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Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83

5 June 1922, Vienna

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5. Anthroposophie und Kosmologie

5. Anthroposophy and Cosmology

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn man heute mit jemandem, der an solchen Dingen Interesse hat, zu diskutieren beginnt über die Möglichkeit einer Erkenntnis des geistigen Lebens in Verbindung mit der sinnlich-physischen Welt, so findet man im allgemeinen Entgegenkommen, so daß wenigstens die Frage aufgeworfen wird: Kann der Mensch durch irgendwelche Wege zu einer Art geistiger Erkenntnis kommen? — wenn es sich auch oftmals im weiteren VerJaufe zeigt, daß man nicht mehr zulassen will als eine Erkenntnis einer geistigen Welt ganz in allgemeinen Begriffen und Ideen, vielleicht in irgendeiner Form eines verschwommenen Pantheismus oder auch einer mehr oder weniger an das Mystische anklingenden Lebensauffassung. Wenn man dagegen dann so weit geht, wie mir das in meiner «Geheimwissenschaft» notwendig geworden ist, daß man zu schildern versucht eine wirkliche Kosmologie, eine Wissenschaft von Weltenwerden und Weltenentwickelung in einzelnen konkreten Gestaltungen, dann hört heute zumeist dem aufgeklärten Menschen gegenüber die Diskussion auf, Daß irgend jemand in unserer Zeit imstande sein könnte, aus irgendwelchen Erkenntnisuntergründen heraus etwas zu sagen über einen geistigen Ursprung der Welt, über geistig wirksame Kräfte in der Weltentwickelung, über die Möglichkeit, daß die Weltentwickelung wiederum in eine geistige Form des Daseins zurückkehre, nachdem sie ihre sinnlich-physische Phase durchgemacht hat, das wird, wenn es zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» in einzelnen konkreten Schilderungen auftritt, mehr oder weniger so angesehen, daß man dann mit dem, der so etwas behauptet, als aufgeklärter Mensch nicht mehr viel zu tun haben will. Denn man denkt ja wohl: Wenn sich jemand anheischig macht, über solche Dinge im einzelnen etwas zu sagen, dann ist er wohl im Grunde nahe daran, den Verstand zu verlieren; mindestens kann man sich nicht so kompromittieren, in die Diskussion solcher Einzelheiten sich einzulassen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! When one begins a discussion today with someone interested in such matters about the possibility of gaining insight into spiritual life in connection with the sensory-physical world, one generally encounters a willingness to engage, so that at least the question is raised: Can human beings, by any means, arrive at a kind of spiritual knowledge? — even if it often becomes apparent as the discussion progresses that people are willing to accept no more than a conception of a spiritual world expressed entirely in general terms and ideas, perhaps in some form of vague pantheism or even a view of life that resonates, to a greater or lesser extent, with the mystical. If, on the other hand, one goes as far as I have had to in my *Secret Science*—that is, attempting to describe a genuine cosmology, a science of the becoming and development of worlds in specific, concrete forms—then, for the most part, the discussion ceases when addressing the enlightened person of today, That anyone in our time could be capable, drawing on some underlying body of knowledge, of saying anything about a spiritual origin of the world, about spiritually active forces in the world’s evolution, or about the possibility that the world’s evolution might return to a spiritual form of existence, after it has passed through its sensory-physical phase—is, when it appears, for example, in my *The Secret Science* in specific, concrete descriptions, viewed more or less in such a way that, as an enlightened person, one no longer wishes to have much to do with anyone who asserts such things. For people tend to think: If someone sets out to speak in detail about such things, then he is probably, deep down, on the verge of losing his mind; at the very least, one cannot compromise oneself by entering into a discussion of such details.

[ 2 ] Es kann natürlich nicht die Aufgabe eines einzelnen Vortrags sein, irgendwelche Einzelheiten der Kosmologie darzustellen, wie sie vom Gesichtspunkte der hier vertretenen Weltanschauung aus gewonnen werden kann. Dagegen möchte ich in meinem heutigen Vortrag zu zeigen versuchen, wie man zu einer solchen geisteswissenschaftlichen Kosmologie, zu einer Erkenntnis der geistigen Impulse, die der Weltentwickelung zugrunde liegen, kommen kann. Es wird einem zumeist heute noch vorgeworfen, wenn man so etwas unternimmt, man treibe Anthropomorphismus, das heißt, man suche dasjenige auf, was sich im Menschen selber abspielt, was im menschlichen Seelenleben vorhanden ist, und man versetze dann das — etwa in Angemessenheit seiner Wünsche oder irgendwelcher anderer Vorempfindungen und Vorurteile — hinaus in das Weltendasein. Gerade ein genaueres Hinschauen auf die Art und Weise, wie die hier dargestellte Welt- und Lebensauffassung zu ihren kosmischen Resultaten kommt, sollte eigentlich erkennen lassen, daß es sich durchaus nicht im entferntesten darum handeln kann, solchen Anthropomorphismus zu treiben, sondern daß es sich darum handelt, wirklich in ebenso objektiver Weise Ergebnisse über Welt und Weltentwickelung durch Geist-Erkenntnis aufzusuchen, wie das auf dem Felde der Naturerkenntnis geschieht.

[ 2 ] Of course, it cannot be the purpose of a single lecture to present any details of cosmology as it can be derived from the perspective of the worldview presented here. Instead, in today’s lecture I would like to attempt to show how one can arrive at such a spiritual-scientific cosmology—an understanding of the spiritual impulses that underlie the development of the world. Even today, people are still generally accused, when they undertake such an endeavor, of engaging in anthropomorphism—that is, of seeking out what takes place within human beings themselves, what is present in human soul life, and then projecting that—perhaps in accordance with their own desires or some other preconceptions and prejudices—out into the existence of the world. In fact, a closer look at the way in which the view of the world and of life presented here arrives at its cosmic conclusions should actually make it clear that this is by no means a matter of engaging in such anthropomorphism, but rather that it is a matter of truly seeking conclusions about the world and its development through spiritual knowledge in just as objective a manner as is done in the field of natural science.

[ 3 ] Nun werden Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, aus den Vorträgen, die ich bisher hier gehalten habe, entnommen haben, welche Absichten in bezug auf ihre Forschungsmethoden die hier vertretene Weltauffassung hat: daß sie auf der einen Seite in sorgfältiger Weise einhalten will alles, was sich die Menschheit im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte angeeignet hat an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit und an einer gewissen sicheren, vorsichtigen Methode im Aufsuchen von Wahrheiten. Namentlich möchte diese Weltauffassung die Grenzen der Naturerkenntnis, insoweit von berechtigter Naturerkenntnis die Rede sein kann, durchaus nicht überschreiten, möchte durchaus sorgfältig beobachten, wo die Grenzen der bloßen Naturerkenntnis liegen. Daß solche Grenzen vorhanden sind, wird heute und wird seit langem vielfach besprochen. Und man kann sagen, dasjenige, was heute gerade naturwissenschaftlich Gebildete auf diesem Felde sagen, baut sich auf auf dem, was für gewisse mehr philosophisch geartete Gemüter von Kam# herrührt, und für diejenigen, die mehr eine populäre Darstellung lieben, von Schopenhauer und so weiter. Es könnte vieles nach dieser Richtung angeführt werden.

[ 3 ] By now, my esteemed audience, you will have gathered from the lectures I have given here so far what the worldview represented here intends with regard to its research methods: that, on the one hand, it seeks to scrupulously uphold everything that humanity has acquired over the course of the last three to four centuries in terms of scientific rigor and a certain reliable, cautious method for seeking out truths. In particular, this worldview does not wish to transgress the boundaries of knowledge of nature—insofar as one can speak of legitimate knowledge of nature—and seeks to observe with the utmost care where the limits of mere knowledge of nature lie. That such limits exist is a subject of frequent discussion today and has been for a long time. And one can say that what those with a scientific education say in this field today builds upon what, for certain more philosophically inclined minds, stems from Kam#, and for those who prefer a more popular presentation, from Schopenhauer and so on. Much could be cited along these lines.

[ 4 ] Nun aber darf wohl gesagt werden, daß sowohl Kant wie Schopenhauer und alle, die sich in ihrer Gedankenströmung bewegen, deshalb für die entsprechende Beurteilung der natürlichen Erkenntnisgrenzen gefährlich werden, weil diese Geister in einer, ich möchte sagen, sehr verführerischen Weise bis zu einer gewissen Grenze gegangen sind in der Betrachtung des menschlichen Erkenntnisvermögens, in der Betrachtung der menschlichen Seelenfähigkeiten. Bis zu einer gewissen Grenze sind sie gekommen. Und die Art und Weise, wie sie sich dieser Grenze genähert haben, ist eine außerordentlich scharfsinnige. Doch muß man sagen: In dem Augenblick, wo man gewahr wird, daß man den Menschen als ein Ganzes zu betrachten hat, daß man alles, was aus der leiblich-seelischen und geistigen Organisation des Menschen an Erkenntnisbetätigung und an innerem Erleben kommen kann, in Betracht ziehen muß, dann überschaut man auch, wie eine einseitige Kritik des Erkenntnisvermögens eben auch nur zu Einseitigkeiten führen kann. Wenn man das Verhältnis des Menschen zur Welt ins Auge fassen will, um dadurch festzustellen, ob es vom Menschen aus einen Weg zur Welterkenntnis gibt, dann muß man schon den ganzen Menschen hinnehmen und diesen ganzen Menschen in seiner Wesenheit betrachten.

[ 4 ] Now, however, it can safely be said that Kant, Schopenhauer, and all those who follow in their intellectual tradition become dangerous to the proper assessment of the natural limits of knowledge because these thinkers have, in a—I would say—highly seductive manner, gone as far as a certain limit in their consideration of human cognitive faculties and the capacities of the human soul. They have reached a certain limit. And the way in which they have approached this limit is extraordinarily astute. Yet it must be said: The moment one becomes aware that one must regard the human being as a whole—that one must take into account everything that can arise from the physical, soul, and spiritual organization of the human being in terms of cognitive activity and inner experience—then one also realizes how a one-sided critique of cognitive capacity can, in fact, lead only to one-sidedness. If one wishes to examine the relationship between the human being and the world in order to determine whether there is a path to knowledge of the world from the human perspective, then one must accept the whole human being and consider this whole human being in its essence.

