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The Stimulating Effect of Anthroposophy
on the Sciences
GA 76

4 April 1921, Dornach

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2. Philosophie

2. Philosophy

[ 1 ] Die Vorträge dieser Woche sollen so eingerichtet sein, daß jeder Tag einem anderen Fache gewidmet ist, so daß erscheinen kann, was als Befruchtung der einzelnen Fachwissenschaften und Zweige des praktischen Lebens von der Geisteswissenschaft bewirkt werden soll. Heute soll mit dem wissenschaftlichen Fach begonnen werden, das in einer gewissen Beziehung der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, selber am nächsten steht: mit dem Fache der Philosophie. Was ich hier selbst werde zu sagen haben, soll eine Art Einleitung sein zu den Fragen, die im Laufe des heutigen "Tages behandelt werden sollen.

[ 1 ] This week’s lectures are to be organized so that each day is devoted to a different subject, thereby revealing the way in which the science of the spirit is intended to enrich the individual academic disciplines and branches of practical life. Today we shall begin with the academic discipline that, in a certain sense, is closest to the science of the spirit as understood here: the discipline of philosophy. What I myself have to say here is intended to serve as a kind of introduction to the questions that will be addressed in the course of today’s session.

[ 2 ] Ich möchte dabei von einem der interessantesten und sogar bedeutsamsten Phänomene der neueren philosophischen Entwickelung ausgehen. Es ist ja durchaus so, daß nicht immer diejenigen Erscheinungen die bedeutsamsten und interessantesten sind, die bald darauf in den gebräuchlichen Geschichtswerken verzeichnet werden. Und so möchte ich denn von einer Erscheinung ausgehen, die noch sehr wenig geschichtlich zum Ausdrucke gekommen ist, von der ganzen Bedeutung eines 1888 erschienenen philosophischen Werkes, das herrührt von Ludwig Haller, einem Regierungsrat und Staatsanwalt, und das den Titel trägt «Alles in Allen: Metalogik, Metaphysik, Metapsychik». Ich darf von diesem Phänomen im philosophischen Leben um so mehr ausgehen, als derjenige, der meine eigene schriftstellerische Laufbahn verfolgt, sehen kann, daß ich selbst von diesem Phänomen ganz unbeeinflußt geblieben bin, weil dasjenige, was meine Stellung zur Philosophie ausmacht, durchaus schon enthalten ist in meinen Schriften, die vor dieser «Metalogik, Metaphysik, Metapsychik» erschienen sind, und das, was ich später gesagt habe, nur eine sachgemäße und konsequente Ausgestaltung des in meinen ersten Schriften Enthaltenen ist.

[ 2 ] I would like to begin with one of the most interesting and even most significant phenomena in recent philosophical development. It is certainly true that the phenomena that are recorded shortly thereafter in standard historical works are not always the most significant and interesting ones. And so I would like to begin with a phenomenon that has received very little historical attention: the full significance of a philosophical work published in 1888 by Ludwig Haller, a government councilor and public prosecutor, entitled Alles in Allen: Metalogik, Metaphysik, Metapsychik (Everything in All: Metalogic, Metaphysics, Metapsychology). I am all the more justified in taking this phenomenon in philosophical life as my starting point because anyone who has followed my own career as a writer can see that I myself have remained entirely unaffected by it; for what defines my stance toward philosophy is already fully contained in my writings published prior to this Metalogik, Metaphysik, Metapsychics, and what I have said subsequently is merely a proper and consistent elaboration of what was contained in my earlier writings.

[ 3 ] Vor allen Dingen tritt uns in dem Staatsanwalt und Regierungsrat Ludwig Haller, der sonst nichts geschrieben hat als das genannte Werk, ein Mensch entgegen, bei dem das, was man Philosophie nennt, nicht nur Fachwissenschaft ist— obwohl er in einer gewissen Beziehung durchaus befähigt ist, sich mit dieser Fachwissenschaft auseinanderzusetzen —, sondern bei dem das, was er vorbringt, aus unmittelbar persönlichem philosophischem Erleben heraus kommt. Wir haben es mit einer Persönlichkeit zu tun, welcher das philosophische Streben innerlichstes persönliches Erleben geworden ist. Und wenn wir gleich eingehen auf das Bedeutsamste bei Ludwig Haller, dann müssen wir verzeichnen, daß er eigentlich mit der ganzen Art des philosophischen Denkens der neueren Zeit auf dem Kriegsfuße steht. Er hat sich offenbar viel umgetan in allerlei Philosophie und auch in denjenigen Literaturwerken, in denen «Lebensphilosophie» sprudelt. Er hat sich eingewöhnt in das philosophische Denken seiner Zeit und er hat sefunden — es ist das, wie gesagt, seine Meinung —, daß man sich mit diesem philosophischen Denken eigentlich in einer Art von unwirklichem Kreise dreht, daß man mit diesem philosophischen Denken niemals in die Lage kommt, in die Wirklichkeit selber unterzutauchen.

[ 3 ] Above all, in the public prosecutor and state councilor Ludwig Haller—who has written nothing else but the aforementioned work—we encounter a person for whom what is called philosophy is not merely an academic discipline—although in a certain sense he is certainly capable of engaging with this academic discipline—but rather, for whom what he presents springs from an immediate, personal philosophical experience. We are dealing with a personality for whom the philosophical quest has become the most intimate personal experience. And if we are to address immediately the most significant aspect of Ludwig Haller, we must note that he is, in fact, at odds with the entire mode of modern philosophical thought. He has evidently delved deeply into all manner of philosophy and also into those literary works in which “philosophy of life” abounds. He has familiarized himself with the philosophical thought of his time and has found—as I said, this is his opinion—that with this philosophical thought one is actually spinning in a kind of unreal circle, that with this philosophical thought one never finds oneself in a position to immerse oneself in reality itself.

[ 4 ] Ludwig Haller möchte mit seinem Philosophieren in die geistige Wirklichkeit eindringen, die er, indem er offenbar seiner Erziehung nach herausgewachsen ist aus mehr religiösen Vorstellungen, «das Göttliche» oder auch wohl «Gott» nennt. In diesem «Göttlichen» oder in «Gott» sucht er den Quell alles dessen, was als die eigentliche Wesenheit auch in der menschlichen Seele leben und dessen sich die Menschenseele auch bewußt werden müsse. Aber er kommt eben darauf, daß diese Seele, indem sie die zu seiner Zeit gebräuchlichen Begriffsgewebe verarbeitet, in dieses Zentrum ihres Wesens, wo sie eins ist mit dem Göttlich-Geistigen der Welt, nicht eindringen könne.

[ 4 ] Through his philosophical reflections, Ludwig Haller seeks to penetrate the spiritual reality which—having evidently outgrown, as a result of his upbringing, more religious notions—he calls “the Divine” or perhaps even “God.” In this “Divine” or in “God,” he seeks the source of all that lives as the true essence within the human soul as well—and of which the human soul must also become aware. But he comes to the conclusion that this soul, by processing the conceptual frameworks common in his time, cannot penetrate into this center of its being, where it is one with the divine-spiritual essence of the world.

[ 5 ] Da dieses Gedankenweben der Philosophen Ende der achtziger Jahre, in denen das genannte Werk erschien, ja noch vielfach ganz und gar beeinflußt war von Kant und also Kantische Gedanken in diesem Gedankenweben lebten, so fühlte sich Ludwig Haller vor allen Dingen auch veranlaßt, sich mit dem Kantianismus und alledem, was von dem Kantianismus herrührt, zu beschäftigen. Aber gerade in all den Gedanken, in die nur irgendwie Kantisches hineinfließt, sah er das Unwirkliche, dasjenige, was niemals in die Wirklichkeit der Welt untertauchen kann. Und er war eigentlich unglücklich darüber, daß er, weil er eben philosophisch in seiner Zeit sprechen wollte, sich mit diesem vom Kantianismus durch und durch infizierten Denken beschäftigen müsse, daß er immer wieder und wiederum darauf zurückkommen müsse, sich mit dem Kantianismus auseinanderzusetzen. Er fand recht scharfe Worte, um erstens den Kantianismus selbst zu charakterisieren, und dann auch für das ihm so unsympathische Sichauseinandersetzen-Müssen mit dem Kantianismus. Ich möchte Ihnen zwei Proben aus diesem Beurteilen des Kantianismus hier mitteilen, damit Sie sehen, womit ein Mensch, für den Philosophie eine innerlichst persönliche Angelegenheit ist, in unseren Zeiten ringt.

[ 5 ] Since this web of philosophical thought in the late 1880s—when the aforementioned work was published—was in many ways still entirely influenced by Kant, and thus Kantian ideas lived on within this web, Ludwig Haller felt compelled, above all else, to engage with Kantianism and everything that stems from it. But it was precisely in all those ideas into which something Kantian flows, however indirectly, that he saw the unreal—that which can never be immersed in the reality of the world. And he was actually unhappy that, precisely because he wanted to speak philosophically in his own time, he had to grapple with this way of thinking—which was thoroughly infected by Kantianism—and that he had to return time and again to engage with Kantianism. He found quite sharp words, first to characterize Kantianism itself, and then also for the necessity of grappling with Kantianism—a task he found so distasteful. I would like to share with you two examples from this critique of Kantianism here, so that you may see what a person, for whom philosophy is a deeply personal matter, is struggling with in our times.

[ 6 ] Einmal spricht da Ludwig Haller vom Kantianismus so, daß er über ihn sagt: der «pseudodialektische, halbwahre, im Tiefsten unredliche Charakter dieser Misosophie, welche dem Arsenal des Lichtes die Waffen zu stehlen versucht, um sie im Dienste der Finsternis zu verwenden». Ein andermal wird er, ich möchte sagen, schriftstellerisch wütend darüber, daß er immer wieder und wiederum sich genötigt findet, weil er doch mit seinen Zeitgenossen sich auseinandersetzen muß, auf das Kantische Denken einzugehen, und er sagt: «Ich, der ich von Gott und seiner Herrlichkeit reden könnte und möchte, sehe mich immer von Neuem dazu verdammt, von Kant und seiner Erbärmlichkeit zu reden — ich eines Gecken Geck.»

[ 6 ] At one point, Ludwig Haller speaks of Kantianism in such a way that he says of it: the “pseudo-dialectical, half-true, and at its core dishonest character of this misosophy, which attempts to steal the weapons from the arsenal of light in order to use them in the service of darkness.” On another occasion, he becomes—I would say—literarily furious that he finds himself compelled, time and again, to engage with Kantian thought simply because he must grapple with his contemporaries, and he says: “I, who could and would like to speak of God and His glory, find myself condemned time and again to speak of Kant and his wretchedness—I, a dandy among dandies.”

[ 7 ] Ich wollte auf dieses Phänomen hinweisen, weil es ein Abdruck ist von den Kämpfen, die eine wirklich philosophisch angelegte Natur am Ende des i9. Jahrhunderts zu bestehen hatte. Man nimmt heute, was philosophisches Reden und Schreiben ist, durchaus auch so, daß man daraus möglichst eine Angelegenheit macht, die sozusagen ein Stück über den menschlichen Köpfen darüber schwebt, bei der man persönlich gar nicht dabei ist. Daher werden die inneren tragischen Phänomene des philosophischen Lebens in unserer Zeit viel zu wenig gewürdigt. Und ich glaube, daß dieses Phänomen, das zu dem Tragischesten in den inneren philosophischen Erlebnissen unseres Zeitalters gehört, eigentlich in weiteren Kreisen recht wenig bekanntgeworden ist.

[ 7 ] I wanted to point out this phenomenon because it reflects the struggles that a truly philosophical mindset had to endure at the end of the 19th century. Today, philosophical discourse and writing are often treated in such a way as to make them, as far as possible, a matter that hovers, so to speak, above people’s heads—one in which one is not personally involved at all. Consequently, the inner, tragic phenomena of philosophical life in our time are given far too little recognition. And I believe that this phenomenon—which ranks among the most tragic of the inner philosophical experiences of our age—has actually become quite little known in wider circles.

[ 8 ] Wer das Geistesleben dieser Zeit wirklich kennt, der weiß, wieviel von solchen Stimmungen in Menschen unseres Zeitalters gelebt hat. Und eigentlich muß man auch, wenn man das Wesen philosophischen Denkens in unserer Zeit darlegen will, gerade von diesen Erscheinungen reden, die ja von den philosophischen Fachmännern nicht beachtet werden, die aber für das eigentliche menschliche Erleben um so wichtiger sind.

[ 8 ] Anyone who truly understands the spiritual life of this era knows how deeply such moods have permeated the lives of people in our time. And in fact, if one wishes to describe the nature of philosophical thought in our time, one must speak precisely of these phenomena—which, although ignored by professional philosophers, are all the more important for actual human experience.

[ 9 ] Nun möchte ich, anknüpfend an dieses Phänomen, ein anderes, das im Grunde genommen auch nur ein sozusagen subjektiv persönliches philosophisches Erlebnis ist, charakterisieren. Der bekannter als Ludwig Haller gewordene Philosoph Eduard von Hartmann hat sich mit Ludwig Haller auseinandergesetzt. In dieser Auseinandersetzung ist ein Punkt von ganz besonderer Bedeutung. Ludwig Haller, der sich viel zu tun macht, Sie sahen, er nennt sich wegen dieses Sich-viel-zu-tun-Machens «eines Gecken Geck», mit dem Sich-Hineinfinden in das kantisch infizierte Gedankenweben seiner Zeit, unseres Zeitalters — er verspürt nämlich, indem er so mit dem Denken von Begriff zu Begriff geht, indem er sich dem philosophischen Denken überläßt, das sieht man ganz deutlich überall durchleuchten aus seinem Buche — er verspürt, daß die Begriffe, denen er nun folgt mit dem Denken, ein merkwürdiges Innenleben gewinnen. Es ist ihm so, als ob die Begriffe in seinem Gemüte anfingen ein selbständiges Leben zu führen. Das hebt er an den verschiedensten Stellen seiner «Metalogik, Metaphysik, Metapsychik» hervor.

