Appendix to the Public Lectures
GA 85
30 April 1898, Königsberg
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
37. Über moderne Dichtung und moderne Weltanschauung
37. On Modern Poetry and the Modern Worldview
[ 1 ] Der zweite Vortragsabend, zu dem der rührige Vorstand der jungen Litterarischen Gesellschaft seine Mitglieder – noch knapp vor Schluss der eigentlichen Saison der Gesellschaften und Soiréen – eingeladen, hatte am Sonnabend im Schützenhaussaale eine zahlreiche Teilnahme zu verzeichnen, wenn auch der diesmal gewählte große Raum noch lange nicht gefüllt war. Der Schriftführer der Vereinigung, Herr Oberlehrer Gerschmann, eröffnete die Sitzung mit einem Überblick darüber, was die Leitung während der kurzen Zeit des Bestehens der Litterarischen Gesellschaft in die Wege geleitet und was sie erreicht hat. […]
[ 1 ] The second lecture evening, to which the energetic board of the young Literary Society had invited its members—just before the end of the actual season of social gatherings and soirées—drew a large crowd on Saturday in the Schützenhaussaal, even though the large hall chosen for the occasion was still far from full. The association’s secretary, Mr. Gerschmann, a senior teacher, opened the meeting with an overview of what the leadership had initiated and achieved during the Literary Society’s short existence. […]
[ 2 ] Der zweite Abend der Litterarischen Gesellschaft war aus theoretischen Erörterungen und praktischen Demonstrationen gemischt, und er machte – gestehen wir es offen – auf uns und wohl auch auf die Mehrzahl seiner Besucher in der Tat einen etwas «gemischten» Eindruck. […] Der Vortrag des Herrn Dr. Steiner aus Berlin «über moderne Dichtung und moderne Weltanschauung» mag ja schon von vornherein in Aussicht genommen sein; aber dass er jetzt bereits auf dem Programm erschien, war doch wohl nicht ursprünglich beabsichtigt. Die theoretische Erkenntnis kann den Tatsachen erst folgen. Die Litterarische Gesellschaft hätte demnach ihre Mitglieder auch mit den hauptsächlichsten Tatsachen bekannt machen sollen, ehe sie begann, Theorien über jene zu entwickeln. […] Der erste Abend, der in vortrefflicher Interpretation einige leichtere Proben moderner Dichtungen brachte – eine Plänkelei als Beginn der Kampagne, wie es recht und billig ist – hatte denn auch einen guten Erfolg; der zweite mit seinen Abstraktionen und Deduktionen, denen bei den meisten Zuhörern der materielle Untergrund fehlte, dürfte weniger allgemein befriedigt haben. Nach der ersten interessanten Lesestunde mit ihren nicht schwer zu bewältigenden Übungsstücken folgte ohne intimeren Zusammenhang gleich die nüchterne grammatikalische Unterweisung, Vorführung des ganzen theoretischen Systems, das auf Treu und Glauben hingenommen sein wollte. Denn ohne tiefere Kenntnis der literarischen Produktion, auf der sich jenes weite Lehrgebäude gründet, vermochten die meisten Zuhörer den Gedankenketten des Redners nicht zu folgen und ließen – man sah es deutlich genug – nach den ersten missglückten Versuchen matt die Flügel hängen. Nicht imstande, den Ausführungen mit innerer Zustimmung oder mit innerem Widerspruch zu begegnen, anderseits über die Zeit weit hinaus, da der Schüler dem Lehrer noch in blindem Autoritätsglauben nachbetete und mehr oder minder gewissenhaft auch unverstandene Schätze der Weisheit seinem Gedächtnis einverleibte, konnten die Hörer an den Ausführungen keinen tieferen Anteil nehmen. Wir vermissen in dieser zweiten Unternehmung der Litterarischen Gesellschaft die rechte Methode. […] Eine sorgfältige vom leichter zum schwerer Verständlichen langsam fortschreitende Auswahl moderner Schriften sollte, nach unserer Meinung, zunächst die Anteilnahme und das Verständnis wecken und steigern. Auf der so geschaffenen Kenntnis des Einzelnen könnte dann von Stockwerk zu Stockwerk die Überschau fest und sicher aufgebaut und ausgebaut werden.