[ 5 ] Und von solch einem Gesichtspunkt aus möchte ich heute zunächst die Frage aufwerfen: Nehmen wir einmal an, jene Grenzen der Naturerkenntnis, von denen seit Dr. Bois-Reymond auch in naturwissenschaftlichem Sinn gesprochen wird, die heute allerdings anders angesehen werden, als sie Du Bois-Reymond vor einem halben Jahrhundert angesehen hat, wären nicht vorhanden: wie würde der Mensch der Welt gegenüberstehen? Nehmen wir an, daß das theoretische Erkenntnisvermögen, das sich im Menschen dadurch auslebt, daß er seine Begriffe mit den Beobachtungen und den Ergebnissen der Experimente verbindet, um dadurch zu einer Weltgesetzlichkeit zu kommen, ohne weiteres auch in das Reich des Organischen eindringen könnte, so würde es dann, wenn es bis zum Leben vordringen könnte, kaum haltzumachen brauchen vor den weiteren Steigerungen des Daseins, vor dem Seelischen, dem Geistigen. Nehmen wir also an, das gewöhnliche Bewußtsein, das wir in den Wissenschaften anwenden, mit dem wir uns im gewöhnlichen Leben in unserer Arbeit bewegen, wäre jederzeit imstande, nicht nur gewissermaßen an die Außenseite der Welt heranzutreten, sondern es würde unter die Oberfläche der Dinge, hindurch zu dem inneren Wesen der Dinge jederzeit vordringen können, wie müßte, wenn also eine solche Erkenntnisgrenze nicht vorhanden wäre, der Mensch geartet sein? Nun, er würde der Welt so gegenüberstehen, daß gewissermaßen sein ganzes Wesen, das er in sich erlebt, stets wie mit seelisch-geistigen Fühlhörnern überall untertauchen würde. Vielleicht wird es heute noch manchem paradox erscheinen, aber eine unbefangene Weltanschauung und eine Anschauung des Verhältnisses des Menschen zur Welt wird besagen können: Ein Wesen, das in dieser Weise für sein gewöhnliches Erdenbewußtsein keine Grenze hätte, das müßte entbehren der Liebefähigkeit.

[ 5 ] And from this perspective, I would like to begin today by raising the following question: Let us suppose for a moment that the limits of scientific knowledge—which, since Dr. Bois-Reymond, have also been discussed in a scientific sense, though they are viewed differently today than Du Bois-Reymond viewed them half a century ago—did not exist: how would human beings relate to the world? Let us assume that the theoretical capacity for knowledge—which manifests itself in human beings by linking their concepts to observations and the results of experiments in order to arrive at universal laws—could readily penetrate the realm of the organic as well; if it could penetrate as far as life itself, hardly need to stop at the further levels of existence—the psychological and the spiritual. Let us therefore assume that ordinary consciousness, which we apply in the sciences and with which we navigate our daily lives and work, were at all times capable not only of approaching, so to speak, the outer surface of the world, but also of penetrating beneath the surface of things, through to their inner essence—how would human nature have to be, if such a limit to knowledge did not exist? Well, he would relate to the world in such a way that, so to speak, his entire being—as he experiences it within himself—would constantly be immersed everywhere, as if with spiritual-soul-like antennae. Perhaps this will still seem paradoxical to some today, but an unbiased worldview and an understanding of humanity’s relationship to the world will be able to state: A being that in this way had no limits to its ordinary earthly consciousness would lack the capacity for love.

[ 6 ] Und wenn wir bedenken, was für unser ganzes Leben die Liebefähigkeit bedeutet, was wir im Leben dadurch sind, daß wir lieben können, dann werden wir uns auch sagen: wir wären für diese Erde zwischen Geburt und Tod nicht Menschen in dem Sinn, wie wir es eben sein müssen, wenn wir die Liebe nicht hätten. Aber die Liebe fordert ja, daß wir als eine in uns abgeschlossene Individualität der anderen Individualität, gehöre sie welchem Reiche der Natur auch immer an, gegenüberstehen, daß wir nicht mit unserem hellen, klaren Denken untertauchen in die andere Individualität, sondern daß gerade in dem Moment, wo wir die Liebe entfalten, unser Sein rege wird: dasjenige, was nicht aufgeht in den durchsichtigen, klaren Begriffen. In jenem Augenblick würde die Liebe aufhören, wo wir mit hellen, klaren Begriffen untertauchen könnten in die andere Individualität. Da der Mensch eben ein liebendes Wesen sein muß nach seiner Erdenaufgabe und da beim Menschen, indem er eine Fähigkeit hat, durch diese sein ganzes Wesen konstituiert wird, so muß man sagen: Der Mensch muß eben so sein, daß er die Grenzen gegenüber der Außenwelt haben muß für seine Erkenntnis, daß er nicht untertauchen kann unter diese Grenzen der Erkenntnis, um hier auf der Erde seine Aufgabe zu erfüllen in seinem gewöhnlichen Bewußtsein. Was ihm eignet, damit er ein liebendes Wesen sein kann, zeigt sich auf der anderen Seite in seiner gewöhnlichen Erkenntnis, die stillehalten muß an der Grenze, die uns gezogen werden muß, damit wir liebefähige Wesen sein können.

[ 6 ] And when we consider what the capacity for love means for our entire lives—what we are in life by virtue of being able to love—then we will also say to ourselves: Without love, we would not be human beings on this earth between birth and death in the sense that we simply must be. But love demands that we, as self-contained individuals, face other individuals—whatever realm of nature they may belong to—and that we do not submerge ourselves in the other individuality with our bright, clear thinking; rather, that precisely at the moment we unfold love, our being comes alive: that which does not dissolve into transparent, clear concepts. Love would cease at the very moment we could submerge ourselves in the other individuality with bright, clear concepts. Since human beings must be loving beings by virtue of their earthly mission, and since a human being’s entire being is constituted by a particular capacity, we must say: Human beings must be such that they have limits to their knowledge of the external world, so that they cannot sink below these limits of knowledge in order to fulfill their mission here on earth within their ordinary consciousness. What is inherent in a person, enabling them to be a loving being, manifests itself, on the other hand, in their ordinary cognition, which must come to a halt at the boundary that must be drawn for us so that we may be beings capable of love.

[ 7 ] Das ist etwas, was — skizzenhaft allerdings nur, aber die Skizze kann ja von jedem einzelnen weiterverfolgt werden — gewisse Konsequenzen ergibt, was zeigen kann, wie von den Ausgangspunkten, die etwa die Kantsche Philosophie gehabt hat, weitergeschritten werden muß, indem der ganze Mensch ins Auge gefaßt werden muß, also insofern, als er im Leben drinnen als ein lebendiges Wesen stehen muß. Dies hat zunächst — und wir werden darüber noch weiteres hören — jene Weltauffassung, die hier vertreten wird, zu sagen über die naturwissenschaftlichen Erkenntnisgrenzen.

[ 7 ] This is something that—albeit only in outline form, but the outline can, of course, be further developed by each individual—leads to certain consequences, which can show how we must move beyond the starting points that, for example, Kantian philosophy had, by taking the whole human being into account—that is, insofar as the human being must stand within life as a living being. This has, for starters—and we will hear more about this later—what the worldview represented here has to say about the limits of scientific knowledge.

[ 8 ] Das ist die eine Richtschnur, an die sich jede heute ernst zu nehmende Welt- und Lebensauffassung zu halten hat. Die andere kann damit bezeichnet werden, und es ist in diesen Tagen auch schon auf sie aufmerksam gemacht worden, daß man sagt: Eine heute ernst zu nehmende Welt- und Lebensauffassung darf sich nicht verlieren an eine nebulose Mystik. Es ist schon einmal so, daß auch edle Geister der heutigen Zeit, indem sie sehen, wie der Naturwissenschaft Grenzen gezogen sind und von ihr aus nicht der Aufschwung in die geistige Welt zu erhalten ist, sich der Mystik, besonders älteren Formen des mystischen Strebens der Menschheit, in die Arme werfen. Das kann aber gegenüber den anderen Erkenntnisanforderungen, die der Mensch heute haben muß, durchaus nicht der rechte Weg sein. Denn Mystik will durch Hineinschauen in das menschliche Innere zu den eigentlichen Untergründen des Daseins kommen. Aber gerade in bezug auf dieses Hineinschauen in das menschliche Innere sind nun wiederum der menschlichen Erkenntnis Grenzen gezogen. Nehmen wir an, der Mensch wäre in der Lage, in sein Inneres ohne Grenze einfach hineinzuschauen, hineinzuschauen bis dahin, wo sich das tiefste Wesen der menschlichen Natur offenbart, wo der Mensch in Verbindung steht mit den ewigen Quellen des Daseins, wo er sein eigenes individuelles Dasein an das kosmische angliedert. Was könnte dann der Mensch wiederum nicht haben? Nun, diejenigen, die gerade eine oftmals große innere Befriedigung an der Mystik haben, holen ja aus ihrem Innern das Mannigfaltigste heraus. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß dasjenige, was so aus dem menschlichen Innern herausgeholt wird, sich bei einem genaueren Zusehen für den wirklichen Seelenkenner doch zuletzt entpuppt als etwas, was auf irgendeiner Außenbeobachtung beruht, dann in unterbewußte Untergründe untergetaucht ist, von Gefühl und Wille und organischem Geschehen durchsetzt worden ist und dann in veränderter Gestalt wieder heraufkommt. Irgend etwas, was wir beobachten, kann eine solche Umwandlung, eine solche Metamorphose erfahren, daß der Mystiker glaubt, er hole aus den Tiefen seiner Seele etwas herauf, was zeigen muß, wie die ewigen Gründe der Seele selber sind. Selbst solche bedeutsamen Mystiker wie der Meister Eckhardt oder Johannes Tauler sind nicht im vollen Sinne freizusprechen von dem Irrtum, der unterläuft, indem man veränderte Vorstellungen des gewöhnlichen Bewußtseins für selbständige Offenbarungen der menschlichen Seele hält.

[ 8 ] This is the one guiding principle to which every worldview and philosophy of life that is to be taken seriously today must adhere. The other principle can be described—and attention has already been drawn to it in recent days—as follows: A worldview and philosophy of life that is to be taken seriously today must not lose itself in nebulous mysticism. It is certainly true that even noble minds of our time, seeing that natural science has its limits and cannot provide a path upward into the spiritual world, are turning to mysticism—especially to older forms of humanity’s mystical striving. However, in light of the other demands on human knowledge today, this can by no means be the right path. For mysticism seeks to reach the very foundations of existence by looking into the human inner being. But it is precisely with regard to this looking into the human inner being that limits are again imposed on human knowledge. Let us suppose that a person were able to look into their inner self without limit, to look all the way to where the deepest essence of human nature reveals itself, where the person is connected to the eternal sources of existence, where they link their own individual existence to the cosmic. What, then, could such a person not possess? Well, those who derive—often great—inner satisfaction from mysticism do indeed draw the most diverse things from within themselves. I have already pointed out that what is thus drawn from the human inner being, upon closer examination by a true connoisseur of the soul, ultimately turns out to be something based on some external observation, which has then sunk into the subconscious depths, been permeated by emotion, will, and organic processes, and then resurfaces in a transformed form. Anything we observe can undergo such a transformation, such a metamorphosis, that the mystic believes he is drawing up from the depths of his soul something that must reveal the very nature of the soul’s eternal foundations. Even such significant mystics as Meister Eckhart or Johannes Tauler cannot be fully exonerated from the error that arises when altered perceptions of ordinary consciousness are mistaken for independent revelations of the human soul.

[ 9 ] Dadurch aber, daß man diesen Tatbestand unbefangen beobachtet, wird man darauf geführt, die Frage beantworten zu können: Was könnte der Mensch nicht haben, wenn er restlos für das gewöhnliche Bewußtsein in jedem Augenblick in sein Inneres hineinschauen könnte? Er könnte nicht haben, was wir zum vollen, zum geordneten Bestand unseres seelischen Innenwesens brauchen: ein innerlich gesetzmäßiges Erinnerungsvermögen.

[ 9 ] However, by observing this fact impartially, one is led to be able to answer the question: What might a person lack if he could look completely within himself at every moment, as ordinary consciousness allows? They could not possess what we need for the full, orderly constitution of our inner psychological being: a memory that functions according to internal laws.

