Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
7 June 1922, Vienna
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Contrasts Between Western and Eastern Cultures, tr. SOL
6. Die Zeit und ihre sozialen Forderungen
6. The Times and Its Social Demands
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Vorträge, die ich im folgenden halten werde, sollen durchaus auf dem Boden der Betrachtungen stehen, die von mir hier schon angestellt worden sind: nicht, als ob über das soziale Leben der Gegenwart dadurch etwas Erhebliches gesagt werden könnte, daß man sich in irgendeiner abstrakten utopistischen Weise aus Ideen soziale Reformen ausdenkt, sondern in dem Sinne, daß ich meine, die geistige Weltanschauung, die hier entwickelt worden ist, könne, wenn sie sich in Impulse des ganzen Menschen, in menschliche Gesinnung verwandelt, Richtlinien und Orientierungen abgeben zum Verständnis des sozialen Lebens und auch zur Ausgestaltung sozialer Triebkräfte. Die nächsten Vorträge werden uns allerdings zu zeigen haben, wie eine solche auf das Geistige ausgehende Weltanschauung nicht im Abstrakten und Utopistischen stehenbleibt, sondern wie sie gerade dazu veranlagt ist, in die unmittelbare konkrete Wirklichkeit einzugehen. Heute möchte ich aber die Brücke schlagen zwischen den Vorträgen, die ich schon gehalten habe, und denen, die ich noch gedenke, hier zu halten.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The lectures I am about to deliver are intended to build upon the reflections I have already presented here: not as if anything substantial could be said about contemporary social life by devising social reforms from ideas in some abstract, utopian manner, but in the sense that I believe the spiritual worldview that has been developed here can—if it is transformed into impulses for the whole human being, into a human attitude—provide guidelines and directions for understanding social life and also for shaping social driving forces. The next lectures, however, will have to show us how such a worldview, rooted in the spiritual, does not remain in the abstract and utopian, but how it is precisely predisposed to enter into immediate, concrete reality. Today, however, I would like to build a bridge between the lectures I have already given and those I still intend to give here.
[ 2 ] Wer den ganzen Sinn der bisherigen Vorträge ins Auge faßt, der wird sich schon sagen müssen, daß mit dem, was hier ausgeführt worden ist, nicht irgendeine Lebensauffassung für die Einsiedelei, für ein beschauliches Leben im stillen Kämmerlein gemeint war, sondern daß eine Auffassung des Lebens, die auch ihre soziale Seite hat, angedeutet werden sollte, die gewissermaßen hineinführen kann nicht nur in die geistigen Welten als solche, sondern auch in die Geistes- und Seelenwelt, die uns unmittelbar in unseren Mitmenschen umgibt. Es ist heute allerdings leichter, über soziale Fragen zu sprechen, wenn man sich irgendeiner Parteirichtung angehörig fühlt. Da hat man gewissermaßen seine Programme, da hat man die festgeprägten Ideen und kann sagen: Das ist die Zeit! Das sind die Forderungen der Zeit! — Aber von einer solchen festgeprägten Parteischablone kann hier ganz gewiß nicht ausgegangen werden. Denn erstens bin ich voll davon überzeugt, daß es.eigentlich — es ist das etwas radikal gesprochen — keine Partei gibt, die nicht in irgendeiner Weise mit dem, was sie behauptet, recht hat. Es handelt sich nur darum, daß die Parteien gewöhnlich nicht die Grenzen desjenigen erkennen, bis zu dem hin sie eben irgend etwas behaupten können. Andererseits glaube ich auch nicht, daß irgendeine Parteirichtung wiederum vollständig recht hat, vielmehr muß sie in einem gewissen Sinne wieder unrecht haben. Nur handelt es sich auch da wiederum darum, daß man dieses Unrecht ganz gut verstehen kann, eben aus der besonderen Natur menschlicher Weltbetrachtung heraus. Man kann ja auch einen Baum nur von verschiedenen Seiten aus richtig photographieren, Alles was gewöhnlich als Parteirichtungen geltend gemacht wird, kann einem doch vorkommen wie Photographien des Lebens von verschiedenen Seiten aus. Dann kommen die Menschen zusammen und benehmen sich eigentlich so mit ihren verschiedenen Standpunkten, wie sich andere benehmen würden — allerdings auf diesem Gebiete gibt es das nicht —, die die Photographie eines Baumes von rechts sehen würden und sagten: Ja, das ist eine ganz falsche Aufnahme. — Sie kennen nämlich nur die Aufnahme von links. So ist mir auch alles, was von einem gewissen Gesichtspunkt aus gegen die hier vorgebrachten Anschauungen eingewendet werden kann, voll bewußt; und wenn es darauf ankäme, alles Gegnerische auszuführen, so würde das gerade vom Gesichtspunkt der hier vertretenen Weltanschauung aus gar nicht so außerordentlich schwerfallen..
[ 2 ] Anyone who takes in the full meaning of the lectures so far will have to admit that what has been presented here is not meant to be just any philosophy of life for the hermitage, or for a contemplative life in a quiet little room, but rather that a conception of life with a social dimension was intended—one that can, in a sense, lead us not only into the spiritual worlds as such, but also into the world of the spirit and soul that surrounds us directly in our fellow human beings. Today, however, it is easier to speak about social issues if one feels affiliated with a particular political party. Then, one has, so to speak, one’s platforms; one has firmly established ideas and can say: “This is the time!” These are the demands of the times!” — But we certainly cannot proceed from such a rigid party template here. For, first of all, I am fully convinced that—to put it somewhat radically—there is actually no party that is not right in some way regarding what it asserts. The point is simply that parties usually fail to recognize the limits of what they can actually claim. On the other hand, I also do not believe that any particular party faction is entirely correct; rather, in a certain sense, it must be wrong. But here, too, the point is that one can quite well understand this error, precisely because of the particular nature of the human view of the world. After all, one can only properly photograph a tree from different angles; everything that is usually presented as political ideologies can seem like photographs of life taken from different angles. Then people come together and, with their various viewpoints, actually behave as others would—though in this realm that doesn’t exist—who, upon seeing a photograph of a tree from the right, would say: “Yes, that’s a completely wrong shot.” — For they are familiar only with the shot from the left. Thus, I am also fully aware of everything that can be objected to from a certain point of view against the views presented here; and if it came down to setting forth all the opposing arguments, that would not be all that difficult from the perspective of the worldview represented here...
[ 3 ] Das muß ich vorausschicken, damit eingesehen werden kann, wie man nur dadurch, daß in den folgenden Vorträgen versucht werden wird, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dem sozialen Leben und den sozialen Problemen näherzukommen, zu einer lebensvollen Auffassung in dieser Richtung kommen kann.
[ 3 ] I must preface this so that it becomes clear how, simply by attempting in the following lectures to approach social life and social problems from a wide variety of perspectives, one can arrive at a vibrant understanding in this regard.
[ 4 ] Von sozialen Forderungen wird in unserer Zeit sehr viel geredet. Aber wenn wir unbefangen das geschichtliche Leben der Menschheit betrachten, dann finden wir, daß das im Entwickelungsgang der Menschheit erst seit einer verhältnismäßig kurzen Zeit der Fall ist. Gewiß, soziale Forderungen, soziale Bestrebungen hat es immer gegeben; daß sie in einer formulierten Weise, ich möchte sagen, zur abstrakten Theorie formuliert, auftreten, das ist im Grunde genommen ein Charakteristikon erst der allerneuesten Zeit. Und wenn man versucht dahinterzukommen, warum eigentlich heute fast jeder Mensch von sozialen Forderungen redet, so sieht man, daß vielleicht keine Zeit so starke antisoziale Triebe hatte als gerade die unsrige.
[ 4 ] There is a great deal of talk about social demands in our time. But if we take an unbiased look at the history of humankind, we find that this has only been the case for a relatively short time in the course of human development. Certainly, there have always been social demands and social aspirations; but the fact that they appear in a formulated way—I would say, formulated as abstract theory—is, fundamentally speaking, a characteristic of only the very most recent times. And if one tries to understand why, in fact, almost everyone today speaks of social demands, one sees that perhaps no era has had such strong antisocial impulses as our own.
[ 5 ] Gewiß, wenn die unmittelbare Not des Lebens drängt, wenn das Elend an unsere Türen pocht, dann finden wir uns aufgefordert zu sozialen Impulsen. Aber wenn von sozialen Forderungen die Rede ist, meint man doch eigentlich noch etwas anderes, meint man die Gefühle, die Empfindungen, die in dem Menschen leben können in bezug darauf, daß er nicht nur ein abgesondertes Wesen ist, sondern daß er sich bewegen muß unter anderen Menschen, daß er unter und mit anderen Menschen arbeiten muß, daß er sich selbst zur Befriedigung und anderen Menschen zum Heil da sei. Und in bezug darauf standen sich eigentlich die Menschen verflossener Zeitepochen, so paradox das heute klingt, im Grunde genommen näher, als sie sich heute stehen. Und das im Grunde genommen mit Recht! Mit Recht deshalb, weil wir in unserer Zeit in einer geschichtlichen Epoche leben, die — das haben die vergangenen Vorträge schon angedeutet — besondere Kräfte herausgeholt hat aus den Untergründen der menschlichen Natur, insbesondere innerhalb der zivilisierten Welt, Kräfte, die nach der dargestellten Seite hin besonders tauglich sind, die aber weniger dazu tauglich sind, innerlich im Menschen die sozialen Instinkte, die sozialen Impulse lebendig anzuregen, die doch, wenn auch in einer für die heutige Zeit nicht mehr angemessenen Art, für frühere Zeitepochen vorhanden waren.
[ 5 ] Certainly, when the immediate hardships of life press upon us, when misery knocks at our doors, we find ourselves compelled to act out of social concern. But when we speak of social demands, we actually mean something else entirely; we mean the feelings and emotions that can dwell within a person—the realization that he is not merely an isolated being, but that he must interact with other people, that he must work among and with others, and that he exists for his own fulfillment and for the well-being of others. And in this regard, as paradoxical as it may sound today, people of past eras were, in essence, actually closer to one another than they are today. And, fundamentally speaking, with good reason! Rightly so, because in our time we live in a historical epoch that—as the previous lectures have already indicated—has drawn forth particular forces from the depths of human nature, especially within the civilized world, forces that are particularly suited to the aspect described, but which are less suited to vividly stirring within the human being the social instincts and social impulses that, albeit in a manner no longer appropriate for our time, were present in earlier eras.
