The Essence of Anthroposophy
GA 80a
18 May 1922, Cologne
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The Essence of Anthroposophy, tr. SOL
13. Anthroposophie und Geisteserkenntnis
13. Anthroposophy and Spiritual Knowledge
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Ausführungen, welche ich heute Abend vor Ihnen werde zu machen haben, können heute, in der Zeit des Wissenschaftgeistes, nur Anspruch machen auf Geltung, wenn vorausgeht eine gewisse Auseinandersetzung von Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, und diesem Wissenschaftsgeiste selbst. Gezeigt muss ja werden, dass es heute unmöglich ist, von Geisteserkenntnissen zu sprechen, ohne die Methoden der entsprechenden geistigen Forschung zu rechtfertigen vor diesem Wissenschaftsgeiste.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The remarks I am to make before you this evening can, in this age of the scientific spirit, only be considered valid if they are preceded by a certain examination of anthroposophy—as it is understood here—and of this scientific spirit itself. It must be shown, after all, that it is impossible today to speak of spiritual knowledge without justifying the methods of the corresponding spiritual research before this spirit of science.
[ 2 ] Dass nun diese Rechtfertigung möglich ist, dass die von mir hier gemeinte Anthroposophie überhaupt in keiner Opposition steht zu diesem modernen Wissenschaftsgeiste, sondern dass sie nur eine Art von Fortsetzung desselben ist, das habe ich mir auszuführen erlaubt in jenem Vortrage, den ich vor einigen Monaten hier an derselben Stelle gehalten habe. Es würde also, wenn ich heute diese Rechtfertigung noch einmal geben wollte, dies für sehr viele Zuhörer eine Wiederholung bedeuten. Ich werde daher dasjenige, was als solche Stütze vorhanden ist, voraussetzen. Ich werde mich also, aber nur in dieser Richtung, stützen auf den damaligen Vortrag, selbstverständlich aber so, dass der heutige Vortrag auch für sich selbst verständlich sein soll.
[ 2 ] I took the liberty of explaining in the lecture I gave here a few months ago that this justification is indeed possible—namely, that the anthroposophy I am referring to here is in no way opposed to this modern scientific spirit, but is rather a kind of continuation of it. So if I were to present this justification again today, it would amount to a repetition for many in the audience. I will therefore take for granted the foundation that has already been laid. I will thus draw upon that earlier lecture—but only in this regard—while, of course, ensuring that today’s lecture remains comprehensible in its own right.
[ 3 ] Nun, wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit richtet auf dasjenige, was er geistiges Leben nennt, namentlich auf sein Verhältnis zur geistigen Welt, dann entstehen in der Seele gewisse Schwierigkeiten. Allein man kann nicht sagen, dass diese Schwierigkeiten entstehen gegenüber der Existenz eines geistigen Lebens im Menschen selbst. Denn der Mensch ist sich gar wohl bewusst, er habe in seinem wachen Zustande immer ein solches geistiges Leben. Er steht erkennend und als Tätigkeitsmensch mit der Außenwelt ja in Beziehung durch sein geistiges Leben. Er findet seinen Menschen-Wert und seine Menschenwürde in diesem geistigen Leben, das ja seine Erfahrung, sein Erlebnis ist, beschlossen. Und selbst der schärfste Materialist wird vielleicht sagen: Dieses, was dir da erscheint als ein geistiges Leben, das steigt bloß auf aus materiellen Prozessen, aus den stofflichen Vorgängen, aber er wird das geistige Leben als solches nicht leugnen können. Und man darf sagen: Die Schwierigkeiten, die als Rätselfragen in der menschlichen Seele auftauchen gegenüber der Geisteswelt, sie beruhen gerade darauf, dass der Mensch sich seines Geistes bewusst ist, dass er seinen Wert und seine Würde in diesem Geiste suchen muss, und daher fragen muss nach dem Wesen dieses Geistes: Ist er etwas Vorübergehendes, etwas Verschwindendes? Ist er etwas, was nur im materiellen Leben gründet? Ist er etwas, was mit irgendeiner äußeren geistigen Welt zusammenhängt und gegenüber dem vergänglichen Dasein ein Dauerndes darstellt? Gerade weil der Mensch ein geistiges Leben hat, weil er sich selber als geistiges Wesen fühlt, muss er nach dem Wesen dieses Geistigen fragen.
[ 3 ] Now, when a person focuses their attention on what they call spiritual life—namely, their relationship to the spiritual world—certain difficulties arise in the soul. However, one cannot say that these difficulties arise in relation to the existence of a spiritual life within the human being himself. For the human being is well aware that he always possesses such a spiritual life in his waking state. Indeed, as a thinking and active being, he relates to the external world through his spiritual life. Human worth and dignity are found in this spiritual life, which is, after all, the very essence of human experience. And even the most ardent materialist might say: “What appears to you as a spiritual life merely arises from material processes, from physical phenomena,” but he will not be able to deny spiritual life as such. And one may say: The difficulties that arise as enigmatic questions in the human soul regarding the spiritual world stem precisely from the fact that human beings are conscious of their spirit, that they must seek their value and dignity in this spirit, and must therefore inquire into the nature of this spirit: Is it something transient, something fleeting? Is it something rooted solely in material life? Is it something connected to some external spiritual world and representing something enduring in contrast to transitory existence? Precisely because human beings have a spiritual life, because they feel themselves to be spiritual beings, they must inquire into the nature of this spirituality.
[ 4 ] Nun gibt es vieles, was für einzelne Menschen, die sich besonders mit diesen Dingen befassen, voll bewusst, für die meisten Menschen aber als allgemeine Empfindung mehr oder weniger unbewusst herauftaucht aus den Tiefen des Seelenwesens, und eben sich zusammenschließt zuletzt in der Rätselfrage: Was ist eigentlich das Wesen des Geistes, und welches ist das Verhältnis des Menschen zu einer etwaigen geistigen Welt? Ich könnte Ihnen vieles anführen, aus dem hervorgeht, als aus den Tiefen der Seele, diese Frage.
[ 4 ] Now there are many things that, for individuals who are particularly concerned with these matters, emerge fully consciously from the depths of the soul; for most people, however, they surface more or less unconsciously as a general feeling, and ultimately coalesce into the enigmatic question: What, in fact, is the nature of the spirit, and what is the relationship of human beings to a possible spiritual world? I could cite many examples that show how this question arises from the depths of the soul.
[ 5 ] Zwei Beispiele, die vielleicht sogar in weiteren Kreisen des menschlichen Lebens wenig beachtet werden, die selten in das volle Bewusstsein des Menschen heraufkommen, die aber umso mehr wirken unten in den Empfindungssphären des seelischen Lebens, die sich dem Gefühl übertragen, die eine gewisse Unsicherheit hervorrufen über das Wesen des geistigen Lebens. Wie gesagt, sie sind vielleicht von den wenigsten Menschen bewusst vor die Seele gestellt, aber sie bedingen Glück und Leid des innersten Seelenwesens. Sie bedingen die alltägliche Seelenstimmung, ob man mutig durch das Leben geht oder niedergeschlagen, ob man tauglich ist für das Leben oder untauglich für das eigene Leben oder das Leben der Mitmenschen. Alles das hängt davon ab, wie sich diese Empfindungen in das Seelenleben hineinschleichen und zu den charakterisierten Rätselfragen führen.
[ 5 ] Two examples that may even be largely overlooked in broader spheres of human life, that rarely rise to the full consciousness of human beings, but which exert all the greater influence deep within the emotional spheres of spiritual life—spheres that are conveyed through feeling—and that give rise to a certain uncertainty regarding the nature of spiritual life. As I said, they may be consciously brought before the soul by very few people, but they determine the happiness and suffering of the innermost soul being. They determine the daily mood of the soul—whether one goes through life courageously or dejectedly, whether one is fit for life or unfit for one’s own life or the lives of one’s fellow human beings. All of this depends on how these feelings creep into the life of the soul and lead to the enigmatic questions described.
[ 6 ] Da ist zunächst eines, was wir, wie gesagt mehr oder weniger unbewusst, jeden Tag einmal erleben in unserem Dasein zwischen Geburt und Tod, wenn wir übergehen aus dem wachen Zustand in den Schlafenszustand. Jedes Mal fühlen wir da, wie dasjenige, was sich regt, was lebt und webt vom Aufwachen bis zum Einschlafen als unser Erleben, unsere innere Geistigkeit, wie das herunterdämmert in ein Unbestimmtes, wie wir unser Bewusstsein auszuschalten haben, wie wir unser Geistesleben gewissermaßen vollständig herabgedämmert haben in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und wenn man sich dann dieses, was so als eine Erfahrung unbewusst im menschlichen Seelenleben jeden Tag lebt, heraufholt ins Bewusstsein, muss man sich sagen: Darinnen fühlt der Mensch die Ohnmacht seines Geisteslebens, die Ohnmacht seiner inneren Regsamkeit, seiner inneren Tätigkeit, die Ohnmacht desjenigen, darin er seinen eigenen Menschenwert und Menschenwesenheit sucht. Sie entfällt ihm jeden Tag mit dem Einschlafen. Dann fragen, vielleicht nur dem Gefühle nach, die meisten Menschen, aber sie fragen doch: Ist es mit diesem Seelenleben im Ganzen so, dass es herabgedimmert ohnmächtig den Menschen lässt? Ist es so, dass es herabgedämmert ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, sodass dann der Mensch es nicht mehr [her]aufholen kann, so wie er es etwa an jedem Morgen heraufholt? Das ist das eine Beispiel, wie sich die gekennzeichnete Rätselfrage formt.
[ 6 ] First of all, there is something that we—as mentioned, more or less unconsciously—experience once every day in our existence between birth and death, when we transition from the waking state to the sleeping state. Each time, we feel how that which stirs, lives, and weaves—from waking to falling asleep—as our experience, our inner spirituality, how it fades into the indeterminate, how we must shut off our consciousness, how we have, so to speak, completely dimmed our spiritual life during the time between falling asleep and waking up. And when one then brings this—which is lived unconsciously every day as an experience in human soul life—up into consciousness, one must say to oneself: In this, the human being feels the powerlessness of their spiritual life, the powerlessness of their inner activity, their inner working, the powerlessness of that in which they seek their own human worth and human beinghood. It eludes them every day when they fall asleep. Then most people ask—perhaps only intuitively, but they do ask: Is it the case with this soul life as a whole that it leaves the human being dimmed and powerless? Is it the case that it has faded when a person passes through the gate of death, so that the person can no longer “bring it back,” just as he or she brings it back every morning? This is one example of how the enigmatic question described above takes shape.
[ 7 ] Das andere Beispiel ist, man könnte sagen, der Gegenpol. Wenn wir aufwachen, vielleicht gehen wir zunächst durch, durch die Unbestimmtheit, das Chaotische, Illusorische des Traumlebens, von dem wir ja bei gesundem Verstand wissen, dass es illusorisch ist gegenüber der äußeren Wirklichkeit. Vielleicht gehen wir durch dieses halb-geistige Wesen hindurch bis zum vollen Erwachen. Dann aber tritt das ein, dass das Geistige Besitz ergreift von dem Leibe, von dem physischen Körper des Menschen. Wir tauchen unter zunächst in die Welt unserer Sinnesorgane. Dasjenige, was uns die Augen überliefern aus der Welt der Farben, dasjenige, was uns die Ohren überliefern aus der Welt der Töne, was uns die Sinnesorgane überliefern, wir erleben es als körperliche Erlebnisse des Wirkens der Außenwelt auf uns. Wir erleben es mit unserem Seelenleben. Wir erleben, wie wir Besitz nehmen von unseren Gliedern, wie wir tätig werden mit Hilfe unseres Leibes. Wir fühlen untertauchen in unsere Leiblichkeit, unsere Körperlichkeit, unser geistiges Wesen. Es wirkt, es webt an dieser Körperlichkeit.
[ 7 ] The other example is, one might say, the opposite pole. When we wake up, perhaps we first pass through the indeterminacy, the chaos, and the illusory nature of dream life—which, when we are in our right minds, we know to be illusory in comparison to external reality. Perhaps we pass through this semi-spiritual state until we are fully awake. But then what happens is that the spiritual takes possession of the body—the physical body of the human being. We first immerse ourselves in the world of our sense organs. What our eyes convey to us from the world of colors, what our ears convey to us from the world of sounds—what our sense organs convey to us—we experience as physical sensations of the external world’s effects upon us. We experience this through our soul life. We experience how we take possession of our limbs, how we become active with the help of our body. We feel our spiritual being immersing itself in our physicality, our corporeality. It acts upon, it weaves through this physicality.
[ 8 ] Aber ich habe schon im letzten Vortrage hier angedeutet, in welcher Art wir unbewusst sind über dieses Untergetauchtsein in die physische Leiblichkeit. Nehmen wir nur einmal das Untergetauchtsein in unsere Willensglieder. Wir haben den Gedanken. Nehmen wir die einfache Handlung: Wir heben den Arm, wir bewegen die Hand. Wir haben zuerst den Gedanken, die Vorstellung; wie diese Vorstellung aber untertaucht in unsere Leiblichkeit, was da unten Kompliziertes vor sich geht, bis es zum Heben des Armes, zum Bewegen der Hand kommt, davon wissen wir nichts im gewöhnlichen Bewusstsein. So müssen wir sagen: Während wir die Ohnmacht des geistigen Lebens beim Einschlafen fühlen, fühlen wir beim Aufwachen, also beim Untertauchen in die physische Leiblichkeit, wie das Geistige herunterströmt wie in eine innere Finsternis, in der es dann beschlossen ist. Sodass wir uns sagen können: Entfällt uns der Geist, wenn er nicht mehr durch den Leib wirkt, wird er dann unbewusst, so entzieht er sich uns erst recht, wenn er hereinströmt in unsere Leiblichkeit und durch unsere Leiblichkeit wirkt.
[ 8 ] But I already hinted at this in my last lecture here: the way in which we are unaware of this immersion in physical corporeality. Let us just take, for example, this immersion into the members of our will. We have the thought. Let us take a simple action: we raise our arm; we move our hand. First we have the thought, the mental image; but how this mental image sinks into our physicality—what complex processes take place down there until it results in raising the arm or moving the hand—we know nothing of this in our ordinary consciousness. So we must say: While we feel the powerlessness of spiritual life as we fall asleep, we feel upon waking—that is, as we sink into physical embodiment—how the spiritual flows down as if into an inner darkness, where it is then sealed off. So we can say: If the spirit eludes us when it no longer acts through the body, and if it then becomes unconscious, it withdraws from us all the more when it flows into our physicality and acts through it.
[ 9 ] Das alles sind Beispiele dafür, wie in ein Unsicheres hinein der Mensch kommt, wenn er sich über das Wesen des Geistigen aufklären will. Nun stellt sich der Mensch, weil er in ein so unsicheres Gebiet hineingeführt wird, vor die geistige Welt, zu der er doch gerade wegen des besseren Teiles seines menschlichen Fühlens und Wollens und Denkens eine Beziehung sucht, er stellt sich vor diese geistige Welt gerade die zwei bedeutsamsten Feinde des menschlichen Seelenlebens hin. Der eine Feind ist derjenige, dem heute vielfach die verfallen, die sich nicht anschließen können, sei es durch ihren Willen oder durch ihre Lebenslage, an die gewissenhaften, ernsten Methoden des wissenschaftlichen Lebens, die nicht die Forderungen dieser Wissenschaft zu ihren eigenen machen. Sie stellen oftmals aus ihrem Willen heraus vor ihre Seele dasjenige hin, was wir dann umfassen mit dem Worte "Aberglaube».
