Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
9 June 1922, Vienna
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Contrasts Between Western and Eastern Cultures, tr. SOL
8. Die Zeit und ihre sozialen Mängel: Asien-Europa
8. The Times and Its Social Shortcomings: Asia-Europe
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn gegenwärtig von den sozialen Mängeln und sozialen Nöten.der Zeit die Rede ist,'so wird es kaum irgend jemand geben, der nicht aus seiner besonderen Lebenslage heraus das eine oder das andere wirklich Erhebliche zu sagen hat. Es soll heute aber nicht meine Aufgabe sein, etwa eine Liste alles dessen hier zu entwickeln, was durch eine Umschau über die einzelnen Nöte der Zeit zu erreichen wäre, sondern vielmehr auf einige der Wurzeln hinzuweisen, aus denen das entspringt, was von den verschiedensten Seiten mit großer Berechtigung vorgebracht wird und einen großen Teil der Menschheit in eine außerordentlich pessimistische Stimmung und Hoffnungslosigkeit hineingebracht hat.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When we speak today of the social ills and hardships of our time, there is hardly anyone who, based on their own particular circumstances, does not have something truly significant to say on the matter. However, my task today is not to draw up a list of everything that could be achieved by surveying the individual hardships of our time, but rather to point out some of the roots from which springs what is being raised—with great justification—from a wide variety of quarters and has plunged a large part of humanity into an extraordinarily pessimistic mood and a sense of hopelessness.
[ 2 ] Vielleicht zu den stärksten Aussprüchen über diese Hoffnungslosigkeit gehört der eines Mannes, von dem man ihn vielleicht am allerwenigsten erwarten könnte, und der außerdem aus einer Zeit stammt, in der ein solcher Ausspruch etwas außerordentlich Auffälliges haben muß. Der bedeutende Kunsthistoriker Herman Grimm, der den grausamsten aller Kriege nicht mehr erlebt hat, der bereits an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert gestorben ist, hat in einer seiner letzten Schriften diesen merkwürdigen Ausspruch getan: Überblickt man, was einem heute entgegentritt im Leben der Völker, schaut man, ich möchte sagen, mit den Augen der Seele hin auf die Art, wie die verschiedenen Völker der zivilisierten Erde zueinander stehen, wie sie einander befehden, wie in ihnen Keime liegen zu weiteren Befehdungen, so möchte man eigentlich den Tag eines allgemeinen Selbstmords ansetzen, denn es sei ja nicht abzusehen, wohin alle diese Dinge, welche die Menschen und die Völker in Befehdung, in Streit und Kampf hineinbringen, führen sollen, wenn nicht zu einem absoluten Untergang der Zivilisation. Ich sage: Auffällig ist dieser Ausspruch gerade von Herman Grimm, und zwar aus dem Grunde, weil er für sich eigentlich eine freudige Weltanschauung hat, weil er den Blick sein ganzes Leben hindurch auf alles dasjenige gerichtet hat, was die Menschheit erheben kann, was eigentlich als Schaffendes, als Produktives in der Menschheit lebt. Und auffällig ist weiter, daß er diesen Ausspruch nicht etwa getan hat unter den trüben Eindrücken, die man die Jahre hindurch vor dem Ausbruch des Weltkrieges oder während desselben bekommen konnte, sondern daß er diesen Ausspruch getan hat noch ganz aus dem Geist des 19. Jahrhunderts heraus, am Ende dieses Jahrhunderts. Man möchte sagen: Alles das, was seither geschehen ist, scheint durchaus nicht geeignet, wenn jemand einen solchen Ausspruch tut, für ihn irgend etwas abzuziehen von dem, was er eigentlich bei einem solchen Ausspruch empfindet.
[ 2 ] Perhaps one of the most powerful statements about this hopelessness comes from a man from whom one might least expect it, and who, moreover, lived in an era when such a statement must have been extraordinarily striking. The eminent art historian Herman Grimm, who did not live to see the most brutal of all wars—having died at the turn of the 19th to the 20th century—made this remarkable statement in one of his final writings: If one surveys what one encounters today in the lives of nations—if one looks, I might say, with the eyes of the soul at the way the various nations of the civilized world relate to one another, how they are at odds with one another, and how the seeds of further conflict lie within them—then one might actually want to set a date for a general suicide, for it is impossible to foresee where all these things—which plunge people and nations into conflict, strife, and struggle—are headed, if not toward the absolute downfall of civilization. I say: This statement is particularly striking coming from Herman Grimm, precisely because he actually held a joyful worldview, because throughout his entire life he focused his gaze on everything that can uplift humanity—on what truly lives within humanity as creative and productive. And it is further striking that he did not make this statement under the gloomy impressions one might have experienced in the years leading up to the outbreak of the World War or during it, but rather that he made this statement still entirely in the spirit of the 19th century, at the end of that century. One might say: Everything that has happened since then seems entirely unsuitable, when someone makes such a statement, for detracting in any way from what he actually feels when making such a statement.
[ 3 ] Dennoch aber kann es ja niemals die Aufgabe des Menschen sein, stehenzubleiben bei der bloßen Hoffnungslosigkeit, sondern es muß die Aufgabe sein, Ausschau zu halten nach dem, was zur Erneuerung, zum Aufbau, zu einer Morgenröte führen kann. Dann ist es aber notwendig, daß man gerade nach den tieferen Wurzeln dessen sucht, was uns allmählich innerhalb der ZiviJisation Europas in eine so außerordentlich schwierige Lage gebracht hat. Und auch wenn man den Glauben hat, daß es nur wirtschaftliche Gründe sein können, so wird man wohl die Hauptursache auch für den wirtschaftlichen Niedergang im Geistesleben der neueren Zivilisation zu suchen haben.
[ 3 ] Nevertheless, it can never be humanity’s task to remain stuck in mere hopelessness; rather, its task must be to look for what can lead to renewal, to rebuilding, to a new dawn. But then it is necessary to search specifically for the deeper roots of what has gradually brought us into such an extraordinarily difficult situation within European civilization. And even if one believes that the reasons can only be economic, one will likely have to look for the main cause of the economic decline in the spiritual life of modern civilization as well.
[ 4 ] Ich habe schon in den Vorträgen der letzten Tage des öfteren darauf hingewiesen, wie in unsere gegenwärtige Seelenstimmung, auch in all das, was wir uns gegenwärtig an Seelenkräften aneignen können, historische Kräfte hereinspielen, zu deren Verständnis man weit in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit zurückgehen muß. Und ich habe insbesondere gestern darauf aufmerksam gemacht, wie gewissermaßen am Ausgang des gegenwärtigen abendländischen Geisteslebens, geschichtlich betrachtet, eine Persönlichkeit steht, die noch, man möchte sagen, mit einem Auge nach Asien hinübersieht, mit dem anderen aber schon den Blick gerichtet hat auf die Perspektiven Europas. Ich meine Plato.
[ 4 ] I have already pointed out on several occasions in the lectures of the past few days how historical forces come into play in our present state of mind—and also in all that we are currently able to assimilate in terms of spiritual powers—foresight into which requires us to go far back into the historical development of humanity. And yesterday, in particular, I drew attention to how, from a historical perspective, there stands—as it were—at the threshold of contemporary Western spiritual life a figure who, one might say, still looks toward Asia with one eye, while with the other he has already turned his gaze toward the prospects of Europe. I am referring to Plato.
[ 5 ] Wenn wir die sozialen Anschauungen Platos auf uns wirken lassen, so kommen sie uns in vieler Beziehung für unser modernes Bewußtsein außerordentlich befremdend vor, Wir sehen, wie Plato das Ideal eines sozialen Organismus darin sieht, daß eine gewisse Gemeinschaft geschaffen werde auch auf Kosten der Entwickelung menschlicher Individualitäten, die einmal den Weg in das Erdenleben herein gefunden haben. Plato hält es durchaus für möglich, daß zum Leben untüchtig erscheinende Kinder einfach ausgesetzt werden, damit sie nicht in der menschlichen Gemeinschaft Platz finden und so den sozialen Organismus stören können. Plato findet es aber auch möglich, einen sozialen Organismus als sein Ideal zu betrachten, in dem eigentlich nur eine gewisse Menschenkaste eine vollberechtigte Stellung hat. Abgesehen davon, daß ihm die Sklaverei als etwas Selbstverständliches erscheint, will er auch denjenigen, die den Handel und Verkehr vermitteln, nur eine vorübergehende Stellung innerhalb seines sozialen Organismus einräumen. Alle, die also nicht an dem Boden dadurch haften, daß sie in den Boden des sozialen Organismus — nach seiner Anschauung — mit Recht hineingeboren sind, gliedert er eigentlich nicht völlig in diesen sozialen Organismus ein. Und manches andere wäre zu sagen, wenn die Frage auftaucht: Wie verhält sich das Ideal Platos zu der einzelnen menschlichen Individualität? Da würde man vom modernen Bewußtsein aus sagen müssen: Eigentlich ist noch wenig Verständnis vorhanden für diese menschliche Individualität. Es ist noch ganz der Blick auf die soziale Gemeinschaft gerichtet, die gewissermaßen als Erstes angesehen wird. Und der Mensch, der in ihr leben soll, wird erst als etwas Zweites angesehen. Sein Leben ist nur insofern als ein berechtigtes zu erkennen, als er dem außerhalb seiner Wesenheit festgesetzten sozialen Ideal sich einfügen kann.
[ 5 ] When we allow Plato’s social views to sink in, they strike us in many respects as extraordinarily alien to our modern consciousness. We see how Plato views the ideal of a social organism as the creation of a certain community, even at the expense of the development of human individualities that have once found their way into earthly life. Plato considers it entirely possible that children who appear unfit for life should simply be abandoned, so that they do not find a place in human society and thus disrupt the social organism. Plato also considers it possible to regard as his ideal a social organism in which, in fact, only a certain caste of people holds a position of full rights. Apart from the fact that slavery seems to him to be a matter of course, he also wishes to grant only a temporary position within his social organism to those who facilitate trade and commerce. Thus, he does not fully integrate into this social organism all those who are not rooted in it by virtue of having been—in his view—rightfully born into the fabric of the social organism. And there is much more that could be said when the question arises: How does Plato’s ideal relate to individual human personality? From the perspective of modern consciousness, one would have to say: In truth, there is still little understanding of this human individuality. The focus is still entirely on the social community, which is, so to speak, regarded as primary. And the human being who is to live within it is regarded only as secondary. His life can be recognized as legitimate only to the extent that he can conform to the social ideal established outside his own being.
