two need not stand side by side as they do today in a science tinged with agnosticism.
[ 56 ] Das sind nur Andeutungen, die ich in dem Sinne geben möchte, daß sie ein wenig zeigen könnten — ich weiß, wie unvollkommen man in einem solchen orientierenden Vortrage sein muß —, wie fern es der Anthroposophie liegt, sich in einer dilettantischen Weise in Opposition gegen die anerkannte Wissenschaft zu stellen, wie es ihr vielmehr gerade darauf ankommt, die letzte Konsequenz aus der agnostischen Form der Wissenschaft zu ziehen und dadurch gerade zu der Anschauung dessen zu kommen, was als Ergänzung hinzugefügt werden muß zu dieser Wissenschaft. Es wird das ja schon empfunden, und im Grunde genommen gibt es viele, insbesondere Angehörige der jüngeren Generation, die da fühlen lernen, daß die Wissenschaft, wie sie jetzt besteht, nicht genügt, die fühlen: Wir brauchen noch etwas anderes, denn sie genügt uns nicht. Gerade wenn wir es sonst ehrlich mit ihr meinen, dann müssen wir durch sie zu etwas anderem kommen. Und gerade für jene, die die Wissenschaft nicht bloß als Antwort, sondern in einem höheren Sinne als Frage kennenlernen, will Anthroposophie dasein — nicht um sie in einen Dilettantismus hineinzutreiben, sondern um gerade in der richtigen, exakten Weise von der Wissenschaft zu dem fortzuschreiten, was diese selber, wenn sie nur konsequent verfolgt wird, fordert.
[ 56 ] These are merely hints that I would like to offer in the sense that they might shed a little light—I know how incomplete one must be in such an introductory lecture— how far removed anthroposophy is from positioning itself in an amateurish manner in opposition to established science; rather, it is precisely its aim to draw the ultimate conclusion from the agnostic form of science and thereby arrive at an understanding of what must be added as a complement to this science. This is already being sensed, and fundamentally there are many—especially members of the younger generation—who are coming to feel that science, as it currently exists, is not enough; they feel: We need something else, for it does not satisfy us. Precisely when we are otherwise sincere in our approach to it, we must arrive at something else through it. And it is precisely for those who come to know science not merely as an answer, but in a higher sense as a question, that anthroposophy seeks to exist—not to drive them into dilettantism, but to progress, in the correct and precise manner, from science to that which science itself demands, if it is pursued consistently.
[ 57 ] Dann aber gibt es eine dritte höhere Stufe der Erkenntnis. Die wird dann erlangt, wenn wir die Übungen auf Willensübungen ausdehnen. Durch den Willen vollführen wir zunächst hauptsächlich das, was der Mensch in der Außenwelt tun kann. Wenn wir aber dieselbe Energie des Willens anwenden auf unsere eigenen inneren Vorgänge, dann entsteht auf der Grundlage der Imagination und Inspiration eine dritte Stufe der übersinnlichen Erkenntnis. Wenn wir ganz ehrlich mit uns sind, werden wir uns in jedem Augenblick unseres Lebens gestehen müssen: Wir sind heute etwas ganz anderes, als wir vor zehn oder zwanzig Jahren waren. Der Inhalt unserer Seele hat sich verändert, aber indem er sich verändert hat, waren wir eigentlich ganz passiv der Außenwelt hingegeben. Gerade in bezug auf unsere innere Umwandlung herrscht in uns eine gewisse Passivität.
[ 57 ] But there is also a third, higher level of insight. This is attained when we extend the exercises to include exercises of the will. Through the will, we initially perform mainly what a person can do in the external world. But when we apply that same energy of the will to our own inner processes, a third level of supersensory knowledge arises on the basis of imagination and inspiration. If we are completely honest with ourselves, we will have to admit at every moment of our lives: We are something entirely different today than we were ten or twenty years ago. The content of our soul has changed, but as it changed, we were actually quite passively surrendered to the external world. Precisely with regard to our inner transformation, a certain passivity prevails within us.
[ 58 ] Wenn wir aber diese Umwandlung selbst in die Hand nehmen, wenn wir es dazu bringen, dasjenige, was zum Beispiel in einer gewissen Beziehung in uns gewohnheitsmäßig ist, einmal radikal zu ändern — da, wo eine Änderung möglich erscheint —, wenn wir also innerlich uns gegen uns selbst so betragen, daß wir uns nach einer gewissen Richtung hin durch unseren eigenen Willen zu einem anderen Menschen machen, dann müssen wir unser inneres Erleben durch Jahre, oftmals durch Jahrzehnte aktiv verstärken, denn solche Willensübungen brauchen Zeit. Man nimmt sich vor: Du bildest eine gewisse Eigenschaft oder die Form einer Eigenschaft in dir aus. — Nach Monaten merkt man, wie wenig es einem gelingt, in dieser Weise das, was sonst der Leib aus einem macht, aus sich selbst zu machen. Aber wenn man sich immer mehr und mehr anstrengt, dann schaut man nicht nur seinen inneren, übersinnlichen Menschen an, sondern dann gelangt man dazu, diesen inneren Menschen gewissermaßen ganz durchsichtig zu machen. Ein Sinnesorgan wie unser Auge würde uns nicht als Sehorgan dienen können, wenn es nicht selbstlos — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — seine eigene Substantialität zurücknähme. Dadurch ist es durchsichtig, physisch durchsichtig. So werden wir durch Willensübungen sozusagen innerlich seelendurchsichtig.
[ 58 ] But if we take this transformation into our own hands, if we manage to radically change—for example—what has become habitual within us in a certain respect —where a change seems possible—, that is, if we behave inwardly toward ourselves in such a way that, through our own will, we transform ourselves in a certain direction into a different person, then we must actively strengthen our inner experience over years, often over decades, for such exercises of the will take time. One resolves: You will develop a certain quality—or the form of a quality—within yourself. — After months, one realizes how little one succeeds in making, in this way, what the body otherwise makes of one, out of oneself. But if one exerts oneself more and more, then one not only looks at one’s inner, supersensory being, but one also comes to make this inner being, so to speak, completely transparent. A sense organ like our eye could not serve as an organ of sight if it did not—if I may use the expression—selflessly withdraw its own substantiality. This is what makes it transparent, physically transparent. In this way, through exercises of the will, we become, so to speak, inwardly transparent in our soul.
[ 59 ] Ich habe jetzt nur einiges angedeutet. Sie finden das ganz ausführlich dargestellt in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Wir gelangen wirklich in einen Zustand, daß wir die Welt sehen, ohne daß wir selbst das Hindernis sind, voll in das Übersinnliche einzudringen. Denn eigentlich sind wir dadurch, daß wir im gewöhnlichen Bewußtsein immer in unserem Leibe leben, das Hindernis, in die übersinnliche Welt uns einzuleben, denn der Leib vermittelt uns nur das Irdische, nicht das Seelisch-Geistige. Wir schauen jetzt, indem wir von unserem Leibe absehen können, in eine Stufe der geistigen Welt hinein, durch die uns dasjenige erscheint vor dem geistigen Blicke, was aus unserer Seele wird, wenn sie einmal durch die Pforte des Todes durchgegangen ist. Wie wir durch die andere Art, die ich vorhin beschrieben habe, unser präexistentes Leben kennenlernen, so lernen wir jetzt unser Leben in dem Zustande nach dem Tode kennen. Wenn wir nun gelernt haben, den Organismus nicht mehr zu sehen, so lernen wir jetzt, indem er bildlich vor uns hintritt, denjenigen Vorgang kennen, in dem wir uns befinden, wenn wir diesen physischen Organismus ganz abwerfen und mit unserem geistig-seelischen Organismus in die geistig-seelische Welt hineingehen. Den Untergang unseres physischen Daseins, das Aufleben eines geistig-seelischen Daseins: Das erleben wir in der dritten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, in derjenigen Stufe, die ich die höhere intuitive Erkenntnis genannt habe.
[ 59 ] I have only touched on a few points here. You will find a very detailed account of this in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. We truly reach a state in which we see the world without ourselves being the obstacle to fully penetrating the supersensible realm. For in fact, because we always live within our physical body in ordinary consciousness, we are the obstacle to immersing ourselves in the supersensible world; for the body conveys to us only the earthly, not the soul-spiritual. Now, by being able to look beyond our body, we gaze into a level of the spiritual world through which what our soul becomes once it has passed through the gate of death appears before our spiritual gaze. Just as we come to know our pre-existent life through the other method I described earlier, so now we come to know our life in the state after death. Now that we have learned to no longer see the physical body, we come to understand—as it appears figuratively before us—the process in which we find ourselves when we completely shed this physical body and enter the spiritual-soul world with our spiritual-soul organism. The passing of our physical existence and the emergence of a spiritual-soul existence: this is what we experience in the third stage of supersensible knowledge, the stage I have called higher intuitive knowledge.
[ 60 ] Indem wir dieses Erleben haben, indem wir uns jetzt hineinversetzen können in eine geistige Welt, ohne durch unsere Subjektivität befangen zu sein, erlangen wir die Möglichkeit, diese geistige Welt erst in ihrer vollen Innerlichkeit zu erkennen. In der Inspiration ist sie noch so, wie sie in uns einströmt; jetzt aber, in der höheren Intuition, lernen wir sie in ihrer vollen Innerlichkeit kennen. Und jetzt blicken wir zurück auf dasjenige, was sich uns zuerst als eine Notwendigkeit ergeben hat: in die moralische Intuition. Diese moralische Intuition ist das einzige für das gewöhnliche Bewußtsein, das bei einer gehörigen Selbstbesinnung auf das reine Denken — ich habe das dargestellt in meiner «Philosophie der Freiheit» — aus der geistigen Welt heraus auftritt. Gehen wir aber jetzt durch Imagination und Inspiration durch, machen wir Übungen, die uns lehren, völlig abzusehen von uns, höchste Aktivität des Geistig-Seelischen zu entwickeln und dennoch nicht subjektiv, sondern objektiv zu sein, indem wir in der Objektivität selber drinnen leben, erringt man also dieses Drinnenstehen in der Objektivität, dann erst ist es möglich, Geisteswissenschaft zu treiben.
[ 60 ] By having this experience—by being able to immerse ourselves now in a spiritual world without being biased by our subjectivity—we gain the ability to recognize this spiritual world for the first time in its full inner reality. In inspiration, it is still as it flows into us; but now, in higher intuition, we come to know it in its full inner reality. And now let us look back at what first presented itself to us as a necessity: moral intuition. This moral intuition is the only aspect that, for ordinary consciousness, emerges from the spiritual world through proper self-reflection on pure thinking—as I have described in my Philosophy of Freedom. But if we now proceed through imagination and inspiration, if we perform exercises that teach us to completely set ourselves aside, to develop the highest activity of the spiritual-soul aspect, and yet to be objective rather than subjective by living within objectivity itself—that is, if we attain this standing within objectivity—only then is it possible to pursue spiritual science.