[ 9 ] All of these are examples of how a person enters into a realm of uncertainty when seeking to understand the nature of the spiritual. Now, because they are led into such uncertain territory, human beings find themselves confronted—in relation to the spiritual world to which they seek a connection precisely because of the better aspects of their human feeling, willing, and thinking—with the two most significant enemies of human soul life. One of these enemies is the one to which many today succumb—those who, whether by their own will or due to their life circumstances, cannot align themselves with the conscientious, serious methods of scientific life and do not make the demands of this science their own. Often, of their own volition, they place before their souls that which we then encompass with the word “superstition.”
[ 10 ] Dieser Aberglaube ist der eine Feind des menschlichen Seelenlebens. Weil der Mensch immerzu suchen muss eine Beziehung zwischen ihm selbst und der geistigen Welt, sucht er dasjenige, was er nicht von außen durch die Erkenntnis erlangen kann, von innen durch den Willen heraufzuzaubern gewissermaßen. Allein wenn es eben keine Begründung hat, wenn es als Aberglaube in der menschlichen Seele lebt, was sich so der Mensch vorstellt über sein Verhältnis zur geistigen Welt, dann muss er sehen, wie er überall, wo er ins Leben eintritt, an alle möglichen Ecken anstößt. Die Dinge haben ihre Gesetzmäßigkeiten, die Dinge und die Tatsachen des Lebens, der Natur und des Menschendaseins. [Sie] laufen in einer gewissen Weise [ab], wenn man mit abergläubigen Vorstellungen herantritt an dieses Leben. Überall bewahrheiten sich diese Vorstellungen nicht. Man gerät in eine Unorientiertheit, eine Unsicherheit hinein, auch in Bezug auf die Erkenntnis. Man stellt sich oftmals in der Seele vor, so und so müsste ein Geistiges durch die äußeren Erscheinungen wirken. Man sieht, es wirkt nicht. Man wird unsicher, schwach in sich selber. Oder aber derjenige, der sich solchen, nicht in der objektiven Außenwelt begründeten Impulsen hingibt, der hat an ihnen keine Antriebe für seine Handlungen; sie geben ihm nichts für seinen Willen. Daher wird er nicht nur unsicher, sondern auch untüchtig, kann nicht eingreifen in das Leben. Er kann nicht in der Weise sich neben seinen Mitmenschen mitarbeitend hinstellen wie derjenige, der nicht illusorische Vorstellungen zwischen seine Seele und das Leben stellt.
[ 10 ] This superstition is the one enemy of human spiritual life. Because human beings must constantly seek a connection between themselves and the spiritual world, they seek, as it were, to conjure up from within through their will that which they cannot attain from the outside through knowledge. But if there is no rational basis for it—if what a person imagines about his relationship to the spiritual world lives on in the human soul as superstition—then he must realize that wherever he enters life, he will run into obstacles at every turn. Things have their own laws—the things and facts of life, nature, and human existence. [They] unfold in a certain way when one approaches this life with superstitious notions. Nowhere do these notions prove true. One falls into a state of disorientation and uncertainty, even with regard to knowledge. One often imagines in one’s soul that a spiritual force must be working in such and such a way through external phenomena. One sees that it does not work. One becomes uncertain and weak within oneself. Or, on the other hand, the person who surrenders to such impulses—which are not grounded in the objective external world—finds in them no motivation for his actions; they provide nothing for his will. Consequently, such a person becomes not only uncertain but also incapable, unable to intervene in life. He cannot stand alongside his fellow human beings in a spirit of cooperation in the same way as someone who does not interpose illusory ideas between his soul and life.
[ 11 ] Ist dies der eine Feind, der namentlich denjenigen sich vor die Seele stellt, die sich nicht in wissenschaftliche Ergebnisse einlassen, so tritt gerade bei denen, die sich mit Wissenschaft beschäftigen, heute vielfach der andere Feind in das Seelenleben ein. Derjenige, der die heutigen ernsten und gewissenhaften wissenschaftlichen Methoden kennt, durch die unser Denken im Experiment und in der Beobachtung die sinnliche Außenwelt bis zu ihrer Gesetzmäßigkeit zu verfolgen sucht, der lernt erkennen, wie man dieses Denken bändigt — möchte man sagen —, wie man ihm alle Willkür nimmt, wie man es anpasst an dasjenige, was in der Außenwelt als Gesetzmäßigkeit auftritt. Aber, man könnte sagen: Dadurch wird das Denken auch dünn und abstrakt. Es entfremdet sich dem Menschen selber. Es wird dann nur angemessen den [Bedingungen] der äußeren Sinnenwelt. Und man merkt bald: Dann eröffnet sich diesem Denken, das so wunderbar geeignet ist für das Begreifen der äußeren Naturerscheinungen, kein Ausweg aus der sinnlichen in die übersinnliche Welt hinein.
[ 11 ] If this is the one enemy that stands before the soul of those who do not engage with scientific findings, then it is precisely among those who are engaged in science that the other enemy often enters their inner life today. Anyone familiar with today’s serious and conscientious scientific methods—through which our thinking, in experimentation and observation, seeks to trace the external sensory world down to its laws—learns to recognize how to rein in this thinking—one might say—how to strip it of all arbitrariness, how to adapt it to what appears as law in the external world. But, one might say: As a result, thinking also becomes thin and abstract. It becomes alienated from the human being itself. It then becomes merely adapted to the [conditions] of the external sensory world. And one soon realizes: Then this thinking, which is so wonderfully suited to grasping external natural phenomena, finds no way out of the sensory world and into the supersensory world.
[ 12 ] Und etwas befällt dann gerade den wissenschaftlichen Menschen heute sehr häufig, das ist der Zweifel, der Zweifel an der übersinnlichen Welt, gerade wegen der Sicherheit, die er sich in seinem denkerischen Verfolgen der Sinneswelt angeeignet hat. Der Zweifel tritt auch im Verstand auf. Tritt er aber da auf, tritt er mit allem Ernste des menschlichen Seelenlebens auf, dann senkt er sich in das Gemüt, in das Gefühlsleben. Das gerade kann aus anthroposophischer Wissenschaft derjenige, der sich ihr hingibt, erkennen, wie das Gemüt, das Gefühlsleben innig zusammenhängt mit den gesunden oder kranken Verhältnissen auch des Leibeslebens; wie sich hineinsenkt dasjenige, was in einem unharmonischen, einem zerrissenen oder auch in einem harmonischen, glücklichen Gemüt lebt, in das gesunde oder kranke Leibesleben. Und man darf sagen: Wen der Zweifel innerlich durchsetzt mit einer seelischen Schwindsucht, radikal ausgesprochen, bei dem strömt diese seelische Schwindsucht wohl auch ein in die körperlichen Zustände. Er wird ein Schwächling in Bezug auf sein Leibesleben. Sein Nervensystem wird schadhaft. Er ist nicht gewachsen den Kämpfen des Lebens. Auch er wird untüchtig gegenüber sich selbst, untüchtig in der Mitarbeit mit den anderen Menschen.
[ 12 ] And there is something that afflicts the scientific mind very frequently today, namely doubt—doubt about the supersensible world—precisely because of the certainty it has acquired through its intellectual exploration of the sensory world. This doubt also arises in the intellect. But when it arises there—with all the seriousness of human soul life—it then descends into the soul, into the emotional life. It is precisely this that those who devote themselves to anthroposophical science can recognize: how the soul, the emotional life, is intimately connected with the healthy or unhealthy conditions of physical life as well; how that which lives within a disharmonious, torn, or even a harmonious, happy soul permeates healthy or unhealthy physical life. And one may say: In those whom doubt permeates inwardly with a kind of spiritual consumption—to put it bluntly—this spiritual consumption also flows into their physical condition. They become physically frail. Their nervous system becomes impaired. They are not up to the struggles of life. He, too, becomes incapable of taking care of himself and incapable of cooperating with other people.
[ 13 ] So kann man gerade an Aberglaube und an Zweifel sehen, wie der Mensch auf der einen Seite immer dahin streben muss, aus tief berechtigten Empfindungen heraus hinstreben muss nach der geistigen Welt, der er sich angehörig fühlen muss, wie aber gewisse Schwierigkeiten im Seelenleben auftauchen, und wie gerade starke Feinde dieses Seelenlebens sich zwischen die geistige Welt — die man zunächst nur hypothetisch annehmen kann — und zwischen den eigentlichen Geistesmenschen hinstellen. Daher haben gerade ernst forschende wissenschaftliche Geister der Gegenwart sogar sich hingewendet zu dem abnormen Seelenleben, weil sie verzweifeln an dem normalen Seelenleben, das ihnen die Großartigkeit der Sinneswelt überliefert, das ihnen aber nach ihrer Anschauung eben durchaus nicht überliefern kann dasjenige, was geistige Welt ist. So wenden sie sich ab von dem normalen Seelenleben und wenden sich zu allerlei krankhaftem Seelenleben hin. Man findet heute ganz auf dem Gebiete der Naturwissenschaft erleuchtete Geister, welche nach dem Mediumismus hinschauen, welche irgendwelche Visionen oder halluzinatorische Zustände des abnormen Lebens anschauen, um auf diese Weise Anhaltspunkte dafür zu gewinnen, die Frage zu beantworten: Hat der Mensch irgendein anderes Verhältnis als dasjenige, was sich seinen Sinnen zeigt, zu einer geistigen Umwelt? Man kommt da allerdings auf manches, aber man soll sich nur ganz klar darüber sein: Dasjenige, was man zum Beispiel durch ein Medium erfahren kann, das wird ja doch erfahren von diesem Medium selbst durch ein herabgestimmtes Bewusstsein, durch unterbrochenen Sinnesverkehr mit der Außenwelt. Man muss gewissermaßen sich wenden beim Medium an eine krankhafte, abnorm wirkende Leiblichkeit. Ebenso ist es, wenn wir uns an das visionäre Erleben wenden.
[ 13 ] Thus, one can see precisely in superstition and doubt how, on the one hand, human beings must always strive—out of deeply justified feelings—toward the spiritual world to which they must feel they belong; yet how certain difficulties arise in the life of the soul, and how powerful enemies of this very life of the soul— — which one can initially only assume hypothetically — and the true spiritual beings. Consequently, it is precisely the serious, inquiring scientific minds of the present who have even turned to abnormal psychological states, because they have despaired of normal psychological life—which, while conveying to them the magnificence of the sensory world, cannot, in their view, possibly convey to them what the spiritual world actually is. Thus they turn away from normal psychological life and turn toward all manner of pathological psychological states. Today, even within the realm of the natural sciences, one finds enlightened minds who look to mediumship, who examine various visions or hallucinatory states of abnormal life, in order to gain clues in this way to answer the question: Does the human being have any relationship to a spiritual environment other than that which is revealed to the senses? One does indeed come across many things in this context, but one must be perfectly clear about this: What one can experience, for example, through a medium is, after all, experienced by the medium themselves through a lowered state of consciousness, through an interrupted sensory connection with the outside world. In a sense, one must turn to a pathological, abnormally appearing physicality in the medium. The same is true when we turn to visionary experiences.
[ 14 ] Überall kann man, wenn man unbefangen genug die Forschung anstellen kann, sagen: Da, wo im Seelenleben etwas Visionäres auftritt, ist eine krankhafte Organisation vorhanden. Und wie ist es möglich, dass man über dasjenige, was aus dem kranken Menschen hervorgeht, was vielleicht in gewisser Beziehung außerordentlich interessant ist, wie ist es möglich, dass man über das, was aus einem mangelhaften Bewusstsein hervorgeht, das nicht so hochentwickelt ist wie das Sinnesbewusstsein, wie ist es möglich, dass man da eine Kontrolle ausübt? Wie ist es möglich, dass man ein kritisches Resultat darüber gewinnt, wie viel die Erlebnisse wert sind, die auf diese Weise gewonnen werden?
[ 14 ] Everywhere, if one can conduct research with sufficient objectivity, one can say: Wherever something visionary appears in the life of the soul, a pathological constitution is present. And how is it possible to exercise control over what emerges from a sick person—which may, in a certain sense, be extraordinarily interesting—how is it possible to exercise control over what emerges from a deficient consciousness that is not as highly developed as sensory consciousness? How is it possible to arrive at a critical assessment of the value of the experiences gained in this way?
[ 15 ] Anthroposophie wendet sich daher nicht an irgendein krankhaftes Seelenleben. Sie lehnt es entschieden ab, etwas zu tun zu haben mit Mediumismus, mit Halluzinationen, Visionen, sie geht durchaus aus vom gesunden Seelenleben und Leibesleben. Sie versucht dasjenige, was ich in meinem letzten Vortrage hier dargestellt habe, sie versucht Übungen herauszufinden, welche die Seele machen kann, damit diejenigen Erkenntniskräfte, die zunächst im normalen Bewusstsein vorhanden sind, weitergebildet werden können, sodass wir fähig sind — ebenso, wie wir durch die sinnlichen Augen die Farben wahrnehmen —, durch übersinnliche Organe die übersinnliche, geistige Welt zu schauen. Wenn sie dasjenige, was ich in meinen verschiedenen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Geheimwissenschaft» und anderen Büchern gesagt habe über solche Übungen, überschauen, so werden Sie finden, dass diese Übungen in zwei Teile zerfallen: erstens in vorbereitende Übungen, die der Mensch vornimmt, um innerlich leiblich und seelisch zu erstarken. Sie sind durchaus dazu angetan, den Menschen hinzuführen zu einem gesunden Leibes- und Seelenleben. Diese vorbereitenden Übungen werden heute sogar von vielen Gegnern der Anthroposophie, ich darf nicht sagen in ihrem Werte zugegeben nur, sondern in ausgesprochener Weise geschätzt. Nur will man sich dann nicht zu den weiteren Übungen wenden, welche in der Seele schlummernde Erkenntniskräfte heraufentwickeln sollen. Wie aber der Mensch auf solche Art als Mensch, der durchaus rechnet mit dem ganzen aufgeklärten Geiste der Gegenwart, und dennoch den Weg in die geistigen Welten sucht, indem man versucht zu erkennen, wie der Mensch eine solche Erkenntniskraft gewinnt, durch die er in die geistigen Welten zu steigen in der Lage ist, davon wird man sich leichter ein Verständnis verschaffen können, wenn man anknüpft an dasjenige, was in älteren Zeiten versucht worden ist, um zu den Erkenntnissen der übersinnlichen Welt zu kommen.
[ 15 ] Anthroposophy, therefore, does not address any kind of pathological inner life. It categorically rejects any connection to mediumship, hallucinations, or visions; rather, it is based entirely on a healthy inner life and physical life. It seeks to do what I described in my last lecture here; it seeks to identify exercises that the soul can perform so that the powers of cognition, which are initially present in normal consciousness, can be further developed, enabling us—just as we perceive colors through our physical eyes—to perceive the supersensible, spiritual world through supersensible organs. If you review what I have said in my various books—*How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, *Esoteric Science*, and others—regarding such exercises, you will find that these exercises fall into two parts: first, preparatory exercises that a person performs to strengthen themselves inwardly, physically, and soulfully. They are entirely suited to leading a person toward a healthy physical and soul life. These preparatory exercises are even valued today by many opponents of anthroposophy—and I must say not merely acknowledged for their worth, but explicitly appreciated. However, people are then unwilling to turn to the further exercises, which are intended to awaken the powers of knowledge slumbering within the soul. But how can a person—who fully embraces the enlightened spirit of the present age, and yet seeks the path to the spiritual worlds by attempting to understand how a person acquires such a power of knowledge that enables them to ascend into the spiritual worlds—one can more easily gain an understanding of this by building upon what was attempted in earlier times to attain knowledge of the supersensible world.
