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Anthroposophy
Its Roots of Knowledge and Fruits of Life
GA 78

6 September 1921, Stuttgart

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Anthroposophy: Its Roots of Knowledge and Fruits of Life, tr. SOL
  1. Anthroposophie ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte

Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] Durch dasjenige, was ich mir erlaubte zu charakterisieren als imaginative, inspirierte, intuitive Erkenntnis, wird der Mensch geführt vor Ergebnisse einer übersinnlichen Forschung, die ihn so recht erst vor sein eigenes Wesen hinführen. Es muß aber immer wieder betont werden, daß es sich dabei nicht handelt um das Erringen von Imagination, Inspiration und Intuition selbst, in welchen man die Forschungsmittel, ich möchte sagen, in welchen man für die übersinnliche Welt dasjenige hat, was man in der Waage, im Maßstab für die physische Welt hat. Es handelt sich vielmehr darum, daß diese Forschungsmittel innerhalb der Geistesforschung so entwickelt werden, daß der Ausgangspunkt genommen wird von etwas, das im gewöhnlichen Bewußtsein, in dem Bewußtsein des Alltags, in dem Bewußtsein, das der gewöhnlichen Wissenschaft zugrunde liegt, schon durchaus vorhanden ist, wenn man sich nur in der richtigen Weise zu diesem gewöhnlichen Bewußtsein mit seiner Möglichkeit zu wirklichen sinnlichkeitsfreien, im Geiste erfaßbaren Ideen erheben kann. Einfach eine höhere Belebung desjenigen, was man im gewöhnlichen Bewußtsein unbeachtet läßt, ist dasjenige, was in die übersinnlichen Welten hineinführt. Und derjenige, der selber zum Geistesforscher werden will durch Imagination, Inspiration und Intuition, der hat vor allen Dingen anzustreben, daß dasjenige in Bewußtheit vor ihm liege, was schon bei einer wirklichen physischen Forschung vorhanden sein muß, damit diese physische Forschung zu wirklichkeitsgemäßen Resultaten führt.

[ 1 ] Through what I have taken the liberty of characterizing as imaginative, inspired, and intuitive knowledge, human beings are led to the results of supersensible research, which only then truly lead them to their own essence. However, it must be emphasized time and again that this is not a matter of attaining imagination, inspiration, and intuition themselves—in which one finds the means of research; I would say, in which one has for the supersensible world what one has in the scale and the measuring rod for the physical world. Rather, the point is that these means of investigation are developed within spiritual research in such a way that the starting point is taken from something that is already fully present in ordinary consciousness—in everyday consciousness, in the consciousness underlying ordinary science—if one only approaches this ordinary consciousness in the right way, with its capacity to grasp ideas that are truly free from the senses ideas graspable in the spirit. Simply a higher enlivening of that which is left unnoticed in ordinary consciousness is what leads into the supersensible worlds. And whoever wishes to become a researcher of the spirit through imagination, inspiration, and intuition must, above all, strive to bring into consciousness that which must already be present in genuine physical research in order for that physical research to lead to results that correspond to reality.

[ 2 ] Was ich jetzt eben gesagt habe, gilt eigentlich erst für unsere Zeit, denn erst diese unsere Entwickelungsepoche der Menschheit seit dem 15. Jahrhundert hat, indem sie sich erhob zu der eigentlich naturwissenschaftlichen Forschung, auch in der Handhabung dieser Forschung solche Begriffe in das menschliche Bewußtsein hereingebracht, die in der angedeuteten Weise ausbildungsfähig, belebbar sind. In älteren Zeiten mußte man ganz andere Mittel anwenden. Es wurde — wenigstens andeutungsweise — von ihnen gesprochen, indem auf das Jogasystem hingewiesen worden ist und auf dergleichen, aber diese älteren Mittel können nicht mehr die unsrigen sein. So wie dasjenige, was im Leben der erwachsene Mensch vollbringt, nicht das sein kann, was das Kind vollbringt, ebensowenig kann das, was die zivilisierte Menschheit des 20. Jahrhunderts als Mittel der Geistesforschung anwendet, dasselbe sein, das die Menschheit der alten orientalischen oder der alten griechischen Kulturen angewendet hat.

[ 2 ] What I have just said actually applies only to our time, for it is only this current epoch of human development since the 15th century—by rising to the level of true scientific research—that has, through the practice of this research, introduced into human consciousness concepts that can be developed and brought to life in the manner indicated. In earlier times, entirely different methods had to be employed. These were alluded to—at least in a general sense—through references to the yoga system and the like, but these older methods can no longer be our own. Just as what an adult accomplishes in life cannot be the same as what a child accomplishes, so too what civilized humanity in the 20th century employs as a means of spiritual research cannot be the same as what humanity in the ancient Eastern or ancient Greek cultures employed.

[ 3 ] Wir müssen von dem sinnlichkeitsfreien, reinen Denken ausgehen, wie ich es versuchte zu charakterisieren in meiner «Philosophie der Freiheit». Dieses sinnlichkeitsfreie Denken, so paradox es klingt, entwickelt sich am allerbesten, allerintensivsten, wenn.man sich einläßt auf diejenige naturwissenschaftliche Forschung, von der ich auch in diesen Abendbetrachtungen gesprochen habe. Ich habe nicht umsonst geschildert — trotz der Fehler, die ich bei ihm durchaus einsehe und zugebe — den Haeckelismus, diese besondere Art, sich in die Entwickelung des tierischen und des menschlichen Lebens zu versenken. Wenn man im strengen Sinne des Wortes dasjenige anwenden will, was gerade Geistesforschung für die äußere Sinneswelt fordern muß: das lebendige Durcheinanderwirken der reinen Wahrnehmung und des reinen Denkens, dann kommt man mit Bezug auf die durch äußerliche sinnliche Empirie gegebene organische Welt zu keinen andern Resultaten als zu denen, zu denen der Haeckelismus gekommen ist. Und will man anschaulich machen dasjenige, wozu man auf diesem Wege kommt, auf dem Wege der äußerlich-sinnlichen Anschauung und des methodischen Denkens, das diese Anschauung durchwebt, so muß man in folgendem Sinne verfahren. Man kann dann nicht aus irgendeinem abstrakten Denken heraus allerlei Spekulationen anstellen über eine Lebenskraft, wie es der Neovitalismus tut. Man kann nicht Spekulationen aus den reinen Begriffen heraus aufstellen, ob demjenigen, was äußerlich-sinnlich verfolgbar ist, noch irgendein Übersinnliches zugrunde liegt und dergleichen, sondern man muß in der Weise bei der Tatsachenwelt stehenbleiben, wie es der Haeckelismus getan hat. Gerade aus geisteswissenschaftlichen Forderungen heraus muß man die äußere Naturforschung auf dieses Gebiet und in diesem Sinne beschränken, sonst führt das Spekulieren über die äußere Natur in nebulosen Mystizismus hinein. Dadurch aber kann man sich leicht den Vorwurf des Materialismus erwerben. Dieser Vorwurf kann dann so gewendet werden, daß man sagt: Da ist von mir auch einmal etwas dargestellt worden vom materialistischen Standpunkt, und dann sei ich wieder davon abgekommen. — Darum kann es sich nicht handeln. Das sind nur törichte Einwände, welche sich an Worte halten und in den ganzen Geist der geisteswissenschaftlichen Forschung eben nicht eindringen können. Denn gerade, wenn man sich auf dem Gebiete der reinen Naturwissenschaft auf das Phänomenale beschränkt, wenn man in der Lage ist, jene innere Resignation des Denkens zu üben, die notwendig ist, um nicht nebulosen Mystizismus zu treiben, sondern phänomenalistisch die Tatsachenwelt verfolgt, dann kommt man dazu, das Denken überhaupt für die äußere Forschung nur, ich möchte sagen, als Arbeitsmittel zu gebrauchen, gar nicht als irgend etwas Konstitutives, als irgend etwas, was über die äußere Sinneswelt anders etwas aussagen kann, als daß es die Phänomene dieser äußeren Sinneswelt ordnet, so daß sie selbst ihre Geheimnisse ausspricht, wie das durchaus im Sinne des Goetheanismus liegt. Dann aber, wenn man diese Resignation übt, dann kommt man eben für dieses Feld der Forschung an eine Grenze. Und an dieser Grenze fängt man nicht an, philosophisch zu spekulieren, allerlei auszudenken über Transzendentes, das erschlossen werden soll, sondern man fängt an, jene inneren Kämpfe und Überwindungen zu erleben, welche das Denken jetzt nicht zum Spekulieren anregen, sondern ihm gewissermaßen ein Lebenselixier einflößen, so daß dieses Denken sich umwandelt in jene Anschauungen, die dann in den Imaginationen auftreten, und daß es herankommen kann an die Welt, die es durch Spekulieren niemals, sondern nur dadurch erreichen kann, daß es sich eben metamorphosiert zu übersinnlichem Schauen.

