Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
2 June 1922, Vienna
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The Tension Between East and West, tr. Rowley
2. Anthroposophie und Psychologie
2. Anthroposophy and Psychology
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn die Daseinsrätsel des Lebens die menschliche Seele selbst betreffen, so werden sie nicht nur zu großen Lebensfragen, sondern sie werden in einem intimen Sinn zum Leben selbst. Sie werden Glück oder Leid des Daseins des Menschen. Und zwar nicht bloß vorübergehendes Glück oder Leid, sondern Glück oder Leid, das der Mensch durch eine gewisse Dauer durch das Leben tragen muß, so daß er durch dieses Glücks- oder Leideserlebnis tüchtig oder untüchtig für das Leben wird.
[ 1 ] When the riddles of existence touch the human soul, they become not only great problems in life, but life itself. They become the happiness or sorrow of man's existence. And not a passing happiness or sorrow only, but one he must carry for a time through life, so that by this experience of happiness or sorrow he becomes fit or unfit for life.
[ 2 ] Nun steht der Mensch seiner eigenen Seele so gegenüber, daß ihm die wichtigsten Daseinsfragen in bezug auf diese Seele und ihre geistige Wesenheit eigentlich nicht aus dem Grunde aufgehen, weil er irgendwie zweifeln könnte an dem Geistig-Seelischen seines eigenen Wesens. Gerade weil er in einer gewissen Beziehung dieser seiner eigenen geistigen und seelischen Wesenheit gewiß ist, weil er in dieser geistigen und seelischen Wesenheit seine eigentliche Bedeutung als Mensch und seine Würde als Mensch sehen muß, wird ihm die Frage nach dem Weltenschicksal seiner Seele zum großen, gewaltigen Daseinsrätsel. Das Geistige in dem Menschen selbst zu leugnen, fällt ja selbstverständlich auch dem strammsten Materialisten nicht ein. Er wird das Geistige als solches anerkennen, es gewissermaßen nur ansehen als Ergebnis der physischen, materiellen Vorgänge. Derjenige aber, der ohne solche Theorie, einfach aus den tiefsten Empfindungsbedürfnissen seiner Seele, nach dem Schicksal dieses seelischen Selbstes fragt, der wird sich im Leben gegenübergestellt finden einer Unsumme von Erscheinungen, von Erfahrungen, die ihm gerade deshalb zu Rätselfragen werden, weil er sich des seelisch-geistigen Lebens voll bewußt ist, und weil er gerade deshalb fragen muß: Ist dieses geistig-seelische Leben ein vorübergehender Hauch, aufsteigend aus dem physischen Dasein und mit ihm wiederum in die allgemeine Naturtatsachenwelt zurückkehrend, oder hängt dieses Geistig-Seelische mit einer geistig-seelischen Welt selbst zusammen, innerhalb welcher es eine ewige Bedeutung hat?
[ 2 ] Now, man's attitude to his own soul is such that the most important questions about it and about its spiritual essence do not arise from any actual doubts he has regarding the spiritual element within him. It is precisely because he is certain of his spiritual substance and because he cannot help seeing in it his human dignity and his true significance as a man, that the question of the fate of his soul becomes for him a tremendous riddle. To deny the mind in man himself does not, of course, occur to even the most rigid materialist. He acknowledges the mental as such, regarding it as a result of physical, material processes. Yet anyone who, with no such theory but simply from his deepest emotional needs, queries the fate of this soul of his, will find himself confronted by a plethora of phenomena and experiences. And these become riddles to him just because he is fully conscious of the mental or spiritual life, and must accordingly ask: Is this spiritual life a passing breath, rising from physical existence and returning with it once more into the generality of natural phenomena, or is it connected with a spiritual world within which it has eternal significance?
[ 3 ] Ich möchte von den vielen Erlebnissen des Seelischen, die an den Menschen herantreten und die ihm die Rätselfragen der Seele vor das geistige Auge führen, nur zwei herausgreifen.
[ 3 ] Of the many experiences in the realm of the psyche which present the riddles of the soul to our “mind's eye,” I will select only two.
[ 4 ] Man kann sagen: Wenigen Menschen werden sich vielleicht diese Erlebnisse so aufdrängen, daß sie sie zu bewußten oder gar zu theoretischen Seelenfragen machen. Das ist aber auch gar nicht das Wichtige. Das Wichtige ist, daß solche Erlebnisse gerade die unterbewußten oder unbewußten Seelenregionen ergreifen, in diesen sich festlegen und in das Bewußtsein nur heraufströmen als allgemeine Seelenstimmung oder auch Seelenverstimmung, als dasjenige, was uns mutig und kraftvoll im Leben macht, oder als dasjenige, was uns niedergeschlagen macht, so daß wir an keiner Stelle in der Lage sind, uns selbst richtig in das Leben hineinzufinden oder auch dieses Leben in der für uns geeigneten Weise zu erfassen. Wie gesagt, nur zwei von diesen Erlebnissen möchte ich herausheben.
[ 4 ] There are, it may be objected, very few people on whom such experiences obtrude so much that they become even conscious, let alone theoretical, problems. But that is not the point. The point is that these experiences take hold of the subconscious or unconscious, establish themselves there, and flow up into consciousness only as a general temper or distemper of the soul, making us courageous and vigorous in life or making us dejected, so that at no point can we properly come to grips with life. As I have said, I want to pick out only two of these experiences.
[ 5 ] Das eine tritt dem Menschen jeden Abend, wenn er einschläft, vor das Seelenauge, wenn das, was während des wachen Tageslebens auf und ab wallt und webt im seelischen Erleben, wie ausgelöscht hinuntersinkt in die Unbewußtheit. Dann, wenn der Mensch hinschaut auf dieses Erlebnis oder, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, wenn er die unbewußten Empfindungen dieses Erlebnisses in seiner Seele wirksam hat, dann überkommt ihn etwas wie die Ohnmacht dieses Seelenlebens gegenüber dem äußeren Weltengang. Und gerade weil der Mensch im Seelenleben sein Wertvollstes, sein Würdigstes sieht, weil er nicht ableugnen kann, daß er im wahren Sinn des Wortes eben ein geistig-seelisches Wesen ist, so bestürmt ihn von innen heraus dasjenige, was er also als Ohnmacht des seelischen Lebens empfindet, und er muß sich fragen: Übernimmt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, das allgemeine Naturgeschehen ebenso die seelischen Erlebnisse, wie dieses allgemeine Naturgeschehen sie jedesmal beim Einschlafen übernimmt? — Ich möchte sagen, das eine Erlebnis ist die Ohnmacht des Seelenlebens.
[ 5 ] The first appears before the “mind's eye” every evening when we fall asleep, when the mental and psychic experiences that have floated up and down during the day sink down into the unconscious as if extinguished. Now, when he looks at this experience or, as is most often the case, when the unconscious awareness of it affects his soul, man is overcome by a sense of the powerlessness of his mental life in face of the outside world. And just because man sees in this life his most valuable and dignified quality and cannot deny that he is in the true sense of the world a spiritual being, he is assaulted from within by this sensation of powerlessness, and has to ponder the question: Does the general process of nature overtake mental experiences when man passes through the gate of death, just as it always does at the onset of sleep? The first experience, if I may so put it, is a sense of the powerlessness of mental life.
[ 6 ] Das andere Erlebnis ist dem ersten in einer gewissen Weise polarisch entgegengesetzt. Wir erfühlen es mehr oder weniger bestimmt oder unbestimmt, bewußt oder unbewußt, wenn wir im Aufwachen, vielleicht nach dem Übergang durch eine phantastisch chaotische, mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmende Traumwelt, mit dem, was wir als unser Geistig-Seelisches erfühlen und erleben, untertauchen in unsere Leiblichkeit. Wir empfinden dann, wie dieses Geistig-Seelische unsere Sinne ergreift, wie wir durch die Wechselbeziehungen zwischen der Außenwelt und unseren Sinnen, die ja physisch-physiologischer Natur sind, unser seelisches Erleben durchsetzt haben. Wir empfinden, wie dieses Geistig-Seelische weiter hinuntersteigt in unsere Leiblichkeit, wie wir unsere Willensorgane mit diesem GeistigSeelischen ergreifen und dann zum wachen, besonnenen Menschen werden, der sich seines Leibes, seines Organismus bedienen kann. Aber wenn wir uns nun.besinnen, so müssen wir uns sagen: Trotz aller Anatomie und Physiologie, die ja von außen in großartiger Weise die Leibesfunktionen zu durchschauen, zu analysieren bestrebt sind: von innen angeschaut, wissen wir Menschen durch das gewöhnliche Bewußtsein zunächst nichts von dem, was da als ein Wechselverhältnis besteht zwischen unserem Geistig-Seelischen und unseren leiblichen Verrichtungen. Wenn wir die einfachste Leibesverrichtung, die aus dem Willen hervorgeht, ins Auge fassen, das Erheben des Armes, das Bewegen der Hand, müssen wir uns sagen: Zunächst sitzt in uns die Vorstellung, der Gedanke dieses Armhebens, dieser Handbewegung. Wie aber dieser Gedanke, diese Vorstellung hinunterströmt in unseren Organismus, wie er eingreift in unser Muskelsystem, wie zuletzt das zustande kommt, was wir doch wiederum nur durch Anschauung selber kennen: was da im Innern eigentlich vorgeht, es bleibt dem gewöhnlichen Bewußtsein verborgen ebenso wie verborgen bleibt in jenem wunderbaren Mechanismus, den uns die Physik und Physiologie zeigen, im menschlichen Auge oder in einem anderen Sinnesorgan das Geistig-Seelische, das in diesen wunderbaren Mechanismus eingreift.
[ 6 ] The second experience is in a way a direct opposite of the first. We perceive it distinctly or indistinctly, consciously or unconsciously, when on waking, perhaps after passing through a fantastically chaotic dream world not attuned to reality, our spirit descends into our bodily existence. At such times we feel it informing our senses, feel too that our psychic experience is being permeated by the interplay between the outside world and our senses, which are of course physical and physiological. We feel the spiritual element descending further into our body; we inform our organs of will with it and become alert and self-possessed, able to make use of our body, our organism. On reflection, however, we cannot help realizing: Anatomy and physiology make a valiant attempt to penetrate and analyse the bodily functions from without; yet looking from within, we ourselves, by means of ordinary consciousness, do not know anything about the interrelationship between our spiritual element and our bodily functions. A glance at the simplest bodily function controlled by the will, the lifting of an arm or movement of a hand, tells us: First there exists in us the thought or concept of this arm-lifting or hand-movement. How this thought or concept flows down into our organism, however, how it informs our muscles, and how finally there comes about what again we know only through observation—what actually goes on inside remains hidden from ordinary consciousness. So, too, in that wonderful mechanism that physics and physiology show us, the human eye or some other sense-organ, there remains hidden the spiritual element that informs this wonderful mechanism.
