Appendix to the Public Lectures
GA 85
13 February 1912, Graz
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
97. Robert Hamerling im Verhältnis zur Geisteswissenschaft
97. Robert Hamerling and Spiritual Science
[ 1 ] Über Robert Hamerling im Verhältnis zur Geisteswissenschaft sprach gestern Abend im Kammermusiksaal Dr. Rudolf Steiner aus Berlin. Die Gedanken, die der Vortragende im Rahmen des Begriffes Geisteswissenschaft entwickelte, werden manchem, dem das geistige Schaffen großer Persönlichkeiten der Geschichte unbekannt ist, ein Buch mit sieben Siegeln oder Formulierungen extravaganter okkultistischer Ideen amerikanischen Musters erschienen sein. Doch sie sind weder das eine noch viel weniger das andere: Geisteswissenschaft soll nach Dr. Steiners Ausführungen nichts anderes anstreben als eine Erkenntnis des Menschen, welche ihn zeigt in seinen Beziehungen zur geistigen Welt. Schon die Erscheinungen der Natur weisen hin auf ein geistiges Wesen, das der Urgrund alles Seins und Werdens ist. Es ist ein gewaltiger Irrtum, wenn heute von so vielen Gebildeten behauptet wird, die menschliche Erkenntnis reiche nicht aus, sich zu etwas höherem als die sinnliche Welt zu erheben. Im Gegenteil liegt in der Menschenseele der Drang, sich hinauszuschwingen über die Grenzen der Zeit und des Raumes. Als eine solche Persönlichkeit, die in ihrem Sinnen und Trachten, Denken und Streben auf etwas Höheres, als was der Materialismus unserer Tage kennt, hingeordnet war, erscheint Robert Hamerling. Wer in die Tiefen seiner großen Dichtungen «Ahasver » und «Venus im Exil» eingedrungen ist, dem offenbart sich erst die gewaltige, nach Lösung der großen Menschheitsrätsel ringende Seele unseres Dichters. Das gedankenreiche satirische Epos «Homunkulus» zaubert uns den modernen Materialisten, dessen geistiges Streben nur auf die Welt der Sinnlichkeit gerichtet ist, der die größten technischen Fortschritte anbahnt. Mit Geist und poetischer Kraft hat Hamerling in dieser Dichtung den «seelenlosen» Menschen als ein Produkt des geistlosen Stoffes erschaffen, der endlich von den Gewalten der Natur zermalmt wird und in das große Nichts aufgeht. Und was Hamerling hier als Künstler zeugte, das fasste sein scharfer Geist in sein philosophisches Werk «Die Atomistik des Willens» zusammen, das den Gipfelpunkt philosophischen Denkens der Menschheit bedeute. Wenn wir aus der Fülle des Stoffes, den Dr. Steiner in diesem Vortrage bearbeitete, den Grundgedanken herausheben, dass der Mensch mehr als eine Anhäufung von Materie ist, dass er eine Seele besitzt, so ist es gewiss zu begrüßen, dass in unsere materialistische Zeit hinein der Ruf nach mehr Seelen- und Geisteskultur ertönt. Darüber wird sich jeder, der etwas Höheres als sinnliche Genüsse kennt, mit dem Vortragenden einig gefunden haben, wenn er auch mit manchen Punkten in Dr. Steiners Weltbetrachtung nicht eines Sinnes ist. Wohltuend und erhebend wirkten die wahrhaft glänzende Rednergabe und die sympathische Erscheinung des Vortragenden. Interessant ist, dass zu diesem Vortrage Gäste direkt aus Russland, Schweden und Holland erschienen sind.
[ 1 ] Last night in the Chamber Music Hall, Dr. Rudolf Steiner from Berlin spoke about Robert Hamerling in relation to spiritual science. The ideas that the speaker developed within the framework of the concept of spiritual science may have seemed like a complete mystery—or like expressions of extravagant, American-style occult ideas—to many who are unfamiliar with the spiritual work of great historical figures. Yet they are neither one nor, much less, the other: According to Dr. Steiner’s explanations, spiritual science aims at nothing other than an understanding of the human being that reveals him in his relationships to the spiritual world. Even the phenomena of nature point to a spiritual being that is the source of all existence and becoming. It is a grave error when so many educated people today claim that human knowledge is insufficient to rise to anything higher than the sensory world. On the contrary, the human soul possesses an urge to soar beyond the boundaries of time and space. Robert Hamerling appears as such a personality—one whose senses, aspirations, thoughts, and endeavors were oriented toward something higher than what the materialism of our day recognizes. Only to those who have delved into the depths of his great poems Ahasver and Venus in Exile is the mighty soul of our poet revealed—a soul wrestling to solve the great mysteries of humanity. The thought-provoking satirical epic Homunkulus conjures up the modern materialist, whose intellectual pursuits are directed solely toward the world of sensuality, and who paves the way for the greatest technological advances. With wit and poetic power, Hamerling created in this poem the “soulless” human being as a product of spiritless matter, who is ultimately crushed by the forces of nature and dissolves into the great void. And what Hamerling created here as an artist, his sharp mind distilled into his philosophical work The Atomism of the Will, which represents the pinnacle of humanity’s philosophical thought. If we extract from the wealth of material that Dr. Steiner addressed in this lecture the fundamental idea that man is more than an accumulation of matter—that he possesses a soul—then it is certainly to be welcomed that, in our materialistic age, the call for greater spiritual and intellectual culture is being heard. Anyone who knows something higher than sensual pleasures will have agreed with the speaker on this point, even if they do not share Dr. Steiner’s view of the world on certain points. The speaker’s truly brilliant oratory and engaging demeanor had a soothing and uplifting effect. It is interesting to note that guests from Russia, Sweden, and the Netherlands attended this lecture.
