Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
2 June 1922, Vienna
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Contrasts Between Western and Eastern Cultures, tr. SOL
2. Anthroposophie und Psychologie
2. Anthroposophy and Psychology
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn die Daseinsrätsel des Lebens die menschliche Seele selbst betreffen, so werden sie nicht nur zu großen Lebensfragen, sondern sie werden in einem intimen Sinn zum Leben selbst. Sie werden Glück oder Leid des Daseins des Menschen. Und zwar nicht bloß vorübergehendes Glück oder Leid, sondern Glück oder Leid, das der Mensch durch eine gewisse Dauer durch das Leben tragen muß, so daß er durch dieses Glücks- oder Leideserlebnis tüchtig oder untüchtig für das Leben wird.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When the mysteries of existence concern the human soul itself, they become not only great questions of life, but, in an intimate sense, life itself. They become the happiness or suffering of human existence. And not merely temporary happiness or suffering, but happiness or suffering that a person must bear throughout life for a certain duration, so that through this experience of happiness or suffering, he becomes capable or incapable of living.
[ 2 ] Nun steht der Mensch seiner eigenen Seele so gegenüber, daß ihm die wichtigsten Daseinsfragen in bezug auf diese Seele und ihre geistige Wesenheit eigentlich nicht aus dem Grunde aufgehen, weil er irgendwie zweifeln könnte an dem Geistig-Seelischen seines eigenen Wesens. Gerade weil er in einer gewissen Beziehung dieser seiner eigenen geistigen und seelischen Wesenheit gewiß ist, weil er in dieser geistigen und seelischen Wesenheit seine eigentliche Bedeutung als Mensch und seine Würde als Mensch sehen muß, wird ihm die Frage nach dem Weltenschicksal seiner Seele zum großen, gewaltigen Daseinsrätsel. Das Geistige in dem Menschen selbst zu leugnen, fällt ja selbstverständlich auch dem strammsten Materialisten nicht ein. Er wird das Geistige als solches anerkennen, es gewissermaßen nur ansehen als Ergebnis der physischen, materiellen Vorgänge. Derjenige aber, der ohne solche Theorie, einfach aus den tiefsten Empfindungsbedürfnissen seiner Seele, nach dem Schicksal dieses seelischen Selbstes fragt, der wird sich im Leben gegenübergestellt finden einer Unsumme von Erscheinungen, von Erfahrungen, die ihm gerade deshalb zu Rätselfragen werden, weil er sich des seelisch-geistigen Lebens voll bewußt ist, und weil er gerade deshalb fragen muß: Ist dieses geistig-seelische Leben ein vorübergehender Hauch, aufsteigend aus dem physischen Dasein und mit ihm wiederum in die allgemeine Naturtatsachenwelt zurückkehrend, oder hängt dieses Geistig-Seelische mit einer geistig-seelischen Welt selbst zusammen, innerhalb welcher es eine ewige Bedeutung hat?
[ 2 ] Now, a person relates to his own soul in such a way that the most important questions of existence concerning this soul and its spiritual nature do not truly occur to him, precisely because he could somehow doubt the spiritual and soul-related aspects of his own being. Precisely because, in a certain sense, he is certain of this spiritual and soul nature of his own being—because he must see in this spiritual and soul nature his true significance as a human being and his dignity as a human being—the question of his soul’s destiny in the world becomes a great and overwhelming mystery of existence for him. Of course, it would never occur even to the most staunch materialist to deny the spiritual aspect within human beings. He will acknowledge the spiritual as such, viewing it, so to speak, merely as the result of physical, material processes. But the person who, without such a theory—simply out of the deepest emotional needs of his soul—asks about the destiny of this spiritual self will find himself confronted in life with a vast multitude of phenomena and experiences that become enigmatic questions precisely because he is fully conscious of his spiritual-soul life, and precisely because of this he must ask: Is this spiritual-soul life a fleeting breath, rising from physical existence and returning with it to the general world of natural facts, or is this spiritual-soul aspect connected to a spiritual-soul world itself, within which it has eternal significance?
[ 3 ] Ich möchte von den vielen Erlebnissen des Seelischen, die an den Menschen herantreten und die ihm die Rätselfragen der Seele vor das geistige Auge führen, nur zwei herausgreifen.
[ 3 ] Of the many spiritual experiences that come to people and present the soul’s mysteries before their inner eye, I would like to highlight just two.
[ 4 ] Man kann sagen: Wenigen Menschen werden sich vielleicht diese Erlebnisse so aufdrängen, daß sie sie zu bewußten oder gar zu theoretischen Seelenfragen machen. Das ist aber auch gar nicht das Wichtige. Das Wichtige ist, daß solche Erlebnisse gerade die unterbewußten oder unbewußten Seelenregionen ergreifen, in diesen sich festlegen und in das Bewußtsein nur heraufströmen als allgemeine Seelenstimmung oder auch Seelenverstimmung, als dasjenige, was uns mutig und kraftvoll im Leben macht, oder als dasjenige, was uns niedergeschlagen macht, so daß wir an keiner Stelle in der Lage sind, uns selbst richtig in das Leben hineinzufinden oder auch dieses Leben in der für uns geeigneten Weise zu erfassen. Wie gesagt, nur zwei von diesen Erlebnissen möchte ich herausheben.
[ 4 ] One might say: For few people, perhaps, will these experiences impose themselves to such an extent that they become conscious—or even theoretical—questions of the soul. But that is not what is important at all. What is important is that such experiences affect precisely the subconscious or unconscious regions of the soul, become embedded there, and flow up into consciousness only as a general mood or even a disturbance of the soul—as that which makes us courageous and strong in life, or as that which makes us despondent, so that we are never able to truly find our place in life or to grasp this life in a way that suits us. As I said, I would like to highlight just two of these experiences.
[ 5 ] Das eine tritt dem Menschen jeden Abend, wenn er einschläft, vor das Seelenauge, wenn das, was während des wachen Tageslebens auf und ab wallt und webt im seelischen Erleben, wie ausgelöscht hinuntersinkt in die Unbewußtheit. Dann, wenn der Mensch hinschaut auf dieses Erlebnis oder, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, wenn er die unbewußten Empfindungen dieses Erlebnisses in seiner Seele wirksam hat, dann überkommt ihn etwas wie die Ohnmacht dieses Seelenlebens gegenüber dem äußeren Weltengang. Und gerade weil der Mensch im Seelenleben sein Wertvollstes, sein Würdigstes sieht, weil er nicht ableugnen kann, daß er im wahren Sinn des Wortes eben ein geistig-seelisches Wesen ist, so bestürmt ihn von innen heraus dasjenige, was er also als Ohnmacht des seelischen Lebens empfindet, und er muß sich fragen: Übernimmt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, das allgemeine Naturgeschehen ebenso die seelischen Erlebnisse, wie dieses allgemeine Naturgeschehen sie jedesmal beim Einschlafen übernimmt? — Ich möchte sagen, das eine Erlebnis ist die Ohnmacht des Seelenlebens.
[ 5 ] This appears before the soul’s eye every evening as a person falls asleep, when what surges and weaves up and down in the soul’s experience during waking life sinks into the unconscious as if erased. Then, when a person looks upon this experience—or, as is the case with most people, when the unconscious sensations of this experience are at work within their soul—they are overcome by a sense of the powerlessness of this soul life in the face of the course of the outer world. And precisely because a person sees in their soul life what is most precious and most dignified—because they cannot deny that, in the true sense of the word, they are indeed a spiritual-soul being—they are assailed from within by what they thus perceive as the powerlessness of soul life, and they must ask themselves: When a person passes through the gate of death, does the general course of nature take over the soul’s experiences just as it does every time one falls asleep? — I would say that this experience is the powerlessness of the soul’s life.
[ 6 ] Das andere Erlebnis ist dem ersten in einer gewissen Weise polarisch entgegengesetzt. Wir erfühlen es mehr oder weniger bestimmt oder unbestimmt, bewußt oder unbewußt, wenn wir im Aufwachen, vielleicht nach dem Übergang durch eine phantastisch chaotische, mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmende Traumwelt, mit dem, was wir als unser Geistig-Seelisches erfühlen und erleben, untertauchen in unsere Leiblichkeit. Wir empfinden dann, wie dieses Geistig-Seelische unsere Sinne ergreift, wie wir durch die Wechselbeziehungen zwischen der Außenwelt und unseren Sinnen, die ja physisch-physiologischer Natur sind, unser seelisches Erleben durchsetzt haben. Wir empfinden, wie dieses Geistig-Seelische weiter hinuntersteigt in unsere Leiblichkeit, wie wir unsere Willensorgane mit diesem GeistigSeelischen ergreifen und dann zum wachen, besonnenen Menschen werden, der sich seines Leibes, seines Organismus bedienen kann. Aber wenn wir uns nun.besinnen, so müssen wir uns sagen: Trotz aller Anatomie und Physiologie, die ja von außen in großartiger Weise die Leibesfunktionen zu durchschauen, zu analysieren bestrebt sind: von innen angeschaut, wissen wir Menschen durch das gewöhnliche Bewußtsein zunächst nichts von dem, was da als ein Wechselverhältnis besteht zwischen unserem Geistig-Seelischen und unseren leiblichen Verrichtungen. Wenn wir die einfachste Leibesverrichtung, die aus dem Willen hervorgeht, ins Auge fassen, das Erheben des Armes, das Bewegen der Hand, müssen wir uns sagen: Zunächst sitzt in uns die Vorstellung, der Gedanke dieses Armhebens, dieser Handbewegung. Wie aber dieser Gedanke, diese Vorstellung hinunterströmt in unseren Organismus, wie er eingreift in unser Muskelsystem, wie zuletzt das zustande kommt, was wir doch wiederum nur durch Anschauung selber kennen: was da im Innern eigentlich vorgeht, es bleibt dem gewöhnlichen Bewußtsein verborgen ebenso wie verborgen bleibt in jenem wunderbaren Mechanismus, den uns die Physik und Physiologie zeigen, im menschlichen Auge oder in einem anderen Sinnesorgan das Geistig-Seelische, das in diesen wunderbaren Mechanismus eingreift.
[ 6 ] The other experience is, in a certain sense, the polar opposite of the first. We sense it more or less distinctly or indistinctly, consciously or unconsciously, when, upon waking—perhaps after passing through a fantastically chaotic dream world that does not correspond to reality—we immerse ourselves in our physicality with what we sense and experience as our spiritual-soul life. We then perceive how this spiritual-soul aspect seizes our senses, how, through the interplay between the external world and our senses—which are, after all, of a physical-physiological nature—we have interwoven our soul experience. We sense how this spiritual-soul aspect descends further into our physicality, how we engage our organs of will with this spiritual-soul aspect, and then become the awake, level-headed human being who can make use of his body and his organism. But when we now reflect on this, we must admit: Despite all of anatomy and physiology—which, from the outside, strive in magnificent ways to fathom and analyze bodily functions—when viewed from within, we human beings, through our ordinary consciousness, initially know nothing of the interplay that exists between our spiritual and soul life and our bodily functions. When we consider the simplest physical action arising from the will—raising an arm, moving a hand—we must acknowledge: First, there is within us the idea, the thought of this raising of the arm, this movement of the hand. But how this thought, this idea, flows down into our organism; how it intervenes in our muscular system; how, ultimately, what comes about—which we, in turn, know only through direct observation—actually takes place within us: it remains hidden from ordinary consciousness, just as the spiritual-psychic element that intervenes in this marvelous mechanism remains hidden within the human eye or any other sense organ—a mechanism revealed to us by physics and physiology.
