Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
3 June 1922, Vienna
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Contrasts Between Western and Eastern Cultures, tr. SOL
3. Anthroposophie Und Weltorientierung
3. Anthroposophy and Worldview
Ost-West in der Geschichte
East-West in History
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Goethe, der so vieles großes Menschenbewegende in einfache Ausdrücke geprägt hat, schrieb auch den Satz nieder: «Frage sich doch jeder, mit welchem Organ er allenfalls in seine Zeit einwirken kann und wird!»
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Goethe, who expressed so many profound and moving ideas in simple terms, also wrote the following: “Let each person ask himself with what means he can and will influence his time!”
[ 2 ] Läßt man einen solchen Ausspruch — mit all dem, wovon man wissen kann, daß es durch Goethes Seele gezogen sein könnte, indem er einen solchen Ausspruch tat — auf sich wirken, so wird man hineinversetzt in das ganze Verhältnis des Menschen zum geschichtlichen Leben. Gewiß verläuft das heute noch bei den meisten Menschen mehr oder weniger unbewußt, daß sie suchen, ihren besonderen Standpunkt zu gewinnen, durch den sie die Möglichkeit finden, in der rechten Art ihre Kräfte so einzusetzen im Entwickelungsgang der Menschheit, daß dieses Einsetzen aus dem Geist der Epoche heraus geschieht, in der sie leben. Aber man darf wohl sagen: eine schon oberflächliche Betrachtung des menschlichen Lebens in seiner Entwickelung zeigt, daß die Menschen schließlich darauf angewiesen sind, immer bewußter und bewußter ihr Leben zu gestalten. Das instinktive Leben war das Kennzeichen alter Kulturepochen. Der Übergang zu einer immer größeren Bewußtheit ist auch ein geschichtlicher Faktor. Und in der Gegenwart kann man schon fühlen, wie das immer komplizierter und komplizierter gewordene Leben von dem Menschen fordert, daß er mit einem gewissen Grad von Bewußtsein sich hineinstelle, wenn er auch auf einem vielleicht noch so wenig bemerkenswerten Platz steht, in die Entwickelung der Menschheit. Allein gerade bei dem Streben nach einem solchen Standpunkt haben wir im Grunde heute noch wenig Anhaltspunkte an der Betrachtung der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit.
[ 2 ] If one allows such a statement—along with everything we can know about what might have stirred within Goethe’s soul as he uttered it—to sink in, one is transported into the whole relationship of the human being to historical life. Certainly, for most people today this still takes place more or less unconsciously: they seek to find their own particular standpoint, through which they discover the possibility of applying their powers in the right way to the course of human development—so that this application arises from the spirit of the epoch in which they live. But it is safe to say: even a superficial observation of human life in its development shows that people are ultimately dependent on shaping their lives with ever greater consciousness. Instinctive living was the hallmark of ancient cultural epochs. The transition to ever greater consciousness is also a historical factor. And in the present day, one can already sense how life—which has become increasingly complex—demands that human beings engage in the development of humanity with a certain degree of consciousness, even if they occupy a position that may seem insignificant. Yet, precisely in the pursuit of such a perspective, we still have, in essence, few points of reference today when considering the historical development of humanity.
[ 3 ] Diese Betrachtung der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit im neueren Sinn einer Wissenschaft ist eigentlich noch nicht besonders alt. Und man möchte sagen, man verspürt die Jugend der geschichtlichen Betrachtung in dem, was eben in der Geschichtsschreibung zutage getreten ist.
[ 3 ] This approach to the historical development of humanity, in the modern scientific sense, is actually not particularly old. And one might say that the youthfulness of this historical perspective is evident in what has recently come to light in the field of historiography.
[ 4 ] Diese Geschichtsschreibung hat Großartiges hervorgebracht. Allein indem sie sich aus der ja sogar im 18. Jahrhundert noch herrschenden unwissenschaftlichen Chronikenschreibung herausentwickelte, versuchte sie, weil sie in das naturwissenschaftliche Zeitalter hineinfiel, immer mehr und mehr auch naturwissenschaftliche Formen anzunehmen. Und so sehen wir, daß sich die geschichtliche Betrachtungsweise mehr und mehr der Anschauung genähert hat, daß immer das Folgende aus dem Vorhergehenden ursächlich begriffen werden müsse. Aber wer unbefangen genug ist, kann sehen, daß zwar eine solche ursächliche Betrachtung des geschichtlichen Lebens der Menschheit weit führt, daß aber immer noch zahllose Tatsachen dieses geschichtlichen Lebens bleiben, die sich nicht widerspruchslos einreihen lassen in eine einfache Ursachenbetrachtung. Und dann erscheint einem wohl ein Bild, das versinnlichen kann das geschichtliche Leben: das Bild eines fortfließenden Stromes, bei dem wir aber dasjenige, was an einem bestimmten Punkte seines Laufes ist, nicht immer bloß herleiten könnten aus dem, was ein wenig weiter stromaufwärts ist, sondern bei dem wir Rücksicht darauf nehmen müßten, daß in seinen Tiefen allerlei von Kräften waltet, die sich an jeder Stelle an die Oberfläche drängen können, Wellen aufwerfen können, die nicht durch die vorhergehenden bedingt sind.
[ 4 ] This approach to historiography has produced magnificent results. Simply by evolving from the unscientific chronicle-writing that still prevailed even in the 18th century, it sought—because it coincided with the age of natural science—to adopt increasingly scientific forms. And so we see that the historical perspective has increasingly converged with the view that what follows must always be understood in terms of the causes of what preceded it. But anyone open-minded enough can see that, while such a causal analysis of humanity’s historical life goes a long way, there still remain countless facts of this historical life that cannot be seamlessly integrated into a simple causal framework without contradiction. And then an image emerges that can help us visualize historical life: the image of a flowing river, in which, however, we cannot always derive what is at a particular point in its course merely from what lies a little further upstream, but must take into account that all manner of forces are at work in its depths, forces that can surge to the surface at any point and create waves that are not determined by the preceding ones.
[ 5 ] So scheint wohl auch das geschichtliche Leben der Menschheit hineinzuweisen in unsägliche Tiefen, erscheint uns wie eine Oberfläche, an die heraufstoßen unermeßlich viele Kräfte. Und die menschliche Betrachtung kann sich wohl kaum vermessen, in all das etwa restlos hineinzuschauen, was irgendeiner Epoche besonders eigentümlich ist. Daher wird sich wohl die geschichtliche Betrachtung immer mehr und mehr dem nähern müssen, was ich nennen möchte eine symptomatologische Betrachtung. Wir müssen ja auch am menschlichen Organismus, der eine so reichlich in sich differenzierte Totalität ist, vieles von seinem gesunden und kranken Zustand dadurch konstatieren, daß wir auf die Symptome sehen, in denen sich dieser Organismus äußert. Ebenso müssen wir uns wohl nach und nach gewöhnen, eine geschichtliche Symptomatologie zu treiben: was sich an der Oberfläche ankündigt, so aufzufassen, daß es uns auf einzelnes hindeutet und wir durch immer mehr und mehr Symptome, die wir in unsere Anschauung hereinbegreifen, dazu kommen, das innerlich Lebendige des geschichtlichen Werdens so auf uns wirken zu lassen, daß wir durch das innerlich seelische Ergreifen der geschichtlichen Kräfte der Menschheit, die ja auf allerlei Umwegen auch in unsere Seele wirken, befähigt werden, unseren Platz in der Menschheitsentwickelung zu finden.
[ 5 ] Thus, the historical life of humanity also seems to point toward unspeakable depths; it appears to us as a surface against which an immeasurable number of forces are pushing. And human observation can hardly presume to look completely into everything that is particularly characteristic of any given epoch. Therefore, historical analysis will likely have to move ever closer to what I would like to call a symptomatological approach. After all, even when it comes to the human organism—which is a totality so richly differentiated within itself—we must ascertain much about its healthy and diseased states by observing the symptoms through which this organism manifests itself. Likewise, we must gradually accustom ourselves to practicing a historical symptomatology: to interpret what announces itself on the surface as pointing us toward particular aspects, and through the ever-increasing number of symptoms that we bring into our understanding, come to allow the inner vitality of historical becoming to affect us in such a way that, through an inner, spiritual grasp of the historical forces of humanity—which, after all, also act upon our souls through all manner of detours—we are enabled to find our place in the development of humanity.
[ 6 ] Gerade eine solche Betrachtung der Welt und des Lebens, wie ich sie vor Ihnen entwickeln durfte, kann einem so recht die Empfindung davon beibringen, wie sich auch in dem, was man in seinem intimsten Innern erlebt, geschichtlich Symptomatisches ausspricht. Gerade das was ich Ihnen geschildert habe, das Erwachen und Erwecken von Erkenntnisfähigkeiten, die im gewöhnlichen Bewußtsein nicht vorhanden sind, sondern die im gewöhnlichen Leben tief unten in der Seele schlummern, gerade dieses Erwachen und Erwecken von Erkenntniskräften, wie es dem modernen Menschen angemessen ist, führt uns dazu, einzusehen, daß wir diese Erkenntniskräfte in der Gegenwart nicht nur anders entwickeln müssen, als sie in der Vorwelt entwickelt worden sind. Sondern wenn wir dann solche Kräfte entwickeln, wenn wir dieses intime innere Leben bis zu einem geistigen Schauen führen, dann stellt sich für den heutigen Menschen der Grundcharakter dieses geistigen Schauens doch in einer ganz anderen Weise dar, als er sich dargestellt hat für Menschen zum Beispiel des orientalischen Uraltertums, an das wir gerührt haben, als vorgestern die Jogaübung geschildert worden ist.
[ 6 ] It is precisely this kind of view of the world and of life—as I have been able to outline for you—that can truly teach one to sense how historically significant phenomena find expression even in what one experiences in one’s innermost being. It is precisely what I have described to you, the awakening and stirring of cognitive faculties that are not present in ordinary consciousness but lie dormant deep within the soul in everyday life—precisely this awakening and stirring of cognitive powers, as befits modern human beings—leads us to realize that we must not only develop these cognitive powers differently in the present than they were developed in the past. But when we develop such powers—when we lead this intimate inner life up to a point of spiritual vision—then the fundamental nature of this spiritual vision presents itself to modern people in a completely different way than it did to people of, for example, ancient Eastern times, which we touched upon the day before yesterday when the yoga exercise was described.
