Contrasts Between Western and Eastern Cultures
Ways to Achieve Understanding through Anthroposophy
GA 83
11 June 1922, Vienna
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Contrasts Between Western and Eastern Cultures, tr. SOL
10. Die Kernpunkte der sozialen Frage
10. The Key Issues of the Social Question
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als ich vor drei Jahren etwa auf Verlangen einer Reihe von Freunden, die damals unter dem Eindruck der Ereignisse im sozialen Leben nach der vorläufigen Beendigung des großen Weltkriegs standen, meine «Kernpunkte der sozialen Frage» veröffentlicht hatte, da ergab sich für mich, ich möchte sagen, als unmittelbares Erlebnis, daß diese Veröffentlichung im Grunde mißverstanden worden ist auf allen Seiten, und zwar gerade aus dem Grunde, weil man sie zunächst einreihte in diejenigen Schriften, welche in einer mehr oder weniger utopistischen Weise in äußerlichen Einrichtungen versuchten darzustellen, was ihre Verfasser als eine Art Heilmittel gegen die auftretenden sozialen chaotischen Zustände empfanden, die sich im Verlauf der neueren Menschheitsentwickelung ergeben haben. Meine Schrift war gewissermaßen als ein Appell nicht an das Denken über allerlei Einrichtungen, sondern als ein Appell an die unmittelbare Menschennatur gemeint. Daß das aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus nicht anders sein konnte, wird ja aus der ganzen Haltung der bisher gehaltenen Vorträge hervorgehen.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When, about three years ago, at the request of a number of friends who were then under the influence of the events in social life following the provisional end of the Great War, I published my “Key Points of the Social Question,” it became clear to me—I would say as a direct experience—that this publication had, in essence, been misunderstood on all sides, precisely because it was initially classified among those writings that, in a more or less utopian manner, attempted to portray through external institutions what their authors perceived as a kind of remedy for the chaotic social conditions that had arisen in the course of recent human development. My work was intended, so to speak, not as an appeal to thinking about all sorts of institutions, but as an appeal to human nature itself. That this could not be otherwise, given the spiritual-scientific foundations, will become clear from the overall tone of the lectures given so far.
[ 2 ] So hat man namentlich vielfach dasjenige, was ich eigentlich nur zur Illustration der Hauptsache gegeben habe, für die Hauptsache selbst genommen. Ich mußte, indem ich versuchte darzustellen, wie die Menschheit zu einem sozialen Denken, Fühlen und auch Wollen kommen könne, dies zum Beispiel daran illustrieren, wie möglicherweise die Kapitalzirkulation so umgewandelt werden könnte, daß sie von vielen Menschen nicht in der Weise drückend empfunden werde, wie das in der Gegenwart vielfach der Fall ist. Ich mußte das eine oder das andere über Preisbildung, über den Wert der Arbeit und dergleichen sagen. Aber das alles nur eigentlich zur Illustration. Denn wer, wenn ich mich jetzt des Ausdrucks bedienen darf, hineingreifen will ins volle Menschenleben, dem kommt es auch darauf an, dieses Menschenleben zunächst zu belauschen, um aus ihm heraus auf menschliche Art Auswege für Verirrungen zu finden, und zwar nicht durch Anpreisen gewisser Ideenschablonen, die dann auf den verschiedensten Gebieten des Lebens ausgeführt werden sollen.
[ 2 ] In particular, what I actually presented only to illustrate the main point has often been taken as the main point itself. In my attempt to explain how humanity might arrive at a social way of thinking, feeling, and even willing, I had to illustrate this, for example, by showing how the circulation of capital might be transformed so that it would not be perceived by many people as oppressive, as is often the case today. I had to say a thing or two about price formation, the value of labor, and the like. But all of this was really only for illustrative purposes. For anyone who—if I may use the expression—wishes to delve into the fullness of human life must first listen in on that human life in order to find human solutions to its aberrations, and not by promoting certain ideological templates that are then to be implemented in the most diverse areas of life.
[ 3 ] Vor allen Dingen ergibt sich für den, der das soziale Leben Europas nicht mit dieser oder jener vorgefaßten Meinung, sondern mit unbefangenem Sinn in den letzten dreißig bis vierzig Jahren auf sich hat wirken lassen, daß eigentlich dasjenige, was heute sozial zu geschehen hat, bereits vorgezeichnet ist in dem unbewußten Wollen gerade der europäischen Menschheit. Überall kann man die unbewußten Tendenzen nach irgend etwas finden. Sie leben schon in den Menschenseelen, und man braucht ihnen durch Worte nur Ausdruck zu verleihen.
[ 3 ] Above all, it becomes clear to anyone who has observed European social life over the past thirty to forty years—not with this or that preconceived notion, but with an open mind—that what must happen socially today is, in fact, already foreshadowed in the unconscious will of the European people themselves. Everywhere one can find unconscious tendencies toward something. They already live in people’s souls, and one need only give them expression through words.
[ 4 ] Das ist es, was mich veranlaßte, dem Drängen von Freunden nachzugeben und dieses Buch zu schreiben. Das war die Veranlassung, daß ich aus dem Wirklichkeitssinn, den die Geisteswissenschaft - in bescheidener Weise darf das ausgedrückt werden - dem Menschen anerzieht, versucht habe, das zu beobachten, was in allen sozialen Klassen und Ständen unter der Oberfläche der äußeren Erscheinungen und Einrichtungen in den letzten Jahrzehnten in Europa vorgegangen ist. Und ich wollte eigentlich nicht sagen: Das oder jenes finde ich richtig; sondern ich wollte sagen: Das oder jenes wird aus dem verborgenen Unbewußten heraus gewollt, und es ist notwendig, daß man sich einfach bewußt werde desjenigen, wonach die Menschheit eigentlich drängt. Und gerade darinnen ist der Grund für viele unserer sozialen Mißstände zu suchen, daß heute dieses unbewußte Drängen in gewissem Widerspruch steht zu dem, was die Menschheit in intellektualistischer Weise ausgedacht und in die Einrichtungen hineingetragen hat, so daß eigentlich unsere Einrichtungen dem widersprechen, was in den Tiefen der Menschenherzen heute gewollt wird.
[ 4 ] That is what prompted me to give in to my friends’ urging and write this book. That was the reason why, based on the sense of reality that spiritual science—to put it modestly—instills in people, I attempted to observe what has been taking place in all social classes and strata beneath the surface of outward appearances and institutions in Europe over the past few decades. And I did not actually want to say: “I find this or that to be right”; rather, I wanted to say: “This or that is willed from the hidden unconscious, and it is necessary simply to become aware of what humanity is actually striving for.” And it is precisely there that the root of many of our social ills is to be found: that today this unconscious yearning stands in a certain contradiction to what humanity has devised in an intellectualistic manner and incorporated into its institutions, so that our institutions actually contradict what is desired today in the depths of people’s hearts.
[ 5 ] Und noch aus einem anderen Grunde glaube ich nicht, daß es heute überhaupt einen besonderen Wert hat, irgendwie in utopistischer Weise die eine oder andere Einrichtung einfach hinzustellen. Wir sind innerhalb der geschichtlichen Menschheitsentwickelung in der zivilisierten Welt doch in das Stadium eingetreten, daß, wenn auch noch so Gescheites gesagt wird über das, was unter und zwischen Menschen geschehen soll, dies eigentlich gar keine Bedeutung haben kann, wenn die Menschen es nicht annehmen, wenn es nicht etwas ist, wozu die Menschen selber sich hindrängen, allerdings zumeist eben in unbewußter Art.
[ 5 ] And for yet another reason, I do not believe that there is any particular value today in simply proposing one institution or another in some utopian way. Within the historical development of humanity in the civilized world, we have, after all, reached the stage where, no matter how wise the words may be about what should happen among and between people, they cannot actually have any significance unless people accept them—unless it is something toward which people themselves are drawn, albeit mostly in an unconscious way.
[ 6 ] So glaube ich, daß heute, wenn man über solche Dinge überhaupt denken will, mit dem in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit heraufgekommenen demokratischen Sinn gerechnet werden muß, namentlich dem demokratischen Sinn, wie er auf dem Grund der Seelen der Menschen heute lebt, mit diesem demokratischen Sinn, daß eigentlich in sozialer Beziehung etwas nur Wert hat, wenn es darauf abzielt, nicht demokratische Meinungen zu sagen, sondern die Menschen dazu zu bringen, ihre Meinungen aussprechen zu können, geltend machen zu können. So war für mich die Hauptsache, die Frage zu beantworten: Unter welchen Verhältnissen sind die Menschen in der Lage, ihre sozialen Meinungen, ihren sozialen Willen wirklich zum Ausdruck zu bringen?
[ 6 ] Thus, I believe that today, if one is to think about such matters at all, one must take into account the democratic spirit that has emerged in the course of human history, namely the democratic spirit as it lives today in the depths of people’s souls—the democratic spirit that holds that, in social terms, something has value only if it aims not to express undemocratic opinions, but to enable people to voice their opinions and assert them. Thus, for me, the main thing was to answer the question: Under what circumstances are people in a position to truly express their social opinions and their social will?
[ 7 ] Wir müssen, wenn wir die Welt um uns herum in bezug auf das soziale Leben betrachten, uns sagen: Ja, wissen könnte man schon vieles von dem, wie das eine oder das andere anders sein sollte; aber was alles ist da an Hemmnissen, so daß das, was wir ganz gut wissen können, was wir ganz gut geltend machen wollen, nicht Wirklichkeit werden kann. Da sind die Standes- und Klassenunterschiede selber und sind Klüfte zwischen den Klassen der Menschen, Klüfte, die nicht einfach dadurch zu überbrücken sind, daß man eine Meinung darüber hat, wie sie überbrückt werden sollen, sondern Klüfte, die sich dadurch ergeben, daß eben, ich habe gestern so großen Wert darauf gelegt, der Wille, der das eigentliche Zentrum der Menschennatur ist, engagiert ist durch die Art und Weise, wie man sich in den Stand, in die Klasse oder in irgendeinen anderen sozialen Zusammenhang hineingelebt hat. - Und wiederum, wenn man auf etwas sieht, was sich in unserer neueren Zeit unter den komplizierten wirtschaftlichen Verhältnissen immer mehr und mehr neben die Standesvorurteile, die Standesempfindungen, die Standeswillensimpulse als solche Hemmnisse hingestellt hat, so findet man diese in den wirtschaftlichen Einrichtungen selber. Wir werden in gewisse wirtschaftliche Einrichtungen hineingeboren und können aus diesen nicht heraus. - Und eine dritte Art Hemmnisse für das wirkliche soziale Zusammenwirken der Menschen ist da: daß diejenigen, die vielleicht gerade als führende Persönlichkeiten in der Lage wären, jenen tiefen Einfluß auszuüben, von dem ich eben gesprochen habe, andere Schranken haben, die Schranken nämlich, die sich ergeben aus gewissen dogmatischen Lehren über das Leben, aus gewissen dogmatischen Empfindungen über das Leben. Wenn viele Menschen über die wirtschaftlichen Schranken, über die Klassen- und Standesschranken nicht hinaus können, so können viele nicht über ihre Begriffs- und Ideenschranken hinaus. Das alles ist, möchte ich sagen, schon reichlich Lebensinhalt geworden, der sich dann in seinem Ergebnis vielfach als Chaos darstellt.
[ 7 ] When we look at the world around us in terms of social life, we must say to ourselves: Yes, we could certainly know a great deal about how this or that should be different; but what obstacles stand in the way, preventing what we know quite well—and what we wish to assert quite firmly—from becoming a reality? There are the differences in social status and class themselves, and there are chasms between the classes of people—chasms that cannot simply be bridged by having an opinion about how they should be bridged, but chasms that arise precisely because, as I emphasized so strongly yesterday, the will—which is the very center of human nature—is shaped by the way one has integrated oneself into one’s social class, social stratum, or any other social context. - And again, when one looks at something that, in our modern times amid complex economic conditions, has increasingly come to stand alongside class prejudices, class sensibilities, and class-based impulses of the will as obstacles in and of themselves, one finds these obstacles in the economic institutions themselves. We are born into certain economic institutions and cannot escape them. - And there is a third type of obstacle to genuine social interaction among people: that those who, as leading figures, might be in a position to exert the profound influence I have just spoken of face other barriers—namely, those arising from certain dogmatic teachings about life and from certain dogmatic attitudes toward life. Just as many people cannot transcend economic barriers or class and social status barriers, so too are many unable to transcend the barriers of their own concepts and ideas. All of this, I would say, has already become a substantial part of life, the result of which often manifests itself as chaos.
