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Appendix to the Public Lectures
GA 85

18 January 1902, Dresden

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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
  1. Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge

1. Friedrich Nietzsche, der einsame Kämpfer, und die Kultur der Gegenwart

1. Friedrich Nietzsche, the Lonely Fighter, and Contemporary Culture

[ 1 ] [Nietzsche. Die geistigen Etappen des inneren Werdeganges des Dichter-Philosophen.] Er war ein Künstler des Gedankens. Die Weisheit liebte ihn und er liebte sie. Er hasste Sokrates. Er wollte wieder das (alte) Griechentum erstehen lassen. Er zauberte uns die griechische Kunst hervor. Die Griechen sind zu ihrer Größe gekommen, weil sie den Schmerz der Welt erkannt haben. Sie haben die Sehnsucht, etwas zu erreichen, was das Leben erträglich macht, und das ist die Tragödie, die Kunst. Nietzsche suchte ein anderes Ich in der Gegenwart und er fand [Richard] Wagner. Er übertrug nun alle seine Deutungen der griechischen Urinstinkte auf Wagner. Er legte sein Ich, sein besseres Ich, in Wagner hinein. Er (Wagner) wurde für ihn eine andere Persönlichkeit, als Wagner in der Tat war. Er sah das große Ideal der modernen Kultur in Wagner. 1876 lernte er den wirklichen Wagner in Bayreuth kennen und es wurde ihm klar, dass er sich selbst in Wagner gesehen hatte. Und die frühere Verehrung wurde zur Gegnerschaft. Er fiel ab von sich selbst. Nietzsche war später sein eigener Gegner. Schopenhauer wurde für Nietzsche der führende Philosoph. Er verehrte in Schopenhauer die Persönlichkeit, und die liebte er wie einen Vater. Wagner und Schopenhauer wurden eine Zeit lang Träger [seiner Lust, er griff] gegen Strauß Anfang der Siebzigerjahre an. Das Christentum war ihm lieber als die philiströse [Verehrung] von Strauß.

[ 1 ] [Nietzsche. The Intellectual Stages of the Poet-Philosopher’s Inner Development.] He was an artist of thought. Wisdom loved him, and he loved her. He hated Socrates. He wanted to revive (ancient) Greek civilization. He conjured up Greek art for us. The Greeks attained their greatness because they recognized the pain of the world. They yearned to achieve something that would make life bearable, and that is tragedy—that is art. Nietzsche sought another self in the present, and he found [Richard] Wagner. He then projected all his interpretations of the primal Greek instincts onto Wagner. He projected his self—his better self—onto Wagner. For him, Wagner became a different personality than Wagner actually was. He saw the great ideal of modern culture in Wagner. In 1876, he met the real Wagner in Bayreuth, and it became clear to him that he had seen himself in Wagner. And his former admiration turned into opposition. He turned away from himself. Nietzsche later became his own adversary. Schopenhauer became Nietzsche’s leading philosopher. He revered Schopenhauer’s personality, and he loved him like a father. For a time, Wagner and Schopenhauer became the vehicles [of his desire; he lashed out] against Strauss in the early 1870s. He preferred Christianity to the philistine [reverence] for Strauss.

[ 2 ] Er lebte sich nun voll in die naturwissenschaftliche Weltanschauung hinein. Er entwickelte daraus die Lehre von der ewigen Wiederkehr aller Dinge. So wie der Mensch sich aus dem Niedrigsten entwickelt hat, muss die Natur auch etwas über sich hinaus schaffen und daraus entsteht der Übermensch. Ebenso wie der Mensch sich über den Affen erhebt, so kann sich auch jetzt der Mensch über den jetzigen erheben. Er behandelte den Menschen der Vergangenheit mit Verachtung, den Übermenschen mit ebensolcher Liebe. Er soll der Schöpfer einer neuen Norm von Gut und Böse werden. Nietzsche hat sich nun selbst gefunden. Er konnte Zarathustra als Ideal hinstellen. Der Mensch muss sterben, auf dass der Übermensch lebe. Er schrieb: Meine Werke sind nicht für die Jetzigen, sie sind für die Übermorgigen.

[ 2 ] He now immersed himself fully in the scientific worldview. From this, he developed the doctrine of the eternal recurrence of all things. Just as humankind has evolved from the lowest forms, nature too must create something beyond itself, and from this arises the Übermensch. Just as humankind rises above the ape, so too can humankind now rise above its present state. He treated the people of the past with contempt, and the Übermensch with equal love. The Übermensch is to become the creator of a new standard of good and evil. Nietzsche had now found himself. He was able to present Zarathustra as an ideal. Man must die so that the Übermensch may live. He wrote: “My works are not for those of today; they are for those of the day after tomorrow.”