[ 16 ] Wir erleben es ja heute, dass diejenigen Menschen, die ein entschiedenes inneres Bedürfnis doch haben nach wenigstens einem Fühlen der geistigen Welt, dass die, wenn sie nun verzweifeln an einer unmittelbaren Erkenntnis, an einer Wissenschaft von der geistigen Welt, sich hinwenden, ob sie gelehrt oder ungelehrt sind, zu den altehrwürdigen Vorstellungen, die in der Geschichte der Menschheit sich heraufentwickelt haben, die als traditionelle Glaubensbekenntnisse, als traditionelle Weltanschauungen gegeben sind. In vielen Philosophien selbst leben solche altehrwürdigen Vorstellungen, ohne dass die Menschen, die glauben, vorurteilslos zu ihren Vorstellungen zu kommen, es ahnen. Aber man hat heute sehr häufig die Empfindung, man müsse das, was da in solchen Vorstellungen, die ein ehrwürdiges Alter haben, gegeben ist über die übersinnliche Welt, im Glauben hinnehmen, man könne nicht eine solche Erkenntnis suchen über die übersinnliche Welt, wie man sie sucht in unsrer exakt gewordenen Wissenschaft über die sinnliche Welt. Und man gibt sich allen möglichen Illusionen hin der Art, dass man den Glauben zu rechtfertigen versucht in seiner selbstständigen Eigenart gegenüber dem Wissen, wenn man zu beweisen versucht, dass der Glaube eine andere Art von Auffinden des Geistigen sein müsse in Gemäßheit der Menschennatur, als dasjenige, was als Wissen, als Wissenschaft, sich darstellt.
[ 16 ] We see it today: those people who do have a strong inner need to at least sense the spiritual world—when they lose hope of gaining direct knowledge, or a science of the spiritual world, turn—whether they are educated or uneducated—to the time-honored concepts that have developed throughout human history, which exist as traditional creeds and traditional worldviews. Such time-honored concepts live on in many philosophies themselves, without the people who believe they have arrived at their ideas without prejudice even suspecting it. But today one very often has the feeling that one must accept on faith what is contained in such time-honored conceptions of the supersensible world; one cannot seek such knowledge of the supersensible world as one seeks in our now highly precise science of the sensible world. And people succumb to all sorts of illusions of the kind that seek to justify faith in its independent character vis-à-vis knowledge by attempting to prove that faith, in accordance with human nature, must be a different kind of discovery of the spiritual than that which presents itself as knowledge or science.
[ 17 ] Nun, derjenige, der nun nicht mit den oftmals so äußerlichen Methoden der heutigen Geschichtswissenschaft, sondern mit einem gewissen Blick für das seelische Erleben des Menschen, für dasjenige, was in diesem seelischen Erleben der Menschen vorgegangen ist seit Jahrhunderten und Jahrtausenden, mit einem Blick dafür, wie sich dieses seelische Leben von Epoche zu Epoche verwandelt hat, wer in solcher Unbefangenheit hinschauen kann auf dasjenige, was einstmals in primitiveren Zeiten, als die unseren sind, vielleicht in sehr alten Zeiten, gewisse Menschen als Erkenntniswege gesucht haben, der kommt darauf, dass alles dasjenige, was heute in Glaubens- und Weltanschauungsvorstellungen lebt, und oftmals nur als geschichtlich hingenommen wird, als Traditionelles, dass das zurückgeht auf alte Erkenntnisergebnisse. Ja, alles, was heute die Leute so als Glaubensvorstellungen übernehmen, es hat sich einmal so entwickelt, dass einzelne Menschen sich herausgehoben haben aus dem allgemeinen Bewusstsein der Menschen, wie es heute auch der Wissenschaftler tut, und dass sie aus den Kräften ihres eigenen Seelenlebens heraus nach solchen Erkenntnissen des Übersinnlichen gesucht haben. Dasjenige, was sich ihnen dann geoffenbart hat auf solchen Erkenntniswegen über das Übersinnliche, über das Geistige, das haben sie ihren Mitmenschen überliefert, das ist dann durch die Geschichte hindurchgeströmt bis zur Gegenwart, das lebt in unseren Bekenntnissen, in unseren Weltanschauungen und Philosophien. Man sucht nur oftmals nicht die Quellen, aus denen es hervorgegangen ist.
[ 17 ] Now, anyone who looks not with the often so superficial methods of modern historical scholarship, but with a certain eye for the spiritual experience of human beings—for what has been taking place within this spiritual experience of human beings over the course of centuries and millennia—with an eye for how this spiritual life has transformed from epoch to epoch, who can look with such impartiality at what certain people once sought as paths to knowledge in more primitive times than our own—perhaps in very ancient times—will come to realize that everything that lives on today in concepts of faith and worldview, and is often accepted merely as historical fact or tradition, can be traced back to ancient insights. Indeed, everything that people today accept as beliefs developed in such a way that individual human beings distinguished themselves from the general consciousness of humanity—just as scientists do today—and sought such insights into the supersensible through the powers of their own soul life. What was then revealed to them through such paths of knowledge concerning the supersensible and the spiritual, they passed on to their fellow human beings; this has flowed through history down to the present day and lives on in our creeds, our worldviews, and our philosophies. It is just that people often do not seek out the sources from which it originated.
[ 18 ] Nun könnte ja zunächst dasjenige, was die Erkenntniswege in alten Zeiten waren, für den heutigen Menschen, der auf ganz anderen Wegen suchen muss, etwas Gleichgültiges sein. Dennoch will ich wenigstens zwei ältere Erkenntniswege, deren Ergebnisse heute noch fortleben in den Weltanschauungsvorstellungen, charakterisieren. Wiederum könnten wir viele solcher Erkenntniswege charakterisieren. Ich will zwei herausgreifen, nicht um sie irgendjemandem anzuempfehlen zum Zwecke des Erlangens höherer geistiger Erkenntnisse, denn sie waren einer älteren Zeit durchaus angemessen, sind es aber heute nicht mehr, wie wir nachher sehen werden. Also, nicht um diese Dinge anzuempfehlen, sondern um sie zu charakterisieren zu dem Zwecke, dass wir unser Verständnis an den alten Erkenntnissen gewinnen über die neuen, über die Anthroposophie. Neue Wege müssen heute eingeschlagen werden, damit der Mensch aus seinem veränderten Seelenleben, seiner veränderten Seelenverfassung gegenüber alten Zeiten wiederum zu einer Erkenntnis des geistigen Lebens und seines eigenen geistigen Ursprungs, seiner eigenen geistigen Quelle gelangen kann.
[ 18 ] At first glance, the paths to knowledge that existed in ancient times might seem irrelevant to people today, who must seek truth through entirely different means. Nevertheless, I would like to describe at least two older paths to knowledge whose results still live on today in various worldviews. We could, of course, describe many such paths. I want to single out two, not to recommend them to anyone for the purpose of attaining higher spiritual knowledge, for they were entirely appropriate for an earlier time but are no longer so today, as we shall see later. So, not to recommend these things, but to characterize them so that we may gain an understanding of the new—of anthroposophy—through the old insights. New paths must be taken today so that human beings, from their changed inner life and their changed state of mind compared to earlier times, may once again attain an understanding of spiritual life and of their own spiritual origin, their own spiritual source.
[ 19 ] Da ist zunächst ein solcher Erkenntnisweg in alten Zeiten, das ist derjenige — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf —, den der alte indische Yoga-Gelehrte durchgemacht hat. Gerade in Bezug auf die charakterisierten Eigenschaften bekommt man heute nur verderbte Vorstellungen, wenn man dasjenige studiert, wie in orientalischen Ländern dieser Yoga-Weg heute gesucht wird. Und viele von denen, die heute aus der Verzweiflung heraus Wege in geistige Welten zu finden suchen, indem sie nach alten Methoden greifen, die büßen das durch die Schädigung ihres leiblichen und seelischen Lebens. Denn dasjenige, was heute der Mensch üben kann, sogar das, was oftmals geschrieben wird von diesen alten Wegen in die geistige Welt hinein, ist durchaus verderbt. Aber wenn wir zurückschauen in ältere Zeiten der Menschheitsentwicklung, so kommen wir eben zu solchen primitiven Erkenntniswegen, die dazumal gültig waren, und an denen wir uns verständigen können über die modernen Wege.
[ 19 ] First, there is such a path of knowledge from ancient times—that is, if I may use the expression, the one that the ancient Indian yoga scholar followed. Especially with regard to the characteristics described, one today gains only distorted ideas when studying how this path of yoga is pursued in Eastern countries today. And many of those who, out of desperation, seek paths into spiritual worlds by resorting to ancient methods pay for this with damage to their physical and psychological well-being. For what people can practice today—even what is often written about these ancient paths into the spiritual world—is thoroughly corrupted. But when we look back to earlier times in human development, we encounter precisely such primitive paths of knowledge that were valid back then, and through which we can understand the modern paths.
[ 20 ] Worauf beruht dieser Yoga-Weg? Er beruhte darauf, dass der Yogi das Atmen, ich könnte viele solche Einzelheiten des Yoga-Weges anführen, will aber nur den Atmungsprozess herausheben, dass der Yogi das gewöhnliche Atmen, das unbewusst verlief, in bewusste innere Tätigkeit hinaufhob. Wie verläuft denn für das gewöhnliche Bewusstsein das Atmen? Es verläuft so, dass wir einatmen, den Atem halten, ausatmen, in einer gewissen rhythmischen Folge. Höchstens in krankhaften Zuständen achten wir mit Aufmerksamkeit auf diesen Atmungsprozess. Im gewöhnlichen, gesunden Leben verläuft dieser Atmungsprozess mehr oder weniger unbewusst. Erst wissenschaftlich müssen wir ihn ja sozusagen charakterisieren.
[ 20 ] What is the basis of this path of yoga? It was based on the fact that the yogi—I could cite many such details of the path of yoga, but I wish only to highlight the breathing process—elevated ordinary breathing, which previously occurred unconsciously, to a conscious inner activity. How does breathing occur for ordinary consciousness? It occurs in such a way that we inhale, hold our breath, and exhale in a certain rhythmic sequence. At most, we pay close attention to this breathing process only in pathological conditions. In ordinary, healthy life, this breathing process occurs more or less unconsciously. Only from a scientific perspective do we need to characterize it, so to speak.
[ 21 ] Das ist nun das Eigentümliche des alten geistigen Erkenntnisweges der Yoga-Gelehrten, dass sie einen anderen Rhythmus einführten für gewisse Zeiten, in denen sie ihre Übungen machten behufs Erkenntnisse einer höheren Welt, dass sie in anderem Rhythmus einatmeten, den Atem hielten, ausatmeten. Was wurde dadurch bewirkt? Zunächst wurde bewirkt, dass der Yogi sich des Atmungsvorganges voll bewusst wurde, dass er dasjenige, was man sonst nicht bewusst erlebt, bewusst erlebte. Wie man sonst wohl innerliches Wohlbehagen, innerliche Freuden, innerliche Leiden und Schmerzen erlebt, so erlebte der Yogi seinen Atmungsprozess, den er aus seiner Willkür heraus gemäß den naturgemäßen Atmungsprozessen eben änderte. Was aber geschah dadurch? Was erlangte er dadurch für seine Erkenntnisse?
[ 21 ] This is the distinctive feature of the ancient spiritual path of the yoga scholars: they adopted a different rhythm during certain periods when they performed their exercises to gain insight into a higher world—they inhaled, held their breath, and exhaled in a different rhythm. What was the result of this? First of all, it caused the yogi to become fully aware of the breathing process—to consciously experience what one would otherwise not experience consciously. Just as one normally experiences inner well-being, inner joys, inner suffering, and pain, so too did the yogi experience his breathing process, which he altered of his own volition in accordance with natural breathing processes. But what happened as a result? What insights did he gain through this?
[ 22 ] Wir können das physiologisch zunächst vor unsere Seele hinstellen. Indem wir atmen, geht der Atemstoß in unsere Leiblichkeit hinein, er geht durch unseren Rückenmarkskanal ins Gehirn hinauf, unser Gehirn wird durchströmt und durchwellt von den Atemzügen, dem Atmungsrhythmus. Es ist ja immer so, wie gesagt, es bleibt unbewusst für das gewöhnliche Atmen, unbewusst für das gewöhnliche Seelenwesen, es ist immer so, dass wir in unserer Haut nicht nur haben diejenigen physischen Vorgänge, die dem Nervenorganismus angehören und die uns das Denken, die Gedankenwelt vermitteln, sondern diese Nervenprozesse, sie werden durchströmt von dem Atmungsrhythmus. Es ist zum Beispiel ungeheuer interessant zu verfolgen dasjenige, was ich ja wenigstens andeutend dargestellt habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln», wie im Anhören des Musikalischen der Atmungsrhythmus zusammenschmilzt mit demjenigen, was als Nerven-Sinnes-Prozess von den menschlichen Gehörorganen ausgehend erlebt wird innerlich. Aber nicht nur im musikalischen Wahrnehmen, bei allem Gedankenleben wird durchströmt der Nerven-Sinnes-Prozess von dem Atmungsprozess in seinem Rhythmus. Dasjenige, wovon der Mensch im gewöhnlichen Leben nichts merkt, das nahm der alte Gelehrte, der Yogi wahr. Er spürte innerlich, wie der veränderte Atem seine Haut durchströmte, wie sich der Atmungsrhythmus hineinsenkte in das Gedankenleben. Was wurde dadurch für die Erkenntnis erlangt? Das können wir uns klarmachen, wenn wir uns einmal hineinversetzen in das Seelenleben, das bei den Menschen jener alten Zeiten vorhanden war, in denen es Yogi-Gelehrte gab, die sich heraushoben mit ihrem besonderen Seelenwesen aus dem allgemeinen Seelenwesen.
[ 22 ] We can first consider this from a physiological perspective in relation to our soul. As we breathe, the breath enters our physical body; it travels up through our spinal canal into the brain, and our brain is permeated and pulsed by the breaths, by the rhythm of breathing. It is always the case, as I said, that this remains unconscious in ordinary breathing, unconscious to the ordinary soul being; it is always the case that within our skin we have not only those physical processes that belong to the nervous system and that convey thinking and the world of thoughts to us, but these nervous processes are also permeated by the respiratory rhythm. It is, for example, immensely interesting to observe what I have at least hinted at in my book *On the Mysteries of the Soul*—how, when listening to music, the breathing rhythm merges with what is experienced internally as a nervous-sensory process originating in the human organs of hearing. But it is not only in musical perception; in all mental life, the nervous-sensory process is permeated by the rhythm of the breathing process. That which a person is unaware of in ordinary life was perceived by the ancient scholar, the yogi. He sensed inwardly how the altered breath flowed through his skin, how the rhythm of breathing sank into his life of thought. What insight was gained through this? We can understand this if we immerse ourselves in the soul life that existed among the people of those ancient times, when there were yogi scholars who stood out from the general soul life with their special soul nature.
