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Appendix to the Public Lectures
GA 85

16 March 1909, Bielefeld

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
  1. Appendix to the Public Lectures, tr. SOL

89. Goethes Faust im Lichte der Theosophie

89. Goethes Faust im Lichte der Theosophie

[ 1 ] Goethes Faust im Lichte der Theosophie. Über dies Thema referierte gestern Abend im Saale der Eintracht Herr Dr. Rudolf Steiner aus Berlin. Redner führte etwa Folgendes aus: Die Theosophie, Geisteswissenschaft genannt, geht ihre eigene Richtung. Sie gibt uns Gelegenheit, in die verschiedenen Weltanschauungen einzudringen, einzudringen in die Geistesrichtungen großer Persönlichkeiten. Als Menschen von heute haben wir erfahren müssen, dass in den Werken dieser Personen mehr zu suchen ist, als selbst die gelehrten Kreise in ihnen gesucht und gefunden haben. Goethes Faust gestattet uns einen Einblick in die Seelennatur dieses großen Mannes, ein Werk, des der Inhalt seines großen, inhaltschweren Lebens ist. Der Dichter hat uns selbst die Ausbeutung dieses herrlichen Werkes in theosophischer Hinsicht gestattet, sagte er doch zu seinem Sekretär Eckermann: «Tiefe Geheimnisse sind in dieser Dichtung verborgen!» Der erste Teil wurde zu seinen Lebzeiten von seinen Mitmenschen anerkannt, der zweite Teil aber als das Werk seines Alters bezeichnet. Goethe sah also, dass die Mitmenschen nicht mit der Zeit voranschritten, das zeitigte bei ihm Unwillen, tröstete sich aber mit dem Gedanken, dass man das Werk nicht durch Buchgelehrsamkeit, sondern nach einer genauen Betrachtung der Weltanschauung beurteilen könne. In verständlicher Weise erläuterte Redner dann den Faust als das Abbild des Seelenlebens dieses großen Dichters. Schon als siebenjähriger Junge näherte sich Goethe dem Gotte der Natur, nicht in der Theorie, sondern im theosophischen Geist, er, dem die Erkenntnis zum Leben und das Leben zur Erkenntnis wurde. Die große Frage des Lebens reifte bei dem jungen Goethe in seiner Studentenzeit, wo er bei einer schweren Erkrankung einen Blick hinter die Kulissen der geistigen Sinneswelt tat. In Frankfurt lernte er dann Leute kennen, denen durch innere Erlebnisse das geistige Auge bis zu einem gewissen Grade erschlossen war. Und doch war er der Verzweifelung nahe. Die Literatur war für ihn nur noch der Abglanz der früheren großen Erkenntniszeit. Ihn, der in die hinter dem Sinnlichen liegenden Geheimnisse eindringen wollte, packte die echte faustische Stimmung, und so gibt er in seinem Faust eine Schilderung seiner inneren Empfindungen, die wohl einzig in der Weltliteratur dasteht. Das Faustproblem ist sein eigenes Problem, charakteristisch sein Mephistopheles, ein Geist, der den Schlüssel zur geistigen Welt hat, aber nicht einzudringen vermag, der Träumer, der in dem Nichts nicht alles zu finden vermag. Im zweiten Teil seines Faust hat Goethe sein Menschenproblem zum Weltproblem erweitert, er wusste, dass jedes Lebensrätsel erlebt sein müsse. Wenn auch der erste Teil des Werkes den Eindruck des Angelernten zurücklassen soll, so zeugt doch der zweite Teil davon, dass sich geistige Erlebnisse nur in der Seele abspielen können. Der Faust ist nicht allein ein Testament im physischen Sinne, sondern auch in geistiger Offenbarung.

[ 1 ] Goethes Faust im Lichte der Theosophie. Über dies Thema referierte gestern Abend im Saale der Eintracht Herr Dr. Rudolf Steiner aus Berlin. Redner führte etwa Folgendes aus: Die Theosophie, Geisteswissenschaft genannt, geht ihre eigene Richtung. Sie gibt uns Gelegenheit, in die verschiedenen Weltanschauungen einzudringen, einzudringen in die Geistesrichtungen großer Persönlichkeiten. Als Menschen von heute haben wir erfahren müssen, dass in den Werken dieser Personen mehr zu suchen ist, als selbst die gelehrten Kreise in ihnen gesucht und gefunden haben. Goethes Faust gestattet uns einen Einblick in die Seelennatur dieses großen Mannes, ein Werk, des der Inhalt seines großen, inhaltschweren Lebens ist. Der Dichter hat uns selbst die Ausbeutung dieses herrlichen Werkes in theosophischer Hinsicht gestattet, sagte er doch zu seinem Sekretär Eckermann: «Tiefe Geheimnisse sind in dieser Dichtung verborgen!» Der erste Teil wurde zu seinen Lebzeiten von seinen Mitmenschen anerkannt, der zweite Teil aber als das Werk seines Alters bezeichnet. Goethe sah also, dass die Mitmenschen nicht mit der Zeit voranschritten, das zeitigte bei ihm Unwillen, tröstete sich aber mit dem Gedanken, dass man das Werk nicht durch Buchgelehrsamkeit, sondern nach einer genauen Betrachtung der Weltanschauung beurteilen könne. In verständlicher Weise erläuterte Redner dann den Faust als das Abbild des Seelenlebens dieses großen Dichters. Schon als siebenjähriger Junge näherte sich Goethe dem Gotte der Natur, nicht in der Theorie, sondern im theosophischen Geist, er, dem die Erkenntnis zum Leben und das Leben zur Erkenntnis wurde. Die große Frage des Lebens reifte bei dem jungen Goethe in seiner Studentenzeit, wo er bei einer schweren Erkrankung einen Blick hinter die Kulissen der geistigen Sinneswelt tat. In Frankfurt lernte er dann Leute kennen, denen durch innere Erlebnisse das geistige Auge bis zu einem gewissen Grade erschlossen war. Und doch war er der Verzweifelung nahe. Die Literatur war für ihn nur noch der Abglanz der früheren großen Erkenntniszeit. Ihn, der in die hinter dem Sinnlichen liegenden Geheimnisse eindringen wollte, packte die echte faustische Stimmung, und so gibt er in seinem Faust eine Schilderung seiner inneren Empfindungen, die wohl einzig in der Weltliteratur dasteht. Das Faustproblem ist sein eigenes Problem, charakteristisch sein Mephistopheles, ein Geist, der den Schlüssel zur geistigen Welt hat, aber nicht einzudringen vermag, der Träumer, der in dem Nichts nicht alles zu finden vermag. Im zweiten Teil seines Faust hat Goethe sein Menschenproblem zum Weltproblem erweitert, er wusste, dass jedes Lebensrätsel erlebt sein müsse. Wenn auch der erste Teil des Werkes den Eindruck des Angelernten zurücklassen soll, so zeugt doch der zweite Teil davon, dass sich geistige Erlebnisse nur in der Seele abspielen können. Der Faust ist nicht allein ein Testament im physischen Sinne, sondern auch in geistiger Offenbarung.