[ 6 ] Wenn wir suchen wollen, wo eigentlich dasjenige seine Wurzeln hat, was Plato zu einem solchen Gemeinsamkeitsgedanken geführt hat, so müssen wir wiederum in Asien, in der orientalischen Kultur suchen. Und dann kann es uns in geistiger Beziehung aufgehen, wie im Grunde genommen auch historisch das Geistesleben Europas sich entwickelte wie eine kleine Halbinsel, die zu einem großen Kontinent gehört.
[ 6 ] If we wish to trace the roots of what actually led Plato to such a concept of community, we must once again look to Asia, to Eastern culture. And then it may become clear to us, in an intellectual sense, how—fundamentally, and historically as well—the spiritual life of Europe developed like a small peninsula belonging to a large continent.
[ 7 ] Aber wenn wir gerade vom sozialen Gesichtspunkt hinübersehen nach Asien, finden wir, daß in Asien die Gemeinschaftsidee überall das Erste, das Primäre ist und daß Plato einfach diese Gemeinschaftsidee herübergenommen hat aus dem Orient. Zu all dem, was zur Charakteristik dieser Gemeinschaftsidee von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hier schon gesagt worden ist, muß eines noch hinzugefügt werden, wenn die ganze Weltsituation sozial beleuchtet werden soll.
[ 7 ] But when we look at Asia from a social perspective, we find that in Asia the idea of community is everywhere the first and foremost concern, and that Plato simply adopted this idea of community from the Orient. To all that has already been said here about the characteristics of this concept of community from a wide variety of perspectives, one more point must be added if the entire world situation is to be examined from a social perspective.
[ 8 ] Wenn wir auf den Grundcharakter des orientalischen Geisteslebens sehen, so müssen wir sagen: Eigentlich dehnte es sich aus über eine Menschheit, die ganz andersgeartet war als die europäische Menschheit der späteren Zivilisation. Wir können in vieler Beziehung sogar sagen, daß mit Bezug auf manches Seelische und Geistige in Asien eine Hochkultur geherrscht hat, zu der sich sogar viele Europäer jetzt wiederum zurücksehnen. Ich habe ja schon auf den Ausspruch hingewiesen, der so oft angeführt wird: das Licht komme aus dem Orient. Aber diese andere Menschenwesenheit hatte vor allen Dingen das nicht, was gerade das Charakteristischste der europäischen Bevölkerung ist, seit diese an einer Zivilisation in der Erdenentwickelung arbeitet. Was wir drüben in Asien erblicken, ist ein gedämpftes Ich-Gefühl, ist ein noch durchaus in den Untergründen der Seele ruhendes Persönlichkeitsgefühl. Ein Persönlichkeitsgefühl, wie es der Europäer hat, tritt einem in Asien noch nicht in derselben Weise entgegen. Wird dagegen einem Menschen, der dieses Persönlichkeitsgefühl noch nicht hat, asiatische Hochkultur gewissermaßen einverleibt, und diese ist geeignet, der menschlichen Gemeinsamkeit einverleibt zu werden, dann nimmt er in einer gewissen Weise traumhaft, ohne Persönlichkeitsgefühl, an ihr teil.
[ 8 ] When we consider the fundamental character of Eastern spiritual life, we must say: In fact, it extended across a humanity that was of a completely different nature than the European humanity of later civilization. In many respects, we can even say that, with regard to certain aspects of the soul and spirit, a high culture prevailed in Asia—one to which even many Europeans now long to return. I have already referred to the saying that is so often cited: that light comes from the East. But this other human existence lacked, above all, precisely what is most characteristic of the European population since it began working on a civilization within Earth’s evolution. What we see over in Asia is a subdued sense of self, a sense of personality that still lies entirely in the depths of the soul. A sense of personality such as that possessed by Europeans is not yet encountered in Asia in the same way. If, on the other hand, a person who does not yet possess this sense of personality is, so to speak, imbued with Asian high culture—and this culture is suited to being incorporated into human commonality—then he participates in it in a certain dreamlike way, without a sense of personality.
[ 9 ] Man muß sagen, in einer Zeit, wo die menschliche Individualität noch nicht zu ihrer vollen Entwickelung gekommen war, waren menschliche Gemeinschaften empfänglicher, begabter für eine Hochkultur als der einzelne Mensch. Es summierten sich nicht nur, es multiplizierten sich in gewisser Weise die menschlichen Fähigkeiten innerhalb des sozialen Zusammenlebens, um diese Hochkultur entgegenzunehmen. Das aber, was innerhalb der orientalischen Zivilisation als ein besonderes Ideal angesehen worden ist, das prägte sich aus, indem es immer mehr und mehr herüberzog nach Europa und aus europäischen Gemütern heraus eine einfache Formulierung fand, in dem apollinischen Spruch: Erkenne dich selbst!
[ 9 ] It must be said that, at a time when human individuality had not yet reached its full development, human communities were more receptive to—and better suited for—a high culture than the individual. Within social life, human abilities did not merely add up; in a certain sense, they multiplied in order to embrace this high culture. However, what was regarded as a particular ideal within Eastern civilization took shape as it spread more and more into Europe and found a simple expression in the European mind in the Apollonian maxim: “Know thyself!”
[ 10 ] In einer gewissen Beziehung kann man das ganze alte Asien so ansehen, als ob seine Entwickelung hintendierte, einmal in Griechenland als den letzten Sinn der orientalischen selbst-losen Kulturentwickelung den Satz hinzustellen: Erkenne dich selbst —, der seitdem als eine geistige und Kulturdevise überhaupt über der Menschheit wie eine orientierende Kraft lebt. Aber wir sehen auch im Orient drüben, wie es gerade für eine höhere Menschenbildung als erstrebenswert angesehen wird, in einem gewissen Sinne doch zu seinem Ich zu kommen. Vom geistigen Gesichtspunkt habe ich das ja schon angedeutet, indem ich die Jogakultur charakterisiert habe. Vom sozialen Gesichtspunkt tritt es uns entgegen, wenn wir auf das hinweisen, was im Orient in bezug auf die soziale Führung der Menschenmassen gang und gäbe war. Wir finden überall, daß derjenige, der Lehrer, der Führer war, in geistiger Beziehung zu gleicher Zeit Priester, aber auch zu gleicher Zeit Heiler war. Wir finden im Orient drüben einen innigen Zusammenhang zwischen all dem, was überhaupt von der Menschheit als Erkenntnis, als höheres Geistesleben angestrebt wird, und dem Heilen. Der Arzt ist für die ältere orientalische Kultur nicht von dem Lehrer, dem Priester der Menschheit zu trennen.
[ 10 ] In a certain sense, one can view all of ancient Asia as if its development were moving toward the point where, in Greece, the ultimate meaning of the selfless cultural development of the East was expressed in the maxim: “Know thyself”—a maxim that has since lived on as a spiritual and cultural motto for all of humanity, serving as a guiding force. But we also see in the Orient how, precisely for the sake of a higher human education, it is regarded as desirable, in a certain sense, to find one’s own “I.” From an intellectual standpoint, I have already hinted at this by characterizing the culture of yoga. From a social standpoint, this becomes evident when we point out what was common practice in the Orient with regard to the social leadership of the masses. We find everywhere that the one who was a teacher, a leader, was, in a spiritual sense, at the same time a priest, but also at the same time a healer. In the East, we find a close connection between everything that humanity strives for as knowledge and as a higher spiritual life, and the practice of healing. In the ancient Eastern culture, the physician cannot be separated from the teacher, the priest of humanity.
[ 11 ] Das allerdings hängt in einer gewissen Beziehung damit zusammen, daß die orientalische Kultur von der Empfindung der allgemeinen Menschenschuld als solcher tief beherrscht war, die etwas Krankhaftes hineinbringt in die ganze menschliche Entwickelung, so daß der Erkenntnisprozeß selbst, überhaupt das Streben nach einer höheren Geistigkeit so angesehen worden ist, daß es gewissermaßen den bloß naturgegebenen Menschen heilen sollte. Erziehung zu einer höheren Geistesbildung war zu gleicher Zeit Heilung, weil man den naturgegebenen, also noch nicht erzogenen Menschen als ein Wesen ansah, das eigentlich geheilt werden müsse. Damit hängt dann zusammen die alte orientalische Mysterienkultur.
[ 11 ] This, however, is related in a certain way to the fact that Eastern culture was deeply dominated by the sense of universal human guilt as such, which introduces something pathological into the entire course of human development, so that the process of knowledge itself—and indeed the very pursuit of a higher spirituality—was viewed as something intended, in a sense, to heal the merely natural human being. Education toward a higher spiritual development was, at the same time, a form of healing, because the natural—that is, as yet uneducated—human being was viewed as a being who actually needed to be healed. The ancient Eastern mystery culture is connected to this.
[ 12 ] Die orientalische Mysterienkultur suchte in Institutionen, die, ich möchte sagen, zu gleicher Zeit Kirche und Schule und Ausgangspunkte der sozialen Impulse waren, die Entwickelung des einzelnen Menschen zu einem höheren geistigen Leben. Sie suchte diese so, daß — wie ich schon in den vorhergehenden Vorträgen angedeutet habe — Religion, Kunst und Wissenschaft in einem enthalten waren: Indem der Mensch seine Kultushandlungen darbrachte, war er ein religiöser Mensch; dabei kam es weniger an auf das, was als Glaubensvorstellungen oder gar als Dogmen in der Seele lebte, sondern darauf, daß der sozial geordnete Kultus von dem einzelnen Menschen mitgemacht wurde, so daß die Verbindung des Menschen mit dem Göttlichen vorzugsweise in der Opferhandlung, in der Kultushandlung gesucht worden ist. Dann aber war in der Kultushandlung und in dem, woran sich die Kultushandlung anlehnte, auch das Künstlerische enthalten. Und in dem Erleben dieses Künstlerischen und Religiösen war die alte Form der Erkenntnis gegeben.
[ 12 ] Eastern mystery culture sought, within institutions that—I would say—were at once churches, schools, and sources of social impulses, the development of the individual toward a higher spiritual life. It sought this in such a way that—as I have already indicated in previous lectures—religion, art, and science were all contained within one: By performing his ritual acts, a person was a religious being; what mattered less was what lived in the soul as beliefs or even dogmas, but rather that the socially ordered cult was participated in by the individual, so that the connection between the human being and the divine was sought primarily in the act of sacrifice, in the cultic ritual. But the ritual act—and that upon which it was based—also encompassed the artistic. And in the experience of this artistic and religious dimension lay the ancient form of knowledge.