[ 7 ] Wenn wir hinblicken nach diesen alten orientalischen Anschauungen, wie sie entwickelt worden sind von denjenigen, die aus ihrem Inneren Erkenntniskräfte, die in das Übersinnliche hineingreifen, heraustreiben wollten, so müssen wir sagen: Alles was wir darüber wissen, weist uns darauf hin, daß solche Erkenntnisse, indem sie in die Seele sich einlebten, durchaus einen bleibenden, einen dauernden Charakter in der Seele annahmen. Was der Mensch im gewöhnlichen Leben denkt, was er in sich aufnimmt als die Wirkung auf seine Seele aus den Erlebnissen des irdischen Daseins, was sich dann in Erinnerungen festsetzt, ist das, was in der Seele eine Dauer hat; und wir sind einfach geistig nicht gesund, wenn wir Lücken erheblicher Art haben in bezug auf die Erinnerungsfähigkeit an das, was wir von einem bestimmten Zeitpunkt unserer Kindheitsentwickelung an in der Welt erlebt haben. In diese gedankliche Dauer gliederte sich alles das ein, was in alter orientalischer Seelenkultur an Einsichten in die geistige Welt errungen wurde. Es bildete sozusagen so Erinnerungsvorstellungen, wie die gewöhnlichen Erlebnisse des Tages Erinnerungsvorstellungen bilden. Das war gerade das Eigentümliche des älteren orientalischen Sehers, daß er sich immer mehr und mehr in ein dauerndes Gemeinschaftsleben mit der geistigen Welt hineinfand, indem er seinen Weg in diese Welt hinein absolvierte. Er wußte sich sozusagen geborgen, wenn er einmal drinnen war in der göttlich-geistigen Welt. Er wußte, daß diese etwas Dauerndes auch für seine Seele darstellt.
[ 7 ] When we look at these ancient Eastern views—as they were developed by those who sought to draw forth from within themselves powers of knowledge that reach into the supersensible—we must say: Everything we know about this indicates that such insights, by taking root in the soul, took on a thoroughly lasting, enduring character within the soul. What a person thinks in ordinary life, what they take in as the effect on their soul of the experiences of earthly existence, and what then becomes fixed in memories—this is what has permanence in the soul; and we are simply not mentally healthy if we have significant gaps in our ability to recall what we have experienced in the world from a certain point in our childhood development onward. Everything that was attained in ancient Eastern spiritual culture in terms of insights into the spiritual world was integrated into this mental continuity. It formed, so to speak, memory images in the same way that ordinary daily experiences form memory images. This was precisely what was distinctive about the ancient Eastern seer: that he found himself more and more immersed in a lasting communion with the spiritual world as he made his way into that world. He felt, so to speak, at home once he was inside the divine-spiritual world. He knew that this world represented something enduring for his soul as well.
[ 8 ] Nun darf man aber in einem gewissen Sinne schon sagen, das Gegenteil ist für den der Fall, der sich heute aus den Kräften der Menschennatur heraus, zu denen sich die Menschheit eben seit jenen alten Tagen bis in die Gegenwart herauf entwickelt hat, zu einem gewissen geistigen Schauen erhebt: Er entwickelt seine Anschauungen über das Geistige so, daß er sie erlebt; aber er kann sie unmöglich in derselben Weise zu Erinnerungsvorstellungen machen, wie die Gedanken, die wir im Alltag an der Außenwelt erleben, Erinnerungsvorstellungen werden.
[ 8 ] Yet in a certain sense, one can already say that the opposite is true for those who, drawing upon the forces of human nature—which humanity has developed from those ancient days right up to the present—rise to a certain spiritual insight: He develops his perceptions of the spiritual in such a way that he experiences them; but he cannot possibly transform them into memory images in the same way that the thoughts we experience in everyday life regarding the external world become memory images.
[ 9 ] Das ist gerade für viele, die nach den heutigen Methoden sich zu einem gewissen geistigen Schauen hinringen, eine große Enttäuschung, daß sie zwar Einblicke gewinnen in diese geistige Welt, daß aber diese Einblicke vorübergehend sind wie das Anschauen einer Realität, vor der wir in der Außenwelt stehen, die auch nicht mehr in unserer Wahrnehmung vorhanden ist, wenn wir von ihr hinweggehen. Keine Einverleibung dem Gedächtnisse im gewöhnlichen Sinne ist es, was sich im Seelenleben abspielt, sondern ein augenblickliches Verbundensein mit der geistigen Welt. Will man dann in einem späteren Zeitpunkt dieses Verbundensein wieder haben, so kann man das Erlebnis nicht einfach aus der Erinnerung heraufholen, sondern man kann nur das Folgende machen: Man kann sich natürlich an das erinnern, was den gewöhnlichen Erlebnissen der physischen Welt angehört, wie man sich etwa durch Kräfteentwickelungen dahin gebracht hat, ein solches Erlebnis aus der geistigen Welt zu haben. Dann kann man den Weg wiederum machen, und man kann es wiederum haben, geradeso wie wenn man zu einer sinnlichen Wahrnehmung wiederum zurückkehrt. Das ist gerade eines der wichtigsten Momente, die verbürgen die Realität des modernen Schauens: daß sich das, in das wir hineinblicken, nicht mit unserer Leiblichkeit vereinigt; denn es heißt immer, mit der Leiblichkeit vereinigt, durch den Organismus befestigt werden, wenn Gedanken als Erinnerungsvorstellungen eine gewisse Dauer gewinnen.
[ 9 ] This is a great disappointment, especially for many who, using today’s methods, strive to attain a certain level of spiritual insight: although they do gain glimpses into this spiritual world, these glimpses are fleeting—like beholding a reality in the external world that is no longer present in our perception once we turn away from it. What takes place in the life of the soul is not an incorporation into memory in the ordinary sense, but an instantaneous connection with the spiritual world. If one then wishes to experience this connection again at a later time, one cannot simply retrieve the experience from memory, but can only do the following: One can, of course, recall what pertains to ordinary experiences in the physical world—such as how one, through the development of spiritual powers, brought about such an experience from the spiritual world. Then one can retrace that path and have the experience again, just as one returns to a sensory perception. This is precisely one of the most important points that attest to the reality of modern vision: that what we look into does not unite with our physicality; for it is always said that thoughts, when they acquire a certain duration as memories, become united with physicality and anchored through the organism.
[ 10 ] Wenn ich hier eine persönliche Bemerkung einfügen darf — vielleicht zu einer Verständigung —, so ist es diese: Jemand, der ein wenig Verbindung hat mit der geistigen Welt und Mitteilung über das machen will, was er erfahren hat, ist nicht in der Lage, im gewöhnlichen Sinn aus der Erinnerung heraus diese Mitteilung zu machen. Er muß immer gewisse Anstrengungen machen, um sich wiederum selber zum unmittelbaren geistigen Beobachten hinzuführen. Daher kann auch jemand, der unmittelbar aus der geistigen Welt heraus spricht, ich möchte sagen, dreißigmal ein und denselben Vortrag halten: er wird für ihn nicht eine Wiederholung des vorangehenden sein, sondern er muß immer in unmittelbarer Weise aus dem Erlebnis herausgeholt werden.
[ 10 ] If I may insert a personal remark here—perhaps to clarify matters—it is this: Someone who has a slight connection with the spiritual world and wishes to communicate what he has experienced is not able to do so from memory in the ordinary sense. They must always make a certain effort to bring themselves back to direct spiritual observation. That is why even someone speaking directly from the spiritual world—I would say—could give the same lecture thirty times: for them, it would not be a repetition of what came before, but they must always be drawn directly out of the experience itself.
[ 11 ] Darin liegt zu gleicher Zeit etwas, von dem ich sagen möchte, daß es gewisse Sorgen, die auftauchen könnten in ängstlichen Seelen gegenüber dieser modernen Geistesschau, beheben kann. Viele Menschen sehen ja heute noch, und zwar mit einem gewissen Recht, die Größe der bedeutungsvollen Rätselfragen des Daseins gerade darin, daß diese Fragen niemals restlos gelöst werden können. Sie fürchten sich vor der Philistrosität der geistigen Anschauung, wenn sie etwa der Behauptung gegenüberstehen müßten, die Rätsel des Daseins könnten endgültig durch irgendeine Weltanschauung «gelöst» werden. Nun, von einer solchen «Lösung» kann auch die Lebensauffassung nicht sprechen, von der hier die Rede ist, und zwar gerade aus dem eben angegebenen Grund heraus: Was gewissermaßen immer wieder vergessen wird, das muß immer neu erworben werden.
[ 11 ] At the same time, there is something here that I would like to say can alleviate certain concerns that might arise in anxious souls when faced with this modern vision of the spirit. Many people today still see—and with some justification—the greatness of the profound, enigmatic questions of existence precisely in the fact that these questions can never be completely resolved. They fear the philistinism of spiritual insight when they are confronted, for example, with the assertion that the mysteries of existence could be definitively “resolved” by some worldview. Well, the view of life under discussion here cannot speak of such a “solution” either, precisely for the reason just stated: What is, in a sense, forgotten time and again must always be reacquired.
[ 12 ] Darin aber zeigt sich gerade die Lebendigkeit. Wir nahen uns gewissermaßen wieder dem, was sich auch äußerlich in der Natur als der Charakter des Lebendigen zeigt, gegenüber dem, was wir sonst innerlich erleben, indem wir unsere Gedanken zu Erinnerungsvorstellungen werden sehen. Vielleicht klingt es für manchen trivial, was ich jetzt sagen möchte; es ist aber nicht trivial gemeint. So wenig wie jemand sagen kann: Ich habe gestern gegessen, also bin ich satt, brauche heute und morgen und ferner nicht zu essen — ebensowenig kann gegenüber der modernen Geistesschau jemand sagen, sie sei einmal abgeschlossen, teile sich dann der Erinnerung mit, und man wisse nun für alle Zeit das, was man hat.
[ 12 ] But this is precisely where vitality becomes evident. In a sense, we are once again approaching what manifests externally in nature as the character of the living, as opposed to what we otherwise experience internally when we see our thoughts become memories. Perhaps what I am about to say may sound trivial to some; but I do not mean it to be trivial. Just as no one can say, “I ate yesterday, so I am full and need not eat today, tomorrow, or ever again”—so, too, no one can say of modern spiritual insight that it is ever complete, that it is then conveyed to memory, and that one now knows for all time what one has.
[ 13 ] Ja, nicht nur dies ist der Fall, daß man immer von neuem ringen muß, um gegenwärtig zu bekommen, was sich dem Menschen offenbaren will, sondern sogar das ist der Fall, daß, wenn man längere Zeit über denselben Vorstellungen aus der geistigen Welt immer wieder und wiederum brütet, sie immer wieder und wiederum aufsucht, daß dann sogar Zweifel auftauchen, Ungewißheiten auftauchen, und daß man die Ungewißheiten und Zweifel im lebendigen inneren Seelenleben gerade bei der richtigen Geistesschau immer von neuem besiegen muß. Man ist also niemals, ich möchte sagen, zu der Ruhe des Fertigseins verdammt, wenn man im modernen Sinn zur Geistesschau hinstrebt.
[ 13 ] Yes, not only is it the case that one must constantly strive anew to bring into the present what seeks to reveal itself to human beings, but it is even the case that when one broods over the same ideas from the spiritual world again and again for a long time, seeking them out time and again, doubts then arise, uncertainties arise, and that one must constantly overcome these uncertainties and doubts in one’s living inner soul life—precisely in the very act of spiritual vision. One is therefore never, I might say, condemned to the tranquility of completion when one strives for spiritual vision in the modern sense.
