Appendix to the Public Lectures
GA 85
3 December 1904, Berlin
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
2. Die deutsche Mystik und ihre Voraussetzungen: Agrippa von Nettesheim, Paracelsus, Valentin Weigel
2. Die deutsche Mystik und ihre Voraussetzungen: Agrippa von Nettesheim, Paracelsus, Valentin Weigel
[ 1 ] Drei bedeutende Nachfolger des Cusanus gibt es, welche in der Geschichte der deutschen Mystik einen sehr bedeutenden Wendepunkt bilden. Alle drei gehören dem sechzehnten Jahrhundert an. An ihnen kann gesehen werden, welche Bedeutung die Mystik durch den Verstand angenommen hat. Bei Agrippa von Nettesheim und Paracelsus fand eine bedeutende Hinwendung der Mystik zu Naturwissenschaft statt. Wir müssen uns klar werden, dass, nachdem die altertümliche, antike Forschung ins Christentum übergegangen war, die Naturwissenschaft wenig gepflegt wurde, die moralische, mystische und spirituelle Seite allein in Betracht kam.
[ 1 ] Drei bedeutende Nachfolger des Cusanus gibt es, welche in der Geschichte der deutschen Mystik einen sehr bedeutenden Wendepunkt bilden. Alle drei gehören dem sechzehnten Jahrhundert an. An ihnen kann gesehen werden, welche Bedeutung die Mystik durch den Verstand angenommen hat. Bei Agrippa von Nettesheim und Paracelsus fand eine bedeutende Hinwendung der Mystik zu Naturwissenschaft statt. Wir müssen uns klar werden, dass, nachdem die altertümliche, antike Forschung ins Christentum übergegangen war, die Naturwissenschaft wenig gepflegt wurde, die moralische, mystische und spirituelle Seite allein in Betracht kam.
[ 2 ] Einen Einschlag erhielt das europäische Geistesleben durch politische Gegner: Mauren und Juden in Spanien. Sie brachten die wahre Gestalt der aristotelischen Naturwissenschaft, die sie in syrischen Schriften kennengelernt hatten. In Spanien lebten bedeutende Mathematiker, Astronomen, Naturwissenschaftler. Von denen ging ein starker Strom, namentlich nach Irland und England. Bacon ist eigentlich der große Initiator der Naturwissenschaft im Mittelalter. Cusanus drang mit dieser Bildung in die Tiefen der Mystik. Es war in Europa gar nicht leicht, naturwissenschaftlich zu denken. Cornelius Agrippa von Nettesheim und Paracelsus hatten es schwer.
[ 2 ] Einen Einschlag erhielt das europäische Geistesleben durch politische Gegner: Mauren und Juden in Spanien. Sie brachten die wahre Gestalt der aristotelischen Naturwissenschaft, die sie in syrischen Schriften kennengelernt hatten. In Spanien lebten bedeutende Mathematiker, Astronomen, Naturwissenschaftler. Von denen ging ein starker Strom, namentlich nach Irland und England. Bacon ist eigentlich der große Initiator der Naturwissenschaft im Mittelalter. Cusanus drang mit dieser Bildung in die Tiefen der Mystik. Es war in Europa gar nicht leicht, naturwissenschaftlich zu denken. Cornelius Agrippa von Nettesheim und Paracelsus hatten es schwer.
[ 3 ] Agrippa, in Köln geboren, war tätig an französischen und deutschen Universitäten. Eigentlich war er Lehrer für die Verständigen, die die Notwendigkeit verstehen, die Leute erst sorgsam heranzuziehen, denen Kenntnisse gegeben werden sollten. Namentlich? von Bacon wird gesagt, dass er von großen Instrumenten (physikalischen) schon Kenntnis haben musste. Aber weil es von der Kirche verpönt war zu forschen – Lücke; die Faustsage entstand damals. Faust war eine Persönlichkeit, welche in die Naturgesetze eindringen wollte. Das war etwas, was man in der Kirche als ein Bündnis mit dem Teufel ansah. Zugleich entsteht die Sage, dass Luther, der auf das geschriebene Wort schwört, dem Teufel das Tintenfass ins Gesicht wirft.
[ 3 ] Agrippa, in Köln geboren, war tätig an französischen und deutschen Universitäten. Eigentlich war er Lehrer für die Verständigen, die die Notwendigkeit verstehen, die Leute erst sorgsam heranzuziehen, denen Kenntnisse gegeben werden sollten. Namentlich? von Bacon wird gesagt, dass er von großen Instrumenten (physikalischen) schon Kenntnis haben musste. Aber weil es von der Kirche verpönt war zu forschen – Lücke; die Faustsage entstand damals. Faust war eine Persönlichkeit, welche in die Naturgesetze eindringen wollte. Das war etwas, was man in der Kirche als ein Bündnis mit dem Teufel ansah. Zugleich entsteht die Sage, dass Luther, der auf das geschriebene Wort schwört, dem Teufel das Tintenfass ins Gesicht wirft.
