An Impetus for Renewal in Culture and Science
Berlin University Course
GA 81
7 March 1922, Berlin
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The Impulse for Renewal in Culture and Science, tr. Maltitz
3. Anthroposophie und Philosophie
3. Anthroposophy and Philosophy
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist immer schwer, wenn man mit einem ernsten wissenschaftlichen Gewissen den überkommenen Ausdruck «Logos» in irgendeine der neueren Sprachen übersetzen will. Wir sagen ja, wenn wir «Logos» übersetzen, gewöhnlich «Wort», wie das für die Bibel üblich ist. Wir denken aber, wenn wir zum Beispiel die «Logik» im Sinne haben, nicht so sehr an das «Wort», sondern wir denken dann an den «Gedanken», wie er in den menschlichen Individuen wirkt und seine Gesetzmäßigkeiten hat. Doch wenn wir von «Philologie» reden, so haben wir wiederum das Bewußtsein: Wir entwickeln eine Wissenschaft, die sich auf das Wort bezieht. Ich möchte sagen: Gerade heute ist das, was nach neuerem Sprachgebrauch in dem Wort «Logos» enthalten ist, im Grunde genommen in allem Philosophischen drinnen. Und wenn wir von «Philosophie» sprechen, dann können wir in dem, was wir dabei nicht so sehr definieren als erleben, gar wohl empfinden, wie ein Abglanz dieses unbestimmten Erlebnisses gegenüber dem Logos in all dem enthalten ist, was wir bei «Philosophie» fühlen.
[ 1 ] My dear venerated friends! It is always difficult when you have a serious scientific conscience to translate the traditional expression of “Logos” into some or other younger language. We usually employ “Word” to translate “Logos” as is commonly found in the Bible. However, when we have the word “Logic” in a sentence we don't use “Word” but rather think about “Thought,” as it operates in the human individual and its laws. Yet when we speak about “philology” we are aware that we are developing a science which is derived from words. I would like to say: what we have today in the word “Logos” is basically in everything which is philosophic. When we speak about “philosophy”, we can, even though defined as experience in relation to the Logos, sense how a reflection of these undetermined experiences are contained in all that we feel in “philosophy”.
[ 2 ] Philosophie deutet ja dem Wortlaute nach — was aber zweifellos damals, als Philosophie entstand, etwas mehr als nur Wortlaut war —, deutet ja auf ein ganz bestimmtes inneres Erlebnis des Menschen; das Wort Philosophie deutet darauf, daß der Mensch an dem, was dem Logos verwandt ist, «Sophia», ein bestimmtes, man möchte sagen, wenn auch nicht ein persönliches, so doch ein allgemein menschliches Interesse hat. Es deutet das Wort Philosophie weniger unmittelbar auf den Besitz eines Wissenschaftlichen hin, als auf ein inneres Verhalten des Menschen zu dem weisheitsvollen Inhalt des Wissenschaftlichen. Da unser Gefühl gegenüber der Philosophie heute nicht mehr so ganz sicher ist wie in den Zeiten, als Philosophie auf der einen Seite fast zusammenfiel mit, ich will nicht sagen mit Wissenschaft, aber mit wissenschaftlichem Streben, und auf der anderen Seite etwas war, was auf ein inneres menschliches Verhalten hindeutete, haben wir heute ein außerordentlich unbestimmtes Erlebnis, wenn wir von Philosophie sprechen oder uns in Philosophie betätigen. Dieses unbestimmte Erlebnis ist aber außerordentlich schwer aus den Tiefen des Bewußtseins heraufzuheben, wenn man das auf eine bloß dialektische oder auch äußerlich definierende Weise versucht, und nicht einzugehen versucht auf das, was gegenüber der Philosophie menschliches Erleben im Laufe der geschichtlichen Entwicklung war. Zu einer solchen Betrachtung fordert ja die Gegenwart ganz besonders heraus.
[ 2 ] Philosophy implies that the words—which no doubt came into question when philosophy was created, that only words were implied—indicate a certain inner personal experience; the word philosophy points to a connection of the Logos to “Sophia”; one could call it a particular, if not personal, general interest. The word philosophy is less directly referred to as possessing a scientific nature but rather an inner relationship to the wisdom filled scientific content. Because our feeling regarding philosophy is not as sure as in those cases when philosophy, on the one hand was included with, I'd rather not call it science, but scientific aims, and on the other hand with something which points to inner human relationships; so we have today an extraordinarily undefined experience when we speak about philosophy or involve ourselves with philosophy. This vague experience is extremely difficult to lift out of the depth of our consciousness if we try to do it through mere dialectical or external definitions, without trying to enter into the personal experience which ran its course in the consequential development. To such an examination the present will produce something special.
[ 3 ] Blicken wir als mitteleuropäische Menschen um einige Jahrzehnte zurück, so war eigentlich das Hineinleben in die Philosophie für den Menschen, der ein solches Einleben suchte, gerade in Mitteleuropa noch etwas anderes, als es heute im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ist, wo wir ja im Grunde genommen nicht nur äußerlich physisch, sondern gerade geistig wirklich so viel durchlebt haben, wie früher — man darf das ruhig aussprechen — in Jahrhunderten erlebt worden ist. Und wenn man zurückblickt auf die Erlebnisse, die ein — wenn ich mich des pedantisch-philiströsen Ausdruckes bedienen darf — Philosophie-Beflissener so in den 50er, 60er, 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, vielleicht auch noch später, als Mitteleuropäer haben konnte, so sind es im wesentlichen diese: Man blickte zurück auf die Blütezeit deutscher philosophischer Entwicklung, man blickte zurück auf die große Philosophenzeit Fichtes, Schellings, Hegels; man hatte um Sich eine gebildete und gelehrte Welt, welche diese Philosophenzeit als etwas durchaus Abgetanes betrachtete und welche in der heraufkommenden naturwissenschaftlichen Weltanschauung dasjenige sah, was an die Stelle früherer philosophischer Betrachtungen treten sollte. Man bewunderte die Größe der Gedankenerhebung, wie sie bei einem Schelling hervortrat, man bewunderte die Energie und die Kraft Fichtescher Gedankenentwicklung, man hatte vielleicht auch ein Gefühl für das rein Umfassende, Scharfsinnige Hegelschen Denkens, aber man betrachtete mehr oder weniger dieses klassische Zeitalter deutscher Philosophie doch als etwas Überwundenes.
[ 3 ] If we look back a few decades at people in central Europe, the involvement they were looking for with philosophy was quite a different experience, in central Europe, as it is today in the second decade of the twentieth century, where we basically have lived through so much, not only externally in the physical but also spiritually—one can quietly declare this—than what had been experienced for centuries. When one looks back over the experiences, of—if I may use a pedantic and philistine expression—the philosophic zealot of the fifties, sixties and seventies of the nineteenth century, perhaps even later, which the central Europeans could have, it is essentially as follows. Looking at the time of German philosophy's blossoming, you look back at the great philosophic era of the Fichtes, Schellings, and Hegels; surrounding you there had been a world of the educated and the scholars, a world which this philosophic era thoroughly dismisses and which in the rising scientific world view sees what should be taking the place of the earlier philosophic observations. One admires the magnitude of the elevation of thoughts found in a Schelling, one admires the energy and force of Fichte's development of thoughts, one can perhaps also develop a feeling for the pure comprehensive, insightful thoughts of Hegel, but one would more or less consider this classical time of German philosophy as something subdued.
[ 4 ] Und daneben gab es dann die Bestrebung, aus der Naturwissenschaft heraus etwas zu entwickeln, was eine allgemeine Weltanschauung werden sollte, von den Bestrebungen der «Kraft- und Stoff-Menschen» bis zu denjenigen, die vorsichtiger aus naturwissenschaftlichen Begriffen heraus zu einer philosophischen Weltanschauung kommen wollten, die aber die ehemalige idealistische Philosophie eben ablehnten. Es gab alle Nuancen von Denken und Forschen auf diesem Gebiete.
