Appendix to the Public Lectures
GA 85
19 May 1922, Bremen
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
116. Anthroposophie und Geisteserkenntnis
116. Anthroposophie und Geisteserkenntnis
[ 1 ] Die Zahl der Zuhörer hatte sich bei diesem zweiten Vortrag in Bremen erheblich vermindert; der Vortrag selbst war lebendiger und vor allem gegen Schluss wirkungsvoller als das erste Mal. Wiederum betonte der Führer der Anthroposophen, dass die Anthroposophie nicht in Opposition zum Wissenschaftsgeist stünde, sie forsche stets aus einem gesteigerten wissenschaftlichen Gewissen heraus. Er behandelte diesmal eingehender die alten und neuen Erkenntniswege, die zum Übersinnlichen führen und die uralten Rätselfragen der menschlichen Seele lösen sollen. Der Besitz eines geistigen Lebens im Sinne der Anthroposophie sei freilich kein Rätsel mehr, es sei tatsächlich; ja, die Ewigkeit und der übersinnliche Charakter dieses geistigen Lebens wird ohne Weiteres vorausgesetzt. Dass aber dieses geistige Leben tiefe Rätsel berge, zeigen die beiden Phänomene des Einschlafens und Aufwachens. Dort (wie auch beim Tode) scheine das geistige Leben ohnmächtig, hier von der seltsamen Kraft erfüllt, von Leiblichkeit Besitz zu ergreifen. Wie verbindet sich der Geist mit der Leiblichkeit? Um diese und verwandte Fragen zu lösen, nehmen wir Zuflucht zu alledem, was uns Kunde geben kann von dem Geistesleben. Zwei Feinde stellen sich hier der höheren Erkenntnis in den Weg: der Aberglaube und das wissenschaftlich geschulte Eindringen in die Gesetze der Natur, das zwar stark macht gegen die Ansprüche der sinnlichen Erfahrung, aber zugleich schwach gegenüber dem Glauben an eine übersinnliche Welt. Daher neigt sie zum Zweifel, und dieser Zweifel ist gefährlich, da er die leibliche Gesundheit untergräbt und zu seelischer Schwindsucht führt. Da der Weg über das normale Erleben der Wissenschaftler nicht in das Reich des Übersinnlichen weist, wenden sich manche an das krankhafte Seelenleben um Auskunft (Mediumismus usw.). Aber Steiner lehnt diese Forschungen energisch ab. Auf diesem Wege erlangen wir keine innerliche Erkenntnis des Geisteslebens. Für die Anthroposophie sei das gesamte Seelenleben der Ausgangspunkt. (Auch Erlebnis und Ziel?) Gerade ihre Übungen bezwecken im ersten Teil eine leiblich-geistige Gesundheit des Menschen. Die zweite Gruppe erstrebe freilich solche Erkenntniswege, die in die geistige Welt hineinschauen lassen. Gegen diese Erkenntniswege bestünden mannigfache Vorurteile. Aber durch eine Betrachtung älterer Erkenntniswege lasse sich beweisen, dass, was jetzt Glaube sei, einst Erkenntnis gewesen oder doch dafür gehalten sei. Steiner behandelt zwei dieser älteren Erkenntniswege, die Yogalehre und die Askese. Durch hellseherische Methoden dringt der Anthroposoph tiefer in das eigentliche Wesen der Yogalehre ein, die man also nicht nach ihrer Literatur und aufgrund gelehrter Forschung deuten darf. Das Hellsehen lehrt uns, dass die Yogalehre in uralter Zeit ganz anders war, als sie der Forschung jetzt erscheint, besonders aufgrund verderbter Yogapraxis in späterer Zeit erscheinen muss. Die Yogis wussten bereits, dass der Atem durch den Rückenmarkskanal in das Gehirn strömt und dann die Vorgänge im Gehirn, besonders so weit sie für das Denken bedeutsam sind, durchflutet und dass durch Zusammenwirken der Sinnesprozesse und des Atems ein neues Gedankenleben entsteht. Darauf gründeten sie durch bewusstes Eingreifen des Denkens mithilfe des Atems eine höhere Erkenntnis; so änderten sie durch Rhythmisierung des Atems das innerliche Leben des Geistes. In der älteren Zeit erleben die Menschen andere Bilder der Außenwelt. Sie sehen nicht die rein sinnlichen Farben, sondern nehmen überall ein Geistig-Seelisches wahr. Sie legen also nicht mithilfe der Phantasie das Geistige in die Welt hinein (Animismus), sondern es war ihnen naturgemäß, die Welt in diesen Bildern zu erleben. Von diesem bewegten