[ 4 ] Einer dieser «Bündlinge» des Teufels war Agrippa, und sein geheimnisvoller Lehrer, der Abt Trithem von Sponheim. Wer die Bücher des Abtes liest, liest zunächst eigentümlich verworrenes Zeug. Man braucht einen Schlüssel, der erst später gefunden wurde, obgleich ihn der Eingeweihte immer hatte. Steganografie war eine Art des Schreibens, in welcher man gewisse Buchstaben weglässt. Der Text, der dann bleibt, ergibt etwas Grandioses, tiefe Einblicke in die Natur. Agrippa hat sie zunächst seiner «Philosophia occulta» anvertraut. Er schrieb nicht wie sein Lehrer und erntete den Undank seiner Zeitgenossen. Man behandelte ihn als Schwindler. Er war ebenso Naturwissenschaftler wie Mystiker. Durch die treue und hingebungsvolle Erforschung der Natur, die im Geiste wiedergeboren wird, entsteht erst die wahre Mystik. – Er war sich klar darüber, dass nicht aus der Natur der Geist stammt, sondern dass die Natur die Schöpfung des Geistes ist. Der Mensch hat drei Naturen: erstens einen leiblichen Menschen, der alle physikalischen und chemischen Kräfte vereinigt, die in der Natur vorhanden sind, das ist der Elementarmensch; ein zweiter Mensch ist nicht nur abhängig von den Elementarreichen, sondern von den Gestirnen, den himmlischen Kräften: den «astralischen Menschen» nennt er den. Ein dritter Mensch, abhängig von dem die ganze Welt durchdringenden Seelengeist: «geistig-seelischer Mensch». …
[ 4 ] Einer dieser «Bündlinge» des Teufels war Agrippa, und sein geheimnisvoller Lehrer, der Abt Trithem von Sponheim. Wer die Bücher des Abtes liest, liest zunächst eigentümlich verworrenes Zeug. Man braucht einen Schlüssel, der erst später gefunden wurde, obgleich ihn der Eingeweihte immer hatte. Steganografie war eine Art des Schreibens, in welcher man gewisse Buchstaben weglässt. Der Text, der dann bleibt, ergibt etwas Grandioses, tiefe Einblicke in die Natur. Agrippa hat sie zunächst seiner «Philosophia occulta» anvertraut. Er schrieb nicht wie sein Lehrer und erntete den Undank seiner Zeitgenossen. Man behandelte ihn als Schwindler. Er war ebenso Naturwissenschaftler wie Mystiker. Durch die treue und hingebungsvolle Erforschung der Natur, die im Geiste wiedergeboren wird, entsteht erst die wahre Mystik. – Er war sich klar darüber, dass nicht aus der Natur der Geist stammt, sondern dass die Natur die Schöpfung des Geistes ist. Der Mensch hat drei Naturen: erstens einen leiblichen Menschen, der alle physikalischen und chemischen Kräfte vereinigt, die in der Natur vorhanden sind, das ist der Elementarmensch; ein zweiter Mensch ist nicht nur abhängig von den Elementarreichen, sondern von den Gestirnen, den himmlischen Kräften: den «astralischen Menschen» nennt er den. Ein dritter Mensch, abhängig von dem die ganze Welt durchdringenden Seelengeist: «geistig-seelischer Mensch». …
[ 5 ] Dieses liegt auch der Lehre des Paracelsus zugrunde. Man kann diesen nur verstehen, wenn man weiß, dass es außer dem Verstandeswissen noch ein unmittelbar intuitives gibt, das aus der direkten Befruchtung des Geistes hervorgeht. In echt faustischer Weise versuchte er, im großen Buche der Natur zu lesen. Er sah im Menschen zwar einen Zusammenfluss aller Kräfte, die im Universum tätig sind, der aber hervorgegangen ist aus der Geistgrundlage der Natur, herausgesprossen aus den Geisteswesen. Er ist zwar ein Ausfluss, aber auch die höchste Blüte der Natur. … (Satz Goethes): Die Natur selbst, wenn sie sich anschauen könnte, würde im Menschen die höchsten Gipfel ihrer Kraft bewundern. Der mikrokosmische Mensch ist eine höhere Natur in der Natur. Der Mensch verwandelt in sich die Naturkräfte auf eine höhere Stufe hinauf. Diese Metamorphose nennt er – Paracelsus – Alchemie.
