Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
10 June 1922, Vienna
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Contrasts Between Western and Eastern Cultures, tr. SOL
9. Die Zeit und ihre sozialen Hoffnungen: Europa-Amerika
9. The Times and Its Social Hopes: Europe-America
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wer heute Kräfte innerhalb der sozialen Ordnung entdecken will, die zu Hoffnungen berechtigen, der muß schon im Verborgenen suchen. Soziale Nöte und Mängel sind ja offenbar. Hoffnungen, namentlich berechtigte Hoffnungen, weniger.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone who wants to discover forces within the social order today that give rise to hope must look for them in hidden places. Social hardships and shortcomings are, after all, obvious. Hope—especially well-founded hope—is less so.
[ 2 ] Allerdings gibt es mehr oder weniger große oder kleine Illusionäre, die auch gegenüber den heutigen großen Zeitschwierigkeiten in diesem oder jenem Rezept das Heil suchen, die allerlei soziale Einrichtungen ausdenken, innerhalb welcher die Menschheit oder wenigstens ein Teil der Menschheit besser gedeihen könne, als das bis jetzt der Fall war. Nun aber glaube ich, daß heute tatsächlich, wenn ich mich so ausdrücken darf, unsere Gescheitheit, unsere allgemeine Gescheitheit so vorgeschritten ist, daß es verhältnismäßig leicht ist, aus sogenannten Vernunftgründen heraus irgendein soziales System auszudenken. Und man kann heute schon recht viele soziale Systeme der verschiedensten Parteischattierungen kennen, ohne sie eigentlich irgendwie schlecht zu finden, und dennoch sich eigentlich nicht viel von ihnen versprechen. Jedenfalls kann derjenige, der die heutige soziale Ordnung nicht bloß wahrnimmt von seiten dessen, was man über sie ausdenken kann, sondern vom Gesichtspunkt der Menschenerkenntnis, eigentlich nur davon sprechen, daß soziale Hoffnungen aufkommen können, wenn der Mensch dem Menschen an sich, möchte ich sagen, wiederum näherkommen kann.
[ 2 ] However, there are idealists—some on a larger scale, others on a smaller one—who, even in the face of today’s major societal difficulties, seek a solution in this or that formula, devising all sorts of social institutions within which humanity—or at least a part of humanity—could flourish better than has been the case so far. But I believe that today, if I may put it that way, our intelligence—our general intelligence—has actually advanced to such an extent that it is relatively easy to devise any social system based on so-called rational grounds. And today one can already be familiar with quite a number of social systems representing the most diverse political shades without actually finding any of them particularly bad, and yet without really expecting much from them. In any case, anyone who perceives today’s social order not merely from the perspective of what one can conceive of regarding it, but from the standpoint of an understanding of human nature, can really only say that social hopes can arise if human beings can once again draw closer to one another in their very essence, so to speak.
[ 3 ] Es handelt sich vor allen Dingen wirklich nicht mehr um das Ersinnen von Einrichtungen, sondern um die Möglichkeit, den Menschen zu finden, so daß man mit ihm zuammen in den sozialen Einrichtungen drinnenstehen kann. Und da wird man sogar zugeben müssen, daß, wenn in dieser Weise der Mensch innerhalb der sozialen Ordnung oder auch des heutigen sozialen Chaos gefunden werden kann, daß dann mehr oder weniger auch diese oder jene äußere Einrichtung dem gleichen Ziel dienen könne. Denn es ist schon so, daß der Mensch in sozialer Beziehung doch auch auf die allermannigfaltigste Weise gedeihen kann, unter den mannigfaltigst gestalteten sozialen Einrichtungen.
[ 3 ] Above all, it is truly no longer a matter of devising institutions, but rather of finding people so that one can stand alongside them within those social institutions. And here one must even admit that if people can be found in this way within the social order—or even within today’s social chaos—then, to a greater or lesser extent, this or that external institution can also serve the same goal. For it is indeed true that, in social relationships, people can flourish in the most diverse ways, even within the most varied social institutions.
[ 4 ] Es kommt heute auf den Menschen an, nicht auf die Einrichtungen allein. Deshalb hat es auch gerade in denjenigen Kreisen, in denen man noch die soziale Frage mehr empfindet, als daß man über sie denkt, eine gewisse Befriedigung hervorgerufen, daß ich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» nicht bloß darauf hingewiesen habe, wie das eine oder das andere beispielsweise anders eingerichtet werden könnte, sondern darauf, daß vieles heute darauf ankommt, daß derjenige, der zum Beispiel ein Unternehmen zu führen hat, in der Lage ist, mit seinem ganzen Menschen entweder selbst oder durch Helfer in die Menschenmasse einzugreifen, die in diesem Unternehmen arbeitet, so daß er ihr nahekommt erstens dadurch, daß er in seinem Unternehmen wirklich auf menschliche Art mit denen, die an dem Unternehmen beteiligt sind, alles das durchspricht, was da vorgeht vom Ankauf, von der Erwerbung des Rohprodukts bis zum Hinbringen des fertigen Produkts auf den Markt und bis zu der Art und Weise, wie es in den Konsum übergeht. Wenn man diesen ganzen Weg auf eine aufs Menschliche hinorientierte Weise immer wieder und wiederum durchspricht mit denjenigen, die am Unternehmen beteiligt sind, dann legt man einen Grund, um erst das andere auf diesem Grund erbauen zu können, was sonst in sozialer Beziehung heute wünschenswert und zu erstreben berechtigt ist.
[ 4 ] Today, it is people who matter, not institutions alone. That is why, especially in those circles where the social question is still felt more than it is thought about, it has evoked a certain sense of satisfaction that in my “Key Points of the Social Question,” I did not merely point out how one thing or another could be organized differently, for example, but rather that much depends today on the person who, for instance, has to run a business being able—with his whole being, either personally or through assistants—to engage with the workforce employed in that business, so that he draws close to them, first of all by truly discussing everything that goes on in his enterprise—from purchasing and acquiring raw materials to bringing the finished product to market and the way it enters consumption—in a human manner with those involved in the enterprise. If one repeatedly discusses this entire process in a human-centered manner with those involved in the enterprise, then one lays a foundation upon which to build everything else that is otherwise desirable and worthy of pursuit in today’s social context.
[ 5 ] Aber das genügt noch nicht, wenn man gerade in dieser Art fachmännisch zu den Menschen spricht, sondern es ist noch etwas anderes notwendig. Und was da notwendig ist, damit wir wieder soziale Hoffnungen haben können, davon möchte ich eben gerade heute sprechen.
[ 5 ] But that is not enough when speaking to people in this expert manner; something else is also necessary. And today, I would like to talk specifically about what is necessary for us to regain hope for society.
[ 6 ] Es ist seit langer Zeit eine verbreitete Anschauung, daß der Mensch, der in sozialer Beziehung führend ist, vor allen Dingen den Weg suchen müsse zu der großen breiten Masse. Nach dieser Richtung sind Bestrebungen gepflogen worden schon durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch. Und als die soziale Frage immer brennender und brennender wurde, da konnte man es bemerken, wie der oder jener Monate hindurch sich selbst als Arbeiter in Fabriken betätigte, um das Arbeiterleben kennenzulernen. Es hat Hofräte gegeben, die, nachdem sie selbst schon pensoniert worden waren, also ihre soziale Arbeit eigentlich schon vollendet hatten, unter die Arbeiter sich begaben und dann erstaunt waren, wie es eigentlich in bezug auf das Volk in Wirklichkeit aussieht. Kurz, es bestehen seit langem Bestrebungen, den Menschen der breiten Masse, insbesondere auch den Proletarier kennenzulernen. Und, man kann schon sagen, ein Bedeutsames, ein Großes haben in dieser Beziehung unsere Literatur, unser Schrifttum, unsere Kunst geleistet. Was Malerei und andere Künste, was das Schrifttum geleistet haben in bezug auf die Darstellung, die zuweilen ergreifende Darstellung dessen, was unter Proletariern, was sonst unter den breiten Massen wächst, das muß selbstverständlich durchaus anerkannt werden. Allein bei den großen Fragen der Gegenwart kommt es eigentlich darauf doch nicht an, daß die führenden Menschen vor allen Dingen das kennenlernen, was unter Proletariern oder sonst in der breiten Masse lebt, wenig kommt im Grunde genommen heute eigentlich darauf an, daß man auch mit künstlerischem Sinn aus dem Innern heraus schildert, wie die breiten Massen leben, wie sie vom Elend geplagt werden etwa, von Sorgen geplagt werden, wie sie streben, was sie für Ideen, für Ziele haben und so weiter, Ich möchte sagen: Es kommt heute weniger darauf an, daß wir einen Weg finden, um die breiten Massen zu verstehen, sondern es kommt vielmehr darauf an, daß wir die Möglichkeit finden, von diesen breiten Massen verstanden zu werden, daß wir hineingehen in die Fabrik, in jegliche Unternehmung, und so sprechen können, daß wir nicht als akademisch, daß wir nicht als «gebildet», nicht als theoretisch empfunden werden, sondern daß wir als Menschen empfunden werden, empfunden werden so, daß wir etwas zu sagen haben, was tatsächlich in die Seelen hinein spricht.
[ 6 ] It has long been a widespread view that a person who plays a leading role in society must, above all, seek a way to reach the vast masses. Efforts in this direction were made throughout the entire 19th century. And as the social question became increasingly pressing, one could observe how, over the course of several months, this or that person would work as a laborer in factories to gain firsthand experience of the workers’ lives. There have been court councilors who, after they themselves had already retired—that is, after they had in fact already completed their social work—went among the workers and were then astonished at what life was actually like for the people. In short, there have long been efforts to get to know the people of the broad masses, especially the proletariat. And it is fair to say that our literature, our writings, and our art have achieved something significant, something great in this regard. What painting and the other arts, as well as literature, have accomplished in terms of depicting—sometimes in a deeply moving way—what is happening among the proletariat and among the broader masses must, of course, be fully acknowledged. But when it comes to the major issues of the present, what really matters is not that the leaders, above all else, come to know what is alive among the proletariat or otherwise among the broad masses; and, fundamentally speaking, it matters little today whether one depicts—with artistic sensibility and from the heart—how the broad masses live, how they are plagued by misery, for example, or by worries, how they strive, what ideas and goals they have, and so on. I would like to say: What matters less today is that we find a way to understand the broad masses; rather, what matters is that we find a way to be understood by these broad masses—that we go into the factory, into any enterprise, and speak in such a way that we are not perceived as academic, that we are not perceived as “educated,” or as “theoretical,” but that we are perceived as human beings—perceived in such a way that what we have to say truly speaks to people’s souls.
