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The Rudolf Steiner Archive

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Theosophie und Okkultismus
GA 90c

28 August 1903, Berlin

2. Über die Tempelritter

[ 1 ] Ein Eingeweihter ist derjenige, welcher von Selbst zu Selbst mit anderen Individualitäten zu verkehren in der Lage ist. Die vierte Stufe des Erkenntnispfades ist die Einweihung. Über die Natur des Eingeweihten kann man nicht sprechen.

[ 2 ] Zum Verständnis der abendländischen Geisteskultur müssen wir einiges bemerken. Der Ausgangspunkt unserer heutigen Betrachtung soll sein das Ereignis, welches Tauler im Mittelalter erlebt hat. Er hat hinreißend gepredigt als Christ. Eines Tages kam eine Persönlichkeit zu ihm, die ihm scheinbar zuhören wollte. Er entpuppte sich aber bald als größer als Tauler. Er sagte, diese Predigt ist nur ein Begriffliches, es ist nur Verstandeswissen, Gedächtnissache. Durch Übungen brachte [Tauler] es aber bald dahin, dass er anders predigte, dass er durch den Geist sprach. Dieser Laie ging zusammen mit dem Meister Jesus von Nazareth.

[ 3 ] Das Christentum ist einem Kreise entsprungen, das orientalischen Quellen entstammte. Die Tempelritter haben ein Heim gehabt, da wo früher der Tempel Salomos gestanden hat. Dieses ist nur äußeres Beiwerk. Man kann nämlich unterscheiden: eine exoterische Seite, eine esoterische Seite und eine geheime Lehre. Es galt bei den Tempelrittern, dem christlichen Leben einen völlig neuen Einschlag zu geben. Die Kulte verbargen sich in einem vollkommen geheimen Gottesdienst. Sie unterschieden sich wesentlich von dem, was damals christlicher Kult des Abendlandes war. Sie bauten sich auf auf einem Eide, der in die Hand eines christlichen Patriarchen gelegt worden ist. Es war eine Strömung, die man sogar als antichristlich betrachten kann. Die Anbetung der Gottheit Christi sollte abgetan werden. Es handelt sich um eine Betonung des Glaubens der Tempelritter an Johannes den Täufer. Es war ein Wiederauflebenlassen dessen, was im Christentum innerhalb der gnostischen Schule vorhanden gewesen war.

[ 4 ] In welcher Weise war nun das Tempelrittertum ein neuer Einschlag in das Christentum, ein Wiederaufleben der alten Lehren? Jesus begleitete die Kulturentwicklung bis zum heutigen Tage. — «Ich bleibe bei euch bis ans Ende der Welt.»

[ 5 ] Man konnte durch Studieren ebenso wenig wie heute etwas über die wahre Gestalt des Christentums erfahren. Die vielseitigsten Studien über das Christentum sind gemacht worden. Man ist erstaunt darüber. Man nehme nur Pfleiderer zur Hand. Keine Befriedigung kann dies aber geben demjenigen, der auf dem Boden des Christentums steht. Historische Tatsachen können uns nichts helfen. Es dreht sich um ein Auge-in-Auge-Sehen mit Jesus, um einen unmittelbaren lebensvollen Einfluss. Es muss einen kleinen Kreis geben, der die Wahrheit nicht nur kennt durch das Buchstabenwissen, sondern durch unmittelbares Leben. Die Tempelritter sagten sich: Wir können uns nur durch den Chela, der uns hinterlassen wurde, in die Geheimnisse einführen lassen.

[ 6 ] Niemand kann eine dieser Stufen überspringen. Es gibt vier Stufen. «Ich taufe euch mit Wasser, es wird aber einer kommen, der mit Feuer und Geist tauft.» Die Taufe mit Wasser hängt an der Persönlichkeit Johannes des Täufers.

[ 7 ] Ein großer Teil des Initiierten-Wissens Goethes ist auf das Rosenkreuzerwissen zurückzuführen. Nicht nur der äußere Teil desselben, sondern der Strom der mystischen Tatsachen hat bestanden. Bei Swedenborg besteht die Gefahr, leicht als Scharlatan genommen zu werden. Bevor er aber zu seiner Mystik gekommen ist, hat er auf der Höhe der Wissenschaft seiner Zeit gestanden. Die Akademie der Wissenschaften sammelte die gelehrten Schriften des Swedenborg. Diese Strömung hatte auch einen großen Einfluss auf Goethe. Swedenborg stand unter dem Einflusse von einer Strömung der atlantischen Kultur. Dieser Einfluss kann nur ein ganz eigentümlicher sein, und man sieht, wie schwierig diese mystischen Sachen sind für den, der sich damit zurechtzufinden strebt. Der Einfluss dieser atlantischen Geistesrichtung kann wie folgt beschaffen sein.

