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The Rudolf Steiner Archive

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The Stimulating Effect of Anthroposophy
on the Sciences
GA 76

3 April 1921, Dornach

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1. Eroffnungsrede

1. Opening Remarks

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Unsere Zeit ist eine Zeit der Zweifel und Rätsel, die der Menschheit aufgegeben sind. Und man kann sagen, wohl dem, der sich in seinem Inneren ehrlich und mit Kraft gegenüber den Geschehnissen der Gegenwart sagen kann: Ja, für mich ist diese Zeit eine Zeit der Zweifel, der Rätsel und der Fragen, die gelöst werden müssen. — Denn könnte er sich dies nicht sagen und würde er doch mit wacher Seele hinblicken auf die Geschehnisse der Zeit, so gäbe es für ihn eigentlich nur den anderen Pol: die Verzweiflung an dem Fortgange der menschlichen Zivilisation im Abendlande. Und wenn in unserer Zeit Zweifel, Fragen, Rätsel verborgen sind, die gelöst werden müssen, dann bedarf es dazu der starken Kraft der Menschen, die sich zurechtfinden können in dem gegenwärtigen Zivilisationschaos, und die aus der Flut der Fragen und Rätsel das aufsprießen lassen können, was zu einem neuen Fortgang, zu einem Aufbau unserer abendländischen Zivilisation führen kann. Etwas dazu beitragen, daß die Kräfte, welche die Zeit also braucht, damit die Zweifel und Rätsel aus den menschlichen Seelen heraus gelöst werden können, das möchte alles, was von diesem Goetheanum aus unternommen wird.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Ours is a time of doubts and mysteries that have been placed before humanity. And one might say, blessed is the one who, deep within, can honestly and resolutely say to himself in the face of current events: “Yes, for me this is a time of doubt, of mysteries, and of questions that must be resolved.” — For if he could not say this to himself, yet still looked upon the events of our time with an alert spirit, there would in fact be only the opposite extreme for him: despair regarding the future of human civilization in the West. And if our time conceals doubts, questions, and mysteries that must be resolved, then this requires the strong power of people who can find their way through the current chaos of civilization and who, from the flood of questions and mysteries, can bring forth what can lead to a new direction, to the rebuilding of our Western civilization. Everything undertaken from this Goetheanum aims to contribute to the emergence of the forces that our time so desperately needs—forces capable of resolving the doubts and riddles within the human soul.

[ 2 ] In einer solchen Zeit der Fragen und Rätsel wird sich auch für manches, was Inhalt alter Überlieferung ist, die Notwendigkeit zeigen, in einem neuen Lichte zu erscheinen. Nun leuchtet uns herauf — gewissermaßen wie ein uralt heiliges Vermächtnis der Griechenkultur — das oft und oft wiederholte apollinisshe Wort: Mensch, erkenne dich selbst! — Und vieles in der abendländischen Zivilisation seit der alten Griechenzeit hat gestanden im Zeichen dieses Wortes. Mir scheint aber, daß selbst ein solches, wie es schien, felsenfest in der Menschheitsentwickelung drinnenstehendes Zauberwort heute, in unseren Zeiten der großen Verwandlungen, nur mehr Bestand haben kann, wenn es, aufnehmend die Kräfte unserer Zeit, selbst eine Art Verwandlung durchmacht. Und so scheint mir, daß das uralte Delphiwort heute also zu den Menschen klingen müsse: Mensch, erkenne dich selbst und werde ein freies Wesen! — Wir müssen das Weltgeschehen, insofern es sich auf den Menschen bezieht, hin- und herschwingend schauen können zwischen den beiden Polen der Selbsterkenntnis und der wahren menschlichen Freiheit.

[ 2 ] In such a time of questions and mysteries, it will become apparent that even some aspects of ancient tradition need to be viewed in a new light. Now the oft-repeated Apollonian saying shines upon us—as it were, like an ancient, sacred legacy of Greek culture: “Man, know thyself!”—And much of Western civilization since the time of the ancient Greeks has been shaped by this saying. It seems to me, however, that even such a magic word—which appeared to be so firmly embedded in human development—can survive today, in our times of great transformation, only if it undergoes a kind of transformation itself by drawing upon the forces of our time. And so it seems to me that the ancient Delphic maxim must resound to people today as follows: Man, know thyself and become a free being! — We must be able to view world events—insofar as they relate to human beings—as oscillating back and forth between the two poles of self-knowledge and true human freedom.

[ 3 ] Warum schrieb griechische Weisheit auf den Tempel zu Delphi das bedeutungsvolle Wort: Erkenne dich selbst? Zu diesem Griechentum leuchtete herauf, aus uralten, historisch ihrem Anfange nach unbestimmbaren Zeiten, eine uralte geheiliste Weisheit und Wissenschaft. Die Ursprünge dieser Wissenschaft gehen in das Dunkel der vorgeschichtlichen Zeiten zurück. In Ägypten hatte man noch ein unmittelbares Drinnenstehen in dieser Urweisheit. In Griechenland hatte man nur noch ein, allerdings in die edle griechische Menschlichkeit getauchtes Gefühl davon, und man fühlte: aus der Welt, aus der weisheitsvollen Welt selbst heraus war den Menschen diese Weisheit gekommen. Der Mensch hatte sich innerhalb der Welt der Weisheit gefühlt wie ein mehr oder weniger nur instinktiv lebendes, mehr oder weniger unbewußtes Glied des Weltenganzen. Da dämmerte herauf im griechischen Fühlen die Empfindung der Selbständigkeit der Menschenseele. Zu dem alten Welterkennen hinzu sollte erstrebt werden die Selbsterkenntnis des Menschen. Im Grunde genommen war der uralten Weisheit Devise: Erkenne die Welt und in der Welt den Menschen! — Diese Devise uralter Weisheit strahlte in das Griechentum herein. Aber geltend machte sich jetzt der Drang, zu dieser Welterkenntnis mit dem Menschen darinnen, die selbständige menschliche Selbsterkenntnis zu erstreben. Zu dem: Erkenne die Welt! — trat hinzu das: Erkenne dich selbst! — Der Grieche stand wie am Ufer der Vergangenheit, hereinnehmend mit ihrem vollen Inhalt der Vergangenheit Weisheitsschätze. Wir — und ich glaube, jeder Unbefangene kann das fühlen — stehen an einem anderen Ufer. Wir stehen an dem Ufer einer unbestimmten Zukunft, aber einer Zukunft, welche die Menschheit in geistiger Beziehung selbst schaffen muß. Und wir fühlen, wir brauchen ein neues Wahrwort, um uns mit voller menschlicher Kraft zu besinnen auf das, was aus unserem Inneren als Schaffendes hinüberwirken kann in die unbestimmte Zukunft. Am Ufer der Vergangenheit richtete der Grieche das Wahrwort auf: Erkenne dich selbst! — Am Ufer einer unbestimmten Zukunft müssen wir das Wahrwort aufrichten: Werde ein freies Wesen! Das, was in dem Hinundherschwingen zwischen den beiden Polen der menschlichen Gegenwartsaufgaben liegt, davon möchte dieser Bau und alles, was in ihm gewirkt wird, sprechen. Davon möchte auch wiederum die kurze Reihe von Erkenntnis- und künstlerischen Darbietungen, die in den nächsten Tagen stattfinden sollen, sprechen. Wir stehen am Ausgangspunkt des großen naturwissenschaftlichen Rätsels. Die Menschheit hat noch nicht den vollen Mut in sich erlebt, dieses große, gewaltige naturwissenschaftliche Rätsel ins Auge zu fassen. Naturwissenschaft hat Gewaltiges und Großes geleistet. Sie hat eine Anschauungsweise angenommen, durch die in der Kette der Ursachen und Wirkungen sich immer eines der Ereignisse, die unsere Seelen schauen, an das andere der Ereignisse mit Notwendigkeit schließt. Und es ist der Naturwissenschaft natürlichstes Bestreben, den Menschen einzubeziehen in diese Kette natürlicher Notwendigkeit. Es ist das große Ideal naturwissenschaftlicher Erkenntnis, die Naturerscheinungen mit diesem Ursachengesetz zu studieren, sie — als ihrer Wesenheit entsprechend — gemäß diesem Ursachengesetze zu empfinden und so auch vom Menschen zu verstehen, was nach diesem Ursachengesetze von ihm zu verstehen ist. Man durchdringt nur nicht heute schon mit vollem lebendigem Gefühl, was in diesem Bestreben, in diesem Ideal für das menschliche Leben eigentlich liegt.