[ 10 ] Denn wie stellt sich gerade gegenüber den mystischen Ansprüchen dieses Erinnerungsvermögen dar? Ich könnte das, was ich jetzt mit ein paar populären Strichen gebe, auch in sehr wissenschaftlicher Form geben. Allein es ist nur eine Verständigung darüber notwendig, und die kann auch in der populären Form gegeben werden. Indem wir die Außenwelt beobachten und dasjenige, was wir zunächst als ganzer Mensch erleben, innerlich so verwandeln, daß es später wieder als Erinnerungsvorstellungen in uns auftauchen kann, treffen wir eigentlich mit dem seelischen Ergebnis unserer Außenbeobachtung in unserem Innern auf so etwas wie eine Art inneren Spiegel. Es ist ein Vergleich, aber es ist zugleich mehr als ein Vergleich. Was von außen Eindrücke auf uns macht, das darf uns nicht so anregen, daß wir mit diesen Eindrücken restlos untertauchen in unser tiefstes Innere. Es muß möglich sein, daß das, was uns von außen erregt, zurückgeworfen werden kann. Unser Organismus, unser menschliches Wesen muß sich wie ein Spiegelungsapparat verhalten. Und sollen wir diesen Spiegelungsapparat durchstoßen, um zu dem zu kommen, was hinter dem Spiegel ist?

[ 10 ] For how does this faculty of memory present itself, particularly in relation to mystical claims? I could present what I am now outlining in a few general strokes in a very scientific form as well. But all that is needed is a common understanding, and that can also be conveyed in a popular form. By observing the external world and transforming inwardly what we initially experience as whole human beings in such a way that it can later reemerge within us as mental images, we actually encounter, within ourselves, something like an inner mirror through the psychological result of our external observation. It is a comparison, but at the same time it is more than a comparison. The impressions that affect us from the outside must not stimulate us to such an extent that we are completely submerged in our deepest inner self by these impressions. It must be possible for what stirs us from the outside to be reflected back. Our organism, our human being, must function like a reflecting apparatus. And should we pierce through this reflecting apparatus to reach what lies behind the mirror?

[ 11 ] Das strebt eigentlich, ohne daß er es weiß, der Mystiker an. Aber wir brauchen unser regelmäßiges, geordnetes Gedächtnis. Wenn es nur irgendwie unterbrochen ist bis zu dem Zeitpunkt, bis zu dem wir uns zurückerinnern in unserer Kindheit, dann verfallen wir in seelisch krankhafte Zustände. Der Mensch muß so veranlagt sein, daß er das, was er von außen her erlebt, aufhalten kann. Er kann also nicht so veranlagt sein, daß er unmittelbar hinuntertaucht in sein tiefstes Inneres. Wenn wir den mystischen Versuch unternehmen, ohne weiteres mit dem gewöhnlichen Bewußtsein in unser tiefstes Inneres hinunterzutauchen, so tauchen wir eben nur bis zu dem Spiegelungsapparat. Und es ist mit Recht, um unserer Menschheit willen mit Recht, daß das die Vorstellungen heraufleuchten, die wir von außen aufgenommen haben. Wiederum müssen wir den ganzen Menschen ins Auge fassen, wie er sein muß als erinnerungsfähiges Wesen, wenn wir uns klar darüber sein wollen, daß die Mystik, wie sie erstrebt wird, dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht möglich ist.

[ 11 ] This is actually what the mystic strives for, without realizing it. But we need our regular, orderly memory. If it is interrupted in any way—even back to the point where we recall our childhood—then we fall into psychologically pathological states. Human beings must be constituted in such a way that they can hold back what they experience from the outside. They cannot, therefore, be constituted in such a way that they immediately plunge into their deepest inner self. If we undertake the mystical attempt to plunge into our deepest inner self with ordinary consciousness, we will only reach as far as the reflective apparatus. And it is right—for the sake of humanity—that the ideas we have absorbed from the outside world should be reflected there. Once again, we must consider the whole human being—as a being capable of memory—if we are to understand clearly that mysticism, as it is sought, is not possible within ordinary consciousness.

[ 12 ] Gerade aus der klaren Einsicht in diese beiden Grenzen, die dem gewöhnlichen Bewußtsein gezogen sind — in eine natürliche Erkenntnisgrenze gegenüber der Außenwelt des Physisch-Sinnlichen und in die Grenze gegenüber dem mystischen Streben —, quillt dann jenes Streben, das hier als einem modernen Suchen nach der geistigen Welt angemessen charakterisiert worden ist, hervor, jenes Streben, schlummernde Erkenntniskräfte aus der Seele herauszuholen, damit durch das Erringen einer anderen Bewußtseinsform hineingeschaut werden kann in die geistige Welt.

[ 12 ] It is precisely from a clear understanding of these two boundaries imposed on ordinary consciousness—a natural limit to knowledge regarding the external world of the physical and sensory, and a boundary regarding mystical striving— that striving springs forth which has been appropriately characterized here as a modern search for the spiritual world—that striving to awaken dormant powers of cognition from within the soul, so that, through the attainment of a different form of consciousness, one may look into the spiritual world.

[ 13 ] Und schaut man mit den Erkenntnissen, von denen ich in den letzten Tagen hier gesprochen habe, den Menschen nach der Seite hin an, nach der er allein ein liebefähiges Wesen ist und nach der er allein ein erinnerungsfähiges Wesen ist, dann erkennt man, daß das gewöhnliche Bewußtsein, wie es auf Grund der Sinne, des Intellekts und des Denkvermögens arbeitet, aus dem Grunde vor der Außenwelt haltmachen muß, weil es nur dadurch, daß es sich nur als Mittel gebraucht, um die Außenwelt zu ordnen, die Möglichkeit findet, sich weiter auszubilden und jenes belebte Denken herauszubilden, von dem ich in den vorhergehenden Vorträgen gesprochen habe.

[ 13 ] And if, with the insights I have spoken about here in recent days, we look at human beings from the perspective in which they are, and only in which they are, beings capable of love and beings capable of memory, then we recognize that ordinary consciousness—which operates on the basis of the senses, the intellect, and the power of thought, must stop short of the external world, because it is only by using itself as a means to organize the external world that it finds the possibility of developing further and forming that animated thinking of which I have spoken in the previous lectures.

[ 14 ] Dann aber, wenn wir mit diesem belebten Denken das betrachten, was in uns vorgeht, wenn wir der Natur gegenüberstehen, dann finden wir, daß eben in dem Augenblick, wo wir unser Denkvermögen so weit entwickelt haben, daß es als Mittel dient, um die äußeren Erscheinungen zu ordnen, unser gewöhnliches Bewußtsein im Erkenntnisakte erstirbt, aufhört. Ich möchte sagen: So klar auch unser Bewußtsein bei irgendeinem Vorgang der Naturerkenntnis bis zu einer gewissen Grenze ist — bei dieser Grenze geht es partiell wie in eine Art von Sehlafzustand, in das Unbewußte, über. Warum? Weil dann die Fähigkeit zu wirken beginnen muß, die mehr als das abstrakte Denken ausgießt in die umgebende Welt, die unser Sein hinausträgt in die umgebende Welt. i

[ 14 ] But then, when we use this animated thinking to observe what is going on within us, when we face nature, we find that precisely at the moment when we have developed our thinking capacity to such an extent that it serves as a means of organizing external phenomena, our ordinary consciousness dies away, ceases, in the act of cognition. I would like to say: No matter how clear our consciousness may be during any process of understanding nature up to a certain limit—at this limit, it partially passes into a kind of waking sleep, into the unconscious. Why? Because that is when the capacity to act must begin—a capacity that pours more than abstract thought into the surrounding world, carrying our being out into the surrounding world. i

[ 15 ] Denn indem wir lieben, sind wir zur Umwelt nicht in einem Erkenntnisverhältnis, sondern in einem Realitäts-, in einem wirklichen Seinsverhältnis. Und erst wenn wir das lebendige Denken ausbilden, sind wir wieder in der Lage, uns hinüberzuleben in die Realität der Dinge: Da ergießen wir gewissermaßen die belebten Gedanken hinüber, verfolgen das, was draußen als der Anfang des geistigen Lebens, zunächst als geistigseelischer Weltenrhythmus, als Schein, ist, und dringen immer weiter und weiter vor, indem wir uns das leere Bewußtsein, wie ich es geschildert habe, aneignen, in die geistige Welt, die mit der sinnlich-physischen verbunden ist. Dann fühlen wir uns in einem solchen übersinnlichen Erkenntnisakte wie aufgewacht gegenüber dem gewöhnlichen Bewußtsein. Wir belauschen gewissermaßen unser Sein, indem es ein lebendiges Sein wird.

[ 15 ] For when we love, we are not in a relationship of cognition with the world around us, but in a relationship of reality—a relationship of true being. And only when we develop living thought are we once again able to live our way into the reality of things: There, we pour out our animated thoughts, so to speak, pursuing what lies outside as the beginning of spiritual life—at first as a spiritual-soul rhythm of the world, as an appearance—and we penetrate further and further, by appropriating the empty consciousness, as I have described it, into the spiritual world that is connected to the sensory-physical world. Then, in such a supersensible act of cognition, we feel as if we have awakened from ordinary consciousness. We listen in, as it were, to our own being as it becomes a living being.

[ 16 ] Das ist sogar etwas, was einen erschütternderen Eindruck auf den geistig Erkennenden machen kann, als alles das, was ihm werden kann durch das Nacherleben auch der tiefsten Mystiker. Erschütternder als dieses sogenannte Hineinsichversenken in das eigene Innere ist der Moment, wo man fühlt, wie der Mensch in einem gewissen Augenblick der höheren Erkenntnis sein Selbst als Seiendes ausgießen muß in die äußere Welt, wie der Erkenntnisakt etwas wird, was die bloße Erkenntnis in reales Leben umwandelt, in ein reales Zusammensein mit der äußeren Welt.

[ 16 ] This is, in fact, something that can make a more profound impression on the spiritually discerning mind than anything that can come to him through reliving even the experiences of the deepest mystics. More profound than this so-called immersion into one’s own inner self is the moment when one feels how, at a certain moment of higher insight, a person must pour out their self—as a being—into the external world, how the act of insight becomes something that transforms mere insight into real life, into a real coexistence with the external world.

[ 17 ] Das aber ist zunächst verbunden mit einer wesentlichen Verstärkung des Ich-Gefühls. Man fühlt etwa dabei so: Wenn man im gewöhnlichen Erkennen der Außenwelt ist, geht man mit seinem Ich bis an die Naturgrenze heran. Das Ich wird da zurückgestoßen. Man fühlt sich überall wie, ich möchte sagen, von seelischen Mauern umgeben. Das wiederum wirkt zurück auf das Ich-Gefühl. Das Ich-Gefühl hat eine gewisse Stärke, und die richtige Nuance erhält dann dieses Ich-Gefühl eben dadurch, daß sich dem, was man so als ein eingeschränktes Gefühl in sich trägt, jenes Hingegebensein an die Welt und die Weltwesen beimischt, das vom Lieben kommt. In dem Erkennen, das übersinnlicher Art ist, wird das Ich sogar verstärkt, und man kann sagen: die Gefahr besteht, daß es dasjenige, was sonst im Erdenleben mit Recht als Liebe lebt, in ein gewisses selbstsüchtiges Untertauchen in die Dinge verwandelt, daß es gewissermaßen sich selber hineinschiebt, hineinströmen läßt in die Dinge. Dadurch wird das Selbst erweitert.