[ 7 ] So, müssen wir sagen, ist es die Ohnmacht des Seelenlebens auf der einen Seite, die uns Rätsel aufdrängt, so ist es die Finsternis, in die wir untertauchen mit unserem Geistig-Seelischen, wenn wir in den eigenen Leib dieses Geistig-Seelische einströmen fühlen, was uns die Rätselfragen weiter aufwirft. Wir müssen uns sagen — gewiß, die meisten Menschen tun das wieder nicht bewußt, aber sie empfinden es als die Stimmung ihrer Seele —: Dieses Geistig-Seelische in seinem Wechselverhältnis mit dem Organismus ist uns als Schöpferisches unbekannt, es ist uns da unbekannt, wo es gerade im physischen Erdenleben seine eigentliche Bestimmung nach außen im Dasein offenbart.
[ 7 ] We are thus faced with problems both by the powerlessness of our mental life and by the darkness into which we feel our spirit descending when it flows down into our own body. We are forced to conclude (most people certainly don't do so consciously, but it affects them as the temper of their soul): this spiritual element in its relationship with the organism is unknown to us just when it is creative; it is unknown to us at the very point in physical life where it manifests its outgoing function.
[ 8 ] Was auf diese Art jeder naive Mensch erlebt, erstreckt sich in einer etwas veränderten Form hinein in die Seelenwissenschaft. Es müßte allerdings lange gesprochen werden, wenn die Art und Weise, wie sich diese Rätselfragen in die Wissenschaft hineinschleichen, wissenschaftsgemäß erörtert werden sollten; aber es kann wenigstens, mit einer gewissen Äußerlichkeit vielleicht, in der folgenden Weise gesagt werden.
[ 8 ] What every naive individual thus experiences extends, in a different form, to psychology itself. It would need a great many words to explain scientifically how these enigmas creep into the subject; but we can put it, rather superficially perhaps, as follows.
[ 9 ] Auf der einen Seite sieht die Wissenschaft nach dem Seelischen hin und fragt sich: Wie steht dieses Seelische mit dem Körperlichen, mit dem Äußerlich-Leiblichen im Wechselverhältnis? Indem sie nach der anderen Seite, nach dem Körperlichen hinschauen und nach all dem, was die äußere Naturwissenschaft über dieses Körperliche zu sagen hat, sind dann die einen — und die Seelenkunde hat in dieser Beziehung eine lange Geschichte — der Meinung, man müsse das Seelische vorstellen als die eigentlich wirksame Ursache des Leiblichen; die andern sind der Meinung, man müsse das Leibliche ansehen als das, was das eigentlich Kraftende dabei ist, und das Seelische nur als eine Art Wirkung des Leiblichen. Das Unbefriedigende dieser beiden Anschauungen haben neuere Seelenforscher oder -denker durchschaut, und sie haben daher die sonderbare Anschauung von dem psychophysischen Parallelismus aufgestellt, nach welcher man nicht sagen kann, das Leibliche wirke auf das Seelische oder das Seelische auf das Leibliche, sondern nur: leibliche Vorgänge seien dem seelischen Geschehen parallel und seelische Vorgänge dem leiblichen; man könne immer nur sagen, welche seelischen Vorgänge die leiblichen begleiten oder welche leiblichen die seelischen.
[ 9 ] On the one hand, psychology looks at the mind and asks: What is the relation between this and the physical, the external and corporeal? In looking at the physical, on the other hand, and at what physical science has to say about it, some people—and in this respect psychology has a long history—believe that we must regard the mental as the really effective cause of the physical; others believe that we must regard the physical as the really empowering element, and the mental only as a kind of effect of it. The unsatisfactory nature of both views has been perceived by recent psychologists. They have therefore set up the curious theory of psycho-physical parallelism, according to which one cannot say that the body affects the mind or the mind the body, but only: corporeal processes are parallel to mental ones, and mental processes to bodily ones; one can only say what mental processes accompany the corporeal or what corporeal ones the mental.
[ 10 ] Aber diese Seelenkunde empfindet ja selbst auf der einen Seite etwas wie die Ohnmacht des Seelenlebens. Wenn man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein dieses Seelenleben, auch wie es dem Seelenforscher, dem Psychologen, vorliegt, zu durchschauen unternimmt, so hat es etwas innerlich Passives, es hat etwas, dem man nicht anschauen kann, daß es kraftend eingreift in das Leibesleben. Wer die seelischen Wesenhaftigkeiten von Denken und Fühlen — beim Wollen ist es so, daß es nicht durchschaut werden kann; daher gilt in einer gewissen Beziehung für die Seelenforschung gegenüber dem WolJen dasselbe wie gegenüber dem Denken und Fühlen —, wer dieses Denken und Fühlen mit den Mitteln der Seelenkunde anschaut, dem kommt es kraftlos vor, so daß er nirgends etwas finden kann, was wirksam wirklich eingreifen könnte in das Leibliche. Da empfindet dann der Seelenforscher, was man nennen könnte die Ohnmacht des Seelenlebens für das gewöhnliche Bewußtsein. Allerdings ist ja in der verschiedensten Weise versucht worden, dieses Gefühl der Ohnmacht des Seelenlebens zu überwinden. Aber der Streit der Philosophen, die Wandlungen der einzelnen philosophischen Weltanschauungen, die im Laufe der Zeit aufgetaucht sind, liefern dem unbefangenen Menschenbetrachter einen Tatsachenbeweis, wie unmöglich es dem gewöhnlichen Bewußtsein ist, diesem seelischen Erleben beizukommen, weil sich überall das Gefühl von der Ohnmacht jenes Seelischen aufdrängt, das eben dieses gewöhnliche Bewußtsein beobachten kann.
[ 10 ] Psychology itself, moreover, is conscious of this powerlessness of the mind! If we attempt to examine the mind, even as it presents itself to the psychologist, with ordinary consciousness, we find that it has something passive about it, so that we cannot see how it can penetrate dynamically the life of the body. Anyone who looks at the psychic characteristics of thinking and feeling (volition is impenetrable, so that for psychology much the same is true of will as of thinking and feeling)—anyone who looks at thinking and feeling with the tools of psychology finds them powerless, and cannot locate anything that would really be capable of effectively activating the physical. It is then that the psychologist experiences his sense of the powerlessness of mental life in the eyes of ordinary consciousness. The most varied attempts have certainly been made to overcome this feeling. But the disputes of philosophers and the changing philosophies that have succeeded one another provide the impartial observer of humanity with factual evidence of the impossibility for ordinary consciousness of approaching the mind's experience. Everywhere there obtrudes a sense of the powerlessness of the mind as it is perceived by ordinary consciousness.
[ 11 ] Gerade in bezug auf eine solche Beobachtung des Seelenlebens vor dem gewöhnlichen Bewußtsein ist hier in Wien eine Reihe klassischer Literaturwerke aufgetreten, die wie Marksteine dastehen innerhalb der philosophischen Entwickelung. Ich meine, trotzdem ich nicht im entferntesten mich selber irgendwie zu dem Inhalt dieser Bücher bekennen kann, daß diese Bücher gerade vom Standpunkt des gewöhnlichen Bewußtseins aus außerordentlich bedeutsam sind. Ich meine Richard Wahles «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende», in dem dargestellt werden soll, wie dieses gewöhnliche Bewußtsein eigentlich zu keinen erheblichen Resultaten gegenüber dem Seelenleben kommen könne, wie dann abgegeben werden müsse, was philosophische Forschung in dieser Richtung zu erstreben versucht, an Theologie Physiologie, Ästhetik, Sozialpädagogik. Und in einer noch schärferen Weise hat dann Richard Wahle die Gedanken dieses Buches in seinem «Mechanismus des geistigen Lebens» ausgeführt. Wir können sagen: da wird wirklich einmal gezeigt, daß das gewöhnliche Bewußtsein im Grunde genommen ohnmächtig ist, irgendwie etwas auszusagen gegenüber den Fragen des seelischen Lebens. Das Ich, die seelische Einheit, alles das, was eine ältere Psychologie an die Oberfläche gebracht hat, sie zerfallen vor der Kritik, die dieses gewöhnliche Bewußtsein gegenüber sich selbst ausübt.
[ 11 ] With regard to this particular point, a series of works have appeared here in Vienna which represent milestones in the development of philosophy. Although I cannot associate myself in any way with their content, I believe that, from the standpoint of ordinary consciousness, these books are extraordinarily significant. They include Richard Wahle's The Whole of Philosophy and its End, which is designed to show that ordinary consciousness is incapable of reaching any significant conclusion about mental life, and that what philosophical investigation is here attempting ought to be handed over to theology, physiology, aesthetics and social science. And Richard Wahle went on to work out these ideas still more clearly in his Mechanism of Mental Life. We may say: here for once ordinary consciousness is revealed as basically incapable of saying anything about the problems of mental life. The ego, the psyche, everything that earlier psychology brought to light—all these collapse in face of the self-criticism of ordinary consciousness.
[ 12 ] Auf der anderen Seite ist in der neueren Zeit in begreiflicher, ja man muß sagen, in notwendiger Weise versucht worden, mit der Seelenkunde nicht direkt auf das Seelische loszugehen, demgegenüber das gewöhnliche Bewußtsein eben ohnmächtig ist, sondern auf dem Umwege durch die Leibeserscheinungen, die aus dem sogenannten Seelischen hervorquellen, irgend etwas zu erkunden über dasjenige, was man gewöhnlich seelische Erscheinungen nennt. So ist experimentelle Psychologie entstanden. Diese ist durchaus ein notwendiges Produkt unserer gegenwärtigen Weltanschauung und unserer gegenwärtigen Forschungsmethoden. Und wer auf dem Boden steht, von dem aus ich hier heute zu Ihnen spreche, der wird die volle Berechtigung dieser experimentellen Seelenkunde niemals leugnen. Er wird vielleicht im einzelnen sowohl mit den Forschungswegen wie auch mit den Forschungsergebnissen nicht ganz einverstanden sein; aber die Berechtigung dieser experimentellen Psychologie oder Seelenkunde darf nicht geleugnet werden.
[ 12 ] In recent years, however, psychology has, understandably and indeed of necessity, not attempted to deal directly with the things of the mind—in face of which, as we have seen, ordinary consciousness is powerless—but has sought to discover something about what are usually called mental phenomena indirectly, via the physical phenomena that spring from them. In this way, experimental psychology has come into being. This is a necessary product of our present attitude to life and methods of research. And anyone taking the philosophical standpoint that I do will never for one moment deny that experimental psychology is completely justified, though he may not perhaps agree entirely with this or that detail of its methods and results.
