Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
8 June 1922, Vienna
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Contrasts Between Western and Eastern Cultures, tr. SOL
7. Die Zeit und ihre soziale Gestaltung
7. Time and Its Social Shaping
[ 1 ] Atlantische und Pazifische Kultur
[ 1 ] Atlantic and Pacific Cultures
[ 2 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als vor einigen Monaten ein englischer Kolonialminister die Worte ausgesprochen hat, der Schwerpunkt der Welt habe sich verschoben von der Ostsee und dem Atlantischen Ozean nach dem Stillen Ozean, hat er damit allerdings ein für die gegenwärtige Umgestaltung der sozialen Situation der ganzen Erde bedeutsames Wort gesprochen. Erst jetzt beginnt in der Tat die Welt nach und nach aus den Verhältnissen, wie sie sich seit Jahrzehnten herausgebildet, wie sie sich so bedeutsam gewandelt haben durch den grausamsten der Kriege, die Konsequenzen zu ziehen dessen, was sich lange vorbereitet hat: die Konsequenzen daraus, daß nicht nur die wirtschaftlichen und sozialen, sondern die gesamten gegenseitigen Menschheitsverhältnisse der ganzen Erde sich zu einer Totalität, zu einem einheitlichen Wesen umbilden wollen.
[ 2 ] Ladies and gentlemen! When, a few months ago, a British Colonial Secretary stated that the world’s center of gravity had shifted from the Baltic Sea and the Atlantic Ocean to the Pacific Ocean, he indeed spoke words of great significance for the current transformation of the social situation across the entire globe. Only now, in fact, is the world gradually beginning to draw conclusions from the conditions that have taken shape over decades—conditions that have been so significantly transformed by the most brutal of wars—regarding what has long been in the making: the consequences of the fact that not only economic and social relations, but the entire range of human relations across the globe, are striving to transform themselves into a totality, into a unified entity.
[ 3 ] Wenn das aber der Fall ist, dann ist es auch notwendig, daß den äußerlichen wirtschaftlichen Gestaltungen, die in der Umwandlung des Welthandels zur Weltwirtschaft seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einfach gegeben sind, auch eine tiefgehende geistige Umwandlung über die ganze Erde hin folgt, von der man allerdings heute vielleicht nur erst die Anfänge ahnen kann.
[ 3 ] If that is the case, however, then it is also necessary that the external economic structures—which have simply existed since the last third of the 19th century as a result of the transformation of world trade into a global economy—be followed by a profound spiritual transformation across the entire globe, the beginnings of which, admittedly, we can perhaps only begin to glimpse today.
[ 4 ] Aber dann muß berücksichtigt werden, daß, wie auch immer sich die sozialen Gestaltungen über die Erde hin umwandeln, in diesen sozialen Gestaltungen Menschen leben, die sich als Menschen verständigen müssen, wenn sie miteinander in ein Wechselverhältnis treten wollen. Zur Menschenverständigung gehört aber Vertrauen. Und zum Vertrauen gehört in einem gewissen Sinne wirklich eine Art Hineinsehen in die Seelen der anderen. Es ist aber der abendländischen Zivilisation bisher mehr oder weniger nur möglich gewesen, einen etwas weiteren Gesichstkreis zu gewinnen über den europäischen Kontinent und seine unmittelbaren kolonialen Anhänge. Es wird die Perspektive über die ganze Erde hin gefunden werden müssen.
[ 4 ] But then we must take into account that, no matter how social structures around the world may change, people live within these structures and must communicate as human beings if they wish to interact with one another. But mutual understanding requires trust. And trust, in a certain sense, truly involves a kind of insight into the souls of others. However, Western civilization has so far been able, more or less, only to gain a somewhat broader perspective on the European continent and its immediate colonial outposts. A perspective encompassing the entire globe will have to be found.
[ 5 ] Am heutigen Abend soll nun aus einigen historischen Untergründen heraus, die sich aber unmittelbar in das gegenwärtige Dasein der Menschheit hineinleben, darauf hingedeutet werden, was eigentlich in dieser Richtung vorgeht. Dazu wird notwendig sein, zuerst über Verständnis und Verständigungsversuche innerhalb der abendländischen Zivilisation selbst einiges zu sprechen,
[ 5 ] This evening, drawing on certain historical foundations—which, however, are directly embedded in humanity’s present existence—we will explore what is actually taking place in this regard. To this end, it will be necessary to first discuss understanding and attempts at communication within Western civilization itself,
[ 6 ] Wenn man gebildete Engländer vernimmt über die Art und Weise, wie sie über Europa, über Mitteleuropa, insbesondere über das so lange in Mitteleuropa nach gewissen Richtungen hin tonangebend gewesene Deutschland sprechen, so sagen sie gewöhnlich — mündlich und auch in der Literatur - etwa das Folgende: Bei uns ruht alles auf einer gewissen demokratischen Grundlage. Der einzelne Mensch ist in einem hohen Grade maßgebend für das, was im geistigen, aber auch im wirtschaftlichen Leben geschieht. Der Initiative dieses einzelnen ist der größte Teil der öffentlichen Angelegenheiten anheimgestellt. Schaut man aber nach Mitteleuropa hinüber — ich will jetzt gar nicht behaupten, daß diese Dinge absolut richtig sind, sondern will nur charakterisieren, was eben eine allgemeine Meinung ist -, dann macht sich eine gewisse Autokratie bemerkbar, ein gewisses Verwaltungsprinzip durch allerdings tüchtige Verwaltungsfunktionäre, die vom Zentrum des staatlichen Lebens aus bestimmen, wie die einzelnen menschlichen Verhältnisse sich abspielen sollen. Es wird da in scharfer Weise immer hingedeutet, vor dem Kriege wenigstens, auf das zentralistische, auf das mehr oder weniger autokratische Prinzip. Würde dann der Blick weiter ausgedehnt nach dem Osten hinüber, so müßte eigentlich, unter Festhaltung derselben Denkweise, gesagt werden: Weiter nach Osten hinüber findet sich nicht nur Autokratie, sondern es findet sich eine Art patriarchalischer Autokratie, die durchsetzt ist nicht nur von dem, was Menschen anordnen, die verwalten, sondern die durchsetzt ist von einem religiösen Impuls, so daß Menschen das, was sie auf Erden tun, sogar angeordnet empfinden von geistigen, außerirdischen Mächten und Wesenheiten, deren Impulse sie aufnehmen in ihre Empfindungen.
[ 6 ] When one hears educated English people speak about Europe, about Central Europe, and in particular about Germany—which for so long has set the tone in Central Europe in certain respects—they usually say—both verbally and in writing—something along the following lines: In our country, everything rests on a certain democratic foundation. The individual plays a decisive role in what happens in intellectual as well as economic life. The vast majority of public affairs is left to the initiative of the individual. But if one looks over to Central Europe—I do not mean to claim that these things are absolutely correct, but merely to characterize what is, in fact, a general opinion—then a certain autocracy becomes apparent, a certain administrative principle carried out by, admittedly, capable administrative officials who, from the center of state life, determine how individual human circumstances are to unfold. There, at least before the war, there was always a strong emphasis on the centralist, more or less autocratic principle. If one were to extend one’s gaze further eastward, then—adhering to the same line of thought—one would actually have to say: Further to the east, one finds not only autocracy, but a kind of patriarchal autocracy, one that is permeated not only by the commands of those who govern, but also by a religious impulse, so that people perceive what they do on earth as being dictated by spiritual, extraterrestrial powers and entities, whose impulses they absorb into their sensibilities.
[ 7 ] Hinter einer solchen Betrachtungsweise verbirgt sich allerdings sehr Wichtiges, das hereinspielt in alle sozialen Gestaltungen der Gegenwart. Man kann sagen, je weiter man gegen Westen vorschreitet, desto mehr ist der Mensch mit seinem ganzen Denken und Empfinden verbunden mit den Angelegenheiten, die er zu besorgen hat. Und sieht man auf die wirtschaftlichen Angelegenheiten, so tritt das am allerdeutlichsten hervor. Im Westen vollzieht der Mensch das, was er im wirtschaftlichen Leben vollziehen will, dadurch, daß er wirklich bis in die Details dessen, was ihm obliegt, einzudringen versucht. Ein persönliches, ein unmittelbar persönliches Verhältnis hat er zu den äußerlichsten Angelegenheiten des Lebens. In der europäischen Mitte ist das allerdings in einem gewissen Sinn - für den psychologischen Weltenbetrachter muß sich das so herausstellen - anders. Da herrscht der Sinn dafür, daß eintritt, was der Engländer von seinem Gesichtspunkt aus «wissenschaftliche Verwaltung des Staates» nennt, daß gewisse Ideen vorwalten, die man als die richtigen ansieht, die Gesetze formen und in Verwaltungsprinzipien sich einleben sollen, die zunächst überschaut werden in einem Verwaltungssystem, in einem Staatssystem. Und der einzelne, der dann herangeht an die Angelegenheiten des unmittelbaren Lebens, auch an die wirtschaftlichen Angelegenheiten, der hat zunächst allerdings seine wirtschaftliche Praxis im Auge; aber er blickt doch von ihr immer hinweg zu dem, was in gewissem Sinn einen juristisch-staatlichen Charakter trägt, was in eines dieser Systeme einzuordnen ist. Und er betrachtet das einzelne, was er tut, als ein Glied in einem solchen System. Der Engländer hat nicht die Neigung, ein solches System auszudenken, er hat nur das im Auge, was sich für die Einzelheiten des Lebens konkret ergibt, nicht das, was sich wie ein Gesamtsystem über das Ganze gleichsam hinüberlegt.
