Appendix to the Public Lectures
GA 85
15 January 1904, Weimar
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
59. Herder und die Theosophie
59. Herder und die Theosophie
[ 1 ] Im großen Erholungssaale hielt Dr. Steiner, Berlin, gestern Abend den vierten seiner sechs angekündigten Vorträge. Er sprach über die Verwandtschaft der Herder’schen Anschauungen mit denen der Theosophie und führte etwa Folgendes aus.
[ 1 ] Im großen Erholungssaale hielt Dr. Steiner, Berlin, gestern Abend den vierten seiner sechs angekündigten Vorträge. Er sprach über die Verwandtschaft der Herder’schen Anschauungen mit denen der Theosophie und führte etwa Folgendes aus.
[ 2 ] Die theosophische Weltanschauung ist nicht aus dem Nichts entstanden. Die Theosophie verkündet keine neue Wahrheit, sondern das, was sie lehrt, ist die alte Weisheit, welche in allen Zeiten mehr oder weniger verkündet wurde. Auch in den Anschauungen und Ideen Johann Gottfried Herders ist etwas enthalten, was zwar noch nicht Theosophie genannt werden kann, aber zu ihr führen muss. Theosophische Weisheit will nichts lehren, als was in jeder Menschenseele vorhanden sein kann. Die echte Weisheit kann aber nicht in jeder Menschenseele enthalten sein, vielmehr weiß der Theosoph, dass die Menschenseele in der heutigen Zeit sich zur vollentwickelten Seele verhält wie der Keim zur Pflanze. Aber es gibt auch heute solcher vollentwickelten Seelen, und wie der Durchschnittsmensch sein Leben überschaut, in welchem er gegenwärtig sich befindet, so überschaut der wissend Gewordene alle die vielen Leben, durch welche er gegangen ist, wie eine wirkliche Tatsache. Es gibt in der Literatur einige hervorragende und eigenartige Bücher, von denen man nicht nur Kenntnis zu nehmen hat wie von so vielen anderen Büchern, sondern mit denen man leben muss. Solche Bücher sind die Schriften des Laotse, des Zarathustra, die Bibel. In solchem Sinne hat Herder von Jugend auf mit der Bibel gelebt. Herder empfand den Geist als eine Tatsache. Ihm war es möglich, den Geist als Tatsache zu fühlen. Er unterscheidet sich dadurch scharf von seiner Zeit, der Zeit der Aufklärung, welche nur den sinnlichen Verstand gelten ließ, und die menschliche Persönlichkeit über alles stellte. Herder suchte den Geist nicht nur in der Persönlichkeit, sondern er suchte ihn in allen Völkern. Er regte in der Straßburger Zeit, als er mit Goethe verkehrte, in dem jungen Dichter die Fähigkeit an, in der Natur den Geist zu finden, und zwar nicht durch die wissenschaftliche Beobachtung, sondern durch die geistige Beobachtung. In Bückeburg beschäftigte er sich zuerst mit der Entwicklung des Geistes in der Menschheit, und fand, dass in dieser Entwicklung eine bestimmte Absicht liege. Auch Lessing hat in diesem Sinne seine «Erziehung des Menschengeschlecht[e]s» geschrieben. Herder lehrte, dass die Entwicklung des menschlichen Geschlecht[e]s nicht dem Zufall unterworfen sei, sondern dass ein bestimmter Geist in ihr walte. In seinen Studien über dieses Problem suchte und fand er nicht die Vervollkommnung der Menschheit, sondern ihre Entwicklung. Als eine der ältesten Urkunden des Menschengeschlechtes bezeichnete Herder die Bibel. Ihre Sprache sei symbolisch, lehrte er. Er sah nicht nach dem Wortsinn, sondern nach der symbolischen Bedeutung der Worte. So sah [er] das Alte wie auch das Neue Testament an. Deshalb konnte er auch das Johannes-Evangelium, welches so vielen Theologen unverständlich ist, verstehen und lieben. Herders «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit» ist so theosophisch, als es ein Buch jener Zeit sein konnte. Es ist deshalb theosophisch, weil es nicht auf die Worte ankommt, welche in ihm enthalten sind, sondern auf die Gesinnung, welche aus ihm spricht. Und in der Gesinnung ist es theosophisch. In der ganzen Natur sieht er das Wirken des Geistes. Diese Auffassung ist von großer Wirksamkeit gewesen. Schelling, Schlegel, Hegel, Fichte sind von seinen Ideen beeinflusst. Dass sie solche Wirksamkeit hatten, rührt daher, dass die übrigen Wissenschaften nicht zum lebendigen Erfassen des Geistes emporsteigen konnten. Herder vermochte es. Er konnte seine ganze Substanz in diejenigen hinübersenden, die nach ihm kamen. Herders Geist wird einer der Fingerzeige sein, welche zu den Idealen der Theosophie weisen. Gerade in Weimar hat man die Pflicht, sich mit den Gedanken Herders zu beschäftigen, denn die Weimarer können mit Recht von Herder sagen: Er war unser!