sinnlichen Denken wendet sich die Yogalehre durch bewussten Atmungsrhythmus ab; sie sucht das innere Selbst zu ergreifen. Mittelbar durch den Atem wird das Denken verwandelt. Aber ihre Übungen zwangen sie zum Einsiedlertum. Das ist heute nicht mehr statthaft, da wir der Welt und ihren Aufgaben gehören. In ähnlicher Weise erörtert Steiner die Askese als den Versuch, durch Herabstimmung der körperlichen Funktionen den Zugang zur geistigen Welt zu erschließen. Der gesunde Leib sei nötig für die Außenwelt, freilich ein Hindernis für die geistige Welt. Aber auch der Weg der Askese sei heute nicht mehr gangbar, da er von der Arbeit in und an der Welt abführe. Beide Erkenntniswege, Yoga und Askese, seien ursprünglich Erkenntnisse gewesen, jetzt Glaubensinhalte und Willensübungen geworden. Die neuen Wege müssten ganz anderer Art sein. Es käme im Wesentlichen auf Übungen des Denkens an. Im Gegensatz zur Yogalehre wolle die Anthroposophie den Menschen grade vom sinnlichen Atem und vom Selbst fortziehen. Sie wolle in einen anderen Rhythmus, nämlich den des Kosmos und der Wesenheiten einleben und einfühlen lassen. Das lebendige Denken wende sich vom gewöhnlichen, abstrakten, toten Denken ab. Steiner gibt dann eine Einführung in die Methoden dieses lebendigen Denkens, das er als exaktes Hellsehen bezeichnet. Anhand der Entwicklungslehre sucht er zu zeigen, wie das Denken lebendig werde. Während man in der gewöhnlichen Entwicklungslehre erst eine Vorstellung vom Tier, dann vom Menschen gewinnt und darauf beide Vorstellungen vergleicht, bildet sich hier der lebendige Gedanke unmittelbar in und aus dem anderen Gedanken selbst. Das Denken taucht in das Leben selbst unter; die Gedanken leben. So wächst der Mensch mit dem Geistigen selbst zusammen. Schon Oken und Schelling (!) scheinen solche lebendigen Gedanken gehabt zu haben. Aber in ihre Gedanken mischt sich viel Phantasie, ja Phantastik! Die Anthroposophie bringt zu dem lebendigen Gedanken etwas hinzu, was Sicherheit verbürgt: Übungen in menschlicher Selbstzucht. Sie lehrt den Menschen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Durch Willensübungen bildet er, freilich unter Schmerzen und Leiden der Seele, das lebendige Denken aus. Dies Leiden, eine Folge der ersten Erkenntniswege, muss überwunden und in neutraler Empfindung aufgehoben werden. Dann wird das ganze Wesen ein geistiges Sinnesorgan. Dies Leiden veranschaulicht Steiner durch die freilich nicht empfundenen Leiden infolge der Zerstörungen im Auge beim Sehen. Im Gegensatz zur Askese betont er die Überwindung des Schmerzes und die Erstarkung der Seele. Der Mensch aber wird selbst ein anderer durch das exakte Hellsehen. Leider gab Steiner nur Andeutungen über die Menschenaura, die zurückführt in die geistige Welt und uns offenbart, wie wir vor dem physikalischen Erdenleben gelebt und gewest haben. Durch das exakte Hellsehen schauen wir in das Innere des Menschen, besonders in sein Herz und dessen eigentliches Wesen. Wir besitzen auf diesem Wege volle Gewissheit über das geistige Seelenleben vor dem Erdendasein. Auch das eigentliche Wesen der Welt lernen wir kennen. Wir sehen vor allem, wie der Geist sich mit dem Gehirn des Kindes beschäftigt und es immer weiter differenziert. Wir erkennen aber auch die zweite Seite des Aurischen, die menschlichen Tätigkeiten und Schicksale. Verlobung, Freundschaft sind nicht Spiel des Zufalls, sondern beruhen auf längst vorhandenen Sympathien. Im Leben geht alles planmäßig zu. (Knebel.) So können wir die Schicksalszimmerung zurückverfolgen, so wird auch Unsterblichkeit ein Angeschautes, Erkanntes. Dies höhere Erkennen dient dann auch dem religiösen Erlebnis aus dem Wissen heraus. Es eröffnet sich ein festes Verhältnis des Menschen zur übersinnlichen Welt. Geistige Beziehungen (Freundschaften) leben weiter. Die Welt durchdringt sich mit lebendiger Geistigkeit. Die Anthroposophie aber ist es, die der Menschheit zu lebendiger Geistigkeit verhilft, die den Geist hineinzaubert in die Welt. Die Geister aber wandeln und wirken unter uns. […]