[ 9 ] Building on this phenomenon, I would now like to characterize another one that is, in essence, also merely a—so to speak—subjective, personal philosophical experience. The philosopher Eduard von Hartmann—who became better known as Ludwig Haller—engaged in a critical examination of Ludwig Haller. In this examination, one point is of particular significance. Ludwig Haller, who makes a great fuss of himself—as you saw, he calls himself “a dandy’s dandy” because of this tendency to make a fuss of himself— as he immerses himself in the Kantian-influenced web of thought of his time, of our age—for as he moves from concept to concept in his thinking, as he surrenders himself to philosophical thought—which shines through very clearly throughout his book—he senses that the concepts he is now following with his mind take on a strange inner life. It is as if the concepts were beginning to lead an independent life within his mind. He emphasizes this in various places throughout his Metalogic, Metaphysics, Metapsychics.

[ 10 ] Wenn wir psychologisch auf dieses interessante Phänomen eingehen wollen, so können wir nicht anders als das Folgende sagen: Ludwig Haller versetzt sich mit aller Gewalt in die besondere Natur des gegenwärtigen philosophischen Denkens. Aber sein inneres menschliches Erleben will eigentlich etwas anderes; zu diesem anderen kann er nicht kommen, weil in den achtziger Jahren ja auch nicht die Spuren einer wirklich modernen Geisteswissenschaft vorhanden waren. Es fehlt in seinem Inneren das, was dieses menschliche Innere mit wirklicher Geisteswissenschaft erfüllen könnte. Aber es lebt, möchte ich sagen, auf eine merkwürdig instinktiv unbewußte Art darin. Er weiß nichts davon, aber er merkt es an diesem sonderbaren Phänomen, daß die Begriffswelt bei ihm lebendig wird, ein selbständiges Leben führt.

[ 10 ] If we wish to examine this interesting phenomenon from a psychological perspective, we cannot help but say the following: Ludwig Haller throws himself wholeheartedly into the unique nature of contemporary philosophical thought. But his inner human experience actually yearns for something else; he cannot attain this other thing because, after all, there were no traces of a truly modern spiritual science in the 1880s. What is missing within him is that which could fill this human inner life with true spiritual science. But it lives there, I would say, in a strangely instinctive, unconscious way. He knows nothing of it, but he senses it in this peculiar phenomenon: that the world of concepts comes alive within him, leading a life of its own.

[ 11 ] Wer im Sinne der hier vertretenen Geisteswissenschaft forschen kann, der kennt dieses selbständige Leben der Begriffe sehr gut. Aber er kann es auch beherrschen. Er kann es in dem Sinne beherrschen, wie man den Übergang von einem mathematischen Begriff zu dem anderen mathematischen Begriff im gewöhnlichen Mathematisieren beherrschen kann. Aber dieses Beherrschen, das muß durch innerliche Übung errungen werden. Es ist ganz selbstverständlich, daß man in ein dem gewöhnlichen Bewußtsein ganz fernes Leben hineinkommt, wenn man so plötzlich merkt — was sonst nur die Speisen in unserem Organismus tun, daß sie ohne unser Zutun ihr eigenes Leben in der Verdauung führen —, daß die aufgenommenen Begriffe anfangen, innerlich ein eigenes Leben zu führen. Es ist nicht unbegreiflich, sondern sehr, sehr begreiflich, daß nun ein Philosoph wie Eduard von Hartmann, der ja geistvoll war, der auf manchen Gebieten auch durchaus Eindringliches geleistet hat, der aber durchaus herausgewachsen ist aus dem philosophischen Denken seines Zeitalters, mit diesem Erlebnis Ludwig Hallers nichts Besonderes anfangen konnte. Und indem Eduard von Hartmann seine Kritik über Ludwig Haller schreibt, merkt man, daß ihm auf der einen Seite ganz schwül wird. Was soll denn das werden — so sagt sich der richtig zeitgemäße Philosoph —, wenn da die Begriffe, denen ich mich hingebe, plötzlich anfangen in meinem Inneren wie Kobolde zu tanzen, sich gegenseitig zu umhalsen oder dergleichen? Das ist ja etwas Fürchterliches, dem kann man sich nicht aussetzen! — Und er gibt demgemäß auch, als richtiger zeitgemäßer Philosoph, diese Kritik in einer recht bedeutsamen Weise ab, indem er sagt, er habe niemals etwas bemerkt von diesem neckischen, koboldartigen Treiben der selbständig lebendig gewordenen Begriffe.

[ 11 ] Anyone who can conduct research in the spirit of the spiritual science advocated here is very familiar with this independent life of concepts. But they can also master it. They can master it in the same way that one can master the transition from one mathematical concept to another in ordinary mathematical reasoning. But this mastery must be achieved through inner practice. It goes without saying that one enters a realm of existence far removed from ordinary consciousness when one suddenly realizes—just as food in our organism leads its own life in digestion without our intervention—that the concepts we have taken in begin to lead a life of their own within us. It is not incomprehensible, but very, very comprehensible, that a philosopher like Eduard von Hartmann—who was certainly spirited, who achieved quite profound results in some fields, but who had thoroughly outgrown the philosophical thinking of his age—could make no headway with Ludwig Haller’s experience. And as Eduard von Hartmann writes his critique of Ludwig Haller, one senses that, on the one hand, he becomes quite uneasy. What on earth is this supposed to lead to—so the truly contemporary philosopher asks himself—if the concepts to which I devote myself suddenly begin to dance inside me like goblins, throwing their arms around one another or the like? That is, after all, a dreadful thing; one cannot expose oneself to it! — And accordingly, as a true, contemporary philosopher, he voices this critique in a rather significant way by saying that he has never noticed anything of this mischievous, goblin-like antics of concepts that have come to life of their own accord.

[ 12 ] Man kann Eduard von Hartmann durchaus glauben, daß er diese Schwüle im Inneren beim Lesen der «Metalogik, Metaphysik, Metapsychik» Ludwig Hallers empfand. Er hat, wie seine Kritik zeigt, deshalb doch nicht aufgehört, das ganze Buch durchzulesen, hat es sogar in einem gewissen Sinne sehr bedeutend gefunden. Ich glaube, viele andere, die sich in dem Zeitalter, das auf 1888 gefolgt ist, fachmännisch mit Philosophie beschäftigt haben, sind wohl kaum über die ersten Seiten dieses Buches hinausgekommen, wenn sie überhaupt auch nur das Titelblatt kennengelernt haben!

[ 12 ] One can certainly believe Eduard von Hartmann when he says that he felt this inner unease while reading Ludwig Haller’s Metalogik, Metaphysik, Metapsychik. As his critique shows, however, this did not stop him from reading through the entire book; in a certain sense, he even found it quite significant. I believe that many others who were professionally engaged in philosophy in the era following 1888 hardly got past the first few pages of this book—if they even ever saw the title page at all!

[ 13 ] Worauf ich Sie da hinweise, ist eine durchaus bedeutsame Erscheinung. Und wir verstehen sie nur, wenn wir die philosophische Entwickelung des Abendlandes so verfolgen, wie ich sie zu verfolgen versuchte in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie». Wenn man auf das eingeht, was ich dort genauer und in allen Einzelheiten an der Hand der Philosophiegeschichte ausgeführt habe und was ich hier nur andeuten kann, so sieht man, daß im Zeitalter des griechischen Philosophierens die ganze menschliche Seelenverfassung eine andere war, als sie später geworden ist und als sie namentlich in unserer Zeit ist. Wir sehen, wie im griechischen Philosophieren durchaus das, was wir Denken nennen, was wir Vorstellen nennen, in einer ähnlichen Weise mit den Bedingungen der Außenwelt, insofern sie sich dem Menschen darstellt, verknüpft ist, wie für uns nurmehr die sinnlichen Wahrnehmungsqualitäten. Indem wir wahrnehmen, schreiben wir, wenigstens im naiven Bewußtsein, dem, was wir wahrnehmen, die sinnlichen Qualitäten zu. Gewiß, die erkenntnistheoretischen Erörterungen seit Locke und anderen denken anders, aber sie brauchen uns in diesem Augenblicke weniger zu interessieren; ich will für die herangezogene Tatsache nur auf das naive Bewußtsein verweisen. Man schreibt in diesem naiven Bewußtsein den Dingen die Sinnesqualitäten rot, blau, weiß, warm, kalt, lau, süß, bitter und so weiter zu, und man ist sich heute klar darüber, daß dasjenige, was man an den Sinnesobjekten denkt und vorstellt, im Bewußtwerden abgesondert ist von dem Objektiven, daß es subjektiv erlebt wird. Der Grieche schrieb aber sein Denken, seine Vorstellungen dem Objekte noch so zu, wie wir rot, blau, süß, bitter und so weiter dem Objekte zuschreiben; er hatte, was er im Erkennen erlebte, zu einem noch größeren Teile sozusagen in der Wahrnehmung drinnen, als wir das haben. Er hatte durchaus das Bewußtsein, daß er mit dem Rot, Grün und so weiter zugleich den begrifflichen Inhalt wahrnahm.

[ 13 ] What I am pointing out to you here is a thoroughly significant phenomenon. And we can only understand it if we trace the philosophical development of the West as I attempted to do in my book The Riddles of Philosophy. If one considers what I have explained there in greater detail and at length, drawing on the history of philosophy—and which I can only hint at here—one sees that in the age of Greek philosophy, the entire human psychological disposition was different from what it later became and from what it is, in particular, in our time. We see how, in Greek philosophy, what we call “thinking” and what we call “imagination” is linked in a similar way to the conditions of the external world—insofar as it presents itself to human beings—as are, for us, only the qualities of sensory perception. When we perceive, we attribute—at least in naive consciousness—sensory qualities to what we perceive. Certainly, epistemological discussions since Locke and others take a different view, but they need not concern us at this moment; for the fact at hand, I wish only to refer to naive consciousness. In this naive consciousness, one attributes the sensory qualities—red, blue, white, warm, cold, lukewarm, sweet, bitter, and so on—to things, and it is now clear that what one thinks and imagines about sensory objects is, in the act of becoming conscious, separated from the objective, that it is experienced subjectively. The Greeks, however, still attributed their thoughts and ideas to the object in the same way that we attribute red, blue, sweet, bitter, and so on to the object; what they experienced in cognition was, so to speak, to an even greater extent embedded within perception than it is for us. They were fully aware that, along with red, green, and so on, they were simultaneously perceiving the conceptual content.

[ 14 ] Und was, ich möchte sagen, in der am meisten logischen Weise im griechischen Denken zutage trat, das war bis in das 13., 14., 15. Jahrhundert herauf, bis in die GalileiKopernikus-Zeit, im Grunde genommen eine Eigentümlichkeit des allgemeinen forschenden Bewußtseins. Wer sich vertieft in dasjenige, was zutage getreten ist in wissenschaftlichen Leistungen, die ja für diese Zeit durchaus noch eins waren mit dem philosophischen Forschen, wer sich vertieft in die entsprechende Literatur, soweit sie vorhanden ist, wird sagen, daß diese älteren Forscher und Denker durchaus, indem sie von den Dingen reden, an den Dingen dasjenige noch als objektiv schildern, was der heutige Forscher durchaus von den Dingen abgesondert denkt und dem Subjekte zuschreibt.

[ 14 ] And what, I would say, emerged in the most logical way in Greek thought—right up through the 13th, 14th, and 15th centuries, into the age of Galileo and Copernicus—was, in essence, a distinctive feature of the general inquiring consciousness. Anyone who delves into what came to light in scientific achievements—which, after all, were still one and the same as philosophical inquiry during that time— and delves into the relevant literature, to the extent that it exists, will say that these earlier researchers and thinkers, in speaking of things, still describe as objective in the things themselves that which today’s researchers conceive as entirely separate from the things and attribute to the subject.

[ 15 ] Man kann verfolgen, und dieses Verfolgen ist außerordentlich interessant, wie im Zeitalter der Scholastik das philosophische Leben die Richtung nimmt, sich klarzuwerden, wie eigentlich das, was wir das Denken in Begriffen nennen, noch verbunden gedacht werden darf mit dem Objektiven. Vor dem scholastischen Zeitalter war die Verbindung desjenigen, was als Vorstellung und Begriff an den Dingen erlebt wird, mit diesen Dingen selbstverständlich. Eine Frage, ein Rätsel wurde diese Verbindung erst, als sich für das menschliche Erleben das Begriffliche, das Vorstellungsmäßige von dem löste, was man die objektive Wahrnehmung nennt. Und aus diesem philosophischen Erleben heraus ist dann der Scholastik jenes Problem entstanden, das man heute vielgründlicher studieren sollte, als man es studiert, das Problem des «Realismus» und des «Nominalismus». Heute verbindet man sogar ganz andere Vorstellungen mit diesen Worten «Realismus» und «Nominalismus», als es im Zeitalter der Scholastik der Fall war. Im Zeitalter der Scholastik war ein Realist, wie zum Beispiel Ihomas von Agquino, derjenige, der den Begriffen, den Vorstellungen eine objektive Realität beilegte, so daß er sagte: Die Begriffe, die Vorstellungen haben etwas, was in seinem Inhalte objektiv ist, was nicht bloß dem Subjekte angehört, was nicht bloß gedacht ist. Ein Nominalist war derjenige, der die Realität nur in dem suchte, was außerhalb des Begrifflichen liegt, der in den Begriffen nur etwas sah, wodurch der Mensch zusammenfaßt, was ihm als Wahrnehmung gegeben ist, so daß die Begriffe für den Nominalisten eben bloße Namen waren.