[ 4 ] Besides this is the endeavour to develop something out of science which should present a general world view, right from the striving of the “power/force and matter/substance people,” to those who carefully strive to find a philosophic world view out of natural scientific concepts, but who lean towards the former idealistic philosophy. There were all kinds of thoughts and research in this area.
[ 5 ] Und dann gab es eine dritte Sorte von Denkern auf diesem Gebiete, die konnten nicht mitgehen mit dem bloßen naturwissenschaftlichen Begründen einer Weltanschauung, aber sie konnten auf der anderen Seite auch wieder nicht hineintauchen in das real Gedankliche, wie es etwa bei Hegel gegeben ist. Für diese entstand die große Frage: Wie kann sich der Mensch mit seinem Denken, das er als etwas ausbildet, das nur in ihm selber liegt, in ein Verhältnis zur Objektivität, zur Außenwelt setzen? — Es waren die Erkenntnistheoretiker der verschiedenen Nuancen, welche in dem Ruf «zurück zu Kant» übereinstimmten, aber diesen Weg zu Kant in der verschiedensten Weise einschlugen; es waren scharfsinnige Denker wie etwa Liebmann, Volkelt und so weiter, die aber im Grunde genommen doch innerhalb des Erkenntnistheoretischen blieben und nicht über die Frage hinauskamen: Wie soll der Mensch mit dem, was er gedanklich, vorstellungsgemäß in sich trägt, die Brücke schlagen zu einer transsubjektiven, außerhalb des Menschen bestehenden Realität?
[ 5 ] A third kind of thinker appeared in this sphere, who couldn't go along with the purely scientifically based world view but could on the other hand also not dive into solid thought of the Hegel type. For them a big question came about: How can a person create something within his thoughts, which originate in himself, and place this in an objective relationship to the outer world?—There were epistemologists of different nuances who agreed with the call “Back to Kant”, but this way to Kant was aimed in the most varied ways; there were sharp-witted thinkers like Liebman, Volkelt and so on, who basically remained within the epistemological and didn't get to the question: How could someone take the content of his thoughts and imaginative nature from within himself and find a bridge to a trans-subjective reality existing outside human reality?
[ 6 ] Was ich Ihnen hier als eine Situation schildere, die der Philosophie-Beflissene etwa im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vorfand, hat zu keinerlei Art von Lösung geführt. Das war gewissermaßen die Mitte eines Dramas oder irgendeines in der Zeit verlaufenden Kunstwerkes, zu dem kein Ende hinzugefunden worden ist. Es liefen diese Bestrebungen mehr oder weniger ins Unbestimmte aus. Sie liefen aus in eine große Anzahl von Fragen, und überall fehlte im Grunde genommen der Mut, gegenüber diesen Fragen auch nur das Streben nach Lösungsversuchen zu entwickeln.
[ 6 ] What I'm sketching for you now as a situation in which the philosophic zealots found themselves in the last third of the nineteenth Century, which didn't lead to any kind of solution. This was to a certain extent in the middle of some or other drama during a time-consuming work of art, to which no finality had been found. These efforts more or less petered out into nothing definite. The efforts ran into a large number of questions and overall, basically failed to acquire the courage to develop a striving for solutions regarding these questions.
[ 7 ] Heute nimmt sich die Situation in der ganzen philosophischen Welt so aus, daß man sie gar nicht mehr so schildern kann, wie ich jetzt eben die Situation vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dargestellt habe, wenn man die Wirklichkeit treffen will. Heute sind vor unserem Blick philosophische Gesichtspunkte aufgetaucht, welche, ich möchte sagen, aus ganz anderen Untergründen emporgestiegen sind, und die notwendig machen, daß wir heute die philosophische Situation in einer ganz anderen Weise charakterisieren. Heute tritt, wenn wir die philosophische Situation charakterisieren wollen, scharf vor unser Seelenauge dasjenige, wofür ja unser Blick im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts so sehr geschärft werden konnte, nämlich die voneinander so stark differierenden philosophischen Weltanschauungen des Westens, der europäischen Mitte und des europäischen Ostens. Heute steht in einer anderen Weise als noch vor kurzer Zeit vor unserem gefühlsmäßigen Erleben des Philosophischen das, was sich etwa aussprechen kann in den drei Namen: Herbert Spencer — Hegel — Wladimir Solowjew. Indem wir diese drei Persönlichkeiten vor uns hinstellen, haben wir in ihnen die Repräsentanten dessen, was heute die philosophische Situation charakterisieren kann. Innerlich war das gewissermaßen schon immer oder seit langer Zeit der Fall, aber es tritt erst heute die philosophische Situation so charakteristisch vor unser Seelenauge.
[ 7 ] Today the situation in the entire world of philosophy is such that one can't sketch it in the same way as I've done for the situation in the last third of the nineteenth century, in its effort to determine reality. Today philosophic viewpoints have appeared which, I might say, have risen out of quite different foundations, and which make it possible for us to characterise it in quite a different way. Today, if we wish to characterise the philosophic situation, our glance which we have homed in the second half of the twentieth century comes clearly before our soul eyes, namely such sharply differentiated philosophic viewpoints of the West, of central Europe and Eastern Europe. Today things appear in quite a different way which not long ago flowed through our experience of the philosophical approach to be found in three names: Herbert Spencer—Hegel—Vladimir Soloviev. By placing these three personalities in front of us we have the representatives who can epitomise our philosophic character of today. Inwardly this had to some extent already been the case for some time, but these characteristics of the philosophic situation only appear today before the eyes of our souls.
[ 8 ] Sehen wir uns einmal den Westen an: Herbert Spencer. Ich müßte natürlich, wenn ich vollständig sein wollte, den ganzen Hergang der philosophischen Entwicklung schildern, wie er von Bacon, Locke über Mill zu Spencer geführt hat; doch das kann heute nicht meine Aufgabe sein. In Herbert Spencer tritt uns eine Persönlichkeit entgegen, welche Philosophie begründen will, aber Philosophie begründen will rein aus Begriffssystemen heraus, die an der Naturwissenschaft gewonnen sind. Wir finden in Spencer eine Persönlichkeit, die zu dem Naturwissenschaftlichen restlos Ja sagt, und die aus diesem Jasagen heraus die Konsequenz zieht: Also muß alles philosophische Denken über die Welt aus diesem Naturwissenschaftlichen gewonnen werden. So sehen wir, wie Spencer sucht, in der Naturwissenschaft gewisse Vorgänge in Begriffe zu fassen, zum Beispiel wie ein fortwährendes Sichzusammenziehen und Sichausbreiten der Stoffe stattfindet, ein Differenzieren und Konsolidieren. Er beobachtet das zum Beispiel an der Pflanze, die in den Blättern sich ausbreitet und sich im Keime zusammenzieht, und er versucht, solche Begriffe dann in klare naturwissenschaftliche Formen zu bringen und damit eine Weltanschauung aufzubauen. Und er versucht sogar, die menschliche Gesellschaft selber, den sozialen Organismus, nur so zu denken, daß dieses Denken eine Analogie bietet zu dem natürlichen Organismus. Da kommt er aber sogleich in die Enge. Der natürliche Organismus des Menschen ist gebunden an den Zusammenfluß alles dessen, wodurch dieser Organismus mit der Außenwelt in ein Verhältnis tritt, durch Wahrnehmungen, durch Vorstellungen und so weiter. Der einzelne natürliche Organismus ist gebunden an das, was sich unter dem Einfluß des Sensoriums entwickeln kann. In dem gesellschaftlichen Organismus findet Herbert Spencer ein solches Sensorium nicht, kein irgendwie zentral zusammenlaufendes Nervensystem. Dennoch konstruiert er einen solchen gesellschaftlichen Organismus und findet darin gewissermaßen die Krönung seines philosophischen Gebäudes, das ganz auf Naturwissenschaft aufgebaut ist.