[ 8 ] Aber wenn man nun versucht, über alles, was sich durch diese Hemmnisse und Klüfte hindurch in den unbewußten Untergründen der Seelen in den letzten Jahrzehnten gezeigt hat, klar zu werden, dann wird man darauf hingewiesen, daß eigentlich die Kernpunkte der sozialen Frage ganz woanders liegen, als wo man sie gewöhnlich sucht. Sie liegen darinnen, daß in der neueren Zeit der Menschheitsentwickelung gleichzeitig mit dem Heraufkommen der das Leben so kompliziert machenden Technik in der zivilisierten Welt zugleich der Glaube an die Allmacht des Einheitsstaates heraufgekommen ist. Und immer stärker und stärker ist dieser Glaube an die Allmacht des Einheitsstaates im Laufe des 19. Jahrhunderts geworden. So stark und fest ist er geworden, daß er selbst unter den mancherlei erschütternden Urteilen, die sich große Menschenmassen über die soziale Organisation gebildet haben, nicht erschüttert worden ist.
[ 8 ] But when one tries to make sense of everything that has emerged in recent decades from the unconscious depths of the human soul, despite these obstacles and divides, one is led to realize that the crux of the social question actually lies quite elsewhere than where it is usually sought. They lie in the fact that, in the more recent period of human development, the rise of technology—which makes life so complicated—in the civilized world has been accompanied by the emergence of a belief in the omnipotence of the unitary state. And this belief in the omnipotence of the unitary state grew stronger and stronger throughout the 19th century. It has become so strong and firm that it has not been shaken even by the various damning judgments that large masses of people have formed regarding social organization.
[ 9 ] Und mit dem, was als dogmatischer Glaube so über die Menschen kommt, verbindet sich dann etwas anderes. Mit diesem Glauben will man daran festhalten, daß in demjenigen, auf das man den Glauben wendet, eine Art Allheilmittel liege, so daß man dann in der Lage sein könne, zu sagen, welches der beste Staat ist; daß man dann auch schon, ich will nicht sagen, das Paradies heraufzuzaubern versuchen kann, daß man aber doch meint, man treffe die denkbar besten Einrichtungen.
[ 9 ] And something else is then associated with what comes upon people as dogmatic faith. With this faith, one seeks to hold fast to the belief that in the object of one’s faith lies a kind of panacea, so that one might then be in a position to say which is the best form of government; that one might then—I won’t go so far as to say—attempt to conjure up paradise, but that one nevertheless believes one is establishing the best possible institutions.
[ 10 ] Dadurch aber ist uns eines verlorengegangen, das sich vor allem dem aufdrängt, der das Leben seiner Wirklichkeit nach so betrachtet, wie es in den letzten Tagen hier betrachtet worden ist. Wer sich gerade dadurch, daß er darauf angewiesen ist, seine Ideen für die geistige Welt auszubilden, einen rechten Sinn für die Wirklichkeit aneignet, der kommt nämlich darauf, daß die besten Einrichtungen, die man für irgendein Zeitalter ersinnen kann, nur eben höchstens ihre Güte für dieses Zeitalter behalten können, daß es aber mit dem, was in der sozialen Organisation da ist, eine ähnliche Bewandtnis hat, wie zum Beispiel mit dem natürlichen Organismus des Menschen.
[ 10 ] But in doing so, we have lost something that is particularly evident to anyone who views life in terms of its reality, as it has been discussed here in recent days. For whoever, precisely because he is dependent on developing his ideas for the spiritual world, acquires a true sense of reality, will come to realize that the best institutions one can conceive for any age can, at best, retain their value only for that particular age; and that the situation with regard to existing social organization is similar to that of, for example, the human body.
[ 11 ] Ich will nicht ein fatales Analogiespiel treiben, aber ich möchte zur Veranschaulichung auf das hinweisen, was eben vom menschlichen Organismus aus auch im sozialen Organismus begriffen werden kann: Wir können niemals sagen, daß der menschliche, übrigens auch der tierische und pflanzliche Organismus nur in einer aufsteigenden Entwickelung sein könne. Soll das, was organisch ist, gedeihen, soll es seine Kräfte aus sich heraustreiben, dann muß es alt werden können, dann muß es auch absterben können. Wer genauer den menschlichen Organismus studiert, findet, daß dieses Absterben in jedem Augenblicke in ihm vorhanden ist. Immerfort sind die aufsteigenden, sprießenden, sprossenden, fruchtenden Kräfte vorhanden, immer auch sind die abbauenden Kräfte vorhanden. Und der Mensch verdankt gerade diesen abbauenden Kräften sehr viel. Ja, derjenige, der den Materialismus vollständig überwinden will, der muß sein Augenmerk gerade auf diese abbauenden Kräfte im menschlichen Organismus richten. Er muß überall das aufsuchen im menschlichen Organismus, wo die Materie gewissermaßen unter dem Einfluß der Organisation zerfällt. Und er wird dann finden, daß gerade an den Zerfall der Materie die Ausbildung des geistigen Lebens im Menschen gebunden ist. Wir können die menschliche Organisation nur begreifen, wenn wir neben den aufsteigenden, sprießenden, sprossenden und fruchtenden Kräften den kontinuierlichen Verfall beobachten.
[ 11 ] I do not wish to engage in a misguided exercise in analogy, but to illustrate my point, I would like to draw attention to what can be understood in the social organism based on the human organism: We can never say that the human organism—or, for that matter, the animal or plant organism—can exist solely in a state of upward development. If that which is organic is to flourish, if it is to draw its powers from within itself, then it must be able to grow old, and it must also be able to die. Anyone who studies the human organism more closely will find that this dying-off is present within it at every moment. The ascending, sprouting, budding, and fruiting forces are always present, and the decomposing forces are always present as well. And human beings owe a great deal precisely to these decomposing forces. Indeed, anyone who wishes to completely overcome materialism must direct their attention precisely to these decomposing forces within the human organism. They must seek out everywhere in the human organism those places where matter, so to speak, disintegrates under the influence of the organism. And they will then find that the development of spiritual life in human beings is bound precisely to the decay of matter. We can only understand the human organism if, alongside the ascending, sprouting, and fruiting forces, we observe the continuous process of decay.
[ 12 ] Und wenn ich das auch nur zur Veranschaulichung sage, so kann es eben doch veranschaulichen, was der unbefangene Beobachter auch für den sozialen Organismus finden muß: Der soziale Organismus stirbt zwar nicht, dadurch unterscheidet er sich zum Beispiel von dem menschlichen Organismus, aber er wandelt sich, und aufsteigende und absteigende Kräfte sind ihm naturgemäß. Nur der begreift den sozialen Organismus, der weiß: wenn man die besten Absichten verwirklicht und irgend etwas auf irgendeinem Gebiet des sozialen Lebens herstellt, was aus den Verhältnissen heraus gewonnen ist, wird es nach einiger Zeit dadurch, daß Menschen mit ihren Individualitäten drinnen arbeiten, Absterbekräfte, Niedergangskräfte zeigen. Was für das Jahr zwanzig eines Jahrhunderts das Richtige ist, das hat sich bis zum Jahre vierzig desselben Jahrhunderts so verwandelt, daß es bereits seine Niedergangskräfte in sich enthält. Derlei Dinge werden manchmal gewiß in Abstraktionen ausgesprochen. Aber man bleibt im intellektualistischen Zeitalter bei diesen Abstraktionen, auch wenn man vermeint, noch so praktisch zu denken. Und so erleben wir es auch, daß die Leute zwar im allgemeinen zugeben, es seien im sozialen Organismus Absterbekräfte, Niedergangskräfte enthalten, der soziale Organismus müsse sich immer umwandeln, die Niedergangskräfte müßten immer neben den Aufgangskräften wirksam sein — aber da, wo wir mit unsern Absichten, mit unserm Willen in die soziale Ordnung eingreifen, da bemerken wir das in der Abstraktion Zugegebene doch nicht.
[ 12 ] And even if I say this merely by way of illustration, it can nevertheless illustrate what the impartial observer must find in the social organism: The social organism does not die—which is what distinguishes it, for example, from the human organism—but it transforms, and ascending and descending forces are inherent to it. Only those who understand this can truly grasp the social organism: when one puts the best intentions into practice and creates something in any area of social life that has been derived from existing conditions, after some time—because people with their individualities are at work within it—it will begin to exhibit forces of decay and decline. What is right for the twentieth year of a century has, by the fortieth year of the same century, changed to such an extent that it already contains within itself the forces of its own decline. Such things are certainly sometimes expressed in abstract terms. But in this intellectualistic age, people cling to these abstractions, even when they believe they are thinking in the most practical way possible. And so we also observe that, while people generally admit that there are forces of decay in the social organism, forces of decline, that the social organism must constantly transform itself, and that the forces of decline must always be at work alongside the forces of ascent—yet when we intervene in the social order with our intentions and our will, we fail to recognize what we have admitted in the abstract.
[ 13 ] So konnte man in der sozialen Ordnung, die vor dem Weltkrieg war, sehen, daß der Kapitalismus zu einer gewissen Befriedigung auch für breitere Massen dann geführt hat, wenn er in einer Entwickelung drinnensteckte, die aufsteigender Art war. Die Löhne stiegen, wenn der Kapitalismus für irgendeinen Zweig des Lebens in aufsteigender Entwickelung war. Wenn man also immer weiter und weiter kam, wenn sich das Kapital immer freier und freier betätigen konnte, dann konnte man sehen, daß tatsächlich der Arbeitslohn und die Verwendungsmöglichkeiten der Arbeit immer mehr und mehr stiegen. Aber nicht in derselben Weise hat man das Augenmerk darauf gelenkt, wie in diesem Steigen zu gleicher Zeit andere soziale Faktoren enthalten sind, die ganz parallel gehen und die bewirken müssen, daß sich Niedergangskräfte geltend machten, daß sich zum Beispiel bei steigenden Löhnen die Lebensverhältnisse so gestalten mußten, daß eben die steigenden Löhne nach und nach so wirkten, daß sie gar nicht außerordentlich viel zur Besserung der Lebenslage beitrugen. Gemerkt hat man selbstverständlich solche Dinge. Aber die sozialen Strömungen verfolgte man nicht so, daß die Anschauungen selber lebens- und wirklichkeitsgemäß gewesen wären.
[ 13 ] Thus, in the social order that existed before the World War, it was evident that capitalism led to a certain degree of satisfaction even for the broader masses when it was in a phase of upward development. Wages rose when capitalism was in an upward phase of development in any sector of life. So as things progressed further and further, as capital was able to operate with ever greater freedom, it became evident that wages and the opportunities for employment were indeed increasing more and more. But people did not pay equal attention to the fact how this rise simultaneously encompassed other social factors that ran entirely parallel to it and that were bound to cause forces of decline to assert themselves—so that, for example, as wages rose, living conditions had to develop in such a way that the rising wages gradually had the effect of not contributing all that much to an improvement in the standard of living. Of course, such things were noticed. But social trends were not tracked in a way that would have made the analyses themselves true to life and reality.
[ 14 ] Und deshalb muß das soziale Leben heute, wo wir an einen wichtigen historischen Punkt hingestellt sind, in seinen Fundamenten betrachtet werden, nicht an den Oberflächenerscheinungen. Und da wird man auf die einzelnen Zweige, die in unserem sozialen Leben enthalten sind, geführt.
[ 14 ] And that is why, now that we find ourselves at a crucial historical juncture, social life must be examined at its very foundations, rather than through its superficial manifestations. And this leads us to the individual branches that make up our social life.
[ 15 ] Einer dieser sozialen Zweige ist das geistige Leben der Menschheit. Dieses geistige Leben der Menschheit - wir können es selbstverständlich nicht abgesondert betrachten von dem übrigen sozialen Leben - hat seine eigenen Bedingungen. Diese sind an die menschlichen Individualitäten gebunden. Das geistige Leben gedeiht auf dem Untergrund der menschlichen Wesenheiten eines Zeitalters. Und davon hängt dann das ganze übrige soziale Leben ab. Man denke sich nur, wie vieles sich auf manchen sozialen Gebieten einfach dadurch verändert hat, daß von dem oder jenem diese oder jene Erfindung oder Entdeckung gemacht worden ist. Dann aber, wenn man fragt: Wie ist es zu dieser Erfindung oder Entdekkung gekommen, dann muß man auf den Grund der Menschenseelen hinsehen: wie die Menschenseelen durch einen gewissen Werdegang hindurchgegangen sind, wie sie dazu gebracht worden sind, ich möchte sagen, in ihren stillen Kämmerlein irgend etwas zu finden, was dann ganze breite Gebiete des sozialen Lebens umgestaltet hat. Man frage sich nur einmal so, daß das Urteil eine soziale Bedeutung gewinnt: Was hat es für eine Bedeutung für das ganze soziale Leben, daß die Differential- und Integralrechnung von Leibniz gefunden worden ist? Man versuche einmal, von diesem Gesichtspunkt aus den Einfluß des geistigen Lebens auf das soziale Leben wirklichkeitsgemäß zu betrachten, und man wird, weil dieses geistige Leben seine eigenen Bedingungen hat, darauf kommen, daß in diesem geistigen Leben ein besonders gearteter Zweig des allgemeinen sozialen Lebens gegeben ist.