[ 15 ] One can trace—and this process is extraordinarily interesting—how, during the Scholastic era, philosophical thought took a turn toward clarifying how what we call “thinking in concepts” can still be conceived as connected to the objective world. Before the Scholastic era, the connection between what is experienced as a concept or idea regarding things and those things themselves was taken for granted. This connection only became a question, a puzzle, when, in human experience, the conceptual and the imaginative became detached from what is called objective perception. And out of this philosophical experience arose, within Scholasticism, the problem that should be studied today much more thoroughly than it is—the problem of “realism” and “nominalism.” Today, we even associate entirely different ideas with the terms “realism” and “nominalism” than was the case in the age of Scholasticism. In the age of Scholasticism, a realist—such as Thomas Aquinas, for example—was one who attributed an objective reality to concepts and ideas, so that he said: Concepts and ideas possess something that is objectively real in their content, something that does not belong solely to the subject, something that is not merely thought. A nominalist was someone who sought reality only in what lies outside the realm of concepts, who saw in concepts only a means by which humans summarize what is given to them as perception, so that, for the nominalist, concepts were merely names.

[ 16 ] Solch ein Problem taucht immer dann auf in der Menschheitsentwickelung, wenn innerlich etwas durchgemacht wird. Der Mensch hatte eben dieses innerlich durchzumachen im Mittelalter, daß er sich immer verwandter und verwandter machte in seinem eigenen Inneren mit dem begrifflichen Leben, daß er das, was Außenwelt genannt wird, nur in dem Wahrnehmbaren sah. Daher wurde es für ihn eine Frage: Wie ist man berechtigt, dasjenige, was man im Grunde genommen innerlich nur als Name hat, was man nur so erfaßt, daß man die äußerlichen Wahrnehmungen damit zusammenordnet, auf diese äußerlichen Wahrnehmungen irgendwie zu beziehen? Ein bedeutsamer Skeptizismus geht aus dem Nominalismus hervor.

[ 16 ] Such a problem always arises in the course of human development when something is being worked through internally. In the Middle Ages, human beings had to work through precisely this internally: they became increasingly attuned within themselves to conceptual life, to the point where they saw what is called the “outer world” only in terms of what is perceptible. Consequently, a question arose for them: How is one justified in relating to these external perceptions something that, in essence, exists internally only as a name—something one grasps only by associating it with those external perceptions? A significant skepticism arises from nominalism.

[ 17 ] Und im Grunde genommen ist das, was dann in der Kantischen Philosophie aufgetreten ist, nichts anderes als, ich möchte sagen, die letzte Konsequenz dieses Scholastikerproblems. Nur kam Kant auf eine eigentümliche Weise gerade zu seiner Formulierung des Scholastikerproblems: In dem Zeitalter, in dem Kant als Jüngling seine philosophischen Studien gemacht hat, war der etwas verdünnte Leibnizianismus innerhalb der Kreise herrschend, in denen eben Kant seine Studien machte. Der Leibnizianismus, der in seiner Art etwas Großes ist, wenn auch etwas außerordentlich Abstraktes, der noch durchaus einen Zusammenhang mit Wirklichkeitsgeist hat, war im Wolffianismus, der für Kant das Jugendstadium bildete, philosophisch sublimiert, verdünnt. Man hatte in dieser Zeit schon durchaus zu tun mit den Ansprüchen der mathematisierenden Wissenschaft, mit den Ansprüchen der Wissenschaft, die sich eben zusammensetzt aus den Ergebnissen der Außenbeobachtung der Welt. Aber aus der alten Gewohnheit heraus, daß der Mensch doch etwas mitzusprechen habe, wenn über die Welt etwas ausgemacht wird, hatte man neben dieser empirischen Wissenschaft, neben dieser Erfahrungswissenschaft, die breite Vernunftlehre statuiert. Man hatte statuiert: über alles Vergängliche können durch Erfahrung, durch Empirie, ungewisse Urteile gewonnen werden; aber diese Urteile sind eben durchaus nur auf das Vergängliche gerichtet und sind ungewiß. Man kann nicht wissen, ob sich das, was man über irgendeine Tatsache der vergänglichen Welt durch Beobachtung und Verstandeserkenntnis erkennt, auch wirklich, wie notwendig für alle Zeiten, so verhalten muß. Man kann nicht einmal wissen, daß die Sonne jeden Morgen aufgehen muß, denn man hat nur den einen Erfahrungsbeweis, daß sie bis jetzt an jedem Morgen aufgegangen ist. Daraus kann man schließen, daß sie auch zukünftig aufgehen wird; aber es ist eben nur ein Erfahrungsschluß. Über diese Erfahrungswissenschaft hinaus suchte nun der Wolffianismus, suchte auch Kant in seiner Jugend, ganz im Einklang mit dem Wolffianismus, eine Vernunftwissenschaft. Es ist charakteristisch, daß ein Buch von Wolff so heißt: «Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt.»

[ 17 ] And, essentially, what then emerged in Kantian philosophy is nothing other than—I would say—the ultimate consequence of this scholastic problem. However, Kant arrived at his own formulation of the scholastic problem in a peculiar way: in the era when Kant was a young man pursuing his philosophical studies, a somewhat watered-down form of Leibnizianism prevailed within the very circles in which Kant was conducting his studies. Leibnizianism—which is, in its own way, something great, albeit something extraordinarily abstract, and which still has a definite connection to the spirit of reality—was philosophically sublimated and diluted in Wolffianism, which constituted Kant’s formative years. At that time, people were already fully engaged with the demands of mathematized science—the demands of a science composed precisely of the results of external observation of the world. But out of the old habit that human beings should still have a say when matters concerning the world are decided, the broad doctrine of reason had been established alongside this empirical science, alongside this science of experience. It had been established that, regarding all that is transitory, uncertain judgments can be arrived at through experience, through empiricism; but these judgments are directed solely at the transitory and are uncertain. One cannot know whether what one recognizes about any fact of the transitory world through observation and intellectual insight must actually, as a necessity for all time, be the case. One cannot even know that the sun must rise every morning, for one has only the single empirical proof that it has risen every morning up to now. From this one can conclude that it will also rise in the future; but it is, after all, only an empirical conclusion. Beyond this empirical science, Wolffianism sought—and Kant, in his youth, sought as well, entirely in harmony with Wolffianism—a science of reason. It is characteristic that one of Wolff’s books is titled: “Rational Thoughts on God, the World, and the Human Soul, as well as on All Things in General.”

[ 18 ] Also es handelte sich darum, auf der einen Seite ein Erfahrungswissen zu gewinnen über den Umkreis der Welt, soweit er der Erfahrung zugänglich ist, und auf der anderen Seite ein über alles sich erstreckendes Vernunftwissen, das gewissermaßen aus der Vernunft allein heraus gewonnen werden soll. Und man begründete neben der, sagen wir, geoffenbarten Theologie eine vernünftige, eine rationelle Theologie, neben der Erfahrungs-Seelenkunde eine rationelle Psychologie, neben der Weltkunde, die man durch Erfahrung gewinnt, eine rationelle Geologie und so weiter. Gewohnheitsmäßig lag diesem Suchen nach einer besonderen Vernunftwissenschaft zugrunde, daß man sich sagte: In einer äußeren Welt gibt es keine Gewißheit für das wissenschaftliche Forschen. Will man aber eine solche Gewißheit haben, kann man sie nur dadurch gewinnen, daß man sie aus der Vernunft selber heraus gewinnt.

[ 18 ] So, on the one hand, the aim was to gain empirical knowledge of the world as far as it is accessible to experience, and on the other hand, to attain a rational knowledge that encompasses everything, which, in a sense, is to be derived from reason alone. And alongside, shall we say, revealed theology, a rational theology was established; alongside empirical psychology, a rational psychology; alongside the knowledge of the world gained through experience, a rational geology; and so on. This search for a distinct science of reason was habitually grounded in the assumption that there is no certainty for scientific inquiry in the external world. But if one wishes to have such certainty, one can attain it only by deriving it from reason itself.

[ 19 ] Allerdings liegt dem ganzen Forschen des Wolffianismus noch das zugrunde, daß zuerst auf irgendeine transzendete Weise in diese Vernunft, aus der heraus der Mensch dann seine «Vernunftwahrheiten» gewinnt, eine Wirklichkeit hineingelegt worden ist.

[ 19 ] However, all research into Wolffianism is still based on the premise that a reality has first been imbued—in some transcendent way—into this reason, from which human beings then derive their “truths of reason.”

[ 20 ] Zweaerlei trat bei Kant auf, und wer ganz unbefangen Kant studiert, wird scharf hingewiesen auf das, was bei ihm nach zwei Seiten hin auftaucht: Auf der einen Seite hatte er sich eingewöhnt in das Suchen nach «gewissen Urteilen». Er hatte sich zum Beispiel gesagt: In der Mathematik haben wir solche Urteile, die ganz notwendig immer gelten, die also nicht aus der Erfahrung stammen können, weil die Erfahrung keine solchen Urteile gibt. Wir haben auch in einigen Partien des naturwissenschaftlichen Denkens solche Urteile, die für immer gelten, die also wirklich nur aus dem Menschen selbst heraus gewonnen werden können. Gewißheit muß es geben in der Philosophie. — Das war die eine Seite dessen, was Kant wollte. Und wer nicht ins Auge faßt, wie Kant fest auf dem Boden stand: Gewißheit muß es geben — auch im Sinne der Wolffischen Philosophie —, der versteht eben Kant nicht, weil er sich nicht einlassen kann auf die Erkenntnis dieses Pochens Kants auf die Gewißheit gewisser Urteile.

[ 20 ] Two distinct aspects emerged in Kant’s work, and anyone who studies Kant with a completely open mind will be keenly aware of the two sides that appear in his thought: On the one hand, he had become accustomed to searching for “certain judgments.” For example, he had told himself: In mathematics, we have judgments that are necessarily always true—judgments that cannot, therefore, derive from experience, because experience does not yield such judgments. We also have, in certain areas of scientific thought, judgments that are universally valid—judgments that can truly be derived only from within human reason itself. There must be certainty in philosophy. — That was one aspect of what Kant wanted. And anyone who fails to recognize how firmly Kant stood on the ground—that there must be certainty, also in the sense of Wolffian philosophy—simply does not understand Kant, because they cannot come to terms with Kant’s insistence on the certainty of certain judgments.

[ 21 ] Aber an dem Wolffianismus, seinem Inhalte nach, war Kant irre geworden durch das Studium von Hume, dem englischen Philosophen, der ein bloßer Erfahrungsphilosoph sein wollte. Und er sagte sich, eben unter dem Einfluß Humes: So etwas, wie eine Wirklichkeit herausspinnen aus der Vernunft, das gibt es ja nicht; es gibt eigentlich nur eine Erfahrung. — Das war die zweite Seite.

[ 21 ] But as for Wolffianism—in terms of its content—Kant had been led astray by his study of Hume, the English philosopher who sought to be a purely empirical philosopher. And he told himself, precisely under Hume’s influence: There is no such thing as spinning something like reality out of reason; there is really only experience. — That was the second aspect.

[ 22 ] Gewißheit muß es geben auf der einen Seite; aber alles, was in der Erfahrung auftritt, was die einzige Grundlage für wirkliches Erkennen ist, das liefert keine Gewißheit. Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Und das ganz zwangsmäßige Suchen, aus diesem Dilemma herauszukommen, das ist im Grunde genommen der Hauptimpuls des Kantischen Denkens. Ich habe das ausführlich dargestellt in meiner Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» und habe es noch durchleuchten lassen in meiner «Philosophie der Freiheit», wie eigentlich Kants Suchen nicht darauf hinauslief, irgend etwas wesentlich zu erkennen, sondern zu fragen: Wie kommt man zu einer absoluten Gewißheit?

[ 22 ] There must be certainty on the one hand; but everything that occurs in experience—which is the sole foundation for true knowledge—provides no certainty. How does one escape this dilemma? And this entirely inevitable search for a way out of this dilemma is, in essence, the main driving force behind Kantian thought. I have presented this in detail in my work Truth and Science and have further examined it in my Philosophy of Freedom, showing how Kant’s quest was not actually aimed at recognizing anything essential, but rather at asking: How does one arrive at absolute certainty?