[ 61 ] Dann erst ist es möglich, auch das, was sich schon in der physischen Welt als Geistiges auslebt, zu schauen; dann erst gewinnt man ein wirkliches Verständnis für die Geschichte. Die Geschichte als ein Aneinanderreihen äußerer Tatsachen ist erst die Vorbereitung. Was als geistige Triebkräfte und Triebwesenheiten in dem Geschichtlichen lebt, durchschaut man erst durch die intuitive Erkenntnis. Und auf dieser Stufe intuitiver Erkenntnis durchschaut man in Wirklichkeit auch erst das, was unser eigenes Ichwesen ist. Unser eigenes Ichwesen erscheint uns zunächst als etwas, was wir nicht durchschauen. Wie ein dunkler Raum innerhalb einer Helligkeit uns so erscheint, daß wir die Helligkeit aus dem Dunkel heraus mit unserem Auge sehen, so schauen wir auf unsere Seele zurück, sehen ihre Gedanken, fühlen weitere innere Vorgänge, leben in unseren Willensimpulsen. Das eigentliche Ichwesen aber ist sozusagen wie ein dunkler Raum darin. Das wird jetzt erhellt. Wir lernen unser ewiges Wesen kennen. Damit aber lernen wir erst den Menschen so kennen, daß wir ihn auch als soziales Wesen voll durchschauen können. Jetzt stehen wir vor dem Punkte, wo die Ergänzung zum sozialen Agnostizismus auftritt.
[ 61 ] Only then is it possible to perceive even that which already manifests itself as spiritual in the physical world; only then does one gain a true understanding of history. History as a mere sequence of external facts is only the preparation. One can only penetrate what lives in historical events as spiritual driving forces and driving entities through intuitive insight. And it is only at this level of intuitive insight that one truly penetrates what our own “I” is. Our own “I” first appears to us as something we do not fully grasp. Just as a dark room within a bright space appears to us in such a way that we see the brightness from within the darkness with our eyes, so we look back upon our soul, see its thoughts, feel further inner processes, and live within our impulses of will. The true “I,” however, is, so to speak, like a dark room within it. This is now illuminated. We come to know our eternal being. But it is only through this that we come to know the human being in such a way that we can fully comprehend him or her as a social being as well. We now stand at the point where the complement to social agnosticism emerges.
[ 62 ] Hier beginnt die Sache ganz besonders ernst zu werden. Was ist sozialer Agnostizismus? Er entsteht dadurch, daß wir diejenige Beobachtung, die wir gelernt haben, mit Recht anzuwenden auf die äußeren, natürlichen Phänomene, daß wir diese uns angeschulte Beobachtung nun auch auf die sozialen Phänomene anwenden wollen. Da kommen dann die verschiedenen Kompromißtheorien in der Sozialwissenschaft und in der Soziologie herauf — überhaupt all die Theorien über die Auffassung des sozialen Lebens, die wir haben entstehen sehen. Da kommt dann dasjenige herauf, was in der Auffassung des sozialen Lebens naturwissenschaftlich ansetzt, was aber deshalb absehen muß von allem Erkennbaren, was sich dem Gedanken entfremdet und was nur im Instinktleben vorhanden ist. Das äußerste Extrem ist dann im Marxismus aufgetreten, der in alledem, was geistig ist, eine Ideologie sieht und der die Impulse des sozialen Lebens nur dann verwirklicht sehen will, wenn sich diese Impulse aus dem Instinktiven heraus entwickeln, das dem Agnostizismus angehört. Klassenbewußtsein ist eigentlich nichts anderes als die Summe dessen, was nicht in einer Erkenntnis des Menschen wurzelt, sondern was aus den Instinkten herauskommt — nur müssen es jene erkennen, die in bestimmten Lebensverhältnissen solche Instinkte entwickeln.
[ 62 ] This is where things start to get particularly serious. What is social agnosticism? It arises from the fact that we, having learned to apply our observations—rightly so—to external, natural phenomena, now wish to apply this trained mode of observation to social phenomena as well. This gives rise to the various compromise theories in the social sciences and in sociology—indeed, all the theories regarding our understanding of social life that we have seen emerge. This also gives rise to approaches that adopt a natural-scientific perspective on social life but must therefore disregard everything knowable, everything that is alien to thought, and everything that exists only in the realm of instinct. The ultimate extreme has thus emerged in Marxism, which views everything spiritual as an ideology and which believes that the impulses of social life are realized only when they develop from the instinctive realm, which belongs to agnosticism. Class consciousness is actually nothing other than the sum of what is not rooted in human cognition but arises from instincts—only those who develop such instincts under certain living conditions can recognize it.
[ 63 ] Wenn Sie mit unbefangenem Auge hinschauen auf unser soziales Leben, so werden Sie finden, daß wir gerade auf dem sozialen Gebiete zum Agnostizismus gekommen sind. So grotesk und paradox es dem heutigen Menschen noch erscheinen mag, auf diesem Gebiet der Geisteswissenschaft kommt man über diese Erkenntnisart, insofern sie agnostisch ist, nur hinaus, wenn man sich zur wirklich intuitiven Erkenntnis erhebt und damit zum Erleben des Menschenwesens. Wir Menschen gehen heute eigentlich aneinander vorbei. Wir beurteilen uns höchst äußerlich. Es treten soziale Forderungen auf, indem wir gerade die alten sozialen Instinkte am stärksten entwickeln. Aber eine innere, soziale Seelenstimmung wird nur dadurch kommen, daß uns die Intuitionen aus einer geistigen Welt lebensvoll durchdringen. Wir haben im agnostischen Zeitalter notwendigerweise dazu kommen müssen, alles Geistige mehr oder weniger nur in den Ideen zu sehen. Die Ideen, insofern sie im gewöhnlichen Bewußtsein sind, leben aber nicht. Der heutige Philosoph spricht uns von logischen Ideen, von ästhetischen Ideen, von ethischen Ideen. Sie alle können wir beobachten, sie alle können wir innerlich theoretisch erleben — sie haben aber keine Impulskraft für das Leben. Die Ideen bekommen erst Lebenswirklichkeit, indem sie sich aufringen zum intuitiven Erleben des Geistigen. Wir können nicht zu einer sozialen Erlösung und Befreiung kommen, und wir können auch unser Leben nicht mit einer uns angemessenen Religiosität durchdringen, wenn wir nicht zu einer intuitiven, lebensvollen Erfassung des Geistigen kommen.
[ 63 ] If you look at our social life with an unbiased eye, you will find that we have arrived at agnosticism precisely in the social sphere. As grotesque and paradoxical as it may still seem to people today, in this field of spiritual science one can only move beyond this type of knowledge—insofar as it is agnostic—by rising to truly intuitive knowledge and thereby to the experience of the human being. We humans today are actually passing each other by. We judge one another in a highly superficial way. Social demands arise precisely because we are developing our old social instincts most strongly. But an inner, social spiritual disposition will come about only when intuitions from a spiritual world permeate us with life. In this agnostic age, we have necessarily come to view everything spiritual more or less solely in terms of ideas. But ideas, insofar as they exist in ordinary consciousness, are not alive. Today’s philosophers speak to us of logical ideas, aesthetic ideas, and ethical ideas. We can observe them all; we can experience them all inwardly in a theoretical sense—but they lack the power to inspire life. Ideas only acquire a reality of life when they rise to the level of an intuitive experience of the spiritual. We cannot achieve social redemption and liberation, nor can we imbue our lives with a religiosity appropriate to us, unless we arrive at an intuitive, life-filled grasp of the spiritual.
[ 64 ] Diese lebensvolle Erfassung des Geistigen wird sich wesentlich unterscheiden von dem, was wir heute geistiges Leben nennen. Geistiges Leben nennen wir heute eigentlich das ideelle Leben, anders gesagt das Leben in abstrakten Ideen, die keine Impulse sind. Was uns aber die Intuition liefert, wird uns als Menschheit wieder den lebendigen Geist geben, der mit uns lebt. Wir haben ja nur noch die Gedanken, die deshalb, weil sie bloß Gedanken sind, den Geist ganz verloren haben. Wir haben die Gedanken als Abstraktionen. Wir müssen uns wieder erringen das Leben der Gedanken. Das Leben der Gedanken aber ist der Geist, der unter uns lebt — und nicht der Geist, von dem wir bloß wissen. Ein soziales Leben werden wir nur entwickeln, wenn wiederum Geist in uns lebt, wenn wir nicht versuchen, aus dem Geistlosen heraus die Gesellschaft zu gestalten — aus dem heraus, was im sozialen Agnostizismus lebt —, sondern wenn wir sie gestalten aus jener Gesinnung, die durch Intuition versteht, den lebendigen Geist zu erringen.
[ 64 ] This vibrant grasp of the spiritual will differ fundamentally from what we today call spiritual life. Today, we actually call “spiritual life” the life of ideas—in other words, life in abstract ideas that are not impulses. But what intuition provides us with will restore to us, as humanity, the living spirit that lives within us. After all, we now have only thoughts that, precisely because they are merely thoughts, have completely lost the spirit. We have thoughts as abstractions. We must reclaim the life of thoughts. But the life of thoughts is the spirit that lives among us—and not the spirit of which we merely know. We will develop a social life only if the spirit lives within us once more, if we do not attempt to shape society out of the spiritless—out of that which lives in social agnosticism—but rather if we shape it out of that mindset which, through intuition, understands how to reclaim the living spirit.
[ 65 ] Wir mögen heute auf frühere Zeitalter zurückschauen — gewiß, wir haben sie überwunden, und gerade wer auf anthroposophischem Boden steht, wird sie am wenigsten in ihrer alten Form zurückwünschen. Was aber diese früheren Zeitalter gehabt haben trotz aller Fehler, die wir heute leicht kritisieren können, das ist, daß sie in gewissen Epochen den lebendigen Geist — nicht bloß den Gedankengeist — unter die Menschen gebracht haben. Dadurch konnte sich das, was als Erkenntnisgrundlage da war, ausdehnen zur künstlerischen Erfassung der Welt, zur religiösen Durchdringung des eigentlichen Inneren, zur sozialen Gestaltung der Welt. Neue soziale Gestaltung der Welt, neues religiöses Leben, neue künstlerische Werke auf der Grundlage der Erkenntnis, auf der sie im Grunde genommen immer gestanden haben, werden wir erst erringen, wenn wir uns wiederum eine lebendige Erkenntnis erringen, so daß nicht nur die Gedanken aus dem Geist, sondern der Geist selber in der Menschheit lebt. Diesen lebendigen Geist, den möchte die Anthroposophie suchen. Die Anthroposophie will nicht eine Theorie oder eine theoretische Weltanschauung sein; Anthroposophie will dasjenige sein, was im Leben des Menschen den Geist in seiner Lebendigkeit rege machen kann, was den Menschen nicht bloß mit Wissen vom Geist, sondern mit dem Geiste selbst durchdringen kann.