[ 3 ] We must start from senseless, pure thought, as I attempted to characterize it in my *Philosophy of Freedom*. This thinking free from sensibility, as paradoxical as it may sound, develops best and most intensely when one engages in the kind of scientific research I have also spoken of in these Evening Reflections. It was not without reason that I described—despite the errors in it, which I fully recognize and admit—Haeckelism, this particular way of immersing oneself in the evolution of animal and human life. If one wishes to apply, in the strict sense of the word, precisely what spiritual research must demand of the external sensory world—namely, the living interplay of pure perception and pure thought—then, with regard to the organic world as given by external sensory empiricism, one arrives at no other results than those to which Haeckelism has arrived. And if one wishes to illustrate what one arrives at by this path—the path of external sensory perception and the methodical thinking that interweaves this perception—one must proceed as follows. One cannot then, based on any abstract thinking, engage in all sorts of speculations about a life force, as Neovitalism does. One cannot construct speculations based on pure concepts—such as whether anything supersensible underlies what can be observed through external, sensory means—but must remain within the realm of facts, just as Haeckelism has done. Precisely because of the demands of spiritual science, one must limit external natural research to this field and in this sense; otherwise, speculating about external nature leads into nebulous mysticism. But this can easily invite the accusation of materialism. This accusation can then be turned around to say: “I once presented something from a materialistic standpoint, and then I deviated from it again.” — That cannot be the case. These are merely foolish objections that cling to words and simply cannot penetrate the entire spirit of spiritual scientific research. For precisely when, in the realm of pure natural science, one limits oneself to the phenomenal, when one is able to practice that inner resignation of thought that is necessary in order not to engage in nebulous mysticism but to pursue the world of facts in a phenomenological manner, then one comes to regard thought, in external research, only as I would say, a tool for work—not at all as something constitutive, as something that can say anything about the external sensory world other than that it orders the phenomena of this external sensory world so that the world itself reveals its secrets, as is entirely in the spirit of Goetheanism. But then, when one practices this resignation, one reaches a limit precisely in this field of research. And at this limit, one does not begin to speculate philosophically, to devise all sorts of ideas about the transcendent that is to be fathomed, but rather one begins to experience those inner struggles and triumphs which now do not stimulate thought to speculate, but rather, in a sense, infuse it with an elixir of life, so that this thinking is transformed into those intuitions that then arise in the imaginations, and so that it can approach the world—a world it can never reach through speculation, but only by metamorphosing into supersensible perception.

[ 4 ] Dadurch aber, daß der Mensch solche Erkenntnismittel anwendet, wird er wirklich eigentlich erst so recht sich selbst gegeben. Und indem der Geistesforscher gerade von diesem Denken ausgeht und es überall mitnimmt, muß er überall dasjenige, was er imaginativ erschaut, was sich ihm durch Inspiration offenbart, zurückführen bis zur Gestaltung der reinen Idee. Aber in bezug auf dasjenige, was er dann als Ideen gibt, kann ihm jeder folgen, der nur in der richtigen Weise sich auf das gewöhnliche Bewußtsein besinnt. Daher ist der Geistesforscher nachprüfbar selbst in seinen höchsten Ergebnissen, und nur die Denkbequemlichkeit behauptet, man müsse selber hineinkommen in die geistige Welt, um die Ergebnisse richtig finden zu können. Dadurch aber, daß die Ergebnisse der Imagination zutage treten, wird dem Menschen dasjenige vor die Seele gerückt — ich habe es in diesen Vorträgen bereits ausgeführt —, was sein ganzes Leben seit der Geburt als einen zusammenhängenden Strom umfaßt. Das Ich erweitert sich über den Augenblick hinaus, indem es sich erfühlt und erlebt im ganzen Lebensstrom seit der Geburt. Und indem dann der Mensch aufrückt zur Inspiration, eröffnet sich ihm die Welt, in welcher er gelebt hat vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption, und in welcher er leben wird, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen sein wird. Dasjenige also, was mit dem Menschen lebt als sein Unsterbliches, es wird auf diese Weise Erkenntnisobjekt. Und in der Intuition eröffnet sich der Blick über die wiederholten Erdenleben der Vergangenheit, so daß dasjenige, wovon anthroposophische Geisteswissenschaft spricht, so charakterisiert werden kann, daß man überall die einzelnen Schritte angibt, durch die man zu diesen Ergebnissen kommt und die dann, wie gesagt, nachprüfbar sind, weil sie in Gedanken, die jedem zugänglich sind, gegeben werden müssen.

[ 4 ] But it is precisely by employing such means of knowledge that a person truly and fully comes to know himself. And since the researcher of the spirit takes this very thinking as his starting point and carries it with him everywhere, he must, in every instance, trace back what he perceives through imagination—what is revealed to him through inspiration—to the form of the pure idea. But with regard to what he then presents as ideas, anyone who reflects on ordinary consciousness in the right way can follow him. Therefore, the spiritual researcher is verifiable even in his highest findings, and it is only intellectual laziness that claims one must enter the spiritual world oneself in order to arrive at the correct findings. But as the results of the imagination come to light, what is brought before the human soul—as I have already explained in these lectures—is the entire course of one’s life since birth, encompassed as a continuous stream. The “I” expands beyond the present moment by sensing and experiencing itself within the entire stream of life since birth. And as the human being then ascends to inspiration, the world opens up to them in which they lived before birth—or rather, before conception—and in which they will live once they have passed through the gate of death. Thus, that which lives within the human being as their immortal self becomes, in this way, an object of knowledge. And in intuition, a view opens up across the repeated earthly lives of the past, so that what anthroposophical spiritual science speaks of can be characterized in such a way that the individual steps through which one arrives at these results are specified everywhere—steps which, as mentioned, are verifiable because they must be presented in thoughts accessible to everyone.

[ 5 ] Damit aber ist zunächst hingestellt vor den Menschen das rein menschliche Ergebnis dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft. So wie wir beginnen, zu uns selbst zu kommen, wenn wir dasjenige zusammenfassend aussprechen lernen, was wir in unserem Geiste erleben, im Ich, so kommen wir zu unserem ganzen auseinandergelegten Selbst, das Zeitlichkeit und Ewigkeit umspannt, indem wir die Ergebnisse der Geisteswissenschaft zu unseren eigenen machen. Der Mensch kommt dadurch zu sich selbst, und das ist zunächst das bedeutsamste ganz allgemein menschliche Resultat. Damit aber ist dem Menschen zu gleicher Zeit eine Erweiterung seines ganzen Bewußtseins gegeben; denn indem die Ergebnisse der Geistesforschung hervorgehen aus belebtem, umgestaltetem Denken, wirken sie auch wiederum, wenn sie aufgenommen und nachgeprüft werden von den Menschenseelen, auf diese Menschenseelen belebend. Eine neue Art der Einsicht in die Welt kommt dadurch für das menschliche Bewußtsein zustande, und ich will zunächst zwei von den Lebensfrüchten mit wenig Worten charakterisieren, die gerade durch diese Erweiterung, durch dieses Intensivermachen des Bewußtseins zustande kommen.

[ 5 ] But this first presents to people the purely human outcome of this anthroposophical spiritual science. Just as we begin to find our way back to ourselves when we learn to articulate in summary what we experience in our spirit, in the “I,” so do we come to our entire, unfolded self—which spans time and eternity—by making the results of spiritual science our own. Through this, the human being comes to himself, and this is, for the time being, the most significant result in a general human sense. At the same time, however, this grants the human being an expansion of his entire consciousness; for since the results of spiritual research arise from enlivened, transformed thinking, they in turn have an enlivening effect on human souls when they are received and examined by them. A new kind of insight into the world thus comes into being for human consciousness, and I would like to briefly characterize two of the fruits of this life that arise precisely through this expansion, through this intensification of consciousness.

[ 6 ] Wir stehen heute vor der brennenden sozialen Frage. Was im sozialen Leben bis in unsere Tage hinein gewirkt hat, ging aus unbestimmten und unterbewußten Instinkten der Menschheit hervor. Die Menschen haben sich soziale Zusammenhänge gegründet, die hervorgegangen sind wie naturgesetzlich aus allerlei instinktiven Verhältnissen. Wer unbefangen das soziale Leben zu überblicken vermag, dem ergibt sich das. Aber wir leben in einem Zeitalter, wo man mit diesen instinktiven Zusammenhängen im sozialen Menschheitsorganismus nicht mehr auskommen kann. In demselben Maße, in dem Einzelwirtschaft, Stammeswirtschaft, dann Nationalwirtschaft zur Weltwirtschaft geworden sind, in demselben Maße mußte das wirtschaftliche Denken immer bewußter und bewußter werden. Und die Notwendigkeit ist eingetreten für den Menschen der Gegenwart, hinzuschauen auf die möglichen Verhältnisse, die sich ergeben zwischen den wirtschaftenden Menschen, überhaupt zwischen den Menschen, die im sozialen Leben miteinander auskommen müssen. Von diesen Verhältnissen wird man zugeben, daß sie komplizierter Natur sind. In demselben Maße, in dem man genötigt war, diese Verhältnisse aus dem instinktiven in das klare Bewußtsein hereinzubringen, hat man versucht, dies von demselben Gesichtspunkt aus zu tun, von dem man überhaupt in den letzten Jahrhunderten wissenschaftlich denken gelernt hat. Ich brauche ja nicht wieder diese wissenschaftliche Methode zu rühmen, die sich herausgebildet hat als diejenige, die in richtiger Weise die äußeren Naturgeheimnisse erforschen kann. Für diese äußeren Naturgeheimnisse ist diese aus dem Kopernikanismus, aus dem Galileismus hervorgegangene Methode durchaus die fruchtbare. Die Menschheit hat sich im Laufe der neueren Jahrhunderte eingewöhnt in diese Methode; sie hat sich dasjenige, was sie dunkel als Natur erschaut mit dem sinnlichen Anschauen, zur Klarheit geführt durch diese Methode.