[ 23 ] Das Kantsche Problem ist kein Wahrheitsproblem, ist kein Erkenntnisproblem, sondern ein Gewißheitsproblem. Und wenn man es nicht als ein Gewißheitsproblem faßt, kann man es eigentlich nicht verstehen. Die Lösung wird von Kant dadurch gesucht, daß er sagt: Zum Herausspinnen von Wirklichkeitsurteilen aus der Vernunft ist die Menschenseele allerdings nicht geeignet, aber diese Urteile kommen doch zustande; sie werden, wie man zum Beispiel in der Mathematik sieht, angewendet auf die äußere Erfahrung. Wir schauen solche Figuren (es wird gezeichnet) nicht bloß an, sondern wir schauen sie mathematisch an und sagen: Es sind zwei Dreiecke oder, anders gezeichnet, es ist ein Sechseck. — Wir vermischen das, was wir innerlich aus der Vernunft herausspinnen, mit dem, was uns durch die äußere Erfahrung kommt. Wir stülpen das innerlich a priori Erkannte über das a posteriori, von außen Erfahrene hinüber.

[ 23 ] The Kantian problem is not a problem of truth, nor is it a problem of knowledge; rather, it is a problem of certainty. And if one does not conceive of it as a problem of certainty, one cannot truly understand it. Kant seeks the solution by stating: The human mind is indeed not suited to deriving judgments about reality from reason alone, yet these judgments do arise; they are applied to external experience, as one sees, for example, in mathematics. We do not merely look at such figures (a drawing is made), but we look at them mathematically and say: “These are two triangles,” or, if drawn differently, “this is a hexagon.”—We combine what we derive internally from reason with what comes to us through external experience. We superimpose what is known a priori internally upon what is known a posteriori, derived from external experience.

[ 24 ] So kam Kant dazu, zu sagen: Wahrheitserkenntnis kann allerdings aus der Vernunft nicht gewonnen werden. Aber die menschliche Vernunft wird auf die Erfahrung angewendet. Sie stülpt ihr Urteil über die äußere Erfahrung hinüber. Sie macht selbst ihr Urteil über die äußere Erfahrung. Weil Kant sagte: Gewißheit muß es geben in der Philosophie, Gewißheit muß man finden können, aber man findet sie nicht, wenn man sie in Wolffischer Weise sucht, wenn man glaubt, man könne eine Wirklichkeit in der Vernunft gewinnen und daneben die Erfahrung nebenherlaufen lassen —, weil Kant das nicht zusammenbringen konnte, so sagte er: Der Mensch spinnt eben aus seiner Vernunft das heraus, was die Erfahrung dann in sich aufnimmt; der Mensch macht selber die Erkenntnis; die Dinge der Erfahrung sind deshalb gewiß und insofern gewiß, als wir sie aus unserem Geiste heraus gewiß machen.

[ 24 ] This is what led Kant to say: Knowledge of the truth cannot, however, be derived from reason alone. But human reason is applied to experience. It imposes its judgment upon external experience. It forms its own judgment about external experience. Because Kant said: There must be certainty in philosophy; one must be able to find certainty, but one does not find it if one seeks it in the Wolffian manner—if one believes that one can attain reality through reason while letting experience run alongside it—because Kant could not reconcile these two, he said: “Man simply spins out of his reason that which experience then takes in; man himself creates knowledge; the things of experience are therefore certain and certain insofar as we make them certain out of our own mind.”

[ 25 ] Sie sehen, eigentlich ist damit das Wesen der Erkenntnis entthront. Eigentlich ist damit die Erkenntnis beseitigt. Und sie ist auf scharfsinnige Weise beseitigt, so scharfsinnig, daß die Kantianer sich bis heute an diese Scharfsinnigkeit halten und nicht merken, was eigentlich darinnensteckt. Kommt dann ein Mensch wie Ludwig Haller, der da fühlt, wie eigentlich das Kantische Denken ganz abkam von der Wirklichkeit, wie es im Unwirklichen nach der Gewißheit schnappt, dann findet er eben Worte, wie ich sie Ihnen mitgeteilt habe. Er findet, daß da menschlicher Scharfsinn angewendet wird auf ein unmögliches Problem, auf ein Problem, das dem Menschen die Erkenntnis nicht aufhellt, sondern mit Nebel umhüllt. Deshalb sagt Ludwig Haller, wie er es empfindet: Diese Misosophie versucht zu stehlen ihre Waffen aus dem Arsenal des Lichtes und verwendet sie im Dienste der Finsternis.

[ 25 ] You see, this actually dethrones the very essence of knowledge. It actually eliminates knowledge. And it does so in such a subtle way—so subtle, in fact, that Kantian thinkers still cling to this subtlety to this day without realizing what it actually entails. Then, when someone like Ludwig Haller comes along—who senses how Kantian thought has actually strayed entirely from reality, how it grasps at certainty in the unreal—he finds precisely the words I have shared with you. He finds that human acumen is being applied to an impossible problem—a problem that does not illuminate human understanding but rather shrouds it in fog. That is why Ludwig Haller expresses his feelings as follows: “This misosophy attempts to steal its weapons from the arsenal of light and uses them in the service of darkness.”

[ 26 ] Aber auf der anderen Seite muß man auch einsehen, wie diese ganze Entwickelung der neueren Zeit im Grunde genommen notwendig war. Was sich heraufentwickelt hat an menschlichem Denken und menschlichem Forschen seit der Griechenzeit, war nicht eine Entwickelungslinie, die man nur so verfolgen kann, wie ich es jetzt eben getan habe, sondern die man auch nach einer anderen Seite verfolgen kann. Auch darauf habe ich in meinen «Rätseln der Philosophie» hingedeutet. Wir stehen heute vor einer Naturerkenntnis, welche das Naturphänomen rein aufzufassen versucht.

[ 26 ] But on the other hand, one must also recognize how this entire development of modern times was, in essence, necessary. The progression of human thought and human inquiry since the time of the Greeks was not a single line of development that can be traced only as I have just done, but one that can also be traced from another perspective. I have also alluded to this in my Mysteries of Philosophy. Today we are faced with an understanding of nature that seeks to grasp natural phenomena in their pure form.

[ 27 ] Man kann allerdings sagen: Gerade derjenigen Naturerkenntnis, die heute immerdar besonders damit prunkt, daß sie das Naturphänomen rein auffaßt, gelingt es kaum, das Naturphänomen rein aufzufassen, das heißt, es nicht mehr, gar nicht mehr zu durchdringen mit dem Gedankengewebe desjenigen, was nur im Begriffe, innerlich subjektiv, gemacht ist. — Es werden ja noch immer über den äußeren Phänomenverlauf allerlei Hypothesen aufgestellt, nicht nur berechtigte, sondern unberechtigte.

[ 27 ] One can say, however: It is precisely that branch of natural science which today constantly prides itself on grasping natural phenomena in their pure form that hardly succeeds in grasping natural phenomena in their pure form—that is, in no longer, not at all, permeating them with the fabric of thought that is formed solely in the concept, inwardly and subjectively. — After all, all sorts of hypotheses are still being put forward about the course of external phenomena—not only justified ones, but also unjustified ones.

[ 28 ] Aber ein Mensch hat doch in der neueren Zeit scharf betont, und zwar verhältnismäßig früh, daß diese neuere Zeit in bezug auf das Betrachten der äußeren natürlichen Vorgänge nach dem reinen Phänomen, nach der reinen Phänomenologie hinstreben muß. Und das war Kants Antipode Goethe. Er hat verlangt, daß die Phänomene, die Erscheinungen rein sich selbst aussprechen. Er hat scharf betont, daß dasjenige, was sich in der Verstandesentwickelung abspielt, durchaus ferne bleiben muß demjenigen, was man als Beschreibung der Phänomene und des phänomenalen Verlaufs selber hinstellt. Und in allerschärfster, in bewunderungswürdiger Weise fordert Goethe wiederholt diesen reinen Phänomenalismus.

[ 28 ] But one person in modern times did, in fact, emphasize strongly—and relatively early on—that modern times, with regard to the observation of external natural processes, must strive toward the pure phenomenon, toward pure phenomenology. And that was Kant’s antithesis, Goethe. He demanded that phenomena, that appearances, speak purely for themselves. He sharply emphasized that what takes place in the development of the intellect must remain entirely separate from what is presented as a description of the phenomena and the phenomenal process itself. And in the sharpest, most admirable way, Goethe repeatedly calls for this pure phenomenalism.

[ 29 ] Aber je mehr man diesem reinen Phänomenalismus zustrebt, desto mehr muß man nach einer besonderen Eigentümlichkeit der Begriffswelt streben. Und diese Eigentümlichkeit der Begriffswelt ist auch in hohem Grade erreicht. Diese Eigentümlichkeit ist eine durchaus berechtigte für ein gewisses Zeitalter der menschlichen Entwickelung. Wer sich nicht allein darauf beschränkt, die Philosophie zu studieren seit dem Zeitalter des Cartesius, sondern wer ein Organ dafür hat, auch einzugehen auf die guten Seiten

[ 29 ] But the more one strives toward this pure phenomenalism, the more one must strive for a particular characteristic of the conceptual world. And this characteristic of the conceptual world has also been achieved to a high degree. This characteristic is entirely justified for a certain era of human development. Anyone who does not limit themselves merely to studying philosophy since the age of Descartes, but who also has the capacity to appreciate its positive aspects

[ 30 ] a scholastischer Philosophie, mittelalterlicher Philosophie, und wer Aristoteles und Plato nicht durch die Brille der modernen Philosophie-Geschichtsschreiber sieht, sondern sie in ihrer ursprünglichen Gestalt vor seine Seele stellen kann, der weiß, daß die Art und Weise, wie die Begriffs-, die Vorstellungswelt in der menschlichen Seele lebt, heute eine ganz andere ist als im griechischen Altertum und selbst noch im scholastischen Mittelalter. Im scholastischen Mittelalter fühlte noch die Seele, daß, indem sie den Begriff erlebte, in diesem Begriff etwas von Substantialität lag, so wie in dem Rot, in dem Blau, das man als Wahrnehmung hat, noch etwas von Substantialität liegt. In der neuesten Zeit erst ist der Begriff zum vollständigen Abbild geworden. In der neuesten Zeit erst ist der Begriff seines Inhaltes völlig entleert. In der neuesten Zeit erst ist in der Menschheitsentwickelung und in der Philosophie möglich geworden, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» das reine Denken genannt habe.

[ 30 ] scholastic philosophy, medieval philosophy—and anyone who does not view Aristotle and Plato through the lens of modern historians of philosophy, but can instead present them to their soul in their original form, knows that the way in which the world of concepts and ideas lives within the human soul is entirely different today than it was in Greek antiquity and even in the scholastic Middle Ages. In the Scholastic Middle Ages, the soul still sensed that, in experiencing a concept, there was something of substantiality within that concept, just as there is still something of substantiality in the red or the blue that one perceives. It is only in the most recent times that the concept has become a mere reflection. It is only in the most recent times that the concept has been completely emptied of its content. It is only in the most recent times that what I called “pure thinking” in my Philosophy of Freedom has become possible in human development and in philosophy.

[ 31 ] Wenn man das Freiheitsproblem zu belauschen sucht, so wie ich es versuchte in meiner «Philosophie der Freiheit», lernt man zu gleicher Zeit diesen neuzeitlichen Charakter des Denkens kennen. Man lernt dasjenige Denken kennen, welches im Grunde genommen alles äußeren Erfahrungsinhaltes entleert ist, heranerzogen ist zwar an diesem äußeren Erfahrungsinhalt, aber doch nur als subjektive Tatsache lebt.

[ 31 ] When one seeks to explore the problem of freedom, as I attempted to do in my Philosophy of Freedom, one simultaneously comes to understand this modern character of thought. One comes to know that mode of thinking which, at its core, is devoid of all content drawn from external experience; though shaped by this external content, it nevertheless exists solely as a subjective fact.

[ 32 ] Von diesem reinen Denken kann man ebensogut sagen, und ich habe das in der Neuauflage meiner «Philosophie der Freiheit» deutlich durchmerken lassen, daß es im Bereiche des Wollens vor sich geht. Aber es ist das Wollen zum Denken ummetamorphosiert, wie man sagen kann. Es ist das Ergebnis desjenigen Denkens, das alle äußere Erfahrung abgestreift hat. Dieses reine Denken ist nur mehr Bild, und ist ganz Bild. Und man muß, wenn man überhaupt zu einem philosophischen Verständnis in unserem Zeitalter kommen will, den Boden erreichen, auf dem man dieses reine Denken hat.

[ 32 ] One might just as well say of this pure thinking—and I have made this clear in the new edition of my Philosophy of Freedom—that it takes place in the realm of volition. But it is volition that has been transformed into thinking, so to speak. It is the result of that thinking which has shed all external experience. This pure thinking is nothing but an image, and is entirely an image. And if one wishes to arrive at a philosophical understanding in our age at all, one must reach the ground on which this pure thinking exists.

[ 33 ] Goethe hat gefühlt, was in diesem reinen Denken liegt. Die anderen können es ihm nur nachfühlen. Daher zitieren sie einen Goetheschen Ausspruch immer falsch, der etwa sagt, der gütige Gott habe ihn davor bewahrt, «über das Denken zu denken». So wie Goethe das meint, so ist es schon richtig. Goethe hat niemals «über das Denken gedacht», weil man allerdings mit dem Denken, in das man sich eingewöhnt hat, dieses reine Denken nicht erreichen kann. Man muß es als Bild anschauen. So daß man sagen kann: Das Denken selber, das man erkennen will, das reine Denken, wird zu einem Anschauen dieses reinen Denkens. Nicht dialektisch, aber anschaulich ist das reine Denken zu erreichen. Man kommt zu diesem Punkt philosophischer Entwickelung an dem Freiheitsproblem, weshalb die Freiheit, wirkliche Freiheit, gar nicht möglich ist ohne die Erreichung dieses reinen Denkens, das bloßes Bild ist.

