Appendix to the Public Lectures
GA 85
13 March 1899, Berlin
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
39. Nietzsche, Maeterlinck und Jacobowski
39. Nietzsche, Maeterlinck und Jacobowski
[ 1 ] In den Victoria-Sälen, Leipziger Straße, fand am Montag nach langer Pause wieder ein Vortragsabend der Freien literarischen Gesellschaft statt. Herr Dr. Rudolf Steiner erläuterte zu Beginn in längerer freier Rede das Vorzutragende und gab in kurzen Zügen eine Charakteristik der zu Worte kommenden Dichter. Er schilderte zunächst den Seelenzustand Friedrich Nietzsches, der sich in dem Übermenschen seine Gottheit, sein Ideal erschaffen und in dem der durch den Kampf mit der menschlichen Schwäche erzeugte Schmerz die lyrische Empfindung weckt, die in ergreifenden Liedern ausklingt. Ganz auf naturwissenschaftlichem Boden steht der Holländer Maeterlinck. Er vermeidet große Konflikte, große Leidenschaften. Die Weltseele offenbare sich im Alltäglichen, nicht in groben, äußerlichen Erscheinungen sei sie zu suchen, die er auch nicht zum Gegenstand seiner Darstellung macht. Als Seele trete der Mensch dem Menschen gegenüber, und feine, zarte Empfindungen schildern seine Dichtungen, so fein, dass oft das Wort dafür als ein zu grobes Ausdrucksmittel erscheint. Ein anderer Charakter sei Ludwig Jacobowski. Nur das Volksverständliche und Volkstümliche tritt uns in seinen Liedern und Balladen entgegen. Nach Herrn Dr. Steiner brachte der königliche Hofschauspieler Herr Arthur Krausneck die angekündigten Dichtungen zum Vortrag. «Der Märtyrer », Drama in einem Akt von Dr. Georg Reicke, fand lebhaften Beifall. Es fesselte namentlich durch die feine Charakterzeichnung des Titelhelden. Ein Pastor, der das Dogma nicht anerkennen will, seine Stellung verliert und in tiefe Not gerät, verweigert seine Tochter, die Ernährerin seiner Kinder und seiner selbst, einem braven Manne, der um ihre Hand anhält, aus denselben Motiven, die ihn zum Märtyrer gemacht haben. Krausneck brachte das Stück mit Wärme und wirksam zum Vortrag, doch hätten wir die Nüancen zwischen den handelnden Personen noch feiner gewünscht und in der Stimme noch farbenreicher zum Ausdruck gebracht. Es folgten zwei Balladen Maeterlincks, übertragen von Franz Bley, denen sich zwei Gedichte Nietzsches anschlossen, die in echter Lyrik den Schmerz eines gewaltigen Geistes zitternd erklingen ließen und dieselbe Empfindung wachriefen, die einen allein auf riesiger Bergeshöhe beschleicht, ein Schaudern vor den Rätseln der Natur, das doch erhebend wirkt. «Die vier Räuber», eine Legende von Ludwig Jacobowski, eine von Poesie erfüllte Ballade, bildete den Schluss der lebhaft applaudierten Vorträge. Die überwiegend aus Damen bestehende Zuhörerschaft verließ sichtlich befriedigt gegen 10 Uhr den Saal.
[ 1 ] In den Victoria-Sälen, Leipziger Straße, fand am Montag nach langer Pause wieder ein Vortragsabend der Freien literarischen Gesellschaft statt. Herr Dr. Rudolf Steiner erläuterte zu Beginn in längerer freier Rede das Vorzutragende und gab in kurzen Zügen eine Charakteristik der zu Worte kommenden Dichter. Er schilderte zunächst den Seelenzustand Friedrich Nietzsches, der sich in dem Übermenschen seine Gottheit, sein Ideal erschaffen und in dem der durch den Kampf mit der menschlichen Schwäche erzeugte Schmerz die lyrische Empfindung weckt, die in ergreifenden Liedern ausklingt. Ganz auf naturwissenschaftlichem Boden steht der Holländer Maeterlinck. Er vermeidet große Konflikte, große Leidenschaften. Die Weltseele offenbare sich im Alltäglichen, nicht in groben, äußerlichen Erscheinungen sei sie zu suchen, die er auch nicht zum Gegenstand seiner Darstellung macht. Als Seele trete der Mensch dem Menschen gegenüber, und feine, zarte Empfindungen schildern seine Dichtungen, so fein, dass oft das Wort dafür als ein zu grobes Ausdrucksmittel erscheint. Ein anderer Charakter sei Ludwig Jacobowski. Nur das Volksverständliche und Volkstümliche tritt uns in seinen Liedern und Balladen entgegen. Nach Herrn Dr. Steiner brachte der königliche Hofschauspieler Herr Arthur Krausneck die angekündigten Dichtungen zum Vortrag. «Der Märtyrer », Drama in einem Akt von Dr. Georg Reicke, fand lebhaften Beifall. Es fesselte namentlich durch die feine Charakterzeichnung des Titelhelden. Ein Pastor, der das Dogma nicht anerkennen will, seine Stellung verliert und in tiefe Not gerät, verweigert seine Tochter, die Ernährerin seiner Kinder und seiner selbst, einem braven Manne, der um ihre Hand anhält, aus denselben Motiven, die ihn zum Märtyrer gemacht haben. Krausneck brachte das Stück mit Wärme und wirksam zum Vortrag, doch hätten wir die Nüancen zwischen den handelnden Personen noch feiner gewünscht und in der Stimme noch farbenreicher zum Ausdruck gebracht. Es folgten zwei Balladen Maeterlincks, übertragen von Franz Bley, denen sich zwei Gedichte Nietzsches anschlossen, die in echter Lyrik den Schmerz eines gewaltigen Geistes zitternd erklingen ließen und dieselbe Empfindung wachriefen, die einen allein auf riesiger Bergeshöhe beschleicht, ein Schaudern vor den Rätseln der Natur, das doch erhebend wirkt. «Die vier Räuber», eine Legende von Ludwig Jacobowski, eine von Poesie erfüllte Ballade, bildete den Schluss der lebhaft applaudierten Vorträge. Die überwiegend aus Damen bestehende Zuhörerschaft verließ sichtlich befriedigt gegen 10 Uhr den Saal.