[ 7 ] Behind this way of looking at things, however, lies something very important that plays a role in all contemporary social structures. One could say that the further one travels westward, the more a person’s entire way of thinking and feeling is connected to the matters they have to attend to. And when one looks at economic matters, this becomes most evident. In the West, a person accomplishes what they set out to do in economic life by truly striving to delve into the details of what is required of them. They have a personal, an immediately personal relationship to the most outward aspects of life. In central Europe, however, this is—in a certain sense—different; for the psychological observer of the world, this must become apparent. There prevails a sense of what the Englishman, from his point of view, calls “scientific administration of the state”—that certain ideas, regarded as the correct ones, should take precedence, shape the laws, and become ingrained in administrative principles, which are first surveyed within an administrative system, within a system of government. And the individual, who then approaches the affairs of daily life—including economic matters—does, of course, initially focus on his economic practice; but he always looks beyond it to what, in a certain sense, has a legal and state-related character—that which must be classified within one of these systems. And he regards the individual actions he takes as a link in such a system. The Englishman is not inclined to conceive of such a system; he focuses only on what concretely arises in the details of life, not on what, as it were, overlays the whole like an overarching system.
[ 8 ] Damit aber ist auch hingedeutet auf eine historische Erscheinung, die in der neuesten Zeit ganz besonders wichtig geworden ist. Für Millionen und aber Millionen von Menschen bedeutet ja der Name Karl Marx etwas Außerordentliches. Wenn auch vielfach Modifikationen eingetreten sind in bezug auf den einstigen dogmatischstarren, formelhaften Marxismus, der noch vor Jahrzehnten in vielen Millionen Menschenseelen wie eine Art von Religion gelebt hat, so bedeutet für die breiten Massen des europäischen Proletariats doch der Name Marx noch den Namen eines Propheten der sozialen Neugestaltung. Es kann sich mir nicht darum handeln, jetzt irgendwie auf die Irrtümer des Marxismus hinzuweisen. Dagegen möchte ich auf das historische Phänomen Marx von einer gewissen Seite aus hinweisen.
[ 8 ] This, however, also points to a historical phenomenon that has become particularly important in recent times. For millions upon millions of people, the name Karl Marx indeed signifies something extraordinary. Even though there have been many changes with regard to the once dogmatically rigid, formulaic Marxism—which, just decades ago, lived on in the souls of many millions of people like a kind of religion—the name Marx still signifies, for the broad masses of the European proletariat, the name of a prophet of social transformation. It is not my intention here to point out the errors of Marxism in any way. Rather, I would like to shed light on the historical phenomenon of Marx from a certain perspective.
[ 9 ] Marx hat seine Bildung genossen innerhalb Mitteleuropas, innerhalb Deutschlands, hat dort aufgenommen, was die Anlage ist zu jenem Systematisieren, zu jenem Ordnen der Ideen, wie ich es eben charakterisiert habe. Dann aber ging er nach dem Westen, ging nach Frankreich, ging insbesondere nach England, um dort die konkreten Einzelheiten der sozialen, der wirtschaftlichen Entwickelung der neueren Zeit zu studieren. Was er studiert hat, waren konkrete Einzelheiten, denn nur die allein leben auch in der englischen Arbeiterklasse. Was er daraus gebildet hat, ist ein System eines sozialen Organismus, wie es auszugestalten nur einem mitteleuropäischen Gemüt möglich ist. Und dieses System hat Wurzeln geschlagen nicht etwa in erster Linie im Westen. Es hat wiederum Wurzeln geschlagen in Mitteleuropa. Und man darf sagen: Was Marx im Westen beobachtet hat in konkreten Einzelheiten, hat er zu einem großen systematischen Ideengebäude geformt, und es ist durch seine Anhänger immer noch dogmatischer und dogmatischer, theoretischer und theoretischer gemacht worden. Es wurde das Ideal einer allgemeinen Organisation der ganzen menschlichen Gesellschaft vom wirtschaftlichen Standpunkt aus. Es wurde in gewisser Beziehung das Ideal wirtschaftlicher, staatlicher Organisation, als die entsprechenden Kreise die Möglichkeit hatten, das im Osten auszuführen, allerdings zu einem sehr, sehr geringen Grad, der sich auch nach und nach ad absurdum führt. Das Wesentliche ist aber, daß einem auch an einer solchen Erscheinung in ganz klarer Weise entgegentritt, wie grundverschieden schon die Denkweise Mitteleuropas von der Denkweise des europäischen Westens ist. Daraus aber muß geahnt werden, daß die Differenzierungen über die Erde noch weit größere sein müssen, und daß wirklich eine Unbefangenheit, die sich nicht beirren läßt durch vorgefaßte Meinungen, allein zu einer Anschauung über diese Differenzierungen kommen kann.
[ 9 ] Marx received his education in Central Europe, in Germany, where he absorbed the predisposition toward that systematization, that ordering of ideas, as I have just characterized it. But then he went to the West—to France and, in particular, to England—to study the concrete details of modern social and economic development. What he studied were concrete details, for these alone are alive within the English working class. What he constructed from them is a system of a social organism that only a Central European mind could have conceived. And this system did not take root primarily in the West. Rather, it took root in Central Europe. And one may say: What Marx observed in the West in concrete details, he shaped into a grand, systematic edifice of ideas, and his followers have made it ever more dogmatic and theoretical. It became the ideal of a general organization of all human society from an economic standpoint. In a certain sense, it became the ideal of economic and state organization, as the relevant circles had the opportunity to implement it in the East—albeit to a very, very limited degree, which is also gradually being reduced to absurdity. The essential point, however, is that even such a phenomenon clearly reveals just how fundamentally different the way of thinking in Central Europe is from that of Western Europe. From this, however, one must surmise that the differences across the globe must be even greater, and that only an unbiased perspective—one not swayed by preconceived notions—can truly lead to an understanding of these differences.
[ 10 ] Heute muß das, was einem als die Mannigfaltigkeit in dem kleinen Kreis der abendländischen Zivilisation erscheint, auf dem Hintergrund der großen Weltordnung betrachtet werden. Denn in unsere Gestaltungen, auch in die sozialen Gestaltungen, spielen die Weltverhältnisse, wie sie sich im Osten und Westen historisch entwickelt haben, in die unmittelbare Gegenwart herein. Geradeso spielen sie herein, wie die Weltanschauungsimpulse hereinspielen, in dem Sinne, wie ich das in den vergangenen Tagen hier geschildert habe. Und eine ähnliche Betrachtung wird auch angemessen sein, wenn die Darstellung der sozialen Gestaltungen der Gegenwart versucht wird.
[ 10 ] Today, what appears to us as diversity within the small circle of Western civilization must be viewed against the backdrop of the greater world order. For global conditions—as they have historically developed in both the East and the West—play a direct role in shaping our structures, including our social structures, in the present. They influence them just as the impulses of worldviews do, in the sense that I have described here in recent days. And a similar perspective will also be appropriate when attempting to describe the social structures of the present.
[ 11 ] In so manchem, was als soziale Gestaltungen in der unmittelbaren Gegenwart da ist, lebt noch vieles, was heute maskiert ist, so daß sein Ursprung nur in geringem Maße sichtbar ist. Was im Osten vor langer Zeit entstanden ist, lebt mit dem zusammen, was das spezifisch Mitteleuropäische ist, und mit dem, was im Westen als eine ganz neue Gestaltung sich zu ergeben anfängt. In ähnlicher Weise muß das für die sozialen Gestaltungen gesagt werden, wie es ausgeführt werden mußte für die Weltanschauungsverhältnisse über die Erde hin.
[ 11 ] In many of the social structures that exist in the immediate present, there is still much that is now masked, so that its origin is only faintly visible. What arose in the East long ago coexists with what is specifically Central European and with what is beginning to emerge in the West as an entirely new form. In a similar way, this must be said of social structures, just as it had to be explained regarding worldview conditions across the globe.
[ 12 ] Gehen wir aber nach dem Osten hinüber, nach jenem Osten, den die abendländischen Gestaltungen in der Zukunft werden mit umfassen müssen, so sehen wir heute in den Denkweisen, in den sozialen Empfindungen der Menschen durchaus die Überreste uralter Einrichtungen und uralter Impulse, aus denen sie hervorgegangen sind. Alles, was auch heute noch beobachtet werden kann, obwohl es im Osten durchaus in die Dekadenz gekommen ist, weist zurück in jene Zeiten, in denen der Osten, der Orient, beherrscht war von Priestertheokratien der mannigfaltigsten Art, Priestertheokratien, die in der Art, wie es dazumal möglich und der menschlichen Kultur angemessen war, den sozialen Gestaltungen einverleibt haben, was sie im Sinn der alten instinktiven Geistesschau aus den geistigen Welten heraus glaubten erkunden zu müssen, eben in der Art, wie ich es in diesen Tagen geschildert habe. Wenn allerdings heute die Menschen aus den historischen Dokumenten heraus schildern, wie im Orient einmal die Priesterhierarchien in der Art geherrscht haben, daß sie das Volk lehrten, wie gewissermaßen in allen Naturerscheinungen göttlich-geistige Wesenheiten wohnen und wie man sogar durch gewisse menschliche magische Verrichtungen die Gnade dieser Götter oder die Liebe dieser Götter sich erwerben könne, so ist das zwar für eine gewisse spätere Epoche der orientalischen Priestertheokratien richtig, aber eben für eine spätere Epoche, wo das Ursprüngliche des Orients schon im Niedergang begriffen war.
[ 12 ] But if we turn our gaze eastward—toward that East which Western cultures will eventually have to embrace—we can see today, in people’s ways of thinking and social sensibilities, the remnants of ancient institutions and ancient impulses from which they emerged. Everything that can still be observed today—even though it has certainly fallen into decadence in the East—points back to those times when the East, the Orient, was ruled by priestly theocracies of the most diverse kinds, priestly theocracies that, in the manner that was possible at the time and appropriate to human culture, incorporated into social structures what they believed they had to discern from the spiritual worlds through the ancient, instinctive spiritual vision—precisely in the way I have described in recent days. However, when people today describe, based on historical documents, how the priestly hierarchies in the Orient once ruled in such a way that they taught the people that divine-spiritual beings dwell, as it were, in all natural phenomena, and how one could even, through certain human magical rituals, earn the grace of these gods or the love of these gods, this is indeed true for a certain later epoch of Oriental priestly theocracies—but precisely for a later epoch, when the original character of the Orient was already in decline.