[ 23 ] Damals war es nicht wie heute. Die Menschheit hat sich eben durchaus verändert in ihrem Seelenwesen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. Man ahnt gar nicht aus der heutigen äußeren Wissenschaft, wie sehr des Menschen inneres Seelenleben und sein Verhältnis zur Außenwelt anders geworden ist im Laufe der Menschheitsepoche. In jener alten Zeit, die die Yoga hervorbrachte, nahmen die Menschen nicht so wahr die reinen Farben, die wir sehen in der Außenwelt, oder die reinen Töne, die wir wahrnehmen, indem wir in die Außenwelt hineinhören oder die anderen Sinnesempfindungen haben. Wir haben es im Laufe der Menschheitsentwicklung erst dahin gebracht, dass wir das rein Sinnliche um uns schauen, wie wir das heute gewöhnt sind. Aber in älteren Zeiten, da war es für die ältere Menschheit nicht phantastisch, wie der Animismus heute meint, sondern elementar-natürlich, dass man nicht nur, indem man in die Außenwelt hineinsah, die reinen Farben sah, indem man in die Außenwelt hineinhörte, die reinen Töne hörte, sondern es stieg im Seelischen, indem man die Außenwelt ansah, ein Geistig-Seelisches an Vorstellungen auf. In jeder Quelle nahm man ein Geistig-Seelisches wahr, in Blitz und Donner, in den ziehenden Wolken, im sausenden Wind. Man sah nicht nur Farben, man hörte nicht nur Töne, sondern man setzte aus der ganzen Naturgemäßheit der menschlichen Wesenheit heraus ein GeistigSeelisches hinein, wie man das Farbige hineinsetzt durch den Sinn. Dadurch war der Mensch nicht in einer solchen Weise selbstständig, wie wir es heute geworden sind. Auch in dieser Beziehung hat sich die Menschenseele gewandelt. Jener innere Grad von Ich-Bewusstsein, von Selbstständigkeits-Bewusstsein, den wir heute als etwas Selbstverständliches in uns tragen, er war für diese ältere Menschheit nicht vorhanden. Der Mensch wuchs dadurch, dass er sein Geistig-Seelisches untertauchen ließ in Blitz und Donner, in Wolken und Wind, in Pflanze und Tier, er wuchs zusammen mit der Außenwelt, fühlte sich gewissermaßen eins mit dieser Außenwelt. Derjenige, der ein Yoga-Gelehrter wurde und in dieser Weise übte, wie ich es angedeutet habe, der kam dadurch dazu, indem er den Atmungsrhythmus hineintrieb in dieses innerlich-lebendige Denken, sich erst zu erringen dasjenige, was wir heute als selbstverständlich heranerziehen, man möchte fast sagen, womit wir geboren werden; der Yoga-Gelehrte kam hinein in das abstrakte Denken, in das reine Denken. Dadurch aber kam er dazu, das Selbst, das Ich erst recht zu [fühlen]. Er musste sich das Ich-Bewusstsein, das Selbstbewusstsein erwerben, das uns angeboren ist, das in uns durch unsere Erziehung auf eine selbstverständliche Weise entsteht. Und die Ergebnisse dieser Yoga-Erkenntnis, wir sehen sie in einer wunderbaren Literatur, in einer wunderbaren dichterischen Kunst ausgedrückt. Derjenige, der in dieser Weise durch die Yoga hinaufstieg in die geistige Welt, er fühlte sich selbst als Mensch, er fühlte seine Geistigkeit, er fühlte, dass er ein lebendiger, wirklicher Geist ist. Indem er zurücknahm dasjenige, was er sonst im Leben den Dingen mitteilte an Geistigkeit, fühlte er die Wirklichkeit seines eigenen geistigen Selbstes. Daher sehen wir in einer solch wunderbaren Dichtung, wie es die Bhagavad Gita ist, wie beschrieben wird all das Entzücken, all die innere Verwunderung, all das innere Größe-Empfinden, was diese Menschen hatten, die auf diese Weise zu ihrem eigenen Geiste durch ihr gesteigertes Selbstbewusstsein, das sie sich herangezogen hatten auf diese Weise, herankamen. So hat man versucht in jenen älteren Zeiten, einen Erkenntnisweg in die geistige Welt hinein zu gehen. Und vieles von dem, was die Yoga-Gelehrten übergeben haben ihren Mitmenschen, es ist durch die Epochen der Geschichte heraufgezogen, es lebt heute noch als gewisse Sätze, Vorstellungen, Ideen über das Selbst des Menschen. Die religiösen Vorstellungen halten sich daran. Die Philosophen nehmen es auf. Sie wissen nicht, dass das einstmals auf einem gewissen Erkenntniswege durch Menschen gesucht und gefunden worden ist.
[ 23 ] Back then, things were not as they are today. Humanity has indeed changed profoundly in its spiritual nature over the centuries and millennia. Based on today’s external science, one cannot even begin to imagine how much a person’s inner spiritual life and their relationship to the outside world have changed over the course of human history. In those ancient times that gave rise to yoga, people did not perceive the pure colors that we see in the external world, or the pure tones that we perceive by listening to the external world, or the other sensory impressions. It is only in the course of human development that we have reached the point where we perceive the purely sensory world around us as we are accustomed to doing today. But in earlier times, it was not, for the people of that time, a matter of fantasy—as animism would have us believe today—but rather an elementary, natural fact that when they looked into the external world, they saw not only the pure colors, and when they listened to the external world, they heard not only the pure sounds; rather, as they gazed upon the external world, a spiritual-soul aspect of perceptions arose within their souls. In every spring, in lightning and thunder, in the drifting clouds, and in the whistling wind, people perceived a spiritual-soul element. They did not merely see colors or hear sounds; rather, drawing upon the very naturalness of the human being, they imbued these phenomena with a spiritual-soul element, just as they perceive color through the sense of sight. As a result, human beings were not as independent as we have become today. In this respect, too, the human soul has changed. That inner degree of “I”-consciousness, of self-awareness, which we today take for granted within ourselves, was absent in that earlier humanity. Human beings grew by immersing their spiritual and soul aspects in lightning and thunder, in clouds and wind, in plants and animals; they grew together with the external world, feeling, as it were, at one with it. The one who became a yoga scholar and practiced in the way I have described came to—by driving the rhythm of breathing into this inner, living thought—first to attain that which we today take for granted as we grow up; one might almost say, that with which we are born; the yoga scholar entered into abstract thinking, into pure thinking. Through this, however, he came to [feel] the Self, the “I,” all the more keenly. He had to acquire the “I”-consciousness, the self-awareness, that is innate to us, that arises within us in a natural way through our upbringing. And the results of this yogic insight are expressed in a marvelous body of literature and in a marvelous poetic art. The one who, in this way, ascended through yoga into the spiritual world felt himself to be human; he felt his spirituality; he felt that he was a living, real spirit. By withdrawing the spirituality he would otherwise have imparted to things in life, he felt the reality of his own spiritual self. That is why, in such a marvelous work of poetry as the Bhagavad Gita, we see described all the rapture, all the inner wonder, and all the sense of inner grandeur experienced by these people who, through their heightened self-awareness—which they had cultivated in this way—came to know their own spirit. Thus, in those earlier times, people sought to embark on a path of knowledge leading into the spiritual world. And much of what the yoga scholars passed on to their fellow human beings has been carried down through the ages of history; it still lives on today as certain propositions, concepts, and ideas about the human self. Religious concepts adhere to these. Philosophers take it up. They do not know that this was once sought and found by human beings through a specific path of knowledge.
[ 24 ] Aber wir modernen Menschen, wir können diesen Weg nicht gehen. Dieser Weg führt etwas sehr Eigentümliches mit sich. Derjenige, der in dieser Weise versucht, in die geistige Welt hinaufzudringen, der wird innerlich außerordentlich sensitiv. Sein innerliches Leben wird in einer solchen Weise regsam, vergeistigt sich so, dass er sich in einer gewissen Art zurückziehen muss vor dem robusten äußeren Leben und seinen Anforderungen. Daher wurden solche Geistsucher, wie ich sie geschildert habe, eben einsame Menschen. Aber in älteren Zeiten hatte man zu solchen einsamen Menschen Vertrauen. Das war eben die Eigentümlichkeit jener älteren Kultur, dass man sich sagte: Um zu wirklicher Weisheit über die geistige Welt zu kommen, muss der Mensch sich vom Leben zurückziehen, muss ein einsamer Mensch, ein Einsiedler werden. Diese Einsiedler muss man fragen, wenn man etwas wissen will über die geistigen Schicksale der Menschenseele. Und so hatte man Vertrauen zu den Einsamen, den Einsiedlern.
[ 24 ] But we modern people cannot follow this path. This path entails something very peculiar. Anyone who attempts to ascend into the spiritual world in this way becomes extraordinarily sensitive inwardly. Their inner life becomes so active, so spiritualized, that they must, in a certain sense, withdraw from the robust outer life and its demands. That is why such seekers of the spirit, as I have described them, became solitary people. But in earlier times, people had trust in such solitary individuals. That was precisely the distinctive feature of that older culture: people believed that in order to attain true wisdom about the spiritual world, a person must withdraw from life and become a solitary individual, a hermit. One must ask these hermits if one wishes to know anything about the spiritual destinies of the human soul. And so people placed their trust in the solitary ones, the hermits.
[ 25 ] Heute liegt das nicht in unserer Kultur, Heute liegt in unserer Kultur etwas anderes: Der Mensch ist heute auf Tätigkeit hin orientiert. Heute muss der Mensch sich nur dann für tüchtig halten, wenn er in das tätige Leben eingreifen kann, wenn er auch seine Erkenntnisse nur auf einem Wege gewinnt, der angemessen ist dem Mittun mit dem Leben. Heute würden die Menschen kein Vertrauen gewinnen können zu jemandem, der sich absondern muss von dem übrigen Leben, um zur Erkenntnis zu kommen. Daher habe ich diese alten Wege charakterisiert gegenüber dem neuen, den ich dann schildern werde zur Verständigung. Aber es kann, wie gesagt, der alte Weg nicht zu etwas führen, was gleichkäme demjenigen, was eine alte Menschheit durch den Yoga-Weg gehabt hat, auch dann [nicht], wenn diese Menschheit nur in einzelnen einsiedlerischen Exemplaren ihres Geschlechts sich auf diese Weise in die geistigen Welten hinauf lebte.
[ 25 ] Today, that is not part of our culture; today, our culture is characterized by something else: People today are oriented toward activity. Today, a person can only consider themselves capable if they can engage in active life, if they gain their insights only through a path that is appropriate for active participation in life. Today, people would not be able to place their trust in someone who must isolate themselves from the rest of life in order to attain insight. That is why I have contrasted these old paths with the new one, which I will then describe for the sake of clarity. But, as I said, the old path cannot lead to anything equivalent to what ancient humanity attained through the path of yoga, even if that humanity only ascended into the spiritual worlds in this way through individual hermit-like members of their race.
[ 26 ] Und nun möchte ich noch einen zweiten Weg andeuten, der auch vielfach begangen worden ist und dessen Ergebnisse auch noch in unseren Weltanschauungen, unseren Philosophien, unseren sonstigen Bekenntnissen fortleben, ohne dass man sich über die Quellen klar wäre, der aber schon dem modernen Menschen näher liegt, obwohl er auch nicht so begangen werden kann, wie man gewöhnt war in alten Zeiten. Es ist der Weg der Askese.
[ 26 ] And now I would like to suggest a second path, one that has also been taken many times and whose results still live on in our worldviews, our philosophies, and our other creeds—even though people are unaware of its sources—but which is closer to modern man, although it cannot be followed in the same way as was customary in ancient times. It is the path of asceticism.
[ 27 ] Was hat der Asket gesucht? Er hat herabgestimmt, herabgelähmt die physischen Funktionen seiner Leiblichkeit. Sein Leibesleben musste ein ruhigeres werden als gewöhnlich. Sein Leben musste ein solches werden, das nicht in aller Stärke in die äußere Welt eingriff. Es musste sogar ein solches werden, das sich selber Leid und Schmerzen zufügte, selber in dieser Weise die Askese ausführte, Ein solcher Mensch kam zu ganz bestimmten Ergebnissen, ganz bestimmten Erfahrungen. Diese Erfahrungen muss man nicht missverstehen. Man darf nicht etwa glauben, dass, indem man diese Erfahrungen schildert, gerechtfertigt erscheinen soll die Anschauung, als ob unser Leib, wie er als gesunder besteht, nicht geeignet wäre für unser Leben zwischen Geburt und Tod. Ja, so, wie wir unseren gesunden Leib an uns tragen, ohne asketische Herabschwächung, so ist er geeignet gerade für das vollgültige Leben zwischen Geburt und Tod. Aber derjenige, der der Askese in alten Zeiten sich hingegeben hat, hat doch gemerkt, dass, sosehr auch die menschliche Leiblichkeit für das äußere physische und Sinnesleben geeignet ist, sie doch für die Erfassung, für das Erleben der geistigen Welt umso geeigneter wurde, je mehr sie herabgestimmt, herabgelähmt wurde. Daher gelangt man durch die Askese dazu, die geistige Welt zu erleben. Wiederum ein Weg, den wir heute nicht gehen können, wiederum ein Weg, der untauglich macht für die äußere Welt. Schwächen wir unsere Leiblichkeit, so schwächen wir auch unser seelisches Leben. Wir können nicht für uns selbst tüchtig genug sein; wir können auch nicht zum Heile unserer Mitmenschen wirken. Daher kann die Askese nicht unser Weg sein. Aber es ist doch zum Verständnis außerordentlich wichtig, dass man sich bewusst wird: Es war eine Erfahrung der alten Asketen, dass der menschliche Leib in gesundem Zustand eine Art Hindernis ist für das Sich-Hineinleben in die geistige Welt. Wird dieses Hindernis hinweggeräumt oder geschwächt, dann lebt sich der Mensch insbesondere in die Willensnatur des Geistes, die der Welt zugrunde liegt, hinein.
[ 27 ] What was the ascetic seeking? He sought to subdue and numb the physical functions of his body. His physical life had to become calmer than usual. His life had to be one that did not intervene in the external world with all its strength. It even had to become a life that inflicted suffering and pain upon itself, practicing asceticism in this very way. Such a person arrived at very specific results, very specific experiences. These experiences must not be misunderstood. One must not believe, for example, that describing these experiences is meant to justify the view that our body, as it exists in a healthy state, is unsuitable for our life between birth and death. Indeed, just as we carry our healthy body within us, without ascetic weakening, so is it precisely suited for a fully valid life between birth and death. But those who devoted themselves to asceticism in ancient times did notice that, however well suited human physicality may be to external physical and sensory life, it became all the more suited to comprehending and experiencing the spiritual world the more it was subdued and weakened. Thus, through asceticism, one comes to experience the spiritual world. Again, this is a path we cannot take today; again, it is a path that renders one unfit for the outer world. If we weaken our physicality, we also weaken our soul life. We cannot be capable enough for ourselves; nor can we work for the well-being of our fellow human beings. Therefore, asceticism cannot be our path. But it is nevertheless extremely important for our understanding to realize this: It was an experience of the ancient ascetics that the human body, when in a healthy state, is a kind of obstacle to immersing oneself in the spiritual world. If this obstacle is removed or weakened, then the human being immerses themselves especially in the volitional nature of the spirit that underlies the world.
[ 28 ] Indem ich diese zwei Wege in die geistigen Welten geschildert habe, habe ich Ihnen zu gleicher Zeit scharf betonen müssen: Sie können nicht die unsrigen sein. Diejenigen der verehrten Anwesenden, die sich erinnern an jene Übungen, die ich geschildert habe in meinem letzten Vortrage hier, die werden gemerkt haben, dass ich andere Übungen geschildert habe. Ich möchte sie heute nicht wiederholen, sie können ja das Weitere in den verschiedenen Büchern nachlesen, aber ich will doch eine gewisse Seite rasch charakterisieren, wie diese Übungen verlaufen. Wir wenden uns heute nicht an den Atmungsprozess, wenn wir in anthroposophischer Art den Weg in die geistigen Welten hinein suchen wollen. Wir treten direkt, nicht indirekt durch das Atmen, an unser Denken, unser Gedankenleben heran. Wir bringen sozusagen in das Denken selbst andere Gedankenvorgänge hinein. Wir verlassen in gewissem Sinne dasjenige, was besonders allem abstraktem Denken heute so ungeheure Dienste leistet und solche Triumphe feiert. Wir verlassen dieses abstrakte Denken. Wir geben uns einem meditativen Leben hin, einem gewissen Ruhen auf Vorstellungen, auf Ideen, wie wir es sonst nicht tun, wenn wir in abstraktem Denken stehen bleiben. Wir geben uns einer gewissen inneren Konzentration hin. Wir geben uns, mit anderen Worten, einem übenden Gedankenleben hin, wie sich der alte Inder hingab einem übenden Atmungsleben. Mittelbar ließ er dieses Denken ein anderes werden durch das Atmen. Wir wenden uns direkt an den Gedanken. Wir bringen in das Denken mehr Rhythmisches hinein, während wir sonst im gewöhnlichen Bewusstsein mehr Logisches darinnen haben. Wir erlangen dasjenige nach und nach, was ich charakterisieren kann als die Verlebendigung des Denkens.