[ 15 ] One of these social branches is the spiritual life of humanity. This spiritual life of humanity—which, of course, we cannot consider in isolation from the rest of social life—has its own conditions. These are bound up with human individualities. Spiritual life flourishes on the foundation of the human beings of a given era. And the rest of social life depends on this. Just consider how much has changed in certain social spheres simply because this or that invention or discovery was made by one person or another. But then, when one asks: “How did this invention or discovery come about?”—then one must look into the depths of the human soul: how human souls have passed through a certain course of development, how they were led—I might say—to find something in their quiet innermost recesses that then transformed entire broad areas of social life. Let us ask ourselves this question in such a way that the answer takes on social significance: What significance does Leibniz’s discovery of differential and integral calculus have for social life as a whole? Try, from this perspective, to view the influence of intellectual life on social life realistically, and you will—because this intellectual life has its own conditions—come to the conclusion that within this intellectual life there exists a particularly distinct branch of general social life.
[ 16 ] Und wenn man fragt, welches diese besondere Artung ist, so muß man sagen: Alles, was im geistigen Leben der Menschheit wirklich gedeihen kann, muß aus der menschlichen innersten produktiven Kraft hervorgehen. Und man wird am günstigsten finden müssen für das gesamte soziale Leben, was sich in diesem Geistes!leben unbehindert aus dem entwickeln kann, was auf dem Grund der menschlichen Seele ist.
[ 16 ] And if one asks what this particular form is, one must say: Everything that can truly flourish in the spiritual life of humanity must spring from the innermost creative power of the human being. And one will have to conclude that what is most beneficial for social life as a whole is that which can develop unhindered within this spiritual life from what lies at the very core of the human soul.
[ 17 ] Dann aber stehen wir unter einem anderen Impuls, der immer mehr und mehr in den letzten Jahrzehnten hervorgetreten ist: unter dem Impuls, der sich dann hineinergossen hat in den Glauben an die Allmacht des Staatslebens, daß die zivilisierte Menschheit aus den Untergründen ihres Wesens heraus immer demokratischer und demokratischer geworden ist. Das heißt, daß Aspirationen in den breiten Massen der Menschheit vorhanden sind: jeder Mensch müsse mitreden, wenn es sich darum handelt, menschliche Einrichtungen zu treffen. Dieser demokratische Zug kann einem sympathisch oder unsympathisch sein, darauf kommt es zunächst nicht an. Darauf kommt es an, daß er sich als eine reale Kraft im geschichtlichen Leben der neueren Menschheit ergeben hat. Aber gerade wenn man auf das, was sich als solcher demokratischer Zug ergeben hat, hinschaut, dann kommt einem bei einem wirklichkeitsgemäßen Denken ganz besonders in den Sinn, wie aus dem inneren Drängen, aus dem geistigen Leben Mitteleuropas heraus bei den edelsten Geistern sich Ideen gerade über das staatliche Zusammenleben der Menschen entwickelt haben.
[ 17 ] But then we find ourselves driven by another impulse that has become increasingly prominent in recent decades: the impulse that has poured itself into the belief in the omnipotence of the state, namely, that civilized humanity, from the very depths of its being, has become more and more democratic. This means that aspirations exist among the broad masses of humanity: every person must have a say when it comes to establishing human institutions. One may find this democratic trend appealing or unappealing; that is not the point for now. What matters is that it has emerged as a real force in the historical life of modern humanity. But precisely when one looks at what has emerged as this democratic trend, then—if one thinks realistically—it becomes particularly clear how, out of an inner urge, out of the spiritual life of Central Europe, ideas concerning the very nature of human coexistence in a state have developed among the noblest minds.
[ 18 ] Ich will nicht sagen, daß man heute noch einen besonderen Wert zu legen hat auf das, was einer der edelsten deutschen Menschen als seinen «geschlossenen Handelsstaat» hingestellt hat. Auf den Inhalt wird man weniger Rücksicht nehmen müssen als auf das edle Wollen Fichtes. Aber ich möchte darauf hinweisen, daß in einer sehr populären Form um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert aufgetreten ist, was man das Streben nach Ideen eines Naturrechts nennen kann. Dazumal haben sich sehr bedeutende und edle Geister damit beschäftigt, die Frage zu beantworten: Wie steht Mensch zu Mensch? Was ist überhaupt die innerste Wesenheit des Menschen in sozialer Beziehung? Und sie glaubten, wenn sie den Menschen recht verstehen, auch finden zu können, was für den Menschen rechtens ist. Das Vernunftrecht, das Naturrecht haben sie das genannt. Sie glaubten, aus der Vernunft heraus finden zu können, welches die besten Rechtsinstitutionen sind, unter denen die Menschen am besten gedeihen können. Sie brauchen nur Roftecks Werk zu betrachten, um zu sehen, wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch bei vielen die Idee des Naturrechts regsam war.
[ 18 ] I do not mean to say that we should still place special value today on what one of the noblest of Germans described as his “closed commercial state.” One need not pay as much attention to the content as to Fichte’s noble intentions. But I would like to point out that, in a very popular form, what might be called the pursuit of ideas of natural law emerged at the turn of the 18th to the 19th century. At that time, very significant and noble minds were engaged in answering the question: What is the relationship between human beings? What, in fact, is the innermost essence of human beings in social relations? And they believed that if they understood human beings correctly, they would also be able to discover what is just for human beings. They called this “rational law” or “natural law.” They believed they could determine, through reason, which legal institutions would allow people to flourish best. One need only look at Rofteck’s work to see how, even in the first half of the 19th century, the idea of natural law was still very much alive among many people.
[ 19 ] Dem hat sich aber im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa die historische Rechtsschule gegenübergestellt. Diese war davon beseelt, daß man nicht aus der Vernunft herausspinnen könne, was rechtens ist unter den Menschen.
[ 19 ] However, during the first half of the 19th century in Europe, the historical school of law took a contrary position. It was guided by the belief that one cannot deduce from reason alone what is lawful among human beings.
[ 20 ] Aber man bemerkte in dieser historischen Rechtsschule nicht, was es ist, das alles Ausdenken eines Vernunftrechts unfruchtbar macht; man bemerkte nicht, daß unter dem Einfluß des intellektuellen Zeitalters eine gewisse Unfruchtbarkeit in das Geistesleben der Menschheit gekommen war. Und so sagten sich die Gegner des Naturrechts: die Menschen seien nicht dazu berufen, aus ihrer Seele heraus etwas von dem zu finden, was rechtens ist, deshalb müsse man das Recht historisch studieren; man müsse darauf hinschauen, wie sich die Menschen geschichtlich entwickelt haben, wie aus ihren Gewohnheiten, aus ihren instinktiven gegenseitigen Verhältnissen sich Rechtszustände ergeben haben.
[ 20 ] But this historical school of law failed to recognize what it is that renders all attempts to conceive of a rational law fruitless; it failed to recognize that, under the influence of the Age of Reason, a certain barrenness had crept into the intellectual life of humanity. And so the opponents of natural law argued: human beings are not called upon to discover from within their own souls what is just; therefore, law must be studied historically; one must examine how human beings have developed historically, and how legal conditions have arisen from their customs and their instinctive mutual relationships.
[ 21 ] Man muß das Recht historisch studieren! Gegen solches Studium hat sich dann der freie Geist Nietzsches gewendet in seiner Schrift «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben». Er meinte, wenn man immer nur hinblicke auf das, was historisch in der Menschheit gelebt hat, dann könne man nicht zu einer Produktivität und zu tragfähigen Ideen für die Gegenwart kommen; was im Menschen an elementaren Kräften lebt, müsse sich gegen den historischen Sinn aufbäumen, um aus diesen Kräften heraus zu einer Konstitution sozialer Zusammenhänge zu kommen.
[ 21 ] One must study law historically! Nietzsche’s free spirit turned against such a study in his essay “On the Use and Abuse of History for Life.” He believed that if one always looks only at what has historically existed in humanity, then one cannot achieve productivity or arrive at viable ideas for the present; the elemental forces that live within human beings must rebel against the historical perspective in order to use these forces to establish a framework of social relationships.
[ 22 ] Unter den führenden Persönlichkeiten war gerade im 19. Jahrhundert, in der höchsten Blüte des Intellektualismus, ein Streit über das heraufgekommen, was eigentlich die Grundlagen des Rechts sind. Und damit war auch der Streit über die Grundlagen des Staates gegeben. Wenigstens in der damaligen Zeit leugnete man das gar nicht. Denn der Staat ist im Grunde genommen bloß die Endsummierung dessen, was sich an einzelnen Institutionen ergibt, in denen die Rechtskräfte leben. Und so war eigentlich mit der Tatsache, daß man den Sinn für Auffindung von Rechtsgrundlagen verloren hatte, gegeben, daß man auch über die eigentliche Wesenheit des Staates nicht mehr mit sich ins klare kommen konnte. Daher sehen wir, nicht etwa nur in den Theorien, sondern auch im praktischen Leben, wie das Leben des Staates im Verlaufe des 19. Jahrhunderts für unzählige Menschen, auch der breitesten Masse, ein Problem geworden ist, das gelöst werden sollte.
[ 22 ] Among leading figures, particularly in the 19th century—the height of intellectualism—a debate had arisen over what actually constitutes the foundations of law. And with that came the debate over the foundations of the state. At least at that time, this was not denied at all. For the state is, in essence, merely the sum total of individual institutions in which legal forces operate. And so, with the loss of the ability to identify the foundations of law, it was inevitable that people could no longer come to terms with the very nature of the state. Consequently, we see—not only in theory but also in practical life—how, over the course of the 19th century, the life of the state became a problem for countless people, including the broadest masses, a problem that needed to be solved.
[ 23 ] Das ging aber doch mehr, ich möchte sagen, in den oberen, bewußten Partien der Menschheitszivilisation vor sich. In den Untergründen bohrte das, was ich als das Heraufkommen des demokratischen Sinnes charakterisiert habe. Dieses Heraufkommen des demokratischen Sinnes führt uns, wenn es richtig verstanden wird, dahin, die Frage nach dem Wesen des Rechts viel gründlicher, viel wirklichkeitsgemäßer aufzufassen, als sie vielfach heute aufgefaßt wird. Es gibt heute viele Menschen, die es als eine Selbstverständlichkeit betrachten, daß man irgendwie aus dem einzelnen Menschen heraus auf das kommen könne, was eigentlich auf diesem oder jenem Gebiete das Recht ist. Allerdings, neuere Rechtsgelehrte verlieren mit einem solchen Streben schon den Boden; und sie finden dann, daß sie, wenn sie in dieser Weise philosophieren oder auch glauben, praktisch nachzudenken über das Leben, dann für das Recht den Inhalt verlieren, daß das Recht ihnen etwas Formales wird. Und dann sagen sie: Das, was bloß formal ist, muß einen Inhalt bekommen, in das muß sich das Wirtschaftliche als Inhalt hineinergießen.
[ 23 ] But this took place, I would say, more in the higher, conscious spheres of human civilization. Beneath the surface, what I have characterized as the emergence of the democratic spirit was taking root. This emergence of the democratic spirit, if properly understood, leads us to conceive of the question of the nature of law in a much more thorough and realistic way than is often the case today. There are many people today who take it for granted that one can somehow derive, from the individual human being, what actually constitutes law in this or that area. However, modern legal scholars are already losing their footing with such an endeavor; and they then find that when they philosophize in this way—or even believe they are thinking practically about life—they lose sight of the substance of law, and law becomes something merely formal to them. And then they say: That which is merely formal must be given substance; the economic must flow into it as substance.