[ 6 ] Today we are faced with a pressing social issue. What has shaped social life right up to the present day arose from humanity’s vague and subconscious instincts. People have established social relationships that emerged, as if by natural law, from all manner of instinctive conditions. Anyone capable of viewing social life with an open mind will recognize this. But we live in an age where these instinctive relationships within the social organism of humanity are no longer sufficient. To the same extent that the individual economy, the tribal economy, and then the national economy have evolved into the global economy, to that same extent economic thinking has had to become ever more conscious. And the need has arisen for people today to examine the possible relationships that arise between those engaged in economic activity—and indeed between all people who must coexist in social life. One must admit that these relationships are complex in nature. To the same extent that people have been compelled to bring these relationships from the realm of instinct into clear consciousness, they have attempted to do so from the very same perspective from which they have, in recent centuries, learned to think scientifically. I certainly do not need to praise this scientific method once again, which has established itself as the one capable of properly investigating the external mysteries of nature. For these external mysteries of nature, this method—which emerged from Copernicanism and Galileanism—is indeed a fruitful one. Over the course of recent centuries, humanity has become accustomed to this method; it has used this method to bring clarity to what it dimly perceives as nature through sensory observation.

[ 7 ] Nun trat die Notwendigkeit ein, auch das zu durchschauen, was sich im sozialen Leben als menschliche Verhältnisse darstellt. Kein Wunder, daß man zunächst mit demjenigen an diese menschlichen Verhältnisse gegangen ist, das man sich erobert hat im Anschauen der äußeren Natur. Und so sind unsere nationalökonomischen und unserc sozialökonomischen Anschauungen entstanden, von denjenigen, die nur auf den Kathedern vertreten worden sind bis zu derjenigen, die Millionen und Millionen von Menschen ergriffen hat, bis zum Marxismus. Ich habe das dargestellt in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». Man versuchte zu begreifen, wie das Kapital seine Funktionen vollzieht, wie die Arbeit im sozialen Zusammenhang wirkt, wie Warenzirkulation, Warenerzeugung, Warenkonsumtion wirken. Das alles steht in komplizierten Verhältnissen darinnen; das alles stellt sich vor unsere Seele als, ich möchte sagen, lebendige Prozesse mit unendlichen Möglichkeiten. Für dasjenige, was sich da als solche Prozesse darstellt, reicht die beste naturwissenschaftliche Methode nicht aus, und weil sie nicht ausgereicht hat und doch dies soziale Leben durchdringen wollte, stehen wir heute im breitesten Umfange in der Weltenmisere drinnen. Wer nicht an der Oberfläche bleiben will, sondern in die Tiefen unserer sozialen Nöte hineindringt, der wird schon sehen, daß diese mit dem zusammenhängen, was ich eben versuchte zu charakterisieren. Man kann nicht mit jenem Denken, das sich in der Naturwissenschaft bewährt hat, soziale Gestaltung hervorrufen. Dagegen dringt dasjenige Denken, das sich durcharbeitet zur Imagination, das ein Objektives ergreift, das sich darlebt als ein Bewegtes, nicht als ein Ruhendes, sondern als ein Prozeß mit unendlichen Möglichkeiten im verhältnismäßig kleinen Gebiet oder auch über ein großes Gebiet hin — das dringt in dieses bewegliche Leben von Kapital, Arbeit, Wirtschaft und so weiter hinein. Es kann erfassen dasjenige, was Menschen darleben in der sozialen Ordnung, und das ist schließlich kein Wunder, denn dasjenige, was Menschen so darleben, entspringt schließlich doch aus dem Inneren des Menschen. Das Innere des Menschen ist das Geistig-Seelische oder es ist wenigstens vom Geistig-Seelischen dirigiert. Man stößt also, indem man auf die soziale Ordnung stößt, selber auf ein Geistiges. Kein Wunder, daß geistige Methoden notwendig sind, um die sozialen Verhältnisse zu durchschauen.

[ 7 ] Now it became necessary to gain insight into what manifests itself in social life as human relationships. No wonder that people initially approached these human relationships with the understanding they had gained from observing external nature. And so our economic and socio-economic views arose—from those advocated only in academic circles to those that have captivated millions upon millions of people, all the way to Marxism. I have outlined this in my *Key Points of the Social Question*. People sought to understand how capital performs its functions, how labor operates within the social context, and how the circulation, production, and consumption of commodities function. All of this is intertwined in complex relationships; all of this presents itself to our minds as—I would say—living processes with infinite possibilities. For what presents itself there as such processes, even the best scientific method is insufficient; and because it has proved insufficient yet still sought to penetrate this social life, we find ourselves today, on the broadest scale, in the midst of global misery. Anyone who does not wish to remain on the surface but delves into the depths of our social hardships will see that these are connected to what I have just attempted to characterize. One cannot bring about social transformation with the kind of thinking that has proven itself in the natural sciences. In contrast, the kind of thinking that works its way toward imagination—that grasps an objective reality which manifests itself as something in motion, not as something at rest, but as a process with infinite possibilities, whether within a relatively small sphere or across a vast one—this kind of thinking penetrates into the dynamic life of capital, labor, the economy, and so on. It can grasp what people experience in the social order, and this is, after all, no wonder, for what people experience in this way ultimately springs from within the human being. The inner being of the human being is the spiritual-soul aspect, or is at least directed by the spiritual-soul aspect. Thus, when one encounters the social order, one encounters something spiritual. No wonder that spiritual methods are necessary to gain insight into social conditions.

[ 8 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden — verzeihen Sie, wenn ich die Sache jetzt in persönlicher Färbung ausspreche —, das gab mir den Mut, aus denselben Untergründen heraus, aus denen ich die «Philosophie der Freiheit», meine «Theosophie», meine «Geheimwissenschaft im Umriß» geschrieben habe, das heißt aus denselben Untergründen heraus, aus denen ich versuchte, die geistig-übersinnliche Welt zu beschreiben, auch den Geist da zu erfassen, wo er sich darlebt im unmittelbaren sozialen Menschenleben. Und das führte mich auf den Weg zu meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». Es ist nur in Form einer persönlichen Nuance geschildert, aber in dieser persönlichen Nuance verbirgt sich dasjenige, was meine objektive Überzeugung ist mit Bezug auf das Verhältnis des Menschen zum Erfassen der sozialen Ordnung, die er im heutigen Zeitalter völlig bewußt, das heißt aber, aus dem Geiste heraus gestalten muß. Das ist das eine.

[ 8 ] That, my esteemed audience—please forgive me if I now speak of this matter in a personal light—gave me the courage to write, from the same underlying principles from which I wrote *The Philosophy of Freedom*, my *Theosophy*, and my *Outline of Esoteric Science*—that is, from the same foundations from which I attempted to describe the spiritual-supernatural world—to also grasp the spirit where it manifests itself in immediate social human life. And that led me on the path to my *Key Points of the Social Question*. It is described only in the form of a personal nuance, but hidden within this personal nuance is what constitutes my objective conviction regarding the relationship of the human being to the understanding of the social order, which in the present age he must shape entirely consciously—that is, out of the spirit. That is one thing.

[ 9 ] Das andere aber — ich führe nur Beispiele an von den Lebensfrüchten anthroposophischer Forschung, ich könnte vieles dergleichen anführen —, das andere, das ich noch anführen will, kann sich uns entgegenstellen, wenn wir den menschlichen Organismus betrachten. Wir haben diesen zunächst vor uns in bezug auf seine äußere Gestalt. Von dieser wollen wir absehen. Die Umhüllung dieser äußeren Gestalt verbirgt die inneren Organe. Diese inneren Organe erforschen wir in Physiologie, in Biologie nach ihrer Gestaltung, nach ihrer Struktur. Wir können nicht anders, wenn wir uns zunächst auf dem Boden der in der neuen Zeit gewohnten Naturforschung bewegen. Aber in Wirklichkeit sind Lungen, Magen, Herz, Leber, Nieren, sind alle Organe des Menschen nicht dasjenige, als was sie sich dem Blick darstellen, wenn dieser Blick sie anschaut in ihrer umschlossenen Gestalt, mit ihrer, ich möchte sagen, in der Hauptsache doch ruhenden Struktur, insbesondere ruhend für das menschliche sinnliche Anschauen. Nein, diese Organe täuschen nur diese Gestalt vor, denn im lebendigen Menschen sind diese einzelnen Organe in einer fortdauernden lebendigen Bewegung. Sie sind gar keine ruhig gestalteten Organe, sie sind lebendige Prozesse, und wir sollten eigentlich gar nicht sprechen von Lunge, Herz, Nieren, Leber. Wir sollten sprechen von einem Herzprozeß, von einer Summe von Herzprozessen, von einer Summe von Lungenprozessen, von einer Summe von Nierenprozessen; denn, was sich da abspielt, ist eine fortdauernde Metamorphose, die sich nur in solcher Verschlossenheit abspielt, daß das Ganze für eine Gestalt gehalten werden kann, ja, für die äußere Anschauung gehalten werden muß. Vordringen aber von dem Anschauen dieser Gestalt, die eigentlich nur das Äußere offenbart, zu dem, was lebendiger Prozeß ist, zu dem, was im Grunde genommen in jedem Augenblick ein anderes wird in diesen Organen, zu demjenigen, was den Lebensprozeß von diesen Organen aus eigentlich macht, vordringen zu dem kann man nicht mit dem Anschauen der Sinne, sondern mit dem bewegten inneren Anschauen, das in der imaginativen Erkenntnis da ist.