[ 14 ] Und ein anderes noch muß gesagt werden. Diese moderne Geistesschau erfordert vor allen Dingen auch, was man Geistesgegenwart nennen kann. Der Geistesschauer alter orientalischer Vorzeiten konnte sich gewissermaßen Zeit lassen. Was er sich errang, blieb dauernd vorhanden. Derjenige, der aus der modernen Menschennatur heraus in die geistige Welt hineinschauen will, der muß schlagfertig, möchte ich sagen, sein mit seinem Geistorgan; er muß gewahr werden, wie das, was sich aus der geistigen Welt heraus offenbart, zuweilen nur einen Augenblick da ist und nachher wieder verschwindet, wie es also im Moment des Entstehens in Geistesgegenwart aufgefaßt werden muß. Und viele Menschen, die sich sorgsam vorbereiten zu einer solchen Geistesschau, kommen nicht zu ihr, weil sie nicht zu gleicher Zeit diese Geistesgegenwart in vorbereitenden Übungen suchen. Denn nur dadurch ist man imstande, zu vermeiden, daß man seine Aufmerksamkeit eigentlich erst entwickelt hat, wenn die Sache schon wiederum vorbei ist.
[ 14 ] And there is one more thing that must be said. Above all, this modern spiritual vision also requires what might be called presence of mind. The spiritual seer of ancient Oriental times could, so to speak, take his time. What he attained remained permanently in place. Anyone who, from the perspective of modern human nature, wishes to look into the spiritual world must, I would say, be quick-witted with his spiritual organ; he must become aware that what reveals itself from the spiritual world is sometimes present for only a moment and then disappears again—and must therefore be grasped with presence of mind at the very moment of its emergence. And many people who carefully prepare themselves for such a spiritual vision fail to attain it because they do not simultaneously seek this presence of mind in their preparatory exercises. For only in this way is one able to avoid the situation where one has only just developed one’s attention by the time the experience has already passed.
[ 15 ] Damit habe ich Ihnen mancherlei Eigentümlichkeiten dessen, was dem modernen Sucher nach der geistigen Welt begegnet, geschildert. Im Verlaufe der Vorträge werden noch andere solche Eigentümlichkeiten auftreten. Heute möchte ich, weil es direkt hinüberführen wird zu einer gewissen geschichtlichen Betrachtung der Menschheit, nur noch auf das eine aufmerksam machen.
[ 15 ] I have thus described to you some of the peculiarities of what the modern seeker encounters in the spiritual world. Other such peculiarities will arise in the course of these lectures. Today, because it will lead directly to a certain historical consideration of humanity, I would like to draw your attention to just one of them.
[ 16 ] Wenn wir in diesem nun wiederum von einer gewissen Seite charakterisierten Sinn als moderner Mensch den Weg in die geistige Welt hinein in sicherer Weise, so daß wir nicht Phantasten werden, finden wollen, so ist es am besten, wenn wir von den Vorstellungen, von den Denkoperationen ausgehen, die wir uns an einer gründlichen Naturbeobachtung und durch Vertiefen in eine gründliche Naturwissenschaft angeeignet haben. Keine Vorstellungen eignen sich gerade zu meditativem Leben so gut, wie ich es geschildert habe, als diejenigen, die man aus der modernen Naturwissenschaft heraus gewinnt, nicht um sie allein inhaltlich aufzunehmen, sondern um sie inhaltlich meditativ zu verarbeiten. Wir haben eben als moderne Menschen im strengsten Sinne des Wortes an der Naturwissenschaft das Denken gelernt. Dessen sollen wir eingedenk sein, daß wir an der Naturwissenschaft das Denken, das unserer heutigen Zeitepoche angemessen ist, gerade gelernt haben. Nun kann aber dieses alles, was wir also an Denkoperationen aus der modernen Naturwissenschaft gewinnen können, nur Vorbereitung sein für die eigentliche Geistesschau.
[ 16 ] If, as modern human beings, we wish to find our way into the spiritual world in a sure manner—so that we do not become fantasists—in this sense, which is in turn characterized from a certain perspective, it is best to proceed from the concepts and thought processes that we have acquired through thorough observation of nature and by immersing ourselves in rigorous natural science. No concepts are as well-suited to the meditative life, as I have described it, as those derived from modern natural science—not merely to absorb their content, but to process that content meditatively. As modern human beings in the strictest sense of the word, we have learned to think through the natural sciences. We should bear in mind that it is precisely through the natural sciences that we have learned the kind of thinking appropriate to our present age. Now, however, all that we can gain in terms of thought processes from modern natural science can only serve as preparation for true spiritual insight.
[ 17 ] Niemals können wir durch irgendwelche logische Konsequenz, durch irgendwelche philosophische Spekulation das gewöhnliche Denken, das wir an den Dingen der Außenwelt, an Experiment und Beobachtung schulen, zu etwas anderem verwenden, als um uns vorzubereiten. Wir müssen dann warten, bis die geistige Welt in der Art an uns herantreten will, wie ich das gestern und vorgestern geschildert habe. Wir müssen zu jedem einzelnen Schritt in der Beobachtung der geistigen Welt erst reif werden. Wir können nicht aus innerer Willkür etwas anderes herbeiführen, als uns gewissermaßen zu einem Organ zu machen, dem sich die geistige Welt offenbaren will. Die objektive Offenbarung — wir müssen sie erwarten. Und wer in solchen Dingen Erfahrung hat, der weiß, wie er auf manche Erkenntnisse jahre-, jahrzehntelang warten muß, bevor sie sich ihm erschließen. Es verbürgt wiederum gerade dieser Umstand die Objektivität dessen, was Wirklichkeit in der geistigen Welt ist, für die Erkenntnis.
[ 17 ] We can never, through any logical consequence or philosophical speculation, use the ordinary thinking—which we train through the things of the external world, through experiment and observation—for anything other than to prepare ourselves. We must then wait until the spiritual world chooses to approach us in the manner I described yesterday and the day before. We must first become ready for each individual step in the observation of the spiritual world. We cannot, out of our own inner whim, bring about anything other than making ourselves, so to speak, an organ to which the spiritual world wishes to reveal itself. We must await this objective revelation. And anyone with experience in such matters knows that one must wait years, even decades, for certain insights to unfold before them. It is precisely this circumstance, however, that guarantees the objectivity of what is real in the spiritual world for the purpose of knowledge.
[ 18 ] So war es wiederum nicht bei dem, der in alten orientalischen Zeiten, in der Welt des Ostens, durch seine Übungen den Weg in die übersinnliche Welt hinein suchte. Bei ihm war das Denken von vornherein so geartet, daß er es gewissermaßen nur fortzusetzen brauchte, um jenen Weg in die geistige Welt hinein zu finden, den ich vorgestern charakterisiert habe. Er stand also schon im gewöhnlichen Leben in einem Denken drinnen, das nur fortgesetzt zu werden brauchte, um in seiner eigenen Fortsetzung zu einem gewissen Hellsehen zu führen, das aber dafür auch, weil es aus dem gewöhnlichen Leben der damaligen Zeit heraus entwickelt war, ein mehr traumhaftes Schauen war, während das Schauen, zu dem wir als moderne Menschen streben, ein solches ist, das bei voller Besonnenheit, ähnlich der bei Lösung mathematischer Probleme vorhandenen, verläuft. Wir sehen darin gerade, indem wir uns an das wenden, was der Geistesforscher intim erleben muß, einen Ausdruck für gewaltige Verwandlungen in der ganzen Menschennatur im Verlauf von historischen Zeiten. Historisch sind diese Zeiten insofern, als nicht nur der, der in der Art, wie ich das noch schildern werde, durch geistige Anschauung selbst bis in fernste Urzeiten das geschichtliche Leben sowohl der Menschen wie des Kosmos prüfen kann, daß nicht nur der darauf kommen kann, sondern auch der, welcher in unbefangener Weise die äußeren Dokumente prüft. Wir können auch in diesen äußeren Dokumenten auf alte Zeiten geistigen Lebens der Menschheit hinschauen und ersehen, wie sie sich unterscheiden von dem, was wir selber, was unsere Zeit erstreben muß in bezug auf das Drinnenstehen in dieser geistigen Welt.
[ 18 ] This was not the case, however, for those who, in ancient Oriental times—in the world of the East—sought the path into the supersensory world through their spiritual practices. From the very beginning, his way of thinking was such that, in a sense, he merely needed to continue it in order to find that path into the spiritual world which I described the day before yesterday. Thus, even in ordinary life, he was already immersed in a mode of thinking that merely needed to be continued in order to lead, through its own continuation, to a certain kind of clairvoyance—which, however, precisely because it had developed out of the ordinary life of that time, was a more dreamlike form of perception, whereas the kind of vision we as modern people strive for is one that proceeds with full lucidity, similar to that present when solving mathematical problems. Precisely by turning to what the spiritual researcher must intimately experience, we see in this an expression of tremendous transformations in the whole of human nature over the course of historical times. These times are historical in the sense that not only can the person who, through spiritual contemplation—as I shall describe later—can examine historical life, both that of humanity and of the cosmos, all the way back to the most distant primeval times, come to this realization, but so can the person who examines the external documents in an unbiased manner. We can also look to these external documents to glimpse the ancient times of humanity’s spiritual life and see how they differ from what we ourselves—what our time must strive for—in terms of being immersed in this spiritual world.
[ 19 ] Dadurch, daß unser Denken nicht ohne weiteres fortgesetzt werden kann, um in seiner eigenen Fortströmung uns zur Geistesschau zu bringen, sondern dadurch, daß es bloß die Vorbereitung machen, uns selbst gewissermaßen präparieren kann, damit wir reif werden, wenn die geistige Welt uns entgegentritt, diese zu schauen, dadurch gerade ist unser Denken geeignet, innerhalb des Feldes der Experimente, der Beobachtungen zu wirken und zu weben, innerhalb des Feldes, das die Naturwissenschaft zu dem ihrigen gemacht hat. Aber gerade indem wir einsehen, welche innere Strenge, welche innere Kraft unser Denken erreicht hat, werden wir es um so sicherer auf unsere Schulung anwenden, damit wir dann auf die Offenbarung der geistigen Welt im richtigen Sinne des Wortes warten können. Schon daraus geht hervor, daß unser Denken heute etwas anderes ist als in alten Zeiten.
[ 19 ] Not because our thinking can readily continue on its own to lead us, through its own flow, to spiritual insight, but because it can merely lay the groundwork—preparing us, as it were—so that we may be ready, when the spiritual world presents itself to us, to perceive it; it is precisely for this reason that our thinking is suited to operating and weaving within the realm of experiments and observations—within the realm that the natural sciences have made their own. But precisely as we recognize the inner rigor and inner strength our thinking has attained, we will apply it all the more confidently to our training, so that we may then await the revelation of the spiritual world in the true sense of the word. This alone shows that our thinking today is different from what it was in ancient times.
