Theosophie und Okkultismus
GA 90c
24 August 1903, Berlin
1. Ein besonderer Fall vn Evolution: Kardinal Nikolaus Cusanus
[ 1 ] Ich muss zunächst etwas vorausschicken, was wichtig ist zum Verständnis der Evolution und der Wiederverkörperung. Jede Persönlichkeit, jede Individualität muss sich im Devachan, in der Arupasphäre ausleben, um dadurch den einheitlichen Faden zu erhalten. Eine so hohe Persönlichkeit wie Nikolaus Cusanus wirkt schon im gewöhnlichen Leben aus der Arupa-Sphäre herab. Jeder Mensch handelt zwar aus der Arupasphäre heraus, aber nur wenige wissen etwas davon. Je höher sich ein Mensch in der Zeit zwischen zwei Erdenleben in die Arupasphäre erhoben hat, desto mehr kommt das Göttliche bei ihm zum Durchbruch.
[ 2 ] Cusanus hat ein Werk über das Nicht-Wissen aus dem höheren Wissen heraus geschrieben [«De docta ignorantia»]. «Ignorantia» heißt «Nicht-Wissen», und Nicht-Wissen ist hier gleichbedeutend mit höherem Anschauen. In seinen Büchern hat er auch das Folgende ausgesprochen: Es gibt einen Wahrheitskern in allen Religionen, wir brauchen nur tief genug in dieselben hineinzuschauen. Er hat ferner auch schon ausgesprochen, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Als eine Intuition hat er das ausgesprochen.
[ 3 ] Kopernikus lebte erst im sechzehnten Jahrhundert, Cusanus bereits im fünfzehnten Jahrhundert. Eine solche Inkarnation wie die des Cusanus ist im Zusammenhang zu betrachten. Es ist möglich, dass die Rückerinnerung an frühere Inkarnationen in einer Inkarnation verloren geht, um später wieder zu erwachen, vielleicht nach einer oder auch nach vielen Inkarnationen. Die Mittel des Kausalkörpers kann man erst benutzen, wenn man in der Ebene über der Kausalsphäre erwacht. Jedes Wesen muss durch eine Kraft vom Devachan wieder in die physische Sphäre herabgezogen werden, und zwar durch Kräfte, die er noch nicht kennengelernt hat. In der obersten Arupastufe lernt der Mensch diese Kräfte kennen und bekommt dadurch Einfluss auf seine spätere Inkarnation. Er hatte auch sein Leben bis zu einem gewissen Grade in der Hand.
[ 4 ] Cusanus weist einerseits auf die Theosophie und andererseits auf die moderne Naturwissenschaft hin. Cusanus hatte auch Einfluss auf seine folgende Inkarnation. Nikolaus Cusanus war es, der die Wiederverkörperung so erlebte, dass er als Kopernikus wiedererschienen ist.
[ 5 ] Eine Inkarnation hängt aber nicht allein von der eigenen Entwicklung ab, sondern auch von dem Nutzen und von der Bedeutung für die ganze Evolution. Ein Beispiel regelmäßiger Entwicklung. Die Aufeinanderfolge der Persönlichkeiten höherer Individualitäten ist nicht mehr unregelmäßig. Bei den weniger Entwickelten ist keine regelmäßige Entwicklung. Bei hoch entwickelten Individualitäten werden aber hervorstechende Eigenschaften hervortreten. Dazu gehören
erstens: ein aufrichtiges Aufschauen zu dem Höheren,
zweitens: ruhige Liebe zu Gott,
drittens: das Werden in Gott.
[ 6 ] Als regelmäßige Entwicklung einer Individualität können wir betrachten
erstens: einen Zeitgenossen von Jesu, Philon,
zweitens: Spinoza,
drittens: Fichte.
[ 7 ] Drei Persönlichkeiten - eine Individualität. Liest man Fichte ohne Kenntnis dieser Vorgänge, so versteht man nur wenig. Mit dieser Kenntnis aber findet man, dass die Worte dieser Persönlichkeiten mit Feuerschrift geschrieben sind. Diese großen Geister haben eine regelmäßige Evolution selbst durchzumachen gehabt.
[ 8 ] In der orientalischen Esoterik findet sich etwas, das schwer zu verstehen ist: Das Wesen braucht nicht erschöpft zu sein in seinen Bestimmungen. Eine Persönlichkeit kann in einer Ebene wirken, ohne ihr ganzes Wesen in diese Ebene hineinzusenken. Das Wesen braucht nicht zusammenzufallen mit den Upadhis. Der Wunsch, zu helfen, ist der Kraftfaden, der die Verbindung mit der betreffenden Sphäre herstellt.