[ 2 ] (Über Hamerling und sein Verhältnis zur Geisteswissenschaft) hielt gestern im Kammermusiksaal Dr. Rudolf Steiner aus Berlin einen in mancher Hinsicht fesselnden Vortrag, wenn man auch nicht verschweigen kann, dass er vielfach zu Widerspruch herausforderte, denn für vieles brachte er nur Behauptungen, für die er sich den Beweis mit der Bemerkung ersparte, dass man diesen in seinen Schriften finden könne. Im Allgemeinen waren die Ausführungen, die der Vortragende mit weltfremdem Antlitz und hohenpriesterlichen Gebärden hielt, nur für jene von vollem Werte, die sich mit der Theosophie im Allgemeinen und der theosophischen Anschauung Steiners ganz vertraut gemacht haben. Steiner hat sich vor Jahren viel mit Robert Hamerlings Werken beschäftigt und stand mit dem Dichter in Briefwechsel über philosophische Fragen. Aus diesem führte er folgende Stelle an, die für Hamerlings Gedankentiefe und seine Kenntnis der philosophischen Bewegung seiner Zeit schönes Zeugnis ablegt. «Wenn man die Entwicklung des philosophischen Weltanschauungslebens in letzter Zeit betrachtet, sieht man, dass die Menschen einen vorgeblichen, aber falschen Realismus und einen wahren, aber verschämten Idealismus anstreben.» Als Hamerling starb, war in deutschen Landen von Theosophie in ihrem heutigen Gewande so gut wie nichts bekannt und deren Grundsäulen, die Lehre von der Wiederverkörperung und der endlosen Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung, Grund und Folge (Karma) nur denen bekannt, die davon in Schopenhauers Werken gelesen hatten. Da nun Hamerling wenigstens eine Zeit lang stark im Banne des großen Frankfurter Philosophen stand, so ist es nicht schwer, in Hamerlings Werken manches zu finden, das mit der Theosophie von heute in fast wundersamem Einklange steht. Hier setzte nun Dr. Steiner ein und entwickelte daran seine Weltanschauung, die in vieler Hinsicht der allgemeinen Lebensanschauung angemessen ist, in mancher jedoch derart hochfliegend ist, dass man das Gefühl hat, hier schwanke und schwinde der Boden folgerichtigen Denkens. Alles in allem genommen war es ein anregender Abend, geeignet, ringenden, aber selbstständigen Geistern neue Wege in Lebens- und Seelentiefen zu weisen. Verehrer Hamerlings mögen die Werke des Meisters in der von Steiner angegebenen Richtung weiter durchforschen. Sie werden reiche, fruchtbringende Ausbeute finden, vor allem in den letzten Werken und in der so wenig gekannten unvollendeten «Atomistik des Willens».
[ 2 ] (On Hamerling and His Relationship to Theosophy), Dr. Rudolf Steiner of Berlin delivered a lecture yesterday in the Chamber Music Hall that was captivating in many respects, though it cannot be denied that it frequently provoked contradiction, for on many points he offered only assertions, sparing himself the burden of proof by remarking that such evidence could be found in his writings. In general, the remarks delivered by the speaker—with an otherworldly expression and high-priestly gestures—were of full value only to those who have thoroughly familiarized themselves with theosophy in general and Steiner’s theosophical perspective in particular. Years ago, Steiner studied Robert Hamerling’s works extensively and corresponded with the poet on philosophical questions. From this correspondence, he quoted the following passage, which bears fine testimony to Hamerling’s depth of thought and his knowledge of the philosophical movement of his time: “If one considers the recent development of philosophical worldviews, one sees that people are striving for a supposed but false realism and a true but bashful idealism.” When Hamerling died, virtually nothing was known in Germany about theosophy in its present form, and its cornerstones—the doctrine of reincarnation and the endless connection between cause and effect, reason and consequence (karma)—were known only to those who had read about them in Schopenhauer’s works. Since Hamerling was, at least for a time, strongly under the influence of the great Frankfurt philosopher, it is not difficult to find in Hamerling’s works many elements that are in almost miraculous harmony with today’s theosophy. This is where Dr. Steiner came in and developed his worldview based on these ideas—a worldview that in many respects is in line with the general outlook on life, yet in some respects is so lofty that one has the feeling the ground of logical thinking is wavering and fading away. All in all, it was a stimulating evening, well-suited to showing struggling yet independent minds new paths into the depths of life and the soul. Admirers of Hamerling may wish to further explore the master’s works in the direction indicated by Steiner. They will find a rich and fruitful harvest, especially in his later works and in the little-known, unfinished Atomistik des Willens (
).