[ 20 ] Ich werde wiederholt Gelegenheit haben zu geschichtlichen Exkursen. Da wird sich manches, was auf die äußere Welt bezüglich ist, fortsetzen lassen von dem aus, was ich heute zu sagen habe. Heute werde ich mehr auf das zu sprechen kommen, was die inneren Kräfte der Menschheitsentwickelung sind. Da werden wir ja doch zuletzt auf das Denken geführt und auf die Verwandlung dieses Denkens im Laufe der Epochen der Menschheitsentwickelung.
[ 20 ] I will have repeated opportunities to digress into historical topics. In those instances, many of the points concerning the external world will build upon what I have to say today. Today I will focus more on what the inner forces of human development are. Ultimately, this will lead us to thinking and to the transformation of this thinking over the course of the epochs of human development.
[ 21 ] Da von diesem Denken aber schließlich doch alles äußere geschichtliche Leben abhängig ist, da der Mensch das, was er geschichtlich vollbringt, aus seinen Gedanken, neben seinen Gefühls- und Willensimpulsen, hervorbringt, so müssen wir uns, wenn wir uns an die tiefsten geschichtlichen Impulse wenden wollen, an das menschliche Denken wenden.
[ 21 ] But since all external historical life ultimately depends on this thinking, and since human beings bring about their historical achievements through their thoughts—alongside their emotional and volitional impulses—we must turn to human thinking if we wish to address the deepest historical impulses.
[ 22 ] Nun aber unterscheidet sich dieses menschliche Denken, wie wir es heute für die Naturwissenschaft auf der einen Seite und zur Auswirkung der menschlichen Freiheit auf der anderen Seite brauchen können, doch in ganz erheblichem Maße von dem Denken, das wir in früheren Epochen der Menschheit finden. Gewiß, es werden sich manche Menschen finden, die sagen: Denken ist Denken, ob es nun auftritt bei John Stuart Mill oder bei Solovjeff, ob es auftritt meinetwegen bei Plato, Aristoteles, Heraklit, oder ob es auftritt bei den Denkern des alten Orients. Derjenige aber, der bloß mit einem gewissen inneren Spürsinn zunächst einzugehen vermag auf die Art und Weise, wie Gedanken innerhalb der Menschheit gewirkt haben, der wird sich sagen: Unser heutiges Denken ist im Grunde genommen doch etwas ganz anderes, als das Denken älterer Epochen war. Damit wird ein wichtiges Problem der Menschheitsentwickelung berührt.
[ 22 ] However, this form of human thought—which we can utilize today for the natural sciences on the one hand and for the expression of human freedom on the other—differs quite significantly from the thought we find in earlier epochs of human history. Certainly, there will be some who say: Thinking is thinking, whether it occurs in John Stuart Mill or in Soloviev, whether it occurs—for the sake of argument—in Plato, Aristotle, Heraclitus, or whether it occurs among the thinkers of the ancient Orient. But anyone who, with a certain inner intuition, is able to begin to grasp the way in which thought has worked within humanity will say to themselves: Our thinking today is, after all, fundamentally quite different from the thinking of earlier epochs. This touches upon an important problem of human development.
[ 23 ] Schauen wir auf unser heutiges Denken hin. Ich werde noch Gelegenheit haben, das, was ich jetzt mehr geschichtlich entwickle, auch aus der Naturwissenschaft heraus zu begründen. Was wir Denken nennen, hat sich eigentlich herausentwickelt aus der Handhabung der Sprache. Wer einen Sinn hat für das, was in der Sprache eines Volkes wirksam ist, für das, was an Logik in der Sprache wirkt, an Logik, in die wir uns während unserer Kindheit hineinleben, und wer dann psychologischen Sinn genug dazu hat, um das im Leben zu beobachten, der wird finden, daß unser heutiges Denken eigentlich aus dem hervorgeht, was die Sprache aus unserer Seelenkonstitution macht. Ich möchte sagen, aus der Sprache lösen wir allmählich die Gedanken und Gedankengesetzmäßigkeiten heraus; unser heutiges Denken ist eine Gabe des Sprechens,
[ 23 ] Let’s take a look at our way of thinking today. I will have the opportunity later to substantiate what I am now developing from a more historical perspective, drawing on the natural sciences as well. What we call “thinking” has actually evolved from the use of language. Anyone who has a sense for what is at work in the language of a people—for the logic at work in language, the logic we internalize during our childhood—and who then has sufficient psychological insight to observe this in life will find that our modern thinking actually arises from what language does to the constitution of our soul. I would like to say that we gradually extract thoughts and the laws governing thought from language; our present-day thinking is a gift of speech,
[ 24 ] Aber gerade das Denken, das eine Gabe des Sprechens ist, das ist dasjenige Denken, das in der zivilisierten Menschheit groß geworden ist seit den Tagen des Kopernikus, des Galilei, des Giordano Bruno, das groß geworden ist in den Zeiten, in denen die Menschheit vorzugsweise ihre Aufmerksamkeit der Naturbetrachtung im modernen Sinn zugewendet hat. Das Denken, das auf Beobachtung und Experiment angewendet wird, das muß, ich möchte sagen, so vertraut mit uns leben, daß wir das, was wir mit der Sprache uns aneignen als ein allgemeines Volksgut, ideell so verfeinern, daß es in uns zum ideellen Gedanken wird, durch den wir dann die Außenwelt ergreifen.
[ 24 ] But it is precisely this kind of thinking—which is a gift of language—that has flourished among civilized humanity since the days of Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno; it has flourished in the era when humanity has primarily turned its attention to the study of nature in the modern sense. Thinking applied to observation and experimentation must, I would say, be so intimately part of our lives that we refine—in an ideal sense—what we acquire through language as a common heritage of the people, so that it becomes an abstract thought within us, through which we then grasp the external world.
[ 25 ] Aber wir brauchen nur eine im Verhältnis zur gesamten Menschheitsentwickelung kurze Zeitspanne zurückzugehen, und wir finden etwas ganz anderes. Wir gehen zum Beispiel zurück bis zum Griechentum. Wer sich hineinzuversetzen weiß in das, was in der griechischen Kunst, in der griechischen Dichtung, in der griechischen Philosophie wirkte, was überhaupt zu uns herübertönt aus dem Griechentum, der findet — auf ganz empirische Weise ist das möglich —, daß der Grieche noch das, was Gedanke war, innig mit dem Worte verwoben erlebte. Gedanke und Wort waren eines. Man sprach, indem man den Logosbegriff entwickelte, von etwas anderem, als wovon wir sprechen, wenn wir von dem Gedanken oder der Gedankenverbindung sprechen. Man sprach von dem Gedanken so, daß dieser Gedanke das sprachliche Element zu seiner selbstverständlichen Körperlichkeit hatte. Ebensowenig wie wir in der physischen Welt uns unsere Seele räumlich abgetrennt denken können vom physischen Organismus, ebensowenig sonderte sich für das griechische Bewußtsein der Gedanke vom Wort. Man fühlte die beiden durchaus als ein Einheit, und auf den Wogen der Worte strömte der Gedanke dahin.
[ 25 ] But we need only go back a short period of time—relative to the entire course of human development—and we find something quite different. Let us go back, for example, to ancient Greece. Anyone who can immerse themselves in what was at work in Greek art, Greek poetry, and Greek philosophy—in short, in what resonates with us from ancient Greece—will find—and this can be done in a purely empirical way—that the Greeks still experienced what was thought as intimately interwoven with the word. Thought and word were one. When the concept of the Logos was developed, people spoke of something different from what we mean when we speak of a thought or a train of thought. They spoke of the thought in such a way that this thought possessed the linguistic element as its self-evident physicality. Just as we in the physical world cannot conceive of our soul as spatially separated from the physical organism, so too, in Greek consciousness, thought was not separated from the word. The two were felt as a complete unity, and thought flowed along on the waves of words.
[ 26 ] Das aber bedingt auch eine ganz andere Stellung des Menschen in seinem Bewußtsein zur Außenwelt, als die unsrige ist mit dem Gedanken, der sich bereits vom Wüorte losgelöst hat. Und so müssen wir, wenn wir in das Griechentum zurückgehen, im Grunde genommen uns eine ganze andere Seelenstimmung aneignen, wenn wir eindringen wollen in die wirklichen Erlebnisse der griechischen Seele. Deshalb aber auch nimmt sich alles das, was im Griechentum zum Beispiel als Wissenschaft hervorgebracht worden ist, für die heutigen Anforderungen nicht mehr als Wissenschaft aus. Der heutige Naturforscher wird sagen: Die Griechen haben ja keine Naturwissenschaft gehabt; sie hatten eine Naturphilosophie. Und damit hat er recht. Aber das Problem ist damit eigentlich nur, ich möchte sagen, im Viertel seines Wesens ergriffen. Hier liegt etwas viel Tieferes zugrunde. Und das, was da zugrunde liegt, können wir erst wieder erforschen mit einer geistigen Anschauung.
[ 26 ] But this also implies a completely different attitude of the human being toward the external world in his consciousness than our own, with thought that has already detached itself from the word. And so, when we go back to Greek civilization, we must, in essence, adopt an entirely different state of mind if we wish to penetrate the actual experiences of the Greek soul. But this is also why everything that Greek civilization produced—for example, in the form of science—no longer appears to be science by today’s standards. Today’s natural scientist will say: The Greeks did not, after all, have a natural science; they had a natural philosophy. And in that he is right. But the problem is actually only—I would say—addressed in a quarter of its essence. There is something much deeper underlying it. And what lies at the root of it, we can only explore again through spiritual insight.
[ 27 ] Wenn wir uns des Denkens, das nun einmal heute für die Naturforschung besonders geeignet ist, in das wir uns heute hineinschulen durch die Vererbung und Erziehung, wenn wir uns dieses Denkens bedienen und das ausbilden, was wir wissenschaftliche Vorstellungen nennen, dann trennen wir diese wissenschaftlichen Vorstellungen nach dem Wesen unseres Bewußtseins streng ab von dem, was wir künstlerisches Erleben nennen, und von dem, was wir religiöses Erleben nennen. Das ist gerade ein Grundcharakteristikon unserer Zeit, daß der moderne Mensch in einem gewissen Sinne eine Wissenschaft fordert, die nichts aufnimmt von irgendeiner künstlerischen Gestaltung, irgendeiner künstlerischen Anschauung, und auch nichts aufnimmt von dem, was Gegenstand des religiösen Bewußtseins, der religiösen Hingabe an Weltlichkeit und Göttlichkeit sein will. Wir müssen sagen, das ist ein Charakteristikon unserer gegenwärtigen Zivilisation. Und wir finden immer mehr und mehr dieses Charakteristikon ausgeprägt, je weiter wir nach Westen gehen und dort den Grundcharakter der menschlichen Zivilisation prüfen. Das ist das Charakteristikon, daß der moderne Mensch als nebeneinanderstehend in seiner Seele hat Wissenschaft, Kunst und religiöses Leben. Und er bemüht sich ja, einen besonderen Wissensbegriff zu bilden, die Kunst durchaus nicht übergreifen zu lassen in die Wissenschaft, die Phantasie auszuschalten aus allem, was «wissenschaftlich» ist mit Ausnahme dessen, was auf Erfindungen abzielt; und dann eine andere Art von Glaubensgewißheit geltend zu machen, die insbesondere im religiösen Leben ihre Rolle spielen soll.