[ 13 ] Wahr ist es, daß in den Zeiten der alten orientalischen Zivilisation gewisse auserlesene Individuen eine Art Verbindung suchten mit der geistigen Welt, eine Verbindung, die auf Dingen beruhte, für die wir heute allerdings nicht im geringsten mehr eine Neigung haben können. Sie beruhte auf gewissen Maßregeln, die sogar in sehr materieller Art mit dem menschlichen Körper vorgenommen wurden, gewissen Tränken, die gebraut, gewissen Stoffen, die genossen wurden. Man betrachtete es als ein Geheimnis, daß durch den Genuß dieser Tränke und Stoffe die gewöhnliche Art der Sinnestätigkeit des Menschen ausgeschaltet und der Mensch zurückgeführt werde in Zeiten, in denen die bloß äußere Naturgesetzlichkeit noch nicht so da war wie später, und in denen auch das geistige Leben nicht in solch abstrakter Weise vorhanden war wie eben später, sondern in Zeiten, in denen das Moralisch-Geistige noch ein Einheitliches war mit dem Physisch-Natürlichen. In Urzeiten der Erdenentwickelung selber wollten sich jene Priestergelehrten dadurch zurückversetzen, daß sie ihren Stoffwechsel in eine Beziehung brachten zu gewissen Essenzen stofflicher Natur der Außenwelt.
[ 13 ] It is true that in the days of ancient Eastern civilizations, certain select individuals sought a kind of connection with the spiritual world—a connection based on things for which we today, however, can no longer feel the slightest inclination. It was based on certain practices—some of which were carried out in a very physical manner on the human body—certain potions that were brewed, and certain substances that were ingested. It was regarded as a mystery that through the consumption of these potions and substances, the ordinary mode of human sensory activity was suspended and the individual was transported back to times when the purely external laws of nature had not yet taken the form they would later assume, and in which spiritual life, too, did not exist in such an abstract form as it did later, but rather in times when the moral-spiritual was still one with the physical-natural. In the primeval ages of Earth’s development itself, those priest-scholars sought to transport themselves back to that time by bringing their metabolism into a relationship with certain essences of a material nature in the external world.
[ 14 ] Was sie eigentlich behaupteten, kann wieder verstanden werden, wenn - jetzt in einer ganz anderen Art durch den modernen Weg in die übersinnlichen Welten hinein wiederum das erkannt werden kann, was ich in meinem letzten Vortrag der ersten Serie ausgeführt habe: daß durch ein gewisses geistiges Hineinschauen in die eigene Menschennatur der Mensch in sich etwas erlebt wie ein Weltengedächtnis und dadurch allerdings in seiner Geistschau zurückdringt bis in die Zeiten, wo für die Menschen die Naturgesetze nicht so waren wie heute, daß sie sich mehr oder weniger durch den Zufall äußerten, und die geistigen Gesetze nicht so abstrakt, wie sie heute sind, bis in die Zeiten, in denen das MoralischGeistige noch eine Einheit war mit dem Physisch-Natürlichen. So daß eine solche Geistschau nicht zu dem bloß mechanistischen Kant-Laplaceschen Urnebel kommt, sondern zu einem Ursprung der Erdenentwickelung, der geistig-seelisch-physisch aufzufassen ist. Was in dieser Weise heute als ein Weltgedächtnis von den Menschen erworben werden kann, das wird durchaus, ohne daß man das Physische bearbeitet - ich habe das ja ausgeführt in diesen Tagen —, auf geistig-seelische Art durch geistig-seelische Übungen errungen. Das war in jenen älteren orientalischen Zeiten nicht der Fall. Da setzten sich die Menschen mit der geistigen Welt dadurch in Beziehung, daß sie ihre unbewußten Instinkte durch das Verbinden ihres Stoffwechsels mit Essenzen dieser oder jener Art aufstachelten. Sie wußten gewissermaßen, was aus ihrem Instinktleben heraus in einer Art traumhafter Vergeistigung entwickelt werden konnte aus jeder Pflanze, aus der Natur; sie wußten, wenn diese oder jene Pflanze genossen wird, so wird ihr Organismus so beeindruckt, daß sie sich in ein gewisses geistiges Geschehen versetzen können. Das war eigentlich die ursprüngliche Form, in der sich die führenden Priester der orientalischen Theokratien, die aber zu gleicher Zeit die volle Macht auch über die sozialen und politischen Gestaltungen hatten, mit der geistigen Welt in Verbindung setzten. Und sie vermeinten, daß sie dadurch die Impulse bekämen, die sich als die eigentlichen Richtimpulse für das soziale Leben ergaben.
[ 14 ] What they actually claimed can be understood once again if—now in a completely different way, through the modern path into the supersensory worlds—we can once more recognize what I explained in my last lecture of the first series: that through a certain spiritual insight into one’s own human nature, a person experiences within themselves something like a “memory of the worlds,” and thereby, in their spiritual vision, reaches back to times when, for human beings, the laws of nature were not as they are today—manifesting themselves more or less by chance—and the spiritual laws were not as abstract as they are today, all the way back to the times when the moral-spiritual was still a unity with the physical-natural. Thus, such spiritual insight does not lead to the merely mechanistic Kant-Laplacean primordial mist, but to an origin of the Earth’s development that must be understood in spiritual, soul, and physical terms. What can be attained in this way today as a “world memory” by human beings is achieved—without working on the physical aspect, as I have explained in recent days—in a spiritual-soul-oriented manner through spiritual-soul exercises. That was not the case in those earlier Oriental times. Then, people related to the spiritual world by stimulating their unconscious instincts through the intermingling of their metabolism with essences of one kind or another. They knew, so to speak, what could be developed from their instinctual life—in a kind of dreamlike spiritualization—from every plant, from nature; they knew that when this or that plant was consumed, their organism would be so affected that they could transport themselves into a certain spiritual experience. This was, in fact, the original form in which the leading priests of the Eastern theocracies—who, at the same time, also held full power over social and political structures—connected with the spiritual world. And they believed that through this they received the impulses that served as the actual guiding principles for social life.
[ 15 ] Man darf sagen: Was dann späterer Glaube wurde, Aberglaube wurde, daß an dieses oder jenes Naturwesen dieser oder jener «Geist» sich kette, das ist schon ein dekadentes Kulturprodukt. In Wahrheit wollte ursprünglich gesagt werden: Wenn man diese Naturwesen auf sich in gewisser Weise wirken läßt, so wird man zu einer bestimmten Art von Geistwesen geführt, von denen man diese oder jene, auch sozialen, Impulse empfangen könne. Und das Orakelwesen, das Sterndeutewesen, alles Astrologische war im Grunde genommen schon ein Produkt des Niedergangs älterer Anschauungen, worauf heute die äußere Wissenschaft im Grunde genommen auch schon, wenn auch nur andeutend, geführt wird. Geradeso wie diese äußere Wissenschaft abgekommen ist davon, den krassen Polytheismus auf dem Grund aller Urvölker zu sehen, und heute schon hinschaut auf einen gewissen urmenschlichen Monotheismus, so wird sie auch zu der Anschauung kommen, die jetzt aus den Untergründen heraus entwickelt worden ist, die sich ergibt durch solche geisteswissenschaftlichen Forschungen, wie sie charakterisiert worden sind.
[ 15 ] It is fair to say that what later became a belief—or superstition—namely, that this or that natural being was associated with this or that “spirit,” is in fact a decadent cultural product. In truth, the original intention was to say: If one allows these natural beings to influence oneself in a certain way, one is led to a specific kind of spiritual being from whom one can receive this or that impulse, including social ones. And the practice of oracles, the art of divination, and everything astrological were, in essence, already a product of the decline of older worldviews—a conclusion to which external science today is, in essence, already being led, albeit only tentatively. Just as this external science has moved away from viewing blatant polytheism as the foundation of all indigenous peoples and is now already turning its attention to a certain primordial human monotheism, so too will it come to embrace the view that has now emerged from the depths—a view that arises from spiritual scientific research such as that which has been characterized.
[ 16 ] War aber ein volles Bewußtsein von dem vorhanden, wie die Impulse außerirdischer Natur, geistiger Wesenheiten, sich in der menschlichen Natur selber äußern — hatte man sie doch gefunden durch Aufstachelung der Instinkte, durch eine gewisse Art von Vergeistigung der Instinkte —, so mußte man auch auf das etwas geben, was sich in diesen Instinkten auslebte, in den Instinkten, die man der besonderen Beschaffenheit des Blutes, sagen wir, in einer besonders gearteten Familie zuschrieb. Auch in den Äußerungen dieses Instinktlebens sah man etwas von dem, was aus außerirdischen Sphären in die Erde als gewisse soziale Impulse hereingeschickt wird. Es war dann natürlich, daß, als dies in die Dekadenz kam, die Menschen, die nach Macht strebten, sich in ihrer Willkür der allgemeinen Anschauung bemächtigten, die nach dieser Äußerung des Instinktlebens hinblickte, die man im Blut suchte und in dem, was durch Vergeistigung dieses Blutes gefunden werden konnte. Dadurch aber kam etwas Ungeistiges und, dem Blute nach, Patriarchalisches in das ganze morgenländische Leben hinein. Dieses Patriarchalische kann man allerdings nur besprechen, indem man auf Bekanntes hinweist; aber sein Ausgangspunkt liegt in den Beziehungen, welche die alten Priesterherrschaften des Orients zur geistigen Welt gesucht haben. Deshalb ist auch über alle sozialen Gestaltungen des Orients dieses religiöse Element ausgegpssen, dieses Bewußtsein, daß es eigentlich göttlich-geistige Mächte sind, die in allem Irdischen walten müssen, und daß kein Mensch im Grunde Befehle anders geben sollte als dadurch, daß er erst in den Geist, in die Seele, welche diese Befehle geben soll, die Kraft des göttlichen Wortes einfließen läßt. Dadurch nahmen die Impulse, die zunächst als religiöse, als Gnadenimpulse von außerirdischen Mächten empfunden wurden, in bezug auf das soziale Leben den Charakter von Geboten an. Selbst dann, wenn es in gewissen morgenländischen Kulturen so erscheint, als ob wir es mit Gesetzen im späteren Sinn des Wortes zu tun hätten, findet man leicht, wenn man auf den Geist solcher Gesetzgebung, wie etwa die des Hammurabi, zurückgeht, daß da gebothafte Impulse zugrunde liegen, die auf das zurückführen, was man als den Verkehr auserlesener Menschen mit der geistigen Welt ansah.