[ 13 ] Da erhebt sich dann gerade das andere Seelenrätsel. Wenn wir noch soviel erfahren über das, was durch experimentelle Seelenkunde mit dem menschlichen Leibe erlebt werden kann, so müssen wir doch sagen: Alles was in dieser Weise auf dem Umwege durch den Leib erkundet wird, oder auch was erkundet wird scheinbar über reine Seelenfunktionen, ist doch nur, wenn man sich nicht täuschen will, auf dem Umweg durch den Leib erkannt. Alles das gehört doch einer Sphäre an, die mit dem Tod des Menschen übergeben wird dem allgemeinen Naturgeschehen, so daß dadurch nichts erfahren werden kann über das Geistig Seelische, dessen Weltschicksal dem Menschen eine so große, gewaltlge Angelcgenhext ist. Und so können wir sagen, in einer gewissen Weise ist auch für diese Seelenkunde das große Seelenrätsel neu aufgetaucht.
[ 13 ] It is here that the other enigma of the soul comes in. However much we learn about what can be experienced by the human body in experimental psychology, the fact remains: everything that appears to be discovered in this way about purely psychic functions is, strictly speaking, only indirect knowledge, acquired via the body. It all belongs to a sphere which, at man's death, is given over to the general process of nature, so that through it can be learnt nothing about the soul, whose fate in the world is of such paramount concern to man. Thus we may say: for psychology, also, the great riddle of the soul reappears.
[ 14 ] Wieder ist es ein neuerer Seelenforscher, der lange hier in Wien gelebt und gewirkt hat, der allen denen unvergeßlich sein wird, die jemals vor ihm auf den Schulbänken hier in Wien gesessen haben, wie ich selber, der ich zu Ihnen spreche. Es ist ein moderner Seelenforscher, der in dem ersten Bande seines unvollendet gebliebenen Werkes über Psychologie es ausgesprochen hat: Was könnte uns alle Seelenkunde bringen, wenn sie uns aufklärte — sei es nun, das füge ich ein, auf experimentellem oder nichtexperimentellem Wege — über die Art und Weise, wie sich die Vorstellungen verbinden oder lösen, wie die Aufmerksamkeit wirkt, wie das Gedächtnis etwa zustande kommt im Leben zwischen Geburt und Tod und so weiter, wenn wir gerade wegen der Wissenschaftlichkeit dieser Seelenkunde, die der Naturwissenschaft nacheifern will, verzichten müßten, zu erkennen, welches das Schicksal der menschlichen Seele ist, wenn der menschliche Leib in seine Elemente zerfällt? Das, meine sehr verehrten Anwesenden, hat nicht irgendein Phantast ausgesprochen, sondern der strenge Denker Franz Brentano, der die Seelenkunde im wesentlichen zur Aufgabe seines Lebens gemacht hat und der in der Seelenkunde so arbeiten wollte, wie es der strengen naturwissenschaftlichen Methode der neueren Zeit gemäß ist. Dennoch hat gerade er das Seelenrätsel in der Weise, wie ich es eben angedeutet habe, als ein wissenschaftlich Notwendiges vor seine Mitwelt hingestellt.
[ 14 ] This point, too, has been made by a modern psychologist who for many years lived and worked here in Vienna, and who will never be forgotten by those who sat at his feet here, as I did. In the first volume of his unfinished work on psychology, he asks: What can any psychology ever achieve by establishing—whether experimentally or non-experimentally, I might add—how concepts combine and separate, how attention operates, how memory develops in life etc.?—if, precisely because of the scientific character of this psychology, with its emulation of natural science, we must renounce all claim to understand the fate of the human soul once the body crumbles into its elements? This was said not by some eccentric or other, but by that rigorous thinker Franz Brentano, who made psychology his central concern in life and who sought to apply to his work the strict scientific method of modern times. Yet he it was who presented the riddle of the soul to his contemporaries in the way I have just outlined, as something scientifically unavoidable.
[ 15 ] Aus alledem muß doch der unbefangene Mensch heute eine Konsequenz ziehen. Es ist diese, daß wir mit den naturwissenschaftlichen Methoden bis zu dem Punkt, bis zu dem sie heute ausgebildet sind, in der Erforschung des Menschen kommen können, daß wir aber, wenn wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, das für die Naturwissenschaft vollberechtigt ist, wie es auch vollberechtigt ist für das gewöhnliche Leben, an das Seelische herangehen, gegenüber dem Seelischen nicht zurecht kommen. Und aus diesem Grunde, weil diese Einsicht gerade aus wissenschaftlichen Untergründen sich heute dem unbefangenen Menschen ergeben muß, spreche ich zu Ihnen vom Gesichtspunkt einer Weltanschauung, die sich nun sagt: Es kann eben nicht mit den Seelenkräften, die sich für das gewöhnliche Bewußtsein offenbaren, die da im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft arbeiten, das seelische Leben erforscht werden. Da müssen in dieser Seele andere Seelenkräfte entwickelt werden, die für das gewöhnliche Bewußtsein in der Seele nur mehr oder weniger schlummern oder, wenn ich mich eines wissenschaftlichen Ausdrucks bedienen will, latent sind.
[ 15 ] From all this the impartial observer today must draw a conclusion. It is that, in the study of man, scientific methods will take us only to the point they have now reached; but that we cannot deal with the soul by means of ordinary consciousness, entirely adequate as this is for science and for ordinary life. And so, since for scientific reasons this fact must be apparent to the impartial observer today, I speak to you from the standpoint of a philosophy of life that concludes: it is impossible, with the soul-powers that manifest themselves to ordinary consciousness and operate in ordinary life and ordinary science, to investigate the life of the soul. There must be developed other powers, which to ordinary consciousness are more or less sleeping or, let us say, latent in the soul.
[ 16 ] Wenn man die richtige Stellung zu einer solchen Lebensauffassung gewinnen will, dann braucht es allerdings etwas, was heute im Menschen nur in einem geringen Maße — lassen Sie mich das schon aussprechen — eigentlich vorhanden ist. Es braucht das, was ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Es muß ein Moment im Leben kommen, wo man sich sagt: Ich war ein kleines Kind, ich habe dazumal seelisches Leben entwickelt, das so hindämmernd traumhaft war, daß es auch so vergessen ist wie ein Traum. Erst allmählich tauchte aus diesem traumhaften kindlichen Seelenleben nach und nach dasjenige auf, was mich dazu bringt, daß ich mich im Leben orientieren kann, daß ich meine Gedanken, meine Gefühlsimpulse, meine Willensentschlüsse einfügen kann dem Gang der Welt, daß ich ein arbeitsfähiger Mensch geworden bin. Aus dem Unbestimmten und Undifferenzierten des mit dem Leibe verwobenen kindlichen Seelenlebens ist aufgetaucht dasjenige Erleben, das wir durch unsere vererbten Eigenschaften haben, die sich dann mit dem Heranwachsen des Leibes ausbilden, das wir auch durch unsere gebräuchliche Erziehung haben.
[ 16 ] To adopt the right attitude to such a conception of life, we need something which, if I may say so, is found only rarely in people today. I would call it intellectual modesty. There must come a moment in life when we say to ourselves: When I was a little child, I developed a mental life that was so dim and dreamy that it has been forgotten like a dream. Only gradually did there arise from this dream-like mentality of the child something that enables me to orientate myself in life, to bring my thoughts, my impulses and my decisions into step with the world, and to become a capable being. Out of the vagueness and lack of differentiation of the child's mental life, interwoven with the body, has emerged that experience which derives from our inherited qualities, as these develop with the growth of the body, and which derives also from our customary education.
[ 17 ] Wer so zurückschaut, in intellektueller Bescheidenheit, wie er in diesem Erdenleben geworden ist, wird es auch nicht verschmähen, sich in einem gewissen Zeitpunkt seines Lebens zu sagen: Warum sollte denn das nicht weitergehen? Diejenigen seelischen Kräfte, die mir heute die wichtigsten sind, durch die ich mich im Leben orientiere, durch die ich ein arbeitsfähiger Mensch werde, sind schlummernde gewesen während meines kindlichen Daseins. Warum sollten in meiner Seele nicht auch Kräfte schlummern, die ich weiter aus ihr hervorentwickeln kann?
[ 17 ] Anyone looking back, with intellectual modesty, on his development during his life on earth, will not be above saying to himself at a certain point: Why shouldn't this continue? The soul-powers which are the most important to me today, and by which I orientate myself in life and become a capable being, were dormant during my existence as a child. Why shouldn't there be dormant in my soul other powers that I can develop from it?
[ 18 ] Man muß zu diesem aus der intellektuellen Bescheidenheit hervorgehenden Entschluß kommen. Intellektuelle Bescheidenheit nenne ich das aus dem Grunde, weil der Mensch geneigt ist zu sagen: Die Form des Bewußtseins, die ich einmal als erwachsener Mensch habe, ist die des normalen Menschen; was anders sein will im inneren Seelenleben als dieses sogenannte normale Bewußtsein, das ist entweder Phantasterei oder Halluzination oder Vision oder dergleichen. Die Weltanschauung, von der ich hier spreche, geht durchaus vom gesunden Seelenleben aus und versucht vom gesunden Seelenleben aus, in der Seele schlummernde Kräfte, auch Erkenntniskräfte, zu entwickeln, die dann Seherkräfte werden in dem Sinn, wie ich gestern von exakten Seherkräften gesprochen habe. Das, was die Seele da mit sich vorzunehmen hat, habe ich gestern in einem gewissen Sinne angedeutet. Ich habe auch auf mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» hingewiesen, auf meine «Geheimwissenschaft», auf «Von Seelenrätseln» und so weiter. Dort findet man die Einzelheiten jener Seelenübungen, die, ausgehend vom gesunden Seelenleben, hinaufführen zu einer Entwickelung der Seele, so daß diese tatsächlich zu einer Art geistigen Schauens kommt, durch das sie hineinblicken kann in eine geistig-seelische Welt, wie sie durch die gewöhnlichen Sinnesorgane wahrnehmen kann die physisch-sinnliche Welt. Sie werden in den genannten Büchern überall einen ersten Teil finden; dieser erste Teil, der wird selbst von manchen Gegnern der Weltanschauung, die ich hier vertrete, als etwas anerkannt, was dem Menschen durchaus nütze sein könnte. Er handelt davon, daß sich der Mensch durch gewisse Übungen intellektueller, gefühlsmäßiger, moralischer Art in eine Seelenverfassung und in eine Leibesverfassung bringt, die durchaus als gesund gelten können, die durchaus dahin streben, daß der Mensch auch in die Lage komme, wachsam innerlich sein zu können gegenüber all dem, was, aus krankhaftem Seelenleben herauskommend, zum Mediumismus, zu Halluzinationen und Visionen führt. Denn alles das, was auf diesem Wege zustande kommt, muß abgewiesen werden für eine wirkliche Seelenkunde. Gerade zu Visionen kommt der Mensch nicht aus dem Seelischen heraus, sondern dadurch, daß krankhafte Bildungen innerhalb seines Organismus sich finden; ebenso zum Mediumismus. Das alles hat mit einer gesunden Seelenkunde und Seelenentwickelung nichts zu tun, muß selbst seiner Bedeutung nach vom Gesichtspunkt dieser gesunden Seelenkunde beurteilt werden. Gegner finden heute aber die Übungen, die dann als Fortsetzung dieser vorbereitenden auftreten, die nun aus der Seele hervorholen sollen diejenigen Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens, die, wenn sie ausgebildet sind, den Menschen in eine geistige Welt so einführen, daß er sich in ihr orientieren lernt, daß er auch mit seinem Willen in sie einzutreten in die Lage kommt, phantastisch und schädlich.