[ 27 ] When we employ the mode of thinking that is particularly suited to the natural sciences today—the one we have trained ourselves in through heredity and education—and when we use this mode of thinking to develop what we call scientific concepts, then, by the very nature of our consciousness, we strictly separate these scientific concepts from what we call artistic experience, and from what we call religious experience. It is precisely a fundamental characteristic of our time that modern human beings, in a certain sense, demand a science that incorporates nothing from any form of artistic expression, any artistic perspective, nor anything from what claims to be the object of religious consciousness or religious devotion to the earthly and the divine. We must say that this is a defining characteristic of our present-day civilization. And we find this characteristic becoming more and more pronounced the further west we go and the more we examine the fundamental nature of human civilization there. This is the defining characteristic: that modern man holds science, art, and religious life as coexisting side by side within his soul. And he does indeed strive to form a specific concept of knowledge, to prevent art from encroaching upon science at all, to exclude imagination from everything that is “scientific” with the exception of that which aims at inventions; and then to assert a different kind of certainty of faith, which is to play its role particularly in religious life.
[ 28 ] Wenn man in dem Sinn, wie ich es charakterisiert habe, versucht, zu einer geistigen Anschauung aufzusteigen, dann kommt man, indem man durchaus von dem geschulten naturwissenschaftlichen Denken der Gegenwart ausgeht, zu dem, was ich charakterisierte als ein lebendiges Denken, als ein bildhaftes Denken. Mit diesem bildhaften Denken fühlt man sich nun auch gerüstet, dasjenige, ich möchte sagen, wie mathematisch, aber jetzt qualitativ, zu begreifen, was mit der gewöhnlichen Mathematik und Geometrie nicht zu begreifen ist: das Lebendige. Mit dem lebendigen Gedanken fühlt man sich geeignet, das Lebendige zu ergreifen.
[ 28 ] If one attempts, in the sense I have described, to rise to a spiritual level of insight, then—starting entirely from the trained scientific thinking of the present—one arrives at what I have characterized as living thinking, as pictorial thinking. With this pictorial thinking, one now feels equipped to grasp—I would say in a manner as mathematical, but now qualitative—that which cannot be grasped by ordinary mathematics and geometry: the living. With living thought, one feels capable of grasping the living.
[ 29 ] Indem dasjenige, was, sagen wir, in bloßen chemischen Verbindungen der unorganischen Welt wirkt, von uns überschaut wird, ist — wenn ich mich jetzt populär aussprechen darf — das, was da wirkt an Stoffen und Kräften, in einem mehr oder weniger labilen Gleichgewicht. Immer labiler und labiler wird das Gleichgewicht, immer komplizierter und komplizierter wird das Ineinanderwirken, je mehr wir heraufsteigen zum Lebendigen. Und in demselben Maße, wie das Gleichgewicht labiler wird, entreißt sich das lebendige Gebilde der quantitativen Erfahrung; und erst dem lebendigen Gedanken wird es so zugänglich, daß er sich mit dem lebendigen Gebilde so verbinden kann wie der mathematische Gedanke mit dem leblosen. Dadurch aber gelangen wir — ich habe schon in einem der früheren Vorträge darauf hingewiesen, daß ich damit eigentlich für viele heutige Denker etwas Horribles sage —, dadurch gelangen wir herauf zu einem Erkenntnisstandpunkt, der kontinuierlich überführt das gewöhnliche, logische, abstrakte Denken in eine Art künstlerischen Denkens, in eine Art künstlerischer Anschauung, die aber durchaus innerlich so exakt ist, wie nur jemals die Mathematik oder Mechanik exakt sein können.
[ 29 ] When we consider what is at work, say, in the mere chemical compounds of the inorganic world—if I may put it in layman’s terms—the substances and forces at work there are in a more or less unstable equilibrium. The more we ascend toward the living, the more unstable this equilibrium becomes, and the more complex the interplay of forces grows. And to the same extent that the equilibrium becomes more unstable, the living entity eludes quantitative experience; and only to the living thought does it become so accessible that it can connect with the living entity in the same way that mathematical thought connects with the inanimate. But through this—I have already pointed out in one of my earlier lectures that, for many contemporary thinkers, what I am saying is actually quite shocking— thereby we ascend to a point of insight that continuously transforms ordinary, logical, abstract thinking into a kind of artistic thinking, into a kind of artistic intuition, which is, however, internally just as precise as mathematics or mechanics could ever be.
[ 30 ] Ich weiß, wie sehr man davor zurückschreckt von seiten des modernen Wissenschaftsgeistes aus, dasjenige, was exakt sein will, überzuführen in das Künstlerische, in das, was sich, indem die Qualität mitwirkt, im Menschen zu einer Art qualitativen Mathesis gestaltet. Aber was nützt denn alle Erkenntnistheorie, die da deklamiert, daß wir zu einer Erkenntnis der Objektivität doch nur kommen könnten, wenn wir von Schlußfolgerung zu Schlußfolgerung fortschreiten und uns ja hüten müßten, irgend etwas von einem solchen künstlerischen Wesen in die Erkenntnis einzubeziehen, wenn die Natur, die Wirklichkeit auf einer gewissen Stufe eben künstlerisch wirkte, so daß sie sich nur einem künstlerischen Erkennen ergeben würde.
[ 30 ] I know how much the modern scientific mindset shies away from transposing that which claims to be exact into the realm of art—into that which, through the interplay of quality, takes shape within human beings as a kind of qualitative mathesis. But what good is all that epistemology which proclaims that we can only arrive at a knowledge of objectivity if we proceed from conclusion to conclusion and must be careful incorporate anything of such an artistic nature into our understanding—even if nature and reality, at a certain level, operate artistically, so that they would yield only to artistic cognition.
[ 31 ] Insbesondere gelangen wir nicht zu dem, was den menschlichen Organismus so von innen heraus gestaltet, wie ich das vorgestern beschrieben habe — was als eine Art erster übersinnlicher Mensch in uns wirkt —, wenn wir nicht dasjenige, was zusammenfügendes Denken ist, in eine Art künstlerische Gestaltung einlaufen lassen, wenn wir nicht aus einer qualitativen Mathematik heraus die menschliche schaffende Gestalt nachschaffen können. Wir brauchen nur beizubehalten den Geist der Wissenschaftlichkeit und aufzunehmen den Geist des Künstlerischen.
[ 31 ] In particular, we cannot attain what shapes the human organism from within, as I described the day before yesterday—what acts within us as a kind of first supersensory human being—unless we allow what constitutes synthetic thinking to flow into a kind of artistic creation, unless we can recreate the human creative form on the basis of qualitative mathematics. We need only retain the spirit of scientific rigor and embrace the spirit of art.
[ 32 ] Kurz, wir müssen aus dem, was wir heute Wissenschaft nennen, indem wir den ganzen Wissenschaftsgeist aufrecht erhalten, ein künstlerisches Anschauen gebären. Dann aber, wenn wir das tun, nähern wir uns der Versöhnung von Wissenschaft und Kunst, wie sie Goethe geahnt hat, indem er einen Ausspruch tat wie diesen: «Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.» Goethe wußte gar wohl: Wenn man dabei bleibt, mit den Gedankenformen die Natur oder die Welt überhaupt begreifen zu wollen, welche sich als die gesunden und richtigen für die unorganische Welt herausstellen, so ergibt sich einfach nicht die Gesamtheit der Welt. Und nicht eher wird man den Übergang finden von der Wissenschaft des Unorganischen zu der des Organischen, ehe man nicht die abstrakte Erkenntnis in die innerlich belebte Erkenntnis, die zu gleicher Zeit ein inneres Schalten und Walten ist, überführen wird.
[ 32 ] In short, we must give birth to an artistic way of seeing from what we today call science, while upholding the entire spirit of science. But when we do that, we move closer to the reconciliation of science and art, as Goethe foresaw when he made a statement like this: “Beauty is a manifestation of secret laws of nature that, were it not for its appearance, would have remained eternally hidden from us.” Goethe knew full well: If one persists in attempting to comprehend nature—or the world in general—through the forms of thought that prove to be sound and correct for the inorganic world, the totality of the world simply does not emerge. And one will not find the transition from the science of the inorganic to that of the organic until one transforms abstract knowledge into inwardly animated knowledge, which is at the same time an inner process of interaction and activity.
[ 33 ] Indem wir uns so innerhalb des modernen Geistesstrebens hinwenden zu einer Erfassung des Lebendigen, nähern wir uns aber dem, was nun nicht in solcher Besonnenheit und Bewußtheit, nach denen wir streben, aber eben instinktiv vorhanden war im griechischen Bewußtsein. Und niemand begreift in Wirklichkeit, was sich noch bei Plato, aber insbesondere bei den vorsokratischen Philosophen äußerte, wenn er nicht gewahr wird, daß da noch ein Zusammenwirken des künstlerischen Elements im Menschen mit dem philosophisch-wissenschaftlichen vorhanden war. Erst am Ausgang des Griechentums, philosophisch gesprochen etwa bei Aristoteles, wird der Gedanke abgetrennt, der aus der Sprache heraus geboren ist und der dann später, indem er sich über die Scholastik entwickelt, zum naturwissenschaftlichen Gedanken wird. Erst im späteren Griechentum wird der Gedanke herausgeschält. Das ältere Griechentum hat den Gedanken als künstlerisches Element. Und griechische Philosophie ist im wesentlichen auch nur zu verstehen, wenn sie zu gleicher Zeit mit künstlerischem Sinn ergriffen wird.
[ 33 ] By turning, in this way, toward an understanding of the living within the context of modern intellectual endeavor, we nevertheless draw closer to what was present—not in the kind of deliberateness and consciousness we strive for, but rather instinctively—in Greek consciousness. And no one truly understands what was already expressed in Plato, but especially in the presocratic philosophers, unless they realize that there was still an interplay between the artistic element in human beings and the philosophical-scientific element. It is only at the end of the Greek era—philosophically speaking, roughly with Aristotle—that thought, born out of language, becomes separated and later, as it develops through Scholasticism, becomes scientific thought. It is only in later Greek civilization that thought is distilled. In earlier Greek civilization, thought is an artistic element. And Greek philosophy, in essence, can only be understood if it is simultaneously grasped with an artistic sensibility.
