Appendix to the Public Lectures
GA 85
20 June 1903, Berlin
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
57. Sommer-Sonnenwendfeier Ansprache an den Humboldt-Gräbern
57. Sommer-Sonnenwendfeier Ansprache an den Humboldt-Gräbern
[ 1 ] Die Sommer-Sonnenwende wurde vom Giordano-Bruno-Bunde (Berlin), einem Zweigvereine des Deutschen Freidenker-Bundes, festlich begangen. Bisher hatte der Brunobund bei seinen geselligen Veranstaltungen im Freien stets mit Regenwetter zu kämpfen gehabt (vielleicht deshalb, weil seine Freunde mehr Verehrung für die alten Griechengötter als für den hl. Petrus, den Wettergott des Katholizismus, hegen). Auch am Sonnabend, dem 20. Juni, bezog sich am Mittag der Himmel mit einem grauen Regentuch, aber gegen 4 Uhr leuchtete heller Sonnenschein über den herrlichen, glitzernden Tegeler See und über die grünenden, rauschenden Laubbäume des Tegeler Schlossparkes. Nahezu 100 unserer Freunde sammelten sich denn auch im Laufe des Nachmittags.
[ 1 ] Die Sommer-Sonnenwende wurde vom Giordano-Bruno-Bunde (Berlin), einem Zweigvereine des Deutschen Freidenker-Bundes, festlich begangen. Bisher hatte der Brunobund bei seinen geselligen Veranstaltungen im Freien stets mit Regenwetter zu kämpfen gehabt (vielleicht deshalb, weil seine Freunde mehr Verehrung für die alten Griechengötter als für den hl. Petrus, den Wettergott des Katholizismus, hegen). Auch am Sonnabend, dem 20. Juni, bezog sich am Mittag der Himmel mit einem grauen Regentuch, aber gegen 4 Uhr leuchtete heller Sonnenschein über den herrlichen, glitzernden Tegeler See und über die grünenden, rauschenden Laubbäume des Tegeler Schlossparkes. Nahezu 100 unserer Freunde sammelten sich denn auch im Laufe des Nachmittags.
[ 2 ] Um ½ 6 Uhr ging es im gemeinsamen Zuge zu den Gräbern der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt. Die Grabstätte liegt in einem prächtigen Hain, zumeist hoher Tannen, und ist im Gegensatz zum schreierischen Prunk geschmackloser reicher Leute ganz einfach. Wilhelm von Humboldt hat sie in den «Briefen an eine Freundin» selbst geschildert: «Das Grabmal meiner Frau ist nunmehr fertig. Es ist eine Granitsäule, die auf einem hohen Postamente steht … Um die Säule herum ist hinten eine halbrunde Bank, vorn ein eisernes Gitter. Der Platz kann etwa sieben bis acht Gräber fassen. Die Gräber werden bloß in die Erde, ohne Gruft, gemacht.»
[ 2 ] Um ½ 6 Uhr ging es im gemeinsamen Zuge zu den Gräbern der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt. Die Grabstätte liegt in einem prächtigen Hain, zumeist hoher Tannen, und ist im Gegensatz zum schreierischen Prunk geschmackloser reicher Leute ganz einfach. Wilhelm von Humboldt hat sie in den «Briefen an eine Freundin» selbst geschildert: «Das Grabmal meiner Frau ist nunmehr fertig. Es ist eine Granitsäule, die auf einem hohen Postamente steht … Um die Säule herum ist hinten eine halbrunde Bank, vorn ein eisernes Gitter. Der Platz kann etwa sieben bis acht Gräber fassen. Die Gräber werden bloß in die Erde, ohne Gruft, gemacht.»
[ 3 ] In diese Gräber sind inzwischen die Nachkommen der Humboldts eingezogen, wenig erhöhte Hügel, vom schönsten Efeu übersponnen, mit einfachen Tafeln, die nur Namen und Daten melden.
[ 3 ] In diese Gräber sind inzwischen die Nachkommen der Humboldts eingezogen, wenig erhöhte Hügel, vom schönsten Efeu übersponnen, mit einfachen Tafeln, die nur Namen und Daten melden.
[ 4 ] Herr Dr. Rudolf Steiner trat an den Fuß der Granitsäule und um das Gitter scharten sich unsere Freunde; ein junges Mädchen legte den großen aus Eichenlaub mit Seerosen und anderen Blumen bestehenden Kranz des Brunobundes am Humboldtgrabe nieder. Sodann ergriff Dr. Steiner das Wort zu einer Ansprache. Er wies darauf hin, wie ein Bund, der auf dem Boden modernster Natur- und Geisteswissenschaft steht, wieder anknüpfen will an die ältesten Gebräuche der jungen Kulturvölker. In einem noch höheren Sinne als man es heute ahnt, sei die Sonne die Quelle des Lebens auf der Erde. Sonnensöhne nannte man in den alten Mythologien die Männer, die ihren Völkern als Religionsstifter und Helden erschienen waren. Ein Sonnensohn war Giordano Bruno, und Sonnensöhne waren auch Wilhelm und Alexander von Humboldt. Jener schrieb das hochbedeutsame Buch «Über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates», als Vorbote einer Anschauung, die die freie, geistig-adelige Persönlichkeit des Menschen auch für das Gesellschaftsleben proklamiert, Alexander war der Mitbegründer der Methode und Resultate moderner Naturwissenschaft. Wilhelm von Humboldt pries sein Leben, weil es ihm vergönnt war, die Bhagavad Gita kennenzulernen, jenes indische Lied, das den Sonnenmythos feiert. Und diese höhere Gemeinschaft mit dem Naturleben wieder zu erlangen, das sei ein hohes und schönes Ziel der Bestrebungen des G[iordano]-Bruno-Bundes. […]
[ 4 ] Herr Dr. Rudolf Steiner trat an den Fuß der Granitsäule und um das Gitter scharten sich unsere Freunde; ein junges Mädchen legte den großen aus Eichenlaub mit Seerosen und anderen Blumen bestehenden Kranz des Brunobundes am Humboldtgrabe nieder. Sodann ergriff Dr. Steiner das Wort zu einer Ansprache. Er wies darauf hin, wie ein Bund, der auf dem Boden modernster Natur- und Geisteswissenschaft steht, wieder anknüpfen will an die ältesten Gebräuche der jungen Kulturvölker. In einem noch höheren Sinne als man es heute ahnt, sei die Sonne die Quelle des Lebens auf der Erde. Sonnensöhne nannte man in den alten Mythologien die Männer, die ihren Völkern als Religionsstifter und Helden erschienen waren. Ein Sonnensohn war Giordano Bruno, und Sonnensöhne waren auch Wilhelm und Alexander von Humboldt. Jener schrieb das hochbedeutsame Buch «Über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates», als Vorbote einer Anschauung, die die freie, geistig-adelige Persönlichkeit des Menschen auch für das Gesellschaftsleben proklamiert, Alexander war der Mitbegründer der Methode und Resultate moderner Naturwissenschaft. Wilhelm von Humboldt pries sein Leben, weil es ihm vergönnt war, die Bhagavad Gita kennenzulernen, jenes indische Lied, das den Sonnenmythos feiert. Und diese höhere Gemeinschaft mit dem Naturleben wieder zu erlangen, das sei ein hohes und schönes Ziel der Bestrebungen des G[iordano]-Bruno-Bundes. […]