[ 7 ] Schöne Bestrebungen sind ja seit langem im Gang, allerlei Volkshochschulen, Volksbildungsanstalten und so weiter zu begründen. Was da an das Volk herangebracht wird, interessiert zwar eine Weile durch das Befremdende, das manche wissenschaftliche Resultate haben, es ruft Sensation hervor, wenn wir es etwa mit Lichtbildern begleitet sein lassen, oder wenn wir gar mit den Leuten in Menagerien gehen und dergleichen. Aber man sollte sich keiner Illusion darüber hingeben, daß das nicht wirklich hineinspricht in die Seelen, daß das die Herzen nicht ergreift. In die Seelen hineinsprechen, Herzen ergreifen, das können wir nur, wenn wir etwas zu sagen haben, was davon handelt, wie der Mensch in das ganze Dasein hineingestellt ist. Darüber haben allerdings heute führende Persönlichkeiten noch ganz merkwürdige Ansichten. Sie denken sich, daß der Angehörige der breiten Volksmassen sich ja doch nicht, wie sie das nennen, für «philosophische Fragen» zum Beispiel interessiere. O nein! Wenn man nur die richtige Sprache, in die das gegossen werden muß, findet, dann leuchten die Augen auf, dann schließen sich die Herzen auf. Wenn man zum Beispiel von ganz einfachen wissenschaftlichen Tatsachen ausgehrt, diese einfachen wissenschaftlichen Tatsachen dann so zu behandeln weiß, daß zuletzt aus der Betrachtung Menschenwesen und Menschenbestimmung herausspringt, und man dadurch, daß man den Leuten zeigt: die Dinge sind gut begründet, und auf der anderen Seite zeigt: das ist nicht ein zersplittertes Wissen, das einen höchstens interessieren kann in den Mußestunden, sondern etwas, was der Mensch in seine Seele aufnehmen kann, so daß er Seelennahrung hat - wenn einem das gelingt, dann erst hat man den Anfang damit gemacht, Vertrauen zu schaffen zwischen dem sogenannten Volk und den führenden Persönlichkeiten. Heute können Sie reden vom Parteistandpunkt aus, heute können Sie irgendwie an das Volk Begriffe heranbringen von «Kapitalismus», von «Arbeit», von «Mehrwert» und dergleichen: das Volk wird sich diese Begriffe nach und nach aneignen; dann können Sie parteimäßig sprechen. Aber Sie werden mit diesem parteimäßigen Sprechen die Menschen nicht dazu bringen, nun in solche soziale Gestaltungen einzugehen, in denen sie tatsächlich mit ihrer ganzen Menschlichkeit Anteil nehmen, mitzuarbeiten, auf daß das entsteht, was man erhoffen muß, wenn nicht die Niedergangs-, sondern die Aufgangskräfte siegen sollen.
[ 7 ] There have long been commendable efforts to establish all kinds of adult education centers, public education institutions, and so on. What is presented to the people there does indeed hold their interest for a while because of the strangeness inherent in some scientific findings; it creates a sensation when we accompany it with photographs, for example, or when we even take people to menageries and the like. But one should not labor under the illusion that this does not truly speak to their souls, that it does not touch their hearts. We can speak to people’s souls and touch their hearts only if we have something to say about how human beings are situated within the whole of existence. Today, however, leading figures still hold quite peculiar views on this matter. They imagine that the members of the broad masses are not, as they put it, interested in “philosophical questions,” for example. Oh no! If one can only find the right language into which this must be poured, then eyes light up, and hearts open. If, for example, one starts from very simple scientific facts and knows how to treat these simple scientific facts in such a way that, ultimately, the nature of the human being and the human purpose emerge from the consideration—and by showing people that these things are well-founded, while at the same time demonstrating that this is not fragmented knowledge that can at best be of interest during one’s leisure hours, but rather something that a person can take into their soul so that they have nourishment for the soul—if one succeeds in this, only then has one taken the first step toward building trust between the so-called people and the leading figures. Today you can speak from the party’s standpoint; today you can somehow introduce concepts like “capitalism,” “labor,” “surplus value,” and the like to the people: the people will gradually make these concepts their own; then you can speak in party terms. But with this party-style rhetoric, you will not persuade people to participate in social structures in which they actually take part with their whole humanity, to work together so that what one must hope for may come to pass—namely, that the forces of ascent, rather than those of decline, may prevail.
[ 8 ] Nun, wenn man nur den Willen zu solchen Sachen hat, dann kann man das wahrnehmen, was da eigentlich waltet, wo heute noch die Hindernisse und die Hemmungen liegen. Ich selbst war jahrelang Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule. Ich habe die verschiedensten Unterrichtszweige dort zu vertreten gehabt. Ich habe mich niemals irgendeinem Parteidogma gefügt; aber ich habe auch niemals ein Hindernis gefunden im Verständnis, das mir entgegengebracht worden ist gerade von seiten des Proletariers, wenn ich die Geschichte zum Beispiel so vorgetragen habe, daß ich überall habe durchleuchten lassen, wie die Geschichte nicht etwas ist, was sich in geschichtsmaterialistische Anschauung fassen läßt, sondern etwas, in dem geistige Kräfte und geistige Impulse wirksam sind. Und ich konnte sogar ein gewisses Verständnis dafür hervorrufen, warum zum Beispiel Marx, den man dazumal in den Kreisen meiner Zuhörer sehr gut innehatte, zu der Anschauung gekommen ist, die man als «geschichtlichen Materialismus» bezeichnet, und die eben dahin geht, daß alles, was als Geistiges vorhanden ist, nur Äußerungen von mechanistischen, von wirtschaftlichen und so weiter Umständen seien. Ich konnte den Leuten begreiflich machen, daß das davon herkommt, daß in der Tat im geschichtlichen Leben seit etwa dem 16. Jahrhundert immer mehr und mehr die Kräfte hervorgetreten sind, durch die das wirtschaftliche Leben so tonangebend, so ausschlaggebend geworden ist, daß tatsächlich Kunst, Wissenschaft und so weiter wie Ergebnisse erscheinen, in gewisser Beziehung es sogar sind, des wirtschaftlichen Lebens, des mechanistischen Lebens. Und weil Marx nur die neuere Geschichte kannte, kam er zu seinem Irrtum.
[ 8 ] Well, if one simply has the will to engage in such matters, then one can perceive what is actually at work there—where the obstacles and inhibitions still lie today. I myself was a teacher at a workers’ educational school for many years. I taught a wide variety of subjects there. I never conformed to any party dogma; but I also never encountered any resistance in the understanding shown to me, particularly on the part of the proletariat, when, for example, I taught history in such a way that I consistently highlighted how history is not something that can be reduced to a materialist view of history, but rather something in which spiritual forces and spiritual impulses are at work. And I was even able to evoke a certain understanding of why, for example, Marx—who was very well known at the time in the circles of my listeners—came to the view known as “historical materialism,” which holds that everything that exists as spiritual is merely an expression of mechanistic, economic, and other such circumstances. I was able to help people understand that this stems from the fact that, in historical life since about the 16th century, the forces through which economic life has become so dominant and decisive have indeed come to the fore more and more, so that art, science, and so on actually appear—and in a certain sense even are—as results of economic life, of mechanistic life. And because Marx was familiar only with recent history, he arrived at his error.
[ 9 ] Ich will aber gar nicht Partei nehmen für das eine oder das andere, sondern nur darauf hinweisen, daß selbst dieses verstanden worden ist. Nicht das mangelnde Vertrauen der Zuhörer hat diese Art der Volksunterweisung unmöglich gemacht, sondern das, daß eines Tages die gebräuchlichen Führer merkten: da wird nicht parteidogmatisch gelehrt, da wird so gelehrt, daß nach bestem Wissen und Ermessen das, was zur Veranschaulichung gebracht wird, aus dem Menschlichen hervorgebracht wird. Und sie bekamen Angst, diese gebräuchlichen Führer, daß sich die Zuhörerschaft immer mehr und mehr vermehre. Und eines Tages erschien ein Abgesandter dieser Führer in einer Versammlung, die zu dem Zwecke einberufen worden war, zu untersuchen, ob ich geeignet wäre zum Lehrer an der Arbeiterbildungsschule. Es erschien ein Arbeiterführer. Und als ich die Bemerkung machte: Ja, wenn ein Prinzip des Fortschritts innerhalb dieser Kreise geltend gemacht werden soll, so muß doch hier wenigstens eine völlige Lehrfreiheit herrschen —, da antwortete dieser Abgesandte: Freiheit, das anerkennen wir nicht! Wir anerkennen nur einen vernünftigen Zwang.
[ 9 ] But I do not wish to take sides with one or the other; I merely want to point out that even this has been understood. It was not the listeners’ lack of trust that made this kind of public instruction impossible, but the fact that one day the established leaders realized: this is not being taught according to party dogma; it is being taught in such a way that, to the best of one’s knowledge and judgment, what is presented for illustration is drawn from human experience. And these established leaders became afraid that the audience would grow larger and larger. And one day, a representative of these leaders appeared at a meeting that had been convened for the purpose of determining whether I was suitable to be a teacher at the workers’ educational school. A labor leader appeared. And when I remarked, “Yes, if a principle of progress is to be upheld within these circles, then at least complete freedom of teaching must prevail here”—this envoy replied, “Freedom—we do not recognize that! We recognize only reasonable coercion.”