[ 16 ] But if there was a full awareness of how impulses of an extraterrestrial nature—spiritual beings—manifest themselves within human nature itself—since they had been discovered through the stirring up of the instincts, through a certain kind of spiritualization of the instincts— one also had to take seriously what played out in these instincts—the instincts that were attributed to the particular nature of the blood, let us say, in a family of a special kind. Even in the manifestations of this instinctual life, one saw something of what is sent down from extraterrestrial spheres to Earth as certain social impulses. It was then only natural that, as this entered a phase of decadence, those who strove for power seized, through their arbitrariness, the prevailing view that looked to this expression of instinctual life—which was sought in the blood and in what could be found through the spiritualization of that blood. As a result, however, something non-spiritual—and, in terms of blood, patriarchal—entered into the entire life of the East. This patriarchal element can, of course, only be discussed by referring to what is already known; but its point of origin lies in the relationships that the ancient priestly ruling classes of the East sought to establish with the spiritual world. That is why this religious element—this awareness that it is actually divine-spiritual powers that must govern all earthly matters, and that no human being should, in essence, issue commands other than by first allowing the power of the divine word to flow into the spirit, into the soul, which is to issue these commands—permeates all social structures of the Orient. As a result, the impulses—which were initially perceived as religious, as impulses of grace from otherworldly powers—took on the character of commandments in relation to social life. Even when it appears in certain Eastern cultures as though we are dealing with laws in the later sense of the word, one easily finds—if one traces back to the spirit of such legislation, such as that of Hammurabi—that it is based on command-like impulses that can be traced back to what was regarded as the communion of chosen individuals with the spiritual world.
[ 17 ] Das aber hat sich dann, in immer mehr und mehr abgeschwächter Form, in all den sozialen Gestaltungen erhalten, die auf kirchlich-religiösen Grundlagen beruhen. Und so sehr heute diese Dinge oft in sozialen Gestaltungen maskiert sind: selbst bei den auf religiöser Grundlage beruhenden, genossenschaftlichen Vereinigungen kann es noch gesehen werden, wie sich in abgeschwächter Form die geschilderten Impulse des alten Orients noch wirksam erweisen. Und man versteht manches in den gegenwärtigen sozialen Gestaltungen gar nicht, wenn man nicht in der Lage ist, zu fragen: Inwiefern hängen die Menschenseelen an solchen Gestaltungen? Sie hängen daran, weil tief in den unterbewußten Untergründen dieser Seelen noch die Erbstücke der religiösen Neigungen des Orients sind, auch da, wo die religiösen Anschauungen selbst schon ganz andere Formen angenommen haben, Formen, die von dem wirtschaftlichen Leben sich losgelöst haben, wie das bei den Religionen des Abendlandes der Fall ist. Daß die orientalischen Religionen ihre wirksamen Kräfte bis in die Einzelheiten des wirtschaftlichen Lebens hineinsenden, das konnte im Grunde genommen in seinen Nachwirkungen im europäischen Osten noch bis zu dem Kriege hin bemerkt werden.
[ 17 ] This, however, has persisted—in an increasingly attenuated form—in all social structures based on ecclesiastical and religious foundations. And as much as these things are often masked in social structures today—even in cooperative associations based on religious foundations—one can still see how the impulses of the ancient Orient described above remain effective, albeit in a weakened form. And one cannot understand many aspects of contemporary social structures at all unless one is able to ask: To what extent are human souls attached to such structures? They are attached to them because deep in the subconscious recesses of these souls lie the remnants of the religious inclinations of the Orient—even where the religious views themselves have already taken on entirely different forms, forms that have become detached from economic life, as is the case with the religions of the West. The fact that Eastern religions extend their active influence into the very details of economic life could, in essence, still be observed in its aftereffects in Eastern Europe right up until the war.
[ 18 ] Man muß von diesen geistigen Impulsen, welche die sozialen Gestaltungen durchdringen, sprechen, wenn man sie verstehen will. Denn das, was man heute oftmals als soziale Gestaltungen schildert, ist eigentlich nur die Außenseite. Daß es das ist, kann man sich an solchen Beispielen sehr deutlich machen, wie etwa das folgende ist.
[ 18 ] One must speak of these spiritual impulses that permeate social structures if one wishes to understand them. For what is often described today as social structures is actually only the outer appearance. This can be made very clear by examples such as the following.
[ 19 ] Wir können heute gewiß nur mit Entsetzen auf das hinschauen, was sich im europäischen Osten als ein sozialer Organismus geltend machen will. Aber indem man das, was da im europäischen Osten geschieht, heute anschaut, muß man sich erinnern an das, was vor etwa acht Jahrhunderten in Asien drüben, in China, geschehen ist. Wenn man dann schildert, wie vor diesen acht Jahrhunderten in China mit einer gewissen Plötzlichkeit eine Staatseinrichtung gesucht und auch in sehr hohem Grade verwirklicht wurde, die darauf ausging, alle Angelegenheiten des Menschen, auch diejenigen, die wirtschaftlicher Art sind, in allen Einzelheiten von Staats wegen aus zu ordnen, wenn man schildert, daß es Staatsbehörden in dieser Zeit in China gab, welche die Preise von Woche zu Woche festsetzten, daß es Staatsbehörden gab, welche die Art und Weise angaben, wie da, wie dort, wie an dem dritten Ort der Boden bebaut werden mußte, daß es Staatsbehörden gab, welche der Landbevölkerung das Saatgut für die Saat des Jahres zur Verausgabung brachten, daß in dieser Zeit in China versucht wurde, die Leute, die besonders reich waren, in hohem Grade zu besteuern, so daß allmählich ihre Vermögen in die Allgemeinheit übergingen, wenn man an all das erinnert, dann kann man sagen: Was in unserer Zeit von gewissen Kreisen als eine soziale Gestaltung in Europa gesucht wird, das war vor achthundert Jahren in einem hohen Grad durch dreißig Jahre hindurch verwirklicht, bis die betreffende sozialistische Regierung gestürzt und ihre Anhänger aus China ausgetrieben worden waren. Dreißig Jahre lang hat eine Gestaltung dort gedauert, von der man sagen kann: Wenn man sie schilderte und dabei gar nicht sagte, daß sie sich auf China bezieht, dann könnte man glauben, daß sie sich auf das heutige Rußland bezieht.
[ 19 ] Today, we can certainly only look with horror at what is attempting to assert itself as a social organism in Eastern Europe. But when we look at what is happening in Eastern Europe today, we must recall what took place about eight centuries ago in Asia, in China. When we describe how, eight centuries ago in China, a form of government was sought—and to a very large extent realized—with a certain suddenness, one that aimed to regulate all aspects of human life—including those of an economic nature—in every detail through state intervention; when one describes that there were state authorities in China at that time who set prices from week to week, that there were state authorities who specified the manner in which, here and there, and in yet another place, the land was to be cultivated; that there were state authorities that provided the rural population with seeds for the year’s planting; that during this period in China, attempts were made to heavily tax those who were particularly wealthy, so that their fortunes gradually passed into the public domain—when one recalls all of this, then one can say: What certain circles in our time are seeking as a social order in Europe was realized to a high degree eight hundred years ago over a period of thirty years, until the socialist government in question was overthrown and its followers were expelled from China. For thirty years, a system existed there about which one might say: If one were to describe it without mentioning that it refers to China, one might believe it referred to present-day Russia.
[ 20 ] Auf solche Dinge kann man weisen, wenn man auf die Außenseite der sozialen Gestaltungen hinweisen will. Denn dann sieht man, daß das, was im landläufigen Sinn als Sozialismus aufgefaßt wird, nicht bloß ein Produkt unserer Zeit sein muß, sondern daß es vor acht Jahrhunderten im Fernen Osten drüben aus ganz anderen kulturellen Untergründen heraus hat auftreten können.
[ 20 ] One can point to such things when one wishes to highlight the external aspects of social structures. For then one sees that what is commonly understood as socialism need not be merely a product of our time, but that it was able to emerge eight centuries ago in the Far East from entirely different cultural foundations.
[ 21 ] Aber wenn man auf die Seele dessen eingeht, was sich da sozial gestaltet hat und heute sozial gestalten will, dann merkt man als bedeutsamen Unterschied, daß in jenem chinesischen Sozialismus die deutlichen Nachwirkungen der Theokratie vorhanden waren, die immer über China geherrscht hatte und heute noch herrscht, und daß das abstrakte, an der Naturwissenschaft erlernte Denken, das gar nichts zu tun hat mit einem Bewußtsein des Menschen von einem Zusammenhang mit geistigen Welten, dem heutigen russischen Sozialismus einverleibt ist. Was seiner äußeren Gestalt nach scheinbar dasselbe ist, ist nicht dasselbe, wenn man es im geistigen Sinn anschaut.
[ 21 ] But if one delves into the essence of what has taken shape socially there and what seeks to shape society today, one notices a significant difference: that in that Chinese socialism, the clear aftereffects of the theocracy—which had always ruled over China and still does today—were present, and that abstract thinking—derived from the natural sciences and having nothing to do with a human awareness of a connection to spiritual worlds—is incorporated into today’s Russian socialism. What appears to be the same in its outward form is not the same when viewed from a spiritual perspective.