[ 13 ] Der Mensch aber, der zu dieser innerlich einheitlichen Dreiheit von Religion, Kunst und Wissenschaft gebracht werden sollte, mußte nicht nur etwas aufnehmen, was gewissermaßen ein gerader Fortschritt seiner Entwickelung war, sondern mußte eine völlige Umgestaltung als Mensch, eine Art Wiedergeburt erfahren, Es werden die Veranstaltungen, denen ein solcher Zögling des höheren Geisteslebens sich unterziehen mußte, so beschrieben, daß er in der Tat mit seinem Bewußtsein durch so etwas durchging wie durch eine Art Tod, das heißt, daß er etwas erlebte, was ihn dem Leben in der gewöhnlichen Welt fremd machte, wie der Tod den Menschen diesem Leben fremd macht. Dann sollte er, wenn er gewissermaßen alles in seinem inneren Erleben verlassen hatte, was dem Erdenleben angehört, nach dem Durchgang durch den Tod die geistige Welt in einer völligen Menschenwiedergeburt erleben. Das ist die alte religiöse, kultische Form der Katharsis, der Reinigung, der Läuterung des Menschen. Es sollte ein neuer Mensch im alten geboren werden. Was der Mensch in der Welt so erleben kann, daß es in ihm Leidenschaften, Emotionen aufrüttelt, daß es in ihm Triebe, Begierden hervorbringt, daß es ihn erhebt zu Vorstellungen, die dieser Welt angehören, das alles sollte er innerhalb dieser Mysterienkulte so erleben, daß es zu gleicher Zeit überwunden wurde und daß er als ein von diesen Erlebnissen Gereinigter und Geläuterter daraus hervorging. Dann erst traute man ihm, diesem wiedergeborenen Menschen, zu, daß er irgendeine soziale Wirkung auf seine Mitmenschen ausüben könne. Und mit Recht hat auch schon die äußere Gelehrsamkeit unserer Zeit darauf hingewiesen, daß die noch erhaltenen Reste dieser Kultur eine ungeheuerliche Bedeutung für das soziale Leben gehabt haben, daß die Impulse, die denjenigen aufgestiegen sind, die eine solche Katharsis innerhalb der sehr geheimgehaltenen Stätten durchgemacht haben, auf das äußere Gesellschaftsleben den denkbar größten Einfluß ausgeübt haben. Wie gesagt, das ist nicht nur eine Behauptung der Geisteswissenschaft, das ist etwas, wozu auch die äußere Gelehrsamkeit heute kommt. Sie dürfen nur Wilamowitz nachlesen. Man findet, daß eigentlich in der orientalischen Kultur eine Art Gesundung des Menschen in der Erkenntnis und in allem Streben nach einer geistigen Bildung gesucht worden ist.
[ 13 ] But the person who was to be led to this internally unified trinity of religion, art, and science had to do more than simply absorb something that was, in a sense, a straightforward progression in his development; he had to undergo a complete transformation as a human being—a kind of rebirth— The experiences that such a student of the higher spiritual life had to undergo are described in such a way that he indeed passed through something with his consciousness akin to a kind of death—that is, he experienced something that made him alien to life in the ordinary world, just as death makes a person alien to that life. Then, once he had, so to speak, left behind in his inner experience everything that belongs to earthly life, he was to experience the spiritual world—after passing through death—in a complete rebirth as a human being. This is the ancient religious, ritual form of catharsis—the purification and refinement of the human being. A new human being was to be born within the old. Whatever a person may experience in the world that stirs up passions and emotions within them, that gives rise to drives and desires, and that it elevates him to ideas belonging to this world—all of this was to be experienced within these mystery cults in such a way that it was simultaneously overcome, and that he emerged from them purified and refined by these experiences. Only then was this reborn human being trusted to exert any social influence on his fellow human beings. And rightly so, even the external scholarship of our time has already pointed out that the surviving remnants of this culture had an immense significance for social life, that the impulses which arose in those who underwent such a catharsis within the highly secret sites exerted the greatest conceivable influence on external social life. As I said, this is not merely a claim made by spiritual science; it is something to which mainstream scholarship has also come to conclude today. You need only read Wilamowitz. One finds that, in fact, Oriental culture sought a kind of healing for the human being through knowledge and in every endeavor toward spiritual education.
[ 14 ] Das was im Orient drüben gelebt hat, ist in einer anderen Form nach Griechenland und damit nach Europa herübergekommen, und es hat fortgewirkt in Europa in dem Maße, wie überhaupt die griechische Kultur in dem späteren Geistes- und Zivilisationsleben Europas nachgewirkt hat. Ich möchte auf etwas hinweisen, worauf gewöhnlich nicht hingewiesen wird: daß bei der Betrachtung der griechischen Tragödie, von der unendlich viel Künstlerisches für das Geistesleben des Abendlandes ausgegangen ist, Aristoteles eine Charakteristik gegeben hat, die gewöhnlich viel zu äußerlich genommen wird. Es wird der bekannte Satz immer wieder angeführt, in dem Aristoteles sagt, daß die Tragödie, das Trauerspiel, dazu da sei, Furcht und Mitleid zu erregen, damit durch die Erregung dieser und anderer Leidenschaften eine Reinigung, eine Läuterung, eine Katharsis von diesen Leidenschaften eintrete. Aristoteles weist also dabei auf etwas Künstlerisches hin, auf das, was durch die Tragödie geschehen sollte. Man kann, wenn man nicht mit einer äußerlichen Philologie, sondern mit demjenigen für eine Interpretation des aristotelischen Ausspruchs ausgerüstet kommt, was einem die Betrachtung des orientalischen Geisteslebens gibt, wenn man also mit einer Erkenntnis der weiter zurückliegenden Wurzeln ausgerüstet ist, dazu kommen, unter dem, was Aristoteles unter Mitleid und Furcht versteht, doch etwas Umfassenderes zu erleben, als was man heute darunter versteht. Man kommt dazu, einzusehen, daß er eigentlich meinte, daß der Mensch, der Zuschauer, durch die Tragödie dazu gebracht wird, mit seinem Seelenleben einzugehen in das, was der andere Mensch an Leiden, Schmerzen und auch an Freuden erlebt, daß also gewissermaßen der Zuschauer mit seinem Seelenleben heraustritt aus der engeren Umgrenzung, in der er sich naturgegeben befindet, und daß durch die Anschauung des fremden Leidens — weil der Mensch da außerhalb seines Leibeslebens, wenn auch nur vergleichsweise, lebt - beim Zuschauer zugleich erregt wird die Furcht, die immer eintritt, wenn der Mensch vor etwas steht, was ihn gewissermaßen außer sich bringt, was ihn in eine Art Ohnmacht, in Atemlosigkeit versetzt. Man kann also sagen: Aristoteles meint eigentlich, daß der Mensch beim Anschauen der Tragödie zu einer Empfindungswelt kommt, die ihn aus sich herausführt, daß er dadurch in Furcht versetzt wird und daß eine Läuterung, eine Katharsis eintritt, so daß er lernt, das zu ertragen, was er als naturgebene Persönlichkeit nicht ertragen kann, daß er durch die Läuterung gestärkt wird für das Miterleben fremden. Leides, fremder Freude, und daß er nicht mehr in Furcht versetzt wird, wenn er in dieser Weise aus sich heraus und in das soziale Leben hineintreten soll. Indem Aristoteles der Tragödie einen solchen Beruf zuschreibt, verspürt man ganz deutlich, daß er eigentlich darauf hinweist, wie in der Tragödie zu gleicher Zeit gegeben ist eine Art Erziehung des Menschen zur Stärkung des Selbstgefühls, zur Stärkung der inneren Seelensicherheit.
[ 14 ] What existed in the East made its way to Greece—and thus to Europe—in a different form, and it continued to exert an influence in Europe to the same extent that Greek culture as a whole continued to shape the intellectual and civilizational life of Europe in later times. I would like to point out something that is not usually noted: that in considering Greek tragedy—from which an infinite amount of artistic inspiration has flowed into the intellectual life of the West—Aristotle provided a characterization that is usually taken far too superficially. The well-known statement is repeatedly cited in which Aristotle says that tragedy is intended to arouse fear and pity, so that through the arousal of these and other passions, a purification, a catharsis, from these passions may take place. Aristotle is thus pointing to something artistic—to what is to be achieved through tragedy. If one approaches the interpretation of Aristotle’s statement not with a superficial philological analysis but with the insight gained from contemplating Eastern spiritual life—that is, if one is equipped with an understanding of the more distant roots—one may come to realize that what Aristotle means by pity and fear to experience something more comprehensive than what is understood by those terms today. One comes to realize that he actually meant that the human being—the spectator—is led by tragedy to enter, with his inner life, into what another human being experiences in terms of suffering, pain, and also joy; that, in a sense, the spectator steps out with his inner life from the narrower confines in which he naturally finds himself, and that through the observation of another’s suffering—because the person is living outside their physical existence, even if only comparatively—the spectator is simultaneously overcome by the fear that always arises when a person faces something that, in a sense, throws them off balance, something that plunges them into a kind of powerlessness, into breathlessness. One can therefore say: Aristotle actually means that, when watching a tragedy, a person enters a world of sensation that leads them out of themselves, that they are thereby filled with fear, and that a purification—a catharsis—takes place, so that they learn to endure what they, as a naturally given individual, cannot endure; that through this purification they are strengthened to share in the suffering the suffering and joy of others, and that they are no longer overcome by fear when they are called upon to step outside themselves in this way and enter into social life. In attributing such a purpose to tragedy, Aristotle makes it quite clear that he is actually pointing out how tragedy simultaneously serves as a kind of education for human beings, strengthening their self-esteem and inner peace of mind.
[ 15 ] Ich weiß sehr gut, daß ein solches Hineinstellen des Künstlerischen in das soziale Leben heute bei vielen den Eindruck macht, als wollte man damit dem Wert der Kunst Abbruch tun, der Kunst irgendwelche Nebenzwecke beilegen. Allein die Einwendungen werden häufig gerade aus einer gewissen Philistrosität heraus gemacht, weil man glaubt, wenn die Kunst eingereiht werden solle in das totale Menschenleben, in alles das, was die menschliche Seele überhaupt durchmachen kann, dann sei das eine Einreihung der Kunst in das bloße Nützlichkeitsleben. Bei den Griechen war es nicht eine solche Einreihung in das bloße Nützlichkeitsleben, sondern eine Einreihung in das gesamte menschliche Leben, in das Leben, das den Menschen auch über sich hinausträgt, nicht nur unter sich, in die bloße Nützlichkeit hinunterträgt.