[ 7 ] So, müssen wir sagen, ist es die Ohnmacht des Seelenlebens auf der einen Seite, die uns Rätsel aufdrängt, so ist es die Finsternis, in die wir untertauchen mit unserem Geistig-Seelischen, wenn wir in den eigenen Leib dieses Geistig-Seelische einströmen fühlen, was uns die Rätselfragen weiter aufwirft. Wir müssen uns sagen — gewiß, die meisten Menschen tun das wieder nicht bewußt, aber sie empfinden es als die Stimmung ihrer Seele —: Dieses Geistig-Seelische in seinem Wechselverhältnis mit dem Organismus ist uns als Schöpferisches unbekannt, es ist uns da unbekannt, wo es gerade im physischen Erdenleben seine eigentliche Bestimmung nach außen im Dasein offenbart.
[ 7 ] So, we must say, just as it is the powerlessness of the soul life on the one hand that presents us with mysteries, so it is the darkness into which we plunge with our spiritual-soul life when we feel this spiritual-soul life flowing into our own body—which continues to pose these mysterious questions to us. We must tell ourselves—certainly, most people do not do this consciously, but they experience it as the mood of their soul—that this spiritual-soul aspect, in its interplay with the organism, is unknown to us as a creative force; it is unknown to us precisely where it reveals its true purpose outwardly in existence within physical earthly life.
[ 8 ] Was auf diese Art jeder naive Mensch erlebt, erstreckt sich in einer etwas veränderten Form hinein in die Seelenwissenschaft. Es müßte allerdings lange gesprochen werden, wenn die Art und Weise, wie sich diese Rätselfragen in die Wissenschaft hineinschleichen, wissenschaftsgemäß erörtert werden sollten; aber es kann wenigstens, mit einer gewissen Äußerlichkeit vielleicht, in der folgenden Weise gesagt werden.
[ 8 ] What every naive person experiences in this way extends, in a slightly modified form, into the science of the soul. It would, however, take a long time to discuss scientifically how these enigmatic questions creep into science; but it can at least be stated—perhaps with a certain degree of superficiality—in the following way.
[ 9 ] Auf der einen Seite sieht die Wissenschaft nach dem Seelischen hin und fragt sich: Wie steht dieses Seelische mit dem Körperlichen, mit dem Äußerlich-Leiblichen im Wechselverhältnis? Indem sie nach der anderen Seite, nach dem Körperlichen hinschauen und nach all dem, was die äußere Naturwissenschaft über dieses Körperliche zu sagen hat, sind dann die einen — und die Seelenkunde hat in dieser Beziehung eine lange Geschichte — der Meinung, man müsse das Seelische vorstellen als die eigentlich wirksame Ursache des Leiblichen; die andern sind der Meinung, man müsse das Leibliche ansehen als das, was das eigentlich Kraftende dabei ist, und das Seelische nur als eine Art Wirkung des Leiblichen. Das Unbefriedigende dieser beiden Anschauungen haben neuere Seelenforscher oder -denker durchschaut, und sie haben daher die sonderbare Anschauung von dem psychophysischen Parallelismus aufgestellt, nach welcher man nicht sagen kann, das Leibliche wirke auf das Seelische oder das Seelische auf das Leibliche, sondern nur: leibliche Vorgänge seien dem seelischen Geschehen parallel und seelische Vorgänge dem leiblichen; man könne immer nur sagen, welche seelischen Vorgänge die leiblichen begleiten oder welche leiblichen die seelischen.
[ 9 ] On the one hand, science looks toward the soul and asks: How does the soul relate to the physical, to the external, bodily realm? When they look at the other side—the physical realm—and consider everything that external natural science has to say about the physical, some—and the study of the soul has a long history in this regard—believe that the soul must be conceived as the actual active cause of the physical; while others believe that the physical must be regarded as the actual active force in this process, and the mental merely as a kind of effect of the physical. More recent researchers and thinkers in the field of psychology have recognized the shortcomings of these two views, and have therefore proposed the peculiar concept of psychophysical parallelism, according to which one cannot say that the physical acts upon the psychological or the psychological upon the physical, but only that: physical processes run parallel to mental processes and mental processes run parallel to physical ones; one can only ever say which mental processes accompany the physical ones or which physical processes accompany the mental ones.
[ 10 ] Aber diese Seelenkunde empfindet ja selbst auf der einen Seite etwas wie die Ohnmacht des Seelenlebens. Wenn man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein dieses Seelenleben, auch wie es dem Seelenforscher, dem Psychologen, vorliegt, zu durchschauen unternimmt, so hat es etwas innerlich Passives, es hat etwas, dem man nicht anschauen kann, daß es kraftend eingreift in das Leibesleben. Wer die seelischen Wesenhaftigkeiten von Denken und Fühlen — beim Wollen ist es so, daß es nicht durchschaut werden kann; daher gilt in einer gewissen Beziehung für die Seelenforschung gegenüber dem WolJen dasselbe wie gegenüber dem Denken und Fühlen —, wer dieses Denken und Fühlen mit den Mitteln der Seelenkunde anschaut, dem kommt es kraftlos vor, so daß er nirgends etwas finden kann, was wirksam wirklich eingreifen könnte in das Leibliche. Da empfindet dann der Seelenforscher, was man nennen könnte die Ohnmacht des Seelenlebens für das gewöhnliche Bewußtsein. Allerdings ist ja in der verschiedensten Weise versucht worden, dieses Gefühl der Ohnmacht des Seelenlebens zu überwinden. Aber der Streit der Philosophen, die Wandlungen der einzelnen philosophischen Weltanschauungen, die im Laufe der Zeit aufgetaucht sind, liefern dem unbefangenen Menschenbetrachter einen Tatsachenbeweis, wie unmöglich es dem gewöhnlichen Bewußtsein ist, diesem seelischen Erleben beizukommen, weil sich überall das Gefühl von der Ohnmacht jenes Seelischen aufdrängt, das eben dieses gewöhnliche Bewußtsein beobachten kann.
[ 10 ] But this study of the soul itself, on the one hand, perceives something like the powerlessness of the soul’s life. If one attempts to fathom this inner life with ordinary consciousness—even as it presents itself to the researcher of the soul, the psychologist—it has something inherently passive about it; it has something that cannot be observed as powerfully intervening in bodily life. For those who study the psychological essences of thinking and feeling—in the case of volition, it cannot be fully grasped; and so, in a certain sense, the same applies to psychological research regarding volition as it does to thinking and feeling—whoever examines this thinking and feeling through the methods of psychology finds it to be powerless, so that they can find nothing anywhere that could truly and effectively intervene in the physical body. The researcher of the soul then perceives what one might call the powerlessness of the soul life in relation to ordinary consciousness. Admittedly, attempts have been made in a wide variety of ways to overcome this sense of the powerlessness of the soul life. But the disputes among philosophers, the transformations of the various philosophical worldviews that have emerged over time provide the impartial observer of human nature with empirical proof of how impossible it is for ordinary consciousness to come to terms with this spiritual experience, because everywhere the feeling of the powerlessness of that spiritual realm—which ordinary consciousness itself can observe—imposes itself.
[ 11 ] Gerade in bezug auf eine solche Beobachtung des Seelenlebens vor dem gewöhnlichen Bewußtsein ist hier in Wien eine Reihe klassischer Literaturwerke aufgetreten, die wie Marksteine dastehen innerhalb der philosophischen Entwickelung. Ich meine, trotzdem ich nicht im entferntesten mich selber irgendwie zu dem Inhalt dieser Bücher bekennen kann, daß diese Bücher gerade vom Standpunkt des gewöhnlichen Bewußtseins aus außerordentlich bedeutsam sind. Ich meine Richard Wahles «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende», in dem dargestellt werden soll, wie dieses gewöhnliche Bewußtsein eigentlich zu keinen erheblichen Resultaten gegenüber dem Seelenleben kommen könne, wie dann abgegeben werden müsse, was philosophische Forschung in dieser Richtung zu erstreben versucht, an Theologie Physiologie, Ästhetik, Sozialpädagogik. Und in einer noch schärferen Weise hat dann Richard Wahle die Gedanken dieses Buches in seinem «Mechanismus des geistigen Lebens» ausgeführt. Wir können sagen: da wird wirklich einmal gezeigt, daß das gewöhnliche Bewußtsein im Grunde genommen ohnmächtig ist, irgendwie etwas auszusagen gegenüber den Fragen des seelischen Lebens. Das Ich, die seelische Einheit, alles das, was eine ältere Psychologie an die Oberfläche gebracht hat, sie zerfallen vor der Kritik, die dieses gewöhnliche Bewußtsein gegenüber sich selbst ausübt.
[ 11 ] Precisely with regard to such an observation of the inner life as it exists prior to ordinary consciousness, a series of classic literary works has emerged here in Vienna that stand as milestones in the development of philosophy. I believe—even though I cannot in the least identify with the content of these books—that these books are extraordinarily significant precisely from the standpoint of ordinary consciousness. I am referring to Richard Wahle’s *The Whole of Philosophy and Its End*, which seeks to demonstrate how this ordinary consciousness cannot actually arrive at any significant results regarding the life of the soul, and how, consequently, philosophical research in this direction must be ceded to theology, physiology, aesthetics, and social pedagogy. And Richard Wahle elaborated on the ideas of this book even more incisively in his *Mechanism of Spiritual Life*. We can say: here it is truly demonstrated for the first time that ordinary consciousness is, at its core, powerless to say anything meaningful about the questions of spiritual life. The “I,” the spiritual unity—all that which older psychology has brought to the surface—crumbles under the criticism that ordinary consciousness directs against itself.
[ 12 ] Auf der anderen Seite ist in der neueren Zeit in begreiflicher, ja man muß sagen, in notwendiger Weise versucht worden, mit der Seelenkunde nicht direkt auf das Seelische loszugehen, demgegenüber das gewöhnliche Bewußtsein eben ohnmächtig ist, sondern auf dem Umwege durch die Leibeserscheinungen, die aus dem sogenannten Seelischen hervorquellen, irgend etwas zu erkunden über dasjenige, was man gewöhnlich seelische Erscheinungen nennt. So ist experimentelle Psychologie entstanden. Diese ist durchaus ein notwendiges Produkt unserer gegenwärtigen Weltanschauung und unserer gegenwärtigen Forschungsmethoden. Und wer auf dem Boden steht, von dem aus ich hier heute zu Ihnen spreche, der wird die volle Berechtigung dieser experimentellen Seelenkunde niemals leugnen. Er wird vielleicht im einzelnen sowohl mit den Forschungswegen wie auch mit den Forschungsergebnissen nicht ganz einverstanden sein; aber die Berechtigung dieser experimentellen Psychologie oder Seelenkunde darf nicht geleugnet werden.
[ 12 ] On the other hand, in more recent times, there have been understandable—indeed, one must say, necessary—attempts to approach psychology not by tackling the psychological directly—against which ordinary consciousness is powerless—but rather indirectly, through the physical manifestations that spring from what is called the psychological, to explore something about what is commonly called psychological phenomena. This is how experimental psychology came into being. It is certainly a necessary product of our current worldview and our current research methods. And anyone who stands on the ground from which I am speaking to you here today will never deny the full legitimacy of this experimental psychology. They may not entirely agree with the specific research methods or findings; but the legitimacy of this experimental psychology must not be denied.