[ 28 ] In describing these two paths into the spiritual worlds, I have at the same time had to emphasize strongly: They cannot be ours. Those of you here today who recall the exercises I described in my last lecture here will have noticed that I described different exercises. I do not wish to repeat them today—you can, of course, read more about them in the various books—but I would like to briefly outline one aspect of how these exercises proceed. Today we do not turn to the process of breathing when we seek, in the anthroposophical way, the path into the spiritual worlds. We approach our thinking, our life of thought, directly—not indirectly through breathing. We introduce, so to speak, other thought processes into thinking itself. In a certain sense, we leave behind that which today serves abstract thinking so immensely and celebrates such triumphs. We leave this abstract thinking behind. We devote ourselves to a meditative life, a certain resting in images and ideas, in a way we do not otherwise do when we remain within abstract thinking. We devote ourselves to a certain inner concentration. In other words, we devote ourselves to a disciplined life of thought, just as the ancient Indian devoted himself to a disciplined life of breathing. Indirectly, he allowed this thinking to become something else through breathing. We turn directly to thought. We introduce more rhythm into our thinking, whereas in ordinary consciousness we usually have more logic in it. Little by little, we attain what I can characterize as the enlivening of thought.
[ 29 ] Ja, direkt wenden wir uns mit unseren Seelenübungen an das Denken, und wir gelangen dazu, dass die Gedanken, die wir sonst haben, uns dann gegenüber dem lebendigen Denken mehr oder weniger tot in ihrer Abstraktheit erscheinen. Während der alte indische Yogi gerade das lebendige Denken, das seine ganze Mitwelt und er selbst im gewöhnlichen Leben hatte, zu dem abstrakten Denken, das das Selbst erfassen kann, hinleitete, gehen wir wiederum von dem, was wir als Selbst haben, als abstraktes Denken im Selbst erleben, aus, verlebendigen dieses Denken voll bewusst, sodass wir dadurch zu dem kommen, was ich exaktes Hellsehen nennen möchte. Ich bitte den Ausdruck nicht falsch zu verstehen, es soll nur ein Terminus sein. Dieses exakte Hellsehen, das durch Gedankenprozesse erlangt wird, es hat nichts zu tun mit den unbestimmten mystischen Vorstellungen älterer Zeiten oder auch der Gegenwart. Geradeso, wie sich aus alter Astrologie die moderne Astronomie entwickelt hat, wie sich aus der alten Alchimie die moderne Chemie entwickelt hat, wie diese Wissenschaften mehr nach dem Materiellen hingegangen sind und überwunden haben Astrologie und Alchimie, so führt, um dies zu charakterisieren, das moderne exakte Hellsehen, wie es die Anthroposophie ausbildet, von dem älteren, mehr an dem Materiellen Hängenden — da ja das indische Hellsehen an dem Materiellen hängt —, so führt das moderne Hellsehen, indem es sich an rein geistig-seelische Prozesse nach der Seite des Denkens zunächst wendet, von dem mehr Materiellen der älteren Zeiten in das Geistige hinein.
[ 29 ] Yes, through our soul exercises we turn directly to thinking, and we come to the point where the thoughts we normally have appear to us, in their abstractness, to be more or less dead in comparison to living thinking. While the ancient Indian yogi guided precisely the living thinking—which he and his entire surroundings possessed in ordinary life—toward the abstract thinking capable of grasping the Self, we, on the other hand, start from what we have as the Self—which we experience as abstract thinking within the Self—and fully and consciously enliven this thinking, so that through this we arrive at what I would like to call precise clairvoyance. Please do not misunderstand the term; it is meant to be merely a technical term. This precise clairvoyance, attained through thought processes, has nothing to do with the vague mystical notions of earlier times or even of the present. Just as modern astronomy developed from ancient astrology, and modern chemistry from ancient alchemy—and just as these sciences have turned more toward the material and have moved beyond astrology and alchemy—so, to characterize it, modern precise clairvoyance, as developed by anthroposophy, leads away from the older form, which was more attached to the material —since Indian clairvoyance is attached to the material—modern clairvoyance, by first turning to purely spiritual-psychic processes on the side of thinking, leads from the more material aspects of earlier times into the spiritual.
[ 30 ] Ich möchte Ihnen charakterisieren am modernsten Denken, wie dieses lebendige Denken, dieses exakte Hellsehen, tiefer und immer tiefer in die Welt hineinführt, sodass wir innerhalb des Sinnlichen zuletzt das Übersinnliche, das Geistige wahrnehmen können. Ich muss dabei an gewisse subtile Seiten des menschlichen Seelenlebens kommen, allein, will man wirkliche Wege in die geistige Welt, wahrheitsgemäße Wege in die geistige Welt finden, so muss man sich schon in seelische Subtilitäten einlassen.
[ 30 ] I would like to describe to you how modern thinking—this living thinking, this precise clairvoyance—leads us deeper and ever deeper into the world, so that within the sensory realm we can ultimately perceive the supersensory, the spiritual. In doing so, I must touch upon certain subtle aspects of human soul life; yet if one wishes to find true paths into the spiritual world—paths that are in accordance with the truth—one must engage with these subtleties of the soul.
[ 31 ] Nehmen wir einmal an, wie der moderne Mensch sich vergegenwärtigt ein Gebilde der höheren Tierheit, ein höheres Tier. Er versucht kennenzulernen, soweit das die Wissenschaft heute kann — aber die Wissenschaft hat Ideale, um das besser und besser zu können, sie wird an etwas aber nicht heranreichen, was ich gleich charakterisieren will —, wir können mit dem heutigen abstrakten Denken uns vergegenwärtigen, wie die Knochen, die Muskeln, die inneren Organe eines Tieres gestaltet sind, wie die einzelnen Lebensprozesse ineinanderfließen. Kurz, wir können uns in unserem abstrakten Denken, das wir heute methodisch in der Forschung in ganz gerechtfertigter Weise ausbilden, vergegenwärtigen Gestalt, innere Lebenswesenheit des höheren Tieres. Dann schauen wir hinüber zu dem Menschen. Wir machen dasselbe am Menschen. Wiederum vergegenwärtigen wir uns, wie sein Knochensystem, sein Muskelsystem gestaltet ist, wie die Lebensprozesse ineinanderfließen und das ganze menschliche Wesen zusammensetzen als eine Organisation. Dann vergleichen wir beides. Wir finden, wie das eine gewissermaßen eine Verwandlung des anderen ist. Wir werden — je nachdem wir gesinnt und gestimmt sind — mehr materialistisch werden wir sagen: Diese Menschengestalt hat sich aus der tierischen Gestalt im Laufe der Zeit entwickelt. Wir werden dann mit mehr oder weniger Recht Darwinianer. Oder wenn wir mehr spirituell oder ideal gesinnt sind, werden wir einen anderen Zusammenhang suchen. Aber ein solcher Zusammenhang ergibt sich, wenn wir vergleichen das höhere Tier mit dem Menschen selbst.
[ 31 ] Let us suppose that modern humans try to visualize a form of higher animality—a higher animal. They attempt to understand it to the extent that science is capable today—but science has ideals that enable it to do so better and better; yet there is something it will never be able to grasp, which I will characterize in a moment— with today’s abstract thinking, we can visualize how an animal’s bones, muscles, and internal organs are structured, and how the individual life processes interflow. In short, through our abstract thinking—which we quite justifiably cultivate methodically in research today—we can visualize the form and inner life essence of the higher animal. Then we turn our attention to the human being. We do the same with human beings. Once again, we visualize how the human skeletal and muscular systems are structured, how the life processes interrelate, and how they compose the entire human being as an organism. Then we compare the two. We find that one is, in a sense, a transformation of the other. Depending on our disposition and mindset, we may—if we are more materialistic—say: This human form has developed from the animal form over the course of time. We then become, with more or less justification, Darwinists. Or, if we are more spiritually or ideally minded, we will seek a different connection. But such a connection becomes apparent when we compare the higher animal with human beings themselves.
[ 32 ] Das können wir mit demjenigen Denken, das abstrakt ist und das einem gerade dann, wenn man durch das exakte Hellsehen zum lebendigen Denken gekommen ist, als das tote Denken vorkommt; als jenes Denken, durch das wir nur neben den äußeren Dingen stehen können, durch das wir von jedem äußeren Ding und jedem äußeren Vorgang ein inneres Gedankenbild machen können und in äußerlicher Weise vergleichen können.
[ 32 ] We can do this with abstract thinking, which—precisely when we have arrived at living thinking through exact clairvoyance—appears to us as dead thinking; as the kind of thinking through which we can only stand alongside external things, through which we can form an inner mental image of every external thing and every external process and compare them in an external way.
[ 33 ] Mit dem lebendigen Denken, wie ich es meine, und wie es aus dem charakterisierten Wege entwickelt werden kann im Menschen, mit dem können wir nun auch uns ein innerliches Bild machen von einem höheren Tier. Aber der lebendige Gedanke, er ist dann in der Lage, sich innerlich zu verwandeln, zu wachsen, sodass er von selber übergeht in den Gedanken des Menschen, ohne dass wir erst vergleichen müssen. Wir gelangen dazu, an dem Tier uns nicht einen toten Gedanken zu bilden, den wir dann neben den toten Gedanken des Menschen hinstellen können. Wir gewinnen den lebedigen Gedanken, der sich innerlich umwandelt, der wächst und aus dem selbst innerlich in der Seele nun die Gestalt des Menschen sich bildet. Das ist ja das Eigentümliche unserer heutigen Wissenschaft, wenn sie von Entwicklung spricht, dass sie zwar sagt, das eine Wesen ginge in das andere über, dass sie aber nicht aus dem Gedanken selber, den sie an dem einen Wesen gewinnen kann, in einer solchen Lebendigkeit übergehen kann zu den Gedanken des anderen Wesens, wie das erst beim lebendigen Gedanken der Fall ist.
[ 33 ] With living thought—as I understand it, and as it can be developed in human beings through the path I have described—we can now also form an inner image of a higher animal. But the living thought is then capable of transforming itself inwardly, of growing, so that it passes over of its own accord into human thought, without our first having to make a comparison. We come to the point where we do not form a dead thought about the animal that we can then place alongside the dead thoughts of human beings. We gain the living thought that transforms itself inwardly, that grows, and from which the form of the human being now takes shape within the soul. This is, after all, the peculiarity of our modern science when it speaks of development: although it says that one being passes into another, it cannot, from the thought itself that it can derive from one being, pass over to the thoughts of the other being with such vitality as is the case only with the living thought.
[ 34 ] Da muss ich aufmerksam machen auf etwas, was diese Verlebendigung des Gedankens charakterisiert, damit ich vielleicht besser verstanden werde in diesen subtilen Dingen. Denken wir einmal, wir nehmen eine Magnetnadel, wir stellen sie in eine bestimmte Richtung, wir stellen sie bald in diese, bald in jene Richtung. In allen Richtungen wird sie sich anders verhalten, als wenn wir sie just in eine einzige stellen, in jene, die die Verbindungslinie bildet zwischen dem magnetischen Erden-Nordpol und Erden-Südpol. Diese eine Linie verhält sich zur Magnetnadel anders als alle anderen Richtungen. Wir sehen, dass wir für die leblose Natur, für den Magnetismus den Raum nicht als unbestimmtes Nebeneinander vorstellen, als unbestimmte Leerheit, sondern dass wir uns vorstellen müssen diesen Raum selbst innerlich durchlebt, also zum Beispiel für die magnetische Richtung eine besondere Raumesrichtung auch, zu der gewissermaßen diese magnetische Richtung gehört. Sodass wir uns nicht den Raum undifferenziert vorstellen können, sondern innerlich differenziert, innerlich gestaltet. Zu einer solchen Anschauung des Raumes kommt das lebendige Denken.
[ 34 ] I must draw attention to something that characterizes this bringing of thought to life, so that I might be better understood in these subtle matters. Let us imagine we take a magnetic needle; we point it in a certain direction, sometimes in this direction, sometimes in that. In every direction, it will behave differently than if we were to point it precisely in a single direction—the one that forms the line connecting the Earth’s magnetic North Pole and South Pole. This single line interacts with the magnetic needle differently than all other directions. We see that, when it comes to inanimate nature—to magnetism—we do not conceive of space as an indeterminate juxtaposition, as an indeterminate void, but rather that we must conceive of this space as being internally lived through—so, for example, for the magnetic direction, there is also a specific spatial direction to which this magnetic direction, so to speak, belongs. Thus, we cannot conceive of space as undifferentiated, but rather as internally differentiated and internally structured. Living thought leads to such a conception of space.
[ 35 ] Wir schauen auf das Tier. Es hat seine Hauptrichtung horizontal, die setzt sich auch in die Kopfrichtung hinein fort. Diejenigen Tiere, die eine aufrechte Kopfhaltung haben, bilden Ausnahmen, auf die kann ich jetzt nicht eingehen. Sonst könnte ich zeigen, dass diese Ausnahmen dasjenige bestätigen, was gesagt werden muss darüber, dass das Tier seine Organisation so hat, weil es in einer bestimmten Raumesrichtung parallel zur Erdoberfläche mit seinem Rückgrat liegt, geradeso, wie die Magnetnadel ihr ruhiges Dasein hat, indem sie in der Richtung von Erden-Nordpol zu Erden-Südpol liegt.
[ 35 ] We look at the animal. Its main axis is horizontal, and this extends into the direction of its head as well. Animals that hold their heads upright are exceptions, which I cannot discuss at this time. Otherwise, I could show that these exceptions confirm what needs to be said: that the animal is organized this way because its spine lies parallel to the Earth’s surface in a specific spatial direction, just as a magnetic needle remains at rest when it points from the Earth’s North Pole to the Earth’s South Pole.
[ 36 ] Nun nehmen wir den Menschen und gehen mit dem Gedanken, den wir uns da bilden von dem Tier — mit vielen anderen, aber zum Beispiel mit dem einzigen von dieser horizontalen Rückgratlinie — nunmehr zu dem Menschen hinüber. Wir verwandeln das tierische Bild selber. Wir stellen in Gedanken die horizontale Rückgratlinie vertikal. Jetzt liegt der Mensch anders im Raume drinnen; er erwirbt sich diese vertikale Raumeslinie. Das ist nur eine Einzelheit. Vieles muss man umfassen, wodurch man erfährt, wie der Gedanke, indem man hinübergeht, indem einfach die Erscheinungen, die inneren Erlebnisse, vieles, was am Tier ist, nicht bloß auf den Menschen übertragen wird, sondern innerlich lebensvoll verändert wird, indem man vom Tier zum Menschen sich hinüberlebt, und nicht erst den Gedanken am Menschen selber ausbildet, dadurch gelangt man aus dem Gedanken, den man am Tier sich lebendig herangebildet hat, innerlich lebendig zum Gedanken des Menschen. Was hat man dadurch? Das hat man dadurch, dass man jetzt ein innerlich lebendiges Denken hat, das sich nicht nur hinstellt und die Tatsachen und Dinge der Welt vergleicht, sondern das untertaucht in die Dinge selbst. Unser Gedanke selbst lebt innerlich so, wie Wachstum im Tier, im Menschen lebt. Wir tauchen unter in die Geistigkeit der Welt. Das ist aber etwas, was sehr leicht bekämpft werden kann, wogegen sich sehr leicht Einwände machen lassen. Und das ist gerade das Eigentümliche anthroposophischer Geisteswissenschaft, dass man sich gerne selber diese Einwände vor die Seele stellt. Denn sicher und exakt soll sein, was Anthroposophie zu sagen hat über die Welt. Daher weise ich selber hin auf das, worauf sie hinweisen könnten, indem ich so vom lebendigen Denken spreche. Ich weise darauf hin, dass wir zum Beispiel in dem so wunderbaren Geistesleben haben einen Oken, einen Schelling, dass diese Denker lebensvolle Gedanken, in einer gewissen Beziehung aber doch nur von Phantasie getragene lebensvolle Gedanken hatten, dass sie gewissermaßen von den Gedanken, die sie an einer Tatsache, einer Wesenheit entwickelten, herausgestalteten; Gedanken über andere Tatsachen, andere Wesenheiten, also das Denken lebendig, wachstumsfähig, umgestaltend machten, wie die Wesen der Welt selber sich umgestalten, wachsend sind. Allein, eines finden wir nicht bei diesen Denkern, was die volle Wirklichkeit desjenigen erst verbürgt, das durch dieses lebendige Denken gegeben wird. Auf das aber muss anthroposophische Wissenschaft hinweisen, weil es einfach erfahren, erlebt wird, indem man in solcher Art, wie es die verschiedenen Bücher schildern als anthroposophische Wissenschaft, zu den lebendigen Gedanken, zu diesem exakten Hellsehen kommt.