[ 65 ] We may look back today on earlier ages—certainly, we have moved beyond them, and it is precisely those who stand on anthroposophical ground who are least likely to wish for their return in their old form. But what these earlier ages had, despite all the faults we can so easily criticize today, is that in certain epochs they brought the living spirit—not merely the spirit of thought—among human beings. Through this, what existed as a foundation of knowledge was able to expand into an artistic grasp of the world, into a religious penetration of the innermost self, and into the social shaping of the world. We will only achieve a new social shaping of the world, a new religious life, and new artistic works—based on the knowledge upon which they have, in essence, always been founded—when we once again attain a living knowledge, so that not only thoughts from the spirit, but the spirit itself lives within humanity. It is this living spirit that anthroposophy seeks. Anthroposophy does not seek to be a theory or a theoretical worldview; anthroposophy seeks to be that which, in human life, can awaken the Spirit in its liveliness—that which can permeate human beings not merely with knowledge of the Spirit, but with the Spirit itself.
[ 66 ] Dadurch werden wir hinausgelangen über das Zeitalter, das den Phänomenalismus bis zur höchsten Blüte gebracht hat. Gewiß, man kann nur wünschen, daß er in dieser Weise fortblüht, man kann nur wünschen, daß die naturwissenschaftliche Denkungsart in der Gewissenhaftigkeit, in der sie sich eingebürgert hat, weiter fortgedeiht. Aber es darf auch das Leben des Geistes nicht bloß dadurch vorhanden sein, daß es nur in den alten Traditionen weiterlebt. Im Grunde genommen sind alle Erlebnisse des Geistigen auf Traditionen aufgebaut, auf das, was sich eine frühere Menschheit an Geistigem errungen hat.
[ 66 ] This will enable us to move beyond the era that brought phenomenalism to its highest flowering. Certainly, one can only hope that it will continue to flourish in this way; one can only hope that the scientific way of thinking will continue to thrive with the conscientiousness with which it has become established. But the life of the spirit must not exist merely by continuing to live on in the old traditions. Fundamentally, all spiritual experiences are built upon traditions—upon the spiritual achievements of earlier generations.
[ 67 ] Im Grunde genommen ist auch unsere heutige Kunst auf Traditionen aufgebaut, auf der Grundlage desjenigen, was sich eine frühere Menschheit errungen hat. Heute kommt man nicht zu neuen Baustilen, wenn man nicht das Bewußtsein selber umbildet, denn sonst werden wir in Renaissance-, in Gotik-, in antiken Stilformen weiterbauen. Wir kommen nicht zur schöpferischen Produktion. Zur schöpferischen Produktion kommen wir, wenn wir die Erkenntnis selber erst innerlich verlebendigen, so daß wir nicht bloß Begriffe, sondern innerliches Leben gestalten, das uns erfüllt und das die Brücke bilden kann zwischen dem, was wir in Gedanken ergreifen, und dem, was wir im vollen Leben schaffen müssen. Produktive Menschen müssen wir werden dadurch, daß wir vor allen Dingen eine lebendige Erkenntnis als die Grundlage des Lebens suchen.
[ 67 ] Essentially, our art today is also built upon traditions, founded on what earlier generations of humanity have achieved. Today, we cannot arrive at new architectural styles unless we transform our very consciousness; otherwise, we will continue to build in Renaissance, Gothic, and classical styles. We will not achieve creative production. We arrive at creative production when we first bring knowledge itself to life within us, so that we shape not merely concepts but an inner life that fills us and can form a bridge between what we grasp in thought and what we must create in the fullness of life. We must become productive human beings by seeking, above all else, living knowledge as the foundation of life.
[ 68 ] Dies, meine sehr verehrten Anwesenden, meine sehr verehrten Kommilitonen, möchte die Anthroposophie. Leben möchte sie bringen in die menschliche Seele, in den menschlichen Geist — nicht eine ihr oftmals nachgesagte Opposition gegen das sein, was gerade sie als vollberechtigt im modernen Wissenschaftsgeist anerkennt. Fortführen möchte sie diesen Wissenschaftsgeist, damit er aus dem Äußerlichen, Materiellen, Naturalistischen in das Geistig-Seelische hineindringen kann. Und gerade wer in dieser Weise heute die Menschenbedürfnisse durchschauen kann, ist überzeugt, daß in zahlreichen Menschen der Gegenwart bereits der innere, unbewußte Drang nach einer solchen Fortführung des Wissenschaftsgeistes der Gegenwart besteht. Nur das bewußt ausgestalten, was in vielen als ein dunkler Drang lebt — das möchte die Anthroposophie. Und nur derjenige wird sie im richtigen Lichte und in ihrem Verhältnis zur Wissenschaft schauen, der sie in ihrem wahrem Lichte, nicht in den Entstellungen kennenlernt, die man in der heutigen Zeit zum Teil von ihr entwirft.
[ 68 ] This, my esteemed audience, my esteemed fellow students, is what anthroposophy seeks to do. It seeks to bring life into the human soul, into the human spirit—not to be, as is often claimed, in opposition to what it itself recognizes as fully legitimate within the modern scientific spirit. It seeks to carry this scientific spirit forward so that it may penetrate from the external, material, and naturalistic realm into the spiritual and soul realm. And precisely those who can perceive human needs in this way today are convinced that in many people of the present there already exists an inner, unconscious urge for such a continuation of the contemporary scientific spirit. Anthroposophy seeks only to consciously shape what lives as a vague impulse within many people. And only those who come to know it in its true light—not in the distorted images that are sometimes projected onto it today—will be able to see it in the right light and in its relationship to science.
Aussprache
Pronunciation
[ 69 ] Walter Birkigt, Vorsitzender: Ich danke Herrn Dr. Steiner für den Vortrag, den er hier gehalten hat, und ich möchte jetzt darauf hinweisen, daß in die Diskussion eingetreten werden soll. Wortmeldungen und Anfragen wollen bitte hier schriftlich abgegeben werden.
[ 69 ] Walter Birkigt, Chair: I would like to thank Dr. Steiner for the presentation he gave here, and I would now like to note that we will now open the floor for discussion. Please submit requests to speak and questions in writing.
[ 70 ] Dr. Dobrina: Verehrte Anwesende! Nach einem so gewaltigen Bilde, was von der gegenwärtigen und von der vergangenen Geistesgeschichte der Menschheit vorgeführt worden ist, ist es nicht leicht, in kurzen Worten ein scharfes Resümee zu geben. Aber ich meine, ehe man zu einer Kritik übergeht, muß man erst einmal das Tiefsinnige der ganzen Ausführungen würdigen. Würdigen muß man und zugeben muß man, daß eine Synthese gesucht wird aus der Naturwissenschaft mit ihren exakten Gedankengängen und der Geisteswissenschaft mit ihren zum Teil antiquierten Formen.
[ 70 ] Dr. Dobrina: Distinguished guests! After such a powerful presentation of the present and past intellectual history of humanity, it is not easy to offer a concise summary in just a few words. But I believe that before moving on to a critique, one must first appreciate the profundity of the entire presentation. One must appreciate and acknowledge that a synthesis is being sought between the natural sciences, with their precise lines of reasoning, and the spiritual sciences, with their forms that are, in part, antiquated.
[ 71 ] Die Naturwissenschaft hat es tatsächlich in den letzten Jahrhunderten verstanden, sich auf den Thron zu erheben und selbst die Philosophie zum Teil als antiquiert vom Throne herunterzustoßen. Nun suchen aber diejenigen, die sich nicht zufrieden geben können mit der so gestürzten und entgötterten Philosophie, wieder einen Anstoß, um die Philosophie zurückzutragen auf das alte Podium, auf dem sie in Griechenland gestanden hat. Und ich glaube, daß die Anthroposophie, wie sie Dr. Rudolf Steiner vor uns entwickelt hat, ein Versuch ist, die Synthese so zu gestalten, daß er zwar erst in den Vorstufen die Naturwissenschaft anerkennt und sich Mühe gibt, nichts gegen ihre Exaktheit einzuwenden, um aber dann über sie hinaus in das übersinnliche Gebiet einzudringen. Was nun der Schritt in die übersinnlichen Welten ist, scheint mir allerdings auf einer sehr schwachen Grundlage zu stehen, um so mehr, als Dr. Rudolf Steiner mit Begriffen arbeitet wie Präexistenz. Wer mehr Zeit hätte, könnte schärfer daraufhin fragen, was er sich unter dieser Präexistenz denkt oder was er über das «post mortem»-Leben, über das Leben nach dem Tode zu verzapfen hätte.
[ 71 ] Over the past few centuries, the natural sciences have indeed managed to ascend to the throne and, to some extent, to dethrone philosophy itself as antiquated. Now, however, those who cannot be satisfied with philosophy thus dethroned and stripped of its divine status are once again seeking an impetus to restore philosophy to the ancient pedestal on which it stood in Greece. And I believe that anthroposophy, as Dr. Rudolf Steiner has developed it for us, is an attempt to shape this synthesis in such a way that, while it acknowledges natural science only in its preliminary stages and takes care not to object to its precision, it then goes beyond it to penetrate the supersensible realm. However, the step into the supersensible worlds seems to me to rest on a very weak foundation, all the more so because Dr. Rudolf Steiner works with concepts such as pre-existence. Anyone with more time could probe more closely into what he means by this pre-existence or what he has to say about “post mortem” life—that is, life after death.
[ 72 ] Beifall
[ 72 ] Applause
[ 73 ] Jedenfalls glaube ich, daß wir von diesem Standpunkte aus sofort mit ihm eine scharfe Diskussion beginnen können und müssen, und da wird sich wohl zeigen, daß im Grunde genommen die ganze Begriffsbildung Dr. Rudolf Steiners in zwei ganz getrennte Gebiete zerfällt. Einmal gibt er sich Mühe, sich in die Therapie hineinzustürzen und das Griechentum gerade unter dem Gesichtspunkte therapeutischer Analyse zu betrachten, auf der anderen Seite arbeitet er mit Begriffen, die aus dem alten Rüstzeug der Theosophie herkommen und die sehr stark an antiquierte Formen des geistigen Lebens erinnern.
[ 73 ] In any case, I believe that from this standpoint we can and must immediately engage in a vigorous discussion with him, and it will likely become apparent that, fundamentally, Dr. Rudolf Steiner’s entire conceptual framework breaks down into two entirely separate areas. On the one hand, he strives to immerse himself in therapy and to view Greek culture specifically from the perspective of therapeutic analysis; on the other hand, he works with concepts that stem from the old tools of theosophy and are strongly reminiscent of antiquated forms of spiritual life.
[ 74 ] Beifall
[ 74 ] Applause
[ 75 ] Aus diesem Grunde möchte ich in aller Kürze sagen, daß mir das ganze Bild, das Dr. Rudolf Steiner sowohl hier wie in dem vorigen öffentlichen Vortrag entwickelt hat, recht unzulänglich erscheint und daß man auf dieser Basis tatsächlich zu keiner Kritik des modernen Lebens und auch nicht der modernen Wirtschaftskämpfe, auch nicht der Stellungnahme, die heutzutage eingenommen wird gegen die in Verfall geratenen geistigen Mächte, gelangen kann.
[ 75 ] For this reason, I would like to say very briefly that the entire picture Dr. Rudolf Steiner has presented, both here and in his previous public lecture, seems to me quite inadequate, and that on this basis one cannot in fact arrive at any critique of modern life, nor of modern economic struggles, nor even of the stance taken today against the spiritual powers that have fallen into decay.