[ 3 ] Why did Greek wisdom inscribe the meaningful words “Know thyself” on the temple at Delphi? From ancient times—times so ancient that their historical origins cannot be determined—an ancient, sacred wisdom and science shone forth upon this Greek civilization. The origins of this science go back into the darkness of prehistoric times. In Egypt, people still had a direct connection to this primordial wisdom. In Greece, people had only a sense of it—albeit one steeped in noble Greek humanity—and they felt that this wisdom had come to humanity from the world itself, from the world of wisdom. Within the world of wisdom, human beings had felt themselves to be more or less instinctive, more or less unconscious members of the whole of the world. Then, in the Greek sensibility, the feeling of the independence of the human soul began to dawn. In addition to the ancient understanding of the world, the self-knowledge of the human being was to be sought. Essentially, the motto of ancient wisdom was: Know the world, and within the world, know humanity! — This motto of ancient wisdom shone into Greek civilization. But now the urge arose to strive, alongside this knowledge of the world—with humanity within it—for independent human self-knowledge. To the call: “Know the world!” — was joined by: “Know thyself!” — The Greeks stood as if on the shore of the past, taking in the treasures of wisdom with all the richness of that past. We—and I believe anyone with an open mind can feel this—stand on a different shore. We stand on the shore of an indeterminate future, but a future that humanity itself must create in a spiritual sense. And we feel that we need a new truth to remind us, with all our human strength, of what can radiate from within us as a creative force into the indeterminate future. On the shore of the past, the Greeks proclaimed the truth: “Know thyself!” — On the shore of an indeterminate future, we must proclaim the truth: “Become a free being!” This building and everything that is created within it wish to speak of what lies in the oscillation between the two poles of humanity’s present tasks. The short series of intellectual and artistic presentations scheduled for the coming days also wishes to speak of this. We stand at the starting point of the great scientific enigma. Humanity has not yet found the full courage within itself to face this great, formidable scientific enigma. Science has achieved mighty and great things. It has adopted a perspective through which, in the chain of causes and effects, one of the events that our souls perceive is necessarily linked to the next. And it is the most natural aspiration of natural science to include human beings in this chain of natural necessity. It is the great ideal of scientific knowledge to study natural phenomena in accordance with this law of causality, to perceive them—in accordance with their essence—in accordance with this law of causality, and thus also to understand about human beings what can be understood about them according to this law of causality. It is just that today we do not yet fully grasp, with a living sense, what this endeavor, this ideal, actually means for human life.

[ 4 ] Leben wir uns ganz in das ein, was wir in rechter Naturerkenntnis als die Weltnotwendigkeit aufnehmen, dann stehen wir selbst mit unserem Bewußtsein in dieser Weltnotwendigkeit darinnen, dann müssen wir uns sagen: Alles, was in uns selber erlebt wird, ist nur ein Glied in der Kette der Notwendigkeiten. Wenn wir aber aus einer rechten Vertiefung in die naturwissenschaftliche Lebensauffassung uns ein solches Bewußtsein angeeignet haben, dann revoltiert unser Innerstes gegen diese Empfindung, dann spricht ein unsere Seele durchleuchtendes Erlebnis gegen diese Empfindung, dann sagen wir uns: Als Mensch bin ich frei und meine Freiheit muß ich begreifen, mit meiner Erkenntnis muß ich eindringen ebenso wie in das Gewebe der Naturerscheinungen so in das Leben meiner Freiheit.

[ 4 ] If we immerse ourselves completely in what we, through a true understanding of nature, recognize as the necessity of the world, then we ourselves, with our consciousness, stand within this necessity of the world; then we must tell ourselves: Everything we experience within ourselves is merely a link in the chain of necessities. But if, through a true deepening of our scientific understanding of life, we have acquired such an awareness, then our innermost being rebels against this feeling; then an experience that illuminates our soul speaks against this feeling; then we say to ourselves: As a human being, I am free, and I must grasp my freedom; with my understanding, I must penetrate the fabric of natural phenomena just as I do the life of my freedom.