[ 8 ] Let's look at the West: Herbert Spencer. If I want to be thorough I would have to give an outline of the entire course of philosophic development, how it went from Bacon, Locke over Mill to Spencer, but this can't be my task today. In Herbert Spencer we meet a personality who wanted to base his philosophy on a pure system of concepts, as is determined in natural science. We find in Spencer a personality who totally agrees with science and out of this agreement arrives at a conclusion: ‘This is the way in which all philosophic thought in the world must be won by natural science.’ So we see how Spencer searched in science to determine certain steps to understand concepts, like for example how matter is constantly contracting and expanding, differentiating and consolidating. He saw this for instance in plants, how the leaves spread out and how they drew together in the seed, and he tried to translate such concepts into clear scientific forms with which to create his world view. He even tried to think about the human community, the social organism, only in such a way in which his thoughts would be analogous to the natural organism. Here he suddenly became cornered. The natural human organism is connected to the confluence of everything relating to it from the surrounding world, through observations, through imagination and so on. Every single organism is bound to what it can develop under the influence of the nervous or sensory system (sensorium). In the human community organism Herbert Spencer couldn't find a sensorium, no kind of centralised nervous system. For this reason, he constructed a kind of community organism, totally based on science, as the crown of his philosophic structure.
[ 9 ] Was liegt damit eigentlich in diesem Westen vor? Da liegt vor, daß dort gerade der naturwissenschaftliche Gedanke in seiner vollen, seiner berechtigten Einseitigkeit sich entwickelt hat. Da liegt vor, daß aus den ursprünglichen Völkeranlagen heraus feinste Beobachtungsgabe und Experimentiertalent sich entwickelt haben. Da liegt vor, daß ein Interesse vorhanden ist, die Welt des äußerlich Sinnlich-Wirklichen in den kleinsten Einzelheiten zu beobachten, ohne dabei etwa ungeduldig zu werden und aufsteigen zu wollen zu irgendwelchen zusammenfassenden Begriffen. Da liegt aber auch vor ein Hang, mit der Wissenschaft stehenzubleiben innerhalb dieser äußeren sinnlichen Tatsachenwelt. Da liegt das vor, was ich nennen möchte: eine Art Furcht davor, von der Sinneswelt irgendwie zu einem Zusammenfassenden aufzusteigen. Da aber der Mensch doch nicht anders kann, als zu leben in etwas, was auch über die Sinneswelt hinausgeht, was dem Menschen nicht einfach durch die Sinne gegeben wird, so tritt hier im Westen die Erscheinung hervor, daß die gesamte geistige Welt restlos übergeben sein soll dem individuellen Glauben des einzelnen, und daß dieser Glaube frei von allem wissenschaftlichen Einfluß sich entwickeln soll. Was Inhalt des Religiösen ist, das will sich der Mensch nicht antasten lassen von dem, was er wissenschaftlich erkundet. So sehen wir, daß bei Herbert Spencer, der in seiner Art ganz konsequent die naturwissenschaftliche Denkweise heraufführt bis in die Soziologie hinein, streng [getrennt] vorhanden ist, auf der einen Seite die Wissenschaft, die ganz naturwissenschaftlich verlaufen soll, und auf der anderen Seite für den Menschen ein geistiger Inhalt, mit dem Wissenschaft sich nichts zu schaffen machen soll.
[ 9 ] What lay ahead for the West with this? It meant that scientific thought could reach its fully entitled, one-sided development. What lay ahead was the finest observational results and experimental talents developing out of folk talents. What came out of it was interest created to observe the world in its outer sensory reality into the smallest detail, without becoming impatient and wanting to rise out of it to some encompassing concepts. What came out of it was also a tendency to remain within this outer sense-world of facts. There was what I could call, a kind of fear of rising up to one encompassing amalgamation. Because they could do nothing else but exist in what the sense world presented to them, simply being pushed directly into the senses here in the West, there appeared the belief that the entire spiritual world should be handed over to the singular faiths of individuals, and that these beliefs should develop free from all scientific influences. Religious content was not to be touched by scientific exploration. So we see with Herbert Spencer, who in his way took up the scientific way of thought consequentially right into sociology, earnestly separated, on the one hand, from science, which would proceed scientifically, and on the other hand with a spiritual content for people who wanted nothing to do with science.
[ 10 ] Gehen wir nun von Herbert Spencer zu dem, was uns bei Hegel entgegentritt. Es verschlägt nichts, daß Hegel, der dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts angehörte, im zweiten Drittel für das mitteleuropäische Philosophieren mehr oder weniger als überwunden galt, denn was für Mitteleuropa charakteristisch ist, das ist doch am bedeutsamsten gerade bei Hegel zum Vorschein gekommen. Sehen wir uns Hegel an: Schon in seiner, ich möchte sagen, gefühlsmäßigen Veranlagung liegt eine gewisse Abneigung gegen diese universalistische naturwissenschaftliche Art, mit der Weltanschauung so zu verfahren, wie sie im Westen ausgestaltet wird durch Herbert Spencer, aber sich selbstverständlich vorbereitet hat durch dessen Vorgänger, sowohl die Naturforscher wie auch die Philosophen. Wir sehen bei Hegel, wie er zum Beispiel Newton nicht leiden kann, wie ihm die besondere Art, das Weltall nur mechanistisch zu denken, unsympathisch ist, wie er Newton ablehnt nicht etwa bloß in bezug auf die Farbenlehre, sondern auch als Interpreten des Kosmos. Hegel gibt sich Mühe, zu den Keplerschen Formeln über die Planetenbewegungen zurückzukehren; er analysiert die Keplerschen Formeln über die Planetenbewegungen und findet für sich, daß Newton eigentlich gar nichts hinzugefügt hat, sondern daß in den Keplerschen Formeln schon das ganze Gravitationsgesetz drinnenliegt. Und das übernimmt er aus dem Grunde, weil er aus dem, was bei Kepler mehr aus geistigem Erleben kommt, ein wissenschaftliches Denken hervorgehen sieht, das umfassend ist und das das äußere Naturwissenschaftliche vom Geiste aus begreiflich zu machen versucht. Kepler ist für Hegel einfach die Persönlichkeit, die imstande ist, in den Geist auch mit dem Denken einzudringen und eine Brücke zu schlagen zwischen dem, was wissenschaftlich erkannt wird, und dem, was nach der Meinung des Westens bloß geglaubt werden soll, der also imstande ist, die Wissenschaft heraufzutragen in das Gebiet, das für den Westen vermeintliches Gebiet des Glaubens ist.
[ 10 ] Let's go now from Herbert Spencer to what we meet with Hegel. It doesn't matter that Hegel, who belonged to the first third of the 19th Century, was outwitted during the second third for central European philosophy because what was characteristic for Middle Europe was most meaningful in what exactly had appeared in Hegel. Let's look at Hegel. Already in his, I could call it, emotional predisposition, lies a certain antipathy against this universalist natural scientific way with which to shape the world view as Herbert Spencer had done in the West, but of course had been prepared by predecessors, both by scientific researchers and philosophers as well. We see how Hegel could not stand Newton and was unsympathetic to his unique way by thinking of the world-all as totally mechanical, how he rejected Newton not merely in terms of the colour theory but also in his interpretation of the cosmos. Hegel took the trouble to go back to Kepler's planetary movement formulations, he analysed Kepler's formulations about planetary movements and found out for himself, that Newton had actually not added anything new because Kepler's formulation already contained the laws of gravitation. This he applied from the basis of a scientifically formulated thought, while with Kepler it had resulted more out of a spiritual experience, which he saw as encompassing and that one could try to grasp the outer natural scientific through the spirit. Kepler is for Hegel simply the personality who is capable of penetrating thoughts with the spirit and building a bridge between what is acceptable scientifically, and what simply has to be believed according to the West, and which is also capable of lifting science into the area which for the West is limited to belief.