[ 13 ] Da erhebt sich dann gerade das andere Seelenrätsel. Wenn wir noch soviel erfahren über das, was durch experimentelle Seelenkunde mit dem menschlichen Leibe erlebt werden kann, so müssen wir doch sagen: Alles was in dieser Weise auf dem Umwege durch den Leib erkundet wird, oder auch was erkundet wird scheinbar über reine Seelenfunktionen, ist doch nur, wenn man sich nicht täuschen will, auf dem Umweg durch den Leib erkannt. Alles das gehört doch einer Sphäre an, die mit dem Tod des Menschen übergeben wird dem allgemeinen Naturgeschehen, so daß dadurch nichts erfahren werden kann über das Geistig Seelische, dessen Weltschicksal dem Menschen eine so große, gewaltlge Angelcgenhext ist. Und so können wir sagen, in einer gewissen Weise ist auch für diese Seelenkunde das große Seelenrätsel neu aufgetaucht.
[ 13 ] This is precisely where the other mystery of the soul arises. Even if we learn a great deal about what can be experienced through experimental psychology of the soul in connection with the human body, we must nevertheless say: Everything that is explored in this way indirectly through the body—or even what is explored through what appear to be purely soul functions—is, if one does not wish to be deceived, recognized only indirectly through the body. All of this belongs to a sphere that, upon a person’s death, is handed over to the general course of nature, so that nothing can be learned through it about the spiritual-soul realm, whose destiny in the world is of such great and profound significance to human beings. And so we can say that, in a certain sense, the great mystery of the soul has reemerged even for this science of the soul.
[ 14 ] Wieder ist es ein neuerer Seelenforscher, der lange hier in Wien gelebt und gewirkt hat, der allen denen unvergeßlich sein wird, die jemals vor ihm auf den Schulbänken hier in Wien gesessen haben, wie ich selber, der ich zu Ihnen spreche. Es ist ein moderner Seelenforscher, der in dem ersten Bande seines unvollendet gebliebenen Werkes über Psychologie es ausgesprochen hat: Was könnte uns alle Seelenkunde bringen, wenn sie uns aufklärte — sei es nun, das füge ich ein, auf experimentellem oder nichtexperimentellem Wege — über die Art und Weise, wie sich die Vorstellungen verbinden oder lösen, wie die Aufmerksamkeit wirkt, wie das Gedächtnis etwa zustande kommt im Leben zwischen Geburt und Tod und so weiter, wenn wir gerade wegen der Wissenschaftlichkeit dieser Seelenkunde, die der Naturwissenschaft nacheifern will, verzichten müßten, zu erkennen, welches das Schicksal der menschlichen Seele ist, wenn der menschliche Leib in seine Elemente zerfällt? Das, meine sehr verehrten Anwesenden, hat nicht irgendein Phantast ausgesprochen, sondern der strenge Denker Franz Brentano, der die Seelenkunde im wesentlichen zur Aufgabe seines Lebens gemacht hat und der in der Seelenkunde so arbeiten wollte, wie es der strengen naturwissenschaftlichen Methode der neueren Zeit gemäß ist. Dennoch hat gerade er das Seelenrätsel in der Weise, wie ich es eben angedeutet habe, als ein wissenschaftlich Notwendiges vor seine Mitwelt hingestellt.
[ 14 ] Once again, it is a more recent psychologist—one who lived and worked here in Vienna for many years—who will remain unforgettable to all those who ever sat in the schoolrooms here in Vienna, just as I myself, who am speaking to you now, did. It is a modern researcher of the soul who, in the first volume of his unfinished work on psychology, put it this way: What could the study of the soul possibly offer us all if it enlightened us—be it, I might add, by experimental or non-experimental means — about the way in which ideas connect or separate, how attention functions, how memory, for example, comes about in the life between birth and death, and so on—if, precisely because of the scientific nature of this psychology, which seeks to emulate the natural sciences, we were forced to forgo recognizing what the fate of the human soul is when the human body disintegrates into its elements? This, my esteemed audience, was not uttered by some fantasist, but by the rigorous thinker Franz Brentano, who essentially made the study of the soul his life’s work and who sought to approach it in accordance with the rigorous scientific method of modern times. Nevertheless, it was precisely he who presented the mystery of the soul—in the manner I have just indicated—to his contemporaries as a scientific necessity.
[ 15 ] Aus alledem muß doch der unbefangene Mensch heute eine Konsequenz ziehen. Es ist diese, daß wir mit den naturwissenschaftlichen Methoden bis zu dem Punkt, bis zu dem sie heute ausgebildet sind, in der Erforschung des Menschen kommen können, daß wir aber, wenn wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, das für die Naturwissenschaft vollberechtigt ist, wie es auch vollberechtigt ist für das gewöhnliche Leben, an das Seelische herangehen, gegenüber dem Seelischen nicht zurecht kommen. Und aus diesem Grunde, weil diese Einsicht gerade aus wissenschaftlichen Untergründen sich heute dem unbefangenen Menschen ergeben muß, spreche ich zu Ihnen vom Gesichtspunkt einer Weltanschauung, die sich nun sagt: Es kann eben nicht mit den Seelenkräften, die sich für das gewöhnliche Bewußtsein offenbaren, die da im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft arbeiten, das seelische Leben erforscht werden. Da müssen in dieser Seele andere Seelenkräfte entwickelt werden, die für das gewöhnliche Bewußtsein in der Seele nur mehr oder weniger schlummern oder, wenn ich mich eines wissenschaftlichen Ausdrucks bedienen will, latent sind.
[ 15 ] From all of this, any unbiased person today must surely draw a conclusion. It is this: that with the methods of the natural sciences, as far as they have been developed today, we can go so far in our exploration of the human being; but when we approach the soul with ordinary consciousness—which is fully justified for the natural sciences, just as it is fully justified for ordinary life—we are at a loss when it comes to the soul. And for this reason—because this insight must now arise in the unbiased person precisely from scientific foundations—I speak to you from the standpoint of a worldview that now asserts: The life of the soul simply cannot be investigated using the soul forces that reveal themselves to ordinary consciousness—those that are at work in ordinary life and in ordinary science. Other soul forces must be developed within this soul—forces that, in the soul, lie more or less dormant to ordinary consciousness or, to use a scientific term, are latent.
[ 16 ] Wenn man die richtige Stellung zu einer solchen Lebensauffassung gewinnen will, dann braucht es allerdings etwas, was heute im Menschen nur in einem geringen Maße — lassen Sie mich das schon aussprechen — eigentlich vorhanden ist. Es braucht das, was ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Es muß ein Moment im Leben kommen, wo man sich sagt: Ich war ein kleines Kind, ich habe dazumal seelisches Leben entwickelt, das so hindämmernd traumhaft war, daß es auch so vergessen ist wie ein Traum. Erst allmählich tauchte aus diesem traumhaften kindlichen Seelenleben nach und nach dasjenige auf, was mich dazu bringt, daß ich mich im Leben orientieren kann, daß ich meine Gedanken, meine Gefühlsimpulse, meine Willensentschlüsse einfügen kann dem Gang der Welt, daß ich ein arbeitsfähiger Mensch geworden bin. Aus dem Unbestimmten und Undifferenzierten des mit dem Leibe verwobenen kindlichen Seelenlebens ist aufgetaucht dasjenige Erleben, das wir durch unsere vererbten Eigenschaften haben, die sich dann mit dem Heranwachsen des Leibes ausbilden, das wir auch durch unsere gebräuchliche Erziehung haben.
[ 16 ] If one wants to adopt the right attitude toward such a view of life, however, it requires something that is actually present in people today only to a very limited extent—let me just say it plainly. It requires what I would like to call intellectual humility. There must come a moment in life when one says to oneself: I was a small child; back then, I developed a spiritual life that was so dreamlike and hazy that it has been forgotten just like a dream. Only gradually did what enables me to find my bearings in life, to align my thoughts, my emotional impulses, and my volitional decisions with the course of the world, and to become a person capable of work, emerge bit by bit from this dreamlike childhood soul life. From the indeterminate and undifferentiated nature of the childlike inner life interwoven with the body emerged the experiences we gain through our inherited traits—which then develop as the body matures—and through our ordinary upbringing.
[ 17 ] Wer so zurückschaut, in intellektueller Bescheidenheit, wie er in diesem Erdenleben geworden ist, wird es auch nicht verschmähen, sich in einem gewissen Zeitpunkt seines Lebens zu sagen: Warum sollte denn das nicht weitergehen? Diejenigen seelischen Kräfte, die mir heute die wichtigsten sind, durch die ich mich im Leben orientiere, durch die ich ein arbeitsfähiger Mensch werde, sind schlummernde gewesen während meines kindlichen Daseins. Warum sollten in meiner Seele nicht auch Kräfte schlummern, die ich weiter aus ihr hervorentwickeln kann?
[ 17 ] Anyone who looks back in this way—with intellectual humility—on how he has become in this earthly life will not shy away from asking himself at a certain point in his life: Why shouldn’t this continue? The spiritual powers that are most important to me today—those that guide me through life and enable me to be a productive person—lay dormant during my childhood. Why shouldn’t there also be powers slumbering in my soul that I can continue to develop?
[ 18 ] Man muß zu diesem aus der intellektuellen Bescheidenheit hervorgehenden Entschluß kommen. Intellektuelle Bescheidenheit nenne ich das aus dem Grunde, weil der Mensch geneigt ist zu sagen: Die Form des Bewußtseins, die ich einmal als erwachsener Mensch habe, ist die des normalen Menschen; was anders sein will im inneren Seelenleben als dieses sogenannte normale Bewußtsein, das ist entweder Phantasterei oder Halluzination oder Vision oder dergleichen. Die Weltanschauung, von der ich hier spreche, geht durchaus vom gesunden Seelenleben aus und versucht vom gesunden Seelenleben aus, in der Seele schlummernde Kräfte, auch Erkenntniskräfte, zu entwickeln, die dann Seherkräfte werden in dem Sinn, wie ich gestern von exakten Seherkräften gesprochen habe. Das, was die Seele da mit sich vorzunehmen hat, habe ich gestern in einem gewissen Sinne angedeutet. Ich habe auch auf mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» hingewiesen, auf meine «Geheimwissenschaft», auf «Von Seelenrätseln» und so weiter. Dort findet man die Einzelheiten jener Seelenübungen, die, ausgehend vom gesunden Seelenleben, hinaufführen zu einer Entwickelung der Seele, so daß diese tatsächlich zu einer Art geistigen Schauens kommt, durch das sie hineinblicken kann in eine geistig-seelische Welt, wie sie durch die gewöhnlichen Sinnesorgane wahrnehmen kann die physisch-sinnliche Welt. Sie werden in den genannten Büchern überall einen ersten Teil finden; dieser erste Teil, der wird selbst von manchen Gegnern der Weltanschauung, die ich hier vertrete, als etwas anerkannt, was dem Menschen durchaus nütze sein könnte. Er handelt davon, daß sich der Mensch durch gewisse Übungen intellektueller, gefühlsmäßiger, moralischer Art in eine Seelenverfassung und in eine Leibesverfassung bringt, die durchaus als gesund gelten können, die durchaus dahin streben, daß der Mensch auch in die Lage komme, wachsam innerlich sein zu können gegenüber all dem, was, aus krankhaftem Seelenleben herauskommend, zum Mediumismus, zu Halluzinationen und Visionen führt. Denn alles das, was auf diesem Wege zustande kommt, muß abgewiesen werden für eine wirkliche Seelenkunde. Gerade zu Visionen kommt der Mensch nicht aus dem Seelischen heraus, sondern dadurch, daß krankhafte Bildungen innerhalb seines Organismus sich finden; ebenso zum Mediumismus. Das alles hat mit einer gesunden Seelenkunde und Seelenentwickelung nichts zu tun, muß selbst seiner Bedeutung nach vom Gesichtspunkt dieser gesunden Seelenkunde beurteilt werden. Gegner finden heute aber die Übungen, die dann als Fortsetzung dieser vorbereitenden auftreten, die nun aus der Seele hervorholen sollen diejenigen Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens, die, wenn sie ausgebildet sind, den Menschen in eine geistige Welt so einführen, daß er sich in ihr orientieren lernt, daß er auch mit seinem Willen in sie einzutreten in die Lage kommt, phantastisch und schädlich.
