Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Appendix to the Public Lectures
GA 85

30 January 1922, Dresden

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
  1. Appendix to the Public Lectures, tr. SOL

114. Das Wesen der Anthroposophie

114. Das Wesen der Anthroposophie

[ 1 ] Im Laufe der zwei Stunden, die Dr. Rudolf Steiner am Pult des Vereinshaussaales stand, wuchs die Abneigung, mit diesem Manne der Anthroposophie zu diskutieren. […] Seine sehr deutliche, langsame Sprechweise ist monoton, unlebendig, trocken, er steigert sein Pathos, in das die langen dickflüssigen Satzkonstruktionen sich einbetten, immer mehr zu einem Ausruferton, der schwer zu ertragen ist. Eine deutliche südbadischschweizerische Dialektfärbung stört dagegen nicht. Ein mittelgroßer Mann in Schwarz bis auf den weißen Kragen, ein Mann mit einem festen, eckigen Kopf, ein energisches Gesicht unter der kräftigen, nicht sehr hohen Stirn, aus der das dunkle Haar glatt zurückgestrichen ist. Energische Züge um Kinn und den Mund, der ohne Bart ist. Merkwürdig, dass man das Auge dieses Mannes nicht sieht! Seine dunklen Lider sind blinzelnd beinahe immer gesenkt. Oft sieht es aus, als läse er in einem Manuskript, das auf dem Pulte liegt. Aber er spricht frei … mit gesenktem Blick. Die Hände werden allmählich bewegter. Aber wirkliches Temperament, Leidenschaft verrät sich nicht.

[ 1 ] Im Laufe der zwei Stunden, die Dr. Rudolf Steiner am Pult des Vereinshaussaales stand, wuchs die Abneigung, mit diesem Manne der Anthroposophie zu diskutieren. […] Seine sehr deutliche, langsame Sprechweise ist monoton, unlebendig, trocken, er steigert sein Pathos, in das die langen dickflüssigen Satzkonstruktionen sich einbetten, immer mehr zu einem Ausruferton, der schwer zu ertragen ist. Eine deutliche südbadischschweizerische Dialektfärbung stört dagegen nicht. Ein mittelgroßer Mann in Schwarz bis auf den weißen Kragen, ein Mann mit einem festen, eckigen Kopf, ein energisches Gesicht unter der kräftigen, nicht sehr hohen Stirn, aus der das dunkle Haar glatt zurückgestrichen ist. Energische Züge um Kinn und den Mund, der ohne Bart ist. Merkwürdig, dass man das Auge dieses Mannes nicht sieht! Seine dunklen Lider sind blinzelnd beinahe immer gesenkt. Oft sieht es aus, als läse er in einem Manuskript, das auf dem Pulte liegt. Aber er spricht frei … mit gesenktem Blick. Die Hände werden allmählich bewegter. Aber wirkliches Temperament, Leidenschaft verrät sich nicht.

[ 2 ] Das soll der Mann sein, der Zehntausende in seinen Bann zieht? Von dem starke persönliche Wirkungen ausgehen? Er steht ganz und gar nicht vor uns in der Art einer starken Persönlichkeit. Man könnte sich ihn trotz Dr. phil. et med. ganz auf der Kanzel einer kleinen Sektenkirche in Süddeutschland denken. Aber eigentlich wirkt er nicht einmal wie ein geistiger Mensch.

[ 2 ] Das soll der Mann sein, der Zehntausende in seinen Bann zieht? Von dem starke persönliche Wirkungen ausgehen? Er steht ganz und gar nicht vor uns in der Art einer starken Persönlichkeit. Man könnte sich ihn trotz Dr. phil. et med. ganz auf der Kanzel einer kleinen Sektenkirche in Süddeutschland denken. Aber eigentlich wirkt er nicht einmal wie ein geistiger Mensch.

