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Das Wesen der Anthroposophie
GA 80a

18 Mai 1922, Köln

13. Anthroposophie und Geisteserkenntnis

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Ausführungen, welche ich heute Abend vor Ihnen werde zu machen haben, können heute, in der Zeit des Wissenschaftgeistes, nur Anspruch machen auf Geltung, wenn vorausgeht eine gewisse Auseinandersetzung von Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, und diesem Wissenschaftsgeiste selbst. Gezeigt muss ja werden, dass es heute unmöglich ist, von Geisteserkenntnissen zu sprechen, ohne die Methoden der entsprechenden geistigen Forschung zu rechtfertigen vor diesem Wissenschaftsgeiste.

[ 2 ] Dass nun diese Rechtfertigung möglich ist, dass die von mir hier gemeinte Anthroposophie überhaupt in keiner Opposition steht zu diesem modernen Wissenschaftsgeiste, sondern dass sie nur eine Art von Fortsetzung desselben ist, das habe ich mir auszuführen erlaubt in jenem Vortrage, den ich vor einigen Monaten hier an derselben Stelle gehalten habe. Es würde also, wenn ich heute diese Rechtfertigung noch einmal geben wollte, dies für sehr viele Zuhörer eine Wiederholung bedeuten. Ich werde daher dasjenige, was als solche Stütze vorhanden ist, voraussetzen. Ich werde mich also, aber nur in dieser Richtung, stützen auf den damaligen Vortrag, selbstverständlich aber so, dass der heutige Vortrag auch für sich selbst verständlich sein soll.

[ 3 ] Nun, wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit richtet auf dasjenige, was er geistiges Leben nennt, namentlich auf sein Verhältnis zur geistigen Welt, dann entstehen in der Seele gewisse Schwierigkeiten. Allein man kann nicht sagen, dass diese Schwierigkeiten entstehen gegenüber der Existenz eines geistigen Lebens im Menschen selbst. Denn der Mensch ist sich gar wohl bewusst, er habe in seinem wachen Zustande immer ein solches geistiges Leben. Er steht erkennend und als Tätigkeitsmensch mit der Außenwelt ja in Beziehung durch sein geistiges Leben. Er findet seinen Menschen-Wert und seine Menschenwürde in diesem geistigen Leben, das ja seine Erfahrung, sein Erlebnis ist, beschlossen. Und selbst der schärfste Materialist wird vielleicht sagen: Dieses, was dir da erscheint als ein geistiges Leben, das steigt bloß auf aus materiellen Prozessen, aus den stofflichen Vorgängen, aber er wird das geistige Leben als solches nicht leugnen können. Und man darf sagen: Die Schwierigkeiten, die als Rätselfragen in der menschlichen Seele auftauchen gegenüber der Geisteswelt, sie beruhen gerade darauf, dass der Mensch sich seines Geistes bewusst ist, dass er seinen Wert und seine Würde in diesem Geiste suchen muss, und daher fragen muss nach dem Wesen dieses Geistes: Ist er etwas Vorübergehendes, etwas Verschwindendes? Ist er etwas, was nur im materiellen Leben gründet? Ist er etwas, was mit irgendeiner äußeren geistigen Welt zusammenhängt und gegenüber dem vergänglichen Dasein ein Dauerndes darstellt? Gerade weil der Mensch ein geistiges Leben hat, weil er sich selber als geistiges Wesen fühlt, muss er nach dem Wesen dieses Geistigen fragen.

[ 4 ] Nun gibt es vieles, was für einzelne Menschen, die sich besonders mit diesen Dingen befassen, voll bewusst, für die meisten Menschen aber als allgemeine Empfindung mehr oder weniger unbewusst herauftaucht aus den Tiefen des Seelenwesens, und eben sich zusammenschließt zuletzt in der Rätselfrage: Was ist eigentlich das Wesen des Geistes, und welches ist das Verhältnis des Menschen zu einer etwaigen geistigen Welt? Ich könnte Ihnen vieles anführen, aus dem hervorgeht, als aus den Tiefen der Seele, diese Frage.

[ 5 ] Zwei Beispiele, die vielleicht sogar in weiteren Kreisen des menschlichen Lebens wenig beachtet werden, die selten in das volle Bewusstsein des Menschen heraufkommen, die aber umso mehr wirken unten in den Empfindungssphären des seelischen Lebens, die sich dem Gefühl übertragen, die eine gewisse Unsicherheit hervorrufen über das Wesen des geistigen Lebens. Wie gesagt, sie sind vielleicht von den wenigsten Menschen bewusst vor die Seele gestellt, aber sie bedingen Glück und Leid des innersten Seelenwesens. Sie bedingen die alltägliche Seelenstimmung, ob man mutig durch das Leben geht oder niedergeschlagen, ob man tauglich ist für das Leben oder untauglich für das eigene Leben oder das Leben der Mitmenschen. Alles das hängt davon ab, wie sich diese Empfindungen in das Seelenleben hineinschleichen und zu den charakterisierten Rätselfragen führen.

[ 6 ] Da ist zunächst eines, was wir, wie gesagt mehr oder weniger unbewusst, jeden Tag einmal erleben in unserem Dasein zwischen Geburt und Tod, wenn wir übergehen aus dem wachen Zustand in den Schlafenszustand. Jedes Mal fühlen wir da, wie dasjenige, was sich regt, was lebt und webt vom Aufwachen bis zum Einschlafen als unser Erleben, unsere innere Geistigkeit, wie das herunterdämmert in ein Unbestimmtes, wie wir unser Bewusstsein auszuschalten haben, wie wir unser Geistesleben gewissermaßen vollständig herabgedämmert haben in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und wenn man sich dann dieses, was so als eine Erfahrung unbewusst im menschlichen Seelenleben jeden Tag lebt, heraufholt ins Bewusstsein, muss man sich sagen: Darinnen fühlt der Mensch die Ohnmacht seines Geisteslebens, die Ohnmacht seiner inneren Regsamkeit, seiner inneren Tätigkeit, die Ohnmacht desjenigen, darin er seinen eigenen Menschenwert und Menschenwesenheit sucht. Sie entfällt ihm jeden Tag mit dem Einschlafen. Dann fragen, vielleicht nur dem Gefühle nach, die meisten Menschen, aber sie fragen doch: Ist es mit diesem Seelenleben im Ganzen so, dass es herabgedimmert ohnmächtig den Menschen lässt? Ist es so, dass es herabgedämmert ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, sodass dann der Mensch es nicht mehr [her]aufholen kann, so wie er es etwa an jedem Morgen heraufholt? Das ist das eine Beispiel, wie sich die gekennzeichnete Rätselfrage formt.

[ 7 ] Das andere Beispiel ist, man könnte sagen, der Gegenpol. Wenn wir aufwachen, vielleicht gehen wir zunächst durch, durch die Unbestimmtheit, das Chaotische, Illusorische des Traumlebens, von dem wir ja bei gesundem Verstand wissen, dass es illusorisch ist gegenüber der äußeren Wirklichkeit. Vielleicht gehen wir durch dieses halb-geistige Wesen hindurch bis zum vollen Erwachen. Dann aber tritt das ein, dass das Geistige Besitz ergreift von dem Leibe, von dem physischen Körper des Menschen. Wir tauchen unter zunächst in die Welt unserer Sinnesorgane. Dasjenige, was uns die Augen überliefern aus der Welt der Farben, dasjenige, was uns die Ohren überliefern aus der Welt der Töne, was uns die Sinnesorgane überliefern, wir erleben es als körperliche Erlebnisse des Wirkens der Außenwelt auf uns. Wir erleben es mit unserem Seelenleben. Wir erleben, wie wir Besitz nehmen von unseren Gliedern, wie wir tätig werden mit Hilfe unseres Leibes. Wir fühlen untertauchen in unsere Leiblichkeit, unsere Körperlichkeit, unser geistiges Wesen. Es wirkt, es webt an dieser Körperlichkeit.

[ 8 ] Aber ich habe schon im letzten Vortrage hier angedeutet, in welcher Art wir unbewusst sind über dieses Untergetauchtsein in die physische Leiblichkeit. Nehmen wir nur einmal das Untergetauchtsein in unsere Willensglieder. Wir haben den Gedanken. Nehmen wir die einfache Handlung: Wir heben den Arm, wir bewegen die Hand. Wir haben zuerst den Gedanken, die Vorstellung; wie diese Vorstellung aber untertaucht in unsere Leiblichkeit, was da unten Kompliziertes vor sich geht, bis es zum Heben des Armes, zum Bewegen der Hand kommt, davon wissen wir nichts im gewöhnlichen Bewusstsein. So müssen wir sagen: Während wir die Ohnmacht des geistigen Lebens beim Einschlafen fühlen, fühlen wir beim Aufwachen, also beim Untertauchen in die physische Leiblichkeit, wie das Geistige herunterströmt wie in eine innere Finsternis, in der es dann beschlossen ist. Sodass wir uns sagen können: Entfällt uns der Geist, wenn er nicht mehr durch den Leib wirkt, wird er dann unbewusst, so entzieht er sich uns erst recht, wenn er hereinströmt in unsere Leiblichkeit und durch unsere Leiblichkeit wirkt.

[ 9 ] Das alles sind Beispiele dafür, wie in ein Unsicheres hinein der Mensch kommt, wenn er sich über das Wesen des Geistigen aufklären will. Nun stellt sich der Mensch, weil er in ein so unsicheres Gebiet hineingeführt wird, vor die geistige Welt, zu der er doch gerade wegen des besseren Teiles seines menschlichen Fühlens und Wollens und Denkens eine Beziehung sucht, er stellt sich vor diese geistige Welt gerade die zwei bedeutsamsten Feinde des menschlichen Seelenlebens hin. Der eine Feind ist derjenige, dem heute vielfach die verfallen, die sich nicht anschließen können, sei es durch ihren Willen oder durch ihre Lebenslage, an die gewissenhaften, ernsten Methoden des wissenschaftlichen Lebens, die nicht die Forderungen dieser Wissenschaft zu ihren eigenen machen. Sie stellen oftmals aus ihrem Willen heraus vor ihre Seele dasjenige hin, was wir dann umfassen mit dem Worte "Aberglaube».