[ 76 ] Beifall
[ 76 ] Applause
[ 77 ] Vielleicht hat Dr. Rudolf Steiner die Freundlichkeit, auf
[ 77 ] Perhaps Dr. Rudolf Steiner would be kind enough to
[ 78 ] das in Kürze zu antworten.
[ 78 ] to reply shortly.
[ 79 ] Walter Birkigt: Wird die Ausführung von der Versammlung als Frage aufgefaßt, daß Herr Dr. Steiner gleich darauf antworten soll? So würde ich Herrn Dr. Steiner bitten, darauf zu antworten.
[ 79 ] Walter Birkigt: Does the assembly consider this statement to be a question to which Dr. Steiner should respond immediately? If so, I would ask Dr. Steiner to respond.
[ 80 ] Beifall
[ 80 ] Applause
[ 81 ] Rudolf Steiner: Nun, sehr verehrte Anwesende, ich habe in meinem Vortrage ja gesagt, daß er ein orientierender sein soll. Und ich sagte, ein orientierender Vortrag stehe vor der Schwierigkeit, gewisse Dinge, die weiterer Ausführungen bedürften, nur andeuten zu können, so daß dadurch selbstverständlich eine ganze Flut von unbefriedigenden Dingen in der Seele der Zuhörer entstehen, die natürlich auch im ersten Vortrage nicht weggeräumt werden können. Es handelt sich bei den — ich kann nicht sagen Einwendungen, sondern — Ausführungen des verehrten Vorredners darum, daß er gefunden hat, ich hätte Worte gebraucht, die er für alte Begriffe hält.
[ 81 ] Rudolf Steiner: Well, ladies and gentlemen, as I said in my lecture, it is intended to be an introductory one. And I said that a lecture intended to provide orientation faces the difficulty of being able only to hint at certain things that would require further elaboration, so that, naturally, a whole flood of unsatisfactory thoughts arises in the souls of the listeners—thoughts that, of course, cannot be dispelled in the first lecture. The issue with the—I cannot call them objections, but rather—remarks of the esteemed speaker who spoke before me is that he felt I had used words that he considers to be outdated terms.
[ 82 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, alle unsere Worte können wir — selbst die allergewöhnlichsten — unter diese Kategorie schieben. Wir müssen ja, wenn wir uns ausdrücken, aussprechen wollen, Worte gebrauchen. Wenn Sie natürlich versuchen würden zu sehen, was ja heute schon in der mir selbst oftmals ungeheuerlich erscheinenden Literatur der Gegenwart zur Verfügung steht — ich meine ungeheuerlich in bezug auf ihre Fülle —, wenn man das alles lesen sollte, was zum Beispiel von mir selber geschrieben ist, ...
[ 82 ] Well, ladies and gentlemen, we can place all of our words—even the most ordinary ones—into this category. After all, when we want to express ourselves, to speak, we must use words. If, of course, you were to try to take in what is already available today in contemporary literature—which often strikes even me as immense—I mean immense in terms of its sheer volume—if one were to read everything that has been written, for example, by myself...
[ 83 ] Heiterkeit
[ 83 ] Cheerfulness
[ 84 ] ... wenn man dieser Fülle gegenübersteht, so ist es ganz selbstverständlich, daß in einem ersten, orientierenden Vortrage auf manches nur hingewiesen werden kann. Fassen wir also das, was der verehrte Herr Vorredner eben gesagt hat, etwas genauer ins Auge. Er sagte, Präexistenz erinnere ihn an alte Begriffe. Nun aber, er ist ja nur dadurch an alte Begriffe erinnert worden, daß ich Worte gebraucht habe, die früher auch schon da waren. Natürlich, wenn ich davon spreche, daß man dadurch, daß man die imaginative Erkenntnis, die ich ja charakterisiert habe, zu einer inspirierten Erkenntnis erhebt, die ich auch charakterisiert habe, so komme ich zu der Anschauung der Präexistenz. Wenn ich nur schildere, daß man so zur Anschauung des präexistenten Lebens kommt, dann kommt es ja auf den Ausdruck «Präexistenz» gar nicht an, sondern es kommt nur darauf an, daß ich schildere, wie ein exaktes Üben stattfindet, um zu der Anschauung dessen zu kommen, was vom Menschen da war, bevor sich dieses Menschenwesen — wenn ich mich so ausdrükken darf— mit einem physischen Leibe, mit dem, was sich im Leibe der Mutter durch die Konzeption vorbereitet, verbindet. Also, ich habe das Wort Präexistenz nur gebraucht, um auf etwas hinzudeuten, worauf man erst schauen kann, wenn eine übersinnliche Erkenntnis auf die Art, wie ich es geschildert habe, zustande gekommen ist. Man findet in der Gnosis eine gewisse Gesinnung gegenüber der Erkenntnis. Gnosis als solche hat nichts zu tun mit dem, was heute die Anthroposophie will, aber diese Erkenntnisgesinnung, wie sie in der alten Gnosis vorhanden war und die darauf ausgeht, das Übersinnliche wieder zu erkennen, die lebt in unserem Zeitalter — im nachgalileischen, im nachkopernikanischen Zeitalter — eben in einer anderen Form wieder auf.
[ 84 ] ... when faced with such a wealth of material, it goes without saying that in an introductory lecture like this, one can only touch on certain points. So let us take a closer look at what the esteemed speaker just said. He said that preexistence reminded him of old concepts. But the fact is, he was only reminded of old concepts because I used words that had been in use before. Of course, when I speak of how, by elevating the imaginative knowledge—which I have, after all, characterized—to an inspired knowledge—which I have also characterized—I arrive at the concept of pre-existence. If I merely describe how one thus arrives at the concept of pre-existent life, then the term “pre-existence” at all; what matters is simply that I describe how a precise practice takes place in order to arrive at the perception of what was present in the human being before this human being—if I may put it that way—unites with a physical body, with what is being prepared in the mother’s body through conception. So, I have used the word “pre-existence” only to point to something that one can perceive only once a supersensible insight has been attained in the manner I have described. In Gnosticism, one finds a certain attitude toward knowledge. Gnosticism as such has nothing to do with what anthroposophy seeks today, but this attitude toward knowledge—as it existed in ancient Gnosticism and which aims to recognize the supersensible once again—lives on in our age—the post-Galilean, post-Copernican age—in a different form.
[ 85 ] Und nun will ich Ihnen genauer schildern, was sich noch anschließen müßte — in ein paar Sätzen will ich es schildern. Sehen Sie, wenn wir von einer Erkenntnis, die auf der Grundlage der Methoden angestrebt wird, von denen ich gesprochen habe, wenn wir von dieser Erkenntnisart hinschauen zu einer älteren, von ihr sehr verschiedenen, so kommen wir zu einer orientalischen Erkenntnisform, die in Wirklichkeit «theosophisch» genannt werden könnte. Erst nachdem sich diese in älteren Zeiten entwickelt hatte, konnte aus einer Theosophie eine Philosophie entstehen und dann erst aus einer Philosophie eine Anthroposophie. Natürlich, wenn man die Begriffe so nimmt, daß man sie nur in ihrer Abstraktheit festhält, nicht in dem, worauf es ankommt, dann wird man alles durcheinanderwerfen, und das Neue wird einem nur als eine Aufwärmung des Alten erscheinen. Diese Theosophie wurde errungen durch ganz andere Erkenntnismethoden als jene, die ich geschildert habe.
[ 85 ] And now I would like to describe to you in more detail what should follow—I will describe it in a few sentences. You see, when we look from a form of knowledge sought on the basis of the methods I have spoken of—when we look from this form of knowledge toward an older one that is very different from it—we arrive at an Eastern form of knowledge that could in reality be called “theosophical.” Only after this had developed in earlier times could a philosophy arise from theosophy, and only then could anthroposophy arise from philosophy. Of course, if one takes these terms in such a way that one grasps them only in their abstractness, rather than in what really matters, then one will confuse everything, and the new will appear to one merely as a rehash of the old. This theosophy was attained through methods of knowledge entirely different from those I have described.
[ 86 ] Was war das Wesentliche dieser Erkenntnismethode? Ich meine jetzt nicht alles, sondern eben nur eine bestimmte Phase derselben. Da ist zum Beispiel der altindische Yogaprozeß, der wahrhaftig keine Aufwärmung in der Anthroposophie erfahren soll. Das können wir erfahren dadurch, daß das, was ich schildere, zunächst diesem Yogaprozeß sehr ähnlich zu sein scheint, nicht wahr. Wenn man das aber nicht selbst erst hineinlegt, so werden sie nicht finden, daß das, was ich schildere, dem Yogaprozeß ähnlich ist. Dieser bestand darin, daß auf einer Stufe der Menschheitsentwicklung, in der das ganze menschliche Leben weniger differenziert war als heute, empfunden wurde, wie der rhythmische Atmungsprozeß in einem Zusammenhange war mit dem Denkprozeß. Heute schauen wir die Sache physiologisch an. Heute wissen wir: Indem wir atmen, indem wir einatmen, drücken wir zu gleicher Zeit durch den Rückenmarkskanal die Atemkraft, also wir drücken die Atemluft in das Gehirn hinein. Im Gehirn setztsich in metamorphosierter Weise der Atmungsprozeß fort, so daß wir — physiologisch aufgefaßt — eine Synthese des Atmungsprozesses und des Denkprozesses haben.
[ 86 ] What was the essence of this method of knowledge? I am not referring to everything here, but only to a specific phase of it. Take, for example, the ancient Indian yoga process, which is certainly not meant to be a mere warm-up for anthroposophy. We can see this because what I am describing seems, at first glance, to be very similar to this yoga process, doesn’t it? But unless you bring that perspective to it yourself, you will not find that what I am describing is similar to the yoga process. This process consisted in the fact that, at a stage of human development when human life as a whole was less differentiated than it is today, people sensed how the rhythmic breathing process was connected to the thought process. Today we look at the matter from a physiological perspective. Today we know: As we breathe, as we inhale, we simultaneously push the respiratory force through the spinal canal—that is, we push the inhaled air into the brain. In the brain, the respiratory process continues in a metamorphosed form, so that—from a physiological perspective—we have a synthesis of the respiratory process and the thought process.
[ 87 ] Auf diesem Vorgang fußte das Yoga, das das gewöhnliche Atmen zu einem anders geregelten Atmen umbildete. Durch den veränderten Atmungsprozeß — also durch einen mehr leiblichen Prozeß — wurde das Denken umgestellt. Es wurde zu dem gemacht, was eine gewisse Anschauung im alten, instinktiven Sinne ergab. Heute leben wir in einer differenzierten menschlichen Organisation, heute müssen wir direkt auf den Denkprozeß losgehen, heute kommen wir dadurch aber auch zu etwas ganz anderem. Wenn Sie also auf das Konkrete eingehen, dann werden Sie jede einzelne Phase des Erkennens, wie sie nacheinander in der Menschheitsentwicklung aufgetreten ist, klar definieren können. Und dann werden Sie gar nicht mehr darauf kommen, daß das, was jetzt mit der Anthroposophie da ist als die für die Gegenwart geeignete Form, höhere Erkenntnisse zu erlangen, irgendwie zusammengeworfen werden kann mit dem, was in älteren Zeiten da war. So können wir natürlich nicht über das, worüber ich gar nicht gesprochen habe, diskutieren — auf Grundlage dessen, was ich Ihnen in einem orientierenden Vortrage gesagt habe. Ich müßte selbstverständlich nun weiter fortfahren, wie das präexistente Leben ist. Ich habe nichts anderes sagen können in meinem orientierenden Vortrage, als daß durch die geschilderten Vorgänge, die in der Tat verschieden sind von dem, was in der Geschichte jemals an innerer Entwicklung hervorgetreten ist, die Erkenntnis des präexistenten Lebens erreicht wird.