[ 10 ] Nun, von dieser Anschauung ging dann mein Ausschließen aus dem Lehrerkollegium jener Arbeiterbildungsschule aus. Aber für mich selbst war das ein wirklich wichtiges Studium — nicht das Hinausgeworfenwerden zuletzt, sondern das Zusammensein mit den breiten Volksmassen vorher, die gerade im modernen Proletariat zu finden sind —, ein Studium aus dem Grunde, weil man sehen konnte: Redet man nur aus dem vollen Menschentum heraus, redet man so, daß die Zuhörer den Eindruck haben: da wird uns etwas gesagt, was uns bis ans Herz herandringt, was mit unserer Menschlichkeit zu tun hat, was mit unserer Menschheit als Erdenwesen zu tun hat, dann betrachten sie dieses aus einer Weltanschauung herauskommende Denken heute als das Wichtigste, was an sie herantreten kann. Ein Gefühl dafür ist vorhanden, daß vor allen Dingen Aufklärung, jetzt nicht im parteimäßigen Sinn, sondern im allgemein menschlichen Sinn, unter die Massen kommen müsse. Die Leute lechzen, mehr oder weniger unbewußt, nach dem, was aus einer wirklichen breiten Weltanschauung heraus kommt.
[ 10 ] Well, it was this view that ultimately led to my expulsion from the teaching staff of that workers’ educational school. But for me personally, it was a truly important learning experience—not so much the expulsion itself in the end, but rather the time spent beforehand among the broad masses of the people, who are to be found precisely within the modern proletariat—a learning experience fundamentally because one could see: If one speaks solely from a place of full humanity—if one speaks in such a way that the listeners have the impression: here we are being told something that touches our very hearts, that has to do with our humanity, that has to do with our existence as earthly beings—then they regard this way of thinking, which springs from a worldview, as the most important thing that can be offered to them today. There is a sense that, above all, enlightenment—not in the partisan sense, but in the general human sense—must reach the masses. People are craving, more or less unconsciously, what arises from a truly broad worldview.
[ 11 ] Und wie sollte es anders sein, meine sehr verehrten Anwesenden! Sehen wir doch, wie breite Menschenmassen heute so an ihre Arbeit hingestellt sind, daß diese Arbeit sie eigentlich unmöglich interessieren kann. Sie verrichten diese Arbeit, als ob sie etwas vor sich hätten, was zu ihrem Menschentum in gar keiner Beziehung stünde, Daher sind auch die Verbindungen, die Genossenschaften, die Gewerkschaften, für die in diesen Kreisen eine Neigung ist, so, daß sie sich zwar gliedern nach den Gewerben - es gibt Metallarbeitergewerkschaften, Buchdruckergewerkschaften und so weiter —, daß sie aber im Grunde genommen mit diesem Momente der Produktion außerordentlich wenig zu tun haben, sondern das meiste zu tun haben mit dem, was auf dem Gebiet des materiellen Lebens allgemein menschlich ist, das ist die Konsumtion, das ist die Geltendmachung der menschlichen Bedürfnisse. In bezug auf Produktion mußte die Menschheit zur Resignation schreiten, in bezug auf die Konsumtion aber durchaus nicht in demselben Grade. Und so steht heute ein großer Teil der modernen Menschheit vor einer Arbeit, die den Menschen ganz zurückweist auf sich selbst. Ihn kann nicht interessieren, was seine Umgebung ist; ihn kann nicht interessieren, was er vom Morgen bis zum Abend tut, wenn man es ihm nicht so beibringt, daß er Interesse haben kann; ihn interessiert vor allen Dingen, deshalb muß damit angefangen werden, was sich ihm darstellt, wenn er mit sich allein ist nach der Arbeit, wenn er einzig und allein ins Auge fassen kann, was er als Mensch ist. Und wir müssen sagen, wenn wir auf das soziale Chaos unserer Tage hinschauen, so finden wir schon deutlich genug, daß viele Menschen, auch der führenden Stände, herausgerissen sind aus dem, was unmittelbares Interesse, was unmittelbarer Zusammenhang mit dem ist, was man tut. Es dürfte ja auch nicht etwa bloß ein offenes Geheimnis sein, sondern etwas, was in weitesten Kreisen bekannt ist, daß heute selbst viele, die einen geistigen Beruf haben, eigentlich auch an diesem geistigen Beruf so wenig Interesse haben, daß sie auch darauf angewiesen sind, erst dann, wenn sie von ihrem Beruf hinweggehen, sich bloß für sich als Menschen zu interessieren. Aber schon daraus geht hervor, daß es nötig ist, daß man Menschliches an die Menschen heute heranbringt, wenn man soziale Hoffnungen begründen will.
[ 11 ] And how could it be otherwise, my esteemed audience! Let us consider how vast numbers of people today are assigned to their work in such a way that this work cannot possibly interest them. They perform this work as if they were faced with something that bears no relation whatsoever to their humanity. Consequently, the associations, cooperatives, and unions—toward which there is a certain inclination in these circles—are organized along occupational lines—there are metalworkers’ unions, printers’ unions, and so on—but that, fundamentally, they have very little to do with this aspect of production; rather, they are primarily concerned with what is generally human in the realm of material life—that is, consumption, that is, the assertion of human needs. With regard to production, humanity has had to resign itself to its fate; with regard to consumption, however, by no means to the same degree. And so today a large part of modern humanity faces a form of work that forces people to turn entirely inward. He cannot be interested in his surroundings; he cannot be interested in what he does from morning to night unless he is taught in such a way that he can take an interest in it; above all, he is interested—and this is why we must begin here—in what presents itself to him when he is alone with himself after work, when he can focus solely on what he is as a human being. And we must say that when we look at the social chaos of our day, we find quite clearly that many people—even among the leading classes—have been torn away from what constitutes an immediate interest, an immediate connection to what one does. It is, after all, not merely an open secret, but something known in the widest circles, that today even many who have an intellectual profession actually have so little interest in that very profession that they, too, are compelled to take an interest in themselves as human beings only when they step away from their profession. But this alone shows that it is necessary to bring humanity to people today if one wishes to lay the foundation for social hopes.
[ 12 ] In bezug auf Verstandeskultur haben wir ja außerordentlich vieles geleistet. Wir können heute darauf hinweisen, was menschliche Intelligenz alles geleistet hat. Und es kann gewiß außerordentlich viel gelernt werden, wenn man die Ergebnisse der menschlichen Leistungen in Wissenschaft und Kunst und so weiter an die Menschen heranbringt. Aber darum kann es sich doch nicht handeln, sondern es handelt sich darum, daß man in der Lage ist, nicht nur verstandesmäßige Bildung heute zu verbreiten, um soziale Gestaltungen zu begründen, sondern daß man in der Lage ist, den Menschen warm zu machen, den Menschen zu begeistern, zu begeistern nicht dadurch, daß man große und hohe Worte macht, daß man seine Reden schön formt, sondern dadurch, daß man etwas zu sagen hat, bei dem der Mensch erfühlt und empfindet: das rührt an mein Menschentum.
[ 12 ] When it comes to intellectual culture, we have indeed achieved an extraordinary great deal. Today we can point to all that human intelligence has accomplished. And there is certainly an extraordinary amount to be learned when the results of human achievements in science, art, and so on are brought to the people. But that cannot be the point; rather, the point is that we are able not only to disseminate intellectual education today to lay the groundwork for social structures, but also to be able to inspire people, to stir their enthusiasm—not by using grand and lofty words or crafting beautiful speeches, but by having something to say that makes people feel and sense: “This touches my very humanity.”
[ 13 ] Wenn wir aber heute mit einer Weltanschauung an die Menschen herantreten, die wir herausnehmen aus dem, was heute populär ist, was heute auch schon aus unseren ausgezeichneten, großartigen Wissenschaften als anerkannt gewonnen werden kann, man wird sich alsbald überzeugen, wie es unmöglich ist, damit wirklich ins Herz der Menschen hineinzugreifen, etwas dem Menschen zu geben, was an sein Menschentum rührt. Der Mensch wird das immer als etwas Äußerliches empfinden, was man ihm auf die gewöhnliche Weise geben kann, und er wird es vor allen Dingen:so empfinden, daß er, wenn er sich dann vertrauensvoll ausspricht, weil man durch andere Eigenschaften sein Vertrauen gewinnt, daß er einem dann sagt: Ja, das wäre alles recht schön; aber erstens können wir das gar nicht verstehen, denn da sind so viele Dinge darinnen, zu denen man erst eine besondere Vorbildung haben muß, so daß wir das nicht verstehen können, und dann ist es uns nicht einfach genug; es ist etwas, was uns sagt: Du kannst da nicht hinüber. - Viele Menschen habe ich so reden hören über das, was heute Volkshochschulen, Volksbibliotheken und dergleichen sind. Wenn man aber gerade auf Grund einer solchen Erfahrung sucht, wie man in das soziale Leben hineinkommt, dann muß man eben tiefer suchen, woran das eigentlich liegt. Und da bin ich wieder genötigt, ich möchte sagen, als Episode etwas Weltanschauliches einfließen zu lassen.
[ 13 ] But if we approach people today with a worldview derived from what is currently popular—and from what has already been recognized and established by our excellent, magnificent sciences—one will soon realize how impossible it is to truly touch people’s hearts with it, to give them something that speaks to their humanity. People will always perceive this as something external—something that can be given to them in the usual way—and above all, they will feel that when they then speak with confidence—because their trust has been earned through other qualities—they will say to you: “Yes, that would all be quite nice; but first of all, we can’t understand it at all, because there are so many things in it that require special prior training, so that we can’t understand it, and second, it isn’t simple enough for us; it’s something that tells us: You can’t cross over there.” - I have heard many people speak this way about what are now adult education centers, public libraries, and the like. But if, precisely on the basis of such an experience, one seeks a way to enter social life, then one must simply look deeper to find out what the real reason is. And here I am again compelled—I would like to say—to incorporate a worldview-related point as an aside.