[ 18 ] We cannot help reaching this conclusion, which springs from intellectual modesty. I call it intellectual modesty because men are inclined to say: the form of consciousness I have once attained as an adult is that of the normal person; any impulse in the life of the soul to be different from this so-called normal consciousness is eccentric or hallucinatory or visionary or something similar. The philosophical standpoint from which I speak definitely starts from a healthy psyche and attempts on this basis to develop powers dormant in the soul, cognitive powers, which then become clairvoyant powers in the sense in which I spoke yesterday of exact clairvoyance. What the soul has to undertake I indicated yesterday. I mentioned my books Knowledge of the Higher Worlds and Its Attainment, Occult Science, Riddles of the Soul and so on. There you will find details of those exercises which, starting from a healthy soul-life, lead upward to the development of the soul, which thus in fact attains a kind of spiritual vision with which it can see into a spiritual world, just as with the ordinary sense-organs it can perceive the physical and sensuous world. In each of these books there is a first part, which is accepted as something that can be definitely useful to man even by many opponents of the philosophy of life I am advocating. It shows that by certain exercises of an intellectual, emotional and moral kind man can produce in himself a state of soul and body that can be regarded as wholly healthy. They also enable him to be on his inner guard against anything which, deriving from an unhealthy life of the soul, leads to mediumism, hallucinations and visions. For everything brought about in this way is unacceptable to a true psychology. Visions arise not from the sphere of the soul, but because morbid structures exist in the organism; the same is true of mediumism. None of these have anything to do with sound psychology and sound psychic development, and indeed from the point of view of this sound psychology all must be condemned. Opponents today, however, find fantastic and harmful the exercises which follow these preparatory ones, and which are designed to draw from the soul those powers of thinking, feeling and volition which, once they are trained, introduce man into a spiritual world in such a way that he learns to orientate himself in it and can enter it at will.
[ 19 ] Andeutungsweise habe ich gestern schon davon gesprochen, wie wir zunächst als moderne Menschen durch gewisse Denkübungen dazu kommen, das Denken aus dem gewöhnlichen Zustand herauszubringen, in dem es sich passiv hingibt an die Erscheinungen der Außenwelt und an das, was innerlich als Erinnerungen auftaucht, was sich ja auch an die Außenwelt anknüpft. Wir kommen dadurch über dieses Denken hinaus, daß wir Meditationsübungen in ernster, geduldiger und energischer Weise machen, daß wir sie immer wieder und wiederum machen. Je nach den Anlagen dauert es bei dem einen jahrelang, bei dem andern weniger lang; aber jeder kann merken, wenn er an dem entscheidenden Punkt angelangt ist, wie sein Denken dann aus dem, was ich gestern das abstrakte, tote Denken nannte, ein innerlich lebendiges Denken wird, ein innerlich lebendiges Denken, das den Weltrhythmus mitzuerleben in der Lage ist. Da strebt eine besonnene Welt- und Lebensauffassung nicht danach, Visionen oder Halluzinationen aus der Seele herauszuzaubern, sondern danach, das, was Vorstellungsleben, was Gedankenleben ist, in einer solchen Intensität zu erleben, wie man sonst nur erlebt, was den äußeren Sinnen gegeben wird.
[ 19 ] I have already suggested how, as modern man, we manage by certain mental exercises to remove thinking from its ordinary state of passive surrender to the phenomena of the outside world, and to what appear inwardly as memories but are also connected with the outside world. We transcend this kind of thinking by carrying out exercises in meditation seriously, patiently and energetically, and by repeating them over and over again. Depending on predisposition, it may take one person years, another not so long; but each can note, as he arrives at the crucial point, how his thinking, from what I have previously called dead and abstract thinking, becomes inwardly vital thinking in tune with the rhythm of the world. A balanced view of the world and of life thus strives, not to conjure up visions or hallucinations from the soul, but to experience the life of thoughts and concepts with an intensity that we otherwise experience only through the outward senses.
[ 20 ] Sie brauchen ja nur ehrlich zu vergleichen die Lebendigkeit, mit der wir leben in den Farben, wenn wir durch das Auge diese Farben wahrnehmen, in den Tönen, wenn wir durch das Ohr die Töne hören, mit der Blaßheit des Gedankenerlebens im gewöhnlichen Bewußtsein. Durch jenes Energisieren des Gedankenlebens, von dem ich gestern gesprochen habe, machen wir allmählich das bloße Vorstellungsleben, das bloße Gedankenleben innerlich so intensiv, wie sonst nur das Sinnenleben ist. Nicht also sucht der moderne Mensch, der Geistiges erkennen will, wenn er ein besonnener Mensch ist, die auftauchenden Halluzinationen und Visionen; er strebt gerade nach dem Ideal, möchte ich sagen, des Sinneslebens in bezug auf dessen Intensität und dessen Bildhaftigkeit, in voll besonnener Weise im Gedankenleben, im Vorstellungsleben selbst. Und wenn Sie sich solchen Meditationen als Geistesforscher hingeben, wie ich sie charakterisiert habe, so dürfen Sie nicht irgendwie abhängig sein vom Unbewußten oder Unterbewußten, sondern das, was da vollzogen wird — Sie können die Übungen nachlesen, alle sind sie auf das gestimmt, was ich jetzt charakterisieren will —, alles, was da im intimen Seelenleben an Übungen vollführt wird, verläuft so bewußt, so besonnen, man darf sagen, so exakt, wie sonst nur die mathematischen oder geometrischen Verrichtungen verlaufen.
[ 20 ] You need only compare the vitality of our experience of the colours we perceive through the eye, and the sounds we hear through the ear, with the pallor of our experience of thought in ordinary consciousness. By energizing our mental life in the way I suggested yesterday, we can gradually give the mere life of thought and concept the same intensive quality as the life of the senses. Man today, seeking to know the spiritual, does not therefore, if he is a reasonable being, seek hallucinations and visions. He strives quite calmly to achieve the ideal of the life of the senses, with its intensity and plasticity, in his mental activity. And if you devote yourselves as students of the spirit to meditations such as I have described, you need not be in any way dependent on the unconscious or subconscious. You can refer to the exercises, they are all directed at what I am trying to describe—and you will find that everything that is carried out by way of exercises in the life of the soul is done as consciously, as reasonably, as precisely we may say, as are operations in mathematics or geometry.
[ 21 ] Daher darf gesagt werden: Man hat es hier nicht mit dem alten nebulosen Hellsehen, sondern mit einem Hellsehen zu tun, das durch vollbewußte, besonnene Seelenerlebnisse und Seelenübungen herbeigeführt ist. Die Besonnenheit ist dabei auf jedem Schritt so, daß man das, was der Mensch erlebt und aus sich selber macht, eben mit dem vergleichen kann, was man sonst an einem geometrischen Problem erlebt. Sonst ist dieses Üben nicht tauglich.
[ 21 ] To sum up: we are concerned here not with the old nebulous clairvoyance, but with a clairvoyance brought about by fully conscious and balanced experiences and exercises of the soul. The self-possession at each step is such that we can compare what a man experiences and makes of himself here with what we otherwise experience in the case of a geometrical problem. If not, the exercises have no value.
[ 22 ] Dann aber, wenn der moderne Mensch zu einem solchen Vorstellungsleben kommt, das nun energisiert ist, das nun auch unabhängig wird vom Atmungsleben, das aber auch leibfrei wird, das eine bloße geistig-seelische Funktion ist, demgegenüber man durch die unmittelbare Wahrnehmung weiß: man vollzieht nicht mit dem Körper dieses Denken, sondern im rein Geistig-Seelischen —, dann fühlt er erst dieses Denken gegenüber dem abstrakten Denken wie ein Lebendiges gegenüber dem Toten. Geradeso wie wenn wir einen toten Organismus plötzlich zum Leben erwacht fänden, so erleben wir, wenn wir den Übergang gewahr werden von dem gewöhnlichen abstrakten Denken zu dem lebendigen Denken. Und dieses lebendige Denken ist, trotzdem es geistig-seelischer Vorgang ist, nicht so linienhaft, nicht so flächenhaft nur wie das gewöhnliche abstrakte Denken. Es ist innerlich gesättigt und bildhaft. Und auf diese Bildhaftigkeit kommt es an.
[ 22 ] A conceptual life of this kind is energized; is independent of breathing; is set free of the body; is a spiritual function only; and in it, as we know by direct perception, thinking is carried out not by the body, but in the purely spiritual sphere. Only when modern man attains this kind of conceptual life does he feel his thinking, in contrast to abstract thinking, as something vital and not as something dead. Our sensation when we experience the transition from ordinary abstract thinking to vital thinking is exactly as if we found a dead organism suddenly come to life. And although this vital thinking is a spiritual process, it is not so linear, not so superficial as ordinary abstract thinking. It is full and plastic. And this plasticity is what counts.
[ 23 ] Dann aber kommt des weiteren außerordentlich viel darauf an, daß wir jene Besonnenheit, die wir während des Übens haben müssen, ausdehnen auf den Augenblick, wo dieses belebte Denken, dieses bildsame Denken in uns auftritt. Wenn wir in diesem Augenblicke uns hingeben den Bildern, zu denen wir uns selber hingerungen haben, und glauben, in ihnen schon Realitäten geistiger Art zu finden, dann sind wir nicht Geistesforscher, dann sind wir eben Phantasten. Das dürfen wir gewiß nicht werden; denn das könnte uns nicht eine auf festem Grunde erbaute Weltanschauung für den modernen Menschen geben. Erst dann, wenn wir uns sagen: Wir haben einen Inhalt des seelischen Lebens erlangt, aber dieser Inhalt ist ein Bildinhalt, dieser Inhalt sagt uns nur etwas über Kräfte, die in uns selber walten, über das, was wir selber durch unsere eigene menschliche Wesenheit im Innern vermögen; erst wenn wir uns im vollen Sinn des Wortes sagen: Über keinerlei Außenwelt, auch nicht über das, was wir sind in der Außenwelt, vermag uns diese, ich nenne sie gewöhnlich imaginative Erkenntnis, eine Auskunft zu geben; sondern allein, wenn wir uns in diesem Bildwerden, in diesem Bildweben erfühlen, wenn wir uns drinnen lebend wissen als eine Kraftheit: erst dann stehen wir auf dem rechten Standpunkt diesem Erlebnis gegenüber, dann fühlen wir uns in unserem Selbst, dann fühlen wir uns als geistig-seelisches Wesen außerhalb des Leibes — fühlen uns aber eben nur in unserem Selbst, mit einem innerlichen Bildcharakter unseres Wesens.