[ 1 ] Die Zahl der Zuhörer hatte sich bei diesem zweiten Vortrag in Bremen erheblich vermindert; der Vortrag selbst war lebendiger und vor allem gegen Schluss wirkungsvoller als das erste Mal. Wiederum betonte der Führer der Anthroposophen, dass die Anthroposophie nicht in Opposition zum Wissenschaftsgeist stünde, sie forsche stets aus einem gesteigerten wissenschaftlichen Gewissen heraus. Er behandelte diesmal eingehender die alten und neuen Erkenntniswege, die zum Übersinnlichen führen und die uralten Rätselfragen der menschlichen Seele lösen sollen. Der Besitz eines geistigen Lebens im Sinne der Anthroposophie sei freilich kein Rätsel mehr, es sei tatsächlich; ja, die Ewigkeit und der übersinnliche Charakter dieses geistigen Lebens wird ohne Weiteres vorausgesetzt. Dass aber dieses geistige Leben tiefe Rätsel berge, zeigen die beiden Phänomene des Einschlafens und Aufwachens. Dort (wie auch beim Tode) scheine das geistige Leben ohnmächtig, hier von der seltsamen Kraft erfüllt, von Leiblichkeit Besitz zu ergreifen. Wie verbindet sich der Geist mit der Leiblichkeit? Um diese und verwandte Fragen zu lösen, nehmen wir Zuflucht zu alledem, was uns Kunde geben kann von dem Geistesleben. Zwei Feinde stellen sich hier der höheren Erkenntnis in den Weg: der Aberglaube und das wissenschaftlich geschulte Eindringen in die Gesetze der Natur, das zwar stark macht gegen die Ansprüche der sinnlichen Erfahrung, aber zugleich schwach gegenüber dem Glauben an eine übersinnliche Welt. Daher neigt sie zum Zweifel, und dieser Zweifel ist gefährlich, da er die leibliche Gesundheit untergräbt und zu seelischer Schwindsucht führt. Da der Weg über das normale Erleben der Wissenschaftler nicht in das Reich des Übersinnlichen weist, wenden sich manche an das krankhafte Seelenleben um Auskunft (Mediumismus usw.). Aber Steiner lehnt diese Forschungen energisch ab. Auf diesem Wege erlangen wir keine innerliche Erkenntnis des Geisteslebens. Für die Anthroposophie sei das gesamte Seelenleben der Ausgangspunkt. (Auch Erlebnis und Ziel?) Gerade ihre Übungen bezwecken im ersten Teil eine leiblich-geistige Gesundheit des Menschen. Die zweite Gruppe erstrebe freilich solche Erkenntniswege, die in die geistige Welt hineinschauen lassen. Gegen diese Erkenntniswege bestünden mannigfache Vorurteile. Aber durch eine Betrachtung älterer Erkenntniswege lasse sich beweisen, dass, was jetzt Glaube sei, einst Erkenntnis gewesen oder doch dafür gehalten sei. Steiner behandelt zwei dieser älteren Erkenntniswege, die Yogalehre und die Askese. Durch hellseherische Methoden dringt der Anthroposoph tiefer in das eigentliche Wesen der Yogalehre ein, die man also nicht nach ihrer Literatur und aufgrund gelehrter Forschung deuten darf. Das Hellsehen lehrt uns, dass die Yogalehre in uralter Zeit ganz anders war, als sie der Forschung jetzt erscheint, besonders aufgrund verderbter Yogapraxis in späterer Zeit erscheinen muss. Die Yogis wussten bereits, dass der Atem durch den Rückenmarkskanal in das Gehirn strömt und dann die Vorgänge im Gehirn, besonders so weit sie für das Denken bedeutsam sind, durchflutet und dass durch Zusammenwirken der Sinnesprozesse und des Atems ein neues Gedankenleben entsteht. Darauf gründeten sie durch bewusstes Eingreifen des Denkens mithilfe des Atems eine höhere Erkenntnis; so änderten sie durch Rhythmisierung des Atems das innerliche Leben des Geistes. In der älteren Zeit erleben die Menschen andere Bilder der Außenwelt. Sie sehen nicht die rein sinnlichen Farben, sondern nehmen überall ein Geistig-Seelisches wahr. Sie legen also nicht mithilfe der Phantasie das Geistige in die Welt hinein (Animismus), sondern es war ihnen naturgemäß, die Welt in diesen Bildern zu erleben. Von diesem bewegten sinnlichen Denken wendet sich die Yogalehre durch bewussten Atmungsrhythmus ab; sie sucht das innere