[ 2 ] The second evening of the Literary Society consisted of a mix of theoretical discussions and practical demonstrations, and—let’s admit it frankly—it did indeed make a somewhat “mixed” impression on us and, presumably, on the majority of its attendees as well. […] Dr. Steiner’s lecture from Berlin “on modern poetry and the modern worldview” may well have been planned from the outset; but the fact that it already appeared on the program at this stage was surely not the original intention. Theoretical understanding can only follow the facts. The Literary Society should therefore have familiarized its members with the most fundamental facts before it began to develop theories about them. […] The first evening, which featured some lighter examples of modern poetry in excellent renditions—a skirmish to kick off the campaign, as is only right and proper—was indeed a success; the second, with its abstractions and deductions—for which most listeners lacked the substantive foundation—is likely to have been less universally satisfying. After the first interesting reading session, with its easily manageable practice pieces, there followed, without any deeper connection, a dry grammatical lecture—a presentation of the entire theoretical system that was expected to be accepted on good faith. For without a deeper knowledge of the literary works upon which that vast body of teaching is founded, most listeners were unable to follow the speaker’s trains of thought and—as was clearly evident—let their spirits flag after their first failed attempts. Unable to respond to the presentations with either inner agreement or inner dissent, and having long since passed the stage when a student would blindly parrot the teacher out of faith in authority and more or less conscientiously commit even incomprehensible treasures of wisdom to memory, the listeners were unable to engage more deeply with the presentations. We find that this second undertaking of the Literary Society lacks the proper method. […] A careful selection of modern writings, progressing slowly from the easier to the more difficult to understand, should, in our opinion, first awaken and increase interest and understanding. On the foundation of individual knowledge thus established, a comprehensive overview could then be built up and expanded, step by step.
[ 3 ] Freilich würde es dann wohl noch eine Weile gedauert haben, ehe wir den Vortrag des Herrn Dr. Steiner zu hören bekommen hätten; aber er wäre dann auf einen besser vorbereiteten und darum fruchtbareren Boden gefallen. So war er für die Verhältnisse unserer Litterarischen Gesellschaft zu wenig populär gehalten. Am ehesten konnte noch der zweite Teil, die gedrängte Übersicht über die moderne Produktion, über das, was sie will und was sie bisher erreicht, anregend wirken. Hier kam der Redner, insbesondere mit seinen Bemerkungen über die Dramen Hauptmanns, Halbes, Sudermanns, auf allen Zuhörern vertrautes Gebiet; auf diesem hätte er noch länger verweilen sollen, statt in einer weit ausholenden Einleitung die Entstehung der «modernen Weltanschauung» von dem Jahre 1832 an zu verfolgen und subtile mehr für den Kenner als den Laien berechnete Untersuchungen anzustellen, die seinem Publikum noch zu fern liegen mussten. Hier hätte der Vorstand der Litterarischen Gesellschaft den Redner unterstützen müssen, indem er diesen über den Boden orientierte, auf dem er fußen konnte. Wir fürchten: selbst die Namen Henckell, Johannes Schlaf und Arno Holz, Detlev v[on] Liliencron, Maeterlinck sind der Mehrzahl derer, die am Sonnabend im Schützenhaussaale versammelt waren, vorerst nur «Schall und Rauch» gewesen. Dass wir nicht mit allen Ausführungen des Redners übereinstimmen können, wollen wir nur nebenbei betonen. So teilen wir nicht seine schroff absprechende Meinung über Sudermanns «Johannes». Dass die Entwicklung dieser Figur Lücken zeigt, dass ihr der Stempel höchster Vollendung nicht aufgedrückt ist, haben auch wir bereits betont. Dass sie ganz verunglückt wäre, können wir nicht zugeben. Gleichfalls haben wir das Übergewicht des HerodesDramas und die Verwandtschaft der