[ 34 ] Das aber führt uns überhaupt dazu, in dem Griechentum zu sehen diejenige Zivilisation, die Wissenschaft und Kunst noch ungetrennt hat. Das drückt sich aus sowohl in der Kunst wie in der Wissenschaft selber. Ich kann natürlich jetzt nicht auf alle Einzelheiten eingehen. Aber studieren Sie mit gesundem Menschensinn und mit einem gesunden, geistdurchdrungenen Auge, was die griechische Plastik ist, so werden Sie finden, daß der Grieche nicht in dem Sinn, wie das heute geschieht, nach dem Modell arbeitete, daß der Grieche, indem er plastisch arbeitete, aus einem inneren Erleben heraus arbeitete. Indem er den Muskel, den gebeugten Arm formte, die Hand formte, formte er nach, was er in seinem Innern erfühlte. Seinen inneren, lebendigen zweiten Menschen, ich möchte sagen, diesen ätherischen Menschen, den fühlte er; seelisch durchlebte er sich und fühlte so die Begrenzung nach außen. Das, was er innerlich erlebte, ging in die Plastik über. Die Kunst war eine Offenbarung dessen, was so geschaut wurde. Und dieses Schauen, das hinübergetragen wurde in diesen in der Sprache lebenden Gedanken, wurde zur Wissenschaft, die noch einen künstlerischen Charakter hatte dadurch, daß sie eins war mit dem, was griechischer Sprachgeist dem Griechen offenbarte.
[ 34 ] But this leads us, in fact, to view Greek civilization as one in which science and art were still inseparable. This is evident both in art and in science itself. Of course, I cannot go into all the details now. But if you study Greek sculpture with sound human judgment and with a healthy, spiritually attuned eye, you will find that the Greeks did not work from a model in the sense that we do today; rather, when they worked sculpturally, they drew upon an inner experience. As he shaped the muscle, the bent arm, and the hand, he was recreating what he felt within himself. He felt his inner, living “second human being”—I would say, this etheric human being; he lived through himself spiritually and thus sensed the boundaries extending outward. What he experienced inwardly was transformed into sculpture. Art was a revelation of what was thus perceived. And this perception, carried over into these thoughts living in language, became a science that still retained an artistic character because it was one with what the Greek spirit of language revealed to the Greeks.
[ 35 ] Und so treten wir ein mit dem Griechentum in eine Welt, die sich uns erst wiederum erschließt, wenn wir selber aufsteigen aus unserer von der Kunst getrennten Wissenschaft zu einer Erkenntnis, die wiederum überfließt ins künstlerische Element. Ich möchte sagen, was wir später entwickeln in voller Besonnenheit, das war früher einmal da in einem instinktiven Erleben. Und wir können ja geradezu sehen, wie sich innerhalb des geschichtlichen Lebens dieses Zusammenleben von Kunst und Wissenschaft dann hinüberwandelt in das, was in unserer Zeit vorhanden ist: die völlige Trennung von Kunst und Wissenschaft.
[ 35 ] And so, together with Greek culture, we enter a world that only opens up to us again when we ourselves rise from our science—which is separate from art—to a level of understanding that in turn flows back into the artistic element. I would like to say that what we later develop with full deliberation was once present in an instinctive experience. And we can actually see how, within the course of history, this coexistence of art and science then transforms into what exists in our time: the complete separation of art and science.
[ 36 ] Als die Menschheit sich durch das Römertum hindurch in das Mittelalter hinein entwickelte, ging die Erziehung, die Bildung zu einer höheren Stufe der Menschheitskultur von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus, als das später der Fall war. Später, im naturwissenschaftlichen Zeitalter, kam es hauptsächlich darauf an, die Ergebnisse dessen, was aus der Beobachtung und dem Experiment gewonnen wird, dem Menschen mitzuteilen. Wir leben ja fast davon in unserer Bildung, daß wir uns Ergebnisse, die aus der Beobachtung, aus dem Experimentieren genommen sind, aneignen. Schauen wir hin auf die Zeit, in der sich noch eine gewisse Fortwirkung des Griechentums zeigte, so sehen wir, wie da auch in der wissenschaftlichen Ausbildung noch etwas vorhanden war, was näher an den Menschen heranrückte, was mehr auf die Ausbildung eines Könnens im Menschen hinwirkte. Wir sehen, wie im Mittelalter der Auszubildende durchgehen mußte durch die sogenannten sieben freien Künste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Es kam auf ein Können an. Was man werden sollte als Wissenschafter, das erwarb man sich durch die sieben freien Künste, die aber durchaus schon auf dem Wege waren, Erkenntnis und Wissenschaft zu werden, wie das später dann geschehen ist.
[ 36 ] As humanity evolved through the Roman era and into the Middle Ages, education—the cultivation of a higher level of human culture—was approached from a completely different perspective than was later the case. Later, in the age of the natural sciences, the main focus was on communicating to people the results derived from observation and experimentation. Indeed, our education is based almost entirely on assimilating results drawn from observation and experimentation. If we look back at the time when a certain influence of Greek culture was still evident, we see that even in scientific education there was still something present that was closer to the human being, something that was more directed toward developing practical skills in people. We see how, in the Middle Ages, students had to study the so-called seven liberal arts: grammar, rhetoric, dialectic, arithmetic, geometry, astronomy, and music. What mattered was skill. What one was to become as a scientist was acquired through the seven liberal arts, which were, however, already well on their way to becoming knowledge and science, as indeed happened later.
[ 37 ] Und man kann ja sehen, wenn man die heute so viel verpönte scholastische Philosophie des Mittelalters studiert, wie gerade diese Scholastik, die auf dem Übergang von alten Zeiten zu den unsrigen steht, eine wunderbare Ausbildung der Begriffskunst ist. Man möchte den modernen Menschen nur wünschen, daß sie etwas von der Scholastik in sich aufnähmen, die in den besten Zeiten des Mittelalters üblich war, die eine Denktechnik und Denkkunst in den Menschen heranzog. Man braucht das gerade, wenn man zu festumrissenen Begriffen, zu denen wir kommen müssen, kommen will. Indem man nun aber von dem heutigen Standpunkt ausgeht, der Wissenschaft, Kunst und Religion streng voneinander trennt, und durch das Mittelalter nach aufwärts steigt in der Menschheitsentwickelung, nähert man sich dem Griechentum, wo, je weiter und weiter man zurückgeht, man sich desto mehr und mehr davon überzeugt, daß Wissenschaft und Kunst in eins verschmolzen sind.
[ 37 ] And one can indeed see, when studying the scholastic philosophy of the Middle Ages—which is so widely frowned upon today—how precisely this scholasticism, which stands at the transition from ancient times to our own, is a marvelous training in the art of conceptual thinking. One can only hope that modern people would absorb something of the Scholasticism that was common during the best times of the Middle Ages—a Scholasticism that cultivated a technique and art of thinking in people. This is precisely what is needed if one wishes to arrive at the clearly defined concepts to which we must arrive. However, by starting from today’s standpoint—which strictly separates science, art, and religion—and moving upward through the Middle Ages in the development of humanity, one approaches Greek civilization, where, the further and further back one goes, the more and more one becomes convinced that science and art have merged into one.
[ 38 ] Aber noch immer steht im Griechentum da eine von Wissenschaft und Kunst getrennte Erscheinung: das religiöse Leben. Es kommt an den Menschen auf eine ganz andere Weise heran als das wissenschaftliche oder künstlerische Erleben. Was in Kunst und Wissenschaft lebt, lebt im Raum und in der Zeit als Objekt; der Inhalt des religiösen Bewußtseins ist jenseits von Raum und Zeit. Das gehört der Ewigkeit an, das gebiert zwar Raum und Zeit aus sich, aber wir kommen ihm nicht nahe, wenn wir innerhalb von Raum und Zeit stehenbleiben.
[ 38 ] But in Greek culture there still exists a phenomenon distinct from science and art: religious life. It approaches human beings in a completely different way than scientific or artistic experience. What lives in art and science exists in space and time as an object; the content of religious consciousness lies beyond space and time. It belongs to eternity—which, though it gives rise to space and time, remains beyond our reach as long as we remain within the confines of space and time.
[ 39 ] Was Geisteswissenschaft, allerdings in einem viel genaueren Sinn, heute über diese Dinge entwickeln muß, kann man auch aus den äußeren Dokumenten ersehen. Und ich möchte immer wieder hinweisen auf ein gerade in Österreich erschienenes, in dieser Beziehung außerordentlich brauchbares Werk, auf die «Geschichte des Idealismus» von Otto Willmann, ein Buch, das besonders hervorragend ist über viele Bücher, die ähnliche Probleme in der Gegenwart behandeln. Man kann unbefangen urteilen über solche Dinge, wenn sie auch aus entgegengesetzten Anschauungen hervorgehen, wenn sie nur hinführen zu etwas, was das Geistesleben fördert.
[ 39 ] What the humanities—albeit in a much more precise sense—must develop today regarding these matters can also be gleaned from external documents. And I would like to repeatedly draw attention to a work that has just been published in Austria and is exceptionally useful in this regard: Otto Willmann’s *History of Idealism*, a book that stands out above many others dealing with similar issues today. One can judge such matters impartially, even if they arise from opposing viewpoints, as long as they lead to something that fosters spiritual life.
[ 40 ] Im Griechentum steht da jene Einheit von Kunst und Wissenschaft und auf der anderen Seite jenes religiöse Leben, an das sich der Grieche hingibt, das er allerdings in der Volksreligion in Bildern ausgestaltet, in der Mysterienreligion aber durch die Einweihung in vertieftem Sinn erhält. Aber überall können wir sehen, daß in die Seelenkräfte, die sich in Wissenschaft und Kunst entwickeln, das Religiöse nicht hereinspielt, sondern daß das Seelenleben, um ins religiöse Leben zu kommen, erst in jene fromme Stimmung, in jene All-Liebe kommen muß, in der erfaßt werden kann, was sich aus dem Göttlich-Geistigen überhaupt offenbart und mit dem sich der Mensch in religiöser Hingabe vereinigen kann.
[ 40 ] In Greek culture, on the one hand, there is that unity of art and science, and on the other, that religious life to which the Greeks devote themselves—a life they express through imagery in popular religion, but which they experience in a deeper sense through initiation into the mystery religions. But everywhere we can see that the religious does not intrude into the soul forces that develop in science and art; rather, in order for the soul life to enter into religious life, it must first attain that devout mood, that universal love, in which what is revealed from the divine-spiritual realm can be grasped—and with which the human being can unite in religious devotion.