[ 36 ] Now let us take the human being and apply the concept we have formed of the animal—along with many others, but for example, specifically the one concerning this horizontal spinal line—to the human being. We transform the image of the animal itself. In our minds, we turn the horizontal spinal line vertical. Now the human being occupies space differently; he acquires this vertical spatial axis. This is just one detail. One must take in many things in order to understand how, as the thought makes this transition—simply by moving from the animal to the human being—the phenomena and inner experiences, much of what pertains to the animal is not merely transferred to the human being, but is transformed in a way that is inwardly alive, by living one’s way from the animal to the human being—rather than first forming the thought about the human being itself. Through this, one arrives—from the thought that one has formed vividly in relation to the animal—inwardly and vividly at the thought of the human being. What does one gain through this? What one gains is an inner, living thought that does not merely stand by and compare the facts and things of the world, but that immerses itself in the things themselves. Our very thought lives inwardly just as growth lives in the animal and in the human being. We immerse ourselves in the spirituality of the world. But this is something that can very easily be opposed, something against which objections can very easily be raised. And this is precisely what is distinctive about anthroposophical spiritual science: that one is inclined to raise these very objections within one’s own soul. For what anthroposophy has to say about the world must be certain and precise. That is why I myself point out what they might be referring to when I speak in this way of living thought. I point out that, for example, in the spiritual life of such wonderful thinkers as Oken and Schelling, these thinkers had thoughts full of life—though in a certain sense, thoughts full of life that were nevertheless carried solely by the imagination—and that they, as it were, shaped these thoughts from the ideas they developed and formed regarding a fact or an entity; thoughts about other facts, other entities—thus making thinking alive, capable of growth, and transformative, just as the beings of the world themselves are transformed and grow. Yet there is one thing we do not find in these thinkers that guarantees the full reality of what is given through this living thinking. But this is precisely what anthroposophical science must point to, because it is simply experienced and lived through when one arrives at these living thoughts and this precise clairvoyance in the manner described in the various books as anthroposophical science.
[ 37 ] Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man nun wirklich darangeht, an eine solche übersinnliche Welterkenntnis, und den Gedanken eines Tieres, eines anderen Wesens, eines Vorganges ausbildet, und innerlich miterlebend die Gedanken selber umgestaltet, metamorphorisiert — ein Vorgang, den schon Goethe angestrebt hat, und er ist auch schon in einem gewissen Grade weit gekommen, Anthroposophie führt den Goetheanismus weiter aus —, wenn man das immer weiter ausführt, merkt man sehr bald: Mit diesem lebendigen Denken verbindet sich etwas im inneren Seelenleben, was die Wirklichkeit gar sehr verbürgt. Nämlich mit jedem solchen Schritt, indem wir lebendig den Gedanken aus dem anderen Gedanken hervorgehen lassen, legt sich auf das innere Seelenleben Leid und Schmerz. Und ganz notwendig muss derjenige, der in Wahrheit zu einem exakten Hellsehen kommen will, Schmerz und Leid durchmachen. Der lebendige Gedanke, er dringt nicht so hinunter wie der Gedanke «Ich will den Arm bewegen, die Hand bewegen», also ohne dass ich das spüre. Der lebendige Gedanke durchdringt alle menschliche Wesenheit bis in das Leibliche hinein. Allein, das Erlebnis bleibt im Seelischen stehen. Es ist ein Leiderlebnis, und diese Leiden, diese Schmerzen müssen überwunden werden. Dann erst entsteht dasjenige im Menschen, was nun die übersinnliche Erkenntnis voll verbürgt. Derjenige [aber], der in Wahrheit eine solche Erkenntnis sich erworben hat, Sie können ihn fragen, was er über sein Lebensschicksal denkt. Er wird Ihnen jederzeit sagen: Meine Freuden, dasjenige, was ich lustvoll im Leben empfinde, was ich als Glück erlebe, ich nehme es dankbar vom Schicksal hin. Meine Erkenntnisse, dasjenige, was mich wirklich über das innerste Gefüge und Wesen des Menschen aufklärt, das verdanke ich, auch im gewöhnlichen Leben schon, meinen Leiden, meinen Schmerzen, indem ich sie überwunden habe und in Erkenntnis verwandelt habe.
[ 37 ] Yes—my esteemed audience—when one truly sets out to develop such a supersensible understanding of the world, and to form the thought of an animal, another being, or a process, and, by experiencing it inwardly, transforms and metamorphoses the thoughts themselves—a process that Goethe himself strove for, and in which he had already made considerable progress to a certain degree, Anthroposophy takes Goetheanism a step further—if one continues this process, one soon realizes: This living thinking is connected to something in the inner life of the soul that thoroughly attests to reality. Namely, with every such step, as we allow the thought to emerge vividly from another thought, suffering and pain settle upon the inner life of the soul. And it is absolutely necessary for anyone who truly wishes to attain precise clairvoyance to go through pain and suffering. The living thought does not penetrate as deeply as the thought “I want to move my arm, move my hand”—that is, without my feeling it. The living thought permeates the entire human being, right down into the physical body. Yet the experience remains within the soul. It is an experience of suffering, and this suffering, this pain, must be overcome. Only then does that which fully guarantees supersensory knowledge arise within the human being. But the person who has truly acquired such knowledge—you can ask him what he thinks about his life’s destiny. He will always tell you: “My joys—that which I experience with delight in life, that which I experience as happiness—I accept gratefully from fate. My insights—that which truly enlightens me about the innermost structure and nature of the human being—I owe, even in ordinary life, to my sufferings and my pains, in that I have overcome them and transformed them into insight.”
[ 38 ] So bereitet demjenigen, der in dieser Weise besonnen ist, schon der gewöhnliche Lebensschmerz zu denjenigen Leiden vor, die er erleben muss durch die Einwirkung des lebendigen Gedankens auf seine ganze Menschenwesenheit. Aber er muss dieses Leid, diesen Schmerz eben überwinden. Dadurch entsteht das, dass er nun, wenn ich mich des paradoxen Ausdrucks bedienen darf, als ganzer Mensch ein Sinnesorgan wird. So wie wir sonst die einzelnen Sinnesorgane eingegraben haben in unseren Organismus, und durch sie die Sinneswelt wahrnehmen, so werden wir als ganzer Mensch ein Sinnesorgan, wenn wir das leidvolle Erleben, das mit dem lebendigen Gedanken verbunden ist, überwinden. Man kann das einsehen, wenn man sich Folgendes überlegt.
[ 38 ] Thus, for one who is of this mindset, even the ordinary pains of life serve as a preparation for the sufferings he must endure as a result of the influence of living thought on his entire human being. But he must overcome this suffering, this pain. As a result, he now becomes—if I may use this paradoxical expression—a sensory organ as a whole human being. Just as we have otherwise embedded the individual sense organs within our organism and perceive the sensory world through them, so do we, as a whole human being, become a sense organ when we overcome the painful experience associated with living thought. One can understand this by considering the following.
[ 39 ] Nehmen Sie das wunderbar gebildete Auge. Neben anderen Prozessen entsteht, indem wir die Farben durch die Wirkungen des Lichtes sehen, etwas, was wie Zerstörung sich auslebt. Würden wir die feinen Vorgänge, die beim Lichtwahrnehmen im Menschen sich abspielen, erleben, sie würden in uns auch als leiser Schmerz erscheinen. Wir sind aber im gegenwärtigen Menschheitsstadium so robust organisiert, dass wir eben nicht wahrnehmen dasjenige, was auf dem Grunde des Sinneslebens ein leiser Schmerz ist. Das wird überwunden, und es wird die Sinneswahrnehmung neutral empfunden. So ringt sich auch der übersinnlich Erkennende durch Schmerz und Leid hindurch, um ein Sinnesorgan zu werden. Der Ausdruck klingt paradox, aber er ist berechtigt, weil wir mit diesem [Sinnesorgan], das wir als ganzer Mensch werden, eine geistige Welt um uns wahrnehmen, wie wir mit gewöhnlichen Sinnesorganen die physischsinnliche Welt wahrnehmen. So wird der Mensch zum Sinnesorgan, zu einem Erkenner einer geistigen Umwelt. So verbindet sich in ihm dasjenige, was er über Leid und Schmerz durch deren Überwindung hinaufhebt, mit demjenigen, was der lebendige Gedanke ist.
[ 39 ] Take the wonderfully formed eye. Alongside other processes, the act of seeing colors through the effects of light gives rise to something that manifests itself as destruction. If we were to experience the subtle processes that take place within us when we perceive light, they would also appear to us as a faint pain. However, at the present stage of human development, we are organized so robustly that we do not perceive what, at the very foundation of sensory life, is a faint pain. This is overcome, and sensory perception is experienced neutrally. In the same way, the one who perceives the supersensible struggles through pain and suffering to become a sensory organ. The expression sounds paradoxical, but it is justified because with this [sense organ]—which we become as whole human beings—we perceive a spiritual world around us, just as we perceive the physical-sensory world with ordinary sense organs. Thus, the human being becomes a sense organ, a perceiver of a spiritual environment. Thus, within the human being, that which he elevates above suffering and pain by overcoming them is united with that which is living thought.
[ 40 ] Wird das in uns Leben, diese Verbindung des lebendigen Gedankens mit dem überwundenen Leid, dem überwundenen Schmerz, dann schauen wir als Erkennender in anderer Weise — sagen wir, um ein Beispiel herauszuheben, das wichtigste Beispiel —, dann schauen wir in anderer Weise auf den Menschen hin, der als physische Gestalt vor uns steht, als wir es früher getan haben. Dann schauen wir so auf ihn hin, dass zwar unsere äußeren Augen diese physische Raumgestaltung sehen, diese Farben sehen, durch die der Mensch sich in der physischen Welt offenbart. Wir sehen alles das, was sich äußerlich offenbart an dem Menschen zwischen Geburt und Tod, sehen es durch unsere Sinne und durch den Verstand, der die Sprache des anderen versteht, der in Gesetzmäßigkeit zusammenfassen kann, was die Sinne schauen. Wenn man sich aber emporgerungen hat zu der Erkenntnis, die ich meine, dann sieht man das Physisch-Sinnliche des Menschen eingebettet in eine seelisch-geistige Gestalt, in ein aurisches Gebilde, in eine Menschen-Aura, die das Geistig-Seelische des Menschen nun darstellt. Diese geistig-seelische Aura, die uns nun das wirkliche GeistigSeelische am Menschen enthüllt, sie wird nicht errungen aus allerlei Phantastereien heraus. Sie wird auf ernsten Erkenntniswegen auch heute errungen, auf jenen ernsten Erkenntniswegen, die den Gedanken auferwecken zur Lebendigkeit, die die Anschauung des Wirklichen zum Verbürgen bringen durch das Überwinden von Leid und Schmerzen bis zur geistigen Sinnesempfänglichkeit, wenn ich mich dieses paradoxen Ausdrucks bedienen darf. Und wenn wir so das Geistig-Seelische des Menschen vor uns sehen, das Aurische, dann sehen wir nicht den gegenwärtigen Menschen nur. Dann blicken wir zurück, wie der Mensch geistig-seelisch war, bevor er heruntergestiegen ist aus einer geistig-seelischen Welt, in der er vor diesem irdischen Dasein gelebt hat und sich mit dem, was im Leibe der Mutter vorbereitet worden ist, zu einem physischen Menschen verbunden hat. Geradeso wie wir heute anschauen den Menschen, wie er wächst, wie wir wissen, wenn ein Mensch erwachsen ist, dass dieses Erwachsensein auf seine Kindheit zurückführt, so sehen wir in dem, was wir heute im Menschen uns offenbaren lassen als Menschenaura, zurückgehend und sehen es gegenwärtig zurückgehend. Das Kind ist nicht vorhanden neben dem erwachsenen Menschen. Das Geistig-Seelische, in dem der Mensch gelebt hat in der geistig-seelischen Welt, bevor er heruntergestiegen ist, das steht in Lebendigkeit vor uns. Es steht vor uns so, dass wir nicht nur in abstrakter Weise von ihm reden können, sondern in aller Konkretheit so, dass ich Ihnen diese Anschauung in der folgenden Weise charakterisieren kann.
[ 40 ] If this comes to life within us—this connection between the living thought and the suffering and pain we have overcome—then, as people of insight, we look at things differently—to highlight one example, the most important example—we look at the human being standing before us as a physical form in a different way than we did before. Then we look at them in such a way that, while our physical eyes see this physical form in space, these colors through which the human being reveals themselves in the physical world, we see all that is outwardly revealed in the human being between birth and death; we see it through our senses and through the intellect, which understands the language of the other and can summarize what the senses perceive into laws. But once one has risen to the level of understanding I am referring to, one sees the physical-sensory aspect of the human being embedded in a soul-spiritual form, in an auric structure, in a human aura that now represents the spiritual-soul aspect of the human being. This spiritual-soul aura, which now reveals to us the true spiritual-soul aspect of the human being, is not attained through all manner of fanciful imaginings. It is attained even today through serious paths of knowledge—those serious paths of knowledge that awaken thought to vitality, that lead to a true perception of reality by overcoming suffering and pain to the point of spiritual sensory receptivity, if I may use this paradoxical expression. And when we thus behold the spiritual-soul aspect of the human being—the auric—we do not see only the present human being. Then we look back to see what the human being was like in spirit and soul before descending from a spiritual-soul world in which he lived prior to this earthly existence and united himself with what had been prepared in the mother’s body to become a physical human being. Just as we observe a person today as they grow, and just as we know that when a person is an adult, this adulthood can be traced back to their childhood, so too do we see, in what is revealed to us today as the human aura, a path leading back—and we perceive it as extending from the present into the past. The child does not exist alongside the adult human being. The spiritual-soul aspect in which the human being lived in the spiritual-soul world before descending stands before us in living reality. It stands before us in such a way that we can speak of it not only in an abstract sense, but in all concreteness, so that I can characterize this vision for you in the following manner.
[ 41 ] Wenn wir hier im Erdenleben sind — wir schauen in die Außenwelt hinaus, wir sehen droben den wunderbaren Sternenhimmel, wir sehen die ziehenden Wolken, die Reiche der Natur, wir schauen aus unseren Sinnesorganen, aus unseren Augen heraus, wir nehmen aus unseren Sinnesorganen die Außenwelt wahr. Dasjenige, was im Inneren des Menschen lebt, wir nehmen es nicht in der gleichen Weise wahr. Ich habe es heute und auch schon das vorige Mal angedeutet, wie wenig wir das wirklich durchschauen. Wir können die Außenwelt anschauen. Was im Inneren lebt, wir können es durch Anatomie, durch Physiologie uns vergegenwärtigen, aber da betrachten wir nicht den lebendigen Menschen, sondern da betrachten wir den tot gewordenen Menschen.