[ 18 ] One must arrive at this decision, which stems from intellectual humility. I call this intellectual modesty because people are inclined to say: The form of consciousness that I possess as an adult is that of a normal person; anything in one’s inner soul life that differs from this so-called normal consciousness is either fantasy, hallucination, vision, or the like. The worldview of which I am speaking here is based entirely on a healthy inner life and seeks, from the vantage point of that healthy inner life, to develop the powers slumbering within the soul—including the powers of knowledge—which then become clairvoyant powers in the sense in which I spoke yesterday of precise clairvoyant powers. I hinted at what the soul must undertake in this regard in a certain sense yesterday. I also referred to my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, to my *Secret Science*, to *On the Mysteries of the Soul*, and so on. There one will find the details of those soul exercises which, starting from a healthy soul life, lead upward to a development of the soul, so that it actually attains a kind of spiritual vision through which it can look into a spiritual-soul world, just as it can perceive the physical-sensory world through the ordinary sense organs. Throughout the books mentioned, you will find a first part; this first part is recognized even by some opponents of the worldview I represent here as something that could certainly be of benefit to people. It deals with how a person, through certain exercises of an intellectual, emotional, and moral nature, brings themselves into a state of soul and a physical condition that can certainly be considered healthy—a state that strives to enable the person to remain inwardly vigilant against everything that, arising from a pathological soul life, leads to mediumship, hallucinations, and visions. For everything that arises in this way must be rejected by a genuine science of the soul. Visions, in particular, do not arise from the soul itself, but rather from pathological formations within the organism; the same applies to mediumship. All of this has nothing to do with a healthy science of the soul and spiritual development; it must be judged, even in terms of its significance, from the standpoint of this healthy science of the soul. Today, however, opponents regard as fanciful and harmful those exercises that follow as a continuation of these preparatory ones—exercises intended to draw forth from the soul those powers of thinking, feeling, and willing which, when developed, introduce the individual into a spiritual world in such a way that he learns to orient himself within it and is also enabled, through his own will, to enter into it.
[ 19 ] Andeutungsweise habe ich gestern schon davon gesprochen, wie wir zunächst als moderne Menschen durch gewisse Denkübungen dazu kommen, das Denken aus dem gewöhnlichen Zustand herauszubringen, in dem es sich passiv hingibt an die Erscheinungen der Außenwelt und an das, was innerlich als Erinnerungen auftaucht, was sich ja auch an die Außenwelt anknüpft. Wir kommen dadurch über dieses Denken hinaus, daß wir Meditationsübungen in ernster, geduldiger und energischer Weise machen, daß wir sie immer wieder und wiederum machen. Je nach den Anlagen dauert es bei dem einen jahrelang, bei dem andern weniger lang; aber jeder kann merken, wenn er an dem entscheidenden Punkt angelangt ist, wie sein Denken dann aus dem, was ich gestern das abstrakte, tote Denken nannte, ein innerlich lebendiges Denken wird, ein innerlich lebendiges Denken, das den Weltrhythmus mitzuerleben in der Lage ist. Da strebt eine besonnene Welt- und Lebensauffassung nicht danach, Visionen oder Halluzinationen aus der Seele herauszuzaubern, sondern danach, das, was Vorstellungsleben, was Gedankenleben ist, in einer solchen Intensität zu erleben, wie man sonst nur erlebt, was den äußeren Sinnen gegeben wird.
[ 19 ] I already touched on this briefly yesterday: how we, as modern people, can initially use certain thinking exercises to lift our thinking out of its ordinary state—a state in which it passively surrenders to the phenomena of the external world and to what arises internally as memories, which are, of course, also linked to the external world. We transcend this way of thinking by performing meditation exercises in a serious, patient, and energetic manner, repeating them over and over again. Depending on one’s predispositions, it may take years for some and less time for others; but everyone can sense, when they reach the decisive point, how their thinking then transforms from what I called yesterday “abstract, dead thinking” into an inner, living thinking—an inner, living thinking that is capable of experiencing the rhythm of the world. A balanced view of the world and of life does not strive to conjure up visions or hallucinations from the soul, but rather to experience the life of the imagination and the life of thought with the same intensity with which one otherwise experiences only what is presented to the external senses.
[ 20 ] Sie brauchen ja nur ehrlich zu vergleichen die Lebendigkeit, mit der wir leben in den Farben, wenn wir durch das Auge diese Farben wahrnehmen, in den Tönen, wenn wir durch das Ohr die Töne hören, mit der Blaßheit des Gedankenerlebens im gewöhnlichen Bewußtsein. Durch jenes Energisieren des Gedankenlebens, von dem ich gestern gesprochen habe, machen wir allmählich das bloße Vorstellungsleben, das bloße Gedankenleben innerlich so intensiv, wie sonst nur das Sinnenleben ist. Nicht also sucht der moderne Mensch, der Geistiges erkennen will, wenn er ein besonnener Mensch ist, die auftauchenden Halluzinationen und Visionen; er strebt gerade nach dem Ideal, möchte ich sagen, des Sinneslebens in bezug auf dessen Intensität und dessen Bildhaftigkeit, in voll besonnener Weise im Gedankenleben, im Vorstellungsleben selbst. Und wenn Sie sich solchen Meditationen als Geistesforscher hingeben, wie ich sie charakterisiert habe, so dürfen Sie nicht irgendwie abhängig sein vom Unbewußten oder Unterbewußten, sondern das, was da vollzogen wird — Sie können die Übungen nachlesen, alle sind sie auf das gestimmt, was ich jetzt charakterisieren will —, alles, was da im intimen Seelenleben an Übungen vollführt wird, verläuft so bewußt, so besonnen, man darf sagen, so exakt, wie sonst nur die mathematischen oder geometrischen Verrichtungen verlaufen.
[ 20 ] You need only honestly compare the vibrancy with which we experience colors through our eyes and sounds through our ears with the pallor of the thought-life in ordinary consciousness. Through that energizing of the life of thought that I spoke of yesterday, we gradually make the mere life of imagination, the mere life of thought, as intense inwardly as the life of feeling otherwise is. Thus, the modern person who seeks to recognize the spiritual—if he is a level-headed person—does not seek the hallucinations and visions that arise; rather, he strives precisely for the ideal, I would say, of the life of the senses in terms of its intensity and vividness, in a fully level-headed manner within the life of thought, within the life of imagination itself. And when, as a researcher of the spirit, you devote yourself to such meditations as I have described, you must not be dependent in any way on the unconscious or subconscious; rather, what takes place there—you can read about the exercises; they are all attuned to what I am about to describe— everything that is carried out as exercises in the inner life of the soul proceeds so consciously, so deliberately—one might say, so precisely—as otherwise only mathematical or geometric operations do.
[ 21 ] Daher darf gesagt werden: Man hat es hier nicht mit dem alten nebulosen Hellsehen, sondern mit einem Hellsehen zu tun, das durch vollbewußte, besonnene Seelenerlebnisse und Seelenübungen herbeigeführt ist. Die Besonnenheit ist dabei auf jedem Schritt so, daß man das, was der Mensch erlebt und aus sich selber macht, eben mit dem vergleichen kann, was man sonst an einem geometrischen Problem erlebt. Sonst ist dieses Üben nicht tauglich.
[ 21 ] It can therefore be said that what we are dealing with here is not the old, nebulous form of clairvoyance, but rather a form of clairvoyance brought about through fully conscious, level-headed spiritual experiences and spiritual exercises. The level of deliberation at every step is such that what a person experiences and creates within themselves can be compared to what one otherwise experiences when solving a geometric problem. Otherwise, this practice is not effective.
[ 22 ] Dann aber, wenn der moderne Mensch zu einem solchen Vorstellungsleben kommt, das nun energisiert ist, das nun auch unabhängig wird vom Atmungsleben, das aber auch leibfrei wird, das eine bloße geistig-seelische Funktion ist, demgegenüber man durch die unmittelbare Wahrnehmung weiß: man vollzieht nicht mit dem Körper dieses Denken, sondern im rein Geistig-Seelischen —, dann fühlt er erst dieses Denken gegenüber dem abstrakten Denken wie ein Lebendiges gegenüber dem Toten. Geradeso wie wenn wir einen toten Organismus plötzlich zum Leben erwacht fänden, so erleben wir, wenn wir den Übergang gewahr werden von dem gewöhnlichen abstrakten Denken zu dem lebendigen Denken. Und dieses lebendige Denken ist, trotzdem es geistig-seelischer Vorgang ist, nicht so linienhaft, nicht so flächenhaft nur wie das gewöhnliche abstrakte Denken. Es ist innerlich gesättigt und bildhaft. Und auf diese Bildhaftigkeit kommt es an.
[ 22 ] But then, when modern human beings arrive at a life of imagination that is now energized, that is now also becoming independent of the respiratory life, but that is also becoming disembodied—a mere spiritual-soul function—in contrast to which we know through direct perception: one does not carry out this thinking with the body, but in the purely spiritual-soul—only then does one feel this thinking, in contrast to abstract thinking, as something living in contrast to something dead. Just as if we were to find a dead organism suddenly coming to life, so do we experience it when we become aware of the transition from ordinary abstract thinking to living thinking. And this living thinking, even though it is a spiritual-psychic process, is not as linear, not as two-dimensional as ordinary abstract thinking. It is internally rich and pictorial. And it is this pictorial quality that matters.
[ 23 ] Dann aber kommt des weiteren außerordentlich viel darauf an, daß wir jene Besonnenheit, die wir während des Übens haben müssen, ausdehnen auf den Augenblick, wo dieses belebte Denken, dieses bildsame Denken in uns auftritt. Wenn wir in diesem Augenblicke uns hingeben den Bildern, zu denen wir uns selber hingerungen haben, und glauben, in ihnen schon Realitäten geistiger Art zu finden, dann sind wir nicht Geistesforscher, dann sind wir eben Phantasten. Das dürfen wir gewiß nicht werden; denn das könnte uns nicht eine auf festem Grunde erbaute Weltanschauung für den modernen Menschen geben. Erst dann, wenn wir uns sagen: Wir haben einen Inhalt des seelischen Lebens erlangt, aber dieser Inhalt ist ein Bildinhalt, dieser Inhalt sagt uns nur etwas über Kräfte, die in uns selber walten, über das, was wir selber durch unsere eigene menschliche Wesenheit im Innern vermögen; erst wenn wir uns im vollen Sinn des Wortes sagen: Über keinerlei Außenwelt, auch nicht über das, was wir sind in der Außenwelt, vermag uns diese, ich nenne sie gewöhnlich imaginative Erkenntnis, eine Auskunft zu geben; sondern allein, wenn wir uns in diesem Bildwerden, in diesem Bildweben erfühlen, wenn wir uns drinnen lebend wissen als eine Kraftheit: erst dann stehen wir auf dem rechten Standpunkt diesem Erlebnis gegenüber, dann fühlen wir uns in unserem Selbst, dann fühlen wir uns als geistig-seelisches Wesen außerhalb des Leibes — fühlen uns aber eben nur in unserem Selbst, mit einem innerlichen Bildcharakter unseres Wesens.
