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An Impetus for Renewal in Culture and Science
Berlin University Course
GA 81

6 March 1922, Berlin

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1. Anthroposophie und Naturwissenschaft

1. Anthroposophy and the Natural Sciences

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Es war der Wunsch des Komitees für diese Hochschulwoche, daß ich an jedem Tage durch einige Ausführungen einleite, was im Laufe des Tages wissenschaftlich zur Verhandlung kommen soll. Es ist das ja wohl so eingerichtet worden aus der Anschauung heraus, daß durch Anthroposophie die einzelnen Wissenschafts- und Lebenszweige eine gewisse Befruchtung erfahren sollen; und nur in diesem Sinne, als einleitende Bemerkungen zu den Verhandlungen des Tages, bitte ich Sie diese ersten Vorträge aufzufassen. Was mich immer am meisten gewundert hat bei der Entgegennahme der anthroposophischen Forschungsmethode, das ist der Widerstand, der insbesondere von philosophisch-naturwissenschaftlicher Seite — ich sage nicht: rein von naturwissenschaftlicher Seite — der Anthroposophie entgegengebracht wird, und zwar aus dem Grunde, weil man glaubt, daß Anthroposophie in einer unberechtigten oppositionellen Weise den Methoden der Naturwissenschaft gegenüberstehe, welche sich in so fruchtbarer Art im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben. Und mir scheint, daß unter all den Dingen, die in bezug auf Anthroposophie von unserer Zeitgenossenschaft am allerschwersten eingesehen werden, das ist, daß Anthroposophie gerade gegenüber der Naturwissenschaft nichts anderes will, als die Methoden, die in der Naturwissenschaft sich so fruchtbar erwiesen haben, in entsprechender Weise weiterzubilden. Allerdings muß man unter der Idee der Weiterbildung etwas anderes noch verstehen können, wenn man von dieser Seite her zum Begreifen des Anthroposophischen kommen will, als das, was man gewöhnlich heute eine Weiterbildung von theoretisCl'len Anschauungen nennt.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! It was the wish of the committee organizing this university week that I open each day with a few remarks to introduce the scientific topics to be discussed throughout the day. This arrangement was undoubtedly made based on the view that anthroposophy is intended to provide a certain stimulus to the various branches of science and life; and it is only in this sense—as introductory remarks to the day’s discussions—that I ask you to regard these first lectures. What has always surprised me most in the reception of the anthroposophical research method is the resistance it encounters, particularly from the philosophical-scientific side—I do not mean: purely from the natural-scientific side—is directed against anthroposophy, namely on the grounds that it is believed anthroposophy stands in unjustified opposition to the methods of natural science, which have developed so fruitfully over the course of the last few centuries, especially the nineteenth century. And it seems to me that, of all the things that our contemporaries find most difficult to grasp about anthroposophy, it is precisely this: that, with regard to natural science, anthroposophy seeks nothing other than to further develop, in an appropriate manner, the methods that have proven so fruitful in natural science. However, if one wishes to come to an understanding of anthroposophy from this perspective, one must be able to understand the idea of “further development” as something other than what is commonly referred to today as the further development of theoretical views.

[ 2 ] Eine Weiterbildung der theoretischen Anschauungen ist heute den meisten Menschen dieses: daß die besondere Art der Gedankenverknüpfung — insbesondere, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Feld der Gedanken — dieselbe bleibt, auch wenn man die betreffenden Gedankensysteme auf andere Gebiete der Welterscheinungen ausdehnt. So zum Beispiel: Man kommt, wenn man sich naturwissenschaftlich betätigt, gegenüber der leblosen, der anorganischen Natur in die Notwendigkeit, gewisse Gedankenverknüpfungen, ein gewisses Feld von Gedanken, das heißt eine Summe von miteinander verbundenen Gedanken zugrundezulegen, um gewissermaßen eine Theorie der unorganischen, der leblosen Naturerscheinungen zu bekommen. Dieses System von Gedanken will man dann so, wie es ist, weiter ausdehnen, wenn man ein anderes Gebiet der Welt, also zum Beispiel das Gebiet der organischen Naturerscheinungen, zu begreifen bestrebt ist. Man will also mit derjenigen kausalen Orientierung, die sich so fruchtbar erweist im unorganischen Gebiet, einfach hinübergehen in das Gebiet der Lebewesen und diese mit denselben Begriffen durchtränken und erklären, also gewissermaßen begrifflich das Gebiet der Lebewesen ebenso zu einem Wirkungssystem von unorganischen Kausalitäten machen, wie man ja genötigt ist, es gegenüber der leblosen, der unorganischen Natur zu tun. Also was man sich angeeignet hat als Gedankensystem aus der leblosen Natur, das trägt man einfach hinüber in die organische Natur. Und das ist das, was man heute gewöhnlich unter «Erweiterung» von Gedanken und Theorien versteht.

[ 2 ] A further development of theoretical views is this for most people today: that the particular way in which thoughts are linked—especially, if I may put it that way, the “field of thought”—remains the same, even when the systems of thought in question are extended to other areas of the phenomena of the world. For example: When engaging in scientific inquiry, one is confronted with inanimate, inorganic nature and finds it necessary to base one’s understanding on certain connections of thought—a certain “field of thought,” that is, a set of interconnected thoughts—in order, so to speak, to arrive at a theory of inorganic, inanimate natural phenomena. One then seeks to extend this system of thought, just as it is, when striving to understand another realm of the world—for example, the realm of organic natural phenomena. Thus, one simply seeks to carry over the causal orientation—which has proven so fruitful in the inorganic realm—into the realm of living beings and to imbue and explain them with the same concepts; in other words, to conceptually transform the realm of living beings into a system of inorganic causalities, just as one is compelled to do so when dealing with inanimate, inorganic nature. Thus, the system of thought one has acquired from inanimate nature is simply carried over into organic nature. And this is what is commonly understood today as the “extension” of ideas and theories.

[ 3 ] Damit steht allerdings dann im vollen Gegensatz, was Anthroposophie unter einer solchen Erweiterung von Gedanken verstehen muß. Sie muß den Begriff eines gewissen selbständigen Wachsens, eines Sichmetamorphosierens der Idee vollziehen, wenn von einem Gebiete der Welterscheinungen zu einem anderen übergegangen wird, so daß man nicht bloß das, was man an den leblosen Naturerscheinungen gelernt hat, ich möchte sagen «logisch übertragen» kann auf die belebten Naturerscheinungen. So wie vergleichsweise in der Lebewelt die Dinge selber sich sehr verändern, wenn sie wachsen, wenn sie Metamorphosen durchmachen, und wie sie dann oftmals in der Gestaltung, die sie angenommen haben, gar nicht wiederzuerkennen sind, so müssen auch die Gedanken andere Gestaltungen annehmen, wenn sie in ein anderes Gebiet kommen. Was aber über alle Gebiete hin dasselbe bleibt und was dann der ganzen wissenschaftlichen Weltauffassung methodisch einen monistischen Charakter gibt, das ist die Art und Weise, wie man sich innerlich stellt zu dem, was man «wissenschaftliche Gewißheit» nennen kann, was die Grundlage gibt zur wissenschaftlichen Überzeugung. Wer zu prüfen vermag, warum man nicht mit den Begriffen, die man in der leblosen Natur schon einmal gewohnt ist anzuwenden, zu einer Befriedigung des menschlichen Kausalitätsbedürfnisses kommt — wenn ich mich des Du Bois-Reymondschen Ausdruckes bedienen darf —, wer das wirklich innerlich kennenlernt, der kann es dann hinüberführen in die Art und Weise, wie man durch ganz andere Begriffe, die aber doch nur Metamorphosen gegenüber den früheren Begriffen sind, überzeugt wird in der Welt des Lebendigen. Diese Art, wie sich der Mensch da innerhalb des Wissenschaftsgetriebes stellt, ist durchaus monistisch durch die ganze wissenschaftliche Weltanschauung hindurch. Das ist etwas, was gewöhnlich mißverstanden wird und was dazu führt, daß man der anthroposophisch-wissenschaftlichen Weltanschauung nicht einen monistischen, sondern einen dualistischen Charakter beilegen will.