[ 5 ] Faßt man im vollen Sinne des Wortes dieses innere Freiheitsrätsel auf, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Das bedeutsame Wissen, dessen Entwickelung sich durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte zieht und das in die Natur so bedeutsam hineingeleuchtet hat, das braucht eine Erweiterung, um hineinzuleuchten auch in das Erlebnis der menschlichen Freiheit. — Denn immerzu gerechtfertigt würden diejenigen erscheinen, die aus dem naturwissenschaftlichen Bewußtsein der Gegenwart heraus gesagt haben und immer wieder sagen: Wir können nur die Natur begreifen; wir können nicht anders, als haltmachen vor dem Begreifen der menschlichen Freiheit. Wir müssen das alte Kantische Wort wiederholen: Um für den Glauben Platz zu bekommen, müssen wir das Wissen vernichten. — Jawohl, solange wir im bloßen Naturwissen drinnenstehen, so lange gilt dieses Wort. Dann aber kommt dagegen die Aufbäumung, die Revolte des menschlichen Bewußtseins. Und gerade im richtigen Würdigen der größten naturwissenschaftlichen Errungenschaften der neueren Zeit muß der Drang entstehen nach dem Wissen, nach dem Erkennen des Erlebnisses der menschlichen Freiheit. Und ein Erlebnismuß zugleich diese Erkenntnis sein. Denn von ihr ausgehend müssen wir die Kraft, die wir aus ihr gewinnen, hinaustragen in das soziale Leben, das uns heute nicht weniger Rätsel und Fragen aufgibt als das Erkenntnis- und Glaubensleben. Wie sich die Rätsel und Fragen des Erkennens und des Glaubenslebens in der einsamen Stube in innerlichen Seelenkämpfen ausleben, so wirken die anderen, die sozialen Rätsel und Fragen tumultuarisch durch die Welt: weil nicht Menschenkräfte in ihnen wirken, die aus klarem Freiheitsbewußtsein, aus erkenntnismäßig erlebtem Freiheitsbewußtsein sich einzusetzen wissen gegen das, was uns als soziales Chaos heute umgibt.

[ 5 ] If one grasps this inner enigma of freedom in the fullest sense of the word, one is led to say to oneself: The significant body of knowledge, whose development has spanned the last three to four centuries and which has shed such significant light on nature, needs to be expanded so that it may also shed light on the experience of human freedom. — For those who, drawing on the scientific consciousness of the present, have said and continue to say: “We can only understand nature; we have no choice but to stop short of understanding human freedom”—they would always appear justified. We must repeat the old Kantian saying: “To make room for faith, we must destroy knowledge.” — Indeed, as long as we remain confined to mere scientific knowledge of nature, this statement holds true. But then comes the backlash, the revolt of human consciousness. And it is precisely in the proper appreciation of the greatest scientific achievements of modern times that the urge must arise for knowledge, for the recognition of the experience of human freedom. And this recognition must at the same time be an experience in itself. For, starting from this, we must carry the strength we gain from it out into social life, which today presents us with no fewer mysteries and questions than the life of knowledge and faith. Just as the mysteries and questions of the life of knowledge and faith play themselves out in the solitude of one’s room in inner struggles of the soul, so do the other—the social—mysteries and questions rage tumultuously throughout the world: because there are no human forces at work within them that, stemming from a clear sense of freedom—a sense of freedom experienced through knowledge—know how to stand up against what surrounds us today as social chaos.

[ 6 ] Wer das Freiheitsrätsel mit lebendigem Wissen durchdringt, der allein ist imstande, in das soziale Leben die Kraft harmonischen menschlichen Zusammenlebens hinauszutragen. Weil uns in den letzten Jahrhunderten gerade dadurch, daß wir in die Tiefe des äußeren Geschehens eingedrungen sind, diese Kraft genommen worden ist, leben wir heute in dem sozialen Chaos. Licht wird es in diesem Chaos erst werden, wenn wir hineintreten mit der inneren Kraft, die uns das wissende Durchschauen des Freiheitsrätsels gibt. So wie einstmals der alte Grieche fragend gestanden hat vor alledem, was ihm eine alte Weisheit überlieferte, fragend gestanden hat vor dem: Erkenne die Welt! — und übergegangen ist zu dem: Erkenne dich selbst! —, so müssen wir fragend stehen heute vor dem: Mensch, werde ein freies Wesen!

[ 6 ] Only those who penetrate the mystery of freedom with living knowledge are capable of bringing the power of harmonious human coexistence into social life. Because in recent centuries, precisely by delving into the depths of external events, this power has been taken from us, we live today in social chaos. Light will only dawn in this chaos when we step into it with the inner strength that comes from a knowing insight into the riddle of freedom. Just as the ancient Greeks once stood questioning all that ancient wisdom had handed down to them—questioning the command: “Know the world!”—and moved on to: “Know thyself!”—so must we stand questioning today before the call: “Human being, become a free being!”

[ 7 ] Zwischen diesen beiden Polen menschlichen Geschehens, zwischen dem Pol, wo der griechische Weise hineinwarf in die Menge der Denkenden und Unbefangenen das Wort: Frkenne dich selbst! —, und dem anderen Pole, der sich ausspricht in den Worten: Mensch, werde ein freies Wesen! — liegt im Grunde genommen eine Episode menschheitlicher Entwickelung.

[ 7 ] Between these two poles of human existence—between the pole where the Greek sage addressed the assembly of thinkers and open-minded people with the words, “Know thyself!”—and the other pole, which finds expression in the words, “Man, become a free being!”—lies, in essence, an episode in human development.

[ 8 ] Es ist mit Händen zu greifen, wie zwischen diesen beiden Polen eine Episode menschheitlicher Entwickelung liegt. Nehmen wir den modernsten Menschen, von dem diese Freie Hochschule für Geisteswissenschaft ihren Namen leihend trägt, Goethe. Er fand sich hinein in das damals schon dämmernde und drängende neuzeitliche Leben, es vorempfindend in einer Zeit, in der die meisten noch voll in den Traditionen des Alten lebten. Wie wirkte es in Goethes Seele auf der einen Seite nach wahrer Erkenntnis, auf der anderen Seite nach wahrer Kunst hin, und in der Kunst bei ihm auch nach religiöser Vertiefung, nach religiöser Innerlichkeit. Es durchwogten seine Seele alle die Impulse — welche eigentlich damals von ihm allein bemerkt wurden, höchstens noch von einigen seiner Freunde, welche aber mittlerweile in das allgemeine Menschenleben heraufgestiegen sind —, alle die Impulse, die hinneigen, hinzielen nach dem in Freiheit ergriffenen sozialen Leben. Und als er stark genug gefühlt hat, was wie die Morgendämmerung einer neuen Zeit in ihm lebte, da wandte er der nordischen Welt den Rücken und ging hin nach dem Süden, um aus dem, was übriggeblieben war von der alten Griechenkultur herauszuempfinden, was dieser Griechenkultur tiefstes Wesen war. Dieser moderne Mensch, Goethe, hatte in seiner eigenen Seele die weitgespannte Brücke schlagen wollen über die Episode hin zwischen den Zukunftsaufgaben der modernen Menschheit und dem weltumfassenden Resümee der Vergangenheit, wie es im Griechentum gezogen worden ist.