[ 41 ] Gehen wir aber hinüber zu dem Orient. In je ältere Zeiten wir zurückgehen, desto mehr finden wir, daß es mit dem geistigen Leben wiederum etwas ganz anderes ist. Und auch da kann uns das führen, was wir selbst innerhalb der modernen Geistesschulung uns erringen: Wenn wir von dem Erleben des lebendigen Begriffs zu jenen innerlichen Schmerzen und Leiden aufsteigen, die wir überwinden müssen, damit wir ganz Sinnes- beziehungsweise Geistesorgan werden als ganzer Mensch und aufhören, im bloßen physischen Leib die Welt zu erfahren, indem wir unabhängig vom physischen Leib in der Welt drinnenstehen, dann stehen wir so in der Welt, daß wir lernen, außerhalb von Raum und Zeit eine Wirklichkeit zu erleben. Da erleben wir dann auch die Wirklichkeit des Geistig-Seelischen, wie es hereinwirkt in das Zeitliche, in der Art, wie ich es geschildert habe. Aber wenn wir die Geistesschau erringen, die errungen wird durch die Überwindung von Schmerz und Leid im Innern, haben wir damit schon etwas von dem Element in die Erkenntnis hereingebracht, das in ganz kontinuierlicher Weise die Erkenntnis hineinführt, indem sie als wirkliche Erkenntnis, als wirkliches Wissen dem Geiste nach aufrecht bleibt, in das religiöse Erleben. Und indem wir das, was aus alten Zeiten in ehrwürdigen traditionellen Vorstellungen als Religionsinhalt geblieben ist, erleben, erleben wir auch Neueres von einem ähnlichen geistigen Inhalt wiederum, wenn wir uns hinaufringen zu einem solchen Erkennen, das nun leben kann in der Sphäre der religiösen Frömmigkeit.
[ 41 ] But let us turn our attention to the East. The further back in time we go, the more we find that spiritual life is, once again, something entirely different. And here, too, we can be guided by what we ourselves achieve through modern spiritual training: When we rise from the experience of the living concept to those inner pains and sufferings that we must overcome so that we may become fully sensory or spiritual beings as whole human beings—and cease to experience the world merely through the physical body by standing within the world independently of the physical body—then we stand in the world in such a way that we learn to experience a reality beyond space and time. There we also experience the reality of the spiritual-soul aspect as it works its way into the temporal realm, in the manner I have described. But when we attain spiritual vision—which is achieved by overcoming inner pain and suffering—we have thereby already introduced into our knowledge an element that leads us, in a completely continuous manner, into religious experience, in that this knowledge, as true insight and genuine understanding, remains firmly rooted in the spirit. And as we experience what has remained from ancient times as the content of religion in venerable traditional conceptions, we also experience something newer of a similar spiritual content when we strive to attain a kind of insight that can now live in the sphere of religious piety.
[ 42 ] Dann aber verstehen wir erst, aus welchen menschlichen Tiefen heraus das entsprungen ist, was in der Welt des alten Ostens gelebt hat als eine Einheit nun von Religion, Kunst und Wissenschaft. Die waren einmal eine Einheit. Was der Mensch erkannte, was er aufnahm in seine Ideenwelt, das war eine andere Seite dessen, was er vor sich hinstellte, damit es in künstlerischer Schönheit auf ihn herabstrahle; und was er also erkennend erfaßte und in Schönheit erstrahlen ließ, war auch ein Geistiges, dem er seine Kultushandlungen darbrachte, demgegenüber er sich auch mit seinem Tun bewegte als hingegeben an eine höhere Ordnung. Religion, Kunst, Wissenschaft sehen wir hier als eine Einheit verwirklicht.
[ 42 ] Only then, however, do we begin to understand from what depths of the human soul sprang that which lived in the world of the ancient East as a unified whole of religion, art, and science. These were once a unity. What human beings recognized, what they absorbed into their world of ideas, was another aspect of what they set before themselves so that it might shine down upon them in artistic beauty; and what he thus grasped through cognition and allowed to shine in beauty was also a spiritual reality to which he offered his ritual acts, in relation to which he also conducted his actions as if devoted to a higher order. Here we see religion, art, and science realized as a unity.
[ 43 ] Das führt uns aber zurück in eine Zeit, in der der menschliche Gedanke selber nicht nur auf den Wogen des Wortes dahinlebte, sondern wo Erlebnis für den Menschen war, daß der Gedanke in noch tieferen Regionen lebte als das Wort selber, daß der Gedanke verbunden war mit der innigsten Faserung dessen, was menschliche Natur ist. Daher holte der indische Jogi die Gedanken aus dem Atmen heraus, aus dem was tiefer begründet ist als das Wort. Der Gedanke hat sich erst nach und nach zum Wort erhoben und dann über das Wort hinaus in der modernen Kultur. Der Gedanke war aber ursprünglich mit intimerem, ‚tieferem menschlichen Erleben verbunden, und das war in der Zeit, wo sich die Einheit des religiösen, künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens in einer durchgreifenden Harmonie entfalten konnte.
[ 43 ] But this takes us back to a time when human thought itself did not merely drift along on the waves of the word, but when it was a human experience that thought dwelled in regions even deeper than the word itself—that thought was connected to the innermost fabric of human nature. That is why the Indian yogi drew thoughts from the breath, from that which is more deeply rooted than the word. Thought only gradually rose to the level of the word and then beyond it in modern culture. Originally, however, thought was connected to a more intimate, “deeper human experience,” and that was in the era when the unity of religious, artistic, and scientific life could unfold in profound harmony.
[ 44 ] Von dem, was ich Ihnen so schildern konnte als harmonische Einheit von Religion, Kunst und Philosophie, wie sie uns etwa in den Veden als Richtung entgegentritt, von dem ist heute ein Nachklang im Orient drüben vorhanden. Aber ein Nachklang, den wir verstehen müssen, den wir nicht leicht verstehen, wenn wir uns bloß zu dem erheben, was in der westlichen Kultur lebt als Trennung von Religion, Kunst und Wissenschaft, den wir aber im vollen Sinn des Wortes verstehen, wenn wir uns durch eine neuere Geisteswissenschaft aufschwingen zu einer Anschauung, die wiederum eine Harmonie von Religion, Kunst und Wissenschaft hervorbringt. Aber wir haben im Orient noch die Überreste von jener alten Einheit vor uns. Schauen wir hinüber: selbst da, wo er nach Europa herüberwirkt, haben wir das in einem Nachklang noch vor uns. Was eine frühere geschichtliche Epoche war, das ist in einer gewissen Weise auf einem gewissen Fleck der Erde noch Gegenwart geblieben. Und wir können diese Gegenwart an einem großen Philosophen des europäischen Ostens, an Solovjeff, wahrnehmen.
[ 44 ] Of what I have been able to describe to you as a harmonious unity of religion, art, and philosophy—as it presents itself to us, for example, in the Vedas as a guiding principle—there is still an echo today in the Orient. But it is an echo that we must understand—one that we cannot easily grasp if we merely elevate ourselves to what exists in Western culture as a separation of religion, art, and science; yet we understand it in the fullest sense of the word when, through a newer spiritual science, we rise to a perspective that in turn brings about a harmony of religion, art, and science. But in the East we still have before us the remnants of that ancient unity. Let us look across: even where its influence extends into Europe, we still have this echo before us. What was once an earlier historical epoch has, in a certain sense, remained present in a certain corner of the earth. And we can perceive this presence in a great philosopher of Eastern Europe, Soloviev.
[ 45 ] Dieser Philosoph der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkt auf uns in einer ganz besonderen Art. Wenden wir uns den Philosophen des Westens zu, John Stuart Mill oder Herbert Spencer oder anderen, so finden wir, daß ihr Standpunkt herausgewachsen ist aus dem naturwissenschaftlichen Denken, das ich heute beschrieben habe. In Solovjeff lebt aber noch etwas, was Religion, Kunst und Wissenschaft wie als eine Einheit darstellt. Man sieht allerdings, wenn man sich an die Lektüre von Solovjeff heranmacht, daß er wie eine philosophische Sprache dasjenige benützt, was sich bei Kant, bei Comte findet; er beherrscht die Ausdrucksformen dieser westlichen und mitteleuropäischen Philosophen vollständig. Lebt man sich aber in seinen Sinn ein, in das was er durch diese Ausdrucksformen ausspricht, dann er— lebt man ihn anders. Man hat bei ihm ein historisches Gefühl: er kommt einem vor wie ein Mensch, der wieder auferstanden ist aus den Diskussionen heraus, die vor dem Konzil von Nicäa gepflogen worden sind. Man fühlt förmlich den Ton, der in den Diskussionen der ersten christlichen Väter herrschte, und es lebte in diesen ersten christlichen Jahrhunderten durchaus noch ein Nachklang von der Einheit von Religion und Wissenschaft — diese Einheit, wo auch der Wille noch mit dem Denken zusammenfließt. Das alles strömt und wellt durch Solovjeffs osteuropäische Weltanschauung.
[ 45 ] This philosopher of the second half of the 19th century makes a very special impression on us. When we turn to Western philosophers—such as John Stuart Mill, Herbert Spencer, or others—we find that their point of view has grown out of the scientific way of thinking that I have described today. In Soloviev, however, there is still something that presents religion, art, and science as a single unity. One does see, however, when one begins to read Soloviev, that he uses—as a philosophical language—the concepts found in Kant and Comte; he has completely mastered the modes of expression of these Western and Central European philosophers. But if one immerses oneself in his meaning—in what he expresses through these forms of expression—then one experiences him differently. One gets a sense of history from him: he strikes one as a person who has risen anew from the discussions that took place before the Council of Nicaea. One can literally sense the tone that prevailed in the discussions of the early Christian Fathers, and in those first Christian centuries there was still very much an echo of the unity of religion and science—that unity in which the will still flows together with thought. All of this flows and ripples through Soloviev’s Eastern European worldview.
[ 46 ] Und wenn wir heute auf das hinschauen, was uns als Kultur und Zivilisation umgibt, so finden wir, daß wir in den mehr westlichen Gegenden eben jene Trennung von Religion, Kunst und Wissenschaft haben, daß aber das, was So recht unserem historischen Augenblick angehört, was So recht das ist, aus dem heraus wir wirken und die Gebilde der Welt prägen müssen, jene Wissenschaft ist, die auf dem zuerst geschilderten naturwissenschaftlichen Denken streng aufgebaut ist, während wir in den Kunststilen und Religionsinhalten altes Traditionelles übernehmen. Wir sehen heute, wie wenig produktiv die Kunst in neuen Stilformen ist, wie überall alte Stilformen aufleben. Dasjenige, was in unserer Zeit lebendig ist, ist das, was im wissenschaftlichen Gedanken lebt. Wir müssen erst eine Zeit abwarten, die in der Weise, wie ich es geschildert habe, das belebte, imaginative Denken hat, das wiederum zum Lebendigen führt, das wiederum auch in neuen Stilformen künstlerisch unmittelbar schöpferisch werden kann, ohne daß es strohern, allegorisch, unkünstlerisch wird.
[ 46 ] And when we look today at what surrounds us in terms of culture and civilization, we find that in the more Western regions there is precisely this separation of religion, art, and science; yet what truly belongs to our historical moment—what truly is the foundation from which we must act and shape the world—is that science which is strictly built upon the natural-scientific thinking described earlier, while in artistic styles and religious content we draw upon old, traditional elements. We see today how unproductive art is in new stylistic forms, how old stylistic forms are reviving everywhere. What is alive in our time is what lives in scientific thought. We must first await an era that, in the manner I have described, possesses this animated, imaginative thinking—which in turn leads to the living—and which, in turn, can become artistically and immediately creative even in new stylistic forms, without becoming insubstantial, allegorical, or inartistic.