[ 10 ] Dieser Aberglaube ist der eine Feind des menschlichen Seelenlebens. Weil der Mensch immerzu suchen muss eine Beziehung zwischen ihm selbst und der geistigen Welt, sucht er dasjenige, was er nicht von außen durch die Erkenntnis erlangen kann, von innen durch den Willen heraufzuzaubern gewissermaßen. Allein wenn es eben keine Begründung hat, wenn es als Aberglaube in der menschlichen Seele lebt, was sich so der Mensch vorstellt über sein Verhältnis zur geistigen Welt, dann muss er sehen, wie er überall, wo er ins Leben eintritt, an alle möglichen Ecken anstößt. Die Dinge haben ihre Gesetzmäßigkeiten, die Dinge und die Tatsachen des Lebens, der Natur und des Menschendaseins. [Sie] laufen in einer gewissen Weise [ab], wenn man mit abergläubigen Vorstellungen herantritt an dieses Leben. Überall bewahrheiten sich diese Vorstellungen nicht. Man gerät in eine Unorientiertheit, eine Unsicherheit hinein, auch in Bezug auf die Erkenntnis. Man stellt sich oftmals in der Seele vor, so und so müsste ein Geistiges durch die äußeren Erscheinungen wirken. Man sieht, es wirkt nicht. Man wird unsicher, schwach in sich selber. Oder aber derjenige, der sich solchen, nicht in der objektiven Außenwelt begründeten Impulsen hingibt, der hat an ihnen keine Antriebe für seine Handlungen; sie geben ihm nichts für seinen Willen. Daher wird er nicht nur unsicher, sondern auch untüchtig, kann nicht eingreifen in das Leben. Er kann nicht in der Weise sich neben seinen Mitmenschen mitarbeitend hinstellen wie derjenige, der nicht illusorische Vorstellungen zwischen seine Seele und das Leben stellt.

[ 11 ] Ist dies der eine Feind, der namentlich denjenigen sich vor die Seele stellt, die sich nicht in wissenschaftliche Ergebnisse einlassen, so tritt gerade bei denen, die sich mit Wissenschaft beschäftigen, heute vielfach der andere Feind in das Seelenleben ein. Derjenige, der die heutigen ernsten und gewissenhaften wissenschaftlichen Methoden kennt, durch die unser Denken im Experiment und in der Beobachtung die sinnliche Außenwelt bis zu ihrer Gesetzmäßigkeit zu verfolgen sucht, der lernt erkennen, wie man dieses Denken bändigt — möchte man sagen —, wie man ihm alle Willkür nimmt, wie man es anpasst an dasjenige, was in der Außenwelt als Gesetzmäßigkeit auftritt. Aber, man könnte sagen: Dadurch wird das Denken auch dünn und abstrakt. Es entfremdet sich dem Menschen selber. Es wird dann nur angemessen den [Bedingungen] der äußeren Sinnenwelt. Und man merkt bald: Dann eröffnet sich diesem Denken, das so wunderbar geeignet ist für das Begreifen der äußeren Naturerscheinungen, kein Ausweg aus der sinnlichen in die übersinnliche Welt hinein.

[ 12 ] Und etwas befällt dann gerade den wissenschaftlichen Menschen heute sehr häufig, das ist der Zweifel, der Zweifel an der übersinnlichen Welt, gerade wegen der Sicherheit, die er sich in seinem denkerischen Verfolgen der Sinneswelt angeeignet hat. Der Zweifel tritt auch im Verstand auf. Tritt er aber da auf, tritt er mit allem Ernste des menschlichen Seelenlebens auf, dann senkt er sich in das Gemüt, in das Gefühlsleben. Das gerade kann aus anthroposophischer Wissenschaft derjenige, der sich ihr hingibt, erkennen, wie das Gemüt, das Gefühlsleben innig zusammenhängt mit den gesunden oder kranken Verhältnissen auch des Leibeslebens; wie sich hineinsenkt dasjenige, was in einem unharmonischen, einem zerrissenen oder auch in einem harmonischen, glücklichen Gemüt lebt, in das gesunde oder kranke Leibesleben. Und man darf sagen: Wen der Zweifel innerlich durchsetzt mit einer seelischen Schwindsucht, radikal ausgesprochen, bei dem strömt diese seelische Schwindsucht wohl auch ein in die körperlichen Zustände. Er wird ein Schwächling in Bezug auf sein Leibesleben. Sein Nervensystem wird schadhaft. Er ist nicht gewachsen den Kämpfen des Lebens. Auch er wird untüchtig gegenüber sich selbst, untüchtig in der Mitarbeit mit den anderen Menschen.

[ 13 ] So kann man gerade an Aberglaube und an Zweifel sehen, wie der Mensch auf der einen Seite immer dahin streben muss, aus tief berechtigten Empfindungen heraus hinstreben muss nach der geistigen Welt, der er sich angehörig fühlen muss, wie aber gewisse Schwierigkeiten im Seelenleben auftauchen, und wie gerade starke Feinde dieses Seelenlebens sich zwischen die geistige Welt — die man zunächst nur hypothetisch annehmen kann — und zwischen den eigentlichen Geistesmenschen hinstellen. Daher haben gerade ernst forschende wissenschaftliche Geister der Gegenwart sogar sich hingewendet zu dem abnormen Seelenleben, weil sie verzweifeln an dem normalen Seelenleben, das ihnen die Großartigkeit der Sinneswelt überliefert, das ihnen aber nach ihrer Anschauung eben durchaus nicht überliefern kann dasjenige, was geistige Welt ist. So wenden sie sich ab von dem normalen Seelenleben und wenden sich zu allerlei krankhaftem Seelenleben hin. Man findet heute ganz auf dem Gebiete der Naturwissenschaft erleuchtete Geister, welche nach dem Mediumismus hinschauen, welche irgendwelche Visionen oder halluzinatorische Zustände des abnormen Lebens anschauen, um auf diese Weise Anhaltspunkte dafür zu gewinnen, die Frage zu beantworten: Hat der Mensch irgendein anderes Verhältnis als dasjenige, was sich seinen Sinnen zeigt, zu einer geistigen Umwelt? Man kommt da allerdings auf manches, aber man soll sich nur ganz klar darüber sein: Dasjenige, was man zum Beispiel durch ein Medium erfahren kann, das wird ja doch erfahren von diesem Medium selbst durch ein herabgestimmtes Bewusstsein, durch unterbrochenen Sinnesverkehr mit der Außenwelt. Man muss gewissermaßen sich wenden beim Medium an eine krankhafte, abnorm wirkende Leiblichkeit. Ebenso ist es, wenn wir uns an das visionäre Erleben wenden.

[ 14 ] Überall kann man, wenn man unbefangen genug die Forschung anstellen kann, sagen: Da, wo im Seelenleben etwas Visionäres auftritt, ist eine krankhafte Organisation vorhanden. Und wie ist es möglich, dass man über dasjenige, was aus dem kranken Menschen hervorgeht, was vielleicht in gewisser Beziehung außerordentlich interessant ist, wie ist es möglich, dass man über das, was aus einem mangelhaften Bewusstsein hervorgeht, das nicht so hochentwickelt ist wie das Sinnesbewusstsein, wie ist es möglich, dass man da eine Kontrolle ausübt? Wie ist es möglich, dass man ein kritisches Resultat darüber gewinnt, wie viel die Erlebnisse wert sind, die auf diese Weise gewonnen werden?

[ 15 ] Anthroposophie wendet sich daher nicht an irgendein krankhaftes Seelenleben. Sie lehnt es entschieden ab, etwas zu tun zu haben mit Mediumismus, mit Halluzinationen, Visionen, sie geht durchaus aus vom gesunden Seelenleben und Leibesleben. Sie versucht dasjenige, was ich in meinem letzten Vortrage hier dargestellt habe, sie versucht Übungen herauszufinden, welche die Seele machen kann, damit diejenigen Erkenntniskräfte, die zunächst im normalen Bewusstsein vorhanden sind, weitergebildet werden können, sodass wir fähig sind — ebenso, wie wir durch die sinnlichen Augen die Farben wahrnehmen —, durch übersinnliche Organe die übersinnliche, geistige Welt zu schauen. Wenn sie dasjenige, was ich in meinen verschiedenen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Geheimwissenschaft» und anderen Büchern gesagt habe über solche Übungen, überschauen, so werden Sie finden, dass diese Übungen in zwei Teile zerfallen: erstens in vorbereitende Übungen, die der Mensch vornimmt, um innerlich leiblich und seelisch zu erstarken. Sie sind durchaus dazu angetan, den Menschen hinzuführen zu einem gesunden Leibes- und Seelenleben. Diese vorbereitenden Übungen werden heute sogar von vielen Gegnern der Anthroposophie, ich darf nicht sagen in ihrem Werte zugegeben nur, sondern in ausgesprochener Weise geschätzt. Nur will man sich dann nicht zu den weiteren Übungen wenden, welche in der Seele schlummernde Erkenntniskräfte heraufentwickeln sollen. Wie aber der Mensch auf solche Art als Mensch, der durchaus rechnet mit dem ganzen aufgeklärten Geiste der Gegenwart, und dennoch den Weg in die geistigen Welten sucht, indem man versucht zu erkennen, wie der Mensch eine solche Erkenntniskraft gewinnt, durch die er in die geistigen Welten zu steigen in der Lage ist, davon wird man sich leichter ein Verständnis verschaffen können, wenn man anknüpft an dasjenige, was in älteren Zeiten versucht worden ist, um zu den Erkenntnissen der übersinnlichen Welt zu kommen.