Salome mit ihren älteren modernen Schwestern, der Alma, Adah etc. hervorgehoben. Aus jenen beiden Umständen aber zu schließen, Sudermann könne nur das moderne Leben schildern und eine historische Persönlichkeit psychologisch nicht erfassen – das scheint uns doch zu weit zu gehen. Wer kann wissen, ob der Dichter diese höhere Gattung der Tragödie nicht noch weiter auszubauen vermag? – Im Übrigen bot der Vortrag manches Interessante, wenn er auch etwas eintönig grau in grau erschien, und die starke Dialektfärbung des Redners das Verständnis des Wortes zuweilen erschwerte. Ein völlig klares Bild über die Unterschiede der «christlichen» und der «modernen» Weltanschauung wurde selbst denen nicht, die den Ausführungen genauer zu folgen vermochten. Die Sache liegt ja nicht so einfach. Wir sind aber stets der Ansicht gewesen, dass man jene Verhältnisse viel deutlicher in den bildenden Künsten übersieht als in der Dichtung, dieser kompliziertesten aller Künste. Von jenen ausgehend und in ihnen die Unterschiede der älteren und der neueren Strömung aufsuchend und aufweisend, könnte man – glauben wir – auch die parallelen Erscheinungen in der literarischen Produktion schärfer beleuchten. […]
[ 3 ] Admittedly, it would probably have taken a while longer before we got to hear Dr. Steiner’s lecture; but it would then have fallen on more prepared—and therefore more receptive—ground. As it was, it was considered too unpopular for the circumstances of our Literary Society. At best, the second part—the concise overview of modern literary production, of what it aims for and what it has achieved so far—could have had a stimulating effect. Here, the speaker, particularly with his remarks on the plays of Hauptmann, Halbe, and Sudermann, entered territory familiar to all listeners; he should have lingered there longer, rather than tracing the emergence of the “modern worldview” from the year 1832 onward in a far-reaching introduction and conducting subtle analyses calculated more for the connoisseur than the layperson, which were bound to be too abstract for his audience. Here, the board of the Literary Society should have supported the speaker by guiding him toward the ground on which he could stand. We fear that even the names Henckell, Johannes Schlaf, Arno Holz, Detlev v[on] Liliencron, and Maeterlinck were, for the time being, nothing more than “smoke and mirrors” to the majority of those gathered in the Schützenhaus Hall on Saturday. We would like to emphasize, just in passing, that we cannot agree with all of the speaker’s remarks. For instance, we do not share his harshly dismissive opinion of Sudermann’s Johannes. We, too, have already pointed out that the development of this character reveals gaps and that it does not bear the stamp of supreme perfection. However, we cannot concede that it is a complete failure. Likewise, we have highlighted the prominence of the Herod drama and the kinship of Salome with her older modern sisters—Alma, Adah, etc. However, to conclude from these two circumstances that Sudermann is capable only of depicting modern life and cannot psychologically grasp a historical figure—that seems to us to be going too far. Who can say whether the poet might not be able to develop this higher genre of tragedy even further?—Incidentally, the lecture offered many interesting points, even if it seemed somewhat monotonous, with gray on gray, and the speaker’s strong dialectal accent occasionally made it difficult to understand the words. Even those who were able to follow the presentation more closely did not gain a completely clear picture of the differences between the “Christian” and “modern” worldviews. The matter is, after all, not so simple. We have, however, always been of the opinion that these relationships are much more clearly discernible in the visual arts than in poetry, the most complicated of all the arts. By taking the visual arts as a starting point and seeking out and highlighting the differences between older and newer movements within them, we believe one could also shed sharper light on the parallel phenomena in literary production. […]
