Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
1 June 1922, Vienna
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The Tension Between East and West, tr. Rowley
1. Anthroposophie und Naturwissenschaft
1. Anthroposophy and Natural Science
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Dieser Kongreß ist Ihnen als ein Weltanschauungskongreß angekündigt worden, und Sie werden ihn wohl auch nach der Ankündigungsweise als einen solchen hinnehmen. Wer aber heute über Weltanschauungsfragen sprechen will, darf nicht vorbeigehen an der Naturwissenschaft, vor allen Dingen nicht an den Weltanschauungskonsequenzen, welche diese Naturwissenschaft gebracht hat. Diese Naturwissenschaft ist ja in einem gewissen Sinne seit Jahrhunderten, man darf sagen, seit dem 15., 16. Jahrhundert, immer mehr und mehr die Beherrscherin des menschlichen Denkens innerhalb der Kulturwelt geworden.
[ 1 ] This congress has been announced as a Congress on the philosophy of life, and no doubt you will take it as such. Anyone who wishes to talk about philosophical questions today, however, cannot ignore natural science, and in particular the philosophical consequences that natural science has brought with it. Indeed, for centuries—since the fifteenth or sixteenth century, we may say—science has increasingly come to dominate human thinking in the civilized world.
[ 2 ] Nun würde man ja sehr viel zu sagen haben, wenn man hinweisen wollte auf die großen Erkenntnistriumphe dieser Naturwissenschaft und auf die Umgestaltung unseres ganzen Lebens durch die Errungenschaften naturwissenschaftlicher Forschung. Das hieße aber, für alle Anwesenden Bekanntes wiederholen. Vom Weltanschauungsstandpunkt aus muß an der Naturwissenschaft noch etwas ganz anderes interessieren, Das ist die Rolle als Erzieher der ganzen zivilisierten Menschheit, welche die Naturwissenschaft seit langer Zeit eingenommen hat. Und gerade wenn man von dieser erzieherischen Rolle im Entwickelungsgang der modernen Menschheit spricht, dann kommt man eigentlich auf, ich möchte sagen, zwei Paradoxien. Gestatten Sie mir, von diesen Paradoxien heute auszugehen.
[ 2 ] Now it would take a great many words to survey the triumphs of science in the field of human knowledge, and the transformation of our whole life brought about by the achievements of scientific research. And it would be merely a repetition of what you all know already. Philosophically speaking, what is interesting about science is something quite different. I mean the function it long ago assumed of educating the civilized world. And it is precisely in discussing this educational rôle in the development of modern man that we come up against two paradoxes, as I should like to call them. Let me begin with these paradoxes.
[ 3 ] Das erste, was sich vollzogen hat mehr in bezug auf das menschliche Innere, von der naturwissenschaftlichen Forschungsweise aus, das ist eine Umgestaltung des menschlichen Gedankenlebens als solchem. Wer unbefangen frühere Weltanschauungsströmungen ins Auge zu fassen weiß, der wird sich sagen müssen, daß innerhalb dieser Weltanschauungsströmungen, aus den Bedingungen der Menschheitsentwickelung in älteren Epochen, das Denken wie selbstverständlich etwas aus dem eigentlichen Menschlichen hinzugetan hat zu demjenigen, was Experiment und Beobachtung der Natur ergaben. Man braucht sich nur zu erinnern an die gegenwärtig überwundenen Erkenntniszweige, an die Astrologie, die Alchimie, und man wird darauf kommen, wie in solchen für ehemalige Kulturepochen angemessenen Erkenntnisarten an die Natur so herangegangen wurde, daß wie selbstverständlich das menschliche Denken aus sich heraus zu demjenigen etwas hinzugab, was es aussagen wollte, oder auch, was es sich offenbaren ließ durch die Dinge der Welt.
[ 3 ] The first thing that has followed from the scientific method of research is a transformation of human thinking. Any impartial observer of earlier philosophical trends must conclude that, because of the conditions which then determined man's development, thinking inevitably added something subjective to what was given by experiment and the observation of nature. We need only recall those now outmoded branches of knowledge, astrology and alchemy, to perceive how nature was approached in former times—how human thinking as a matter of course added to what was there something that it wished to express, or at any rate did not suppress.
[ 4 ] Das hat vor der naturwissenschaftlichen Gesinnung der neueren Zeit aufgehört. Wir sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, heute gewissermaßen verpflichtet, die Wahrnehmungen, die uns Beobachtung und Experiment geben, rein hinzunehmen, sie zu verarbeiten zu den sogenannten Naturgesetzen. Wir bedienen uns in der Bearbeitung von Experiment und Beobachtung allerdings des Denkens; aber wir bedienen uns des Denkens nur als eines Mittels, um die Erscheinungen zusammenzustellen, so daß sie uns durch ihr eigenes Dasein ihren inneren Zusammenhang, ihre Gesetzmäßigkeit offenbaren. Und machen es uns zur Aufgabe, vom Denken aus nichts hinzuzutun zu dem, was wir in der Außenwelt beobachten können. Wir sehen dies geradezu als ein Ideal naturwissenschaftlicher Gesinnung, und das mit Recht, an.
[ 4 ] In face of the scientific attitude of recent times, this has ceased. Today, we are virtually obliged simply to accept the data given us by observation and experiment, and to work them up into natural laws, as they are called. Admittedly, to do so we make use of thought; but we make use of it only as a means of arranging phenomena so that through their own existence they manifest to us their inner connection, their conformity to law. And we make it our duty not to add any of our own thought to our observation of the world. We see this, indeed, as an ideal of the scientific attitude—and rightly so.
[ 5 ] Was ist unter solchen Einflüssen das menschliche Denken geworden? Es ist eigentlich der Diener, das bloße Mittel für die Forschung geworden., Der Gedanke als solcher hat gewissermaßen nichts mehr zu sagen, wenn es sich darum handelt, die Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in der Welt zu untersuchen.
[ 5 ] Under these conditions, what has become of human thinking? It has actually become the servant, the mere tool of research. Thought as such has really nothing to contribute when it comes to investigating the conformity to law of external phenomena.
[ 6 ] Damit aber ist das eine Paradoxon gegeben, auf das ich hinweisen möchte. Dadurch ist der Gedanke gewissermaßen als ein menschliches Erlebnis ausgeschaltet aus dem Verhältnis, das der Mensch mit der Welt in bezug auf Realitäten eingeht. Der Gedanke ist ein formales Hilfsmittel geworden, um die Realitäten zu begreifen. Er ist innerhalb der Naturwissenschaft nicht mehr ein Selbstoffenbarendes.
[ 6 ] Here, then, is one of my paradoxes: that thought as a human experience is excluded from the relationship that man enters into with the world. It has become a purely formal aid for comprehending realities. Within science, it is no longer something self-manifesting.
[ 7 ] Das bedeutet für das Innere des Menschenlebens außerordentlich viel. Es bedeutet, daß wir hinschauen müssen auf das Denken als auf dasjenige, was sich weise und bescheiden zurückzuhalten hat, wenn es auf die Betrachtung der Außenwelt ankommt, was gewissermaßen innerhalb des Seelenlebens eine eigene Strömung ist.
[ 7 ] The significance of this for man's inner life is extraordinarily great. It means that we must look upon thinking as something which must retire in wisdom and modesty when we are contemplating the outside world, and which represents a kind of private current within the life of the soul.
[ 8 ] Und fragt man sich dann: Wie kann Naturwissenschaft selber an dieses Denken heranrücken? — dann kommt man eben auf das Paradoxon, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Wenn sich das Denken zurückziehen muß in die Verarbeitung der Naturprozesse, wenn es nur formell, aufklärend, zusammenstellend, ordnend eingreifen darf, dann liegt es auch nicht innerhalb der Naturprozesse selber, dann wird es paradox, wenn wir die, allerdings jetzt vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus, berechtigte Frage aufwerfen: Wie können wir aus naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit das Denken als eine Offenbarung des menschlichen Organismus begreifen? — Und da können wir heute denn doch nichts anderes sagen, wenn wir unbefangen und ernst im naturwissenschaftlichen Leben drinnenstehen, als: in demselben Maße, in dem sich das Denken zurückziehen mußte von den Naturprozessen, kann zwar die Betrachtung der Naturprozesse immer wieder und wiederum anstreben, bis zum Denken hinzugelangen, aber sie kann dieses Streben nicht zu irgendwelcher Befriedigung bringen. Das Denken ist gewissermaßen, wie es methodisch ausgeschaltet ist, so auch in der Realität aus den Naturprozessen ausgeschaltet, ist verurteilt, bloßes Bild und keine Realität zu sein.
[ 8 ] And it is precisely when we now ask ourselves: How, in turn, can science approach thinking? that we come up against the paradox, and find ourselves saying: If thinking has to confine itself to the working-up of natural processes and can intervene only formally, in clarification, combination and organization, it cannot also fall within the natural processes themselves. It thus becomes paradoxical to raise the question (which is certainly justified from the scientific point of view): How can we, from the standpoint of scientific law, understand thinking as a manifestation of the human organism? And to this, if we stand impartially and seriously within the life of science, we can only reply today: To the extent that thinking has had to withdraw from the natural processes, contemplation of them can go on trying to encompass thinking, but it cannot succeed. Since it is methodologically excluded, thinking is also really excluded from the natural processes. It is condemned to be a mere semblance, not a reality.
[ 9 ] Ich glaube nicht, daß heute schon viele Menschen im vollen Bewußtsein sich die Tragweite dieses Paradoxons klarmachen. Aber in den unterbewußten Untergründen des Seelenlebens lebt in einer ungezählten Menge von Menschen der Gegenwart schon die Empfindung davon, daß wir mit demjenigen, was uns zum Menschen eigentlich macht — denn nur als denkende Wesen können wir uns als Menschen betrachten, im Denken sehen wir unsere menschliche Würde —, als mit etwas durch die Welt gehen, dessen Realität wir vorläufig nicht zugeben können, das wir als Bilddasein durch die Welt tragen. Wir fühlen uns gewissermaßen in einer Nichtrealität, indem wir auf unser Edelstes in der Menschennatur hinweisen.
[ 9 ] Not many people today, I believe, are fully conscious of the force of this paradox; yet in the depths of their subconscious there exists in countless numbers of people today an awareness of it. Only as thinking beings can we regard ourselves as human; it is in thinking that we find our human dignity—and yet this, which really makes us into human beings, accompanies us through the world as something whose reality we cannot at present acknowledge, as a semblance. In pointing to what is noblest in our human nature, we feel ourselves to be in an area of non-reality.
[ 10 ] Das ist etwas, was dem auf der Seele liegt, der in ernster Weise sich in die naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden sowohl der unorganischen Naturwissenschaft wie der Biologie eingelassen hat und für sich im Sinne einer Weltanschauung mehr die Konsequenzen dieser Forschungsmethoden als der einzelnen Ergebnisse ziehen möchte.
[ 10 ] This is something that burdens the soul of anyone who has become seriously involved with the research methods both of the inorganic sciences and of biology, and who wishes to draw the consequences of these methods, rather than of any individual results, for a philosophy of life.
[ 11 ] Man möchte sagen: Hier liegt etwas, was zu herben Zweifeln der Menschenseele hinführen kann. Zweifel entstehen allerdings zunächst im Verstand, aber sie strömen hinunter in das menschliche Gemüt. Und gerade derjenige, welcher in einem tieferen, unbefangenen Sinn die menschliche Natur — in dem Sinn, wie ich es in den nächsten Vorträgen für Einzelheiten werde auszuführen haben — zu betrachten versteht, der weiß, wie die Gemütsverfassung, namentlich wenn gewisse Strömungen dieser Gemütsverfassung in die Dauer übergehen, hinunterwirkt selbst in die Leibesverfassung des Menschen und wie aus dieser Leibesverfassung oder Leibesdisposition zu diesem und jenem wiederum heraufquillt die Lebensstimmung. Ob wir den Zweifel hinunterschicken müssen durch unser Gemüt oder nicht, davon hängt es ab, ob wir mutvoll durch das Leben schreiten, so daß wir für uns selbst aufrecht zu stehen wissen, daß wir auch in heilsamer Weise wirken können unter unseren Mitmenschen, oder ob wir verstimmt, niedergeschlagen, untüchtig für uns selbst, untüchtig für unsere Mitmenschen durch das Leben wandeln. Ich sage nicht — und meine nächsten Vorträge werden zeigen, daß ich das nicht zu sagen brauche —, daß das, was ich jetzt ausgesprochen habe, dauernd zum Zweifel führen muß; aber es führt leicht, wenn keine Fortsetzung der Naturwissenschaft nach jenen Richtungen hin stattfindet, die ich zu schildern haben werde, auf den Weg des Zweifels.