[ 17 ] But this is initially connected with a significant strengthening of the sense of self. One feels something like this: When one is engaged in ordinary perception of the external world, one approaches the natural boundary with one’s sense of self. There, the sense of self is repelled. One feels, everywhere, as if—I might say—surrounded by spiritual walls. This, in turn, has an effect on the sense of self. The sense of self possesses a certain strength, and it acquires its proper nuance precisely through the blending of that devotion to the world and its beings—which arises from love—with what one carries within as a limited feeling. In this supersensory kind of cognition, the “I” is even strengthened, and one can say: there is a danger that what otherwise rightly lives as love in earthly life will be transformed into a certain selfish immersion in things, that it will, as it were, thrust itself into them, allow itself to flow into them. Through this, the self is expanded.

[ 18 ] Gerade aus dem Grunde wird in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ein so großer Wert auf die vorbereitenden Übungen gelegt. Und in diesen vorbereitenden Übungen finden Sie das verzeichnet, was auf eine Selbstzucht in bezug auf das Selbstgefühl geht, daß man die nötige Liebefähigkeit zunächst im gewöhnlichen Leben vor dem gewöhnlichen Bewußtsein stark entwickelt, bevor man den Versuch macht, durch höhere Erkenntnis in die übersinnliche Welt einzudringen. Man muß vorher ein auch in dieser Richtung seelisch, physisch und geistig gesunder Mensch sein, bevor man sich darauf einlassen kann, in gesunder Weise in die geistige Welt einzutreten. Dann aber darf auch nicht der gewöhnliche, doch mehr oder weniger philiströse Einwand gemacht werden, daß es etwas Unbehagliches habe, sich so selbst in seiner Liebefähigkeit zu belauschen. Dieses Belauschen macht allerdings einen erschütternden Eindruck. Man hat sich vor sich, wie sonst im gewöhnlichen Bewußtsein nie. Aber wenn Sie sich erinnern, wie das, was man sich in höherer Erkenntnis erringt, sich selber nicht dem Gedächtnis einverleibt, so daß man dann mit dem Anschauen seiner eigenen Liebefähigkeit durch das Leben schreitet und fortstolziert, was einen zur menschlichen Unfähigkeit führen würde, dann wird man auch das, was von dieser Seite als Anforderungen an die übersinnliche Erkenntnis herandringt, in der richtigen Weise zu würdigen verstehen.

[ 18 ] It is precisely for this reason that my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* places such great emphasis on the preparatory exercises. And in these preparatory exercises, you will find instructions on how to cultivate self-discipline with regard to self-awareness—namely, that one must first strongly develop the necessary capacity for love in ordinary life and before ordinary consciousness before attempting to enter the supersensible world through higher knowledge. One must first be a person who is mentally, physically, and spiritually healthy in this regard before one can embark on entering the spiritual world in a healthy way. But then one must not raise the ordinary—yet more or less philistine—objection that there is something uncomfortable about eavesdropping on oneself in this way regarding one’s capacity for love. This eavesdropping does, however, make a profound impression. One sees oneself as one never does in ordinary consciousness. But if you recall that what one attains through higher knowledge does not become part of one’s memory—so that one does not then go through life gazing at one’s own capacity for love and strutting about, which would lead to human incapacity—then one will also understand how to properly appreciate what comes from this side as demands for supersensible knowledge.

[ 19 ] Das also charakterisiert diese übersinnliche Erkenntnis im Verhältnis zur Liebefähigkeit nach der Gedankenseite hin. Was aber lernt man dadurch erkennen?

[ 19 ] This, then, characterizes this supersensible insight in relation to the capacity for love from the intellectual perspective. But what does one come to recognize through it?

[ 20 ] Nun, es geht schon aus den Ausführungen, die ich gemacht habe, hervor, daß man gewissermaßen sein verstärktes Selbst hineinstößt in die Umgebung, hineinströmen läßt in die Umgebung. Dadurch dringt es vor bis zum Geistigen, so daß einem die merkwürdige Wahrheit entgegentritt, daß man eigentlich dadurch, daß man immer weiter und weiter sich fähig macht, in die Außenwelt einzudringen, gerade zur Erkenntnis seines Seelischen, seines Geistigen selber kommt.

[ 20 ] Well, it is already clear from the remarks I have made that, in a sense, one projects one’s strengthened self into the environment, allowing it to flow into the environment. In this way, it penetrates all the way to the spiritual, so that one is confronted with the remarkable truth that, precisely by making oneself capable of penetrating ever further and further into the external world, one actually comes to a recognition of one’s own soul and spirit.

[ 21 ] Ich möchte sagen, aus einem gesunden Instinkt heraus hat Goe/he die Selbsterkenntnis abgelehnt, die durch Hineinbrüten in das Innere entsteht. Er hat harte Worte gegen solche Selbsterkenntnis im mystischen Sinne gefunden. Wirkliche Selbsterkenntnis kann der Mensch nur erlangen, wenn er durch Erstarkung seiner sonst schlummernden Erkenntniskräfte die Fähigkeit erlangt, mit seinem Selbst in die Außenwelt unterzutauchen. In der Welt draußen findet der Mensch seine eigentliche Selbsterkenntnis! Man muß sich schon gewöhnen, im modernen Sinn des Wortes zu einer wirklichen Welterkenntnis dadurch zu kommen, daß man manchen Begriff fast bis in sein Gegenteil umkehren muß. Und so ist es mit dem Begriff der Selbsterkenntnis: Schaue in die Welt, suche immer mehr und mehr in den Weiten, indem du die Fähigkeit deines Ichs, unterzutauchen in diese Weiten, durch Entwickelung von Erkenntniskräften verstärkst, dann findest du dein eigentliches Selbst. So daß man sagen kann: Der Kosmos läßt uns für die übersinnliche Erkenntnis in sich eindringen und gibt uns als Ergebnis dieses Eindringens gerade unsere Selbsterkenntnis zurück.

[ 21 ] I would say that, out of a healthy instinct, Goethe rejected the kind of self-knowledge that arises from brooding over one’s inner self. He had harsh words for such self-knowledge in the mystical sense. A person can attain true self-knowledge only when, by strengthening their otherwise dormant powers of cognition, they acquire the ability to immerse themselves—along with their self—in the external world. It is in the world outside that a person finds their true self-knowledge! One must get used to arriving at a true understanding of the world—in the modern sense of the word—by having to reverse certain concepts almost to their opposites. And so it is with the concept of self-knowledge: Look into the world, seek ever more deeply in its vastness, while strengthening your “I’s” ability to immerse itself in this vastness through the development of cognitive powers; then you will find your true self. So that one can say: The cosmos allows us to penetrate into it for supersensible knowledge and, as a result of this penetration, returns to us precisely our self-knowledge.

[ 22 ] Sehen wir nach der anderen Seite hin, die manchmal auf dem falschen mystischen Wege gesucht wird. Ich habe davon gesprochen, wie der Wille des Menschen entwickelt werden kann, und davon, wie es möglich ist, nach dieser anderen Seite hin schlummernde Kräfte zu entwickeln. Dieser Wille kann so weit entwickelt werden, daß der ganze Mensch eine Art Sinnesorgan, das heißt Geistorgan, das heißt geistig-seelisch innerlich so durchsichtig wird, wie sonst das menschliche Auge durchsichtig ist. Wir brauchen nur daran zu denken, daß das menschliche Auge selbstlos im materiellen Sinn des Wortes sein muß, damit es das Organ des Sehens sein kann. Würde sich das Auge ausfüllen mit sich geltend machendem Materiellem, so würde sich sogleich unser Blickfeld verfinstern. So muß in geistig-seelischem Sinn unser ganzes menschliches Wesen werden. Unser ganzes Wesen muß geistig-seelisch durchsichtig werden. Dann stellen wir uns mit dem, was in unserem Willen lebt, in die geistig-seelische Welt schon in unserem Erdendasein hinein. Dann aber tritt das ein, wovon ich schon gestern andeutungsweise gesprochen habe: daß wir die Möglichkeit erlangen, die geistig-seelische Welt zu schauen, aber dadurch gerade unser Inneres beurteilen. Und ich habe gestern folgendes ausgeführt: Wenn wir als physisch-sinnliches Wesen der Außenwelt gegenüberstehen, so leben wir uns in die sinnlich-physischen Tatsachen der Außenwelt mit unserem ganzen Menschen ein, dann tragen wir davon in uns die seelischen Erinnerungsbilder. Ja, unser Seelisches besteht aus diesen Erinnerungsbildern. Man kann also sagen, das äußerlich PhysischSinnliche wird innerlich geschaut als ein Bildhaftes. — Umgekehrt sage ich: Wenn wir die Fähigkeit erlangen, durch uns selbst als Geistorgan in die Außenwelt als in eine geistige, mit geistigen Wesenheiten und geistigen Geschehnissen, hineinzuschauen, dann durchschauen wir dadurch gerade unser physisches Innere. Wir lernen dadurch die Wesenheit unserer Lunge, unseres Herzens und unserer anderen Organe erkennen. Die Geistigkeit der Außenwelt spiegelt sich in unserem Innern durch unsere physische Natur gerade so, wie sich die physische Außenwelt durch unsere geistig-seelische abstrakte Natur in uns spiegelt.

[ 22 ] Let us look at the other side, which is sometimes sought along the wrong mystical path. I have spoken of how the human will can be developed, and of how it is possible to awaken dormant powers on this other side. This will can be developed to such an extent that the whole human being becomes a kind of sensory organ—that is, a spiritual organ—which is as transparent inwardly, in a spiritual-soul sense, as the human eye otherwise is. We need only consider that the human eye must be selfless in the material sense of the word in order to be the organ of sight. If the eye were to fill itself with self-assertive materiality, our field of vision would immediately darken. This is how our entire human being must become in a spiritual-soul sense. Our entire being must become spiritually and psychically transparent. Then, with what lives in our will, we enter the spiritual and psychic world even during our earthly existence. Then, however, what I already hinted at yesterday comes to pass: that we gain the ability to perceive the spiritual and psychic world, but thereby judge our very inner selves. And yesterday I explained the following: When we, as physical-sensory beings, face the external world, we immerse ourselves in the sensory-physical facts of the external world with our whole being; we then carry within us the soul-images of these facts. Indeed, our soul consists of these soul-images. One can therefore say that what is outwardly physical and sensory is perceived inwardly as something pictorial. — Conversely, I say: When we gain the ability to look into the external world—as a spiritual world filled with spiritual beings and spiritual events—through ourselves as spiritual organs, we thereby gain insight into our own physical inner being. Through this, we learn to recognize the essence of our lungs, our heart, and our other organs. The spiritual nature of the external world is reflected within us through our physical nature, just as the physical external world is reflected within us through our abstract spiritual-soul nature.

[ 23 ] Dieser Weg aber, der uns hier eröffnet wird, durch Anschauen der Außenwelt uns selbst erkennen zu lernen, stellt sich in seinem weiteren Verlauf als ein sehr konkreter dar. Man lernt den Anteil kennen, den die einzelnen menschlichen Organe an der Gesamtwesenheit des Menschen haben. Man lernt die Harmonisierung der einzelnen Vorgänge dieser Organe allmählich durchschauen.