[ 24 ] So ist auf der einen Seite ein deutliches Gefühl vorhanden, wie ohnmächtig man ist, wenn man aus sich heraus zum Rechtsbegriff, zum Rechtsempfinden kommen will; auf der anderen Seite sucht man dennoch immer wieder und wiederum aus dem Menschen heraus das Wesen des Rechts. Der demokratische Sinn aber bäumt sich gerade gegen dieses Suchen auf. Denn, was sagt er? Er sagt: Es gibt überhaupt nicht eine allgemeine abstrakte Festsetzung des Rechts, sondern es gibt nur die Möglichkeit, daß sich Menschen, die in irgendeiner sozialen Gemeinschaft stehen, miteinander verständigen, daß sie sich gewissermaßen gegenseitig sagen: Das willst du von mir, das will ich von dir - und daß sie dann übereinkommen darüber, was sich dadurch für sie für Verhältnisse ergeben. Dann ergibt sich das Recht rein aus der Wirklichkeit dessen heraus, was Menschen gegenseitig von sich wollen, so daß es eigentlich ein Vernunftrecht gar nicht geben kann, daß auch alles, was als «historisches Recht» zustande gekommen ist, noch immer zustande kommen kann, wenn man nur den richtigen Boden dafür sucht, und daß die Menschen auf diesem Boden in ein solches Verhältnis kommen können, daß sie aus gegenseitiger Verständigung wirklichkeitsgemäß das Recht erst hervorbringen. «Ich will mitte den können, wenn das Recht entsteht!», das ist das, was der demokratische Sinn sagt. Und derjenige, der dann etwa theoretisch über das Recht Bücher schreiben will, der kann sich nicht aus den Fingern saugen, was das Recht ist, sondern der hat einfach hinzuschauen auf das, was unter Menschen als Recht entsteht, und hat es mehr oder weniger zu registrieren. Wir sehen auch in der Naturwissenschaft nicht so in die Tatsachenwelt hinein, daß wir aus unserem Kopf heraus die Naturgesetze formen, sondern wir lassen die Dinge zu uns reden und bilden danach die Naturgesetze. Wir nehmen an: das, was wir in die Naturgesetze hineinfassen wollen, sei bereits geschaffen; das aber, was im Rechtsleben vorhanden ist, das werde unter den Menschen geschaffen. Da ist das Leben auf einem anderen Niveau, Da steht der Mensch im Gebiete des Schaffens, und zwar als soziales Wesen, neben den anderen Menschen, damit ein Leben, das den Entwickelungssinn der Menschheit in die soziale Ordnung hineingießen will, zustande komme. Das ist eben der demokratische Sinn.
[ 24 ] On the one hand, there is a distinct sense of how powerless one is when trying to arrive at the concept of law or a sense of justice on one’s own; on the other hand, one nevertheless seeks time and again, starting from human nature, the essence of law. The democratic spirit, however, rebels precisely against this search. For what does it say? It says: There is no such thing as a general, abstract definition of law; rather, there is only the possibility that people who are part of some social community may come to an understanding with one another—that they may, so to speak, say to one another: “This is what you want from me, this is what I want from you”—and that they may then agree on the relationships that result for them as a consequence. Then the law arises purely from the reality of what people mutually want from one another, so that there cannot actually be any such thing as a “rational law,” that everything which has come into being as “historical law” can still come into being if one only seeks the right ground for it, and that people can enter into such a relationship on this ground that they truly bring the law into being through mutual understanding in accordance with reality. “I want to be able to see how law comes into being!”—that is what the democratic spirit says. And anyone who then wishes to write books about law—even in a theoretical sense—cannot simply pull what law is out of thin air, but must simply observe what emerges as law among people and more or less take note of it. Even in the natural sciences, we do not look into the world of facts in such a way that we formulate the laws of nature out of our own heads; rather, we let things speak to us and formulate the laws of nature accordingly. We assume that what we seek to capture in the laws of nature already exists; but what exists in legal life is created among human beings. There, life exists on a different level; there, the human being stands in the realm of creation—specifically as a social being, alongside other human beings—so that a life may come into being that seeks to channel humanity’s sense of development into the social order. That is precisely the democratic spirit.
[ 25 ] Das dritte, das sich heute hinstellt vor den Menschen und nach sozialen Neugestaltungen ruft, das sind die komplizierten wirtschaftlichen Verhältnisse, die heraufgekommen sind in der neueren Zeit, die ich nicht zu schildern brauche, weil sie sachgemäß von vielen Seiten geschildert werden. Man kann nun sagen: Diese wirtschaftlichen Verhältnisse sind durchaus so, daß sie wiederum aus anderen Bedingungen hervorgehen als die beiden anderen Gebiete des sozialen Organismus, als das Geistesleben - da muß alles, was fruchtbar werden kann in der sozialen Ordnung, aus der einzelnen menschlichen Individualität hervorgehen, nur das Schaffen des Einzelnen kann da den rechten Beitrag geben zur gesamten sozialen Ordnung - und als das Rechtsleben, auf dessen Gebiet es sich nur darum handeln kann, daß das Recht und damit auch das staatliche Wesen hervorgeht aus der Verständigung der Menschen. Beide Bedingungen, die eine, wie sie für das Geistesleben, die andere, wie sie für das staatlich-rechtliche Leben gilt, sind nicht da im wirtschaftlichen Leben.
[ 25 ] The third factor that stands before people today and calls for social reform is the complex economic conditions that have arisen in recent times—conditions I need not describe here, as they have been adequately described from many perspectives. One might now say: These economic conditions are such that they, in turn, arise from conditions different from those of the other two spheres of the social organism—namely, spiritual life —where everything that can bear fruit in the social order must arise from the individual human personality; only the creative work of the individual can make the proper contribution to the entire social order—and the legal life, in whose realm the sole concern must be that the law, and thus also the nature of the state, arises from mutual understanding among people. Neither of these conditions—one as it applies to spiritual life, the other as it applies to state and legal life—exists in economic life.
[ 26 ] Im wirtschaftlichen Leben ist es nicht so, daß das Urteil über das, was geschehen könne, aus einem einzelnen hervorspringen kann. Wir haben gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts, wo unter der Menschheit der Intellektualismus so zur Blüte gekommen ist, sehen können, wie einzelne sehr bedeutende Menschen - ich sage das nicht aus Ironie heraus, sondern um die Dinge wahrheitsgemäß zu charakterisieren —, die auf den verschiedenen Gebieten stehen, über das eine und andere ihre Meinungen geäußert haben, Leute, die gut darinnenstanden im wirtschaftlichen Leben, denen man auch zutrauen konnte, daß sie ein Urteil hatten. Wenn sie sich dann über irgend etwas, was über ihr Gebiet hinausging, was auf die Gesetzgebung Einfluß gewann, äußern sollten, dann konnte man oftmals sagen: Ja, das, was dieser oder jener gesagt hat, zum Beispiel über den praktischen Einfluß der Goldwährung, ist bedeutend und gescheit —, man staunt sogar, wenn man verfolgt, was sich abgespielt hat in den verschiedenen wirtschaftlichen Verbänden in der Zeit, als in verschiedenen Staaten der Übergang zu dieser Goldwährung gemacht worden ist, über die Summe von Gescheitheit, die da in die Welt gebracht worden ist; wenn man aber weiterstudiert, wie sich dann die Dinge entwickelt haben, die vorausgesagt worden sind, dann sieht man: da hat dieser oder jener sehr bedeutende Mensch zum Beispiel gesagt, unter dem Einfluß der Goldwährung würden die Zollschranken verschwinden. Das Gegenteil davon ist eingetreten!
[ 26 ] In economic life, it is not the case that a judgment about what might happen can spring from a single individual. Precisely in the course of the 19th century, when intellectualism flourished so greatly among humanity, we were able to see how certain very significant individuals —I say this not out of irony, but to characterize things truthfully—who were active in various fields and expressed their opinions on one thing or another; people who were well-versed in economic life and whom one could trust to have sound judgment. When they then commented on something that went beyond their field—something that influenced legislation—one could often say: “Yes, what this or that person said—for example, about the practical impact of the gold standard—is significant and insightful”—one is even amazed, when one traces what took place in the various economic associations during the period when different countries were making the transition to the gold standard, at the sheer amount of insight that was brought to light; but if one studies further how the things that were predicted actually developed, then one sees: for example, this or that very significant person said that, under the influence of the gold standard, customs barriers would disappear. The exact opposite happened!
[ 27 ] Und man muß sagen: Auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens ist es so, daß einem Gescheitheit, die einem sehr viel helfen kann auf dem Gebiete des Geisteslebens, eigentlich nicht immer ein sicherer Führer sein kann. Man kommt allmählich darauf, sich zu sagen: In bezug auf das Wirtschaftsleben kann überhaupt die einzelne Individualität keine maßgebenden Urteile fällen. Da können Urteile nur zustande kommen gewissermaßen als Kollektivurteile, indem sie sich ergeben durch das Zusammenwirken vieler, die in den verschiedensten Gebieten des Lebens drinnenstehen. Das darf wiederum nicht bloße theoretische Weisheit sein, sondern muß lebenspraktische Lebensweisheit werden, daß wirklich Geltung habende Urteile nur aus dem Zusammenklang von vielen hervorgehen können.
[ 27 ] And it must be said: In the realm of economic life, it is the case that shrewdness—which can be of great help in the realm of spiritual life—cannot always be a reliable guide. One gradually comes to realize: When it comes to economic life, the individual alone cannot make authoritative judgments at all. Judgments can only arise, so to speak, as collective judgments—resulting from the interaction of many people who are actively engaged in the most diverse areas of life. This, in turn, must not remain mere theoretical wisdom, but must become practical, down-to-earth wisdom—the realization that truly valid judgments can arise only from the harmony of many.
[ 28 ] Damit gliedert sich das gesamte soziale Leben in drei voneiander verschiedene Gebiete. Auf dem Boden des Geisteslebens hat der Einzelne zu sprechen, auf dem Boden des demokratischen Rechtslebens haben alle Menschen zu sprechen, weil es da auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch aus der rein menschlichen Wesenheit heraus ankommt, darüber kann sich jeder Mensch äußern, und auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens ist weder das Urteil der Individualität noch das Urteil, das zusammenfließt aus den unterschiedslosen Urteilen aller Menschen, möglich. Auf diesem Gebiete handelt es sich darum, daß der Einzelne in eine Ganzheit Sachkenntnis und Erfahrung auf seinem Gebiete hineinträgt, daß aber dann aus Verbänden heraus ein Kollektivurteil in der richtigen Weise entstehen kann. Das kann nur entstehen, wenn die berechtigten Urteile der einzelnen sich abschleifen können. Darum aber müssen die Verbände so gestaltet sein, daß in ihnen zusammenfließt, was sich abschleifen kann und dann in der Lage ist, ein Gesamturteil zu geben. So zerfällt das gesamte soziale Leben in diese drei Gebiete. Nicht irgendeine utopistische Idee sagt uns das, sondern die wirklichkeitsgemäße Betrachtung des Lebens.
[ 28 ] Thus, all of social life is divided into three distinct spheres. In the realm of spiritual life, the individual has a voice; in the realm of democratic legal life, all people have a voice, because what matters there is the relationship between human beings based on their purely human nature—and every person can express an opinion on this; and in the realm of economic life, neither the judgment of the individual nor the judgment that emerges from the undifferentiated judgments of all people is possible. In this sphere, the point is that the individual contributes expertise and experience in their field to a whole, so that a collective judgment can then emerge in the proper way from associations. This can only come about if the justified judgments of the individuals can be refined. For this reason, however, associations must be structured in such a way that they bring together elements that can be harmonized and are then capable of forming an overall judgment. Thus, the entirety of social life is divided into these three areas. This is not some utopian idea, but rather a realistic view of life.
[ 29 ] Aber nun, das muß immer wieder und wiederum festgehalten werden, trägt der soziale Organismus, der kleine oder der große, neben den aufsteigenden Kräften auch immer die Niedergangskräfte in sich. Und so trägt alles, was wir in das soziale Leben hineinpulsieren lassen, zu gleicher Zeit seine Zerstörungskräfte in sich. Eine fortwährende Heilung ist im sozialen Organismus notwendig.
[ 29 ] But now—and this must be emphasized again and again—the social organism, whether small or large, always contains within itself not only the forces of ascent but also the forces of decline. And so everything we infuse into social life simultaneously carries within it the forces of its own destruction. A continuous healing process is necessary within the social organism.
[ 30 ] Sehen wir von diesem Gesichtspunkt aus auf das geistige Leben hin, so können wir in Gemäßheit der Betrachtungen, die hier in diesen Tagen gepflogen worden sind, geradezu sagen: Im orientalischen sozialen Leben war das Geistesleben universell maßgebend. Alles einzelne, im Grunde genommen auch im staatlichen, auch im wirtschaftlichen Leben, ist aus den Impulsen des geistigen Lebens so hervorgeholt worden, wie ich das in den letzten Tagen hier geschildert habe. Betrachtet man aber den sozialen Verlauf, dann findet man, daß für ein gewisses Zeitalter — für jedes Zeitalter ist es anders — aus dem geistigen Leben Impulse herausfließen, die in die sozialen Gestaltungen hineingehen, daß sich dann wirtschaftliche Verbände bilden nach den Ideen aus dem Geistesleben heraus, daß der Staat Einrichtungen trifft aus dem Geistesleben heraus. Aber man sieht auch, daß das Geistesleben fortwährend eine Tendenz hat, Niedergangskräfte zu entwickeln oder Kräfte, aus denen sich solche Niedergangskräfte bilden. Würde das Geistesleben in seiner Allmacht vor uns dastehen, so würden wir sehen, wie aus diesem Geistesleben heraus sich fortwährend der Impuls ergibt, daß die Menschen sich in Klassen, in Stände sondern. Und studiert man die Gründe, warum im Orient die Kasteneinteilung eine so große Macht hat, so wird man finden, daß man die Kasteneinteilung als notwendige Begleiterscheinung dessen ansieht, daß sich das soziale Leben aus den geistigen Impulsen heraus entwickelt hat. Und so sehen wir noch bei Plato, wie er darauf hinweist, daß die Menschheit selbst geschieden werden müsse im idealen Staat in Nährstand, Lehrstand, Wehrstand, also in Stände geschieden werden müsse. Wer die Gründe untersucht, warum das ist, der wird finden, daß sich eben in der Abstufung, die einmal mit der Allmacht des Geisteslebens gegeben ist, die Stände, die Klassenunterschiede ergeben, und daß dann innerhalb der Klassen wiederum die menschliche Individualität auftritt, die diese Klassen als Schädigung der sozialen Gestaltung empfindet. Also innerhalb des Geisteslebens finden sich fortwährend die Anlässe dazu, daß Klüfte zwischen Ständen, Klassen, selbst Kasten entstehen.