[ 11 ] Here, we may say, is something that can lead to bitter doubts in the human soul. Doubts arise first in the intellect, it is true; but they flow down into the feelings. Anyone who is able to look at human nature more deeply and without prejudice—in the way I shall be demonstrating in detail in the lectures that follow—knows how the state of the spirit, if it endures long enough, exerts an influence right down to the physical state of the person, and how from this physical state, or disposition, the mood of life wells up in turn. Whether the doubt is driven down into our feelings or not determines whether we stride courageously through life, so that we can stand upright ourselves and have a healthy influence among our fellow-men, or whether we wander through life disgruntled and downcast—useless to ourselves and useless to our fellow-men. I do not say—and the lectures which follow will show that I do not need to say—that what I have just been discussing must always lead to doubt; but it can easily do so, unless science is extended in the directions I shall be describing.
[ 12 ] Die großartigen Errungenschaften der Naturwissenschaft nach der Außenwelt hin stellen an den Menschen in bezug auf seine Seele außerordentliche Anforderungen, wenn er, wie es der hier vertretene Weltanschauungsstandpunkt durchaus muß, in positiver Art zur Naturwissenschaft steht — Anforderungen: Stärkeres, Kräftigeres dem Zweifel entgegensetzen zu können, als man entgegenzusetzen braucht, wenn diese Anforderungen nicht von den gesicherten Ergebnissen der Naturwissenschaft kommen.
[ 12 ] The splendid achievements of science vis-ä-vis the outside world make extraordinary demands on man's soul if, as from the philosophical standpoint here expounded he certainly must do, he adopts a positive attitude to science. They demand that he should be capable of meeting doubt with something stronger and more powerful than would otherwise be needed.
[ 13 ] Führt nach dieser Seite hin also, allerdings nur scheinbar, die Naturwissenschaft zu etwas Negativem für das Seelenleben, so hat sie uns — und damit habe ich mein zweites Paradoxon auszusprechen — nach der anderen Seite etwas außerordentlich Positives gebracht; und ich spreche mit diesem Positiven wiederum ein Paradoxon aus, das mir besonders stark vor die Seele getreten ist, als ich vor jetzt mehr als zwanzig Jahren meine «Philosophie der Freiheit» ausgearbeitet habe, als ich versuchte, unter Aufrechterhaltung einer wirklichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung hinter das Wesen der menschlichen Freiheit zu kommen.
[ 13 ] Whilst in this respect science would appear to lead to something negative for the life of the soul, yet—and this brings me to my second paradox—on the other hand it has resulted in something extremely positive. Here, I express once more a paradox that struck me particularly when, more than twenty years ago now, I worked out my The Philosophy of Spiritual Activity and attempted, whilst maintaining a truly scientific outlook on life, to fathom the nature of human freedom.1The German title of The Philosophy of Spiritual Activity is Die Philosophie der Freiheit.
[ 14 ] Ja, Naturwissenschaft mit ihrer Gesetzmäßigkeit kommt eigentlich theoretisch leicht zu einer Ableugnung der menschlichen Freiheit. Hier aber ist es, wo Naturwissenschaft für ihre Anschauungen theoretisch eigentlich das Gegenteil von dem herausbekommt, was sie in der Praxis ausbildet. Wenn wir immer ernster und ernster uns vertiefen in die Bildnatur des Denkens, wenn wir gerade aus dem Verfolg naturwissenschaftlicher Anschauungsart, nicht naturwissenschaftlicher Theorien, dazu kommen, diese Bildnatur des Denkens, von der ich gesprochen habe, innerlich seelisch richtig zu erleben, dann sagen wir uns: Wenn das Denken in uns nur Bild ist, wenn es nicht eine Realität ist, dann hat es nicht wie eine Naturkraft eine zwingende Wirkungsweise. Ich darf dann dieses Denken vergleichen, und der Vergleich ist mehr als ein solcher, etwa einer Summe von Spiegelbildern. Bilder, vor denen ich stehe, können mich nicht zwingen. Vorhandene Kräfte können mich zwingen, ob sie außer mir oder in mir vorhanden gedacht werden; Bilder können mich nicht zwingen. Bin ich also in der Lage, innerhalb jenes reinen Denkens, das gerade die Naturwissenschaft durch ihre Methoden in uns heranerzieht, meine moralischen Impulse zu fassen, kann ich moralische Impulse so in mir ausgestalten, daß ich zu ihrer Ausgestaltung lebe in dem selben Denken, zu dem mich die Naturwissenschaft erzieht, dann habe ich in diesen im reinen Denken erfaßten moralischen Impulsen keine zwingenden Kräfte, sondern Kräfte und Bilder, nach denen ich mich nur selbst bestimmen kann. Das heißt, wenn Naturwissenschaft auch noch so sehr, man möchte sagen, sogar mit einem gewissen Rechte, aus ihren Untergründen heraus die Freiheit leugnen muß, so erzieht sie, indem sie zu dem Bilddenken erzieht, den Menschen unserer Kulturwelt zur Freiheit.
[ 14 ] For, with its conformity to law, science does easily lead, in theory, to a denial of human freedom. In this respect, however, science develops theories that are just the opposite of its practical effect. When we go further and further into the semblance nature of thinking and, by actually pursuing the scientific attitude—not scientific theories—arrive at a right inward experience of that nature, then we conclude: if it is only a semblance and not a reality, then the process of thought does not, like a natural force, have a compelling effect. I may thus compare it—and this is more than a mere comparison—to a combination of mirror-images. Images before me cannot compel me. Existent forces can compel me, whether they are thought of as existing outside me or inside me; images cannot compel me. If, therefore, I am able to conceive my moral impulses within that pure thinking which science itself fosters in us by its methods; if I can so shape moral impulses within me that my attitude to their shaping is that to which science educates me, then in these moral impulses conceived by pure thinking I have, not compelling forces, but forces and semblances that I myself am free to accept or not. That is to say: however much science, from its very premises, is bound, and with some justification, to deny freedom, yet in educating him to semblance thinking it educates the man of our culture to freedom.
[ 15 ] Das sind, ich möchte sagen, die beiden Pole, der eine in bezug auf das Gedankenleben, der andere in bezug auf das Willensleben, vor die die menschliche Seele durch die naturwissenschaftlichen Anschauungen der Gegenwart hingestellt wird. Aber damit weisen wir zugleich darauf hin, wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung über sich selbst hinauszeigt. Sie muß ja irgendeine Stellung einnehmen zu dem menschlichen Denken. Aber sie schaltet dieses menschliche Denken aus. Sie weist damit auf eine Forschungsmethode hin, die sich vor ihr, vor dieser Naturwissenschaft, voll rechtfertigen und die dennoch zu einem begreiflichen Erleben des Denkens hinführen kann. Sie weist auf der anderen Seite darauf hin, daß die naturwissenschaftliche Anschauungsweise, weil sie selbst im Grunde genommen theoretisch bis zur Freiheit nicht herankommen kann, fortgesetzt werden muß in ein anderes Gebiet, um eben die Sphäre der Freiheit zu erreichen.
[ 15 ] These are the two poles, the one relating to the life of thought and the other to the life of the will, with which the human soul is confronted by present-day scientific opinions. In distinguishing them, however, we indicate at the same time how the scientific view of life points beyond itself. It must take up some attitude towards human thinlting; yet it excludes that thinking. By so doing, it suggests a method of research that can be fully justified in the eyes of science and yet lead to a comprehensible experience of thinking. It suggests, on the other hand, that because it cannot itself arrive theoretically at freedom, the scientific attitude must be extended into a different region, precisely in order to attain the sphere of freedom.
[ 16 ] Was ich hier wie eine Notwendigkeit, die sich aus der Naturwissenschaft selbst ergibt, hinstelle, das Fortsetzen dieser Naturwissenschaft in ein Gebiet hinein, zu dem wenigstens die heute anerkannte Naturwissenschaft nicht kommen kann, versucht die Weltanschauung, die hier vertreten werden soll. Sie kann das heute, da sie im Anfang ihres Werdens steht, selbstverständlich nur in einer gewissen unvollkommenen Art. Aber der Versuch muß gemacht werden; denn gerade die Seelenerlebnisse in bezug auf das Denken und die Freiheit, die ich geschildert habe, breiten sich aus über immer mehr Seelen der gegenwärtigen Kulturmenschheit. Wir dürfen ja heute nicht mehr glauben, daß sich etwa nur diejenigen, die sich irgendwie mit der Wissenschaft zu tun gemacht haben, solche Forderungen und Fragen und Rätsel vorlegen müssen, wie ich sie charakterisiert habe. Auch in die Kreise, man möchte sagen, bis in die fernsten Dörfer hinaus, in die keine naturwissenschaftlichen Ergebnisse erheblicher Art dringen, dringt die Erziehung zu einem solchen Denken, wie die Naturwissenschaft es fordert, und bringt dann, wenn auch heute noch sehr, sehr unbewußt, die Ungewißheit in bezug auf die menschliche Freiheit. Daher handelt es sich bei diesen Dingen nicht bloß um wissenschaftliche Fragen, sondern es handelt sich durchaus um allgemeine Menschheitsfragen.
[ 16 ] What I am presenting as a necessity deriving from science itself—an extension into a region that science, at least as understood today, cannot reach—is attempted by the philosophy of life I am here advocating. Today, of course, since it stands at the beginning of its development, it can achieve this extension only imperfectly. Yet the attempt must be made, because more and more people in the civilized world today are being affected by the problems of thinking and freedom that I have described. It is no longer possible for us today to believe that only those in some way involved with science are faced with demands and questions and riddles of this kind. Even the remotest villages, to which no scientific results of any consequence penetrate, are nevertheless brought by their education to the kind of thinking that science demands; and this brings with it, though quite unconsciously as yet, uncertainty about human freedom. It is therefore not only scientific questions that are involved here, but quite clearly general human ones.
[ 17 ] Es handelt sich also darum: Kann man, wenn man sich auf den Boden naturwissenschaftlicher Erziehung stellt, innerhalb des Erkenntnisweges weiter dringen, als die Naturwissenschaft der Gegenwart dringen kann?
[ 17 ] What it comes to is this: taking our stand on the ground of scientific education, can we penetrate further along the path of knowledge than does present-day science?
[ 18 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Das kann versucht werden; kann so versucht werden, daß man die Wege vor dem strengsten Naturwissenschafter rechtfertigen kann; kann auf Wegen gesucht werden, die von naturwissenschaftlicher Gesinnung und von naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit angelegt sind. Von solchen Wegen möchte ich nun zunächst heute, meine Vorträge einleitend, sprechen. Aber dieser Erkenntnisweg ist, obzwar er von vielen Seelen heute bereits unbewußt ersehnt wird, noch nicht einmal in Begriffen leicht auszusprechen. Daher möchte ich, damit wir uns am heutigen Abend verständigen können, nur zur Verständigung, die Schilderung von älteren Erkenntniswegen heranziehen, welche die Menschheit gegangen ist, um zu Erkenntnissen zu kommen, die über dieses Gebiet, das heute die Naturwissenschaft behandelt, hinaus liegen.
[ 18 ] The attempt to do so can be made, and made in such a way that the methods used can be justified to the strictest scientist, and made by paths that have been laid down in complete accordance with the scientific attitude and with scientific conscientiousness. I should like now, at the start of my lectures, to go on to speak of these paths. Yet, although many souls already unconsciously long for it, the present-day path of knowledge is still not easy to explain conceptually. In order that we may be able to understand one another this evening, therefore, I should like to introduce, simply as aids to understanding, descriptions of older paths that mankind has followed in order to arrive at knowledge lying beyond the ordinary region science deals with today.
