Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele
GA 80b
14 May 1923, Oslo
12. Seelenewigkeit des Menschen vom Gesichtspunkt der Anthroposophie
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Fürs Erste muss ich auch diesmal, wie bei früheren Vorträgen, die ich hier halten durfte, um Entschuldigung bitten, dass ich nicht in der Sprache des Landes den Vortrag halten kann. Da mir das nicht möglich ist, muss ich den Versuch machen, mich in meiner gewohnten Sprache verständlich zu machen. Fürs Zweite bitte ich zu entschuldigen, dass ich mit einer Erkältung hier angekommen bin, sodass vielleicht auch dadurch der Vortrag da oder dort gestört wird. Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man in der Gegenwart über eine Frage spricht wie die für das heutige Thema angekündigte, eine Frage, die ja zusammenhängt mit den tiefsten Bedürfnissen, den tiefsten Sehnsuchten der Menschenseele, dann entsteht ja aus der heutigen Zeitbildung heraus der Einwand, dass über solche Fragen wissenschaftlich, erkenntnismäßig, überhaupt nicht gesprochen werden könne, dass man sich begnügen müsse für solche Fragen, stehen zu bleiben bei den traditionellen Glaubensvorstellungen, bei demjenigen, was Empfindung und Gefühl über diese Dinge sagen. Das ist nun einmal die heute gewohnte Ansicht, und daher wird alles dasjenige, was von dem Gesichtspunkte einer wirklichen geistigen Erkenntnis, wie sie hier geltend gemacht werden soll, vorgebracht wird, eben heute als etwas Absonderliches empfunden werden. Alles dasjenige, was hier vorgebracht wird, was als Gesichtspunkte geltend gemacht wird, will durchaus auf demselben Boden stehen, den man gewohnt ist, als den wissenschaftlichen anzusehen im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, wo die zu einem großen Erfolg gelangten Naturwissenschaften eigentlich ihre Höhe erstiegen haben. Aber wenn man nur diejenige Erkenntnismethode, die in der heutigen Wissenschaft zur Anwendung kommt, gelten lässt, so kann man eben nicht einen Weg finden in jene Gebiete hinauf, in denen die Antworten gesucht werden müssen, soweit sie den Menschen möglich sind in solchen Fragen wie diejenigen, die wir heute behandeln wollen: die Fragen der Seelenewigkeit, der Ewigkeit des innersten Wesens des Menschen.
[ 2 ] Nun, dieser hier geltend gemachte Standpunkt will nichts weiter als fortsetzen, die naturwissenschaftliche Methode fortsetzen, aber nicht etwa nur bis zu denjenigen Punkten, von denen man den Ausblick gewinnen kann in jene übersinnliche Welt, von der aus allein ein möglicher Gesichtspunkt gewonnen werden kann für die ewige Natur des Menscheninneren. Man muss, will man zu einer solchen Erkenntnis gelangen, überhaupt zunächst sein Augenmerk richten auf die Erkenntnisvorstellungen selber. Man muss sich fragen, ob nicht eine Erkenntnis, die stehen bleiben will innerhalb des gewöhnlichen Bewusstseins, wie wir es anwenden gegenüber den Naturerscheinungen, wo wir es verändern durch Messen, durch die Versuche mit der Waage, durch Zählen, Rechnen und so weiter, ob denn, wenn wir mit der Erkenntnisvorstellung innerhalb des gewöhnlichen Bewusstseins stehen bleiben, überhaupt ein Aufblick in die übersinnliche Welt möglich ist, ob nicht eine ganz andere Erkenntnisvorstellung gewonnen werden muss. Und damit wir uns über eine solch andere Erkenntnisvorstellung verstehen, meine sehr verehrten Anwesenden, lassen Sie mich ausgehen zunächst von einem Vergleich; ich will durch diesen Vergleich von vornherein nichts beweisen, sondern mich nur verständlich machen, damit dasjenige, was ich dann in mehr beweisender Art anfügen werde, eben in der richtigen Weise erfasst werden kann.
[ 3 ] Wir kennen ja für das gewöhnliche Leben zwei stark voneinander verschiedene Bewusstseinszustände des Menschen. Wir kennen den Zustand des Wachens, in dem wir vom Morgen bis zum Abend sind, und wir kennen dann den Schlafzustand zum Beispiel, in dem wir heraußen sind aus den gewöhnlichen Lebensverhältnissen und aus dem aufsteigen die bunt schillernden Träume, denen wir, wenn wir auf einem vernünftigen Standpunkt stehen, nicht denselben Wirklichkeitswert zuschreiben wie demjenigen, was wir im wachen Zustande erleben.
[ 4 ] Aber bedenken wir: Wodurch kommen wir denn überhaupt dazu, von den Träumen, die aus dem Schlafzustande heraufziehen, überhaupt so zu sprechen, dass sie einen zwar interessanten Charakter tragen, oftmals aber, dass sie einen geringeren Wirklichkeitswert haben oder vielleicht in gewissem Sinne gar keinen Wirklichkeitswert haben gegenüber dem, was wir wachend erleben? Wir kommen zu der Beurteilung der Traumeswelt nur dadurch, dass wir eben erwachen, und dass wir durch das Erwachen in einen ganz anderen Bewusstseinszustand kommen. Was geschieht denn mit dem Erwachen? Wir schalten namentlich unsern Willen in unsern Körper, in unsere körperlichen Verrichtungen ein. Auf den Willen kommt es an, meine sehr verehrten Anwesenden. Denn, auch was wir durch die Sinne wachend wahrnehmen, das wird im Wesentlichen dadurch bedingt, dass wir beim Aufwachen den Willen auch in die Sinne, in die Sinnesorgane einschalten; indem der Wille gewissermaßen in unsern ganzen Organismus hineinfährt, unsern ganzen Organismus ergreift, werden wir fähig, durch unsern Organismus uns in die natürliche Außenwelt einzuschalten. Und durch das, was wir da erleben nach dieser Einschaltung, sind wir imstande, den Wirklichkeitswert des Traumes eben zu beurteilen. Wir könnten niemals innerhalb des Traumes selbst zu einer anderen Ansicht über den Traum kommen als zu derjenigen, dass der Traum volle Wirklichkeit darbietet. Solange wir träumen, sehen wir alles dasjenige als wirklich an, was der Traum uns in seiner bunt schillernden Mannigfaltigkeit darbietet.
[ 5 ] Da lassen Sie uns einmal — meine sehr verehrten Anwesenden — eine gewisse recht gewagte paradoxe Hypothese annehmen. Denken Sie nur einmal, wir würden unser ganzes Erdenleben hindurch niemals erwachen, sondern fortwährend träumen. Wir würden dann für unser bewusstes Erdenleben uns ausgefüllt haben mit all den Vorstellungen, die wir eben kennen aus den Träumen. Und man könnte sich zur Not durchaus denken, dass deshalb trotzdem durch irgendwelche Naturkräfte oder meinetwillen durch geistige Wesen, die uns zu unseren Handlungen treiben, zu alldem, was wir vom Morgen bis zum Abend tun, dass trotzdem unser äußeres Leben so verläuft, wie es verläuft. Wir würden nur nichts mit wachen Vorstellungen begleiten. Wir würden etwas ganz anderes tun, von dem wir nichts wissen, aber wir würden unser ganzes Erdenleben hindurch träumen. Und wir würden niemals auch nur zu dem Gedanken kommen, dass das nicht die wahre Wirklichkeit ist. Denn dass wir Dinge angreifen, mit Augen sehen, wie wir es im wachen Zustande haben, das würde gar, gar niemals eintreten.