[ 23 ] But then it is also of the utmost importance that we extend the composure we must maintain during practice to the very moment when this animated thinking, this imaginative thinking, arises within us. If, at that moment, we surrender to the images we ourselves have conjured up and believe that we are already finding spiritual realities within them, then we are not spiritual researchers; then we are simply fantasists. We must certainly not become that; for that could not provide us with a worldview for modern humanity built on solid ground. Only when we say to ourselves: We have attained a content of spiritual life, but this content is an imaginative content; this content tells us only about forces at work within ourselves, about what we ourselves are capable of inwardly through our own human nature; only when we say to ourselves, in the fullest sense of the word: This—what I usually call imaginative knowledge—cannot provide us with any information about the external world, not even about what we are in the external world; but only when we feel ourselves within this process of becoming images, within this weaving of images, when we know ourselves to be alive within as a force: only then do we stand in the right perspective toward this experience; only then do we feel ourselves within our own being; only then do we feel ourselves as spiritual-soul beings outside the body—but we feel ourselves precisely only within our own being, through an inner, image-like character of our being.
[ 24 ] Und erst wenn wir dann den Mut haben, die Übungen bis zur nächsten Stufe fortzusetzen, kommen wir zu einer wirklichen geistigen Anschauung. Dieser nächste Schritt muß nicht nur darin bestehen, daß wir jetzt die Fähigkeit entwickeln, gewisse Vorstellungen, die wir leicht überschauen — so etwa, wie wir geometrische Vorstellungen überschauen, denen gegenüber wir wissen: es ist nicht etwas Unbewußtes in ihnen wirksam —, in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins zu rücken, um an ihnen unsere seelische Kraft zu verstärken, sondern darin, daß wir in die Lage kommen, diese Vorstellungen mit Besonnenheit und Willkür aus unserem Bewußtsein fortzuschaffen. Das ist unter Umständen eine schwierige Aufgabe. Im gewöhnlichen Leben ist das Vergessen nicht etwas so Schwieriges, wie ja das gewöhnliche Bewußtsein weiß. Aber wenn man sich erst angestrengt hat — auch ohne daß man sich in irgendeine Selbstsuggestion hineintreibt; das kann ja bei Besonnenheit nicht stattfinden —, gewisse Vorstellungen in den Mittelpunkt seines Bewußtseins zu rücken, dann hat man eine stärkere Kraft, als sie sonst im Seelenleben angewendet zu werden braucht, nötig, um diese Vorstellungen wiederum aus dem Bewußtsein fortzuschaffen. Man muß aber diese starke Kraft allmählich entwickeln, so daß man ebenso, wie man zuerst alle Aufmerksamkeit, alle innere Seelenkraft, Seelenspannkraft zusammengenommen hat, um zu ruhen auf einer solchen Vorstellung im Meditationszustand, nun dazu kommen muß, diese Vorstellungen, und überhaupt alle Vorstellungen, mit besonnener Willkür aus dem Bewußtsein fortzuschaffen. Und es muß eintreten können aus unserem Willen heraus, was man nennen könnte «leeres Bewußtsein». Was «leeres Bewußtsein» heißt, auch nur für einige Augenblicke, das wird der ermessen, der unbefangen darüber nachdenkt, wie es dem Menschen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein ergeht, wenn dieses Bewußtsein entbehren muß der Sinneseindrücke, entbehren muß auch der Erinnerungsvorstellungen, wenn durch irgendwelche Vorkommnisse dem Menschen die äußeren Eindrücke, auch die Erinnerungen genommen werden: er kommt zum Einschlafen, das heißt, das Bewußtsein wird herabgedämpft und herabgedämmert. Das Gegenteil davon muß eintreten; vollständig besonnenes, bewußtes Wachsein, trotzdem alles durch inneren Willen aus dem Bewußtsein herausgeschafft worden ist.
[ 24 ] And only when we then have the courage to continue the exercises to the next level do we arrive at true spiritual insight. This next step must not consist merely in developing the ability to bring certain concepts—which we can easily grasp, much as we grasp geometric concepts, knowing that there is nothing unconscious at work within them—into the center of our consciousness in order to strengthen our soul’s power through them, but also in enabling ourselves to remove these ideas from our consciousness with deliberation and at will. This can be a difficult task under certain circumstances. In everyday life, forgetting is not as difficult as ordinary consciousness is well aware. But once one has made the effort—even without driving oneself into any form of self-suggestion; for that cannot occur when one is acting with composure—to bring certain images into the center of one’s consciousness, then one needs a greater strength than is ordinarily required in the life of the soul in order to remove these images from consciousness again. However, one must develop this strong power gradually, so that just as one first gathered all one’s attention, all one’s inner soul power, and all one’s soul’s tension to rest upon such an idea in a state of meditation, one must now be able to remove these ideas—and indeed all ideas—from consciousness with level-headed willfulness. And it must be possible for what one might call “empty consciousness” to arise from our will. What “empty consciousness” means—even if only for a few moments—will be understood by anyone who thinks impartially about what happens to a person with ordinary consciousness when this consciousness must do without sensory impressions and must also do without memories—when, due to certain events, the person is deprived of external impressions, as well as memories: they fall asleep—that is, consciousness is dampened and dimmed. The opposite of this must occur: completely clear, conscious wakefulness, even though everything has been removed from consciousness by inner will.
[ 25 ] Wenn man so erst die Seele erkraftet und sie dann leer gemacht und bei Bewußtsein erhalten hat, dann tritt ebenso, wie vor das Auge die Farbe tritt, wie vor das Ohr die Töne treten, vor dieser Seele, die sich also dazu vorbereitet hat, eine geistige Umwelt auf. Wir schauen in die geistige Welt hinein. Und so können wir sagen: Gerade der hier gemeinten Geistesforschung ist es vollkommen begreiflich, daß für das gewöhnliche Bewußtsein Geist und Seele nicht erreicht werden können, ja daß sich als ein Richtiges — wie zum Beispiel für Richard Wahle — herausstellen muß: das gewöhnliche Bewußtsein sollte gar nicht von einem Ich reden. Denn alles, was da, ich möchte sagen, wie Dunkelheit gegenüber der Helligkeit hereintaucht und im gewöhnlichen Leben eigentlich nur mit Worten bezeichnet wird, das taucht eben erst auf, wenn solche Kräfte entwickelt werden, die gewöhnlich noch nicht da sind. Gerade die nüchterne Erkenntnis, was das gewöhnliche, an den Leib gebundene Bewußtsein vermag, spornt uns an, solche Kräfte in uns zu entwickeln, die nun die Seele und den Geist erst wirklich entdecken können.
[ 25 ] Once one has first strengthened the soul in this way, then emptied it, and maintained it in a state of consciousness, a spiritual environment appears before this soul—which has thus prepared itself—just as colors appear before the eye and sounds before the ear. We look into the spiritual world. And so we can say: It is perfectly understandable, particularly in the context of spiritual research as discussed here, that spirit and soul cannot be reached by ordinary consciousness; indeed, it must turn out to be true—as it is, for example, for Richard Wahle—that ordinary consciousness should not speak of an “I” at all. For everything that—I would say—emerges there like darkness in contrast to light, and which in ordinary life is actually described only in words, only begins to emerge when such powers are developed that are not yet present in ordinary consciousness. It is precisely the sober recognition of what ordinary, body-bound consciousness is capable of that spurs us on to develop within ourselves those powers that can now truly discover the soul and the spirit.
[ 26 ] Dabei ist aber noch eins zu berücksichtigen, wenn man auf diesem Wege zu einer gesunden und nicht zu einer krankhaften Seelenkunde kommen will. Nehmen Sie als krankhaft das Mediumistische, Visionäre, Halluzinatorische, so ist es so, daß der, der in ein solches krankhaftes Seelenleben verfällt, mit seiner ganzen Wesenheit in ihm aufgeht. Er wird eins — wenigstens für den Verlauf seiner seelischen Erkrankung — mit dem, was als krankhaftes Seelenleben auftritt. Nicht so ist es, wenn solche Übungen vorgenommen werden, wie sie hier angegeben wurden. Derjenige, der auf diese Art ein Seelenforscher wird, der läßt zwar seinen physischen Leib zurück mit den Fähigkeiten, die da sein müssen für das gewöhnliche Denken, für gewöhnliche Orientierung im Leben; er tritt heraus aus diesem Leibe, lernt leibfrei imaginativ schauen; ein schauendes Denken entwickelt er: aber keinen Moment geht er vollständig auf in diesem — wenn ich es so nennen darf, es ist nicht im Hochmut so genannt —, in diesem höheren Menschen, sondern er ist immer in der Lage, ebenso besonnen wiederum innerhalb seines Leibes zu wirken wie sonst, so daß der gewöhnliche Mensch mit seinem gesunden Menschenverstand immer neben diesem höher entwickelten Menschen steht — der gewöhnliche Mensch mit seinem gesunden Menschenverstand, der ein nüchterner Kritiker alles dessen ist, wozu im Schauen ‘dieser höhere Mensch kommt.
[ 26 ] However, there is one more thing to consider if one wishes to arrive at a healthy—rather than a pathological—understanding of the soul through this approach. If we consider mediumistic, visionary, and hallucinatory experiences to be pathological, then it is the case that the person who falls into such a pathological soul life becomes completely absorbed in it with their entire being. They become one—at least for the duration of their mental illness—with what manifests as a pathological soul life. This is not the case when exercises such as those described here are undertaken. The one who becomes a soul researcher in this way does indeed leave his physical body behind, along with the faculties necessary for ordinary thinking and for ordinary orientation in life; he steps out of this body, learns to see imaginatively without the body, and develops a contemplative thinking—but not for a single moment does he become completely absorbed in this—if I may call it that, it is not said out of arrogance—this higher human being—but is always in a position to act just as level-headed within his body as before, so that the ordinary person with his common sense always stands alongside this higher-developed human being—the ordinary person with his common sense, who is a sober critic of everything that “this higher human being” arrives at through his vision.