[ 30 ] If we look at spiritual life from this perspective, we can say, in accordance with the reflections that have been shared here in recent days, that in Eastern social life, spiritual life was universally decisive. Every individual aspect—including, fundamentally, political and economic life—was derived from the impulses of spiritual life, just as I have described here in recent days. But if one considers the course of social development, one finds that for a certain era—and this varies from era to era—impulses flow from spiritual life into social structures; that economic associations then form based on ideas derived from spiritual life; and that the state establishes institutions based on spiritual life. But one also sees that spiritual life has a constant tendency to develop forces of decline—or forces from which such forces of decline arise. If spiritual life were to stand before us in all its omnipotence, we would see how the impulse constantly arises from this spiritual life for people to divide themselves into classes and estates. And if one studies the reasons why the caste system holds such great power in the East, one will find that the caste system is regarded as a necessary consequence of social life having developed out of spiritual impulses. And so we see even in Plato how he points out that humanity itself must be divided in the ideal state into the class of producers, the class of teachers, and the class of warriors—that is, into estates. Anyone who examines the reasons for this will find that it is precisely in the gradation inherent in the omnipotence of spiritual life that the estates and class distinctions arise, and that within the classes, human individuality then emerges, perceiving these classes as detrimental to the social order. Thus, within spiritual life, there are constantly opportunities for rifts to arise between estates, classes, and even castes.
[ 31 ] Und wenn wir dann auf das Gebiet des Staatswesens sehen, dann müssen wir vorzugsweise auf diesem Gebiete suchen, was ich in diesen Tagen bezeichnet habe als die Eroberung der Arbeit im Verlaufe der menschlichen Entwickelung für den gesamten einheitlichen sozialen Organismus. Gerade dadurch, daß sich aus Asien herüber die Theokratie zu dem Staatswesen entwickelte, das nun unter dem Einfluß der Rechtsimpulse steht, gerade dadurch entwickelt sich das Problem der Arbeit. Indem jeder einzelne zu seinem Recht kommen sollte, entwickelte sich die Forderung, daß die Arbeit richtig in den sozialen Organismus hineingestellt werden solle. Aber indem sich vom religiösen Leben das Rechtsleben loslöste, indem sich das immer mehr und mehr zur Demokratisierung hindrängt, indem sich das immer mehr und mehr entwickelte, sehen wir, wie sich in die Menschheit auch immer mehr und mehr ein gewisses formalistisches Element des sozialen Denkens hineindrängte.
[ 31 ] And when we turn our attention to the realm of the state, it is in this realm, above all, that we must seek what I have recently described as the conquest of labor in the course of human development for the sake of the entire, unified social organism. It is precisely because theocracy evolved from Asia into a system of government that is now influenced by legal principles that the problem of labor has arisen. As each individual came to claim their rightful place, the demand arose that labor be properly integrated into the social organism. But as legal life became detached from religious life, as it moved ever more toward democratization, and as it developed further and further, we see how a certain formalistic element of social thought also increasingly made its way into humanity.
[ 32 ] Das Recht entwickelte sich ja aus dem heraus, was der einzelne Mensch dem andern zu sagen hat. Nicht aus der Vernunft kann man das Recht herausspinnen. Aber aus dem wechselseitigen Verkehr der Vernünfte, wenn ich mich des Wortes bedienen darf, unter den Menschen entsteht das lebendige Rechtsleben. Das tendiert daher zur Logik, zum formalistischen Gedanken hin. Aber indem die Menschheit eben durch ihre Epochen geht, geht sie durch Einseitigkeiten hindurch. Wie sie durch die Einseitigkeit der Theokratie hindurchgegangen ist, geht sie später durch die Einseitigkeit des Staates hindurch. Dadurch aber wird im sozialen Leben das logische Element gepflegt, das Element, das ausdenkt. Man braucht sich nur zu erinnern, welche Summe von menschlicher Denkkraft gerade auf das Rechtsleben im Verlaufe der geschichtlichen Entwickelung verwendet worden ist.
[ 32 ] Law, after all, developed from what one individual has to say to another. One cannot derive law from reason alone. But from the mutual interaction of reason—if I may use that term—among human beings, a living legal system emerges. This therefore tends toward logic, toward formalistic thinking. But as humanity passes through its various epochs, it also passes through periods of one-sidedness. Just as it passed through the one-sidedness of theocracy, it later passes through the one-sidedness of the state. Through this, however, the logical element—the element that conceives—is cultivated in social life. One need only recall the sheer volume of human intellectual power that has been devoted to legal life in the course of historical development.
[ 33 ] Aber dadurch steuert die Menschheit auch zu der Kraft der Abstraktion. Und man wird empfinden können, wie immer mehr und mehr das menschliche Denken gerade unter dem Einfluß des Rechtsprinzips abstrakter und abstrakter wird. Was aber auf einem Gebiet die Menschheit ergreift, das dehnt sich zu gewissen Zeiten über das ganze Menschenleben aus. Und so, möchte ich sagen, wurde, wie ich das früher angedeutet habe, sogar das Religionsleben in das juristische Leben herübergenommen. Der Weltengesetzgebende und den Menschen Gnade verleihende Gott des Orients wurde ein richtender Gott. Weltengesetzmäßigkeit im Kosmos wurde Weltgerechtigkeit. Das sehen wir insbesondere im Mittelalter. Damit aber war in die menschlichen Denkund Empfindungsgewohnheiten etwas wie Abstraktion hineingekommen. Man wollte immer mehr und mehr das Leben aus den Abstraktionen heraus meistern.,
[ 33 ] But in this way, humanity is also moving toward the power of abstraction. And one will be able to sense how, under the influence of the principle of law, human thought becomes more and more abstract. But what takes hold of humanity in one sphere eventually extends, at certain times, to the whole of human life. And so, I would say, as I have indicated earlier, even religious life was incorporated into legal life. The God of the East, who legislates for the world and bestows grace upon humanity, became a God of judgment. Cosmic law in the cosmos became cosmic justice. We see this particularly in the Middle Ages. With this, however, something like abstraction had entered into human habits of thought and feeling. People sought more and more to master life through abstractions.,
[ 34 ] Und so dehnte sich das abstrahierende Leben auch über das religiöse Leben, über das geistige Leben auf der einen Seite und über das wirtschaftliche Leben auf der anderen Seite aus. Immer mehr und mehr gewann man Vertrauen zu der Allmacht des Staates, der auf sein abstraktes Verwaltungs- und Verfassungsleben eingestellt war. Immer mehr und mehr fand man es dem Fortschritt gemäß, daß das geistige Leben in Form des Erziehungslebens ganz einfließen sollte in die Staatswelt. Dann aber mußte es eingefangen werden in abstrakte Verhältnisse, wie sie mit dem Rechtsleben verknüpft sind. Das Wirtschaftliche wurde auch gewissermaßen aufgesogen von dem, was man für den Staat als das Angemessene empfand. Und in den Zeiten, in denen die moderne Art des Wirtschaftens heraufkam, war die Meinung allgemein, daß der Staat diejenige Macht sein müsse, die vor allen Dingen über die richtige Gestaltung auch des Wirtschaftslebens zu bestimmen habe. Damit aber bringen wir die anderen Zweige des Lebens unter die Macht der Abstraktion. So abstrakt das selber aussieht, so wirklichkeitsgemäß ist es aber. Und ich möchte das nur veranschaulichen mit Bezug auf die menschliche Erziehung.
[ 34 ] And so abstract life spread to encompass religious life and spiritual life on the one hand, and economic life on the other. People gained more and more confidence in the omnipotence of the state, which was geared toward its abstract administrative and constitutional life. More and more, it was considered in keeping with progress that spiritual life, in the form of educational life, should be fully integrated into the realm of the state. But then it had to be captured within abstract relationships, such as those linked to legal life. The economic sphere, too, was, in a sense, absorbed by what was deemed appropriate for the state. And in the era when the modern mode of economic activity emerged, the general opinion was that the state must be the power that, above all else, determines the proper organization of economic life as well. But in doing so, we subject the other branches of life to the power of abstraction. As abstract as this may seem, it is nonetheless true to reality. And I would like to illustrate this with reference to human education.
[ 35 ] Es können sich in unserem Zeitalter, wo die Gescheitheit so billig ist, Menschen zu einem kleinen oder großen Kollegium — das ist schon ganz gleichgültig - zusammensetzen, um auszudenken, welches die besten pädagogischen Maßregeln sind. Sie werden — ich sage es ohne Ironie -, wenn sie so zusammenkommen und sich ausdenken, wie erzogen werden soll und was alles in dieser oder jener Klasse im Lehrplan sein soll, ganz Ausgezeichnetes ausdenken. Ich bin davon überzeugt, daß diese Menschen, wenn sie nur einigermaßen gescheit sind, und das sind heute die meisten Menschen, ideale Programme zustande bringen. Wir leben oder lebten wenigstens — denn man sucht ja schon davon abzukommen - in der Zeit der Programme. Was haben wir denn eigentlich reichlicher als Programme, als Leitsätze auf diesem oder jenem Lebensgebiet! Da werden Gesellschaften und wieder Gesellschaften begründet, die entwerfen ihre Programme: das soll so oder so sein. Ich habe gar nichts einzuwenden gegen diese Programme, bin davon überzeugt, daß keiner, der Kritik an diesen Programmen übt, im Grunde bessere macht. Nur kommt es nicht darauf an. Denn das, was wir ausdenken, können wir der Wirklichkeit aufdrängen, aber die Wirklichkeit wird dann nicht so, daß Menschen in ihr leben können. Und auf das letztere kommt es an.
[ 35 ] In our age, when cleverness is so cheap, people can get together in a small or large group—it really doesn’t matter—to figure out what the best educational measures are. They will—and I say this without irony—come up with something truly excellent when they gather together like this to figure out how education should be conducted and what should be included in the curriculum for this or that class. I am convinced that these people, provided they are even moderately intelligent—and most people today are—will devise ideal programs. We live—or at least lived, since people are already trying to move away from this—in the age of programs. What do we actually have in abundance if not programs, if not guiding principles in this or that area of life! Society after society is founded, each drafting its own programs: things should be this way or that way. I have absolutely no objection to these programs; I am convinced that no one who criticizes them can, at heart, come up with better ones. But that is not the point. For while we can impose what we devise on reality, reality does not then become such that people can live within it. And it is the latter that matters.
[ 36 ] Und so ist es, ich möchte sagen, zu einem vorläufigen Abschluß auf diesem Gebiete gekommen. Man hat gesehen, wie ein Mensch mit den besten, edelsten Absichten für die Menschheitsentwickelung der allerneuesten Zeit ein solches Programm für die ganze zivilisierte Welt in vierzehn ausgezeichneten Punkten aufgestellt hat. Es ist sofort zersplittert, als es mit der Wirklichkeit in Kontakt kam. Man sollte an dem Schicksal der vierzehn Wilsonschen abstrakten Punkte, die aus gescheiten Menschenhirnen hervorgegangen sind, aber nicht wirklichkeitsgemäß waren, nicht aus dem Leben gewonnen waren, außerordentlich viel lernen.
[ 36 ] And so, I would say, a provisional conclusion has been reached in this area. We have seen how a person with the best and noblest intentions for the development of humanity in the very recent past drew up such a program for the entire civilized world in fourteen excellent points. It fell apart immediately upon coming into contact with reality. We have an extraordinary amount to learn from the fate of Wilson’s fourteen abstract points, which sprang from intelligent minds but were not grounded in reality and were not drawn from life itself.