[ 19 ] Man kann sagen: Vieles von dem, wovon heute die Meinung besteht, daß es gar nicht Objekt der Erkenntnis sein könne, sondern nur Objekt eines Glaubens, was traditionell heraufgekommen ist in der Menschheitsentwickelung, was als ehrwürdige Tradition heute lebt und als solche als Glaubensinhalt hingenommen wird, das ist, vor einer wirklich unbefangenen Geschichtsbetrachtung, doch herstammend aus älteren, unserer heutigen Kultur nicht mehr angemessenen Erkenntnismethoden. Alles, wovon man heute glaubt, daß es eben Glaubensvorstellung bleiben solle, was als altehrwürdige Tradition hingenommen wird, das führt den psychologischen Geschichtsbetrachter zurück in uralte Menschheitsepochen. Und dort zeigt sich, daß solche heutigen Glaubensinhalte als der damaligen Zeit angemessene Erkenntnisinhalte von irgendwelchen Menschen durch Ausbildung ihrer eigenen Seele, durch Entwickelung verborgener Seelenkräfte gesucht worden sind, also wirkliche Erkenntnisinhalte bildeten. Man ist sich heute nicht bewußt, wie manches einmal gefunden worden ist, was geschichtlich heraufgekommen ist in der Menschheitsentwickelung; aber es ist auf älteren Erkenntniswegen gefunden worden.
[ 19 ] Much of what, it is believed today, should just remain an article of faith and is accepted as ancient and honourable tradition, leads the psychologically perceptive observer of history back into age-old epochs of humanity. There, it turns out that these matters of faith were sought after, as matters of knowledge suited to their time, by certain individuals through the cultivation of their own souls and the development of hidden spiritual powers, and that they thus genuinely constituted matters of knowledge. People today no longer realize how much of what has emerged historically in man's development was once actually discovered—but discovered by earlier paths of knowledge.
[ 20 ] Wenn ich solche Erkenntniswege schildere, so geschieht es allerdings schon mit Hilfe der Methoden, die ich später schildern werde, also so, daß vielfach diejenigen, die nur aus äußeren historischen, nicht aus geistigen Dokumenten die älteren Epochen der Menschheit schildern, Anstoß nehmen können an meiner Schilderung. Derjenige aber, der unbefangen auch die äußeren historischen Dokumente prüft und sie dann vergleicht mit dem, was ich heute aus einem gewissen Schauen heraus zu sagen haben werde, der wird dennoch einen wirklichen Widerspruch nicht finden. Und als zweites möchte ich betonen, daß ich diese älteren Erkenntniswege nicht etwa aus dem Grund schildere, weil ich sie heute irgend jemandem anempfehlen möchte, um höhere Erkenntnisse zu erringen. Sie sind älteren Epochen angemessen und können heute dem Menschen, wenn er sie aus einem Irrtum heraus auf sich anwendet, sogar schädlich werden. Also nur damit wir uns verständigen können über heutige Erkenntnismethoden, greife ich zwei ältere Wege heraus, schildere sie und veranschauliche daran die Wege, die der Mensch heute zu gehen hat, wenn er über die bloße Sphäre des naturwissenschaftlichen Erkennens, wie es heute gilt, hinaus will,
[ 20 ] When I describe these paths, I do so, of course, with the aid of methods I shall outline later; so that in many cases those who form their picture of the earlier epochs of mankind only from outward historical documents, and not from spiritual documents, may take exception to my description. Anyone who examines impartially even the outward historical documents, and who then compares them with what I shall have to say, will nevertheless find no real contradiction. And secondly, I want to emphasize that I am not describing these older paths of knowledge in order to advocate them today. They suited earlier epochs, and nowadays can even be harmful to man if, under a misapprehension, he applies them to himself. It is simply so that we shall understand each other about present-day ways of knowledge that I shall choose two earlier ways, describe them, and thus make clear the paths man has to walk today, if he wishes to go beyond the sphere of scientific knowledge as it is now understood.
[ 21 ] Da haben wir zunächst einen Weg — wie gesagt, ich könnte aus der Fülle der älteren Erkenntniswege auch andere herausgreifen, ich greife aber die zwei folgenden heraus —, da haben wir zunächst einen Weg, der in seiner reinen Gestalt in uralten Zeiten im Orient von einzelnen Menschen begangen worden ist: den Jogaweg.
[ 21 ] As I have said, I could select others from the wealth of earlier ways of knowledge; but I am selecting only two. First, then, we have a way which in its pure form was followed by individuals in ancient times in the East—the way of yoga.
[ 22 ] Der Jogaweg hat mannigfaltige Phasen durchgemacht, und gerade das, worauf ich heute den größten Wert legen werde, ist in spätere Epochen hineingekommen in einem durchaus dekadenten, schadhaften Zustand, so daß der Historiker, wenn er spätere Epochen betrachtet, vom Menschen ausgehend das, was ich zu schildern haben werde, als etwas für ihn sogar Schädliches wird schildern müssen. Allein die Menschennatur hat in den aufeinanderfolgenden Epochen die mannigfaltigsten Entwickelungen durchgemacht. Für alte Epochen war etwas ganz anderes der Menschennatur angemessen als in späteren. Was in früheren Zeiten eine echte Erkenntnismethode sein konnte, wurde vielleicht später nur verwendet, um dem Machtkitzel der Menschen, dem Machtkitzel des einzelnen Menschen gegenüber seinen Mitmenschen zu frönen. Das war in den ältesten Zeiten, für die ich die Jogaübung charakterisieren möchte, nicht der Fall.
[ 22 ] Yoga has passed through many phases, and the aspect to which I shall attach the greatest value today is precisely one that has come down to later epochs in a thoroughly decadent and harmful state. What I shall be describing, the historian will thus be forced, when considering later epochs, to present as something actually harmful to mankind. But in successive epochs human nature has experienced the most varied developments. Something quite different suited human nature in ancient epochs and in later ones. What could, in earlier times, be a genuine means of cognition was later perhaps used only to titillate man's itch for power over his fellow-men. This was certainly not true of the earliest periods, the ones whose practice of yoga I am describing.
[ 23 ] Worin bestand der Jogaweg, der in sehr alten orientalischen Zeiten von einzelnen, die, wenn wir den heutigen Ausdruck gebrauchen wollen, Gelehrte in höheren Weltengebieten bildeten, gegangen worden ist? Nun, er bestand neben anderem in einer besonderen Art von Atmungsübungen. Ich greife die Atmungsübungen aus einer Fülle von Übungen, die der Jogaschüler oder -Gelehrte, der Jogi, auf sich nehmen mußte, heraus. Wenn wir heute auf unser Atmen achten, so müssen wir sagen: Es ist ein Prozeß, der sich im gesunden menschlichen Organismus zum größten Teil unbewußt vollzieht. Man muß schon in irgendeiner Weise etwas Krankhaftes in sich tragen, wenn man das Atmen spürt. Je selbstverständlicher, so möchte man sagen, sich der Atmungsvorgang in unserem Leben abspielt, desto richtiger ist es für das gewöhnliche Bewußtsein und für das gewöhnliche Leben. Der Jogi aber gestaltete für die Zeit seines Übens, in der er sich Erkenntniskräfte anentwickeln wollte, die im gewöhnlichen Bewußtsein nur schlummern, den Atmungsprozeß um. Warum tat er das? Er gestaltete ihn so um, daß er eine andere Zeitlänge zum Einatmen, zum Atemhalten, zum Ausatmen verwendete, als man das im gewöhnlichen selbstverständlichen Atmen tut. Er tat das, um sich den Atmungsprozeß zum Bewußtsein zu bringen. Der gewöhnliche Atmungsrhythmus wird nicht bewußt. Der umgestaltete Atmungsrhythmus, der aus der menschlichen Willkür heraus in seinen Zeitlängen festgesetzt wird, der verläuft vollständig bewußt. Was aber geschieht dadurch? Nun, man braucht sich nur physiologisch auszudrücken, wenn man einsehen will, was der Jogi erreichte durch dieses Sich-zum-Bewußtsein-Bringen seines Atmungsprozesses: Wenn wir einatmen, geht der Atemstoß in unseren Organismus hinein, er geht aber auch durch den Rückenmarkskanal in das menschliche Gehirn hinein. Da vereinigt sich der Rhythmus der Atmungsströmung mit den Vorgängen, welche die materiellen Träger des Gedankenlebens sind, mit den NervenSinnesvorgängen. Wir haben eigentlich niemals, wenn wir im gewöhnlichen Denken leben, bloße Nerven-Sinnesvorgänge, sondern immer Nerven-Sinnesvorgänge, die durchströmt sind von unserem Atmungsrhythmus. Eine Verbindung, ein Ineinanderwirken, ein SichHarmonisieren der Nerven-Sinnesvorgänge und der Atmungsrhythmus-Vorgänge, die finden immer statt, wenn wir unser Gedankenleben ablaufen lassen. Indem nun der Jogi in vollbewußter Weise seinen veränderten Atmungsrhythmus in den Nerven-Sinnesprozeß hineinschickte, verband er auch für sein Bewußtsein den Atmungsrhythmus mit dem Denkrhythmus, mit dem logischen Rhythmus, besser gesagt, mit der logischen Zusammensetzung und Analyse der Gedanken. Dadurch veränderte er sein ganzes Gedankenleben. Nach welcher Richtung veränderte er es? — Nun, gerade dadurch, daß ihm sein Atmungsleben voll bewußt wurde, durchströmten gewissermaßen die Gedanken nun ebenso seinen Organismus wie die Atmungsströmung selbst. Man möchte sagen: der Jogi ließ auf den Atmungsströmungen die Gedanken laufen, und er erlebte sich im inneren Rhythmus seines menschlichen Wesens erfüllt mit auf den Strömungen des Atmens lebenden Gedanken. Dadurch hob sich der Jogagelehrte heraus von der übrigen Masse seiner Mitmenschen, und er konnte dieser Masse Erkenntnisse verkünden, die sie selber nicht haben konnte.
[ 23 ] What did it comprise, the way of yoga, which was followed in very ancient times in the Orient by individuals who were scholars, to use the modern term, in the higher sphere? It comprised among other things a particular kind of breathing exercise. (I am singling out this one from the wealth of exercises that the yoga pupil or the yoga scholar, the yogi, had to undertake.) When nowadays we examine our breathing, we find that it is a process which for the most part operates unconsciously in the healthy human organism. There must be something abnormal about the man who is aware of his breathing. The more naturally the process of breathing functions, the better it is for ordinary consciousness and for ordinary life. For the duration of his exercises, however, when he wished to develop cognitive powers that are merely dormant in ordinary consciousness, the yogi transformed the process of respiration. He did so by employing a length of time for inhaling, for holding the breath and for exhaling, different from that used in ordinary, natural breathing. He did this so as to make conscious the process of respiration. Ordinary respiration does not become conscious. The transformed respiratory rhythm, with its timing determined by human volition, is entirely conscious. But what is the result? Well, we have only to express ourselves in physiological terms to realize what the yogi achieved by making conscious his respiration. When we breathe in, the respiratory impulse enters our organism; but it also goes via the spinal cord into the brain. There, the rhythm of the respiratory current combines with those processes that are the physical carriers of mental activity, the nerve and sense processes. Actually, in our ordinary life, we never have nerve and sense processes alone; they are always permeated by our respiratory rhythm. A connection, interaction, harmonization of the nerve and sense processes and of respiration always occurs when we allow our minds to function. By transmitting his altered respiratory rhythm into the nerve and sense process in a fully conscious way, the yogi also made a conscious connection between the respiratory rhythm and the thought rhythm, logical rhythm or rather logical combination and analysis of thoughts. In this way he altered his whole mental activity. In what direction did he alter it? Precisely because his breathing became fully conscious, his thoughts permeated his organism in the same way as did the respiratory current itself. We could say that the yogi set his thoughts moving on the respiratory currents and, in the inner rhythm of his being, experienced the union of thought and breath. In this way, the yoga scholar raised himself above the mass of his fellow-men and was able to proclaim to them knowledge they could not gain for themselves.
[ 24 ] Um einzusehen, was da eigentlich geschah, muß man ein wenig hinschauen auf die besondere Art, wie die älteren Erkenntnisse im gewöhnlichen populären Bewußtsein der Menschenmassen wirkten.