[ 8 ] Die Atlantier bewohnten ein Land, das sich ausgedehnt hat zwischen Afrika, Europa und Amerika. Viele Tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung ist es schon zugrunde gegangen. Platon spricht noch von einem letzten Überrest, von der Insel Poseidonis, die ungefähr zehntausend Jahre vor unserer Zeitrechnung untergegangen sein soll. Für den mystischen Forscher steht die Tatsache des Vorhandengewesenseins der Atlantier fest. Diese vierte Rasse hatte eine Geistkraft besonders ausgebildet, die bei uns in den Hintergrund getreten ist zugunsten einer anderen Kraft. Das Gedächtnis war ihnen die Hauptkraft. Weniger wichtig ist es für uns, wie sie ausgesehen haben in Bezug auf ihr Äußeres. Unserer fünften Rasse ist es zugekommen den Verstand auszubilden. Die Atlantier rechneten und dachten nicht wie wir. Unser Rechnen unser Denken ist ein Produkt der fünften Menschenrasse. Eine andere Geistkraft wird in der Zukunft den Verstand wieder ersetzen. Die Atlantier haben sich niemals das Urteil gebildet 2 x 2 = 4. Ein solches Urteil gab es damals nicht. Der Mensch erinnerte sich, dass früher 2 x 2 = 4 genommen wurde. Er kannte auch allgemeine Sätze, aber er konnte gewisse Tiertypen nicht zusammenfassen. Die allgemeinen Urteile bildeten sich erst in der fünften Rasse.

[ 9 ] Man sieht da, wie die Überschattung einer Fähigkeit durch eine andere stattfindet. Der starke Geruchssinn gewisser Tiere wird später überschattet durch den Verstand der Menschen. Diese atlantische Kultur hat sich in der heutigen Geistesentwicklung erhalten. Gewisse Einflüsse strömen in unser Kulturleben hinein. Beispiele dafür sind Leadbeater, Swedenborg. Dieser Einfluss ist aber immer etwas chaotisch. Seit dem achtzehnten Jahrhundert besteht innerhalb unserer abendländischen Entwicklung ein ganz intensiver Einfluss dieser atlantischen Loge. Mancher steht unter diesem Einflusse, ohne dass er etwas davon weiß. Der Einfluss geht da auf das Unterbewusstsein. Auf dieses kann von gewissen Strömungen immer ein Einfluss ausgeübt werden. Das ist bei Somnambulen zu beobachten. Mancher, der heutzutage etwas vertritt, weiß nicht, dass er unter diesem Einfluss steht.

[ 10 ] Was stellte der Tempelritterorden in die abendländische Geistesrichtung hinein? Sie brechen mit dem Christentum ab. Es tritt dann die Astrologie bei ihnen auf. Innerhalb des Tempelritterordens haben wir ein vollkommenes System der Astrologie. Sie lenken den Blick jetzt hinauf zur Sternenwelt, auf die großen Zusammenhänge des Weltalls, von Jesus weg. Thomas von Aquino sagt [im dreizehnten Jahrhundert] den Kopernikus voraus, ebenso der Kardinal Nicolaus Cusanus [im fünfzehnten Jahrhundert].

Zweierlei ist wahrzunehmen:
1. Es ist ein großer Plan entworfen worden, unter dessen Einfluss wir in der Theosophischen Gesellschaft stehen.
2. Die Religionen haben einen gemeinsamen Wahrheitskern.

[ 11 ] Das ist ausgedrückt im zweiten Programmpunkt der Theosophischen Gesellschaft. Man findet dann auch die Lehre, dass die Erde sich um die Sonne dreht bei Cusanus und später bei Kopernikus. Der letzte Punkt hat sich in einer langen Reihe der Entwicklung herausgebildet. Die abendländische Kultur war aus derselben Quelle entsprungen, aus welcher ursprünglich auch das gnostische Wissen entsprungen war.