[ 23 ] Now, however, a very great deal depends on our carrying over the balanced attitude, required during the actual exercises, to the moment when this vitalized or plastic thinking appears in us. If at this moment we surrender ourselves to the images we have struggled to achieve, believing we find in them realities of a spiritual kind, then we are, not students of the spirit but simply fantasy-mongers. This is something we must certainly not become; for it could not provide us with a firmly based philosophy of life for modern man. Only when we say to ourselves: we have attained one component of spiritual life, but it is a semblance component; it merely tells us something about powers that operate within ourselves—about what we ourselves can do through our own human nature; only when we really say to ourselves: this imaginal knowledge cannot give us any information about any kind of outside world, not even about what we are in the outside world; only if we perceive ourselves in this semblance-making and know ourselves as a power living within it—only then do we have the right attitude to this experience and feel ourselves as spiritual beings outside the body, and yet feel ourselves only in ourselves, with an inner plasticity.
[ 24 ] Und erst wenn wir dann den Mut haben, die Übungen bis zur nächsten Stufe fortzusetzen, kommen wir zu einer wirklichen geistigen Anschauung. Dieser nächste Schritt muß nicht nur darin bestehen, daß wir jetzt die Fähigkeit entwickeln, gewisse Vorstellungen, die wir leicht überschauen — so etwa, wie wir geometrische Vorstellungen überschauen, denen gegenüber wir wissen: es ist nicht etwas Unbewußtes in ihnen wirksam —, in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins zu rücken, um an ihnen unsere seelische Kraft zu verstärken, sondern darin, daß wir in die Lage kommen, diese Vorstellungen mit Besonnenheit und Willkür aus unserem Bewußtsein fortzuschaffen. Das ist unter Umständen eine schwierige Aufgabe. Im gewöhnlichen Leben ist das Vergessen nicht etwas so Schwieriges, wie ja das gewöhnliche Bewußtsein weiß. Aber wenn man sich erst angestrengt hat — auch ohne daß man sich in irgendeine Selbstsuggestion hineintreibt; das kann ja bei Besonnenheit nicht stattfinden —, gewisse Vorstellungen in den Mittelpunkt seines Bewußtseins zu rücken, dann hat man eine stärkere Kraft, als sie sonst im Seelenleben angewendet zu werden braucht, nötig, um diese Vorstellungen wiederum aus dem Bewußtsein fortzuschaffen. Man muß aber diese starke Kraft allmählich entwickeln, so daß man ebenso, wie man zuerst alle Aufmerksamkeit, alle innere Seelenkraft, Seelenspannkraft zusammengenommen hat, um zu ruhen auf einer solchen Vorstellung im Meditationszustand, nun dazu kommen muß, diese Vorstellungen, und überhaupt alle Vorstellungen, mit besonnener Willkür aus dem Bewußtsein fortzuschaffen. Und es muß eintreten können aus unserem Willen heraus, was man nennen könnte «leeres Bewußtsein». Was «leeres Bewußtsein» heißt, auch nur für einige Augenblicke, das wird der ermessen, der unbefangen darüber nachdenkt, wie es dem Menschen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein ergeht, wenn dieses Bewußtsein entbehren muß der Sinneseindrücke, entbehren muß auch der Erinnerungsvorstellungen, wenn durch irgendwelche Vorkommnisse dem Menschen die äußeren Eindrücke, auch die Erinnerungen genommen werden: er kommt zum Einschlafen, das heißt, das Bewußtsein wird herabgedämpft und herabgedämmert. Das Gegenteil davon muß eintreten; vollständig besonnenes, bewußtes Wachsein, trotzdem alles durch inneren Willen aus dem Bewußtsein herausgeschafft worden ist.
[ 24 ] Only by having the courage to continue the exercises to the next stage do we attain true spiritual perception. This next stage not only involves developing the capacity to focus our consciousness upon certain concepts that are readily comprehended—as we comprehend geometrical concepts, which we know to contain no unconscious element—so as to increase our strength of soul; it must also, and more particularly, involve being able calmly and at will to banish these concepts from our consciousness. This is, in some circumstances, a difficult task! In ordinary life, forgetting is not particularly difficult, as our ordinary consciousness is only too well aware. But when one has just struggled, although without driving oneself into auto-suggestion—which cannot occur if we are self-possessed—to focus one's consciousness upon certain concepts, then unusual strength is required to banish them from consciousness again. However, one must develop this greater strength gradually; and just as at first we concentrated all our attention and inner strength of soul, so that we might dwell upon such a concept in a state of meditation, so now we must dispel these concepts, and all other concepts, calmly and voluntarily from consciousness. And there must be able to enter, from our will, what one might call “empty consciousness.” What “empty consciousness” (if only for a few moments) implies, can be judged by reflecting on what happens to ordinary consciousness when it has to forgo both sense-impressions and recollections—when for some reason or other man is deprived of external impressions and even memories: he falls asleep; that is, consciousness is depressed and dimmed. The opposite of this is what must happen: completely controlled, conscious wakefulness, despite the fact that the will has swept consciousness completely clear.
[ 25 ] Wenn man so erst die Seele erkraftet und sie dann leer gemacht und bei Bewußtsein erhalten hat, dann tritt ebenso, wie vor das Auge die Farbe tritt, wie vor das Ohr die Töne treten, vor dieser Seele, die sich also dazu vorbereitet hat, eine geistige Umwelt auf. Wir schauen in die geistige Welt hinein. Und so können wir sagen: Gerade der hier gemeinten Geistesforschung ist es vollkommen begreiflich, daß für das gewöhnliche Bewußtsein Geist und Seele nicht erreicht werden können, ja daß sich als ein Richtiges — wie zum Beispiel für Richard Wahle — herausstellen muß: das gewöhnliche Bewußtsein sollte gar nicht von einem Ich reden. Denn alles, was da, ich möchte sagen, wie Dunkelheit gegenüber der Helligkeit hereintaucht und im gewöhnlichen Leben eigentlich nur mit Worten bezeichnet wird, das taucht eben erst auf, wenn solche Kräfte entwickelt werden, die gewöhnlich noch nicht da sind. Gerade die nüchterne Erkenntnis, was das gewöhnliche, an den Leib gebundene Bewußtsein vermag, spornt uns an, solche Kräfte in uns zu entwickeln, die nun die Seele und den Geist erst wirklich entdecken können.
[ 25 ] If we thus first strengthen the soul and then empty it, yet keep it conscious, there will appear before it, as colour to the eye and sounds to the ear, a spiritual environment. We can look into the spiritual world. And so we may say: to the spiritual investigation here intended, it is perfectly understandable that ordinary consciousness cannot reach the spirit and the soul, and indeed that it turns out, as Richard Wahle found for instance, that ordinary consciousness ought not to speak of an “I” at all! For in this sphere, ordinary experience can only indicate and label with words a dark element which is immersed in and contrasted with the clear light; and which will never emerge until we have developed powers that are usually lacking. It is a sober recognition of the limits of ordinary consciousness, tied to the body, that impels us to develop in ourselves those powers that alone are capable of really discovering the soul and the spirit.
[ 26 ] Dabei ist aber noch eins zu berücksichtigen, wenn man auf diesem Wege zu einer gesunden und nicht zu einer krankhaften Seelenkunde kommen will. Nehmen Sie als krankhaft das Mediumistische, Visionäre, Halluzinatorische, so ist es so, daß der, der in ein solches krankhaftes Seelenleben verfällt, mit seiner ganzen Wesenheit in ihm aufgeht. Er wird eins — wenigstens für den Verlauf seiner seelischen Erkrankung — mit dem, was als krankhaftes Seelenleben auftritt. Nicht so ist es, wenn solche Übungen vorgenommen werden, wie sie hier angegeben wurden. Derjenige, der auf diese Art ein Seelenforscher wird, der läßt zwar seinen physischen Leib zurück mit den Fähigkeiten, die da sein müssen für das gewöhnliche Denken, für gewöhnliche Orientierung im Leben; er tritt heraus aus diesem Leibe, lernt leibfrei imaginativ schauen; ein schauendes Denken entwickelt er: aber keinen Moment geht er vollständig auf in diesem — wenn ich es so nennen darf, es ist nicht im Hochmut so genannt —, in diesem höheren Menschen, sondern er ist immer in der Lage, ebenso besonnen wiederum innerhalb seines Leibes zu wirken wie sonst, so daß der gewöhnliche Mensch mit seinem gesunden Menschenverstand immer neben diesem höher entwickelten Menschen steht — der gewöhnliche Mensch mit seinem gesunden Menschenverstand, der ein nüchterner Kritiker alles dessen ist, wozu im Schauen ‘dieser höhere Mensch kommt.
[ 26 ] There is another point to consider, however, if you seek to arrive by this path at a sound and not a morbid psychology. Taking the mediumistic, visionary and hallucinatory as morbid, the fact is that anyone who falls into this kind of morbid psychic activity is entirely absorbed into it. For the duration of his sickness of soul, at least, he becomes one with this activity. Quite the reverse with the exercises I have been proposing here. Anyone who explores the soul with their aid does, it is true, leave behind his physical body with its capacity for ordinary thinking and ordinary orientation in life. He steps out of this body and learns to see imaginally, free of body; he develops a visual thinking. Yet not for a moment is he completely subsumed in this higher man, if I may so call it without arrogance. He always remains capable of regaining his body and acting just as calmly as before: there always stands beside this more highly developed man that ordinary man with his healthy common sense who is a sober critic of everything to which in his vision this higher being attains.