[ 8 ] It is plain to see how an episode in human development lies between these two poles. Let us take the most modern of men, from whom this School of Spiritual Science takes its name: Goethe. He found his way into the modern way of life, which was already dawning and pressing in on the old at that time, sensing it in advance at a time when most people were still fully immersed in the traditions of the past. How did this affect Goethe’s soul—on the one hand, toward true knowledge; on the other, toward true art; and in his art, also toward religious deepening and religious inwardness? All these impulses surged through his soul—impulses that were actually noticed at the time only by him, or at most by a few of his friends, but which have since risen to the surface of general human life—all these impulses that incline toward and aim for a social life embraced in freedom. And when he felt strongly enough what was alive within him—like the dawn of a new era—he turned his back on the Northern world and went south to discern, from what remained of ancient Greek culture, the deepest essence of that culture. This modern man, Goethe, had sought to build within his own soul a vast bridge spanning the gap between the future tasks of modern humanity and the all-encompassing synthesis of the past, as it had been forged in Greek civilization.

[ 9 ] Und lebt denn nicht das, was Goethe so an seiner eigenen Persönlichkeit dargestellt hat, im Grunde genommen heute in jedem Menschen, der hinaufstreben will nach jener Sphäre, wo ihm entgegentreten können in ihren wahren Gestalten die großen Weltenfragen? Schöpfen denn diejenigen, die sich unserer Bildung widmen, nicht noch immer das, was dieser Bildung den formalen Untergrund geben soll, aus dem Griechentum? Wird nicht das Herz und der Verstand derer, die für diese Bildung heranerzogen werden, in unserer Gymnasialbildung noch immer vom Griechentum durchdrungen? — Wir müssen diese Episode empfinden, wie sie erst tragisch und dann erlösend Goethe der Menschheit vorempfunden hat. Dann aber werden wir auch verstehen, wie wir uns in einer neuen Weise zuwenden müssen auch dem anderen Pole, dem Pole menschlicher Selbsterkenntnis, wie wir uns in dem Augenblicke weltgeschichtlicher Entwickelung, in dem aus unserem tiefsten Inneren das Wort herauftönt: Mensch, werde ein freies Wesen! — auch dem: Erkenne dich selbst! — anders nähern müssen, als der Grieche sich ihm genähert hat.

[ 9 ] And does not what Goethe so vividly portrayed in his own personality essentially live on today in every person who seeks to ascend to that sphere where the great questions of the world can confront them in their true forms? Do not those who devote themselves to our education still draw from Greek culture the very foundation that is meant to provide the formal basis for this education? Are not the hearts and minds of those being educated in this tradition still permeated by Greek culture in our high school education? — We must experience this episode as Goethe first perceived it—as tragic and then as redemptive—for humanity. But then we will also understand how we must turn in a new way toward the other pole—the pole of human self-knowledge—and how, at this moment in world history when the word resounds from our deepest inner being: “Man, become a free being!”—we must also approach the call: “Know thyself!”—in a different way than the Greeks did.

[ 10 ] Sehen wir uns um gerade unter denjenigen, die sich mit ihrer ganzen Seelenverfassung hineingelebt haben in die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung, die auf ihrem Boden so groß geworden ist. Wir sehen, wie sich da der Mensch in der Beobachtung sowohl wie im Experiment, durch die ja so viele Rätsel für den modernen Menschen gelöst worden sind, vertieft in das materielle Dasein. Und man sollte genauer, als man das gewohnt ist, hinhorchen auf ein solches Wort, wie es aus diesem neuzeitlichen Bewußtsein heraus etwa ein Du Bois-Reymond gesprochen hat: Da, wo Materie spukt, kann die menschliche Erkenntnis nichts anfangen! — Das materielle Dasein zu durchdringen, daran hat sich die moderne Erkenntnis gewöhnt. Sie hat Großartiges auf diesem Gebiete geleistet. Überall verfolgt sie, wie die materielle Welt sich in den materiellen Erscheinungen gliedert. Aber indem sie das Gewebe der materiellen Erscheinungen entziffern will, muß sie dasjenige voraussetzen, in das sie niemals hineindringen kann, wenn sie auf ihrem eigenen Boden bleibt: die Welt der Materie selber.

[ 10 ] Let us look around, particularly among those who have immersed themselves, with their entire being, in the modern scientific worldview, which has grown so large on its own terms. We see how, through observation as well as experimentation—which have solved so many mysteries for modern humanity—human beings immerse themselves in material existence. And we should listen more closely than we are accustomed to when hearing a statement such as the one made by Du Bois-Reymond, for example, out of this modern consciousness: “Where matter haunts, human knowledge can do nothing!” — Modern knowledge has become accustomed to penetrating material existence. It has achieved great things in this field. Everywhere it traces how the material world is structured within material phenomena. But in seeking to decipher the fabric of material phenomena, it must presuppose that which it can never penetrate if it remains on its own ground: the world of matter itself.

[ 11 ] Es ist eine lange Geschichte, was sich da abgespielt hat zwischen dem Streben menschlicher Erkenntnis und dem Materierätsel. Was sich auf theoretischem Gebiete da abgespielt hat, kann uns in diesem Augenblicke weniger interessieren. Auf das aber, was als Rückstand geblieben ist im menschlichen Gemüte, im ganzen menschlichen Leben, darauf muß aufmerksam gemacht werden. So sehr man glaubte, auf bloßen Erkenntniswegen zu wandeln bei der Beschäftigung mit den materiellen Erscheinungen, so sehr begründete man, indem man die Materie als solche voraussetzte, in der Seelentiefe eine Empfindungsgrundlage, die das ganze menschliche Leben durchsetzt. Und eine solche Empfindungsgrundlage haben wir. Bei den besten unserer Zeitgenossen können wir sie bemerken. Sie mühen sich ab an dem Materierätsel; sie ringen mit diesem Materierätsel. Und eine ganze Anzahl von ihnen konnte nicht anders, als aus diesem Ringen sich herausheben und zugeben, daß das Menschenrätsel doch auf diesem Wege nicht gefunden, nicht gelöst werden könne, auch nicht im relativen Sinne. Und doch ist diese Lösung für die Sicherheit der menschlichen Seele notwendig. Man möchte nun «im Inneren des Menschen» dem wahren Wesen des Menschen beikommen, aber man hat seinen Geist an der Außenwelt, «die nicht zu durchschauen ist», an den «Voraussetzungen des materiellen Daseins» zu denken, zu empfinden gewöhnt. Was man sich da angewöhnt hat, es verzichtet auf das Durchschauen. Und wendet man diesen Geist, der auf das Durchschauen verzichtet, nach innen, so wird man im modernen schlechten Sinne Mystiker.