[ 87 ] Yoga was based on this process, which transformed ordinary breathing into a differently regulated form of breathing. Through the altered breathing process—that is, through a more physical process—thinking was transformed. It was shaped into what a certain worldview, in the old, instinctive sense, produced. Today we live in a differentiated human organization; today we must tackle the thought process directly; but today, as a result, we also arrive at something entirely different. So if you examine the concrete details, you will be able to clearly define every single phase of cognition as it has occurred successively in human evolution. And then you will no longer even think that what now exists in anthroposophy—as the form suitable for the present time for attaining higher knowledge—can in any way be lumped together with what existed in earlier times. Of course, we cannot discuss what I have not even spoken about—based on what I have told you in this introductory lecture. I would, of course, have to continue now by explaining what pre-existent life is like. In my introductory lecture, I could say nothing other than that the knowledge of pre-existent life is attained through the processes I have described, which are in fact distinct from whatever has ever emerged in history as inner development.
[ 88 ] Und nun möchte ich wirklich fragen, welche Berechtigung zur Kritik vorliegt, wenn ich das Wort Präexistenz gebrauche in dem Sinne, in dem es jeder verstehen kann. Es bedeutet nichts anderes als das, was es durch den Wortlaut sagt. Wenn ich Existenz auffasse als das, was durch die Sinne erlebt wird, und dann von Präexistenz spreche, so ist es eben die Existenz im geistig-seelischen Leben vor der sinnlichen Existenz. Damit ist nicht auf irgendeine alte Theosophie hingedeutet, sondern es ist ein Wort gebraucht, das weiter ausgeführt werden müßte, wenn man über einen orientierenden Vortrag hinausgeht. So werden Sie finden, wenn Sie wirklich das, was Theosophie genannt werden darf und was ich geschildert habe in meinem Buche, das ich auch mit «Theosophie» überschrieben habe —, wenn Sie das also nehmen, was Theosophie genannt werden darf, so führt das zurück in seinen Anfängen auf alte Formen — geradeso wie unsere Chemie zurückführt in die Alchimie.
[ 88 ] And now I would really like to ask: What grounds for criticism exist if I use the word “pre-existence” in the sense that everyone can understand? It means nothing other than what the wording itself conveys. If I understand “existence” as that which is experienced through the senses, and then speak of “pre-existence,” it simply refers to existence in the spiritual-soul life prior to sensory existence. This is not a reference to some ancient form of theosophy, but rather the use of a term that would need to be elaborated upon if one were to go beyond an introductory lecture. Thus, you will find that if you truly take what may be called theosophy—and what I have described in my book, which I have also titled Theosophy—if, that is, you take what may be called theosophy, it leads back in its origins to ancient forms—just as our chemistry leads back to alchemy.
[ 89 ] Aber das, was heute als Erkenntnisprozeß von mir geschildert wurde, ist durchaus nicht ähnlich irgendeinem Erkenntnisprozeß der alten Zeit. Es ist also durchaus nicht möglich, das, was sich anschließen wird an meinen heutigen Vortrag und was heute noch nicht gesagt worden ist, zum Gegenstande einer Diskussion zu machen, indem man sagt: Ja, Präexistenz, das führt zurück in altes Rüstzeug. — Es führt ja, wenn Sie es verfolgt haben, gar nicht zurück in altes Rüstzeug, aber es setzt gewisse Erkenntnisgesinnungen fort, die damals vorhanden waren, als das alte Rüstzeug gebraucht wurde, und die heute nur noch in ihren Resten vorhanden sind und als Glaubensvorstellungen hereinragen in unsere Gegenwart, während man sie früher in Erkenntnisprozessen erreichte. Nun müssen wir wiederum, und zwar durch Erkenntnisprozesse, die jetzt so organisiert sind wie unser naturwissenschaftliches Erkennen, zu Anschauungen kommen, die den ganzen Menschen erfüllen können, nicht bloß den intellektualistisch orientierten.
[ 89 ] But what I have described today as a process of cognition is by no means similar to any process of cognition from ancient times. It is therefore by no means possible to make what will follow my lecture today—and what has not yet been said—the subject of a discussion by saying: “Yes, pre-existence—that takes us back to the old framework.” —As you have seen, it does not at all take us back to the old framework, but it does carry forward certain attitudes toward knowledge that existed back when the old framework was in use, and which today exist only in their remnants and intrude into our present as matters of faith, whereas in the past they were attained through processes of knowledge. Now we must once again—through processes of knowledge organized in the same way as our scientific inquiry—arrive at insights that can fill the whole human being, not merely the intellectually oriented one.
[ 90 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man auf irgendeine Weise kritisieren will, so muß man das kritisieren, was unmittelbar gesagt worden ist, nicht das, wovon im Vortrage nicht gesprochen werden konnte und von dem man dann sagt, es sei nicht begründet oder dergleichen. Wie kann irgend etwas nicht begründet sein, was nur einfache Schilderung ist? Ich habe ja— das mache ich gerade in den einleitenden Vorträgen — nichts anderes getan als geschildert. Nur derjenige, der wüßte, was dann vorgeht, wenn man diese Dinge wirklich vornimmt, könnte sagen, etwas sei nicht begründet. Wenn man diese Dinge wirklich vornimmt, das heißt, wenn man nicht mehr bloß von außen über diese Dinge spricht, dann wird man sehen, daß sie viel tiefer begründet sind als irgendeine mathematische Wissenschaft, denn sie gehen viel näher an das Seelische heran als die mathematischen Prozesse. Und so ist gerade eine solche Kritik eine außerordentlich äußerliche. Und daß die Anthroposophie immer nur in dieser äußerlichen Weise aufgefaßt wird, macht ihr Auftreten ja so außerordentlich schwierig. Bei keiner anderen Wissenschaft verlangt man, daß man dann, wenn ein Vortrag gehalten wird, alles gibt. Nur von der Anthroposophie verlangt man, daß sie in einem Vortag alles gibt. Ich habe von Anfang an gesagt, daß ich das nicht kann.
[ 90 ] Ladies and gentlemen, if one wishes to offer any criticism at all, one must criticize what has been said directly, not what could not be addressed in the lecture and which one then claims is unfounded or the like. How can something that is merely a simple description be unfounded? After all—and this is precisely what I’ve been doing in the introductory lectures—I’ve done nothing but describe. Only someone who knows what actually happens when one truly undertakes these things could say that something is unfounded. If one actually undertakes these things—that is, if one no longer merely speaks about them from the outside—then one will see that they are grounded much more deeply than any mathematical science, for they come much closer to the soul than mathematical processes do. And so precisely this kind of criticism is an extraordinarily superficial one. And the fact that anthroposophy is always understood only in this superficial way is precisely what makes its presentation so extraordinarily difficult. In no other science is it expected that, when a lecture is given, one must convey everything. Only of anthroposophy is it expected that it convey everything in a single lecture. I have said from the very beginning that I cannot do that.
[ 91 ] Beifall
[ 91 ] Applause
[ 92 ] Es handelt sich aber nicht darum, daß ich das schildere, was als altes Rüstzeug vorhanden ist, zum Beispiel wie die Gnosis in inneren Seelenprozessen zu einer derartigen Erkenntnis gekommen ist oder wie etwa die orientalische Yogaschule zu einer Erkenntnis kommt. Wenn man dieses Rüstzeug kennt, wenn man nicht bloß von ihm redet, ...
[ 92 ] But the point is not for me to describe the traditional tools that are available—for example, how Gnosticism arrived at such insight through inner soul processes, or how the Eastern school of yoga arrives at insight. If one knows these tools—if one does not merely talk about them...
[ 93 ] Beifall
[ 93 ] Applause
[ 94 ] ... dann wird man eben nicht mehr behaupten, Anthroposophie erinnere einen an das Alte. Man behauptet das nur so lange, als man sich Reminiszenzen kommen läßt in Form von abstrakten Begriffen, die nur davon herrühren, daß man sie eben mit dem Konkreten, mit dem Wirklichen nicht vergleicht. Natürlich könnte ich noch sehr lange fortfahren, aber es mag das als Antwort genügen.
[ 94 ] ... then one will no longer claim that anthroposophy reminds one of the past. One only makes that claim as long as one allows oneself to be influenced by reminiscences in the form of abstract concepts, which arise solely from the fact that one does not compare them with the concrete, with reality. Of course, I could go on at great length, but this may suffice as an answer.
[ 95 ] Lebhafter Beifall
[ 95 ] Lively applause
[ 96 ] Herr H. Schmidt: Meine Damen und Herren, ich möchte etwas kritisieren, vielmehr mit einem Fragezeichen versehen: Herr Dr. Steiner hat heute abend gesagt, jede wissenschaftliche Weltanschauung sei in dem Sinne Dualismus, daß sie zu dem, was unmittelbar und gewiß ist, ein Ungewisses hinzusetzen muß. Es leuchtet ein, daß dieses andere in der Anthroposophie die übersinnliche Welt ist. Der wissenschaftliche Wert einer Philosophie zeigt sich uns aber darin, wieweit es ihr gelingt, die innere Beziehung zwischen dem Übersinnlichen und dem Sinnlichen darzustellen — ich sage mit Absicht der «wissenschaftliche» Wert, nicht der kulturelle oder psychologische. Der Platonismus etwa, dem es in dieser Hinsicht gar nicht so oft gelungen ist, das Verhältnis zwischen Idee und Wirklichkeit zu konstruieren, hatte eine ungeheure kulturelle Bedeutung.
[ 96 ] Mr. H. Schmidt: Ladies and gentlemen, I would like to offer a criticism—or rather, raise a question: Dr. Steiner said this evening that every scientific worldview is, in a sense, dualistic in that it must add an element of uncertainty to what is immediate and certain. It stands to reason that in anthroposophy, this “other” is the supersensible world. However, the scientific value of a philosophy is revealed to us in the extent to which it succeeds in depicting the inner relationship between the supersensible and the sensible—I deliberately say “scientific” value, not cultural or psychological. Platonism, for example, which in this regard did not always succeed in constructing the relationship between idea and reality, had immense cultural significance.