[ 6 ] Also, wir können unsern Traumzustand niemals nur vom Gesichtspunkt des Wachens aus beurteilen. Da entsteht allerdings, wenn man eine solche Sache ernst nimmt, wenn man nicht, wie an den gewohnten Ereignissen des Lebens, auch so aus Gewohnheit leichtfertig vorübergeht, sondern wenn man eben solche ernst nimmt, dann entsteht dennoch gerade gegenüber den tieferen Seelenfragen diese hypothetische Anschauung: Ja, ist es denn nicht vielleicht möglich, gewissermaßen auf einem höheren Gesichtspunkte, auch wiederum von unserm gewöhnlichen alltäglichen Wachen neuerdings zu einem höheren Bewusstseinszustande zu erwachen? Lässt sich denn nicht denken, dass man geradeso, wie man aus dem Traum heraus erwacht in die alltägliche Wirklichkeit, dass man aus dieser alltäglichen Wirklichkeit zu einem höheren Bewusstsein erwache? Dass es also ein höheres Bewusstsein gäbe, von dem aus wir den Wirklichkeitswert der alltäglichen Welt, in der wir sind vom Morgen bis zum Abend, so beurteilen würden, wie wir vom Wachzustand aus den Wirklichkeitswert des Traumes beurteilen?
[ 7 ] Ich habe Ihnen das zunächst — meine sehr verehrten Anwesenden — als eine Frage hingestellt, als eine ganz hypothetische Frage. Derjenige wissenschaftliche Gesichtspunkt, den ich hier geltend zu machen habe, der zeigt nun, dass es tatsächlich dem Menschen möglich ist, zu einem solchen zweiten Erwachen zu kommen, zu einem Erwachen, das sich so ausnimmt, wie sich jener Ruck in das Leben vom Schlafen und Träumen, der gewöhnliche Wachzustand, wie sich der ausnimmt; so, auf einer höheren Stufe, nimmt sich der andere aus, wo man aus diesem gewöhnlichen alltäglichen Leben erwacht zu einem höheren Zustande, von dem aus einem dieses alltägliche Leben erscheint, ebenso wie vom alltäglichen Leben aus die Träume.
[ 8 ] Nun gehört, um überhaupt einen solchen Gesichtspunkt einzunehmen, etwas dazu, was ich in diesem Zusammenhang immer nenne intellektuelle Bescheidenheit. Diese intellektuelle Bescheidenheit ist dem heutigen Menschen nicht gerade eigen. Der heutige Mensch sagt sich zwar: Nun, als ich ein kleines Kind war, da träumte ich gewissermaßen in das Leben herein; da ließ ich — ich musste ja das — an mich herankommen die Erziehung durch die Eltern, durch das Leben selber. Ich war in meiner ganzen Seelenverfassung ein anderer Mensch. Jener intellektualistische Standpunkt, den ich mir errungen habe, ich habe ihn ja nicht herein zur Welt mitgebracht; ich habe ihn mir ja erst aus dem dumpfen, träumenden Bewusstseinszustande des Kindes herausentwickelt. Das gibt zwar der Mensch heute zu, aber dabei bleibt er auch stehen. Denn jetzt sagt er: Nun ja, ich habe diesen Standpunkt; was von diesem Standpunkte aus mir wahr erscheint, ist wahr. Was von diesem Standpunkte aus mir falsch erscheint, ist falsch. Ich bin durch diesen Standpunkt, den ich mir einmal errungen habe, der souveräne Herrscher über Wahr und Falsch, über Irrtum und Richtigkeit.
[ 9 ] Ja, diese Geste der Unbescheidenheit, sie darf man nicht haben, wenn man zu wirklichen Erkenntnissen über die übersinnliche Welt aufsteigen will. Da muss man sich sagen: Ebenso wie man sich herausentwickelt hat aus dem dumpfen, träumerischen Seelenzustand des Kindes, so muss man voraussetzen, dass man auch von dem Standpunkte der Seele, zu dem man jetzt einmal gekommen ist, den man als erwachsener Mensch einnimmt, dass man sich von dem aus weiterentwickeln kann. Produziert man nun eine solche Weiterentwicklung, so wird sich ja zeigen, ob ein solches zweites Erwachen, wie ich es hypothetisch konstruiert habe, möglich ist.
[ 10 ] Nun wendet man sich ja zunächst, wenn man in wirkliche, exakte Geistesforschung eintreten will, an diejenigen Erkenntnis- und Seelenkräfte, die schon da sind, selbstverständlich. Denn nicht an irgendetwas anderes kann der Mensch sich in Bezug auf seine Seelenverfassung wenden als dasjenige, was schon da ist. Das kann er versuchen, weiterzuentwickeln.
[ 11 ] Nun gibt es eine Seelenkraft, der gegenüber heute schon selbst einsichtigere Philosophen zugeben, dass, wenn man sie richtig anschaut, sie bereits auf die ewige Wesenheit des Menschen deutet; sie deutet darauf, aber man will eben diese Seelenkraft nicht weiterentwickeln. Man will einfach philosophische Spekulationen über sie anstellen. Das heißt, man will geradeso, wie wenn der Träumer nicht aufwachen wollte, sondern über den "Traum weiter träumen wollte, um sich einen Aufschluss über den Traum zu geben, so will man eben in der gewöhnlichen Wirklichkeit stehen bleiben. Man will nicht ein zweites Mal aufwachen. Diejenige Seelenkraft, die ich meine, sie ist ja jenseits der Erinnerungskraft. Ich will mich, weil ja die Zeit dazu selbstverständlich nicht da ist, sonst könnte es durchaus sein, hier nicht in weitmaschige philosophische Auseinandersetzungen einlassen, sondern ganz beim populären Bewusstsein bleiben. Aber stellen wir uns einmal vor durch dieses populäre Bewusstsein, wie denn die Erinnerungskraft, Gedächtniskraft im Menschen eigentlich wirkt? Ereignisse, die wir vielleicht vor Jahrzehnten durchgemacht haben, sie werden, sie werden rein vorstellungsgemäß aus den Tiefen der Seele heraufgeholt oder meinetwillen, sagen wir, aus den Tiefen des menschlichen Wesens, damit wir gar keine Hypothese über die Seele aufstellen. Aus den Tiefen des menschlichen Wesens heraus wird im Gedankenbilde vor die menschliche Seele gezaubert dasjenige, was vor Jahren vielleicht in aller Lebendigkeit durchgemacht worden ist. Was liegt denn da eigentlich vor? Da liegt das vor, dass wir in der Erinnerung, im Gedächtnis etwas haben, was sich von allem übrigen Verhalten des Menschen zur Außenwelt unterscheidet, wenn er diese Außenwelt wahrnimmt. Um die Außenwelt wahrzunehmen, muss sie da sein. Wenn die Augen sehen, muss dasjenige, was gesehen wird, da sein. Wenn die Ohren hören, so muss dasjenige, was gehört wird, da sein und so weiter. Die Gegenwart des zu Erlebenden wird von der Wahrnehmung vorausgesetzt. Bei der Erinnerung haben wir etwas in der Seele, was jetzt nicht gegenwärtig ist; was so wie eine Wahrnehmung vielleicht vor langer Zeit, sehr langer Zeit, vielleicht vor Jahrzehnten gegenwärtig war, was jetzt nicht mehr da ist, wird durch die Erinnerung vor unsere Seele gezaubert.