[ 16 ] Wir erleben es ja heute, dass diejenigen Menschen, die ein entschiedenes inneres Bedürfnis doch haben nach wenigstens einem Fühlen der geistigen Welt, dass die, wenn sie nun verzweifeln an einer unmittelbaren Erkenntnis, an einer Wissenschaft von der geistigen Welt, sich hinwenden, ob sie gelehrt oder ungelehrt sind, zu den altehrwürdigen Vorstellungen, die in der Geschichte der Menschheit sich heraufentwickelt haben, die als traditionelle Glaubensbekenntnisse, als traditionelle Weltanschauungen gegeben sind. In vielen Philosophien selbst leben solche altehrwürdigen Vorstellungen, ohne dass die Menschen, die glauben, vorurteilslos zu ihren Vorstellungen zu kommen, es ahnen. Aber man hat heute sehr häufig die Empfindung, man müsse das, was da in solchen Vorstellungen, die ein ehrwürdiges Alter haben, gegeben ist über die übersinnliche Welt, im Glauben hinnehmen, man könne nicht eine solche Erkenntnis suchen über die übersinnliche Welt, wie man sie sucht in unsrer exakt gewordenen Wissenschaft über die sinnliche Welt. Und man gibt sich allen möglichen Illusionen hin der Art, dass man den Glauben zu rechtfertigen versucht in seiner selbstständigen Eigenart gegenüber dem Wissen, wenn man zu beweisen versucht, dass der Glaube eine andere Art von Auffinden des Geistigen sein müsse in Gemäßheit der Menschennatur, als dasjenige, was als Wissen, als Wissenschaft, sich darstellt.

[ 17 ] Nun, derjenige, der nun nicht mit den oftmals so äußerlichen Methoden der heutigen Geschichtswissenschaft, sondern mit einem gewissen Blick für das seelische Erleben des Menschen, für dasjenige, was in diesem seelischen Erleben der Menschen vorgegangen ist seit Jahrhunderten und Jahrtausenden, mit einem Blick dafür, wie sich dieses seelische Leben von Epoche zu Epoche verwandelt hat, wer in solcher Unbefangenheit hinschauen kann auf dasjenige, was einstmals in primitiveren Zeiten, als die unseren sind, vielleicht in sehr alten Zeiten, gewisse Menschen als Erkenntniswege gesucht haben, der kommt darauf, dass alles dasjenige, was heute in Glaubens- und Weltanschauungsvorstellungen lebt, und oftmals nur als geschichtlich hingenommen wird, als Traditionelles, dass das zurückgeht auf alte Erkenntnisergebnisse. Ja, alles, was heute die Leute so als Glaubensvorstellungen übernehmen, es hat sich einmal so entwickelt, dass einzelne Menschen sich herausgehoben haben aus dem allgemeinen Bewusstsein der Menschen, wie es heute auch der Wissenschaftler tut, und dass sie aus den Kräften ihres eigenen Seelenlebens heraus nach solchen Erkenntnissen des Übersinnlichen gesucht haben. Dasjenige, was sich ihnen dann geoffenbart hat auf solchen Erkenntniswegen über das Übersinnliche, über das Geistige, das haben sie ihren Mitmenschen überliefert, das ist dann durch die Geschichte hindurchgeströmt bis zur Gegenwart, das lebt in unseren Bekenntnissen, in unseren Weltanschauungen und Philosophien. Man sucht nur oftmals nicht die Quellen, aus denen es hervorgegangen ist.

[ 18 ] Nun könnte ja zunächst dasjenige, was die Erkenntniswege in alten Zeiten waren, für den heutigen Menschen, der auf ganz anderen Wegen suchen muss, etwas Gleichgültiges sein. Dennoch will ich wenigstens zwei ältere Erkenntniswege, deren Ergebnisse heute noch fortleben in den Weltanschauungsvorstellungen, charakterisieren. Wiederum könnten wir viele solcher Erkenntniswege charakterisieren. Ich will zwei herausgreifen, nicht um sie irgendjemandem anzuempfehlen zum Zwecke des Erlangens höherer geistiger Erkenntnisse, denn sie waren einer älteren Zeit durchaus angemessen, sind es aber heute nicht mehr, wie wir nachher sehen werden. Also, nicht um diese Dinge anzuempfehlen, sondern um sie zu charakterisieren zu dem Zwecke, dass wir unser Verständnis an den alten Erkenntnissen gewinnen über die neuen, über die Anthroposophie. Neue Wege müssen heute eingeschlagen werden, damit der Mensch aus seinem veränderten Seelenleben, seiner veränderten Seelenverfassung gegenüber alten Zeiten wiederum zu einer Erkenntnis des geistigen Lebens und seines eigenen geistigen Ursprungs, seiner eigenen geistigen Quelle gelangen kann.

[ 19 ] Da ist zunächst ein solcher Erkenntnisweg in alten Zeiten, das ist derjenige — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf —, den der alte indische Yoga-Gelehrte durchgemacht hat. Gerade in Bezug auf die charakterisierten Eigenschaften bekommt man heute nur verderbte Vorstellungen, wenn man dasjenige studiert, wie in orientalischen Ländern dieser Yoga-Weg heute gesucht wird. Und viele von denen, die heute aus der Verzweiflung heraus Wege in geistige Welten zu finden suchen, indem sie nach alten Methoden greifen, die büßen das durch die Schädigung ihres leiblichen und seelischen Lebens. Denn dasjenige, was heute der Mensch üben kann, sogar das, was oftmals geschrieben wird von diesen alten Wegen in die geistige Welt hinein, ist durchaus verderbt. Aber wenn wir zurückschauen in ältere Zeiten der Menschheitsentwicklung, so kommen wir eben zu solchen primitiven Erkenntniswegen, die dazumal gültig waren, und an denen wir uns verständigen können über die modernen Wege.

[ 20 ] Worauf beruht dieser Yoga-Weg? Er beruhte darauf, dass der Yogi das Atmen, ich könnte viele solche Einzelheiten des Yoga-Weges anführen, will aber nur den Atmungsprozess herausheben, dass der Yogi das gewöhnliche Atmen, das unbewusst verlief, in bewusste innere Tätigkeit hinaufhob. Wie verläuft denn für das gewöhnliche Bewusstsein das Atmen? Es verläuft so, dass wir einatmen, den Atem halten, ausatmen, in einer gewissen rhythmischen Folge. Höchstens in krankhaften Zuständen achten wir mit Aufmerksamkeit auf diesen Atmungsprozess. Im gewöhnlichen, gesunden Leben verläuft dieser Atmungsprozess mehr oder weniger unbewusst. Erst wissenschaftlich müssen wir ihn ja sozusagen charakterisieren.

[ 21 ] Das ist nun das Eigentümliche des alten geistigen Erkenntnisweges der Yoga-Gelehrten, dass sie einen anderen Rhythmus einführten für gewisse Zeiten, in denen sie ihre Übungen machten behufs Erkenntnisse einer höheren Welt, dass sie in anderem Rhythmus einatmeten, den Atem hielten, ausatmeten. Was wurde dadurch bewirkt? Zunächst wurde bewirkt, dass der Yogi sich des Atmungsvorganges voll bewusst wurde, dass er dasjenige, was man sonst nicht bewusst erlebt, bewusst erlebte. Wie man sonst wohl innerliches Wohlbehagen, innerliche Freuden, innerliche Leiden und Schmerzen erlebt, so erlebte der Yogi seinen Atmungsprozess, den er aus seiner Willkür heraus gemäß den naturgemäßen Atmungsprozessen eben änderte. Was aber geschah dadurch? Was erlangte er dadurch für seine Erkenntnisse?

[ 22 ] Wir können das physiologisch zunächst vor unsere Seele hinstellen. Indem wir atmen, geht der Atemstoß in unsere Leiblichkeit hinein, er geht durch unseren Rückenmarkskanal ins Gehirn hinauf, unser Gehirn wird durchströmt und durchwellt von den Atemzügen, dem Atmungsrhythmus. Es ist ja immer so, wie gesagt, es bleibt unbewusst für das gewöhnliche Atmen, unbewusst für das gewöhnliche Seelenwesen, es ist immer so, dass wir in unserer Haut nicht nur haben diejenigen physischen Vorgänge, die dem Nervenorganismus angehören und die uns das Denken, die Gedankenwelt vermitteln, sondern diese Nervenprozesse, sie werden durchströmt von dem Atmungsrhythmus. Es ist zum Beispiel ungeheuer interessant zu verfolgen dasjenige, was ich ja wenigstens andeutend dargestellt habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln», wie im Anhören des Musikalischen der Atmungsrhythmus zusammenschmilzt mit demjenigen, was als Nerven-Sinnes-Prozess von den menschlichen Gehörorganen ausgehend erlebt wird innerlich. Aber nicht nur im musikalischen Wahrnehmen, bei allem Gedankenleben wird durchströmt der Nerven-Sinnes-Prozess von dem Atmungsprozess in seinem Rhythmus. Dasjenige, wovon der Mensch im gewöhnlichen Leben nichts merkt, das nahm der alte Gelehrte, der Yogi wahr. Er spürte innerlich, wie der veränderte Atem seine Haut durchströmte, wie sich der Atmungsrhythmus hineinsenkte in das Gedankenleben. Was wurde dadurch für die Erkenntnis erlangt? Das können wir uns klarmachen, wenn wir uns einmal hineinversetzen in das Seelenleben, das bei den Menschen jener alten Zeiten vorhanden war, in denen es Yogi-Gelehrte gab, die sich heraushoben mit ihrem besonderen Seelenwesen aus dem allgemeinen Seelenwesen.