[ 14 ] Wenn wir hinüberblicken, wie wir das ja in diesen Tagen oftmals getan haben, in die asiatisch-orientalischen Kulturen, von denen so viele Erbstücke bis in unsere Schulen, sogar bis in unsere Mittel- und Hochschulen hinein vorhanden sind, so finden wir, daß da allerdings auf den Höhen der Bildung etwas ist, was uns auch heute noch von einem unsäglichen Wert sein muß. Das aber, was das Charakteristische ist, was einmal auf diesem Gebiet an Welterkenntnissen, Weltanschauungen gefunden worden ist, das ist doch erfaßt worden mit dem menschlichen Geist, der dann in weiterer Entwickelung der Intellekt geworden ist, von dem ich ja als der besonderen Kraft der neueren Zeit in diesen Tagen auch gesprochen habe. Unser neuzeitlicher besonders stark entwickelter Intellekt ist im Grunde genommen ein spätes Entwickelungsprodukt dessen, was im Orient drüben träumerisches Hellsehen war. Dieses träumerische Hellsehen hat abgeworfen, was unmittelbarer Einblick in die Außenwelt war, und hat sich heraufentwickelt zu unserer inneren logischen Ordnung, zu dem, was heute das große Mittel ist, um Naturerkenntnis zu erringen.
[ 14 ] When we look across—as we have done so often in recent days—at the Asian and Eastern cultures, so many remnants of which are still present in our schools, even in our middle schools and high schools, we find that there is indeed something at the pinnacle of their education that must still be of inestimable value to us today. But what is characteristic—what was once discovered in this realm of world knowledge and worldviews—was grasped by the human spirit, which later developed into the intellect, of which I have also spoken these days as the special force of the modern era. Our modern, particularly highly developed intellect is, in essence, a late product of what was once dreamlike clairvoyance in the Orient. This dreamlike clairvoyance shed what was an immediate insight into the external world and developed into our inner logical order—into what is today the primary means of attaining knowledge of nature.
[ 15 ] Und im Grunde genommen müssen wir auch in dem, was wir heute als das Mittel der Mitteilung für Weltanschauliches in Europa haben, ein Erbstück erkennen, das wir aus dem Orient haben. Nicht nur die mittelalterlichen Scholastiker haben noch so geredet, daß in ihren Wortformen und Begriffsformen und Ideenformen das enthalten war an Kräften der Seele, was herübergekommen ist aus dem Orient, sondern auch wir - wenn wir es auch ableugnen — reden bis in die Chemie und Physik hinein in Worten, in denen wir nicht reden würden, wenn nicht unsere Bildung bis in die höheren Schulen hinauf im Grunde genommen ein Ergebnis dessen wäre, was vom Orient herübergekommen ist.
[ 15 ] And, when it comes down to it, we must also recognize that what we have today in Europe as the means of communicating worldviews is a legacy we have inherited from the East. Not only did the medieval scholastics speak in such a way that their forms of expression, concepts, and ideas contained the spiritual forces that had come over from the East, but we, too—even if we deny it — speak, even in chemistry and physics, using words we would not use if our education, all the way up to the higher schools, were not essentially the result of what came over from the East.
[ 16 ] Aber indem dasjenige, was altes Hellsehen war, Intellekt geworden ist, hat es gleichzeitig wie einen anderen Zweig aus sich das herausgetrieben, was vielfach maßgebend geworden ist für die Weltanschauung breiter Volksmassen, Anschauungen, die eigentlich heute in Europa zum großen Teil schon ausgestorben sind, die ausgemerzt worden sind von der neueren Volksschulbildung, die nur noch in Resten vorhanden sind in den ungebildetsten Klassen. Während sich auf der einen Seite der Intellekt bis zu wunderbaren Höhen entwickelt hat, entwickelte sich viel mehr, als das die heutige Seelengeschichte zeigt, auf dem Grund des Volkstums das, was gewisse subjektive Erlebnisse einfach unwillkürlich hinausprojizierte in den Raum, was zwar die mannigfaltigsten Formen annahm, was aber doch mit dem einheitlichen Wort Gespensteraberglaube benannt werden kann. Dieser Gespensteraberglaube, der darin besteht, daß subjektive Erlebnisse objektiv hinausversetzt werden in den Raum und in die Zeit, spielte im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit eine viel größere Rolle, als man heute denkt. Und wenn heute auch jeder halbwegs Gebildete diesen Gespensterglauben als Aberglauben erkennt, so leben doch vielfach noch atavistisch in uns die Gefühle, die sich unter dem Einfluß dieses Gespensterglaubens entwickelt haben. Und vielfach arbeiten wir, insofern wir auch in dieser Beziehung Nachkommen des orientalischen Wesens sind, auch in unserer Kunst und in anderen Lebenszweigen wenigstens mit den Gefühlen, die sich aus dieser Strömung der Menschheitsentwickelung ergeben haben.
[ 16 ] But as what used to be clairvoyance has become intellect, it has simultaneously given rise, as if from another branch, to what has in many ways become decisive for the worldview of broad masses of people, views that have, in fact, largely died out in Europe today, that have been eradicated by modern elementary school education, and that survive only in fragments among the least educated classes. While, on the one hand, the intellect has developed to marvelous heights, there developed—far more than today’s history of the soul reveals—at the very foundation of folk culture that which certain subjective experiences simply projected involuntarily out into space; this took on the most diverse forms, yet can be designated by the single term “superstition in ghosts.” This belief in ghosts—which consists of projecting subjective experiences objectively into space and time—played a much greater role in the course of humanity’s historical development than is generally realized today. And even though today any reasonably educated person recognizes this belief in ghosts as superstition, the feelings that developed under the influence of this belief still live on within us in many cases in an atavistic way. And in many ways—insofar as we are, in this respect as well, descendants of the Eastern spirit—we continue to work, at least in our art and in other areas of life, with the feelings that have arisen from this current in human development.
[ 17 ] Wer nun genauer hinsieht, was da heraufkommt, ich möchte sagen, aus den Tiefen des sozialen Menschentums in der heutigen Zeit, wer hinschauen kann auf den Menschen, der sich durch das technische, durch das maschinelle Wesen in der neueren Zeit herausgebildet hat, wer hineinschauen kann in dessen Herz, in dessen Seelenbeschaffenheit, der sieht, daß im Grunde genommen in diesem Menschen, der nicht durch das hindurchgegangen ist, was uns heute vor allen Dingen den IntelJlekt wertvoll macht, die Mittel- und Hochschulbildung, daß in diesem Menschen ein innerliches, wirkliches, nicht phrasenhaftes Interesse für all das, was innerhalb der Intelligenz werden kann, dennoch nicht vorhanden ist, sondern etwas ganz anderes. Ich möchte sagen: Hier offenbart sich Elementarisches, das heraufkommt aus den Tiefen, die sich nach oben bewegen in unserer Sozialen Ordnung, Elementarisches, das man im allergeringsten Maße heute in Europa noch versteht, weil es im Grunde genommen etwas Neues ist und, wenn es verstanden wird, zeigen kann, wie man vor die breite Masse hintreten muß mit Weltanschaulichem.
[ 17 ] Anyone who takes a closer look at what is emerging—I would say, from the depths of social humanity in our time—anyone who can look at the human being who has been shaped by the technical, by the mechanical nature of modern times, who can look into that person’s heart, into the nature of their soul—such a person sees that, fundamentally, in this human being—who has not gone through what today makes the intellect valuable to us above all else, namely secondary and higher education—that in this human being there is no inner, genuine, non-rhetorical interest in all that can develop within the intellect, is nevertheless absent—but rather something entirely different. I would like to say: What is revealed here is something elemental that rises from the depths, moving upward within our social order—something elemental that is scarcely understood in Europe today because, fundamentally, it is something new and, if understood, can show how one must present a worldview to the broad masses.
[ 18 ] Wer heute, ohne verbunden zu sein mit dem, was Erbschaft ist aus dem Orient, in der Menschheit aufwächst und so auf sich zurückgewiesen ist, wie es der Proletarier ist und wie es auch viele, viele Menschen der höheren Stände sind, bei dem ist es nicht in erster Linie der Intellekt, der in den Umkreis seines Interesses tritt, bei dem ist es der Wille vor allen Dingen, dasjenige, was aus den Tiefen heraufdringt in die Seele, was durchaus aus dem Menschen selber kommt. Weil dies immerhin äußerlich gemerkt worden ist, ist heute auch eine gewisse Sehnsucht vorhanden, den Menschen als Willenswesen zu betrachten. Und viele glauben ja, daß sie gerade zu den breiten Massen weltanschaulich nur dann sprechen können, wenn sie vor allen Dingen auf das Willensmäßige im Menschen eingehen. Aus diesen Sehnsuchten ist erwachsen, was man so häufig findet, daß man den breiten Massen die «Urkultur» darstellt, wo der Mensch noch ein Triebwesen ist. Man stellt vor den Proletarier, wie der Mensch in solchen Urzeiten in einfachen Verhältnissen lebte, und will dann Schlüsse ziehen auf das, was heute soziale Ordnung sein soll. Viel Zeit wird gerade heute bei der Volksbildung damit zugebracht, daß man diese primitiven, triebmäßigen Menschenverhältnisse darstellt. Und vieles andere ist noch da, was darauf hinweist: es ist ein gewisser Instinkt dafür vorhanden, das Willensmäßige hinzustellen, wenn es sich darum handelt, Weltanschauung vor den Menschen zu vertreten.
[ 18 ] Anyone today who grows up as part of humanity without any connection to the legacy of the Orient—and who is thus left to his own devices, just as the proletarian is, and just as are many many people of the higher classes, it is not primarily the intellect that enters the sphere of their interest; for them, it is the will above all else—that which surges up from the depths into the soul, that which comes entirely from within the human being. Because this has, after all, been recognized outwardly, there is also a certain longing today to regard the human being as a being of will. And many do indeed believe that they can only speak to the broad masses on an ideological level if they focus above all on the volitional aspect of the human being. Out of these longings has arisen what is so often seen: the presentation to the broad masses of “primitive culture,” in which human beings are still creatures of instinct. They present to the proletariat how people lived in simple circumstances during such primeval times, and then seek to draw conclusions about what social order should be today. A great deal of time is spent today in public education on depicting these primitive, instinct-driven human relationships. And there are many other examples that point to this: there is a certain instinct to downplay the volitional aspect when it comes to presenting a worldview to people.