[ 41 ] When we are here in our earthly life—we look out into the external world; we see the marvelous starry sky above, we see the passing clouds, the realms of nature; we look out through our sense organs, through our eyes; we perceive the external world through our sense organs. We do not perceive what lives within the human being in the same way. I have hinted at this today, and also last time, how little we truly understand it. We can look at the external world. As for what lives within, we can visualize it through anatomy and physiology, but in doing so we are not observing the living human being; rather, we are observing the human being who has become dead.
[ 42 ] Anthroposophie, sie lehrt uns, was da lebt im Inneren des Menschen — ich möchte sagen —, im Inneren der menschlichen Haut selbst, als physische Verkörperung des Menschen. Wunderbar gewiss ist der Luftkreis, der sich um die Erde herum breitet, wenn wir ihn verfolgen mit alledem, was in ihm vorgeht. So wenig die heutige Meteorologie daraus auch erst erkunden kann, wir haben eine wunderbare Gesetzmäßigkeit in diesem Luftkreis. In ihr ist begründet im Grunde genommen alles Leben auf der Erde. Wir schauen in wunderbare Geheimnisse hinein, wenn wir die Gesetzmäßigkeit des Luftkreises durchschauen. Aber viel wunderbarer ist dasjenige, was wir enthüllen können, was in der menschlichen Lunge lebt. Ist der Luftkreis groß und die Lunge klein, auf die Größe kommt es nicht an, hier im Inneren des Menschen lebt ein Organ, wenn wir seine Gesetzmäßigkeit kennen, sie ist großartiger und gewaltiger als die des Luftkreises. Und schauen wir auf die Sonne, den Quell des Lichtes, der Wärme: Alles, was von der Sonne ausgeht, was wirkt auf die Lebewesen der Erde, was sonst wirkt im Weltenraum, es ist wunderbar gewaltig. Schauen wir aber ins menschliche Herz, es ist kleiner als dasjenige, was wir da in gigantischer Größe draußen sehen, aber es ist wunderbarer gestaltet und trägt eine gewaltigere Gesetzmäßigkeit in sich.
[ 42 ] Anthroposophy teaches us what lives within the human being—I would say—within the human skin itself, as the physical embodiment of the human being. The atmospheric sphere that spreads around the Earth is certainly wondrous when we observe it along with everything that takes place within it. As little as modern meteorology is currently able to explore it, there is a wondrous order within this atmospheric sphere. Fundamentally, all life on Earth is rooted in it. We peer into wondrous mysteries when we comprehend the laws governing the atmosphere. But far more wondrous is what we can uncover—what lives within the human lungs. Whether the atmosphere is vast and the lungs small—size is irrelevant—here within the human being lives an organ; if we understand its laws, they are more magnificent and more powerful than those of the atmosphere. And let us look at the sun, the source of light and warmth: everything that emanates from the sun, everything that affects the living beings on Earth, everything else that acts in outer space—it is wonderfully immense. But let us look into the human heart; it is smaller than what we see out there in gigantic proportions, yet it is more wonderfully formed and contains a more powerful set of laws within it.
[ 43 ] Und so lebt im Inneren des Menschen ein Mikrokosmos, eine kleine Welt gegenüber der großen Welt, hier zwischen Geburt und Tod. Wir sehen den Kosmos, wir sehen nicht diese innere Gesetzmäßigkeit. Unser GeistigSeelisches, wie es war, bevor es heruntergestiegen ist zum physischen Erdenleben, es sah nicht so, wie wir durch unsere Augen die kosmische Außenwelt sehen, aber es sah das Innere des Menschen, das war seine Welt. Und es bereitete sich vor, um hier im Erdendasein dieses Innere des Menschen als seine Welt nun unbewusst zu beherrschen zwischen Geburt und Tod. Wir blicken jetzt mit anderem Verständnis auf dasjenige hin, was unbestimmt geformtes Gehirn des Kindes ist, wie sich das plastisch ausgestaltet. Das wird aus dem herausgestaltet, was unsere Seele angeschaut hat, bevor sie heruntergestiegen ist. Sie sieht den Menschen im Inneren. Sie sieht die Welt, die ihm gegeben ist im menschlichen Inneren, Und indem unser Geistig-Seelisches zwischen Geburt und Tod in uns lebt, und deshalb dieses Innere nicht schaut, weil es in ihm lebt, [aber] die Außenwelt schaut, weil es nicht in ihr lebt, so sieht das Geistig-Seelische vor der Geburt das Innere des Menschen als seine Welt.
[ 43 ] And so, within the human being, there lives a microcosm—a small world set against the great world—here between birth and death. We see the cosmos; we do not see this inner order. Our spiritual-soul aspect, as it was before it descended into physical earthly life, did not see the cosmic outer world as we see it through our eyes, but it saw the inner world of the human being—that was its world. And it prepared itself to now unconsciously govern this inner world of the human being as its own world here in earthly existence, between birth and death. We now look with a different understanding at the child’s as yet indeterminately formed brain and how it takes on its plastic form. This is shaped out of what our soul beheld before it descended. It sees the human being from within. It sees the world that is given to him within the human being. And because our spiritual-soul aspect lives within us between birth and death—and therefore does not perceive this inner world, since it lives within it, [but] perceives the outer world, since it does not live within it—the spiritual-soul aspect perceives the inner world of the human being as its own world before birth.
[ 44 ] Das ist zunächst die eine Seite des außerirdischen Daseins des Menschen. Die andere bezieht sich auf das, was menschliches Handeln ist, menschliches Verhalten ist. Wir schauen darauf hin in mehr oder weniger äußerlicher Weise durch unsere Sinne und unseren Verstand. Wir finden, wie der Mensch heranlebt von der Kindheit bis in spätere Jahre. Wir finden dann, wie ein Schicksalsschlag kommt, wie der eine Mensch den anderen Menschen findet. Die Menschen finden sich zusammen, sie tauschen gewissermaßen ihre inneren Erlebnisse aus. Dieses Austauschen wird maßgebend für den Rest des Erdenlebens und vielleicht für viel weiter hin. So sieht man das äußerlich an. Man sieht es gewissermaßen so an: Die höhere Erkenntnis zeigt das, wie der Blindgeborene die Farbe ansieht, nicht in seiner wahren Wesenheit sieht man es an. Und wie der Blindgeborene operiert wird und sich in die Farbenwelt hineinlebt und darin etwas ganz Neues sieht, so sieht derjenige, dessen geistige Augen in der heute geschilderten Weise aufgetan sind, in demjenigen, was der Mensch in seinen Taten vollbringt, etwas ganz Neues. Er schaut hin darauf, wie das Kind seine ersten Lebensschritte vollführt, wie Sympathie und Antipathie hervorkommen, wie das Kind heranwächst, wie Sympathie und Antipathie sich ausgestalten, und wie der Mensch, indem er fortwährend in Sympathie und Antipathie lebt, zu den Schicksalsschlägen hingeführt wird. Da redet man nicht mehr davon, dass die Menschen sich durch Zufall nur gefunden haben. Da wird man gewahr, welche tiefe Weisheit in so etwas steckt, wie zum Beispiel Goethes Freund Knebel aus reifer Erfahrung heraus gesprochen hat. Er sagte, indem er sich an Goethe wandte mit dieser altersreifen Weisheit: Wenn man zurückschaut als Mensch in seinem Leben und überblickt, was sich einem ergeben hat seit der Kindheit. Es ist, als ob wir ganz planvoll vom ersten kindlichen Schritt fortgeschritten wären und in innerer Sehnsucht ausgesucht hätten, wozu wir zuletzt gekommen sind.
[ 44 ] This is, first of all, one aspect of human existence as an extraterrestrial being. The other relates to what human action and human behavior are. We observe this in a more or less external way through our senses and our intellect. We see how a person develops from childhood into later years. We then observe how a stroke of fate occurs, how one person encounters another. People come together; they exchange, so to speak, their inner experiences. This exchange becomes decisive for the rest of their earthly life and perhaps far beyond. This is how one views it from the outside. One views it, so to speak, in this way: Higher insight reveals this in the same way that a person born blind perceives color—it is not seen in its true essence. And just as a person born blind undergoes an operation and enters the world of colors, seeing something entirely new within it, so too does the one whose spiritual eyes have been opened in the manner described today see something entirely new in what a human being accomplishes through their actions. He observes how the child takes its first steps in life, how sympathy and antipathy emerge, how the child grows up, how sympathy and antipathy take shape, and how the human being, by living continually in sympathy and antipathy, is led toward the blows of fate. Then one no longer speaks of people having simply come together by chance. Then one becomes aware of the profound wisdom contained in such things, as, for example, Goethe’s friend Knebel expressed from the vantage of mature experience. Addressing Goethe with this wisdom born of age, he said: When one looks back on one’s life as a human being and surveys what has unfolded since childhood. It is as if we had progressed in a very deliberate manner from our first childhood steps and, driven by an inner longing, had chosen the path that ultimately led us here.
[ 45 ] Es stellt sich für das exakte Hellsehen heraus, dass das Kind vom ersten Schritte an durch Sympathie und Antipathie geleitet wird und weitergetrieben wird, dass tatsächlich eine innere Sehnsucht unbewusst für das gewöhnliche Bewusstsein lebt, dass wir uns selber hinführen zu dem Schicksalsschlag, der ausschlaggebend ist für das Leben. Indem wir das erweitern, so wie wir einen erwachsenen Menschen anschauen und auf seine Kindheit zurückblicken, so blicken wir auf das, was durch das Aurische im Menschen sich enthüllt, zurück, und wir erblicken den Durchgang des gesamten menschlichen Schicksals durch die wiederholten Erdenleben.
[ 45 ] It turns out, from the perspective of exact clairvoyance, that from the very first step, the child is guided and driven by sympathy and antipathy; that, in fact, an inner longing exists unconsciously to the ordinary consciousness; and that we lead ourselves toward the fateful event that is decisive for our lives. By expanding on this—just as we look at an adult and look back on their childhood—we look back at what is revealed through the auric in the human being, and we behold the passage of the entire human destiny through repeated earthly lives.
[ 46 ] Wir werden gewahr, geradeso wie unsere Gestaltung als erwachsener Mensch abhängig ist von der Gestaltung in der Kindheit, so ist dasjenige, was wir uns als Schicksal zimmern, das Ergebnis eines früheren Erdenlebens. Und im Zusammenhang damit ergibt sich uns gerade dann, wenn wir ganz Sinnesorgan werden in der geschilderten Weise, dass wir auch wissen können, wie wir leben können, wenn wir den Leib nicht mehr haben, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen und den Leib ablegen. Wir lernen schauen ohne den Leib. Gerade darin besteht das Wesen dieses geistigen Sinnwerdens, dass wir schauen als Geist in die geistige Welt. Daher lernen wir erkennen, wie wir sind, wenn wir den Leib als Leichnam abgelegt haben. Und ebenso, wie wir konkret schildern können, wie wir in das Innere des Menschen vor der Geburt hineinschauen, so lernen wir wieder erkennen, wie sich in uns etwas ausbildet, was durch die Pforte des Todes geht und sich in die geistige Welt wiederum begibt, um ohne den Leib das Leben weiterzuführen.
[ 46 ] We come to realize that just as our development as adults depends on our development in childhood, so too is what we shape as our destiny the result of a previous earthly life. And in connection with this, it becomes clear to us—precisely when we become fully sensory beings in the manner described—that we can also know how we will live once we no longer have a physical body, once we pass through the gate of death and shed the body. We learn to see without the body. The very essence of this spiritual becoming of the senses lies in our ability to see as spirit into the spiritual world. Thus we learn to recognize what we are like once we have cast off the body as a corpse. And just as we can describe in concrete terms how we look into the inner being of a human being before birth, so too do we learn once again to recognize how something develops within us that passes through the gate of death and enters the spiritual world once more to continue life without the body.
[ 47 ] Hier sind wir an dem Punkte, wo echte moderne Erkenntnis, die zwar den meisten Menschen heute noch ganz phantastisch erscheint, die aber ebenso exakt begründet ist, wo die moderne Erkenntnis sich mit dem religiösen, dem fromm-religiösen Leben so verbindet, wie sich eben alte Erkenntnis zu religiösem Leben ausgebildet hat. Wenn wir von solchen Erkenntnissen ausgehen, die scheinbar rein wissenschaftliche Erkenntnisse sind, so kommen wir zu den tiefsten Erlebnissen, zur Erfüllung der tiefsten Sehnsuchten des menschlichen Seelenlebens.
[ 47 ] Here we have reached the point where genuine modern knowledge—which, though it still seems quite fantastical to most people today, is nonetheless just as precisely grounded—converges with religious and devout religious life, just as ancient knowledge once developed into religious life. When we start from such insights—which are seemingly purely scientific—we arrive at the deepest experiences, at the fulfillment of the deepest longings of the human soul.
[ 48 ] Können wir hindeuten darauf, wie sich ein SeelischGeistiges entringt dem Leiblichen, indem der Leib als Leichnam der Erde übergeben wird, dann werden wir auch gewahr, wie sich anderes entringt dem physischen Erdensein. Wir sehen, wie die Menschen Freundschaften knüpfen, wie sie einander in Liebe zugetan sind, wie sich in der Familie geistig-seelische Bande von Herz zu Herz ziehen. Wir sehen dieses menschliche Leben, wie es Brücken und Bande schafft von Mensch zu Mensch. Indem wir hineinschauen können in die geistige Welt, wie sich die Seele loslöst im Tode, lernen wir auch wirklich allmählich hineinschauen — so sonderbar das heute dem Menschen klingt, es kann davon als von wirklich exakter Erkenntnis gesprochen werden —, wir lernen hineinschauen in die geistige Welt so, dass das, was leiblich ist an allen Freundschafts- und Liebesbanden, an Familienbanden, an all demjenigen, was einem im Zusammenleben mit dem Mitmenschen teuer geworden ist, wir lernen hinschauen auf dasjenige, was daran physisch ist, und auf das, was daran seelisch ist, und wir lernen anschauen, wie sich das Seelische loslöst im Tode, wie sich die Menschenseelen wiederfinden. Die Hand, die wir dem anderen gereicht haben, deren Wärme der Ausdruck war für dasjenige, was von Seele zu Seele erlebt wird, das Pochen des Herzens in Freude, wenn wir in Freundschaft und Liebe Zusammengehörigkeit fühlen, diese physischen Begleittatsachen, sie sterben mit unserem Leiblichen. Dasjenige, was in Ihnen gelebt hat als Geistig-Seelisches, als geistig-seelisches Zusammensein in Freundschaft und Liebe, das entringt sich dem Erdendasein, wie sich das Geistig-Seelische dem physischen Erdenleibe entringt.
[ 48 ] If we can point to how the soul-spiritual breaks free from the physical by the body being handed over to the earth as a corpse, then we also become aware of how something else breaks free from physical earthly existence. We see how people form friendships, how they are devoted to one another in love, and how spiritual-soul bonds are forged from heart to heart within the family. We see this human life as it creates bridges and bonds from person to person. By being able to look into the spiritual world and see how the soul detaches itself at death, we also gradually learn to look into it—as strange as this may sound to people today, it can truly be spoken of as precise knowledge— we learn to look into the spiritual world in such a way that we can discern the physical aspect of all bonds of friendship and love, of family ties, and of everything that has become dear to us through our life together with our fellow human beings, we learn to look at what is physical in these bonds and what is soulful in them, and we learn to observe how the soulful aspect detaches itself in death, how human souls find one another again. The hand we have extended to another—whose warmth was an expression of what is experienced from soul to soul, the beating of the heart in joy when we feel a sense of togetherness in friendship and love—these accompanying physical realities die with our physical being. That which has lived within you as spiritual-soul life—as spiritual-soul communion in friendship and love—breaks free from earthly existence, just as the spiritual-soul life breaks free from the physical earthly body.
