Appendix to the Public Lectures
GA 85
31 January 1922, Wrocław
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
115. Das Wesen der Anthroposophie
115. Das Wesen der Anthroposophie
[ 1 ] Am Dienstag sprach im Konzerthaus Rudolf Steiner vor einem dicht besetzten Saal. […] Die Anthroposophie will, sagt Steiner, die latenten, im Menschen schlummernden Erkenntniskräfte wecken und mit ihrer Hilfe die übersinnliche Welt erkennen. Dazu dient eine aufsteigende Reihe von Seelenübungen, die erste besteht in einer starken Konzentration des Denkens. Voll bewusst wird die Aufmerksamkeit auf eine einzige Vorstellung oder einen Vorstellungskomplex gerichtet, bis das Denkerlebnis ebenso lebendig wird wie ein äußeres Erlebnis. Durch fortgesetzte Übung dieses konzentrierten Denkens soll der Mensch die erste Stufe anthroposophischer Erkenntnis erreichen: die imaginative Erkenntnis, das heißt ein Bild seines ganzen Lebens seit der Geburt, ein Bild dessen, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Gelangt er durch eine zweite Übung dahin, sein Bewusstsein willkürlich von der ihm eingeprägten Vorstellung leer zu machen, so hat er die zweite Stufe erreicht: die inspirierte Erkenntnis. Das leere Bewusstsein füllt sich von selbst mit der Vorstellung seines vorgeburtlichen Daseins. Nun setzen Willensübungen ein. Es gilt, den Willen, der mit seinen moralischen Impulsen schon etwas aus der höheren Welt besitzt, von seiner physischen Abhängigkeit zu befreien. Ist auch dies gelungen, so kommt der Mensch zur dritten Stufe: der intuitiven Erkenntnis. Der Organismus, der in Bezug auf die höhere Erkenntnis bisher wie ein getrübtes Auge war, wird durchsichtig und selbst ein Sinnesorgan. Der Mensch erkennt seine wiederholten Erdenleben, sein schließliches Aufgehen im All; er erkennt das Seelenleben des Kosmos: das Sonnenhafte, das das Wachsen bewirkt, das jung und stark macht, das Mondenhafte, das die Abbaukräfte in der Welt darstellt. Er sieht in allem Sinnlichen die Geisteswelt sich spiegeln. Dann vermag er die Anthroposophie für alle Wissens- und Lebensgebiete nutzbar zu machen. Steiner wies auf die ärztlichen Institute in Stuttgart hin, wo anthroposophisch orientierte Ärzte neue Heilmethoden suchen, auf das Goetheanum in Dornach bei Basel, wo das innere Leben der Anthroposophen Ausdruck in der Kunst gefunden hat. Die Arbeit auf pädagogisch-didaktischem Gebiet zeigt die Waldorf-Astoria-Schule, deren Lehrplan und Lehrziel aus dem Wesen des Kindes abgelesen wird. Das pädagogische Gebiet wieder leitet auf das soziale. Ihre Krönung aber findet die Anthroposophie auf religiössittlichem Gebiet, indem sie Religion und Sittlichkeit vor der Naturwissenschaft rechtfertigt. […]
[ 1 ] Am Dienstag sprach im Konzerthaus Rudolf Steiner vor einem dicht besetzten Saal. […] Die Anthroposophie will, sagt Steiner, die latenten, im Menschen schlummernden Erkenntniskräfte wecken und mit ihrer Hilfe die übersinnliche Welt erkennen. Dazu dient eine aufsteigende Reihe von Seelenübungen, die erste besteht in einer starken Konzentration des Denkens. Voll bewusst wird die Aufmerksamkeit auf eine einzige Vorstellung oder einen Vorstellungskomplex gerichtet, bis das Denkerlebnis ebenso lebendig wird wie ein äußeres Erlebnis. Durch fortgesetzte Übung dieses konzentrierten Denkens soll der Mensch die erste Stufe anthroposophischer Erkenntnis erreichen: die imaginative Erkenntnis, das heißt ein Bild seines ganzen Lebens seit der Geburt, ein Bild dessen, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Gelangt er durch eine zweite Übung dahin, sein Bewusstsein willkürlich von der ihm eingeprägten Vorstellung leer zu machen, so hat er die zweite Stufe erreicht: die inspirierte Erkenntnis. Das leere Bewusstsein füllt sich von selbst mit der Vorstellung seines vorgeburtlichen Daseins. Nun setzen Willensübungen ein. Es gilt, den Willen, der mit seinen moralischen Impulsen schon etwas aus der höheren Welt besitzt, von seiner physischen Abhängigkeit zu befreien. Ist auch dies gelungen, so kommt der Mensch zur dritten Stufe: der intuitiven Erkenntnis. Der Organismus, der in Bezug auf die höhere Erkenntnis bisher wie ein getrübtes Auge war, wird durchsichtig und selbst ein Sinnesorgan. Der Mensch erkennt seine wiederholten Erdenleben, sein schließliches Aufgehen im All; er erkennt das Seelenleben des Kosmos: das Sonnenhafte, das das Wachsen bewirkt, das jung und stark macht, das Mondenhafte, das die Abbaukräfte in der Welt darstellt. Er sieht in allem Sinnlichen die Geisteswelt sich spiegeln. Dann vermag er die Anthroposophie für alle Wissens- und Lebensgebiete nutzbar zu machen. Steiner wies auf die ärztlichen Institute in Stuttgart hin, wo anthroposophisch orientierte Ärzte neue Heilmethoden suchen, auf das Goetheanum in Dornach bei Basel, wo das innere Leben der Anthroposophen Ausdruck in der Kunst gefunden hat. Die Arbeit auf pädagogisch-didaktischem Gebiet zeigt die Waldorf-Astoria-Schule, deren Lehrplan und Lehrziel aus dem Wesen des Kindes abgelesen wird. Das pädagogische Gebiet wieder leitet auf das soziale. Ihre Krönung aber findet die Anthroposophie auf religiössittlichem Gebiet, indem sie Religion und Sittlichkeit vor der Naturwissenschaft rechtfertigt. […]