[ 97 ] Nun, in der Anthroposophie versucht Herr Dr. Steiner, die Beziehung zwischen Übersinnlichkeit und Sinnlichkeit darzustellen, das heißt, er versucht, den notwendigen Übergang zu erweisen von der unmittelbaren Sinnenwelt zur übersinnlichen Welt, oder — auf das Subjektive gesehen — von der empirischen und rationalen Erkenntnis, von der wissenschaftlichen Erkenntnis, zu der meinetwegen überwissenschaftlichen Erkenntnis. Er hat dazu die Anthroposophie benutzt. Ich stütze mich nur auf den Vortrag von Herrn Dr. Steiner, und zwar auf den ersten Teil — für den zweiten reichte meine Kraft offengestanden nicht aus.
[ 97 ] Now, in anthroposophy, Dr. Steiner attempts to describe the relationship between the supersensible and the sensible; that is to say, he attempts to demonstrate the necessary transition from the immediate sensory world to the supersensible world, or—from a subjective perspective—from empirical and rational knowledge, from scientific knowledge, to what I would call superscientific knowledge. He has used anthroposophy for this purpose. I am basing my remarks solely on Dr. Steiner’s lecture, specifically the first part—to be honest, I did not have the energy to cover the second part.
[ 98 ] Beifall
[ 98 ] Applause
[ 99 ] Die Anthroposophie stützt sich auf die Analogie der Mathematik. Herr Dr. Steiner führte aus, wie wir die Mathematik in die Natur hinprojizieren. Dies hat man schon bekanntlich in der griechischen Wissenschaft festgestellt, und tatsächlich besteht auch das Ideal der mathematischen Naturwissenschaft zum mindesten darin, eben die Natur, wie man schon in der Antike sagte, zu mathematisieren. In welchem Sinne aber kann davon überhaupt die Rede sein? Das ist eben das Problem.
[ 99 ] Anthroposophy is based on the analogy of mathematics. Dr. Steiner explained how we project mathematics onto nature. As is well known, this was already recognized in Greek science, and in fact the ideal of mathematical natural science consists, at the very least, in “mathematizing” nature, as was already said in antiquity. But in what sense can we even speak of this? That is precisely the problem.
[ 100 ] Herr Dr. Steiner führte aus, mit welchem Affekt, mit welcher Leidenschaft, mit welcher Anteilnahme der einzelne Mathematiker seine Ideen von den begrifflichen Dingen in der empirischen Wirklichkeit durchsetzt. Was aber sind nun die Gebilde, mit denen es der Mathematiker zu tun hat? Das sind durchaus nicht seine Vorstellungen. Der Kreis etwa, den ein Mathematiker an die Tafel zeichnet, um daran seine geometrischen Sätze zu demonstrieren, das ist nicht seine Vorstellung. Mit dem Kreis hat er als Mensch nicht das mindeste zu tun — vielmehr hat er als Mathematiker nichts damit zu tun, als Mensch wohl, indem er seine beiden Augen benutzt, um den Kreis wahrzunehmen. Unruhe
[ 100 ] Dr. Steiner explained the intensity, the passion, and the commitment with which the individual mathematician applies his ideas about conceptual entities to empirical reality. But what, then, are the constructs with which the mathematician deals? They are by no means his mental images. Take, for example, the circle that a mathematician draws on the blackboard to demonstrate his geometric theorems—that is not his mental image. As a human being, he has absolutely nothing to do with the circle—rather, as a mathematician he has nothing to do with it, though as a human being he certainly does, in that he uses his two eyes to perceive the circle. Restlessness
[ 101 ] Der Begriff des Kreises, mit der es der Mathematiker doch wohl zu tun hat, ist überhaupt nicht in der Wirklichkeit darstellbar; er ist niemals Gegenstand der sinnlichen Wahrnehmung. Der Begriff des Kreises ist vielmehr das Allgemeine.
[ 101 ] The concept of a circle, with which mathematicians are certainly concerned, cannot be represented in reality at all; it is never the object of sensory perception. Rather, the concept of a circle is the universal.
[ 102 ] Nun braucht ja gerade die Anthroposophie etwas persönlich Wirkliches, das sie ja in die Natur hinprojizieren will. Das Allgemeine, das ich sozusagen im mathematischen Kopf habe, das existiert in der Wirklichkeit nicht. Wenn also die übersinnliche Welt auf die sinnliche gegründet werden soll in der Weise, daß vom Subjekt auf das Objekt geschlossen werden kann, dann kann das niemals in der Weise geschehen, daß subjektive Vorstellungen eben in der Art der Mathematik in die Natur hineinprojiziert werden. Dazu ist gerade die Analogie der Mathematik meines Erachtens gar nicht angebracht, denn die Mathematik hat es mit begrifflichen Dingen zu tun, die als solche in der Wirklichkeit niemals vorkommen. Das ist meiner Ansicht nach ein Einwand gegen die Anthroposophie überhaupt. Andererseits aber betont gerade der heutige Vortrag die Realität der übersinnlichen Dinge.
[ 102 ] Now, anthroposophy, of all things, needs something personally real, which it seeks to project onto nature. The general concept that I have, so to speak, in my mathematical mind does not exist in reality. So if the supersensible world is to be grounded in the sensible world in such a way that one can infer the object from the subject, then this can never happen by projecting subjective ideas into nature in the manner of mathematics. In my view, the analogy with mathematics is not at all appropriate here, for mathematics deals with conceptual entities that, as such, never occur in reality. In my opinion, this is an objection to anthroposophy in general. On the other hand, however, today’s lecture specifically emphasizes the reality of supersensible things.
[ 103 ] Also, worauf es mir ankommt: Ich kann nicht einsehen, inwiefern die Mathematik hier dienen soll, die Brükke vom Sinnlichen zum Übersinnlichen zu erklären. Der Hauptwert lag nun in dem Vortrage offenbar darin, daß das persönliche Erlebnis, die persönliche Erregtheit, die Gesamtheit des persönlichen Erlebens mittätig sein soll im Denken. Aber da muß jedem sofort ein Bedenken kommen. Gerade das Persönliche, das Individuelle entbehrt der Notwendigkeit. Das, was ich mir persönlich vorstelle —ja, da kann mir jeder sagen: Das ist deine Phantasie, das ist deine Vorstellung, mit der habe ich nichts zu tun. — Dies ist meiner Ansicht nach ein Einwand gegen die Anthroposophie überhaupt.
[ 103 ] So, here’s the point: I cannot see how mathematics is supposed to serve here in explaining the bridge from the sensible to the supersensible. The main value of the lecture apparently lay in the idea that personal experience, personal excitement, the totality of personal experience, should play an active role in thinking. But this must immediately raise a reservation in everyone’s mind. It is precisely the personal, the individual, that lacks necessity. What I personally imagine—yes, anyone can say to me: “That is your imagination, that is your conception; I have nothing to do with it.”—This, in my view, is an objection to anthroposophy as a whole.
[ 104 ] Beifall
[ 104 ] Applause
[ 105 ] Dann, worauf es Herrn Dr. Steiner noch besonders ankam, bei der inneren Anteilnahme, die sein Vortrag gerade an dieser Stelle hatte und die tatsächlich ergreifend war auch für den Gegner: Der Ausgangspunkt für die höhere Erkenntnis ist für Dr. Steiner die moralische Intuition. Die Anthroposophie bedarf eines Übersinnlichen, um moralische Prinzipien aus ihm abzuleiten, und zwar gewinnt sie diese Ableitung dadurch, daß sie das Übersinnliche anschaut. Das will mir nun — offen gestanden — absolut nicht in den Kopf. Gesetzt einmal, es gäbe übersinnliches Erkenntnisvermögen oder vielmehr solche Erkenntnisfähigkeiten, die wir gewöhnlichen Sterblichen noch nicht haben, und es wäre auch möglich, mit diesem höheren Erkenntnisvermögen tatsächlich das Übersinnliche anzuschauen — das Übersinnliche als ein Existierendes: Wie kann ich daraus ersehen, was ich tun soll? Aus dem, was ist, ist niemals abzuleiten, was ich tun soll. Aus der Sphäre des Seins ist niemals eine Brücke zu schlagen in die Sphäre des Sollens.
[ 105 ] Then, what was particularly important to Dr. Steiner regarding the deep emotional resonance that his lecture evoked precisely at this point—and which was truly moving even for his opponents—was this: For Dr. Steiner, the starting point for higher knowledge is moral intuition. Anthroposophy requires a supersensible realm from which to derive moral principles, and it achieves this derivation by contemplating the supersensible. Frankly speaking, I simply cannot wrap my head around this. Suppose, for a moment, that there were a supersensible faculty of cognition—or rather, such cognitive abilities that we ordinary mortals do not yet possess—and suppose it were also possible to actually contemplate the supersensible with this higher faculty of cognition—the supersensible as something that exists: How can I deduce from this what I ought to do? What I ought to do can never be derived from what is. No bridge can ever be built from the sphere of being to the sphere of ought.
[ 106 ] Walter Birkigt: Da vorläufig keine weiteren Wortmeldungen vorliegen, bitte ich Herrn Dr. Steiner, darauf zu antworten. Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden, ich möchte zunächst das folgende sagen: Die ganze Natur der Ausführungen, die ich heute abend gemacht habe, verbot mir, an der Stelle, wo ich von Mathematik sprach, von Analogie zu sprechen, und ich bitte Sie, sich genau darauf zu besinnen, daß ich das Wort Analogie nicht gebraucht habe. Das ist kein Zufall, sondern das ist eine durchaus bewußte Sache. Ich konnte auch das Wort Analogie nicht gebrauchen, weil gar nicht die Rede war von einer Analogie mit der Mathematik, sondern es wurde das mathematische Denken verwendet, um zu einer Charakteristik des inneren Gewißheitserlebnisses zu kommen. Und indem ich versuchte klarzulegen, wie man in der Mathematik zu einem inneren Gewißheitserlebnis kommt, wollte ich zeigen, wie man sich auf einem ganz anderen Gebiete, wo man in derselben Weise zur Gewißheit zu kommen versucht, eben diesen Grad der Gewißheit auch erwerben kann. Es handelt sich also nicht um eine Analogie mit der Mathematik, sondern es handelt sich darum, zwei reale Seelenerlebnisarten anzuführen, die in nichts anderem miteinander verglichen werden sollen, als daß hingewiesen wird auf das Erlangen von innerer Gewißheit. Meine sehr verehrten Anwesenden, es ist also dasjenige, was der verehrte Vorredner gesagt hat, nicht eine Anknüpfung an meinen Vortrag, denn er hätte ja dann nicht das Wort Analogie brauchen können. Ich habe es vermieden, weil es nicht hineingehört.
[ 106 ] Walter Birkigt: Since there are no further comments at this time, I ask Dr. Steiner to respond. Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen, I would like to begin by saying the following: The very nature of the remarks I made this evening prevented me from speaking of “analogy” at the point where I spoke of mathematics, and I ask you to bear in mind precisely that I did not use the word “analogy.” This is no coincidence, but rather a thoroughly deliberate choice. I could not use the word “analogy” because there was no question of an analogy with mathematics; rather, mathematical thinking was employed to arrive at a characterization of the inner experience of certainty. And by attempting to clarify how one arrives at an inner experience of certainty in mathematics, I wanted to show how, in a completely different field—where one attempts to arrive at certainty in the same way—one can also attain precisely this degree of certainty. It is therefore not a matter of an analogy with mathematics, but rather a matter of citing two real types of psychological experience that are to be compared with one another in no other respect than in pointing to the attainment of inner certainty. Ladies and gentlemen, what the esteemed previous speaker said is not a connection to my lecture, for then he would not have been able to use the term “analogy.” I avoided it because it does not belong here.