[ 23 ] This path, however—which opens up to us here, allowing us to learn to know ourselves by observing the external world—proves to be a very concrete one as it unfolds. One comes to understand the role that the individual human organs play in the human being as a whole. One gradually comes to grasp the harmony among the individual processes of these organs.

[ 24 ] Zunächst stellt sich allerdings das Folgende heraus: Was der im Nebulosen fischende Mystiker sucht, das sind im Grunde genommen verwandelte Erinnerungsvorstellungen; aber oftmals mischt sich in diese verwandelten Erinnerungsvorstellungen etwas hinein von Ergebnissen einer organischen Tätigkeit. Nur weiß er das nicht. Er glaubt, den inneren Spiegel, der der Erinnerung zugrunde liegt, zu durchstoßen. Er durchstößt ihn nicht. Wie Wellen schlagen von der anderen Seite auf diesen Spiegel die Prozesse unseres organischen Wesens an. Er merkt nicht, was da eigentlich geschieht, er merkt nur die Veränderung der sich spiegelnden Erinnerungsvorstellungen. Man muß, ohne sich dadurch etwa der Philistrosität schuldig zu machen, schon manches Schöne, Poetische, Mystische ins Prosaische verzerren und sagen: Gar manches, was dieser oder jener Mystiker auf diese Weise aus seinem Seelischen hervorgeholt hat, ist nicht irgendwie ein Ausdruck geistigen Daseins, sondern es ist nur — auf die Weise, wie ich es geschildert habe — ein Ergebnis des Wogens der inneren organischen Vorgänge. Wunderbare mystische Darstellungen älterer und neuerer Zeit — die an solchem ein Wohlgefallen haben, können einen außerordentlich poetischen Eindruck haben —sind im Grunde genommen für den, der unbefangen die Dinge zu durchschauen vermag, nichts anderes als der Ausdruck innerer Vorgänge in der Menschennatur selber. Es erscheint philiströs, wenn man sagen muß: Da tritt etwas Mystisches auf, es kommt einem poetisch vor und ist dennoch für den, der die Sache durchschauen kann, die Hineinwirkung gewisser Lebensprozesse in die Erinnerungsvorstellungen. Für den, der im Ernst erkennen will, wird die Sache dadurch nicht etwa wertlos. Denn nicht dadurch, daß irgend etwas für das befangene Gemüt in wohlgefälliger Weise dargestellt ist, ist es eine Wahrheit, sondern dadurch daß man nach und nach versucht, wirklich auf den Grund der Dinge zu kommen.

[ 24 ] First, however, the following becomes clear: What the mystic, fishing in the nebulous, is seeking are, in essence, transformed mental images of memory; but often something from the results of organic activity mingles with these transformed mental images of memory. Only he does not know this. He believes he is piercing the inner mirror that underlies memory. He does not pierce it. Like waves, the processes of our organic being strike this mirror from the other side. He does not realize what is actually happening there; he only notices the change in the reflected memories. Without thereby being guilty of philistinism, one must distort many beautiful, poetic, and mystical things into the prosaic and say: Much of what this or that mystic has drawn forth in this way from his inner life is not in any way an expression of spiritual existence, but is merely—in the manner I have described—a result of the surging of inner organic processes. Marvelous mystical depictions from both past and present—which can make an extraordinarily poetic impression on those who take pleasure in them—are, at their core, for anyone capable of seeing through things with an open mind, nothing other than the expression of inner processes within human nature itself. It seems philistine to have to say: Something mystical appears here; it strikes one as poetic; and yet, for those who can see through it, it is merely the influence of certain life processes on the images of memory. For those who sincerely wish to understand, this does not render the matter worthless. For something is not a truth simply because it is presented in a pleasing manner to a biased mind, but rather because one gradually attempts to truly get to the bottom of things.

[ 25 ] Derjenige, der aber nun nicht beim gewöhnlichen Bewußtsein stehenbleibt, was der nebulose Mystiker doch tut, sondern, nachdem er zuerst wiederum durch vorbereitende Übungen seine seelische Gesundheit dadurch gesichert hat, daß er auf Ausbildung eines gesunden Erinnerungsvermögens Wert gelegt hat, der dann diesen Erinnerungsspiegel durchstößt und dadurch wirklich in sein Inneres sieht, der sieht in diesem Innern überall die Ergebnisse weitverzweigter, in der geistigen Außenwelt angelegter und in der geistigen Welt vor sich gehender Vorgänge. Und man lernt auf diese Weise den Menschen kennen. Man lernt auf diese Weise sich sagen: Was der abstrakte Idealist vielleicht als das Niedrige im Menschen anspricht, weil er es nur von der physiologischen oder anatomischen Außenseite betrachtet, was innere Organisation des Menschen ist, das ist gerade ein wunderbares Ergebnis des ganzen Kosmos.

[ 25 ] But the one who does not remain at the level of ordinary consciousness—which is what the vague mystic does—but, after first ensuring his mental health through preparatory exercises—by placing importance on developing a sound memory—and then piercing through this mirror of memory to truly see into his inner self, sees everywhere within this inner world the results of far-reaching processes that are rooted in the spiritual outer world and are taking place in the spiritual world. And in this way one comes to know the human being. In this way one learns to say to oneself: What the abstract idealist perhaps refers to as the base aspect of the human being—because he views it only from the physiological or anatomical exterior—is, in fact, the inner organization of the human being, which is precisely a marvelous result of the entire cosmos.

[ 26 ] Und lernen wir diese innere Organisation des Menschen wirklich kennen, so stellt sich bald folgendes heraus: Wenn wir hineinblicken in unser seelisches Innere, zurückgehen auf manches in der Erinnerung, was wir im Leben erfahren haben, dann können wir aus dem, was wir innerlich in einer dazu geeigneten Stunde in uns auferstehen lassen, diese Erlebnisse vor unser geistiges Auge zaubern, wenn auch in Abschattung. Aus dem, was wir an Bildinhalt in unserer Seele von der Außernwelt aufgenommen haben, können wir wiederum diese Außenwelt in einer uns befriedigenden Weise vor die Seele zaubern. Lernen wir ebenso unser umfassendes Inneres kennen, lernen wir die Art und Weise, wie unser Organismus in seinen einzelnen Gliedern auf geistige Art aus dem Kosmos hervorgeht, kennen, dann stellt sich unser ganzer Mensch, den wir jetzt durchschauen, dar als aufgezeichnete Erinnerungen aus dem Kosmos. Wir schauen jetzt nicht mit den Augen des nebulosen Mystikers in uns hinein, wir schauen mit dem erweckten Seelenauge in unser Inneres, durchschauen das, was unsere Lunge, unser Herz, unser gesamter übriger Organismus geistig-seelisch, innerlich angeschaut, ist. Und das stellt sich uns dar als Weltgedächtnis, im Menschen aufgezeichnet so, wie sonst unser Gedächtnis in der Seele aufgezeichnet ist für das Leben zwischen der Geburt und dem jetzigen Augenblick. Und das tritt in uns auf, was man nennen kann: Erkenntnis des Menschen als Weltengedächtnis, als Abbild der Weltentwickelung, als Abbild des Geschehens im Kosmos.

[ 26 ] And if we truly come to understand this inner organization of the human being, the following soon becomes clear: When we look into the depths of our soul and reflect on certain memories of what we have experienced in life, we can conjure up these experiences before our mind’s eye—albeit in a veiled form—from what we allow to arise within us at a suitable moment. From the visual content we have absorbed into our soul from the external world, we can in turn conjure up this external world before our soul in a way that satisfies us. If we likewise come to know our comprehensive inner being, if we come to understand the way in which our organism, in its individual parts, emerges spiritually from the cosmos, then our entire human being—which we now perceive through and through—presents itself as recorded memories from the cosmos. We no longer look within ourselves through the eyes of the vague mystic; rather, we gaze into our innermost being with the awakened eye of the soul, perceiving what our lungs, our heart, and our entire organism are—spiritually, soulfully, and inwardly. And this presents itself to us as the memory of the world, recorded within the human being just as our own memory is otherwise recorded in the soul for the life between birth and the present moment. And what arises within us is what might be called: the recognition of the human being as the memory of the world, as a reflection of the world’s evolution, as a reflection of what takes place in the cosmos.

[ 27 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, erst muß man sich bekanntmachen mit all den Einzelheiten, die durchzumachen sind, bevor der Mensch zu einer solchen Selbsterkenntnis kommt, nicht zu der brütenden Selbsterkenntnis der sogenannten gewöhnlichen Innenanschauung, sondern zu der Selbsterkenntnis, die in jedem unserer inneren Organe etwas sieht wie ein zusammengelegtes Geistiges, das aus gewissen geistigen Vorgängen im Kosmos hervorgeht. Dann, wenn man begriffen hat, was der Mensch ist in dieser Beziehung, wird man nicht mehr sagen, man versetze in anthropomorphistischer Weise, was man in der Seele hat, in die Welt hinaus, um eine geistgemäße Erklärung zu bekommen, sondern man wird sich sagen: Man sucht erst durch vorsichtiges und ernstes Ringen den Menschen innerlich zu durchdringen, dann enthüllt sich einem in diesem menschlichen Innern ebenso der Kosmos, wie sonst im Hinschauen auf die Erinnerungen die Summe der persönlichen Erlebnisse sich enthüllt.

[ 27 ] Ladies and gentlemen, First, one must familiarize oneself with all the details that must be worked through before a person can arrive at such self-knowledge—not the brooding self-knowledge of so-called ordinary introspection, but the self-knowledge that perceives in each of our internal organs something like a concentrated spiritual essence arising from certain spiritual processes in the cosmos. Then, once one has grasped what a human being is in this regard, one will no longer say that one is projecting what one has in the soul out into the world in an anthropomorphic way in order to obtain a spiritual explanation; rather, one will say to oneself: One first seeks to penetrate the human being inwardly through careful and earnest striving; then, within this human interior, the cosmos reveals itself just as the sum of personal experiences reveals itself when one looks upon one’s memories.

[ 28 ] Wenn solche Dinge auch für das heutige Zeitbewußtsein noch in gewisser Weise paradox erscheinen, so ist dieses heutige Zeitbewußtsein durchaus auf dem Wege, solches zu erfassen. In den Sehnsuchten der Menschen lebt es durchaus, gewisse Gedankengänge, die schon da sind, weiterzuverfolgen. Dann werden die Gedanken, die auf solchem Wege liegen, wenn noch ein bestimmtes Üben dazukommt, immer mehr und mehr zu belebten Gedanken. Und wenn dazu der entwickelte Wille kommt, dann wird man immer mehr und mehr in solche Selbsterkenntnis hineinkommen, und man wird sehen, daß, während auf der einen Seite ein immer Weiter- und Weitergehen mit dem Ich in die Außenwelt gerade zur Selbsterkenntnis führt, das Eindringen in die Tiefen der Menschennatur aus dem Menschen hinaus zur Welterkenntnis führt.

