Appendix to the Public Lectures
GA 85
28 January 1922, Bremen
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
113. Das Wesen der Anthroposophie
113. Das Wesen der Anthroposophie
[ 1 ] Die von der hiesigen Anthroposophischen Gesellschaft am Sonnabend im Parkhaus veranstaltete Versammlung, in der ihr Begründer und Führer Dr. Rud[olf] Steiner über das genannte Thema einen fast zweistündigen Vortrag hielt, sah beide Säle bis auf den letzten Platz besetzt. Man folgte dem Vortragenden, der mit kraftvoller Begeisterung von der [von] ihm vertretenen Geisteswissenschaft sprach, bis zum Schluss mit großem Interesse.
[ 1 ] Die von der hiesigen Anthroposophischen Gesellschaft am Sonnabend im Parkhaus veranstaltete Versammlung, in der ihr Begründer und Führer Dr. Rud[olf] Steiner über das genannte Thema einen fast zweistündigen Vortrag hielt, sah beide Säle bis auf den letzten Platz besetzt. Man folgte dem Vortragenden, der mit kraftvoller Begeisterung von der [von] ihm vertretenen Geisteswissenschaft sprach, bis zum Schluss mit großem Interesse.
[ 2 ] Zunächst bemerkte Dr. Steiner, dass die Anthroposophie von Unkundigen wohl als ein mehr oder weniger phantastischer Versuch angesehen werde, in Welt- und Lebensgebiete einzudringen, mit denen sich ernste Wissenschaft nichts zu tun machen sollte, und dass man sie gar mit allerlei okkulten Bestrebungen zusammenwerfe. Demgegenüber betonte er, dass die Anthroposophie aus ihrem wissenschaftlichen Untergrunde heraus in keinerlei Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Weltanschauung stehe. Unter voller Innehaltung der Bedingungen, die die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete braucht, stellt sie nur den Versuch dar, in das Weltgebiet des Übersinnlichen, dem die Menschenseele mit ihrem ewigen unsterblichen Wesensteile angehört, hinaufzudringen. Sie steht dabei durchaus auf dem Boden wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit. Gerade die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis der äußeren Natur (Beobachtung, Experiment, verstandesgemäße Kombination) will sie durchaus gewahrt wissen. Sie will ebenso wissenschaftlich sein! Sie will ins Übersinnliche eindringen, das durch philosophische Spekulation nicht erschlossen werden kann, nur aufgrund streng wissenschaftlicher Methoden, und dabei kommt sie im Gegensatz zur spekulativen Philosophie zu Ergebnissen, die jedes, auch das einfachste Menschengemüt, befriedigen und der gesunde Menschenverstand anerkennt. Sie vermeidet die Klippe der Unwissenschaftlichkeit und ebenso die Klippe alles Mystischen, bei denen Illusionen und Täuschungen eine große Rolle spielen.
[ 2 ] Zunächst bemerkte Dr. Steiner, dass die Anthroposophie von Unkundigen wohl als ein mehr oder weniger phantastischer Versuch angesehen werde, in Welt- und Lebensgebiete einzudringen, mit denen sich ernste Wissenschaft nichts zu tun machen sollte, und dass man sie gar mit allerlei okkulten Bestrebungen zusammenwerfe. Demgegenüber betonte er, dass die Anthroposophie aus ihrem wissenschaftlichen Untergrunde heraus in keinerlei Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Weltanschauung stehe. Unter voller Innehaltung der Bedingungen, die die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete braucht, stellt sie nur den Versuch dar, in das Weltgebiet des Übersinnlichen, dem die Menschenseele mit ihrem ewigen unsterblichen Wesensteile angehört, hinaufzudringen. Sie steht dabei durchaus auf dem Boden wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit. Gerade die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis der äußeren Natur (Beobachtung, Experiment, verstandesgemäße Kombination) will sie durchaus gewahrt wissen. Sie will ebenso wissenschaftlich sein! Sie will ins Übersinnliche eindringen, das durch philosophische Spekulation nicht erschlossen werden kann, nur aufgrund streng wissenschaftlicher Methoden, und dabei kommt sie im Gegensatz zur spekulativen Philosophie zu Ergebnissen, die jedes, auch das einfachste Menschengemüt, befriedigen und der gesunde Menschenverstand anerkennt. Sie vermeidet die Klippe der Unwissenschaftlichkeit und ebenso die Klippe alles Mystischen, bei denen Illusionen und Täuschungen eine große Rolle spielen.