[ 22 ] Wenn man gerade von einem solchen Gesichtspunkte ausgeht, dann wird man finden, daß die besondere Form des theokratischen Staatswesens, besser gesagt der theokratischen sozialen Gestaltungen, eben eine gewisse Epoche der Menschheit hindurch dauerte. Die westlichen und mitteleuropäischen Völker waren, als diese asiatischen Theokratien ihre Höhepunkte erreicht hatten, durchaus noch in einem Punkt der Nichtkultur, der Nichtzivilisation. Aber indem sich das, was in Asien die theokratische Form hatte, nach Europa herüberlebt, nimmt es allmählich eine ganz besondere Gestalt an.
[ 22 ] If one starts from precisely this point of view, one will find that the specific form of the theocratic state—or, more accurately, the theocratic social structures—precisely spanned a certain epoch of human history. When these Asian theocracies had reached their zenith, the peoples of Western and Central Europe were still, in a sense, in a state of non-culture, of non-civilization. But as what had taken the form of a theocracy in Asia spread to Europe, it gradually assumed a very special form.
[ 23 ] Man kann, wenn man unbefangen genug dazu sein will, die Übergangsform in der platonischen Staatsutopie suchen. In dieser ist durchaus etwas, was, ich möchte sagen, in abgeblaßter Art an die orientalischen Priesterhierarchien erinnert. Plato hat wohl aus diesem Grunde auch zu den dirigierenden Führern seines Staates diejenigen erkiesen wollen, die — allerdings jetzt im griechischen Sinn - Weise, Philosophen geworden waren. In der Tat war ja innerhalb der griechischen Zivilisation der Philosoph der Nachfolger dessen, was der orientalische Priester gewesen war. Aber in dem platonischen utopistischen Staat, der doch aus den Anschauungen des sozialen Lebens der Plato-Zeit insofern herrührt, als er in einer gewissen Weise das wiedergibt, was man von dem sozialen Leben jener Zeit empfand, kann man schon eine Form erkennen, in die sich das orientalische soziale Leben umgewandelt hat. Es wurde nicht mehr das Verhältnis des Menschen zu außersinnlichen Mächten gesucht. Was über dieses Verhältnis religiös empfunden werden sollte, übernahm man mehr oder weniger aus dem Altertum des Orients; das aber, was man selbständig ausbildete, war etwas, was im alten Orient noch gar keine besondere Rolle gespielt hatte, was im Grunde genommen selbst noch keine besondere Rolle spielt in jenen sozialen Gestaltungen, die uns aus dem Alten Testament heraus sprechen. Was man jetzt selbständig ausgestaltete, war das Verhältnis von Mensch zu Mensch.
[ 23 ] If one is open-minded enough, one can look for a transitional form in Plato’s utopian state. There is certainly something in it that, I would say, is reminiscent—albeit in a diluted form—of the priestly hierarchies of the East. It is probably for this reason that Plato chose as the ruling leaders of his state those who—albeit now in the Greek sense—had become sages and philosophers. Indeed, within Greek civilization, the philosopher was the successor to what the Eastern priest had been. But in the Platonic utopian state—which does, after all, stem from the views of social life in Plato’s time insofar as it reflects, in a certain way, how social life was perceived then—one can already discern a form into which Oriental social life had been transformed. The relationship between human beings and extrasensory powers was no longer sought. What was to be perceived religiously regarding this relationship was more or less adopted from the antiquity of the Orient; but what was developed independently was something that had not yet played any particular role in the ancient Orient—and which, in essence, still plays no particular role in those social structures that speak to us from the Old Testament. What was now developed independently was the relationship between human beings.
[ 24 ] Dieses Verhältnis von Mensch zu Mensch tritt uns eigentlich in seiner ureigenen Artung ganz besonders entgegen, wenn wir in das griechische Seelenleben innerlich hineinschauen. Dieses Seelenleben war so, daß der Mensch noch in einer gewissen Weise einen innigen Zusammenhang des Geistig-Seelischen und des NatürlichPhysischen seiner Körperlichkeit fühlte. Es war im inneren Bewußtseinsleben für den Griechen noch nicht eine solche Scheidung des Körperlichen und des Geistigen, wie es für uns nunmehr geworden ist. Wir schauen nach innen und fühlen, ich möchte sagen, in einer sehr dünnen - bildlich gesprochen - Weise das Seelische, fühlen dieses Seelische so, daß wir von ihm, wenn wir es im gewöhnlichen Bewußtsein auffassen, gar keine Vorstellung haben können, wie es den robusten Körper bewegt oder sich von ihm beeinflussen läßt. Das war bei dem Griechen anders. Und weil es so war, ersehnte es ja Goethe eigentlich für sich, für sein eigenes Erleben. Der Grieche hatte gar nicht einen solchen Körper- und Geistesbegriff wie wir. Bei ihm waren Geist und Physis eins. Erst bei Aristoteles, dem Spätgriechen, tritt das in gewisser Weise herein. Plato sprach noch durchaus aus einem Geiste, dem man bald anmerkt, obwohl seine Anschauung oft abstrakt geschildert wird, daß er doch von dem Gesichtspunkt aus spricht, wo der Körper noch eigentlich überall, auch in seinen organischen Funktionen, durchseelt ist, und wo die Seele noch innerlich als so kraftvoll empfunden wird, daß sie gewissermaßen überall ihre Fühlhörner nach den körperlichen Organen hin erstreckt. Die Seele ist noch körperlicher, der Körper noch seelischer vorgestellt. Eine solche Anschauung ist aber auch mit einer gewissen Empfindung verbunden, die sich zwischen Mensch und Mensch herausstellt. Und aus dieser Anschauung heraus ist dann das Charakteristische der Zivilisation Mitteleuropas entstanden.
[ 24 ] This relationship between human beings actually reveals itself to us in its most authentic form when we look deeply into the Greek inner life. This inner life was such that human beings still felt, in a certain way, an intimate connection between the spiritual-soul aspect and the natural-physical aspect of their physical being. In the inner life of consciousness, the Greeks did not yet experience such a separation between the physical and the spiritual as we do today. We look inward and feel—I would say, figuratively speaking—the soul in a very subtle way; we feel this soul in such a way that, when we perceive it in ordinary consciousness, we cannot even imagine how it moves the robust body or is influenced by it. It was different for the Greeks. And because that was the case, Goethe actually yearned for it for himself, for his own experience. The Greeks did not have a conception of body and spirit at all like ours. For them, spirit and physicality were one. It was only with Aristotle, the late Greek philosopher, that this concept emerged in a certain sense. Plato still spoke entirely from a spirit in which one soon discerns—even though his view is often described in abstract terms—that he is speaking from a perspective in which the body is still, in fact, permeated by the soul everywhere, even in its organic functions, and in which the soul is still inwardly perceived as so powerful that it, as it were, extends its sensory antennae toward the physical organs everywhere. The soul is still conceived of as more physical, and the body as more spiritual. Such a view, however, is also connected to a certain feeling that manifests itself between one person and another. And it was from this perspective that the distinctive character of Central European civilization emerged.
[ 25 ] Wenn man das gefühlte Verhältnis von Mensch zu Mensch bei den alten Griechen ins Auge, ins empfindende Auge, faßt und erkennt, wie dieses Verhältnis sich aus dem alten Verhältnis des Menschen zu dem Göttlichen herübergeleitet hat, wenn man diese Herüberleitung des Verhältnisses des Menschen zu dem Göttlichen in das Verhältnis von Mensch zu Mensch ins Auge faßt, so kann man sagen: Was vorher eine Anschauung war, die religiös ganz durchsetzt war, das verwandelte sich in die juristische Anschauung, in die staatsgemäße Anschauung. Und daraus - aus dem Zusammenwirken des griechischen und des römisch-lateinischen Wesens — ist dann entstanden das, was sich in sozialen Gestaltungen fortsetzen konnte. Der Priester wird nach und nach nur der Nachfolger des orientalischen Völkerführers, denn der Priester war im Orient doch immer, wenn er sich auch im Hintergrunde hielt, selbst Darius und Xerxes gegenüber, der eigentliche geistige Führer. Eine Denkweise kommt herauf, die Ideen ausbildet, welche auf dieser Grundlage des Verhältnisses zwischen Mensch und Mensch beruhen. Und das geht so weit, daß selbst das religiöse Leben in diese, ich möchte sagen, juristische Strömung untertaucht. In die umfassende Weltanschauung, selbst bis in die damalige Kosmologie, kommt ein juristisches Element hinein, das dann mehr oder weniger durch das ganze Mittelalter hindurch bleibt, das man erfühlen kann, wenn man etwa die Staatsanschauung des Augustinus oder die des Thomas von Aquino studiert. Die religiösen Impulse selbst, obwohl sie religiöse Impulse bleiben, nehmen juristische Formen an.
[ 25 ] If one takes in—with the eye of perception—the way the ancient Greeks perceived the relationship between human beings, and recognizes how this relationship evolved from the ancient relationship between human beings and the divine; if one takes in this transition from the relationship between human beings and the divine to the relationship between human beings themselves, then one can say: What was previously a worldview thoroughly imbued with religion was transformed into a legal worldview, into a worldview appropriate to the state. And from this—from the interplay of the Greek and the Roman-Latin essences—arose what was able to continue in social structures. The priest gradually became merely the successor to the Eastern tribal leader, for in the East the priest was always—even when he remained in the background—the true spiritual leader, even in the presence of Darius and Xerxes. A way of thinking emerges that develops ideas based on this foundation of the relationship between human beings. And this goes so far that even religious life becomes submerged in this—I would say—legal current. A legal element enters into the comprehensive worldview—even extending into the cosmology of that time—which then persists to a greater or lesser extent throughout the entire Middle Ages; one can sense this when studying, for example, the political philosophy of Augustine or that of Thomas Aquinas. The religious impulses themselves, although they remain religious impulses, take on legal forms.