[ 3 ] This, however, stands in complete contrast to what anthroposophy must understand by such an expansion of thought. It must realize the concept of a certain independent growth, a self-metamorphosis of the idea, when moving from one realm of worldly phenomena to another, so that one cannot merely “logically transfer”—as it were—what one has learned from inanimate natural phenomena to animate natural phenomena. Just as, by way of comparison, things in the living world themselves undergo great changes as they grow and undergo metamorphoses—and just as they are often completely unrecognizable in the form they have assumed—so, too, must thoughts take on different forms when they enter a different realm. But what remains the same across all fields—and what thereby gives the entire scientific worldview a monistic character from a methodological standpoint—is the way one internally relates to what one might call “scientific certainty,” which provides the foundation for scientific conviction. Whoever is able to examine why one cannot satisfy the human need for causality—if I may borrow Du Bois-Reymond’s expression—using the concepts one is already accustomed to applying in inanimate nature, who truly comes to know this inwardly can then carry it over into the way one is convinced, in the world of the living, by entirely different concepts—which are, after all, merely metamorphoses of the earlier concepts. This way in which a person positions themselves within the scientific enterprise is thoroughly monistic throughout the entire scientific worldview. This is something that is usually misunderstood and that leads people to attribute a dualistic rather than a monistic character to the anthroposophical-scientific worldview.

[ 4 ] Das zweite, was sehr häufig zu Mißverständnissen führt, ist der Phänomenalismus, dem sich Anthroposophie gerade mit Bezug auf Naturwissenschaft hingeben muß. Wir haben ja gerade in dem für so vieles fruchtbarsten Zeitalter naturwissenschaftlicher Entwicklung, etwa in der Zeit, in welcher der bedeutende Naturforscher Virchow seine Rede gehalten hat über die Ablösung der philosophischen Weltanschauung durch die naturwissenschaftliche, erfahren, wie alles, was damals mit einer gewissen historischen Berechtigung an fruchtbaren Begriffen über das Anorganische gewonnen worden ist, dazu geführt hat, einen gewissen Rationalismus in der Naturwissenschaft zu begründen. Und das Zeitalter, das auf der einen Seite streng auf Empirismus gegenüber der äußeren Tatsachenwelt hinarbeitete, das erging sich doch in einem sehr weittragenden Rationalismus, wenn es dazu kam, die empirisch erkundeten Naturtatsachen zu erklären.

[ 4 ] The second factor that very often leads to misunderstandings is phenomenalism, which anthroposophy must embrace, particularly in relation to the natural sciences. Indeed, it was precisely during the most fruitful era of scientific development—for example, the period in which the eminent natural scientist Virchow delivered his speech on the replacement of the philosophical worldview by the scientific one—that we experienced how everything that had been gained at that time, with a certain historical justification, in the form of fruitful concepts concerning the inorganic world, led to the establishment of a certain rationalism within the natural sciences. And the era, which on the one hand worked rigorously toward empiricism in relation to the external world of facts, nevertheless indulged in a very far-reaching rationalism when it came to explaining the empirically investigated facts of nature.

[ 5 ] Demgegenüber steht nun die Anthroposophie auf dem Standpunkte, der sich ergibt — wenigstens für mich sich ergeben hat, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf — aus der Goetheschen Naturauffassung heraus. Anthroposophie steht auf dem Boden einer phänomenologischen Naturauffassung. In einer gewissen Weise hat diese Phänomenologie in der neueren Zeit wieder Ernst Mach begründet, und so wie er sie begründet, scheint sie durchaus wiederum fruchtbare Gesichtspunkte zu enthalten, wenn man ihre Grenzen einhält. Es handelt sich bei Goethe einfach um das, was in seinen Worten liegt: Die Erscheinungswelt selbst ist schon genügend Theorie, man braucht nicht erst zu künstlichen Theorien fortzuschreiten. Die Bläue des Himmels ist ein Phänomen, innerhalb dessen man stehenbleiben und sich nicht herbeilassen soll, nun in rationalistischer Weise durch bloße Gedanken hinter den Erscheinungen zunächst hypothetische, angenommene Erklärungsgründe zu suchen. Goethe kam ja auf diesem Wege zur Statuierung dessen, was er «Urphänomen» nannte. Wenn auch, wie es ja selbstverständlich ist, im Laufe des für die Naturwissenschaft so fruchtbaren 19. Jahrhunderts vieles von dem überholt worden ist, was Goethe in der Naturwissenschaft wollte, so kann man doch sagen: Das Methodische, die Denkweise selbst, die Goethe in die Naturwissenschaft hineingetragen hat, ist heute nicht nur noch nicht überholt, sondern sie scheint mir überhaupt noch nicht gründlich genug verstanden zu sein.

[ 5 ] In contrast, anthroposophy takes a standpoint that arises—at least for me, if I may make this personal remark—from Goethe’s conception of nature. Anthroposophy is grounded in a phenomenological conception of nature. In a certain sense, Ernst Mach has reestablished this phenomenology in more recent times, and as he formulates it, it certainly seems to contain fruitful perspectives, provided one remains within its limits. With Goethe, it is simply a matter of what is implied in his words: The world of phenomena itself is theory enough; there is no need to proceed to artificial theories. The blue of the sky is a phenomenon within which one should pause and refrain from seeking—in a rationalistic manner through mere thought—initially hypothetical, assumed explanatory reasons behind the phenomena. It was through this path that Goethe arrived at the formulation of what he called the “primordial phenomenon.” Even though, as is only natural, much of what Goethe envisioned for the natural sciences has been superseded in the course of the 19th century—a century so fruitful for the natural sciences—one can still say: The methodological approach, the very way of thinking that Goethe introduced into the natural sciences, is not only not yet obsolete today, but it seems to me that it has not yet been thoroughly understood at all.

[ 6 ] Ich weiß sehr gut, wie im 19. Jahrhundert manches — man möchte sagen fast alles — von den Einzelheiten Goethescher Darstellungen über naturwissenschaftliche Dinge überholt worden ist. Dennoch möchte ich auch heute noch den Satz aufrecht erhalten, den ich in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts in bezug auf die Goethesche Naturanschauung ausgesprochen habe: daß Goethe der Kopernikus und Kepler ist für die organische Naturwissenschaft. Ich will diesen Satz aus dem Grunde auch heute noch aufrecht erhalten, weil ich glaube, daß folgendes durchaus gerechtfertigt ist.

[ 6 ] I am well aware that in the 19th century, many—one might say almost all—of the details in Goethe’s descriptions of scientific phenomena have been superseded. Nevertheless, I would still like to uphold the statement I made in the 1880s regarding Goethe’s view of nature: that Goethe is the Copernicus and Kepler of organic natural science. I wish to uphold this statement even today because I believe that the following is entirely justified.

[ 7 ] Wodurch kommen wir denn schließlich zu einer wirklichen Naturanschauung auf dem Gebiete, auf dem gerade das 19. Jahrhundert so viel geleistet hat? Ich kann das, was ich meine, nicht anders begrenzen als durch diese historische Kategorie. Das, worin das 19. Jahrhundert in der Naturwissenschaft so viel geleistet hat, führt zuletzt fast überall zurück auf die Anwendung der mathematischen Methoden; denn auch da, wo man nicht rein mathematisch vorgeht, sondern nach anderen Kausalitätsprinzipien denkt, wo man Theorien ausgebildet hat, lag ja durchaus auch die mathematische Denkweise zugrunde.

[ 7 ] How, then, do we ultimately arrive at a genuine view of nature in the field in which the 19th century in particular achieved so much? I can define what I mean only in terms of this historical category. The achievements of the 19th century in the natural sciences ultimately trace back almost everywhere to the application of mathematical methods; for even where one does not proceed in a purely mathematical manner but thinks according to other principles of causality—where theories have been developed—the mathematical way of thinking was certainly at the foundation.

[ 8 ] Bezeichnend dafür ist etwa das Folgende: Wir haben gesehen, wie im Laufe des 19. Jahrhunderts gewisse Partien der Naturwissenschaft durchaus in einer gewissen rationalistischen Weise dadurch begründet werden sollten, daß man Mathematik in sie einführte. Bekannt ist der Kantsche Satz, daß eigentlich in jeder Wissenschaft nur so viel wirkliche Gewißheit sei, wie Mathematik in ihr zu finden sei. — Nun kann man selbstverständlich Mathematik nicht überall hintragen. Die Kausalitätserklärungen gehen weiter als die Möglichkeit mathematischer Begriffsbildungen. Aber das, was man so unternommen hat an Kausalitätserklärungen, das wurde doch weitgehend nach dem Muster mathematischer Begriffsbildungen unternommen. Und als sich dann Ernst Mach daranmachte, von seinem mehr phänomenologischen Standpunkte aus dieses Begriffssystem zu überschauen, mußte er auch auf den Begriff der Kausalität zurückblicken, wie er sich in der Naturwissenschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts ausgebildet hat, und er wollte zu einem gewissen Inhalt für diesen Kausalitätsbegriff kommen. Zuletzt sagte er sich: Wenn ich eine Wirkung mit einer Ursache zusammendenke, so ist doch eigentlich nichts anderes darin enthalten als ein mathematischer Funktionsbegriff; zum Beispiel wenn ich sage: x ist gleich y‚ wobei ich unter x die Ursachen zusammenfasse und unter y die Wirkung, habe ich das Ganze auf diejenigen Begriffe zurückgeführt, die ich in der Mathematik habe, wenn ich den Funktionsbegriff bilde. Also man kann auch aus der Geschichte der Wissenschaften sehen, wie man den Mathematikbegriff in das ganze Gebiet der Naturwissenschaft hineingetragen hat.