[ 6 ] Wir schauen auf eine menschliche Entwickelung zurück, die hinter uns liegt: in drei bis vier Jahrhunderten hat sich die menschliche Fähigkeit, die menschliche Seelenkraft aus dem Innern der menschlichen Seele heraufgerungen, welche man als die intellektuelle, als die Kraft des Verstandes, der mehr oder weniger vernünftigen Weltenbetrachtung ansehen kann. Diese Weltenbetrachtung hat ihr Großartiges geleistet auf dem Gebiete der Naturanschauung. Sie kann den Menschen ungeheuer weit führen, wenn es sich darum handelt, seinen Umgang, seinen Vekehr mit der äußeren Natur zu entwickeln. Aber die Frage entsteht, ob es denn möglich sei, daß diese Kraft, die, ich möchte sagen, den Glanz, den Triumph der neuesten Zeit bildet, unmittelbar auch geeignet sei, den Verkehr des Menschen mit dem Menschen zu vermitteln. Eine klare Einsicht in diese Frage kann im Grunde genommen allein auch über die sozialen Forderungen der neuesten Zeit aufklären. Diese sozialen Forderungen könnten nämlich so, wie sie gewöhnlich formuliert werden, nur eine Art Oberflächenanschauung, gewissermaßen nur das Symptom sein für etwas viel tiefer im Menschen Liegendes. Das kommt insbesondere für eine geisteswissenschaftliche Betrachtung in Frage.
[ 6 ] We look back on a history of human development that lies behind us: over the course of three to four centuries, the human capacity—the power of the human soul—has emerged from within the human soul itself; this can be regarded as the intellectual, as the power of reason, and as a more or less rational view of the world. This view of the world has achieved great things in the field of the natural sciences. It can take human beings an immense distance when it comes to developing their relationship with and interaction with the external natural world. But the question arises as to whether it is possible that this power—which, I might say, constitutes the splendor and triumph of modern times—is also directly suited to mediating human interaction with one another. A clear understanding of this question is, in essence, the only way to shed light on the social demands of recent times. For these social demands, as they are usually formulated, could be nothing more than a kind of superficial view—in a sense, merely a symptom of something lying much deeper within the human being. This is particularly relevant for a spiritual-scientific perspective.
[ 7 ] Wenn wir aber wiederum mit unbefangenem Blick hinschauen auf die Art und Weise, wie soziale Gestaltungen, soziale Menschenzusammenhänge in älteren Zeitepochen entstanden sind, ja, wie sie im Grunde genommen vielfach noch heute entstehen, bis zu den Kartellen, bis zu den Trusts hin, so müssen wir doch sagen: die beherrschenden Kräfte sind darinnen im Grunde nicht die intellektualistischen, nicht die der vernünftigen Betrachtung des Lebens, sondern sind Lebensinstinkte, sind innere, unbewußte Empfindungen. Und sollten wir aus dem, was sich so großartig als die intellektualistische Kraft in der Naturanschauung erweist, soziale Gestaltungen vollziehen, so würden sie wahrscheinlich nur eine sehr geringe Lebensfähigkeit haben. Denn es ist doch nicht bedeutungslos, daß diese Kraft des Intellekts sich besonders bedeutsam erwiesen hat in der Betrachtung der leblosen Natur und daß der Mensch, der nur Naturanschauung haben will, der nicht bis zu einer geistgemäßen Betrachtung der Dinge heraufrücken will, vor einem ihm unlösbaren Rätsel steht, wenn es sich darum handelt, mit seiner Anschauung aus dem Leblosen in das Lebendige heraufzudringen. Von dem, was geradezu durch seine innere Artung für das Unlebendige, für das Tote, seine große Bedeutung hat, darf es nicht verwunderlich sein, wenn es nicht dieselbe Tragkraft, dieselbe Fruchtbarkeit haben kann für das, was nicht nur lebendig ist, sondern was sich als seelenhafte soziale Menschengestaltungen herausbilden soll.
[ 7 ] But if we, in turn, take an unbiased look at the way in which social structures and social relationships among people emerged in earlier eras, indeed, as they in many ways still arise today—right up to the cartels and trusts—we must conclude that the dominant forces at work here are not, fundamentally, intellectual ones, nor those of a rational view of life, but rather life instincts—inner, unconscious feelings. And if we were to create social structures based on what has proven to be such a magnificent intellectual force in the contemplation of nature, they would likely have very little vitality. For it is by no means insignificant that this power of the intellect has proved particularly significant in the contemplation of inanimate nature, and that the person who seeks only a view of nature—who does not wish to ascend to a spiritual contemplation of things— faces an unsolvable mystery when it comes to using his perception to ascend from the inanimate to the living. Given that what is of great significance precisely because of its inner nature for the inanimate—for the dead—it should come as no surprise that it cannot possess the same carrying capacity, the same fruitfulness, for that which is not only alive but is also meant to develop into soulful, social human forms.
[ 8 ] Und so können wir sagen: In gewissen unterbewußten Seelenregionen walten die Kräfte, die wirksam waren in den sozialen Gestaltungen; aber auf der anderen Seite verdankt der Mensch der heutigen Zeitepoche mit ihren besonderen Eigentümlichkeiten zwei der stärksten sozial wirksamen Impulse. Und gerade für diese zwei starken sozial wirkenden Impulse muß er die Eingliederung, die Orientierung suchen innerhalb des ganzen sozialen Lebens.
[ 8 ] And so we can say: In certain subconscious regions of the soul, the forces that were at work in social structures continue to operate; but on the other hand, human beings owe two of the strongest socially effective impulses to the present era with its particular characteristics. And it is precisely for these two powerful socially active impulses that human beings must seek integration and orientation within the whole of social life.
[ 9 ] Mir trat eine der bedeutsamsten sozialen Fragen der Gegenwart vor die Seele, als ich vor dreißig Jahren den Versuch unternahm, das Problem der Freiheit des Menschen innerhalb des ganzen gesellschaftlichen Lebens der Menschen ins Auge zu fassen. Dieses Freiheitserlebnis ist eigentlich im Grunde genommen so alt wie das intellektuelle Leben. Indem das intellektuelle Leben den Menschen heraufhob bis zum Ergreifen des reinen Gedankens, durch den er dann auch die Naturerscheinungen erfaßt, wird er sich erst seiner Freiheit bewußt. Ältere Zeiten haben in alles Gedankenleben noch irgend etwas hineingemischt, was nur Ergebnis organischer Vorgänge war, was in den unbewußten Willensregionen instinktiv oder auch im Gefühlsleben unbewußt wurzelte. So klar, so durchsichtig hell etwas zu durchschauen, wie das im Denken der Fall ist, wenn das Denken sich aufschwingt zu klar erfaßten, mathematisch formulierten Naturgesetzen, etwas so klar zu erfassen, zu ergreifen, daß man mit seiner ganzen Wesenheit darinnensteckt, ist dem Menschen erst möglich geworden in der Zeit, als er sich zu dem reinen Denken erhoben hat, das Kopernikus, Galilei und ihre Nachfolger zu der neueren naturwissenschaftlichen Forschung inspiriert hat. So hängt gerade das Freiheitserlebnis zusammen mit dem, was herausführt aus den instinktiven Mächten, die früher sozial gestaltend waren.
[ 9 ] One of the most significant social issues of our time came to the forefront of my mind thirty years ago, when I attempted to grapple with the problem of human freedom within the broader context of human social life. This experience of freedom is, in essence, as old as intellectual life itself. As intellectual life elevated human beings to the point of grasping pure thought—through which they then also comprehend natural phenomena—they first became aware of their freedom. In earlier times, something was still mixed into all intellectual life that was merely the result of organic processes—something rooted instinctively in the unconscious regions of the will or unconsciously in emotional life. To see through something so clearly, so transparently and brightly—as is the case in thinking when thought soars to clearly grasped, mathematically formulated laws of nature—to grasp something so clearly that one is fully immersed in it with one’s entire being—this became possible for human beings only when they rose to pure thinking, the very thinking that inspired Copernicus, Galileo, and their successors to undertake modern scientific research. Thus, the experience of freedom is precisely linked to what leads us out of the instinctive forces that previously shaped society.
[ 10 ] Damit aber ist man, wenn man nun im vollen Ernste an das Freiheitsproblem herandringt, für eine Weile wie in eine Art Leerheit geworfen, die man empfindet, wenn man eben damit ernst macht — mit allen Schauern, die das Leere, ich möchte sagen, das Nichts überhaupt nur dem Menschen einflößen kann. Man kommt namentlich auf folgendes: In früheren Zeitepochen, wo die Menschheit in bezug auf das Seelenleben naiver, wo sie nicht bis zu der Bewußtheit heraufgekommen war, die in der neueren Zeit waltet, da konnten Anschauungen leben, die mehr bildhaft waren, die nicht im reinen, abstrakten Gedanken verliefen. Solche bildhaften Gedanken aber braucht man, wenn man sich hineinstellen will in das komplizierte soziale Menschenleben. Niemals kann das, was uns dazu führt, zu verstehen, wie wir unseren Platz in der Welt finden sollen, ausgemacht werden durch einen abstrakten Gedanken.
[ 10 ] But when one approaches the problem of freedom in all seriousness, one is cast for a while into a kind of emptiness—the kind one feels precisely when one takes it seriously—with all the shivers that emptiness, or rather, nothingness itself, can instill in human beings. One comes to the following conclusion in particular: In earlier eras, when humanity was more naive with regard to spiritual life—when it had not yet risen to the level of consciousness that prevails in more recent times—views could thrive that were more pictorial in nature, that did not take the form of pure, abstract thought. But such pictorial thoughts are necessary if one wishes to immerse oneself in the complex social life of human beings. What leads us to understand how we are to find our place in the world can never be determined by an abstract thought.
[ 11 ] Nun habe ich in den Vorträgen der letzten Tage auseinandergesetzt, wie die geisteswissenschaftliche Entwickelung von dem abstrakten, toten Gedanken wiederum hinführt zu dem lebendigen Gedanken, durch den man ja tatsächlich nicht nur in die unorganische, leblose Natur eindringen kann, sondern in die Gestaltungen der lebendigen Natur, in das Innerliche auch der seelischen Welten. Damit aber nähert sich der Mensch, indem er diese allermodernste Entwickelung ins Auge faßt, mit seinem Bewußtsein wiederum dem, was einstmals, in früheren Zeitepochen, in instinktiver Art vorhanden war. Ich weiß, daß heute noch viele Menschen davor zurückschaudern, wenn man ihnen sagt: was unbewußt gewaltet hat in früheren Zeitepochen, was aus dem Unbewußten heraus die Phantasie befruchtet hat und so weiter, das kann durch solche Seelenentwickelung, wie ich sie geschildert habe, ins Bewußtsein heraufgehoben werden. Und gleich wittert man, daß dann hinter einer solchen Forderung etwas stecke wie eine Art Philistrosität, eine Art Schulmeisterei, welche die Naivität überführen will in Bewußtheit. Man wird nur so lange vor einem solchen Wege in die Bewußtheit zurückschaudern, so lange man eben nicht weiß, daß jenes Erleben in der Naivität, das zunächst den Menschen instinktiv eignete, wiederum hergestellt wird, trotz der Bewußtheit des lebendigen Denkens. Aber dieses lebendige Denken führt uns dann auch hinein in die fluktuierenden Begriffe, die sich im sozialen Leben abspielen.