[ 15 ] I am well aware that, for many people today, placing art in this way within social life gives the impression that one is trying to diminish the value of art or to ascribe some secondary purpose to it. Yet these objections are often raised precisely out of a certain philistinism, because people believe that if art were to be integrated into the totality of human life—into everything the human soul is capable of experiencing—then this would amount to reducing art to a mere utilitarian function. For the Greeks, it was not such a subsumption under a life of mere utility, but rather a subsumption under the entirety of human life—the life that carries human beings beyond themselves, rather than merely bringing them down to a life of mere utility.
[ 16 ] Sieht man ein wenig über das hinweg, was nur unserer Zeit eigen ist, die bloße Nützlichkeit, dann wird man gerade das Bedeutsame der griechischen Kunstanschauung erfassen können, nämlich daß der Grieche zu gleicher Zeit mit dem Künstlerischen der Tragödie in dieser etwas sah, was den Menschen zu sich selbst brachte, was den Menschen aus dem Träumen in der Welt, aus dem halben Bewußtsein von der Welt, immer mehr und mehr zu einem vollen Bewußtsein von sich selbst bringen sollte. Und man möchte sagen: In sozialer Beziehung sollte die Tragödie durchaus etwas leisten als Beitrag zu der großen Forderung: Mensch, erkenne dich selbst!
[ 16 ] If one looks beyond what is unique to our time—mere utility—one will be able to grasp the significance of the Greek view of art, namely that the Greeks saw in the artistic nature of tragedy something that brought people back to themselves, something that led people out of their dreams in the world, out of their half-consciousness of the world, and lead them, more and more, to a full awareness of themselves. And one might say: In social terms, tragedy was certainly meant to contribute to the great imperative: Man, know thyself!
[ 17 ] Wenn wir aber wiederum von dieser Erweiterung des Künstlerischen in das Soziale hinein auf die Betrachtung der Stellung des einzelnen Menschen zu dem sozialen Leben eingehen, wenn wir, von dieser Betrachtung aus, noch einmal zurückschauen nach dem Orient, dann finden wir im Mysterienwesen auch, wie eigentlich das, was in der Gesundung, in der Wiedergeburt des Menschen zu einem höheren Menschen angestrebt worden ist, eine Erstarkung des Ich-Gefühls bedeutet. Aus dem Bewußtsein heraus, daß die allgemeine Seelenstimmung damals nicht in einem Ich-Gefühl lebte, daß ein solches IchGefühl erst erworben werden mußte, wurde durch das Mysterienwesen die Wiedergeburt des Menschen zu der Ichheit angestrebt. So war eigentlich für diese alte soziale Zivilisation das Ich-Erlebnis etwas, was erst erworben werden mußte. Man sah eine der sozialen Aufgaben darin, einzelne Menschen zu der Geburt dieses Ich-Gefühls zu bringen, so daß sie dann die Führer ihrer Mitmenschen in sozialer Beziehung werden konnten. Nur wenn man das versteht, wird man auch ein Verständnis dafür haben, wie noch in Platos Idealstaat ein starkes Gefühl von der Gemeinsamkeit lebt und wie eigentlich bei ihm nur derjenige berechtigt ist, seine Individualität voll zu entfalten, der es durch die Wiedergeburt tut, die durch die damals zu erlangende Weisheit zu erreichen war, worin sich zeigt, daß bei der Menschheit damals noch kein Bewußtsein davon vorhanden ist, daß der Individualität im vollsten Sinne Rechnung getragen werden müsse.
[ 17 ] But if we turn from this expansion of the artistic into the social sphere to a consideration of the individual’s place in social life, and if, from this perspective, we look back once more toward the East, then we find in the mystery traditions that what was actually sought in the healing and rebirth of the human being into a higher human being signifies a strengthening of the sense of self. Out of the awareness that the general spiritual mood at that time did not live in a sense of the “I,” that such a sense of the “I” first had to be acquired, the mystery traditions strove for the rebirth of the human being into the “I.” Thus, for this ancient social civilization, the experience of the “I” was actually something that first had to be acquired. One of the social tasks was seen as bringing individual human beings to the birth of this sense of self, so that they could then become the leaders of their fellow human beings in social relations. Only by understanding this can one also grasp how, even in Plato’s ideal state, a strong sense of community prevails, and how, in his view, only those who fully develop his individuality is the one who does so through rebirth—which was to be attained through the wisdom available at that time—which shows that humanity at that time was not yet aware that individuality must be taken into account in the fullest sense.
[ 18 ] Was aus einem solchen sozialen Leben Asiens herauswuchs, das verpflanzte sich dann nach Europa, amalgamierte sich mit dem Christentum, kam ins Mittelalter hinein und lebte in diesem sogar sehr lange fort. Aber es lebte fort in der Art, die sich daraus ergab, daß die Menschen, die in den Völkermassen, die mehr von Norden und von Mitteleuropa in diese jetzt südliche, aber noch von Asien herüber ererbte Kultur einströmten, schon von Natur aus das starke Ich-Gefühl mitbrachten. Für diese Völker stellte sich die große historische Aufgabe heraus, das, was den orientalischen Menschen noch bei einem gedämpften Ich-Gefühl gegeben war, in das volle Selbstbewußtsein, in das volle Ich-Gefühl hereinzutragen. Die glänzende Kultur der Griechen hatte das «Erkenne dich selbst!» noch als ein menschliches Erkenntnis- und Sozialideal. Die Völker, die in das Mittelalter von Norden hereintraten, brachten als die Organisation ihres Menschentums dieses Ich-Gefühl mit. Ihnen war es naturgemäß gegeben. Wenn sie auch in Verbänden lebten, strebten sie dennoch überall danach, das, was sie in erkenntnismäßiger, in sozialer Beziehung aufnahmen, ihrem Ich einzuverleiben. Damit aber machte sich eigentlich innerhalb der Geschichte so recht der Gegensatz zwischen dem Gemeinschaftsleben und dem Individualleben geltend. Dieser trat erst im Laufe der Geschichte, und zwar, ich möchte sagen, durch die Mitwirkung von menschlichen Institutionen auf.
[ 18 ] What grew out of such a social life in Asia was then transplanted to Europe, amalgamated with Christianity, entered the Middle Ages, and even persisted there for a very long time. But it persisted in a form that arose from the fact that the people—who, in vast masses, were flowing in from the north and from Central Europe into this culture, which was now southern but still inherited from Asia—already possessed, by nature, a strong sense of self. For these peoples, the great historical task turned out to be to bring what the people of the East still possessed—even with a subdued sense of self—into full self-awareness, into a full sense of self. The brilliant culture of the Greeks still regarded “Know thyself!” as a human ideal of knowledge and social life. The peoples who entered the Middle Ages from the north brought this sense of self with them as the very foundation of their humanity. It was naturally inherent in them. Even though they lived in communities, they nevertheless strove everywhere to incorporate into their sense of self whatever they absorbed in terms of knowledge and social relations. With this, however, the contrast between communal life and individual life truly began to assert itself within the course of history. This contrast emerged only in the course of history—and, I would say, through the influence of human institutions.
[ 19 ] Indem in dieser Art das Ich-Gefühl in die menschliche Entwickelung eintrat, mußte es sich verbinden mit etwas anderem, mit dem es durchaus einen organischen Zusammenhang hat. Schauen wir noch einmal zurück auf das, was die orientalisch-griechische Kultur auch noch im Sinne Platos hatte, so werden wir es sehr stark für unser heutiges Empfinden wahrnehmen müssen, wie diese ganze Kultur und Zivilisation eigentlich auf der Sklaverei aufgebaut ist, auf der Unfreiheit großer Menschenmassen. Es ist viel von den verschiedensten Gesichtspunkten aus über die Bedeutung der Sklaverei in den älteren Zeiten gesprochen worden, und wenn man das gehörig würdigen will, so wird man natürlich darin sehr viel Bedeutungsvolles finden, Dasjenige aber, was vor allen Dingen für unser heutiges Leben noch in Betracht kommt, das ist es eben, von dem ich sagte, daß es eigentlich noch wenig berücksichtigt worden ist. Denn für das Gemeinschaftsleben und auch für das soziale Leben, das aus den Mysterien hervorging, für das der Grieche noch seine Kunst als einen Entwickelungsimpuls ansah, war die volle Bedeutung der menschlichen Arbeit innerhalb der sozialen Ordnung noch gar nicht entdeckt. Daher mußte man gewissermaßen diese menschliche Arbeit ausschalten, wenn man von dem Idealbild des Menschen sprach.
[ 19 ] As the sense of self entered human development in this way, it had to connect with something else with which it has a thoroughly organic connection. If we look back once more at what the Oriental-Greek culture also embodied in Plato’s sense, we will have to perceive very clearly, from our present-day perspective, how this entire culture and civilization is actually built upon slavery—upon the lack of freedom of vast masses of people. Much has been said from a wide variety of perspectives about the significance of slavery in earlier times, and if one wishes to give this due consideration, one will naturally find much of great significance in it; but what is of particular relevance to our lives today is precisely what I mentioned has actually received little attention. For communal life, and also for the social life that emerged from the Mysteries—for which the Greeks still regarded their art as a driving force for development—the full significance of human labor within the social order had not yet been discovered at all. Therefore, one had to, so to speak, set this human labor aside when speaking of the ideal image of humanity.
[ 20 ] Charakterisiert man den orientalisch-griechischen Menschen, wie er seine Würde in sich trägt, wie er sich durch seine Würde emporarbeitet, so charakterisiert man etwas, was sich eigentlich oberhalb der Menschenmasse aufbaute, die nun die Arbeit verrichtete. Diese Masse lebte in einem bloßen Anhängsel zum sozialen Organismus, der sich innerhalb eines Menschentums entwickelte, das die Arbeit nicht in sein Wesen aufgenommen hatte, weil es die Arbeit und den Menschen, der sie verfichtete, als etwas Naturgegebenes betrachtete. Das Menschentum fing gewissermaßen da an, wo die Arbeit schon verrichtet war. Auf einer höheren Stufe, in einem höheren seelischen Sinn erlebte der Mensch das, was in der Tierheit zum Ausdruck kommt: In der Tierheit ist das, was Nahrung, was zur sozialen Ordnung sonst gehört, naturgegeben, das Tier rechnet nicht, es verrichtet, was es tut, aus dem Innern seines Wesens heraus, aber irgendeine Orientierung der Arbeit ist für das Tier nicht notwendig. Wenn scheinbare Ausnahmen da sind, so muß man gerade diese in der Weise anschauen, daß sie die allgemeine Regel eigentlich bestätigen. So können wir sagen: Indem die orientalische Kultur sich nach Europa hinüberverpflanzte und immer mehr und mehr in die Forderungen der Ichheit, der Individualität untertauchte, tauchte sie zugleich in die Notwendigkeit unter, die menschliche Arbeit einzubeziehen in die soziale Ordnung. Es ist einfach unmöglich, wenn die Individualität des Menschen voll erwacht ist, die Arbeit auszuschließen von der sozialen Ordnung.
