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Appendix to the Public Lectures
GA 85

27 April 1919, Esslingen

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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
  1. Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge

101. Die Dreigliederung des sozialen Körpers

101. The Threefold Social Order

[ 1 ] Nach einer Reihe von Vorträgen in Stuttgart hat Dr. Steiner auf Wunsch der Esslinger Arbeiterschaft am vergangenen Sonntag auch hier, im Kugelsaal über die Dreigliederung des sozialen Körpers gesprochen, und wie überall hat Dr. Steiner auch hier überaus starken und herzlichen Beifall erhalten. In seinem zweistündigen Vortrag schilderte er tiefgründend, wie die Kluft zwischen Bourgeois und Proletariat entstand und immer tiefer wurde. Der Arbeiter sah wohl die verschiedenen Geistesschulen der bürgerlichen Klasse, hatte aber keinen Anteil an dem Luxusgeistesleben. Wie in früheren Zeiten die Philosophie die Schleppträgerin der Theologie war, wurde später die Wissenschaft der Kult des Staates. In den Geistesschulen wurden Menschen gebildet, die wohl über das Proletariat denken konnten, aber nicht imstande waren, mit dem Proletariat zu denken. Der Staat ließ die Freiheit des Geistes nicht aufkommen und so kam es, dass sich die Menschen in den geheizten Salons viel über die Brüderlichkeit und Sittlichkeit unterhielten, während in Englands Kohlegruben Kinder schaffen mussten, die sechs volle Tage die Sonne nicht zu sehen bekamen, und halb nackte Frauen mit ganz nackten Männern in den Schächten zusammen arbeiteten. Nicht den Bourgeois verdanke es der Arbeiter, wenn er sich nun etwas bessere Lebensbedingungen errungen hat, nur seiner eigenen Kraft. Immer und immer wieder stellte sich der Proletarier die Frage: führe ich ein menschenwürdiges Dasein?, und er muss die Frage mit einem Nein beantworten; zugleich frägt er sich: wie komme ich zu einem menschenwürdigen Dasein? In seinem tiefsten Herzen fühlt er, dass in dem Wirtschaftsleben etwas enthalten ist, das nicht hineingehört: – seine Arbeitskraft. Wenn der Arbeiter auch nicht mehr wie früher der Sklave seinen ganzen Körper verkaufen muss, seine Arbeitskraft muss er verkaufen, und damit auch sich selbst. Dringend notwendig sei es daher, das Wirtschaftsleben vom Rechtsleben zu trennen. Bevor der Proletarier die Arbeit beginnt, muss schon das Maß, die Zeit und die Art der Arbeit bestimmt sein. Im Wirtschaftsleben dürfe nur Warenproduktion, Warenverbrauch und Warenkonsum sein. Das Rechtsleben müsse auf demokratischer Grundlage aufgebaut, der Gleichheit, für das öffentliche Recht sorgen; dem Geistesfache aber gehöre alles an, was sich auf das geistige Leben bezieht. Ein Schrei nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durchschallt die Welt. Nun aber haben [gescheite] Leute bewiesen, dass diese drei zusammen unmöglich sind, und sie haben recht gehabt. Nur wenn man den Staat in die drei Glieder teilt: in das Rechts-, Wirtschaftsund Geistesleben, gibt es die wahre Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die neue Zeit erfordere anderes Denken als die vergangene Zeit, sie erfordert starke Gedanken und mutiges Wollen.

[ 1 ] Following a series of lectures in Stuttgart, Dr. Steiner spoke here last Sunday—at the request of the Esslingen workers—in the Kugelsaal about the threefold social order, and, as everywhere else, he received extremely enthusiastic and heartfelt applause. In his two-hour lecture, he provided a profound analysis of how the divide between the bourgeoisie and the proletariat arose and grew ever deeper. The worker was certainly aware of the various schools of thought within the bourgeois class, but had no share in that luxurious intellectual life. Just as philosophy had once been the handmaiden of theology, science later became the cult of the state. The intellectual institutions produced people who could certainly think about the proletariat but were incapable of thinking alongside the proletariat. The state did not allow intellectual freedom to flourish, and so it came to pass that people in heated salons talked at length about brotherhood and morality, while in England’s coal mines children were forced to labor, going six full days without seeing the sun, and half-naked women worked alongside completely naked men in the shafts. The worker owes it not to the bourgeoisie that he has now achieved somewhat better living conditions, but solely to his own strength. Time and again, the proletarian asked himself: “Do I lead a dignified life?” and he must answer the question with a “no”; at the same time, he asks himself: “How can I achieve a dignified life?” Deep in his heart, he feels that economic life contains something that does not belong there: his labor power. Even though the worker no longer has to sell his entire body as a slave did in the past, he must sell his labor power—and with it, himself. It is therefore urgently necessary to separate economic life from legal life. Before the proletarian begins work, the scope, duration, and nature of the work must already be determined. Economic life should consist solely of the production, distribution, and consumption of goods. Legal life must be built on a democratic foundation, ensuring equality and public law; the intellectual sphere, however, encompasses everything related to intellectual life. A cry for liberty, equality, and fraternity resounds throughout the world. But now [intelligent] people have proven that these three cannot coexist, and they were right. Only by dividing the state into three branches—legal, economic, and intellectual life—can true freedom, equality, and brotherhood exist. The new era demands a different way of thinking than the past; it requires strong ideas and courageous will.

[ 2 ] Nach Schluss der Versammlung sprach der Leiter derselben Dr. Steiner seinen wärmsten Dank aus und verlas darauf eine Resolution, in der die unverzügliche Berufung Dr. Steiners in die Regierung gefordert wurde, damit die Dreigliederung sofort in Angriff genommen werde. Die Anwesenden, etwa 2000 Personen, stimmten begeisternd und einstimmig dieser Resolution zu. S. D.

[ 2 ] After the meeting concluded, its chair, Dr. Steiner, expressed his warmest thanks and then read a resolution calling for Dr. Steiner’s immediate appointment to the government so that the threefold social order could be implemented without delay. Those present—about 2,000 people—enthusiastically and unanimously approved this resolution. S. D.