[ 11 ] In the lectures of the past few days, I have discussed how the development of the spiritual sciences leads us back from abstract, dead thought to living thought—through which one can indeed penetrate not only inorganic, lifeless nature, but also the forms of living nature and the inner realms of the spiritual worlds. But by taking this most modern development into account, human beings are once again drawing their consciousness closer to what once existed, in earlier epochs, in an instinctive manner. I know that even today many people shudder when they are told: what operated unconsciously in earlier epochs, what fertilized the imagination from the unconscious, and so on—all this can be brought up into consciousness through the kind of spiritual development I have described. And immediately one senses that behind such a claim lies something like a kind of philistinism, a kind of schoolmasterly pedantry that seeks to transform naivety into consciousness. One will shudder at the prospect of such a path to consciousness only as long as one does not realize that the experience of naivety—which was initially instinctively inherent in human beings—is reestablished, despite the consciousness of living thought. But this living thought then also leads us into the fluctuating concepts that play out in social life.
[ 12 ] Dafür möchte ich zunächst heute nur einleitungsweise auf eines hinweisen. Man redet zum Beispiel in der Gegenwart außerordentlich viel von Kapitalismus, von der Funktion des Kapitals in der sozialen Ordnung. Es gibt unzählige Definitionen von dem, was Kapital ist. Oftmals sind diese Definitionen sehr parteimäßig gefärbt. Aber hinter dieser Verschiedenheit der Definitionen des Kapitals steckt noch etwas ganz anderes. Man muß sich nur klar sein darüber, daß auch das, was so in der sozialen Struktur der Menschheit lebt wie zum Beispiel der Kapitalismus, in seiner Funktion eben nicht mit scharf konturierten Begriffen erfaßt werden kann, sondern daß man gerade dazu jene lebendigen Begriffe braucht, die einstmals das instinktive naive Seelenleben hatte und die heute wiederum das bewußte Seelenleben bekommen kann. Es sollen sich die Menschen nur einmal umsehen, was zum Beispiel Kapital in Mitteleuropa, in Deutschland bedeutete, wo eine gewisse soziale Entwickelung später eingesetzt hatte als in England, und was Kapital in England bedeutet, wo, als eine gewisse soziale Entwickelung einsetzte, einfach durch die vorherigen Stadien des ökonomischen Lebens Handelskapital da war zur Begründung desjenigen, was in Deutschland ohne Handelskapital, durch andere Kapitalschöpfungen geleistet werden mußte. Schaut man auf das hin, was die Rolle des Kapitals in Mitteleuropa war und was sie in England war, dann findet man sehr bald, daß man mit seinen Begriffen, die das soziale Leben, auch in seinen einzelnen Gestaltungen, umfassen sollen, nichts scharf Konturiertes haben kann, sondern daß man etwas haben muß, was die unmittelbare Wirklichkeit angreift an einer Stelle, welche in der Idee selber innerlich elastisch ist, so daß es sich fortbewegen kann zu anderen Gestaltungen derselben sozialen Struktur. Und weil wir in einem Zeitalter leben, das geradezu auf den Intellektualismus hin erzogen ist, der nur in scharf konturierten Begriffen leben kann, ist notwendig, daß wir, um zum Verständnis der sozialen Forderungen zu kommen, uns aus dem Intellektualismus heraus zur lebendigen Gedankenwelt finden, die sich dann wiederum in solche sozialen Impulse umsetzen kann, wie sie in älteren Epochen der Menschheitsentwickelung aus den Instinkten kamen.
[ 12 ] To that end, I would like to begin today by pointing out just one thing by way of introduction. For example, there is an extraordinary amount of talk these days about capitalism and the role of capital in the social order. There are countless definitions of what capital is. Often, these definitions are heavily colored by partisan views. But behind this diversity of definitions of capital lies something else entirely. One must simply be clear about the fact that even what exists within the social structure of humanity—such as capitalism—cannot be grasped in its function with sharply defined concepts, but that we need precisely those living concepts that once belonged to the instinctive, naive life of the soul and that can once again be acquired by the conscious life of the soul today. People need only look around to see, for example, what “capital” meant in Central Europe, in Germany—where a certain social development began later than in England—and what “capital” means in England, where, when a certain social development began, commercial capital was already present—due to the preceding stages of economic life—to lay the foundation for what in Germany had to be achieved without commercial capital, through other forms of capital creation. If one considers what the role of capital was in Central Europe and what it was in England, one very soon finds that one cannot have sharply defined concepts intended to encompass social life—even in its individual manifestations—but rather must have something that grasps immediate reality at a point that is internally flexible within the idea itself, so that it can move on to other manifestations of the same social structure. And because we live in an age that has been virtually raised on intellectualism—which can exist only in sharply defined concepts—it is necessary that, in order to arrive at an understanding of social demands, we move beyond intellectualism to a living world of thought, which can then in turn be translated into social impulses such as those that arose from instincts in earlier epochs of human development.
[ 13 ] Die Weltauffassung, die hier gemeint ist, soll eben nicht irgend etwas Theoretisches sein. Man wirft gerade ihr oftmals Dogmatismus vor, wirft ihr auch, wo sie über soziales Leben reden soll, vor, daß sie nach Utopien ausschaue, also nach Dogmatischem. Alles das ist unbegründet. Denn worauf es ankommt, ist gar nicht das, was man in den einen oder anderen Begriff faßt, es ist eine bestimmte Einstellung auf das Gesamtleben, auf das physische, das seelische, das geistige Gesamtleben, eine Einstellung auf die Fähigkeit, dieses Gesamtleben in seinen einzelnen konkreten Gestaltungen wirklichkeitsgemäß zu erfassen.
[ 13 ] The worldview referred to here is not meant to be merely theoretical. It is often accused of dogmatism; when it comes to social life, it is also accused of seeking utopias—that is, of being dogmatic. All of this is unfounded. For what matters is not at all what one encapsulates in one concept or another; rather, it is a certain attitude toward life as a whole—toward physical, emotional, and spiritual life as a whole—an attitude toward the ability to grasp this totality of life in its individual, concrete forms in a way that corresponds to reality.
[ 14 ] Dadurch aber eröffnet sich auf wichtigste soziale Forderungen unserer Zeit eine gewisse Perspektive: Wenn man mit den Mitteln einer geistigen Anschauung, wie ich sie entwickelt habe, das menschliche Leben selber betrachtet, dann findet man, daß auch das einzelne individuelle Menschenleben, wie die Entwickelung der Gesamtmenschheit in der Geschichte gewissen Phasen unterworfen ist. Und diese Phasen, die auch einer Oberflächenbetrachtung vor Augen liegen, enthüllen sich in ihrem Wesen erst, wenn man in die geistigen Zusammenhänge hineinschaut. Da zeigt sich zum Beispiel, wie weder das Kind in den ersten Lebensjahren, noch auch das Kind im volksschulpflichtigen Lebensalter, noch auch eigentlich der junge Mensch vor dem zwanzigsten Lebensjahr mit innerer Hingabe voll in dem lebt, was als intellektualistische Denkweise heraufgekommen ist in der Entwickelung der Menschheit. Im Grunde genommen erfassen wir in uns den Intellektualismus erst aus einer inneren Sympathie, wenn wir in das reifere Lebensalter der Zwanzigerjahre getreten sind. Da beginnen wir, den Intellektualismus wie ein inneres seelisches Knochensystem zu empfinden. Bis dahin fühlen wir eigentlich unser Leben so, wenn auch instinktiv, als ob es sich erst innerlich in einer gewissen Weise erhärten sollte nach solchen Richtlinien, die dann als dieses seelische Knochensystem auftreten. Aber unser ganzes soziales Leben, das in begreiflicher Weise von den Erwachsenen gestaltet ist, ist durchdrungen von dem, was nun doch in einer gewissen Weise von diesem Intellektualismus beeinflußt ist, wenn auch der Intellektualismus selber nicht sozial schaffend sein kann. Er strömt hinein in das, was unsicher geworden ist in den Instinkten. Und so haben wir in unserer heutigen sozialen Gestaltung ein unorganisches Zusammenwirken der unsicher gewordenen Instinkte und desjenigen, was an Intellektualismus in das soziale Leben hineinwill und doch eigentlich nicht hineinpaßt.
[ 14 ] This, however, opens up a certain perspective on the most important social demands of our time: If one views human life itself through the lens of a spiritual perspective, such as the one I have developed, one finds that even the life of the individual human being, like the development of humanity as a whole throughout history, is subject to certain phases. And these phases, which are also apparent to a superficial observation, reveal their true nature only when one looks into the spiritual interrelationships. There we see, for example, how neither the child in the first years of life, nor the child of compulsory school age, nor indeed the young person before the age of twenty lives fully and with inner devotion within what has emerged as an intellectualistic way of thinking in the development of humanity. Essentially, we only come to grasp intellectualism within ourselves—out of an inner affinity—once we have entered the more mature years of our twenties. It is then that we begin to perceive intellectualism as an inner, soul-based skeletal system. Until then, we actually experience our lives—albeit instinctively—as if they must first harden inwardly in a certain way according to guidelines that then emerge as this soul-structure. But our entire social life, which is understandably shaped by adults, is permeated by what is, in a certain sense, influenced by this intellectualism—even if intellectualism itself cannot be socially creative. It flows into what has become uncertain in our instincts. And so, in our present-day social structure, we have an inorganic interplay between the instincts that have become unstable and that element of intellectualism which seeks to enter social life but does not actually fit into it.
[ 15 ] Aber das bedingt, daß wir uns im Grunde genommen von dem, was eigentlich vorgeht im sozialen Leben, Ideen machen, die ganz anders sind als das, was als Kräfte in der Wirklichkeit vorhanden ist. Wir sprechen heute zumeist in ziemlich uneigentlichem Sinn von dem, was sozial unter den Menschen waltet. Wir haben uns als Menschheit in den drei bis vier letzten Jahrhunderten dazu erzogen, alles in intellektualistische Formen zu prägen. Das können wir als erwachsene Menschen, aber das können wir nicht, solange wir Kinder, solange wir Jugend sind.
[ 15 ] But this presupposes that we essentially form ideas about what is actually happening in social life that are quite different from the forces that actually exist in reality. Today, we usually speak of what prevails socially among people in a rather inauthentic sense. Over the last three or four centuries, we as humanity have trained ourselves to cast everything in intellectualistic forms. We can do this as adults, but we cannot do so as long as we are children, as long as we are young people.
[ 16 ] Die Jugend entwickelt ganz andere als die intellektualistischen Kräfte. Das Kind entwickelt zunächst die Kräfte, ich möchte sagen, durch die es ein einziges Sinnesorgan ist, ganz ähnlich dem Sinnesorgan, das ich als Geistorgan geschildert habe; nur ist es das Kind auf mehr materielle Weise, Es nimmt als ganzer Mensch seine Umgebung wahr und prägt, was es wahrnimmt, in seine eigene Bewegung um. Es ist ein Nachahmer. Diese Nachahmung, die das ganze seelische Leben des Kindes durchpulst, ist ganz gewiß nichts Intellektualistisches. Dann tritt das Kind ein in das Lebensalter, etwa vom Zahnwechsel an bis zur Geschlechtsreife reichend, in dem es angewiesen ist, nicht mehr nachzuahmen, wohl aber das aufzunehmen, was als Meinung, als Überzeugung ihm von seiner erwachsenen Umgebung gegeben wird.