[ 11 ] What has unfolded between the pursuit of human knowledge and the mystery of matter is a long story. What has taken place in the theoretical realm is of less interest to us at this moment. However, we must draw attention to what has remained as a residue in the human mind and in human life as a whole. As much as people believed they were walking the path of pure knowledge in their study of material phenomena, by presupposing matter as such they established, deep within the soul, a foundation of feeling that permeates all of human life. And we do have such a foundation of feeling. We can observe it in the best of our contemporaries. They toil over the riddle of matter; they wrestle with this riddle of matter. And a good number of them could not help but rise above this struggle and admit that the riddle of humanity cannot be found or solved in this way, not even in a relative sense. And yet this solution is necessary for the security of the human soul. One might now wish to arrive at the true nature of the human being “within the human being,” but one’s mind has become accustomed to thinking about and perceiving the external world—“which cannot be fathomed”—and the “prerequisites of material existence.” What one has become accustomed to in this way renounces the act of fathoming. And if one turns this mind, which has renounced insight, inward, one becomes a mystic in the modern, negative sense.

[ 12 ] Das bemerken heute leider nur allzuwenige: daß die Besten, die von unserer Naturerkenntnis sich abwenden und zu einem Streben nach Erkenntnis des menschlichen Inneren kommen, sich ihre Denk- und Empfindungsgewohnheiten an dem Betrachten der Materie, «die undurchschaubar ist», angeeignet haben, und nun in das menschliche Innere das, was sie sich als Denk- und Empfindungsgewohnheiten am Betrachten der Außenwelt angeeignet haben, hineintragen. Wenn man aber den Blick, den man zuerst an der dunklen, finsteren «Materie» geschult hat, nach innen wendet, dann wird nebulose Mystik daraus, und die nebulose Mystik verriegelt das Tor zu dem: Erkenne dich selbst!

[ 12 ] Unfortunately, far too few people realize this today: that the best among us, who turn away from our understanding of nature and come to seek knowledge of the human inner life, have acquired their habits of thought and feeling through the observation of matter, “which is inscrutable,” and now carry into the human inner world what they have acquired as habits of thought and feeling through their observation of the external world. But when one turns inward the gaze that was first trained on dark, gloomy “matter,” it becomes nebulous mysticism, and this nebulous mysticism locks the gate to “Know thyself!”

[ 13 ] Das ist es, worauf mit starker Betonung alles hinweisen möchte, was innerhalb dieser Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gewirkt wird. Vermieden muß werden der Weg nebuloser Mystik ebenso wie der Weg, der einzig und allein in äußere naturwissenschaftliche Notwendigkeit und damit in Vernichtung der Freiheitserkenntnis hineinführt. Vermeiden können wir diese Wege nur, wenn wir wirkliche Geisteswissenschaft suchen, nicht jene Geisteswissenschaft, die nicht haltmachen darf vor dem menschlichen Inneren, welche dann, nachdem sie haltgemacht hat, den Weg doch weiter fortsetzt, indem sie mystische Nebel in dieses menschliche Innere hineinstrahlt. Nicht darf dieses die hier gemeinte Geisteswissenschaft tun! Mit jener Schulung, die gewonnen worden ist in heller, klarer, lichtvoller Erkenntnis an den äußeren Tatsachen, muß mystikfrei, aber geisteswissenschaftlich hineingeleuchter werden können in das menschliche Innere. Das: Erkenne dich selbst! — darf nicht in mystischem Leben, dunkel, es muß in heller, lichter Klarheit erfaßt werden. Dann wird sich zusammenschließen das, was dem Menschen ersprießt aus der Innenerkenntnis, aus der Erfüllung des Wortes: Erkenne dich selbst! — und was ihm ersprießt aus dem sich zur äußeren Natur Erkennendverhalten unter dem Wahrworte: Mensch, werde ein freies Wesen!

[ 13 ] This is precisely what everything done within this School of Spiritual Science seeks to emphasize. We must avoid both the path of nebulous mysticism and the path that leads solely to external scientific necessity and thus to the destruction of the knowledge of freedom. We can avoid these paths only if we seek true spiritual science—not the kind of spiritual science that is not permitted to pause at the threshold of the human inner being, and which, having paused there, nevertheless continues on its way by casting mystical mists into that inner being. The spiritual science referred to here must not do this! With the training gained through bright, clear, and luminous insight into external facts, it must be possible to shine light into the human inner world—free of mysticism, yet in accordance with spiritual science. The command: “Know thyself!”—must not be grasped in a dark, mystical life; it must be grasped in bright, luminous clarity. Then what springs forth from inner knowledge—from the fulfillment of the word “Know thyself!”—will unite with what springs forth from the human being’s cognitive engagement with external nature under the watchword: “Human being, become a free being!”

[ 14 ] Wie zwei Säulen, die ideell im Geiste dastehen, wenn man diesen Bau betritt, möchten angesehen werden diese zwei Wahrworte: die Säule wahrhaftiger, lichtvoller menschlicher Selbsterkenntnis und die Säule der menschlichen Freiheit. Die erste ist geeignet, an dasjenige den Menschen zu mahnen, was ihm Sicherheit und Halt, künstlerische Betätigung und religiöse Befriedigung gewähren kann. Die andere ist geeignet, ihn mit Kraft auszustatten, mitzuwirken bei den drängenden sozialen Fragen der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Von alledem, was hier in der Befruchtung der einzelnen Fachwissenschaften angestrebt wird, wie sich insbesondere in den nächsten Tagen zeigen soll, möchte der weltgeschichtliche Moment erfaßt sein, so gut er eben in aller Bescheidenheit erfaßt werden kann, der uns ebenso an das Ufer einer unbestimmten Zukunft stellt, wie der Grieche an das Ufer einer erfüllten, überwältigend wirkenden Vergangenheit gestellt war.

[ 14 ] These two guiding principles should be viewed as two pillars standing symbolically in the mind when one enters this building: the pillar of true, enlightened human self-knowledge and the pillar of human freedom. The first serves to remind people of what can provide them with security and stability, artistic expression, and religious fulfillment. The other serves to empower them to play an active role in addressing the pressing social issues of the present and the near future. In all that is being sought here through the cross-fertilization of the individual academic disciplines—as will become particularly evident in the coming days—we wish to grasp, as best we can in all modesty, the moment in world history that places us on the threshold of an uncertain future, just as the Greeks stood on the threshold of a fulfilled, overwhelmingly powerful past.