[ 20 ] When one characterizes the Oriental-Greek individual—how he carries his dignity within himself, how he works his way up through his dignity—one is characterizing something that actually rose above the masses of people who were now performing the labor. This mass lived as a mere appendage to the social organism, which developed within a form of humanity that had not incorporated labor into its very essence, because it regarded labor—and the human being who performed it—as something given by nature. Humanity, so to speak, began where the work had already been done. On a higher level, in a higher spiritual sense, human beings experienced what is expressed in the animal realm: In the animal realm, what constitutes nourishment and what otherwise belongs to the social order is a given of nature; the animal does not calculate; it performs its actions from within its very being, but some form of orientation for the work is not necessary for the animal. If there are apparent exceptions, one must view them precisely in such a way that they actually confirm the general rule. Thus we can say: As Eastern culture spread to Europe and became increasingly immersed in the demands of selfhood and individuality, it simultaneously became immersed in the necessity of incorporating human labor into the social order. Once human individuality has fully awakened, it is simply impossible to exclude labor from the social order.
[ 21 ] Das aber wurde das große soziale Problem —- das im Griechentum eigentlich noch nicht vorhanden war —, um das in Rom unzählige Kämpfe ausgekämpft worden sind. Denn man empfand es instinktiv, daß erst durch Einbeziehung der Arbeit in die soziale Ordnung der Mensch seine volle Individualität ausleben kann. Damit aber hat die ganze soziale Gestaltung der Menschheit ein anderes Gesicht bekommen. Sie weist ein anderes Gesicht auf im zivilisierten Europa gegenüber dem zivilisierten Asien. Erst wenn wir hinschauen auf die Entwickelung der Individualität in Europa, werden wir etwas verstehen von dem, was wiederum mit Recht so vielfach betont worden ist, wenn charakterisiert werden sollte, woher eigentlich die sozialen Nöte in unserer Zeit kommen.
[ 21 ] But this became the great social problem—one that had not yet really existed in Greek civilization—over which countless struggles were waged in Rome. For people instinctively sensed that it is only through the integration of work into the social order that human beings can fully realize their individuality. As a result, the entire social structure of humanity has taken on a different character. It presents a different face in civilized Europe compared to civilized Asia. Only when we look at the development of individuality in Europe will we begin to understand what has, in turn, been so rightly emphasized time and again when attempting to characterize the true source of the social hardships of our time.
[ 22 ] Da wird mit Recht darauf hingewiesen, daß die spezifische Kultur der sozialen Ordnung in unserer Zeit eigentlich erst ihren Anfang genommen hat mit dem Heraufkommen der modernen Technik und Arbeitsteilung. Und hingewiesen wird auch darauf, wie zum Beispiel so etwas wie der moderne Kapitalismus auch nichts anderes ist als ein Ergebnis der Arbeitsteilung. Außerordentlich bedeutsam ist das, was das Lehrgut der abendländischen neueren Zivilisation in dieser Beziehung zur Charakteristik der Arbeitsteilung und deren Folgen in den sozialen Nöten unserer Zeit aufweist. Aber der unbefangene Beobachter muß da, wo so etwas gesagt wird, einseitig mit Recht gesagt wird, dennoch hinschauen, sagen wir, auf das alte Ägypten, auf das alte Babylonien, und darauf hinweisen, daß zum Beispiel im alten Babylonien, auch im alten Ägypten, Städte von ungeheurer Ausdehnung existiert haben, daß das, was da geleistet worden ist, auch nur unter der Arbeitsteilung geleistet worden ist. Geradeso wie ich gestern darauf hinweisen konnte, daß bereits im 11. Jahrhundert in China eine Art Sozialismus vorhanden war, daß es aber darauf nicht ankommt, was wir da als solche äußere Gestaltung sehen, so muß ich jetzt wiederum darauf hinweisen, daß die Arbeitsteilung, die mit Recht in der neueren Zeit als das Grundproblem in den sozialen Nöten angesehen wird, auch in früheren Epochen der Menschheitsentwickelung vorhanden war, und daß unter ihrem Einfluß gerade die orientalischen sozialen Ordnungen möglich geworden sind, die dann mehr ihre Nachwirkungen nach Europa herübergeschickt haben. In Europa hat sich diese Arbeitsteilung, nachdem sie zuerst weniger vorhanden war, später herausgestellt. Ich möchte sagen, die Arbeitsteilung selbst ist eine Wiederholung von etwas, was auch in früheren Zeiten vorhanden war; aber sie war innerhalb der orientalischen Kulturen unter dem Zeichen der noch nicht erwachten Ichheit vorhanden, während die moderne Arbeitsteilung, die durch die Technik eintritt, eine Menschheit trifft, die nun voll ihre Ichheit zur Entfaltung bringen will, so daß wiederum dasselbe in verschiedenen Zeitaltern etwas ganz Verschiedenes bedeutet.
[ 22 ] It is rightly pointed out that the specific culture of social order in our time actually began only with the emergence of modern technology and the division of labor. It is also pointed out, for example, that something like modern capitalism is nothing other than a result of the division of labor. What the body of knowledge of modern Western civilization reveals in this regard—regarding the nature of the division of labor and its consequences for the social hardships of our time—is extraordinarily significant. But the impartial observer, when such a claim is made—and rightly so—must nevertheless look, let us say, to ancient Egypt and ancient Babylonia, and point out that, for example, in ancient Babylonia, as well as in ancient Egypt, cities of immense size existed, and that what was accomplished there was achieved precisely through the division of labor. Just as I was able to point out yesterday that a kind of socialism already existed in China in the 11th century, but that what we see there as its external form is not what matters, so I must now point out once again that the division of labor—which in more recent times has rightly been regarded as the fundamental problem underlying social hardships—was also present in earlier epochs of human development, and that it was precisely under its influence that the Eastern social orders became possible, which then sent their repercussions across to Europe. In Europe, this division of labor, after being less prevalent at first, became more pronounced later on. I would like to say that the division of labor itself is a repetition of something that also existed in earlier times; but within Eastern cultures it existed under the sign of a sense of self that had not yet awakened, whereas the modern division of labor, brought about by technology, affects a humanity that now wishes to fully develop its sense of self, so that, once again, the same phenomenon means something entirely different in different eras.
[ 23 ] Daher war für die orientalische soziale Ordnung das primäre, das erste Ziel, den Menschen herauswachsen zu lassen aus der sozialen Gebundenheit, aus dem Gemeinschaftsleben; der Mensch sollte, wenn er zu einem höheren Geistesleben aufrücken wollte, eben seine Ichheit finden. Der europäische Mensch der späteren Zeit hatte diese Ichheit, und er mußte nun diese Ichheit hineingliedern in die soziale Ordnung. Er mußte genau den umgekehrten Weg gehen als den, der im Orient gegangen worden ist.
[ 23 ] Therefore, for the Eastern social order, the primary, the first goal was to allow the individual to grow out of social bonds, out of communal life; if the individual wished to ascend to a higher spiritual life, he had to find his sense of self. The European of later times possessed this sense of self, and he now had to integrate this sense of self into the social order. He had to take exactly the opposite path from the one that had been taken in the East.
[ 24 ] Da finden wir in Europa überall Spuren davon, wie schwierig es dem Menschen wird, sich mit seinem Ich in die soziale Ordnung hineinzustellen, das hineinzustellen in die soziale Ordnung, was seine Ichheit ist, während doch einstmals die soziale Ordnung eine solche war, daß der Mensch gerade seine Ichheit, möchte ich sagen, aus ihr heraus retten wollte. - In allen Einzelheiten kann einem diese Schwierigkeit als soziales Grundübel noch heute gegenübertreten.
[ 24 ] Everywhere in Europe we find traces of how difficult it has become for human beings to integrate their “I” into the social order—to incorporate into the social order that which constitutes their “I”—whereas once upon a time the social order was such that human beings, I might say, sought to rescue their “I” from it. - Even today, this difficulty can still confront us in every detail as a fundamental social evil.
[ 25 ] Als ich vor einigen Jahren öfters auch vor Arbeitern Vorträge zu halten hatte, da ergab sich manches von dem, daß in den Menschenseelen diese Schwierigkeit bezüglich der Eingliederung des Ichs in die Gesamtheit der sozialen Ordnung lebte. Der Mensch kann den Weg von einem stark entwickelten Ich-Gefühl hinein in die soziale Ordnung nicht finden. Und wenn man sich immer wieder und wieder bemühte, gerade zum Beispiel einer proletarischen Bevölkerung zu zeigen, wie dieser Weg sein müsse, wie er anders sein müsse als die Wege, die heute vielfach von sozialistischen oder kommunistischen Agitatoren gewiesen werden, dann konnte man erleben, daß bei nachfolgenden Diskussionen ganz merkwürdige Ansichten auftraten. Sie konnten trivial erscheinen, aber das Triviale ist dann nicht mehr trivial, wenn es ein treibender Motor für unzählige Menschen im Leben ist. So versuchte ich einmal, über die sozialen Fragen in einer Arbeitergemeinschaft zu reden. Es trat ein Mensch auf und stellte sich sogleich vor als Schuhflicker. Selbstverständlich kann es einem ganz besonders angenehm sein, von einem solchen Menschen zu hören, was er denkt; aber in diesem Fall war das, was er nicht denken konnte, viel bedeutungsvoller als das, was er dachte. Denn erst setzte er sehr stark im Gegensatz zu mir auseinander, wie er sich die soziale Ordnung denke, dann machte er noch einmal darauf aufmerksam, daß er ein einfacher Schuhflicker sei, daß er also in der von ihm entworfenen sozialen Ordnung kein Standesbeamter sein könne, wie er betonte. Aber im Hintergrunde seiner Ausführungen stand durchaus, daß er Minister sein könnte! Das zeigt den Mangel an Orientierung, wenn die Frage in Betracht kommt: Wie soll sich das innerhalb des Geisteslebens erstarkte Ich in eine soziale Ordnung hineinstellen?