[ 27 ] Gegenüber der eigenen seelischen Wesenheit gelangen wir zunächst dadurch, daß wir das bildhafte lebendige Denken ausbilden und dann das leere Bewußtsein herstellen, zu einer Anschauung, die als eine Bildeinheit alles umfaßt, was wir durchgemacht haben in dem Erdenleben seit unserer Geburt, seit wir eingetreten sind in dieses Erdenleben. Nicht so wie es sonst in der Erinnerung ist, in der einzelne Reminiszenzen auftauchen — selbständig oder durch Anstrengung —, nicht so steht dieses vergangene Erdenleben jetzt vor der Seele, sondern es wird auf einmal überschaut wie ein mächtiges Tableau, das aber nicht im Raum, sondern in der Zeit vor uns steht. Wir überblicken auf einmal, mit einem Seelenblick, dieses Leben; aber so, wie es auch eingreift in unsere Wachstumsverhältnisse, in die Kraftwirksamkeiten unseres physischen Leibes. Wir schauen uns, wie wir auf dieser Erde hier als denkende, fühlende, wollende Wesen waren, aber so, daß Denken, Fühlen und Wollen sich jetzt verdichten und sich zu gleicher Zeit hineinorganisieren in die menschliche Wesenheit. Wir durchschauen unser geistig-seelisches Leben, wie es in unmittelbarer Verbindung steht mit dem Körperlichen. Wir geben es auf, durch philosophische Spekulation zu ergründen, wie die Seele auf den Leib wirkt. Wenn wir die Seele schauen, dann schauen wir auch, wie in jedem Augenblick das, was uns so in dem Tableau erscheint, in unser physisches Erdenleben eingegriffen hat. Die Einzelheiten werden in den nächsten Tagen zu schildern sein.
[ 27 ] By developing plastic, vital thinking and then creating an empty consciousness, we reach a view of our own psychic nature, one that embraces in a single image all we have encountered in this life since we entered it. Our past life does not stand before the soul as is usual in the memory, with isolated reminiscences emerging, independently or after some exertion. Instead, all at once our life is surveyed like a mighty tableau, not in space but in time. All at once, with a single glance of the soul, we survey our life; but we see it as it informs our growth and the energies of our physical body. We see ourselves as we have been here on this earth as thinking, feeling, willing beings, but in such a way that thinking, feeling and willing now densify and at the same time take their places organically within the human substance. We can see into our spiritual life in its direct association with the physical. We cease trying to establish by philosophical speculation how the soul affects the body. In seeing the soul, we also see how at every moment our physical life on earth has been informed by what the tableau shows us. This will be described more fully in the next few days.
[ 28 ] Der nächste Schritt muß nun darin bestehen, daß wir, indem wir die Kraftvorstellungen, die wir selbst in uns versetzt haben, wegschaffen aus unserem Bewußtsein, diese Kraftvorstellungen immer mehr und mehr verstätken. Wir verstärken sie, indem wir diese Übungen immer mehr und mehr fortsetzen, wie wir die Muskeln verstärken, wenn wir sie immer und immer üben. Und indem wir diese Kraftvorstellungen fortsetzen, gelangen wir dahin, dieses ganze Tableau des Seelenlebens, zu dem wir uns selbst erst durchgerungen haben, dieses ganze Tableau des Seelenlebens zwischen unserer Geburt und dem Moment, wo wir stehen, nun auch aus dem Bewußtsein wegzuschaffen. Das erfordert allerdings eine größere Anstrengung, als bloß Bildvorstellungen wegzuschaffen; aber man gelangt zuletzt dazu. Und wenn es uns gelingt, dieses eigene Leben, das wir im Erdendasein unser Innenleben nennen, aus dem Bewußtsein so fortzuschaffen, daß jetzt nicht nur unser Bewußtsein gegenüber gegenwärtigen Eindrücken leer wird, sondern daß es leer wird von alledem, was wir innerlich als in einem zweiten Leibe, in einem feineren Leibe, der aber in unsere Wachstums- und Erinnerungsverhältnisse selbst eingreift, erleben, was wir so wie in einem feineren Menschen, gleichsam in einem ätherischen Menschen, einem ersten übersinnlichen Menschen erleben — dann wird unser Bewußtsein, das nun bei vollständigem Wachsein zwar leer ist, aber eine stärkere innere Kraft sich errungen hat, weiter schauen können in der geistigen Welt. Und es kann jetzt auf das schauen, was das eigene Seelenwesen war, bevor es aus geistig-seelischen Welten heruntergestiegen ist zu einem physischen Erdendasein. Jetzt wird das, was wir die Ewigkeit der Menschenseele nennen, Anschauung, wird herausgehoben aus der Sphäre der bloß philosophischen Spekulation. Jetzt lernen wir hinschauen auf ein rein Geistig-Seelisches, das wir waren in einer geistig-seelischen Welt, bevor wir heruntergestiegen sind, um durch Konzeption, Keimleben und Geburt uns mit einem physischen Erdenleib zu umkleiden.
[ 28 ] The next step must now be to strengthen still further by removing them from our consciousness the energized concepts that we have introduced into ourselves. We do this by continually repeating the exercises, just as we strengthen muscles by repeated exercise. And by continuing with these energized concepts, we also manage to eliminate from our consciousness this whole newly achieved tableau of the life of the soul from birth to the present. This requires more effort than the simple elimination of images, but one does eventually achieve it. We succeed in removing from consciousness what in our earthly existence we call our inner life, so that now our consciousness is empty not only of current impressions, but also of all that we experience within as if in a second and finer body (which yet informs our growth and our memory), a finer being, an ethereal being as it were, a now for the first time super-sensible being. And when we do so, our consciousness, which though fully awake is now empty and yet has attained a greater inward power, will be able to see further in the spiritual world. It will now be able to look at the nature of its own soul before this descended from spiritual worlds to an earthly existence. Now, what we call the eternity of the human soul is taken out of the sphere of mere philosophical speculation and actually beheld. We learn to look at the purely spiritual that we were in a spiritual world, before we descended to clothe ourselves, through conception, foetal life and birth, in a physical earthly body.
[ 29 ] So phantastisch das schon für manchen Menschen der Gegenwart ist — wenn es auch auf einem so exakten Weg erworben ist wie nur die mathematischen Vorstellungen —, noch paradoxer mag erscheinen, was nun noch gesagt werden muß: nicht nur über die Seele, als sie noch ein geistig-seelisches Dasein hatte, sondern über das Konkrete dieses Erlebnisses. Nur andeutungsweise kann darüber gesprochen werden in diesem Vortrage; weiteres wird in den nächsten Vorträgen gesagt werden. Was so angedeutet werden soll, kann vielleicht auf die folgende Art verständlich gemacht werden.
[ 29 ] Although attained by as exact a method as are mathematical concepts, this may seem fantastic to many people today. Still more paradoxical may appear what remains to be said, not only about the soul when it still had a spiritual existence, but also about the concrete nature of this experience. These things can only be suggested in this lecture; more will be said in subsequent lectures. The suggestions can perhaps be explained in the following terms.
[ 30 ] Fragen wir uns zunächst: Was schauen wir denn eigentlich, wenn wir im gewöhnlichen Erdenleben als erkennender, als verstehender, als wahrnehmender Mensch in das Wechselverhältnis treten mit unserer natürlichen Umgebung? Wir schauen eigentlich nur die Außenwelt. Schon aus dem, was ich heute eingangs erwähnt habe, geht das hervor. Wir schauen eigentlich nur die Außenwelt, den Kosmos. Aber das, was sich in unserem Innern abspielt, schauen wir auch nur dadurch, daß wir es zu einem Äußerlichen machen in Physiologie, Anatomie. Wenn es auch großartig ist, wir schauen das Innere doch nur, indem wir es zuerst zu einem Äußerlichen machen und die Untersuchungen dann so machen, wie wir sie an äußeren Vorgängen zu machen gewohnt sind. Aber es ist Finsternis da unten in dem Gebiet, in das wir eintauchen, in das wir unser Geistig-Seelisches hinunterströmen fühlen in die Organe. Wir schauen im gewöhnlichen Leben, zwischen Geburt und Tod, im Grunde genommen nur das, was außer uns ist; durch unmittelbares Anschauen können wir nicht ins Innere des Menschen hineinblicken und sehen, wie das Geistig-Seelische eingreift in die Leibesorgane. Der aber, der ein wenig in unbefangener Weise von dem Standpunkt einer geistigen Anschauung, wie ich ihn entwickelt habe, auf das Leben forschend hinzuschauen vermag, wird zu dem Folgenden kommen. Er wird sagen: Großartig und gewaltig ist schon der äußere Anblick, sind die Gesetzmäßigkeiten, die wir erkunden in der äußeren Welt der Sterne, in der äußeren Welt der Sonne, die uns zusendet Licht und Wärme; großartig und gewaltig ist das, was wir erleben, wenn wir entweder nur anschauen und ganze Menschen sind bei diesem Anschauen, oder wenn wir wissenschaftlich erkunden, was da an Gesetzmäßigkeiten vorliegt, wenn die Sonne uns Licht und Wärme zusendet und hervorzaubert das Grün der Pflanzen; großartig und gewaltig ist das. Aber könnten wir hineinschauen in den Bau des menschlichen Herzens, so wäre die innere Gesetzmäßigkeit dieses Herzens eine großartigere und gewaltigere als das, was wir äußerlich erblicken!
[ 30 ] Let us first ask ourselves: What do we actually see when, in ordinary life, as beings who recognize, understand and perceive, we enter into a relationship with our natural environment? We actually see only the external world. This is clear from what I mentioned at the beginning today. We actually see only the outside world, the cosmos. What takes place within us we see, too, but only by making it into something external through physiology and anatomy. Imposing as these sciences may be, we see what is within only by first externalizing it and then investigating it exactly as we are accustomed to do with external processes. Yet it remains dark down there in the region into which we descend, where we feel our spiritual element flowing into our body. In the last analysis, we see in ordinary life only what is outside ourselves; by direct observation we cannot look directly into man and see how the spiritual informs the bodily organs. Anyone, however, who can examine life impartially from the spiritual viewpoint I have established will conclude: noble and great is external appearance and the laws we discover in the external world of the stars and of the sun, which sends us light and warmth; noble and great is our experience when we either simply look—and we are complete men when we do so look—or when we investigate scientifically the laws by which the sun sends us light and warmth and conjures forth the green of plants; noble and mighty is all this—but if we could look into the structure of the human heart, its inner law would be even nobler and greater than what we perceive outside!
[ 31 ] Das kann der Mensch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein ahnen. Aber die Wissenschaft, die auf exaktem Hellsehen beruht, kann es auch zu einem wirklichen Forschungsresultat erheben. Sie kann sagen: Groß und gewaltig erscheinen uns die Veränderungen im Luftkreis; und es liegt ein Ideal vor der Wissenschaft, die auch hier in größere und gewaltigere Gesetzmäßigkeiten hineinschauen wird; aber noch größer ist das, was im Bau und in den Funktionen der menschlichen Lunge vorhanden ist und vor sich geht! Nicht auf die Größe kommt es an. Der Mensch ist eine kleine Welt gegenüber der großen. Allein schon Schiller sagt: Im Raum wohnt, Freund, das Erhabene nicht. — Er meint das höchste Erhabene. Dieses höchste Erhabene kann erst erlebt werden, wenn man es in der menschlichen Organisation selber erlebt.