[ 3 ] Steiners Vortrag war nicht ungeschickt angelegt. Er begann mit einer Verbeugung nach allen Seiten der Wissenschaften, besonders nach der Naturwissenschaft, deren Rang er voll anerkannte, um sogleich zu betonen, dass die Anthroposophie den Anspruch erhebt, eine Wissenschaft zu sein, eine Wissenschaft vom Übersinnlichen mit den exakten Forschungsmethoden, ähnlich denen im Laboratorium, in der Klinik, in der Sternwarte. Aber im selben Atem, mit dem er die Anthroposophie zur Wissenschaft stempelte, behauptete Steiner, dass sich die Anthroposophie an alle Menschen, an alle einfachen Gemüter wende. Er überbrückte auch nicht den Widerspruch damit, dass er meinte, nicht alle Jünger der Anthroposophie brauchten «Geistesforscher» zu werden. Viele dürften sich auch schon damit begnügen, anzuschauen, was die «Geistesforscher» gefunden hätten. Schon darum konnte er den Widerspruch nicht beseitigen, weil ja auch das «Anschauen» und doch wohl Verstehen, Erleben der anthroposophischen Lehre so außerordentliche Ansprüche stellt. Schon der Abriss seiner Methodik, die der Vortrag gab, bewies ja, dass man sich da erst in eine ganz eigentümliche neue Terminologie hineinarbeiten muss, eine Forderung, die keineswegs eine so einfache Sache für alle «einfachen Gemüter » sein dürfte. Steiners Weg zur Anthroposophie führte über folgende Betrachtung: Weder in Naturwissenschaft noch in Mystik sind Kräfte tätig, die ins Übersinnliche eindringen können. Die Anthroposophie fragt nun: Gibt es solche Kräfte? Und beantwortet diese Frage so: «Das hängt von der Praxis ab.» Anthroposophie will zeigen, wie man solche Kräfte, die in der Seele schlummern, wie Steiner behauptet, erwecken könne. Er hat dazu ein System von Übungen entwickelt, die die Denk-, Gefühlsund Willens-Kräfte im Menschen zu stärken geeignet sein sollen. Es sind Meditations- und Konzentrationsübungen, die rhythmisch angewendet, uns in die Lage versetzen sollen, von den Bedingungen des Leibes- und Nervenlebens loszukommen und allmählich fortschreitend immer vollendetere Stufen der Erkenntnis zu erreichen. Steiner spricht da von imaginativer, von inspirierter und von intuitiver Erkenntnis. Er spricht im Zusammenhang mit diesen Erkenntnisstufen vom vorgeburtlichen Dasein und vom Dasein nach dem Tode, vom übersinnlichen Leib in uns, den er mit dem schrecklichen Wort «Bildekräfte-Leib» bezeichnet. Er spricht von der «Undurchsichtigkeit» des normalen und der «Durchsichtigkeit» des anthroposophisch gebildeten Körpers, er meint, dass die Anthroposophie neue Grundlagen zur Erkenntnis der sittlichen Kräfte schaffe. Und dann spricht Steiner weiter von den kosmischen Kräften, vom Sonnenhaften, das die Kräfte der Jugend, dem Mondenhaften, das die Kräfte des Alters darstelle, er spricht von der Übertragung dieser übersinnlichen Erkenntnisse auf unsre Medizin, glaubt an eine Befruchtung der Künste, der Pädagogik, der Volkswirtschaft, des religiösen und sittlichen Lebens – durch die Anthroposophie! […]

[ 3 ] Steiners Vortrag war nicht ungeschickt angelegt. Er begann mit einer Verbeugung nach allen Seiten der Wissenschaften, besonders nach der Naturwissenschaft, deren Rang er voll anerkannte, um sogleich zu betonen, dass die Anthroposophie den Anspruch erhebt, eine Wissenschaft zu sein, eine Wissenschaft vom Übersinnlichen mit den exakten Forschungsmethoden, ähnlich denen im Laboratorium, in der Klinik, in der Sternwarte. Aber im selben Atem, mit dem er die Anthroposophie zur Wissenschaft stempelte, behauptete Steiner, dass sich die Anthroposophie an alle Menschen, an alle einfachen Gemüter wende. Er überbrückte auch nicht den Widerspruch damit, dass er meinte, nicht alle Jünger der Anthroposophie brauchten «Geistesforscher» zu werden. Viele dürften sich auch schon damit begnügen, anzuschauen, was die «Geistesforscher» gefunden hätten. Schon darum konnte er den Widerspruch nicht beseitigen, weil ja auch das «Anschauen» und doch wohl Verstehen, Erleben der anthroposophischen Lehre so außerordentliche Ansprüche stellt. Schon der Abriss seiner Methodik, die der Vortrag gab, bewies ja, dass man sich da erst in eine ganz eigentümliche neue Terminologie hineinarbeiten muss, eine Forderung, die keineswegs eine so einfache Sache für alle «einfachen Gemüter » sein dürfte. Steiners Weg zur Anthroposophie führte über folgende Betrachtung: Weder in Naturwissenschaft noch in Mystik sind Kräfte tätig, die ins Übersinnliche eindringen können. Die Anthroposophie fragt nun: Gibt es solche Kräfte? Und beantwortet diese Frage so: «Das hängt von der Praxis ab.» Anthroposophie will zeigen, wie man solche Kräfte, die in der Seele schlummern, wie Steiner behauptet, erwecken könne. Er hat dazu ein System von Übungen entwickelt, die die Denk-, Gefühlsund Willens-Kräfte im Menschen zu stärken geeignet sein sollen. Es sind Meditations- und Konzentrationsübungen, die rhythmisch angewendet, uns in die Lage versetzen sollen, von den Bedingungen des Leibes- und Nervenlebens loszukommen und allmählich fortschreitend immer vollendetere Stufen der Erkenntnis zu erreichen. Steiner spricht da von imaginativer, von inspirierter und von intuitiver Erkenntnis. Er spricht im Zusammenhang mit diesen Erkenntnisstufen vom vorgeburtlichen Dasein und vom Dasein nach dem Tode, vom übersinnlichen Leib in uns, den er mit dem schrecklichen Wort «Bildekräfte-Leib» bezeichnet. Er spricht von der «Undurchsichtigkeit» des normalen und der «Durchsichtigkeit» des anthroposophisch gebildeten Körpers, er meint, dass die Anthroposophie neue Grundlagen zur Erkenntnis der sittlichen Kräfte schaffe. Und dann spricht Steiner weiter von den kosmischen Kräften, vom Sonnenhaften, das die Kräfte der Jugend, dem Mondenhaften, das die Kräfte des Alters darstelle, er spricht von der Übertragung dieser übersinnlichen Erkenntnisse auf unsre Medizin, glaubt an eine Befruchtung der Künste, der Pädagogik, der Volkswirtschaft, des religiösen und sittlichen Lebens – durch die Anthroposophie! […]