[ 3 ] Die Anthroposophie weiß, dass der Mensch mit seinen gewöhnlichen Erkenntniskräften nicht ins Übersinnliche eindringen kann; aber kann der Mensch nicht in der Seele schlummernde Kräfte entwickeln, die es ihm ermöglichen? Das kann nur die Praxis lehren! Damit kam der Vortragende auf die Seelenpraxis, wie die Anthroposophie sie übt. Ihre Voraussetzung ist die intellektuelle Bescheidenheit, mit der die Fortentwicklung des Seelenlebens aus dem traumhaften Seelenzustand des Kindes bis zum Seelenzustand des Erwachsenen anerkannt wird. Diesen Seelenzustand kann der einzelne Mensch nach anthroposophischer Lehre durch gewisse Seelenübungen weiterentwickeln. So paradox das klingen möge, sagt Steiner, komme das Vorurteil gegen die Anthroposophie doch demjenigen gleich, das einst dem kopernikanischen Weltsystem entgegengesetzt worden sei. Bei der zunächst notwendigen Betrachtung des Seelenlebens stellt es sich, wie er weiter ausführt, als ein Ineinanderwirken von drei Kräften dar, als Gedanken-, Gefühls- und Willensleben. Wie man einen Muskel erkraften kann, so kann man auch die Gedankenkräfte durch Meditation und Konzentration stärken. Ohne der Suggestion anheimzufallen, kann sich der Mensch dabei eines erfahrenen Führers bedienen. Wichtig ist, dass diese Seelenübungen lange Zeit in rhythmischer Folge wiederholt werden; denn alles kommt darauf an, dass die Vorstellungskraft intensiv wird. Dann kommt der Zeitpunkt – man muss ihn erwarten –, dass der Mensch in sich ein inneres Seelenleben besitzt, das nicht mehr an die physische Leiblichkeit gebunden, bei dem der Körper nicht mehr das Widerlager ist. Damit ist die Stufe der imaginativen Erkenntnis erreicht. Diese Erkenntnis ist noch subjektiver Art; aber ein solcher Erkenner steht mit seinem gesunden Menschenverstand neben dem, was sich ihm als höherer Erkenntnisinhalt ergibt, und steht diesem kritisierend gegenüber. Auf einer weiteren Stufe dieser Erkraftung der Seele bietet sich, wie Steiner lehrt, dem geöffneten geistigen Auge ein umfassendes geistiges Tableau dar, das wiedergibt, was innerlich seit nahezu unserer Geburt in uns gearbeitet und gekraftet hat, das ganze innere Arbeiten eines Geistig-seelischÜbersinnlichen am Menschen. Man wird sich klar, dass man nicht nur ein dem Raum eingeordnetes physisches Leben in sich trägt, sondern auch einen Zeitleib, der nicht räumlich ist und den man wie den Blitz nicht malen kann, einen zweiten übersinnlichen Leib gegenüber, dem sinnlichen, den Äther- oder Lebensleib. Damit hat die Anthroposophie immer vorhandene Ahnungen zur vollbewussten Erkenntnis gebracht. Sie ist zur Gewissheit von der Unsterblichkeit der Seele vorgedrungen. Die Glaubenssache ist Tatsache geworden! Der Vortragende führte die anthroposophischen Gedankengänge noch näher aus, wobei er erwähnte, dass für den Menschen die Aussicht auf ein wiederholtes Erdenleben besteht, bis seine Seele wieder eine innige Verbindung mit dem seelisch-geistigen Kosmos eingeht. Als dritte Stufe des übersinnlichen Erkennens schilderte er die intuitive Erkenntnis, die die geistig-seelischen Gewalten schauen lässt, in denen das sittliche Leben des Menschen verankert ist, wie es sich spiegelt im Gewissen.
[ 3 ] Die Anthroposophie weiß, dass der Mensch mit seinen gewöhnlichen Erkenntniskräften nicht ins Übersinnliche eindringen kann; aber kann der Mensch nicht in der Seele schlummernde Kräfte entwickeln, die es ihm ermöglichen? Das kann nur die Praxis lehren! Damit kam der Vortragende auf die Seelenpraxis, wie die Anthroposophie sie übt. Ihre Voraussetzung ist die intellektuelle Bescheidenheit, mit der die Fortentwicklung des Seelenlebens aus dem traumhaften Seelenzustand des Kindes bis zum Seelenzustand des Erwachsenen anerkannt wird. Diesen Seelenzustand kann der einzelne Mensch nach anthroposophischer Lehre durch gewisse Seelenübungen weiterentwickeln. So paradox das klingen möge, sagt Steiner, komme das Vorurteil gegen die Anthroposophie doch demjenigen gleich, das einst dem kopernikanischen Weltsystem entgegengesetzt worden sei. Bei der zunächst notwendigen Betrachtung des Seelenlebens stellt es sich, wie er weiter ausführt, als ein Ineinanderwirken von drei Kräften dar, als Gedanken-, Gefühls- und Willensleben. Wie man einen Muskel erkraften kann, so kann man auch die Gedankenkräfte durch Meditation und Konzentration stärken. Ohne der Suggestion