[ 24 ] In order to understand what was really happening here, we must look for a moment at the particular way in which knowledge earlier affected the ordinary, popular consciousness of the masses.
[ 25 ] Wir legen heute den größten Wert darauf, daß, wenn wir in die Außenwelt hinausschauen, wir reine Farben schauen, daß, wenn wir Töne hören, wir reine Töne hören, und daß wir ebenso die übrigen Wahrnehmungen in einer gewissen Reinheit, das heißt in der Reinheit, wie sie uns der bloße Sinnesprozeß geben kann, hinnehmen. Das war für die Bewußtseine älterer Kulturmenschen nicht so. Nicht daß, wie vielfach irrtümlicherweise eine gewisse Gelehrsamkeit glaubt, die Menschen älterer Zeiten in die Natur allerlei hineinphantasiert hätten! Die Phantasie war nicht so außerordentlich wirksam. Aber es war dieser älteren Kulturmenschheit durch die ganze Konstitution des Menschen der damaligen Zeit ganz natürlich, nicht bloß reine Farbenerscheinungen, reine Tonerscheinungen, reine andere Sinnesqualitäten zu sehen, sondern in allem zugleich ein Seelisch-Geistiges wahrzunehmen. So sah man in Sonne und Mond, in den Sternen, in Wind und Wetter, in Quelle und Fluß, in den Wesen der einzelnen Naturreiche Geistig-Seelisches, wie wir heute reine Farben sehen, reine Töne hören, die wir dann erst mit Hilfe des rein gewordenen Denkens in ihrem Zusammenhang zu erkennen suchen. Damit war aber für die ältere Menschheit ein anderes noch gegeben: nämlich daß damals nicht ein so starkes, innerlich gefestigtes Selbstbewußtsein vorhanden war, wie wir es heute haben. Indem der Mensch Geistig-Seelisches in allen Dingen der Umwelt wahrnahm, nahm er sich selber als ein Glied dieser ganzen Umwelt wahr. Er sonderte sich nicht als ein selbständiges Ich von dieser Umwelt ab. Wenn ich vergleichsweise sprechen wollte, so könnte ich sagen: Wenn meine Hand Bewußtsein hätte, wie würde sie dann denken über sich selbst? Sie würde sich sagen, sie sei kein selbständiges Wesen, habe nur Sinn an meinem Organismus. So etwa hat der ältere Mensch sich nicht als ein selbständiges Wesen ansehen können, sondern als ein Glied der gesamten Natur, die er aber durchgeistigt, durchseelt anschauen mußte.
[ 25 ] Nowadays, when we look out at the world, we attach the greatest value to seeing pure colours; to hearing pure sounds, when we hear sounds; and similarly to obtaining a certain purity in the other perceptions—such purity, that is, as the sensory process can afford. This was not true for the consciousness of men in older civilizations. Not that, as a certain brand of scholarship often mistakenly believes, people in earlier times projected all sorts of imaginings on to nature: the imagination was not all that unusually active. Because of man's constitution at that time, however, it was quite natural for older civilizations not to see only pure colours, pure sounds, pure qualities in the other senses, but at the same time to perceive in them all something spiritual. Thus, in sun and moon, in stars, in wind and weather, in spring and stream, in the creatures of nature's various realms, they saw something spiritual where we today see pure colours and hear pure sounds, the connection between which we only later seek to understand with the aid of purified thinking. And there was a further consequence of this for earlier humanity: that no such strong and inwardly fortified self-consciousness as we have today existed then. Besides perceiving something spiritual in everything about him, man perceived himself as a part of this whole environment; he did not separate himself from it as an independent self. To draw an analogy, I might say: If my hand were conscious, what would it think about itself? It would conclude that it was not an independent entity, but made sense only within my organism. In some such way as this, earlier man was unable to regard himself as an independent entity, but felt himself rather a part of nature's whole, which in turn he had to see as permeated by the spiritual.
[ 26 ] Aus dieser Anschauung, die die Unselbständigkeit des menschlichen Ichs bedingte, hob sich der Jogi heraus. Er kam dadurch, daß er sein Denken gewissermaßen zusammenkoppelte mit dem Atmungsprozeß, der die ganze innere Wesenheit des Menschen erfüllt, zu einer Erfassung des menschlichen Selbstes, des menschlichen Ichs. Dasjenige, möchte ich sagen, was für uns heute durch unsere vererbten Eigenschaften, durch unsere Erziehung, wenn wir ein erwachsener Mensch sind, selbstverständlich ist, daß wir uns als Selbst, als Ich fühlen, das mußte in jenen alten Zeiten auf dem Umwege durch Übungen errungen werden. Dadurch aber hatte man von dem Erleben dieses Selbstes, dieses Ichs, etwas ganz anderes, als wir heute haben. Es ist durchaus zweierlei: ob man etwas wie selbstverständliches Erleben hinzunehmen hat — und uns ist das Ich-Gefühl, das Selbstgefühl ein selbstverständliches Erleben —, oder ob man es auf solchen Wegen, auf Erkenntniswegen, sich erst erringt, wie es für eine ältere orientalische Kultur der Fall war. Da lebte man mit, was im Universum kraftet und wellt und webt, während man heute, wenn man schon auf einem gewissen Niveau dasselbe erlebt, nichts mehr vom Universum miterlebt. Daher offenbarte sich durch seine Übungen die menschliche Selbstheit, die menschliche Ichheit, das menschliche Seelenwesen für den Jogi. Und wir können sagen: Indem dann dasjenige, was auf diesem Erkenntniswege gefunden werden konnte, als Offenbarungen in das allgemeine Kulturbewußtsein überging, wurde es der Inhalt wichtigster geistiger Erzeugnisse älterer Zeiten.
[ 26 ] The yogi raised himself above this view, which implied the dependence of the human self. By uniting his thought-process with the process of respiration that fills all man's inner substance, he arrived at a comprehension of the human self, the human I. The awareness of personal individuality, implanted in us today by our inherited qualities and, if we are adults, by our education, had in those earlier times to be attained, indirectly, through exercises. The consequence was that the yogi obtained from the experience of self something quite different from what we do. It is one thing to accept something as a natural experience, as the sense of self is for us, and quite another to attain to it by the paths that were followed in early Eastern civilization. They lived with what moves and swells and acts in the universe; whereas today, when we experience all this from a certain elevation, we no longer know anything of the universe directly. The human self, therefore, the true nature of the human soul manifested itself to the yogi through his exercise. And we may say: since what could be discovered in this way passed over as revelation into the general cultural consciousness, it became the subject-matter of extremely important early products of the mind.
[ 27 ] Wiederum will ich aus vielem eines herausheben. Da haben wir wunderbar herüberleuchtend aus dem alten Orient das herrliche Lied Bhagavad Gita. Wir haben in dieser Gita in einer wunderbaren Weise, aus tiefster menschlicher Lyrik heraus, die Erlebnisse an dem menschlichen Selbst geschildert: wie dieses Selbst den Menschen, wenn er es erlebend erkennt, erkennend erlebt, zu einem Mirtfühlen mit dem All führt, wie es ihm seine eigentliche Menschlichkeit und seinen Zusammenhang mit einer Überwelt, mit einer geistigen, mit einer übersinnlichen Welt offenbart. In immer neuen wunderbaren Tönen schildert die Gita dieses Erleben des eigenen Selbstes in seiner Hingabe an das All. Für denjenigen, der sich, wie gesagt, mit unbefangener Geschichtsbetrachtung in diese älteren Zeiten zu vertiefen versteht, ist es klar, daß die herrlichen Klänge der Gita hervorgegangen sind aus dem, was durch solche Erkenntnisübungen, wie ich sie geschildert habe, erlebt werden konnte.
[ 27 ] Once again, let me mention one of many. Here we have an illumination from the ancient Orient, the magnificent song Bhagavad-Gita. In the Gita we have the experience of self-awareness; it describes wonderfully, out of the deepest human lyricism, how, when by experiencing he recognizes it and by recognizing he experiences it, this self leads man to a sympathy with all things, and how it manifests to him his own humanity and his relationship with a higher world, with a spiritual and super-sensible world. In ever new and marvellous notes, the Gita depicts this awareness of the self in its devotion to the universal. To the impartial observer of history, who can immerse himself in these earlier times, it is clear that the splendid notes of the Gita have arisen from what could be experienced through these exercises in cognition.
[ 28 ] Ein solcher Erkenntnisweg war für eine ältere orientalische Kulturepoche der angemessene. Es war dazumal allgemeines Menschheitsurteil, daß man sich in eine gewisse Einsamkeit und Einsiedelei zurückziehen müsse, wenn man Verbindung mit übersinnlichen Welten haben wollte. Und zur Einsamkeit, zur Einsiedelei verurteilte sich in einer gewissen Beziehung derjenige, der solche Übungen machte. Denn diese Übungen bringen den Menschen in eine gewisse Sensibilität. Sie machen ihn überempfindlich gegenüber der robusten Außenwelt. Er muß sich vom Leben zurückziehen. In älteren Zeiten fanden gerade solche einsame Menschen Vertrauen bei ihren Mitmenschen. Man nahm, was sie zu sagen hatten, als Erkenntnisvorstellungen hin. Heute ist das unserer Kultur nicht mehr angemessen. Mit Recht fordert die heutige Menschheit, daß derjenige, zu dem sie als einem Erkennenden Vertrauen haben soll, mitten im Leben drinnenstehe, daß er es aufnehmen könne mit dem robusten Leben, mit menschlicher Arbeit und menschlichem Wirken, wie es die Zeitforderung gestaltet. Mit dem, der sich zurückziehen muß vom Leben, fühlen sich die heutigen Menschen eben nicht in derselben Weise verbunden wie die Menschen älterer Kulturepochen.
[ 28 ] This way of attaining knowledge was the appropriate one for an earlier epoch of civilization in the Orient. At that time, it was generally accepted that one had to retire into solitude and a hermit's life if one sought connection with super-sensible worlds. And anyone who carried out such exercises did condemn himself to solitude and the life of the hermit; for they bring a man into a certain state of sensibility and make him over-sensitive towards the robust external world. He must retire from life. In earlier times it was just such solitary figures who were trusted by their fellow-men. What they had to say was accepted as knowledge. Nowadays, this no longer suits our civilization. People today rightly demand that anyone they are to trust as a source of knowledge should stand in the midst of life, that he should be able to hold his own with the robustness of life, with human labour and human activity as the demands of the time shape them. The men of today just do not feel themselves linked, as the men of earlier epochs did, to anyone who has to withdraw from life.
[ 29 ] Wer das gründlich überdenkt, muß sich sagen: Heutige Erkenntniswege müssen anders sein — und wir werden von solchen anderen Wegen gleich nachher zu sprechen haben. Vorher möchte ich aber, wiederum nur zur Verständigung, nicht, weil ich ihn etwa anempfehlen möchte für einen Menschen der Gegenwart, noch einen Weg, der ebenfalls für ältere Zeiten ein angemessener war, den Weg der Askese, seinem Prinzip nach schildern.
[ 29 ] If you reflect carefully on this, you will conclude: present-day ways of knowledge must be different. We shall be speaking of these in a little while. But before doing so, and again simply by way of explanation and not with any idea of recommending it, I want to describe the principles underlying a way that was also appropriate to earlier times—the way of asceticism.
[ 30 ] Dieser Weg der Askese wurde dadurch gegangen, daß man Leibesvorgänge, Leibesanforderungen herablähmte, herabstimmte, so daß der menschliche Leib nicht in derselben robusten Weise wirkte, wie er im normalen Leben wirkt. Man lähmte die Leibesfunktionen auch dadurch herab, daß man den menschlichen äußeren physischen Organismus in schmerzhafte Zustände hineinbrachte. Alles das brachte diejenigen, die diesen asketischen Weg gingen, zu gewissen menschlichen Erlebnissen, die durchaus Erkenntniserlebnisse waren. Ich will gewiß nicht sagen, daß es für den gesunden menschlichen Organismus, durch den wir hereingeboren sind in das Erdenleben zwischen Geburt und Tod, richtig sei, ihn herabzustimmen, wenn es sich darum handelt, diesen Organismus in das gewöhnliche Leben wirksam hineinzustellen. Dieser gesunde Organismus ist für die äußere sinnliche Natur, die zwischen Geburt und Tod des Menschen doch das menschliche Leben trägt, durchaus das Angemessene. Dabei bleibt es dennoch richtig, daß die alten Asketen, die diese Organisation herabgestimmt hatten, dazu kamen, nun ihr Seelisches rein zu erleben und sich mit ihrem Seelischen drinnenstehend zu wissen in einer geistigen Welt.