[ 33 ] Goethe sensed what lies in this pure thinking. Others can only try to understand it from his perspective. That is why they always misquote a saying of Goethe’s, which goes something like this: the benevolent God had spared him from “thinking about thinking.” As Goethe meant it, it is indeed correct. Goethe never “thought about thinking,” because one cannot, in fact, attain this pure thinking through the kind of thinking to which one has become accustomed. One must view it as an image. So that one can say: Thinking itself—which one seeks to recognize, that is, pure thinking—becomes a contemplation of this pure thinking. Pure thinking is to be attained not dialectically, but intuitively. One arrives at this point in philosophical development through the problem of freedom, which is why freedom—true freedom—is not at all possible without attaining this pure thinking, which is merely an image.

[ 34 ] Solange eine Realität in uns unser Handeln motivieren würde, so lange kann unser Handeln nicht frei sein. Daher ist kein instinktives, kein traditionelles Handeln, kein Handeln unter einem Gewohnten wirklich frei, sondern allein ein Handeln, welches den Bildern, die im reinen Denken weben, folgen kann. Sobald man einer Realität folgt, wird man gestoßen. Wenn man frei sein will, muß man in seinen Willen das Irreale aufnehmen. Wenn Sie sich irgendwie anstoßen, so fühlen Sie, daß der Gegenstand auf Sie eine Wirkung hat. Wenn Sie unter einem Instinkt, unter einem Triebe eine Handlung vollbringen, so müssen Sie fühlen, daß da etwas stößt, daß da keine Freiheit vorliegt. Wenn Sie aber vor einen Spiegel treten, das Bild im Spiegel sehen, so werden Sie sich klar sein darüber, daß das Spiegelbild Ihnen niemals eine Ohrfeige geben kann, daß das Spiegelbild Ihnen niemals einen Stoß geben kann. Das Bild kann nichts machen von sich aus. Der muß machen, der muß handeln, der diesem Bilde gegenübertritt. Da aber das Bild nichts macht, so wird die Handlung dann zu einer freien Handlung. So kann nur ein Denken, das nicht im Realen wurzelt, sondern das reines Bild ist, ein freies Handeln motivieren. Deshalb erlauscht man an dem Problem der Freiheit das Problem des modernen Denkens, des reinen Denkens. Aber man steht in diesem Denken in einer Bilderwelt darinnen.

[ 34 ] As long as a reality within us motivates our actions, our actions cannot be free. Therefore, no instinctive action, no traditional action, and no action based on habit is truly free; only an action that can follow the images woven in pure thought is truly free. As soon as one follows a reality, one is jolted. If one wants to be free, one must incorporate the unreal into one’s will. If you bump into something, you feel that the object has an effect on you. If you perform an action driven by an instinct or a impulse, you must feel that something is pushing you, that there is no freedom there. But when you step in front of a mirror and see the image in the mirror, you will realize that the reflection can never slap you, that the reflection can never push you. The image cannot do anything of its own accord. It is the one who stands before this image who must act. But since the image does nothing, the action then becomes a free action. Thus, only a mode of thought that is not rooted in reality—but is a pure image—can motivate free action. That is why, in the problem of freedom, one discerns the problem of modern thought, of pure thought. But within this mode of thought, one stands in a world of images.

[ 35 ] Die moderne Philosophie, alles, was in dieser modernen Philosophie durch Kant und die Kantianer lebt, das kommt instinktiv, obwohl es zumeist dieses reine Denken nicht begreift, an dieses reine Denken heran. Man muß eben, wenn man in der modernen Zeit anfängt zu denken und sein Denken schult an der Naturwissenschaft, die für sich alle Autorität in Anspruch nimmt und die nicht wirkliche Naturwissenschaft, wirkliche Realitätswissenschaft wäre, wenn sie etwas anderes in uns hereinstopfte als nur Bilder, man muß, wenn man sein Denken in dieser Richtung bewegt, sich zunächst einem Irrealen nähern. Wir haben in dem Denken, durch dessen Eigentümlichkeiten wir durchgehen mit unserer modernen philosophischen und wissenschaftlichen Entwickelung, keine Realität, wir haben bloßes Bild einer Realität. Und indem wir auf dieses Denken hinblicken, kommen wir auf der einen Seite zu dem Problem, das die neueren Erkenntnistheoretiker bewegt. Sie möchten die Brücke schlagen von dem, was innerlich erlebt wird, zu dem, was äußerlich im Sein besteht. Sie merken nicht, daß sie gar nicht von einer Realität zur anderen zunächst die Brücke schlagen, sondern von etwas, was in Bildern lebt, zu etwas, was Realität sein soll.

[ 35 ] Modern philosophy—everything in this modern philosophy that lives on through Kant and the Kantians—instinctively draws near to this pure thinking, even though it mostly fails to grasp it. When one begins to think in the modern era and trains one’s thinking according to the natural sciences—which claim all authority for themselves and which would not be true natural sciences, true sciences of reality, if they instilled in us anything other than mere images—one must, when moving one’s thinking in this direction, first approach something unreal. In the thinking—through whose peculiarities we are making our way in our modern philosophical and scientific development—we have no reality; we have merely an image of reality. And as we look at this way of thinking, we arrive, on the one hand, at the problem that preoccupies the more recent epistemologists. They wish to build a bridge from what is experienced internally to what exists externally in being. They do not realize that they are not, at first, building a bridge from one reality to another, but from something that lives in images to something that is supposed to be reality.

[ 36 ] Und auf der anderen Seite kommen wir dazu, daß die gewissenhaften Naturdenker sich gestehen: mit diesem irrealen Denken, mit diesem Denken, das im Bildcharakter aufgeht, können wir doch nicht untertauchen in die Realität. Der Punkt, «wo Materie spukt», ist damit nicht zu erreichen. Denn man webt in Bildern. Die moderne Philosophie webt in Bildern, weiß es nicht und sucht die Realität in diesen Bildern. Daher die Empfindung einer «Misosophie» bei Ludwig Haller, daher das Gefühl, man komme nicht in die Wirklichkeit hinein, wenn man sich in diesem Denken bewegt.

[ 36 ] And on the other hand, we come to the point where conscientious natural philosophers admit to themselves: with this unreal thinking, with this thinking that is absorbed in imagery, we cannot truly immerse ourselves in reality. The point “where matter haunts” cannot thus be reached. For one weaves in images. Modern philosophy weaves in images, is unaware of it, and seeks reality within these images. Hence Ludwig Haller’s sense of “misosophy,” hence the feeling that one cannot enter into reality when moving within this mode of thought.

[ 37 ] Das ist das Problem der neueren philosophischen Entwickelung: daß notwendigerweise die Menschheitsgeschichte zu einem reinen Erfassen des irrealen bildhaften Denkens treiben mußte. Um der Entwickelung der Freiheit willen mußte die moderne Menschheit sich zu diesem irrealen bildhaften Denken erheben. Aber man kann in ihm nicht bleiben, wenn man ein Vollmensch ist, wenn man die Realität in allem menschlichen Wesen fühlt. Denn man muß den Widerspruch fühlen zwischen dem, was da drängt und lebt und webt in dem menschlichen Wesen, und dem, was vor dem Bewußtsein steht als ein bloßer Umkreis von irrealen Bildern. Wir haben es nicht bloß mit einem logisch formalen Problem zu tun, wir haben es mit einem realen Problem zu tun, mit einem realen Problem, das sich dadurch ergeben hat, daß der Mensch allmählich sein Denken, sein Vorstellen herausgezogen hat aus der äußeren Wirklichkeit.

[ 37 ] This is the problem with recent philosophical developments: that the history of humanity was inevitably driven toward a purely conceptual grasp of unreal, imagery-based thought. For the sake of the development of freedom, modern humanity had to rise to this level of unreal, imagery-based thought. But one cannot remain within it if one is a fully realized human being, if one feels reality in every human being. For one must feel the contradiction between what urges, lives, and weaves within the human being, and what stands before consciousness as a mere array of unreal images. We are not merely dealing with a formal logical problem; we are dealing with a real problem—a real problem that has arisen because human beings have gradually withdrawn their thinking and their imagination from external reality.

[ 38 ] Es ist ihm die dunkle, finstere Materie, die er nicht begreifen kann, in der Außenwelt übriggeblieben. Aber sein Denken ist nicht eine Realität geworden, es ist Bild geworden. Und er muß weitergehen in diesem Bilde. Das Denken, das heute bloßes Bild ist, war für den Griechen noch Wahrnehmungsinhalt. Dieses Denken hat sich bewegt in der Richtung von außen nach innen. Es schreitet so vor, daß der Mensch erst denkend untertaucht in die äußere Welt. Jetzt ist er mit seinem Philosophieren auf dem Punkte, wo er in dem aus der äußeren Welt herausgeschälten Denken webt. Er muß in dieser Richtung weitergehen. Er muß die Realität wieder suchen. Die Materie hat dem Menschen in alten Zeiten und bis in unser Zeitalter die Stütze für das Denken gegeben, indem sie ihm das Denken real gemacht hat. Das Denken aber ist, weil es die Grundlage werden mußte für die Entwickelung der menschlichen Freiheit, in den Bildcharakter übergegangen. So schwebt es zwischen der Außenerfahrung und dem Innenerlebnis. Es muß untertauchen in dieses Innenerlebnis. Es muß wiederum Realität bekommen. Der Mensch muß mit vollem Bewußtsein eintauchen in die Regionen, bei denen es Eduard von Hartmann und mit ihm allen modernen Philosophen so schwül wird, weil die Gedanken ihnen scheinen anzufangen, wie Kobolde zu tanzen.

[ 38 ] All that remains to him in the external world is the dark, murky matter that he cannot comprehend. But his thinking has not become a reality; it has become an image. And he must continue within this image. Thinking, which today is merely an image, was still the content of perception for the Greeks. This thinking has moved in the direction from the outside to the inside. It proceeds in such a way that human beings first immerse themselves in the external world through thinking. Now, in his philosophizing, he has reached the point where he weaves within the thinking that has been stripped away from the external world. He must continue in this direction. He must seek reality once again. From ancient times to the present day, matter has provided humanity with the foundation for thought by making thought real to them. But because thought had to become the foundation for the development of human freedom, it has taken on a symbolic character. Thus, it hovers between external experience and inner experience. It must immerse itself in this inner experience. It must regain its reality. Human beings must immerse themselves with full consciousness in the realms where Eduard von Hartmann—and with him all modern philosophers—find the atmosphere so stifling, because their thoughts seem to them to begin dancing like goblins.

[ 39 ] Wenn der Mensch mit seinem Denken aus dem Bildcharakter herausgeht — wo es ihm allerdings, wenn er drinnen webt und lebt, weil es bloß Bilder sind, nicht so schwül zu werden braucht —, wenn er heraustritt und hineintritt in die eigene Realität, dann muß er allerdings durch die Übungen der Geisteswissenschaft die Möglichkeit in seine inneren Fähigkeiten aufnehmen, sich in diesem Selbstleben der Begriffswelt umzutun, wie sonst im mathematischen Denken. Er muß die Fähigkeit erwerben, die Wirklichkeit in diesem Selbstleben selbständig zu erfassen. Wie es einem ja auch nicht schwül wird, wenn die Dinge da draußen im Raume nicht stillstehen — damit unsere Erkenntnis nicht beunruhigt werde —, sondern wenn sie, sich bewegend, laufen, so muß der Mensch im Aufsteigen zur Geist-Erklärung, zur Geistoffenbarung fähig werden, seinem Bildbegriff wiederum einen Inhalt zu geben.

[ 39 ] When a person steps out of the realm of images with his thinking—where, admittedly, it need not become so stifling for him as long as he weaves and lives within it, since they are merely images— when he steps out and enters his own reality, then he must indeed, through the exercises of spiritual science, incorporate into his inner capacities the ability to navigate this inner life of the conceptual world, just as he does in mathematical thinking. He must acquire the ability to grasp reality independently within this inner life. Just as one does not feel stifled when things out there in space do not stand still—so that our cognition is not disturbed—but rather when they move and flow, so too must human beings, in their ascent toward spiritual understanding and spiritual revelation, become capable of giving content to their conceptual images once again.

[ 40 ] Erfaßt man an diesem Punkt das eigentliche, das drängende philosophische Leben der Gegenwart, dann kommt man von all den Redereien ab, daß der Philosoph nicht einsehen könne, was der Geistesforscher sagt. Er kann es einsehen, sobald er den Bildcharakter seines Denkens eingesehen hat, sobald er aber auch eingesehen hat, daß das Denken zu diesem Bildcharakter gekommen ist, weil es sich weltgeschichtlich in der Richtung von außen nach innen bewegt, von der Richtung des Geistes in der Materie zu der Anschauung der reinen geistigen Welt.

[ 40 ] If one grasps at this point the true, the urgent philosophical life of the present, then one moves beyond all the talk that the philosopher cannot understand what the spiritual researcher says. He can understand it as soon as he has grasped the pictorial nature of his thinking, but also as soon as he has realized that thinking has acquired this pictorial nature because, in the course of world history, it moves from the outside toward the inside—from the direction of the spirit in matter toward the contemplation of the pure spiritual world.