[ 27 ] Gegenüber der eigenen seelischen Wesenheit gelangen wir zunächst dadurch, daß wir das bildhafte lebendige Denken ausbilden und dann das leere Bewußtsein herstellen, zu einer Anschauung, die als eine Bildeinheit alles umfaßt, was wir durchgemacht haben in dem Erdenleben seit unserer Geburt, seit wir eingetreten sind in dieses Erdenleben. Nicht so wie es sonst in der Erinnerung ist, in der einzelne Reminiszenzen auftauchen — selbständig oder durch Anstrengung —, nicht so steht dieses vergangene Erdenleben jetzt vor der Seele, sondern es wird auf einmal überschaut wie ein mächtiges Tableau, das aber nicht im Raum, sondern in der Zeit vor uns steht. Wir überblicken auf einmal, mit einem Seelenblick, dieses Leben; aber so, wie es auch eingreift in unsere Wachstumsverhältnisse, in die Kraftwirksamkeiten unseres physischen Leibes. Wir schauen uns, wie wir auf dieser Erde hier als denkende, fühlende, wollende Wesen waren, aber so, daß Denken, Fühlen und Wollen sich jetzt verdichten und sich zu gleicher Zeit hineinorganisieren in die menschliche Wesenheit. Wir durchschauen unser geistig-seelisches Leben, wie es in unmittelbarer Verbindung steht mit dem Körperlichen. Wir geben es auf, durch philosophische Spekulation zu ergründen, wie die Seele auf den Leib wirkt. Wenn wir die Seele schauen, dann schauen wir auch, wie in jedem Augenblick das, was uns so in dem Tableau erscheint, in unser physisches Erdenleben eingegriffen hat. Die Einzelheiten werden in den nächsten Tagen zu schildern sein.
[ 27 ] We first come to face our own spiritual essence by developing vivid, imaginative thinking and then establishing a state of empty consciousness, thereby arriving at a vision that, as a unified image, encompasses everything we have experienced in our earthly life since our birth, since we entered this earthly existence. Not as it usually is in memory, where individual recollections arise—spontaneously or through effort—this past earthly life now stands before the soul not in that way, but is suddenly surveyed as a mighty tableau that stands before us not in space but in time. We suddenly survey this life with a soul’s gaze; but in such a way that it also intervenes in the conditions of our growth, in the forces at work within our physical body. We see ourselves as we were here on Earth as thinking, feeling, and willing beings, but in such a way that thinking, feeling, and willing now condense and, at the same time, become integrated into the human being. We see through our spiritual-soul life as it stands in direct connection with the physical. We give up trying to fathom through philosophical speculation how the soul acts upon the body. When we look at the soul, we also see how, in every moment, what appears to us in this tableau has intervened in our physical earthly life. The details will be described in the coming days.
[ 28 ] Der nächste Schritt muß nun darin bestehen, daß wir, indem wir die Kraftvorstellungen, die wir selbst in uns versetzt haben, wegschaffen aus unserem Bewußtsein, diese Kraftvorstellungen immer mehr und mehr verstätken. Wir verstärken sie, indem wir diese Übungen immer mehr und mehr fortsetzen, wie wir die Muskeln verstärken, wenn wir sie immer und immer üben. Und indem wir diese Kraftvorstellungen fortsetzen, gelangen wir dahin, dieses ganze Tableau des Seelenlebens, zu dem wir uns selbst erst durchgerungen haben, dieses ganze Tableau des Seelenlebens zwischen unserer Geburt und dem Moment, wo wir stehen, nun auch aus dem Bewußtsein wegzuschaffen. Das erfordert allerdings eine größere Anstrengung, als bloß Bildvorstellungen wegzuschaffen; aber man gelangt zuletzt dazu. Und wenn es uns gelingt, dieses eigene Leben, das wir im Erdendasein unser Innenleben nennen, aus dem Bewußtsein so fortzuschaffen, daß jetzt nicht nur unser Bewußtsein gegenüber gegenwärtigen Eindrücken leer wird, sondern daß es leer wird von alledem, was wir innerlich als in einem zweiten Leibe, in einem feineren Leibe, der aber in unsere Wachstums- und Erinnerungsverhältnisse selbst eingreift, erleben, was wir so wie in einem feineren Menschen, gleichsam in einem ätherischen Menschen, einem ersten übersinnlichen Menschen erleben — dann wird unser Bewußtsein, das nun bei vollständigem Wachsein zwar leer ist, aber eine stärkere innere Kraft sich errungen hat, weiter schauen können in der geistigen Welt. Und es kann jetzt auf das schauen, was das eigene Seelenwesen war, bevor es aus geistig-seelischen Welten heruntergestiegen ist zu einem physischen Erdendasein. Jetzt wird das, was wir die Ewigkeit der Menschenseele nennen, Anschauung, wird herausgehoben aus der Sphäre der bloß philosophischen Spekulation. Jetzt lernen wir hinschauen auf ein rein Geistig-Seelisches, das wir waren in einer geistig-seelischen Welt, bevor wir heruntergestiegen sind, um durch Konzeption, Keimleben und Geburt uns mit einem physischen Erdenleib zu umkleiden.
[ 28 ] The next step must now be for us to strengthen these concepts of power more and more by removing from our consciousness the concepts of power that we ourselves have instilled within us. We strengthen them by continuing these exercises more and more, just as we strengthen our muscles when we exercise them over and over again. And by continuing these mental images of power, we come to the point where we can now also remove from our consciousness this entire tableau of soul life—which we have only just managed to bring to light—this entire tableau of soul life spanning from our birth to the present moment. This does, of course, require a greater effort than merely removing visual images; but one eventually achieves it. And when we succeed in removing this life of our own—which we call our inner life during our earthly existence—from our consciousness in such a way that our consciousness is now emptied not only of present impressions but also of everything we experience inwardly as if in a second body, in a finer body—which, however, intervenes in our very processes of growth and memory—as we experience it as if in a finer human being, as it were, in an etheric human being, a first supersensible human being—then our consciousness, which is now empty during full wakefulness but has attained a stronger inner power, will be able to see further into the spiritual world. And it can now look upon what its own soul-being was before it descended from the spiritual-soul worlds to a physical earthly existence. Now what we call the eternity of the human soul becomes a vision, lifted out of the sphere of mere philosophical speculation. Now we learn to look upon a purely spiritual-soul entity that we were in a spiritual-soul world before we descended to clothe ourselves in a physical earthly body through conception, embryonic life, and birth.
[ 29 ] So phantastisch das schon für manchen Menschen der Gegenwart ist — wenn es auch auf einem so exakten Weg erworben ist wie nur die mathematischen Vorstellungen —, noch paradoxer mag erscheinen, was nun noch gesagt werden muß: nicht nur über die Seele, als sie noch ein geistig-seelisches Dasein hatte, sondern über das Konkrete dieses Erlebnisses. Nur andeutungsweise kann darüber gesprochen werden in diesem Vortrage; weiteres wird in den nächsten Vorträgen gesagt werden. Was so angedeutet werden soll, kann vielleicht auf die folgende Art verständlich gemacht werden.
[ 29 ] As fantastic as this may already seem to some people today—even though it has been arrived at through a process as precise as that of mathematical concepts—what must now be said may seem even more paradoxical: not only regarding the soul when it still had a spiritual-soul existence, but regarding the concrete nature of this experience. This lecture can only touch on the subject briefly; more will be said in the upcoming lectures. What is to be hinted at here can perhaps be made understandable in the following way.
[ 30 ] Fragen wir uns zunächst: Was schauen wir denn eigentlich, wenn wir im gewöhnlichen Erdenleben als erkennender, als verstehender, als wahrnehmender Mensch in das Wechselverhältnis treten mit unserer natürlichen Umgebung? Wir schauen eigentlich nur die Außenwelt. Schon aus dem, was ich heute eingangs erwähnt habe, geht das hervor. Wir schauen eigentlich nur die Außenwelt, den Kosmos. Aber das, was sich in unserem Innern abspielt, schauen wir auch nur dadurch, daß wir es zu einem Äußerlichen machen in Physiologie, Anatomie. Wenn es auch großartig ist, wir schauen das Innere doch nur, indem wir es zuerst zu einem Äußerlichen machen und die Untersuchungen dann so machen, wie wir sie an äußeren Vorgängen zu machen gewohnt sind. Aber es ist Finsternis da unten in dem Gebiet, in das wir eintauchen, in das wir unser Geistig-Seelisches hinunterströmen fühlen in die Organe. Wir schauen im gewöhnlichen Leben, zwischen Geburt und Tod, im Grunde genommen nur das, was außer uns ist; durch unmittelbares Anschauen können wir nicht ins Innere des Menschen hineinblicken und sehen, wie das Geistig-Seelische eingreift in die Leibesorgane. Der aber, der ein wenig in unbefangener Weise von dem Standpunkt einer geistigen Anschauung, wie ich ihn entwickelt habe, auf das Leben forschend hinzuschauen vermag, wird zu dem Folgenden kommen. Er wird sagen: Großartig und gewaltig ist schon der äußere Anblick, sind die Gesetzmäßigkeiten, die wir erkunden in der äußeren Welt der Sterne, in der äußeren Welt der Sonne, die uns zusendet Licht und Wärme; großartig und gewaltig ist das, was wir erleben, wenn wir entweder nur anschauen und ganze Menschen sind bei diesem Anschauen, oder wenn wir wissenschaftlich erkunden, was da an Gesetzmäßigkeiten vorliegt, wenn die Sonne uns Licht und Wärme zusendet und hervorzaubert das Grün der Pflanzen; großartig und gewaltig ist das. Aber könnten wir hineinschauen in den Bau des menschlichen Herzens, so wäre die innere Gesetzmäßigkeit dieses Herzens eine großartigere und gewaltigere als das, was wir äußerlich erblicken!
[ 30 ] Let us first ask ourselves: What do we actually see when, in our ordinary earthly life, as thinking, understanding, and perceiving human beings, we enter into interaction with our natural environment? We actually see only the external world. This is already evident from what I mentioned at the beginning today. We actually see only the external world, the cosmos. But we also see what is happening within us only by making it external through physiology and anatomy. Even though this is remarkable, we see the inner world only by first making it external and then conducting investigations in the same way we are accustomed to doing with external processes. But there is darkness down there in the realm into which we plunge, into which we feel our spiritual-soul aspects flowing down into the organs. In ordinary life, between birth and death, we essentially see only what is outside of us; through direct observation, we cannot look into the inner being of the human being and see how the spiritual-soul aspect intervenes in the bodily organs. But anyone who is able to look at life with a little open-minded curiosity from the standpoint of a spiritual perspective, as I have developed it, will come to the following conclusion. They will say: Magnificent and awe-inspiring is the outer sight itself, are the laws we explore in the outer world of the stars, in the outer world of the sun, which sends us light and warmth; magnificent and awe-inspiring is what we experience when we either simply observe—and are fully present as human beings in this act of observation—or when we scientifically investigate the laws at work as the sun sends us light and warmth and conjures up the green of the plants; magnificent and awe-inspiring is that. But if we could look into the structure of the human heart, the inner laws of that heart would be even more magnificent and awe-inspiring than what we see externally!
[ 31 ] Das kann der Mensch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein ahnen. Aber die Wissenschaft, die auf exaktem Hellsehen beruht, kann es auch zu einem wirklichen Forschungsresultat erheben. Sie kann sagen: Groß und gewaltig erscheinen uns die Veränderungen im Luftkreis; und es liegt ein Ideal vor der Wissenschaft, die auch hier in größere und gewaltigere Gesetzmäßigkeiten hineinschauen wird; aber noch größer ist das, was im Bau und in den Funktionen der menschlichen Lunge vorhanden ist und vor sich geht! Nicht auf die Größe kommt es an. Der Mensch ist eine kleine Welt gegenüber der großen. Allein schon Schiller sagt: Im Raum wohnt, Freund, das Erhabene nicht. — Er meint das höchste Erhabene. Dieses höchste Erhabene kann erst erlebt werden, wenn man es in der menschlichen Organisation selber erlebt.