[ 11 ] Aus diesem Grunde lehnt Hegel, ganz im Einklang mit Goethe, die Newtonsche Farbenlehre streng ab. Überall sehen wir in der Hegelschen Anlage eine Art Antipathie gegen das, was bei Newton aus dessen Anlagen heraus ganz natürlich ist. Dafür ist bei Hegel ein entschiedenes Talent vorhanden, ganz in dem Gedanklichen selber zu leben. Für Hegel war das einfach selbstverständlich, was Goethe gegenüber Schiller sagte: «Ich sehe meine Ideen mit Augen». Das ist scheinbar eine Naivität, allein, solche Naivitäten nehmen sich oftmals, richtig betrachtet, als die tiefste philosophische Weisheit aus. Hegel würde einfach nicht verstanden haben, wie man behaupten könne, die Idee des Dreiecks sei nicht zu fassen, denn Hegels Leben verlief eigentlich ganz — wenn ich mich so ausdrücken darf — auf dem Plan des Gedankens. Für ihn war auch eine höhere Offenbarungswelt, eine Welt höherer Geistigkeit dadurch vorhanden, daß sie gewissermaßen ihre Schattenbilder auf eine Fläche wirft, die von Gedanken ausgefüllt ist. Von oben her wirft die geistige Welt ihre Schattenbilder auf die Fläche der menschlichen Seele, auf der der menschliche Gedankesich entwickelt. Dadurch kommt für Hegel der Begriff des höheren Geistigen zustande, daß es auf der Fläche der Seele sich abschattet als Gedanken. Hegel ist dazu veranlagt, diese Gedanken voll als Geistiges zu erleben, und er erlebt auch das natürliche Geschehen nicht in seiner elementaren Gegenwart, sondern sieht es in den Gedankenbildern, die es auf die Fläche der Seele geworfen hat.
[ 11 ] From this basis Hegel, in tune with Goethe, strongly opposed the Newtonian colour theory. We can see how the Hegelian system had a kind of antipathy against what appeared quite natural in the Newtonian system. For this Hegel had a decisive talent—to live completely in a thought itself. For Hegel Goethe's utterance to Schiller was obvious: “I see my ideas with my eyes.” It appears naive, however, such naivety, when considered correctly, comes out of the deepest philosophic wisdom. Hegel would simply not have understood how one could state that the idea of the triangle is not to be grasped, because Hegel's life went completely—if I might use the expression—according to the plan of thinking. For him there was also a higher world of revelations, a world of higher spirituality, which gradually casts its shadow images on a plane which is filled with thoughts. From up above the spiritual worlds throw their shadow images on the plane of the human soul, on which human thought can develop. Through this the idea of higher spirituality came about for Hegel, that on the plane of the soul it is shadowed as thoughts. Hegel was inclined to experience these thoughts as fully spiritual, and he also experienced natural events not in their elementary present time, but he saw them in mental pictures, thrown on to the plane of the soul.
[ 12 ] So wird es in Hegels Philosophie zur Unmöglichkeit, in jener äußerlichen Weise Wissen und Glauben voneinander zu trennen, wie es dem Westen ganz natürlich ist. Für Hegel wird zur Lebensaufgabe die Vereinigung der geistigen Welt, die der Westen einfach aus seinen Anlagen heraus in das bloße Glaubensgebiet verweisen will, mit der sinnlich-physischen Welt, zu einer solchen Welt, von der man wissen kann. Hier ist nicht mehr Wissen auf der einen Seite, Glauben auf der anderen Seite; hier ist der Menschenseele das große, bedeutsame Problem gestellt: Wie findet man im inneren Erleben selbst die Brücke zwischen Glauben und Wissen, zwischen Geist und Natur? Aber es war gewissermaßen das Tragische in Hegel, daß er das, was er in so grandioser Weise als ein Problem aufzuwerfen verstand, eigentlich nur sah sozusagen in bezug auf die Fläche des Gedankens, daß er zwar die innere Kraft, die innere Lebendigkeit des Gedankens zu erleben verstand, aber vom Inhalte des Gedankens nichts Lebendiges erfassen konnte. Nehmen Sie die Hegelsche Logik: Wiederum zurückgehen will er zum alten Begriff des Logos! Er fühlt: Wenn wir überhaupt einen realen Begriff vom Logos haben wollen, dann muß der Logos etwas sein, was nicht bloß als ein Gedachtes, sondern als ein real Wirkendes die Welt durchflutet und durchlebt. Für ihn ist der Logos nicht nur abstraktJogischer Inhalt, sondern für ihn wird er realer Weltinhalt. Sehen wir uns seine «Logik» an, den einen der drei Teile von Hegels Philosophie: Sie enthält nur abstrakte Begriffe! Und so steht, so furchtbar ergreifend für den, der mit seinem ganzen Menschen auf die Hegelsche Philosophie einzugehen weiß, auf der einen Seite Hegels so grundrichtige Empfindung: Durch das, was in dem Logos erfaßt werden kann, muß eingedrungen werden in das schöpferische Prinzip der Welt. Der Logos muß sein «Gott vor der Erschaffung der Welt» — ein Hegelscher Ausdruck!
[ 12 ] So it is impossible in Hegel's philosophy to separate, in an outer way, wisdom from belief, which was quite natural in the West. For Hegel his life task was the unification of the spiritual world (which the West wanted to simply refer to as part of the large sphere of belief) with the sensory physical world, into such a world about which one can have knowledge. This means there is no longer knowledge on the one hand and belief on the other; here the human soul faces the great, meaningful problem: How does one find during earthly life the bridge between belief and knowledge, between spirit and nature? To a certain extent it was the tragedy of Hegel that the problem he posed in such a grandiose manner, he wanted to understand actually only on the level of thinking, that he wanted to understand the experience of the inner power, the inner liveliness of thinking, but he could not grasp anything living from the content of thought. Consider Hegel's logic—he wanted to return repeatedly to the concept of the Logos! He felt that when we actually wanted to attain a true understanding of the Logos, then the Logos must be something which is not merely something thought, but a real activity which floods and works through the world. For him the Logos did not only have an abstract, logical content, but for him it became real world content. If we look at one of the three parts of his philosophy, namely his “logic” we only find abstract concepts! So it is terribly moving for someone who enters on the one side into the Hegelian philosophy, with his whole being, and has the fundamental experience: that which can be grasped through the Logos, must be penetrated with the creative principle of the world. The Logos must be “God before the creation of the world”—to use an expression of Hegel.
[ 13 ] Dies auf der einen Seite. Und wie wird auf der anderen Seite dieser Logos von Hegel selbst entwickelt? Er beginnt beim «Sein», kommt zu dem «Nichts», zu dem «Werden», zu dem «Dasein». Er kommt zu der Kausalität, dem Zweck, zu der Teleologie. Man sehe sich die ganzen Begriffe in der Hegelschen Logik an und frage sich: Ist das dasjenige, was «vor dem Beginn der Schöpfung als der Inhalt des Göttlichen» da sein konnte? Es ist abstrakte Logik, Forderung des Schöpferischen, der Logos als Postulat, aber als rein menschliches Gedankenpostulat! Man empfinde diese Tragik, die darin liegt! Und man empfinde dann weiter die Tragik, die darin liegt, daß die Hegelsche Philosophie als überwunden galt! Sie enthält aber Momente, aus denen in der Tat neues Leben sprießen kann. Sie enthält Keime. Hegel hat sein Heil gesehen in dem: Sein — Nichts — Werden — Dasein. Wenn aber heute die Leute Hegel zugeführt bekommen, dann sagen sie: Das ist eine alte Schwarte, darauf brauchen wir uns nicht einzulassen. — Wenn man es aber unternimmt, sich durch einen inneren Seelenprozeß darauf einzulassen, den Begriff innerlich zu erleben, wie ihn Hegel zu erleben suchte, dann schwinden alle Begriffe von Empirie und Rationalismus, dann wird der Gedanke erfahren und das Erfahrene unmittelbar gedacht. Da wird der Gedanke zum Erlebnis und das Erlebnis zum reinen Gedanken. Wer das mitmacht, der empfindet das Bestreben, den Gedanken aus der Abstraktheit zu erlösen, und die Hegelsche Logik als den Keim dazu, daß aus dem Gedanken etwas ganz anderes werden kann, wenn er sich lebendig ausgestaltet. Mir erscheint oft Hegels Logik als der Keim einer Pflanze, dem man kaum ansieht, was er werden kann, der aber doch die mannigfaltigsten Anlagen in sich trägt. Und mir scheint, wenn dieser Keim wächst, wenn ihn der Mensch liebevoll pflegt und in den seelischen Boden einsetzt durch anthroposophische Forschung, dann entsteht gerade das, daß der Gedanke nicht nur gedacht, sondern als Realität erlebt werden kann. Da haben wir das Mitteleuropäische.