[ 26 ] Ein sprechendes Dokument dieses Einziehens der juristischen Formen in die religiösen kosmologischen Anschauungen der Menschen sieht uns entgegen, wenn wir die Sixtinische Kapelle in Rom betreten: das wunderbare Bild des Jüngsten Gerichts. Hier tritt es einem am monumentalsten entgegen, jenes Bild, in dem der Christus als Weltenrichter erscheint. Indem man in ihm das Richtertum über die Welt sieht, versinnbildlicht das in einer großartigen Weise den Übergang aus dem bloß religiös-kultischen Element in jene Auffassung, die das Religiöse mit einem juristischen Element durchsetzt, das in die Anschauung von der Weltregierung und Weltenlenkung der Menschheit hineingetragen wird.
[ 26 ] A striking example of this integration of legal forms into people’s religious cosmological views greets us when we enter the Sistine Chapel in Rome: the marvelous painting of the Last Judgment. Here it presents itself in the most monumental way—that image in which Christ appears as the Judge of the World. By viewing in him the authority to judge the world, this image magnificently symbolizes the transition from the purely religious and ritualistic element to that conception which interweaves the religious with a legal element, which is carried into the view of the world government and the guidance of humanity.
[ 27 ] Dieses juristische Element aber ist drinnen in allen sozialen Gestaltungen des Mittelalters und in vielem, was in unseren sozialen Gestaltungen lebt. Wenn man wiederum die Maske wegnimmt, so schaut man, wie dieses juristische Element da ist, wie es aus uralten Zeiten die religiösen Impulse herübergetragen hat. Und das können wir in den modernen Staatseinrichtungen bis in die Wortbildungen hinein, bis in die Formen der Gesetzesauswirkungen hinein, namentlich derjenigen, die noch aus dem Mittelalter heraufströmten, erkennen: wie in der mittleren Zeit des Menschenerlebens und innerhalb der Zivilisation zwischen Osten und Westen dieses juristisch-logische Element eingetreten ist.
[ 27 ] This legal element, however, is present in all social structures of the Middle Ages and in much of what lives on in our own social structures. When one removes the mask, so to speak, one sees how this legal element is present there, how it has carried religious impulses over from time immemorial. And we can recognize this in modern state institutions—right down to the formation of words and the forms in which laws take effect, particularly those that have flowed down from the Middle Ages—showing how this legal-logical element entered human experience and civilization between East and West during the Middle Ages.
[ 28 ] Man könnte sagen: Das Orientalisch-Theosophische wandelt sich um in das Juristisch-Logische, die Sophia des Orients wird der Logos des Okzidents, und aus dem Logos heraus entwickelt sich wieder dasjenige, was juristische Gestaltung wird. Diese pflanzt sich dann weiter £fort.
[ 28 ] One could say: The Oriental-Theosophical transforms into the Legal-Logical; the Sophia of the East becomes the Logos of the West, and from the Logos develops once again that which becomes legal structure. This then continues to propagate itself.
[ 29 ] Das Juristische ist durch das ganze Mittelalter hindurch auch für die sozialen Gestaltungen maßgebend. Man studiere die Wirtschaftsordnungen des Mittelalters: man wird überall finden, daß in die sozialen Gestaltungen formend das eingreift, was von alter orientalischer Religiosität durchsetzt und juristisch ist. Das prägt den sozialen Gestaltungen die Formen auf.
[ 29 ] Throughout the entire Middle Ages, legal principles were also decisive for social structures. One need only study the economic systems of the Middle Ages: one will find everywhere that what shapes social structures is imbued with ancient Eastern religiosity and is of a legal nature. This imprints its forms upon social structures.
[ 30 ] Und sieht man heute in manchem, was in mehr freien menschlichen Vereinigungen vorhanden ist oder in Vereinigungen, die aus religiösen Bekenntnissen hervorgehen, das religiöse Element fortwirken, so sieht man in dem, was die großen sozialen Gestaltungen, die Staatsbildungen, geworden sind, das mehr aus dem Hintergrund drängende juristische Weltendenken wirksam. Man sieht aber auch, wie sich beim Übergang der mittelalterlichen in die neue Geschichte das religiöse Element immer mehr und mehr in den Hintergrund drängen läßt und wie das juristische Element immer mehr und mehr hervorkommt.
[ 30 ] And while today one can still see the religious element at work in some aspects of more liberal human associations or in associations arising from religious creeds, one also sees, in the great social structures and political systems that have emerged, the legal worldview increasingly coming to the fore from the background. But one also sees how, in the transition from medieval to modern history, the religious element is increasingly pushed into the background, while the legal element comes to the fore more and more.
[ 31 ] Dieses juristische Element drängt sich dann hinein in die wirtschaftlichen Gestaltungen. Was ich jetzt schildere, ist in allen Einzelheiten zu verfolgen, wenn man den Gang des römischen Rechts in der Welt studiert. Da sieht man, wie in den Eigentumsbegriffen, in den Besitzgewohnheiten, in allem, was wirtschaftlich ist, das soziale Gestalten maßgebend war, das auf solchen Untergründen beruhte.
[ 31 ] This legal element then finds its way into economic structures. What I am now describing can be traced in every detail by studying the development of Roman law throughout the world. There one sees how, in concepts of property, in customs of possession, and in everything economic, social structures—based on such foundations—were decisive.
[ 32 ] Aber innerhalb des Ganges der Menschheitsentwickelung macht sich dann immer mehr und mehr, je näher wir gegen die moderne Zeit heraufrücken, das selbständige Wirtschaftselement im Westen geltend. Man kann sagen, für ältere Zeiten ist alles Wirtschaften durchaus in religiös-juristischen Formen eingefangen. Das Wirtschaftselement emanzipiert sich zunächst für das menschliche Denken mehr im Westen.
[ 32 ] But in the course of human development, the independent economic element in the West has become increasingly prominent as we approach modern times. It can be said that in earlier times, all economic activity was entirely embedded in religious and legal frameworks. The economic element first emancipates itself, in terms of human thought, more so in the West.
[ 33 ] Man versuche nur einmal, solch ein Wirtschaftselement, wie es bei den Phöniziern gelebt hat, zu studieren, und vergleiche das mit dem, was allerdings erst im Anfang ist von Wirtschaftssystemen der neueren Zeit, so wird man den Unterschied merken, wie jenes phönizische Wirtschaftselement aus den Impulsen herausgeboren ist, die ich geschildert habe, wie sich aber im Laufe der Zeit von diesen Impulsen immer mehr und mehr die westlichen Wirtschaftssysteme herausemanzipierten.
[ 33 ] Just try, for a moment, to study an economic element such as that which existed among the Phoenicians, and compare it with what is, admittedly, only the beginning of modern economic systems, and you will notice the difference: how that Phoenician economic system was born out of the impulses I have described, but how, over the course of time, Western economic systems increasingly emancipated themselves from these impulses.
[ 34 ] Und so sehen wir, wie sich als dritte Strömung zur religiösen und juristischen das hinzugesellt, was, wenigstens zunächst, die Tendenz hat, die wirtschaftlichen Verhältnisse selber einer sozialen Gestaltung selbständiger Art zu unterwerfen. Diese Tendenz geht vom Westen aus, der seinerseits mehr oder weniger das übernimmt, was vom Osten und von der Mitte kommt. Wir sehen zum Beispiel besonders in der amerikanischen Zivilisation, wie dort die wirtschaftlichen Verhältnisse, emanzipiert von anderen Kulturströmungen, aus ihren eigenen Bedingungen heraus sich entwickeln, bis zu den Trusts und Syndikaten hin, und wie aus einer gewissen menschlichen Neigung heraus, die eben eine Neigung des Westens ist, der Mensch getrennt halten will, was Wirtschaftsleben ist, von dem, was religiöses Leben ist, während er es weniger getrennt halten kann von dem, was er sich später von dem juristischen Denken und Fühlen einverleibt hat. Aber wir sehen doch deutlich, wie allmählich die wirtschaftlichen Gestaltungen in ihrer sozialen Beziehung aus den Begriffsschablonen herausstreben, in die sie hineingekommen sind, indem sich das juristische Element über sie ausgedehnt hat. Immer mehr und mehr sehen wir zur Emanzipation streben dasjenige, was bloß wirtschaftliches Leben ist. Es können sich Kategorien herausbilden, die aus dem Wirtschaftsleben selbst genommen sind,
[ 34 ] And so we see a third current emerging alongside the religious and legal ones—one that, at least initially, tends to subject economic conditions themselves to a form of social organization of an independent nature. This tendency originates in the West, which, for its part, more or less adopts what comes from the East and the Center. We see, for example, particularly in American civilization, how economic conditions there—emancipated from other cultural currents—develop out of their own conditions, right up to the trusts and syndicates, and how, out of a certain human inclination—which is precisely an inclination of the West—people seek to keep economic life separate from religious life, while they find it harder to keep it separate from what they have later incorporated from legal thought and sentiment. But we can clearly see how, in their social relations, economic structures are gradually breaking free from the conceptual molds into which they have been cast as the legal element has expanded to encompass them. More and more, we see what is purely economic life striving toward emancipation. Categories may emerge that are drawn from economic life itself,
[ 35 ] Damit aber ist auf etwas hingewiesen, was besonders gegenseitige Menschheits- und Völkerverhältnisse, aber auch Völkerkonflikte hervorbringen muß, ja Konflikte innerhalb der Volksgemeinschaften. Denn sieht man auf diese Tatsache hin, daß sich im alten Orient das religiöse Element auch über das juristische und wirtschaftliche ausgedehnt hat, daß dann das Juristische sich mehr oder weniger losgelöst hat, aber das Wirtschaftliche noch in sich hat, das Religiöse jedoch selbständiger geworden ist, und daß nun im Westen ein selbständiges Wirtschaftsleben sich bilden will, dann muß man auch betrachten, wie die einzelnen menschlichen Kulturbestrebungen sich zu solchen geistigen Strömungen verhalten.
[ 35 ] This, however, points to something that is bound to give rise to mutual relations among human beings and nations in particular, but also to conflicts between nations—and indeed, conflicts within national communities. For if one considers the fact that in the ancient Orient the religious element extended even beyond the legal and economic spheres, that the legal sphere then became more or less detached while still retaining the economic element, but that the religious sphere became more independent, and that now, in the West, an independent economic life is seeking to take shape, then one must also consider how individual human cultural endeavors relate to such intellectual currents.