[ 23 ] Damals war es nicht wie heute. Die Menschheit hat sich eben durchaus verändert in ihrem Seelenwesen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. Man ahnt gar nicht aus der heutigen äußeren Wissenschaft, wie sehr des Menschen inneres Seelenleben und sein Verhältnis zur Außenwelt anders geworden ist im Laufe der Menschheitsepoche. In jener alten Zeit, die die Yoga hervorbrachte, nahmen die Menschen nicht so wahr die reinen Farben, die wir sehen in der Außenwelt, oder die reinen Töne, die wir wahrnehmen, indem wir in die Außenwelt hineinhören oder die anderen Sinnesempfindungen haben. Wir haben es im Laufe der Menschheitsentwicklung erst dahin gebracht, dass wir das rein Sinnliche um uns schauen, wie wir das heute gewöhnt sind. Aber in älteren Zeiten, da war es für die ältere Menschheit nicht phantastisch, wie der Animismus heute meint, sondern elementar-natürlich, dass man nicht nur, indem man in die Außenwelt hineinsah, die reinen Farben sah, indem man in die Außenwelt hineinhörte, die reinen Töne hörte, sondern es stieg im Seelischen, indem man die Außenwelt ansah, ein Geistig-Seelisches an Vorstellungen auf. In jeder Quelle nahm man ein Geistig-Seelisches wahr, in Blitz und Donner, in den ziehenden Wolken, im sausenden Wind. Man sah nicht nur Farben, man hörte nicht nur Töne, sondern man setzte aus der ganzen Naturgemäßheit der menschlichen Wesenheit heraus ein GeistigSeelisches hinein, wie man das Farbige hineinsetzt durch den Sinn. Dadurch war der Mensch nicht in einer solchen Weise selbstständig, wie wir es heute geworden sind. Auch in dieser Beziehung hat sich die Menschenseele gewandelt. Jener innere Grad von Ich-Bewusstsein, von Selbstständigkeits-Bewusstsein, den wir heute als etwas Selbstverständliches in uns tragen, er war für diese ältere Menschheit nicht vorhanden. Der Mensch wuchs dadurch, dass er sein Geistig-Seelisches untertauchen ließ in Blitz und Donner, in Wolken und Wind, in Pflanze und Tier, er wuchs zusammen mit der Außenwelt, fühlte sich gewissermaßen eins mit dieser Außenwelt. Derjenige, der ein Yoga-Gelehrter wurde und in dieser Weise übte, wie ich es angedeutet habe, der kam dadurch dazu, indem er den Atmungsrhythmus hineintrieb in dieses innerlich-lebendige Denken, sich erst zu erringen dasjenige, was wir heute als selbstverständlich heranerziehen, man möchte fast sagen, womit wir geboren werden; der Yoga-Gelehrte kam hinein in das abstrakte Denken, in das reine Denken. Dadurch aber kam er dazu, das Selbst, das Ich erst recht zu [fühlen]. Er musste sich das Ich-Bewusstsein, das Selbstbewusstsein erwerben, das uns angeboren ist, das in uns durch unsere Erziehung auf eine selbstverständliche Weise entsteht. Und die Ergebnisse dieser Yoga-Erkenntnis, wir sehen sie in einer wunderbaren Literatur, in einer wunderbaren dichterischen Kunst ausgedrückt. Derjenige, der in dieser Weise durch die Yoga hinaufstieg in die geistige Welt, er fühlte sich selbst als Mensch, er fühlte seine Geistigkeit, er fühlte, dass er ein lebendiger, wirklicher Geist ist. Indem er zurücknahm dasjenige, was er sonst im Leben den Dingen mitteilte an Geistigkeit, fühlte er die Wirklichkeit seines eigenen geistigen Selbstes. Daher sehen wir in einer solch wunderbaren Dichtung, wie es die Bhagavad Gita ist, wie beschrieben wird all das Entzücken, all die innere Verwunderung, all das innere Größe-Empfinden, was diese Menschen hatten, die auf diese Weise zu ihrem eigenen Geiste durch ihr gesteigertes Selbstbewusstsein, das sie sich herangezogen hatten auf diese Weise, herankamen. So hat man versucht in jenen älteren Zeiten, einen Erkenntnisweg in die geistige Welt hinein zu gehen. Und vieles von dem, was die Yoga-Gelehrten übergeben haben ihren Mitmenschen, es ist durch die Epochen der Geschichte heraufgezogen, es lebt heute noch als gewisse Sätze, Vorstellungen, Ideen über das Selbst des Menschen. Die religiösen Vorstellungen halten sich daran. Die Philosophen nehmen es auf. Sie wissen nicht, dass das einstmals auf einem gewissen Erkenntniswege durch Menschen gesucht und gefunden worden ist.

[ 24 ] Aber wir modernen Menschen, wir können diesen Weg nicht gehen. Dieser Weg führt etwas sehr Eigentümliches mit sich. Derjenige, der in dieser Weise versucht, in die geistige Welt hinaufzudringen, der wird innerlich außerordentlich sensitiv. Sein innerliches Leben wird in einer solchen Weise regsam, vergeistigt sich so, dass er sich in einer gewissen Art zurückziehen muss vor dem robusten äußeren Leben und seinen Anforderungen. Daher wurden solche Geistsucher, wie ich sie geschildert habe, eben einsame Menschen. Aber in älteren Zeiten hatte man zu solchen einsamen Menschen Vertrauen. Das war eben die Eigentümlichkeit jener älteren Kultur, dass man sich sagte: Um zu wirklicher Weisheit über die geistige Welt zu kommen, muss der Mensch sich vom Leben zurückziehen, muss ein einsamer Mensch, ein Einsiedler werden. Diese Einsiedler muss man fragen, wenn man etwas wissen will über die geistigen Schicksale der Menschenseele. Und so hatte man Vertrauen zu den Einsamen, den Einsiedlern.

[ 25 ] Heute liegt das nicht in unserer Kultur, Heute liegt in unserer Kultur etwas anderes: Der Mensch ist heute auf Tätigkeit hin orientiert. Heute muss der Mensch sich nur dann für tüchtig halten, wenn er in das tätige Leben eingreifen kann, wenn er auch seine Erkenntnisse nur auf einem Wege gewinnt, der angemessen ist dem Mittun mit dem Leben. Heute würden die Menschen kein Vertrauen gewinnen können zu jemandem, der sich absondern muss von dem übrigen Leben, um zur Erkenntnis zu kommen. Daher habe ich diese alten Wege charakterisiert gegenüber dem neuen, den ich dann schildern werde zur Verständigung. Aber es kann, wie gesagt, der alte Weg nicht zu etwas führen, was gleichkäme demjenigen, was eine alte Menschheit durch den Yoga-Weg gehabt hat, auch dann [nicht], wenn diese Menschheit nur in einzelnen einsiedlerischen Exemplaren ihres Geschlechts sich auf diese Weise in die geistigen Welten hinauf lebte.

[ 26 ] Und nun möchte ich noch einen zweiten Weg andeuten, der auch vielfach begangen worden ist und dessen Ergebnisse auch noch in unseren Weltanschauungen, unseren Philosophien, unseren sonstigen Bekenntnissen fortleben, ohne dass man sich über die Quellen klar wäre, der aber schon dem modernen Menschen näher liegt, obwohl er auch nicht so begangen werden kann, wie man gewöhnt war in alten Zeiten. Es ist der Weg der Askese.

[ 27 ] Was hat der Asket gesucht? Er hat herabgestimmt, herabgelähmt die physischen Funktionen seiner Leiblichkeit. Sein Leibesleben musste ein ruhigeres werden als gewöhnlich. Sein Leben musste ein solches werden, das nicht in aller Stärke in die äußere Welt eingriff. Es musste sogar ein solches werden, das sich selber Leid und Schmerzen zufügte, selber in dieser Weise die Askese ausführte, Ein solcher Mensch kam zu ganz bestimmten Ergebnissen, ganz bestimmten Erfahrungen. Diese Erfahrungen muss man nicht missverstehen. Man darf nicht etwa glauben, dass, indem man diese Erfahrungen schildert, gerechtfertigt erscheinen soll die Anschauung, als ob unser Leib, wie er als gesunder besteht, nicht geeignet wäre für unser Leben zwischen Geburt und Tod. Ja, so, wie wir unseren gesunden Leib an uns tragen, ohne asketische Herabschwächung, so ist er geeignet gerade für das vollgültige Leben zwischen Geburt und Tod. Aber derjenige, der der Askese in alten Zeiten sich hingegeben hat, hat doch gemerkt, dass, sosehr auch die menschliche Leiblichkeit für das äußere physische und Sinnesleben geeignet ist, sie doch für die Erfassung, für das Erleben der geistigen Welt umso geeigneter wurde, je mehr sie herabgestimmt, herabgelähmt wurde. Daher gelangt man durch die Askese dazu, die geistige Welt zu erleben. Wiederum ein Weg, den wir heute nicht gehen können, wiederum ein Weg, der untauglich macht für die äußere Welt. Schwächen wir unsere Leiblichkeit, so schwächen wir auch unser seelisches Leben. Wir können nicht für uns selbst tüchtig genug sein; wir können auch nicht zum Heile unserer Mitmenschen wirken. Daher kann die Askese nicht unser Weg sein. Aber es ist doch zum Verständnis außerordentlich wichtig, dass man sich bewusst wird: Es war eine Erfahrung der alten Asketen, dass der menschliche Leib in gesundem Zustand eine Art Hindernis ist für das Sich-Hineinleben in die geistige Welt. Wird dieses Hindernis hinweggeräumt oder geschwächt, dann lebt sich der Mensch insbesondere in die Willensnatur des Geistes, die der Welt zugrunde liegt, hinein.