[ 31 ] A person with ordinary consciousness can sense this. But science, based on precise clairvoyance, can also elevate it to a genuine research finding. It can say: The changes in the atmosphere appear vast and mighty to us; and science has before it an ideal—to look deeper into even greater and mightier laws here as well—but even greater is what exists and takes place in the structure and functions of the human lung! It is not a matter of size. The human being is a small world compared to the great one. Schiller himself says: “The sublime, my friend, does not dwell in space.” — He means the highest sublime. This highest sublime can only be experienced when one experiences it within the human organism itself.
[ 32 ] Zwischen Geburt und Tod wird es vom Menschen mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein nicht erkundet. Aber in dem Dasein, in dem wir sind, bevor wir uns mit dem Leibesdasein vereinigen, in dem geistig-seelischen Dasein, in einer geistig-seelischen Umgebung, da liegt gerade das Umgekehrte vor. Wie uns hier finster ist die innere Menschenwelt und hell und tonvoll die äußere Welt des Kosmos, So ist uns in dem rein geistig-seelischen Leben vor unserer Erdenverkörperung dunkel die äußere kosmische Welt; dagegen ist unsere Welt dann das menschliche Innere. Wir schauen das menschliche Innere! Und wahrhaftig, es erscheint uns da nicht kleiner und ungewaltiger, als uns der Kosmos erscheint, wenn wir ihn durch unsere physischen Augen während unseres Erdendaseins erschauen. Wir finden uns hinein als in unsere «Außenwelt» in dasjenige, was die Gesetzmäßigkeit unseres menschlichen Innern, unseres geistig-seelischen menschlichen Innern ist, und wir bereiten uns vor, nun im Geistig-Seelischen innere Bearbeiter unserer Leibesfunktionen zu werden, Bearbeiter dessen zu werden, was wir sind zwischen Geburt und Tod. Was wir zwischen Geburt und Tod sein werden, das liegt offen als eine Welt vor uns ausgebreitet, bevor wir heruntersteigen in dieses physische Erdendasein.
[ 32 ] Between birth and death, this is not explored by human beings with their ordinary consciousness. But in the existence we inhabit before we unite with our physical body—in that spiritual-soul existence, within a spiritual-soul environment—the exact opposite is true. Just as the inner world of the human being appears dark to us here, while the outer world of the cosmos appears bright and resounding, so too, in the purely spiritual-soul life before our incarnation on Earth, the outer cosmic world appears dark to us; in contrast, our world is then the inner world of the human being. We gaze upon the inner human world! And truly, it does not appear any smaller or less powerful to us than the cosmos appears when we behold it through our physical eyes during our earthly existence. We find ourselves entering—as into our “outer world”—into that which is the lawfulness of our human inner life, our spiritual-soul human inner life, and we prepare ourselves to now become, in the spiritual-soul realm, the inner agents of our bodily functions, to become the agents of that which we are between birth and death. What we will be between birth and death lies spread out before us as a world, open to our view, before we descend into this physical earthly existence.
[ 33 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Das ist keine Spekulation. Das ist unmittelbare Anschauung, die sich dem exakten Hellsehen ergibt. Das ist etwas, was vom Gesichtspunkt dieses exakten Hellsehens aus uns ein Stück hineinführt in das, was wir den Zusammenhang des menschlichen Ewigen mit dem Leben zwischen Geburt und Tod nennen können — des menschlichen Ewigen, das uns verborgen bleibt zwischen Geburt und Tod, das uns erst aufleuchtet, wenn wir es anzuschauen vermögen in dem noch unverkörperten Zustand. Es ist ein Teil der menschlichen Ewigkeit selbst damit erkundet. Für diesen Teil der menschlichen Ewigkeit haben wir in den neueren Sprachen nicht einmal ein Wort. Wir reden von Unsterblichkeit mit Recht; aber wir sollten auch reden von Ungeborenheit. Denn diese tritt uns als unmittelbare Erkenntnis zunächst auf.
[ 33 ] Ladies and gentlemen! This is not speculation. It is direct insight derived from precise clairvoyance. From the perspective of this precise clairvoyance, it leads us a little way into what we might call the connection between the eternal human being and life between birth and death—the eternal human being that remains hidden from us between birth and death, which only becomes clear to us when we are able to perceive it in its still disembodied state. In this way, a part of human eternity itself has been explored. We do not even have a word for this part of human eternity in modern languages. We speak of immortality, and rightly so; but we should also speak of “unbornness.” For this is what first presents itself to us as immediate insight.
[ 34 ] Das ist die eine Seite des exakten Hellsehens, die eine Seite der menschlichen Ewigkeit, der großen Rätselfrage des menschlichen Seelenlebens, damit der höchsten Frage der Psychologie überhaupt. Die andere Seite ergibt sich, wenn wir jene anderen Übungen machen, die ich gestern als Willensübungen bezeichnet habe, durch die wir unseren Willen so in die Hand nehmen, daß wir uns dieses Willens leibfrei, unabhängig vom Leib bedienen lernen. Ich habe ausgeführt, daß diese Übungen dazu führen, Schmerz und Leid innerhalb der Seele überwinden zu müssen, um diese Seele, uneigentlich gesprochen, ganz zum «Sinnesorgan», eigentlich gesprochen, zum geistigen Anschauungsorgan zu machen, so daß wir das Geistige nicht nur anschauen, sondern in seiner Verbürgtheit anschauen. Dann aber, wenn wir lernen, in dieser Art außerhalb unseres Leibes nicht nur mit unseren Gedanken, sondern mit unserem Willen selbst, also mit unserer ganzen menschlichen Wesenheit, leibfrei zu erleben, dann tritt vor die Anschauung der Seele das Bild des Todes in der Art, daß wir jetzt wissen, wie das Erleben ist ohne den Leib: sowohl im Denken, wie im Willen und in dem, was dazwischenliegt, im Fühlen. Wir lernen in bildhafter Weise ohne den Leib leben. Das gibt uns ein Bild davon, wie wir hinausgehen durch die Pforte des Todes, wie wir den Leib auch in der Realität entbehren können und wie wir, durch die Pforte des Todes hindurchgehend, wiederum in jene geistig-seelische Sphäre kommen, aus der wir heruntergestiegen sind in diese Leiblichkeit. Nicht nur zu einer philosophischen Gewißheit, sondern zu unmittelbarer Anschauung wird das, was in uns als Ewiges, Unsterbliches lebt. Durch die Willensbildung wird die andere Seite der Ewigkeit, die Unsterblichkeit, ebenso enthüllt für die seelische Anschauung, wie die Ungeborenheit für die Gedankenbildung enthüllt wird.
[ 34 ] This is one aspect of exact clairvoyance, one aspect of human eternity, the great mystery of human spiritual life—and thus the highest question of psychology itself. The other aspect emerges when we perform those other exercises that I referred to yesterday as “exercises of the will,” through which we take control of our will in such a way that we learn to use it independently of the body. I have explained that these exercises lead us to have to overcome pain and suffering within the soul in order to make this soul—in a figurative sense—entirely a “sense organ,” and in the proper sense, a spiritual organ of perception, so that we not only perceive the spiritual, but perceive it in its certainty. But then, when we learn to experience in this way outside our body—not only with our thoughts but with our will itself, that is, with our entire human being—free from the body, the image of death appears before the soul’s perception in such a way that we now know what it is like to experience life without the body: both in thinking and in willing, and in what lies between them—in feeling. We learn, in a pictorial sense, to live without the body. This gives us a picture of how we pass through the gate of death, how we can do without the body even in reality, and how, passing through the gate of death, we return to that spiritual-soul sphere from which we descended into this physical existence. What lives within us as eternal and immortal becomes not merely a philosophical certainty, but a direct insight. Through the formation of the will, the other side of eternity—immortality—is revealed to the soul’s insight just as pre-existence is revealed to the formation of thought.
[ 35 ] Dann aber, wenn die Seele in dieser Art ein Geistorgan wird, dann ist es in der Tat so, als ob, in einer niedrigeren Region, ein Blindgeborener operiert würde. Der Blindgeborene war bisher gewohnt, das, was für den Sehenden Farbenwelt ist, nur durch das Tasten wahrzunehmen. Er schaut ganz Neues, wenn er nun operiert worden ist. Dieselbe Welt, in der er früher lebte, wird jetzt für ihn eine andere. So wird für den, dessen seelisches Auge in der geschilderten Weise geöffnet wird, diese Umwelt eine andere. Und ich will nur in bezug auf einen Punkt heute noch hervorheben, inwiefern sie eine andere wird.
[ 35 ] But then, when the soul becomes a spiritual organ in this way, it is indeed as if, in a lower region, a person born blind were undergoing surgery. Until then, the person born blind had been accustomed to perceiving what is a world of colors for the sighted only through touch. Once the operation is complete, he sees something entirely new. The very same world in which he used to live now becomes a different one for him. In the same way, for the person whose soul’s eye is opened in the manner described, this environment becomes a different one. And today I would like to highlight just one aspect of how it becomes different.
[ 36 ] Wir sehen sonst im Leben mit dem ungeöffneten Seelenauge, wie zum Beispiel ein Mensch da lebt, indem er zuerst seine kindlichen Lebensschritte unternimmt, dann heranwächst, zu einem Schicksalsereignis seines Lebens kommt: Er trifft einen anderen Menschen; die Seelen verbinden sich so, daß die beiden Menschen durch diese Verbindung der Seelen ihr Schicksal aneinanderbinden, ihren Lebensweg nun weiter zusammen verfolgen — nur ein einzelnes Ereignis will ich, wie gesagt, herausgreifen. Wir sind angewiesen im gewöhnlichen Bewußtsein, das, was eintritt im Leben, wie eine Summe von Zufälligkeiten anzusehen und mehr oder weniger auch als einen Zufall, daß wir zuletzt zu diesem Schicksalsereignis, zu dem Treffen mit dem andern Menschen geführt worden sind. Nur einzelne Menschen, wie Goethes Freund Krebel, erwerben sich, gewissermaßen rein durch ihr Alter, eine innere Lebensweisheit. Er sprach es einmal aus seinem Freund Goethe gegenüber: Wenn man zurückschaut in vorgerückterem Alter auf seine Lebensschritte, da findet man etwas in ihnen, was wie planvoll geordnet erscheint, so daß von vornherein alles so keimhaft veranlagt erscheint und sich das Weitere so entwickelt, daß man wie durch innere Notwendigkeit hingeführt wird zu dem, was dann als Schicksalsereignis erscheint. Mit dem geöffneten Seelenauge erblicken wir allerdings ein Leben der Menschen, das sich zu dem Leben, welches man mit dem ungeöffneten Auge schaut, verhält wie die farbige Welt zu der bloß getasteten des Blinden.