[ 8 ] The following is a case in point: We have seen how, over the course of the 19th century, certain branches of the natural sciences were to be justified in a distinctly rationalistic manner by introducing mathematics into them. Kant’s famous statement holds that, in every science, there is actually only as much real certainty as can be found in its mathematics. — Now, of course, mathematics cannot be applied everywhere. Explanations of causality go beyond the scope of mathematical conceptualization. Yet the attempts made to explain causality were, to a large extent, modeled after mathematical conceptualization. And when Ernst Mach then set out to survey this conceptual system from his more phenomenological standpoint, he also had to look back at the concept of causality as it had developed in the natural sciences over the course of the 19th century, and he sought to arrive at a specific definition for this concept of causality. Ultimately, he told himself: When I conceive of an effect together with a cause, there is really nothing more to it than a mathematical concept of a function; for example, when I say: x equals y—whereby I summarize the causes under x and the effect under y—I have reduced the whole thing to the concepts I have in mathematics when I form the concept of a function. So one can also see from the history of science how the mathematical concept has been carried over into the entire field of natural science.

[ 9 ] Nun wird Goethe — und zwar mit einem gewissen Recht — gewöhnlich als ein Nicht-Mathematiker angesehen; er hat sich ja selbst als einen solchen bezeichnet. Aber wenn man so einfach Goethe als einen NichtMathematiker hinstellt, so führt das auch wieder zu Mißverständnissen — in dem Sinne etwa, daß Goethe nicht viel im einzelnen mathematisch habe leisten können, daß er nicht besonders geschickt gewesen sei, auch schon zu seiner Zeit durchaus bestehende mathematische Exempel zu lösen. Das muß natürlich durchaus zugegeben werden. Ich glaube auch nicht, daß Goethe bei seinem ganzen Wesen sonderlich viel Geduld gehabt hätte, sich auf die Lösung einzelner mathematischer Exempel einzulassen, wenn es mehr ins Algebraische hineingegangen wäre. Das muß schon zugegeben werden. Aber Goethe war in gewissem Sinne, so paradox es klingt, mehr ein mathematischer Kopf als mancher Mathematiker; denn er hatte eine feine Einsicht in die Natur des Mathematisierens, in die Natur des Bildens von mathematischen Begriffen, und er schätzte diese Art und Weise zu denken, die ganz in dem inneren Seelenprozeß auch mit dem Inhalt der Vorstellung bleibt, wenn sie Begriffe bildet.

[ 9 ] Goethe is usually regarded—and with some justification—as a non-mathematician; after all, he described himself as such. But if one simply labels Goethe a non-mathematician, this in turn leads to misunderstandings—in the sense, for example, that Goethe was not capable of much in the way of specific mathematical achievements, or that he was not particularly skilled at solving mathematical problems that were certainly already in existence in his day. This, of course, must be fully acknowledged. Nor do I believe that, given his whole nature, Goethe would have had much patience to engage in solving individual mathematical problems if they had ventured more deeply into algebra. That must certainly be acknowledged. But Goethe was, in a certain sense—as paradoxical as it sounds—more of a mathematical mind than many a mathematician; for he had a keen insight into the nature of mathematical thinking, into the nature of forming mathematical concepts, and he valued this way of thinking, which remains entirely within the inner process of the soul, even with the content of the idea, when it forms concepts.

[ 10 ] Man überschaut im Mathematischen, wenn man Begriffe bildet, innerlich vollständig alles. Nehmen Sie als ein einfaches Beispiel in der euklidischen Geometrie den gewöhnlichen Beweis dafür, daß die drei Winkel eines Dreiecks zusammen 180 Grad betragen, wo man oben durch die Spitze des Dreiecks eine Parallele zur Grundlinie zieht, die dort auf diese Weise entstandenen Winkel betrachtet, die als Wechselwinkel gleich sind den beiden anderen Winkeln des Dreiecks — der dazwischen liegende bleibt sich ja gleich —, und wo man dann sehen kann, wie diese drei Winkel dort an der Spitze zusammen 180 Grad betragen, also in ihrer Summe den drei Winkeln des Dreiecks gleich sind. — Wenn man das überschaut, hat man einen mathematischen Beweis, aber man hat zu gleicher Zeit etwas, wobei man gar nicht abhängig ist von einer äußeren Anschauung, sondern durchaus die Dinge in innerlichem Konstruieren überschauen kann. Hat man dann ein äußeres Dreieck, so findet man, daß durch die äußeren Tatsachen verifiziert wird, was man vorher innerlich überschaut hat. Das ist in der ganzen Mathematik so. Es bleibt alles so, daß man nicht an die Sinnesanschauung heranzugehen braucht, um zu dem zu kommen, was man «Beweis» nennt, daß aber alles, was man innerlich gefunden hat, auch äußerlich Stück für Stück verifiziert werden kann.

[ 10 ] In mathematics, when one formulates concepts, one has a complete internal overview of everything. Take, as a simple example in Euclidean geometry, the standard proof that the three angles of a triangle add up to 180 degrees: you draw a line parallel to the base through the apex of the triangle, examine the angles formed there—which, as alternate interior angles, are equal to the other two angles of the triangle —since the angle between them remains the same—and where one can then see how these three angles at the vertex add up to 180 degrees, that is, their sum is equal to the three angles of the triangle. — Once one grasps this, one has a mathematical proof, but at the same time one has something in which one is not at all dependent on external perception, but can fully grasp the concepts through inner construction. If one then has an external triangle, one finds that the external facts verify what one had previously grasped internally. This is the case throughout all of mathematics. The bottom line is that one does not need to rely on sensory perception to arrive at what is called a “proof,” but that everything one has discovered internally can also be verified externally, step by step.

[ 11 ] Diese besondere Art des Mathematischen ist es ja, welche Goethe gerade als die eminent wissenschaftliche ansah, und insofern war er wirklich ein guter mathematischer Kopf. Das liegt zum Beispiel auch der Führung jenes berühmten Gespräches zugrunde, das Goethe und Schiller einmal in der Blütezeit ihrer Freundschaft geführt haben über die Methode der naturwissenschaftlichen Betrachtung. Sie waren beide bei einem Vortrage, den der Naturforscher Batsch in der Naturforschenden Gesellschaft in Jena gehalten hatte, und als sie fortgingen, sagte ja Schiller zu Goethe über das, was sie dort gehört hatten, das sei eine zerstückelte Art, die Naturerscheinungen zu betrachten, damit komme man zu nichts Ganzem. — Man kann sich denken, daß Batsch einfach die einzelnen Naturobjekte nebeneinander hingeordnet und es unterlassen hatte, wie es ja auch durchaus einem Naturforscher der damaligen Zeit geziemte, irgendetwas vorzuführen, was zu einer Gesamtanschauung in der Natur führen konnte. Schiller empfand dies unbefriedigend und sprach sich darüber bei Goethe aus. Und Goethe sagte, er verstehe es, eine gewisse Einheit, eine gewisse Ganzheit in eine solche Naturbetrachtung hineinzubringen. Und er fing an, mit wenigen Strichen — er erzählt es ja selbst — die «Urpflanze» aufzuzeichnen, wie sie zu denken ist, wie sie innerlich angeschaut werden kann, nicht, wie sie in dieser oder jener Pflanze zu Tage tritt, sondern wie sie innerlich angeschaut werden kann mit Wurzel, Stengel, Blättern, Blüte, Frucht.

[ 11 ] It is precisely this particular kind of mathematics that Goethe regarded as eminently scientific, and in that respect he truly had a keen mathematical mind. This, for example, also underlies the course of that famous conversation that Goethe and Schiller once had at the height of their friendship regarding the method of scientific inquiry. They had both attended a lecture given by the naturalist Batsch at the Natural History Society in Jena, and as they were leaving, Schiller remarked to Goethe that what they had heard there was a fragmented way of observing natural phenomena—one that leads to no coherent whole. — One can imagine that Batsch had simply arranged the individual natural objects side by side and had refrained—as was indeed entirely fitting for a naturalist of that time—from presenting anything that might lead to a holistic view of nature. Schiller found this unsatisfactory and voiced his thoughts on the matter to Goethe. And Goethe said he understood how to bring a certain unity, a certain wholeness, into such an observation of nature. And he began, with just a few strokes—as he himself recounts—to sketch the “primordial plant,” as it is to be conceived, as it can be contemplated inwardly—not as it manifests itself in this or that plant, but as it can be contemplated inwardly, with root, stem, leaves, flower, and fruit.