[ 12 ] Von dieser Tatsache geht die hier gemeinte Geisteswissenschaft aus, aber nicht philosophisch spekulierend, sondern diese Tatsache aufgreifend nunmehr und im Anschlusse durch Übungen die Seele weiterentwickelnd. Die Frage ist diese: Wenn wir durch die gewöhnliche Erinnerung imstande sind, etwas in den Vorstellungen, in den Gedanken zu haben, was nicht mehr da ist, aber einmal in unserem Erdenleben da war; können wir vielleicht nicht auch durch irgendwelche Seelenverrichtungen solche Vorstellungen bekommen, die sich auf etwas beziehen, was niemals im Erdenleben da war, was also eine höher entwickelte Erinnerung ist, eigentlich aber keine Erinnerung, sondern eine Vorstellungswelt, wo die Erinnerung so weit entwickelt ist, dass etwas vorgestellt ist, das nicht einmal da war? Das kann erreicht werden dadurch, dass man wirklich das Gedankenleben weiter ausbildet, als man es gewöhnt ist für das gewöhnliche Bewusstsein.
[ 13 ] Hier wird nicht kritisiert — meine sehr verehrten Anwesenden —, sondern es werden eben nur Tatsachen des Seelenlebens dargestellt. Denn für die Naturwissenschaft und für das gewöhnliche Bewusstsein ist das alles richtig für den praktischen Menschen, was eben sein Bewusstsein in Anspruch nimmt, dass man sich den äußeren Eindrücken hingibt und passiv erlebt an den äußeren Eindrücken die Gedanken.
[ 14 ] Aber damit dieses zweite Erwachen, dieses höhere Erwachen zustande kommen kann, von dem ich gesprochen habe, muss man sich mit aller inneren Tätigkeit und Aktivität dem Gedankenleben hingeben, den Gedankenkräften. Ich habe die Dinge, die hier in Betracht kommen, dargestellt in meinen Büchern: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft»; ich will hier nur das Prinzipielle andeuten.
[ 15 ] Man greift auf, ganz gleichgültig wie er sich zur Wirklichkeit verhält, irgendeinen überschaubaren Gedankeninhalt. Überschaubar muss er sein, damit man sich nichts suggeriert. Und immer wieder wird natürlich gesagt, dass diejenige Weltanschauung, die ich hier vertrete, ja auch eine Autosuggestion oder dergleichen sein kann. Derjenige, der wirklich das sieht, wie die Seele zu dem zweiten Erwachen kommt, wird diesen Gedanken wirklich aus sachlichen Gründen aufgeben, dass es sich hier um irgendeine Autosuggestion oder um irgendetwas dergleichen handeln könne. Also: Überschaubare Vorstellungen werden in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt. Dann wird in strenger Seelenkonzentration und meditativ alle Kraft der Seele darauf verwendet, nun diese Vorstellungen durch eine gewisse Zeit hindurch eben im Bewusstsein zu haben. Da merkt man dann, wie etwas in den Seelenkräften eintritt, das ich mit Folgendem vergleichen kann: Wenn Sie die Muskeln Ihres Armes immerfort anstrengen, dann werden diese Muskeln des Armes wesentlich verstärkt. So werden die Seelenkräfte verstärkt, wenn Sie sie mit aller Energie auf eine immer wiederkehrende Vorstellung richten. Je nach der Begabung des Menschen, dauert es für den einen vielleicht wenige Wochen, für den andern viele Jahre. Das hängt ganz davon ab, wie eben die Seelenverfassung ist, die der Mensch in sich hat. Aber durchgeführt müssen für wirkliche geistige Forschung solche Übungen werden.
[ 16 ] Dann tritt dasjenige ein, was nicht verwechselt werden darf mit dem, was man heute oftmals Hellsichtigkeit nennt, die natürlich auf allen möglichen untergeordneten, mit den menschlichen organischen Funktionen zusammenhängenden Betätigungen [beruht]. Dasjenige aber, was hier erworben wird — meine sehr verehrten Anwesenden —, setzt voraus, dass jeder Schritt während des Übens selber mit solcher Besonnenheit vollzogen wird, wie der Mathematiker seine Rechenexempel besonnen vollzieht für die mathematische Wissenschaft; sodass man genau ebenso exakt weiß, wie man übt, wie man jeden Schritt der Seele vorwärts macht, wie der Mathematiker gewöhnt ist, seine Dinge auszuführen. Nur arbeitet das eine Mal der Mathematiker in den objektiven Formen, und hier arbeitet man in den eigenen Seelenkräften, die man vorwärtsbringt.
[ 17 ] In dieser Weise gelangt man dazu endlich, zu merken: Es kommt der Zeitpunkt, wo man merkt: Du lebst jetzt in einer ganz anderen Gedankenkraft als früher. Früher war die Gedankenkraft eben abstrakt. Du konntest über etwas nachdenken durch deine Gedanken; und jetzt, jetzt erlebst du innerlich die Gedankenkraft als eine wirkliche Kraft, wie du die Wachstumskraft erlebst, wie du die Pulsation deines Blutes erlebst, jetzt erlebst du das Denken und Tätigwerden als ein Reales in dir. Jetzt sieht man ein, dass Erinnerungskraft, die auch in Gedanken lebt, nur, man möchte sagen, eine Verdünnung — wenn ich mich bildlich ausdrücken darf — desjenigen ist, was man jetzt erlebt als eine wesentlich verstärkte Gedankenkraft, die in einem pulst, wie organische Kräfte pulsen. Man erlebt die Realität des Denkens. Und man erlebt diese Realität des Denkens dadurch, dass man sich wirklich jetzt in etwas fühlt, in dem man sich bisher nicht gefühlt hat. Man hat sich bisher in seinem physischen Leibe gefühlt; jetzt fängt man an, sich in einem zweiten, höheren Menschen zu fühlen.
[ 18 ] Und dieser zweite, höhere Mensch nimmt dann eine sehr bestimmte Gestalt an. Dasjenige, was wir als Mensch, so wie wir herumgehen im gewöhnlichen Leben, sind, das sind wir dadurch, dass wir einen Raumesleib an uns tragen, einen fleischlichen Raumesleib. Jetzt erleben wir das, was ich nennen möchte: einen Zeitleib, man kann ihn auch ätherischen oder Bildekräfteleib nennen, wie ich es in meinen Büchern getan habe. Wir erleben nämlich, dass auftaucht wie ein mächtiges Tableau — sagen wir —, auftaucht ein Überschauen unseres bisherigen Erdenlebens von dem Zeitpunkte an, den wir erreicht haben, rückwärtsgehend bis in die erste Kindheit. Wie man sonst nur Raumes-Tableau erlebt, so erlebt man jetzt ein Zeit-Tableau: Das ist das ganze bisherige Erdenleben, das auf einmal überschaulich auftritt. Es ist die erste übersinnliche Erfahrung, die der Mensch machen kann, sein eigenes Erdenleben auf einmal als Tableau vor sich zu haben.
[ 19 ] Nun kann jemand sagen: Ja, aber vielleicht ist das doch nur ein etwas komplizierteres Erinnerungsbild. Man könnte sich ja auch dasjenige zusammenstellen, was man erlebt hat in Gedanken, und dann einen fortlaufenden Erinnerungsstrom daraus bilden. Dann könnte man ja dieses Bild als Erinnerungsbild bekommen.