[ 5 ] Dieses liegt auch der Lehre des Paracelsus zugrunde. Man kann diesen nur verstehen, wenn man weiß, dass es außer dem Verstandeswissen noch ein unmittelbar intuitives gibt, das aus der direkten Befruchtung des Geistes hervorgeht. In echt faustischer Weise versuchte er, im großen Buche der Natur zu lesen. Er sah im Menschen zwar einen Zusammenfluss aller Kräfte, die im Universum tätig sind, der aber hervorgegangen ist aus der Geistgrundlage der Natur, herausgesprossen aus den Geisteswesen. Er ist zwar ein Ausfluss, aber auch die höchste Blüte der Natur. … (Satz Goethes): Die Natur selbst, wenn sie sich anschauen könnte, würde im Menschen die höchsten Gipfel ihrer Kraft bewundern. Der mikrokosmische Mensch ist eine höhere Natur in der Natur. Der Mensch verwandelt in sich die Naturkräfte auf eine höhere Stufe hinauf. Diese Metamorphose nennt er – Paracelsus – Alchemie.
[ 6 ] Wie stellt er sich den Arzt vor? Die Kräfte, die der Mensch in seinem Inneren erlebt, nennt Paracelsus die in Alchemie begriffenen Kräfte. Dann ist er – der Mensch – imstande, auch in der Natur die Kräfte zu finden, die ihm verwandt sind. Sie sind die Etappen seiner eigenen Entwicklung. Der Mensch ist über sie hinweggeschritten. Nun beobachtet Paracelsus, welche Kräfte in der Natur den seelischen Kräften des Menschen verwandt sind. Zum Beispiel Wermut: Der Mensch ging da durch, nahm einen Extrakt mit, und in ihm ist eine Essenz davon vorhanden; der Intuitive muss nun die ursprünglichen Verwandtschaften entdecken. Der, welcher weiß, welche Kräfte in der Natur dem Menschen verwandt sind, wird allein ein guter Arzt sein. – Der Hochmut, den man Paracelsus vorwarf, war ein Gradmesser für seine Sicherheit. «Wer der Wahrheit nach will, muss mir nach … nicht euch … und ich nicht euch. Mein ist die Monarchie!» – Er ist wie herausgetreten aus dem Zusammenhang mit der Natur, sodass sie durch seine Ader durchpulsiert. Nach Paracelsus können unterschieden werden:
[ 6 ] Wie stellt er sich den Arzt vor? Die Kräfte, die der Mensch in seinem Inneren erlebt, nennt Paracelsus die in Alchemie begriffenen Kräfte. Dann ist er – der Mensch – imstande, auch in der Natur die Kräfte zu finden, die ihm verwandt sind. Sie sind die Etappen seiner eigenen Entwicklung. Der Mensch ist über sie hinweggeschritten. Nun beobachtet Paracelsus, welche Kräfte in der Natur den seelischen Kräften des Menschen verwandt sind. Zum Beispiel Wermut: Der Mensch ging da durch, nahm einen Extrakt mit, und in ihm ist eine Essenz davon vorhanden; der Intuitive muss nun die ursprünglichen Verwandtschaften entdecken. Der, welcher weiß, welche Kräfte in der Natur dem Menschen verwandt sind, wird allein ein guter Arzt sein. – Der Hochmut, den man Paracelsus vorwarf, war ein Gradmesser für seine Sicherheit. «Wer der Wahrheit nach will, muss mir nach … nicht euch … und ich nicht euch. Mein ist die Monarchie!» – Er ist wie herausgetreten aus dem Zusammenhang mit der Natur, sodass sie durch seine Ader durchpulsiert. Nach Paracelsus können unterschieden werden:
1. Elementarischer Leib.
2. Lebenskraft: Archäus. Spiritus vitae.
3. Astralisches Prinzip, wodurch der Mensch bis an die Sterne hinanreicht.
4. Der tierische Geist.
5. Die eigentliche Geistseele, die der Mensch nicht mehr mit den Tieren gemein hat.
6. und 7. Prinzip: in der Anlage vorhanden: das eigentliche Prinzip der Weltseele als menschliche Individualität.
7. Der eigentliche göttliche Mensch. Dadurch ist der Mensch im Zusammenhang mit der ganzen Allwelt.
1. Elementarischer Leib.
2. Lebenskraft: Archäus. Spiritus vitae.
3. Astralisches Prinzip, wodurch der Mensch bis an die Sterne hinanreicht.
4. Der tierische Geist.
5. Die eigentliche Geistseele, die der Mensch nicht mehr mit den Tieren gemein hat.
6. und 7. Prinzip: in der Anlage vorhanden: das eigentliche Prinzip der Weltseele als menschliche Individualität.