[ 12 ] Ich habe in meinen Einleitungen zu den «Naturwissenschaftlichen Schriften» Goethes in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts versucht, das Bild, das damals Goethe auf das Papier vor Schiller hingeworfen hat, nachzuzeichnen. — Schiller sah sich das an und sagte dann aus seiner Denkweise heraus: Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee. — Schiller hatte eben gemeint: wenn man so etwas aufzeichnet, so hat man das aus sich heraus gesponnen; das ist als Idee, als Gedanke ganz gut, hat aber in der Wirklichkeit im Grunde genommen keine Quelle. Goethe verstand diese Denkweise eigentlich gar nicht, und zuletzt endete das Gespräch damit, daß Goethe erwiderte, gewissermaßen das Gespräch zusammenfassend: Wenn das so ist, dann sehe ich meine Ideen mit Augen.

[ 12 ] In my introductions to Goethe’s *Scientific Writings* in the 1880s, I attempted to recreate the image that Goethe had once sketched on paper in front of Schiller. — Schiller looked at it and then said, based on his way of thinking: “That is not experience; that is an idea.” — Schiller had meant that when one sketches something like this, one has spun it out of oneself; it is quite good as an idea, as a thought, but fundamentally has no source in reality. Goethe did not really understand this way of thinking at all, and ultimately the conversation ended with Goethe replying—in a sense, summarizing the conversation—“If that is the case, then I see my ideas with my eyes.”

[ 13 ] Was meinte denn Goethe damit? Er meinte — er hat es nicht so ausgesprochen, aber er meinte es: Wenn ich ein Dreieck hinzeichne, so hat es von selbst eine Winkelsumme von 180 Grad; und wenn ich noch so viele Dreiecke anschaue, das, was ich an diesem einen Dreieck innerlich konstruiert habe, das paßt auf alle Dreiecke; ich habe also etwas aus dem Innern heraus gewonnen, das nun in vollem Umfang auf das Erfahrene paßt. So wollte Goethe auch eine «Urpflanze» — gewissermaßen gemäß dem «Urdreieck» — zeichnen, und einen solchen Charakter sollte diese Urpflanze haben, daß man diesen bei jeder einzelnen Pflanze finden könne. Und so, wie die Winkelsumme jedes Dreiecks, wenn man das Urdreieck hat, 180 Grad beträgt, so sollte auch dieses ideelle Gebilde, die Urpflanze, in jeder einzelnen Pflanze wiedergefunden werden, wenn man die ganze Pflanzenreihe durchgeht.

[ 13 ] What did Goethe mean by that? He meant—he didn’t put it that way, but that’s what he meant: If I draw a triangle, it automatically has a sum of angles of 180 degrees; and no matter how many triangles I look at, what I have internally constructed in this one triangle fits all triangles; so I have derived something from within that now fits perfectly with what I have experienced. In the same way, Goethe wanted to draw an “original plant”—in a sense, analogous to the “original triangle”—and this original plant was to possess a character such that it could be found in every single plant. And just as the sum of the angles of every triangle, once one has the primordial triangle, amounts to 180 degrees, so too should this ideal construct—the primordial plant—be found in every single plant when one surveys the entire plant kingdom.

[ 14 ] In diesem Sinne wollte Goethe die ganze Wissenschaft gestalten. Im wesentlichen wollte er — er kam ja damit nicht weiter — die Wissenschaft des Organischen so gestalten und eine solche Denkweise einführen, wie sie sich für die Wissenschaft des Unorganischen als fruchtbar erwiesen hat. Man sieht das ganz besonders klar, wenn Goethe von Italien aus schreibt, wie er die Idee der Urpflanze immer weiter ausgebildet hat. Da sagt er ungefähr: Da, unter den Pflanzen in Süditalien und Sizilien in der Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt ist mir die Urpflanze ganz besonders aufgegangen, und es muß sich doch ein Gebilde finden lassen, das die Möglichkeit aller wirklichen Pflanzen in sich hat, ein Gebilde, das sich nach verschiedenen Seiten hin variieren kann; es nimmt dann diese oder jene, langgestreckte oder andere Blattform an, bildet bald die Blüte, bald die Frucht mehr aus und so weiter — so wie ein Dreieck stumpfwinklig oder spitzwinklig sein kann. Ein Gebilde wollte Goethe finden, nach dessen Muster alle Pflanzen gebildet sind. Es ist ganz falsch, wenn dann später Schleiden meinte, Goethe habe mit der Urpflanze eine tatsächliche Pflanze gemeint. Das ist nicht so — so wie auch der Mathematiker, der vom Dreieck spricht, nicht irgendein bestimmtes Dreieck im Auge hat —, sondern Goethe meinte ein Gebilde, das innerlich erzeugt wird, das sich aber in der Außenwelt überall verifiziert findet.

[ 14 ] In this sense, Goethe wanted to shape the entire field of science. Essentially, he wanted—though he did not succeed in this—to structure the science of the organic and introduce a way of thinking similar to that which had proven fruitful for the science of the inorganic. This becomes particularly clear when Goethe writes from Italy about how he continued to develop the idea of the primordial plant. He says something like this: “There, among the plants of southern Italy and Sicily, in the diversity of the plant world, the primordial plant has become particularly clear to me, and surely there must be a form that contains within itself the potential for all real plants—a form that can vary in various ways; it then takes on this or that shape—elongated or other leaf forms—developing more of a flower at one time and more of a fruit at another, and so on—just as a triangle can be obtuse-angled or acute-angled. Goethe wanted to find a form according to whose pattern all plants are formed. It is entirely incorrect that Schleiden later claimed Goethe had meant an actual plant by the “primordial plant.” That is not the case—just as a mathematician speaking of a triangle does not have any specific triangle in mind—but rather, Goethe meant a structure that is generated internally, yet is found verified everywhere in the external world.

[ 15 ] So war Goethe im Grunde genommen ein durchaus mathematischer Kopf, viel mathematischer als etwa die, die die Astronomie ausbilden. Und das ist das Wesentliche. Das veranlaßte Goethe auch, in diesem Gespräch mit Schiller zu sagen: Dann sehe ich meine Ideen mit Augen. — Er sah sie mit Augen, weil er sie überall in den Phänomenen verfolgen konnte. Er begriff gar nicht, daß etwas nur eine «Idee» sein sollte, weil er sich im vollen Einklang fand mit der Erfahrung, wenn er Ideen bildete; geradeso, wie der Mathematiker sich im Einklang fühlt mit der Erfahrung, wenn er mathematische Ideen bildet. Das aber führte Goethe, ich möchte sagen, durch eine innere Konsequenz dazu, zur bloßen Phänomenologie zu kommen, das heißt, nichts hinter den Erscheinungen als solchen zu suchen, vor allen Dingen nicht eine rationalistische Atomwelt zu konstruieren.

[ 15 ] So Goethe was, in essence, quite a mathematical mind—much more so than, say, those who study astronomy. And that is the crux of the matter. This also led Goethe to say in this conversation with Schiller: “Then I see my ideas with my eyes.” — He saw them with his eyes because he could trace them everywhere in phenomena. He did not at all conceive of something as merely an “idea,” because he found himself in complete harmony with experience when he formed ideas; just as the mathematician feels in harmony with experience when he forms mathematical ideas. But this led Goethe, I would say, through an inner consistency, to arrive at pure phenomenology—that is, to seek nothing behind phenomena as such, and above all not to construct a rationalistic atomic world.

[ 16 ] Nun, damit betritt man ein Gebiet, auf dem sich viele — ich kann aber doch nur sagen — auf Mißverständnissen beruhende Kämpfe gegenüber mancher naturwissenschaftlich-philosophischen Anschauung entwickelten. Es handelt sich zunächst einfach darum, das, was sich den Sinnen in der äußeren Welt darbietet, was also in der Beobachtung und im Experiment gegeben ist, rein als Phänomen zu betrachten. Goethe und mit ihm die ganze naturwissenschaftliche Phänomenologie beschränkt sich darauf, nicht gleich von irgendeinem sinnlichen Phänomen zu einem dahinterstehenden Atomgeschehen zu gehen, sondern zunächst das sinnliche Phänomen und das einzelne Element der sinnlichen Tatsachen rein ins Auge zu fassen, sie also nicht auf ein Dahinterliegendes zu beziehen, sondern auf andere Elemente in der sinnlichen Erscheinungswelt, und den Zusammenhang in der sinnlichen Erscheinungswelt aufzusuchen.

[ 16 ] Well, this brings us into a realm where many—though I can only say—conflicts based on misunderstandings have arisen regarding certain scientific and philosophical views. To begin with, it is simply a matter of regarding what presents itself to the senses in the external world—that is, what is given in observation and experiment—purely as a phenomenon. Goethe, and with him the entire scientific phenomenology, limits itself to not immediately jumping from any sensory phenomenon to an underlying atomic process, but rather to first consider the sensory phenomenon and the individual elements of sensory facts in their own right—that is, not to relate them to something lying behind them, but to other elements in the sensory world of phenomena, and to seek out the connections within the sensory world of phenomena.