[ 107 ] Ferner ist gesagt worden, daß ich geredet hätte von der Leidenschaft des einzelnen Mathematikers. Auch das konnte ich nicht tun, weil ich einfach heranzog die Natur des mathematischen Erlebens, wie sie derjenige kennt, der in Mathematik eingeweiht, geschult ist. Wie man überhaupt darauf kommen kann, von irgendeinem persönlichen Hineinreden in die Mathematik zu sprechen, das ist mir unerfindlich. Dagegen möchte ich das folgende bemerken: Es hört sich sehr schön an, wenn man sagt, mit dem Kreis, den ich an die Tafel zeichne, habe der innere Begriff des Kreises absolut nichts zu tun. Das werde ich auch nicht behaupten, daß er damit etwas zu tun habe, weil es mir gar nicht einfällt zu sagen, daß der innere Begriff des Kreises aus Kreide ist. Ich meine, das ist keine sehr tiefe Wahrheit, die damit ausgesprochen wird.
[ 107 ] It has also been said that I spoke of the passion of the individual mathematician. I could not have done that either, because I simply drew upon the nature of the mathematical experience as it is known to those who are initiated in and trained in mathematics. How anyone could even think to speak of any kind of personal interference in mathematics is beyond me. In contrast, I would like to make the following observation: It sounds very nice when one says that the inner concept of the circle has absolutely nothing to do with the circle I draw on the blackboard. Nor will I claim that it has anything to do with it, because it would never occur to me to say that the inner concept of the circle is made of chalk. I don’t think that’s a very profound truth that’s being expressed here.
[ 108 ] Aber wenn man von einem abstrakten Denken zu einem realitätsgemäßen Denken kommt, dann muß man sich das folgende sagen. Nehmen wir einmal etwas, was wir innerlich mathematisch konstruieren, zum Beispiel den Satz: Wenn wir in einem Kreise den Durchmesser ziehen und von dem einen Endpunkt des Durchmessers eine Linie nach einem beliebigen Punkt auf der Kreislinie ziehen und von diesem Punkt eine weitere Linie nach dem anderen Endpunkt des Durchmessers, dann ist dieser Winkel stets ein rechter. Ich brauche das gar nicht auf die Tafel zu zeichnen. Das, was ich da erkenne, nämlich daß in einem Kreis jeder Winkel über dem Durchmesser mit dem Scheitelpunkt auf der Peripherie ein rechter ist, das ist ein rein innerliches Erlebnis. Ich habe nicht nötig, den Kreis hier auf der Tafel zu verwenden.
[ 108 ] But when one moves from abstract thinking to thinking grounded in reality, one must tell oneself the following. Let’s take something we construct mathematically in our minds, for example, the following theorem: If we draw the diameter of a circle and draw a line from one endpoint of the diameter to any point on the circumference, and then draw another line from that point to the other endpoint of the diameter, then this angle is always a right angle. I don’t even need to draw this on the blackboard. What I recognize here—namely, that in a circle, every angle across the diameter with its vertex on the circumference is a right angle—is a purely inner experience. I have no need to use the circle here on the blackboard.
[ 109 ] Zuruf: Das ist nicht wahr! Erst wenn Sie es auch angeschaut haben, können Sie nachträglich konstruieren!
[ 109 ] Interjection: That's not true! You can't come up with a theory until you've seen it for yourself!
[ 110 ] Aber es ist doch zweifellos das, was ich äußerlich auf die Tafel hinzeichne, bloß ein äußere Hilfsmittel.
[ 110 ] But surely what I draw on the board is merely an external aid.
[ 111 ] Für den, der mathematisch denken kann, ist es ganz ausgeschlossen, daß er solche mathematische Wahrheiten, selbst wenn es sich um die kompliziertesten mathematischen Wahrheiten handelt, nicht auch rein im inneren Erleben konstruieren kann. Davon kann gar keine Rede sein. Selbst wenn ich darauf angewiesen wäre, sie mit Kreide hinzuzeichnen, so würde das noch immer keine Bedeutung haben aus dem einfachen Grunde, weil das, was die substantielle Geltung des Satzes ausmacht, zwar veranschaulicht werden soll in der Zeichnung, aber doch nicht in ihr beschlossen zu sein braucht. Wenn ich mir durch die Zeichnung an der Tafel veranschauliche, daß der Winkel ein rechter ist, so ist durch diese Veranschaulichung doch nicht irgend etwas Bestimmtes für die innere Geltung des Satzes ausgemacht. Und darauf kommt es schließlich an. Es kann durchaus nicht die Rede davon sein, daß ich erst die Zeichnung auf der Tafel brauche. Aber selbst wenn ich sie brauchte, so würde das vollständig irrelevant sein für das, was ich über die Natur des Mathematisierens gesagt habe — nicht des Lösens einzelner Probleme, sondern des Mathematisierens überhaupt. Das, worauf es dabei ankommt, liegt auf einem ganz anderen Gebiete als das, was hier angeführt worden ist, denn wir werden einfach, wenn wir das Mathematisieren ansehen, dahin geführt, daß wir uns sagen müssen, wir erleben innerliche Wahrheiten.
[ 111 ] For anyone capable of mathematical thinking, it is entirely out of the question that they could not construct such mathematical truths—even the most complicated ones—purely through inner experience. That is out of the question. Even if I were forced to draw them with chalk, that would still be meaningless for the simple reason that what constitutes the substantive validity of the theorem is to be illustrated in the drawing, but need not be contained within it. If I use the drawing on the blackboard to illustrate that the angle is a right angle, this illustration does not, however, establish anything specific regarding the inner validity of the theorem. And that is ultimately what matters. There can be absolutely no question of my needing the drawing on the blackboard in the first place. But even if I did need it, that would be completely irrelevant to what I have said about the nature of doing mathematics—not of solving individual problems, but of doing mathematics in general. What matters here lies in an entirely different realm than what has been cited here, for when we consider mathematical thinking, we are simply led to the conclusion that we must say to ourselves: we experience inner truths.
[ 112 ] Ich habe ja auch nicht gesagt, daß wir im Mathematischen schon Realitäten erleben. Daher ist es völlig irrelevant, wenn eingewandt wird, daß das Mathematische als solches keine Wirklichkeit enthalte. Aber im Formalen enthält es eben durchaus Wahrheiten, und die können auch erlebt werden. Der Weg ist wichtig, wie man zur Wahrheit und wie man zu Erkenntnissen kommt, wenn diese auch zunächst innerhalb des Mathematischen selbst noch keine Wirklichkeit haben. Aber wenn nun dieses mathematische Erleben auf ein ganz anderes Gebiet übertragen wird, nämlich auf jenes Gebiet, wo nun auf das wirkliche Seelenleben die Exaktheit des Mathematischen angewendet wird, da wird ja der Charakter der Exaktheit, der zunächst im Mathematisch-Formalen erlebt wird, in das Reale hineingetragen. Und erst dadurch bin ich berechtigt, dasjenige, was für die Mathematik als bloß Formales gilt, in die Realität hinüberzutragen.
[ 112 ] I did not say, after all, that we already experience realities in mathematics. Therefore, it is completely irrelevant to object that mathematics as such contains no reality. But in the formal sense, it certainly does contain truths, and these can also be experienced. What matters is the path—how one arrives at truth and how one arrives at insights—even if these insights do not yet have any reality within mathematics itself. But when this mathematical experience is transferred to an entirely different realm—namely, the realm where the precision of mathematics is applied to the actual life of the soul—then the character of precision, which is initially experienced in the formal realm of mathematics, is carried over into reality. And only through this am I justified in carrying over into reality that which, in mathematics, is regarded as merely formal.
[ 113 ] Ich habe zunächst gezeigt, wie man von innen zu Wahrheiten kommt, die wir — selbstverständlich nur in äußerlicher Weise — scheinbar als Unwirklichkeiten auf die Beobachtung, auf das Experiment übertragen oder mit denen das Experiment durchwoben wird. Und dann habe ich auch gezeigt, wie dieser formale Charakter sich in einen realen umwandelt. Es gilt dann aber immer noch nicht, was scheinbar so plausibel ist: Was mathematisch ist, das lebt nur in mir; der Begriff lebt nur in mir, er lebt nicht draußen in der Realität. Das mathematisch Erkundete, das mathematisch Erarbeitete hätte als solches mit der Realität nichts zu tun. Nun, lebt der Begriff des Kreises wirklich nur in mir?
[ 113 ] I first showed how one arrives, from within, at truths that we—of course, only in an external sense—seemingly transfer to observation and experimentation as unrealities, or with which experimentation is interwoven. And then I also showed how this formal character is transformed into a real one. However, what seems so plausible still does not hold true: that which is mathematical exists only within me; the concept exists only within me; it does not exist out there in reality. What has been mathematically explored and worked out would, as such, have nothing to do with reality. Well, does the concept of the circle really exist only within me?
[ 114 ] Nehmen Sie an — ich zeichne nicht einen Kreis an die Tafel, sondern ich habe hier meine zwei Finger. Damit halte ich eine Schnur und bringe den Gegenstand in eine kreisförmige Bewegung, so daß dieses Bleikügelchen sich im Kreis bewegt. Jene Gesetze, die ich nun für die Bewegung dadurch erkenne, daß ich sie mathematisch erkenne — haben die nichts zu tun mit der Realität? Ich gehe ja fortwährend so vor, daß ich eben gerade durch Mathematik das Verhalten im Realen bestimme. Ich gehe ja dann so vor, wenn ich von der Induktion zur Deduktion übergehe, daß ich das hineinbringe, was ich zunächst durch Induktion bestimmt habe und dieses nun mit der Mathematik weiterbearbeite. Wenn ich das Endglied einer empirischen Induktion in eine mathematische Formel hineinbringe und dann einfach weiterrechne, dann zähle ich doch darauf, daß dasjenige, was ich durch die Deduktion mathematisch entwickle, der Realität entspricht. Dadurch ist ja erst das Mathematische fruchtbar für die Realität, nicht durch solche philosophische Auseinandersetzungen, wie sie jetzt vorgetragen wurden.
[ 114 ] Suppose—I’m not drawing a circle on the blackboard, but I have my two fingers here. With them, I hold a string and set the object in circular motion, so that this little lead ball moves in a circle. Those laws of motion that I now recognize through mathematical analysis—do they have nothing to do with reality? After all, I constantly proceed in such a way that I determine behavior in the real world precisely through mathematics. When I move from induction to deduction, I proceed by incorporating what I have initially determined through induction and then further processing it with mathematics. When I incorporate the final term of an empirical induction into a mathematical formula and then simply continue the calculation, I am counting on the fact that what I develop mathematically through deduction corresponds to reality. It is only through this that mathematics becomes fruitful for reality, not through philosophical debates such as those just presented.