[ 47 ] Wir sehen also den wissenschaftlichen Gedanken als den treibenden Impuls der unmittelbaren Gegenwart, und um so mehr, je mehr wir nach Westen kommen. Und wir sehen im Osten einen Nachklang dessen, was Einheit von Religion, Kunst und Wissenschaft war.
[ 47 ] We therefore view scientific thought as the driving force of the present day, and this becomes all the more evident the further west we go. And in the East, we see an echo of what once was the unity of religion, art, and science.
[ 48 ] Dieses religiöse Grundelement, diese Nuance haben die Osteuropäer im Gemüt. Sie schauen mit dieser Grundnuance in die Welt hinein. Den Westen können sie nur auf dem Umweg über eine solche geistige Entwikkelung verstehen, wie sie hier bei unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung vorliegt; ein unmittelbares Verständnis für den Westen haben sie nicht, weil man gerade im Westen reinlich das Religiöse und das Künstlerische vom wissenschaftlichen Gedanken abgrenzen will.
[ 48 ] Eastern Europeans carry this fundamental religious element, this nuance, within their hearts. They view the world through this fundamental lens. They can understand the West only indirectly, through a spiritual development such as that found here in our spiritual science movement; they have no direct understanding of the West, because in the West, in particular, there is a clear desire to separate the religious and the artistic from scientific thought.
[ 49 ] Und in der Mitte — wir können uns dem nicht verschließen —, da muß der Mensch die äußere Sinneswelt sich aufdrängen lassen und den Gedanken erleben, der sich für die äußere Sinnenwelt eignet; er kann aber nicht anders als zurückblicken auf sich selber und sein Inneres erleben, und für das Innere braucht er das religiöse Erleben. Ich möchte aber sagen, tiefer verborgen in der menschlichen Natur als das religiöse Erleben, das man im Innern braucht, und das wissenschaftliche Erleben, das man für die Beobachtung der Außenwelt braucht, ist das Bindeglied zwischen beiden, das künstlerische Erleben.
[ 49 ] And in the middle—we cannot deny this—human beings must allow the external sensory world to impose itself upon them and experience the thoughts appropriate to that world; yet they cannot help but look back upon themselves and experience their inner world, and for that inner world they need religious experience. I would like to say, however, that hidden deeper within human nature than the religious experience needed for the inner self and the scientific experience needed for observing the external world is the link between the two: the artistic experience.
[ 50 ] Dieses künstlerische Erleben ist daher auch etwas, was heute im Leben so dasteht, daß es nicht in erster Linie als Anforderung an das Leben geltend gemacht wird. Wir sehen, wie sich die westliche Kultur mit Wissenschaftsgedanken trägt und die östliche Kultur mit religiösen Gedanken. Wir sehen, wie wir in einer künstlerischen Kultur drinnenstehen, wie wir uns aber nicht voll in sie einleben können, wie die künstlerische Kultur vielfach Renaissance ist. Dennoch aber muß man sagen, die Sehnsucht nach einem solchen Ausgleich ist in der Mitte zwischen Ost und West durchaus vorhanden. Und wir sehen sie, wenn wit etwa hinblicken gerade auf Goethe.
[ 50 ] This artistic experience is therefore also something that exists in life today in such a way that it is not primarily asserted as a demand on life. We see how Western culture is shaped by scientific thought and Eastern culture by religious thought. We see how we are immersed in an artistic culture, yet how we cannot fully settle into it, and how artistic culture is, in many ways, a renaissance. Nevertheless, it must be said that the longing for such a balance is certainly present at the intersection of East and West. And we see it, for example, when we look specifically to Goethe.
[ 51 ] Was war denn Goethes große Sehnsucht, als er, ich möchte sagen, aus unmittelbar künstlerischen Anlagen heraus vor die Rätsel der Natur gestellt wurde? Sein Künstlersinn formte sich wie selbstverständlich um zu seiner wissenschaftlichen Anschauung. Und man möchte sagen, bei Goethe, dem repräsentativen Mitteleuropäer, finden wir Kunst und Wissenschaft doch in eins geprägt, und wir finden es weiter in eins geprägt, wenn wir das Goethesche Leben in seiner Entwickelung verfolgen und wenn wir verstehen, Goethe so recht in die Entwickelung der neueren Zeit hineinzustellen. Goethe lebt sich hinein in dieses Zusammenwirken von Kunst und Wissenschaft. So entstand eine nur historisch aufzufassende Sehnsucht in ihm: der Drang nach Italien, nach südlicher Kultur. Und von der Beobachtung der Kunstwerke, die sich ihm im Süden darboten, schrieb er seinen Weimarischen Freunden etwas, was sich anlehnte an das, was er dort in Weimar als Philosophie und Wissenschaft kennengelernt hatte. In Spinoza hatte er das göttliche Walten dargestellt gefunden in philosophischer Weise. Ihm genügte das nicht. Er wollte ein erweitertes, ein vergeistigteres Hineinleben in die Welt und in die Geistigkeit. Und im Anblick der südlichen Kunstwerke schrieb er seinen Freunden: «Da ist Notwendigkeit, da ist Gott!» Und: «Ich habe die Vermutung, daß die Griechen nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur selbst verfährt und denen ich auf der Spur bin.» Hier will Goethe in eins verschmelzen Wissenschaft und Kunst.
[ 51 ] What, then, was Goethe’s greatest longing when he—I would say—was confronted with the mysteries of nature as a result of his innate artistic inclinations? His artistic sensibility naturally evolved into his scientific worldview. And one might say that in Goethe, the quintessential Central European, we find art and science fused into one, and we find them further fused into one as we trace the development of Goethe’s life and as we come to understand how to properly situate Goethe within the development of the modern era. Goethe immerses himself in this interplay of art and science. Thus a longing arose within him that can be understood only historically: the urge to go to Italy, to southern culture. And from his observation of the works of art that presented themselves to him in the south, he wrote to his friends in Weimar something that drew upon what he had come to know there in Weimar as philosophy and science. In Spinoza, he had found the divine order presented in a philosophical manner. That was not enough for him. He wanted a more expansive, a more spiritual immersion in the world and in spirituality. And upon seeing the southern works of art, he wrote to his friends: “There is necessity; there is God!” And: “I suspect that the Greeks proceeded according to the very same laws by which nature itself proceeds and which I am now tracing.” Here, Goethe seeks to fuse science and art into one.
[ 52 ] Wenn ich zum Schluß etwas Persönliches anführe, so soll es nur aus dem Grund geschehen, um Ihnen anzudeuten, wie man an einem einzelnen Symptom die Art und Weise finden kann, wie die mittlere Welt sich zwischen Ost und West hineinstellen kann. Dieses Symptom habe ich vor etwa vierzig Jahren hier in Wien erlebt. In meiner Jugend lernte ich kennen Karl Julius Schröer; er las dazumal über die Geschichte der deutschen Dichtung seit Goethes erstem Auftreten. In der Einleitungsvorlesung sagte er verschiedenes Bedeutungsvolles; aber er sprach dann ein Wort aus, das so recht charakteristisch ist für das mitteleuropäische Sehnen der besten Geister, aus dem heraus sie, mehr instinktiv, sprachen. Auch Schröer sprach mehr instinktiv. In der Tat aber drückte er die Sehnsucht nach einer Verbindung von Kunst und Wissenschaft aus, nach einer Verbindung des westlichen Wissenschaftsgedankens und des östlichen Religionsgedankens in dem künstlerischen Schauen, indem er zusammenfaßte, was er sagen wollte, in dem für mich bedeutungsvollen Worte: Der Deutsche hat ästhetisches Gewissen.
[ 52 ] If I conclude with a personal anecdote, it is only to give you an idea of how a single symptom can reveal the way in which the “middle world” can position itself between East and West. I experienced this symptom about forty years ago here in Vienna. In my youth, I met Karl Julius Schröer; at the time, he was lecturing on the history of German literature since Goethe’s first appearance. In his introductory lecture, he said various significant things; but then he uttered a phrase that is so characteristic of the Central European yearning of the finest minds, from which they spoke more instinctively. Schröer, too, spoke more instinctively. In fact, however, he expressed the longing for a union of art and science—for a union of Western scientific thought and Eastern religious thought within artistic vision—by summarizing what he wanted to say in the words that hold such significance for me: “The German has an aesthetic conscience.”
[ 53 ] Damit ist ganz gewiß nicht eine unmittelbare allgemeine Realität ausgesprochen. Aber eine Sehnsucht ist ausgesprochen, die Sehnsucht danach, zusammenzuschauen Kunst und Wissenschaft. Und dann, wenn man das zusammenschauen kann, dann hat ja ein anderer Mitteleuropäer, den ich eben charakterisiert habe, die Empfindung gehabt, die er ausgesprochen hat in schönen Worten: daß man dann, wenn man zusammenschauen kann Wissenschaft und Kunst, sich auch zum religiösen Erleben erheben kann, wenn nur in diesem Goetheschen Sinn in Wissenschaft und Kunst wirkliche Geistigkeit gefunden wird. In diesem Sinn hat er das Wort gesprochen:
[ 53 ] This certainly does not express an immediate, general reality. But it does express a longing—the longing to view art and science together. And then, when one is able to view them together, another Central European—whom I have just described—had the feeling that he expressed in beautiful words: that when one can view science and art together, one can also rise to a religious experience, provided that true spirituality is found in science and art in this Goethean sense. In this sense, he spoke these words:
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.
Whoever possesses science and art,
Also possesses religion;
Whoever does not possess those two,
Let him have religion.
[ 54 ] Wer ästhetisches Gewissen hat, kommt auch zur wissenschaftlichen und religiösen Gewissenhaftigkeit. Und das kann uns zeigen, wo wir heute stehen.
[ 54 ] Anyone with an aesthetic conscience will also develop scientific and religious conscientiousness. And that can show us where we stand today.
[ 55 ] Heute, ich spreche nicht gern das oft angcfuhrte Wort von der Ubergangszent aus, jede Zeit ist eine Übergangszeit, aber heute, in einer Übergangszelt kommt es eben darauf an, worin der Übergang in der Zeit besteht. In unserer Zeit erlebten wir, bis zum höchsten Triumph entwickelt, die Trennung von Religion, Kunst und Wissenschaft. Das aber, was gesucht werden muß und was erst eine Verständigung finden lassen kann zwischen Ost und West, das ist die Harmonisierung, die innere Einheit von Religion, Kunst und Wissenschaft. Und zu dieser inneren Einheit möchte die Weltauffassung und Lebensanschauung, von der hier gesprochen worden ist und weiter gesprochen werden wird, führen.
[ 55 ] Today, I do not like to use the oft-cited term “transitional era”—every era is a transitional one—but today, in a transitional era, what really matters is the nature of that transition. In our time, we have witnessed—brought to its highest triumph—the separation of religion, art, and science. But what must be sought, and what alone can bring about understanding between East and West, is the harmonization, the inner unity of religion, art, and science. And the worldview and philosophy of life that has been discussed here—and will continue to be discussed—aims to lead to this inner unity.