[ 16 ] Youth develops faculties that are entirely different from intellectual ones. The child first develops the faculties—I would say—through which it is a single sensory organ, very similar to the sensory organ I have described as the spiritual organ; only, in the child’s case, it is in a more material sense. As a whole human being, the child perceives its surroundings and transforms what it perceives into its own movement. It is an imitator. This imitation, which pulses through the child’s entire soul life, is certainly not intellectual in nature. Then the child enters the stage of life—extending roughly from the time of tooth replacement to sexual maturity—in which it is no longer called upon to imitate, but rather to absorb what is given to it as opinion or conviction by its adult environment.
[ 17 ] Glauben Sie nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, daß derjenige, der die «Philosophie der Freiheit» geschrieben hat, vor Ihnen aus irgendeinem reaktionären Instinkt heraus das sagen wird, was er jetzt zu sagen hat. Was ich zu sagen habe, entspricht einem Gesetz der Menschheitsentwickelung. Von dem Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife entwickelt der junge Mensch aus dem Innern seines Wesens heraus das Bedürfnis, hinzuhören auf das, was ihm selbstverständliche Autorität sein kann und was ihm durch die selbstverständliche Autorität gegeben wird. Wer das Leben unbefangen zu betrachten weiß, kann sich schon sagen, welches Glück es für seine innere Seelenharmonie durch das ganze Leben hindurch ist, wenn er gerade in dem eben angedeuteten Lebensalter so recht verehrungsvoll zu dieser oder jener Autorität hinaufsehen konnte, die er jetzt nicht nachahmte, die ihm aber so gegenüberstand, daß er sich sagte: Durch diese menschliche Individualität offenbart sich mir das, was ich selber sein soll, was ich selber sein will; ich höre hin auf das, was der oder die meint, und nehme die Meinung in meine Seele auf.
[ 17 ] Do not think, my esteemed audience, that the author of *The Philosophy of Freedom* is about to say what he is about to say out of some reactionary instinct. What I have to say corresponds to a law of human development. From the time of losing their baby teeth until sexual maturity, young people develop, from within their very being, the need to listen to what can be a natural authority for them and to what is given to them by that natural authority. Anyone who knows how to view life with an open mind can already tell what a blessing it is for their inner harmony throughout their entire life if, precisely at the age just mentioned, they were able to look up with such reverence to this or that authority—an authority they did not imitate, but which stood before them in such a way that they said to themselves: Through this human individuality, what I am meant to be and what I want to be is revealed to me; I listen to what he or she thinks and take that opinion into my soul.
[ 18 ] Für einen wirklichen Psychologen stellt sich sogar das Folgende heraus: Man kann lange wettern, daß das Kind in diesem volksschulpflichtigen Lebensalter nur aufnehmen solle, was es schon versteht. Dann sorgt man eigentlich nur für dieses eine Lebensalter des Kindes, abgesehen davon, daß unendliche Trivialitäten aufgehäuft worden sind in dem Bestreben, an das Kind immer nur das heranzubringen, von dem man glaubt, daß das Kind «es schon versteht». Das Kind versteht zwar mehr, als mancher glaubt, aber es versteht nicht aus der Intellektualität heraus, sondern aus dem ganzen Sein heraus. Und da kommt das andere noch vor: daß man dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahre alt ist und irgend etwas aus den Untergründen der Seele heraufdringt, was eine Reminiszenz ist aus dem, sagen wir, achten Lebensjahr. Da hat man es geholt von einer Autorität; man hat es aufgenommen aus der Verehrung heraus, man hat es damals nicht im intellektualistischen Sinn verstanden, man hat sich aber eingelebt in das, was man so mit seinem ganzen Menschen aufgenommen hat. Dasjenige, in das man sich so eingelebt hat, ist in die Tiefen der Seele hinuntergezogen. Nach Jahrzehnten taucht es auf. Man ist reifer geworden. Jetzt versteht man es, jetzt belebt man es erst! Es bedeutet ungeheuer viel für das Leben im späteren Alter, wenn man in dieser Weise das, was man seit seiner Kindheit in sich trägt, zu neuem Leben heraufholen kann. Das ist etwas ganz anderes, als in bloßen unverwandelten Erinnerungen leben.
[ 18 ] For a true psychologist, the following actually becomes clear: One can go on and on about how a child of compulsory elementary school age should only be taught what he or she already understands. But then one is really only catering to this one stage of the child’s life—not to mention that an endless pile of trivialities has been accumulated in the effort to present the child only with what one believes the child “already understands.” The child does indeed understand more than many people believe, but the child does not understand through intellectuality alone; rather, the child understands through the entirety of its being. And then there is this other aspect: that one is thirty, forty, fifty, or sixty years old, and something surfaces from the depths of the soul—a reminiscence, say, from the age of eight. You took it from an authority; you absorbed it out of reverence; you didn’t understand it in an intellectual sense back then, but you immersed yourself in what you took in with your whole being. That which you immersed yourself in has sunk into the depths of the soul. Decades later, it resurfaces. One has matured. Now one understands it; now one brings it to life for the first time! It means an immense deal for life in later years when, in this way, one can bring to new life what one has carried within since childhood. This is something entirely different from living in mere, untransformed memories.
[ 19 ] Dieses andere nun kann begründet sein auf einer lebendigen Erziehungskunst. Auf einer Erziehungskunst, die dem Kind in jenem Lebensalter nicht scharfkonturierte Begriffe geben will, sondern lebendige. Jene sind ja für gewisse Zwecke des Lebens gut. Dem Kinde gegenüber nehmen sie sich aber so aus, wie wenn wir seine Hand ergreifen und sie einpressen würden, daß sie nicht wachsen kann, daß sie klein bleiben muß, daß sie nicht verwandelte Formen annehmen kann. Erst dann, wenn wir zu einer Erziehungskunst vordringen, die lebendige Begriffe übermittelt, die mit dem Kinde weiterleben, wie seine Glieder mit ihm weiterleben, die also nicht scharf konturiert sind, sondern die innerliches Wachstum haben — erst dann geben wir dem Kinde nicht nur die rechte Lebensfreude, sondern auch die richtige Lebenskraft. Wenn das Kind solches erlebt, wie ich es eben angedeutet habe, als etwas ganz Naives im Seelenleben, so ist das nicht das intellektualistische Verstehen und Begreifen. Es ist das Hinnehmen von einer verehrten Autorität, was uns Lebenskräfte bringt.
[ 19 ] This other approach, however, can be based on a vibrant art of education. An art of education that does not seek to give the child sharply defined concepts at that age, but rather living ones. The former are, of course, good for certain purposes in life. But to the child, they appear as if we were to take hold of its hand and squeeze it so tightly that it cannot grow, that it must remain small, that it cannot take on new forms. Only when we advance to an art of education that conveys living concepts—concepts that live on within the child, just as its limbs live on with it, concepts that are not sharply defined but possess inner growth—only then do we give the child not only the right joy of life but also the right life force. When the child experiences this—as I have just indicated—as something entirely naive in the life of the soul, it is not a matter of intellectual understanding or comprehension. It is the acceptance of a revered authority that brings us life forces.
[ 20 ] Und dann beginnt nach dieser Zeit das Alter, wo wir im Grunde genommen nicht anders können, als so an die Welt herantreten, daß, ohne sogleich in scharf konturierte Begriffe zu gehen, darin Liebefähigkeit lebt, daß ein Eintauchen in die Dinge so lebt, daß wir uns manchmal recht illusionäre, aber um so kraftvollere Ideale herausholen, die unsere Liebe befeuern.
[ 20 ] And then, after this period, old age begins—a time when we essentially have no choice but to approach the world in such a way that, without immediately resorting to sharply defined concepts, the capacity for love thrives within it; a time when our immersion in things is such that we sometimes draw from them ideals that are quite illusory, yet all the more powerful, which fuel our love.
[ 21 ] Erst wenn wir das alles durchgemacht haben, gehen wir ohne Schaden, möchte ich sagen, für unsere volle Menschheit in das intellektualistische Lebensalter. Aber was heute vielfach die älteren Generationen der Jugend als Lehrgut überbringen, das ist eigentlich etwas, was erst einem späteren Alter angemessen ist. Und so stehen wir heute als Lehrer der Jugend oftmals so gegenüber, daß sie uns nicht bloß aus irgendwelchen zufälligen Anlässen, sondern aus dem Innern ihres Wesens heraus nicht verstehen kann.
[ 21 ] Only after we have gone through all of this do we enter the intellectual stage of life—I would say—without harm to our full humanity. But what the older generations often impart to young people today as educational content is actually something that is only appropriate for a later age. And so, as teachers of young people today, we often find ourselves in a situation where they cannot understand us—not merely due to some chance circumstances, but from the very core of their being.
[ 22 ] Ältere Zeitalter entwickelten im sozialen Leben Kräfte, durch die der Alte den Jungen in einer ganz anderen Weise verständlich war, als das heute der Fall ist. Daher hat sich diese soziale Kluft aufgetan zwischen dem Alter und der Jungend. Derjenige begreift sie, der unsere Zeit so erfaßt, wie sie erfaßt werden muß, wenn man auf das Werden in den letzten drei bis vier Jahrhunderten hinsieht. Und nicht nur durch eine geistige Vertiefung, sondern durch Verlebendigung unseres Geisteslebens müssen wir wiederum jene Fähigkeit erlangen, durch die sich der erwachsene Mensch mit der Jugend voll verstehen kann.
[ 22 ] In earlier eras, social life gave rise to forces through which the elderly were understood by the young in a completely different way than is the case today. This is why this social divide has opened up between the elderly and the young. One can understand this by grasping our time as it must be grasped when looking at the developments of the last three to four centuries. And it is not only through intellectual deepening but also through the revitalization of our spiritual life that we must once again attain that capacity through which adults can fully understand young people.
[ 23 ] Das aber ist nur eine Seite, nur ein ganz kleines Glied sogar innerhalb der sozialen Forderungen der Gegenwart: daß die Kluft zwischen den Generationen überbrückt werde. Sie kann es nur durch eine Erweiterung des ganzen inneren menschlichen Erlebens. Erst derjenige, der das heutige intellektualistische Seelenleben innerlich zu dem lebendigen Denken und zu dem geistigen Schauen erkraftet, oder wenigstens die Ergebnisse dieses Denkens und Schauens hinnimmt, denn sie beleben auch die ganze Seele, erst der findet wieder die Möglichkeit, voll in das kindliche Leben hineinzuschauen, um aus diesem kindlichen Leben selbst heraus die Kräfte zu suchen, durch die man sich mit ihm verständigen kann. Aber wenn man auf so etwas hinweist wie auf die Kluft, die sich zwischen Alter und Jugend in unserer Zeit aufgetan hat, weist man zugleich auf das hin, was überhaupt an Klüften waltet zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Frau, zwischen Klasse und Klasse in unserer Zeit. Denn ebenso wie uns das bloße intellektualistische Leben trennt von dem Kinde, So trennt es uns im Grunde genommen auch von dem anderen Menschen. Man sieht erst, wenn man das lebendige Denken entwickelt hat, das wiederum gewissen instinktiven Erfassungen des Weltendaseins ähnlich wird, daß man durch dieses lebendige Denken wiederum so fest seinen Standpunkt in der sozialen Ordnung finden kann, wie ihn einstmals der instinktive Mensch gefunden hat, so daß die sozialen Organismen möglich waren. Man findet auch, daß man erst durch das, was man erringt, indem das Bewußtsein leer wird, indem man also hereininspiriert erhält aus der geistigen Welt, was geistige Wesenheiten offenbaren, in die Lage kommt, den anderen Menschen wirklich zu verstehen, hinüberzusehen über die Klüfte der Klasse, über die Klüfte der Geschlechter.