[ 25 ] A few years ago, when I frequently gave lectures to workers, it became clear that this difficulty—regarding the integration of the “I” into the social order as a whole—was alive in people’s souls. Human beings cannot find the path from a strongly developed sense of the “I” into the social order. And when one tried again and again to show, for example, a proletarian population exactly what this path must be like—and how it must differ from the paths often pointed out today by socialist or communist agitators—one could observe that quite peculiar views emerged in the ensuing discussions. They might seem trivial, but the trivial ceases to be trivial when it serves as a driving force in the lives of countless people. So I once tried to talk about social issues in a workers’ community. A man stepped forward and immediately introduced himself as a cobbler. Of course, it can be particularly gratifying to hear what such a person thinks; but in this case, what he was incapable of thinking was far more significant than what he actually thought. For first he elaborated—in stark contrast to my own views—on how he envisioned the social order; then he pointed out once again that he was a simple cobbler, and thus, as he emphasized, could not be a civil servant in the social order he had conceived. But underlying his remarks was the very idea that he could be a minister! This illustrates the lack of orientation when the question arises: How should the “I,” strengthened within spiritual life, position itself within a social order?
[ 26 ] Und bei einer anderen Arbeiterversammlung - ich führe Beispiele an, sie könnten ins Unendliche vermehrt werden — sagte jemand: Ja, wir streben gar nicht etwa an, Vorartbeiter zu werden, streben gar nicht an, eine führende Stellung in der Fabrik zu bekommen, wir wollen bleiben, was wir sind, einfache Arbeiter; aber als solche wollen wir unser volles Recht haben. — So einseitig berechtigt auch wiederum ein solcher Ausspruch sein mag - im Grunde genommen ist da kein Interesse für die soziale Gestaltung als solche vorhanden, sondern nur für das, was das besonders stark entwickelte Ich als solches ist.
[ 26 ] And at another workers’ meeting—I’m giving examples here, but they could be multiplied endlessly—someone said: “Yes, we don’t aspire to become foremen, nor do we aspire to hold a leadership position in the factory; we want to remain what we are: ordinary workers; but as such, we want our full rights.” — As one-sidedly justified as such a statement may be—fundamentally, there is no interest in social organization as such, but only in what the particularly strongly developed ego is as such.
[ 27 ] Ich weiß sehr wohl, daß viele Menschen das heute aus ihrem Bewußtsein heraus nicht zugeben werden, daß gerade diese Diskrepanz zwischen dem Ich-Erlebnis und der sozialen Ordnung die Wurzel für viele unserer sozialen, ja fast für alle unsere sozialen Nöte und Mängel ist. Aber wer mit offenen Augen ins Leben hineinschaut, der wird sich doch sagen müssen: Wir sind eben durchaus nur dahin gekommen, das Ich-Gefühl zwar zu entwickeln, können es aber nicht verbinden mit einer wirklichen Einsicht in den Menschen selber. Wir sagen zu uns Ich; aber wir wissen dieses Ich nicht anzuwenden auf eine voll erfaßte und voll wollende menschliche Wesenheit.
[ 27 ] I am well aware that many people today, out of their own consciousness, will not admit that it is precisely this discrepancy between the experience of the self and the social order that is the root of many of our social—indeed, almost all of our social—hardships and shortcomings. But anyone who looks at life with open eyes will have to admit: We have indeed managed only to develop a sense of “I,” but we are unable to connect it with a true understanding of the human being itself. We call ourselves “I”; but we do not know how to apply this “I” to a fully comprehended and fully volitional human being.
[ 28 ] Das kann man wiederum erfahren, wenn einem so recht aus der Gegenwart heraus geformte Anschauungen gegenüber dem entgegentreten, was man aus geisteswissenschaftlichen Untergründen für die Gesundung der Menschen für nötig hält. Eine Persönlichkeit, die im gegenwärtigen pädagogischen Leben steht, sagte mir einmal bei einem Besuch der Waldorfschule etwas sehr Merkwürdiges. Ich führte diese Persönlichkeit selbst herum, machte sie aufmerksam auf unsere Unterrichtsmethode, auf die soziale Bedeutung unserer Unterrichtsmethode, und machte namentlich darauf aufmerksam, wie bei einer solchen gesunden Unterrichtsmethode die geistige und die seelische mit der leiblichen Erziehung verbunden werden müsse, wie der, der erziehen und unterrichten will, vor allen Dingen wissen muß, wie das oder jenes auf die aufsteigenden oder niedergehenden Kräfte der menschlichen Organisation, der menschlichen Leiblichkeit wirkt, wie gewisse Gedächtnisübungen oder Gedächtnisvernachlässigungen in einem späteren Lebensalter in leiblichen Erscheinungen sich geltend machen, wie man durch bloßes Behandeln des seelischen Lebens körperliche Übel nach und nach zur Besserung bringen könne, wie durchaus der Lehrer den Zusammenhang der physischen mit der seelischen und geistigen Natur im gesunden und kranken Zustand des Menschen bis zu einem gewissen Grade überschauen müsse. Und da wurde mir erwidert, daß ja dann der Lehrer Arzt sein müßte!
[ 28 ] One can experience this, in turn, when one is confronted with views shaped by the present that stand in opposition to what one considers necessary for the healing of human beings, based on the foundations of spiritual science. A prominent figure in contemporary educational circles once told me something very remarkable during a visit to the Waldorf School. I personally showed this person around, drew their attention to our teaching method and to its social significance, and specifically pointed out how, in such a healthy teaching method, spiritual and psychological education must be integrated with physical education; how anyone who wishes to educate and teach must, above all, understand how this or that affects the rising or declining forces of the human organism, the human physical body; how certain memory exercises or neglect of memory manifest themselves in physical symptoms later in life; how physical ailments can be gradually alleviated simply by addressing the emotional life; and how the teacher must, to a certain extent, understand the connection between the physical, emotional, and intellectual nature of human beings in both healthy and diseased states. And then I was told that, in that case, the teacher would have to be a doctor!
[ 29 ] Ja, bis zu einem gewissen Grad müßte es eigentlich durchaus angestrebt werden, daß dies der Fall sein könnte. Denn sehen wir in unsere soziale Ordnung hinein mit der Schwierigkeit, das Ich ihr einzuverleiben, dann werden wir wiederum erinnert an das, was ich heute schon für zwei Kulturterritorien angeschlagen habe: für den Orient, wo der Arzt zugleich Lehrer und Führer des Volkes war, und für Griechenland, wo ich darauf hingewiesen habe, daß die Kunst in gewissem Sinn einen erzieherischen Einfluß hatte. Es war die Kunst des Arztes überhaupt mit jeglichem Streben des Geistes deshalb verbunden, weil man damals den Menschen, wenn auch mit einer instinktiven Einsicht, als ein Ganzes ansah in leiblicher, seelischer und geistiger Beziehung und weil man in der Gesundung, die man für die Seele anstrebte, Kräfte wirken lassen wollte, die einem dann Erkenntnisse gaben für die Gesundung des Menschen überhaupt.
[ 29 ] Yes, to a certain extent, we should indeed strive to make this a reality. For when we look into our social order and see the difficulty of incorporating the “I” into it, we are reminded once again of what I have already outlined today for two cultural regions: for the Orient, where the physician was at once a teacher and a leader of the people, and for Greece, where I pointed out that art had, in a certain sense, an educational influence. The art of the physician was connected to every intellectual endeavor precisely because, in those days, people—albeit with an instinctive insight—viewed the human being as a whole in physical, psychological, and spiritual terms, and because, in seeking healing for the soul, they wished to allow forces to act that would then provide insights into the healing of the human being as a whole.
[ 30 ] Man sagte sich: Ich muß eigentlich den Menschen heilen, indem ich ihn zur wahren Geistigkeit bringe. Da muß ich innerhalb eines mehr normalen Lebens Kräfte anwenden, die Gesundungskräfte sind. Verstehe ich diese Kräfte durch und durch, kann ich sie bis in ihre letzte Konsequenz verfolgen, so stellt mir eine solche Erkenntnis das dar, was ich anzuwenden habe, wenn der Mensch krank ist. Ich lerne an der Betrachtung des gesunden Menschen die Kräfte kennen, die ich anwenden muß, wenn ich den kranken Menschen vor mir habe. Der kranke Mensch hat nur eine stärkere Abweichung seiner Organisation nach dieser oder jener Seite hin als auch schon im normalen Leben. Weiß ich, wie ich den normalen Menschen zur Gesundung bringe, so weiß ich auch, wie ich den kranken zu behandeln habe; weiß ich, welcher Trank, welche Essenz mir dieses oder jenes an Einsichten bringt von Zusammenhängen mit der Natur, weiß ich, wie in erkenntnismäßiger Weise das wirkt, was Naturprodukt ist, dann weiß ich auch, wie dieses, wenn ich es stärker anwende, auf den kranken Menschen wirkt.
[ 30 ] People used to say to themselves: I must actually heal people by leading them to true spirituality. To do this, I must apply healing forces within the context of a more normal life. If I understand these forces thoroughly and can trace them to their ultimate consequences, then such insight reveals to me what I must apply when a person is ill. By observing the healthy person, I come to know the forces I must apply when I have a sick person before me. The sick person simply exhibits a more pronounced deviation in their constitution toward one direction or another than is already the case in normal life. If I know how to restore a healthy person to health, then I also know how to treat the sick person; if I know which potion or essence provides me with this or that insight into connections with nature, and if I understand how natural products work from a cognitive perspective, then I also know how these will affect a sick person when I apply them more strongly.
[ 31 ] Wir haben wiederum das, was im alten Orient in inniger Gemeinschaft als Arzneikunst und als Erziehung und als Entwickelung zur Geistigkeit überhaupt gesucht worden ist, was überhaupt eine große Rolle gespielt hat mehr oder weniger in einem geistigen Filtrat im griechischen Kunstleben drinnen. Dort handelt es sich darum, daß die Seele durch die Kunst gesund gemacht werden soll, und man kann, wenn man mit solchen Erkenntnissen an die Sache geht, im Gebrauch des Wortes Katharsis für die Tragödie noch erfühlen, wie es, weil ja dasselbe Wort für das alte Mysterienwesen, für die völlige Reinigung des Menschen zu einem neuen Leben gebraucht worden ist, auf etwas Verwandtes hinwies. Wir werden aber auch darauf verwiesen, wie noch bei den älteren griechischen Ärzten durchaus Erkenntnis und Heilkunde Schwestern waren, zusammengehörten, und wie man, mehr in das Geistige heraufgehoben, in der Erziehung, aber auch in der allgemeinen Volkskultur etwas sah, was mit der Heilkunde Verwandtschaft hatte, was sich gewissermaßen aus der Heilkunde heraushob.