[ 30 ] The way of asceticism involved subduing and damping down bodily processes and needs, so that the human body no longer functioned in its normal robust fashion. Bodily functions were also subdued by putting the external physical organism into painful situations. All this gave to those who followed this ascetic path certain human experiences which did indeed bring knowledge. I do not, of course, mean that it is right to inhibit the healthy human organism in which we are born into this life on earth, where our aim is to enable this organism to be effective in ordinary life. The healthy organism is unquestionably the appropriate one for external sensuous nature, which is after all the basis of human life between birth and death. Yet it remains true that the early ascetics, who had damped down this organism, did in fact gain pure experience of their spirituality, and knew their souls to inhabit a spiritual world.
[ 31 ] Gerade dadurch ist nämlich unser physisch-sinnlicher Organismus für das Leben zwischen Geburt und Tod das Angemessene, daß er uns, wie eben die Erlebnisse der Asketen zeigen konnten, verbirgt, was geistige Welt ist. Und es war einfach ein Erlebnis der alten Asketen, daß man durch Herabstimmen der Leibesfunktionen in die geistigen Welten bewußt eintreten konnte. Das ist wiederum kein Weg für die Gegenwart. Derjenige, der in dieser Art seinen Organismus herabstimmt, der macht sich untauglich für das Wirken unter seinen Mitmenschen, der macht sich auch untauglich gegenüber sich selbst. Das heutige Leben fordert Menschen, die sich aus ihm nicht zurückziehen, die sich ihre Gesundheit erhalten oder, wenn sie geschwächt ist, sie sogar verstärken, nicht aber Menschen, die sich vom Leben zurückziehen. Die könnten kein Vertrauen gewinnen, einfach nach der Gesinnung unserer Gegenwart. Daher kann dieser Weg der Askese, der aber durchaus in älteren Zeiten zu Erkenntnissen geführt hat, nicht ein heutiger Weg sein.
[ 31 ] What makes our physical and sensuous organism suited for the life between birth and death is precisely the fact that, as the ascetics' experiences were able to show, it hides from us the spiritual world. It was, quite simply, the experience of the early ascetics that by damping down the bodily functions one could consciously enter the spiritual worlds. That again is no way for the present. Anyone who inhibits his body in this way makes himself unfit for life among his fellow-men, and makes himself unfit vis-à-vis himself as well. Life today demands men who do not withdraw, who maintain their health and indeed restore it if it is impaired, but not men who withdraw from life. Such men could inspire no confidence, in view of the attitude of our age. Although the path of asceticism certainly did lead to knowledge in earlier times, it cannot be a path for today.
[ 32 ] Aber sowohl dasjenige, was der Jogaweg, wie dasjenige, was der asketische Weg an Erkenntnissen über die übersinnliche Welt geliefert hat, ist in uralten, ich möchte sagen, heiligen Traditionen erhalten, wird heute von der Menschheit hingenommen als etwas, was gewisse seelische Bedürfnisse befriedigt. Und man fragt nicht danach, wie das, was man so als Glaubensvorstellungen aufnimmt, dennoch auf einem wirklichen, wenn auch für unsere heutige Zeit nicht mehr angemessenen Erkenntnisweg gesucht worden ist.
[ 32 ] Yet what both the way of yoga and the ascetic way yielded in knowledge of the sensible world is preserved in ancient and, I would say, sacred traditions, and is accepted by mankind today as satisfying certain needs of the soul. Only people are not interested to know that the articles of faith thus accepted were in fact discovered by a genuine way of knowledge, if one no longer suited to our age.
[ 33 ] Der heutige Erkenntnisweg muß ein durchaus anderer sein. Wir haben ja gesehen: der eine Weg, der Jogaweg, versuchte gewissermaßen auf dem Umweg durch das Atmen zu dem Denken zu kommen, um dieses Denken in einer anderen Weise zu erleben, als es im gewöhnlichen Leben wahrgenommen wird. Wir können aus dem schon angeführten Grunde diesen Umweg durch das Atmen nicht machen. Daher müssen wir versuchen, auf eine andere Weise zu einer Umgestaltung des Denkens zu kommen, um durch das umgestaltete Denken dann zu Erkenntnissen zu gelangen, die eine Art Fortsetzung der Naturerkenntnisse sind. Deshalb gehen wir heute, wenn wir uns richtig verstehen, davon aus, das Denken nicht durch den Umweg des Atmens zu bearbeiten, sondern es direkt zu bearbeiten, indem wir gewisse Übungen machen, durch die wir das Denken innerlich kraftvoller, energischer gestalten, als es im gewöhnlichen Bewußtsein ist.
[ 33 ] Today's way of knowledge must be entirely different. We have seen how the one way, yoga, tried to arrive at thinking indirectly, through breathing, in order to experience this thinking in a way in which it is not perceived in ordinary life. For the reason already given, we cannot make this detour via breathing. We must therefore try to achieve a transformation of thinking by other means, so that through this transformed thinking we can reach knowledge that will be a kind of extension of natural knowledge. If we understand ourselves correctly, therefore, we shall start today, not by manipulating thinking indirectly via breathing, but by manipulating it directly and by doing certain exercises through which we make thinking more forceful and energetic than it is in ordinary consciousness.
[ 34 ] Im gewöhnlichen Bewußtsein geben wir uns einem mehr passiven Denken hin, das sich an den Verlauf der äußeren Vorgänge hält. Wenn wir einen neueren übersinnlichen Erkenntnisweg gehen wollen, dann setzen wir gewisse leicht überschauliche Vorstellungen in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins. Wir bleiben innerhalb des bloßen Gedankens. Ich weiß, daß manche Menschen dasjenige, was ich jetzt schildern werde, schon im späteren Jogaweg, zum Beispiel in dem des Patanjali, finden wollen. Aber so, wie das heute gemacht wird, ist es durchaus innerhalb orientalischer Geistesschulung noch nicht enthalten; deshalb nicht enthalten, weil selbst, wenn heute ein Mensch die Jogaübungen ausführte, sie anders wirkten — wegen der Veränderung, die der menschliche Organismus durchgemacht hat —, als sie bei den Menschen früherer Epochen gewirkt haben.
[ 34 ] In ordinary consciousness, we indulge in rather passive thinking, which adheres to the course of external events. To follow a new super-sensible way of knowledge, we place certain readily comprehended concepts at the centre of our consciousness. We remain within the thought itself. I am aware that many people believe that what I am now going to describe is present already in the later way of yoga, for example in that of Patanjali. But as practised today, it certainly does not form a part of Eastern spirit-training—for, even if a man carried out the yoga exercises nowadays, they would have a different effect, because of the change in the human organism, from the effect they had on the people of earlier epochs.
[ 35 ] Wir wenden uns also heute direkt an das Denken und zwar dadurch, daß wir Meditation pflegen, daß wir uns konzentrieren auf gewisse Gedankeninhalte durch längere Zeiten. Wir machen seelisch etwas durch, was sich vergleichen läßt mit der Erkraftung eines Muskels. Wenn wir einen Muskel in fortdauernder Arbeit immer wieder und wiederum gebrauchen, ganz gleichgültig, welches Zweck und Ziel dieser Arbeit sind, muß er erkraften. Dasselbe können wir mit dem Denken ausführen. Statt daß wir uns mit diesem Denken immer nur hingeben dem Verlauf der äußeren Vorgänge, bringen wir mit starker Willensanstrengung von uns selbst gebildete oder von einem auf diesem Gebiet Kundigen uns gegebene, überschaubare Vorstellungen, in denen keine Erinnerungsreminiszenzen leben können, deren wir uns nicht bewußt sind, in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins, schalten alles andere Bewußtsein aus, konzentrieren uns nur auf einen solchen Bewußtseinsinhalt. Ich möchte mit einem Goetheschen Faus-Wort sagen: Zwar ist es leicht — es sieht nämlich so aus —, doch ist das Leichte schwer! Denn das muß von dem einen wochenlang, von dem andern monatelang vollzogen werden. Wenn dann das Bewußtsein lernt, auf demselben Gedankeninhalt so zu ruhen und immer wieder zu ruhen, daß er einem völlig gleichgültig ist, und man alle innere Aufmerksamkeit und alles innere Erleben auf die Erkraftung, auf die seelische Energisierung des Gedankenlebens wendet, dann gelangen wir zuletzt zu dem entgegengesetzten Vorgang gegenüber dem, den der Jogi durchmachte. Wir reißen nämlich unser Denken von dem Atmungsprozeß los.
[ 35 ] Today, then, we go straight to thinking, by cultivating meditation, by concentrating on certain subjects of thought for longish periods. We perform, in the realm of the soul, something comparable to building up a muscle. If we use a muscle over and over again in continuous exertion, whatever the goal and purpose, the muscle must develop. We can do the same with thinking. Instead of always submitting, in our thinking, to the course of external events, we bring into the centre of our consciousness, with a great effort of will, clear-cut concepts which we have formed ourselves or have been given by someone expert in the field, and in which no associations can persist of which we are not conscious; we shut out all other consciousness, and concentrate only on this one subject. In the words Goethe uses in Faust, I might say: Yes, it is easy—that is, it appears so—yet the easy is difficult. One person takes weeks, another months, to achieve it. When consciousness does learn to rest and rest continually upon the same content, in such a way that the content itself becomes a matter of complete indifference, and we devote all our attention and all our inward experience to the building up and spiritual energization of mental activity, then at last we achieve the opposite process to what the yogi went through. That is, we tear our thinking away from the process of respiration.
[ 36 ] Es erscheint das heute noch dem Menschen als etwas Absurdes, als etwas Phantastisches. Allein, geradeso wie der Jogi gewissermaßen sein Denken nach dem Innern des Leibes getrieben hat, um es mit dem Rhythmus seines Leibesatems zu verbinden und so sein Selbst, seine innere Geistigkeit zu erleben, geradeso lösen wir das Denken los auch von dem Rest des Atmungsprozesses, der unbewußt in all unserem gewöhnlichen Denken lebt. — Die genaueren Übungen, in allen Einzelheiten, die ein streng exaktes System darstellen, finden Sie geschildert in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in dem anderen, «Geheimwissenschaft», oder auch in «Von Seelenrätseln» und in anderen meiner Schriften. — Man gelangt allmählich auf diese Weise dazu, den Gedankengang nicht nur aus dem Atmungsprozeß herauszuziehen, sondern völlig frei von der Leiblichkeit zu machen. Jetzt sieht man erst ein, welch großen Dienst auch die sogenannte materialistische, besser gesagt mechanistische Weltanschauung der Menschheit geleistet hat. Sie hat uns aufmerksam gemacht, daß das gewöhnliche Denken auf dem Untergrunde leiblicher Vorgänge steht. Dadurch kann gerade die Anregung kommen, ein Denken zu suchen, das nicht mehr auf leiblichen Vorgängen ruht. Das kann aber nur gefunden werden, indem das gewöhnliche Denken erkraftet wird in der geschilderten Weise. Dadurch gelangen wir zu einem leibfreien Denken, zu einem Denken, das in bloß seelischen Vorgängen besteht. Ja, wir lernen auf diese Weise das, was in uns Bildnatur war, zwar zunächst nur als Bilder kennen, aber als Bilder, die selbständiges, von unserer Leiblichkeit unabhängiges Leben uns zeigen.