[ 20 ] Und vielleicht nur durch einige Selbsttäuschung zustande gebracht ist dasjenige, was du uns da schilderst, auf Grundlage deines aktivierten Denkens erworben, doch nichts anderes als ein solches Erinnerungsbild. Das wäre es ganz gewiss, wenn es sich nicht seinem Inhalte nach unterschiede! Wenn man nämlich wirklich diesen Dingen so gegenübersteht, wie man es gewöhnt ist als Wissenschafter, wissenschaftlichen Dingen gegenüberzutreten in den Laboratorien, in physikalischen Kabinetten, auf der Klinik und so weiter, dann prüft man jetzt: Wie ist ein gewöhnliches Erinnerungsbild, stellen uns vor, wie Menschen an uns herangekommen sind, wie sie das oder jenes uns gegenüber getan haben, wie das oder jenes uns sympathisch oder antipathisch berührt hat und so weiter und so weiter. Es stellt uns dieses Erinnerungsbild vielleicht auch dar, wie Naturerscheinungen an uns herangekommen sind. Aber immer ist es dieses Herankommen, was die Hauptsache ist beim bloßen Erinnerungsbild. Bei diesem Tableau, auf das ich jetzt aufmerksam gemacht habe, da ist es nicht so, dass die Dinge an uns herankommen, sondern da kommt alles aus uns heraus. Da erscheint uns vorzugsweise das, wie wir aus den inneren Kräften der Seele an die Naturerscheinungen herantreten, an die Menschen herantreten. Es erscheint uns alles dasjenige, was aus dem Innern herauskommt. Es ist die wirkliche Selbsterkenntnis, die reale, konkrete Selbsterkenntnis, die da auftritt, und zwar zunächst für das bisherige Erdenleben. Wenn wir vergleichen dasjenige, was wir da überschauen, dann müssen wir sagen: Es verhält sich zu einem gewöhnlichen Erinnerungsbild, das wir uns machen über unser bisheriges Erdenleben, wie der Siegellackabdruck zu dem, was im Petschaft ist: Es ist das richtige Reversbild. Und wer ebenso vergleichen kann, der weiß, dass [ist] jetzt die erste Stufe einer neuen Erkenntnis, einer erhöhten Erinnerung, die aber jetzt nicht mehr Erinnerung ist, sondern die jetzt ein imaginatives Überschauen des Erdenlebens darstellt. Das ist die erste Stufe, wo man fühlt, dass man diesen höheren Menschen, den Zeitmenschen, in sich trägt, dass das nicht etwas ist, was der Raumesleib aus sich herauszaubert, sondern dass das etwas ist, was selber an diesem Raumesleib gearbeitet hat, seit wir auf der Erde als Menschen sind. Denn die Kräfte, die in diesem Zeitleib liegen, wir erkennen sie als von der gleichen Art, wie die Wachstumskraft, wie dasjenige, was zum Beispiel, während wir Kind waren, in wunderbarer Weise modelliert hat unser erst unplastisches Gehirn, ich möchte sagen amorphes Gehirn, zu jener wunderbaren Gestalt, die dieses Gehirn nach und nach bekommt und so weiter und so weiter.
[ 21 ] Und lebt man sich ein in diesen Zeitleib des Menschen, dieser ersten Stufe der übersinnlichen Erlebnisse des Menschen, dann muss man allerdings auch die engherzige IchVorstellung zunächst ablehnen, die man dadurch hat, dass man eben mit seinem Ich ruht innerhalb seiner menschlichen Haut. Jetzt fühlt man sich wie zusammengehörig mit dem ganzen Kosmos. Man fühlt nun sich wirklich in seinem Ätherleib, in seinem Zeitleibe, als ein Glied des ganzen Kosmos. Und man bekommt ganz real die Vorstellung: Wenn ich einen Finger abschneide von meinem Organismus, dann ist das kein Finger mehr; der Finger hat nur einen Sinn im Zusammenhang mit dem Organismus. So hat man, indem man sich zu diesem Zeitleibe hinüberlebt, das deutliche Bewusstsein: Du hast als Mensch in dieser höheren Wesenheit nur einen Sinn als ein Glied des ganzen ätherischen Kosmos; du gehörst dem ätherischen Kosmos an. Das Ich erkennt sich jetzt in seiner Bedeutung als Erdenmensch erst so recht, weiß, dass es eigentlich jene Ich-Empfindung, die der Mensch als Erdenmensch hat, gerade dem physischen Raumesleib verdankt.
[ 22 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, das ist aber nur die erste Stufe jener übersinnlichen Erkenntnis, die erworben werden kann, um das Ewige der menschlichen Seele zu erfühlen. Die folgende Stufe, sie führt eigentlich erst in Wahrheit zu jenem zweiten Erwachen. Denn wir haben ja mit der ersten Stufe nichts anderes erreicht als Selbsterkenntnis des Erdenmenschen. Die höhere Stufe wird nun dadurch erreicht, dass man mit derselben Kraft, mit der man zunächst sich ganz konzentriert hat auf Vorstellungen im aktiven Denken, dass man mit derselben Intensität des Seelenlebens solche Vorstellungen wiederum wegschafft aus dem Bewusstsein; nur muss man immer wiederum darauf zurückkommen. Es handelt sich bei all diesen Vorgängen um nichts Suggestives, sondern um etwas, was mit vollster Besonnenheit wie das mathematische Operieren verläuft. Aber dennoch, indem man sich in starker Weise hingibt solchen Vorstellungen, solchen Gedanken, die man in der geschilderten Weise in den Mittelpunkt seines Bewusstseins rückt, ist man eben zunächst doch an diese Vorstellungen ganz hingegeben. Man kommt schwerer los als von den passiv erworbenen Vorstellungen des gewöhnlichen Bewusstseins. Man muss daher eine stärkere Kraft anwenden, als man sonst anwenden muss, um etwas zu vergessen oder aus dem Bewusstsein fortzuschaffen. Aber das ist gut; denn dadurch, dass man diese stärkere Kraft anwendet, dadurch gelangt man zu einem weiteren, höheren Bewusstseinszustand.
[ 23 ] Sie brauchen ja nur — meine sehr verehrten Anwesenden — ehrlich daran zu denken, was im menschlichen Bewusstsein eintritt, wenn die gewohnten, passiv erworbenen Vorstellungen aufhören. Denken Sie sich nur einmal, die Sehvorstellungen hören auf und man weiß — es sind ja solche Versuche auch in den psychologischen Laboratorien gemacht worden —, der Mensch schläft ein. Das ist dasjenige, was nun eben beim Menschen nicht eintreten kann, wenn er als Geistesforscher zunächst alle Seelenkraft konzentriert hat auf bestimmte Vorstellungen und dann sie wieder wegschafft. Dann tritt für ihn jener Zustand ein, den ich nennen kann das tiefste Schweigen der menschlichen Seele, leeres Bewusstsein. Und mit diesem tiefsten Schweigen der menschlichen Seele ist eigentlich etwas außerordentlich Bedeutsames gesagt. Indem man also die erst mit aller Kraft in das Bewusstsein hereingebrachten Vorstellungen wiederum herausschafft, hat man zunächst ein leeres Bewusstsein. Das ist einfach so, man kann warten im bloßen Wachzustand auf dasjenige, was sich nun dem inneren Seelenleben ergibt; aber es tritt eben etwas ein, was ich nur bezeichnen kann mit dem tiefen Schweigen der Seele.