[ 17 ] Man kann sehr leicht — ich verstehe vollständig, woher die entsprechenden Mißverständnisse kommen — eine solche Phänomenologie sogar trostlos finden. Man könnte zum Beispiel sagen: Wenn man sich nun bloß beschränken will auf das Beschreiben der gegenseitigen Beziehungen der sinnlichen Phänomene und dann diejenigen Phänomene aufsucht, die am einfachsten sind, in denen sich möglichst überschaubares Geschehen abspielt — und die Goethe «Urphänomene» nennt —, so kommt man bei einem solchen Vorgehen nicht zu einer Anschauung über jene unendlich fruchtbaren Dinge, die zum Beispiel die moderne Chemie geliefert hat. Wie, so könnte man fragen, kann man denn eigentlich gegenüber den Atomgewichtsverhältnissen auskommen, ohne eine Anschauung über eine atomistische Welt? Nun, in einem solchen Falle möchte man aber doch die Gegenfrage stellen: Wenn man sich nun wirklich besinnt auf das, was da vorliegt, hat man es denn da zu tun mit einer Notwendigkeit, vom Phänomen abzugehen? Man hat es gar nicht damit zu tun. Man hat es auch bei den Atomgewichtsverhältnissen mit Phänomenen zu tun, nämlich mit Gewichtsverhältnissen. Aber man könnte auch fragen: Führt es denn weiter, wenn man nun diese durch Zahlen ausdrückbaren Atomgewichtsverhältnisse dadurch zu erklären versucht, daß man gewisse Molekularstrukturen aus den Atomgewichten auf rein denkerische, rationalistische Weise bildet? Man kann eben auch diese Frage aufwerfen. Kurz, worum es sich handelt, wenn die Goethesche Denkweise ausgebildet wird, das ist: stehenzubleiben innerhalb der Phänomene selbst. Ich möchte dafür einen trivialen Vergleich gebrauchen.

[ 17 ] It is very easy—and I fully understand where the relevant misunderstandings come from—to find such a phenomenology downright bleak. One could say, for example: If one wishes to limit oneself solely to describing the mutual relationships of sensory phenomena and then seeks out those phenomena that are the simplest, in which events unfold in as manageable a way as possible—and which Goethe calls “primordial phenomena”—, then, with such an approach, one does not arrive at an intuition of those infinitely fruitful insights that modern chemistry, for example, has yielded. How, one might ask, can one actually make sense of atomic weight ratios without an intuition of an atomistic world? Well, in such a case, however, one might well ask the counter-question: If one truly reflects on what is at hand, is it really necessary to depart from the phenomenon? One is not dealing with that at all. Even with atomic weight ratios, one is dealing with phenomena—namely, weight ratios. But one might also ask: Does it really lead anywhere to try to explain these atomic weight ratios—which can be expressed in numbers—by constructing certain molecular structures from the atomic weights in a purely intellectual, rationalistic manner? One can certainly raise this question as well. In short, what is at stake when the Goethean way of thinking is developed is this: remaining within the phenomena themselves. I would like to use a trivial comparison to illustrate this.

[ 18 ] Nehmen wir an, jemand bekommt ein aufgeschriebenes Wort vor sein Auge. Was wird er tun? Nun, wenn er nie lesen gelernt hat, wird er davor stehen wie vor etwas Unerklärbarem. Hat er aber lesen gelernt, so wird er unbewußt die einzelnen Formen zusammenfügen; er wird den Wortsinn in der Seele erleben. Aber er wird ganz gewiß nicht von den Formen aus, zum Beispiel beim W, etwas zu erklären versuchen, indem er den Ausgang nähme von dem nach aufwärts gehenden Strich, dann überginge zu dem nach abwärts gehenden, um dadurch auf etwas diesem Buchstaben Zugrundeliegendes zu kommen. Nein, er wird lesen — und nicht durch Unterlegungen erklären wollen. So möchte auch die Phänomenologie «lesen». Sie möchte innerhalb des Zusammenhanges der Phänomene stehenbleiben und lesen lernen, und nicht, wenn ich einen Komplex von Phänomenen habe, von ihm aus zurückgehen auf Atomstrukturen.

[ 18 ] Let’s suppose someone is presented with a written word. What will they do? Well, if they have never learned to read, they will stand before it as if it were something inexplicable. But if they have learned to read, they will unconsciously piece together the individual forms; they will experience the meaning of the word in their soul. But they will certainly not attempt to explain anything based on the shapes—for example, in the case of the letter W—by starting with the upward stroke, then moving on to the downward stroke, in order to arrive at something underlying this letter. No, he will read—and will not seek to explain by imposing interpretations. Phenomenology, too, wishes to “read” in this way. It wishes to remain within the context of phenomena and learn to read, rather than, when faced with a complex of phenomena, to trace back from it to atomic structures.

[ 19 ] Es handelt sich also darum, das Feld des Phänomenalen hinzunehmen und in seiner eigenen inneren Bedeutung lesen zu lernen. Dadurch wird man dann zu einer Naturwissenschaft kommen, welche in ihren Inhalten nichts Rationalistisches, hinter den Phänomenen Konstruiertes hat, sondern welche einfach in der Art und Weise, wie sie die Phänomene überschaut, gewisse gesetzmäßige Strukturen findet. Überall wird dieser Naturwissenschaft eingegliedert sein die Summe der Phänomene selbst. Man wird auf eine bestimmte Art über die Natur reden. In dieser Art zu reden werden die Naturgesetze enthalten sein, aber überall werden in den Ausdrucksformen schon die Phänomene selber liegen. Man wird also das bekommen, was ich nennen möchte: eine den Erscheinungen immanente Naturwissenschaft. Nach einer solchen strebte Goethe. Die Art und Weise, wie er das betrieb, muß unter den Fortschritten der neueren Zeit verändert werden, aber es ist doch so, daß das Grundprinzip festgehalten werden kann. Und wenn dieses Grundprinzip festgehalten wird, stellt sich für die menschliche Auffassungsweise der Natur ganz von selbst etwas heraus, das ich in der folgenden Weise charakterisieren möchte.

[ 19 ] The point, then, is to accept the realm of the phenomenal and learn to read it in terms of its own intrinsic meaning. Through this, one will then arrive at a natural science whose content contains nothing rationalistic—nothing constructed behind the phenomena—but which simply finds certain lawful structures in the very way it surveys the phenomena. The sum of the phenomena themselves will be integrated into this natural science throughout. One will speak of nature in a specific way. The laws of nature will be contained within this way of speaking, but the phenomena themselves will already be present in the forms of expression throughout. One will thus arrive at what I would like to call: a natural science immanent in the phenomena. Goethe strove for such a science. The way in which he pursued this must be adapted to the advances of modern times, but the fundamental principle can nevertheless be retained. And when this fundamental principle is retained, something emerges quite naturally for the human understanding of nature, which I would like to characterize as follows:

[ 20 ] Es ist ja ganz selbstverständlich, daß wir als gegenwärtige Menschheit unsere naturwissenschaftlichen Begriffe zunächst an der unorganischen Natur gebildet haben. Das ist dadurch veranlaßt gewesen, daß die unorganischen Naturerscheinungen verhältnismäßig einfach sind; das war aber auch veranlaßt dadurch, daß ja, wenn man ins organische Reich hinaufsteigt, durchaus auch die im Leblosen wirkenden Agenzien fortdauern. Wenn man vom Mineralreich zum Pflanzenreich heraufsteigt, dann ist es ja nicht so, daß etwa die leblose Wirkungsweise bei der Pflanze aufhörte; sie wird nur eingefaßt in ein höheres Prinzip, aber sie dauert in der Pflanze fort. Wir tun recht, wenn wir die physischen und chemischen Prozesse in den Pflanzenorganismus hinein weiterverfolgen, und zwar nach denselben Gesichtspunkten, nach denen wir gewohnt sind, sie in der unorganischen Natur zu verfolgen. Wir müssen dann nur auch die Fähigkeit haben, in unseren Begriffssystemen überzugehen zu veränderten, zu metamorphosierten Begriffen. Wir müssen schon verfolgen, wie das Unorganische auch verwendet wird in der Pflanze und wie dieselben Prozesse, die sich in der leblosen Natur finden, auch in die Pflanze hineingehen. Aber dadurch wird die Versuchung hervorgerufen, daß man wissenschaftlich nur das verfolgt, was sich aus der mineralischen Welt hereinerstreckt in Pflanze und Tier und dabei einfach unberücksichtigt läßt, was dann in den höheren Reichen dazu auftritt. Diese Versuchung wurde durch einen besonderen Umstand gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts noch außerordentlich größer. Das ist in folgender Weise geschehen.