[ 15 ] Dazu aber müssen wir kommen, daß wir das lichtvolle Erfassen des menschlichen Inneren in dem Wissen selber fühlen, daß wir das Wissen nicht mehr bloß hinschleppen am äußeren Beobachten und am äußeren Experimente, sondern daß wir es frei erheben und, indem wir es durchkraften mit dem inneren Wesen des Menschen, uns mit diesem Wissen hineinversetzen in das Leben der Freiheit, in das uns die bloße naturwissenschaftliche Betrachtung niemals hineinversetzen kann. Naturwissenschaftlich ist es ehrlich, die Freiheit zu leugnen, menschlich ist es, gegen diese Leugnung zu protestieren und in diesem Protest den Ausgangspunkt einer freien, aus dem menschlichen Inneren — ihren Organen nach — geborenen Geisteswissenschaft zu sehen.

[ 15 ] But to achieve this, we must come to the point where we feel, within knowledge itself, a luminous grasp of the human inner life—knowing that we no longer merely drag knowledge along with external observation and external experimentation, but that we freely elevate it and, by infusing it with the inner essence of the human being, we immerse ourselves with this knowledge in the life of freedom—a life into which mere scientific observation can never lead us. From a scientific standpoint, it is honest to deny freedom; from a human standpoint, it is to protest against this denial and to see in this protest the starting point of a free spiritual science born from the inner human being—in accordance with its own organs.

[ 16 ] Dieser Geisteswissenschaft gegenüber braucht man, weil sie eindringt nicht in das Tote, sondern in das Leben, nicht zu fürchten, daß sie wie die tote Verstandeswissenschaft ertötend wirken werde auf die Kunst. Sie wird aus dem, was sie aus dem Geiste herausholt, die Kunst befruchten können. Es wird dieses Erkennen selbst nach außen künstlerisch wirken können, weil es in lichtvoller Klarheit hinuntertaucht in menschliche Tiefen. Es wird einlaufen aus dem wahren Erkennen in das Verehren desjenigen, was sich im menschlichen Inneren offenbaren kann. Und es wird eine solche, nur mehr die Form der Mystik festhaltende Erkenntnis, die aber zum Lichte strebt, zu gleicher Zeit auslaufen lassen das menschliche Wissen in religiöse

[ 16 ] This spiritual science is needed because it delves not into what is dead, but into life; there is no need to fear that it will have a stifling effect on art, as the dead science of the intellect does. It will be able to enrich art with what it draws from the spirit. This insight itself will be able to exert an artistic influence outwardly, because it plunges into the depths of the human soul with luminous clarity. It will flow from true insight into a reverence for that which can reveal itself within the human soul. And such insight—which retains only the form of mysticism but strives toward the light—will at the same time allow human knowledge to flow into the religious

[ 17 ] Verehrung des Höchsten, was durch die Welt hindurch lebt und webt. Neue künstlerische Kräfte, neue religiöse Vertiefungen werden aus einem solchen, das Innere des Menschen erfassenden Wissen kommen können. Und das Leben, in das ein solches Wissen untertauchen darf, wird ein Leben in Freiheit sein. Es wird dem Menschen zunächst das Bewußtsein der Freiheit sicherstellen. Der Mensch wird sich nicht zu verlieren brauchen an die äußere Naturnotwendigkeit, an die er sich mit dem bloßen naturwissenschaftlichen Bewußtsein verliert, weil diesem nur Notwendigkeit und nicht Freiheit vorliegt.

[ 17 ] Worship of the Supreme, which lives and weaves its way through the world. New artistic powers and new depths of religious experience will be able to arise from such knowledge, which encompasses the innermost being of the human person. And the life into which such knowledge is allowed to immerse itself will be a life of freedom. It will first and foremost ensure that human beings have an awareness of freedom. Human beings will not need to lose themselves to the external necessities of nature—to which they lose themselves through mere scientific consciousness, because the latter perceives only necessity and not freedom.

[ 18 ] Und frei wird der Künstler werden von dem bloßen Modell in der Nachahmung der äußeren Natur, die er doch niemals erreichen kann. Aus geistigen Höhen herunter wird er holen, was er der Materie einprägen will. Ein schwacher Anfang zu solchem Herunterholen von Formen, die dem freien Geiste sich offenbaren, die sich nicht knüpfen an Nachahmung im Modell, soll sein, was aus den Formen und dem Bildnerischen und dem sonstigen Künstlerischen dieses Baues spricht.

[ 18 ] And the artist will be freed from the mere model in his imitation of external nature, which he can never truly capture. From spiritual heights, he will draw what he wishes to imprint upon matter. A tentative beginning toward such a drawing down of forms—forms that reveal themselves to the free spirit and are not bound to imitation of a model—is to be found in what speaks from the forms, the visual arts, and the other artistic elements of this building.

[ 19 ] Und frei von allem bloß Traditionellen, das an den Menschen als ein Äußeres, als ein Unfreies herantritt, soll das religiöse Erleben werden: frei ergreifend, was sich als das Göttliche im Inneren des Menschen selber enthüllt, frei im Inneren sich verbindend mit derjenigen Kraft, die sich ihrer wahren Wesenheit nach doch nur in Freiheit mit diesem menschlichen Inneren wahrhaftig verbinden will: der Christus-Kraft.

[ 19 ] And religious experience is to become free from everything that is merely traditional, which approaches human beings as something external, as something unfree: freely grasping what reveals itself as the divine within human beings themselves, freely uniting within with that power which, by its very nature, truly desires to unite with this human inner being only in freedom: the Christ-power.

[ 20 ] Wissen nach den verschiedensten Gebieten hin — nach dem äußeren Natürlichen, nach dem Inneren des Menschen, nach dem beides umfassenden Einheitlichen —, das ist das neue Streben nach Erfüllung des Wortes: Erkenne dich selbst! — Dreifacher Schritt der Freiheit: Freiheit im inneren Erleben des Menschlichsten, Freiheit im Schaffen, auch im künstlerischen Schaffen, Freiheit im religiösen Erleben, das ist das andere.

[ 20 ] Knowledge extending into the most diverse realms—into the external natural world, into the inner world of the human being, and into the unified whole that encompasses both—this is the new striving to fulfill the saying: “Know thyself!” — The threefold step toward freedom: freedom in the inner experience of what is most human, freedom in creative work—including artistic creation—and freedom in religious experience; that is the other aspect.