[ 28 ] Even if such things still seem somewhat paradoxical to today’s sense of time, that very sense of time is well on its way to grasping them. There is a definite desire within people to pursue certain lines of thought that are already present. Then, when a certain kind of practice is added, the thoughts that lie along this path become more and more vivid. And when a developed will is added to this, one will enter more and more deeply into such self-knowledge, and one will see that, while on the one hand, moving ever further and further with the “I” into the external world leads precisely to self-knowledge, delving into the depths of human nature leads from within the human being outward to knowledge of the world.

[ 29 ] Um allerdings in diesen Dingen immer unbefangener und unbefangener zu werden, dazu gehört, daß man auf die menschliche Natur nicht in der Weise hinsieht, wie das heute gewöhnlich der Fall ist. Man zergliedert heute den Menschen in bezug auf sein Knochensystem, sein Muskelsystem, sein Nervensystem und definiert dann als Wesen des physischen Menschen, was sich so ergibt. Man hat dann den Menschen geradeso vor sich, als ob er ein Wesen wäre aus festen materiellen Grundlagen. Aber es weiß doch jeder heute, daß der Mensch im wesentlichen nicht aus festen Bestandteilen besteht, daß er zum größten Teil, gegen neunzig Prozent, eigentlich eine Wassersäule ist. Es weiß heute jeder, daß das, was ich in diesem Augenblicke als Luft eingesogen habe, vorher draußen in der Welt war, daß das, was ich jetzt in mir drinnen an Luft habe und was in mir arbeitet, dann wieder draußen sein wird und der Welt angehörig sein wird. Und endlich kann sich jeder vorstellen, wie der Mensch in seiner Organisation einen fortwährenden Wärmeumsatz hat. Und wenn wir den Menschen so anschauen, dann entfestigt er sich uns, dann kommen wir allmählich los von der Illusion, von der wir wissen, daß sie eine ist, die wir aber doch vor die Seele hinstellen, als ob der Mensch betrachtet werden könnte, wie wir ihn hinzeichnen in der Anatomie. Wir kommen dahin, ebenso berechtigt das Flüssige im Menschen als zu seinem Wesen gehörig zu betrachten, das, was vibrierend, wellend, gestaltend im Flüssigkeitsmenschen vor sich geht. Wir kommen dazu, einzusehen, daß auch in der Luftgestalt des Menschen etwas vor sich geht, was zu diesem menschlichen Wesen gehört. Und endlich kommen wir vielleicht dazu, zu begreifen, daß die Luft, die in unserem Innern vibriert, wellt, auf und ab wogt, sich hineinergießt in unsere Aderströmungen und so weiter, innerlich arbeitet, in der mannigfaltigsten Weise durchzogen wird von Stellen, die erwärmt, von Stellen, die erkaltet sind.

[ 29 ] However, in order to become increasingly unbiased in these matters, it is necessary not to view human nature in the way that is commonly done today. Today, people dissect the human being in terms of his skeletal system, his muscular system, and his nervous system, and then define the physical human being as the sum of these parts. One then views the human being as if he were a being composed of solid, material elements. But everyone knows today that human beings do not essentially consist of solid components, that for the most part—about ninety percent—they are actually a column of water. Everyone knows today that what I have just inhaled as air was previously out in the world, that the air I now have inside me and which is working within me will eventually be outside again and belong to the world. And finally, everyone can imagine how the human being undergoes a continuous exchange of heat within his or her organism. And when we look at the human being in this way, he or she ceases to appear as a static entity to us; we gradually free ourselves from the illusion—which we know to be just that, yet which we still hold up before our souls—as if the human being could be viewed exactly as we depict him or her in anatomy. We come to regard the fluid within the human being as equally legitimate a part of their essence—that which vibrates, undulates, and takes shape within the fluid human being. We come to realize that something is also taking place within the human being’s air form that belongs to this human essence. And finally, we may come to understand that the air that vibrates, undulates, and surges up and down within us—pouring into our blood streams and so on—works internally and is permeated in the most manifold ways by places that are warmed and places that are cooled.

[ 30 ] Wenn man auf der einen Seite das Geistig-Seelische hat, wie man es heute in sich trägt in dieser mehr oder weniger abstrakten Form, dann ist dieses GeistigSeelische mit einem starken Bildcharakter behaftet, den wir eigentlich nur, wie wir sagen, innerlich anschauen können. Und wir müssen bei dieser inneren Anschauung stehenbleiben, wenn wir das betrachten, was Physiologie und Anatomie uns vom Menschen geben. Wenn wir alle die großartigen Resultate der gewöhnlichen Wissenschaft auf uns wirken lassen, dann haben wir etwas vor uns wie ein festes Gebilde in einer mannigfaltigen Struktur, aber etwas, was seinem Wesen nach grundverschieden ist von dem, was wir im Innern beobachten, wenn wir uns das Denken, Fühlen, Wollen in ihrer Gestaltung vor die Seele rufen, und wir finden nicht die Brücke vom einen zum andern. Wir sehen, wie die Seelenkundigen sich damit abplagen, ein Wechselverhältnis zu suchen zwischen dem, was sie auf der einen Seite auffassen in seiner Abstraktheit, Bildhaftigkeit, in der Art und Weise, die man eben nur innerlich anschauen kann, und dem, was äußerlich da ist. Das steht so weit voneinander ab, daß man eine Verbindungsbrücke mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht ohne weiteres schlagen kann. Gehen wir aber unbefangen vor, fassen wir nicht die Illusion des festen Menschen ins Auge, sondern fassen wir ins Auge, wie der Mensch ein Flüssigkeitswesen, ein Luft-, ein Wärmewesen ist, dann kommen wir durch Einfühlen in uns selber dazu, das Wogen von Wärme und Kälte in den Strömungen unseres Luftkreislaufes wahrzunehmen, wenn wir uns eine innere Anlage dafür anschaffen.

[ 30 ] If, on the one hand, we have the spiritual-soul aspect as we carry it within ourselves today in this more or less abstract form, then this spiritual-soul aspect is imbued with a strong pictorial character that we can, as we say, only contemplate inwardly. And we must remain at this stage of inner contemplation when we consider what physiology and anatomy reveal to us about the human being. When we allow all the magnificent findings of conventional science to take effect upon us, we find before us something like a solid formation within a multifaceted structure—but something that is, in its very nature, fundamentally different from what we observe within ourselves when we bring to mind the forms of thinking, feeling, and willing, and we cannot find a bridge connecting the two. We see how psychologists struggle to find a connection between what they perceive on the one hand—in its abstractness, its imagery, in a way that can only be contemplated inwardly—and what exists externally. These are so far apart that one cannot readily build a bridge connecting them with ordinary consciousness. But if we proceed with an open mind—if we do not focus on the illusion of the solid human being, but rather on how the human being is a fluid being, an airy being, a being of warmth—then, through self-reflection, we come to perceive the ebb and flow of warmth and cold in the currents of our respiratory system, provided we cultivate an inner disposition for it.

[ 31 ] Und wir schaffen sie uns an durch den Weg der höheren Erkenntnis, wie ich ihn in diesen Tagen zu schildern versuchte. Wenn wir so die in uns vibrierende Luft innerlich erfühlen lernen, so stehen wir dabei noch mehr oder weniger im Physischen; aber wenn wir sie erfühlen und nun das belebte Denken, das innerlich etwas von Realität spürt, hinübertragen, dann stellt sich uns die Brücke her. Und wenn wir den Menschen bis in die Verfeinerungen seiner Wärmedifferenzierungen ins Auge fassen und das Seelische verdichten, bis es aus seiner Abstraktheit heraus in die Realität eingreift, dann finden wir die Brücke.

[ 31 ] And we acquire them through the path of higher knowledge, as I have tried to describe in recent days. When we learn to sense inwardly the air vibrating within us, we are still, to a greater or lesser extent, in the physical realm; but when we sense it and then carry over the animated thinking—which inwardly perceives something of reality—the bridge is established for us. And when we look deeply into the human being, down to the subtleties of his thermal differentiations, and condense the soul aspect until it steps out of its abstractness and into reality, then we find the bridge.

[ 32 ] Das in dieser Art verdichtete Seelenleben kann sich mit dem verdünnten physischen Erfahren, wenn ich so sagen darf, verbinden. Wenn wir beginnen, so in uns einzudringen, daß wir wahrnehmen, wie der belebte Gedanke auf unserem, wenn ich mich so ausdrücken darf, «Luftmenschen» wogt, der in verschiedener Art mit Wärme und Kälte differenziert ist, so sehen wir allmählich ein, wie in der Tat auch die Differenzierungen des Gedankens wirken können in unserer menschlichen Organisation, wie ein Gedanke, der von Sympathie begleitet ist, der etwa das Urteil fällt: Ja, so ist es, der Baum ist grün —, in der Tat einen Wärmezustand auslöst, wie ein Gedanke, der mit Antipathie verwoben, der etwa ein negatives Urteil begründet, erkältend wirkt auf unsere Luft-Wärme-Materialität.

[ 32 ] The inner life condensed in this way can, if I may say so, combine with our diluted physical experience. When we begin to delve so deeply within ourselves that we perceive how the animated thought surges upon our—if I may put it this way— “air-people”—which is differentiated in various ways by warmth and cold—we gradually come to understand how, in fact, the differentiations of thought can also take effect in our human constitution, how a thought accompanied by sympathy—one that, for example, passes the judgment: “Yes, that’s right, the tree is green”—truly triggers a state of warmth, just as a thought interwoven with antipathy—one that, for example, makes a negative judgment—has a cooling effect on our air-warmth-materiality.

[ 33 ] Wir sehen so, wie das Seelische fortvibriert, fortschafft auf dem Umwege durch die feinere Materialität in die dichtere Materialität hinein. Wir finden die Möglichkeit, unseren Erkenntnisweg auch in die menschliche Organisation hinein so zu gestalten, daß wir beim Seelischen beginnen und in das Materielle untertauchen.

[ 33 ] We see how the spiritual continues to vibrate and move forward, taking a detour through the finer forms of matter into the denser forms of matter. We find the possibility of shaping our path of knowledge—even within human organization—in such a way that we begin with the spiritual and delve into the material.

[ 34 ] Dann aber eröffnet sich uns die Möglichkeit, immer mehr und mehr fortzuschreiten zu dem, was ich eben geschildert habe: zur inneren Erkenntnis der menschlichen Organisation. Denn ehe wir nicht die verschiedenen Stufen der Materialität, Wasser, Luft, Feuer, in den einzelnen Organen verfolgen können, enthüllt sich uns auch nicht das Seelische. Wir müssen das Seelische zuerst verdichten, dann kommen wir erst zur physischen Natur des Menschen, dann aber wiederum, indem wir durch diese hindurchdringen, zu dem, was geistig-seelisch zunächst unserer physischen Organisation zugrunde liegt. Da finden wir dann: Geradeso wie wir, wenn wir mit unserer Gedächtniskraft in uns hineinbohren, die abgelegten Erlebnisse unseres persönlichen Erdendaseins finden, so finden wir, indem wir so untertauchen in den ganzen Menschen, das Geistig-Seelische, das heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt durch die Konzeption, Keimentwickelung und so weiter. Indem dieses GeistigSeelische in uns sich umhüllt hat mit dem, was ihm von der Erde zukommt, wird es zum Weltgedächtnis. Wir finden gewissermaßen den Kosmos erinnerungsmäßig in uns aufgespeichert. Und wir finden dann die Möglichkeit, geradeso wie wir uns sonst im gewöhnlichen Bewußtsein an das einzelne Erlebnis des persönlichen Daseins erinnern, die Möglichkeit, durch innere Anschauung den Kosmos zu überblicken.