[ 28 ] Indem ich diese zwei Wege in die geistigen Welten geschildert habe, habe ich Ihnen zu gleicher Zeit scharf betonen müssen: Sie können nicht die unsrigen sein. Diejenigen der verehrten Anwesenden, die sich erinnern an jene Übungen, die ich geschildert habe in meinem letzten Vortrage hier, die werden gemerkt haben, dass ich andere Übungen geschildert habe. Ich möchte sie heute nicht wiederholen, sie können ja das Weitere in den verschiedenen Büchern nachlesen, aber ich will doch eine gewisse Seite rasch charakterisieren, wie diese Übungen verlaufen. Wir wenden uns heute nicht an den Atmungsprozess, wenn wir in anthroposophischer Art den Weg in die geistigen Welten hinein suchen wollen. Wir treten direkt, nicht indirekt durch das Atmen, an unser Denken, unser Gedankenleben heran. Wir bringen sozusagen in das Denken selbst andere Gedankenvorgänge hinein. Wir verlassen in gewissem Sinne dasjenige, was besonders allem abstraktem Denken heute so ungeheure Dienste leistet und solche Triumphe feiert. Wir verlassen dieses abstrakte Denken. Wir geben uns einem meditativen Leben hin, einem gewissen Ruhen auf Vorstellungen, auf Ideen, wie wir es sonst nicht tun, wenn wir in abstraktem Denken stehen bleiben. Wir geben uns einer gewissen inneren Konzentration hin. Wir geben uns, mit anderen Worten, einem übenden Gedankenleben hin, wie sich der alte Inder hingab einem übenden Atmungsleben. Mittelbar ließ er dieses Denken ein anderes werden durch das Atmen. Wir wenden uns direkt an den Gedanken. Wir bringen in das Denken mehr Rhythmisches hinein, während wir sonst im gewöhnlichen Bewusstsein mehr Logisches darinnen haben. Wir erlangen dasjenige nach und nach, was ich charakterisieren kann als die Verlebendigung des Denkens.

[ 29 ] Ja, direkt wenden wir uns mit unseren Seelenübungen an das Denken, und wir gelangen dazu, dass die Gedanken, die wir sonst haben, uns dann gegenüber dem lebendigen Denken mehr oder weniger tot in ihrer Abstraktheit erscheinen. Während der alte indische Yogi gerade das lebendige Denken, das seine ganze Mitwelt und er selbst im gewöhnlichen Leben hatte, zu dem abstrakten Denken, das das Selbst erfassen kann, hinleitete, gehen wir wiederum von dem, was wir als Selbst haben, als abstraktes Denken im Selbst erleben, aus, verlebendigen dieses Denken voll bewusst, sodass wir dadurch zu dem kommen, was ich exaktes Hellsehen nennen möchte. Ich bitte den Ausdruck nicht falsch zu verstehen, es soll nur ein Terminus sein. Dieses exakte Hellsehen, das durch Gedankenprozesse erlangt wird, es hat nichts zu tun mit den unbestimmten mystischen Vorstellungen älterer Zeiten oder auch der Gegenwart. Geradeso, wie sich aus alter Astrologie die moderne Astronomie entwickelt hat, wie sich aus der alten Alchimie die moderne Chemie entwickelt hat, wie diese Wissenschaften mehr nach dem Materiellen hingegangen sind und überwunden haben Astrologie und Alchimie, so führt, um dies zu charakterisieren, das moderne exakte Hellsehen, wie es die Anthroposophie ausbildet, von dem älteren, mehr an dem Materiellen Hängenden — da ja das indische Hellsehen an dem Materiellen hängt —, so führt das moderne Hellsehen, indem es sich an rein geistig-seelische Prozesse nach der Seite des Denkens zunächst wendet, von dem mehr Materiellen der älteren Zeiten in das Geistige hinein.

[ 30 ] Ich möchte Ihnen charakterisieren am modernsten Denken, wie dieses lebendige Denken, dieses exakte Hellsehen, tiefer und immer tiefer in die Welt hineinführt, sodass wir innerhalb des Sinnlichen zuletzt das Übersinnliche, das Geistige wahrnehmen können. Ich muss dabei an gewisse subtile Seiten des menschlichen Seelenlebens kommen, allein, will man wirkliche Wege in die geistige Welt, wahrheitsgemäße Wege in die geistige Welt finden, so muss man sich schon in seelische Subtilitäten einlassen.

[ 31 ] Nehmen wir einmal an, wie der moderne Mensch sich vergegenwärtigt ein Gebilde der höheren Tierheit, ein höheres Tier. Er versucht kennenzulernen, soweit das die Wissenschaft heute kann — aber die Wissenschaft hat Ideale, um das besser und besser zu können, sie wird an etwas aber nicht heranreichen, was ich gleich charakterisieren will —, wir können mit dem heutigen abstrakten Denken uns vergegenwärtigen, wie die Knochen, die Muskeln, die inneren Organe eines Tieres gestaltet sind, wie die einzelnen Lebensprozesse ineinanderfließen. Kurz, wir können uns in unserem abstrakten Denken, das wir heute methodisch in der Forschung in ganz gerechtfertigter Weise ausbilden, vergegenwärtigen Gestalt, innere Lebenswesenheit des höheren Tieres. Dann schauen wir hinüber zu dem Menschen. Wir machen dasselbe am Menschen. Wiederum vergegenwärtigen wir uns, wie sein Knochensystem, sein Muskelsystem gestaltet ist, wie die Lebensprozesse ineinanderfließen und das ganze menschliche Wesen zusammensetzen als eine Organisation. Dann vergleichen wir beides. Wir finden, wie das eine gewissermaßen eine Verwandlung des anderen ist. Wir werden — je nachdem wir gesinnt und gestimmt sind — mehr materialistisch werden wir sagen: Diese Menschengestalt hat sich aus der tierischen Gestalt im Laufe der Zeit entwickelt. Wir werden dann mit mehr oder weniger Recht Darwinianer. Oder wenn wir mehr spirituell oder ideal gesinnt sind, werden wir einen anderen Zusammenhang suchen. Aber ein solcher Zusammenhang ergibt sich, wenn wir vergleichen das höhere Tier mit dem Menschen selbst.

[ 32 ] Das können wir mit demjenigen Denken, das abstrakt ist und das einem gerade dann, wenn man durch das exakte Hellsehen zum lebendigen Denken gekommen ist, als das tote Denken vorkommt; als jenes Denken, durch das wir nur neben den äußeren Dingen stehen können, durch das wir von jedem äußeren Ding und jedem äußeren Vorgang ein inneres Gedankenbild machen können und in äußerlicher Weise vergleichen können.

[ 33 ] Mit dem lebendigen Denken, wie ich es meine, und wie es aus dem charakterisierten Wege entwickelt werden kann im Menschen, mit dem können wir nun auch uns ein innerliches Bild machen von einem höheren Tier. Aber der lebendige Gedanke, er ist dann in der Lage, sich innerlich zu verwandeln, zu wachsen, sodass er von selber übergeht in den Gedanken des Menschen, ohne dass wir erst vergleichen müssen. Wir gelangen dazu, an dem Tier uns nicht einen toten Gedanken zu bilden, den wir dann neben den toten Gedanken des Menschen hinstellen können. Wir gewinnen den lebedigen Gedanken, der sich innerlich umwandelt, der wächst und aus dem selbst innerlich in der Seele nun die Gestalt des Menschen sich bildet. Das ist ja das Eigentümliche unserer heutigen Wissenschaft, wenn sie von Entwicklung spricht, dass sie zwar sagt, das eine Wesen ginge in das andere über, dass sie aber nicht aus dem Gedanken selber, den sie an dem einen Wesen gewinnen kann, in einer solchen Lebendigkeit übergehen kann zu den Gedanken des anderen Wesens, wie das erst beim lebendigen Gedanken der Fall ist.

[ 34 ] Da muss ich aufmerksam machen auf etwas, was diese Verlebendigung des Gedankens charakterisiert, damit ich vielleicht besser verstanden werde in diesen subtilen Dingen. Denken wir einmal, wir nehmen eine Magnetnadel, wir stellen sie in eine bestimmte Richtung, wir stellen sie bald in diese, bald in jene Richtung. In allen Richtungen wird sie sich anders verhalten, als wenn wir sie just in eine einzige stellen, in jene, die die Verbindungslinie bildet zwischen dem magnetischen Erden-Nordpol und Erden-Südpol. Diese eine Linie verhält sich zur Magnetnadel anders als alle anderen Richtungen. Wir sehen, dass wir für die leblose Natur, für den Magnetismus den Raum nicht als unbestimmtes Nebeneinander vorstellen, als unbestimmte Leerheit, sondern dass wir uns vorstellen müssen diesen Raum selbst innerlich durchlebt, also zum Beispiel für die magnetische Richtung eine besondere Raumesrichtung auch, zu der gewissermaßen diese magnetische Richtung gehört. Sodass wir uns nicht den Raum undifferenziert vorstellen können, sondern innerlich differenziert, innerlich gestaltet. Zu einer solchen Anschauung des Raumes kommt das lebendige Denken.

[ 35 ] Wir schauen auf das Tier. Es hat seine Hauptrichtung horizontal, die setzt sich auch in die Kopfrichtung hinein fort. Diejenigen Tiere, die eine aufrechte Kopfhaltung haben, bilden Ausnahmen, auf die kann ich jetzt nicht eingehen. Sonst könnte ich zeigen, dass diese Ausnahmen dasjenige bestätigen, was gesagt werden muss darüber, dass das Tier seine Organisation so hat, weil es in einer bestimmten Raumesrichtung parallel zur Erdoberfläche mit seinem Rückgrat liegt, geradeso, wie die Magnetnadel ihr ruhiges Dasein hat, indem sie in der Richtung von Erden-Nordpol zu Erden-Südpol liegt.