[ 37 ] Und so kommt es auch in der Pädagogik, in dem Erziehungs- und Unterrichtswesen eben gar nicht auf Programme an, die doch nur aus dem Staatsleben und Rechtsleben heraus gegeben werden. Da kann als Verordnung ergehen in der allerbesten Weise, man solle dies oder jenes machen; aber in der Wirklichkeit hat man es zu tun mit einem Lehrerkollegium, das Lehrer mit diesen oder jenen Fähigkeiten umschließt. Mit diesen hat man lebensvoll zu rechnen. Kein Programm kann verwirklicht werden. Nur das kann verwirklicht werden, was aus den Individualitäten dieser Lehrer hervorgehen kann. Man muß Empfindung, Gefühl haben für diese Individualitäten. Man wird jeden Tag aufs neue aus dem unmittelbaren Leben des einzelnen heraus sagen müssen, was zu geschehen hat. Dann wird man nicht irgendein allumfassendes Programm hinstellen können. Das bleibt eine Abstraktion. Geschaffen werden kann etwas nur aus dem Leben heraus. Denken wir uns den extremsten Fall: Es wären für irgendein Gebiet überhaupt nur eine Anzahl Lehrer da mit mittleren Fähigkeiten. Nun, selbst wenn diese Lehrer in einer Stunde, wo sie nicht zu unterrichten, sondern nur zu denken brauchen, Lehrziele ausdenken sollten, Verordnungen geben sollten, so würden sie gewiß etwas außerordentlich Gescheites zusammenbringen. Aber etwas anderes ist es nun, an die Wirklichkeit des Unterrichts heranzutreten, da kommen lediglich ihre Fähigkeiten als Gesamtmenschen in Frage. Es ist durchaus ein anderes, ob man mit dem unmittelbaren Leben rechnet oder nur mit dem, was bloß aus dem Intellekt herausgeflossen ist. Dieser Intellekt hat nämlich die Eigenschaft, daß er die Dinge übertreibt, daß er im Grunde genommen immer das Unermeßliche der Welt umfassen will. Im wirklichen Leben sollte dieser Intellekt bloß Diener sein auf dem einzelnen konkreten Gebiet.
[ 37 ] And so it is in pedagogy, in the field of education and instruction, that programs—which are, after all, merely issued from the realm of government and law—are of no consequence at all. Regulations may be issued in the very best possible way, stating that one should do this or that; but in reality, one is dealing with a faculty that comprises teachers with these or those abilities. One must take these individuals into account in a living, dynamic way. No curriculum can be fully implemented. Only what can emerge from the individualities of these teachers can be realized. One must have a sense of, and feel for, these individualities. Every day anew, based on the immediate life of each individual, one will have to determine what needs to be done. Then one will not be able to put forward some all-encompassing program. That remains an abstraction. Something can only be created out of life itself. Let us imagine the most extreme case: Suppose there were, for a given field, only a number of teachers with average abilities. Well, even if these teachers were to devise teaching objectives and issue directives during a period when they do not need to teach but only to think, they would certainly come up with something exceptionally sensible. But it is quite another matter to approach the reality of teaching; there, only their abilities as whole human beings come into play. It makes a world of difference whether one takes into account immediate, lived experience or only what has flowed purely from the intellect. For this intellect has the characteristic of exaggerating things; fundamentally, it always seeks to encompass the immeasurable vastness of the world. In real life, this intellect should merely be a servant in the specific, concrete field.
[ 38 ] Aber wenn man besonders bedenkt, daß sich das, was zwischen den Menschen entsteht, insofern sie einander in völliger Gleichheit in ihrem Menschenwesen gegenüberstehen, als Recht entwickeln kann, dann muß man sagen: Was sich im allgemeinen unter Menschen entwickelt, wird ganz richtig, wenn es aus den Abstraktionen der Gegenwart heraus kommt, denn so empfinden die Menschen; sie begründen Rechtsverhältnisse untereinander, die auf gewissen abstrakten Menschenbegriffen fußen, und dadurch, daß die Menschen auf demokratischem Boden zusammenkommen, erst zu den bestimmten Rechtsverhältnissen werden. Aber es wird innerhalb des Allgemein-Menschlichen nichts geschaffen werden können, was aus dem unmittelbaren Leben des einzelnen hervorsprießen will, sondern nur, was für die Menschen im allgemeinen gelten kann. Das heißt, es wird auf demokratischem Boden, gerade wenn man ehrlich sein will, nicht das fließen können, was aus der Individualität des Menschen innerhalb des Geisteslebens erfließen soll. Daher ist es notwendig, daß man einsieht, wie zwar der Glaube an die Allmacht des Rechts- und Staatslebens eine Zeiterscheinung war, wie es auch geschichtlich berechtigt war, daß in der Zeit, in der die modernen Staaten heraufkamen, sich diese der Schule annahmen, weil sie sie anderen Mächten abnehmen mußten, die sie nicht mehr richtig verwalteten. Man sollte die Geschichte nicht nach rückwärts korrigieren wollen.
[ 38 ] But if one considers in particular that what arises between people—insofar as they face one another in complete equality as human beings—can develop into law, then one must say: What generally develops among people becomes entirely correct when it emerges from the abstractions of the present, for this is how people perceive things; they establish legal relationships among themselves that are based on certain abstract concepts of humanity, and it is only through people coming together on democratic ground that these relationships become specific legal relationships. But within the realm of universal humanity, nothing can be created that seeks to spring forth from the immediate life of the individual; rather, only that which can apply to people in general. This means that, on democratic ground—precisely if one wishes to be honest—what is meant to flow from the individuality of the human being within spiritual life cannot flow. Therefore, it is necessary to recognize that, while belief in the omnipotence of legal and state life was a phenomenon of its time—and while it was historically justified that, during the era when modern states emerged, they took charge of education because they had to take it over from other powers that were no longer managing it properly— One should not seek to rewrite history retroactively.
[ 39 ] Aber man muß sich klar sein, daß aus der Entwickelung der neuesten Zeit die Tendenz hervorgeht, das Geistesleben wieder selbständig in sich zu gestalten, so daß das Geistesleben in sich seine eigene soziale Gestaltung, seine eigene Verwaltung hat, so daß auch das, was in der einzelnen Schulstunde vor sich geht, aus dem lebendigen Leben der Lehrerindividualität hervorgehen kann und nicht aus der Beobachtung irgendwelcher Verordnungen. Wir müssen uns entschließen, obwohl es als Fortschritt angesehen worden ist, das Geistesleben und mit ihm die Schule dem Staate auszuliefern, diesen Weg wiederum rückgängig zu machen. Dann wird es möglich sein, daß innerhalb des Geisteslebens, auch auf dem Gebiete des Schulwesens, die freie menschliche Individualität zur Geltung kommt. Und es braucht sich niemand zu fürchten, daß dadurch etwa die Autorität litte! Nein, da wo aus der menschlichen Individualität heraus produktiv gewirkt werden soll, da sehnen sich diese Individualitäten nach der naturgemäßen Autorität. Schon an der Waldorfschule können wir das sehen. Da ist jeder froh, wenn ihm der eine oder andere eine Autorität sein kann, weil er das braucht, was dieser andere produziert aus seiner Individualität heraus.
[ 39 ] But we must be clear that recent developments have given rise to a tendency to reestablish intellectual life as an independent entity, so that intellectual life has its own social structure and its own administration, and so that even what takes place in individual school lessons can arise from the living reality of the teacher’s individuality rather than from the observance of arbitrary regulations. We must resolve—even though it has been regarded as progress to surrender spiritual life, and with it the school, to the state—to reverse this course. Then it will be possible for free human individuality to come to the fore within spiritual life, including in the realm of education. And no one need fear that authority might suffer as a result! No, where productive work is to be carried out out of human individuality, these individualities yearn for authority that is in harmony with nature. We can already see this at the Waldorf School. There, everyone is glad when one person or another can be an authority figure for them, because they need what that other person produces out of their own individuality.
[ 40 ] Und so bleibt dem staatlich-rechtlichen Leben die Möglichkeit, aus demokratischem Sinn heraus zu wirken. Wiederum aber ist es so, daß das staatliche Leben gerade durch seine Neigung zur Abstraktheit es in sich selber trägt, die Kräfte zu entwickeln, die dann zu Niedergangskräften werden. Und wer studiert, wie innerhalb des Staatlich-Rechtlichen dadurch, daß die Neigung zur Abstraktion besteht, sich eigentlich das, was Menschen tun, immer mehr und mehr abtrennen muß von dem konkreten Interesse am einzelnen Lebensgebiet, der wird auch einsehen, wie gerade im Staatsleben die Grundlage liegt für jene Abstraktion, die sich innerhalb der Kapitalzirkulation immer mehr und mehr herausgebildet hat. Die moderne Kapitalbildung wird ja von den breiten Volksmassen heute vielfach angefochten. Aber so, wie der Kampf geführt wird, wird er eigentlich nur aus Unkenntnis der Verhältnisse heraus geführt. Denn derjenige, der das Kapital oder den Kapitalismus etwa abschaffen wollte, müßte das ganze moderne Wirtschaftsund soziale Leben abschaffen; denn dieses soziale Leben kann nicht unter einem anderen Prinzip leben als dem der Arbeitsteilung, und mit ihr ist zu gleicher Zeit die Kapitalbildung gegeben. Sie äußert sich in der neuesten Zeit insbesondere dadurch, daß ein großer Teil des Kapitals durch die Produktionsmittel repräsentiert wird. Das Wesentliche aber ist, daß der Kapitalismus erstens eine notwendige Erscheinung innerhalb des modernen Lebens ist, daß er aber auf der anderen Seite immerzu auch, gerade wenn er sich verstaatlicht, dazu führt, daß das Geld abgetrennt wird von den konkreten Einzelgebieten. Und im 19. Jahrhundert ist das so weit getrieben worden, daß das, was eigentlich zunächst zirkuliert im sozialen Leben, so abgetrennt wird von den einzelnen konkreten Lebensgebieten, wie bei einem Denker, der nur in Abstraktionen lebt, seine blassen Ideen von dem wirklichen Leben abgetrennt sind. Das Wirtschaftliche, das in dieser Weise von den einzelnen Lebensgebieten abgetrennt ist, ist das Geldkapital. Wenn ich irgendeine Summe in meiner Tasche habe, so kann diese Summe jedes beliebige wirtschaftliche Objekt oder auch Objekt des Geisteslebens repräsentieren. Wie ein ganz allgemeiner Begriff zu den einzelnen Erfahrungen sich verhält, so verhält sich dieses Element zu den einzelnen konkreten Lebensgebieten. Das ist es, warum die Krisen entstehen müssen innerhalb der sozialen Ordnung.
[ 40 ] And so the realm of state and law retains the possibility of acting in accordance with democratic principles. Yet, once again, it is the case that the realm of the state, precisely because of its tendency toward abstraction, carries within itself the potential to develop forces that ultimately become forces of decline. And anyone who studies how, within the realm of state and law, the very existence of this tendency toward abstraction necessitates that human actions become increasingly detached from concrete interests in individual spheres of life will also come to understand how it is precisely in state life that the foundation lies for the very abstraction that has developed more and more within the circulation of capital. Modern capital formation is, after all, widely contested by the broad masses of the people today. But the way the struggle is being waged stems, in fact, solely from a lack of understanding of the circumstances. For anyone who wished to abolish capital or capitalism, for example, would have to abolish the entire modern economic and social life; for this social life cannot exist under any principle other than that of the division of labor, and with it comes, at the same time, the accumulation of capital. In recent times, this has manifested itself particularly in the fact that a large portion of capital is represented by the means of production. The essential point, however, is that capitalism is, first of all, a necessary phenomenon within modern life; yet, on the other hand, it constantly leads—precisely when it becomes nationalized—to the separation of money from concrete, individual spheres of life. And in the 19th century, this was taken so far that what actually circulates in social life is separated from the individual concrete spheres of life to the same extent that, for a thinker who lives only in abstractions, his pale ideas are separated from real life. The economic sphere, separated in this way from the individual spheres of life, is money capital. If I have any sum of money in my pocket, that sum can represent any economic object or even an object of intellectual life. Just as a very general concept relates to individual experiences, so does this element relate to the individual concrete spheres of life. This is why crises are bound to arise within the social order.
[ 41 ] Diese Krisen sind vielfach studiert worden. Im Marxismus zum Beispiel spielt die Krisentheorie eine große Rolle. Der Fehler besteht darin, daß man die Krisen auf eindeutige Ursachenreihen zurückführt, während sie in Wirklichkeit auf zwei Unterströmungen zurückzuführen sind. Es kann sein, daß das Kapital überschüssig ist, dann führt es dazu, indem es als Überschüssiges zirkuliert, daß Krisen entstehen. Es kann aber auch sein, daß zu wenig Kapital da ist, dann führt das auch zu Krisen. Und diese Krisen sind von verschiedener Wesenheit. Diese Dinge werden auch in der heutigen Nationalökonomie nicht wirklichkeitsgemäß studiert. In der Wirklichkeit ist es so, daß ein Ding die allerverschiedensten Ursprünge haben kann.