[ 21 ] Dazu soll führen die Befruchtung der einzelnen Wissenschaften und menschlichen Lebenszweige und des ganzen sozialen Lebens, wovon in den nächsten Tagen hier gesprochen werden soll. Gezeigt werden soll, daß aus den einzelnen Wissenschaften heraus nicht nur — wie es eine moderne, in den Tod gehende Philosophie tun will — gewisse Sätze gewonnen werden können, aus denen man dann eine abstrakte Weltanschauung zusammenzimmert, sondern daß durch Geistbeobachtung eine Weltanschauung über allem Sinnlichen gewonnen werden kann, und daß in die einzelnen Fachwissenschaften diese allgemeine, lichtvoll erfaßte Weltanschauung hineinleuchten kann.

[ 21 ] This is to be achieved through the cross-fertilization of the individual sciences, the various aspects of human life, and social life as a whole—a topic that will be discussed here in the coming days. The aim is to show that from the individual sciences—not only, as a modern, dying philosophy would have it, can certain propositions be derived from which one then cobbles together an abstract worldview—but that through spiritual observation, a worldview transcending all the sensory realm can be attained, and that this general, luminously grasped worldview can shine into the individual specialized sciences.

[ 22 ] Man hat auch verlangt, daß die Weltanschauung sich nähre aus dem, was ihr die einzelnen Wissenschaften und ihre Ergebnisse abgeben. Die Zeit ist gekommen, wo aus einer im Geiste erlebten Weltanschauung die Ergebnisse herunterstrahlen in die einzelnen Wissenschaften. Mag das die Welt heute noch wenig erkennen, das, was hier an diesem Orte geschieht, das soll niemals aus einem anderen Ton als aus dem heraus kommen, der selber impulsiert ist auf der einen Seite von dem wahrhaftigen: Erkenne dich selbst! — auf der anderen Seite von dem: Mensch, werde ein freies Wesen! — Das ruft uns aber nicht nur die einsame Wissenschaftsbetrachtung im menschlichen Inneren zu. Das ruft uns zu unsere ganze katastrophale Zeit von heute. Und wenn wir zusammenfassen, was im Tiefsten ruht in den Zeitenrätseln und Zeitenfragen, so ist es das, was ich versuchte heute anzutönen.

[ 22 ] It has also been demanded that a worldview draw its nourishment from what the individual sciences and their findings provide. The time has come when the findings radiate down into the individual sciences from a worldview experienced in the spirit. Even if the world today recognizes this only to a limited extent, what happens here in this place must never be expressed in any tone other than one that is itself inspired, on the one hand, by the true maxim: “Know thyself!”—and, on the other hand, by the call: “Human being, become a free being!” — But this call does not come to us only from solitary scientific reflection within the human soul. It comes to us from our entire catastrophic age today. And if we summarize what lies deepest within the mysteries and questions of our time, it is precisely what I have attempted to convey today.

[ 23 ] Von dem, was uns so aufgegeben ist von den Zeichen der Zeit wie von dem fühlenden Menschenwesen, das innerhalb dieser Zeit steht, darf man so sprechen zum Alter. Diese älteren Menschen haben es erfahren, was es heißt, in einer katastrophalen Zeit zu leben. Sie fühlen, wie abgetaut sind die Ideale ihrer Jugend. Sie fühlen, wie ausgeflossen ist in ein Zivilisationschaos, was sie glaubten in ihrer Jugend hinauszutragen in die moderne abendländische Zivilisation. Zu ihnen, die solches erfahren haben, darf so gesprochen werden, wie heute gesprochen worden ist. Denn es muß solches Wort die Seite im menschlichen Seelenleben finden, die da sagt: Wir müssen noch benützen des Lebens Rest, um die Menschheit hinzuweisen auf Stärkeres, als dasjenige war, was durch uns gewirkt hat.

[ 23 ] One may speak in this way of old age, both in terms of what is presented to us by the signs of the times and by the sentient human being who lives within that time. These older people have experienced what it means to live in a time of catastrophe. They feel how the ideals of their youth have melted away. They feel how what they believed in their youth they were to carry forward into modern Western civilization has dissolved into a chaos of civilization. To them, who have experienced such things, one may speak as has been spoken today. For such words must find a place in the life of the human soul that says: We must still make use of what remains of our lives to point humanity toward something stronger than what has worked through us.

[ 24 ] Und auch zur Jugend darf mit solchen Worten gesprochen werden. Denn sie schaut noch in voller Kraft, was im Zusammensturz ist, was in der Katastrophe lebt. Sie kann fühlen, innehabend ihre volle Menschenkraft und volle Menschenbegeisterung, daß etwas Neues, etwas Kraftvolles geschehen muß. Und der rechte Alte von heute wird suchen das Wort, das zünden kann in der Jugend, auf daß andere Zeiten sehen die Seelen, die aus den Augen der heutigen Jugend in die Welt blicken, als sehen müssen die Seelen, die durch heute alte Augen in die Welt blicken.

[ 24 ] And such words may also be spoken to the youth. For they still see, with all their strength, what lies in the collapse, what lives in the catastrophe. Possessing their full human strength and full human enthusiasm, they can feel that something new, something powerful, must happen. And the true elder of today will seek the words that can ignite the youth, so that the souls looking out into the world through the eyes of today’s youth may see different times than the souls who look out into the world through the eyes of today’s elders.

[ 25 ] Und so darf man wohl zu jedem Lebensalter sprechen. So darf man sprechen zu denen, die man in einer gewissen Sprache die «alten Häuser» aller Sorten nennt, so darf man sprechen zu den jungen Kommilitonen. Denn so darf man sprechen nicht nur aus den Zeitenaufgaben heraus, sondern aus den größten Aufgaben des menschlichen Wesens selbst. Und wir leben in einer Zeit, wo des Menschen größte Lebensfragen Zeitaufgaben geworden sind. Wir leben in einer Zeit, in der wir hineinschauen können in der Menschen tiefstes Innere. Und wir werden da geschrieben sehen die Aufforderung zu handeln, zu handeln in einer Richtung, die wir zugleich angegeben finden, wenn wir hinschauen auf die äußeren Zeichen der Zeit mit ihrer deutlichen Sprache.

[ 25 ] And so one may well speak to people of every age. One may speak to those whom, in a certain language, one calls the “old houses” of all kinds, and one may speak to one’s young fellow students. For one may speak in this way not only in light of the challenges of our times, but also in light of the greatest challenges of human existence itself. And we live in a time when humanity’s greatest questions of life have become the challenges of our time. We live in a time when we can look into the deepest recesses of the human soul. And there we will see inscribed the call to act—to act in a direction that is simultaneously laid out before us when we look at the outward signs of the times with their clear language.