[ 19 ] Aus einem gewissen Sensationsbedürfnis heraus nimmt zwar der Mensch heute solche Darstellungen hin, er fühlt gewissermaßen auch in seiner eigenen Wesenheit, die nicht bis zu einer höheren Bildung emporgedrungen ist, etwas Verwandtes mit diesem Triebhaften in der Menschennatur. Aber wenn man die Leute warm machen will, wenn man ihre Seelen nicht veröden lassen will, wenn man an den ganzen Menschen herankommen will, dann kommt man damit doch nicht zurecht.
[ 19 ] Out of a certain craving for sensation, people today do indeed accept such depictions; in a sense, they also feel—in their own nature, which has not yet risen to a higher level of education—something akin to this instinctual aspect of human nature. But if one wants to inspire people, if one does not want their souls to become desolate, if one wants to reach the whole person, then this approach simply won’t do.
[ 20 ] Und man muß da doch etwas ein Vollmensch sein, wenn man sich die Frage beantworten will: Warum kommt man denn nicht zurecht? - Nun, deshalb nicht, weil man, wenn man heute auf der Höhe der Wissenschaft steht und sich das, was heute wissenschaftlich anerkannt ist, angeeignet hat, gerade dadurch etwas entwickelt, was zwar noch nicht als solcher erkannt ist, was aber dennoch ein moderner Aberglaube ist: Geradeso wie der gebildete Mensch einer späteren Zeit den alten Gespensteraberglauben als einen solchen empfinden gelernt hat, so empfindet gewissermaßen heute die breite Masse der Menschheit, wie prophetisch, wie in die Zukunft blickend, das als eine Art von Aberglauben, was wir gerade als Ideen und Begriffe und Vorstellungen über diese primitiven Verhältnisse in der Menschennatur vorbringen.
[ 20 ] And one really has to be something of a “complete human being” if one wants to answer the question: Why can’t one get by? — Well, it’s not for that reason—because when one stands at the cutting edge of science today and has assimilated what is currently scientifically accepted, one develops, precisely through that process, something that, while not yet recognized as such, is nonetheless a modern superstition: Just as the educated person of a later age has come to perceive the old superstitions about ghosts as such, so today, in a sense, the broad masses of humanity perceive—as if prophetically, as if looking into the future—as a kind of superstition precisely those ideas, concepts, and notions that we put forward about these primitive conditions in human nature.
[ 21 ] Was bringen wir denn da vor? Wir bringen vor, daß die Menschheit ursprünglich von einem Triebleben beherrscht wird. Das ist etwas recht Dunkles, was in den unbewußten Regionen waltet, das man nicht genauer definieren will: das Triebleben, in das die Instinkte, die man auch im Tiere findet, und alles Unbestimmte in den Willensäußerungen und Empfindungen des Menschen hereinscheinen. Man weist auf etwas hin, was wie ein Naturwesenhaftes innerhalb des Menschen waltet. Man betrachtet es vielfach heute als Ideal, den Menschen so darzustellen, daß man das, was im menschlichen Innern ist, möglichst als materielle Vorgänge, nur eben heraufgehoben in die unbestimmten Vorstellungen des Trieb-, des Instinktlebens und so weiter darstellt.
[ 21 ] What are we actually arguing here? We are arguing that humanity is originally governed by a life of instincts. This is something quite obscure that reigns in the unconscious realms, something one does not wish to define more precisely: the life of instincts, into which shine the instincts found in animals as well, and everything indeterminate in human expressions of will and feelings. One points to something that reigns within the human being like a natural, organic force. Today, it is often regarded as an ideal to portray the human being in such a way that what lies within the human interior is represented as much as possible as material processes, merely elevated to the vague concepts of the life of drives, the life of instincts, and so on.
[ 22 ] Aber erinnern wir uns an das, was in diesen Tagen hier von mir über das Innere der Menschennatur entwickelt worden ist. Ich habe dargestellt, wie die geisteswissenschaftlichen Übungen durch Entwickelung den Menschen dazu bringen, in Wirklichkeit in sein Innerliches hineinzuschauen. Er kommt dann darauf, seinen inneren Organismus nun nicht wie der moderne Physiologe oder Anatom von außen anzuschauen, sondern so anzuschauen, wie die Dinge in diesem Organismus innerlich erlebt werden können. Hat man den Gedächtnisspiegel durchstoßen, so sieht man hinunter auf Lunge, Herz und so weiter als auf das, was in seiner physischen Gestaltung nur der äußere Ausdruck, die äußere Offenbarung des Geistigen ist, und zwar eines Geistigen, das ich darstellen konnte wie ein Weltengedächtnis, das zusammenhängt mit dem großen Kosmos.
[ 22 ] But let us recall what I have been discussing here in recent days regarding the inner nature of human beings. I have described how spiritual scientific exercises, through development, lead a person to truly look into their inner being. They then come to view their inner organism not from the outside, as a modern physiologist or anatomist would, but rather in the way that things within this organism can be experienced from within. Once one has pierced through the mirror of memory, one looks down upon the lungs, the heart, and so on as things whose physical form is merely the outer expression, the outer manifestation of the spiritual—namely, a spiritual reality that I have been able to describe as a world memory connected to the great cosmos.
[ 23 ] Ahnen kann das gerade der Mensch, der heute zurückgewiesen wird von seiner Arbeit auf sich selbst. Lechzen aber muß er überall, Verständnis dafür zu erlangen. Dann aber erlangen wir nur dies Verständnis, wenn wir durchschauen, was wir eigentlich tun, wenn wir das, was in uns als Geistiges, als Seelisches lebt, was nicht einmal unser Eigenes ist, nicht zu unserer menschlichen Persönlichkeit gehört, sondern was der Golf ist, möchte ich sagen, den der Kosmos in uns als Menschen hereinsendet, wenn wir das in seinem geistig-seelischen Wesen durchschauen. Der Mensch kann den Menschen nur erkennen, wenn er, hineinschauend in sich, auch auf die Grundwesenheit seines Leiblichen als eines GeistigSeelischen kommt. Dann aber, wenn wir das wissen, dann wissen wir auch, daß, wenn wir nun von «Trieben», «Instinkten», von all dem sprechen, wovon man heute so gerne spricht, es etwas ist, was wir vor die wahre innere Natur so hinstellen, wie einstmals der Aberglaube die Gespenster vor die äußere Natur hingestellt hat. Ja, wenn wir von «Trieben», von «Instinkten» und dergleichen im Menschen reden, so ist das nur, ich möchte sagen, das durch unsere Anschauung dunkelgemachte Seelische. Wenn wir von der Menschennatur in Wahrheit reden, dürfen wir nicht die Gespenster des Trieblebens, der Leidenschaften und dergleichen sehen, sondern wir müssen durch sie auf die Wahrheit hindurchschauen, wir müssen sozusagen das Realgespensterhafte in unserem Innern, das alle Definition von Trieben, Begierden, Leidenschaften, von Willen und dergleichen darstellt, ebenso überwinden, wie wir die Gespenster überwunden haben gegenüber der äußeren Naturordnung. Bei den Gespenstern haben wir das, was in uns entsteht, vor die äußere Natur hingesetzt, das Subjektive hinausprojiziert in das Objektive. Hier stellen wir etwas, was geistigseelischer Natur in seiner Objektivität ist, so hin, als wenn es ein Materielles wäre; unsere Triebe und Instinkte sind in den Definitionen, wie sie gegeben werden, die materialisierten, ins Innere des Menschen verlegten Gespenster, die vor der Wahrheit des GeistigSeelischen stehen. Das ist etwas, was als ein Erkenntnistatbestand heute wenig durchschaut wird, was aber gefühlt wird, wenn wir heute mit wirklicher Menschenerkenntnis an denjenigen Menschen herankommen wollen, der aus den Tiefen seines Unbewußten heraus, und in diesen Tiefen des Unbewußten ist ja gewissermaßen das Geistig-Seelische, ahnt: Ihr dürft mir nicht kommen mit den materiellen Gespenstern! Ihr sollt mir etwas sagen darüber, wie der Mensch mit dem Kosmos zusammengewachsen ist!
[ 23 ] This is something that only a person who is today turned inward by their work can intuit. Yet they must yearn everywhere to gain an understanding of it. But we attain this understanding only when we see through what we are actually doing—when we see through what lives within us as spiritual and soul-like, which is not even our own, does not belong to our human personality, but is, so to speak, the gulf that the cosmos sends into us as human beings—when we see through this in its spiritual-soul-like essence. A person can only truly know another person if, by looking within themselves, they also come to understand the fundamental nature of their physical being as something spiritual and soulful. But then, once we know this, we also know that when we speak of “drives,” “instincts,” and all that which people are so fond of discussing today, it is something we place before our true inner nature, just as superstition once placed ghosts before the outer natural world. Indeed, when we speak of “drives,” “instincts,” and the like in human beings, this is merely—I would say—the soul aspect obscured by our perception. When we speak of human nature in truth, we must not see the ghosts of the life of the drives, the passions, and the like; rather, we must look through them to the truth, we must, so to speak, overcome the “real ghost-like” element within us—which constitutes every definition of drives, desires, passions, will, and the like—just as we have overcome the ghosts in relation to the external natural order. With these ghosts, we have placed what arises within us before external nature, projecting the subjective into the objective. Here we present something that is of a spiritual-soul nature in its objectivity as if it were material; our drives and instincts, in the definitions as they are given, are the materialized ghosts—transferred into the inner being of the human being—that stand in the way of the truth of the spiritual-soul. This is something that is scarcely understood today as a fact of knowledge, but which is sensed when we seek to approach a human being with genuine knowledge of humanity—a human being who, from the depths of his unconscious (and in these depths of the unconscious lies, in a sense, the spiritual-soul aspect), intuits: “You must not come to me with these material spectres!” You should tell me something about how the human being has become one with the cosmos!