[ 36 ] Today, this still seems to people something absurd, something fantastic. Yet just as the yogi pushed his thinking into his body, to link it with the rhythm of his breath and in this way experience his own self, his inner spirituality, so too we release thinking from the remnant of respiration that survives unconsciously in all our ordinary thinking. You will find the systematic exercises described in greater detail in my book Knowledge of the Higher Worlds and Its Attainment, or in another one, Outline of Occult Science, or again in Riddles of the Soul and other books of mine. By these means, one gradually succeeds not only in separating the thought sequence from the respiration process, but also in making it quite free of corporeality. Only then does one see what a great service the so-called materialistic, or rather mechanistic, outlook on life has rendered to mankind. It has made us aware that ordinary thinking is founded on bodily processes. From this can stem the incentive to seek a kind of thinking no longer founded on bodily processes. But this can only be found by building up ordinary thinking in the way described. By doing so, we arrive at a thinking set free from the body, a thinking that consists of purely psychic processes. In this way, we come to know what once had a semblance nature in us—as images only to begin with, but images that show us life independent of our corporeality.
[ 37 ] Das ist der erste Schritt zu einem Erkenntnisweg, wie er dem modernen Menschen heute angemessen ist. Dadurch aber gelangen wir zu einem Erlebnis, das dem gewöhnlichen Bewußtsein verborgen ist. Wie der indische Jogi sich in seinem Denken verbunden hat mit dem, was innerer Atmungsrhythmus war, und dadurch auch mit seinem geistigen Selbst, das in dem Atmungsrhythmus lebt, ebenso wie er also nach innen stieg, so gehen wir nach außen. Indem wir das logische Denken losreißen von dem Organismus, an den es eigentlich gebunden ist als logisches Denken, dringen wir mit diesem Denken in den äußeren Rhythmus der Welt ein, ja wir erfahren jetzt erst, daß es einen solchen äußeren Rhythmus gibt. Wie sich der Jogi den inneren Rhythmus seines Leibes zum Bewußtsein brachte, so kommt uns auf geistige Art ein äußerer Weltrhythmus zum Bewußtsein. Wenn ich mich bildlich ausdrücken darf: wir stehen im gewöhnlichen Bewußtsein so da, daß wir unsere Gedanken logisch zusammensetzen und uns damit des Denkens als eines Mittels zur Erkenntnis der äußeren sinnlichen Welt bedienen. Jetzt lassen wir das Denken einlaufen in eine Art musikalischen Elementes, das aber durchaus ein Erkenntniselement ist, wir gewahren einen Rhythmus, der auf dem Grund aller Dinge als ein geistiger Rhythmus vorhanden ist, wir dringen ein in die Welt, indem wir sie im Geiste beginnen wahrzunehmen. Unser Denken wird aus dem abstrakten toten Denken, aus dem bloßen Bilddenken ein in sich selbst belebtes Denken. Das ist der bedeutsame Übergang, der durchgemacht werden kann von dem abstrakten, bloß logischen Denken zu einem lebendigen Denken, von dem wir durchaus das Gefühl haben, daß es fähig ist, eine Realität zu bilden, wie unser Wachstumsprozeß als lebendige Realität von uns erkannt wird.
[ 37 ] This is the first step towards a way of knowledge suited to modern man. It brings us, however, to an experience that is hidden from ordinary consciousness. Just as the Indian yogi linked himself in his thinking with the internal rhythm of respiration, and so also with his spiritual self which lives in the respiratory rhythm, just as he moved inwards, so we go outwards. By tearing our logical thinking away from the organism to which it is actually connected, we penetrate with it into the external rhythm of the world, and discover for the first time that such a rhythm exists. Just as the yogi made conscious the inner rhythm of his body, so we become conscious of an external world rhythm. If I may express myself metaphorically: in ordinary consciousness, what we do is to combine our thoughts logically and thus make use of thinking to know the external sensuous world. Now, however, we allow thinking to enter a kind of musical region, but one that is undoubtedly a region of knowledge; we perceive a spiritual rhythm underlying all things; we penetrate into the world by beginning to perceive it in the spirit. From abstract, dead thinking, from mere semblance thinking, our thinking becomes a vitalized thinking. This is the significant transition that can be made from abstract and merely logical thinking to a vital thinking which we clearly feel is capable of shaping a reality, just as we recognize our process of growth as a living reality.
[ 38 ] Mit diesem lebendigen Denken aber kann man nun tiefer in die Natur hineindringen, als man es durch das gewöhnliche Denken kann. Wie das? Ich möchte es an einem Beispiel veranschaulichen, das dem heutigen Leben entnommen ist, wenn auch an einem viel angefochtenen Beispiel. Wir richten unser abstraktes Gedankenleben heute zum Beispiel beobachtend und experimentierend auf ein höheres Tier. Wir machen uns durch dieses Denken innerlich bildhaft gegenwärtig, wie die Gestaltung der Organe dieses Tieres ist, das Knochensystem, Muskelsystem und so weiter, wie die Lebensprozesse ineinander überströmen. Wir machen uns ein Gedankenbild dieses Tieres. Dann gehen wir mit demselben Denken über zu dem Menschen, machen uns wiederum innerlich ein Gedankenbild von diesem Menschen, wir vergegenwärtigen uns wiederum die Gestaltung seines Knochensystems, seines Muskelsystems, des Ineinanderströmens seiner Lebensvorgänge und so weiter. Dann können wir äußerlich das, was wir an Gedankenbildern gewonnen haben in dem einen und andern Fall, miteinander vergleichen. Sind wir mehr darwinistisch geneigt, so lassen wir den Menschen in einem realsinnlichen Prozeß sich herausentwickeln aus tierischen Vorfahren; sind wir mehr spirituell-idealistisch geneigt, so stellen wir uns die Verwandtschaft in einer anderen Weise vor. Darauf wollen wir jetzt nicht eingehen. Wichtig aber ist, daß wir nicht imstande sind, mit unserem abstrakten, toten Denken, wenn wir uns das Bild gestaltet haben von dem Tier, aus dem inneren Gedankenleben zu dem menschlichen Bild herüberzukommen: wir müssen mit dem Gedankenleben an die äußere sinnliche Wirklichkeit des Menschen herandringen, müssen unsere Ideen, unsere Gedankenbilder an den Sinnesrealitäten gewinnen und können sie dann miteinander vergleichen. Wenn wir aber vorgedrungen sind zum lebendigen Denken, dann können wir auch ein Gedankenbild, aber ein lebendiges Gedankenbild, formen von dem Knochensystem, von dem Muskelsystem, von dem Ineinanderfließen der Lebensvorgänge im Tiere, und wir können, weil jetzt unser Gedanke ein lebendiger geworden ist, diesen Gedanken dann innerlich als ein lebendiges Gebilde verfolgen und kommen im Gedanken selbst herüber zum Bild des Menschen. Ich möchte sagen: Es wächst sich der Gedanke des Tieres zum Gedanken des Menschen aus. Wie man da vorgeht, kann ich nur an einem Beispiel andeuten.
[ 38 ] With this vital thinking, however, we can now penetrate deeper into nature than with ordinary thinking. In what way? Let me illustrate this from present-day life, although the example is a much-disputed one. Nowadays, we may direct our abstract mental activity, by observation and experiment, on to a higher animal, for instance. With this thinking, we create for ourselves an internal image of how the organs of the animal are arranged: the skeleton, musculature, etc., and how the vital processes flow into one another. We make a mental image of the animal. Then, with the same thinking, we pass to man, and once again make a mental image of him—the configuration of his skeleton, his musculature, the interaction of his vital processes, etc., etc. We can then make an external comparison between the two images obtained. If we tend towards a Darwinian approach, we shall regard man as being descended from animals through an actual physical process; if we are more spiritually and idealistically inclined, we imagine the relationship differently. We will not go into that now. The important point is that there is something we cannot do: because our thinking is dead and abstract, we are not in a position—once we have formed a mental image of the animal—out of the inner life of thinking itself to pass over from that into the image of man. Instead, we have first to extract our ideas, or mental images, from the sensory realities, and then to compare these ideas with one another. When, on the other hand, we have advanced to vital thinking, we do indeed form a mental image still, but now it is a living mental image, of the skeleton, the musculature, and the interaction of vital processes in the animal. Because our thought has now become a vital one, we can pursue it inwardly as a living structure and pass over in the thought itself to the image of man. I might say: the thought of the animal grows into the thought of the man. How this works I can only suggest by means of an example.
[ 39 ] Wenn wir eine Magnetnadel vor uns haben, so wissen wir, sie bleibt, wenn sie magnetisiert ist, nur in einer Lage in Ruhe, und zwar dann, wenn ihre Richtung zusammenfällt mit der Nord-Südrichtung des Magnetismus unserer Erde. Diese Richtung ist eine besonders ausgezeichnete; für alle anderen Richtungen verhält sich die Magnetnadel neutral. Alles das, was wir da an diesem Beispiel vor uns haben, wird für das lebendige Denken Erlebnis gegenüber dem Gesamtraum. Der Raum ist für das lebendige Denken nicht mehr das gleichgültige Nebeneinander, wie er es ist für das abstrakte, tote Denken. Der Raum wird innerlich differenziert, und wir lernen erkennen, was es heißt, daß beim Tiere die Rückgratlinie im wesentlichen horizontal geht. Wo das nicht der Fall ist, können wir gerade aus tieferer Gesetzmäßigkeit die Abnormität als besonders bedeutsam nachweisen; aber im wesentlichen liegt die Rückgratlinie des Tieres in der Horizontalen, man möchte sagen: parallel zur Erdoberfläche. Es ist nun nicht gleichgültig, ob die Rückenmarkslinie in dieser Raumrichtung drinnenliegt oder in der Vertikalrichtung, zu der sich der Mensch im Verlaufe seines Lebens aufrichtet. So lernen wir im lebendigen Denken erkennen, daß wir, wenn wir die Hauptlinie des Tieres aufrecht richten wollten, also in eine andere Weltraumrichtung bringen wollten, alle übrigen Organe umformen müßten. Der Gedanke wird lebendig einfach durch die Drehung, die um 90 Grad von der Horizontalzur Vertikalorientierung durchgemacht wird. Wir gelangen so, innerlich angeregt, herüber aus der Tiergestalt in die menschliche Gestalt.
[ 39 ] Faced with the needle of a magnet, we know that there is only one position in which it remains at rest, and that is when its axis coincides with the North-South direction of the earth's magnetism. This direction is exceptional; to all other directions the needle is indifferent. Everything in this example becomes for vital thinking an experience about total space. For vital thinking, space is no longer an aimless juxtaposition, as it is for dead and abstract thinking. Space is internally differentiated, and we learn the significance of the fact that in animals the spine is essentially horizontal. Where this is not the case, we can demonstrate from a more profound conformity to law that the abnormality is particularly significant; but essentially an animal's spine lies in the horizontal plane—we may say, parallel to the surface of the earth. Now it is not immaterial whether the spinal cord runs in this direction or in the vertical direction to which man raises himself in the course of his life. In vital thinking, accordingly, we come to know that, if we wanted to set upright the line of the animal, that is to orientate it differently in the universe, we should have to transform all its other organs. Thought becomes vital simply through the rotation of ninety degrees from the vertical to the horizontal orientation. We pass over in this way, by an inward impulse, from the animal to the human shape.
[ 40 ] Auf diese Weise dringen wir aber, indem wir zuerst untertauchen in den Rhythmus des Naturgeschehens und dadurch auf das der Natur zugrunde liegende Geistige kommen, weiter in das Innere des Naturgeschehens hinein. Wir gelangen dazu, in unseren lebendigen Gedanken etwas zu haben, womit wir untertauchen in Wachstum und Werden der Außenwelt. Wir gelangen wieder hinein in die Geheimnisse des Daseins, aus denen wir uns herausgezogen haben im Verlauf der Menschheitsentwickelung durch die Entfaltung des Ich-Bewußtseins, des Selbstgefühls.
[ 40 ] Thereby, we enter into the rhythm of natural process and so reach the spiritual foundation of nature. We attain, in our vital thought, something with which we can penetrate into the growth and progress of the external world. We reach once more the secrets of existence, from which we departed in the course of human development with the unfolding of ego-consciousness, the feeling of self.