[ 9 ] But the other aspect—I am merely citing examples of the fruits of anthroposophical research; I could cite many more like these—the other aspect I wish to mention may present itself to us when we consider the human organism. We first have this before us in terms of its outer form. Let us set this aside for the moment. The covering of this outer form conceals the internal organs. We study these internal organs in physiology and biology in terms of their form and structure. We have no choice but to do so if we are initially operating on the basis of the natural science customary in the modern era. But in reality, the lungs, stomach, heart, liver, kidneys—all the organs of the human being—are not what they appear to be when we look at them in their enclosed form, with their—I would say—largely static structure, especially as perceived by human sensory observation. No, these organs merely appear to have this form, for in the living human being these individual organs are in a continuous, living movement. They are not at all organs with a static form; they are living processes, and we really ought not to speak of the lungs, heart, kidneys, or liver at all. We should speak of a heart process, of a sum of heart processes, of a sum of lung processes, of a sum of kidney processes; for what takes place there is a continuous metamorphosis that unfolds in such a closed-off manner that the whole can be regarded as a form—indeed, must be regarded as such by external observation. But to penetrate from the observation of this form—which actually reveals only the exterior—to what is a living process, to what, in essence, becomes something different at every moment within these organs, to that which actually constitutes the life process emanating from these organs—to penetrate to this, one cannot do so through sensory observation, but rather through active inner observation, which is present in imaginative cognition.

[ 10 ] Wenn die sozialen Prozesse so sind, daß sie gewissermaßen in ihrer Komplikation sofort uns entlawfen, wenn wir mit den naturwissenschaftlichen Vorstellungen an sie herankommen, so sind die Prozesse in Lungen, Herz, Leber, Nieren so, daß sie durch dasjenige, was wir für diese gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Begriffe erfassen, eigentlich ihr inneres Wesen verbergen. Und man kommt hinein in die so verdichteten Prozesse mit der Imagination. Auf der einen Seite ist die Imagination in der Lage — wenn ich mich trivial ausdrücken darf —, nachzulaufen den flüchtigen, komplizierten sozialen Prozessen. Auf der andern Seite ist sie in der Lage, dasjenige, was uns ruhende Gestalt vortäuscht in den menschlichen Organen, in das bewegte Leben der Organprozesse aufzulösen, die dann, unmittelbar angeschaut, nicht erspekuliert, nicht erschlossen werden. Denn das Denken muß stehenbleiben, wenn Sinnenforschung vorliegt, bei demjenigen, was in den Phänomenen da ist, und von da aus muß es sich umwandeln zu lebendiger übersinnlicher Anschauung. Dann dringt es erst in die wirklichen Vorgänge ein, die sich der Sinnesanschauung auch in dem einzelnen menschlichen Organprozesse verbergen.

[ 10 ] If social processes are such that, in a sense, their complexity immediately eludes us when we approach them with scientific concepts, then the processes in the lungs, heart, liver, and kidneys are such that they actually conceal their inner nature from what we grasp through these ordinary scientific concepts. And it is through imagination that we gain access to these densely concentrated processes. On the one hand, imagination is capable—if I may put it simply—of keeping pace with the fleeting, complex social processes. On the other hand, it is capable of dissolving what appears to us as a static form in the human organs into the dynamic life of the organ processes, which, when directly observed, cannot be speculated upon or deduced. For when sensory research is at hand, thinking must come to a halt at what is present in the phenomena, and from there it must transform itself into living, supersensory intuition. Only then does it penetrate the actual processes that remain hidden from sensory perception, even within the individual processes of the human organs.

[ 11 ] Und hier liegt der Weg zu der Befruchtung unserer durchaus von der Geisteswissenschaft voll anerkannten äußeren Medizin durch dasjenige, was Geistesforschung zu dieser äußeren Medizin hinzufügen kann. Geistesforschung will nicht an die Seite der Kurpfuscherei, nicht an die Seite des Mystelns auf therapeutischem Gebiet treten. Geistesforschung will rechnen auch auf diesem Gebiete mit echter, wahrer Forschung, mit echter, wahrer Sinneserkenntnis, diese aber fortführen bis zu denjenigen Geheimnissen des Daseins, die wir doch auch erforschen müssen, wenn wir in das Gesamtleben eindringen wollen, so daß uns dieses Eindringen wiederum Früchte liefert für das unmittelbare Leben am gesunden oder am kranken einzelnen Menschen oder an der menschlichen Sozietät. Das führt zu einer Anschauung der Lebensfrüchte, die sich aus der übersinnlichen anthroposophischen Erkenntnis ergeben.

[ 11 ] And here lies the path to enriching our external medicine—which is fully recognized by spiritual science—through what spiritual research can contribute to this external medicine. Spiritual research does not seek to align itself with quackery or with mysticism in the therapeutic field. Spiritual research seeks to rely, in this field as well, on genuine, true research and on genuine, true sensory perception, but to carry these forward to those mysteries of existence that we must also investigate if we are to penetrate into life as a whole—so that this penetration, in turn, yields fruits for immediate life, whether in the healthy or sick individual or in human society. This leads to a view of the fruits of life that arise from supersensible anthroposophical knowledge.

[ 12 ] All das schließt sich dann zu etwas zusammen, das ich in der folgenden Weise charakterisieren möchte. Die Menschen glauben vielfach, den Materialismus dadurch zu überwinden, daß sie die ganze Welt der Materie, ich möchte sagen, draußen in der Welt liegen lassen, von ihr im Geiste Abschied nehmen und sich nun in ein Geistiges, Abstraktes, in ein Wolkenkuckucksheim erheben und dadrinnen herummysteln, sich recht so benehmen, daß sie das materielle Leben als ein niedriges ansehen, über das man sich erheben muß. Dann erhebt man sich allerdings zu einem Geiste, in dem sich wohlgefällig leben läßt, zu einer Art humanem Sonntagsvergnügen im Geiste neben der groben Arbeit der Wochentage, der man sich hingibt innerhalb eben der Materie, innerhalb welcher man schon einmal leben muß. Auf diesem Boden kann eine wirkliche anthroposophische Erkenntnis nicht stehen. Diese versucht den Geist so zu fassen, daß sie, wenn sie ihn hat in seinem Schaffen, in seiner schöpferischen Tätigkeit, ihn hineinverfolgen kann bis in die äußersten Ranken des materiellen Lebens. So ist es für diese Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, nicht etwa bloß wichtig, zu konstatieren, daß es neben dem menschlichen Leibe, der aus Gehirn, Lunge, Leber und so weiter besteht, auch eine Seele und einen Geist im Menschen gibt. Das führt kaum zu weiterem als zu einem Herumreden in Worten, denn es führt zu Abstraktionen mit Bezug auf die Welt, in der wir zwischen Geburt und Tod drinnenstehen. Was Geisteswissenschaft anstrebt, das ist, mit dem Geiste, mit dem sie sich durchdrungen hat, nun überall unterzutauchen, zu sagen, wie lebt geistige Artung, geistig Wesenhaftes in jedem einzelnen Organ des Menschen, wie ist die Wesenheit von Lunge, Leber, Herz, Magen und so weiter geistig durchschaut, wie durchdringen Geist und Seele den gesamten menschlichen Organismus, mit dem Geiste hineinzuleuchten bis in die einzelnsten Zellen, so daß nichts mehr übrigbleibt, was nicht von dem Lichte des Geistes durchleuchtet ist. Dann hat man gar nicht mehr auf der einen Seite Materie, auf der andern Seite den abstrakten Geist; dann ist zur Einheit zusammengewachsen dasjenige, was Geist auf der einen Seite in Abstraktion und Materie auf der andern Seite in Abstraktion ist. Und ebenso geht es mit dem sozialen Leben.

[ 12 ] All of this then comes together to form something I would like to characterize as follows. People often believe they can overcome materialism by leaving the entire world of matter—I would say, out there in the world—behind, bidding it farewell in spirit, and then elevating themselves into a spiritual, abstract realm, into a pipe dream, where they muddle about, behaving in such a way that they regard material life as something base from which one must rise above. Then, indeed, one elevates oneself to a spirit in which one can live comfortably—a sort of humane Sunday pastime in the spirit, alongside the rough work of the weekdays, to which one devotes oneself within the very realm of matter, within which one must, after all, live. True anthroposophical knowledge cannot stand on this ground. It seeks to grasp the spirit in such a way that, once it has grasped it in its work, in its creative activity, it can trace it all the way to the outermost tendrils of material life. Thus, for this spiritual science—which is what is meant here—it is not merely a matter of stating that, alongside the human body, which consists of the brain, lungs, liver, and so on, there is also a soul and a spirit within the human being. This leads to little more than empty talk, for it results in abstractions regarding the world in which we find ourselves between birth and death. What spiritual science strives for is to now immerse itself everywhere with the spirit that has permeated it, to describe how spiritual nature and spiritual essence live within every single organ of the human being, how the essence of the lungs, liver, heart, stomach, and so on, is spiritually understood; how do spirit and soul permeate the entire human organism, shining the light of the spirit into even the smallest cells, so that nothing remains that is not illuminated by the light of the spirit. Then one no longer has matter on the one hand and abstract spirit on the other; then what is spirit in abstraction on the one hand and matter in abstraction on the other has grown together into a unity. And the same applies to social life.