[ 24 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn man heute soziales Gefühl hat, dann jauchzt dieses innere Gefühl auf, wenn einem so etwas passiert, wie mir vor wenigen Wochen passiert ist, wo ich innerhalb einer Arbeiterschaft vorzutragen hatte. Zunächst war meine Aufgabe, über nationalökonomische Begriffe zu sprechen. Aber ich richte die Sache immer so ein, daß ich die Leute die Themen selber wählen lasse, daß ich mir vor Beginn des Vortrags das Thema überreichen oder sagen lasse, so daß eigentlich ganz aus dem Sinn der Leute heraus das geholt wird, was ihnen als Erkenntnis übergeben werden soll. Und siehe, da passierte es, daß einer der Arbeiter ein Heft unserer Zeitschrift «Die Drei» hervorholte und sagte, er hätte da einen Aufsatz von mir gelesen und hätte da nicht gut verstanden, wie der Planet eigentlich war, der der Erde vorangegangen ist, der dann in die Dunkelheit übergegangen ist und aus dem sich dann die Erde ergeben hat. Und ich konnte beginnen, nun wirklich geisteswissenschaftliche Erörterungen in gerader Linie, in einfacher Art vor diese Arbeiter hinzustellen. Und man konnte sehen: während sie, wenn man trocken, in abstrakten Begriffen spricht, etwa empfinden: Das gibt uns nichts Besonderes! —, ihre Augen aufleuchten, wenn man von solchen Dingen spricht, weil sie fühlen: da ist etwas, wovon ihre Seele zehren kann so, wie ihr Leib von der Nahrung zehrt, die er zu sich nimmt — wie ihre Augen aufleuchten, wenn man ihnen etwas gibt, was nun in den ganzen Menschen, in Herz und Seele eingreift, was nicht bloß Weltidee ist, sondern Weltanschauung in dem Sinn, daß in dieser Weltanschauung wirklich Leben vorhanden ist, daß sie Enthusiasmus erregen kann, selbst dann, wenn der Arbeiter unmittelbar von der Maschine kommt.
[ 24 ] Ladies and gentlemen! If one has a sense of social compassion today, then that inner feeling surges when something like what happened to me a few weeks ago occurs—when I was asked to speak to a group of workers. My initial task was to discuss concepts of economics. But I always structure things so that I let the people choose the topics themselves—I have them hand me the topic or tell me what it is before the lecture begins—so that what is to be conveyed to them as insight is drawn directly from their own thoughts. And lo and behold, one of the workers pulled out an issue of our magazine *Die Drei* and said he had read an essay of mine in it and hadn’t quite understood what the planet that preceded the Earth was actually like—the one that then passed into darkness and from which the Earth subsequently emerged. And I was able to begin presenting these workers with genuine spiritual-scientific discussions in a straightforward, simple manner. And one could see: whereas when one speaks dryly in abstract terms, they tend to feel something like: “That doesn’t mean anything special to us!”—their eyes light up when one speaks of such things, because they feel: here is something from which their soul can draw nourishment, just as their body draws nourishment from the food it consumes—how their eyes light up when one gives them something that now penetrates the whole human being, in heart and soul—something that is not merely a world idea, but a worldview in the sense that there is real life in this worldview, that it can arouse enthusiasm, even when the worker has just come straight from the machine.
[ 25 ] Und das glaube ich nun schon einmal, daß solches soziale Wirken vorangehen müsse allem anderen, bevor wir dazu kommen können, irgendwie sonst die Menschen dazu zu gewinnen - und sie müssen gewonnen werden —, die sozialen Gestaltungen dementsprechend zu haben. Wie lange das dauert, das hängt ab von dem guten Willen der Menschen. Ich weiß, wie viele Menschen sagen: Ja, da verweist du uns auf etwas, was erst in vier bis fünf Jahrhunderten Wirklichkeit werden kann. Ich sage dann immer: Ganz gewiß, wenn zu wenige Menschen das wollen. Aber bei all diesen Dingen handelt es sich nicht darum, daß man ausrechnet, wie lange das dauern kann, bis die Menschen zu solchen sozialen Gestaltungen kommen, sondern daß man dieses Rechnen sein läßt und die Sache in den Willen einfahren läßt. Wenn dieser Wille bei einer genügend großen Anzahl von Menschen vorhanden ist, dann können wir hoffen, daß das in einer gar nicht zu langen Zeit erreicht werden kann, wovon man sich sonst intellektualistisch vorstellt, daß es Jahrhunderte dauern könnte. Nichts hindert uns mehr, zu solchen sozialen Gestaltungen zu kommen, als jenes Zaudern, das aus solchem Berechnen hervorgeht. Man kümmere sich zunächst gar nicht darum, was die Rechnung im intellektualistischen Sinne ergibt, sondern man suche an die Menschen heranzukommen, und man wird sehen, wie man mit einer Weltanschauung, die ihnen nicht materialisierte Gespenster vor die Seele rückt, sondern die ihnen den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos enthüllt, sehr rasches Verständnis finden wird.
[ 25 ] And I do believe that such social action must come before anything else before we can even begin to win people over—and they must be won over—to shape society accordingly. How long that takes depends on people’s goodwill. I know how many people say: “Yes, you’re pointing us toward something that can’t become a reality for another four or five centuries.” I always reply: “Certainly, if too few people want it. But with all these matters, it is not a question of calculating how long it might take for people to arrive at such social structures, but rather of setting aside such calculations and letting the matter take root in our will.” If this will is present in a sufficiently large number of people, then we can hope that what we otherwise imagine—in an intellectualistic way—might take centuries can be achieved in a time that is not at all too long. Nothing hinders us more from arriving at such social structures than the hesitation that arises from such calculations. Let us not concern ourselves at first with what the calculations yield in an intellectualistic sense, but rather seek to reach out to people, and we will see how we will find very rapid understanding with a worldview that does not present them with materialized spectres, but rather reveals to them the connection between humanity and the cosmos.
[ 26 ] Heute ist das Verständnis dieses: Wenn man mit solch einer Weltanschauung an diejenigen herantritt, die berufen sind, sie zu beurteilen, kommen diese und vergleichen sie mit dem, was man schon hat, und dann kommen sie darauf, daß das laienhaft, dilettantisch sei und so weiter. Oder aber es liegt das andere vor: Wenn man heute sprechen muß über diese Dinge, die nun wirklich das Innerste des Menschen so berühren, daß die Triebe und Instinkte und dergleichen vergeistigt werden, dann ist man genötigt, das in die heute gebräuchlichen wissenschaftlichen Formen zu kleiden; sonst wird man von vornherein mit diesen Dingen zurückgewiesen. Tut man dieses, dann wird gesagt: Du sprichst in einer Sprache, die nicht für das Volk ist. Das weiß man schon. Daher taucht man das auch, wenn man für diejenigen spricht, die Anforderungen der wissenschaftlichen Bildung stellen, in ganz andere Ideenzusammenhänge. Es wird aber durchaus dasselbe gegeben. Dann gerade sieht man, daß der Mensch, dessen Intellekt zunächst nicht durch diese und jene intellektuelle Vorbildung in bestimmte Bahnen gelenkt ist, es versteht. Allerdings, die Zeit muß erst überwunden werden, in der man, weil man dieses tut, gerade aus Arbeiterbildungsschulen hinausgeworfen wird durch diejenigen, die sich für die berufenen Führer derer halten, die als die breite Masse des Volkes dastehen.
[ 26 ] Today, the understanding is this: When one approaches those who are called upon to judge such a worldview, they compare it to what already exists, and then conclude that it is amateurish, dilettantish, and so on. Or the opposite may be the case: When one must speak today about these things—which truly touch the innermost being of the human being in such a way that the drives, instincts, and the like are spiritualized—one is compelled to clothe this in the scientific forms in use today; otherwise, one is rejected out of hand for speaking of these things. If one does this, then people say: You’re speaking in a language that isn’t for the people. We already know that. That is why, even when speaking to those who demand a scientific education, one places these ideas within entirely different conceptual frameworks. Yet what is being conveyed is essentially the same. It is precisely then that one sees that the person whose intellect is not initially channeled into specific directions by this or that intellectual background actually understands it. Admittedly, one must first overcome the period in which, precisely because one does this, one is thrown out of workers’ educational schools by those who consider themselves the appointed leaders of what is regarded as the broad masses of the people.
[ 27 ] Nun, ich mußte Sie also darauf hinweisen, daß schon durch die Beschaffenheit der breiten Masse der Menschen heute eine Weltanschauung als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft da sein muß. Denn nur aus einer solchen Weltanschauung, die, wenn sie vom Menschen spricht, wirklich vom Geistigen reden kann, kann die Hoffnung quellen, daß man soziales Verständnis findet. Und dann kann man von diesem sozialen Verständnis mit den sich verstehenden Menschen zu weiterem schreiten. Das kann eine Hoffnung sein.
[ 27 ] Well, I had to point out to you that, given the nature of the general public today, a worldview in the form of an anthroposophically oriented spiritual science is simply a necessity. For only from such a worldview—one that, when speaking of human beings, can truly speak of the spiritual—can the hope spring forth that we will find social understanding. And then, from this social understanding, we can move on to further understanding with those who share it. That can be a source of hope.
[ 28 ] Diese Hoffnung liegt uns in Mitteleuropa außerordentlich nahe. In Mitteleuropa haben die besten Menschen durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch nach einer Erziehungsmethode gesucht, durch die man das Kind sozusagen doch beim Willen fassen könne. Man hat schon geahnt, daß der moderne Mensch am Willen gefaßt sein muß. Man hat es allerdings nicht so eingesehen, wie es die Weltanschauung einsehen kann, die von hier aus vertreten wird. Aber man hat es geahnt. Daher bemühte man sich, diejenigen intellektualistischen Methoden zu finden, durch die man auf dem Wege der Vorstellung an den Willen der Kinder herankommen kann, das Kind mit seinen Denkkräften im Willen erfassen kann. Und eine Unsumme Gutes ist gerade in Mitteleuropa aus dem deutschen Geist heraus — das wird im Westen mit voller Anerkennung zugegeben, wurde wenigstens bis zum Kriege zugegeben — geleistet worden. Immer wurde in England hingewiesen darauf, wie man in Mitteleuropa den Willen auf dem Umwege durch die pädagogische Methode zu ergreifen suchte und wie dieses hinüberverpflanzt worden ist nach England. Das wurde immer anerkannt und dargestellt.