[ 2 ] Die theosophische Weltanschauung ist nicht aus dem Nichts entstanden. Die Theosophie verkündet keine neue Wahrheit, sondern das, was sie lehrt, ist die alte Weisheit, welche in allen Zeiten mehr oder weniger verkündet wurde. Auch in den Anschauungen und Ideen Johann Gottfried Herders ist etwas enthalten, was zwar noch nicht Theosophie genannt werden kann, aber zu ihr führen muss. Theosophische Weisheit will nichts lehren, als was in jeder Menschenseele vorhanden sein kann. Die echte Weisheit kann aber nicht in jeder Menschenseele enthalten sein, vielmehr weiß der Theosoph, dass die Menschenseele in der heutigen Zeit sich zur vollentwickelten Seele verhält wie der Keim zur Pflanze. Aber es gibt auch heute solcher vollentwickelten Seelen, und wie der Durchschnittsmensch sein Leben überschaut, in welchem er gegenwärtig sich befindet, so überschaut der wissend Gewordene alle die vielen Leben, durch welche er gegangen ist, wie eine wirkliche Tatsache. Es gibt in der Literatur einige hervorragende und eigenartige Bücher, von denen man nicht nur Kenntnis zu nehmen hat wie von so vielen anderen Büchern, sondern mit denen man leben muss. Solche Bücher sind die Schriften des Laotse, des Zarathustra, die Bibel. In solchem Sinne hat Herder von Jugend auf mit der Bibel gelebt. Herder empfand den Geist als eine Tatsache. Ihm war es möglich, den Geist als Tatsache zu fühlen. Er unterscheidet sich dadurch scharf von seiner Zeit, der Zeit der Aufklärung, welche nur den sinnlichen Verstand gelten ließ, und die menschliche Persönlichkeit über alles stellte. Herder suchte den Geist nicht nur in der Persönlichkeit, sondern er suchte ihn in allen Völkern. Er regte in der Straßburger Zeit, als er mit Goethe verkehrte, in dem jungen Dichter die Fähigkeit an, in der Natur den Geist zu finden, und zwar nicht durch die wissenschaftliche Beobachtung, sondern durch die geistige Beobachtung. In Bückeburg beschäftigte er sich zuerst mit der Entwicklung des Geistes in der Menschheit, und fand, dass in dieser Entwicklung eine bestimmte Absicht liege. Auch Lessing hat in diesem Sinne seine «Erziehung des Menschengeschlecht[e]s» geschrieben. Herder lehrte, dass die Entwicklung des menschlichen Geschlecht[e]s nicht dem Zufall unterworfen sei, sondern dass ein bestimmter Geist in ihr walte. In seinen Studien über dieses Problem suchte und fand er nicht die Vervollkommnung der Menschheit, sondern ihre Entwicklung. Als eine der ältesten Urkunden des Menschengeschlechtes bezeichnete Herder die Bibel. Ihre Sprache sei symbolisch, lehrte er. Er sah nicht nach dem Wortsinn, sondern nach der symbolischen Bedeutung der Worte. So sah [er] das Alte wie auch das Neue Testament an. Deshalb konnte er auch das Johannes-Evangelium, welches so vielen Theologen unverständlich ist, verstehen und lieben. Herders «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit» ist so theosophisch, als es ein Buch jener Zeit sein konnte. Es ist deshalb theosophisch, weil es nicht auf die Worte ankommt, welche in ihm enthalten sind, sondern auf die Gesinnung, welche aus ihm spricht. Und in der Gesinnung ist es theosophisch. In der ganzen Natur sieht er das Wirken des Geistes. Diese Auffassung ist von großer Wirksamkeit gewesen. Schelling, Schlegel, Hegel, Fichte sind von seinen Ideen beeinflusst. Dass sie solche Wirksamkeit hatten, rührt daher, dass die übrigen Wissenschaften nicht zum lebendigen Erfassen des Geistes emporsteigen konnten. Herder vermochte es. Er konnte seine ganze Substanz in diejenigen hinübersenden, die nach ihm kamen. Herders Geist wird einer der Fingerzeige sein, welche zu den Idealen der Theosophie weisen. Gerade in Weimar hat man die Pflicht, sich mit den Gedanken Herders zu beschäftigen, denn die Weimarer können mit Recht von Herder sagen: Er war unser!
[ 3 ] Die Erschienenen dankten Dr. Steiner für seinen Vortrag mit lautem Beifall.
[ 3 ] Die Erschienenen dankten Dr. Steiner für seinen Vortrag mit lautem Beifall.