[ 41 ] In dieser Weise muß Philosophie fortgeführt werden, indem sie in Empfang genommen wird von der Geisteswissenschaft, von der Geisteserforschung, indem das Denken eingetaucht wird in dasjenige, was die Geisteswissenschaft, die Geistesforschung zu sagen hat. Das ist es, was ich Ihnen, wenn auch nur skizzenhaft mit einigen Linien darstellen wollte: in welcher Art befruchtet werden soll Philosophie von der Geisteswissenschaft. In den nächsten Tagen soll dann davon gesprochen werden, wie andere Zweige des menschlichen Denkens und 'Tuns von dieser Geisteswissenschaft befruchtet werden sollen.

[ 41 ] Philosophy must be carried forward in this way, by being received by spiritual science and spiritual research, by immersing thought in what spiritual science and spiritual research have to say. That is what I wanted to outline for you, albeit only in broad strokes: the manner in which philosophy is to be enriched by spiritual science. In the coming days, we will then discuss how other branches of human thought and “action” are to be enriched by this spiritual science.

[ 42 ] Schlußwort zur Disputation über Philosophie

[ 42 ] Concluding Remarks on the Debate on Philosophy

[ 43 ] Es sind im Laufe der Disputation Fragen aufgetaucht, die fachgemäß natürlich eine breite Aussprache erforderten. Ich möchte nur, weil wir ja an einem Abend nicht alles erörtern können, einige Andeutungen methodologischer Art geben, die mir bezüglich der Fragen, die auftauchten, und die, wie es mir wenigstens schien, nicht ganz klar formuliert waren, nötig scheinen, um in die Richtung zu weisen, in der gewisse Lösungen solcher Fragen gesucht werden müssen.

[ 43 ] During the discussion, questions arose that, from a scholarly standpoint, naturally called for a broad debate. Since we cannot discuss everything in a single evening, I would like to offer a few methodological suggestions that seem necessary to me regarding the questions that arose—questions that, at least to me, were not formulated entirely clearly—in order to point the way toward where certain solutions to such questions must be sought.

[ 44 ] In Anbetracht solcher Fragen wie etwa der nach der «Subjektivität der Wahrnehmung», liegt in der jüngsten philosophischen Entwickelung ein vielfaches Konfundieren der Vorstellungen vor, ein Anhäufen von Begriffen, die eher die Probleme verdunkeln und verknäueln, als daß sie sie erhellen und zu einer gewissen Lösung führen würden.

[ 44 ] In light of questions such as that of the “subjectivity of perception,” recent philosophical developments have been marked by a proliferation of confusing ideas and an accumulation of concepts that tend to obscure and entangle the problems rather than clarify them and lead to some sort of solution.

[ 45 ] Es handelt sich nämlich in dem Augenblick, wo man Fragen aufwerfen will, die das Verhältnis von Objekt und Subjekt im Wahrnehmen vorstellend und erkenntnisgemäß betreffen, immer darum, durch eine sorgfältigste Analyse desjenigen, was der Tatbestand ist, darauf zu kommen, wie die Fragen eigentlich gestellt werden müssen. Denn oft werden schon die Fragen aus irrtümlich gerichteten Vorstellungen falsch formuliert. Und so ist es vielfach mit den Fragen nach der «Subjektivität der Wahrnehmung».

[ 45 ] For when one seeks to raise questions concerning the relationship between object and subject in perception—both in terms of representation and cognition—the task is always to determine, through the most meticulous analysis of the facts of the matter, how the questions must actually be posed. For often the questions themselves are formulated incorrectly due to mistaken preconceptions. And this is frequently the case with questions concerning the “subjectivity of perception.”

[ 46 ] Da wurde auf die Schwierigkeit mit dem partiell Farbenblinden hingedeutet, von dem vorausgesetzt ist, daß er eine, sagen wir, grüne Landschaft anders sehe als der sogenannte normal Sehende. In dieser Vorstellung des partiell Farbenblinden liegt die Schwierigkeit vor: inwieweit muß man dem, was nun auch der sogenannte normal Sehende, ich sage ganz ausdrücklich: der sogenannte normal Sehende, sieht, Subjektivität beimessen?

[ 46 ] Here, reference was made to the difficulty posed by the person with partial color blindness, who is assumed to see, say, a green landscape differently than the so-called person with normal vision. This conception of the partially color-blind person raises the following difficulty: to what extent must one attribute subjectivity to what the so-called person with normal vision—and I say this quite explicitly: the so-called person with normal vision—sees?

[ 47 ] Nun, da handelt es sich darum, daß man sich zunächst das ganze Problem so vor Augen führen kann, daß es richtig erscheint. «Richtig» bedeutet, daß die Art, wie man die Elemente, die zur Problemstellung zusammengeführt werden müssen, daß man dieses Wie des Zusammenführens in der rechten Weise bewirkt. Nehmen Sie nur einmal an, wenn irgend jemand sagt: Ja, die Außenwelt, die mir also, sagen wir, in einer grünen Landschaft mit einer grünen Tingierung erscheint, gibt mir Veranlassung dazu, nachzudenken, ob nun die Qualität «grün» objektiv ist, ob ich sie der Welt der Objektivität zuschreiben dürfe, oder ob sie als subjektiv angesprochen werden müsse. — Dann muß man sich, um überhaupt zur Problemstellung zu kommen, solche Dinge überlegen, wie zum Beispiel dieses: Ja, wie verhält sich nun die Sache, wenn ich irgend etwas, was meinetwillen weiß oder gelb ist, durch eine grüne Brille ansehe? Da sehen wir es grün tingiert. Ist das nun der Sphäre der Objektivität zuzuschreiben, oder hat man da von Subjektivität zu sprechen? Man wird sehr bald bemerken, daß man ganz gewiß nicht dem, was da draußen ist, dieses Grün, das ich durch eine grüne Brille sehe, wird zuschreiben dürfen. Man wird nicht von Objektivität in bezug auf die äußere Umwelt sprechen können. Aber man wird doch auch ganz gewiß nicht davon sprechen können, daß diese grüne Tingierung, die ich da herausbekommen habe durch eine grüne Brille, auf irgend etwas Subjektivem beruht. Sie ist durchaus gesetzmäßig objektiv bedingt, ohne daß dasjenige, was ich hier als grün bezeichne, wirklich grün ist.

[ 47 ] Well, the point is that one can first visualize the entire problem in such a way that it appears correct. “Correct” means that the way in which the elements that must be brought together to form the problem—that is, the manner in which they are brought together—is done in the right way. Just suppose, for example, that someone says: “Yes, the external world—which appears to me, let’s say, as a green landscape with a green tint—prompts me to consider whether the quality ‘green’ is objective, whether I may attribute it to the world of objectivity, or whether it must be regarded as subjective.” — Then, in order to even get to the heart of the problem, one must consider things such as this: “Well, what happens when I look at something that is, for my part, white or yellow, through green glasses? Then we see it tinged with green. Is this to be attributed to the sphere of objectivity, or must we speak of subjectivity here?” One will very quickly realize that one certainly cannot attribute this green—which I see through green glasses—to what is out there. One cannot speak of objectivity with regard to the external environment. But one certainly cannot say either that this green tint, which I have perceived through green glasses, is based on anything subjective. It is entirely objectively determined by the laws of nature, even though what I describe here as green is not actually green.

[ 48 ] Sie sehen, ich stelle damit, daß ich mir eine Vorstellung bilde, ich möchte sagen, das Problem in ein besonderes Licht hin, wo ich dasjenige, was ganz gewiß nicht der Außenwelt angehört, doch objektiv, als auf objektive Art entstanden nehmen muß; denn die Brille gehört nicht zu mir, kann also ganz gewiß nicht in die Sphäre der Subjektivität einbezogen werden. Solche Dinge könnten sogar sophistisch erscheinen. Und dennoc sind solche Sophismen sogar sehr häufig das, was einen darauf bringt, die Elemente, die einen darauf führen sollen, die Fragen in entsprechender Weise zu stellen, auch zusammenzubringen. Man wird nämlich, wenn man solche scheinbaren Sophismen in der richtigen Weise durchschaut, die ganze Fadenscheinigkeit der Alltagsbegriffe «Subjekt» und «Objekt», die allmählich in die moderne philosophische Betrachtung hineingebracht worden sind, durchschauen. Und man wird, wenn man in eine richtige Fragestellung hineinkommt, wohl immer mehr und mehr zu dem Weg, wie ich glaube, geführt werden, den ich in meinen Schriften «Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit» eingeschlagen habe, wo man überhaupt zunächst nicht den Ausgangspunkt nimmt von den Begriffen «Subjekt» und «Objekt», sondern wo man unabhängig von diesen Begriffen etwas sucht, was über die Sphäre der Subjektivität und Objektivität hinaus gelegen sein muß: das ist die Funktion des Denkens.

[ 48 ] You see, by forming an idea—I would say—I cast the problem in a particular light, in which I must regard that which most certainly does not belong to the external world as having nevertheless come into being objectively, in an objective manner; for the glasses do not belong to me and therefore most certainly cannot be included in the sphere of subjectivity. Such things might even seem sophistical. And yet such sophisms are very often precisely what leads one to bring together the elements intended to guide one in asking the questions in the appropriate way. For when one sees through such apparent sophisms in the right way, one will see through the entire flimsiness of the everyday concepts of “subject” and “object,” which have gradually been introduced into modern philosophical thought. And once one arrives at the correct way of posing the question, one will, I believe, be led more and more along the path I have taken in my works Truth and Science and The Philosophy of Freedom, where one does not take the concepts of “subject” and “object,” but rather seeks, independently of these concepts, something that must lie beyond the sphere of subjectivity and objectivity: that is the function of thought.

[ 49 ] Die Funktion des Denkens! Wenn man die Sache unabhängig durchschaut, erscheint einem das Denken eigentlich über das Subjektive und Objektive durchaus hinausliegend. Und damit hat man einen Ausgangspunkt gewonnen, von dem aus man dann auch in entsprechender Weise da geführt werden kann, wo es sich um das solche Schwierigkeiten bietende Problem der «Subjektivität» und «Objektivität» handelt. Denn man wird dann dazu geführt — und Sie werden diesen Weg in diesen meinen beiden Büchern durchaus eingehalten finden —, nicht zu fragen: Wie wirkt eine äußere «objektive» Welt auf irgendeine «subjektive» Welt, für die etwa der Vermittler, sagen wir, das Auge ist? — sondern man wird zu etwas ganz anderem geführt. Man wird nämlich dazu geführt, sich zu fragen: Wie ist denn die Tatsache der Sinne selber? Welche Wesenhaftigkeit zeigt einem der Sinn? Also zum Beispiel die Konstitution des Auges?

[ 49 ] The function of thought! If one examines the matter independently, thought actually appears to extend far beyond the subjective and the objective. And with that, one has gained a starting point from which one can then be guided, in an appropriate manner, to address the problem of “subjectivity” and “objectivity,” which presents such difficulties. For one is then led—and you will find that I have consistently followed this path in my two books—not to ask: How does an external “objective” world affect any “subjective” world, for which, say, the eye serves as the mediator? — but one is led to something entirely different. One is led, in fact, to ask: What is the nature of the senses themselves? What essential character do the senses reveal to us? For example, the constitution of the eye?

[ 50 ] Man wird dann finden, daß in dem Problem, das man sich so stellt, etwas zutage tritt, das ich jetzt, weil ich kurz sein muß — es könnte natürlich in einer stundenlangen Erläuterung auch mit dem adäquaten Begriff umfaßt werden —, durch einen Vergleich klarmachen will: Ich kann auch durch eine Brille schauen und dennoch die Umwelt so sehen, wie das naive Bewußtsein sie als wirklich empfindet, mit ihren Farbentingierungen, mit allen ihren Sinnesqualitäten. Ich muß nur durch eine farblos-durchsichtige Brille schauen; ich darf nicht durch eine Brille schauen, die mir die Außenwelt selber verändert. Und ich muß mich jetzt hineinfinden in den Unterschied zwischen einer die äußere Tingierung verändernden Brille und einer farblos durchsichtigen Brille, die jede äußere Tingierung vermeidet. Von diesem Vergleich aus — wie gesagt, es könnten langatmige Überlegungen anstelle des Vergleichs gesetzt werden — werde ich finden: wenn ich die Einrichtung des sogenannten normalen Auges nehme, habe ich in ihm eine Einrichtung gegeben, die sich gerade als durchsichtig erweist, die sich vergleichen läßt mit dem durchsichtig-farblosen Glase. Ich finde nichts im normalen Auge, was darauf hinweist, daß die Außenwelt qualitativ in irgendeiner Weise verändert wird. Aber ich muß diese Untersuchung anstellen nicht mit den gewöhnlichen Begriffen, die ich im alltäglichen Bewußtsein habe, sondern mit dem imaginativen Bewußtsein, das wirklich in die Einrichtungen des Auges eindringen kann.

[ 50 ] One will then find that, in the problem posed in this way, something comes to light which I now—since I must be brief (though it could, of course, be adequately captured by a concept in an explanation lasting several hours)—wish to clarify through a comparison: I can look through a pair of glasses and still see the environment as naive consciousness perceives it to be real, with its color tints and all its sensory qualities. I simply have to look through colorless, transparent glasses; I must not look through glasses that alter the external world itself for me. And I must now grasp the difference between glasses that alter external coloration and colorless, transparent glasses that avoid any external coloration. Based on this comparison—as I said, lengthy reflections could be substituted for the comparison—I will find that when I consider the structure of the so-called normal eye, I have a structure that proves to be precisely transparent, comparable to transparent, colorless glass. I find nothing in the normal eye that indicates that the external world is qualitatively altered in any way. But I must conduct this investigation not with the ordinary concepts I have in my everyday consciousness, but with the imaginative consciousness that can truly penetrate the mechanisms of the eye.