[ 12 ] Ein Vergleich: Ich habe ein Kind zu erziehen bis zum Jünglingsalter. Ich will nicht, dass es zu zeitig Kenntnisse aufnimmt, die den Verstand stark machen, aber das Gemüt nicht genügend veredeln. Gewisse Wahrheiten lässt man da unberührt. Wenn das Gemüt in der richtigen Weise gereinigt und veredelt ist, dann tritt man an dasselbe heran mit den Wahrheiten der Natur. So ist es auch im Größeren in der Natur. Zuerst kommt die Entwicklung der Gemütsseite und dann die der Verstandeskräfte. Die Entwicklung der Literatur steht unter demselben Einflusse.

[ 13 ] Wir haben so eine mystische Richtung und eine naturwissenschaftliche Richtung. Zu der ersten gehören die bekannten großen Mystiker, zu der zweiten die Naturforscher wie: Lamarck, Darwin, Kopernikus und so weiter. Diese beiden Strömungen laufen noch heute nebeneinander. Die Vereinigung ist noch nicht gefunden.

[ 14 ] Reinkarnation und Karma sind in der Bibel enthalten wie selbstverständliche Wahrheiten. Die höhere Seele des Menschen war der Inhalt aller Weisheitsreligionen. Die Mysterien haben diese höhere Seele vor allen Dingen zu pflegen gehabt. Diese höhere Seele sollte nun zurücktreten, damit die niedere Seele eine Entwicklung erfahren kann. Auch diese sollte eine höhere religiöse Kultur erhalten. Diese Veredelung der einzelnen Persönlichkeit wurde umso sicherer erreicht, je mehr man absah von der Entwicklung der höheren Seele. Es ist notwendig, der Menschheit von dieser theosophischen Seite einen neuen Einschlag zu geben.

[ 15 ] Die materialistische Gesinnung hat einen großen Einfluss gewonnen, hat auch auf das moralische Leben einen tiefen Einfluss gewonnen. Man sieht das an Aussprüchen wie dem folgenden: Die Tragödie des Hamlet ist nichts weiter als ein Umwandlungsprodukt von dem, was Shakespeare gegessen hat. - Auf die Dauer gibt es keine Moral bei der materialistischen Anschauung. Daher wurde die theosophische Bewegung notwendig. Früher waren Weltanschauungen noch auf materialistischer Basis möglich. Heute nach den Forschungen der Naturwissenschaft nicht mehr.

[ 16 ] Solange das Christentum nur auf die Heiligung der Persönlichkeit ausging, war es nicht nötig, die größeren Wahrheiten und das höhere Seelenleben zu betrachten. Es ist ein großer Zusammenhang mit dem, was ich über die Mysterien gesagt habe. Sie werden bei genauer Betrachtung sehen, dass das Christentum die Mysterien populär machen wollte. Das geht aus vielen Aussprüchen hervor: «Selig sind, die da glauben, ohne zu schauen», «Selig sind, die da betteln um Geist» und so weiter. Was in den Mysterien lag, das sollte Stück für Stück der Menschheit überliefert werden.

[ 17 ] Der Mysterienprozess wurde in verschiedenen Stufen vollzogen:

— Die erste Stufe war die Reinigung der Persönlichkeit, die Reinigung des Astralleibes. Auch Pythagoras hat seine Schüler einem Vorbereitungs-, einem Reinigungsprozess unterzogen.
— Dann hat er sie gelehrt, wie die äußere Natur beschaffen ist.
— Dann hat er ihnen die Unterweisung über Wiederverkörperung und Karma, das Gesetz der moralischen Weltordnung gegeben.

[ 18 ] Dieser Prozess wurde dann auch äußerlich, historisch; er wurde eine mystische Tatsache innerhalb der geschichtlichen Entwicklung selbst:

- Bis zum zwölften Jahrhundert ist das Christentum der Reinigungsprozess der Menschheit der fünften Rasse.
— Dann folgt die Unterweisung über die Beschaffenheit der äußeren Natur. Bei der Menschheit dauert das jahrhundertelang.
— Dann kommt die Unterweisung über Reinkarnation und Karma. Die Entwicklung des Einzelnen wiederholt sich in der Entwicklung der Menschheit.

[ 19 ] Die Wiederholung des Mysterienprozesses findet sich in der theosophischen Strömung.