[ 36 ] Nun nehmen wir den Menschen und gehen mit dem Gedanken, den wir uns da bilden von dem Tier — mit vielen anderen, aber zum Beispiel mit dem einzigen von dieser horizontalen Rückgratlinie — nunmehr zu dem Menschen hinüber. Wir verwandeln das tierische Bild selber. Wir stellen in Gedanken die horizontale Rückgratlinie vertikal. Jetzt liegt der Mensch anders im Raume drinnen; er erwirbt sich diese vertikale Raumeslinie. Das ist nur eine Einzelheit. Vieles muss man umfassen, wodurch man erfährt, wie der Gedanke, indem man hinübergeht, indem einfach die Erscheinungen, die inneren Erlebnisse, vieles, was am Tier ist, nicht bloß auf den Menschen übertragen wird, sondern innerlich lebensvoll verändert wird, indem man vom Tier zum Menschen sich hinüberlebt, und nicht erst den Gedanken am Menschen selber ausbildet, dadurch gelangt man aus dem Gedanken, den man am Tier sich lebendig herangebildet hat, innerlich lebendig zum Gedanken des Menschen. Was hat man dadurch? Das hat man dadurch, dass man jetzt ein innerlich lebendiges Denken hat, das sich nicht nur hinstellt und die Tatsachen und Dinge der Welt vergleicht, sondern das untertaucht in die Dinge selbst. Unser Gedanke selbst lebt innerlich so, wie Wachstum im Tier, im Menschen lebt. Wir tauchen unter in die Geistigkeit der Welt. Das ist aber etwas, was sehr leicht bekämpft werden kann, wogegen sich sehr leicht Einwände machen lassen. Und das ist gerade das Eigentümliche anthroposophischer Geisteswissenschaft, dass man sich gerne selber diese Einwände vor die Seele stellt. Denn sicher und exakt soll sein, was Anthroposophie zu sagen hat über die Welt. Daher weise ich selber hin auf das, worauf sie hinweisen könnten, indem ich so vom lebendigen Denken spreche. Ich weise darauf hin, dass wir zum Beispiel in dem so wunderbaren Geistesleben haben einen Oken, einen Schelling, dass diese Denker lebensvolle Gedanken, in einer gewissen Beziehung aber doch nur von Phantasie getragene lebensvolle Gedanken hatten, dass sie gewissermaßen von den Gedanken, die sie an einer Tatsache, einer Wesenheit entwickelten, herausgestalteten; Gedanken über andere Tatsachen, andere Wesenheiten, also das Denken lebendig, wachstumsfähig, umgestaltend machten, wie die Wesen der Welt selber sich umgestalten, wachsend sind. Allein, eines finden wir nicht bei diesen Denkern, was die volle Wirklichkeit desjenigen erst verbürgt, das durch dieses lebendige Denken gegeben wird. Auf das aber muss anthroposophische Wissenschaft hinweisen, weil es einfach erfahren, erlebt wird, indem man in solcher Art, wie es die verschiedenen Bücher schildern als anthroposophische Wissenschaft, zu den lebendigen Gedanken, zu diesem exakten Hellsehen kommt.

[ 37 ] Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man nun wirklich darangeht, an eine solche übersinnliche Welterkenntnis, und den Gedanken eines Tieres, eines anderen Wesens, eines Vorganges ausbildet, und innerlich miterlebend die Gedanken selber umgestaltet, metamorphorisiert — ein Vorgang, den schon Goethe angestrebt hat, und er ist auch schon in einem gewissen Grade weit gekommen, Anthroposophie führt den Goetheanismus weiter aus —, wenn man das immer weiter ausführt, merkt man sehr bald: Mit diesem lebendigen Denken verbindet sich etwas im inneren Seelenleben, was die Wirklichkeit gar sehr verbürgt. Nämlich mit jedem solchen Schritt, indem wir lebendig den Gedanken aus dem anderen Gedanken hervorgehen lassen, legt sich auf das innere Seelenleben Leid und Schmerz. Und ganz notwendig muss derjenige, der in Wahrheit zu einem exakten Hellsehen kommen will, Schmerz und Leid durchmachen. Der lebendige Gedanke, er dringt nicht so hinunter wie der Gedanke «Ich will den Arm bewegen, die Hand bewegen», also ohne dass ich das spüre. Der lebendige Gedanke durchdringt alle menschliche Wesenheit bis in das Leibliche hinein. Allein, das Erlebnis bleibt im Seelischen stehen. Es ist ein Leiderlebnis, und diese Leiden, diese Schmerzen müssen überwunden werden. Dann erst entsteht dasjenige im Menschen, was nun die übersinnliche Erkenntnis voll verbürgt. Derjenige [aber], der in Wahrheit eine solche Erkenntnis sich erworben hat, Sie können ihn fragen, was er über sein Lebensschicksal denkt. Er wird Ihnen jederzeit sagen: Meine Freuden, dasjenige, was ich lustvoll im Leben empfinde, was ich als Glück erlebe, ich nehme es dankbar vom Schicksal hin. Meine Erkenntnisse, dasjenige, was mich wirklich über das innerste Gefüge und Wesen des Menschen aufklärt, das verdanke ich, auch im gewöhnlichen Leben schon, meinen Leiden, meinen Schmerzen, indem ich sie überwunden habe und in Erkenntnis verwandelt habe.

[ 38 ] So bereitet demjenigen, der in dieser Weise besonnen ist, schon der gewöhnliche Lebensschmerz zu denjenigen Leiden vor, die er erleben muss durch die Einwirkung des lebendigen Gedankens auf seine ganze Menschenwesenheit. Aber er muss dieses Leid, diesen Schmerz eben überwinden. Dadurch entsteht das, dass er nun, wenn ich mich des paradoxen Ausdrucks bedienen darf, als ganzer Mensch ein Sinnesorgan wird. So wie wir sonst die einzelnen Sinnesorgane eingegraben haben in unseren Organismus, und durch sie die Sinneswelt wahrnehmen, so werden wir als ganzer Mensch ein Sinnesorgan, wenn wir das leidvolle Erleben, das mit dem lebendigen Gedanken verbunden ist, überwinden. Man kann das einsehen, wenn man sich Folgendes überlegt.

[ 39 ] Nehmen Sie das wunderbar gebildete Auge. Neben anderen Prozessen entsteht, indem wir die Farben durch die Wirkungen des Lichtes sehen, etwas, was wie Zerstörung sich auslebt. Würden wir die feinen Vorgänge, die beim Lichtwahrnehmen im Menschen sich abspielen, erleben, sie würden in uns auch als leiser Schmerz erscheinen. Wir sind aber im gegenwärtigen Menschheitsstadium so robust organisiert, dass wir eben nicht wahrnehmen dasjenige, was auf dem Grunde des Sinneslebens ein leiser Schmerz ist. Das wird überwunden, und es wird die Sinneswahrnehmung neutral empfunden. So ringt sich auch der übersinnlich Erkennende durch Schmerz und Leid hindurch, um ein Sinnesorgan zu werden. Der Ausdruck klingt paradox, aber er ist berechtigt, weil wir mit diesem [Sinnesorgan], das wir als ganzer Mensch werden, eine geistige Welt um uns wahrnehmen, wie wir mit gewöhnlichen Sinnesorganen die physischsinnliche Welt wahrnehmen. So wird der Mensch zum Sinnesorgan, zu einem Erkenner einer geistigen Umwelt. So verbindet sich in ihm dasjenige, was er über Leid und Schmerz durch deren Überwindung hinaufhebt, mit demjenigen, was der lebendige Gedanke ist.

[ 40 ] Wird das in uns Leben, diese Verbindung des lebendigen Gedankens mit dem überwundenen Leid, dem überwundenen Schmerz, dann schauen wir als Erkennender in anderer Weise — sagen wir, um ein Beispiel herauszuheben, das wichtigste Beispiel —, dann schauen wir in anderer Weise auf den Menschen hin, der als physische Gestalt vor uns steht, als wir es früher getan haben. Dann schauen wir so auf ihn hin, dass zwar unsere äußeren Augen diese physische Raumgestaltung sehen, diese Farben sehen, durch die der Mensch sich in der physischen Welt offenbart. Wir sehen alles das, was sich äußerlich offenbart an dem Menschen zwischen Geburt und Tod, sehen es durch unsere Sinne und durch den Verstand, der die Sprache des anderen versteht, der in Gesetzmäßigkeit zusammenfassen kann, was die Sinne schauen. Wenn man sich aber emporgerungen hat zu der Erkenntnis, die ich meine, dann sieht man das Physisch-Sinnliche des Menschen eingebettet in eine seelisch-geistige Gestalt, in ein aurisches Gebilde, in eine Menschen-Aura, die das Geistig-Seelische des Menschen nun darstellt. Diese geistig-seelische Aura, die uns nun das wirkliche GeistigSeelische am Menschen enthüllt, sie wird nicht errungen aus allerlei Phantastereien heraus. Sie wird auf ernsten Erkenntniswegen auch heute errungen, auf jenen ernsten Erkenntniswegen, die den Gedanken auferwecken zur Lebendigkeit, die die Anschauung des Wirklichen zum Verbürgen bringen durch das Überwinden von Leid und Schmerzen bis zur geistigen Sinnesempfänglichkeit, wenn ich mich dieses paradoxen Ausdrucks bedienen darf. Und wenn wir so das Geistig-Seelische des Menschen vor uns sehen, das Aurische, dann sehen wir nicht den gegenwärtigen Menschen nur. Dann blicken wir zurück, wie der Mensch geistig-seelisch war, bevor er heruntergestiegen ist aus einer geistig-seelischen Welt, in der er vor diesem irdischen Dasein gelebt hat und sich mit dem, was im Leibe der Mutter vorbereitet worden ist, zu einem physischen Menschen verbunden hat. Geradeso wie wir heute anschauen den Menschen, wie er wächst, wie wir wissen, wenn ein Mensch erwachsen ist, dass dieses Erwachsensein auf seine Kindheit zurückführt, so sehen wir in dem, was wir heute im Menschen uns offenbaren lassen als Menschenaura, zurückgehend und sehen es gegenwärtig zurückgehend. Das Kind ist nicht vorhanden neben dem erwachsenen Menschen. Das Geistig-Seelische, in dem der Mensch gelebt hat in der geistig-seelischen Welt, bevor er heruntergestiegen ist, das steht in Lebendigkeit vor uns. Es steht vor uns so, dass wir nicht nur in abstrakter Weise von ihm reden können, sondern in aller Konkretheit so, dass ich Ihnen diese Anschauung in der folgenden Weise charakterisieren kann.