[ 31 ] Man can sense this with his ordinary consciousness. But the science that rests on exact clairvoyance can raise it to the status of true research. It can say: far-reaching appear to us the changes in the atmosphere, and there exists an ideal of science which, here too, will discover greater and more potent laws; but greater still is what is present and goes on in the structure and functions of the human lung! It is not a question of size. Man is a microcosm in face of the macrocosm. But as Schiller said: “In space, my friend, dwells not the sublime.” He means the highest form of the sublime. This highest form can be experienced only in the human organism itself.
[ 32 ] Zwischen Geburt und Tod wird es vom Menschen mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein nicht erkundet. Aber in dem Dasein, in dem wir sind, bevor wir uns mit dem Leibesdasein vereinigen, in dem geistig-seelischen Dasein, in einer geistig-seelischen Umgebung, da liegt gerade das Umgekehrte vor. Wie uns hier finster ist die innere Menschenwelt und hell und tonvoll die äußere Welt des Kosmos, So ist uns in dem rein geistig-seelischen Leben vor unserer Erdenverkörperung dunkel die äußere kosmische Welt; dagegen ist unsere Welt dann das menschliche Innere. Wir schauen das menschliche Innere! Und wahrhaftig, es erscheint uns da nicht kleiner und ungewaltiger, als uns der Kosmos erscheint, wenn wir ihn durch unsere physischen Augen während unseres Erdendaseins erschauen. Wir finden uns hinein als in unsere «Außenwelt» in dasjenige, was die Gesetzmäßigkeit unseres menschlichen Innern, unseres geistig-seelischen menschlichen Innern ist, und wir bereiten uns vor, nun im Geistig-Seelischen innere Bearbeiter unserer Leibesfunktionen zu werden, Bearbeiter dessen zu werden, was wir sind zwischen Geburt und Tod. Was wir zwischen Geburt und Tod sein werden, das liegt offen als eine Welt vor uns ausgebreitet, bevor wir heruntersteigen in dieses physische Erdendasein.
[ 32 ] Between birth and death it is not investigated by man with his ordinary consciousness. Exactly the opposite is true, however, of our existence before we unite with the body—our spiritual existence, in a spiritual environment. In this life on earth, the inner world is dark and the outside world of the cosmos bright and full of sound; in the purely spiritual life before our earthly embodiment, the outer cosmic world is dark, and our world is then the inner world of man. We see this inner world! And truly, it seems to us no smaller and no less majestic than does the cosmos when we see it with our physical eyes during our earthly existence. As if it were our “outside world,” we come to understand the law of our spiritual inner world, and we prepare ourselves, in the spiritual realm, for dealing later with our bodily functions, with what we are between birth and death. For what we are between birth and death extends before us like a world, before we descend into this physical existence on earth.
[ 33 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Das ist keine Spekulation. Das ist unmittelbare Anschauung, die sich dem exakten Hellsehen ergibt. Das ist etwas, was vom Gesichtspunkt dieses exakten Hellsehens aus uns ein Stück hineinführt in das, was wir den Zusammenhang des menschlichen Ewigen mit dem Leben zwischen Geburt und Tod nennen können — des menschlichen Ewigen, das uns verborgen bleibt zwischen Geburt und Tod, das uns erst aufleuchtet, wenn wir es anzuschauen vermögen in dem noch unverkörperten Zustand. Es ist ein Teil der menschlichen Ewigkeit selbst damit erkundet. Für diesen Teil der menschlichen Ewigkeit haben wir in den neueren Sprachen nicht einmal ein Wort. Wir reden von Unsterblichkeit mit Recht; aber wir sollten auch reden von Ungeborenheit. Denn diese tritt uns als unmittelbare Erkenntnis zunächst auf.
[ 33 ] This is not speculation. It is direct perception arising from exact clairvoyance. It is something which, starting from this exact clairvoyance, leads us some way into the connection between the eternal element in man and the life on earth—that eternal element which remains hidden from us between birth and death, and of which we see the first gleams when we are able to perceive it in the still unembodied state. And with this we explore a part of human eternity itself. We don't even have a word in our modern languages for this part of human eternity. We rightly speak of immortality; but we ought also to speak of “unborn-ness.” For this now confronts us as a direct experience.
[ 34 ] Das ist die eine Seite des exakten Hellsehens, die eine Seite der menschlichen Ewigkeit, der großen Rätselfrage des menschlichen Seelenlebens, damit der höchsten Frage der Psychologie überhaupt. Die andere Seite ergibt sich, wenn wir jene anderen Übungen machen, die ich gestern als Willensübungen bezeichnet habe, durch die wir unseren Willen so in die Hand nehmen, daß wir uns dieses Willens leibfrei, unabhängig vom Leib bedienen lernen. Ich habe ausgeführt, daß diese Übungen dazu führen, Schmerz und Leid innerhalb der Seele überwinden zu müssen, um diese Seele, uneigentlich gesprochen, ganz zum «Sinnesorgan», eigentlich gesprochen, zum geistigen Anschauungsorgan zu machen, so daß wir das Geistige nicht nur anschauen, sondern in seiner Verbürgtheit anschauen. Dann aber, wenn wir lernen, in dieser Art außerhalb unseres Leibes nicht nur mit unseren Gedanken, sondern mit unserem Willen selbst, also mit unserer ganzen menschlichen Wesenheit, leibfrei zu erleben, dann tritt vor die Anschauung der Seele das Bild des Todes in der Art, daß wir jetzt wissen, wie das Erleben ist ohne den Leib: sowohl im Denken, wie im Willen und in dem, was dazwischenliegt, im Fühlen. Wir lernen in bildhafter Weise ohne den Leib leben. Das gibt uns ein Bild davon, wie wir hinausgehen durch die Pforte des Todes, wie wir den Leib auch in der Realität entbehren können und wie wir, durch die Pforte des Todes hindurchgehend, wiederum in jene geistig-seelische Sphäre kommen, aus der wir heruntergestiegen sind in diese Leiblichkeit. Nicht nur zu einer philosophischen Gewißheit, sondern zu unmittelbarer Anschauung wird das, was in uns als Ewiges, Unsterbliches lebt. Durch die Willensbildung wird die andere Seite der Ewigkeit, die Unsterblichkeit, ebenso enthüllt für die seelische Anschauung, wie die Ungeborenheit für die Gedankenbildung enthüllt wird.
[ 34 ] This is one aspect of exact clairvoyance, one aspect of human eternity, of the great riddle of the human soul, and thus of the supreme problem of psychology in general. The other aspect arises from those other exercises, which I yesterday termed exercises of the will, through which we so take in hand our will that we learn to make use of it independently of the body I explained that these exercises induce us to overcome pain and suffering within the soul, in order to make it into a “sense-organ” (to speak loosely) or a spiritual organ (to speak exactly) of vision, so that we not only look at the spiritual, but see its authentic shape. And when we learn to experience in this way outside our body, not only with our thoughts but with our will itself—that is, with our entire human substance—there appears before the soul the image of death, in such a way that we now know the nature of experience without the body: both in thinking and in willing and in what lies between, feeling. In an imaginally creative way we learn to live without the body. And in doing so we gain an image of our passage through the gate of death; we learn how in reality, too, we can do without the body and how, passing through the gate of death, we enter once more that spiritual sphere from which we descended into this bodily existence. What is eternal and immortal in us becomes not only philosophical certainty, but direct perception. By training the will, we disclose for the soul's contemplation the other side of eternity—immortality—just as unborn-ness is disclosed by the training of thought.
[ 35 ] Dann aber, wenn die Seele in dieser Art ein Geistorgan wird, dann ist es in der Tat so, als ob, in einer niedrigeren Region, ein Blindgeborener operiert würde. Der Blindgeborene war bisher gewohnt, das, was für den Sehenden Farbenwelt ist, nur durch das Tasten wahrzunehmen. Er schaut ganz Neues, wenn er nun operiert worden ist. Dieselbe Welt, in der er früher lebte, wird jetzt für ihn eine andere. So wird für den, dessen seelisches Auge in der geschilderten Weise geöffnet wird, diese Umwelt eine andere. Und ich will nur in bezug auf einen Punkt heute noch hervorheben, inwiefern sie eine andere wird.
[ 35 ] When the soul becomes a spiritual organ in this way, however, it is as if, at a lower level, a man born blind had been operated on. What for those endowed with sight is a world of colours, the blind man has hitherto been accustomed to perceive by touch alone. Now, after the operation, he sees something quite new. The world in which he previously lived has changed. So too, anyone whose “mind's eye” is opened in the way I have described finds that his environment is changed. How far it is changed I wish to bring out today in only one respect.
[ 36 ] Wir sehen sonst im Leben mit dem ungeöffneten Seelenauge, wie zum Beispiel ein Mensch da lebt, indem er zuerst seine kindlichen Lebensschritte unternimmt, dann heranwächst, zu einem Schicksalsereignis seines Lebens kommt: Er trifft einen anderen Menschen; die Seelen verbinden sich so, daß die beiden Menschen durch diese Verbindung der Seelen ihr Schicksal aneinanderbinden, ihren Lebensweg nun weiter zusammen verfolgen — nur ein einzelnes Ereignis will ich, wie gesagt, herausgreifen. Wir sind angewiesen im gewöhnlichen Bewußtsein, das, was eintritt im Leben, wie eine Summe von Zufälligkeiten anzusehen und mehr oder weniger auch als einen Zufall, daß wir zuletzt zu diesem Schicksalsereignis, zu dem Treffen mit dem andern Menschen geführt worden sind. Nur einzelne Menschen, wie Goethes Freund Krebel, erwerben sich, gewissermaßen rein durch ihr Alter, eine innere Lebensweisheit. Er sprach es einmal aus seinem Freund Goethe gegenüber: Wenn man zurückschaut in vorgerückterem Alter auf seine Lebensschritte, da findet man etwas in ihnen, was wie planvoll geordnet erscheint, so daß von vornherein alles so keimhaft veranlagt erscheint und sich das Weitere so entwickelt, daß man wie durch innere Notwendigkeit hingeführt wird zu dem, was dann als Schicksalsereignis erscheint. Mit dem geöffneten Seelenauge erblicken wir allerdings ein Leben der Menschen, das sich zu dem Leben, welches man mit dem ungeöffneten Auge schaut, verhält wie die farbige Welt zu der bloß getasteten des Blinden.
[ 36 ] Even with our unopened “mind's eye” we can see in life how, for example, a man takes his childish steps, then grows up and reaches a fateful moment in his life: he meets someone, and their souls link up so that the two people combine their fates and move on through life together. (As I said before, I want to single out just one event.) In ordinary consciousness we are drawn to regard what happens in life as a sum of chance occurrences; to regard it, too, as more or less chance that we are brought at last to this fateful meeting with the other person. Only a few individuals, like Goethe's friend Knebel, gain an inner wisdom of experience, simply in growing older. He once put this to Goethe in the following words: If at an advanced age one looks back on the course of one's steps in life, one finds that these steps seem to reveal a systematic arrangement, so that everything appears to have been present in embryo and to have developed in such a way that one was led by a kind of inner necessity to what we now see to have been a fateful event. Human existence as seen with the “mind's eye” unveiled is as different from the life observed by the unopened eyes as the world of colour is from the merely tactile one of the blind man.
