Appendix to the Public Lectures
GA 85
6 April 1906, Bremen
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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
80. Theosophie und Tolstoi
80. Theosophy and Tolstoy
[ 1 ] Über Tolstoi sprach auf Veranlassung der Theosophischen Gesellschaft, Zweigverein Bremen, Herr Dr. Rud. Steiner, Berlin am verflossenen Freitag im Gewerbehaus. Redner wies zunächst auf die Beziehungen hin, welche die theosophischen Bestrebungen mit der die gleichen Ziele verfolgenden Persönlichkeit Tolstois verbinden, trotz des Radikalismus, die sich in seinen Werken, Worten und Handlungen offenbaren. Ebenso wie Tolstoi im Anfange einer neuen Kulturepoche gleichsam als Repräsentant seines geistig noch wenig entwickelten Volkes in diesem neues Leben weckt, so versuche auch die Theosophie eine neue Geisteskultur zu bringen. Wenn dieselbe aber nicht zum Sektentum oder Dogmatismus führen will, so muss sie sich auseinandersetzen mit allen solchen Bestrebungen, die auch etwas Neues schaffen wollen. Eine solche Persönlichkeit, die in so scharfer Weise alle menschlichen Verhältnisse schildert, die ihr zum Untergange reif schienen, die den Menschen in seinen äußeren Beziehungen (zur Ehe, zur Familie, zur Politik, zur Kunst usw.) von dem inneren Menschen, der höheren Natur, von dem, was des Menschen zukünftiges Entwicklungsfeld ist, trennt, eine solche Persönlichkeit muss neues geistiges Leben erwecken, und wer es ernst nimmt mit künstlerischen und moralischen Dingen, kann an ihr nicht vorübergehen. Tolstoi ist Moralist im wahren Sinne des Wortes. Ein russischer Schriftsteller nennt ihn einmal den russischen Luther, und doch ist er ein Kind unserer Zeit und trifft diese Bezeichnung nicht voll auf ihn zu. Auf Tolstois Schaffen kann man eher das Goethe’sche Wort anwenden: «Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben.» Wie in der Natur, so bei den Völkern. Bei den absteigenden, nicht bei den aufsteigenden Völkern erstehen die Repräsentanten einer neuen Zeit. Das heutige Christentum erscheint Tolstoi verknöchert, er hofft auf eine innere Erneuerung des Menschen und erwartet von dem Erwachen des Christusgeistes die wahre Lösung des sozialen Elends. Alle sozialreformerischen Pläne, die einen rein materiellen Ausgangspunkt haben, weist er schroff zurück und hat beinah etwas Trockenes, wenn er immer und immer wieder als Heilmittel die Forderung stellt: «Entwickelt den Gott in euch!» Tolstoi ist nicht zu begreifen, wenn man nicht die heutige Zeit und insbesondere die russische Kultur sowie das tiefsinnliche Gemütsleben des russischen Volkes versteht. Wenn die östlichen Völker in der Kultur zurückgeblieben sind, so haben sie doch etwas Sicheres in der Beurteilung der geistigen Welt. Mit den westeuropäischen Philosophen hat Tolstoi viel Gemeinsames, doch ist seine Ausdrucksweise eine andere, ja ungewöhnliche; mit ein paar elementaren Strichen zeigt er deutlich und klar, was erstere mit vielen komplizierten Begriffen zu verdeutlichen suchen. Man kann sehr leicht zu der Auffassung kommen, dass Tolstois Schriften nichts Neues bringen, und doch haben sie etwas, was sie auszeichnet, nämlich die Klarheit und Leichtigkeit, mit der die schwierigen Probleme gelöst werden. Mit der Theosophie hat er die Erkenntnis gemein, dass nicht Leben aus der Materie, nicht Geist aus Stoff, sondern Materie aus dem Lebendigen, aus dem Geist hervorgegangen ist. Er belächelt die Naturforscher, die den Baum untersuchen wollen und dabei den Wald aus der Ferne betrachten. In der Erzählung «Iwan» schildert Tolstoi am deutlichsten, wie der Augenblick des Todes nur ein Sterben des Einzelwesens ist, welches sich im All wiederfindet. Trotzdem Tolstoi alles äußerlich als mystisch Erscheinende abweist, ist er doch Mystiker. Man kann ihn aber nicht zu den Vernunftmystikern wie Plato, Pythagoras und die Gnostiker, oder zu den Gefühlsmystikern des Mittelalters, wie Tauler, Eckardt, Silesius, sondern zu den Willensmystikern zählen. Seine Mystik, von ihm nicht anerkannt, ist aus dem Willen zur Tat geboren. Er verlangt, dass sich der Wille zur Liebe umlebt, die den Gott findet, indem sie die niederen Triebe überwindet und so die Bestimmungen des Menschen erfüllt; solche Menschen brauchen aber keine sozialpolitischen Theorien, sondern sie lösen die soziale Frage durch den Menschen selbst. Der Wille, aus der Gegenwart heraus für die Zukunft zu gebären, ist bei Tolstoi scharf ausgeprägt, es lebt etwas Prophetisches in ihm, und die Überzeugung, dass der Mensch berufen ist, die Ideale auszuleben, dass er dieselben zum Führer machen muss. Tolstoi sagt mit Fichte: «Der Mensch kann, was er soll, und wenn er sagt: ‹ich kann nicht›, so will er nicht.» Reicher Beifall lohnte den Redner für seine geistreichen und interessanten Ausführungen.