[ 24 ] Damit wir uns über dieses Seelenerlebnis verständigen, lassen Sie mich folgenden Vergleich gebrauchen. Denken Sie sich, wir wären zunächst in einer der modernen großen Städte, wo so richtiges Getöse, furchtbarer Tumult herrscht, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen kann, wenn man auf der Straße geht. Dann entfernt man sich von der Stadt, geht fünf Minuten weiter weg, es wird immer stiller; weitere fünf Minuten weg wird es noch stiller, immer stiller, denken wir uns, wir kommen dann in die tiefe, schweigsame Einsamkeit des Waldes; wir können sagen: Da schweigt alles ringsherum. Unsere Seele kommt mit dem Schweigen der Umgebung selber in Schweigen. Aber sehen Sie, wir haben damit noch nicht jenes Schweigen erlangt, von dem ich jetzt spreche als dem tiefen Schweigen der Seele. Wenn man von dem Schweigen des Waldes gegenüber dem Getöse der Großstadt spricht, so sagt man, dass das Laute ganz allmählich aufhört. Bei dem Zustand Null, gegenüber dem lauten Getöse bei dem Zustand Null angekommen, nennen wir das dann Ruhe.
[ 25 ] Aber — meine sehr verehrten Anwesenden — es gibt da etwas, was noch über die Null hinausgeht! Denken Sie sich einmal, einer hat ein Vermögen; er gibt von diesem Vermögen immerfort aus, bis er wenig hat, ja, bis er weniger hat als nichts. Das sehen wir, dass man da insbesondere heutzutage nicht stehen bleibt, wenn man nichts hat, sondern man gibt weiter aus. Wie macht man das? Man geht unter die Null herunter, man geht, wie der Mathematiker sagt, ins Negative hinein, in dasjenige, was Schulden sind gegenüber dem Vermögen, in dasjenige, was negativ ist gegenüber der Null, was weniger ist als die Null. Denken Sie sich das für das Schweigen. Wir können von dem lauten Getöse bis zur Ruhe — Null — kommen; können aber noch weitergehen, sodass wir herunterkommen in Regionen des Schweigens, die stärkeres Schweigen sind, als das bloße Null-Schweigen. Und in solchen Regionen, wo eine größere Ruhe drinnen ist als die Ruhe Null, in solche Regionen kommt das Seelenleben hinein, wenn es in der Weise, wie ich es angedeutet habe, die erst kraftvoll in das Bewusstsein gesetzten Vorstellungen auslöscht. Dann kommt die Seele in das wachende Leere gegenüber den inneren Erlebnissen. Dann tritt aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus die der sinnlichen entgegengesetzte Welt, die objektive geistige Welt, die aus dem lauten Treiben der sinnlichen Welt uns in dieser sinnlichen Welt mit ihren Vorgängen entgegentritt. So tritt dem Geistesforscher, der auf der Stufe angekommen ist, die ich geschildert habe, gegenüber dem tiefen Schweigen der Seele die geistige Welt entgegen und er befindet sich in der geistigen Welt, stufenweise, so wie sich der Mensch durch seine Augen, durch seine Ohren in der physisch-sinnlichen Welt befindet. Und dem tiefen Schweigen der Seele offenbart sich die positive geistige Welt.
[ 26 ] Und dann kann man weitergehen in seinen Übungen: So wie man eine Vorstellung wegschaffen kann, so kann man dieses ganze Bild des Lebens, das man auf der ersten Stufe seines übersinnlichen Erkennens, wie ich es geschildert habe, erlebt hat als richtige Selbsterkenntnis, das kann man nun mit aller Kraft wegschaffen, seinen Zeitmenschen wegschaffen, wie man in dem Erkenntnismomente, wo man zu dem Zeitmenschen gekommen ist, seinen Raumesmenschen schon weggeschafft hat mit seiner starken Ich-Empfindung. Jetzt kann man den Zeitmenschen wegschaffen. Und aus dem Schweigen der Seele heraus entzündet sich einem — wenn man gegenüber der eigenen Selbsterkenntnis, der realen Selbsterkenntnis zu dem wachen Bewusstsein im tiefen Schweigen der Seele gekommen ist —, offenbart sich einem jetzt nichts [Gleichzeitiges], sondern mit dem Hinwegschaffen seines Zeitmenschen tritt man ein in diejenige Welt, in der man war, bevor man heruntergestiegen ist, um den für einen von Eltern, Voreltern zubereiteten physischen Leib anzunehmen. Aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus offenbart sich einem neben den gleichzeitigen geistigen Welten-Vorgängen das eigene geistig-seelische Wesen, das man war, bevor man zu diesem Erdendasein heruntergestiegen ist. Jetzt schaut man hinein in das Leben, das man durchmacht mit anderen, rein geistig-seelischen Wesen, bevor man ein irdisches — wenn ich so sagen darf — Kleid angenommen hat; das Dasein des Menschen vor der Geburt oder eigentlich vor der Konzeption, tritt jetzt vor das seelische Schauen an den Menschen heran.
[ 27 ] Das — meine sehr verehrten Anwesenden — ist dasjenige, um was es sich bei dem hier vertretenen Gesichtspunkt handelt. Man beginnt nicht zu spekulieren von irgendeinem Punkte aus, um darauf zu kommen, ob es eine Seelenunsterblichkeit gibt oder nicht. Man verspricht sich davon nichts. Denn das wäre so, wie wenn einer aus dem Träumen, aus dem Traum selber sich Aufklärung holte. Er muss aufwachen, um sich über den Traum aufzuklären. Jetzt wacht man im tiefen Schweigen der Seele auf einer höheren Stufe auf, und man klärt sich auf über dasjenige, was das Erdendasein ist. Es wird gestaltet von demjenigen Dasein, das man durchgemacht hat, bevor man durch die Geburt schritt, beziehungsweise durch die Konzeption, und zu diesem Erdendasein heruntergestiegen ist. Geisteswissenschaft in dem hier gemeinten Sinne will die Methode aufzeigen, durch die die Anschauung des Ewigen in der Menschenseele gewonnen werden kann. Damit aber — meine sehr verehrten Anwesenden — ist die zweite Stufe der Geisteserkenntnis, durch die wir neben den Geheimnissen der Welt auch die Geheimnisse des eigenen Wesens uns verschaffen können, erklommen.
[ 28 ] Eine dritte Stufe wird erklommen dadurch, dass etwas nun Erkenntniskraft wird, das im gewöhnlichen Bewusstsein nun auch nicht Erkenntniskraft ist, ebenso wenig, wie die Erinnerungskraft eine eigentliche Erkenntniskraft ist. Wir erinnern uns an dasjenige, was wir erlebt haben. Ebenso wenig ist eine andere Kraft der Seele eine Erkenntniskraft. Und wenn ich sage, sie soll eine Erkenntniskraft werden, dann werden etwaige Wissenschafter, die dasitzen — ich kann das ganz gut begreifen; denn wie man als Wissenschafter zunächst über diese Dinge denken muss, das weiß ich sehr gut; niemand sollte eigentlich unter voller Verantwortung über das hier geltend gemachte, exakte geistige Erkennen sprechen, der nicht voll vertraut ist mit den gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methoden —, also wenn Wissenschafter von den bisherigen Ausführungen nicht eine leise Gänsehaut erhalten haben, so werden sie sie wenigstens erhalten, wenn ich nun auch noch in Anspruch nehme, dass eine Kraft, die sonst im gewöhnlichen Leben eine ungeheure Rolle spielt, aber nicht wissenschaftlich in Anspruch genommen werden soll im gewöhnlichen Leben, dass diese nun als Erkenntniskraft für die Seele in Anspruch genommen wird: Das ist die Kraft der Liebe.