[ 115 ] Sehen wir die Fruchtbarkeit des Mathematischen für die Realität an. Man sieht die Fruchtbarkeit einfach daran, wenn zum Beispiel einer sagt: Ich sche die UnregelmäRigkeiten, die da sind gegenüber dem Ausgerechneten, und deshalb setze ich andere Größen in die Rechnung ein.— Und so kommt er zunächst auf rein mathematischem Wege dazu, eine Realität vorauszusetzen; die Realität stellt sich nachher ein — sie ist da. So habe ich, indem ich meinen empirischen Weg nun rein durch Mathematik fortgesetzt habe, auch die Anwendbarkeit des innerlich Erlebten auf die äußere Welt gezeigt. Wenigstens rechne ich damit. Und wenn man nicht damit rechnen könnte, daß sich das reale Geschehen, das man in der sinnlichanschaulichen Realität bis zu einem gewissen Punkte verfolgt hat, in der Rechnung fortsetzt, so wäre nämlich das überhaupt nicht möglich, was ich gerade meinte: daß man sich befriedigt fühlt in der Mathematik. Es handelt sich darum, daß man die Begriffe ernsthaft auffaßt, so wie sie auseinandergesetzt worden sind.
[ 115 ] Let us consider the fruitfulness of mathematics for reality. One can see this fruitfulness simply when, for example, someone says: “I see the irregularities that exist compared to the calculated results, and therefore I substitute different values into the equation.” — And so, initially by purely mathematical means, he arrives at the assumption of a reality; reality then emerges—it is there. Thus, by continuing my empirical path purely through mathematics, I have also demonstrated the applicability of what is experienced inwardly to the external world. At least, that is what I expect. And if one could not expect that the actual events, which one has followed in sensory-intuitive reality up to a certain point, would continue in the calculation, then what I just meant—that one feels satisfied in mathematics—would not be possible at all. The point is that one takes the concepts seriously, just as they have been expounded.
[ 116 ] Nun zu dem, was ich über die moralische Intuition gesagt habe. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich im Vortrage gesagt habe, die Intuition, die ich als die dritte Stufe der übersinnlichen Erkenntnis aufgestellt habe, trete zuletzt auf. Die moralische Intuition tritt aber auch schon für das gewöhnliche Bewußtsein auf. Sie ist das einzige, was zunächst für ein Bewußtsein, das bis zu unserer Stufe vorgedrungen ist, von der übersinnlichen Welt auftritt. Die moralische Intuition ist einfach eine von einer höheren Stufe auf unsere Erkenntnisstufe herunterprojizierte Intuition. Das habe ich im Vortrage klar veranschaulicht. Deshalb habe ich auch von dieser moralischen Intuition zuerst gesprochen, nicht nachher. Ich habe sie als den Ausgangspunkt bezeichnet. Man lernt sie erkennen; und wenn man sie richtig erfaßt hat, dann hat man eine gewisse subjektive Vorbedingung, das andere auch zu verstehen, was dann nachher kommt. Denn indem man die moralische Intuition erlebt, erlebt man etwas, was, wenn man es vergleicht mit dem, was sonst real ist, eben eine andere Art Realität hat, und das ist die Soll-Realität. Geht man ein auf das, was ich gesagt habe, dann erklärt sich schon der Unterschied des Seins und des Sollens einfach dadurch, daß die moralische Intuition in unsere gewöhnliche Bewußtseinssphäre hereinragt, während die andere Intuition nicht ein Herunterprojizieren ist, sondern erst erreicht werden muß. Davon war gar nicht die Rede, daß etwa die moralische Intuition nur ein Spezialfall wäre für den Erkenntnisprozeß der allgemeinen Intuition, sondern sie ist einfach der erste Fall, wo uns im gewöhnlichen Bewußtsein, im heutigen Bewußtseinszustande, etwas intuitiv auftritt.
[ 116 ] Now, regarding what I said about moral intuition. You may recall that I stated in the lecture that intuition—which I have identified as the third stage of supersensible knowledge—appears last. However, moral intuition is already present even in ordinary consciousness. It is the only aspect of the supersensible world that first appears to a consciousness that has advanced to our level. Moral intuition is simply an intuition projected down from a higher level to our level of knowledge. I clearly illustrated this in the lecture. That is why I spoke of this moral intuition first, rather than later. I described it as the starting point. One learns to recognize it; and once one has grasped it correctly, one possesses a certain subjective prerequisite for understanding what comes afterward as well. For in experiencing moral intuition, one experiences something that—when compared to what is otherwise real—possesses a different kind of reality, and that is the “ought” reality. If one considers what I have said, then the difference between being and ought is explained simply by the fact that moral intuition extends into our ordinary sphere of consciousness, whereas the other intuition is not a projection downward but must first be attained. There was no suggestion whatsoever that moral intuition is merely a special case of the cognitive process of general intuition; rather, it is simply the first instance in which something presents itself to us intuitively within ordinary consciousness, in our current state of consciousness.
[ 117 ] Also, es handelt sich darum, daß man die Begriffe, die hier entwickelt werden für Anthroposophie, eben durchaus genau auffaßt. Ich wollte Anregungen geben. Ich begreife durchaus, daß Einwendungen möglich sind, weil man natürlich nicht alles in dieser ausführlichen Weise erklären kann, und so setze ich voraus, daß noch viele Zweifel und so weiter in den Seelen der Anwesenden da sind. Aber denken Sie sich, wie lang mein Vortrag geworden wäre, wenn ich in derselben Weise im Vortrag schon alle die Zweifel weggeräumt hätte, die ich jetzt versuchte, in meiner Antwort wegzuräumen. Damit muß man schon bei einem ersten orientierenden Vortrage rechnen, aber nicht bloß in der Anthroposophie, sondern auf allen Gebieten. Darum hat es sich heute gehandelt. Ich wollte durchaus nichts Abschließendes geben, und ich muß sagen, daß manche Menschen ja durchaus nicht auf das Anthroposophische eingehen wollen. Aber ich habe gefunden, daß die besten Erkenner dessen, was Anthroposophie ist, oftmals nicht diejenigen waren, die gleich von vornherein, auf den ersten Anhieb, auf sie verfallen sind, sondern daß die besten Arbeiter in der Anthroposophie diejenigen geworden sind, die gerade durch herbe Zweifel gegangen sind.
[ 117 ] So, the point is to understand the concepts developed here for anthroposophy with the utmost precision. I wanted to offer some food for thought. I fully understand that objections are possible, because, of course, one cannot explain everything in such detail, and so I assume that there are still many doubts and so on in the minds of those present. But just imagine how long my lecture would have been if I had already dispelled all the doubts in the lecture itself in the same way that I am now trying to dispel them in my response. One must expect this even in an initial introductory lecture—not only in anthroposophy, but in all fields. That is what today’s discussion was about. I certainly did not intend to offer anything conclusive, and I must say that some people are simply not willing to engage with anthroposophy at all. But I have found that the best understanders of what anthroposophy is were often not those who fell for it right from the start, at first glance, but rather that the best practitioners of anthroposophy have been those who have gone through very severe doubts.
[ 118 ] Deshalb fassen Sie das, was ich mit einer gewissen Schärfe in der Replik gesagt habe, nicht so auf, als wenn es haßerfüllt gemeint wäre, sondern im Grunde genommen freue ich mich über alles, was eingewendet wird, denn nur indem man über diese Klippen des Einwendens hinwegkommt, kommt man eigentlich in die Anthroposophie hinein. Und ich habe immer die größere Befriedigung gehabt über diejenigen, die über die Klippen des Ablehnens, des Zweifelns in die Anthroposophie hineingekommen sind, als über jene, die nun auf den ersten Anhieb mit vollen Segeln hineingegangen sind.
[ 118 ] Therefore, please do not take what I said with a certain sharpness in my reply as though it were meant with hatred; rather, I am actually pleased with every objection raised, for it is only by overcoming these obstacles of objection that one truly enters into anthroposophy. And I have always derived greater satisfaction from those who have entered into anthroposophy by overcoming the obstacles of rejection and doubt than from those who sailed right in with full sails at the very first attempt.
[ 119 ] Lebhafter Beifall
[ 119 ] Lively applause
[ 120 ] Herr Wilhelm: Ich will keine Kritik üben, sondern nur eine Frage stellen, deren Beantwortung durch Herrn Dr. Steiner mir sehr interessant wäre. Herr Dr. Steiner erwiderte auf die Kritik des ersten Redners, der die Theosophie der Anthroposophie gegenüberstellte, daß die Erkenntnismethode der Anthroposophie eine ganz andere sei als die der Theosophie, zumal der alten, und daß in der gesamten Geschichte keinerlei, also an keiner Stelle, irgendein Anklang zu finden sei an die von Herrn Dr. Steiner heute abend gegebene Erkenntnismethode. Da möchte ich nur mal fragen, ob Herr Dr. Steiner diese Stellen im «Grünen Gesicht» kennt — ein Buch, das sehr starken theosophischen Anstrich hat und wo eigentlich diese Erkenntnismethode die Grundlage des ganzen Werkes bildet. Mir wäre es sehr interessant, mal die Stellung des Herrn Dr. Steiner kennenzulernen.
[ 120 ] Mr. Wilhelm: I do not wish to offer criticism, but merely to ask a question, and I would be very interested to hear Dr. Steiner’s answer. Dr. Steiner responded to the criticism of the first speaker, who contrasted theosophy with anthroposophy, by stating that the method of knowledge in anthroposophy is entirely different from that of theosophy—especially the older form—and that throughout history there is absolutely no instance, at any point, any echo of the method of knowledge presented by Dr. Steiner this evening. I would just like to ask whether Dr. Steiner is familiar with these passages in The Green Face—a book that has a very strong theosophical flavor and in which this method of knowledge actually forms the foundation of the entire work. I would be very interested to learn Dr. Steiner’s position on this matter.
[ 121 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich mache zuerst darauf aufmerksam, daß es möglich wäre, wenn sich tatsächlich im «Grünen Gesicht», das vor wenigen Jahren erschienen ist, Anklänge finden würden an das, was ich heute abend gesagt habe, grundsätzlich auf Anthroposophie zurückzuführen. Zuruf: Niemals!
[ 121 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! I would first like to point out that if there were indeed echoes in The Green Face, which was published a few years ago, of what I have said this evening, they could in principle be traced back to anthroposophy. Shout from the audience: Never!
[ 122 ] Ich habe nur im allgemeinen gesagt, daß sich das ja nicht widersprechen würde, aber indem hier gerufen wird «Niemals!», bin ich damit vollständig einverstanden, denn ich finde nichts Anthroposophisches im «Grünen Gesicht», sondern ich finde, daß dasjenige, was im «Grünen Gesicht» über die Anthroposophie gesagt wird, auf Erkenntnismethoden beruht, mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Das ist das, was ich dazu zu sagen habe.
[ 122 ] I merely said in general terms that this would not be a contradiction, but since people here are exclaiming, “Never!”, I fully agree with that, because I find nothing anthroposophical in The Green Face; rather, I find that what is said about anthroposophy in The Green Face is based on methods of knowledge with which I wish to have nothing to do. That is all I have to say on the matter.