[ 51 ] Für das imaginative Bewußtsein ist ein sogenanntes normales Auge ein durchsichtiges Organ. Ein Auge, das partiell farbenblind ist, das erweist sich für das imaginative Bewußtsein als in einer gewissen Weise vergleichbar mit einer farbigen Brille, als etwas, das allerdings eine Veränderung vornimmt in dem «Subjekt».

[ 51 ] For the imaginative consciousness, a so-called normal eye is a transparent organ. An eye that is partially color-blind appears to the imaginative consciousness as, in a certain sense, comparable to a pair of colored glasses—as something that, however, brings about a change in the “subject.”

[ 52 ] So kommt man — indem man die Subjektivität aber in einer höheren Auffassung auffaßt — gerade darauf, die Sinnesapparate im weitesten Umfange als dasjenige anzusehen, was sich vergleichen läßt mit dem Durchsichtigen, was gerade so eingerichtet ist, daß es die eigene Produktion der Sinnesqualitäten in sich aufhebt. Man lernt als eine reine Phantasterei die Vorstellung erkennen, als ob in diesem ideell Durchsichtigen — das gerade so eingerichtet ist, daß es irgendeine Produktion der Sinnesqualitäten in sich aufhebt —, in diesem ideell durchsichtigen Sinnesapparat irgend etwas auftreten könnte, was Sinnesqualitäten erst hervorriefe, was zu etwas anderem da wäre als den Sinnesqualitäten den Durchgang zu lassen.

[ 52 ] Thus—by conceiving of subjectivity in a higher sense—one arrives precisely at the view that the sensory organs, in the broadest sense, are comparable to something transparent, which is arranged in such a way that it subsumes within itself the very production of sensory qualities. One learns to recognize as pure fantasy the notion that in this ideally transparent—which is precisely arranged in such a way that it abolishes any production of sensory qualities within itself—in this ideally transparent sensory apparatus, anything could occur that would first evoke sensory qualities, that would be there for any purpose other than to allow the sensory qualities to pass through.

[ 53 ] Wie gesagt, ich will nur auf die Richtung deuten. Und ich will zu gleicher Zeit darauf hinweisen, daß sich das gewöhnliche Philosophieren auf den Punkt stellen sollte, zu sagen: Die Tatsachen der Welt erweisen sich, wenn ich sie vorurteilslos untersuche, so, daß sie mir Ergebnisse liefern, die einfach unauflösbar sind für das gewöhnliche Verstandesbewußtsein; die Tatsachen selber zeigen mir, daß ich hinausgehen muß über dieses gewöhnliche Verstandesbewußtsein. — Ehrlich ist es nicht, aus, sagen wir, der Tatsache des partiell Farbenblinden auf die Subjektivität der Farbenqualitäten zu schließen. Denn jedes solche Schließen hat irgendeinen logischen Fehler in sich, der immer irgendwie nachweisbar ist. Ehrlich wäre es, zu sagen: Man kommt einfach mit dem gewöhnlichen Philosophieren zu keinem Resultat, wenn man die Schwierigkeit, die sich aus dem Vergleich der partiellen Farbenblindheit mit dem Sehen des sogenannten normalen Auges ergibt, lösen will. — Das gewöhnliche Bewußtsein hat eben in diesem Punkte die Aufgabe, die Schwierigkeiten hinzustellen und zu sagen: Da sind sie. — Und würde man sich wirklich der Tragweite der Logik bewußt werden, des real-logischen Denkens innerhalb des Bewußtseins, so würde man überall, ich möchte sagen, hinlegen die Probleme und würde sagen: Da ist wiederum eins, unauflösbar für das gewöhnliche Bewußtsein, das zweite, das dritte — und würde sehen, daß die gewöhnliche Philosophie in vieler Beziehung nichts weiter ist als ein Hinweis auf Probleme und eine Hervorbringung einer Stimmung des Wartens, daß diese Probleme von einer höheren Stufe des Bewußtseins aus gelöst werden. Es ist nur der Drang, mit dem gewöhnlichen Bewußtsein zurechtzukommen, der einen Nebel über die Probleme breitet und der nicht zugeben möchte, daß man mit ihm die Probleme nur aufwerfen kann und hinweisen muß darauf, daß nun die menschliche Seele eine Entwickelung und Übungen durchmachen muß, diese Probleme zu lösen. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergien ist eben durchaus nicht etwas, das innerhalb des gewöhnlichen Bewußtseins behandelt werden kann.

[ 53 ] As I said, I merely wish to point in the right direction. And at the same time, I wish to point out that ordinary philosophical thinking should focus on saying: When I examine the facts of the world without prejudice, they reveal themselves in such a way that they yield results which are simply irreducible to ordinary rational consciousness; the facts themselves show me that I must go beyond this ordinary rational consciousness. — It is not honest to infer, from, say, the fact of partial color blindness, the subjectivity of color qualities. For every such inference contains some logical error that can always be demonstrated in some way. It would be honest to say: One simply cannot reach a conclusion through ordinary philosophical reasoning if one wishes to resolve the difficulty that arises from comparing partial color blindness with the vision of the so-called normal eye. — Ordinary consciousness has precisely this task: to point out the difficulties and say, “There they are.” — And if one were to truly become aware of the scope of logic—of real-logical thinking within consciousness—one would, I might say, lay out the problems everywhere and say: ‘Here is yet another one, insoluble for ordinary consciousness—the second, the third’—and one would see that ordinary philosophy, in many respects, is nothing more than a pointing to problems and the creation of a mood of waiting for these problems to be solved from a higher level of consciousness. It is only the urge to come to terms with ordinary consciousness that casts a veil over the problems and refuses to admit that, with ordinary consciousness, one can only raise the problems and must point out that the human soul must now undergo a process of development and training in order to solve them. The law of specific sensory energies is by no means something that can be dealt with within ordinary consciousness.

[ 54 ] Wie gesagt, ich wollte nur auf den Hauptpunkt der Erörterungen hinweisen, über das Thema der Farben, wollte darauf hinweisen, daß vor allen Dingen der Philosophie und auch philosophischen Physiologie, Philologie und so weiter, in der Gegenwart notwendig wäre ein ganz gewissenhaftes Umgrenzen desjenigen, was sie durch ihr Denken eigentlich vor das gewöhnliche Bewußtsein hinträgt.

[ 54 ] As I said, I merely wanted to draw attention to the main point of the discussions—the topic of colors—and to point out that, above all, philosophy, as well as philosophical physiology, philology, and so on, currently require a very conscientious delineation of what they actually convey to ordinary consciousness through their thinking.

[ 55 ] Das ist das eine, auf das ich aufmerksam machen möchte, wie gesagt, ganz unzulänglich. Denn es sollte nur auf eine bestimmte Richtung weisen; aber mehr kann auch nicht in einer so kurzen Erörterung getan werden.

[ 55 ] That is the one point I would like to bring to your attention—as I said, in a very inadequate way. For it was intended only to point in a certain direction; but more cannot be done in such a brief discussion.

[ 56 ] Das zweite, worauf ich hinweisen möchte, ist — wiederum in bloß methodologischer Beziehung — das hier aufgeworfene Problem der Kategorien. Man könnte natürlich über das Kategorienhafte des menschlichen Denkens viele Stunden reden, allein ich möchte da zunächst nur auf das eine hinweisen: Innerhalb der eigentlichen Kategorientafel kommen die «Subjektivität» und die «Objektivität» gar nicht vor. Und daß innerhalb der eigentlichen Kategorientafel, der eigentlichen, der Urkategorientafel, «Subjekt» und «Objekt» gar nicht vorkommen, das bildet an sich eine Art von Beweis über das Wesen des kategorialen Denkens: Wenn man die Kategorien in der Weise nimmt, wie sie nun nicht aus irgendeinem Beweis hervorgehen, sondern einfach, ich möchte sagen, aus der Logik herausgelöst werden, so müssen sie, indem man sie aufstellt, anwendbar sein auf dasjenige, was über «subjektiv» und «objektiv» erhaben ist. Es muß das, worauf die Kategorien zunächst anwendbar sind, ein Übersubjektives und -objektives sein. Damit aber nun, daß die Kategorien durch den Menschen selbst angewendet werden, ist ein klarer Beweis gegeben, daß im kategorialen Denken nicht ein Subjektives gegeben ist, sondern ein Subjektiv-Objektives.

[ 56 ] The second point I would like to raise—again, purely from a methodological perspective—is the problem of categories raised here. One could, of course, speak for many hours about the categorical nature of human thought, but for now I would like to point out just one thing: “Subjectivity” and “objectivity” do not appear at all within the actual table of categories. And the fact that “subject” and “object” do not appear at all within the actual table of categories—the actual, the primordial table of categories—constitutes in itself a kind of proof regarding the nature of categorical thinking: If one takes the categories not as deriving from any proof, but simply—I would say—extracted from logic, then, by their very formulation, they must be applicable to that which transcends “subjective” and “objective.” That to which the categories are initially applicable must be something supra-subjective and supra-objective. But the very fact that the categories are applied by human beings themselves provides clear proof that categorical thinking does not involve the subjective, but rather the subjective-objective.

[ 57 ] Es ist dies das Problem, über das auch Goethe so sehr viel gedacht hat. Und die Art und Weise seines Denkens, die ihn dazu führte, immer den Punkt aufzusuchen, wo Subjektivität und Objektivität für den Menschen im menschlichen Erleben verschwinden, sich aufheben, dieses Bestreben machte ihn eigentlich zu dem Antipoden Kants.

[ 57 ] This is the problem that Goethe, too, pondered so deeply. And the nature of his thinking—which led him to always seek out the point where subjectivity and objectivity disappear for human beings in human experience, where they are transcended—this very endeavor actually made him Kant’s polar opposite.

[ 58 ] Es ist selbstverständlich durchaus richtig, daß man, wie gesagt wurde, auch im positiven Sinne aus Kant heraus arbeiten könnte; aber man kann aus allem in der Welt in positiver Weise heraus arbeiten, auch aus dem größten Irrtum! Denn es gibt nichts in der Welt, woraus man nicht auch ein Positives herausschälen kann. Wir haben unter den Grundübungen — ich brauche nur daran zu erinnern: im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» finden Sie die Sache besprochen — für den, der etwas zur höheren Erkenntnis kommen will, gerade diese Positivität angeführt, dieses Aufsuchen des Positiven. Das darf einen natürlich nicht blind machen für die Anerkennung von Abirrungen. Und schließlich, wenn wir das Historische ins Auge fassen, so können wir sagen: Positiv ist aus Kant sehr viel herausgearbeitet worden. Es gibt ja nicht nur die kritischen Kant-Philologen, nicht nur die Neukantianer vom Schlage Liebmanns, Volkelts und so weiter, sondern es gibt gerade die in dieser Beziehung sehr tätige Marburger Schule — Cohen, Cassirer, Dilthey und so weiter —, die versuchte, in gewisser Beziehung aus Kant positiv herauszuarbeiten.

[ 58 ] It is, of course, entirely correct that, as has been said, one could also work from Kant in a positive sense; but one can work something positive out of everything in the world, even out of the greatest error! For there is nothing in the world from which one cannot also extract something positive. Among the basic exercises—I need only remind you that this is discussed in the second part of my Outline of Esoteric Science—we have cited precisely this positivity, this seeking out of the positive, for those who wish to attain higher knowledge. Of course, this must not blind one to the recognition of errors. And finally, when we consider history, we can say: a great deal of positive insight has been drawn from Kant. After all, there are not only the critical Kant scholars, not only the Neo-Kantians of the ilk of Liebmann, Volkelts, and so on, but there is also the Marburg School—Cohen, Cassirer, Dilthey, and so on—which was particularly active in this regard and sought, in a certain sense, to draw out the positive aspects of Kant’s thought.

[ 59 ] Nun, ich habe gezeigt, wie wenig zu einer wirklichkeitsgemäßen Anschauung dieses «positive Herausarbeiten aus dem Kantianismus» führen kann: in meinen «Rätseln der Philosophie», wo ich kurz auch diese Bestrebungen der Marburger Schule besprochen habe. Also auch beim Kategorienproblem handelt es sich darum, es richtig in seiner ganzen inneren Wesenheit vor die Seele hinzustellen, um zu sehen, wie gerade durch das Kategorienproblem die Frage nach dem «Subjektiven» im Gegensatze zum «Objektiven» nicht so gestellt werden kann, wie es unter dem Einfluß des Kantianismus die neuere Philosophie getan hat. Dieses geradezu erkenntnistheoretische Einspannen in die Subjektivität ist etwas, was zahllose ungerechtfertigte Vorstellungen in unsere moderne Philosophie hineingebracht und uns Vorstellungen hat verlieren lassen, die schon da waren, und die in entsprechender gerader Fortentwickelung zu etwas recht Fruchtbarem hätten führen können.