[ 1 ] At the request of the Theosophical Society’s Bremen branch, Dr. Rud. Steiner of Berlin spoke about Tolstoy last Friday at the Gewerbehaus. The speaker first pointed out the connections between theosophical endeavors and Tolstoy—a figure who pursued the same goals—despite the radicalism evident in his works, words, and actions. Just as Tolstoy, at the dawn of a new cultural epoch, awakens this new life, so to speak, as a representative of his people—who were still spiritually underdeveloped—so too does Theosophy seek to bring about a new spiritual culture. However, if it is not to lead to sectarianism or dogmatism, it must engage with all such endeavors that also seek to create something new. Such a personality—who so sharply depicts all human conditions that seemed ripe for ruin, who separates human beings in their external relationships (to marriage, family, politics, art, etc.) from the inner human being, from the higher nature, from that which constitutes the field of humanity’s future development—such a figure must awaken a new spiritual life, and anyone who takes artistic and moral matters seriously cannot ignore him. Tolstoy is a moralist in the true sense of the word. A Russian writer once called him the Russian Luther, and yet he is a child of our time, and this designation does not fully apply to him. One can rather apply Goethe’s words to Tolstoy’s work: “Nature invented death in order to have much life.” As in nature, so it is with nations. It is among declining nations—not among rising ones—that the representatives of a new era emerge. Tolstoy views today’s Christianity as ossified; he hopes for an inner renewal of humanity and expects the true solution to social misery to come from the awakening of the spirit of Christ. He brusquely rejects all social reform plans that have a purely material starting point, and there is almost something dry about him when he repeatedly prescribes the same remedy: “Develop the God within you!” Tolstoy cannot be understood unless one understands the present age, and in particular Russian culture as well as the profound inner life of the Russian people. While the Eastern peoples may have lagged behind in culture, they nevertheless possess a certain certainty in their assessment of the spiritual world. Tolstoy has much in common with Western European philosophers, yet his manner of expression is different—even unusual; with just a few elementary strokes, he illustrates clearly and plainly what the former seek to explain with many complicated concepts. It is very easy to come to the conclusion that Tolstoy’s writings offer nothing new, and yet they possess something that sets them apart: namely, the clarity and ease with which difficult problems are resolved. He shares with theosophy the insight that life did not arise from matter, nor did spirit arise from matter, but rather that matter arose from the living, from the spirit. He scoffs at natural scientists who seek to examine the tree while viewing the forest from afar. In the story “Ivan,” Tolstoy most clearly depicts how the moment of death is merely the passing of the individual being, which is then reunited with the universe. Although Tolstoy rejects everything that outwardly appears mystical, he is nonetheless a mystic. However, he cannot be counted among the rational mystics such as Plato, Pythagoras, and the Gnostics, nor among the emotional mystics of the Middle Ages, such as Tauler, Eckhart, and Silesius, but rather among the mystics of the will. His mysticism—which he himself does not acknowledge—is born of the will to action. He demands that the will be transformed into love, which finds God by overcoming the lower instincts and thus fulfilling humanity’s destiny; such people, however, have no need for sociopolitical theories, but rather resolve the social question through humanity itself. The will to give birth to the future from the present is sharply defined in Tolstoy; there is something prophetic in him, along with the conviction that man is called to live out his ideals and must make them his guide. Tolstoy says, echoing Fichte: “Man can do what he ought to do, and when he says, ‘I cannot,’ it is because he does not want to.” The speaker was rewarded with rich applause for his witty and interesting remarks.