[ 20 ] It goes without saying that we, as modern humanity, initially formed our scientific concepts based on inorganic nature. This was due to the fact that inorganic natural phenomena are relatively simple; but it was also due to the fact that, as one ascends into the organic realm, the agents at work in the inanimate world certainly continue to operate. When one ascends from the mineral kingdom to the plant kingdom, it is not the case that the inorganic mode of action ceases in the plant; it is merely embedded within a higher principle, but it continues to operate within the plant. We are right to continue tracing the physical and chemical processes into the plant organism, using the same criteria by which we are accustomed to tracing them in inorganic nature. We must then also have the ability to transition, within our conceptual frameworks, to altered, metamorphosed concepts. We must indeed observe how the inorganic is also utilized in the plant and how the same processes found in inanimate nature also enter into the plant. But this gives rise to the temptation to pursue scientifically only what extends from the mineral world into plants and animals, while simply disregarding what then occurs in the higher kingdoms. This temptation became even more pronounced in the course of the 19th century due to a particular circumstance. This happened in the following way.

[ 21 ] Wenn man die leblose Natur betrachtet, fühlt man sich gewissermaßen innerlich tief befriedigt, weil man die Erscheinungen mit mathematischen Gedanken verfolgen kann. Und es ist sehr begreiflich, daß Du BoisReymond in einer so wortreichen und glänzenden Weise in seiner Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» die Laplacesche Weltanschauung, die er die «astronomische Auffassung» des ganzen natürlichen Weltendaseins nennt, gefeiert hat, möchte ich sagen. Nach dieser astronomischen Auffassung wird ja nicht nur der Sternenhimmel so angesehen, daß man seine einzelnen Phänomene mit mathematischen Gedanken zusammenfaßt und sie dann als ein Ganzes, soweit es geht, konstruiert, sondern man versucht, auch damit unterzutauchen in die Konstitution der Materie. Man versucht im Molekül ein kleines Weltsystem zu konstruieren, wo sich die Atome so bewegen und zueinander stehen wie die Sterne im Weltgebäude. Man konstruiert sich so im Kleinen kleinste Weltsysteme und hat die Befriedigung, daß man so im Kleinen dieselben Gesetzmäßigkeiten findet wie im Großen. So hat man in den einzelnen Atomen und Molekülen ein System sich bewegender Körper, wie man draußen im Weltgebäude das System der Fixsterne und Planeten hat. Das ist charakteristisch für die Art, wie man vor allem im 19. Jahrhundert gestrebt hat und wodurch, wie Du Bois-Reymond sagte, das Kausalitätsbedürfnis des Menschen sich befriedigt fühlt. Es ist das einfach entstanden aus dem Drang heraus, das mathematisch Fruchtbare in alle Naturerscheinungen hineinzutragen. Daraus entstand nun eben die Versuchung, bei diesem Mathematischen in der Betrachtung der Naturerscheinungen stehenzubleiben.

[ 21 ] When one observes inanimate nature, one feels, in a sense, a deep inner satisfaction because one can analyze its phenomena using mathematical reasoning. And it is quite understandable that Du Bois-Reymond, in such an eloquent and brilliant manner in his speech “On the Limits of the Knowledge of Nature,” celebrated the Laplacian worldview—which he calls the “astronomical conception” of the entire natural world, I might add. According to this astronomical conception, one does not merely view the starry sky in such a way as to summarize its individual phenomena through mathematical thought and then construct them as a whole, as far as possible, but one also attempts to delve into the constitution of matter through this approach. One attempts to construct a small world system within the molecule, where the atoms move and relate to one another just as the stars do in the cosmic order. In this way, one constructs the tiniest world systems on a small scale and derives satisfaction from finding the same laws on a small scale as on a large one. Thus, within individual atoms and molecules, one has a system of moving bodies, just as one has the system of fixed stars and planets out there in the cosmic order. This is characteristic of the approach that prevailed especially in the 19th century and through which, as Du Bois-Reymond said, humanity’s need for causality feels satisfied. It simply arose from the urge to apply mathematically fruitful concepts to all natural phenomena. This, in turn, gave rise to the temptation to remain stuck at this mathematical level when observing natural phenomena.

[ 22 ] Es wird keinem einfallen, auch einem Anthroposophen nicht, wenn er nicht laienhaft über diese Dinge spricht, bestreiten zu wollen, daß dies alles seine Berechtigung hat, namentlich dann, wenn man innerhalb der Phänomene stehen bleibt und sich bemüht, die Einzelheiten, zum Beispiel der Astronomie, in diesem Sinne aufzufassen. Keinem wird es einfallen, dagegen einen Kampf zu führen. Aber im Laufe des 19. Jahrhunderts trat das ein, daß man bei dem, was die Welt darbietet, alles das übersah, was qualitativ ist, und nur das sah, was ja da ist und in allem Qualitativen drinnen ist: das, was durch die Mathematik zu erfassen ist. Da muß man unterscheiden: Man kann durchaus zugeben, daß diese mechanistische Welterklärung voll berechtigt ist; es ist gar nichts dagegen einzuwenden. Aber etwas anderes ist es, ob man sie auf bestimmten Gebieten als vollberechtigt erklärt oder ob man sie nun als das einzige mögliche Begriffssystem hingestellt will und mit diesem Begriffssystem schon alles in der Welt für erklärt halten will.

[ 22 ] It would never occur to anyone—not even an anthroposophist, unless he were speaking about these matters in a layman’s way—to dispute that all of this has its justification, especially when one remains within the realm of the phenomena and strives to understand the details—for example, in astronomy—in this sense. No one would think of waging a battle against it. But in the course of the 19th century, what happened was that, in regard to what the world presents, people overlooked everything that is qualitative and saw only what is actually there and contained within everything qualitative: that which can be grasped through mathematics. Here one must make a distinction: One can certainly admit that this mechanistic explanation of the world is entirely justified; there is nothing at all to object to it. But it is quite another matter whether one declares it to be fully justified in certain areas or whether one now wishes to present it as the only possible conceptual system and, with this conceptual system, consider everything in the world to be explained.

[ 23 ] Hier liegt der Differenzpunkt. Es wird durch den Anthroposophen nicht im geringsten das bestritten, was seine Berechtigung hat. Die Anthroposophie kämpft nämlich gar nicht gegen die anderen, und es ist interessant, bei Diskussionen zu verfolgen, wie Anthroposophie eigentlich alles innerhalb der berechtigten Grenzen zugibt. Es fällt den Anthroposophen gar nicht ein, das, was durch die Naturwissenschaft geltend gemacht wird, irgendwie zu bestreiten. Sondern es handelt sich darum, ob es berechtigt ist, das ganze Gebiet der Phänomene mit der mathematisch-kausalen Denkweise zu umfassen, oder ob es berechtigt ist, aus der Summe der Erscheinungen dasjenige herauszunehmen, was mathematisch-kausal eine reine Abstraktion ist, und es hinzustellen als einen «erdachten» Welteninhalt, wie es zum Beispiel der frühere Atomismus getan hat. Heute ist der Atomismus bis zu einem gewissen Grade schon phänomenologisch geworden, und bis zu diesem Grade geht Anthroposophie ganz gewiß mit. Aber es handelt sich darum, daß heute eben noch etwas hereinspukt von dem im 19. Jahrhundert so ungoetheschen Atomismus, der sich nicht beschränkte auf die Phänomene, sondern der ein reines Begriffssystem hinter den Phänomenen konstruierte. Und wenn man sich nicht klar darüber ist, daß man es doch nur mit einem Begriffssystem zu tun hat, das die Welt hinter den Erscheinungen sucht, sondern sich der Anschauung hingibt, man habe mit diesem Begriffssystem ein Reales ergriffen, so wird man durch dieses Begriffssystem gewissermaßen festgenagelt. Denn es ist die Eigentümlichkeit solcher Begriffssysteme, daß sie den Menschen festnageln. Er wird durch sie zum Dogmatiker, und dann sagt er: Da gibt es Leute, die wollen das Organische mit ganz anderen Begriffen erklären, die sie von ganz woanders her haben, aber das gibt es nicht; wir haben solche Begriffssysteme ausgebildet, die die Welt hinter den Erscheinungen umfassen, und die ist die einzige Welt und die muß auch das einzig Wirksame in bezug auf das Organische sein. — Aber auf diese Weise wird in die Betrachtung des Organischen das hineingetragen, was man für die Erscheinungen der unorganischen Natur ausgebildet hat; man sieht das Organische als auf dieselbe Art gebildet an wie die unorganische Natur.