[ 59 ] Well, I have shown how little can lead to a realistic understanding of this “positive elaboration from Kantianism”: in my Riddles of Philosophy, where I also briefly discussed these efforts of the Marburg School. Thus, even with regard to the problem of the categories, the task is to present it correctly in all its inner essence before the mind, in order to see how, precisely through the problem of the categories, the question of the “subjective” in contrast to the “objective” cannot be posed in the way that modern philosophy, under the influence of Kantianism, has done. This epistemological entanglement in subjectivity is something that has introduced countless unjustified notions into our modern philosophy and caused us to lose notions that were already there—notions that, had they been developed in a straightforward manner, could have led to something quite fruitful.

[ 60 ] Ich muß da immer wieder und wiederum darauf aufmerksam machen — was ich ja schon öfter getan habe —, wie ein außerordentlich begabter Philosoph des 19. Jahrhunderts, Franz Brentano, 1874 den ersten Band seiner «Psychologie» hat erscheinen lassen. Es ist im Grunde ein geistvolles Buch. Dieser Band «Psychologie» von Brentano erschien im Frühling 1874. Für den Herbst desselben Jahres versprach er den zweiten Band. In kurzer Zeit sollten dann die drei folgenden Bände erscheinen. Auf fünf Bände hatte Brentano zunächst diese «Psychologie vom empirischen Standpunkte» berechnet. Der erste Band war nur eine Vorbereitung. In ihm findet sich aber doch eine höchst merkwürdige Stelle, in der darauf hingedeutet wird, wie Franz Brentano in der Tat auf die bedeutsamsten psychologischen Probleme hinzielte. Er sagt da: Wenn wahrhaftig alles moderne Denken nur dazu führen sollte, zu untersuchen, wie Vorstellungen auf- und niedersteigen, sich miteinander vergesellschaften, wie sich das Gedächtnis bildet und dergleichen, und wenn man darüber nur zur Ungewißheit kommen könnte über die eigentlichen psychologischen Fragen eines Plato und Aristoteles, zum Beispiel, ob die Seele erhalten bleibe, wenn ihr äußerer physischer Leib zerfällt, dann hätte man durch die moderne Wissenschaftlichkeit wahrhaftig für die Bedürfnisse des Menschen nicht viel gewonnen! — Nun, man kann aus allem anderen, was Brentano da andeutet im ersten Bande seiner «Psychologie vom empirischen Standpunkte», schon ersehen, wie er durch seine fünf Bände hindurch das Problem bis zu diesen Grundfragen des Plato und Aristoteles bringen wollte.

[ 60 ] I must draw attention to this again and again—as I have done on numerous occasions—namely, how an extraordinarily gifted 19th-century philosopher, Franz Brentano, published the first volume of his Psychology in 1874. It is, in essence, a brilliant book. This volume of Brentano’s Psychology was published in the spring of 1874. He promised the second volume for the fall of that same year. The three subsequent volumes were then to be published shortly thereafter. Brentano had initially planned this Psychology from an Empirical Standpoint to consist of five volumes. The first volume was merely a prelude. Yet it contains a most remarkable passage that hints at how Franz Brentano was in fact aiming at the most significant psychological problems. He says there: If all modern thought were truly intended only to investigate how ideas arise and subside, how they associate with one another, how memory is formed, and the like, and if this could lead only to uncertainty regarding the actual psychological questions posed by Plato and Aristotle— for example, whether the soul survives when its external physical body decays, then modern scientific inquiry would truly have gained little for human needs! — Well, one can already see from everything else that Brentano hints at in the first volume of his Psychology from an Empirical Standpoint how, throughout his five volumes, he intended to bring the problem down to these fundamental questions of Plato and Aristotle.

[ 61 ] Das Merkwürdige ist, daß im Herbst der zweite Band nicht erschien. Er erschien auch im nächsten Jahr nicht. Und in den neunziger Jahren versprach Brentano neuerdings, daß er nun daran gehen werde, wenigstens eine Art Surrogat in einer Art deskriptiver Psychologie zu schaffen. Also es sollte schon 1874 der zweite Band der «Psychologie» erscheinen. Nichts erschien bis in die neunziger Jahre; da erschien ein zweites Versprechen, wurde aber nicht erfüllt! Franz Brentano ist vor einigen Jahren in Zürich gestorben. Das Versprechen ist bis heute nicht erfüllt. Es ist beim ersten Bande der «Psychologie vom empirischen Standpunkte» geblieben. Warum? Weil Brentano in seiner Privatdozentenschrift den Satz aufgestellt hat: «Die Philosophie hat zu folgen denselben Methoden, die in der Naturwissenschaft angewendet werden», weil Brentano treu bleiben wollte diesem methodologischen Satz, den er damals aufgestellt hat, und mit dem sich eben nicht weiterkommen ließ. Brentano war eine viel zu ehrliche Natur, als daß er durch irgendwelche anderen Mittel als durch die Mittel der äußeren wissenschaftlichen Methode hätte weiterkommen wollen. Daher schwieg er einfach über das, was über den ersten Band hinauskam.

[ 61 ] The strange thing is that the second volume did not appear in the fall. Nor did it appear the following year. And in the 1890s, Brentano promised once again that he would now set about creating at least a kind of surrogate in the form of descriptive psychology. So the second volume of Psychology was supposed to appear as early as 1874. Nothing appeared until the 1890s; then a second promise was made, but it was not fulfilled! Franz Brentano died in Zurich a few years ago. The promise has still not been fulfilled to this day. It has remained at the first volume of Psychology from an Empirical Standpoint. Why? Because Brentano had stated in his private lecturer’s thesis: “Philosophy must follow the same methods that are applied in the natural sciences,” and because Brentano wanted to remain faithful to this methodological principle, which he had established at that time—and which ultimately prevented him from making further progress. Brentano was far too honest a man to have wanted to make progress by any means other than those of the external scientific method. That is why he simply remained silent about anything beyond the first volume.

[ 62 ] Ich habe das in meinem Buche «Von Seelenrätseln» ausgesprochen. Der Brentano-Schüler Kraus hat allerdings gesagt, es lägen allerlei andere Gründe vor dafür, daß Brentano die späteren Bände nicht veröffentlicht hat; allein man muß sagen, wenn die Gründe bloß vorgelegen hätten, auf die Kraus da hinschaute, dann hätte Brentano ein richtiger Philister sein müssen. Und das war er gewiß nicht. Er war schon eine Persönlichkeit, die durchaus den Impulsen des Inneren folgte und ihnen allein! Aber es war doch etwas vorhanden in Brentano, welches ihm wenigstens die Hoffnung erweckte, daß man in die Dinge der Welt eindringen könne. Und im Grunde genommen hat jeder solche Philosoph — es sind ja ihrer wenige, die in begründeter Weise in der neueren Zeit diese Hoffnung gehabt haben — sich gegen Kant gewendet, selbstverständlich auch Franz Brentano.

[ 62 ] I stated this in my book On the Riddles of the Soul. Kraus, a student of Brentano’s, has, however, claimed that there were all sorts of other reasons why Brentano did not publish the later volumes; yet one must say that if the reasons Kraus pointed to had been the only ones, then Brentano would have had to be a true philistine. And he certainly was not. He was, after all, a personality who followed the impulses of his inner self—and them alone! But there was nevertheless something in Brentano that at least gave him hope that one could penetrate the workings of the world. And, when all is said and done, every philosopher of this sort—and there are, after all, few who have had this hope in a well-founded way in modern times—has turned against Kant, including, of course, Franz Brentano.

[ 63 ] Es war etwas in ihm, was diese Hoffnung begründete. Und das finde ich in einem Begriff, der, ich möchte sagen, vereinzelt immer wiederum aus dem Brentanoschen Philosophieren herauftaucht, und den er im Sinne einer älteren Philosophie — von der Art, als man noch aus der Wirklichkeit geschöpft hat, wie ich es heute morgen angedeutet habe — entlehnt hat: es ist der Begriff des intentionalen Inneseins, den er auf die Erkenntnis- und Wahrnehmungsvorstellungen anwendet.

[ 63 ] There was something within him that gave rise to this hope. And I find this in a concept that, I would say, emerges from time to time in Brentano’s philosophy, and which he borrowed in the spirit of an older philosophy—of the kind that still drew from reality, as I indicated this morning—: it is the concept of intentional inner being, which he applies to the concepts of cognition and perception.

[ 64 ] Dieser Begriff, der muß formuliert werden. Dann wird man von da aus eine Annäherung an dasjenige erhalten, was ich eben vorhin angedeutet habe: zu untersuchen, inwiefern das menschliche Sinnesorgan ein Sich-selbst-Auslöschendes ist, dem man also gar nicht zuschreiben darf, daß es der Produzent der Sinnesqualitäten sein könne. Und dieser Begriff — nun nicht des realen Inneseins irgendeines Prozesses, sondern des intentionalen Inneseins — enthält in sich das Leben des Hinweisens, das dann für das imaginative Vorstellen beobachtbar wird. Und dieses Leben des Hinweisens, das gegeben ist mit dem Begriff des intentionalen Inneseins, bringt dann die Möglichkeit, das zu erfassen, was man seit Johannes Müller, dem Physiologen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in so unzulänglicher Weise mit der Lehre von den «spezifischen Sinnesenergien» erfassen wollte. So daß man sagen möchte, der Vergleich mit dem durchsichtigen, farblosen Glase ist nicht ganz zutreffend aus dem Grunde, weil man sich nicht ein unlebendiges Farbloses, sich selbst also Aufhebendes vorzustellen hat, sondern ein lebendiges und gerade durch seine Lebendigkeit sich Aufhebendes und dadurch in einem entsprechenden Prozeß Drinnenstehendes, der ein Objektives erleben läßt, indem er das Objektive nicht hereinnimmt, sondern aus sich den Prozeß des Hinweisens durch und in dem Hinweisen auf dieses Objektive erfaßt.

[ 64 ] This concept needs to be formulated. Then, starting from there, one will arrive at an approximation of what I just hinted at: to investigate to what extent the human sensory organ is a self-annihilating entity, to which one must therefore not at all attribute the capacity to be the producer of sensory qualities. And this concept—not that of the real inner being of any process, but of intentional inner being—contains within itself the life of pointing, which then becomes observable for imaginative representation. And this life of pointing, which is inherent in the concept of intentional inner being, then offers the possibility of grasping what, since Johannes Müller—the physiologist from the first half of the 19th century—people have sought to grasp in such an inadequate way through the doctrine of “specific sensory energies.” So one might say that the comparison with transparent, colorless glass is not entirely accurate for the reason one need not imagine an inanimate, colorless entity—one that thereby negates itself—but rather a living entity that, precisely through its liveliness, negates itself and thereby stands within a corresponding process, allowing one to experience the objective not by taking it in, but by grasping from within itself the process of pointing through and in the act of pointing to this objective.

[ 65 ] Ich habe das, was durch eine im Sinne moderner Weltauffassung gehaltene Erneuerung dieses Begriffs des intentionalen Inneseins liegt, nur bei einigen neueren amerikanischen Philosophen gefunden, welche — wahrscheinlich sogar ohne diesen Begriff, den ich eben angeführt habe, zu kennen — versuchen, die Kontinuität des menschlichen Bewußtseins zu erfassen. Sagen wir zum Beispiel: im neunundzwanzigsten Lebensjahre schaut der Mensch erinnerungsgemäß zurück auf dasjenige, was er durchgemacht hat, sagen wir im achtzehnten Lebensjahr. Dann ist das, was den Menschen im neunundzwanzigsten Lebensjahr zurückweist, wenn man es innerlich erfaßt, etwas demjenigen Ähnliches, was man als ein intentionales Innesein bezeichnen könnte. Und in bezug auf diesen Prozeß tritt bei einigen neueren amerikanischen Erkenntnistheoretikern dieser Begriff wieder auf.

[ 65 ] I have found what constitutes a renewal of this concept of intentional inner being—in the sense of a modern worldview—only in a few recent American philosophers who—probably without even being familiar with the term I just mentioned—attempt to grasp the continuity of human consciousness. Let us say, for example: at the age of twenty-nine, a person looks back in memory on what he or she went through, say, at the age of eighteen. Then what confronts the person at the age of twenty-nine—when grasped inwardly—is something similar to what one might call an “intentional inner being.” And with regard to this process, this concept reappears in the work of some recent American epistemologists.

[ 66 ] Man sieht gerade an solchen Erscheinungen, wie ein begriffliches Arbeiten in dem philosophischen Streben der Gegenwart lebendig ist. Aber dieses Arbeiten muß durchaus in einer solchen Weise ehrlich werden, wie ich es vorhin bezeichnet habe, indem man dazu kommt, klar zu zeigen: Es liegen Probleme vor; das gewöhnliche Bewußtsein aber, die gewöhnliche Verstandestätigkeit, das kann die Probleme nur aufwerfen; und nun muß weiter fortgeschritten werden zu der Lösung der Probleme. Würde man in dieser Weise wissenschaftliche Ehrlichkeit entwickeln, dann würde diese die Grundlage sein für das Aufsteigen zum Imaginativen und den anderen Erkenntnisstufen.

[ 66 ] It is precisely in such phenomena that one sees how conceptual work is alive in contemporary philosophical endeavor. But this work must become honest in the way I described earlier, by coming to clearly demonstrate: Problems exist; but ordinary consciousness, ordinary intellectual activity, can only raise these problems; and now one must proceed further toward solving them. If scientific integrity were developed in this way, it would form the foundation for the ascent to the imaginative and the other levels of knowledge.

[ 67 ] Das sollen nur ganz unzulängliche, methodologische Hinweise sein.

[ 67 ] These are meant to be only very brief methodological notes.