[ 13 ] This is on the one side. Now how did Hegel develop this idea of the Logos on the other side? He starts with “being” and arrives at “nothing”, goes from “becoming” to “existence.” He arrives at the goal through the causality, to the belief that certain phenomena are best explained in terms of purpose rather than cause. One can look at the all the concepts of Hegel's logic and ask oneself: Is that what, “before the beginning of creation as the content of the divine” could have been there? This is abstract logic, the demand of the creative, the logos as postulate, but as a purely human thought postulate! One finds this tragic. This tragedy goes further, for the Hegelian philosophy is deemed as valid. Yet it contains instances where through action new life can germinate. It contains sprouts. Hegel saw his redemption in this: being—nothing—becoming—existence. When people are presented with Hegel, they say: ‘This is a dark one, we don't need to be lured into it.’ However, when one makes the effort to allow one's inner soul to enter into it, to experience the concept inwardly, as Hegel tried to experience it, then all the ideas of empiricism and rationalism disappears, then thought experiences and the one who is thinking is directly thought of. Whoever goes along with it finds the impetus of loosening the thoughts from the abstraction, and take Hegel's logic as the sprouts which can become something quite different, when they become alive. For me Hegel's logic looks like the seed of a plant in which one can hardly see what it will become and yet still carries the most varied structures possible within it. For me it appears that when this seed sprouts, when one lovingly cares for it and plants it into the soul's earth through anthroposophical research, then what emerges is that thought can not only be thought but can be experienced as reality. Here we have the central European aspect.
[ 14 ] Gehen wir nun zum Osten, so haben wir in Wladimir Solowjew einen Mann vor uns, der wie kein anderer Philosoph dazu berufen ist, immer mehr nun auch ein Inhalt unseres eigenen philosophischen Strebens zu werden, der uns so wichtig werden muß, indem wir seine besondere Charaktereigentümlichkeit auf uns wirken lassen. Wir sehen in Solowjew zugleich den Repräsentanten dessen, was europäisch-östliche Denkweise ist, die aber nicht die orientalisch-asiatische ist. Solowieff hat ja alles Europäische aufgenommen, er hat es nur in seiner besonderen östlichen Art entwickelt. Aber was sehen wir da sich entwickeln in bezug auf menschliches wissenschaftliches Streben? Da sehen wir, wie eigentlich gerade jene Denkweise, auf die der Westen bei Herbert Spencer das meiste gibt, etwas ist, auf das Solowjew im Grunde genommen hinunterschaut, an dem er höchstens die Wahrheiten und Erkenntnisse, die er sucht, sozusagen illustriert. Dagegen ist das, was er auseinandersetzt, ein volles Erleben in der Geistigkeit selbst. Es tritt bei ihm nicht mit dem vollen Bewußtsein hervor; es tritt mehr atavistisch, unbewußt hervor, aber es ist ein Erleben in der Geistigkeit selbst. Es ist der mehr oder weniger traumhafte Versuch, wissentlich das zu erleben, was der Westen — wiederum ganz bewußt — in das Gebiet des Glaubens versetzt. Und so finden wir im Osten eine Auseinandersetzung mit dem, was in unbestimmter Weise erlebt werden kann, was sich etwa ausnimmt wie ein einseitiges Erleben dessen, zu dem Hegel als der Geistigkeit der Welt von dem natürlichen Dasein aus die Brücke hinüberschlagen wollte.
[ 14 ] If we now go to the East, we have in Vladimir Soloviev a man who is able like no other philosopher, to become gradually more the content of our own philosophic striving, who must now become so important to us because we allow the particularities of his character to work in on us. We see in Soloviev both the European-eastern way of thinking, which is of course not Oriental-Asiatic. Soloviev absorbed everything which was European, he only developed it in an Eastern fashion. What do we see being developed in terms of human scientific striving? Here we see how actually this method of thinking, found mostly in the West by Herbert Spencer, which Soloviev basically looked down on, is something against which the truth and knowledge he was seeking, could so to speak be illustrated. In comparison, what he actually presents is a full experience of spirituality itself. It appeared in full consciousness to him, it appeared more atavistically, subconsciously, yet it is an experience in spirituality itself. It was more or less a dreamlike attempt to knowingly experience what in the West—here quite consciously—was transposed into the realm of belief. So we find in the East a discussion which can be experienced in an imprecise way, which looks like a one-sided experience which Hegel wanted to use to cross the bridge out of the natural existence to the spiritual world.
[ 15 ] Vertieft sich heute jemand, der aus mitteleuropäischer Geistesbildung hervorgegangen ist, in Solowjew, so hat er zunächst ein außerordentlich unbehagliches Gefühl. Er empfindet etwas, was ihn erinnert an manches nebelhaft Mystische, an Überhitztes im menschlichen Seelenleben, das nicht zu solchen Begriffen kommt, die sich äußerlich durch irgend etwas restlos belegen lassen, sondern die nur innerlich erlebt werden können. Er empfindet das vollständig Unbestimmte des mystischen Erlebens, aber er findet auch, daß Solowjew sich durchaus derjenigen Begriffsformen und Ausdrucksmittel bedient, die wir kennen, Hegelscher, Humescher, Millscher, sogar solcher, die spencerisch sind — aber nur als Illustration. So kann man durchaus sagen, daß er nicht im Nebulosen stehenbleibt, sondern daß er durch die Art, wie er das Religiöse als Wissenschaft behandelt, wie er es in allem sucht und als Philosophie entfaltet, durchaus an den philosophischen Begriffsentwicklungen des Westens gemessen und kritisiert werden kann.
[ 15 ] If a person delves into the spiritual development of someone from central Europe, like Soloviev, then he will primarily have an extraordinary uncomfortable feeling. He is reminded of an experience of something misty, mystical; an overheated element in the soul life which doesn't arrive at concepts, which can externally leave him empty completely, but which can only be experienced inwardly. He senses the entirely vague mystical experience, but he also finds that Soloviev makes use of conceptual forms and means of expression which we know, from Hegel, Humes, Mills, even those of Spencer, but only as illustrations. Throughout one can say he doesn't remain stuck in the mist but through the way with which he treats religious aspects as scientific, how he searches for it everywhere and unfolds it as philosophy, he can evermore be measured and criticised according to the philosophic conceptual development of the West.