[ 31 ] Once again, we have what was sought in the ancient Orient—in a spirit of deep communion—as the art of healing, as education, and as a path to spirituality in general; something that played a major role, to a greater or lesser extent, as a spiritual distillation within Greek artistic life. There, the aim is to heal the soul through art, and if one approaches the matter with such insights, one can still sense—in the use of the word “catharsis” for tragedy—how it pointed to something akin to the ancient mystery rites, since the same word was used there for the complete purification of the human being into a new life. But we are also reminded of how, even among the ancient Greek physicians, knowledge and medicine were indeed sisters, belonging together, and how—raised to a more spiritual level—education, but also general popular culture, was seen as having a kinship with medicine, something that, in a sense, stood out from medicine itself.
[ 32 ] Wir müssen auf solche Erscheinungen einer abgelebten Zeit hinschauen, wenn wir die richtige innere Seelenkraft gewinnen wollen, um auch wieder in unserer Zeit da, wo wir auf die sozialen Ordnungen hinschauen, so hinzuschauen, daß wir den ganzen Menschen ins Auge fassen, um, wenn wir unseren Mitmenschen gegenübertreten, nicht nur das starke Ich-Gefühl zu entwickeln, sondern dieses mit einem Erfühlen des ganzen Menschen nach Leib, Seele und Geist zu verbinden. Sind wir durch eine geisteswissenschaftliche Entwickelung dazu imstande, dann werden sich gerade durch die Seelenstimmung, die dabei herauskommt, die Mittel und Wege finden lassen, den ganzen Menschen, aber auch alle Menschen, in die soziale Ordnung hineinzustellen, das heißt, die Arbeit für die soziale Ordnung in dem Sinn zu erobern, wie das ja ohnedies durch die geschichtliche Entwickelung als Notwendigkeit dargelegt wird. Das ist es aber, woran wir bis heute noch kranken: die Arbeit in einer richtigen Weise hineinzufügen in die soziale Ordnung.
[ 32 ] We must look to such manifestations of a bygone era if we are to gain the proper inner strength of spirit so that, even in our own time, when we look at social orders, in such a way that we take the whole human being into account, so that when we encounter our fellow human beings, we do not merely develop a strong sense of self, but combine this with an appreciation of the whole human being—body, soul, and spirit. If we are able to do this through spiritual scientific development, then it is precisely through the spiritual disposition that emerges from this that we will be able to find the means and ways to integrate the whole person—and indeed, all people—into the social order; that is, to master the work of the social order in the sense that historical development has already demonstrated to be a necessity. But this is precisely what we still struggle with today: integrating work into the social order in the right way.
[ 33 ] Allerdings sieht man vielfach in der Arbeit etwas, was dann in das Arbeitsprodukt hineingeht, gewissermaßen in ihm kristallisiert ist und ihm eigentlich seinen Wert gibt. Wer genauer zusieht, wird aber bemerken, daß es nicht allein darauf ankommt, daß ein Mensch überhaupt arbeitet, daß er also das, was Kräfte seines physischen Organismus sind, an die soziale Ordnung abgibt, sondern daß das Wesentliche bei Preis- und Wertbildung das ist, wie die Arbeit sich dem gesamten sozialen Leben einfügen kann. Es kann durchaus gedacht werden, daß der Mensch eine Arbeit verrichtet, die im Grunde genommen unökonomisch in der sozialen Ordnung drinnensteht. Der Mensch kann fleißig sein, kann auch glauben, Anspruch zu haben auf Entlohnung seiner Arbeit; wenn aber seine Arbeit in einem mangelhaften sozialen Organismus drinnensteht, dann wird oft durch die Arbeit nicht genützt, sondern geschadet. Und man sollte von einem solchen Gesichtspunkt aus hinschauen auf vieles, was als eine eigentlich unwertvolle und trotzdem anstrengende Arbeit im sozialen Organismus drinnensteht. Betrachten wir nur einmal, wie ungeheuer vieles in unsere Literatur einläuft, was gedruckt werden muß, worauf ungeheure Arbeit mit der Herstellung des Papiers, des Drucks und so weiter angewendet wird, was dann bis auf einen geringen Rest wiederum eingestampft wird: Arbeit ist da geleistet worden, die durchaus, ich möchte sagen, in leere Luft verhaucht wird. Und wenn man bedenkt, wie während des mörderischen Krieges der letzten Jahre ungeheure Arbeit in leere Luft verhaucht worden ist, dann wird man allmählich dennoch zu dem Begriffe kommen, daß Arbeit als solche nicht einen unmittelbaren Wert beanspruchen kann, sondern daß Arbeit ihren Wert bekommt durch die Art und Weise, wie sie sich ins soziale Leben hineinstellt.
[ 33 ] However, work is often seen as something that then becomes part of the product of labor—something that, so to speak, crystallizes within it and actually gives it its value. Anyone who looks more closely, however, will notice that what matters is not merely that a person works at all—that is, that he contributes the physical energy of his body to the social order—but rather that the essential factor in the formation of price and value is how labor fits into social life as a whole. It is entirely conceivable that a person performs work that is, in essence, uneconomical within the social order. A person may be diligent and may even believe they are entitled to compensation for their work; but if their work is situated within a flawed social organism, then that work often does more harm than good. And from this perspective, one should examine much of what exists within the social organism as work that is essentially worthless yet nonetheless strenuous. Let us just consider how an enormous amount of material enters our literature that must be printed—work that requires immense effort in the production of paper, printing, and so on—only to be pulped again, save for a small remnant: work has been done there that, I would say, is utterly wasted into thin air. And when one considers how, during the murderous war of recent years, an immense amount of labor has been wasted into thin air, one gradually comes to the realization that labor as such cannot claim any immediate value, but that labor derives its value from the way it is integrated into social life.
[ 34 ] Daran aber krankt unsere Zeit am meisten, daß ihr gerade das soziale Grundverständnis dafür fehlt, die Arbeit in der entsprechenden Weise in den sozialen Organismus hineinzustellen, daß gewissermaßen der Mensch alles, was er leistet, in Wirklichkeit für seine Mitmenschen leistet. Das aber müssen wir uns erst dadurch erringen, daß wir mit unserem Ich uns wirklich in die menschliche Gemeinschaft lernen hineinzustellen. Erst dadurch, daß wir ein richtiges Verständnis gewinnen von Mensch zu Mensch, so daß das, was des anderen Menschen Bedarf ist, zu gleicher Zeit unser eigenes Erlebnis wird, daß wir uns hinüberleben mit unserem Ich in die Iche der anderen Menschen, werden wir den Weg finden zu jenen neuen sozialen Gemeinschaften, die nicht ein Naturgegebenes sind, sondern die aus dem Ich des Menschen heraus gefunden werden müssen.
[ 34 ] But this is what ails our time most of all: it lacks the fundamental social understanding needed to integrate work into the social organism in such a way that, in a sense, everything a person accomplishes is in reality accomplished for his fellow human beings. But we must first achieve this by learning to truly place our “I” within the human community. Only by gaining a true understanding from person to person—so that what another person needs simultaneously becomes our own experience, and we extend our “I” into the “I”s of other people—will we find the path to those new social communities that are not a given by nature, but must be discovered from within the human “I.”
[ 35 ] Alle unsere sozialen Forderungen aber entspringen durchaus aus dem Ich heraus. Der Mensch fühlt, was ihm mangelt innerhalb der sozialen Ordnung. Das aber, was wir finden müssen, das ist wiederum ein Verständnis für das, was menschliches Zusammenleben nach Leib, Seele und Geist in Wirklichkeit heißt. Das muß vom Ich aus eine soziale Ordnung eigentlich im Grunde genommen erst gebären können.
[ 35 ] All of our social demands, however, arise entirely from the “I.” People sense what is lacking for them within the social order. But what we must find is, in turn, an understanding of what human coexistence—in body, soul, and spirit—truly means. Only then can a social order actually be born from the “I,” at its very core.
[ 36 ] Der große Kampf, der sich innerhalb der Arbeitsteilung abspielt, in anderer Weise als sich diese Kämpfe unter dem Einfluß der menschlichen Ichheit jemals abgespielt haben, ist das, was in allen unseren sozialen Mängeln als die Grundwurzel lebt. Wir gründen heute Gemeinschaften der Produktion; wir treten in sie so ein, daß nicht das, was eine solche Gemeinschaft im sozialen Organismus bedeutet, das Maßgebende für uns ist, sondern so, daß zuerst unser Ich das Maßgebende ist, in begreiflicher Weise. Es soll hier gar nicht in schulmeisterlicher oder in anderer Weise gezetert werden über den menschlichen Egoismus. Es soll erfaßt werden, was in gewisser Weise berechtigt ist. Denn hätten wir dieses Ich-Gefühl nicht, dann wären wir nicht zur menschlichen Freiheit und Würde geschritten. Nur dadurch, daß wir dieses IchGefühl erlangt haben, konnten die großen geistigen Fortschritte gemacht werden. Aber dieses Ich-Gefühl muß die Wege finden zu einem Mitfühlen.
[ 36 ] The great struggle that takes place within the division of labor—in a way that is entirely different from how such struggles have ever unfolded under the influence of human egoism—is the root cause of all our social ills. Today we establish communities of production; we join them not in a way that is guided by what such a community signifies within the social organism, but rather in a way that is guided first and foremost by our ego, as is understandable. There is no intention here to lecture, in a schoolmasterly or any other manner, about human egoism. The aim is to grasp what is, in a certain sense, justified. For if we did not have this sense of self, we would not have advanced toward human freedom and dignity. It is only because we have attained this sense of self that great spiritual progress has been possible. But this sense of self must find the paths to empathy.
[ 37 ] Geredet wird heute viel von der Notwendigkeit, den Individualismus wiederum zu überwinden. Darum kann es sich nicht handeln, sondern darum, in den Menschen selber die Gesellschaft zu entdecken. Der Orientale mußte in der Gesellschaft den Menschen finden. Wir müssen im Menschen die Gesellschaft finden. Das können wir nur, wenn wir das Seelenleben nach allen Seiten erweitern.
[ 37 ] There is much talk today about the need to overcome individualism once again. That cannot be the issue; rather, it is a matter of discovering society within human beings themselves. The Oriental had to find the human being within society. We must find society within the human being. We can do this only if we expand our inner life in every direction.