[ 36 ] Und da kann man sagen: Aus jenem theokratischpatriarchalischen Element, das seine Wurzeln im Osten hat, kann eigentlich mit einer gewissen Richtigkeit sich nur das herausbilden, was für die Agrarorganisation, für einen sozialen Organismus, der vorzugsweise auf die Landbebauung, auf die Ackerwirtschaft gestützt ist, passend ist. Und so sehen wir eine gewisse Zusammengehörigkeit des Agrarlebens mit dem theokratischen Element. Das sehen wir aber in alle sozialen Gestaltungen in späteren Zeiten hineinspielen. Indem wir zugeben müssen, daß das Theokratische sich weiter auslebt in den sozialen Gestaltungen bis in unsere Gegenwart herein, müssen wir uns auch sagen: Dadurch, daß andere Zweige menschlicher Betätigung in den Vordergrund getreten sind, kamen diese mit ihm in Konflikt, insofern sich im Agrarwesen, gemäß dem Wesen der menschlichen Landbebauung, das Theokratische immer weiter und weiter fortsetzen will. Diese Zusammengehörigkeit besteht. In dieser Zusammengehörigkeit aber geschieht ein Riß, wenn von anderer Seite her andere menschliche Betätigungen sich geltend machen.
[ 36 ] And so one might say: From that theocratic-patriarchal element, which has its roots in the East, the only thing that can actually emerge—with a certain degree of accuracy—is what is suited to agrarian organization, to a social organism based primarily on land cultivation and arable farming. And so we see a certain affinity between agricultural life and the theocratic element. But we also see this playing a role in all social structures in later times. While we must acknowledge that the theocratic element continues to manifest itself in social structures right up to the present day, we must also recognize: As other branches of human activity have come to the fore, they have come into conflict with it, insofar as the theocratic element, in accordance with the nature of human land cultivation, seeks to persist further and further within the agricultural system. This connection exists. However, a rift occurs within this connection when other human activities assert themselves from another direction.
[ 37 ] In dieser Beziehung darf auf etwas hingewiesen werden, was für solche Angelegenheiten wie ein welthistorisches Barometer betrachtet werden kann. Ich empfehle Ihnen, studieren Sie einmal die Parlamentsberichte Österreichs aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts etwa, studieren Sie, wie da im Parlament die Menschen sitzen, die das Gefühl haben: Mit dem Agrarwesen steht in innigem Zusammenhang jene alte Ordnung, die ihre Wurzeln in Theokratie und Jurisprudenz hat; und nun fühlen Sie leise, was später eine große Strömung geworden ist, das Hereindringen der westlichen Produkte, darunter allerdings auch Landprodukte, die aus einer auf einen anderen Wirtschaftszweig, den Industrialismus, gebauten Denkweise und sozialen Ordnung kommen. Obwohl sich das nur in leisen Andeutungen in den verschiedenen Parlamentsreden ausspricht, kann man gerade hier, wo so vieles zusammengeflossen ist und so vieles studiert werden kann, erkennen, was Klarheit bringen kann über große Weltperspektiven.
[ 37 ] In this regard, it is worth pointing out something that can be regarded as a barometer of world history in such matters. I recommend that you study, for example, the Austrian parliamentary reports from the 1870s; observe how the people sitting in parliament there share the feeling that: Agriculture is intimately connected to that old order rooted in theocracy and jurisprudence; and now you can sense, however faintly, what later became a major trend—the influx of Western products, including, of course, agricultural products, which stem from a mindset and social order built around a different economic sector: industrialism. Although this is expressed only in subtle hints in the various parliamentary speeches, it is precisely here—where so much has converged and so much can be studied—that one can discern what can bring clarity to broad global perspectives.
[ 38 ] Das, was sich da im Westen herausbildet, das ist nun etwas, worauf die theokratische Denkweise weniger als auf irgendeinen anderen Wirtschaftszweig anwendbar ist. Es ist der Industrialismus. Dieser umfaßt selbstverständlich nicht das Landbebauen. Aber das Landbebauen selbst wird dann in soziale Gestaltungen eingefangen, die durchaus an das erinnern, was erst im industrialistischen Denken herangeschult worden ist.
[ 38 ] What is taking shape in the West is something to which the theocratic way of thinking applies less than to any other economic sector. It is industrialism. This, of course, does not include agriculture. But agriculture itself is then incorporated into social structures that are quite reminiscent of what has first been cultivated in industrialist thinking.
[ 39 ] Dieses industrialistische Denken aber hat heute, so sehr es auch technische Formen angenommen hat, so sehr seine technischen Gestaltungen ausgebildet worden sind, noch immer nicht die ihm angemessenen sozialen Gestaltungen angenommen. Denn wenn wir auf der einen Seite sehen, wie eine Zusammengehörigkeit besteht zwischen der theokratischen Denkweise mit ihrem patriarchalischen Wesen und dem Agrarsystem, wenn wir sehen, wie zum Beispiel in Deutschland bis in die Gegenwart herein kein rechter Ausgleich zwischen dem agrarischen Denken und dem industriellen Denken aus dem Grund möglich ist, der auch in dem Angedeuteten liegt, wenn wir also die Zusammengehörigkeit sehen, so können wir auf der anderen Seite sehen, wie alles, was den Handel ausmacht, im Grunde genommen wiederum mit dem staatlich-juristischen Wesen seine Zusammengehörigkeit hat.
[ 39 ] This industrialist way of thinking, however, has still not taken on the social structures appropriate to it, even today, no matter how much it has taken on technical forms or how much its technical structures have been developed. For if, on the one hand, we see how there is a connection between the theocratic way of thinking—with its patriarchal nature—and the agrarian system; if we see how, for example in Germany right up to the present day, a true balance between agrarian thinking and industrial thinking is fundamentally impossible for the very reason indicated above; if, therefore, we see this connection, then on the other hand we can see how everything that constitutes commerce is, in essence, intrinsically linked to the state-legal system.
[ 40 ] Daher ist im alten Orient der Handel etwas wie ein Anhängsel der patriarchalischen Verwaltung der menschlichen Angelegenheiten. Und der Handel entwickelt sich in der Gestalt, die heute für uns soziale Bedeutung hat, im Grunde genommen mit dem juristischen Element. Denn was da spielen muß im Handel zwischen Mensch und Mensch, bildet sich besonders aus in dem juristischen Element. Insofern es sich im Orient ausgebildet hat, haben gewisse ins Juristische umgesetzte, aber durchaus als göttlich angesehene Gebote vorausgespielt. Der Handel gewinnt aber erst seine soziale Gestaltung in der Menschenströmung, die dann die staatlich-juristische ist. So können wir sagen: Das Gebiet des Wirtschaftslebens, das sich vorzugsweise angemessen erwiesen hat den Staatenbildungen, die auf das Recht und auf das Rechtsdenken sich stützen, ist der kommerzielle Teil der Wirtschaft.
[ 40 ] Therefore, in the ancient Orient, commerce is something of an appendage to the patriarchal administration of human affairs. And commerce develops into the form that has social significance for us today, fundamentally through the legal element. For what must come into play in commerce between human beings takes shape particularly through the legal element. To the extent that it developed in the Orient, certain commandments—translated into legal terms but regarded as thoroughly divine—played a pioneering role. Trade, however, only acquires its social form within the human current that is, in turn, the state-legal one. Thus, we can say: The sphere of economic life that has proven particularly well-suited to states based on law and legal thought is the commercial sector of the economy.
[ 41 ] Mit dem industriellen Teil aber hat sich zwar, weil sich im ganzen Menschen alles miteinander verbinden muß, auch das staatlich-juristische Element in der neueren Zeit verbunden, so daß wir, wenn wir mehr und mehr gegen Westen gehen, finden, daß der Mensch allerdings sein persönliches Verhältnis zu den Einzelheiten vorzugsweise an dem Industriellen entwickelt und an dem, was mit diesem zusammenhängt, daß er da aber kommerzielle Beziehungen hineinträgt. Denn heute ist es bei den sozialen Gestaltungen des Lebens eben so, daß eigentlich das Unternehmen so gedacht wird, wie es kommerziell in die soziale Ordnung hineingestellt wird. Der Unternehmer sieht sein eigenes Unternehmen in einen kommerziellen Zusammenhang hineingestellt, so daß also auch in dieser Beziehung die zweite, die mittlere Strömung für den Westen im Wirtschaftsleben nachwirkt.
[ 41 ] However, because everything in the whole person must be interconnected, the state-legal element has also become linked to the industrial sphere in recent times, so that as we move further and further west, we find that people do indeed develop their personal relationship to the details primarily through the industrial sphere and what is connected to it, but that they bring commercial relationships into this context. For today, in the social structures of life, the enterprise is in fact conceived precisely as it is commercially integrated into the social order. The entrepreneur sees his own enterprise placed within a commercial context, so that in this respect, too, the second, middle current continues to exert its influence on economic life in the West.
[ 42 ] Viel mehr sehen wir in anderen heutigen sozialen Gestaltungen, wie dieses juristisch-staatliche Element aus den Untergründen heraus nachwirkt, die sich als menschheitliche der breiten Volksmassen ergeben haben. Als Begleiterscheinungen des modernen technischen Lebens sind ja allerlei soziale Gestaltungen entstanden. Man braucht nur an die Gewerkschaften zu erinnern. Aber man empfindet das Wesen solcher Gewerkschaften nur richtig, wenn man sich sagt: Wirtschaftliche Verhältnisse haben sie geschaffen; wer diese Dinge lebensvoll anschaut, weiß aber: Wenn sie auch aus wirtschaftlichen Verhältnissen - man denke nur an Metallarbeiterverbände, Buchdruckergewerkschaften und so weiter — heraus geschaffen sind, die Art und Weise, wie die Menschen darin leben, wie sie abstimmen, wie sie die Dinge anschauen und diskutieren, das ist das ParlamentarischStaatlich-Juristische, das Verwaltungsmäßige, das ist das, was von der zweiten Strömung herrührt, die ich heute besprochen habe. Die dritte steht mit ihren eigenen Ideen erst im Anfang und muß noch ihre sozialen Schablonen hernehmen von dem, was alt ist.