[ 16 ] So sehen wir uns heute vor der Situation: Im Westen das Bestreben, aus der Naturwissenschaft heraus eine Weltanschauung zu gewinnen, das Naturwissenschaftliche auf die eine Seite zu stellen, das Geistige auf die andere Seite, und in der Mitte zu ringen mit dem Problem, die Brücke zwischen beiden zu schlagen und das in den unbestimmten Ausdrücken, die Hegel gebraucht hat: «Die Natur ist der Geist in seinem Anderssein», «Der Geist ist der Begriff, wenn er wieder zu sich zurückgekehrt ist». In allen diesen stammelnden Ausdrükken liegt die Tragik, daß Hegel nur an der Pflege des abstrakten Gedankens das erleben konnte, nach dem er eigentlich strebte. Und dann sehen wir im Osten, bei Solowjew, etwa die Art noch bewahrt, wie wohl die Kirchenväter in bezug auf Philosophie geredet haben mochten vor dem Konzil zu Nicäa. Er versetzt uns vollständig zurück in die drei ersten nachchristlichen Jahrhunderte des Abendlandes. So haben wir im Osten ein Erleben der geistigen Welt, das sich noch nicht aufschwingen kann zu selbsteigenen begrifflichen Formulierungen, das die westlichen Formulierungen, die westlichen Begriffe gebraucht, um sich auszusprechen, und dem daher die Formulierungen etwas Unbestimmtes, sogar etwas Aufgedrängtes, Fremdes bleiben.
[ 16 ] So we find ourselves today in the following situation. In the West comes the striving to formulate a world view scientifically; science is on the one side and the spiritual on the other side and wrestle in the centre with the problem of how to create a bridge to include both, to express it imprecisely, as Hegel said: “Nature is Spirit in its dissimilarity,” “Spirit is the concept of when it has returned again to itself.” In all these stuttering expressions lie the tragedy that Hegel could only care for abstract ideas, which he strived for. Then in the East, with Soloviev we see how it was somewhat still maintained, how well the church fathers wanted to save it in terms of philosophy, before the Council of Nicaea. It places us completely back in the first three post Christian Centuries of the West. So we have in the East an experience of the spiritual world, which is not able to soar up into self-owned terminological formulations, formulations and concepts used by the West in which they express themselves, and as a result remain in vague, somewhat extraneous, foreign expressions.
[ 17 ] So sehen wir also, wie in dreifacher Art das philosophische Weltbild sich entfaltet hat. Und indem wir verfolgen, wie diese dreifache Art eines philosophischen Weltbildes aus den Charakteren und Anlagen der Menschheit des Westens, der Mitte und des Ostens hervorgeht, können wir sehen, daß es uns heute obliegen muß — da doch Wissenschaft als etwas Einheitliches sich über die ganze Menschheit ausbreiten muß —, etwas zu finden, was sich erheben kann über diese verschiedenen philosophischen Aspekte, die im Grunde genommen doch noch aus denjenigen Elementen hervorgehen, wo die Philosophie noch eine menschlich-persönliche Angelegenheit war. Wir sehen heute: Auf verschiedene Art lieben der Westen, die Mitte von Europa und der Osten die Weisheit. Wir begreifen, daß in älteren Zeiten die Philosophie noch da sein konnte als eine innere Seelenverfassung. Jetzt aber, in der neueren Zeit, wo sich die Menschen so stark differenziert haben, kommt diese Art, die Weisheit zu lieben, in mannigfaltigen Weisen zum Ausdruck. Und vielleicht können wir gerade daran erkennen, was wir selber zu tun haben, insbesondere, was wir in der Mitte zu tun haben, wo ja das Problem am tragischsten und intensivsten aufgeworfen ist, wenn dies auch heute noch nicht in der gleichen Art vor allen philosophischen Gemütern steht.
[ 17 ] So we see how the threefold nature of the philosophic world view unfolded. By our tracing how the threefold philosophic world view was formed through the characteristics and abilities of humanity in the West, the centre and the East, we can see that we are obliged today—because science as something embracing must spread over all of mankind—to find something which can lift it above these various philosophic aspects which basically still provide elements where philosophy is still a human-personal matter. We see today in different ways in the West, central Europe and the East, how they love wisdom. We understand that in ancient times, philosophy could still be an inner condition of the soul. Now however, in recent times, where people are strongly differentiated, this way of loving wisdom expresses itself in a magnitude of ways. Perhaps we could realise due to this, what we have to do ourselves, particularly what we have to do in Central Europe, where the most tragic and intensified problem is raised even if it is not regarded in the same way by all philosophic minds.
[ 18 ] Wenn ich das bildlich zusammenfassen soll, was ich ausgeführt habe, so möchte ich sagen: In Solowjew spricht philosophisch gesehen der alte Priester, der in höheren Welten lebte und eine Art innerer Fähigkeiten zu entwickeln hatte, in diesen höheren Welten zu leben; priesterliche Sprache, nur ins Philosophische umgesetzt, fühlt man überall bei Solowjew. Im Westen, bei Herbert Spencer, spricht der Weltmann, der sich in die Lebenspraxis hineinschicken will, der — wie es ja aus der darwinistischen Theorie hervorgehen kann — die Wissenschaft so ausbilden will, daß sie die praktische Lebensgrundlage ergeben kann. In der Mitte haben wir weder den Weltmann noch den Priester; Fichte, Schelling, Hegel, sie sind keine priesterlichen Naturen wie etwa Solowjew. In der Mitte haben wir den Lehrer, den Volkspädagogen, und zwar auch da, wo die deutsche Philosophie etwa hervorgegangen ist aus der religiösen Vertiefung; da ist der Pastor wiederum zum Lehrer geworden. Das Lehrhafte haftet auch der Hegelschen Philosophie an. Und wir sehen in der neuesten Zeit — etwa bei Oswald Külpe —, wie die Sache so geworden ist, daß nun die Philosophie, als man sie eigentlich schon verloren hatte, nichts mehr ist als eine Zusammenfassung dessen, was die einzelnen Wissenschaften geben. Man fragt bei der unorganischen Naturwissenschaft: was kommen da für Begriffe hervor?, man fragt bei der organischen Naturwissenschaft: was kommen da für Begriffe hervor?, bei der Geschichte, bei der Religionswissenschaft ebenso, und so weiter. Man sammelt diese Begriffe und bildet damit äußerlich abstrakt eine Einheit. Ich möchte sagen, was Gegenstand der Lehre in den einzelnen Wissenschaften ist, soll eine Gesamtlehre bilden. Das ist es, wozu im Grunde genommen die Wissenschaft in der Mitte nach der ganzen Veranlagung der Menschen gelangen mußte.
[ 18 ] If I want to summarise all of what I have brought into a picture, I would like to express it as follows. Regarded philosophically Soloviev speaks like the old priest who lived in higher worlds and who had developed a kind of inner ability to live in these higher worlds: priestly speech translated philosophically is what one encounters all the time with Soloviev. In the West, with Herbert Spencer, speaks the man of the world who wants to enter practical life—as it has come out of Darwinian theory—to expand science in such a way that it becomes the practical basis of life. In the Middle we have neither the man of the world not the priest: Fichte, Schelling, Hegel have no priestly ways like a Soloviev. In the Middle we have the teacher, the educators of the people and it is also here where the German philosophy emerged, for example, from religious deepening; because the priest became the teacher once again. The educated also adheres to the Hegelian philosophy. We see recently—as with Oswald Külpe—how it has happened that philosophy, when it was already lost, is no more than a summary of the individual sciences. From inorganic science you can ask—what are the concepts? From organic science you can ask—what are the concepts? Likewise with history, with the science of religion, and so on. One collects these concepts and forms a separate abstract unit. I would like to say that the subject of the teaching in the separate sciences should create the totality of teaching. This is what the science in the Middle must basically come to after the entire assessment.