[ 26 ] Von dem, was in dieser zweifachen Blickrichtung liegt, möchte in den nächsten Tagen gesprochen werden. Möchte das Gesprochene Aufmerksamkeit finden. Denn in der heutigen Zeit den Menschen verstehen, heißt, ein Wichtigstes im Menschenleben selber empfinden und fühlen. Der allein stellt sich heute recht und gerecht in das menschliche Wirken der Zeit hinein, der sich zu sagen versteht: in den Zeichen der Zeit liegt die Aufforderung ausgesprochen, ins tiefste menschliche Innere erkennend, geist-erkennend hineinzuschauen. Und was der Mensch nur in seinem Inneren heute ergründen kann, ist zu gleicher Zeit das, was zu erkennen, zu fühlen, zu wollen, zu vollbringen uns auf fordern die deutlich sprechenden Zeichen der Zeit.

[ 26 ] In the coming days, I would like to speak about what lies within this dual perspective. May what is said receive attention. For in today’s world, to understand human beings means to perceive and feel for oneself what is most essential in human life. Only those who can say to themselves: “The signs of the times clearly call upon us to look into the deepest recesses of the human soul—to look with spiritual insight”—can truly and justly position themselves within the human endeavors of our time. And what a person can fathom only within themselves today is, at the same time, what the clearly speaking signs of the times demand of us to recognize, to feel, to will, and to accomplish.

[ 27 ] Auf die Eröffnungsrede Rudolf Steiners folgte ein Vortrag Albert Steffens über «Das Werden des Kunstwerk».

[ 27 ] Rudolf Steiner’s opening address was followed by a lecture by Albert Steffens on “The Becoming of the Work of Art.”

[ 28 ] Darauf sprach Frau Marie Steiner die von Rudolf Steiner schon für die Eröffnungsfeier des Ersten Hochschulkurses umgestalteten Worte des Hilarius aus: «Der Hüter der Schwelle»:

[ 28 ] Mrs. Marie Steiner then recited Hilarius's words, which Rudolf Steiner had already adapted for the opening ceremony of the First School of Spiritual Science: “The Keeper of the Threshold”:

In jenes Geistes Namen, der den Seelen
In unsrem Strebensorte sich verkündet,
Erscheine ich in diesem Augenblicke
Vor Menschen, die von jetzt an hören wollen
Das Wort, das hier den Seelen ernst erklingt.
Nicht frühern Zeiten konnten jene Mächte,
Die unsres Erdenwerdens Ziele lenken,
In vollbewußter Art sich offenbaren.
Denn wie im Kinderleibe erst allmählich
Die Kräfte reifen müssen und erstarken,
Die zu des Wissens Trägern sind bestimmt,
So mußte sich als Ganzes auch entfalten
Das Menschentum in seinem Erdenlauf.
In Dumpfheit lebten erst die Seelentriebe,
Die später würdig sich erweisen sollten,
Aus hohen Welten Geisteslicht zu schauen.
Doch wurden als der Menschen weise Führer
Im Erdbeginn dem Geist ergebne Seelen
Von höhren Daseinsmächten auserwählt.
Sie pflegten in des Wissens Strebeorten
Die Geisteskräfte, die Erkenntnisstrahlen
In Seelen sandten, die nur dumpf bewußt
Von ihrem Schauen sich durchdringen konnten.
Erst später konnten aus der Menschen Reihen
Die Geistesforscher sich die Schüler holen,
Die durch das willensstarke Prüfungsleben
Sich reif erwiesen, in Bewußtheits Helle
Zum Geisteswissen zielvoll hinzustreben.
Und als der ersten Führer Schüler später
Das edle Gut in Würde pflegen konnten,
Verschwand die unbewußte Führerschaft,
Daß freie Seelen wissend streben durften.
Und freie Seelen wählten sich dann Menschen,
Die ihnen folgen durften in der Pflege
Des Geistesschatzes; und so ging es weiter
Von einem Menschenalter hin zum andern.
Es sind bis jetzt ja alle Wissensstätten,
Die dies in Wahrheit sind, gerecht entsprungen
Der höchsten, die in Geistessphären steht.
In ernstem Suchen streben wir allhier
Nach wahrem Geistes-Menschenerbe hin.
Wir werden niemals von Erkenntnis sprechen,
Die nicht des Geistes eignes Siegel trägt,
Allein vom Lichte aus den Geisteswelten,
Das schauend Menschen sich erschließen kann,
Die sich ihm strebend anvertrauen wollen,
Um ihrer Seele Tiefen zu ergründen.
Zu diesem Lichte würdig hinzustreben,
Das weiset uns der Zeitenwende Ernst
Und ihre Not; die Zeichen sind fürwahr
Bedeutungsschwer, die sich im Weltenplane
Jetzt Geistesaugen deutlich offenbaren.

In the name of that Spirit who reveals Himself to the souls
In the place of our striving,
I appear at this very moment
Before people who, from now on, wish to hear
The Word that resounds here with solemnity for the souls.
In times past, those powers
That guide the goals of our earthly existence,
Reveal themselves in a fully conscious manner.
For just as in a child’s body
The powers must first gradually mature and grow stronger,
Those destined to be bearers of knowledge,
So too must humanity as a whole unfold
In its earthly journey.
At first, the soul’s impulses lived in dullness,
Which were later to prove themselves worthy,
To gaze upon the light of the spirit from high worlds.
Yet, as wise guides for humanity
At the dawn of the Earth, souls devoted to the spirit
Were chosen by higher powers of existence.
In the places where knowledge is sought
they cultivated the spiritual powers that sent rays of insight
into souls whose consciousness was still so dim
that they could only be permeated by their vision.
Only later could the spiritual researchers from among humanity
select their disciples—
who, through a life of trials marked by strong will
had proven themselves mature, so that in the light of consciousness
they might purposefully strive toward spiritual knowledge.
And when the disciples of the first guides were later able
to cultivate this noble treasure with dignity,
the unconscious leadership vanished,
So that free souls might strive in knowledge.
And free souls then chose for themselves people,
Who were permitted to follow them in the preservation
Of the spiritual treasure; and so it continued
From one generation to the next.
Indeed, all centers of knowledge to this day,
That are truly such, have rightly sprung
From the highest, which stands in the spiritual spheres.
In earnest seeking, we strive here
Toward the true spiritual-human heritage.
We will never speak of knowledge,
That does not bear the Spirit’s own seal,
But only of the light from the spiritual worlds,
Which, when beheld, can reveal itself to human beings,
Who, striving toward it, wish to entrust themselves to it,
To fathom the depths of their souls.
To strive worthily toward this light,
is what the gravity of this turning point
and its distress teach us; the signs are indeed
laden with meaning, which on the world stage
now reveal themselves clearly to the eyes of the spirit.