[ 23 ] But this is only one aspect, merely a very small part—even within the social demands of our time—of bridging the generational divide. It can be achieved only through a broadening of the entire inner human experience. Only those who inwardly transform today’s intellectualistic inner life into living thought and spiritual vision—or at least accept the results of this thinking and vision, for they also enliven the whole soul—only they will once again find the possibility of looking fully into the life of a child, in order to seek, from within that child’s life itself, the powers through which one can communicate with the child. But when one points to something like the gulf that has opened up between the elderly and the young in our time, one is at the same time pointing to the gulf that prevails in general between human being and human being, between man and woman, between class and class in our time. For just as a purely intellectual life separates us from the child, so, in essence, it also separates us from other human beings. Only when one has developed living thought—which in turn comes to resemble certain instinctive perceptions of existence in the world—does one realize that through this living thought one can once again find one’s place in the social order just as firmly as the instinctive human once did, making social organisms possible. One also finds that it is only through what one attains—by emptying one’s consciousness, that is, by receiving through inspiration from the spiritual world what spiritual beings reveal—that one becomes capable of truly understanding other human beings, of looking beyond the chasms of class and the chasms of gender.
[ 24 ] Das ist die zweite Stufe des sozialen Zusammenlebens. Die erste Stufe ist, daß durch das Imaginative — wie es früher das instinktive Sich-Hineinstellen in die Umwelt war — der eigene Standpunkt gefunden wird. Die zweite Stufe ist, daß man die Brücke hinüber findet zum anderen Menschen, zu dem Menschen, der in einem anderen sozialen Zusammenhang drinnen lebt. Heute ist das der Menschheit außerordentlich schwer gemacht; denn im Grunde genommen urteilt man nicht aus der Wirklichkeit heraus, wenn man sich aus seinen Empfindungen heraus hineinstellt ins soziale Leben. Man urteilt im Grunde genommen gerade dann, wenn man glaubt, am wirklichkeitsgemäßesten zu urteilen, am wirklichkeitsfremdesten. Man muß nur einmal gesehen haben, wie sich heute selbst führende Persönlichkeiten ins Leben hineinstellen, dieses Leben meistern möchten, aber im Grunde genommen doch an die Wirklichkeit dieses Lebens nicht heranreichen.
[ 24 ] This is the second stage of social coexistence. The first stage is finding one’s own point of view through the imaginative—just as, in the past, it was through the instinctive immersion in the environment. The second stage is finding a bridge to another person—to the person who lives within a different social context. Today, this is made extraordinarily difficult for humanity; for, fundamentally speaking, one does not judge based on reality when one enters social life guided solely by one’s own feelings. In fact, it is precisely when one believes one is judging in the most realistic way that one is judging in the most unrealistic way. One need only observe how even leading figures today engage with life, seeking to master it, yet ultimately fail to grasp the reality of that life.
[ 25 ] Ich möchte ein Beispiel anführen, weder um für, noch um gegen die Persönlichkeit, die ich anführen will, Stellung zu nehmen; nichts soll für oder gegen gesagt werden, nur die Erscheinung soll charakterisiert werden. Ich möchte hinweisen auf eine besonders markante, radikal wirkende Persönlichkeit des sozialen Wirkens in der neuesten Zeit, auf Rosa Luxemburg. Lernte man sie als Persönlichkeit kennen, so hatte man einen Menschen vor sich, der einem eigentlich vollständig mit bürgerlichen Allüren entgegentrat: gemessen in der Bewegung, gemessen in der Redeweise, durchaus in jeder einzelnen Bewegung, in jedem einzelnen Worte maßhaltend. Es waltete sogar eine gewisse Milde, nicht irgend etwas Stürmisches, in dieser Individualität. Hörte man sie aber vom Podium aus reden, dann sprach sie so — nun, ich will ein konkretes Beispiel anführen —, daß sie etwa sagte: Ja, da hat es Zeitalter gegeben, in denen der Mensch glaubte, er stamme aus irgendwelchen geistigen Welten her, diese geistigen Welten hätten ihn in das soziale Leben hereingestellt. Heute weiß man von dem Menschen, so sagte sie, daß er einstmals in höchst unanständiger Weise, unbekleidet, wie ein Affe auf den Bäumen herumgeklettert ist und daß sich aus diesem Affenmenschen heraus diejenigen entwickelt haben, die heute in den verschiedensten Positionen des sozialen Lebens drinnenstehen. Und das wurde vorgebracht in einer Weise, die, ich möchte sagen, von einem gewissen religiösen Impuls durchglüht war, allerdings nicht mit dem Feuer der unmittelbaren individuellen Wirksamkeit, aber so, wie gerade große proletarische Massen das am besten verstehen konnten: mit einer gewissen gemessenen Trockenheit, so daß es auch aufgefaßt werden konnte mit einer gewissen Trockenheit der Empfindung und daß es trotz der Trockenheit dieser Empfindung eine gewisse Begeisterung hervorrief, aus dem Grunde, weil gefühlt wurde: Da sind ja im Grunde genommen alle Menschen gleich und alle sozialen Unterschiede sind hinweggefegt! — Aber das, was so gesprochen worden ist, ist nicht aus einem Drinnenstehen im sozialen Leben gesprochen worden. Es ist gesprochen worden aus der Theorie heraus, die allerdings glaubte, lebensvoll zu sein. Es erzeugte, möchte ich sagen, eine Wirklichkeit, die doch im Grunde genommen keine Wirklichkeit, namentlich keine fruchtbringende Wirklichkeit sein kann.
[ 25 ] I would like to cite an example, neither to take a position for nor against the figure I am about to mention; nothing is to be said for or against her—only her public persona is to be characterized. I would like to draw attention to a particularly striking and radical figure in recent social activism: Rosa Luxemburg. If one got to know her as a person, one encountered someone who, in fact, presented herself entirely with bourgeois manners: measured in her movements, measured in her speech, thoroughly restrained in every single movement, in every single word. There was even a certain gentleness—not anything impetuous—in this individuality. But when one heard her speak from the podium—well, let me give a concrete example—she would say something like this: “Yes, there have been eras in which people believed they originated from some spiritual worlds, and that these spiritual worlds had placed them into social life.” Today, she said, we know that human beings once climbed around in the trees in a highly indecent manner, unclothed, like monkeys, and that from this ape-like human being emerged those who today occupy the most diverse positions in social life. And this was presented in a way that, I would say, was imbued with a certain religious impulse, though not with the fire of immediate individual agency, but in a way that the great proletarian masses in particular could best understand: with a certain measured dryness, so that it could also be received with a certain dryness of feeling, and that, despite the dryness of this feeling, it aroused a certain enthusiasm, for the reason that it was felt: “After all, all people are essentially equal, and all social distinctions have been swept away!” — But what was said in this way was not spoken from a position of being immersed in social life. It was spoken from a theoretical standpoint, which, admittedly, believed itself to be full of life. It created, I would say, a reality that, at the end of the day, cannot be a reality—namely, not a fruitful reality.
[ 26 ] Wie diese markante Persönlichkeit Rosa Luxemburg stehen im Grunde genommen die meisten Menschen heute im sozialen Leben: sie reden über das soziale Leben, ohne daß in ihren Worten die Kraft pulsiert, die aus dem unmittelbaren Leben heraus kommt, aus dem Miterleben des Sozialen im Menschen. Das kann man, wenn man mit der alten instinktiven Kraft des Anschauens der sozialen Gestaltungen seinen Platz im Leben und weiterhin die Brücke zu den Menschen anderer Stände, anderer Klassen, auch anderen Lebensalters hinüber und zu den einzelnen Menschen, den menschlichen Individualitäten findet. Das war in älteren Epochen durch außerordentlich tiefliegende menschliche Instinkte gefunden worden.
[ 26 ] Most people today, in their approach to social life, are essentially like this striking figure, Rosa Luxemburg: they talk about social life without their words pulsing with the power that springs from immediate experience—from the lived experience of the social dimension within human beings. This is possible when, with the old, instinctive power of observing social structures, one finds one’s place in life and, furthermore, builds a bridge to people of other social strata, other classes, and even other age groups—as well as to individual human beings and their unique personalities. In earlier eras, this was achieved through extraordinarily deep-seated human instincts.
[ 27 ] Sie werden Erkenntniskräfte, bewußte Erkenntniskräfte, indem sich der Mensch hinentwickelt zum Geistorganismus, zum «Sinnesorgan», das er als menschliche Totalität wird, wie ich es geschildert habe, wodurch er dann mit seinem Willen selber in der geistigen Welt leibfrei darinnenlebt.
[ 27 ] They become powers of cognition—conscious powers of cognition—as the human being evolves into a spiritual organism, into the “sensory organ” that he becomes as a human totality, as I have described, through which he then lives in the spiritual world with his own will, free from a physical body.
[ 28 ] Denn das Hinüberleben zum anderen Menschen ist immer ein unbewußtes oder bewußtes leibfreies Erfühlen dessen, was der andere ist. Es ist eine graue Theorie, wenn man glaubt: wir schauen den Menschen an, schauen, wie er ein so geformtes Ohr, eine so geformte Nase, ein so geformtes Gesicht hat, und weil wir wissen, daß wir auch so eine Nase und eine so und so geformte Stirne und so weiter, daß wir ein Ich haben, so schließen wir durch einen unbewußten Schluß, daß der andere auch ein Ich habe. Das tun wir nicht. Wer den Tatbestand seelisch überschauen kann, der weiß, daß es sich, wenn wir einem anderen Menschen gegenüberstehen, um ein unmittelbares Wahrnehmen dessen handelt, was in dem anderen Menschen lebt. Man möchte sagen: die unmittelbare Wahrnehmung des anderen ist nur der Sehakt, ins Geistig-Seelische hineingesteigert.
[ 28 ] For living one’s way into another person is always an unconscious or conscious, body-less sensing of what the other is. It is a hollow theory to believe that we look at a person, observe the shape of their ear, nose, and face, and—because we know that we, too, have a nose like that, a forehead shaped in such-and-such a way, and so on, and because we have a “self”—we then unconsciously conclude that the other person also has a “self.” We do not do that. Anyone who can grasp this reality on a soul level knows that when we stand face to face with another person, what is involved is a direct perception of what lives within that other person. One might say: the direct perception of the other is nothing other than the act of seeing, elevated into the spiritual-soul realm.