Selbst zu ergreifen. Mittelbar durch den Atem wird das Denken verwandelt. Aber ihre Übungen zwangen sie zum Einsiedlertum. Das ist heute nicht mehr statthaft, da wir der Welt und ihren Aufgaben gehören. In ähnlicher Weise erörtert Steiner die Askese als den Versuch, durch Herabstimmung der körperlichen Funktionen den Zugang zur geistigen Welt zu erschließen. Der gesunde Leib sei nötig für die Außenwelt, freilich ein Hindernis für die geistige Welt. Aber auch der Weg der Askese sei heute nicht mehr gangbar, da er von der Arbeit in und an der Welt abführe. Beide Erkenntniswege, Yoga und Askese, seien ursprünglich Erkenntnisse gewesen, jetzt Glaubensinhalte und Willensübungen geworden. Die neuen Wege müssten ganz anderer Art sein. Es käme im Wesentlichen auf Übungen des Denkens an. Im Gegensatz zur Yogalehre wolle die Anthroposophie den Menschen grade vom sinnlichen Atem und vom Selbst fortziehen. Sie wolle in einen anderen Rhythmus, nämlich den des Kosmos und der Wesenheiten einleben und einfühlen lassen. Das lebendige Denken wende sich vom gewöhnlichen, abstrakten, toten Denken ab. Steiner gibt dann eine Einführung in die Methoden dieses lebendigen Denkens, das er als exaktes Hellsehen bezeichnet. Anhand der Entwicklungslehre sucht er zu zeigen, wie das Denken lebendig werde. Während man in der gewöhnlichen Entwicklungslehre erst eine Vorstellung vom Tier, dann vom Menschen gewinnt und darauf beide Vorstellungen vergleicht, bildet sich hier der lebendige Gedanke unmittelbar in und aus dem anderen Gedanken selbst. Das Denken taucht in das Leben selbst unter; die Gedanken leben. So wächst der Mensch mit dem Geistigen selbst zusammen. Schon Oken und Schelling (!) scheinen solche lebendigen Gedanken gehabt zu haben. Aber in ihre Gedanken mischt sich viel Phantasie, ja Phantastik! Die Anthroposophie bringt zu dem lebendigen Gedanken etwas hinzu, was Sicherheit verbürgt: Übungen in menschlicher Selbstzucht. Sie lehrt den Menschen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Durch Willensübungen bildet er, freilich unter Schmerzen und Leiden der Seele, das lebendige Denken aus. Dies Leiden, eine Folge der ersten Erkenntniswege, muss überwunden und in neutraler Empfindung aufgehoben werden. Dann wird das ganze Wesen ein geistiges Sinnesorgan. Dies Leiden veranschaulicht Steiner durch die freilich nicht empfundenen Leiden infolge der Zerstörungen im Auge beim Sehen. Im Gegensatz zur Askese betont er die Überwindung des Schmerzes und die Erstarkung der Seele. Der Mensch aber wird selbst ein anderer durch das exakte Hellsehen. Leider gab Steiner nur Andeutungen über die Menschenaura, die zurückführt in die geistige Welt und uns offenbart, wie wir vor dem physikalischen Erdenleben gelebt und gewest haben. Durch das exakte Hellsehen schauen wir in das Innere des Menschen, besonders in sein Herz und dessen eigentliches Wesen. Wir besitzen auf diesem Wege volle Gewissheit über das geistige Seelenleben vor dem Erdendasein. Auch das eigentliche Wesen der Welt lernen wir kennen. Wir sehen vor allem, wie der Geist sich mit dem Gehirn des Kindes beschäftigt und es immer weiter differenziert. Wir erkennen aber auch die zweite Seite des Aurischen, die menschlichen Tätigkeiten und Schicksale. Verlobung, Freundschaft sind nicht Spiel des Zufalls, sondern beruhen auf längst vorhandenen Sympathien. Im Leben geht alles planmäßig zu. (Knebel.) So können wir die Schicksalszimmerung zurückverfolgen, so wird auch Unsterblichkeit ein Angeschautes, Erkanntes. Dies höhere Erkennen dient dann auch dem religiösen Erlebnis aus dem Wissen heraus. Es eröffnet sich ein festes Verhältnis des Menschen zur übersinnlichen Welt. Geistige Beziehungen (Freundschaften) leben weiter. Die Welt durchdringt sich mit lebendiger Geistigkeit. Die Anthroposophie aber ist es, die der Menschheit zu lebendiger Geistigkeit verhilft, die den Geist hineinzaubert in die Welt. Die Geister aber wandeln und wirken unter uns. […]