Zeitungsbericht

Newspaper article

Zum Besten der Pensionsanstalt der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger hielt der Königliche Hofschauspieler Dr. Paul Wiecke vorgestern einen «Friedrich-Nietzsche-Abend» im Musenhaussaale ab. Die Veranstaltung war gut besucht, und auch der künstlerische Erfolg ein jedenfalls für den Künstler ehrender zu nennen. Nicht nur, dass der Letztere unter Förderung eines guten Zwecks sich selbst wieder als mit den neuzeitlichen Bewegungen der Geister in Fühlung stehend vorstellen konnte, durfte er auch als Sprecher von Dichtungen dessen, den zu ehren es galt, verdientermaßen Beifall und Lorbeeren ernten. Ein anderes ist es, wenn man die Frage aufwirft, ob denn Friedrich Nietzsche als Dichter so ernst zu nehmen ist, um ihm als solchem in dieser Weise das Wort zu vergönnen. Gewiss pulsierte in dieser Künstlernatur auch eine poetische Ader, aber so wenig wie seine musikalische Begabung kam seine dichterische zu einem vollen Ausströmen in einer künstlerisch erstarkten und geläuterten Form. Es sind die Ergießungen eines poetisch angeregten, aber durch und durch kranken Gemüts, die Widerspiegelungen einer vergebens nach innerer Harmonie ringenden, zerfallenden Seele. Selbst die formal abgerundeten dieser, man möchte sagen «Phantasien eines Gemütskranken», wie beispielsweise «Alt Mütterlein», «Der Herbst», «An den Mistral» und andere, können, an dem Maße gemessen, das uns unsere wirklichen Dichter in die Hand geben, nur als dichterische Versuche, wenn man will auch als «Talentproben» gelten. Eingeflochten in einen Vortrag über Nietzsche sind sie sicher ganz anders am Platze und wirkungsvoller, als herausgegriffen. Wie die noch tendenziöser und ausgesprochener philosophisch-poetischen Zarathustra-Phantasien würden sie dort dazu beitragen, die ergreifende Tragik des Schicksals ihres Schöpfers vor die Seele zu führen und unser Mitleid wachzurufen mit dem Manne, der, wie er sagte, «es versuchte, seinen Mitmenschen das Leben erträglich zu machen.» Auf diese Auffassung der Persönlichkeit und der Intentionen Nietzsches als eines Kämpfers gegen den Pessimismus die Hörerschaft besonders hingewiesen zu haben, mag man als einen besonderen Vorzug des die Veranstaltung einleitenden Vortrags des Herrn Dr. Rudolf Steiner, Berlin, rühmen. Leider verfügte nur der Redner nicht über Organ und Sprechweise, die ein vollständig lückenloses Erfassen seiner Auslassungen ermöglicht hätte. Doch traten wenigstens die geistigen Etappen des inneren Werdeganges des Dichter-Philosophen klar hervor, vor allem das Erstehen des größenwahnsinnigen Zarathustra-Ichs mit allen seinen unerquicklichen Konsequenzen. Eines der wenigen vermutlich und hoffentlich blendenden Verdienste Nietzsches, das um die Kunst, gebührend hervorzuheben, meinen wir, unterließ der Vortragende mit Unrecht. Wohl betonte er, dass der Dichter-Philosoph das Prinzip der öden Weltverneinung, die schon drohte, buddhistische Weltflucht und Askese zu Idealen zu erheben, aus der Welt schaffte und die Lebensbejahung in ihre Rechte einsetzte. Aber er unterließ es, besonders darauf hinzuweisen, wie diese trotz des ihr anhaftenden hochmütigen Charakters an sich schon als ein werdendes, aufbauendes und somit kunstförderndes Moment gegenwärtig mit Freude zu begrüßen ist.

For the benefit of the Pension Fund of the Cooperative of German Stage Artists, Royal Court Actor Dr. Paul Wiecke hosted a “Friedrich Nietzsche Evening” in the Musenhaus Hall the day before yesterday. The event was well attended, and its artistic success was certainly one that did credit to the artist. Not only was the latter able, in support of a worthy cause, to present himself once again as attuned to the contemporary currents of thought, but he also deservedly reaped applause and acclaim as the reciter of poems by the man whom the event was intended to honor. It is another matter entirely, however, to raise the question of whether Friedrich Nietzsche is to be taken so seriously as a poet as to be granted a voice in this manner. Certainly, a poetic vein pulsed through this artistic nature, but just as his musical talent never fully blossomed into an artistically mature and refined form, neither did his poetic talent. These are the outpourings of a poetically inspired but thoroughly sick mind, the reflections of a crumbling soul striving in vain for inner harmony. Even the most formally polished of these—one might call them “fantasies of a mentally ill person”—such as “Alt Mütterlein,” “Der Herbst,” “An den Mistral,” and others, can—measured against the standard set by our true poets—be regarded only as poetic experiments, or, if you will, as “samples of talent.” Woven into a lecture on Nietzsche, they are certainly much more appropriate and effective than when taken out of context. Like the even more tendentious and distinctly philosophical-poetic Zarathustra fantasies, they would help there to bring home to the soul the poignant tragedy of their creator’s fate and to arouse our compassion for the man who, as he said, “tried to make life bearable for his fellow human beings.” One may praise as a particular merit of the introductory lecture delivered by Dr. Rudolf Steiner of Berlin the fact that he specifically drew the audience’s attention to this view of Nietzsche’s personality and intentions as a fighter against pessimism. Unfortunately, the speaker alone lacked the voice and manner of speech that would have allowed for a complete and unbroken understanding of his remarks. Yet at least the intellectual stages of the poet-philosopher’s inner development emerged clearly, above all the emergence of the megalomaniacal Zarathustra ego with all its disheartening consequences. One of Nietzsche’s few—presumably and hopefully—brilliant achievements, which we believe should be duly emphasized in the context of art, was, in our view, unjustly omitted by the speaker. He did emphasize that the poet-philosopher did away with the principle of bleak world-denial—which was already threatening to elevate Buddhist world-renunciation and asceticism to ideals—and established the affirmation of life in its rightful place. But he failed to point out in particular how this—despite the haughty character inherent in it—is in itself a nascent, constructive, and thus art-promoting force that should be joyfully welcomed.