[ 29 ] Liebe spielt ja gewiss eine ungeheure Rolle im Dasein, aber man sagt, sie sei blind. Sie darf nicht irgendwie als Erkenntniskraft in Anspruch genommen werden. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man die Erkenntniskraft so weit getrieben hat, dass man zum tiefen Schweigen der Seele gekommen ist, dann tritt innerhalb dieses tiefen Schweigens der Seele vor allen Dingen auch das ein, was man nennen könnte das deutliche Gefühl: Du musst zunächst, wenn du erkennen willst, entbehren den Anblick der äußeren Sinneswelt. Du musst dich herausziehen aus deinem physischen Leibe, herausziehen sogar aus deinem Zeitleibe. Und dann schwindet sozusagen jenes derbere, an den physischen Leib gebundene Ichgefühl sehr stark dahin — noch weiter, als ich das früher geschildert habe, wo man sich mit dem Zeitleib schon eins fühlt mit dem ganzen kosmischen Dasein.
[ 30 ] Aber wenn man durch Übungen, die ebenfalls in den genannten Büchern in den Einzelheiten geschildert sind, [sich] bekannt macht mit dieser Entbehrung, die da als ein wirkliches Gefühl auftritt — Entbehrung des physischen, Entbehrung des Zeitleibes —, wenn man hinschaut auf das Dasein, wie man war, bevor man in das physische Erdendasein heruntergestiegen ist, dann erlebt man etwas wie einen tiefen Schmerz der Seele. Und eigentlich ist die wahre höhere Erkenntnis durchaus aus dem Schmerze herausgeboren.
[ 31 ] Glauben Sie nicht — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass man, wenn man ehrlich ist, schildern kann, dass aus Lust heraus die höhere Erkenntnis geboren ist! Sie ist aus dem Schmerz herausgeboren. Und man muss nach und nach Ertragsamkeit gewinnen gegenüber diesem Schmerze. Wenn man Ertragsamkeit dem Schmerze gegenüber gewinnt, dann lernt man als solcher Geistesforscher, in etwas anderer Art auch in das physisch-sinnliche Dasein immer wieder zurückzukehren. Denn, Sie werden ja begreifen: Dasjenige, was ich geschildert habe als im Momente höherer Erkenntnis, die man auf die charakterisierte Weise erwirbt, die hat man ja nur ganz kurze Zeit immer. Man ist nicht etwa immer entrückt, wenn man ein Geistforscher ist, in eine höhere Welt; man muss ja immer wieder und wiederum, wenn man die höhere Welt durchschritt, zurückkehren in eine gewöhnliche, sinnlich-physische Welt. Aber man kehrt aus dem Momente des höheren Anschauens zurück, indem man zunächst in tiefem Schmerz hat entbehren gelernt diese physisch-sinnliche Welt. Da bekommt man einen ganz anderen Standpunkt gegenüber dieser physisch-sinnlichen Welt. Da muss man tatsächlich kennenlernen dasjenige, was man Opfergefühl nennen kann — das Opfergefühl, das darinnen besteht, dass der Mensch wirklich sich mit vollem Bewusstsein an das andere Wesen, nicht bloß aus Instinkt, sondern mit vollem Bewusstsein an das andere Wesen oder auch an die anderen Naturvorgänge hingibt. Während der Instinkt in der Liebe so wirkt, dass er gewissermaßen einpfahlt in den physischen Leib die Liebesempfindung, kann die Liebe, wenn sie hinaufgetragen wird und ausgebildet wird als Hinopferung an das andere, an die geistige Welt und auch an die physisch-sinnliche Welt, wenn man wieder zurückkehrt, kann die Liebe so entwickelt werden, dass sie in leibfreier Seelentätigkeit verläuft.
[ 32 ] Dann — meine sehr verehrten Anwesenden — wird diese Liebe selber allmählich zur Erkenntniskraft. Und dann lernt man eben kennen, was man eigentlich nur dann kennenlernen kann, wenn die Liebe zur Erkenntniskraft wird. Sehen Sie, durch die Liebe kommen wir ja in ein Verhältnis zu einem anderen Wesen, das uns zunächst fremd sein kann, indem wir uns nahestehend fühlen dann, wenn wir unser eigenes Dasein in sein Dasein hinübertragen. Wir müssen gewissermaßen von unserm Wesen eine Brücke zu dem fremden Wesen durch die Liebe bilden.
[ 33 ] Wenn die Liebe auf einem höheren Niveau, möchte ich sagen so erwacht, wie ich das eben angedeutet habe, dann erlangen wir wie ein fremdes Wesen unser Ich wiederum, das wir ja auf dem Wege, den ich geschildert habe, verloren haben. Aber wie erlangen wir unser Ich? Indem dasjenige, was wir waren in früheren Erdenleben, was uns so fremd ist wie in diesem Erdenleben eine andere Persönlichkeit — indem das ergriffen wird durch die durchgeistigte, veredelte, auf ein höheres Niveau erhobene Liebe. Unser Ich wird uns nicht früher zurückgegeben, als bis wir es in Liebe als ein ganz Fremdes erfassen können. Wir haben es nicht begehrt. Wer es begehrt zu sehen, dieses Ich — wie es in früheren Erdenleben gelebt hat, dann durch die Zeit durchgegangen ist, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegt, in der wir uns wahrnehmen können aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus, ehe wir zum Erdenleben heruntergestiegen sind —, indem wir zurückschauen zu dem früheren Erdenleben, wie es war vor diesem rein geistig-seelischen Leben, entdecken wir unser Ich.
[ 34 ] Aber wir müssen zunächst, ich möchte sagen ganz selbstlos die höhere Liebe ausgebildet haben als eine Erkenntniskraft, dann ergibt sich uns unangestrebt die Einsicht in frühere Erdenleben. Dann wissen Sie ja: Diese früheren Erdenleben mussten wir durchmachen. Und sind wir aber auch aufgestiegen — meine sehr verehrten Anwesenden —, sodass wir das eigene Ich sehen können, wie es war, und wie es einen anderen Leib als diesen gehabt hat, den wir jetzt seit der Geburt bis zu diesem Zeitpunkte des Erdenlebens tragen, in diesem Augenblicke sind wir dazu gelangt, uns wirklich ganz leibfrei erfassen zu können; das heißt, erkennend den Moment zu durchleben, den wir dann real durchleben, wenn wir durch den Tod gehen. Da legen wir den physischen Leib in Wirklichkeit ab.
[ 35 ] In der Erkenntnisstufe, die in Liebe errungen ist, legen wir den physischen Leib für die Erkenntnis ab. Und wir erleben uns in demselben Elemente, in dem wir sein werden, wenn wir mit unserem ewigen Inneren durch die Pforte des Todes hindurchschreiten in die geistige Welt, aus der wir heruntergestiegen sind zum physischen Erdendasein. Und so erleben wir die Unsterblichkeit erkennend, wie wir erst — verzeihen Sie, dass ich den Ausdruck gebrauche — die Ungeborenheit erkennend erleben.
[ 36 ] Aber die Ewigkeit der Menschenseele besteht aus diesen beiden, aus der Ungeborenheit — für die wir in unserer heutigen gebildeten Sprache nicht einmal ein Wort haben — und aus der Unsterblichkeit. Nur wenn man die beiden begreift als zwei Seiten der Ewigkeit der Menschenseele, kommt man an dieses Begreifen wirklich heran. Heute, in den intellektuellen Vorstellungen, behandeln leider die Menschen auch diese Dinge mit einem gewissen Egoismus. Sie sagen sich, ohne dass sie dies aussprechen, mehr unbewusst sagen sie sich: Nun, dasjenige, was unserem Erdenleben vorangegangen ist, das interessiert uns nicht, denn wir sind ja da. Es interessiert uns, dass wir da sind. Aber das interessiert uns, was nach dem Tode geschieht, denn das wissen wir noch nicht.