[ 29 ] Darauf kommen sogar gewisse Gestaltungen der heutigen Philosophie. Geisteswissenschaft zeigt, daß, indem in bewußter Weise die unbewußt, instinktiv wirkende Kraft aufgefunden wird, der Mensch sich hinüberlebt in die andere menschliche Individualität und sich erst dadurch voll in das soziale Leben hineinstellen kann. Dann aber, wenn wir einmal mit dem auf der Erziehungsstufe der menschlichen Entwickelung, auf die wir gehoben sind, erreichten Intellektualismus, oder vielmehr durch das, was aus ihm herauswachsen kann, auf eine solche sich vergeistigende Seelenentwickelung des Menschen hinweisen können, dann können auch soziale Perspektiven gefunden werden. Allerdings, erst wenn man in dieser Weise das Geistige erfassen kann, kommt man mit einer Kraft, die den früheren Schauder hinwegschafft, zu einem unmittelbaren Erleben des Freiheitsimpulses im Menschen.
[ 29 ] This is even the conclusion reached by certain strands of contemporary philosophy. Spiritual science shows that by consciously discovering the unconscious, instinctively acting force, human beings transcend themselves into other human individualities and can only then fully engage in social life. But then, once we are able to point to such a spiritualizing development of the human soul—based on the intellectualism we have attained at the stage of human development to which we have risen, or rather through what can grow out of it—then social perspectives can also be found. However, only when one can grasp the spiritual in this way does one arrive, with a power that dispels the earlier dread, at a direct experience of the impulse toward freedom within the human being.
[ 30 ] Nun ist dieser Freiheitsimpuls auch nur aus dem vollen Menschenleben heraus von der Seele wirklich zu ergreifen. Daß er nur aus dem vollen Erleben heraus zu ergreifen ist, möchte ich an dem einen Beispiel der Erziehungskunst wiederum veranschaulichen.
[ 30 ] Now, this impulse toward freedom can truly be grasped by the soul only from within a full human life. I would like to illustrate once again—using the example of the art of education—that it can be grasped only from within a full experience.
[ 31 ] Worauf ist denn eigentlich die Waldorfschule in Stuttgart, die aus einer geistgemäßen Welt- und Lebensanschauung heraus geschaffen ist, gebaut? Sie will gerade als eine soziale Einrichtung in das gegenwärtige soziale Leben sich so hineinstellen, wie es die Kräfte der Gegenwart selber erfordern. Daher ist sie durchaus nicht darauf gebaut, in irgendeiner Beziehung eine Weltanschauungsschule zu sein. Das wäre eine ganz falsche Auffassung des Prinzips der Waldorfschule, wenn man glauben wollte, daß den Kindern dort irgendeine Weltanschauung beigebracht werden solle. Eine Welt- und Lebensauffassung, die als eine geistgemäße vertreten wird, ist eigentlich für die Lehrerschaft da. Und das, was an dieser Welt- und Lebensauffassung nicht Theorie, sondern volles Leben ist, kann sich auch ausleben in der pädagogischen Geschicklichkeit, in dem didaktischen Takt, in all dem, was der Lehrer ausführt, in dem ganzen Wirken des Unterrichtens und des Erziehens.
[ 31 ] What, then, is the foundation of the Waldorf School in Stuttgart, which was created based on a spiritual worldview and philosophy of life? It seeks, precisely as a social institution, to position itself within contemporary social life in the way that the forces of the present themselves require. Therefore, it is by no means founded on the idea of being a “worldview school” in any sense. It would be a completely mistaken understanding of the principle of the Waldorf School to believe that children there are to be taught any particular worldview. A worldview and outlook on life that is presented as spiritually grounded is actually intended for the teaching staff. And what is not merely theory but full life in this worldview and outlook on life can also find expression in pedagogical skill, in didactic tact, in everything the teacher does, and in the entire process of teaching and educating.
[ 32 ] Auf das, was oftmals in einzelnen Sätzen über die Waldorfpädagogik gesagt wird, kommt es gar nicht an. Diesen einzelnen Sätzen gegenüber können einzelne Menschen ganz gut sagen: Ja, das wollen diese und jene Unterrichts- und Erziehungsmethoden auch. Es ist auch im Grunde genommen, wenn man auf abstrakte Prinzipien sieht, so, daß man sagen kann: Das, was man in abstrakten Sätzen in bezug auf Unterrichts- und Erziehungsmethoden der Waldorfschule sagen kann, findet man sonst auch. Worauf es hier ankommt, ist das unmittelbare Leben, das aus einer Leben erzeugenden Weltauffassung herausfließt und nicht aus einer bloß Begriffe erzeugenden Lebensauffassung.
[ 32 ] What is often said about Waldorf education in individual statements is not at all the point. In response to these individual statements, people may well say: Yes, that is also what these and those teaching and educational methods aim for. In fact, when one looks at abstract principles, one can say that what can be expressed in abstract terms regarding the teaching and educational methods of the Waldorf school can also be found elsewhere. What matters here is the immediate life that flows from a life-generating worldview, rather than from a view of life that merely generates concepts.
[ 33 ] Was wird dadurch erlangt? Nun, es ist schwer, scharfumrissene Begriffe hinzustellen, wenn man Leben schildern will. Daher will ich mich durch das Folgende ausdrücken: Es kommt auch ganz gewiß unter den Personen der Lehrerschaft der Waldorfschule vor, daß solche darunter sind, die nicht immer außerordentlich genial sind — man kann das sagen, ohne irgend jemandem nahezutreten. Aber wenn auch die verschiedensten Stufen der körperlichen, seelischen, geistigen Fähigkeiten im Lehrer vorhanden sind, so muß man doch wiederum sagen: Unter diesen Schulkindern, die der Lehrer da vor sich hat, könnten doch solche sein, die einmal Fähigkeiten im Leben entwickeln werden, welche weit über das hinausgehen, was der Lehrer selber an Fähigkeiten hat.
[ 33 ] What is achieved by this? Well, it is difficult to define things with sharp boundaries when one wants to describe life. Therefore, I will express myself as follows: It certainly happens among the teaching staff at Waldorf schools that there are some who are not always exceptionally gifted—one can say this without offending anyone. But even if teachers possess a wide range of physical, emotional, and intellectual abilities, one must still say: Among the schoolchildren the teacher has before him or her, there may well be some who will one day develop abilities in life that far exceed the teacher’s own.
[ 34 ] Man muß also eine Pädagogik ermöglichen, durch die man nicht nur die Kinder in jedem Lebensalter so behandeln kann, daß sie einmal zu den Fähigkeiten kommen, die man selber hat, sondern daß sie eventuell ungehindert Fah1gkelten entwickeln, die man selber gar nicht hat, die in ihnen veranlagt sind. Man muß also, wenn man selbst auch nicht genial ist, der Entwickelung des Kindes zur Genialität kein Hindernis entgegensetzen. Man kann lange deklamieren, man solle die Individualität eines Kindes entwickeln, nicht irgend etwas in es hineinpfropfen, sondern alles aus dem Kinde herausholen — man kann das sagen, und wenn man bloß auf das Begriffliche hinsieht, so klingt es wunderschön, und man glaubt, es sei etwas Fruchtbares im Leben. Allein oftmals meint man doch mit dem, was man so sagt, nichts anderes als: man entwickelt das im Kinde, wovon man meint, daß es seine Individualität sein könne, und das werde keine über die Individualität des Lehrers hinausreichende Individualität sein.
[ 34 ] We must therefore foster an educational approach that not only allows us to treat children of every age in such a way that they eventually develop the abilities we ourselves possess, but also enables them to freely develop talents that we ourselves do not possess—talents that are inherent in them. Therefore, even if one is not a genius oneself, one must not stand in the way of a child’s development toward genius. One can go on and on about how one should develop a child’s individuality, not impose anything on the child, but rather draw everything out of the child—one can say that, and if one looks only at the concept, it sounds wonderful, and one believes it to be something fruitful in life. Yet often, what one really means by such statements is nothing more than this: one develops in the child what one believes might be its individuality, and that individuality will not extend beyond the teacher’s own individuality.
[ 35 ] In der Waldorfschule ist alles auf Erziehung in der Freiheit veranlagt. Das, was das innerste Geistig-Seelische im Menschen ist, wird im Grunde genommen überhaupt durch die Waldorfschulmethode gar nicht angetastet. Das wird ebensowenig angetastet, wie man etwa bei einer Pflanze, die man in den Boden setzt und durch Licht und Luft sich dann frei entwickeln läßt, allerlei Stöckchen anbringt und sie hineinschnürt in die Schablone. Die geistig-seelische Individualität des Kindes ist ein Heiligstes, von dem derjenige, der die wahre Menschennatur erkennt, weiß, daß es ganz von selber den Impulsen folgt, die die Umgebung, die alle Welt auf es ausübt. Daher hat der Lehrer hinwegzuräumen, was diese mit heiliger Scheu behütete Individualität in ihrer Entwickelung hindern kann. Die Hindernisse, die vom Physischen, vom Seelischen und auch vom Geistigen ausgehen können, kann man in einer echten Menschenkunde durchschauen, wenn man diese Menschenkunde nach der pädagogischen und psychologischen Seite hin entwickelt. Und gerade wenn man eine solche Menschenkunde entwickelt, lernt man mit feinem Sinn beobachten, wo irgendein Hindernis der freien Entwickelung der Individualität da ist. Man braucht da nicht grob hineinzugreifen. Man vermeidet eine fremdartige Gestaltung dieser Individualität. Indem man sieht: da ist ein Hindernis, das muß man hinwegräumen, räumt man es hinweg. Dann weiß die Individualität sich durch ihre eigene Kraft zu entwickeln in einer Weise, die in ihren Fähigkeiten weit über das hinausgehen kann, was der Lehrer in sich hat.
[ 35 ] In the Waldorf school, everything is geared toward education in freedom. What constitutes the innermost spiritual and soul aspect of a human being is, in essence, left entirely untouched by the Waldorf school method. It is left just as untouched as, for example, a plant that is set in the ground and allowed to develop freely through light and air—one would not attach all sorts of sticks to it or tie it into a mold. The child’s spiritual-soul individuality is a sacred treasure; anyone who recognizes true human nature knows that it follows, entirely of its own accord, the impulses exerted upon it by its surroundings—by the whole world. Therefore, the teacher must remove whatever might hinder the development of this individuality, which is safeguarded with sacred reverence. The obstacles that may arise from the physical, the emotional, and also the spiritual realms can be discerned through a genuine understanding of human nature, provided this understanding is developed from a pedagogical and psychological perspective. And it is precisely when one develops such an understanding of human nature that one learns to observe with keen sensitivity where any obstacle to the free development of individuality lies. There is no need to intervene crudely here. One avoids imposing an alien form on this individuality. By recognizing that there is an obstacle that must be removed, one removes it. Then the individuality knows how to develop through its own power in a way that, in terms of its abilities, can go far beyond what the teacher possesses.