[ 23 ] This is where the difference lies. Anthroposophists do not in the least dispute what is justified. Anthroposophy does not, in fact, fight against the others, and it is interesting to observe in discussions how anthroposophy actually acknowledges everything within justified limits. It does not even occur to anthroposophists to dispute in any way what is asserted by the natural sciences. Rather, the question is whether it is justified to encompass the entire realm of phenomena with mathematical-causal thinking, or whether it is justified to extract from the sum of phenomena that which is, in mathematical-causal terms, a pure abstraction, and to present it as an “imagined” content of the world, as, for example, early atomism did. Today, atomism has already become phenomenological to a certain extent, and to this extent, anthroposophy certainly goes along with it. But the point is that even today, something still lingers from the 19th-century atomism—so un-Goethean in its nature—which did not limit itself to phenomena but constructed a pure conceptual system behind them. And if one is not clear that one is dealing merely with a conceptual system that seeks the world behind appearances, but instead succumbs to the illusion that one has grasped a reality through this conceptual system, then one becomes, as it were, pinned down by this conceptual system. For it is the peculiarity of such conceptual systems that they pin people down. Through them, one becomes a dogmatist, and then one says: There are people who want to explain the organic using entirely different concepts that they have derived from somewhere else entirely, but that is not possible; we have developed conceptual systems that encompass the world behind appearances, and that is the only world, and it must also be the only effective force with regard to the organic. — But in this way, what has been developed for the phenomena of inorganic nature is carried over into the consideration of the organic; one regards the organic as formed in the same way as inorganic nature.

[ 24 ] Hier muß Klarheit geschaffen werden. Ohne diese Klarheit kann man niemals eine wirkliche Diskussionsgrundlage schaffen. Anthroposophie will durchaus nicht in dilettantischer Weise gegen berechtigte Methoden sündigen; sie will nicht sündigen gegen das Berechtigte des Atomismus, sondern sie will die Bahn frei haben für das Bilden von Gedankensystemen, wie sie früher für das Anorganische gebildet wurden und jetzt für andere Gebiete der Natur gebildet werden müssen. Das wird geschehen, wenn man sich sagt: In den Phänomenen will ich nur «lesen»; das heißt, das, was ich zuletzt über den Inhalt der Naturgesetze bekomme, liegt innerhalb der Phänomene selber — geradeso wie beim Lesen eines Wortes der Sinn in den Buchstaben selber liegt. Wenn ich recht liebevoll innerhalb der Phänomene stehenbleibe und nicht darauf aus bin, die Wirklichkeit irgendwie mit einem hypothetischen Gedankensystem zu durchsetzen, dann werde ich in meinem wissenschaftlichen Sinne frei bleiben für eine Weiterentwicklung der Begriffe. Und dieses Freibleiben ist das, was wir ausbilden müssen.

[ 24 ] Clarity must be established here. Without this clarity, one can never create a genuine basis for discussion. Anthroposophy by no means intends to sin in an amateurish way against legitimate methods; it does not intend to sin against the legitimacy of atomism, but rather it seeks to clear the way for the formation of systems of thought, such as were previously developed for the inorganic realm and must now be developed for other areas of nature. This will happen when one tells oneself: I want only to “read” the phenomena; that is, what I ultimately glean about the content of the laws of nature lies within the phenomena themselves—just as, when reading a word, the meaning lies in the letters themselves. If I remain within the phenomena with genuine care and am not intent on imposing reality in any way through a hypothetical conceptual framework, then I will remain, in my scientific sense, free to further develop the concepts. And this freedom is what we must cultivate.

[ 25 ] Wir dürfen uns nicht durch ein Begriffssystem, das wir für ein bestimmtes Naturgebiet vollberechtigt ausgebildet haben, festnageln lassen, es auf andere Gebiete anzuwenden. Bilden wir eine bloße Phänomenologie aus, was selbstverständlich nur dadurch geschehen kann, daß man die geschauten oder durch das Experiment dargestellten Phänomene mit Gedanken durchsetzt und verbindet und so zu Naturgesetzen kommt, bleibt man also innerhalb der Phänomene stehen, so bekommt man ein ganz anderes Verhältnis zum Gedanken selbst; dann bekommt man ein Erlebnis davon, wie in den Phänomenen selbst schon die Naturgesetze vorhanden sind, die dann in unseren Gedanken auftreten. Geben wir uns so diesen Gedanken hin, dann haben wir gar keine Berechtigung mehr, sofern wir innerhalb der Naturerscheinungen stehenbleiben, von einem Gegensatz zwischen dem subjektiven Gedanken und dem objektiven Naturgesetz zu sprechen. Wir tauchen einfach in die Phänomene unter und haben dann in den Inhalten der Naturgesetze einen Gedankeninhalt gegeben, den uns die Dinge selber geben. Deshalb sagte Goethe ganz naiv: Dann sehe ich meine Ideen — die eigentlich Naturgesetze waren — in der Natur mit Augen.

[ 25 ] We must not allow ourselves to be bound by a conceptual system—which we have quite legitimately developed for a specific area of nature—to the point of applying it to other areas. If we develop a mere phenomenology—which, of course, can only be done by interweaving and connecting the phenomena observed or represented through experimentation with thought, thereby arriving at natural laws—and thus remain within the realm of phenomena, we gain an entirely different relationship to thought itself; then one gains an experience of how the laws of nature are already present within the phenomena themselves, which then emerge in our thoughts. If we surrender ourselves to these thoughts in this way, then—as long as we remain within the realm of natural phenomena—we no longer have any justification for speaking of a contrast between subjective thought and objective natural law. We simply immerse ourselves in the phenomena and then find, within the content of the laws of nature, a thought content that the things themselves provide us. That is why Goethe said quite naively: “Then I see my ideas—which were actually laws of nature—in nature with my own eyes.”

[ 26 ] Wenn man sich in dieser Weise zu den Phänomenen der unorganischen Natur stellt, dann ist es möglich, dies in die Organik hinüberzutragen, auch im wissenschaftlichen Sinne. Wenn man dann sieht, daß ein Pferd braun oder ein Schimmel weiß ist, wird man das nicht auf unorganische Farben zurückführen, sondern es nur auf etwas beziehen, was als ein geistig-seelisch Lebendiges in einem Organismus selber lebt. Man wird verstehen lernen aus der erkrafteten inneren Organisation heraus, daß sich das Tier wie auch die Pflanze selbst die Farbe gibt. Selbstverständlich muß man dabei alle Einzelheiten, zum Beispiel das Funktionieren des Stoffwechsels, innerlich durchschauen. Aber man trägt dann nicht in die Organik das herauf, was man in der Unorganik gefunden hat. Man nagelt sich nicht fest auf ein bestimmtes Gedankensystem, und man wird nicht dieselbe Gesinnung, die man auf einem Gebiete gehabt hat, in die anderen Gebiete herauftragen. Man bleibt ein «mathematischer Kopf», mehr als die, welche die Begriffe nicht metamorphosieren wollen ins Qualitative hinein. So kommt man dazu, für die höheren Gebiete des Naturdaseins das innere Anschauen ebenso gelten zu lassen, wie man das innere Anschauen gelten läßt für leblose mathematische Gebilde.

[ 26 ] If one approaches the phenomena of inorganic nature in this way, it is possible to extend this to the organic realm, even in a scientific sense. When one then observes that a horse is brown or a gray horse is white, one will not attribute this to inorganic colors, but will relate it solely to something that lives as a spiritual-soul life within the organism itself. One will come to understand, based on the vitalized inner organization, that the animal—just like the plant—gives itself its color. Of course, one must gain an inner understanding of all the details, such as the functioning of metabolism. But one does not then carry over into organic life what one has found in inorganic life. One does not fixate on a particular system of thought, nor does one carry the same mindset that one had in one area into other areas. One remains a “mathematical mind,” more so than those who do not wish to transform concepts into the qualitative realm. In this way, one comes to apply inner contemplation to the higher realms of natural existence just as one applies it to lifeless mathematical constructs.

[ 27 ] Das ist das, was ich hier nur kurz skizzieren kann, was aber, wenn es weiter ausgebildet wird, zeigt, daß die wissenschaftliche Seite der Anthroposophie durchaus das kann, was Goethe nannte: Rechenschaft ablegen vor jedem, auch vor dem strengsten Mathematiker. Denn das wollte Goethe mit der Ausbildung seiner Idee von der Urpflanze, zu der er gekommen ist, und mit der Idee des Urtieres, wozu er nicht gekommen ist. Und das will Anthroposophie: Hervorgehen lassen aus der Goetheschen Weltanschauung das, was diese in bezug auf die Erscheinungen der Natur konnte und vom Erfassen des Lebendigen in der Imagination aufsteigen zu dem Typus der Pflanze und zu dem Typus des Tieres. Ich habe schon in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts gezeigt, daß wir für die organische Natur die aus dem Unorganischen genommenen Begriffe metamorphosieren müssen. Davon werde ich in den nächsten Tagen noch weiter zu sprechen haben. Dadurch kommt man aber dazu, in der Organik dasjenige zu sehen, was das eigentliche Wirkungsprinzip, Gestaltungsprinzip ist. Und da möchte ich an den Schluß dieser Betrachtungen etwas hinstellen, was in den nächsten Tagen noch weitere Betrachtung erfahren wird, und was zeigen soll, wie diese materialistische Phase naturwissenschaftlicher Entwicklung von der Anthroposophie nicht unterschätzt wird.