[ 38 ] Ich habe deshalb versucht, in einem meiner Mysteriendramen am Schluß eine Szene darzustellen, in der gezeigt wird, wie sich ein Mensch hindurchringt zu dem inneren Erleben, das darin besteht, in sich selbst die Differenzierungen in der Menschheit zu erleben. Da draußen sind die Differenzierungen der Menschen. In der sozialen Ordnung müssen wir differenziert sein, müssen wir ein jeder seinen Beruf haben. Im Innern aber können wir, wenn wir die richtige Brücke finden zwischen Mensch und Mensch, alles, was draußen differenziert wird, die soziale Welt, nacherleben, können in uns jeden einzelnen Beruf nacherleben. Geht uns diese soziale Ordnung im Innern auf, finden wir die Möglichkeit, die soziale Wirklichkeit in uns selber zu erleben, dann werden wir jenen umgekehrten Weg gehen können: von dem Ich zur sozialen Ordnung hin. Damit ist aber auch gegeben, daß alles — heute können wir auf die Arbeit hinweisen; in den nächsten Tagen werden wir auch auf das Kapital sehen —- an den einzelnen Menschen Gebundene sich in die menschliche Gesellschaft eingliedern kann. Im Genossenschaftswesen, in der Syndikatsbildung, in der Trustbildung, im Gewerkschaftswesen, überall fühlen wir die Notwendigkeit, von dem Ich aus den Weg zu finden zur Gemeinschaftlichkeit. Aber das eben ist der große Kampf der Gegenwart: daß das, was in unserer Umgebung lebt, auch wirklich in uns Wurzel fassen könnte.
[ 38 ] I therefore attempted, at the end of one of my Mystery Dramas, to depict a scene that shows how a person struggles to reach the inner experience of perceiving within themselves the distinctions that exist among humanity. Out there are the distinctions among people. In the social order, we must be differentiated; each of us must have our own profession. Internally, however, if we find the right bridge between one person and another, we can relive everything that is differentiated on the outside—the social world—and experience every single profession within ourselves. If this social order unfolds within us, if we find the possibility of experiencing social reality within ourselves, then we will be able to take that reverse path: from the “I” toward the social order. This also means that everything—today we can point to labor; in the coming days we will also look at capital—that is bound to the individual human being can become integrated into human society. In the cooperative movement, in the formation of syndicates, in the formation of trusts, in the labor union movement—everywhere we feel the necessity of finding a path from the “I” toward community. But that is precisely the great struggle of the present: that what lives in our surroundings might truly take root within us.
[ 39 ] Es gab — es ist schon darauf hingewiesen worden — eine Zeit, die gar nicht so weit hinter uns zurückliegt, wir brauchen bloß bis zum 13. Jahrhundert etwa zurückzugehen, in der der Mensch verbunden war mit seinem Arbeitsprodukt, eine Zeit, in der jeder Schlüssel, jedes Schloß, das man machte, Freude machte, weil man etwas von seiner eigenen Wesenheit hineingoß. Da war das, was noch Erbstück einer alten sozialen Ordnung war, dem Produkt noch eingeprägt. Man lebte noch ohne die vollerwachte Ichheit mit der sozialen Ordnung mit. Seither ist diese Ichheit innerhalb der Technik zur vollen Höhe und Stärke gekommen. Heute steht der Mensch im Grunde genommen oftmals, selbst wenn er im Geistigen arbeitet, seinem Arbeitsprodukt außerordentlich fremd gegenüber. Es müßte das, was wir in der Außenwelt vollbringen, in uns selber tief wurzeln und sich mit unserer Ichheit verbinden können. Das aber wird eben nur der Fall sein, wenn wir das seelische Leben nach allen Seiten so ausbilden, wie es in den letzten Tagen hier geschildert worden ist. Denn wenn wir dieses Seelenleben so ausbilden, so wird wiederum das Interesse für alles um uns herum Seiende erregt.
[ 39 ] There was—as has already been pointed out—a time not so long ago; we need only go back to around the 13th century—when people were connected to the products of their labor, a time when every key and every lock they made brought them joy because they poured something of their own essence into them. What was still a legacy of an ancient social order was imprinted upon the product. People still lived in harmony with the social order, even before the full awakening of the “I.” Since then, this “I” has reached its full height and strength within technology. Today, even when working in the spiritual realm, people often feel extraordinarily alienated from the products of their labor. What we accomplish in the outer world ought to be deeply rooted within us and able to connect with our sense of self. But this will only be the case if we develop our soul life in every respect as has been described here in recent days. For if we develop this soul life in this way, our interest in everything around us will be reawakened.
[ 40 ] Man kann sehr viele Menschen des rein intellektualistischen Zeitalters finden, die gerade den Beruf, den sie haben, uninteressant finden. Er ist es vielleicht geworden. Es muß wiederum eine Zeit kommen, wo jede Einzelheit des Lebens interessant wird. War sie früher interessant durch das, was sie als Objekt war, so wird sie für eine Zukunft interessant werden können, indem wir bei jedem einzelnen, was wir vollbringen, wissen können, wie es sich eingliedert in die soziale Ordnung der Menschheit. Wir werden, während wir früher auf das Produkt geschaut haben, jetzt auf den des Arbeitsprodukts bedürftigen Menschen schauen. Während früher das Produkt geliebt worden ist, wird menschliche Liebe und menschliche Brüderlichkeit gerade in der entwickelten Seele auftreten können so, daß der Mensch wird wissen können, warum er auf seinem Posten steht.
[ 40 ] One can find many people in this purely intellectual age who find their own profession uninteresting. Perhaps it has become so. There must, however, come a time when every detail of life becomes interesting. Whereas it was once interesting because of what it was as an object, it will be able to become interesting in the future because, in everything we accomplish, we will be able to know how it fits into the social order of humanity. Whereas we used to look at the product, we will now look at the person in need of the product of labor. Whereas the product was once loved, human love and human brotherhood will be able to arise precisely in the developed soul, so that a person will be able to know why they are in their position.
[ 41 ] Das aber muß in der Seele Wurzel fassen, bevor man zu einer Verständigung kommen will über die einzelnen sozialen Mängel unserer Zeit. Man muß von diesem Gesichtspunkte aus auch überschauen, wie Europa noch immer dabei ist, seinen Kampf zu kämpfen um die Ichheit der Menschheit gegenüber dem, was, aus seiner Geisteskultur, noch immer herüberstrahlt von Asien und was von ganz anderen Untergründen ausgegangen ist, als sie heute bestehen, von Untergründen, die in Menschenseelen wurzelten, aber noch nicht bis zur vollen Ichheit erwacht waren.
[ 41 ] But this must take root in the soul before we can reach an understanding regarding the various social ills of our time. From this perspective, one must also consider how Europe is still waging its struggle for the individuality of humanity against what still radiates from Asia through its spiritual culture—and against what originated from foundations entirely different from those that exist today, foundations that were rooted in human souls but had not yet awakened to full individuality.
[ 42 ] So lebt nicht nur die Gegenwart zwischen Individualität und Gemeinschaft in abstrakten Begriffen, wie das vielfach der Fall ist, sondern als in etwas, was die Menschenseele durchdringt, durchsetzt, was jeden einzelnen Menschen heute wie einen Kämpfer hineinstellt um sein Ich. Wir sind eben auf dem Weg zum Finden des Verhältnisses des menschlichen Ichs zu der sozialen Gemeinschaft eigentlich erst im Anfang. Und daraus schreiben sich die Mängel der Zeit, die ich deshalb nicht in besonderen Listen aufzuführen brauche, her.
[ 42 ] Thus, the present does not merely exist in abstract terms between individuality and community, as is often the case, but as something that permeates and permeates the human soul, placing every single person today in the position of a fighter for his or her own self. We are, in fact, only just beginning our journey toward discovering the relationship between the human self and the social community. And this is the source of the shortcomings of our time, which I therefore need not enumerate in specific lists.
[ 43 ] Sieht man diese psychologische Grundlage, diesen geistigen Untergrund ein, dann wird man manches, was einem heute in der sozialen Ordnung entgegentritt als Forderungen, als Nöte, als Elend, im richtigen Lichte sehen. Zu diesem richtigen Lichte uns durchzukämpfen, müssen wir den Mut haben. Dann wird es sich erst zeigen, ob der Pessimismus berechtigt ist, wie ihn in einer besonders radikalen Form selbst Herman Grimm zum Ausdruck gebracht hat, ob es berechtigt ist, zu sagen: es blieben nur Niedergangskräfte innerhalb unserer europäischen Zivilisation, man könne nur pessimistisch sein, man müsse sogar den Tag eines allgemeinen Selbstmordes fixieren.
[ 43 ] If one recognizes this psychological foundation, this intellectual underpinnings, then one will see many of the things that confront us today in the social order—as demands, as hardships, as misery—in their proper light. We must have the courage to fight our way through to this proper light. Only then will it become clear whether the pessimism—as expressed in a particularly radical form even by Herman Grimm himself—is justified; whether it is justified to say: only forces of decline remain within our European civilization; one can only be pessimistic; one must even set a date for a general suicide.
[ 44 ] Ja, es ist doch die Frage, ob schon alles das, was für Europa an asiatischer Eigentümlichkeit zu besiegen war, schon besiegt ist, damit dann Europa, nachdem es sich selbst gefunden hat, von der Mitte der Weltentwickelung aus auch die Verständigung nach dem Osten hinüber gewinnen kann. Von einem solchen Gesichtspunkte ist zu betrachten, ob man hinschauen solle auf so etwas, wie es Herman Grimm meint, oder ob man auch daran denken könne, daß die Menschheit doch aus der Entwickelung dessen, was in ihrer Seele schlummert, heraus dic Möglichkeit hat, den Tag zu bestimmen, an dem Verständigung eintritt - daß nicht der Tod dieser europäischen Zivilisation uns bevorstehen darf, sondern eine neue Geburt.
[ 44 ] Yes, the question is whether everything in Asian character that Europe had to overcome has already been overcome, so that Europe, having found itself, can then—from the center of world development—also foster understanding with the East. From this perspective, we must consider whether we should focus on something like what Herman Grimm suggests, or whether we might also consider that humanity, through the development of what lies dormant in its soul, has the potential to determine the day on which understanding will prevail—that what lies ahead for us is not the death of this European civilization, but a new birth.
[ 45 ] Ob und inwiefern ein solches möglich ist, das soll wenigstens andeutend in den nächsten Vorträgen charakterisiert werden.
[ 45 ] Whether and to what extent this is possible will be at least briefly addressed in the following lectures.