anheimzufallen, kann sich der Mensch dabei eines erfahrenen Führers bedienen. Wichtig ist, dass diese Seelenübungen lange Zeit in rhythmischer Folge wiederholt werden; denn alles kommt darauf an, dass die Vorstellungskraft intensiv wird. Dann kommt der Zeitpunkt – man muss ihn erwarten –, dass der Mensch in sich ein inneres Seelenleben besitzt, das nicht mehr an die physische Leiblichkeit gebunden, bei dem der Körper nicht mehr das Widerlager ist. Damit ist die Stufe der imaginativen Erkenntnis erreicht. Diese Erkenntnis ist noch subjektiver Art; aber ein solcher Erkenner steht mit seinem gesunden Menschenverstand neben dem, was sich ihm als höherer Erkenntnisinhalt ergibt, und steht diesem kritisierend gegenüber. Auf einer weiteren Stufe dieser Erkraftung der Seele bietet sich, wie Steiner lehrt, dem geöffneten geistigen Auge ein umfassendes geistiges Tableau dar, das wiedergibt, was innerlich seit nahezu unserer Geburt in uns gearbeitet und gekraftet hat, das ganze innere Arbeiten eines Geistig-seelischÜbersinnlichen am Menschen. Man wird sich klar, dass man nicht nur ein dem Raum eingeordnetes physisches Leben in sich trägt, sondern auch einen Zeitleib, der nicht räumlich ist und den man wie den Blitz nicht malen kann, einen zweiten übersinnlichen Leib gegenüber, dem sinnlichen, den Äther- oder Lebensleib. Damit hat die Anthroposophie immer vorhandene Ahnungen zur vollbewussten Erkenntnis gebracht. Sie ist zur Gewissheit von der Unsterblichkeit der Seele vorgedrungen. Die Glaubenssache ist Tatsache geworden! Der Vortragende führte die anthroposophischen Gedankengänge noch näher aus, wobei er erwähnte, dass für den Menschen die Aussicht auf ein wiederholtes Erdenleben besteht, bis seine Seele wieder eine innige Verbindung mit dem seelisch-geistigen Kosmos eingeht. Als dritte Stufe des übersinnlichen Erkennens schilderte er die intuitive Erkenntnis, die die geistig-seelischen Gewalten schauen lässt, in denen das sittliche Leben des Menschen verankert ist, wie es sich spiegelt im Gewissen.
[ 4 ] Damit gelangen wir zu der wertvollsten Auffassung des Menschenlebens, indem wir es verantwortlich wissen gegenüber der geistig-seelischen Welt. Erst durch die Eingliederung in den geistigen Kosmos wird das sittliche Leben des Menschen in seiner rechten Grundlage erfasst und wird offenbar, was seine Sittlichkeit als Realität in der Gesamtwelt bedeutet.
[ 4 ] Damit gelangen wir zu der wertvollsten Auffassung des Menschenlebens, indem wir es verantwortlich wissen gegenüber der geistig-seelischen Welt. Erst durch die Eingliederung in den geistigen Kosmos wird das sittliche Leben des Menschen in seiner rechten Grundlage erfasst und wird offenbar, was seine Sittlichkeit als Realität in der Gesamtwelt bedeutet.
[ 5 ] An praktischen Auswirkungen der Anthroposophie besprach Steiner das Medizinisch-Therapeutische Institut in Stuttgart, das wissenschaftlich exakt arbeitet, aber doch ihren Hinweisen folge, das Goetheanum, die Waldorfschule und die Eurythmie. – Redner sprach ferner von aufbauenden Sonnen- und abbauenden Mondkräften. – Nachdrücklich trat er der Ansicht entgegen, dass die Anthroposophen eine religiöse Sekte bildeten. Es handele sich keineswegs um eine neue Religion, sondern um die wissenschaftliche Erforschung des Übersinnlichen, deren Ergebnisse dem religiösen Bedürfnis des Menschen entgegenkämen. Zum Schluss betonte Dr. Steiner, dass die Anthroposophie vollberechtigt neben der Naturwissenschaft stehe.
[ 5 ] An praktischen Auswirkungen der Anthroposophie besprach Steiner das Medizinisch-Therapeutische Institut in Stuttgart, das wissenschaftlich exakt arbeitet, aber doch ihren Hinweisen folge, das Goetheanum, die Waldorfschule und die Eurythmie. – Redner sprach ferner von aufbauenden Sonnen- und abbauenden Mondkräften. – Nachdrücklich trat er der Ansicht entgegen, dass die Anthroposophen eine religiöse Sekte bildeten. Es handele sich keineswegs um eine neue Religion, sondern um die wissenschaftliche Erforschung des Übersinnlichen, deren Ergebnisse dem religiösen Bedürfnis des Menschen entgegenkämen. Zum Schluss betonte Dr. Steiner, dass die Anthroposophie vollberechtigt neben der Naturwissenschaft stehe.
[ 6 ] Die große Hörerschaft begleitete den Schluss mit lange anhaltendem, lebhaftem Beifall.
[ 6 ] Die große Hörerschaft begleitete den Schluss mit lange anhaltendem, lebhaftem Beifall.