[ 36 ] Das heißt aber wirkliche Achtung gegenüber der menschlichen Freiheit haben! Diese menschliche Freiheit bedingt, daß der Mensch die Impulse, die ihn leiten und treiben im Leben, in sich selber findet. In älteren Zeiten hat der Mensch, indem er sich instinktiv in die soziale Umgebung hineingelebt hat, aus seiner Umgebung etwas aufgenommen, das dann in ihm als moralische, als religiöse Impulse gewirkt hat. Das ist, ich möchte sagen, herabgelähmt in seiner Tragkraft durch den Intellektualismus, Was in Bewußtheit wiederum zu denselben sozialen Impulsen hinführt, die einstmals auf instinktive Weise erlangt worden sind, das muß erst entwickelt werden.
[ 36 ] But that means truly respecting human freedom! This human freedom requires that a person find within himself the impulses that guide and drive him in life. In earlier times, by instinctively immersing themselves in their social environment, people absorbed something from their surroundings that then took effect within them as moral and religious impulses. This, I would say, has been weakened in its power by intellectualism; what, in consciousness, leads back to the same social impulses that were once acquired instinctively must first be developed.
[ 37 ] Dadurch aber sieht sich der moderne Mensch vor zwei Dinge gestellt: auf der einen Seite davor, daß er nunmehr seine sittlichen, seine religiösen Impulse in seiner eigenen Individualität suchen muß, daß er sie nur da finden kann, wo seine Seele ihre ursprünglichsten eigenen Kräfte entwickelt; auf der anderen Seite, daß im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte gerade der Intellektualismus großgezogen worden ist, so großgezogen, daß er als die einzige Autorität gilt, der nun nimmermehr ein solches unmittelbares geistiges Erleben geben, sondern nur auf das natürliche Leben hinschauen und es ordnen kann.
[ 37 ] As a result, however, modern man finds himself faced with two realities: on the one hand, the fact that he must now seek his moral and religious impulses within his own individuality, that he can find them only where his soul develops its most primordial powers; on the other hand, that over the course of the last three to four centuries, intellectualism has been cultivated—to such an extent that it is regarded as the sole authority, which can no longer provide such direct spiritual experience, but can only look to natural life and organize it.
[ 38 ] So stehen wir auf der einen Seite vor dem, was wir als Menschheit — allerdings in großartiger Weise — innerhalb des Naturgeschehens mit unserem Verstand vermögen. Da ist die Menschheit als Ganzes auch produktiv. Wir sehen dieses Produktive der Menschheit seit drei bis vier Jahrhunderten herauftauchen in den großartigen Übergängen, die gefunden worden sind zwischen der Naturanschauung und der Technik. Wer da verfolgen kann, was der Mensch durch die Fähigkeit der Naturerkenntnis erlangt, der sieht auch, wie die Menschheit in technischer Beziehung vorwärtsgekommen ist. Studieren Sie einmal ein einfaches Beispiel, sagen wir, wie der in gewisser Beziehung geniale He/mholtz seinen Augenspiegel gefunden hat.
[ 38 ] On the one hand, we are faced with what we as humanity—albeit in a magnificent way—are capable of achieving within the natural order through our intellect. In this sense, humanity as a whole is also productive. We have seen this productive aspect of humanity emerge over the past three to four centuries in the magnificent bridges that have been built between the view of nature and technology. Anyone who can trace what human beings have achieved through their ability to understand nature will also see how humanity has advanced in technical terms. Consider, for example, how Helmholtz—who was, in a certain sense, a genius—invented his ophthalmoscope.
[ 39 ] Wenn sie das verstehen wollen, müssen Sie berücksichtigen, wie seine Vorgänger schon nahe daran gewesen waren — wie gestoßen durch den naturwissenschaftlichen Fortschritt —, wie er nur den allerletzten Schritt zu tun brauchte. Man möchte sagen, das naturwissenschaftliche Denken als solches hält seinen Einzug in den Menschen und führt ihn weiter. Dann ist der Mensch auf dem Gebiet der Technik produktiv. Denn es lebt in ihm, was er aus der Natur heraussaugt, selber als eine inspirierende Gabe. Man kann bis in die jüngsten Entdeckungen hinein verfolgen, wie, wenn jemand Naturwissenschafter wird, dann das, was er aufnimmt, gewissermaßen seinen Geist stößt von Technizismus zu Technizismus, so daß die Inspiration der Natur nun weiterwirkt. Da ist eine Inspirationskraft!
[ 39 ] If you want to understand this, you must consider how close his predecessors had already come—as if propelled by scientific progress—and how he needed only to take that very last step. One might say that scientific thinking as such takes root in human beings and guides them forward. Then human beings become productive in the field of technology. For what they draw from nature lives within them as an inspiring gift in its own right. One can trace this all the way to the most recent discoveries: when someone becomes a natural scientist, what they take in propels their mind, as it were, from one technological innovation to the next, so that nature’s inspiration continues to have an effect. There is a power of inspiration there!
[ 40 ] Diese Inspirationskraft fehlt dem modernen Menschen da, wo das Ethische, das Willensgemäße, das Religiöse, kurz, alles das, was, von der Menschenseele ausgehend, zuletzt doch zum sozialen Gestalten und sozialen Leben führt, in Betracht kommt. Hier brauchen wir wiederum eine Kraft, die auf geistig-seelischem Gebiete geradeso wirkt wie die rein natürliche inspirierende Kraft in unserer äußeren Technik. In unserer äußeren Technik haben wir es außerordentlich weit gebracht. Was wir da errungen haben, das müssen wir als Menschheit der modernen Zeit damit bezahlen, daß eine Weile zurückgeblieben ist das rein geistige Leben, sich genährt hat von alten Traditionen sowohl in religiöser wie in moralischer und sozialer Beziehung. Wir brauchen aber heute die Möglichkeit, aus der menschlichen Individualität heraus in vollem Freiheitserlebnis zu unmittelbaren moralischen Impulsen zu kommen. Weil wir vor dieser sozialen Notwendigkeit stehen, war es mir auch möglich, in meiner «Philosophie der Freiheit» darauf hinzuweisen, daß es so etwas geben müsse wie eine moralische Intuition. Und ich habe dazumal schon angedeutet, daß das, was der Mensch an wirklichen, nunmehr im modernen Leben nur individueller wirkenden, moralischen Impulsen finden kann, die ihn sittlich und moralisch erkraften, nur aus einer geistigen Welt heraus kommen könne. So also stehen wir gerade dadurch vor der Notwendigkeit, zu geistigen Intuitionen aufzusteigen, daß wir in unseren Betrachtungen der Außenwelt zu etwas geistig Produzierendem gar nicht kommen.
[ 40 ] Modern human beings lack this source of inspiration wherever ethical, volitional, and religious considerations—in short, everything that, originating in the human soul, ultimately leads to social formation and social life—come into play. Here, too, we need a force that acts in the spiritual and psychological realm just as the purely natural, inspiring force does in our external technology. We have made extraordinary progress in our external technology. What we have achieved there, we as modern humanity must pay for by the fact that the purely spiritual life—which drew its nourishment from old traditions in religious, moral, and social matters—has lagged behind for a while. But today we need the ability to arrive at immediate moral impulses from within human individuality, in a full experience of freedom. Because we face this social necessity, I was also able to point out in my *Philosophy of Freedom* that there must be such a thing as moral intuition. And I had already indicated at that time that what human beings can find in the form of genuine moral impulses—which now, in modern life, seem to act only on an individual level—and which strengthen them ethically and morally, can come only from a spiritual world. Thus, we are confronted with the necessity of rising to spiritual intuitions precisely because, in our observations of the external world, we do not arrive at anything that is spiritually productive.
[ 41 ] Wer sich in bewußter Weise gerade in das innere Erleben des technischen Zeitalters hineinzustellen vermag, ist vielleicht am allermeisten geneigt, auf der anderen Seite zu sagen: Indem wir in die Notwendigkeit gestellt sind, um das Unlebendige der Technik zu überschauen, am Boden dieses Technischen zu kleben, können wir aus dem, was uns Technik gibt, nicht so moralische Impulse holen, wie es der ältere Mensch konnte, der in Sturm und Wind und Fluß und Stern ein Geistig-Seelisches sah, das er wie Naturkräfte empfand. Wir können das nicht, weil wir eine von alledem gereinigte Naturerkenntnis haben. Wir können daher unsere moralische Welt nur gewinnen, wenn wir sie in freier Intuition unmittelbar geistigindividuell erfassen.
[ 41 ] Anyone who is able to consciously immerse themselves in the inner experience of the technological age is perhaps most inclined, on the other hand, to say: Because we are compelled to overlook the lifeless nature of technology and remain grounded in the material reality of the technical world, we cannot draw moral impulses from what technology gives us in the same way that people of earlier generations could—who saw in storms, winds, rivers, and stars a spiritual and soulful essence that they perceived as forces of nature. We cannot do this because our understanding of nature has been purified of all that. We can therefore gain our moral world only if we grasp it directly, spiritually and individually, through free intuition.
[ 42 ] Dazu aber brauchen wir eine innere lebensvolle Kraft des Geistigen. Und diese lebensvolle Kraft des Geistigen, ich glaube, sie kann gegeben werden durch das Versenken in die Ergebnisse jener Welt- und Lebensauffassung, die ich hier entwickelt habe. Diese Welt- und Lebensauffassung will eben durchaus nicht sagen: das ist so und das ist so in Ideen und Begriffen, sondern will Ideen und Begriffe nur bringen, damit diese etwas so Lebendiges in uns werden, auf geistige Art, wie das Lebensblut selber, so daß die Tätigkeit des Menschen angeregt wird, nicht bloß sein Denken. So erscheint das, was als solche geistgemäße Welt- und Lebensauffassung entwickelt werden kann, durchaus zugleich als ein sozialer Impuls neben einem Erkenntnisimpuls.
[ 42 ] But for this, we need an inner, life-giving spiritual force. And this life-giving spiritual force, I believe, can be attained through immersion in the insights of that worldview and outlook on life that I have developed here. This view of the world and of life does not at all mean to say: “This is so and that is so” in terms of ideas and concepts; rather, it seeks only to present ideas and concepts so that they may become something so alive within us—in a spiritual sense—just like the lifeblood itself, so that human activity is stimulated, not merely human thinking. Thus, what can be developed as such a spiritually grounded worldview and outlook on life appears at the same time as a social impulse alongside an impulse toward knowledge.