[ 13 ] Dann aber, wenn man in dieser Weise den Geist in die Wirklichkeit untertauchen läßt und mit ihm selber in diese Wirklichkeit untertaucht, dann vertieft sich die menschliche Seele so, daß jene Seile und Schnüre, von denen ich gesprochen habe an diesen Abenden, die da führen von dem innersten Menschenwesen hinaus in das innerste Weltenwesen, daß diese Schnüre, diese Seile, dieser geistige Zusammenhang zwischen dem Menschen und der Welt in das Bewußtsein des Menschen so hereintritt, daß eine lebendige Strömung, ich möchte sagen, ein Ein- und Ausatmen der Welt entsteht. Was sonst in theoretischen, in abstrakten Begriffen erfaßt wird, das wird in freier Geistigkeit selber als lebendiges Erlebnis so durchsichtig, wie nur Ideen sind, und so lebendig aber auch auf der andern Seite, wie nur das Leben ist, und so frei, wie nur die freieste Handlung sein kann, deshalb aber durchaus objektiv, wenn auch das Objektive in diesem Falle in freier Geistigkeit erfaßt werden muß. Deshalb ist es nötig, diejenigen Fähigkeiten, die sonst beim Menschen unbewußt sich an die Oberfläche ringen, von dieser Geistesforschung, von dieser Geisteserkenntnis aus zu beleben.

[ 13 ] But then, when one allows the spirit to immerse itself in reality in this way—and immerses oneself along with it—the human soul deepens to such an extent that those cords and threads I have spoken of on these evenings—which lead from the innermost being of the human being out into the innermost being of the world—that these threads, these cords—this spiritual connection between the human being and the world—enter the human consciousness in such a way that a living current arises—I would say, an inhalation and exhalation of the world. What is otherwise grasped in theoretical, abstract concepts becomes, in free spirituality itself, a living experience as transparent as ideas can be, and yet as alive—on the other hand—as life itself, and as free as the freest action can be; yet it is thoroughly objective, even if the objective must in this case be grasped within free spirituality. That is why it is necessary to enliven, through this spiritual research and this spiritual insight, those faculties that otherwise struggle unconsciously to the surface in human beings.

[ 14 ] Mit Bezug auf die gewöhnliche äußere Wissenschaft haben diejenigen, welche Künstler sind, mit Recht eine Art von Scheu. Und die moderne Ästhetik, die aus dem Denken der neueren Zeit, das man an der Naturwissenschaft gewohnt worden ist, hervorgegangen ist, sie ist etwas, was die Künstler meiden, und mit Recht, denn sie ist etwas Abstraktes, etwas, was von der Kunst eher wegführt als in sie hinein. Was Geisteswissenschaft ist, führt nicht zu solchen abstrakten Begriffen, bringt dasjenige, was erst nur Begriff, Idee ist, zum Leben, das wiederum belebt die andern menschlichen Fähigkeiten. Dadurch ist es möglich, daß aus dem Boden, aus dem diese Geisteswissenschaft hervorwächst, zu gleicher Zeit wirklich Künstlerisches auf naturgemäße Weise hervorwächst. Niemals hat man es zu tun bei der Kunst, die in Dornach gepflegt ist und von der ich morgen auch in Bildern einige Proben vorzuführen habe, niemals auch bei etwas, zum Beispiel wie bei Eurythmie, das hervorgeholt ist aus demselben Boden, aus dem die Geisteswissenschaft hervorgeholt ist, mit der Übersetzung von irgendwelchen Ideen in künstlerische Anschauung. Nein, der Boden ist nur ein gleicher, der Boden ist der des lebendigen Schaffens des Vollmenschen. Das eine Mal gestaltet er Ideen aus als den einen Ast, das andere Mal aus derselben Wurzel, geht der andere Ast, der künstlerische, hervor. Deshalb war es mir auch immer außerordentlich unsympathisch, wenn Allegorisierendes oder Symbolisierendes innerhalb der anthroposophischen Bewegung aufgetaucht ist. Was künstlerisch ist, wird zwar aus derselben Quelle stammen müssen, aus der Anthroposophie stammt, aber es ist nicht in Kunst übersetzte Anthroposophie. Damit wird auf künstlerischem Gebiete eine gewisse Lebensfrucht gezeitigt, wie die angedeutete auf sozialem oder medizinischem Gebiete.

[ 14 ] When it comes to conventional, external science, artists are rightly somewhat wary. And modern aesthetics, which has emerged from the modern way of thinking—to which we have become accustomed through the natural sciences—is something that artists avoid, and rightly so, for it is something abstract, something that leads away from art rather than into it. What spiritual science is does not lead to such abstract concepts; rather, it brings to life that which is at first merely a concept or an idea, and this in turn enlivens the other human faculties. Through this, it is possible that from the very soil from which this spiritual science springs, something truly artistic grows forth in a natural way at the same time. In the art cultivated in Dornach—of which I will also present some examples in pictures tomorrow—and in something like eurythmy, which is drawn from the same soil as spiritual science, one is never dealing with the translation of arbitrary ideas into artistic vision. No, the soil is simply the same; it is the soil of the living creativity of the fully developed human being. At one time it shapes ideas into one branch; at another time, from the same root, the other branch—the artistic one—springs forth. That is why I have always found it extremely distasteful when allegorical or symbolic elements have emerged within the anthroposophical movement. What is artistic must indeed stem from the same source as anthroposophy, but it is not anthroposophy translated into art. Thus, a certain fruit of life is brought forth in the artistic realm, just as it is in the social or medical realms.

[ 15 ] Und wenn man bedenkt, wie die Art und Weise ist, wie da der Mensch mit seinem ewig Unsterblichen zusammengeführt wird mit jenen Kräften, die ihn selber eigentlich als Menschen aus der geistigen Welt heraus gestalten, dann wird man auch einsehen, wie zusammenhängt das, was der Mensch hat durch Anthroposophie an erlebter Erkenntnis, an erkennendem Erleben, mit religiöser Vertiefung. Wir brauchen in unserem religiös so gleichgültig gewordenen Zeitalter wiederum religiöse Elementarkräfte. Wir brauchen Wege hinein in diejenigen Stätten geistigen Erlebens, aus denen sich des Menschen Sittlichkeit, aus denen sich des Menschen künstlerisches Schaffen, aus denen sich alles dasjenige, was Menschenwert und Menschenwürde ist, als aus dem göttlichen Zentrum heraus befruchten läßt. Man verleumdet Anthroposophie, wenn man ihr sektiererische Bestrebungen zuschreibt, die sie durchaus nicht bilden will. Man verleumdet sie, wenn man glaubt, daß sie eine neue Religionsbildung sein will. Nein, das will sie nicht sein, einfach aus dem Grunde, weil sie sich bemüht, den Gang der Menschheitsentwickelung in seiner wahren Gestalt zu verstehen. Da muß man sagen: Diejenigen göttlichen Mächte, welche die Welt gestaltet und die Menschheitsentwickelung geleitet haben, sie wurden in älteren Zeiten nach dem Sinne älterer Bevölkerungen verstanden. Wir müssen zu andern Metamorphosen des Erkennens und der Handlungsmotive vorschreiten; wir müssen dasjenige, was ewig ist im Sinne der neuesten Zeit, unseren Seelen nahebringen. Gewiß wird Geisteswissenschaft nicht von einem andern Christus sprechen als von demjenigen Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist; aber Geisteswissenschaft muß sprechen von Stufen derjenigen Erkenntnis, die sie für notwendig hält im 20. Jahrhundert, auch gegenüber dem Christus-Ereignis. Denjenigen, die da glauben, vom Boden irgendeines bestehenden Bekenntnisses aus Furcht haben zu müssen, daß ihnen der Boden abgegraben werde durch Anthroposophie, denen muß immer wiederum gesagt werden: Ist denn derjenige der echte Bekenner. des Christentums, der bei jeder Gelegenheit Furcht hat, daß die Wahrheiten des, Christentums beeinträchtigt werden können? Oder ist es derjenige, der weiß — mögen noch Millionen von Erkenntnissen auf physischem, auf seelischem, auf geistigem Boden erstehen —, daß die wirklichen Wahrheiten des Christentums dadurch nur um so glänzender vor die Menschenseele werden hintreten können? Niemand wird fragen, warum von Amerika nichts in der Bibel steht, und derjenige, der etwa die Entdeckung Amerikas hätte bekämpfen wollen vom Standpunkt der Bibel aus, der gliche dem, der heute vom Standpunkt der Bibel aus die Anschauungen anthroposophischer Geisteswissenschaft bekämpfen will.