[ 37 ] Sehen Sie, das ist ein Egoismus. Aber dem ergibt sich nicht die Erkenntnis. Die Erkenntnis ergibt sich nur dem unegoistischen Wesen. Daher kann auch keiner eine wirkliche Erkenntnis von der Seelenunsterblichkeit gewinnen, der nicht den Willen dazu hat, eine Erkenntnis aus der Seelenungeborenheit zu erringen. Denn aus Seelenungeborenheit und aus Seelenunsterblichkeit setzt sich das Ewige der Menschenseele zusammen.
[ 38 ] Damit ergibt sich auch der Ausblick auf die wiederholten Erdenleben, weil eben auf der dritten Stufe der Erkenntnis, nach dem Voll-Erwachen hinaus in die geistige Welt, die Erinnerung nicht nur hineinerstreckt wird in das vorirdische Dasein, sondern hinauserstreckt wird in die vorher durchlebten Erdenleben-Daseinsstufen.
[ 39 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wir wissen, da steht wirklich vor uns ein zweites Aufwachen der Seele. Aus dem Träumen heraus schalten wir uns mit dem Willen in den Leib ein. Dadurch leben wir in der Raumeswelt. Während sonst die Bilder verlaufen und wir als Träumende die verlaufenden Bilder als Wirklichkeiten hinnehmen — erwachen wir, so erkennen wir den Bildcharakter. Aber wodurch sind denn Bilder Bilder? Sie sind es dadurch, dass sie hinter sich gewissermaßen die Wirklichkeit nicht haben, dass sie als Bilder dastehen. Indem wir erwachen, schalten wir uns in unsere Leibesfunktionen ein. Ich möchte sagen: Rot sehen wir als Rot, ob wir wachen oder schlafen, gleich; den Ton hören wir, ob wir träumend oder wachend sind, gleich. Aber indem wir wach sind, eingeschaltet haben unsern Willen in die Leibesfunktionen, gehen wir gewissermaßen in die Realitäten hinüber — reden jetzt [wieder] nicht von philosophischen Spekulationen, sondern ganz innerhalb des populären Bewusstseins —, über die harten Dinge hinüber. Dadurch sind wir erwacht, dass wir gewissermaßen die Sinneswahrnehmungen nicht beim Bild behalten, sondern über die harten Dinge hinüberbreiten. Wir sind in dasselbe Element eingeschaltet, das uns die Dinge der Welt im Sinnendasein, im physischen Dasein darbietet.
[ 40 ] Jetzt haben wir uns stufenweise als Geistesforscher eingeschaltet in die neue Welt. Warum haben wir das getan, sehr verehrte Anwesende? Wenn Sie vergleichen das Denken, das Fühlen, das Wollen des Menschen, wie es in der Seele auch beim wachen Zustande vorhanden ist, so ist es ja eigentlich ein Träumen. Wir wachen ja nur eigentlich mit der Außenwelt zusammen in den Sinnesvorstellungen und den Gedanken, die diese Sinnesvorstellungen kombinieren. Sobald wir in unser Inneres schauen im gewöhnlichen Bewusstsein, träumen wir ja. Sogar unsere Gedanken sind, wenn wir uns einwärts wenden, mehr oder weniger [Traumesvorstellungen] — und erst unser Fühlen und unser Wollen, das bleibt ja traumhaft, sogar das Wollen schlafend.
[ 41 ] Denn, was wissen wir, wenn wir irgendeine Handlung beschlossen haben, wie sich diese Handlung, die wir in der Vorstellung vor uns haben, als Vorstellung hinunter fortsetzt in unsere Glieder, sodass wir anfangen, die Glieder zu bewegen? Das sieht man ja erst durch Geisteswissenschaft ein, was da in den Muskeln, was da im ganzen Organismus vor sich geht; sonst bleibt ja dasjenige, was Willenshandlung ist, im Schlafzustande befangen. Wir haben zunächst nur die Vorstellung. Dann geht alles hinunter in den unbewussten Zustand. Dann tritt wieder die Vorstellung des Geschehens auf. Und dass durch das Wollen eintritt dasjenige, was Seelen von sich selber nur träumen, auch im Wachzustande, das schalten wir stufenweise durch verstärktes Denken, durch das tiefe Schweigen der Seele, durch die zur Erkenntniskraft erwachte Liebe in das Geistdasein des Menschen ein — wie wir einschalten beim gewöhnlichen Erwachen den Willen in das Körperdasein. Dadurch lernen wir beurteilen vom Gesichtspunkte des Ewigen im Menschen das gewöhnliche sinnlich-physische Leben, das wir zwischen Geburt und Tod absolvieren, wie wir vom Standpunkt des sinnlichphysischen Lebens den Inhalt des Traumes einschalten, erkennen werden. Wir treten auf diese Weise in das Ewige ein — erkennend!
[ 42 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Immer wieder und wiederum muss ich bei einer solchen Gelegenheit sagen: Natürlich ist der Einwand gegeben: Diese Dinge gehen ja nur den an, der eben ein Geistesforscher werden will, der in diese Welten hineinsieht. Nein — meine sehr verehrten Anwesenden —, der Geistesforscher selber hat eigentlich von diesen Dingen für seinen Menschen erst etwas, wenn er sie heruntergebracht hat in das gewöhnliche Vorstellen, in die gewöhnliche Sprache, in das gewöhnliche Leben. Und das kann für jeden Menschen geschehen, der diese Dinge auch vom Geistesforscher hört. Geradeso, wie man sich angewöhnt hat, die Dinge hinzunehmen, die der Botaniker mit seinen schwierigen Methoden erkundet oder der Astronom mit seinen schwierigen Methoden erkundet, so wird man sich eben nach und nach daran gewöhnen müssen, die Dinge, die der Geistesforscher, nachdem er Rechenschaft abgibt über seine Methode, wie ich sie heute charakterisiert habe, die Dinge, die der Geistesforscher erkundet, sie wird man hinnehmen, hinnehmen umso leichter — meine sehr verehrten Anwesenden —, als zwischen dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstande und diesen Wahrheiten dasselbe Verhältnis besteht wie zwischen dem richtigen ästhetischen Geschmack und einem schönen Bilde. Man muss ein Maler sein, um ein schönes Bild zu malen; aber man muss kein Maler sein, um das Bild in seiner Schönheit zu beurteilen! Man braucht dazu nur gesunden Geschmack zu haben.
[ 43 ] Man muss Geistesforscher sein, um die Dinge so wissen zu können, wie sie geschildert worden sind. Aber geradeso wenig, wie man Maler zu sein braucht, um beurteilen zu können die Schönheit eines Bildes, geradeso wenig braucht man Geistesforscher zu sein, um bei völlig gesunden Menschenverstand einzusehen dasjenige, was der Geistesforscher sagt, wie man sieht bei richtigem Geschmack dasjenige, was der Maler malt — abgesehen davon, dass heute, für den heutigen Menschen bis zu einer gewissen Stufe es möglich ist, dass jeder ein Geistesforscher werden kann. Derjenige, der sich vertieft in die Bücher, die ich genannt habe, der die entsprechenden Übungen macht, kann heute, gleichgültig, in welchem Beruf, in welcher Lebenslage er ist, zum Mindesten so weit kommen, dass er in einer völlig einwandfreien Weise das kontrollieren kann, was ich am heutigen Abend gesprochen habe, und noch manches andere.