[ 41 ] Wenn wir hier im Erdenleben sind — wir schauen in die Außenwelt hinaus, wir sehen droben den wunderbaren Sternenhimmel, wir sehen die ziehenden Wolken, die Reiche der Natur, wir schauen aus unseren Sinnesorganen, aus unseren Augen heraus, wir nehmen aus unseren Sinnesorganen die Außenwelt wahr. Dasjenige, was im Inneren des Menschen lebt, wir nehmen es nicht in der gleichen Weise wahr. Ich habe es heute und auch schon das vorige Mal angedeutet, wie wenig wir das wirklich durchschauen. Wir können die Außenwelt anschauen. Was im Inneren lebt, wir können es durch Anatomie, durch Physiologie uns vergegenwärtigen, aber da betrachten wir nicht den lebendigen Menschen, sondern da betrachten wir den tot gewordenen Menschen.

[ 42 ] Anthroposophie, sie lehrt uns, was da lebt im Inneren des Menschen — ich möchte sagen —, im Inneren der menschlichen Haut selbst, als physische Verkörperung des Menschen. Wunderbar gewiss ist der Luftkreis, der sich um die Erde herum breitet, wenn wir ihn verfolgen mit alledem, was in ihm vorgeht. So wenig die heutige Meteorologie daraus auch erst erkunden kann, wir haben eine wunderbare Gesetzmäßigkeit in diesem Luftkreis. In ihr ist begründet im Grunde genommen alles Leben auf der Erde. Wir schauen in wunderbare Geheimnisse hinein, wenn wir die Gesetzmäßigkeit des Luftkreises durchschauen. Aber viel wunderbarer ist dasjenige, was wir enthüllen können, was in der menschlichen Lunge lebt. Ist der Luftkreis groß und die Lunge klein, auf die Größe kommt es nicht an, hier im Inneren des Menschen lebt ein Organ, wenn wir seine Gesetzmäßigkeit kennen, sie ist großartiger und gewaltiger als die des Luftkreises. Und schauen wir auf die Sonne, den Quell des Lichtes, der Wärme: Alles, was von der Sonne ausgeht, was wirkt auf die Lebewesen der Erde, was sonst wirkt im Weltenraum, es ist wunderbar gewaltig. Schauen wir aber ins menschliche Herz, es ist kleiner als dasjenige, was wir da in gigantischer Größe draußen sehen, aber es ist wunderbarer gestaltet und trägt eine gewaltigere Gesetzmäßigkeit in sich.

[ 43 ] Und so lebt im Inneren des Menschen ein Mikrokosmos, eine kleine Welt gegenüber der großen Welt, hier zwischen Geburt und Tod. Wir sehen den Kosmos, wir sehen nicht diese innere Gesetzmäßigkeit. Unser GeistigSeelisches, wie es war, bevor es heruntergestiegen ist zum physischen Erdenleben, es sah nicht so, wie wir durch unsere Augen die kosmische Außenwelt sehen, aber es sah das Innere des Menschen, das war seine Welt. Und es bereitete sich vor, um hier im Erdendasein dieses Innere des Menschen als seine Welt nun unbewusst zu beherrschen zwischen Geburt und Tod. Wir blicken jetzt mit anderem Verständnis auf dasjenige hin, was unbestimmt geformtes Gehirn des Kindes ist, wie sich das plastisch ausgestaltet. Das wird aus dem herausgestaltet, was unsere Seele angeschaut hat, bevor sie heruntergestiegen ist. Sie sieht den Menschen im Inneren. Sie sieht die Welt, die ihm gegeben ist im menschlichen Inneren, Und indem unser Geistig-Seelisches zwischen Geburt und Tod in uns lebt, und deshalb dieses Innere nicht schaut, weil es in ihm lebt, [aber] die Außenwelt schaut, weil es nicht in ihr lebt, so sieht das Geistig-Seelische vor der Geburt das Innere des Menschen als seine Welt.

[ 44 ] Das ist zunächst die eine Seite des außerirdischen Daseins des Menschen. Die andere bezieht sich auf das, was menschliches Handeln ist, menschliches Verhalten ist. Wir schauen darauf hin in mehr oder weniger äußerlicher Weise durch unsere Sinne und unseren Verstand. Wir finden, wie der Mensch heranlebt von der Kindheit bis in spätere Jahre. Wir finden dann, wie ein Schicksalsschlag kommt, wie der eine Mensch den anderen Menschen findet. Die Menschen finden sich zusammen, sie tauschen gewissermaßen ihre inneren Erlebnisse aus. Dieses Austauschen wird maßgebend für den Rest des Erdenlebens und vielleicht für viel weiter hin. So sieht man das äußerlich an. Man sieht es gewissermaßen so an: Die höhere Erkenntnis zeigt das, wie der Blindgeborene die Farbe ansieht, nicht in seiner wahren Wesenheit sieht man es an. Und wie der Blindgeborene operiert wird und sich in die Farbenwelt hineinlebt und darin etwas ganz Neues sieht, so sieht derjenige, dessen geistige Augen in der heute geschilderten Weise aufgetan sind, in demjenigen, was der Mensch in seinen Taten vollbringt, etwas ganz Neues. Er schaut hin darauf, wie das Kind seine ersten Lebensschritte vollführt, wie Sympathie und Antipathie hervorkommen, wie das Kind heranwächst, wie Sympathie und Antipathie sich ausgestalten, und wie der Mensch, indem er fortwährend in Sympathie und Antipathie lebt, zu den Schicksalsschlägen hingeführt wird. Da redet man nicht mehr davon, dass die Menschen sich durch Zufall nur gefunden haben. Da wird man gewahr, welche tiefe Weisheit in so etwas steckt, wie zum Beispiel Goethes Freund Knebel aus reifer Erfahrung heraus gesprochen hat. Er sagte, indem er sich an Goethe wandte mit dieser altersreifen Weisheit: Wenn man zurückschaut als Mensch in seinem Leben und überblickt, was sich einem ergeben hat seit der Kindheit. Es ist, als ob wir ganz planvoll vom ersten kindlichen Schritt fortgeschritten wären und in innerer Sehnsucht ausgesucht hätten, wozu wir zuletzt gekommen sind.

[ 45 ] Es stellt sich für das exakte Hellsehen heraus, dass das Kind vom ersten Schritte an durch Sympathie und Antipathie geleitet wird und weitergetrieben wird, dass tatsächlich eine innere Sehnsucht unbewusst für das gewöhnliche Bewusstsein lebt, dass wir uns selber hinführen zu dem Schicksalsschlag, der ausschlaggebend ist für das Leben. Indem wir das erweitern, so wie wir einen erwachsenen Menschen anschauen und auf seine Kindheit zurückblicken, so blicken wir auf das, was durch das Aurische im Menschen sich enthüllt, zurück, und wir erblicken den Durchgang des gesamten menschlichen Schicksals durch die wiederholten Erdenleben.

[ 46 ] Wir werden gewahr, geradeso wie unsere Gestaltung als erwachsener Mensch abhängig ist von der Gestaltung in der Kindheit, so ist dasjenige, was wir uns als Schicksal zimmern, das Ergebnis eines früheren Erdenlebens. Und im Zusammenhang damit ergibt sich uns gerade dann, wenn wir ganz Sinnesorgan werden in der geschilderten Weise, dass wir auch wissen können, wie wir leben können, wenn wir den Leib nicht mehr haben, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen und den Leib ablegen. Wir lernen schauen ohne den Leib. Gerade darin besteht das Wesen dieses geistigen Sinnwerdens, dass wir schauen als Geist in die geistige Welt. Daher lernen wir erkennen, wie wir sind, wenn wir den Leib als Leichnam abgelegt haben. Und ebenso, wie wir konkret schildern können, wie wir in das Innere des Menschen vor der Geburt hineinschauen, so lernen wir wieder erkennen, wie sich in uns etwas ausbildet, was durch die Pforte des Todes geht und sich in die geistige Welt wiederum begibt, um ohne den Leib das Leben weiterzuführen.

[ 47 ] Hier sind wir an dem Punkte, wo echte moderne Erkenntnis, die zwar den meisten Menschen heute noch ganz phantastisch erscheint, die aber ebenso exakt begründet ist, wo die moderne Erkenntnis sich mit dem religiösen, dem fromm-religiösen Leben so verbindet, wie sich eben alte Erkenntnis zu religiösem Leben ausgebildet hat. Wenn wir von solchen Erkenntnissen ausgehen, die scheinbar rein wissenschaftliche Erkenntnisse sind, so kommen wir zu den tiefsten Erlebnissen, zur Erfüllung der tiefsten Sehnsuchten des menschlichen Seelenlebens.

[ 48 ] Können wir hindeuten darauf, wie sich ein SeelischGeistiges entringt dem Leiblichen, indem der Leib als Leichnam der Erde übergeben wird, dann werden wir auch gewahr, wie sich anderes entringt dem physischen Erdensein. Wir sehen, wie die Menschen Freundschaften knüpfen, wie sie einander in Liebe zugetan sind, wie sich in der Familie geistig-seelische Bande von Herz zu Herz ziehen. Wir sehen dieses menschliche Leben, wie es Brücken und Bande schafft von Mensch zu Mensch. Indem wir hineinschauen können in die geistige Welt, wie sich die Seele loslöst im Tode, lernen wir auch wirklich allmählich hineinschauen — so sonderbar das heute dem Menschen klingt, es kann davon als von wirklich exakter Erkenntnis gesprochen werden —, wir lernen hineinschauen in die geistige Welt so, dass das, was leiblich ist an allen Freundschafts- und Liebesbanden, an Familienbanden, an all demjenigen, was einem im Zusammenleben mit dem Mitmenschen teuer geworden ist, wir lernen hinschauen auf dasjenige, was daran physisch ist, und auf das, was daran seelisch ist, und wir lernen anschauen, wie sich das Seelische loslöst im Tode, wie sich die Menschenseelen wiederfinden. Die Hand, die wir dem anderen gereicht haben, deren Wärme der Ausdruck war für dasjenige, was von Seele zu Seele erlebt wird, das Pochen des Herzens in Freude, wenn wir in Freundschaft und Liebe Zusammengehörigkeit fühlen, diese physischen Begleittatsachen, sie sterben mit unserem Leiblichen. Dasjenige, was in Ihnen gelebt hat als Geistig-Seelisches, als geistig-seelisches Zusammensein in Freundschaft und Liebe, das entringt sich dem Erdendasein, wie sich das Geistig-Seelische dem physischen Erdenleibe entringt.