7. Der eigentliche göttliche Mensch. Dadurch ist der Mensch im Zusammenhang mit der ganzen Allwelt.
[ 7 ] Valentin Weigel: Über ihn ist leider ganz wenig bekannt. Er war ein einfacher protestantischer Pfarrer in Zschopau; niemand wusste etwas anderes von ihm, als dass er ein etwas einsamer, wandelnder Mensch sei, denn erst nach seinem Tode erschienen seine hochbedeutenden Werke: «Der güldene Griff», «Erkenne dich selbst» … Schatz. – In eindringlich schöner Weise hat er die Erkenntnisprobleme nicht nur aufgeworfen, sondern gelöst, von denen Kant keine Ahnung hat. Valentin Weigel weiß, dass die Erkenntnis nicht nur abhängig ist vom Objekt, sondern vom Subjekt auch. Durch andere Einrichtung des Auges würde die Welt eine andere. Wenn nicht das wunderbare musikalische Instrument des Ohres so wäre, würde die Welt eine andere sein. Die ganze Lehre von der Welt als Vorstellung kann man lernen im «Güldenen Griff». Er hat noch was andres gefunden: Er nennt, was unsern Sinnen entgegenkommt, den Gegenwurf. Vom Auge wird an den Gegenwurf hin erst gegeben, was die Qualität unseres Weltenbildes ausmacht. Der, der ein Buch liest, muss ihm etwas entgegenbringen, sonst würde er keinen Sinn finden. – Im Gegenwurf liegt es nicht; im Subjekt auch nicht; Valentin Weigel hat erkannt, dass es ein Höheres gibt, das umfasst Subjekt und Objekt und ausfließt aus dem Subjekt. Wie positive und negative Elektrizität, die zum Ausgleich geladen, stehen sich Subjekt und Objekt gegenüber. Der Mensch übergreift mit dem göttlichen Weben, das durch ihn fließt, den Gegenwurf, aus dem ihm das göttliche Wesen entgegenleuchtet, das in den Dingen verborgen ist. – Dadurch erinnert er an das schöne Wort des Tauler: Der Mensch muss ganz schweigsam werden, dann spricht nicht er, dann ist in seinem Grund getaucht, dann spricht die Gottheit aus ihm. – Dieses Sprechen Gottes nennt Weigel «das Licht der Gnade». Der Geist der Natur, der Geist der Welt, liegt im menschlichen Herzen vorhanden.
[ 7 ] Valentin Weigel: Über ihn ist leider ganz wenig bekannt. Er war ein einfacher protestantischer Pfarrer in Zschopau; niemand wusste etwas anderes von ihm, als dass er ein etwas einsamer, wandelnder Mensch sei, denn erst nach seinem Tode erschienen seine hochbedeutenden Werke: «Der güldene Griff», «Erkenne dich selbst» … Schatz. – In eindringlich schöner Weise hat er die Erkenntnisprobleme nicht nur aufgeworfen, sondern gelöst, von denen Kant keine Ahnung hat. Valentin Weigel weiß, dass die Erkenntnis nicht nur abhängig ist vom Objekt, sondern vom Subjekt auch. Durch andere Einrichtung des Auges würde die Welt eine andere. Wenn nicht das wunderbare musikalische Instrument des Ohres so wäre, würde die Welt eine andere sein. Die ganze Lehre von der Welt als Vorstellung kann man lernen im «Güldenen Griff». Er hat noch was andres gefunden: Er nennt, was unsern Sinnen entgegenkommt, den Gegenwurf. Vom Auge wird an den Gegenwurf hin erst gegeben, was die Qualität unseres Weltenbildes ausmacht. Der, der ein Buch liest, muss ihm etwas entgegenbringen, sonst würde er keinen Sinn finden. – Im Gegenwurf liegt es nicht; im Subjekt auch nicht; Valentin Weigel hat erkannt, dass es ein Höheres gibt, das umfasst Subjekt und Objekt und ausfließt aus dem Subjekt. Wie positive und negative Elektrizität, die zum Ausgleich geladen, stehen sich Subjekt und Objekt gegenüber. Der Mensch übergreift mit dem göttlichen Weben, das durch ihn fließt, den Gegenwurf, aus dem ihm das göttliche Wesen entgegenleuchtet, das in den Dingen verborgen ist. – Dadurch erinnert er an das schöne Wort des Tauler: Der Mensch muss ganz schweigsam werden, dann spricht nicht er, dann ist in seinem Grund getaucht, dann spricht die Gottheit aus ihm. – Dieses Sprechen Gottes nennt Weigel «das Licht der Gnade». Der Geist der Natur, der Geist der Welt, liegt im menschlichen Herzen vorhanden.