[ 15 ] And when one considers the manner in which the human being, with his eternal, immortal self, is united with those forces that actually shape him as a human being out of the spiritual world, then one will also come to understand how what the human being gains through anthroposophy—in the form of lived insight and insightful experience—is connected to religious deepening. In our age, which has become so indifferent to religion, we once again need fundamental religious forces. We need paths leading into those realms of spiritual experience from which human morality, human artistic creation, and everything that constitutes human value and dignity can be nourished as if from a divine center. Anthroposophy is slandered when sectarian aspirations are attributed to it that it has absolutely no intention of pursuing. It is slandered when people believe that it aims to be a new religious movement. No, it does not seek to be that, simply because it strives to understand the course of human development in its true form. Here one must say: The divine powers that have shaped the world and guided human evolution were understood in earlier times according to the understanding of earlier peoples. We must advance toward other metamorphoses of knowledge and motives for action; we must bring close to our souls that which is eternal in the sense of the present age. Certainly, spiritual science will speak of no other Christ than the Christ who passed through the Mystery of Golgotha; but spiritual science must speak of stages of that knowledge which it considers necessary in the 20th century, even in relation to the Christ event. To those who, standing on the ground of some existing creed, believe they must fear that their foundation will be undermined by anthroposophy, it must always be said again: Is the one who fears at every opportunity that the truths of Christianity might be compromised truly a genuine believer in Christianity? Or is it the one who knows—no matter how many millions of insights may arise on the physical, soul, or spiritual planes—that the true truths of Christianity will thereby be able to stand out all the more brilliantly before the human soul? No one will ask why there is no mention of America in the Bible, and anyone who might have wanted to oppose the discovery of America from the standpoint of the Bible would be like someone who today wants to oppose the views of anthroposophical spiritual science from the standpoint of the Bible.

[ 16 ] Diese Dinge müssen in aller Ehrlichkeit durchschaut und durchdacht werden. Sonst wird dasjenige, was in den Bekenntnissen liegt, immerzu ein Hemmschuh werden müssen für wirkliche Forschung, während diese, wenn sie bis zum Geiste vordringt in der Art, wie anthroposophische Geisteswissenschaft das will, durchaus gerade auch die Lebensfrucht bringt, die in einer Belebung des religiösen Seins der Menschenseele besteht. Wir müssen dasjenige, was wir erforschen in den verschiedenen Welten, in Einklang bringen mit dem, was unser religiöses Empfinden und Fühlen bildet. Und man nimmt den Religionen nichts, wenn man ihre Wahrheiten versucht in Harmonie zu bringen, in berechtigte Harmonie, in erkenntnismäßige Harmonie mit dem, was sich als die Erkenntnisse verschiedener Epochen ergibt. So wird gerade unser Zeitalter auch diese Lebensfrucht von anthroposophischer Forschung haben, die in einer Vertiefung des gleichgültig gewordenen religiösen Lebens besteht. Wenn diese Frucht reift, dann wird von dieser Seite herkommen jene Wärme, jener Enthusiasmus, die wir als Christen brauchen, wenn wir in unserer Zeit des Niedergangs vorwärtskommen wollen. Und was wir auch sonst einsehen im sozialen Leben, in der menschlichen Organisation, was wir hervorbringen können künstlerisch: fortentwickeln kann das alles die Menschheit nur, wenn es getragen wird von der Wärme innerster menschlicher Wesenheit und Schaffenskraft. Die ist aber enthalten in den wahrhaftigen religiösen Empfindungen der Menschheit.

[ 16 ] These matters must be examined and considered with complete honesty. Otherwise, what is contained in the creeds will always remain a stumbling block to genuine research, whereas such research—when it penetrates to the spirit in the manner intended by anthroposophical spiritual science—will indeed bear the fruit of life, which consists in a revitalization of the religious being of the human soul. We must bring what we investigate in the various worlds into harmony with what shapes our religious sensibility and feeling. And nothing is taken away from the religions when one attempts to bring their truths into harmony—into a justified harmony, into a harmony grounded in knowledge—with what emerges as the insights of various epochs. Thus, our age in particular will also bear this fruit of anthroposophical research, which consists in a deepening of religious life that has become indifferent. When this fruit ripens, then from this source will come that warmth, that enthusiasm, which we as Christians need if we are to move forward in our time of decline. And whatever else we may recognize in social life, in human organization, or whatever we may produce artistically: humanity can develop all of this further only if it is sustained by the warmth of the innermost human being and creative power. This, however, is contained in the true religious feelings of humanity.

[ 17 ] Was sich nun aber in unserer Zeit gerade diesen geisteswissenschaftlichen Forschungsarten besonders stark entgegenstellt, das hängt doch tief zusammen damit, daß man allmählich den Zusammenhang verloren hat mit der Wirklichkeit, indem man auf der einen Seite hinsieht auf die entgeistigteNatur, die man daher nicht in ihrer wahren Gestalt, sondern nur in ihrer äußeren sinnlichen Gestalt haben kann für die moderne Wissenschaft, auf der andern Seite hinschaut auf die geistige Welt, vielleicht nur in einer Empfindungsgewißheit — ich habe darüber gestern gesprochen —, aber dann doch nicht über Abstraktionen hinauskommt. Das alles zusammen hat eben seine Wurzel darinnen, daß man allmählich dazu gekommen ist, zu bequem zu sein, um in geistiger Freiheit, im freien geistigen Erleben, in innerlicher Aktivität das Geistige erfassen zu wollen, so daß man es bis in die Schlupfwinkel des materiellen Geschehens hinein verfolgen kann. Weil die naturwissenschaftlichen Wahrheiten in engster Anlehnung an die äußeren Geschehnisse gefunden werden, weil sie überall gebildet werden an der Beobachtung, an dem Experiment, weil man nichts mehr zu denken unternimmt als dasjenige, was das Zufallsexperiment, die Zufallsbeobachtung ergeben, hat man sich gewöhnt, an die Stelle des ehemaligen Dogmas der Offenbarung — wie ich mich in meinen allerersten Schriften ausgedrückt habe — das Dogma der Erfahrung, nämlich der äußeren sinnlichen Erfahrung zu setzen. Dadurch ist man in seiner inneren Seelenverfassung unbefriedigt geworden. Man hat sich abgewöhnt, dasjenige, was die Seele erleben kann, als Objektives und nicht in Anlehnung an ein Äußeres zu erleben, sondern in freiem innerem Erleben. Dieses freie innere Erleben ist dasjenige, was wir vor allen Dingen suchen müssen, wenn wir zu einer wirklichen Geistesforschung kommen wollen. Und das ist dasjenige, dem sich die Menschen jetzt am meisten widersetzen.

[ 17 ] What, however, stands in particularly strong opposition to these very types of research in the humanities in our time is deeply connected to the fact that we have gradually lost touch with reality: on the one hand, we look at a de-spiritualized nature, which modern science can therefore perceive not in its true form but only in its outer, sensory form; and on the other hand, by looking toward the spiritual world—perhaps only with a certainty born of feeling, as I spoke about yesterday—yet ultimately failing to move beyond abstractions. All of this together has its root precisely in the fact that we have gradually become too complacent to want to grasp the spiritual through spiritual freedom, through free spiritual experience, and through inner activity, so that we can trace it all the way into the recesses of material events. Because scientific truths are discovered in the closest connection to external events, because they are formed everywhere through observation and experimentation, and because people no longer undertake to think anything beyond what random experiments and random observations yield, they have become accustomed to replacing the former dogma of revelation — as I expressed it in my very first writings — with the dogma of experience, namely, external sensory experience. As a result, people have become dissatisfied in their inner state of mind. People have lost the habit of experiencing what the soul can experience as something objective—not by relying on an external source, but through free inner experience. This free inner experience is what we must seek above all else if we wish to arrive at genuine spiritual research. And this is what people now resist the most.