[ 28 ] This hope is exceptionally close to our hearts here in Central Europe. Throughout the 19th century, the finest minds in Central Europe sought an educational method through which one could, so to speak, grasp the child by the will. They already sensed that modern human beings must be grasped by the will. They did not, however, understand this in the way that the worldview advocated here can comprehend it. But they sensed it. Consequently, efforts were made to find those intellectualistic methods through which one could approach the will of children by way of the imagination, and grasp the child’s will through its powers of thought. And a great deal of good has been accomplished, particularly in Central Europe, stemming from the German spirit—a fact acknowledged with full recognition in the West, at least until the war. In England, it has always been pointed out how, in Central Europe, one sought to grasp the will indirectly through pedagogical methods, and how this was transplanted to England. This has always been acknowledged and described.
[ 29 ] Aber wenn wir noch weiter nach Westen gehen, nach Amerika, dann finden wir, wie sich aus den geistig-geographischen Verhältnissen eine bestimmte Form einer primitiven, möchte ich sagen, ich will aber niemand verletzen, einer primitiven Weltanschauung herausentwickelt, die aber merkwürdige Keime für die Zukunft in sich trägt. Wir finden zum Beispiel, daß gerade in Amerika die gebildeten Menschen, wenn sie zusammenfassen, was sie über den Menschen denken, sagen: Was der Mensch intellektualistisch ausdenkt, das hängt davon ab, welcher Partei er durch die Umstände zugeführt worden ist, in welcher Sekte er drinnensteht; aber indem er so die Meinung seiner Sekte, seines Standes, seiner Partei wiedergibt, bedient er sich zwar seines Intellekts; das aber, woraus das hervorquillt, ist nicht der Intellekt, sondern ist der Wille. Und immer wieder sehen wir gerade innerhalb der amerikanischen Literatur auf den Willen des Menschen als auf die ursprüngliche Wesenheit hindeuten. Gerne zitieren gerade Amerikaner heute solche Schriftsteller, die sagen: Der Intellekt ist heute nichts anderes als der Minister eines Staates, und der Herrscher ist der Wille, wenn auch dieser Intellekt ein teurer Minister ist, wie Carlyle gesagt hat.
[ 29 ] But if we go even further west, to America, we find that the spiritual-geographical conditions have given rise to a certain form of—I would say, though I do not wish to offend anyone—a primitive worldview, one that nevertheless contains remarkable seeds for the future. We find, for example, that in America in particular, educated people, when they summarize what they think about human beings, say: What a person conceives intellectually depends on which party circumstances have led him to join, which sect he belongs to; but insofar as he thus echoes the opinion of his sect, his class, or his party, he does indeed make use of his intellect; but what this springs from is not the intellect, but the will. And time and again, we see references within American literature in particular to the human will as the original essence. Americans in particular are fond of quoting writers today who say: “The intellect today is nothing more than a minister of the state, and the ruler is the will—even if this intellect is a costly minister, as Carlyle has said.”
[ 30 ] Das ist aber nicht eine Anschauung, die theoretisch konstruiert ist, das ist eine Anschauung, die gerade bei gebildeten Amerikanern in Fleisch und Blut übergegangen ist. So reden auch die Physiologen dort. Und derjenige, der für solche Dinge ein Ohr hat, empfindet einen sehr deutlichen Unterschied zwischen der Sprache der Physiologen in Europa und der Sprache der Physiologen in Amerika. Da reden die Leute ganz besonders deutlich davon, wie aus der Art und Weise, wie der Mensch in der Welt drinnensteht, sein Gehirn gebildet wird. Sie meinen, das Gehirn wäre ein Mechanismus, der selbst bis in seine Sprachzentren hinein abhängig sei von der Art und Weise, wie sich der Mensch bewege, wie er in der Welt vorwärtskomme und so weiter, so daß diese Leute die Entfaltung des Willens innerhalb der Welt als das Ursprüngliche im Menschen sehen und alles, was das Gehirn produziert, als das Dienende, als das, was im Grunde genommen nicht viel mit der Individualität des Menschen zu tun hat. Diese Leute sagen: Willst du die Individualität des Menschen kennenlernen, so schaue auf seinen Willen, schaue, wie sein Wille sich herausgebildet hat in seiner Kindheit aus seiner Familie, aus der Sekte, aus der Partei und so weiter; und dann sieh darauf hin, wie er sich einen Intellekt schafft, der - ein Amerikaner hat das gesagt - nicht viel mehr mit seiner Wesenheit zu tun hat als ein Pferd, dessen man sich zum Reiten bedient, mit dem Reiter.
[ 30 ] But this is not a view that has been constructed theoretically; it is a view that has become second nature, especially among educated Americans. That is also how physiologists there speak. And anyone with an ear for such things can sense a very clear difference between the language of physiologists in Europe and that of physiologists in America. There, people speak very clearly about how the human brain is shaped by the way a person is situated in the world. They believe that the brain is a mechanism that—even down to its language centers—is dependent on the way a person moves, how they navigate the world, and so on, so that these people view the unfolding of the will within the world as the primal aspect of the human being and everything the brain produces as secondary—as something that, fundamentally, has little to do with human individuality. These people say: If you want to get to know a person’s individuality, look at their will; look at how their will developed in childhood—from their family, from the sect, from the party, and so on; and then observe how he develops an intellect that—as an American once put it—has no more to do with his true nature than a horse used for riding has to do with the rider.
[ 31 ] Nun, da haben wir, trotzdem das östliche Element in seiner Erbschaft auch bis nach Amerika gekommen ist, unmittelbar aus der Bildung heraus das getrieben, was wir auf den Untergründen des menschlichen Daseins in Europa finden. Und, man möchte sagen, unser eigenes Amerika, das Amerika innerhalb von Europa, ist das instinktiv gegebene Hinweisen des Menschen auf den Willen, also auf eine zahlreiche Menschenklasse in Europa. Das gibt aber auch den Boden ab, wo Europa sich wirklich mit Amerika verständigen muß, wenn eine soziale Verständigung über die Erde hin kommen soll.
[ 31 ] Well, even though the Eastern element has also made its way to America as part of its heritage, we have drawn directly from education what we find in the foundations of human existence in Europe. And, one might say, our own America—the America within Europe—is humanity’s instinctive pointing toward the will, that is, toward a large class of people in Europe. But this also provides the ground on which Europe must truly come to an understanding with America if social understanding is to spread across the globe.
[ 32 ] Und in der Tat finden wir, daß manches, was der Amerikaner entwickelt hat, die primitiven Anfänge von solchen Übungen sogar sind, durch die man zu einer geistigen Schau hinkommt. So findet man immer wieder und wiederum von den Amerikanern angepriesen, wie Selbstbeherrschung, Selbstzucht, Selbsterziehung das ist, worauf es ankommt; daß es nicht darauf ankommt, etwas gelernt zu haben, sondern darauf, etwas seinem Willen einzupflanzen durch immer wiederkehrende Wiederholung derselben Übung. Man weiß, was es für eine Bedeutung hat, die Vorstellungen zu wiederholen, rhythmisch zu wiederholen, wie dieses Wirken auf das eigentliche Zentrum des Menschen in den Willen eingreift. Merkwürdigen Formen begegnet man innerhalb dieses bewußten Hinweisens auf das, was für den modernen Menschen den innersten menschlichen Wesenskern eigentlich repräsentieren muß.
[ 32 ] And in fact, we find that some of what Americans have developed are actually the primitive beginnings of such exercises, through which one arrives at a spiritual vision. Thus, time and again, the Americans extol self-control, self-discipline, and self-education as what really matters; that what matters is not having learned something, but rather implanting something into one’s will through the repeated performance of the same exercise. One knows the significance of repeating these ideas—repeating them rhythmically—and how this process affects the very center of the human being, the will. One encounters remarkable forms within this conscious reference to what must actually represent the innermost core of human being for modern people.
[ 33 ] Und gerade aus solcher Verständigung heraus wird sich entwickeln lassen, was dazu führt, nun auch anzuerkennen, daß man durch die Betrachtung des Willens hindurch zu dem Geistig-Seelischen des Menschen kommen müsse. Es ergibt sich der Ausblick auf eine Weltanschauung, die, wenn auch heute der Proletatier noch materialistisch sein muß, dennoch so sein kann, wie sie hier vertreten wird, und wie sie, ich möchte sagen, aus den sozialen Verhältnissen heraus selbst als eine Kraft gefunden werden kann gerade durch eine Verständigung von Europa mit Amerika.
[ 33 ] And it is precisely from such an understanding that we can develop the insight leading us to recognize that we must approach the spiritual-soul aspect of the human being through the consideration of the will. This opens up the prospect of a worldview which—even if the proletariat must still be materialistic today—can nevertheless be as it is presented here, and which, I would say, can be found as a force emerging from social conditions themselves, precisely through an understanding between Europe and America.
[ 34 ] Gerade in Mitteleuropa waren die edelsten Geister bemüht, diejenigen intellektuellen Inhalte zu finden, die dann das Gemüt, die Willensnatur der Kinder ergreifen können. Die Pädagogen Mitteleuropas im 19. Jahrhundert wollten die Kunst erfinden, vom Intellekt aus den Willen zu erobern. Aber sie blieben beim abstrakten Denken, das eben noch nicht zum lebendigen Gedanken vorgeschritten ist. Man steckte noch in der orientalischen Welt, in der orientalischen Erbschaft drinnen, und aus der alten orientalischen Erbschaft wollte man dann den Willen ergreifen.
[ 34 ] In Central Europe in particular, the noblest minds strove to find those intellectual concepts that could then capture the children’s hearts and wills. The educators of Central Europe in the 19th century sought to invent the art of conquering the will through the intellect. But they remained stuck in abstract thinking, which had not yet progressed to living thought. They were still immersed in the Oriental world, within the Oriental heritage, and it was from this ancient Oriental heritage that they sought to seize the will.