[ 44 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Was ist das für eine Erkenntnis, was also in das Ewige der Seele hineinführt? Es ist eine Erkenntnis, die nicht bloß den Kopf des Menschen ergreift. Es ist eine Erkenntnis, die den ganzen Menschen als Erkenntnis ergreift. Für dasjenige, was farbige Welt ist, wird das Auge ergriffen. Für dasjenige, was Tonwelt ist, wird das Ohr ergriffen. Für dasjenige, was Naturgesetze sind, wird der menschliche Verstand ergriffen. Für dasjenige aber, was geistige Welt ist, wie ich sie heute hier angedeutet habe, wird der ganze Mensch ergriffen.
[ 45 ] Daher gestatten Sie mir, dass ich, um das zu erläutern, zum Schluss etwas Persönliches sage, was aber nicht persönlich gemeint ist, sondern doch ganz objektiv gemeint ist. Wenn man dasjenige, was einem in der geistigen Welt sich offenbart, wirklich erfassen will, man braucht Geistesgegenwart dazu, denn es schlüpft sozusagen schnell wiederum hinweg; es ist flüchtig. Dasjenige, was gewissermaßen durch einen Fortschritt der Erinnerungskraft errungen ist, es prägt sich nur schwer der gewöhnlichen Erinnerung ein. Man muss alle Kraft anwenden, um das, was man in der geistigen Welt erschaut, zu der gewöhnlichen Sprache, zu den gewöhnlichen Erinnerungsgedanken herunterzubringen. Ich würde nicht vortragen können über diese Dinge, wenn ich nicht versuchen würde mit allen Mitteln, die sich mir ergeben, dasjenige, was in der geistigen Welt erschaut werden kann, nicht auch wirklich in die Region der physisch hörbaren Gedankenworte herunterzubringen.
[ 46 ] Sehen Sie, da kann man nicht mit dem bloßen Kopf erfassen, da muss der ganze Mensch gewissermaßen zum Sinnesorgan werden, aber zum geistig entwickelten Sinnesorgan. Daher versuche ich jedes Mal — es ist das mein Brauch, ein anderer hat einen anderen —, daher versuche ich jedes Mal, wenn sich mir etwas ergibt aus der geistigen Welt, nicht bloß, dass ich, indem ich es aus der geistigen Welt herausbekomme, zu durchdenken, sondern es auch aufzuschreiben oder mit irgendeinem charakteristischen Striche aufzuzeichnen; sodass auch die Arme und Hände als seelische Organe daran beteiligt sind, also etwas anderes noch als der bloße Kopf, der nur in abstrakten Vorstellungen bleibt. Der ganze Mensch muss an diesen Erkenntnissen beteiligt sein. Ich habe auf diese Weise ganze Wagenladungen von Notizbüchern vollgeschrieben, die ich nie wieder anschaue, die nur dazu da sind, um beschrieben zu werden, um eben hereinzuarbeiten dasjenige, was aus der geistigen Welt, geistig erschauten Welt ist, wirklich in die physische Welt; damit es dann [formiert] werden kann, wirklich in Worte gekleidet werden kann mit den Gedanken — mit denen sonst Erinnerungen gebildet werden oder die man sonst im Leben anwendet —, auch wirklich durchdrungen werden kann. So erlangt man eine Wissenschaft, die sich auf den ganzen Menschen bezieht.
[ 47 ] Ich werde morgen dann an demselben Ort hier zu zeigen haben, meine sehr verehrten Anwesenden, wie diese Wissenschaft uns die Möglichkeit bietet, die Kulturentwicklung des Menschen nicht nur zu verstehen, sondern sie auch vielleicht sozial zu fördern, wie aber namentlich diese Wissenschaft eine Grundlage ist — eine wahre, reale Grundlage für eine wahre, echte Pädagogik — der Erziehungskunst. Diese Dinge, wie die Menschenerziehung und die Menschenentwicklung sich im Lichte dieser geisteswissenschaftlichen Weltanschauung ausnehmen, das werde ich dann morgen zu schildern haben.
[ 48 ] Heute wollte ich nur die Vorstellung davon hervorrufen, wie dieser geisteswissenschaftliche Standpunkt bestrebt ist, dem Menschen durch eine Erkenntnis, die gewissermaßen auf einem zweiten Erwachen beruht, dem Menschen die Seele in ihrer Ewigkeit für das volle Leben wiederum zurückzugeben.
[ 49 ] Wir haben es ja aus unserem Zeitbewusstsein heraus erleben müssen, sehr verehrte Anwesende, dass gerade die Gelehrsamkeit gesprochen hat von «Seelenlehre ohne Seele», in einem gewissen Sinne — ich werde diese Frage morgen zu berühren haben — von Religion sogar ohne Gott.
[ 50 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, will wiederum in der vollen Intensität dem Menschenwesen die Seele, das Ewige der Seele geben, will dem religiösen Bewusstsein den religiös-göttlichen Inhalt wiedergeben für Menschenentwicklung und Menschenerziehung, dass dem Menschen gerade dadurch seine volle Würde zum Bewusstsein kommt und er — im Bewusstsein dieser seiner Würde, die sich ihm ergibt aus seiner Erkenntnis des Zusammenhanges seiner Seele mit dem Ewigen, mit den urewigen göttlich-geistigen Weltenkräften — dazu kommt, dass dem Menschen bewusst wird, dass diese Würde zu seinem wahren Wesen gehört, wie der physische Leib, wie irgendetwas, das im alltäglichen Leben steht und mit ihm zusammenhängt, zu seinem Leben gehört.
[ 51 ] Das ist dasjenige, wonach sich als einem Wissen doch schon viele, viele Menschen der Gegenwart sehnen, wenn sie es auch nicht zu ihrem vollen Bewusstsein bringen. Dasjenige, was heute die Menschen quält, worüber sie Unruhe des Lebens fühlen — was sie im Grunde genommen nervös macht, was sie so treibt, dass sie sich wie unterhöhlt fühlen hier in ihrem ganzen Dasein —, das ist die brennende Frage nach den ewigen Kräften, den zugrunde liegenden zeitlichen Kräften, die wir im gewöhnlichen und im sozialen Dasein entfalten müssen; dass sie — wollen die Menschen eine Erkenntnis haben von diesen ewigen Kräften — die hier gemeinte Geisteswissenschaft finden, Methoden finden, die zu dieser Erkenntnis führen den Menschen, sodass er, der Mensch, auch von dieser Erkenntnis her in das soziale Leben so einzugreifen vermag, dass er sich und seinen Mitmenschen nicht nur ansieht als etwas, das gewissermaßen hingetragen wird vom Strome des Erdendaseins — das geboren wird mit der Geburt und stirbt mit dem Tode —, sondern dass er sich vielmehr ansehen lernt als etwas, das dahin geführt wird durch alle Ewigkeiten, hindurchgeführt wird durch das Sternenziel des Menschen, durch das kosmische Ziel, dass dieses kosmische Ziel allen Erdenzielen erst den rechten Sinn gibt.
[ 52 ] Von diesem kosmischen Sinn, des Sinnes der Erdenziele, möchte Anthroposophie zu den Menschen sprechen. Das ist dasjenige, was sie als Gefühl und Empfindung des Zusammenhanges der Menschenseele mit allen ewigen Kräften des Daseins für die Menschen der Gegenwart und der Zukunft in den Seelen wiederum erwecken möchte.
[ 53 ] Und das — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man ehrlich mit sich zurate geht, man wird es sich gestehen müssen: Das braucht man als Mensch der Gegenwart. Das wird man immer mehr und mehr brauchen als Mensch der Zukunft.