[ 18 ] Ich möchte dafür ein Beispiel anführen, nicht weil ich diesen Aufsatz, der vor kurzem erschienen ist, hier in diesen Vorträgen benützen will, um gewissermaßen abzurechnen mit irgend etwas, was gegen Geisteswissenschaft in anthroposophischer Hinsicht selber eingewendet wird. Nein, ich will in diesen Vorträgen in dieser direkten Weise mit keinem Gegner mich auseinandersetzen, am wenigsten mit dem, was in diesem Aufsatze steht, den ich hier meine. Denn derjenige, der in diesem Aufsatze spricht, der redet von etwas ganz anderem als von anthroposophischer Geisteswissenschaft, die er gar nicht kennt und die er nach dem Hörensagen und nach dem Hineinblicken, man könnte fast sagen, zugegebenermaßen nach dem Hineinblicken vielleicht in ein einziges Buch und nach dem Anhören von gewissen Nachrichten — für sich allerdings, das muß gesagt werden, in einer grundehrlichen Weise, so wie es ihm eben möglich ist — zu charakterisieren versucht. Was da gegenüber der Geisteswissenschaft auseinandergesetzt wird, auf das will ich hier nicht eingehen. Ich möchte die Sache nur in kulturgeschichtlicher, in zeitgeschichtlicher Weise betrachten. Da redet dieser außerordentlich angesehene Verfasser von denjenigen Übungen, von denen er gehört hat, daß ich sie schildere, damit der Mensch wirklich mit seinem Seelenleben den Weg hinauf in die geistige Welt gehen kann. Und da hat er offenbar auch gehört oder gelesen, daß man sich in den anfänglichen, ganz elementaren Übungen damit befassen soll, fünf Minuten an einen gleichgültigen Gegenstand zu denken, so daß man wirklich in innerer Freiheit, ohne daß einen etwas zwingt, sondern indem man nur dem folgt, was man selber will, den Gedanken festhält. Deshalb sagte ich, um anzudeuten, worauf es ankommt: Man kann ja eine Stecknadel oder einen Bleistift benützen; denn es ist ganz gleichgültig, an was man denkt. Nicht darauf kommt es an, daß man durch das Gedachte gefesselt wird, sondern darauf, daß in innerer Freiheit festgehalten wird das Denken durch fünf Minuten, daß das Denken versetzt wird in die Sphäre der freien Tätigkeit. Man ist nicht gewohnt im gewöhnlichen Leben, in dieser Art das Denken in der Sphäre der freien Tätigkeit zu halten. Wenn man das Denken an einen Gegenstand wendet, so will man von dem Gegenstand gefesselt sein; man denkt so lange daran, als einen der Gegenstand fesselt. Dadurch kommt man niemals in die Geistesforschung hinein, im Gegenteil, man kommt immer mehr von übersinnlicher Forschung und Anschauung dadurch ab. Daher ist es charakteristisch für einen Menschen, der eigensinnig ganz in dem gegenwärtig sich offenbarenden Niedergang drin stehenbleiben will, wenn er sagt: « Jetzt würde ich das überhaupt nicht fertigbringen; und ich fürchte, ich fürchte: mit aller Selbstüberwindung lerne ich das nie. Dagegen habe ich mir schon vorwerfen lassen müssen, ich könne von einem Gegenstand, der mich interessiert, .. . länger als fünf Minuten so weg sein, daß ich für die übrige Welt überhaupt nicht mehr vorhanden sei.» Das ist gerade der umgekehrte Weg. Wenn einen der Gegenstand so fesselt, daß man nicht mehr für die andere Welt vorhanden ist, dann gibt man sich an den Gegenstand hin, dann veräußert man seine Freiheit an den Gegenstand. Das ist es, worauf es ankommt: daß einen der Gegenstand nicht fesselt, daß man einen Gegenstand nimmt, der einen nicht fesselt, und daß man aus innerer freier Kraft das Bewußtsein auf dem Gegenstand durch fünf Minuten festhält. Daher ist es ungeheuer charakteristisch, wenn hier gesagt wird: «Da überlasse ich diese Fähigkeit doch lieber Menschen, denen nichts in ihrem wirklichen menschlichen Leben so viel ernstes Interesse einflößt, daß es sie fünf Minuten festhält.»

[ 18 ] I would like to cite an example of this, not because I intend to use this essay—which was published recently—in these lectures to, so to speak, settle the score with any objections raised against spiritual science from an anthroposophical perspective. No, in these lectures I do not wish to engage directly with any opponent, least of all with what is written in the essay I am referring to here. For the person speaking in this essay is talking about something entirely different from anthroposophical spiritual science, which he does not know at all and which he judges—admittedly, after glancing at perhaps a single book and hearing certain reports— one might almost say—admittedly, after glancing perhaps at a single book and hearing certain reports—is attempting to characterize it—albeit, it must be said, in a fundamentally honest way, as best he can. I do not wish to go into here what is set forth there in opposition to spiritual science. I would simply like to consider the matter from the perspective of cultural history and contemporary history. This highly respected author speaks of those exercises which he has heard I describe, so that a person can truly walk the path upward into the spiritual world with his or her inner life. And he has evidently also heard or read that in the initial, very elementary exercises, one is to engage in thinking about an indifferent object for five minutes, so that one can truly hold onto the thought in inner freedom—not because anything compels one, but simply by following one’s own will. That is why I said, to indicate what is important: One can use a pin or a pencil; for it makes no difference what one thinks about. What matters is not that one becomes bound by the thought, but that the thought is held steadfastly for five minutes in inner freedom, so that thinking is transferred into the sphere of free activity. In everyday life, people are not accustomed to maintaining thought in this way within the sphere of free activity. When one directs one’s thinking toward an object, one wants to be bound by that object; one thinks about it as long as the object holds one captive. As a result, one never enters into spiritual research; on the contrary, one drifts further and further away from supersensible research and perception. Therefore, it is characteristic of a person who stubbornly wishes to remain entirely immersed in the decline that is currently unfolding when they say: “I wouldn’t be able to manage that at all right now; and I fear—I fear—that no matter how much I push myself, I will never learn it.” On the other hand, I have already had to endure the reproach that, when it comes to a subject that interests me, … I can be so absorbed in it for more than five minutes that I am no longer present at all for the rest of the world.” That is precisely the opposite approach. If a subject captivates you to the point that you are no longer present for the rest of the world, then you surrender yourself to the subject; then you surrender your freedom to the subject. That is what matters: that the object does not captivate you, that you choose an object that does not captivate you, and that, out of your own inner, free will, you maintain your focus on the object for five minutes. That is why it is so telling when it is said here: “I’d rather leave this ability to people whose real human lives do not hold anything of such serious interest that it can hold their attention for five minutes.”

[ 19 ] Für diesen Mann hier, der ein berühmter Mann der Gegenwart ist, ist so unendlich viel da, das ihn unfrei fesselt, immer wieder und wiederum fünf Minuten und wahrscheinlich länger — ich will es zu seiner Ehre annehmen —, daß er gar nicht dazu kommen kann, aus innerer Freiheit heraus einen inneren Gedankenkomplex durch fünf Minuten festzuhalten. Das will er denjenigen Menschen überlassen, die nicht von der äußeren Welt so gefesselt werden wie er selber, und das verrät ja auch sonst, wie er ganz klebt an demjenigen, was sich in der an diesem Abend charakterisierten Art in der modernen Anschauungs-, Denk- und Empfindungsweise herausgebildet hat. Das liegt weit ab von dem, was Geisteswissenschaft gerade fördern muß: das Sich-Hineinversetzen in die Sphäre des freien Denkens.

[ 19 ] For this man here, who is a famous figure of our time, there is so much that binds him and robs him of his freedom—again and again, for five minutes and probably longer—that he simply cannot, to his credit, manage to hold onto a complex of inner thoughts for five minutes out of a sense of inner freedom. He wants to leave that to those people who are not as bound by the external world as he himself is, and this also reveals how completely he is attached to what has taken shape in the modern way of perceiving, thinking, and feeling, as characterized this evening. This is far removed from what spiritual science must promote: the ability to immerse oneself in the sphere of free thinking.

[ 20 ] Ein anderes Beispiel, das ich gebe, damit der Mensch in eine solche Sphäre des freien Denkens hineinkommt, ist dasjenige, das ich im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» beschreibe als das Anschauen des Rosenkreuzes. Sie können dort nachlesen, wie diese Übung gemacht wird. Dazu sagt der betreffende Verfasser: «Das Kreuz stellt sich mir nicht selten ungerufen vor die Seele.» — also wiederum nicht durch inneren Ruf in Freiheit, sondern ungerufen kommt es —, «Aber es ist dann kein schwarzes Kreuz, etwa aus poliertem Ebenholz, sondern ein ganz gemeiner, roher Galgen von schmutzig-grauer Farbe. Und an diesem Kreuz hängt nicht ein Kranz von sieben roten, strahlenden Rosen, sondern ein bleicher, blutiggeschlagener Mensch in Todesqual, ja in Höllenqual.»

[ 20 ] Another example I give to help a person enter such a sphere of free thinking is the one I describe in the second part of my *The Secret Science* as the contemplation of the Rose Cross. You can read there how this exercise is performed. The author in question says the following: “The cross often appears before my soul unbidden”—that is, not through a free inner calling, but rather it comes unbidden—“But it is not a black cross, say, made of polished ebony, but a very ordinary, crude gallows of a dirty-gray color. And hanging from this cross is not a wreath of seven red, radiant roses, but a pale, bloodied human being in the throes of death—indeed, in the torments of hell.”