[ 35 ] Dann kam eine große Menschenmasse, die machte den Willen überall geltend. Und wir leben heute in einer Zeit, die kontrastiert ist zu dem, was einmal da war zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung. Wenn man auch nicht reaktionär gesinnt ist, so muß man doch wissen, wie in früheren Zeiten einer, wenn er auch Fürst war, doch in derselben Predigt saß mit dem letzten Bauern des Ortes, und derjenige, der aus dem geistigen Leben heraus sprach, für alle sprach, etwas zu sagen hatte,was alle ergriff. Das ganz offenbare Bild: wie man durch den Geist die sozialen Ordnungen zusammenhält, war eben für frühere Zeiten so gewiß da, wie es als Erbstück aus dem Orient gekommen ist, wie es erfaßt wird durch den Kopf und sich dann erst zum Herzen senkt. Jetzt hat sich etwas hineingestellt, was aus dem Willen heraus kommt. Wir müssen wiederum die Möglichkeit finden, aus einem Geiste heraus weltanschaulich zu sprechen, der alle ergreift, vom Ungebildetsten bis zum Gebildetsten: Nur so können wir zusammen arbeiten, zusammen denken, zusammen empfinden, zusammen wollen, soziale Hoffnungen in der Gegenwart für die Zukunft begründen.
[ 35 ] Then a large crowd of people came along and imposed its will everywhere. And we live today in a time that stands in stark contrast to what once existed to maintain social order. Even if one is not of a reactionary bent, one must still recognize how, in earlier times, a person—even if he were a prince—would sit in the same pew as the humblest peasant in the village, and the one who spoke from the spiritual life spoke for everyone, had something to say that moved them all. The very obvious image—of how the spirit holds social orders together—was just as certainly present in earlier times as it came to us as a legacy from the East, as it is grasped by the mind and only then sinks into the heart. Now something has crept in that arises from the will. We must once again find the way to speak ideologically from a spirit that moves everyone, from the least educated to the most educated: Only in this way can we work together, think together, feel together, will together, and ground social hopes in the present for the future.
[ 36 ] Das aber wird sich ergeben, wenn man eine Verständigung herbeiführen kann zwischen den neuen Keimen in Europa, wie sie in diesen Tagen geschildert worden sind, und dem, was sich in Amerika, ich möchte sagen, sogar auf einer höheren Stufe der Kultur für die Gebildeten überhaupt ergibt. Eine Verständigung, die darauf abzielt, nach Westen hinüberzugehen, wird den Boden schaffen für das Verständnis einer inneren westlichen Geistentwickelung.
[ 36 ] But this will come about if an understanding can be fostered between the new seeds in Europe—as they have been described in recent days—and what is emerging in America, which I would say is at an even higher level of culture for the educated in general. A mutual understanding aimed at reaching out toward the West will lay the groundwork for an understanding of an inner Western spiritual development.
[ 37 ] Und wenn wir als westliche Menschen zeigen, daß wir imstande sind, aus dem, was wir innerlich in uns selber ergreifen, ein Geistiges hervorzuzaubern, wenn wir den europäisch-amerikanischen Geist entgegensetzen können dem orientalischen Geist, der heute in der Dekadenz drinnen ist, dann erst wird Weltökonomie, wird Weltverkehr, wie er heute nur äußerlich besteht, im wahren Sinn des Wortes im Vertrauen unter den Menschen möglich sein. Denn mag heute der Asiate, in welcher Form auch immer, mit uns westlichen Menschen Wirtschaft treiben, er hat in seinem Herzen doch das Gefühl: Das, was ihr da habt an Maschinen, das imponiert uns nicht! Ihr macht damit euch selber zu intellektualistischen Maschinen! Das sind innerliche Menschen; nicht einmal die Röntgenstrahlen können ihnen imponieren. Der Orientale wird sagen: Nun ja, da könnt ihr räumlich ins menschliche Innere hineinschauen; dasjenige, was wirklich Bedeutung hat, dazu brauchen wir keine Apparate, das gibt uns unser hellsichtiges Innere selber. - Das mag berechtigt sein oder nicht, das ist aber Gesinnung, das ist Anschauung, die im Orient vorhanden ist. Man glaubt durchaus dort drüben, daß der Geist aus der Menschennatur des Orients entstanden ist, und man sicht mit einer gewissen Verachtung auf alles das herab, was sich, wie man meint, unter den Zwang der Technik, des Mechanistischen stellt, so daß der Mensch selber innerhalb der sozialen Ordnung wie ein Rad in einer Maschine arbeitet.
[ 37 ] And if we, as Westerners, show that we are capable of conjuring up something spiritual from what we grasp within ourselves, to conjure up something spiritual—if we can set the European-American spirit against the Eastern spirit, which is currently mired in decadence—only then will the global economy and global trade, which today exist only on the surface, become possible in the true sense of the word through mutual trust among people. For even if Asians today conduct business with us Westerners in whatever form, they still feel in their hearts: “Those machines you have there—they don’t impress us! You’re turning yourselves into intellectualistic machines with them!” These are inwardly focused people; not even X-rays can impress them. The Oriental will say: Well, yes, you can physically look into the human interior; but for what truly matters, we need no apparatus—our clairvoyant inner being provides that for us. —Whether this is justified or not, it is a mindset, a perspective that exists in the Orient. Over there, people firmly believe that the spirit arose from the human nature of the Orient, and they look down with a certain contempt upon everything that, as they see it, submits to the coercion of technology and mechanistic thought—so that the human being himself functions within the social order like a wheel in a machine.
[ 38 ] Erst dann aber, wenn man aus solchen Grundlagen, wie ich sie geschildert habe, aus europäischem und amerikanischem Geist zusammen, selber ein Geistiges in der Weltanschauung erzeugt, erst dann wird die Brücke auch zum Orient hinüber geschlagen werden. Dazu aber bedarf es dessen, daß die Welt nun doch auf dieses Mitteleuropa schaut, das es am weitesten gebracht hat in der Ausgestaltung des Intellekts nach dem lebendigen Gedanken hin. Die Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts: Hege/l, Fichte, Schelling sind am weitesten gegangen in der Ausgestaltung des Gedankens zum Leben. Sie glaubten wenigstens, daß sie in dem, was sie in zwar noch abstrakten Gedanken als substantiellen Inhalt der Welt empfanden, ein Lebendig-Geistiges hatten. Es war allerdings erst Keim zum lebendigen Gedanken. Daher verließ auch Mitteleuropa diese Wege, die sie eingeschlagen hatten. Sie müssen wiedergefunden werden, indem der Gedanke wirklich lebendig gemacht wird. Die mitteleuropäische Verständigung wird es zustande bringen können.
[ 38 ] Only then, however—when, based on the foundations I have described, drawing together the European and American spirits, one creates a spiritual worldview of one’s own—only then will the bridge to the Orient be built. For this to happen, however, the world must now turn its gaze toward Central Europe, which has come the farthest in shaping the intellect according to living thought. The thinkers of the early 19th century—Hegel, Fichte, Schelling—went the farthest in shaping thought into life. At the very least, they believed that what they perceived—albeit still in abstract thought—as the substantial content of the world contained a living spiritual essence. It was, however, only the seed of living thought. That is why Central Europe also abandoned the paths they had set out on. These paths must be rediscovered by truly bringing thought to life. Central European understanding will be able to bring this about.
[ 39 ] Dann aber, wenn der Westen wiederum den Geist aus sich geboren hat, wenn der Osten nicht nur seinen eigenen Geist sieht, wenn er auch in dem Händler und Wirtschaftenden den Repräsentanten einer geistigen Weltanschauung sehen kann, dann wird auch er nicht mehr in Hochmut herunterschauen, dann wird er sich verständigen können. Das aber ist, was wir suchen müssen, wenn wir soziale Hoffnungen haben sollen. Wir können keine haben, wenn wir nicht einsehen, was verschwinden muß.
[ 39 ] But when the West has once again given birth to the spirit within itself, when the East sees not only its own spirit, but can also recognize in the merchant and the businessman the representative of a spiritual worldview, then it, too, will no longer look down with arrogance; then it will be able to communicate. But that is what we must seek if we are to have any social hopes. We cannot have any if we do not recognize what must disappear.
[ 40 ] Hier in Österreich war ein Geist, der es ausgesprochen hat, daß schließlich alles stürzt, aber daß neues Leben aus den Ruinen blühe. Nun wohl, erst wenn man in der Lage ist, von dem Äußerlich-Sozialen auf das Innerlich-Soziale hinzuschauen, dann kann diese Hoffnung erblühen. Dann muß man aber nicht durchaus die alten Ordnungen aufrecht erhalten wollen, sondern dann muß man den Mut haben, das als stürzenswert anzuschen, was stürzen muß. Denn wahr bleibt immer das Wort: Es kann nichts zur vollen Frucht sich entfalten, was nicht erst als Samenkorn in die Erde geworfen wird, damit es erst verfaule. Nun, das Wort «verfaulen» ist nicht richtig hier; aber das Bild gilt doch. Wir müssen, indem wir richtig erkennen, was wir als faul fallen lassen müssen, zu den neuen Trieben, zu dem schreiten, was als ein neues Leben aus den Ruinen blühen muß. Nur so werden wir in unserer Zeit soziale Hoffnungen für die Zukunft gewinnen können.
[ 40 ] Here in Austria, there was a spirit who declared that, ultimately, everything would collapse, but that new life would blossom from the ruins. Well then, only when one is able to shift one’s gaze from the external-social to the internal-social can this hope blossom. But then one must not necessarily want to preserve the old orders; rather, one must have the courage to regard as worthy of collapse that which must collapse. For the saying remains true: Nothing can unfold to its full fruit unless it is first cast into the earth as a seed, so that it may first rot. Well, the word “rot” is not quite right here; but the image still holds true. By correctly recognizing what we must let fall as rotten, we must move toward the new shoots, toward that which must blossom as a new life from the ruins. Only in this way will we be able to gain social hope for the future in our time.