[ 19 ] Blicken wir zurück auf das, was da geworden ist, so sehen wir: Bei Herbert Spencer der unbedingte Glaube an die Naturwissenschaft, der Glaube, festhalten zu müssen an dem, was Beobachtung, Experiment und der reflektierende Verstand, der sich über Beobachtung und Experiment hermacht, erleben können; und man täuscht sich darüber hinweg, welcher Widerspruch darin liegt, wenn man die so gewonnenen Begriffe hinauftragen will bis in den sozialen Organismus, und — obwohl dieser das allerwichtigste Charakteristikon des natürlichen Organismus, das Sensorium, nicht hat — ihn dennoch erfassen will mit denselben Begriffen, die im natürlichen Dasein sich ergeben. Wir sehen die Hinneigung zu dem Naturwissenschaftlichen so stark, daß Charaktere möglich geworden sind, die — wie Newton — einseitig festhalten an dem Mechanistischen und ihre Seelenbedürfnisse abseits davon befriedigen. Newton hat ja bekanntlich in ganz einseitig mystischer Weise die Apokalypse zu erklären versucht; also neben seiner wissenschaftlichen Weltauffassung hatte er seine eigenen mystischen Bedürfnisse.
[ 19 ] If we look back at what has happened, we see with Herbert Spencer the unconditional belief in science, the belief for the necessity to cling to observation, experiment and a thinking mind, which can be experienced through the observation and experiment; and one is mistaken about the contradiction which appears here, when the acquired concepts can be applied to the social organism and—although these do not have the most important characteristics of a natural organism, the sensorium—they are nevertheless grasped with the same concepts which arise in natural existence. We see the inclination to the natural sciences so strong that some characters—like Newton—became one-sidedly stuck to the mechanistic and even satisfied their soul-striving with it. It is generally known that Newton had tried in a one-sided mystical way to clarify the Apocalypse; besides his scientific world view he had his own mystical needs.
[ 20 ] Sehen wir uns zum Beispiel an, was da als Naturwissenschaft aufgetreten und nach und nach im Laufe des 19. Jahrhunderts unbewußt in der europäischen Mitte übernommen worden ist; denn man hat in der europäischen Mitte die Wissenschaft einfach nach dem Muster dessen ausgebildet, was westliches naturwissenschaftliches Denken war. Man merkte das nicht, aber man bildete dennoch alles Weltanschauungsdenken nach dem Muster des Westens aus. Wie wild wurden die Leute, wenn irgend jemand einmal versuchte, die Goethesche Denkweise in der Physik gegenüber der Newtonschen in Schutz zu nehmen! — Und wie verlief die Entwicklung in der Biologie? Goethe hat eine Organik begründet, zu der ein Einleben in Begriffe in mathematischer Art notwendig ist. Die Zeit drängt, eine Biologie zu gewinnen, die dem modernen Denken angemessener ist als das, was aus alten Zeiten heraufgekommen ist. Aber der weitere Fortschritt im 19. Jahrhundert hat einmal für Mitteleuropa nicht die Goethesche Biologie angenommen, sondern die des Darwinismus, der von Begriffen durchsetzt ist, die gegenüber den Goetheschen sich so ausnehmen wie die Begriffe des 16. Jahrhunderts gegenüber denen des 18. Jahrhunderts. Einzig und allein in Mitteleuropa hatten sich einmal die Begriffe fortgebildet; im Westen ist man bei denjenigen Begriffen geblieben, die ausreichten für das Naturbegreifen. So kommt es, daß gewisse Begriffe im Westen einfach nicht vorhanden sind und daß sie, als man in Mitteleuropa das westliche Denken übernommen hat, einfach verlorengingen. Zum Beispiel der Gedanke, der lebendige Gedanke, der Begriff des Erfassens einer Wirklichkeit, abgesondert von einem Empirischen, wie er bei Hegel zum Vorschein gekommen ist, ist einfach in Mitteleuropa heute nicht vorhanden; er ging deshalb verloren, weil das mitteleuropäische Denken vom westlichen Denken überflutet worden ist.
[ 20 ] Let's look, for example, at everything which has arisen from natural science and what it gradually in the course of the 19th Century has subconsciously taken over in Central Europe; because in Central Europe science has simply followed the pattern of the Western scientific way of thinking. There is a tendency not to take notice of it, but still all points of view are modelled on the Western pattern. How wild the people become when someone tries to apply Goethe's way of thinking in physics in contrast to them taking shelter under Newton! How does the development happen in biology? Goethe created an organism for which the integration into its concepts depended on an understanding of a mathematical nature. Time was short to obtain a biology more appropriate to modern thinking than to that of olden times. The progress in the 19th Century in central Europe however brought about not the Goethean biology but Darwinism, which was interspersed with concepts contrary to those of Goethe, like the concepts of the 16th Century opposed to those of the 18th Century. Only in Central Europe did these concepts develop; in the West people remained with those concepts that sufficed for the understanding of nature. So it happened that certain concepts in the West simply were not available and simply got lost because people in Central Europe had adopted western thinking. For example, that a thought, a lively thought, can form a concept of grasping a reality, quite apart from empiricism, as it had happened with Hegel—this is not present in Central Europe; it got lost because the central European thinking was flooded by western thinking.
[ 21 ] So haben wir in Mitteleuropa die Aufgabe, hinzuschauen auf das, was naturwissenschaftliche Denkweise sein kann. Dem Anthroposophen wird es übel genommen, wenn er diese naturwissenschaftliche Denkweise mit ebensolcher Liebe pflegt wie der Naturforscher selber. Nichts, gar nichts soll gegen die naturwissenschaftliche Denkweise von mir gesagt werden; es ist nur ein Mißverständnis, wenn man dies glaubt. Aber ich muß naturwissenschaftliche Denkweise eben in ihrer Reinheit sehen und dann auch versuchen, sie in ihrer Reinheit zu charakterisieren. Und da stellen sich für den, der unbefangen der naturwissenschaftlichen Denkweise gegenübersteht, die Dinge, die diese selbst darstellt — so wie etwa die westlichen Forscher sie dargestellt haben, wie es Haeckel in einer genialen Weise getan hat —, da stellen sich diese Ergebnisse westlicher Forschungsart, wenn man sie so läßt und nicht philosophisch umdeutet, nicht als Lösungen, nicht als Antworten dar, sondern sie stellen sich überall als Fragen dar. Die ganze Naturwissenschaft wird nach und nach für den Unbefangenen nicht zu einer Antwort auf Fragen, sondern sie wird zur großen Weltenfrage selbst. Überall empfindet man: Was gerade in der schönsten Weise durch diese Naturwissenschaft erforscht wird — meinetwillen bis zur Atomtheorie, die ich auch nicht negiere, sondern nur an ihren richtigen Platz stellen will —, das alles wird zu Fragen, und aus dem Westen spricht eine große Fragestellung zu uns. Woher rührt diese Fragestellung?
[ 21 ] So we have the task in Central Europe to look at what scientific thinking can be. Anthroposophists resent it when this scientific way of thinking is cared for with as much love as for the researcher himself. Nothing, absolutely nothing will be said by me in opposition to scientific thinking; if someone believes this then it is a misunderstanding. However, I must understand the scientific way of thinking in its purity and then also try to characterise it in its purity. Now these things are presented to those who confront scientific thinking with impartiality—somewhat like a western researcher will present them, like Haeckel in his genial way did it—these results are presented in a western way of research, when they are thus left and not reinterpreted philosophically, not given as solutions, not as answers, but are presented above all as questions. The totality of natural science does not gradually become an answer to a question for the impartial person, because it turns into the great world question itself. This is experienced everywhere: what is now being researched in the most beautiful way by these researchers—for my sake right up to atomic theory, which I don't negate but only want to put it in its correct place—this comes to a question and out of the West a great question is posed to us. Where does this question come from?