[ 27 ] This is what I can only briefly outline here, but which, if further developed, shows that the scientific aspect of anthroposophy is fully capable of what Goethe called: giving an account to everyone, even to the most rigorous mathematician. For that is what Goethe intended with the development of his idea of the primordial plant, which he did arrive at, and with the idea of the primordial animal, which he did not arrive at. And this is what anthroposophy aims to do: to draw from Goethe’s worldview what it was capable of in relation to the phenomena of nature—and to rise, through the grasping of the living in the imagination, to the archetype of the plant and to the archetype of the animal. I already demonstrated in the 1880s that, when it comes to organic nature, we must transform the concepts derived from the inorganic realm. I will have more to say about this in the coming days. Through this, however, one comes to see in organic nature that which is the actual principle of action, the principle of form. And here, at the conclusion of these reflections, I would like to add something that will be examined in greater detail in the coming days and that is intended to show how anthroposophy does not underestimate this materialistic phase of scientific development.

[ 28 ] Die Anthroposophie muß in dieser materialistischen Phase der Naturwissenschaft ein wichtiges Übergangsprinzip sehen, eine Erziehungsmethode, damit man einmal gelernt hat, sich rein der äußeren Sinnes-Empirie hinzugeben. Das war außerordentlich erzieherisch für die Entwicklung der Menschheit, und nur wenn man diese Erziehung genossen hat, kann man auch dazu kommen, gewisse Dinge mit voller Klarheit zu übersehen. Denn wer nun, ausgerüstet mit solchem Wissenschaftssinn die äußere materielle Welt betrachtet, der schaut, wie sich diese materielle Welt innerlich im Menschen «spiegelt», wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf.

[ 28 ] Anthroposophy must view this materialistic phase of natural science as an important transitional principle, a method of education, so that one may eventually learn to devote oneself purely to external sensory experience. This was extraordinarily formative for the development of humanity, and only after having undergone this education can one come to perceive certain things with complete clarity. For whoever now observes the external material world, equipped with such a scientific sensibility, sees how this material world is “reflected” internally within the human being, if I may use that expression.

[ 29 ] Die Welt, wie wir sie im Innern erleben, ist mehr oder weniger eine Abstraktion, ein von Empfindungen und Willensimpulsen durchzogenes inneres Bild dessen, was die äußere materielle Welt ist; so daß wir, wenn wir vom Verfolgen der materiellen Außenwelt zum Geistig-Seelischen übergehen, zu einem bloß Bildhaften kommen. Halten wir das ganz streng fest: außen die Summe der materiellen Erscheinungen, die wir im phänomenologischen Sinne anschauen — im Innern das Seelisch-Geistige, mit einem gewissen abstrakten Charakter, mit einem Bildcharakter. Tritt man aber mit anthroposophischer Anschauung in die Betrachtung dessen ein, was der äußeren materiellen Welt geistig zugrunde liegt, in den Geist, der da wirkt in den Bewegungen der Sterne, in dem Werden der Mineralien, der Pflanzen und der Tiere, tritt man ein in das Geistige des Werdens der Außenwelt, lernt man diese durch Imagination, Inspiration und Intuition kennen, dann gibt uns auch das ein inneres Spiegelbild des Menschen. Aber was ist dieses innere Spiegelbild des Menschen? Das sind unsere materiellen Organe. Sie antworten mir jetzt auf das, was ich vorher kennengelernt habe als die Natur der Sonne, als die Natur des Mondes, der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere und so weiter; darauf antworten mir die inneren Organe. Ich lerne das Eigene des menschlichen Organismus nur kennen, wenn ich das Äußere der Welt kennenlerne. Die materielle Welt außen spiegelt sich innen geistig-seelisch; die geistig-seelische Welt außen spiegelt sich innen in den Formen von Lunge, Leber, Herz und so weiter. Die inneren Organe sind, wenn man sie anschaut, so in einem Verhältnis zur geistigen Außenwelt, wie unsere Gedanken und Empfindungen zur materiellen Außenwelt in einem Verhältnis sind.

[ 29 ] The world as we experience it inwardly is more or less an abstraction—an inner image, interwoven with sensations and impulses of the will, of what the external material world is; so that when we move from observing the external material world to the spiritual-psychic realm, we arrive at something purely pictorial. Let us state this very clearly: on the outside, the sum of material phenomena that we observe in the phenomenological sense—on the inside, the spiritual-psychic realm, with a certain abstract character, with an image-like character. But when one approaches, with an anthroposophical perspective, the spiritual foundation underlying the external material world—the Spirit that acts in the movements of the stars, in the development of minerals, plants, and animals—if we enter into the spiritual aspect of the outer world’s becoming and come to know it through imagination, inspiration, and intuition—then this, too, gives us an inner reflection of the human being. But what is this inner reflection of the human being? It is our physical organs. They now respond to what I have previously come to know as the nature of the sun, the nature of the moon, of minerals, plants, animals, and so on; the internal organs respond to this. I come to know the unique nature of the human organism only by coming to know the outer world. The material world outside is reflected inwardly in the spiritual-soul realm; the spiritual-soul world outside is reflected inwardly in the forms of the lungs, liver, heart, and so on. When one looks at them, the internal organs stand in the same relationship to the external spiritual world as our thoughts and feelings do to the external material world.

[ 30 ] Das zeigt uns, wie die Anthroposophie durchaus nicht in einem schwärmerischen Sinne den Materialismus ablehnen will. Sehen Sie sich den ganzen Umfang der Naturwissenschaft an: Tausende werden unbefriedigt sein über das, was da aus der Naturwissenschaft mit den gewöhnlichen Methoden gewonnen wird. Die Anthroposophie wird durch ihre Methoden gerade über das Materielle der Welt eine Anschauung gewinnen, die nicht unbefriedigt lassen wird. Sie anerkennt das Materielle in der eigenen inneren Organisation und in dem Phänomenologischen der Umwelt; aber sie muß zu gleicher Zeit erkennen, daß diese innere Organisation ein Ergebnis, eine Konsequenz von kosmischem Geistig-Seelischen ist. Sie will daher auch das ergänzen, was in der Astronomie, in der Astrophysik, Physik oder Chemie nur mathematisch geleistet wird. Das wird sie in einer organischen Kosmologie und so weiter erkunden und dadurch auch zu einem Verständnis des materiellen Menschen vordringen. Darin liegen dann die Grundlagen für dasjenige, was Anthroposophie für die Medizin, die Biologie und so weiter geben will.

[ 30 ] This shows us that anthroposophy by no means seeks to reject materialism in a fanciful sense. Consider the full scope of natural science: Thousands will be dissatisfied with what natural science yields using conventional methods. Through its methods, anthroposophy will gain a perspective on the material aspects of the world that will not leave one unsatisfied. It acknowledges the material in its own inner organization and in the phenomenological aspects of the environment; but at the same time, it must recognize that this inner organization is a result, a consequence, of cosmic spiritual and soul forces. It therefore also seeks to supplement what is achieved in astronomy, astrophysics, physics, or chemistry solely through mathematical means. It will explore this within an organic cosmology and so on, and thereby also advance toward an understanding of the material human being. Herein lie the foundations for what anthroposophy aims to contribute to medicine, biology, and so on.

[ 31 ] So glaube ich durch diese Andeutungen, die ich jetzt nur ganz skizzenhaft geben konnte, darauf hingedeutet zu haben, wie Anthroposophie, wenn man sie richtig erfaßt, nicht so angesehen werden kann, als ob sie von sich aus sich in einen Kampf stellen wolle gegen die gegenwärtige Wissenschaft; sondern die Dinge liegen so, daß die gegenwärtigen Vertreter der Wissenschaft noch nicht die Brücke zur Anthroposophie geschlagen haben, um zu sehen, wie die Anthroposophie streng wissenschaftlich auch gegenüber den Naturerscheinungen sein will.

[ 31 ] Thus, through these remarks—which I have been able to present only in a very sketchy manner—I believe I have indicated how anthroposophy, when properly understood, cannot be viewed as if it were, of its own accord, seeking to enter into conflict with contemporary science; but rather, the situation is such that the current representatives of science have not yet built a bridge to anthroposophy in order to see how anthroposophy also seeks to approach natural phenomena in a strictly scientific manner.