[ 42 ] Rather, we see in other contemporary social structures how this legal-state element continues to exert an influence from beneath the surface—structures that have emerged as humanistic in nature among the broad masses of the people. All manner of social structures have, after all, arisen as byproducts of modern technological life. One need only think of the labor unions. But one can only truly grasp the nature of such unions if one tells oneself: Economic conditions created them; yet anyone who looks at these things with a keen eye knows that even though they were created out of economic conditions—just think of metalworkers’ unions, printers’ unions, and so on—the way people live within them, how they vote, how they view and discuss matters, that is the parliamentary-state-legal, the administrative—that is what stems from the second current I have discussed today. The third current, with its own ideas, is still in its infancy and must yet adopt its social models from what is old.
[ 43 ] Und so sehen wir, wie in unserer Gegenwart drei hauptsächlichste soziale Gestaltungen nebeneinanderstehen, die sich allgemein im weitesten Maße wiederum in das oder jenes differenzieren. Sie stehen so nebeneinander, daß, ich möchte sagen, Geschichte ausgebreitet im Raume lebt. Und indem wir in irgendeine der sozialen Gestaltungen uns einleben, in irgendeine Wirtschaftsvereinigung, in irgendeine staatliche Vereinigung oder in ein religiöses Gemeinschaftsleben, leben wir uns eigentlich überall, weil keine ohne Berührung mit der anderen ist, in ein Zusammensein desjenigen hinein, was in der Geschichte nacheinander entstanden ist, was sich aber im Raum durcheinandergeschoben hat und was heute verstanden sein will, weil heute die Zeit ist, wo die Menschheit auf höherer Stufe jene Naivität wieder erringen muß, die mit vollem Bewußtsein vereinbar ist, jene Naivität, aus der heraus ursprünglich geschaffen worden ist.
[ 43 ] And so we see how, in our present time, three principal social formations coexist, each of which, in turn, generally differentiates itself to the greatest extent into one form or another. They coexist in such a way that, I might say, history lives outspread in space. And as we become part of any one of these social structures—any economic association, any political association, or any religious community— we actually live—everywhere, because none exists without touching the others—within a coexistence of that which has arisen successively in history, yet has intermingled in space, and which demands to be understood today, because today is the time when humanity, on a higher level, must regain that naivety which is compatible with full consciousness—that naivety from which creation originally sprang.
[ 44 ] Und wie einstmals das primitive Wirtschafts- und Staatsleben in die theokratische Form richtig eingegossen war, wie in einem späteren Zeitalter sich die Zweiheit herausbildete, von den alten Zeiten her übernehmend das religiöse Element und das Staatlich-Juristische mit dem ihm einverleibten Wirtschaftsleben weiterentwikkelnd, so schreit heute das Wirtschaftsleben nach selbständiger Gestaltung, nach menschlichen lebendigen Ideen, die wiederum gestaltend wirken können, wie einst die griechisch-römischen Rechtsformen, als lebendige Impulse, und wie die orientalisch-religiösen Impulse gestaltend gewirkt haben. Da sich aber heute diese drei Menschheitsströmungen auseinanderdifferenzieren, müssen wir sie in ihrer Selbständigkeit betrachten können. Wir müssen die sozialen Gestaltungen betrachten nach der geistigen Seite, die zunächst die allein wirksame war, müssen sie betrachten nach der juristischen Seite, die die maßgebende geworden ist im Mittelalter, müssen sie betrachten nach der wirtschaftlichen Seite, für die auch die geistige Seite gesucht werden muß.
[ 44 ] And just as primitive economic and political life was once properly cast in a theocratic form, and just as a duality emerged in a later age—inheriting the religious element from ancient times and further developing the political-legal system with the economic life incorporated into it— so today economic life cries out for an independent form, for living, human ideas that can in turn have a formative effect, just as the Greco-Roman legal forms once did as living impulses, and just as the Eastern religious impulses had a formative effect. But since these three currents of human development are now differentiating from one another, we must be able to consider them in their independence. We must examine social structures from the spiritual perspective—which was initially the sole effective one—we must examine them from the legal perspective, which became the dominant one in the Middle Ages, and we must examine them from the economic perspective, for which the spiritual aspect must also be sought.
[ 45 ] Das sollte nur eine Betrachtung sein über die Grundlagen der sozialen Gestaltungen in unserer Gegenwart. Sie sollte darauf hinweisen, daß wir nötig haben, um diese sozialen Gestaltungen zu verstehen, mit wirklichem Verständnis in die Betrachtung jener Weltperspektiven einzutreten, auf die ich heute im Beginn meines Vortrags hingewiesen habe. Dazu aber wird man brauchen den lebendigen Gedanken. Und daß dieser lebendige Gedanke gebraucht wird, mag auf der einen Seite aus der sozialen Note hervorgehen, die diese Betrachtungen schon hatten; es geht aber auch aus den Betrachtungen des unmittelbaren Lebens der Gegenwart hervor. Überall sehnt man sich danach, zunächst das wirtschaftliche Leben mit ihm angemessenen lebendigen Ideenimpulsen zu durchsetzen.
[ 45 ] This was intended merely as a reflection on the foundations of contemporary social structures. It was meant to highlight that, in order to understand these social structures, we must approach with genuine understanding the worldviews I referred to at the beginning of my lecture today. To do so, however, we will need living thought. And the fact that this living thought is needed may, on the one hand, be evident from the social tone these reflections have already taken; but it also emerges from observations of immediate contemporary life. Everywhere, there is a longing to infuse economic life, first and foremost, with the appropriate, living impulses of thought.
[ 46 ] Und in dieser Beziehung sind gebildete Menschen des Westens ganz besonders interessant. In einer außerordentlich bedeutsamen Abhandlung, die gerade in dem Jahre vor dem grausamen Krieg in England geschrieben worden ist, hat ein bedeutender Engländer darauf hingewiesen, wie grundverschieden die englische Denkweise von der deutschen ist, in der Weise, wie ich das im Beginn der heutigen Betrachtung angedeutet habe. Aber er weist noch auf etwas anderes hin. Ihm fällt auf, wie innerhalb der deutschsprechenden mitteleuropäischen Bevölkerung immerdar gelebt hat: der Gedanke. Und er sagt von dem Gedanken, daß er dennoch das Element in der menschlichen Seele sei, das in intimster Art immer wieder hinweise auf die großen Menschheits- und Weltenrätsel, so daß man durch Kulturen, die so den Gedanken pflegen wie die deutsche, immer wieder auf die tiefsten Welt- und Menschheitsrätsel stößt, wenn auch — und jetzt kommt der Nachsatz dieses Westeuropäers —, wenn auch, so sagt er, einsehend die Vergeblichkeit in bezug auf ihre Lösung.
[ 46 ] And in this regard, educated people in the West are particularly interesting. In an extraordinarily significant treatise, written in England in the very year before the horrific war, a prominent Englishman pointed out how fundamentally different the English way of thinking is from the German one, in the manner I alluded to at the beginning of today’s reflection. But he points out something else as well. He notices how, within the German-speaking population of Central Europe, the idea has always been alive. And he says of thought that it is nevertheless the element in the human soul that, in the most intimate way, repeatedly points to the great mysteries of humanity and the world, so that in cultures that cultivate thought as the German culture does, one repeatedly encounters the deepest mysteries of the world and humanity—even if—and here comes the caveat from this Western European—even if, as he says, one comes to realize the futility of solving them.
[ 47 ] Nun, man konnte mit Recht sprechen von der «Vergeblichkeit dieser Lösung», wenn man nur auf jenen Gedanken hinweisen konnte, der durch die Abstraktion aus dem juristisch-logischen Wesen hervorgegangen ist, der, wenn er auch als Gedanke zum Höchsten sich schwingt, dennoch eine Art toter Gedanke ist. Wer aber einmal ahnt, daß in unserer Zeit in den Menschenseelen die Geburtsstätte sich bilden kann für den lebendigen Gedanken, der wird vielleicht nicht von einer endgültigen Lösung sprechen, aber von einem Weg, der dahin führen kann, daß wir die jeweilig uns aufgegebenen sozialen Fragen auch jeweilig für das entsprechende Zeitalter lösen können.
[ 47 ] Well, one could rightly speak of the “futility of this solution” if one could point only to that idea which has emerged through abstraction from the juridical-logical essence—an idea which, even as it soars to the highest level, is nonetheless a kind of dead idea. But anyone who senses that, in our time, the birthplace for living thought can take shape within human souls will perhaps not speak of a definitive solution, but of a path that can lead us to solve the social questions set before us in a manner appropriate to the respective age.
[ 48 ] Denn wahrscheinlich ist es doch so, daß, nachdem einmal das Denken über die sozialen Gestaltungen in die Menschheitsentwickelung getreten ist, man nicht davon sprechen kann, daß nun die soziale Frage auf einmal gelöst werden könne, sondern daß unter den Entwickelungsimpulsen, die von der Gegenwart in die Zukunft hinein bestehen müssen, auch das Nachdenken über die sozialen Gestaltungen wird sein müssen, so daß man sagen kann: Zwar von Lösungen wird nicht die Rede sein können, aber von einem solchen lebendigen Menschendenken, das in bewußter Weise die Ziele erst sehen wird und sich in bewußter Weise auf den Weg begibt zur Lösung der sozialen Rätsel des Daseins.
[ 48 ] For it is likely that, once reflection on social structures has become part of human development, one cannot say that the social question can now be solved all at once; rather, among the developmental impulses that must extend from the present into the future, reflection on social structures will also have to be included, so that one can say: Admittedly, we cannot speak of solutions, but rather of a kind of living human thinking that will first consciously perceive the goals and then consciously set out on the path toward solving the social enigmas of existence.