[ 49 ] Wir gelangen nicht auf den Wegen nur von Glaubensvorstellungen, sondern auf sicheren Erkenntniswegen zu der Gewissheit, dass wiedergefunden werden diejenigen in geistigem Zusammensein, welche hier auf Erden geistig zusammen waren. Wir lernen erkennen dasjenige, was im irdischen Leben ausgelebt wird, als das Bild eines geistigen Anschauens. Ist es uns wert und teuer, so lernen wir auch erkennen, wie dieses Werte und Teure des Erdenlebens nur die Begründung ist eines weiteren Erlebens, das sich anschließt, wenn sich das Irdische loslösen muss und sich das Geistige dem Irdischen entringt. Und ein religiöses Empfinden, ein religiöses Erleben, ein wahrhaftes Frommsein geht dann hervor aus einer wirklich ernst angestrebten Erkenntnis. Das aber wird dem modernen Leben etwas geben, was, wie ich glaube, jeder unbefangene Mensch zugeben muss, in den Sehnsuchten vieler Seelen heute schon lebt, auch in den Seelen derjenigen lebt, die sich das nicht gestehen, ja, die, wenn man davon spricht, sich vielleicht unwillig und als Gegner abwenden; es lebt auch in diesen. Denn in alledem, was heute den Menschen erhalten ist aus alten Zeiten an geistigen Vorstellungen, liegt schon etwas, was ihn unsicher macht. In alledem, worin er glaubt, als im Glauben leben zu können, wird ihm etwas Unsicheres. Er sehnt sich wiederum nach Erkenntnis des Geistigen.

[ 50 ] Man kann nun sagen: Was geht das Ganze diejenigen an, die es nicht selbst erleben? Ja, erstens habe ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» und anderen Büchern geschildert, was man zu tun hat, und das kann heute jeder Mensch ausführen, der die nötige Geduld und Energie hat, um selber bis zu einem gewissen Grade hineinzukommen in die geistige Welt. Man kann hineinkommen und prüfen, ob so etwas Phantasie ist oder Wirklichkeit, wie ich es heute geschildert habe. Aber, wenn man das selbst nicht kann, man kann doch zur Belebung der heutigen Kultur, zum Heile des sozialen Lebens heute und in Zukunft, durch den gesunden Menschenverstand, auch ohne anthroposophischer Geistesforscher zu sein, sich überzeugen von der Wahrheit des übersinnlichen Erlebens, das heute allerdings ebenso einzelne Menschen erstreben müssen, wie einzelne Menschen nur Astronomen, wie einzelne Menschen nur Naturforscher werden. Aber man wird Vertrauen gewinnen können, wie man in alten Zeiten zu den Einsiedlern Vertrauen gewonnen hat, zu denjenigen, die sich rechtfertigen können, indem sie über die übersinnlichen Welten sprechen. Wie man kein Maler zu sein braucht, um aus gesundem Menschensinn heraus die Schönheit eines Bildes zu durchschauen, so braucht man auch kein Geistesforscher zu sein, sondern nur einen geraden, unbefangenen, durch kein Vorurteil eingeengten Menschensinn zu haben, um aus dem gesunden Menschenverstand heraus einzusehen, was der anthroposophische Geistesforscher als die Ergebnisse des geistigen Erkenntnisweges der Welt kundgibt. Es kann der Mensch heute mit gesundem Menschenverstand die Ergebnisse der Geisteswissenschaft an sich herankommen lassen, wie man die Ergebnisse der Astronomie, der Chemie herankommen lässt, ohne selbst Astronom oder Chemiker zu sein.

[ 51 ] Der Geistesforscher darf sich allerdings heute nicht zurückziehen vom Leben. Er muss sich mitten hineinstellen in das Leben. Denn Vertrauen kann man nur zu dem haben, bei dem man sieht: Der greift im Leben ebenso an, greift ebenso ein in das Leben wie die anderen Menschen. Das Leben muss heute das Leben bewähren, und derjenige der über das Leben etwas zu sagen hat, der muss sich auch mit aller Kraft in das Leben hineinstellen. Daher brauchen wir heute die anders gearteten Erkenntnismethoden in die höheren Welten, als diejenigen sind, die ich vergleichsweise, um zum Verständnis zu führen, als die der älteren Zeiten geschildert habe.

[ 52 ] Was erlangen wir aber dadurch, dass eine solche Erkenntnis der übersinnlichen Welt sich wiederum ausbreitet? Wir haben heute ja auch Begriffe und Ideen von einer geistigen Welt, wenn wir nicht in den blindesten Materialismus versunken sind. Wir haben sie, aber wir sind uns dessen bewusst, dass wir Ideen, Begriffe, Vorstellungen von der geistigen Welt haben, die sind etwas Totes. Schauen wir zurück in ältere Zeiten, wir wollen sie nicht heraufbeschwören, denn die Menschheit muss ja fortschreiten. Das, was in sozialer und anderer Beziehung in alten Epochen erlebt wurde, kann einem nicht sympathischer sein, wir müssen als freie Menschen darüber hinausschreiten. Aber wenn wir zurückschauen, wir müssen uns doch als unbefangene Geschichtsbetrachter gestehen: Da, wo die Vorstellungen entstanden sind, an denen heute noch so viele festhalten, da waren nicht bloß abstrakte Gedanken und Ideen vorhanden, da wussten die Menschen, indem sie sich dem Geistigen zuwendeten im Denken, Fühlen und Wollen, dass das Geistige selbst herabsteige, in die Menschennatur hineinsteige; es ist ein Mitgenosse in der Welt, in der wir leben. Nicht bloß Gedanken, Ideen vom Geistigen haben diese Menschen nach ihrem Bewusstsein gehabt, sondern die Götter, die Geister selber wandelten unter ihnen. Ein solches Wissen, eine solche Erkenntnis brauchen wir wiederum. Wir haben schöne, großartige Gedanken auch über das Geistige, aber es sind Gedanken von einem Geistigen, das ein Fremdes ist dem Menschen, das er sich nur in abstrakten Gedanken vergegenwärtigt.

[ 53 ] Anthroposophie will das Geistige wiederum selber in diese Gedanken einführen, sodass der Mensch sich wiederum bewusst wird, wie er in den besten Epochen des religiösen Schaffens sich bewusst war: Nicht nur Gedanken sind in dem Menschen von dem Geiste, sondern der Geist selber wandelt mit uns herum. Wie wir Menschen hier im physischen Leibe auf der Erde leben und indem wir ein Geistig-Seelisches, ein Unsterbliches in uns tragen, das sich in der Weise dem Physischen entringt, wie wir es heute dargestellt haben, so wandeln wir hier unter den unsichtbaren Wesenhaftigkeiten der Geisteswelt. Wir sind als Menschen da, die Geisteswelt wird wiederum als Lebendiges uns bewusst. In anderer Weise wirkt solch ein Bewusstsein, dass die geistige Welt unser lebendiger Mitgenosse ist, dass wir nicht auf abstrakte, kraftlose Gedanken vom Geist angewiesen sind. In anderer Weise wirkt diese geistige Welt auf uns ein. Es macht unsere Erkenntnis zu etwas, was uns wiederum mit religiösem, auch mit künstlerischem, mit vollmenschlichem Inhalt erfüllt, sodass wir uns voll in das ganze Erdenleben, ja in das ganze Weltenleben hineinstellen können, dass wir die Ahnung bekommen von dem, was wir als zeitlicher Mensch für das ewige Dasein zu bedeuten haben. Aber auch Handlungsimpulse bekommen wir, welche kräftiger und gewaltiger sind als diejenigen, die bloße Ideen sind.

[ 54 ] Und das ist etwas, was heute auch im sozialen Leben zu bemerken ist, dass die Menschen nicht mehr eine lebendige Geistigkeit in sich tragen, und daher hinuntersinken, wenn sie vom sozialen Leben sprechen, in Instinkte und Triebe. Wir sehen im Osten furchtbar, wie die Menschen, weil sie eine lebendige Geistigkeit verloren haben, ein Verderben bringendes soziales Leben entfalten, das als drohendes Gespenst auch über Europa lagert. Es muss besiegt werden. Es kann aber nur besiegt werden, wenn die Menschen sich bewusst werden der lebendigen Geistigkeit, die aufgenommen werden kann in Gedanken und in den Willen und mit der der Mensch als mit etwas Lebendigem und nicht mit etwas Totem leben kann, für sich selber erkennend, aber auch als soziales Wesen unter sozialen Wesen, mit denen er begründen kann, als mit geistigen Impulsen, die ihm aus der ihm bewussten geistigen Welt heraus gegeben sind, dasjenige, was gerade die ernsten Seelen erhoffen und ersehnen als aufsteigende Kräfte unserer Kultur; unserer Kultur, die so viele Niedergangskräfte in sich hat, die aber besiegt werden müssen. Was als Aufgangskräfte in unserer Zeit wirken kann, was uns ersprießen kann aus dem Geiste, den wir lebendig aufnehmen, das ist das, was die ernsten Seelen heute ersehnen und erhoffen, was die Menschheit braucht, um in der Gegenwart in richtiger Weise leben zu können, um aus dieser Gegenwart heraus in die komplizierte Menschenzukunft hinein zu leben.

[ 55 ] Für Gegenwart und Zukunft, für den Fortgang unserer Kultur, den wir erstreben müssen, erstreben müssen mit allen Kräften, brauchen wir den lebendigen Geist. Anthroposophie will nicht etwas Phantastisches sein, sondern, wenn auch vielleicht heute noch mit schwachen Kräften, in ihrer Art ein Weg zum lebendigen Geiste. Sie will das Verhältnis des Menschen zu diesem lebendigen Geiste ergründen, damit der Mensch das finde, was er gerade braucht, um die Aufgangskräfte gegenüber den Niedergangskräften zu finden für die Gegenwart und namentlich für die nächste Menschheitszukunft.