[ 41 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, kann jeder von Ihnen einen sehr gewichtigen Einwand machen. Man kann zum Beispiel sagen: Ja, ein solches Denken, das ja scheinbar lebendig war, haben gewisse Persönlichkeiten gehabt, aber die Gegenwart mit ihrer ernsten Forschergesinnung hat sich mit Recht abgewendet von solchem «lebendigen Denken», wie es zum Beispiel der Philosoph Schelling entfaltet hat oder der Naturphilosoph Oken. Auch ich gebe denjenigen völlig recht, die zunächst einen solchen Einwand machen, denn die Art und Weise, wie Oken und Schelling an äußeren Vorgängen und Wesenheiten gewonnene Bildideen innerlich lebendig machen und sie dann auf andere Naturtatsachen und Wesen anwenden, um so «im Sinne der Natur» sozusagen zu schauen, diese Art hat etwas sehr Phantastisches, etwas von dem, was sich entfernt von der Realität, was nicht Wirklichkeit in sich atmet. Solange man nicht auf dem Erkenntnisweg zu einem anderen Element übergeht mit diesem lebendigen Denken, als dieses selbst ist, so lange kommt man auch nicht durch das lebendige Denken zu einem Verbürgen der Wirklichkeit. Erst dann, wenn man zu den Gedankenübungen Willensübungen hinzumacht, kommt man dazu, in den lebendigen Gedanken ein Verbürgtsein geistiger Wirklichkeit zu haben.
[ 41 ] Now you can all raise a weighty objection here. You can say, for example: there have indeed been individuals with this kind of thinking, ostensibly vital; but the present time, with its insistence on serious research, has rightly turned away from “vital thinking” as it was expounded, for instance, by the philosopher Schelling or the natural philosopher Oken. I myself agree entirely with those who raise this kind of objection; there is something quite fantastic, something that leaves reality behind and breathes no actuality, about the way in which mental images gained from external processes and substances are inwardly vitalized by Oken and Schelling and then applied to other natural facts and creatures, in order to see “in the manner of nature.” So long as our vital thinking does not pass on to a mode of knowledge other than this we cannot, even with its aid, reach any assurance of reality. Only by adding exercises of will to the exercises of thought do we secure in vital thoughts a guarantee of spiritual reality.
[ 42 ] Willensübungen können in der folgenden Weise charakterisiert werden. Seien wir einmal ganz ehrlich mit uns selbst. Im gewöhnlichen Leben müssen wir uns sagen, wenn wir zehn Jahre, zwanzig Jahre zurückdenken: Im eigentlichen Inhalt unseres Seelenlebens sind wir vielfach andere Menschen geworden; aber wir sind es geworden, indem wir uns als Kinder den vererbten Eigenschaften, der Umgebung, der Erziehung, im späteren Leben diesem Leben selbst mehr oder weniger passiv hingegeben haben. Derjenige, der zu einem Erkennen der geistigen Wirklichkeit gelangen will, muß das, was allerdings nicht etwa im vollen Sinne des Wortes, sondern mehr oder weniger passiv erlebt wird, in innerer Willenserziehung, Willenszucht, wenn ich mich des groben Ausdrucks bedienen darf, selber in die Hand nehmen. Sie finden die entsprechenden Übungen, die intime Seelenübungen sind, wiederum in den genannten Büchern geschildert. Ich möchte nur prinzipiell andeuten, worauf es ankommt.
[ 42 ] Exercises of the will can be characterized as follows. Let us be quite honest with ourselves. In ordinary life, if we think back ten or twenty years, we have to conclude: in the actual content of the life of our soul, we have in many ways become different people; but we have done so by submitting more or less passively, as children to heredity, environment and education, and in later life to life itself. Anyone who wishes to attain knowledge of spiritual reality must take in hand, if I may use this somewhat coarse expression, by an inner education and discipline of the will, what is usually experienced rather passively. Here again you will find the relevant exercises, which are intimate exercises of the soul, described in the books I have named. Today, I can only indicate briefly what is involved.
[ 43 ] Wie wir heute gewisse Gewohnheiten haben, die wir vor zehn Jahren vielleicht noch nicht hatten, weil sie erst das Leben uns aufgedrungen hat, so können wir auch mit festem innerem Sinn uns vornehmen: Du prägst dir diese oder jene Charaktereigenschaften ein. Am besten geschieht das Einprägen solcher Charaktereigenschaften, für deren Gestaltung man jahrelang an sich arbeiten muß, so, daß man oft und oft die Aufmerksamkeit hinlenken muß auf jene Willenserkraftung, Willenserstarkung, die verbunden ist mit einer solchen Selbstzucht. Wenn man in dieser Weise seine Willensentwickelung in die eigene Hand nimmt, so daß man in der Tat dasjenige, was sonst die Welt aus einem als Mensch macht, zum Teil selbst aus sich macht, dann nehmen die lebendigen Gedanken, in die man sich durch die Meditation und Konzentration hineingefunden hat, für unser Erleben etwas ganz Besonderes an. Sie werden nämlich immer mehr und mehr zu schmerzhaften Erlebnissen, zu inneren Leiderlebnissen des Seelischen. Und niemand kann im Grunde genommen zu höheren Erkenntnissen kommen, der nicht diese Leid- und Schmerzerlebnisse durchgemacht hat. Diese Leid- und Schmerzerlebnisse müssen durchgemacht und dann überwunden werden, so daß man sie sich gewissermaßen einverleibt und über sie hinauskommt, zu ihnen wiederum eine neutrale Stimmung gewinnt.
[ 43 ] At present, we have certain habits that perhaps we did not have ten years ago, since life has only recently imposed them on us. Similarly, we can decide to adopt these or those qualities of character. The best thing is to assume qualities of character for whose shaping you have to work on yourself for years on end, so that you must direct attention over and over again to that strengthening and fortifying of the will which is connected with such self-discipline. If you take in hand the development of your will like this, so that you in part make of yourself what the world would otherwise make of you as a person, then the vital thoughts into which you have found your way by meditation and concentration take on a quite special aspect for your experience. That is, increasingly they become painful experiences, inward experiences through suffering, of the things of the spirit. And in the last analysis nobody can attain to higher knowledge who has not passed through these experiences of suffering and pain. We must pass through and conquer these experiences, so that we incorporate and go beyond them, gaining an attitude of indifference to them once more.
[ 44 ] Was da im Menschen vorgeht, kann man sich so vergegenwärtigen: Nehmen Sie das menschliche Auge — was ich sage, könnte in allen Einzelheiten sehr wissenschaftlich ausgeführt werden; ich kann es aber nur allgemein andeuten —, nehmen Sie dieses Auge. Indem das Licht, indem Farben auf dasselbe wirken, gehen Veränderungen im physischen Innern dieses Auges vor sich. Wir würden, wenn wir nicht so robust wären — eine ältere Menschheit hat gewiß diese Veränderungen als Leid, als leisen Schmerz empfunden —, auch diese Veränderungen im Auge, im Ohr, wenn wir uns also nicht sozusagen neutral gegen sie verhielten durch unsere Organisation, als leisen Schmerz erleben müssen. Alle Sinneswahrnehmung baut sich im Grunde genommen auf Schmerz und Leid auf.
[ 44 ] What is going on here can be represented as follows: take the human eye (what I am saying here could be expounded scientifically in every detail, but I have time only for a general outline): as light and colours affect it, changes occur in its physical interior. Earlier mankind undoubtedly perceived these as suffering and mild pain; and if we were not so robust and did not remain indifferent to them because of our make-up, we could not help also experiencing the changes in eye and ear as mild pain. All sensory perception is ultimately grounded on pain and suffering.
[ 45 ] Indem wir auf diese Weise unser ganzes Seelenleben mit den lebendigen Gedanken schmerzhaft, leidvoll durchdringen, durchdtingen wir den Leib — nicht in der selben Weise wie der Asket — mit Schmerz und Leid; wir lassen ihn gesund, lassen ihn den Anforderungen des gewöhnlichen Lebens gemäß entwickelt, aber wir erleben innerlich-intim Schmerz und Leid in der Seele. Derjenige — das mag vergleichsweise herangezogen werden —, der es ein wenig zu höherer Erkenntnis gebracht hat, der wird Ihnen immer sagen: Das, was mir das Lebensschicksal an Lust und Freude gebracht hat, ich nehme es dankbar von meinem Schicksal hin; meine Erkenntnisse aber verdanke ich dem, was ich gelitten habe, meinen Schmerzen, meinem Leid.
[ 45 ] In thus permeating the entire life of our soul painfully and in suffering with vital thought, we do not permeate the body with pain and suffering as does the ascetic; we keep it healthy to suit the demands of ordinary life; but we inwardly and intimately experience pain and sorrow in the soul. Anyone who has gone some way towards higher knowledge will always tell you: The pleasure and joy that life has brought me I gratefully accept from fate; but I owe my knowledge to my pain and suffering.
[ 46 ] So bereitet das Leben den Erkenntnissuchenden schon in einer gewissen Weise darauf vor, daß er einen Teil seines wahren höheren Erkenntnisweges durch Überwindung von Leiden und Schmerzen durchmachen muß. Denn überwinden wir dieses Leid, diesen Schmerz, dann machen wir unser ganzes Seelenwesen zu einem, wenn ich mich des Ausdrucks vergleichsweise bedienen darf, «Sinnesorgan», eigentlich müssen wir sagen Geistorgan, Seelenorgan. Und jetzt lernen wir so hineinschauen in die geistige Welt, wie wir durch unsere gewöhnlichen Sinne hineinschauen, hineinhören in die physische Welt. Von erkenntnistheoretischen Erwägungen brauche ich heute nicht zu sprechen. Ich kenne natürlich den Einwand, daß auch die äußere Erkenntnisweise erst untersucht werden muß; allein das geht uns heute nichts an. Ich will nur sagen, daß wir in demselben Sinn, in dem wir im gewöhnlichen Leben die äußere physische Welt durch unsere Sinneswahrnehmungen verbürgt finden, nach dem überwundenen Seelenleid durch unser Seelen-, durch unser Geistorgan, das wir als ganzer seelischer Mensch geworden sind, die geistige Welt verbürgt finden.
[ 46 ] In this way, life itself prepares the seeker after knowledge for the fact that part of the path he travels involves the conquest of suffering and pain. For if we overcome this suffering and pain, we make our entire psychic being into a “sense-organ,” or rather a spirit-organ, just as through our ordinary senses we look into and listen to the physical world. I do not need to discuss epistemological considerations today. I am naturally familiar with the objection that the external mode of knowledge must first also be investigated; but that does not concern us today. What I want to say is simply this: that, in the same sense in which in ordinary life we find the external physical world authenticated by our sensory perceptions, we find, after the soul's suffering has been conquered, the spiritual world authenticated by the soul-organ or spirit-organ which as a complete spiritual being we have become.
[ 47 ] Mit diesem Schauen, das ich auch — im Gegensatz zu allen alten nebulosen hellseherischen Künsten, die der Vergangenheit angehören — das moderne exakte Hellsehen nennen möchte, können wir auch eindringen in das, was die menschliche ewige Wesenheit ist. Wir können in einer exakten Weise eindringen in die Bedeutung der menschlichen Unsterblichkeit. Doch das muß dem morgigen Vortrag vorbehalten bleiben, wo ich über die besondere Beziehung dieser Weltanschauung zu den Seelenfragen des Menschen werde zu sprechen haben. Heute wollte ich zeigen, wie der Mensch, im Gegensatz zu älteren Erkenntniswegen, zu einem modernen übersinnlichen Erkenntnisweg gelangen kann. Der Jogi suchte zum Selbst in die menschliche Wesenheit hineinzudringen; wir suchen zum Rhythmus der Welt hinauszudringen. Der alte Asket stimmte den Leib herab, damit gewissermaßen das seelisch-geistige Erleben herausgepreßt wurde und für sich da sein konnte; der moderne Erkenntnisweg ist nicht der Askese geneigt, sieht ab von allen Kasteiungskünsten, wendet sich intim an das Seelenleben selber. Beide modernen Wege also lassen den Menschen voll im Leben drinnenstehen. Der alte asketische und der alte Jogaweg zogen aber den Menschen aus dem Leben heraus.