[ 22 ] Wenn wir den Blick in die Außenwelt lenken und uns bloß der Wahrnehmung des Gegebenen zuwenden, so haben wir darin keine volle Wirklichkeit. Wir werden als Menschen hineingeboren in die Welt, sind so konstituiert, wie wir es schon einmal sind, nehmen einen Teil der Wirklichkeit für unsere Anschauung in unser eigenes Innere herein, schauen dann die Außenwelt, das SinnlichGegebene an — und es fehlt uns in unserer Anschauung derjenige Teil der Wirklichkeit, der in uns lebt, den wir nur durch menschliches Ringen verbinden können mit der andern halben Wirklichkeit, die uns von außen entgegenschaut. Blicken wir nach dem Westen, so sehen wir dort die halbe Wirklichkeit mit besonderer Hingebung erforscht; aber sie liefert nur eine Summe von Fragen, weil sie halbe Wirklichkeit ist. So tritt uns auf der einen Seite die eine Hälfte der Wirklichkeit, das Gegebene entgegen; schaut man es richtig an, so wird es zur Frage. In Mitteleuropa empfand man das Fragenhafte, das die westliche Denkweise geben kann, und man versuchte durchzustoßen bis zum Gedanken. Das ist die Hegelsche Philosophie.
[ 22 ] When we link our gaze to the outer world and only turn to the observation of the given elements, we don't fathom its complete reality. We are born as human beings in the world, are constituted as such, as we already were before and take part in the reality by looking at ourselves in our own inner being. As we look then at the outer world, the sense perceptible objects—we find that part which is living in us, is missing in reality, as we can only through human struggle connect to the other half-reality, which observes us from the outside. If we look towards the West, so we see the half-reality is researched with particular devotion; however, it only provides a number of questions because it's only a half-reality. So on the one side there appears only one half of reality as a given; if one really looks at it, it raises questions. In Central Europe you discover examples of questions which Western thinking can answer and one tries to push through to thinking. That is the Hegelian philosophy.
[ 23 ] Im Osten empfand man das, was über dem Gedanken lebt, was zum Gedanken hinunterwirkt; aber man kam nicht dazu, es selbst so weit zum Leben zu erwecken, daß sozusagen das Fleisch auch ein Knochensystem erhielt. Solowjew war fähig, in seiner Philosophie Fleisch, Muskeln, auch Blut zu entwickeln — aber das Knochengerüst fehlt. Und daher nahm er die Hegelschen Begriffe, die Humeschen und andere und bildete damit dem, was er zu sagen hatte, ein fremdes Knochensystem ein. Erst wenn man in der Lage ist, nicht mehr ein fremdes Knochensystem zu gebrauchen, dann verwandelt sich das, was im Geistigen erlebt werden kann. So aber, wie es etwa bei Solowjew auftritt, führt es ein schattenhaftes Dasein, weil es sich nicht zum Knochensystem durchbilden und dadurch anschaulich werden kann. Wenn man dabei nicht stehenbleiben will, sich nur äußerlich ein Knochensystem zu entwickeln, sondern in der Geistigkeit lebt und sich vorbereitet durch starke geistige Arbeit, dann entwickelt man für das geistige Erleben selbst das innere Knochensystem, man entwickelt die Begriffe, die man dazu braucht. Dazu sollen jene Übungen sein, die zum Beispiel in meinen Schriften «Geheimwissenschaft», «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und anderen gegeben sind. Da entwickelt man das, was nun wirklich zu einem inneren Begriffsorganismus werden kann. Das ist dann die andere Seite der Wirklichkeit, und diese Seite der Wirklichkeit hat ihre Keime in der östlichen Philosophie Solowjews.
[ 23 ] In the East one felt that which lives above the thought, which works down into the thought; but one couldn't come as far as awakening it to life, that so to speak the flesh could also sustain a skeleton. Soloviev was able to develop it in flesh, muscles and even blood in his philosophy—but the skeleton was missing. As a result, he took Hegel's concepts, those of Humes and others, and built in a foreign skeletal system. Only when one is in the position of not using a foreign skeletal system then something comes about which can be lived through spiritually. So, however, as it happened with Soloviev, it leads to a shadowed existence because it didn't manifest into a skeletal system which could as a result be descriptive. If one doesn't want to remain with building only an outer skeletal system, but live spiritually and prepare oneself through strong spiritual work, then one develops for oneself an inner skeleton within spiritual experiences; one develops the necessary concepts. For this, various exercises have been given in my writings, “Occult Science” and “Knowledge of the Higher Worlds” and in others. Here one develops what really can become a conceptual organism. This is then the other side of reality, and this side of reality has its seed in the eastern philosophy of Soloviev.
[ 24 ] In Mitteleuropa gab es immer nur das große Problem: zwischen Natur und Geist die Brücke zu schlagen. Es ist für uns zu gleicher Zeit ein bedeutsames historisches Problem geworden: die Brücke zu schlagen zwischen West und Ost, und diese Aufgabe muß heute vor uns stehen in der Philosophie. Diese Aufgabe führt aber zugleich hinein in die Anthroposophie. Wird die Anthroposophie innerlich fähig, sich selber in dem Gedankenerleben lebendige Gestalt zu geben, dann darf sie auch auf der anderen Seite ganz materialistisch die natürliche Wirklichkeit erleben, wie man sie im Westen erlebt; denn dann wird nicht durch abstrakte Begriffe, sondern im lebendigen Wissenschaftsringen die Brücke gebaut zwischen dem bloßen Glauben und dem Wissen, zwischen dem Erkennen und der subjektiven Gewißheit. Dann wird aus der Philosophie eine wirkliche Anthroposophie entwickelt, und die Philosophie kann jederzeit von dieser lebendigen Wissenschaft befruchtet werden. Das wird die Hegelsche Philosophie erst wieder zum Leben erwecken können, wenn ihr durch das anthroposophische Erleben Lebensblut geistiger Art zugeführt wird. Dann wird nicht mehr eine Logik dastehen, die so abstrakt ist, daß sie nicht der «Geist jenseits der Natur» sein kann, wie Hegel wollte, sondern daß sie das wirklich sein kann, indem dann nicht der abstrakte, sondern der lebendige Geist von der Philosophie erfaßt wird.
[ 24 ] In central Europe there is always the big problem of striking a bridge between nature and the spiritual. For us it has at the same time become a meaningful historical problem: to strike the bridge between West and East, and this task must stand before us in philosophy. This task also directs itself into Anthroposophy. If Anthroposophy becomes capable of inward thought experiences developing into living form, then it may on the other side experience quite materialistic natural phenomena as they are experienced in the West, because then it will not be through abstract concepts but through living scientific circles that the bridge is built between mere belief and knowledge, between knowing and subjective certainty. Then out of philosophy a real Anthroposophy will develop and philosophy can be fructified from both sides by these living sciences. Only then would Hegel's philosophy be awakened to life, when through the anthroposophical experience you let the blood of life be spiritually added to it. Then there won't be a logical base which is so abstract that it can't be “Spirit on the other side of Nature”, as Hegel wanted it, but that it really can be grasped, not as abstraction but as the living spirituality of philosophy.
[ 25 ] Das gab der Anthroposophie zunächst die Aufgabe, zu untersuchen: Wie muß gemäß unserem heutigen Standpunkte, der nun wiederum Jahrzehnte hinter Hegel liegt, die Brücke geschlagen werden zwischen dem, was wir Wahrheit nennen auf der einen Seite, die die volle Wirklichkeit umfassen muß, und dem, was wir Wissenschaft nennen auf der anderen Seite, die nun auch die volle Wirklichkeit umfassen muß. Kurz, es mußte das Problem gestellt werden — und das ist das wichtigste aus der Anthroposophie hervorgehende philosophische Problem: Welches ist die Beziehung zwischen Wahrheit und Wissenschaft?
[ 25 ] This gives Anthroposophy the following task. How must we, according to our present viewpoints, which lie decades behind Hegel, strike the bridge between what we call truth on the one side, which must encompass all of reality, and that which we call science on the other side, which also must encompass the entirety of reality? Briefly, the problem must be raised—and that is the most important philosophic problem in Anthroposophy: what is the relationship between truth and science?
[ 26 ] Dieses Problem möchte ich in der Einleitung heute an die Spitze derjenigen Betrachtung gestellt haben, von der ich glaube, daß sie nun folgen wird.
[ 26 ] This is the problem I wanted to present in the introduction today at the start of our consideration, which I believe you will now understand.
