Appendix to the Public Lectures
GA 85
22 October 1901, Berlin
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
50. Tolstoi und Nietzsche
50. Tolstoi und Nietzsche
[ 1 ] Der erste Vortragsabend der «Freien Litterarischen Gesesellschaft» am 22. Okt[ober] wurde mit einer Ansprache des I. Vorsitzenden eröffnet, in der er auf die Ziele der Gesellschaft und das erweiterte Programm derselben hinwies. Neben den großen Vortragsabenden sollen auch kleinere veranstaltet werden, die den Mitgliedern Gelegenheit bieten, zu Worte zu kommen. Darauf ging Dr. Steiner zu seinem Thema «Tolstoi und Nietzsche » über. Unter Hinweis auf drei analoge Erscheinungen der Kulturgeschichte, Kopernikus, Keppler und Galilei, streifte er kurz die mittelalterliche Weltanschauung, mit der sich das Christentum abgefunden hatte. Der Redner führte dann aus, wie die Erde im Laufe der Entwicklung als ein Stern unter Sternen, und später der Mensch als ein Naturwesen unter Naturwesen erkannt worden ist.
[ 1 ] Der erste Vortragsabend der «Freien Litterarischen Gesesellschaft» am 22. Okt[ober] wurde mit einer Ansprache des I. Vorsitzenden eröffnet, in der er auf die Ziele der Gesellschaft und das erweiterte Programm derselben hinwies. Neben den großen Vortragsabenden sollen auch kleinere veranstaltet werden, die den Mitgliedern Gelegenheit bieten, zu Worte zu kommen. Darauf ging Dr. Steiner zu seinem Thema «Tolstoi und Nietzsche » über. Unter Hinweis auf drei analoge Erscheinungen der Kulturgeschichte, Kopernikus, Keppler und Galilei, streifte er kurz die mittelalterliche Weltanschauung, mit der sich das Christentum abgefunden hatte. Der Redner führte dann aus, wie die Erde im Laufe der Entwicklung als ein Stern unter Sternen, und später der Mensch als ein Naturwesen unter Naturwesen erkannt worden ist.
[ 2 ] Das war die neue Situation, die durch Haeckel, dem Erforscher der Wahrheit, gefestigt wurde. Der Glaube musste verschwinden, um der Wissenschaft Platz zu machen. Gegen die neue naturwissenschaftliche Weltanschauung, die Weltanschauung der Vernunft, richtet Tolstoi, der letzte große Vertreter des Urchristentums, seinen Protest. Für ihn, den demokratischen Prediger der Nächstenliebe, sind die großen Persönlichkeiten nur Lehrer und Wohltäter der Menschheit, dagegen sind sie für Nietzsche, den Aristokraten, Zweck des Lebens. Für Letzteren ist das Leben ein ästhetisches Phänomen; durch den Sinnestaumel und den Rausch (intensiveste Steigerung der Lebensfreude) soll das Elend des Einzelindividuums überwunden werden. – Die Ausführungen des Redners waren von höchster Objektivität getragen; er hatte das Prinzip der Güte (Tolstoi) und das der Schönheit (Nietzsche) nebeneinander als historische Notwendigkeiten entwickelt und ließ seinen anregenden Vortrag in den Satz ausklingen: Unsere Zeit legt auf die Seele jedes Menschen große Aufgaben.
[ 2 ] Das war die neue Situation, die durch Haeckel, dem Erforscher der Wahrheit, gefestigt wurde. Der Glaube musste verschwinden, um der Wissenschaft Platz zu machen. Gegen die neue naturwissenschaftliche Weltanschauung, die Weltanschauung der Vernunft, richtet Tolstoi, der letzte große Vertreter des Urchristentums, seinen Protest. Für ihn, den demokratischen Prediger der Nächstenliebe, sind die großen Persönlichkeiten nur Lehrer und Wohltäter der Menschheit, dagegen sind sie für Nietzsche, den Aristokraten, Zweck des Lebens. Für Letzteren ist das Leben ein ästhetisches Phänomen; durch den Sinnestaumel und den Rausch (intensiveste Steigerung der Lebensfreude) soll das Elend des Einzelindividuums überwunden werden. – Die Ausführungen des Redners waren von höchster Objektivität getragen; er hatte das Prinzip der Güte (Tolstoi) und das der Schönheit (Nietzsche) nebeneinander als historische Notwendigkeiten entwickelt und ließ seinen anregenden Vortrag in den Satz ausklingen: Unsere Zeit legt auf die Seele jedes Menschen große Aufgaben.
Joh[annes] Gaulke,
Schriftführer der F. L. G.
Joh[annes] Gaulke,
Schriftführer der F. L. G.