[ 34 ] But then the possibility opens up for us to advance more and more toward what I have just described: the inner understanding of the human organism. For until we can trace the various levels of materiality—water, air, fire—in the individual organs, the soul will not reveal itself to us. We must first condense the soul, and only then do we arrive at the physical nature of the human being; but then again, by penetrating through this, we arrive at what, in a spiritual-soul aspect, initially underlies our physical organization. There we then find: just as, when we delve deep within ourselves with our power of memory, we find the stored experiences of our personal earthly existence, so too, by immersing ourselves in the whole human being in this way, we find the spiritual-soul aspect that has descended from the spiritual world through conception, embryonic development, and so on. As this spiritual-soul aspect within us has enveloped itself with what comes to it from the Earth, it becomes the world memory. In a sense, we find the cosmos stored within us as memory. And we then find the possibility—just as we otherwise recall individual experiences of our personal existence in ordinary consciousness—to survey the cosmos through inner contemplation.

[ 35 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, Sie werden vielleicht fragen: Ja, aber wie kann man, wenn man nun zu sehr frühen Erdenzuständen durch dieses Weltgedächtnis kommt, der Gefahr entgehen, einer allgemeinen Geistesschilderung sich hinzugeben, nicht einem konkreten Welterinnern? — Nun, da brauchen Sie wiederum nur das gewöhnliche Gedächtnis zum Vergleich heranzuziehen. Dadurch, daß unser Gedächtnis geordnet ist, werden wir, indem wir irgendein Erlebnis auftauchen fühlen, wenn dieses Erlebnis vor zehn Jahren abgelaufen ist, es nicht auf Vorgänge beziehen, die erst jetzt abgelaufen sind. Der Inhalt der Erinnerungsvorstellung weist uns von selbst auf die richtige Stelle in der Zeit hin, So ist es auch, wenn wir den Organismus in der richtigen Weise durchschauen, daß jeder einzelne Teil in ihm in der Tat auf die Zeit hinweist, die in irgendeinem Punkte der Weltentwickelung in Betracht kommt. Es gibt im Grunde genommen keine andere Möglichkeit, das, was uns die Naturwissenschaft gibt, indem sie ihre Beobachtungen aus der Gegenwart gedankenhaft in frühere Zustände hinein ausdehnt, in der richtigen Weise zu ergänzen als diese. Selbstschau des Menschen, die zu einer wirklichen Welterinnerung, zu einem Weltgedächtnis wird. Sonst werden wir immerdar in sehr eigentümliche Fehler verfallen müssen, wenn wir hypothetisch Weltentwickelungsideen konstruieren.

[ 35 ] Ladies and gentlemen, you may ask: Yes, but when we access very early stages of Earth’s history through this “world memory,” how can we avoid the danger of indulging in a general spiritual description rather than a concrete recollection of the world? — Well, here again, you need only draw on ordinary memory for comparison. Because our memory is organized, when we feel a particular experience surfacing—even if that experience took place ten years ago—we do not relate it to events that have only just occurred. The content of the memory image itself points us to the correct place in time. It is the same when we understand the organism correctly: every single part of it does in fact point to the time that is relevant at some point in the world’s development. Fundamentally, there is no other way to properly supplement what natural science provides us—by mentally extending its present-day observations into earlier states—than this. Human self-reflection, which becomes a true remembrance of the world, a world memory. Otherwise, we will always fall into very peculiar errors when we hypothetically construct ideas about the development of the world.

[ 36 ] Man braucht nur folgendes zu sagen, wenn es sich auch trivial anhört: Es wird sehr häufig die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie, die heute allerdings modifiziert ist — die Theorie, wie sich aus einem gasförmigen Weltennebel die einzelnen Glieder des Sonnensystems abgespalten haben —, dadurch illustriert, daß man einen Öltropfen nimmt, ein kreisförmiges Kartenblatt durchsteckt, eine Stecknadel daran befestigt und mittels der Stecknadel den Öltropfen in Drehung bringt. Dann sondern sich die einzelnen Tröpfchen ab, die um den Haupttropfen weiterkreisen. Es bildet sich ein Weltensystem im kleinen, und man kann sagen, wenn man auf dem Standpunkt des gewöhnlichen Wissenschafters steht: Das hat sich auch im großen draußen so abgespielt. Aber es ist dennoch wahr, was dagegen zu sagen ist: Derjenige, der so etwas zur Veranschaulichung der Entstehung unseres Sonnensystems zeigt, müßte auf alle einzelnen Faktoren Rücksicht nehmen, und wenn das der Fall ist, dann müßte er auch Rücksicht nehmen auf den Herrn Lehrer, der da steht und den Öltropfen in Rotation bringt. Und er müßte einen riesigen Lehrer in den Weltenraum hinaussetzen, der dann an dem Weltennebel drehte. Das ist aber bei dem obigen Experiment vergessen worden. Es ist ja sehr schön, wenn man sich selbst vergißt im sonstigen Leben, aber beim Experiment, beim Veranschaulichen wichtiger und ernster Fragen darf man solche Dinge, in diesem Fall sich selbst, nicht vergessen. Nun, die Welt- und Lebensauffassung, die hier vertreten wird, vergißt diese Dinge nicht. Sie sieht hin auf das Berechtigte der Naturwissenschaft, fügt aber hinzu, was im Geist erschaut werden kann. Da findet man allerdings nicht eine Riesenindividualität, aber eine geistig-seelische Welt, die in die materielle Entwickelung hineingesetzt werden muß. Und da durchdringt man das, was vielleicht mit Recht als Kant-Laplacescher Urnebel hingestellt wird, mit den in diesem Nebel wirtkenden geistig-seelischen Wesenheiten und geistig-seelischen Kräften. Und man durchdringt das, was aus der Erde wird bei dem sogenannten Wärmetod, von dem die heutige Wissenschaft spricht, mit geistig-seelischen Wesenheiten und geistig-seelischen Kräften, die dann beim Wärmetod das Geistig-Seelische hinaustragen in andere Welten, wie das Geistig-Seelische des Menschen hinausgetragen wird in andere Welten, wenn der Körper in irdische Elemente zerfällt. Dadurch aber wird ein Wichtigstes für unsere Zeit erreicht.

[ 36 ] One need only say the following, even if it sounds trivial: The so-called Kant-Laplace theory—which has, however, been modified today—is very frequently cited; this is the theory explaining how the individual bodies of the solar system broke away from a gaseous cosmic nebula— is often illustrated by taking a drop of oil, threading it through a circular sheet of paper, attaching a pin to it, and using the pin to set the drop of oil spinning. Then the individual droplets separate and continue to circle around the main drop. A miniature solar system forms, and one can say, from the perspective of the ordinary scientist: “That is exactly how it happened on a grand scale out there.” Yet it is still true what can be said against this: Anyone who demonstrates something like this to illustrate the formation of our solar system would have to take all the individual factors into account, and if that were the case, they would also have to take into account the teacher standing there and setting the drop of oil in rotation. And he would have to place a gigantic teacher out into outer space, who would then rotate the cosmic nebula. But this has been overlooked in the experiment described above. It is, of course, very beautiful to forget oneself in everyday life, but in an experiment—when illustrating important and serious questions—one must not forget such things; in this case, oneself. Now, the view of the world and of life presented here does not forget these things. It acknowledges the validity of the natural sciences but adds what can be perceived in the spirit. There, however, one does not find a gigantic individuality, but rather a spiritual-soul world that must be integrated into material development. And there one permeates what is perhaps rightly described as the Kant-Laplacean primordial nebula with the spiritual-soul beings and spiritual-soul forces at work within this nebula. And one penetrates what becomes of the Earth during the so-called “heat death” of which modern science speaks, with spiritual-soul entities and spiritual-soul forces that then, at the time of the heat death, carry the spiritual-soul aspect out into other worlds, just as the spiritual-soul aspect of the human being is carried out into other worlds when the body disintegrates into earthly elements. Through this, however, something of the utmost importance for our time is achieved.

[ 37 ] Bedenken Sie nur, daß ich Ihnen heute dargestellt habe, wie das, was sonst nur im abstrakten Erkennen erfaßt wird, das Geistig-Seelische, das man nicht heranbringen kann an das Materielle, wie das geistig unendlich weit entfernt ist von diesem Materiellen. Was hat sich aber dadurch für unser ganzes Kulturleben herausgestellt? Dadurch, daß wir in der geschilderten Weise nicht in der Lage sind, für unser gewöhnliches Bewußtsein das Geistig-Seelische an das Materielle heranzubringen, haben wir eine rein materielle Anschauung über das Weltengeschehen: wir bilden uns gewisse Vorstellungen über das rein physische Weltengeschehen mit einem Anfang, der rein physisch nach den Gesetzen der Mechanik gedacht ist, und mit einem Ende, das nach der Wärmetheorie gedacht ist als der Wärmetod der Erde. Dabei nehmen wir uns als Menschen wahr, drinnenstehend in diesem Geschehen und uns daraus auf eine für die heutige Naturwissenschaft allerdings unerklärliche Weise herausentwickelnd. Aber wir können nimmermehr, wenn wir ehrlich sind, das was wir im seelischen Erleben erfahren, mit dem verbinden, was da draußen im materiellen Reich vor sich geht. Und in diesem tiefsten Seelischen verwebt sich mit unserem Denken, Fühlen und Wollen das, was moralische Impulse sind, was religiöse Kräfte sind. Sie leben in unserem Innern, im Geistig-Seelischen, das wir nicht heranbringen können an das Materielle.

[ 37 ] Just consider that today I have shown you how that which is otherwise grasped only through abstract cognition—the spiritual-psychic realm, which cannot be brought into contact with the material world—is spiritually infinitely far removed from this material world. But what has this revealed about our entire cultural life? Because, as described, we are unable to bring the spiritual-psychic realm into contact with the material realm within our ordinary consciousness, we have a purely material view of world events: we form certain conceptions of purely physical world events, with a beginning conceived purely in physical terms according to the laws of mechanics, and an end conceived, according to the theory of heat, as the heat death of the Earth. In doing so, we perceive ourselves as human beings, standing within these events and evolving out of them in a way that is, admittedly, inexplicable to modern natural science. But if we are honest, we can never reconcile what we experience in our spiritual life with what is happening out there in the material realm. And within this deepest realm of the soul, moral impulses and religious forces are interwoven with our thinking, feeling, and willing. They live within us, in the spiritual-soul realm, which we cannot bring into contact with the material world.

[ 38 ] Und so steht vielleicht heute der Mensch mit seinem Bewußtsein da und sagt sich: Nun, die Naturwissenschaft führt uns nur zu einem materiellen Geschehen, das ist allein exakte Wissenschaft; man muß Glaubensvorstellungen haben über die moralischen Impulse und religiösen Kräfte.

[ 38 ] And so perhaps today, human beings, with their consciousness, stand there and say to themselves: Well, natural science leads us only to material phenomena; that alone is exact science; one must have beliefs regarding moral impulses and religious forces.