[ 21 ] Also man gibt behufs innerlicher Befreiung des Denkens eine Übung an, und dem Betreffenden fällt nichts anderes ein als dasjenige, was ihm unter Zwangsgewalten aus seiner ganzen Erziehung, aus seinen ganzen Lebensgewohnheiten einfällt, und er betrachtet das sogar als das Selbstverständliche, als das Richtige. Da kann man niemals mit solcher Gesinnung herankommen an dasjenige, was Geistesforschung wirklich bringen kann. Denn derselbe Mann brauchte gar nicht zu beschreiben das, was ich in meiner «Geheimwissenschaft» als ein Kreuz darstelle, das man sich in freier Geistigkeit herausformt, sondern er könnte zum Beispiel auch erfahren, daß ihm irgendwo einer von einem Fensterkreuz spricht und ihm das beschreibt. Da wird er auch sagen: Du hast kein Recht, von einem Fensterkreuz zu sprechen, denn mir fällt nicht etwa ein rötlich angestrichenes Fensterkreuz ein, sondern immerzu ein schwarzes Kreuz als ein gemeiner roher Galgen — und so weiter. Und wenn man dem Mann erzählen wollte, wie man mit dem Kreuz, nämlich mit der Abszissen- und Ordinatenachse, in der analytischen Geometrie arbeitet, so würde er einem das verbieten. Und wenn ihm Einstein hinzeichnete die Abszissen- oder Ordinatenachse, so würde ihm der rohe Galgen einfallen, einzig und allein. Man muß diese Dinge nur in ihrem wahren Inhalte anschauen, dann wird man sehen, welche Gewalten da sind in unserer Zeit, um gerade nach der entgegengesetzten Seite von dem zu führen, was, wie vielleicht doch die verehrten Zuhörer entnommen haben, unserer Zeit in sozialer, in religiöser, in wissenschaftlicher Beziehung so außerordentlich notwendig ist.

[ 21 ] So, an exercise is given for the purpose of inner liberation of thought, and the person in question can think of nothing other than what comes to mind under the coercive forces of his entire upbringing and all his life habits, and he even regards this as self-evident, as the right thing. With such a mindset, one can never approach what spiritual research can truly offer. For that same person would not need to describe what I depict in my *Secret Science* as a cross that one shapes for oneself in a spirit of freedom; rather, he might, for example, hear someone else speak of a window cross and have it described to him. Then he would also say: You have no right to speak of a window cross, for what comes to my mind is not a window cross painted reddish, but always a black cross as a common, crude gallows—and so on. And if one were to try to explain to this man how one works with the cross—namely, with the x-axis and y-axis—in analytical geometry, he would forbid it. And if Einstein were to sketch the x-axis or y-axis for him, the crude gallows would be the only thing that would come to his mind. One need only look at these things in their true context, and then one will see what forces are at work in our time, leading us precisely in the opposite direction from what—as my esteemed audience may have gathered—is so extraordinarily necessary for our time in social, religious, and scientific terms.

[ 22 ] Kein Wunder, daß der betreffende Verfasser noch etwas anderes, höchst Merkwürdiges sagt. Ich habe dasjenige, was ich die Akasha-Chronik genannt habe, hingestellt als dasjenige, wodurch der Mensch versucht, seine Gedanken so zu gestalten, daß er das Weltenwerden in innerer Aktivität überschaue. Gerade darauf mußte ich rechnen, daß man bei der Schilderung von so etwas sich seine innere Seelenverfassung aktiv erhält und daß man diese Seelenverfassung in freier Geistigkeit heraufhebe in das Übersinnlich-Anschaubare. Dieser Mann aber spricht folgendes: «Und — Sie mögen mir das glauben oder nicht — dieser Verzicht fällt mir nicht einmal so sehr schwer. Wenn mir Herr Dr. Steiner die Akasha-Chronik in illustrierter Prachtausgabe verehren wollte — ich würde sie nicht einmal lesen.» Nun, der Mann denkt also, es könnte ihm das passieren, daß ihm die Akasha-Chronik in illustrierter Prachtausgabe verehrt würde, damit er ja passiv sich hingeben kann, damit ja nicht irgendwie gerechnet werde auf seine innere Seelenaktivität.

[ 22 ] No wonder that the author in question goes on to say something else that is highly peculiar. I have described what I have called the Akashic Records as the means by which human beings attempt to shape their thoughts in such a way that they can grasp the unfolding of the world through inner activity. I had to expect precisely this: that in describing such a thing, one actively maintains one’s inner state of mind and elevates this state of mind in free spirituality into the supersensible and visible realm. This man, however, says the following: “And—believe it or not—this renunciation is not even that difficult for me. If Dr. Steiner were to present me with the Akashic Records in a lavish, illustrated edition—I wouldn’t even read it.” Well, this man thus thinks it might happen to him that he would be presented with the Akashic Records in a lavish, illustrated edition, so that he can passively surrender to it, so that no account is taken, in any way, of his inner soul activity.

[ 23 ] Es ist schon durchaus notwendig in unserer Zeit, daß derjenige, der da mitarbeiten will an den Aufgangskräften, solche Erscheinungen ohne Haß, ohne Antipathie ins Auge faßt, aber so, wie sie dastehen, alle die Über-, alle die Niedergangskräfte. Viele Menschen stehen da und können nicht einmal bemerken, daß sie diese Übergangskräfte in sich haben, und denen wieder eilen zahlreiche andere Menschen nach, Tausende und aber Tausende Menschen. Sie eilen solchen passiven religiösen Naturen nach, weil man passiv bleiben will, weil man nicht will dasjenige, was so notwendig ist: die Objektivität, die objektive Wesenheit, das heißt, das Übersinnliche in freier Geistigkeit ergreifen. Dazu gehört eben aktive innere Seelenverfassung, freie innere Seelenverfassung.

[ 23 ] In our time, it is absolutely necessary that anyone who wishes to work with the forces of ascent view such phenomena—all the forces of ascent and all the forces of decline—without hatred or antipathy, but exactly as they are. Many people stand there and cannot even perceive that they have these transitional forces within themselves, and countless others—thousands upon thousands of people—are rushing after them. They rush after such passive religious natures because they want to remain passive, because they do not want what is so necessary: objectivity, objective reality—that is, to grasp the supersensible in free spirituality. This requires precisely an active inner state of mind, a free inner state of mind.

[ 24 ] Das ist es, was ich am Schlusse noch zusammenfassend sagen möchte: Anthroposophische Geisteswissenschaft will übersinnliche Erkenntnisse pflegen, Erkenntnisse, die zu solchen Ergebnissen führen, wie ich sie in den vorangehenden Tagen und heute zusammenfassend charakterisiert habe. Diese anthroposophische Geisteswissenschaft will nicht zu toten Begriffen führen, die nur von einer toten äußeren Wirklichkeitkünden. Anthroposophische Geisteswissenschaft will nicht die Wissenschaft, die Erkenntnis beschränken auf diejenigen Ergebnisse, die wie welke Blätter durch den abstrakten Verstand an der äußeren sinnlichen Wirklichkeit gewonnen werden und die, indem sie in die menschliche Seele versetzt werden als welke Blätter, verdorren und die innere Kraft des Menschen durch ihr Verdorren selber herablähmen.

[ 24 ] This is what I would like to say in summary at the end: Anthroposophical spiritual science seeks to cultivate supersensible knowledge—knowledge that leads to the kinds of results I have summarized over the past few days and today. This anthroposophical spiritual science does not seek to lead to dead concepts that speak only of a dead, external reality. Anthroposophical spiritual science does not wish to limit science and knowledge to those results that are gleaned from external sensory reality by the abstract intellect—like withered leaves—and which, when transplanted into the human soul as withered leaves, wither away and, through their own withering, sap the inner strength of the human being.

[ 25 ] Anthroposophische Geisteswissenschaft will vielmehr in ihren Ergebnissen bringen wahre Lebensfrüchte, nicht welke Blätter, Lebensfrüchte, die Geistesnahrung werden können der lebendigen Seele, wie das Blut in seiner Zirkulation dem Leibe die Nahrung bringt. Daß das aber möglich werde, dazu bedarf Geisteswissenschaft der Luft der Freiheit. Erkenntnis selber muß in die Geistesluft der Freiheit gerückt werden, jener Freiheit, welche die tiefsten Tiefen der menschlichen Seele zum Erkennen erwecken kann, sie aber auch erwecken kann zum wahrhaftig freien Handeln, zu einem Handeln, das Harmonie, soziale Harmonie begründen kann unter den Menschen. Denn dasjenige, was am sozialen Organismus notwendigerweise aus der Gegenwart heraus in die nächste Zukunft geschehen soll, es muß dann doch zuletzt hervorgehen aus dem, was der vollbewußte Mensch in freier Erkenntnis erringt, im Innersten der Seele als freie Lebensfrucht dieser Erkenntnis erleben kann und wiederum als soziales Wirken in die ganze menschliche Gesellschaft, in die ganze menschliche Entwickelung hinaustragen kann, so daß es die Menschheit aus der Gegenwart heraus in die nächste Zukunft hinein nicht durch Niedergangs-, sondern durch Aufgangskräfte führe zu neuem Menschlich-heilsam-Schöpferischem.

[ 25 ] Anthroposophical spiritual science seeks rather to bear, in its results, true fruits of life—not withered leaves—fruits of life that can become spiritual nourishment for the living soul, just as blood, in its circulation, provides nourishment for the body. But for this to be possible, spiritual science requires the air of freedom. Knowledge itself must be placed within the spiritual atmosphere of freedom—that freedom which can awaken the deepest depths of the human soul to knowledge, but which can also awaken it to truly free action, to action that can establish harmony, social harmony, among human beings. For whatever is to take place in the social organism—necessarily moving from the present into the near future—must ultimately spring from what the fully conscious human being attains through free knowledge, can experience in the innermost depths of the soul as the free fruit of this knowledge, and can in turn carry forth as social action into the whole of human society, into the whole of human development, so that it may lead humanity from the present into the near future—not through forces of decline, but through forces of ascent—toward something new that is human, healing, and creative.