[ 49 ] Wir gelangen nicht auf den Wegen nur von Glaubensvorstellungen, sondern auf sicheren Erkenntniswegen zu der Gewissheit, dass wiedergefunden werden diejenigen in geistigem Zusammensein, welche hier auf Erden geistig zusammen waren. Wir lernen erkennen dasjenige, was im irdischen Leben ausgelebt wird, als das Bild eines geistigen Anschauens. Ist es uns wert und teuer, so lernen wir auch erkennen, wie dieses Werte und Teure des Erdenlebens nur die Begründung ist eines weiteren Erlebens, das sich anschließt, wenn sich das Irdische loslösen muss und sich das Geistige dem Irdischen entringt. Und ein religiöses Empfinden, ein religiöses Erleben, ein wahrhaftes Frommsein geht dann hervor aus einer wirklich ernst angestrebten Erkenntnis. Das aber wird dem modernen Leben etwas geben, was, wie ich glaube, jeder unbefangene Mensch zugeben muss, in den Sehnsuchten vieler Seelen heute schon lebt, auch in den Seelen derjenigen lebt, die sich das nicht gestehen, ja, die, wenn man davon spricht, sich vielleicht unwillig und als Gegner abwenden; es lebt auch in diesen. Denn in alledem, was heute den Menschen erhalten ist aus alten Zeiten an geistigen Vorstellungen, liegt schon etwas, was ihn unsicher macht. In alledem, worin er glaubt, als im Glauben leben zu können, wird ihm etwas Unsicheres. Er sehnt sich wiederum nach Erkenntnis des Geistigen.
[ 49 ] We arrive at the certainty—not merely through religious beliefs, but through reliable paths of knowledge—that those who were spiritually united here on Earth will be reunited in spiritual communion. We come to recognize that what is lived out in earthly life is a reflection of a spiritual vision. If we hold earthly life dear and precious, we also come to recognize how this preciousness and value of earthly life is merely the foundation for a further experience that follows when the earthly must be cast aside and the spiritual breaks free from the earthly. And a religious feeling, a religious experience, a true piety then arises from a genuinely earnest pursuit of knowledge. But this will give modern life something which, as I believe, every open-minded person must admit, already lives in the longings of many souls today—even in the souls of those who do not admit it to themselves, indeed, those who, when one speaks of it, may turn away reluctantly and as opponents; it lives in them as well. For in all that has been preserved for people today from ancient times in the form of spiritual concepts, there is already something that makes them feel uncertain. In everything in which they believe they can live by faith, something becomes uncertain to them. They long once again for knowledge of the spiritual.
[ 50 ] Man kann nun sagen: Was geht das Ganze diejenigen an, die es nicht selbst erleben? Ja, erstens habe ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» und anderen Büchern geschildert, was man zu tun hat, und das kann heute jeder Mensch ausführen, der die nötige Geduld und Energie hat, um selber bis zu einem gewissen Grade hineinzukommen in die geistige Welt. Man kann hineinkommen und prüfen, ob so etwas Phantasie ist oder Wirklichkeit, wie ich es heute geschildert habe. Aber, wenn man das selbst nicht kann, man kann doch zur Belebung der heutigen Kultur, zum Heile des sozialen Lebens heute und in Zukunft, durch den gesunden Menschenverstand, auch ohne anthroposophischer Geistesforscher zu sein, sich überzeugen von der Wahrheit des übersinnlichen Erlebens, das heute allerdings ebenso einzelne Menschen erstreben müssen, wie einzelne Menschen nur Astronomen, wie einzelne Menschen nur Naturforscher werden. Aber man wird Vertrauen gewinnen können, wie man in alten Zeiten zu den Einsiedlern Vertrauen gewonnen hat, zu denjenigen, die sich rechtfertigen können, indem sie über die übersinnlichen Welten sprechen. Wie man kein Maler zu sein braucht, um aus gesundem Menschensinn heraus die Schönheit eines Bildes zu durchschauen, so braucht man auch kein Geistesforscher zu sein, sondern nur einen geraden, unbefangenen, durch kein Vorurteil eingeengten Menschensinn zu haben, um aus dem gesunden Menschenverstand heraus einzusehen, was der anthroposophische Geistesforscher als die Ergebnisse des geistigen Erkenntnisweges der Welt kundgibt. Es kann der Mensch heute mit gesundem Menschenverstand die Ergebnisse der Geisteswissenschaft an sich herankommen lassen, wie man die Ergebnisse der Astronomie, der Chemie herankommen lässt, ohne selbst Astronom oder Chemiker zu sein.
[ 50 ] One might ask: What does all this have to do with those who do not experience it themselves? Well, first of all, in my book *How Does One Gain Insight into Higher Worlds?* and other books, I have described what one must do, and today anyone who has the necessary patience and energy can carry this out to enter the spiritual world to a certain degree on their own. One can enter and examine whether such a thing is fantasy or reality, as I have described today. But even if one cannot do this oneself, one can still—for the enrichment of today’s culture and for the well-being of social life today and in the future—use common sense, even without being an anthroposophical spiritual researcher, to convince oneself of the truth of supersensory experience. Admittedly, only a few individuals strive for this today, just as only a few become astronomers or natural scientists. But one will be able to gain trust, just as in ancient times people gained trust in hermits—those who can justify themselves by speaking of the supersensible worlds. Just as one need not be a painter to perceive the beauty of a painting through sound human judgment, so, too, one need not be a spiritual scientist, but only possess a straightforward, unbiased human sensibility, unhindered by prejudice, in order to understand, through sound common sense, what the anthroposophical spiritual scientist reveals to the world as the results of the spiritual path of knowledge. Today, a person can, using common sense, engage with the findings of spiritual science just as one engages with the findings of astronomy or chemistry without being an astronomer or chemist oneself.
[ 51 ] Der Geistesforscher darf sich allerdings heute nicht zurückziehen vom Leben. Er muss sich mitten hineinstellen in das Leben. Denn Vertrauen kann man nur zu dem haben, bei dem man sieht: Der greift im Leben ebenso an, greift ebenso ein in das Leben wie die anderen Menschen. Das Leben muss heute das Leben bewähren, und derjenige der über das Leben etwas zu sagen hat, der muss sich auch mit aller Kraft in das Leben hineinstellen. Daher brauchen wir heute die anders gearteten Erkenntnismethoden in die höheren Welten, als diejenigen sind, die ich vergleichsweise, um zum Verständnis zu führen, als die der älteren Zeiten geschildert habe.
[ 51 ] Today, however, the spiritual researcher must not withdraw from life. He must place himself right in the midst of life. For one can only have trust in someone whom one sees actively engaging with life and intervening in it just as other people do. Life today must prove itself, and anyone who has something to say about life must also throw themselves into it with all their strength. That is why we need different methods of gaining insight into the higher worlds today than those I have described—by way of comparison, to aid understanding—as being those of earlier times.
[ 52 ] Was erlangen wir aber dadurch, dass eine solche Erkenntnis der übersinnlichen Welt sich wiederum ausbreitet? Wir haben heute ja auch Begriffe und Ideen von einer geistigen Welt, wenn wir nicht in den blindesten Materialismus versunken sind. Wir haben sie, aber wir sind uns dessen bewusst, dass wir Ideen, Begriffe, Vorstellungen von der geistigen Welt haben, die sind etwas Totes. Schauen wir zurück in ältere Zeiten, wir wollen sie nicht heraufbeschwören, denn die Menschheit muss ja fortschreiten. Das, was in sozialer und anderer Beziehung in alten Epochen erlebt wurde, kann einem nicht sympathischer sein, wir müssen als freie Menschen darüber hinausschreiten. Aber wenn wir zurückschauen, wir müssen uns doch als unbefangene Geschichtsbetrachter gestehen: Da, wo die Vorstellungen entstanden sind, an denen heute noch so viele festhalten, da waren nicht bloß abstrakte Gedanken und Ideen vorhanden, da wussten die Menschen, indem sie sich dem Geistigen zuwendeten im Denken, Fühlen und Wollen, dass das Geistige selbst herabsteige, in die Menschennatur hineinsteige; es ist ein Mitgenosse in der Welt, in der wir leben. Nicht bloß Gedanken, Ideen vom Geistigen haben diese Menschen nach ihrem Bewusstsein gehabt, sondern die Götter, die Geister selber wandelten unter ihnen. Ein solches Wissen, eine solche Erkenntnis brauchen wir wiederum. Wir haben schöne, großartige Gedanken auch über das Geistige, aber es sind Gedanken von einem Geistigen, das ein Fremdes ist dem Menschen, das er sich nur in abstrakten Gedanken vergegenwärtigt.
[ 52 ] But what do we gain from the fact that such an understanding of the supersensible world is spreading once again? After all, we do have concepts and ideas about a spiritual world today, provided we have not sunk into the most blind materialism. We have them, but we are aware that the ideas, concepts, and notions we have of the spiritual world are something lifeless. Let us look back to earlier times—not to conjure them up, for humanity must, after all, progress. What was experienced in social and other respects in bygone eras cannot be more appealing to us; as free human beings, we must move beyond it. But when we look back, we must admit to ourselves as impartial observers of history: where the conceptions arose that so many still cling to today, there were not merely abstract thoughts and ideas; there, by turning toward the spiritual in their thinking, feeling, and willing, people knew that the spiritual itself descended and entered into human nature; it is a companion in the world in which we live. These people were not merely conscious of thoughts and ideas about the spiritual, but the gods and spirits themselves walked among them. We need such knowledge, such insight, once again. We, too, have beautiful, magnificent thoughts about the spiritual, but they are thoughts of a spiritual realm that is alien to human beings, one that they can only conceive of in abstract terms.
[ 53 ] Anthroposophie will das Geistige wiederum selber in diese Gedanken einführen, sodass der Mensch sich wiederum bewusst wird, wie er in den besten Epochen des religiösen Schaffens sich bewusst war: Nicht nur Gedanken sind in dem Menschen von dem Geiste, sondern der Geist selber wandelt mit uns herum. Wie wir Menschen hier im physischen Leibe auf der Erde leben und indem wir ein Geistig-Seelisches, ein Unsterbliches in uns tragen, das sich in der Weise dem Physischen entringt, wie wir es heute dargestellt haben, so wandeln wir hier unter den unsichtbaren Wesenhaftigkeiten der Geisteswelt. Wir sind als Menschen da, die Geisteswelt wird wiederum als Lebendiges uns bewusst. In anderer Weise wirkt solch ein Bewusstsein, dass die geistige Welt unser lebendiger Mitgenosse ist, dass wir nicht auf abstrakte, kraftlose Gedanken vom Geist angewiesen sind. In anderer Weise wirkt diese geistige Welt auf uns ein. Es macht unsere Erkenntnis zu etwas, was uns wiederum mit religiösem, auch mit künstlerischem, mit vollmenschlichem Inhalt erfüllt, sodass wir uns voll in das ganze Erdenleben, ja in das ganze Weltenleben hineinstellen können, dass wir die Ahnung bekommen von dem, was wir als zeitlicher Mensch für das ewige Dasein zu bedeuten haben. Aber auch Handlungsimpulse bekommen wir, welche kräftiger und gewaltiger sind als diejenigen, die bloße Ideen sind.
[ 53 ] Anthroposophy seeks to reintroduce the spiritual into these thoughts, so that human beings may once again become aware, as they were during the golden ages of religious creativity: Not only do thoughts in human beings originate from the Spirit, but the Spirit itself walks among us. Just as we humans live here on Earth in our physical bodies, carrying within us a spiritual-soul aspect—an immortal element—that transcends the physical in the way we have described today, so do we walk here among the invisible beings of the spiritual world. We are here as human beings, and the spiritual world, in turn, becomes conscious to us as a living reality. This awareness—that the spiritual world is our living companion, that we are not dependent on abstract, powerless thoughts of the spirit—has a different effect. This spiritual world influences us in a different way. It transforms our understanding into something that in turn fills us with religious, artistic, and fully human content, so that we can place ourselves fully within the whole of earthly life—indeed, within the whole of world life—and gain a sense of what we, as temporal human beings, mean for eternal existence. But we also receive impulses to act that are more powerful and more formidable than those that are mere ideas.
[ 54 ] Und das ist etwas, was heute auch im sozialen Leben zu bemerken ist, dass die Menschen nicht mehr eine lebendige Geistigkeit in sich tragen, und daher hinuntersinken, wenn sie vom sozialen Leben sprechen, in Instinkte und Triebe. Wir sehen im Osten furchtbar, wie die Menschen, weil sie eine lebendige Geistigkeit verloren haben, ein Verderben bringendes soziales Leben entfalten, das als drohendes Gespenst auch über Europa lagert. Es muss besiegt werden. Es kann aber nur besiegt werden, wenn die Menschen sich bewusst werden der lebendigen Geistigkeit, die aufgenommen werden kann in Gedanken und in den Willen und mit der der Mensch als mit etwas Lebendigem und nicht mit etwas Totem leben kann, für sich selber erkennend, aber auch als soziales Wesen unter sozialen Wesen, mit denen er begründen kann, als mit geistigen Impulsen, die ihm aus der ihm bewussten geistigen Welt heraus gegeben sind, dasjenige, was gerade die ernsten Seelen erhoffen und ersehnen als aufsteigende Kräfte unserer Kultur; unserer Kultur, die so viele Niedergangskräfte in sich hat, die aber besiegt werden müssen. Was als Aufgangskräfte in unserer Zeit wirken kann, was uns ersprießen kann aus dem Geiste, den wir lebendig aufnehmen, das ist das, was die ernsten Seelen heute ersehnen und erhoffen, was die Menschheit braucht, um in der Gegenwart in richtiger Weise leben zu können, um aus dieser Gegenwart heraus in die komplizierte Menschenzukunft hinein zu leben.
[ 54 ] And this is something that can also be observed in social life today: that people no longer possess a living spirituality within themselves, and therefore, when they speak of social life, they sink into instincts and drives. In the East, we see with horror how people, having lost a living spirituality, are developing a social life that brings ruin—a social life that looms over Europe as a menacing specter. It must be defeated. But it can only be defeated if people become aware of the living spirituality that can be taken up in thought and will—and with which a person can live as with something living and not as with something dead, recognizing for themselves but also as a social being among social beings, with whom they can establish—through spiritual impulses given to them from the spiritual world of which they are conscious—precisely what serious souls hope for and long for as the rising forces of our culture; our culture, which contains so many forces of decline, but which must be overcome. What can act as forces of renewal in our time, what can spring forth from the spirit that we take in as a living reality—that is what serious souls long for and hope for today, what humanity needs in order to live properly in the present, and to move from this present into the complex future of humanity.
[ 55 ] Für Gegenwart und Zukunft, für den Fortgang unserer Kultur, den wir erstreben müssen, erstreben müssen mit allen Kräften, brauchen wir den lebendigen Geist. Anthroposophie will nicht etwas Phantastisches sein, sondern, wenn auch vielleicht heute noch mit schwachen Kräften, in ihrer Art ein Weg zum lebendigen Geiste. Sie will das Verhältnis des Menschen zu diesem lebendigen Geiste ergründen, damit der Mensch das finde, was er gerade braucht, um die Aufgangskräfte gegenüber den Niedergangskräften zu finden für die Gegenwart und namentlich für die nächste Menschheitszukunft.
[ 55 ] For the present and the future, for the progress of our culture—which we must strive for, strive for with all our strength—we need the living spirit. Anthroposophy does not seek to be something fantastical, but rather, even if perhaps still with limited strength today, a path in its own way to the living spirit. It seeks to explore the relationship between human beings and this living spirit, so that human beings may find what they need at this very moment to draw upon the forces of ascent in opposition to the forces of decline—for the present and, in particular, for humanity’s immediate future.