[ 37 ] Man schaut hin, wie aus dem kindlichen Seelenleben, aus dem Wechselspiel von Sympathie und Antipathie, sich die ersten Schritte des Kindes entwickeln, wie dann, aus dem innersten Menschenwesen hervorquellend, der Mensch selbst, wie aus innersten Sehnsüchten, seine Schritte lenkt, wie er sich selbst hinführt zu dem Schicksalsereignis. Das ist nüchterne Lebensbeobachtung. Wenn man aber das Leben so ansieht, dann steht es vor einem wie etwa das Leben eines Greises: wir werden nicht sagen, das Leben des Greises sei «an und für sich da»; durch die Logik wissen wir das Greisenleben auf ein Kindesleben zurückzuführen; durch seine eigenen Eigentümlichkeiten müssen wir es auf ein Kindesleben zurückführen. Was für das Greisenleben die bloße Logik tut, das tut für das Menschenleben überhaupt, durch das exakte Hellsehen, das Anschauen: Wenn wir das Leben, wie es sich aus den innersten Seelensehnsüchten entwickelt, wirklich schauen, dann müssen wir es schauend zurückverfolgen. Und dann kommen wir zu früheren Erdenleben, in denen sich dasjenige vorbereitet hat, was in der Gegenwart als Seelensehnsüchte sich herausentwickelt, was dann zu unseren Betätigungen führt und so weiter.
[ 37 ] Looking at the child's soul life and the interplay of sympathy and antipathy, we see how it develops from these first steps; how then, welling up out of his innermost being, the man himself, out of his innermost longings, directs his steps and brings himself to the fateful moment. This is sober observation of life. When we look at life in this way, however, we see it rather as we see the life of an old man. We should not say that an old man's life simply exists “in its own right;” by logical processes we know how to refer it to its infant beginnings; its very idiosyncrasies make us so refer it. What simple logic does for the old man's life is done for human life in general by exact clairvoyance, by true vision: if we are really to look at life as it develops from the innermost longings of the soul, we must follow it back. And when we do so, we come to earlier lives on earth, in which were prepared the longings that appear in the present and lead to our activities.
[ 38 ] Ich konnte heute nur andeuten, daß nicht irgendeine Phantasterei, sondern ein ganz exakter Weg zu einer solchen umfassenden Lebensbetrachtung führt, die in der Tat durch eine entwickelte Seelenkunde hineindringt zu dem Ewigen in der Menschennatur. Dann aber erhebt sich auf einem solchen Unterboden, der manchem noch abstrakt erscheinen mag, etwas, was nun Gewißheit wird, etwas, was aus der gegenwärtig uns als modernen Menschen angemessenen Erkenntnis herausquillt und eine Erkenntnisgrundlage für eine wahre innere Frömmigkeit, für ein wahres inneres religiöses Leben bietet.
[ 38 ] I have not been able to do more today than suggest that what leads to this comprehensive contemplation of life is not a tissue of fantasy, but an exact method. It is a contemplation which, by means of an advanced psychology, penetrates to the eternal in human nature. And on this foundation there now arises something that is a certainty, something that wells up out of the knowledge appropriate to us as modern men today and forms a basis for true inner piety and true inner religious life.
[ 39 ] Wer einmal eingesehen hat, und zwar meine ich jetzt das Wort «eingesehen» im wörtlichen Sinn, wer geschaut hat, wie sich die einzelne Seele aus dem Leibe losringt, um in ein geistig-seelisches Reich einzugehen, der schaut auch unser soziales Leben anders an. Er schaut, ausgerüstet in seiner Gesinnung, hin, wie unter den Menschen sich Freundschaften, Liebesverhältnisse, andere soziale Zusammenhänge bilden; er schaut hin, wie Seele zu Seele sich findet aus der Familie, aus anderen Gemeinschaften heraus; er findet, wie das körperliche Beisammensein die seelische Gemeinschaft, das seelische Ineinanderfühlen und Ineinanderleben vermittelt; er weiß nun, daß ebenso wie von der einzelnen Seele der Leib abfällt, so die irdischen Leiblichkeiten und Geschehnisse abfallen von den Freundschaften, von den Liebeszusammenhängen, und er schaut, wie sich das, was seelisch geworden ist von Mensch zu Mensch, fortsetzt in eine geistig-seelische Welt, wo es auch geistig-seelisch erlebt werden kann.
[ 39 ] Anyone with an insight (and I may say that I am using the word “insight” in its literal sense) into the way the individual soul struggles free of the body, in order to enter a spiritual realm, will have a different way of looking at our social life too. Armed with this new attitude, he can see how friendships, relationships of love, and other associations are formed; how soul finds its way to soul, moving outside the family and other social groups; how physical proximity may be a means to the community of souls, the sympathy and togetherness of souls. He now knows that, just as the body falls away from the individual soul, so the physical element and all earthly events fall away from the friendships and from the relationships of love; and he sees how the soul-relationship that has come into being between men continues into a spiritual world, where it can also be spiritually experienced.
[ 40 ] Und dann kann gesagt werden, jetzt auf einer Erkenntnis-, nicht auf einer Glaubensgrundlage: Die Menschen finden sich, indem sie durch die Pforte des Todes schreiten, wiederum zusammen. Und gerade wie in der geistigen Welt der Leib als Hindernis für das Schauen des Geistigen wegfällt, so fällt jedes Hindernis für Freundschaft und Liebe nun hinweg in der geistigen Welt. Die Menschen sind da näher zusammen als in der Leiblichkeit. Eine Erkenntnis, die noch abstrakt ausschauen mag in bezug auf wahre Psychologie, gipfelt in diesem religiösen Empfinden, in diesem religiösen Schauen, ohne daß diejenige Weltanschauung, von deren Boden aus ich hier spreche, irgendein Religionsbekenntnis antasten will. Sie kann tolerant sein, sie kann jedes einzelne Religionsbekenntnis in seinem Wert voll anerkennen, es auch praktisch ausüben; aber sie führt zu gleicher Zeit als eine Helferin des religiösen Lebens eine Erkenntnisgrundlage auch dieses religiösen Lebens herbei.
[ 40 ] On a foundation of knowledge, not of faith, we can now say: as they stride through the gate of death, men find themselves once more together. And just as the body, which impedes our sight of the spirit, disappears in the spiritual world, so too in that world every impediment to friendship and love now disappears. Men are closer together there than in the flesh. A mode of knowledge that may still appear abstract in relation to true psychology culminates in this religious feeling and vision. Yet the philosophy of life I am here presenting does not seek to infringe religious faith. This philosophy can be tolerant; it can recognize fully the value of every individual religious faith, and even exercise it in practice; but at the same time, as a nurse to this religious life, it provides an epistemological basis for this religious life too.
[ 41 ] Nun, damit wollte ich heute nur einiges Grundlegende über das Verhältnis einer modernen geistmäßigen Weltanschauung zur Seelenkunde ausführen. Ich weiß vielleicht besser als mancher Gegner, was heute noch alles eingewendet werden kann, wenn so die Anfänge einer solchen Weltanschauung dargestellt werden. Aber ich glaube auch zu wissen, daß die Sehnsüchte nach einer solchen Seelenkunde, wenn auch ganz im Unbewußten, bei unzähligen Seelen heute vorhanden sind, so daß es immer und immer wiederum gesagt werden muß: Wie man kein Maler zu sein braucht, um die Schönheit eines Bildes zu empfinden, so braucht man selbst nicht Geistesforscher zu sein — obwohl man es bis zu einem gewissen Grade werden kann —, um prüfen zu können, ob das wahr ist, was ich hier sage. Wie man die Schönheit eines Bildes empfinden kann, ohne selbst Maler zu sein, so kann man mit dem gewöhnlichen, gesunden Menschenverstand heute einsehen, was der Geistesforscher der Seele sagt. Daß man es einsehen kann, das glaube ich um so mehr erhärtet zu haben, als ich zu erkennen glaube, wie die Seelen nach einer Vertiefung der Seelenkunde, der großen Daseinsrätsel des Lebens in bezug auf die Seele dürsten, wie tatsächlich das, was mit einer solchen modernen Weltanschauung, wie sie hier skizziert wurde, versucht wird, heute den Drang zahlloser Menschen bildet, die es auch gar nicht wissen in ihrem gewöhnlichen Bewußtsein, wie es den Schmerz, das Leid, die Entbehrung, den Wunsch unzähliger Menschen bildet, all derer, die es ernst meinen mit dem, was wir finden müssen als aufsteigende Kräfte gegenüber so vielen in unserer Gegenwart vorhandenen Niedergangskräften.
[ 41 ] I have sought today to say something basic about the relationship to psychology of a spiritually appropriate modern view of life. I know, better than many an opponent perhaps, the objections that can be raised to the beginnings of such a philosophy. But I believe I also know that, albeit entirely unconsciously, the longing for such a psychology is present today in countless souls. It therefore needs to be said over and over again: just as one does not need to be a painter to feel the beauty of a picture, so too one does not need to be a spiritual scientist oneself—although one can become one up to a point—to be able to test whether what I am saying here is true. Just as one can feel the beauty of a picture without being a painter oneself, so with ordinary common sense one can perceive what the spiritual scientist says about the soul. That one can see it, I think I have established all the more firmly in recognizing how souls thirst for a profounder approach to psychology and to the great riddles of existence in relation to the soul. The aim of a modern view of life such as has been outlined here today does in fact represent the desire of countless people, though they are not ordinarily aware of it; it forms the pain, the sorrow, the privation, the wish of countless people—of all those who are serious about what we must regard as constructive forces in face of the many forces of decline present in our age.
[ 42 ] Und dessen muß sich heute jeder, der von einer zeitgemäßen Weltanschauung spricht, bewußt sein: daß er im Einklang sprechen, denken und wollen muß mit dem, was unsere so ernste Zeit in den Seelen, wenn auch vielfach unbewußt, erstrebt. Und ich glaube — lassen Sie mich damit schließen —, daß gerade in solchen Weltanschauungsansätzen, wie ich sie heute entwickelt habe, etwas von dem liegt, was zahlreiche Seelen heute erstreben, weil sie es brauchen als geistigen Inhalt, als lebendiges Geistesleben für die Gegenwart und für die nächste Zukunft.
[ 42 ] Anyone today who wishes to advocate a philosophy for the times must realize that he has to speak, think and will in harmony with what the souls in our serious age, if in many cases unconsciously, strive for. And I believe—if I may close on this note—that just such a philosophy as I have adumbrated does hold something of what countless souls strive for today, something of what they need as spiritual content and vital spiritual activity for the present and for the immediate future.