[ 39 ] Aber vor einem ernsten seelischen Leben kann das nicht bestehen. Und im Unbewußten ernster Menschen der Gegenwart lebt es deshalb doch, daß sie fühlen, wenn sie es sich auch nicht gestehen: Da ist die Erde aus rein Materiellem heraus entsprungen. Aus diesem Materiellen geht etwas hervor wie ein Schaumgebilde. Da steigen Wolkengebilde heraus, ja Gebilde, die dünner sind als Wolken, die nur Illusionen sind. In diesen leben auch die wertvollsten Inhalte, die wir als Menschen aufnehmen können, alle Kulturinhalte, mit. Dann leben wir weiter, dann kommt einmal der Übergang der Erde in den Wärmetod, der gefunden werden kann auf äußerlich naturwissenschaftlichem Wege. Und dann ist doch alles Leben auf der Erde wie in einem großen Friedhof begraben. Was als das Wertvollste auferstanden ist aus unserem Menschenleben, unsere schönsten, würdigsten Ideale, ist mitbegraben mit dem, was materielle Wesenheit der Erde war. — Man kann sagen, man glaube das nicht. Aber wer es ehrlich nimmt mit dem, wie man heute über diese Dinge oftmals denkt, indem man ein selbständiges geistiges Forschen ablehnt, müßte eigentlich zu jener inneren Zerrissenheit, zu jenem Pessimismus kommen, der sich auftut gegenüber der Frage: Was soll aus unserem geistig-seelischen Schaffen werden, wenn wir die Welt nur im materiellen Sinne betrachten, wie wir das in der sogenannten exakten Wissenschaft gewöhnt sind? — Deshalb klafft in unserer Zeit eine so breite Kluft zwischen dem religiös-moralischen Leben und der natürlichen Anschauung der Dinge.

[ 39 ] But this cannot stand up to a serious spiritual life. And it does indeed live on in the unconscious of serious people today, even if they do not admit it to themselves: the Earth sprang from purely material substances. From this material substance, something emerges like a foam-like formation. From it rise cloud-like formations—indeed, formations thinner than clouds, which are merely illusions. Within these live the most valuable contents we as human beings can absorb: all cultural contents. Then we live on, and eventually the Earth’s transition to heat death occurs—a process that can be ascertained through external scientific methods. And then all life on Earth will be buried, as it were, in a vast cemetery. What has risen as the most valuable from our human lives—our most beautiful, most worthy ideals—will be buried along with what was the material essence of the Earth. — One might say one does not believe this. But anyone who takes seriously the way people often think about these matters today—by rejecting independent spiritual inquiry—would actually have to arrive at that inner conflict, that pessimism, which arises in response to the question: What will become of our spiritual and soul-centered creative work if we view the world solely in material terms, as we are accustomed to doing in so-called exact science? — That is why there is such a wide gulf in our time between religious and moral life and the natural view of things.

[ 40 ] Dazu scheint mir aber eine wirkliche Seherschaft, eine exakte Seherschaft, wie sie dem modernen Menschen angemessen ist, berufen zu sein: die Brücke zu schlagen zwischen dem, was geistig ist, und dem, was materiell ist, indem sie dem Geistigen eine Wirklichkeit verschafft und dem Materiellen seine, ich möchte sagen, Derbheit nimmt.

[ 40 ] It seems to me, however, that true clairvoyance—precise clairvoyance, as befits modern man—is called upon to do just this: to bridge the gap between the spiritual and the material by giving the spiritual a reality and stripping the material of its—I would say—crudeness.

[ 41 ] Das aber tritt ganz besonders vor unsere Seele, wenn wir die Dinge so anschauen, wie wir sie heute angeschaut haben, wo wir das Geistig-Seelische im Menschen selber nach und nach übergehen sahen in das, was im Menschen Wärme- und Luftdifferenzierungen sind. Indem wir so hinuntersteigen ins derbere Materielle und sehen, wie das Feinere hineinläuft in das belebte Denken, werden wir imstande sein, in den Kosmos hinein denken zu dürfen. Wir kommen in die Lage, so etwas wie den Wärmetod der Erde mit Recht denken zu können, weil wir wissen, wie unsere menschliche Eigenwärme in ihrer Differenzierung vom belebten Denken durchwellt wird, und wir können aus dem Weltengedächtnis, das in uns selber auftritt, hinschauen auf das, was geistig-seelisch in den materiellen Prozessen der Welt sich auslebt. Wir kommen auf diese Weise zu einer wirklichen, realen Versöhnung dessen, was sich uns geistig darbietet, mit dem, was sich uns materiell darbietet.

[ 41 ] But this becomes particularly evident to our soul when we view things as we have viewed them today, as we have seen the spiritual-soul aspect within human beings gradually merge into what are, in human beings, differentiations of warmth and air. By descending in this way into the coarser material realm and seeing how the finer aspects flow into animated thinking, we will be able to think our way into the cosmos. We are placed in a position to rightly conceive of something like the heat death of the Earth, because we know how our own human warmth is permeated by its differentiation from animated thinking, and we can look out from the world memory that arises within us toward what is expressed spiritually and psychologically in the material processes of the world. In this way, we arrive at a genuine, real reconciliation of what presents itself to us spiritually with what presents itself to us materially.

[ 42 ] Allerdings, vieles spricht heute noch in den Herzen gegen eine solche Versöhnung. Denn wir haben uns in den letzten Jahrhunderten gewöhnt, Wahrheiten als exakt nur dann gelten zu lassen, wenn sie auf dem festen Grund einer Sinnenbeobachtung beruhen, in der wir uns passiv der Außenwelt hingeben. Das, was man auf solch einem festen Grund beobachtet hat, baut man dann weiter hinauf bis zu den Naturgesetzen und Naturideen und läßt nur solche Ideen gelten, die gewissermaßen auf einem solchen festen Grund der sinnlichen Beobachtung stehen.

[ 42 ] However, even today, much within our hearts still speaks against such a reconciliation. For in recent centuries, we have become accustomed to accepting truths as exact only when they rest on the firm foundation of sensory observation, in which we passively surrender ourselves to the external world. What has been observed on such a firm foundation is then built upon to form the laws of nature and natural ideas, and only those ideas are accepted that, so to speak, stand on such a firm foundation of sensory observation.

[ 43 ] Wer nur solche Erkenntnisse bestehen läßt, gleicht einem Menschen, der im Weltenraum nur die gewöhnliche Schwerkraft gelten lassen wollte, der da sagen wollte: Die Erde hat ihre Schwerkraft, die Körper müssen deshalb zur Erde fallen, eine Unterstützung haben, weil sie nicht frei im Raume schweben können. Das gilt, solange wir auf der Erde stehen und die Schwerkraft der Erde in Betracht ziehen im Verhältnis zur nächsten Erdenumgebung. Schauen wir aber in den Weltenraum hinaus, dann wissen wir, daß wir nicht sagen dürfen: Die Weltenkörper müssen unterstüzt sein; sondern daß wir sagen müssen: Sie tragen sich gegenseitig. Diese Anschauung müssen wir auch in geistgemäßer Weise für unser inneres Weltgebäude der Erkenntnis gewinnen.

[ 43 ] Anyone who accepts only such insights is like a person who would accept only ordinary gravity as valid in outer space—who would say: The Earth has its own gravity; therefore, objects must fall toward the Earth and have a point of support because they cannot float freely in space. This is true as long as we stand on Earth and consider Earth’s gravity in relation to its immediate surroundings. But when we look out into outer space, we know that we cannot say, “Celestial bodies must be supported”; rather, we must say, “They support one another.” We must also adopt this perspective in a spiritually appropriate way for our inner world of knowledge.

[ 44 ] Wir müssen imstande sein, Wahrheiten auszubilden, die eben nicht der Stütze der Sinnenanschauung bedürfen, sondern die sich gegenseitig tragen, wie sich im freien Weltenraum die Weltenkörper tragen. Das ist geradezu eine Vorbedingung für die Erlangung einer wirklichen Kosmologie, einer Kosmologie, die nicht bloß eine solche mit materiellen Vorgängen ist, sondern eine solche, wo das Materielle durchseelt und durchgeistigt ist. Und eine solche Kosmologie braucht der moderne Mensch. Wir werden sehen, wie er sie sogar für die nächsten sozialen Aufgaben braucht. Aber nicht eher, als bis man einsehen wird, wie sich die wirklich weltbedeutenden Wahrheiten gegenseitig selbst tragen, wird man begreifen, wie man sich zu einer dergestaltigen Kosmologie durchringt.

[ 44 ] We must be able to formulate truths that do not require the support of sensory perception, but rather support one another, just as celestial bodies support one another in the vast expanse of space. This is, in fact, a prerequisite for the attainment of a true cosmology—a cosmology that is not merely one of material processes, but one in which the material is imbued with soul and spirit. And modern humanity needs just such a cosmology. We shall see how he even needs it for the social tasks ahead. But only when one comes to realize how the truths of true cosmic significance sustain one another will one understand how to work one’s way toward such a cosmology.

[ 45 ] Eine solche Kosmologie ergibt sich, wenn man gelten läßt, wie wahre Selbsterkenntnis zu gewinnen ist. Nicht auf anthropomorphistische Weise gewinnen wir sie, nicht dadurch, daß wir mit unserem Ich-Erlebnis hinausgehen in die Weltenweiten. Indem wir in die Außenwelt untertauchen, erfahren wir immer mehr und mehr, was unser Ich ist; dadurch gewinnen wir Selbsterkenntnis. Tauchen wir aber in unser Inneres unter, dann wird unser Inneres zum Weltengedächtnis, dann lernen wir die Welterkenntnis. Gar mancher ahnt es schon, worin eigentlich das Geheimnis in der Welterkenntnis bestehen muß. Ich möchte in zwei Sätzen aussprechen, was diese Menschen ahnen: Gerade die Selbsterkenntnis und die Welterkenntnis müssen Wahrheiten sein, die sich gegenseitig tragen. Und solche, ich möchte sagen, wie in einem Pendelschlag hin und her sich bewegenden Wahrheiten sind diejenigen, die durch die hier geschilderte Welt- und Lebensauffassung gewonnen werden: als Selbsterkenntnis und als Welterkenntnis. Die beiden Sätze, in die ich das zusammenfassen möchte, sind: Willst du dich selbst erkennen, so suche in den Weltenweiten dich selbst; willst du die Welt erkennen, so dringe in deine eigenen Tiefen. Deine eigenen Tiefen werden dir wie in einem Weltgedächtnis die Geheimnisse des Kosmos erschließen.

[ 45 ] Such a cosmology arises when one accepts how true self-knowledge is to be attained. We do not attain it in an anthropomorphic way, nor by projecting our sense of self out into the vastness of the world. By immersing ourselves in the outer world, we come to understand more and more what our “I” is; through this we gain self-knowledge. But when we immerse ourselves in our inner world, our inner world becomes the memory of the universe, and we learn knowledge of the world. Many people already sense what the secret of knowledge of the world must actually consist of. I would like to express in two sentences what these people sense: Self-knowledge and knowledge of the world must be truths that mutually support one another. And such truths—I would say, truths that move back and forth like the swing of a pendulum—are those gained through the view of the world and of life described here: as self-knowledge and as knowledge of the world. The two sentences in which I would like to summarize this are: If you wish to know yourself, seek yourself in the vastness of the world; if you wish to know the world, delve into your own depths. Your own depths will reveal to you, as in a cosmic memory, the mysteries of the cosmos.