[ 41 ] These crises have been studied extensively. In Marxism, for example, crisis theory plays a major role. The mistake lies in attributing crises to a clear sequence of causes, whereas in reality they stem from two underlying currents. It may be that there is a surplus of capital; in that case, as it circulates as a surplus, it leads to crises. But it may also be that there is too little capital, in which case that, too, leads to crises. And these crises are of a different nature. These issues are not studied realistically even in today’s economics. In reality, a single phenomenon can have the most diverse origins.
[ 42 ] Und so sieht man, daß geradeso, wie das Geistesleben die Neigung hat, zu Niedergangskräften zu führen, die aus den Standesunterschieden, den Klassen- und Kastenunterschieden hervorgehen, so das Leben, das auf Abstraktionen hinarbeitet, und das mit Recht, in sich die Tendenz hat, auf der einen Seite zu den aufsteigenden Kräften, die in der berechtigten Kapitalbildung liegen, zu führen, auf der anderen Seite aber dadurch, daß der Kapitalismus in abstraktes Wirtschaften hineinführt, bei dem man mit einer Summe von Kapital das eine und das andere machen kann, dazu zu führen, daß Krisen entstehen.
[ 42 ] And so one sees that just as spiritual life has a tendency to lead to forces of decline arising from differences in social status, class, and caste, so too does a life that works toward abstractions, and rightly so, has an inherent tendency, on the one hand, to lead to the ascendant forces inherent in legitimate capital formation, but on the other hand—because capitalism leads to abstract economic activity in which a sum of capital can be used for one purpose or another—to cause crises.
[ 43 ] Wenn man dies merkt, wird man zum Sozialreformer und denkt etwas aus, was zum Heile führen soll. Allein da tritt einem das entgegen: daß die einzelne Individualität zwar maßgebend sein muß für das wirtschaftliche Leben, indem sie ihre Erfahrungen beibringt, in entsprechenden Verbänden, daß aber aus dieser einzelnen Individualität für sich allein das Maßgebende im Wirtschaftsleben nicht hervorgehen kann. Darum stellte ich als das Notwendige neben dem Rechtlich-Staatlichen und dem Geistigen die Assoziation für das Wirtschaftsleben hin.
[ 43 ] When one realizes this, one becomes a social reformer and devises something intended to bring about healing. But here one encounters the following obstacle: while the individual must indeed be the guiding force in economic life by contributing his or her experiences within appropriate associations, the guiding principle of economic life cannot emerge from this individual alone. That is why I identified association as essential for economic life, alongside the legal-statist and the spiritual spheres.
[ 44 ] Und hier war auffällig, als ich in Deutschland draußen in einer kleineren Versammlung von Arbeitern über Assoziationen sprach, daß man mir sagte: Wir haben von vielem reden hören, aber was eigentlich Assoziationen sind, das wissen wir nicht, davon haben wir eigentlich nichts gehört. Die Assoziation ist keine Organisation, ist nicht irgendeine Koalition. Sie entsteht dadurch, daß sich die einzelnen Wirtschaftenden zusammenfinden, und daß jeder einzelne nicht das aufnimmt, was aus irgendeiner Zentralstelle heraus gemacht wird, sondern daß der einzelne das beitragen kann, was er aus seiner Erkenntnis des Gebietes, in dem er darinnensteht, weiß und kann. Und aus dem Zusammenartbeiten, bei dem ein jeder sein Bestes gibt und wo das, was geschieht, durch den Zusammenklang einer Anzahl entsteht, aus solchen Assoziationen kann sich erst alles übrige Wirtschaftliche ergeben.
[ 44 ] And what struck me here, when I was speaking about associations to a small gathering of workers outdoors in Germany, was that they told me: “We’ve heard a lot of talk about this, but we don’t actually know what associations are—we haven’t really heard anything about them.” An association is not an organization; it is not just any coalition. It arises when individual economic actors come together, and when each individual does not simply accept what is dictated by some central authority, but rather contributes what they know and can do based on their understanding of the field in which they are engaged. And it is from this collaboration—in which everyone gives their best and where what happens arises from the harmony of many—that all other economic activity can emerge.
[ 45 ] Solche Assoziationen werden sich zusammenfügen. Das wird schon entstehen, ich habe keine Sorge. Wer mir sagt, das ist Utopie, dem sage ich: Ich weiß, daß diese Assoziationen entstehen einfach aus den unterbewußten Kräften im Menschen. Wir können aber diese Assoziationen fördern durch die Vernunft, wir können sie schneller entstehen lassen oder aber warten, bis sie sich aus der Not heraus entwickeln. In diesen Assoziationen werden vereinigt sein diejenigen, die Produktion, Handel treiben, und die Konsumenten. Und bloß Produktion, Zirkulation der Waren, der Güter und Konsumtion werden darinnen eine Rolle spielen. Die Arbeit wird immer mehr und mehr in das Gebiet des Rechtslebens hineinkommen. In bezug auf die Arbeit müssen sich die Menschen in demokratischer Art verständigen. Dadurch wird die Arbeit abgetrennt von dem, was einzig und allein im Gebiet des Wirtschaftslebens wirksam sein kann. Das kann nur das sein, was aus einem kollektiven Urteil in Assoziationen hervorgeht durch die Vereinigung von Produzenten und Konsumenten mit denen, die den Verkehr vermitteln.
[ 45 ] Such associations will come together. It will happen; I have no worries. To anyone who tells me this is a utopia, I say: I know that these associations arise simply from the subconscious forces within human beings. However, we can foster these associations through reason; we can bring them about more quickly, or we can wait until they develop out of necessity. These associations will unite those engaged in production and trade with the consumers. And only production, the circulation of goods, and consumption will play a role within them. Work will increasingly enter the realm of legal life. With regard to work, people must reach an understanding in a democratic manner. In this way, work is separated from that which can be effective solely within the realm of economic life. This can only be what arises from a collective judgment within associations through the union of producers and consumers with those who facilitate trade.
[ 46 ] Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, in den Assoziationen, werden daher nur die Güter eine Rolle spielen. Damit ist aber etwas sehr Bedeutsames gegeben, daß wir überhaupt aufhören werden, über Preis und Wert einer Ware irgendwie feste Grundsätze aufzustellen, sondern wir werden sagen: Was Preis, was Wert irgendeines Gutes ist, ist etwas, was sich mit den Lebensverhältnissen ändert. Preis und Wert werden aufgedrückt werden durch das, was als Kollektivurteil aus den Assoziationen hervorgeht. Ich kann das nicht weiter schildern; aber man kann das Weitere in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» nachlesen.
[ 46 ] In the realm of economic life, within associations, only goods will therefore play a role. This, however, implies something very significant: we will cease altogether to establish any fixed principles regarding the price and value of a commodity, but will instead say: The price and value of any good are something that changes with living conditions. Price and value will be determined by the collective judgment emerging from the associations. I cannot elaborate further on this; however, readers can find more details in my book *The Key Points of the Social Question*.
[ 47 ] Ich habe nur darauf hindeuten wollen, daß wir durch die Beobachtung darauf hingewiesen werden, wie das gesamte soziale Leben in drei Gebiete zerfällt, die aus ganz besonderen, verschiedenen Bedingungen hervorgehen: das Geistesleben, das Rechts- und Staatsleben und das Wirtschaftsleben, Diese arbeiten sich gewissermaßen innerhalb der modernen Zivilisationsentwickelung zu einer gewissen Selbständigkeit heraus. Diese Selbständigkeit zu verstehen und jedem Gebiet das Seine allmählich zuzuteilen, damit sie gerade in der richtigen Weise zusammenarbeiten können, das ist es, worauf es heute ankommt.
[ 47 ] I merely wished to point out that observation reveals how social life as a whole is divided into three spheres arising from very specific and distinct conditions: spiritual life, legal and political life, and economic life. Within the development of modern civilization, these spheres are, in a sense, evolving toward a certain degree of autonomy. Understanding this autonomy and gradually assigning to each sphere its proper role, so that they can cooperate in precisely the right way—that is what matters today.
[ 48 ] Man hat in der verschiedensten Weise in der Menschheit über diese Dreigliederung des sozialen Organismus nachgedacht. Und man hat auch, als da und dort die «Kernpunkte der sozialen Frage» von mir bekannt wurden, auf das eine und andere, was aus Früherem schon anklingt, hingewiesen. Nun, ich will nicht irgendeine Prioritätsfrage aufwerfen. Es kommt nicht darauf an, ob der einzelne dies oder das gefunden hat, sondern wie es sich ins Leben einführt. Man könnte sich nur freuen, wenn recht viele Menschen darauf kämen. Aber das muß doch bemerkt werden: Wenn von Montesqutieu in Frankreich eine Art Dreiteilung des sozialen Organismus definiert wird, so ist das einfach eine Dreiteilung. Da wird darauf hingewiesen, daß diese drei Gebiete eben durchaus verschiedene Bedingungen haben; darum solle man sie voneinander abtrennen. Das ist nicht die Tendenz meines Buches. Da handelt es sich nicht darum, so zu unterscheiden: Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben, wie man am Menschen unterscheiden würde das Nerven-Sinnessystem, Herz-Lungensystem und Stoffwechselsystem, indem man dabei sagen würde, das seien drei voneinander geschiedene Systeme. Mit solcher Einteilung ist nichts getan, sondern erst, wenn man sieht, wie diese verschiedenen Gebiete zusammenwirken, wie sie am besten eine Einheit werden dadurch, daß jedes aus seinen Bedingungen heraus arbeitet. So ist es auch im sozialen Organismus. Wenn wir wissen, wie wir das Geistesleben, das rechtlich-staatliche Leben und das Wirtschaftsleben jedes auf seine ureigenen Bedingungen stellen, aus seinen ureigenen Kräften heraus arbeiten lassen, dann wird sich auch die Einheit des sozialen Organismus ergeben. Und dann wird man sehen, daß aus jedem einzelnen dieser Gebiete gewisse Niedergangskräfte hervorgettieben werden, die aber durch das Zusammenwirken mit den anderen Gebieten wiederum geheilt werden. Damit ist hingewiesen, nicht wie bei Montesquieu auf eine Dreiteilung des sozialen Organismus, sondern auf eine Dreigliederung des sozialen Organismus, die sich aber dadurch in der Einheit des gesamten sozialen Organismus zusammenfindet, daß ja jeder Mensch allen drei Gebieten angehört. Die menschliche Individualität, auf die doch alles ankommt, steht in diesem dreigegliederten sozialen Organismus so drinnen, daß sie die drei Glieder miteinander verbindet.
[ 48 ] People have reflected on this threefold structure of the social organism in a wide variety of ways. And when my “Key Points of the Social Question” became known here and there, people also pointed out various aspects that had already been hinted at in earlier writings. Well, I do not wish to raise any question of priority. What matters is not whether an individual discovered this or that, but how it is brought to life. One could only rejoice if a great many people were to come to this realization. But this must be noted: When Montesquieu in France defines a kind of threefold division of the social organism, it is simply a threefold division. He points out that these three spheres have entirely different conditions; therefore, they should be separated from one another. That is not the thrust of my book. It is not a matter of distinguishing between intellectual life, legal life, and economic life—just as one might distinguish in the human body between the nervous-sensory system, the cardiovascular system, and the metabolic system—by claiming that these are three systems separate from one another. Such a division accomplishes nothing; it only becomes meaningful when one sees how these different spheres interact, how they best form a unity by each operating according to its own conditions. The same is true of the social organism. If we know how to place spiritual life, legal-political life, and economic life each on its own distinct conditions and allow them to function from their own inherent forces, then the unity of the social organism will also emerge. And then we will see that certain forces of decline are driven out of each of these individual spheres, but that these are in turn healed through interaction with the other spheres. This points not to a tripartite division of the social organism, as in Montesquieu, but to a threefold structure of the social organism, which nevertheless finds its unity in the whole social organism, since every human being belongs to all three spheres. Human individuality—on which everything ultimately depends—is so embedded in this threefold social organism that it connects the three parts with one another.
[ 49 ] So können wir sagen, daß — gerade wenn man sich anregen läßt von dem, was hier gesagt worden ist — nicht etwa eine Teilung des sozialen Organismus, sondern die Gliederung desselben angestrebt wird, gerade damit die Einheit in der richtigen Weise zustande komme. Und man kann auch, wenn man mehr an die Oberfläche tritt, sehen, wie seit mehr als einem Jahrhundert die Menschheit Europas dahin tendiert, eine solche Gliederung zu suchen. Sie wird kommen, auch wenn die Menschen sie bewußt nicht wollen werden; denn unbewußt werden sie sich so im Wirtschaftlichen, Geistigen, Rechtlich-Staatlichen bewegen, daß diese Dreigliederung kommen wird. Sie ist etwas, was von der Menschheitsentwickelung selber gefordert wird.