[ 36 ] In life, we usually see with the unopened eye of the soul how, for example, a person lives—first taking their first childlike steps in life, then growing up, and eventually reaching a fateful event in their life: they meet another person; their souls unite in such a way that, through this union of souls, the two people bind their destinies together and now continue their life’s journey side by side—I want to single out just one event, as I said. In ordinary consciousness, we are inclined to view what occurs in life as a sum of coincidences and, to a greater or lesser extent, also as a coincidence that we were ultimately led to this fateful event—to the encounter with the other person. Only a few individuals, such as Goethe’s friend Krebel, acquire—in a sense, purely through their age—an inner wisdom of life. He once expressed this to his friend Goethe: When one looks back on the stages of one’s life in advanced age, one finds something in them that appears to be purposefully ordered, so that from the very beginning everything seems to be predisposed in a nascent form, and the rest unfolds in such a way that one is led, as if by an inner necessity, to what then appears as a fateful event. With the eye of the soul opened, however, we behold a human life that relates to the life seen with the unopened eye in the same way that the world of color relates to the world merely felt by the blind.
[ 37 ] Man schaut hin, wie aus dem kindlichen Seelenleben, aus dem Wechselspiel von Sympathie und Antipathie, sich die ersten Schritte des Kindes entwickeln, wie dann, aus dem innersten Menschenwesen hervorquellend, der Mensch selbst, wie aus innersten Sehnsüchten, seine Schritte lenkt, wie er sich selbst hinführt zu dem Schicksalsereignis. Das ist nüchterne Lebensbeobachtung. Wenn man aber das Leben so ansieht, dann steht es vor einem wie etwa das Leben eines Greises: wir werden nicht sagen, das Leben des Greises sei «an und für sich da»; durch die Logik wissen wir das Greisenleben auf ein Kindesleben zurückzuführen; durch seine eigenen Eigentümlichkeiten müssen wir es auf ein Kindesleben zurückführen. Was für das Greisenleben die bloße Logik tut, das tut für das Menschenleben überhaupt, durch das exakte Hellsehen, das Anschauen: Wenn wir das Leben, wie es sich aus den innersten Seelensehnsüchten entwickelt, wirklich schauen, dann müssen wir es schauend zurückverfolgen. Und dann kommen wir zu früheren Erdenleben, in denen sich dasjenige vorbereitet hat, was in der Gegenwart als Seelensehnsüchte sich herausentwickelt, was dann zu unseren Betätigungen führt und so weiter.
[ 37 ] One observes how, out of the child’s inner life—out of the interplay of sympathy and antipathy—the child’s first steps develop; how then, springing from the innermost being of the human person, the person themselves—guided by their innermost longings—directs their steps; how they lead themselves toward the fateful event. This is sober observation of life. But when one views life in this way, it stands before one much like the life of an old man: we would not say that the old man’s life “exists in and of itself”; through logic, we know that old age can be traced back to childhood; through its own peculiarities, we must trace it back to childhood. What mere logic does for the life of an old person, exact clairvoyance—contemplation—does for human life in general: When we truly observe life as it develops from the innermost longings of the soul, we must trace it back through this observation. And then we arrive at earlier earthly lives, in which the very things that are now developing as soul longings were prepared—things that then lead to our actions and so on.
[ 38 ] Ich konnte heute nur andeuten, daß nicht irgendeine Phantasterei, sondern ein ganz exakter Weg zu einer solchen umfassenden Lebensbetrachtung führt, die in der Tat durch eine entwickelte Seelenkunde hineindringt zu dem Ewigen in der Menschennatur. Dann aber erhebt sich auf einem solchen Unterboden, der manchem noch abstrakt erscheinen mag, etwas, was nun Gewißheit wird, etwas, was aus der gegenwärtig uns als modernen Menschen angemessenen Erkenntnis herausquillt und eine Erkenntnisgrundlage für eine wahre innere Frömmigkeit, für ein wahres inneres religiöses Leben bietet.
[ 38 ] Today I could only hint that it is not some fanciful notion, but a very precise path that leads to such a comprehensive view of life—one that, through a developed psychology of the soul, indeed penetrates to the eternal in human nature. But then, on such a foundation—which may still seem abstract to some—something arises that becomes certainty, something that springs from the knowledge appropriate to us as modern human beings and provides a basis of understanding for true inner piety, for a true inner religious life.
[ 39 ] Wer einmal eingesehen hat, und zwar meine ich jetzt das Wort «eingesehen» im wörtlichen Sinn, wer geschaut hat, wie sich die einzelne Seele aus dem Leibe losringt, um in ein geistig-seelisches Reich einzugehen, der schaut auch unser soziales Leben anders an. Er schaut, ausgerüstet in seiner Gesinnung, hin, wie unter den Menschen sich Freundschaften, Liebesverhältnisse, andere soziale Zusammenhänge bilden; er schaut hin, wie Seele zu Seele sich findet aus der Familie, aus anderen Gemeinschaften heraus; er findet, wie das körperliche Beisammensein die seelische Gemeinschaft, das seelische Ineinanderfühlen und Ineinanderleben vermittelt; er weiß nun, daß ebenso wie von der einzelnen Seele der Leib abfällt, so die irdischen Leiblichkeiten und Geschehnisse abfallen von den Freundschaften, von den Liebeszusammenhängen, und er schaut, wie sich das, was seelisch geworden ist von Mensch zu Mensch, fortsetzt in eine geistig-seelische Welt, wo es auch geistig-seelisch erlebt werden kann.
[ 39 ] Anyone who has ever witnessed—and here I mean the word “witnessed” in the literal sense—anyone who has seen how the individual soul breaks free from the body to enter a spiritual-soul realm, will also view our social life differently. Equipped with this understanding, they observe how friendships, romantic relationships, and other social bonds form among people; they observe how soul finds soul, emerging from the family and other communities; they discover how physical togetherness fosters spiritual communion, spiritual empathy, and a shared spiritual life; he now knows that just as the body falls away from the individual soul, so too do earthly physicalities and events fall away from friendships and romantic relationships, and he observes how that which has become soul-related between human beings continues into a spiritual-soul world, where it can also be experienced in a spiritual-soul manner.
[ 40 ] Und dann kann gesagt werden, jetzt auf einer Erkenntnis-, nicht auf einer Glaubensgrundlage: Die Menschen finden sich, indem sie durch die Pforte des Todes schreiten, wiederum zusammen. Und gerade wie in der geistigen Welt der Leib als Hindernis für das Schauen des Geistigen wegfällt, so fällt jedes Hindernis für Freundschaft und Liebe nun hinweg in der geistigen Welt. Die Menschen sind da näher zusammen als in der Leiblichkeit. Eine Erkenntnis, die noch abstrakt ausschauen mag in bezug auf wahre Psychologie, gipfelt in diesem religiösen Empfinden, in diesem religiösen Schauen, ohne daß diejenige Weltanschauung, von deren Boden aus ich hier spreche, irgendein Religionsbekenntnis antasten will. Sie kann tolerant sein, sie kann jedes einzelne Religionsbekenntnis in seinem Wert voll anerkennen, es auch praktisch ausüben; aber sie führt zu gleicher Zeit als eine Helferin des religiösen Lebens eine Erkenntnisgrundlage auch dieses religiösen Lebens herbei.
[ 40 ] And then it can be said—now on the basis of knowledge, not faith—that people find one another again as they pass through the gate of death. And just as in the spiritual world the body ceases to be an obstacle to perceiving the spiritual, so every obstacle to friendship and love now falls away in the spiritual world. People are closer to one another there than they are in physical life. A realization that may still seem abstract in relation to true psychology culminates in this religious feeling, in this religious vision, without the worldview from which I speak here intending to encroach upon any religious creed. It can be tolerant; it can fully acknowledge the value of every individual religious creed and even practice it; but at the same time, as a helper of religious life, it also provides a foundation of understanding for this religious life as well.
[ 41 ] Nun, damit wollte ich heute nur einiges Grundlegende über das Verhältnis einer modernen geistmäßigen Weltanschauung zur Seelenkunde ausführen. Ich weiß vielleicht besser als mancher Gegner, was heute noch alles eingewendet werden kann, wenn so die Anfänge einer solchen Weltanschauung dargestellt werden. Aber ich glaube auch zu wissen, daß die Sehnsüchte nach einer solchen Seelenkunde, wenn auch ganz im Unbewußten, bei unzähligen Seelen heute vorhanden sind, so daß es immer und immer wiederum gesagt werden muß: Wie man kein Maler zu sein braucht, um die Schönheit eines Bildes zu empfinden, so braucht man selbst nicht Geistesforscher zu sein — obwohl man es bis zu einem gewissen Grade werden kann —, um prüfen zu können, ob das wahr ist, was ich hier sage. Wie man die Schönheit eines Bildes empfinden kann, ohne selbst Maler zu sein, so kann man mit dem gewöhnlichen, gesunden Menschenverstand heute einsehen, was der Geistesforscher der Seele sagt. Daß man es einsehen kann, das glaube ich um so mehr erhärtet zu haben, als ich zu erkennen glaube, wie die Seelen nach einer Vertiefung der Seelenkunde, der großen Daseinsrätsel des Lebens in bezug auf die Seele dürsten, wie tatsächlich das, was mit einer solchen modernen Weltanschauung, wie sie hier skizziert wurde, versucht wird, heute den Drang zahlloser Menschen bildet, die es auch gar nicht wissen in ihrem gewöhnlichen Bewußtsein, wie es den Schmerz, das Leid, die Entbehrung, den Wunsch unzähliger Menschen bildet, all derer, die es ernst meinen mit dem, was wir finden müssen als aufsteigende Kräfte gegenüber so vielen in unserer Gegenwart vorhandenen Niedergangskräften.
[ 41 ] Well, today I simply wanted to outline a few basic points regarding the relationship between a modern spiritual worldview and the study of the soul. I know, perhaps better than many of its opponents, what objections can still be raised today when the beginnings of such a worldview are presented in this way. But I also believe that the longing for such a science of the soul exists today—even if entirely in the unconscious—in countless souls, so that it must be said again and again: Just as one need not be a painter to appreciate the beauty of a painting, so one need not be a spiritual researcher oneself—although one can become one to a certain extent—to be able to verify whether what I am saying here is true. Just as one can appreciate the beauty of a painting without being a painter oneself, so too can one understand today, with ordinary, sound common sense, what the spiritual researcher says about the soul. I believe I have further confirmed that this can be understood, for I perceive how, after delving deeper into the science of the soul, souls thirst for the great mysteries of existence as they relate to the soul; how, in fact, what is being attempted with such a modern worldview as has been outlined here is today the driving force behind countless people—who are not even aware of it in their ordinary consciousness—and is the source of the pain, suffering, deprivation, and longing of countless people, all those who are serious about what we must find as ascending forces in the face of so many forces of decline present in our time.
[ 42 ] Und dessen muß sich heute jeder, der von einer zeitgemäßen Weltanschauung spricht, bewußt sein: daß er im Einklang sprechen, denken und wollen muß mit dem, was unsere so ernste Zeit in den Seelen, wenn auch vielfach unbewußt, erstrebt. Und ich glaube — lassen Sie mich damit schließen —, daß gerade in solchen Weltanschauungsansätzen, wie ich sie heute entwickelt habe, etwas von dem liegt, was zahlreiche Seelen heute erstreben, weil sie es brauchen als geistigen Inhalt, als lebendiges Geistesleben für die Gegenwart und für die nächste Zukunft.
[ 42 ] And everyone who speaks of a contemporary worldview today must be aware of this: that they must speak, think, and will in harmony with what our time of such gravity strives for in people’s souls, even if often unconsciously. And I believe—let me conclude with this—that it is precisely in such approaches to a worldview, as I have outlined today, that there lies something of what numerous souls are striving for today, because they need it as spiritual substance, as a living spiritual life for the present and for the near future.