[ 43 ] Das wird vielleicht dazu berechtigen, zu sagen: Die sozialen Forderungen der Gegenwart, wie sie im öffentlichen Leben heute vielfach formuliert werden, nehmen sich für den, der die ganze Signatur unserer Zeit unbefangen ins Seelenauge zu fassen weiß, so aus, daß sie eigentlich Symptome sind, Symptome dafür, daß die alten Instinktsicherheiten des sozialen Lebens verloren sind und daß wir vor der Notwendigkeit stehen, ein geistiges Leben in bewußter Weise zu begründen, das wiederum dieselben Impulse gibt, die einstmals das instinktive Leben alter Zeitalter gegeben hat. Weil man glauben kann, daß ein solches Anregen der innerlichsten seelischen Lebenskräfte des Menschen wirklich den sozialen Forderungen unserer Zeit entspricht, deshalb möchte man auch in dieser Zeit der schweren sozialen Prüfungen von der Zeit und ihren sozialen Forderungen in diesem Sinne sprechen.
[ 43 ] This may justify the statement: The social demands of the present, as they are frequently articulated in public life today, appear—to those who can impartially perceive the entire character of our time with the eye of the soul— appear to be, in fact, symptoms—symptoms that the old instinctive certainties of social life have been lost and that we are faced with the necessity of consciously establishing a spiritual life that, in turn, provides the same impulses that once characterized the instinctive life of bygone eras. Because one can believe that such a stimulation of the innermost spiritual life forces of the human being truly corresponds to the social demands of our time, one would like to speak of “the times” and their social demands in this sense, even in this era of severe social trials.
[ 44 ] Manchmal hat man schon in der Gegenwart das Gefühl: Ach, die unmittelbare Not des Tages, das Elend des Augenblicks ist so groß, daß man im Grunde genommen sich einzig und allein diesem widmen, und erst dann, wenn in dieser Beziehung ein wenig Abhilfe geschehen ist, nach weiteren Perspektiven ausschauen sollte. Von all den Einwendungen, die mir gemacht worden sind, seit ich auf die Aufforderungen eines gewissen Freundeskreises wiederum versucht habe, über das soziale Leben zu sprechen, mich an allerlei zu beteiligen, was mit diesem sozialen Leben zusammenhängt, habe ich am besten die zahlreichen Briefe verstanden, die immer wieder und wiederum, insbesondere vor zwei Jahren, an mich gekommen sind, des Inhalts: Was wollen eigentlich alle diese sozialen Ideen? Hier in Mitteleuropa handelt es sich zunächst um das nackte Brot! Immer wieder war dieser Einwand da. Man kann ihn verstehen. Aber in anderer Beziehung muß man auch das begreiflich finden, daß ja die Erde an Fruchtbarkeit in keinem Zeitalter den Menschen das, was sie geben kann, vorzuenthalten in der Lage ist, wenn die Menschen nur jene sozialen Gestaltungen finden, durch die das, was die Erde geben kann, in der richtigen Weise in diese sozialen Gestaltungen hineinfließen und innerhalb dieser sozialen Gestaltungen erarbeitet werden kann.
[ 44 ] Sometimes, even in the present, one has the feeling: Oh, the immediate hardships of the day, the misery of the moment, are so great that, strictly speaking, one should devote oneself solely to them, and only after some relief has been brought about in this regard should one look toward broader perspectives. Of all the objections that have been raised to me since I once again attempted, at the urging of a certain circle of friends, to speak about social life and to participate in all sorts of things related to it, I have best understood the numerous letters that have come to me time and again—especially two years ago—whose message was: What, exactly, are all these social ideas aiming for? Here in Central Europe, the immediate concern is simply bread! This objection has been raised time and again. One can understand it. But in another respect, one must also find it comprehensible that the earth, in terms of fertility, is in no age capable of withholding from humanity what it can give, provided that people find those social structures through which what the earth can give can flow in the right way into these social structures and be worked out within them.
[ 45 ] Deshalb erscheint mir auch die Meinung berechtigt, daß es gewiß ein außerordentlich Liebes und Gutes ist, wenn man sich der unmittelbaren Lage des Augenblicks widmet, und daran wird niemand durch solche Betrachtungen gehindert, wie sie hier angestellt worden sind. Aber ebenso wie das gut ist, muß gesagt werden: Für den Augenblick mag gut sein, was da getan werden kann, aber es muß auf der anderen Seite so schnell als möglich dazu kommen, daß man soziales Verständnis habe, damit nicht wiederum die Bedingungen sich neu erzeugen, durch die die Menschen in solche Not und in solches Elend hineinkommen.
[ 45 ] That is why I, too, find the view justified that it is certainly an extraordinarily loving and good thing to devote oneself to the immediate situation of the moment, and no one is prevented from doing so by the kind of reflections that have been made here. But just as that is good, it must be said: What can be done in the moment may be good, but on the other hand, it is essential to develop social understanding as quickly as possible so that the conditions that drive people into such distress and misery do not arise again.
[ 46 ] Daß da mit den alten utopistischen und intellektualistischen Formulierungen des Sozialen nicht ausgekommen werden kann, das hätte sich den Menschen zeigen sollen, als manche von denjenigen, die vor kurzem noch mit einer unglaublichen Sicherheit von dem sprachen, was da sein sollte im sozialen Leben, dann hingestellt worden sind vor das, was sie nun tun sollten. Wahrhaftig, eine größere Ratlosigkeit im sozialen Leben war kaum jemals vorhanden als unter denen, die scheinbar am allergewissesten gewußt haben, wie die sozialen Gestaltungen zu formulieren wären, wenn man nur das Alte so schnell als möglich hinwegräumen könnte.
[ 46 ] The fact that the old utopian and intellectualistic formulations of social life are no longer sufficient should have become clear to people when some of those who, until recently, had spoken with incredible certainty about what social life ought to be like were then confronted with what they were now supposed to do. Truly, there has hardly ever been greater bewilderment in social life than among those who seemed to know best how social structures should be formulated, if only the old could be swept away as quickly as possible.
[ 47 ] Das Experiment, das in dieser Richtung liegt, hat ja im Osten von Europa in die furchtbarsten Zerstörungskräfte hineingeführt. Und es ist Illusion, wenn die Menschheit heute glaubt, daß sie ohne ein gründliches soziales Denken und Fühlen und Erleben, durch bloße Fortsetzung der alten Formulierungen, in etwas anderes hineinkommen könnte als in Zerstörungskräfte. Das Gespenst des europäischen Ostens ist das, was drohend herüberschaut nach dem Westen. Aber dieses Schauen sollte uns nicht untätig sein lassen, sondern uns auffordern, in jeder Stunde nach lebendigen sozialen Kräften, nach einer lebendigen Formulierung der sozialen Forderungen zu suchen, da ja die abstrakten und utopistischen sich in ihrer Unfruchtbarkeit erwiesen haben.
[ 47 ] The experiment along these lines has, after all, led to the most terrible forces of destruction in Eastern Europe. And it is an illusion for humanity today to believe that, without thorough social thinking, feeling, and experience—and by merely continuing with the old formulations—it could arrive at anything other than forces of destruction. The specter of Eastern Europe is what looms menacingly over the West. But this looming threat should not leave us idle; rather, it should compel us to seek, at every moment, vibrant social forces and a vibrant articulation of social demands, since the abstract and utopian ones have proven fruitless.
[ 48 ] Wie das im einzelnen geschehen kann, das werden die nächsten Vorträge zeigen. Heute wollte ich nur eine Art Einleitung geben, die zeigen soll, daß hinter dem, was in ausgesprochenen Worten als soziale Ideen charakterisiert wird, etwas Tieferes liegt, etwas, was zusammenhängt mit einer Umgestaltung des ganzen Seelenlebens.
[ 48 ] The next lectures will show exactly how this can happen. Today I simply wanted to offer a kind of introduction intended to show that behind what is characterized in spoken words as social ideas lies something deeper—something connected with a transformation of the entire life of the soul.
[ 49 ] Das hat man in der allerneuesten Zeit bis weit in die Proletarierkreise hinein zu begreifen begonnen. Und wer sich umsieht, der weiß, daß die sozialen Forderungen, und namentlich die Empfindungen ihnen gegenüber, in einem ganz wesentlichen Umgestaltungsprozeß sind. Die alten Schlagworte werden schon mehr oder weniger in ihrer Unfruchtbarkeit erkannt. Und vielfach betont man es jetzt schon, daß zu Seelischem übergegangen werden müsse, daß wiederum moralische und religiöse Impulse das soziale Leben durchpulsen müßten. Aber man hat noch nicht das Leben, das man wirklich braucht.
[ 49 ] In very recent times, people have begun to understand this even deep within proletarian circles. And anyone who looks around can see that social demands—and especially the sentiments toward them—are undergoing a very significant process of transformation. The old slogans are already being recognized, to a greater or lesser extent, as fruitless. And in many quarters, it is already being emphasized that we must turn to matters of the spirit, that moral and religious impulses must once again pulse through social life. But we do not yet have the life we truly need.
[ 50 ] Unsere Zeit glaubt, recht wirklich und realistisch zu sein, und weiß gar nicht, wie theoretisch sie im Grunde genommen ist, theoretisch ganz besonders dann, wenn es sich um die Aufstellung der sozialen Forderungen handelt. Das — es darf vielleicht zum Schlusse ausgesprochen werden — kann heute eigentlich nicht die Aufgabe sein, unmittelbar neue soziale oder überhaupt andere Ideale aufzustellen. An abstraktem Aussprechen von Idealen haben wir keine Not. Was uns fehlt, ist nicht dieses abstrakte Hinneigen zum Idealismus. Was wir brauchen, ist etwas anderes: das Erleben des Geistigen, nicht bloß das Erdenken des Ideellen. Was wir brauchen, ist, daß wir den Geist nicht bloß in Begriffen haben, sondern in solcher Lebendigkeit, daß er, ich möchte sagen, wie menschliche Wesen unter uns in all unserem Tun herumwandelt.
[ 50 ] Our era believes itself to be quite genuine and realistic, and has no idea how theoretical it actually is—especially when it comes to formulating social demands. That—and perhaps this should be stated in conclusion—cannot really be the task today: to immediately establish new social ideals or any other ideals at all. We have no need for the abstract articulation of ideals. What we lack is not this abstract inclination toward idealism. What we need is something else: the experience of the spiritual, not merely the conceptualization of the ideal. What we need is not merely to have the spirit in concepts, but in such a living way that it, I might say, walks among us like human beings in all our actions.
[ 51 ] Wenn wir so den Geist als etwas Lebendiges begreifen, dann werden wir auch aufsteigen können zu ihm als einem sozial Wirksamen. Demgegenüber dürfen wir sagen: Wir brauchen heute nicht bloße Formulierung von Idealen und sozialen Forderungen. Wir brauchen etwas, was uns Kraft gibt, den Idealen zu folgen, was uns inneres Leben gibt, diese Ideale zum Glühen zu bringen, etwas, was unseren Willen erregt zum vollen, für die Welt fruchtbaren Enthusiasmus für die Ideale, für das geistige Leben.
[ 51 ] If we understand the spirit in this way—as something living—then we will also be able to rise to it as a socially active force. In contrast, we may say: Today, we do not need mere formulations of ideals and social demands. We need something that gives us the strength to follow these ideals, something that gives us an inner life to make these ideals burn brightly, something that stirs our will to a full enthusiasm—one that is fruitful for the world—for these ideals and for spiritual life.