[ 49 ] Thus we can say that—precisely when one is inspired by what has been said here—the aim is not a division of the social organism, but rather its structuring, precisely so that unity may come about in the proper way. And if we look more closely at the surface, we can also see how, for more than a century, the people of Europe have been tending toward seeking such a threefold order. It will come about, even if people do not consciously want it; for unconsciously they will act in such a way in the economic, spiritual, and legal-political spheres that this threefold division will come about. It is something demanded by the development of humanity itself.
[ 50 ] Und so kann man auch darauf hinweisen, wie die drei Impulse, die gegenüber diesen drei verschiedenen Lebensgebieten in Betracht kommen, einmal wie drei bedeutungsvolle Ideale, wie drei Devisen für das soziale Leben, in die europäische Zivilisation eingetreten sind. Da hat sich am Ende des 18. Jahrhunderts im europäischen Westen der Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geltend gemacht. Wer würde sich nicht sagen, wenn er es mit der Entwickelung der neueren Zeit hält, daß in diese drei Devisen drei bedeutungsvolle menschliche Ideale gelegt sind? Aber auf der anderen Seite wiederum muß man sagen, daß es viele Menschen im 19. Jahrhundert gegeben hat, die sehr geistvoll widerlegt haben, daß irgendein einheitlicher sozialer Organismus, irgendein Staat möglich ist, wenn er diese drei Ideale miteinander verwirklichen soll. Mehr als ein geistvolles Werk ist geschrieben worden, in dem nachgewiesen ist, wie nicht gleichzeitig im Staat völlig vereint sein können Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und man kann nicht sagen, daß das, was da in geistvoller Weise geschrieben worden ist, nicht recht sehr bedenklich machen müsse. Und so ist man da wiederum einmal in einen Lebenswiderspruch hineingestellt.
[ 50 ] And so one can also point out how the three impulses associated with these three different spheres of life entered European civilization—first as three meaningful ideals, then as three mottos for social life. At the end of the 18th century, the call for liberty, equality, and fraternity gained traction in Western Europe. Who, if they are familiar with the developments of modern times, would not say that these three mottos embody three significant human ideals? But on the other hand, one must also acknowledge that there were many people in the 19th century who very incisively refuted the notion that any unified social organism—any state—could be possible if it were to realize these three ideals simultaneously. More than one insightful work has been written demonstrating how freedom, equality, and fraternity cannot be fully united within the state at the same time. And one cannot say that what has been so insightfully written there does not give one serious cause for concern. And so, once again, one finds oneself confronted with a contradiction in life.
[ 51 ] Allein das Leben ist nicht dazu da, keine Widersprüche zu treiben, es ist überall widerspruchsvoll. Und es besteht darin, daß es die aufgeworfenen Widersprüche immer wieder überwindet. Gerade im Aufwerfen und Überwinden von Widersprüchen besteht das Leben. So ist es außerordentlich berechtigt, daß die drei großen Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aufgestellt worden sind. Weil man aber im 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeiten herein fortwährend geglaubt hat, daß alles ganz zentralistisch geordnet werden müsse, deshalb kam man auch in dieser Beziehung in die Lebensirrtümer hinein. Und deshalb konnte man nicht durchschauen, wie es keine Bedeutung hat, sich herumzuschlagen über die Art und Weise, wie die Produktionsmittel verwandt werden, wie der Kapitalismus entwickelt werden soll und so weiter, sondern daß es sich darum handelt, die Menschen in Verhältnisse zu bringen, in denen sie ihre sozialen Angelegenheiten aus den ureigensten Trieben ihres Wesens ordnen können. Da müssen wir sagen: Wir müssen lebensvoll erfassen, wie wirken muß die Freiheit im Geistesleben, die freie produktive Entfaltung der Individualität; wie wirken muß die Gleichheit im rechtlich-staatlichen Leben, wo jeder das, was jedem Menschen zukommt, mit jedem anderen Menschen im demokratischen Sinn entwickeln soll; wie wirken muß die Brüderlichkeit in den konkreten Verbänden, die das umfassen, was wir die Assoziationen nennen. Nur wer so hinschaut auf das Leben, der sieht es richtig.
[ 51 ] Life itself is not meant to be free of contradictions; it is full of them everywhere. And it consists in constantly overcoming the contradictions that arise. Life consists precisely in raising and overcoming contradictions. Thus, it is entirely justified that the three great ideals of liberty, equality, and fraternity were established. But because people in the 19th century and right up to our own time have continually believed that everything must be organized in a completely centralized manner, they fell into errors of judgment in this regard as well. And that is why people could not see through the illusion that it is meaningless to agonize over the manner in which the means of production are utilized, how capitalism should be developed, and so on; rather, the point is to place people in circumstances in which they can organize their social affairs out of the very deepest impulses of their being. Here we must say: We must grasp in a vital way how freedom must operate in spiritual life—the free, productive unfolding of individuality; how equality must operate in legal and political life, where each person is to develop, in a democratic sense, what is due to every human being together with every other human being; and how brotherhood must operate in the concrete associations that encompass what we call “associations.” Only those who look at life in this way see it correctly.
[ 52 ] Dann aber wird man einsehen: Weil man in abstrakter Weise geglaubt hat, in dem bloßen Einheitsstaat, in den sich das Wirtschaftliche hineingeschoben hat, alle drei Ideale in gleicher Form unterzubringen, darum ist es zu dem Lebenswiderspruch gekommen. Die drei Ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wird man einmal lebensvoll verstehen, wenn man einsieht, wie Freiheit im Geistesleben herrschen muß, Gleichheit im staatlichrechtlichen Leben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Und zwar nicht in sentimentaler Weise, sondern so, daß es zu sozialen Gestaltungen führt, innerhalb welcher die Menschen so leben können, daß sie ihre Menschenwürde und ihren Menschenwert erleben. Begreift man, daß der einheitliche Organismus nur dadurch entstehen kann, daß aus der Freiheit heraus der Geist sich in produktiver Art entwickelt, daß die Gleichheit wirken muß im Staats- und Rechtswesen und die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, in den Assoziationen, dann wird man hinwegkommen über die schlimmsten sozialen Schäden der Gegenwart.
[ 52 ] But then one will come to realize: Because one believed, in an abstract way, that all three ideals could be accommodated in the same form within the mere unitary state—into which economic life has intruded—this is why a contradiction with reality has arisen. The three ideals—freedom, equality, and brotherhood—will one day be truly understood when people realize how freedom must prevail in spiritual life, equality in political and legal life, and brotherhood in economic life. And not in a sentimental way, but in such a way that it leads to social structures within which people can live in a manner that allows them to experience their human dignity and worth. If one grasps that a unified organism can arise only when the spirit develops productively out of freedom, when equality must operate in the political and legal spheres, and when fraternity must operate in economic life and within associations, then one will be able to overcome the worst social ills of the present.
[ 53 ] Denn nur das, was aus dem Menschen frei als Individualität quellen kann, gibt ihm ein geistiges Leben, das in der Wahrheit wurzelt; diese Wahrheit kann nur zutage treten, wenn sie aus der Menschenbrust unmittelbar herausfließt. Der demokratische Sinn wird nicht eher ruhen, bis er auf staatlich-rechtlichem Gebiet die Gleichheit verwirklicht hat. Wir können das aus Vernunft tun, sonst setzen wir uns Revolutionen aus. Und auf wirtschaftlichem Gebiete muß die Brüderlichkeit leben in den Assoziationen.
[ 53 ] For only that which can spring freely from human beings as individuality gives them a spiritual life rooted in truth; this truth can come to light only when it flows directly from the human heart. The democratic spirit will not rest until it has achieved equality in the realm of state law. We can do this through reason; otherwise, we expose ourselves to revolutions. And in the economic sphere, brotherhood must thrive within associations.
[ 54 ] Dann wird das Recht, das unter den Menschen gegründet wird aus einem Verhältnis heraus, wo der Gleiche dem Gleichen gegenübersteht, lebendiges Recht sein. Alles andere Recht, das gewissermaßen über dem Menschen schwebt, das wird zur Konvention. Wirkliches Recht muß hervorgehen aus dem Zusammensein der Menschen, sonst wird es zur Konvention.
[ 54 ] Then the law established among human beings—arising from a relationship in which equals stand face to face—will be living law. Any other law that, as it were, hovers above human beings becomes a convention. True law must emerge from the community of human beings; otherwise, it becomes a convention.
[ 55 ] Und wirkliche Brüderlichkeit kann nur eine Lebenspraxis begründen, wenn sie aus den wirtschaftlichen Verhältnissen selbst heraus, in Assoziationen, begründet wird; sonst begründet das menschliche Zusammenwirken in den Verbänden nicht Lebenspraxis, sondern Lebensroutine, wie wir das fast allgemein in der Gegenwart haben.
[ 55 ] And true brotherhood can only give rise to a way of life if it is grounded in economic conditions themselves, within associations; otherwise, human cooperation within such associations does not give rise to a way of life, but rather to a daily routine, as is almost universally the case today.
[ 56 ] Erst wenn man fragen gelernt hat: Was haben sich für soziale chaotische Zustände ergeben unter dem Einfluß der Phrase statt der Wahrheit auf geistigem Gebiet, der Konvention statt des Rechts auf staatlich-rechtlichem Gebiet, der Lebensroutine statt der Lebenspraxis auf wirtschaftlichem Gebiet, dann wird man die Frage in der richtigen Weise stellen. Und dann wird man sich auf einen Weg begeben, der eigentlich erst die soziale Frage in richtiger Weise anschneiden kann.
[ 56 ] Only when one has learned to ask: What chaotic social conditions have arisen under the influence of empty rhetoric instead of truth in the intellectual sphere, of convention instead of law in the political sphere, and of routine instead of practical living in the economic sphere—only then will one pose the question correctly. And then one will set out on a path that can actually address the social question in the right way.
[ 57 ] Man wird vielleicht etwas schockiert sein, daß hier die soziale Frage nicht so angegriffen sein soll, wie manche glauben, daß sie angegriffen werden müßte. Aber hier soll nur aus dem heraus gesprochen werden, was der Wirklichkeit selbst gerade mit Hilfe der Geisteswissenschaft, die überall auf Wirklichkeit geht, abgewonnen werden kann. Und da ergibt sich, daß die Kernfragen des sozialen Lebens heute die sind:
[ 57 ] One might be somewhat surprised that the social question is not addressed here in the way some believe it ought to be. But here we shall speak only on the basis of what can be gleaned from reality itself, specifically with the help of spiritual science, which is grounded in reality in every respect. And it follows that the core issues of social life today are:
[ 58 ] Wie kommen wir durch eine richtige Gliederung des sozialen Organismus von der vielfach herrschenden Phrase, die aus der menschlichen Individualität dadurch hervorgeht, daß sie sich in ihrem geistigen Schaffen einem anderen beugen muß, zur Wahrheit, von der Konvention zum Rechte und aus der Lebensroutine heraus zur wirklichen Praxis?
[ 58 ] How can we, through a proper structuring of the social organism, move from the widely held cliché—which arises from human individuality because it must submit to another in its spiritual work—to the truth; from convention to justice; and from the routine of daily life to genuine practice?
[ 59 ] Erst wenn man einsehen wird, daß der dreigegliederte soziale Organismus notwendig ist, um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu schaffen, dann wird man die soziale Frage in der richtigen Weise gestalten. Dann wird man auch den gegenwärtigen Zeitpunkt richtig an das 18. Jahrhundert anknüpfen. Und dann kann Mitteleuropa die Möglichkeit finden, zu dem, was Westeuropa gesagt hat, indem es gefordert hat: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, aus seinem Geistesleben heraus zu sagen: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im staatlich-rechtlichen Leben und Brüderlichkeit im wirtschaftlichen Leben.
[ 59 ] Only when people come to realize that the threefold social organism is necessary to create liberty, equality, and fraternity will they be able to address the social question in the right way. Then, too, the present moment will be properly linked to the 18th century. And then Central Europe will be able to respond to what Western Europe has proclaimed—namely, freedom, equality, and brotherhood—by expressing from within its spiritual life: freedom in spiritual life, equality in political and legal life, and brotherhood in economic life.
[ 60 ] Dann wird für die soziale Frage manches getan sein, und man wird sich eine Idee darüber bilden können, wie die drei Gebiete im sozialen Organismus aus Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zusammenwirken können zu einer Gesundung aus unseren heutigen chaotischen geistigen, rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen heraus.
[ 60 ] Then much will have been accomplished regarding the social question, and it will be possible to form an idea of how the three principles of the social organism—freedom, equality, and fraternity—can work together to bring about a recovery from our current chaotic intellectual, legal, and economic conditions.