[ 47 ] Let us call this way of looking “modern exact clairvoyance,” by contrast with all earlier nebulous clairvoyant arts, which belong to the past. With it, we can also penetrate into the eternal substance of man. We can penetrate with exactitude into the meaning of human immortality. But consideration of this must be reserved for tomorrow's lecture, where I shall be speaking about the special relationship of this philosophy of life to the problems of man's psyche. Today, I wished to show how, in contrast to earlier ways of knowledge, man can attain a modern super-sensible way of knowledge. The yogi sought to move into the human substance and reach the self; we seek to move out to the rhythm of the world. The ancient ascetic depressed the body in order to ex-press spiritual experience and allow it to exist independently. The modern way of knowledge does not incline to asceticism; it avoids all arts of castigation and addresses itself intimately to the very life of the soul. Both the modern ways, therefore, place man entirely inside life. Whereas the ways of asceticism and yoga drew men away from life.
[ 48 ] So versuchte ich, Ihnen heute einen Weg zu schildern, der gemacht werden kann dadurch, daß man in der Seele schlummernde Erkenntniskräfte auf mehr geistigseelische Erkenntnisart entwickelt, als sie einstmals entwickelt worden sind.
[ 48 ] I have tried today to describe to you a way that can be followed by developing powers of knowledge, now sleeping in the soul, in a more spiritual sense than they were formerly developed.
[ 49 ] Dadurch aber gelangt man auch — das will ich zum Schluß noch andeuten — tiefer in das Wesen der Natur hinein. Die Weltanschauung, von der ich hier spreche, steht in keinerlei Opposition zu der Naturwissenschaft der Gegenwart. Im Gegenteil, sie nimmt gerade das, was echte Forschergesinnung ist innerhalb dieser naturwissenschaftlichen Forschung, heraus und bildet es durch ihre Übungen als eigene menschliche Fähigkeit aus. Die heutige Naturwissenschaft sucht Exaktheit und fühlt sich besonders befriedigt, wenn sie diese suchen kann durch die Anwendung der Mathematik auf die Naturvorgänge. Warum ist das der Fall? Das ist aus dem Grunde der Fall, weil die Wahrnehmungen, die uns die äußere Natur durch die Sinne für die Beobachtung und das Experiment gibt, schlechterdings außer uns sind. Wir durchdringen sie mit etwas, was wir ganz allein in unserem innersten Menschenwesen ausbilden, wir durchdringen sie mit den mathematischen Erkenntnissen. Und das Kantsche Wort wird oftmals ausgesprochen, aber noch viel öfter, ich möchte sagen, ausgeübt von naturwissenschaftlich Denkenden: In einer jeden wirklichen Erkenntnis ist nur so viel Wissenschaft, als Mathematik drinnen ist. Einseitig ist das, wenn man die gewöhnliche Mathematik nimmt. Aber indem man diese auf die Naturerscheinungen anwendet, auf die leblosen Naturerscheinungen, sogar heute schon ein gewisses Ideal darinnen sieht, zum Beispiel die Chromosomen in den Keimanlagen zählen zu können, zeigt man, wie man sich befriedigt fühlt, wenn man das, was sonst als Äußeres neben oder vor uns steht, mit Mathematik durchsetzen kann. Warum? Weil Mathematik im Innern in unmittelbarer Gewißheit erlebt wird, was wir uns zwar durch Zeichnungen oft versinnbildlichen müssen; allein die Zeichnungen sind nicht wesentlich für die Gewißheit, für die Wahrheit. Das Mathematische wird innerlich angeschaut und gefunden, und das, was wir intim innerlich finden, verbinden wir mit dem äußerlich Angeschauten. Dadurch fühlen wir uns befriedigt.
[ 49 ] By doing this, however (I should like to suggest in conclusion), we also reach deeper into the essence of nature. The philosophy of life of which I speak stands in no sort of opposition to the science of today. On the contrary, it takes precisely the genuine mood of enquiry which is there in scientific research and, through its exercises, develops this as a separate human faculty. Science today seeks exactness and feels particularly satisfied if it can achieve it by the application of mathematics to natural processes. Why is this? It is because the perceptions with which external nature provides us, through the senses, for observation and experiment are wholly outside us. We permeate them with something we develop solely in our innermost human entity—with mathematical knowledge. And Kant's saying is often quoted and even more often practised by scientific thinkers: In all true knowledge there is only so much science as there is mathematics. This is exaggerated if we are thinking of ordinary mathematics. And yet, when we apply these to lifeless natural phenomena, and nowadays even regard it as an ideal, for instance, to be able to count the chromosomes in the blastoderm, we reveal how satisfied we are if we can permeate with mathematics what otherwise stands outside us. Why? Because mathematics is experienced inside us with immediate certainty: we often have to represent this experience to ourselves by means of diagrams, but the diagrams are not essential to the certainty, the truth. Things mathematical are seen and discovered within us, and what we find within us we connect with what we see outside. In this way we feel satisfied.
[ 50 ] Wer in seiner Ganzheit diesen Erkenntnisvorgang durchschaut, muß sich sagen: Alles das kann den Menschen allein erkenntnismäßig befriedigen, kann im Menschen allein zu einer Wissenschaft führen, was auf etwas beruht, was er wirklich durch die Kräfte seines Inneren erleben, erschauen kann. Mit der Mathematik dringt man ein in die Tatsachen und in die Wesensstrukturen der leblosen Welt, höchstens, ich möchte sagen, primitiv etwas herauf in die belebte Welt. Man braucht aber eine innerliche Anschauung, so exakt, wie die mathematische Anschauung ist, wenn man in die höheren Wirkungsweisen der Außenwelt eindringen will. Die Haeckelsche Schule selber hat in einem ihrer hervorragendsten Vertreter ausdrücklich zugestanden, daß man zu einer ganz anderen Forschungs- und Betrachtungsweise vordringen müsse, wenn man aus dem Anorganischen in das Organische der Natur heraufwill. Für das Anorganische hat man die Mathematik, die Geometrie; für das Organische, für das Lebendige hat man zunächst noch nichts, was innerlich so gestaltet wird wie etwa ein Dreieck, wie ein Kreis, wie eine Ellipse. Durch lebendiges Denken gelangt man dazu: nicht mit gewöhnlicher Zahlen- und Figurenmathematik, sondern mit einer höheren Mathesis, mit einer Anschauung, die qualitativ ist, die gestaltend wirkt, die — wenn ich auch dadurch für viele etwas Horribles aussprechen muß, so muß ich es doch sagen —ins Künstlerische heraufgreift.
[ 50 ] Anyone who perceives this process of cognition in its entirety must conclude: things can satisfy man as knowledge and lead to a science only if they rest on something he can really experience and observe through his inner powers. With the aid of mathematics, we can penetrate into the facts and structures of the inanimate world; but we cannot move more than a little way at most, and that somewhat primitively, into the organic world. We need a way of looking as exact as that of mathematics with which to penetrate into the higher processes of the outside world. Even one of the outstanding representatives of the school of Haeckel has expressly admitted that we must advance to an entirely different type of research and observation if we wish to move up from the inorganic into the organic realm of nature. For the inorganic, we have mathematics, geometry; for the organic, the living, we have nothing as yet that corresponds to a triangle, a circle, or an ellipse. By vital thinking we shall achieve them: not with the ordinary mathematics of numbers and figures, but with a higher mathesis, a qualitative approach working creatively, one which—and here I must say something which many people will find abominable—which touches the realm of the aesthetic.
[ 51 ] Indem wir mit einer solchen Mathematik eindringen in die Welten, in die wir sonst nicht eindringen können, erweitern wir naturwissenschaftliche Gesinnung ins biologische Gebiet herauf. Und man kann sich überzeugt halten, daß einstmals die Epoche kommen wird, wo man sagen wird: ältere Zeiten haben mit Recht betont, aus der unorganischen Natur ist soviel Wissenschaft zu gewinnen, als man ihr mit der Mathematik im weitesten Sinne beikommen kann, insofern die Mathematik eine quantitative ist; aus den Lebensvorgängen kann soviel Wissenschaft gewonnen werden, als man fähig ist, in sie einzudringen mit einer innerlich lebendigen Gedankengestaltung, mit einem exakten Hellsehen.
[ 51 ] By penetrating with mathematics of this kind into worlds that we cannot otherwise penetrate, we extend the scientific attitude upwards into the biological sphere. And we may be sure that eventually the epoch will come when people will say: earlier times rightly emphasized that the amount of science extracted from inorganic nature is proportional to the amount of quantitative mathematics, in the broadest sense, that can be applied to it; the amount of science extracted from the vital processes is proportional to the extent to which we can probe them with a living thought structure and an exact clairvoyance.
[ 52 ] Man glaubt gar nicht, wie nahe in Wirklichkeit diese moderne Art des Hellsehens gerade dem mathematischen Anschauen steht. Und man wird einstmals, wenn man einsehen wird, wie aus dem Geiste moderner Naturerkenntnis hier Geist-Erkenntnis gewonnen werden soll, gerade aus diesem Gebiet moderner Naturerkenntnis heraus die hier gemeinte Geisteswissenschaft gerechtfertigt finden. Denn sie will nicht in irgendeine Opposition treten zu den bedeutsamen, großartigen Ergebnissen der Naturwissenschaft. Sie möchte etwas anderes versuchen: Geradeso wie wir, wenn wir einen Menschen vor uns stehen haben, mit den äußeren Sinnen seine Sinnesgestalt anschauen können, seine Gebärden, sein Mienenspiel, den eigentümlichen Blick seiner Augen, wie wir aber nur ein Äußeres des Menschen erkennen, wenn wir nicht durch all das hindurchschauen auf ein Seelisches in ihm, wodurch wir erst den ganzen Menschen vor uns stehen haben, geradeso schauen wir, ohne Geisteswege zu wandeln, mit einer Naturwissenschaft nur die äußere Physiognomie der Welt, nur, ich möchte sagen, die Gebärden der Welt, die Mimik der Welt. Erst dann erkennen wir etwas von dem, womit wir selber verwandt sind als dem Ewigen dieser Welt, wenn wir über die äußere Physiognomie, die uns die Naturerscheinungen geben, über diese Mimik und Gebärden, hineindringen in das Seelische der Welt.
[ 52 ] People will not believe how close this modern kind of clairvoyance is, in reality, to the mathematical outlook. Eventually, when it is realized how, from the spirit of modern knowledge of nature, knowledge of spirit can be gained, this spiritual science will be found to be justified precisely from the standpoint of our modern knowledge of nature. It has no wish to run counter to the important and imposing results of natural science. It seeks to attempt something different: we can look with our external senses at the physical form of someone standing before us—his gestures, his play of feature, the individual expression of his eyes—and yet perceive merely externals, unless we look through all this to something spiritual in him, by which alone the whole man stands before us. In the same way, unless we travel the ways of the spirit, we look with science only at the external physiognomy of the world, its gestures and its mask. Only when we penetrate beyond the outward physiognomy that natural phenomena present to us, beyond the mask and gestures, into the spiritual region of the world, do we recognize something to which we are ourselves related, something of the eternal in the world.
[ 53 ] Das möchte jene geisteswissenschaftliche Anschauung, deren Methoden ich Ihnen zunächst einleitend heute schildern wollte. Sie möchte nicht sein eine Gegnerin der triumphalen modernen Naturwissenschaft, sie möchte diese in ihrer Bedeutung und Wesenheit voll hinnehmen, wie man den äußeren Menschen voll hinnimmt. Sie möchte aber so, wie man, durch den äußeren Menschen durchdringend, auf das Seelische schaut, durch die Naturgesetze, nicht mit Dilettantismus und Laientum, sondern mit ernsthafter Gesinnung, durch die Physiognomie der Naturgesetze hindurchdringen zu dem, was als Geistiges, als Seelisches der Welt zugrunde liegt. Und so möchte diese geisteswissenschaftliche Anschauung nicht der Naturwissenschaft irgendwelche Gegnerschaft schaffen, sondern sie möchte sein die Seele, der Geist dieser Naturwissenschaft.
[ 53 ] That is the aim of the spiritual science whose methods I have sought to describe to you today by way of introduction. It does not wish to oppose triumphant modern science, but to accept it fully in its importance and substance, just as we accept fully the external man. But just as we look through the external man at the soul, so it seeks to penetrate through natural laws, not in a lay and dilettante fashion, but with a serious approach, to the spiritual element underlying the world. And so this spiritual science seeks not to create any kind of opposition to natural science, but to be its soul and spirit.
