Theosophie und Okkultismus
GA 90c
11 September 1903, Berlin
4. Rosenkreuzer, Graf St. Germain, Französische Revolution
[ 1 ] Nächsten Freitag werden wir sprechen über die Vorgänge, welche der Geburt des Menschen vorangehen. Für die okkulte Forschung sind auch wichtig die Zustände, die das Menschenwesen durchzumachen hat vor seiner Geburt. Wir werden dann auch Fragen der Vereinigung des menschlichen Ich mit seinem vorbereiteten menschlichen physischen Körper und verschiedene andere Fragen behandeln, die zusammenhängen mit den Zeitkundgebungen.
[ 2 ] Heute möchte ich einiges ausführen über das Verhältnis unserer Theosophischen Gesellschaft [zu anderen geistigen Strömungen]. Als Theosophische Gesellschaft unterscheiden wir uns ziemlich wesentlich von all den vorhergehenden Bestrebungen. Wir haben das letzte Mal gesehen, wie die esoterischen Lehren in der Pythagoreischen Schule behandelt worden sind, und ich habe darauf hingewiesen, dass wir in dieser Pythagoreischen Schule etwas haben, was die Geheimlehre im Verborgenen, im Geheimen gelehrt hat. Von der Lehre her haben wir etwas Gemeinsames mit dieser Pythagoreischen Schule.
[ 3 ] Und dann haben wir wieder etwas Ähnliches mit denjenigen, die zur Zeit des [frühen] Christentums vorhanden waren. Die Theosophische Gesellschaft hat mit den Lehren, wie wir sie in der Gnosis vorfinden, zu tun.
[ 4 ] Die Theosophische Gesellschaft unterscheidet sich aber im Wesen von jeder Art Geheimgesellschaft. Wir finden uns zwar auch in größeren Mengen in der Theosophischen Gesellschaft wie zu Christus’ Zeiten zusammen und nicht in kleinen verborgenen Zirkeln, wie dies bei der Pythagoreischen Schule der Fall war. Wir können aber noch mehr Gemeinsamkeiten aufzeigen.
[ 5 ] Ich habe die Rosenkreuzer und die Tempelherren-Ritter bereits erwähnt. Bei ihnen war es anders, denn sie waren echte Geheimgesellschaften mit hierarchischem Ordnungsprinzip. Die Rosenkreuzer wendeten sich nur an einzelne wenige. Sie versammelten sich niemals in größeren Zusammenhängen. Ich möchte Ihnen heute einen Begriff geben davon, wie die Rosenkreuzer wirkten. Sie existierten in der ursprünglichen Form bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, wo die merkwürdigsten spirituellen Bestrebungen auftraten und dadurch die Form geändert werden musste. Christian Rosenkreutz ist in dem Grafen Saint Germain zu der damaligen Zeit inkarniert gewesen. Vom dreizehnten Jahrhundert bis zur Französischen Revolution war es so, dass die Rosenkreuzer sich nur untereinander kannten. Nur wer selbst ein Rosenkreuzer war, konnte den anderen erkennen. Es war ausgeschlossen, dass ein Rosenkreuzer von außen her erkannt werden konnte. Rosenkreuzer konnten in den unbemerktesten weltlichen Stellungen sein. Viele Leiter des Schulwesens waren in einer gewissen Stellung, sodass sie stark wirken konnten, ohne erkannt zu werden. Sie waren aber auch äußerlich aus der Gesetzgebung, aus der Verwaltung heraus gekommen und dadurch stark wirksam.
[ 6 ] In Wahrheit steht der Rosenkreuzer nur in Beziehung zu seinen geistigen Brüdern. Er wirkt allein aus der spirituellen Sphäre heraus, von der aus die Menschheit regiert wird. Zu bedenken hierbei ist, dass es nicht das Wort allein ist, das eine Wirkung hat. Wirkungen aus der spirituellen Sphäre fließen auf die verschiedensten Arten in das menschliche Leben ein. Nur die, welche an die spirituelle Quelle gehen können, wissen wirklich, um was es sich da handelt. Allgemein wird heute angenommen, dass sich die Geschichte aus äußeren Begebenheiten entwickelt, aber es gibt unzählige andere Kanäle, die ganz verborgen sind und stark in das menschliche Leben eingreifen.
[ 7 ] Wie unterscheidet sich nun die Theosophische Gesellschaft von diesen früheren Bewegungen? Es kommen heute von außen die Tatsachen, die es daher notwendig machen, dass die Theosophie, die theosophischen Wahrheiten der Welt mitgeteilt werden müssen. Es wird Stück für Stück von dem Geheimwissen der Menschheit in der Zukunft zugänglich gemacht werden. So gibt es heute auch Teile des früheren Geheimwissens, die schon öffentlich erscheinen oder bereits erschienen sind. Gefunden wurden sie entweder durch die äußere Naturwissenschaft oder wie zum Beispiel durch die Geschichte im Anschluss an einige Aufsätze, wie sie zum Beispiel in der «Revue Bleu» erschienen sind.
[ 8 ] Die veröffentlichten historischen Tatsachen sind ungefähr die folgenden: Es gibt Aufzeichnungen über die Königin Marie-Antoinette von der Gräfin d’Adh&mar. Es sind dies Mitteilungen der vertrauten Freundin der Königin Marie-Antoinette von Frankreich, die als Hofdame in der Nähe der Königin lebte. Ich will nur skizzieren, was in diesen Aufzeichnungen steht. Am Vorabend der Revolution ließ sich ein Herr bei dieser Hofdame melden. Es war der Comte de Saint Germain, er verlangte eine Audienz bei dem König und bat die Hofdame, ihm eine solche zu vermitteln. Maurepas war Minister und war bestrebt, eine solche Audienz bei Ludwig XVI. zu verhindern. So besprach der Graf Saint Germain die Dinge, die sich auf das königliche Haus und die ganze französische Nation bezogen, mit der Hofdame der Königin und bat diese, die Unterredung der Königin mitzuteilen. — Das ist der erste Akt der Tatsachen.
[ 9 ] Die Vertraute stellte die Sache der Königin Marie-Antoinette vor. Die Königin gestattete der Hofdame mit dem Grafen Saint Germain eine Audienz. So kam es im Beisein der Gräfin d’Adhemar zu einer Unterredung zwischen der Königin und dem Grafen Saint Germain, in der er hinwies auf die gefahrvolle Lage, in der Frankreich sich damals befand. Er sagte dann weiter: Wenn meine Ermahnungen nicht gehört werden, so wird man mich vor Ablauf von drei Generationen nicht mehr sehen.
[ 10 ] Der Erste Minister Maurepas hat dann aber jede weitere Verbindung mit dem Grafen Saint Germain unmöglich gemacht. Im Juli 1789 kam derselbe Graf Saint Germain noch einmal nach Paris, um bei einem Rendezvous in einer Kirche die Vertraute der Königin noch einmal zu sprechen. Er hat bei dieser Unterredung der Vertrauten nicht nur Dinge gesagt, die sich auf die nächsten Jahre bezogen, sondern er hat auch Dinge auf Jahrzehnte hinaus ihr vorausgesagt. «Wer Wind sät, der wird Orkan ernten.» Das habe er schon lange vor der Zeit, als Christus auf Erden wandelte, bereits ausgesprochen. Dieser Mann, der damals als der Graf Saint Germain auftrat, war kein anderer als der Begründer des Rosenkreuzertums, Christian Rosenkreutz selbst. Wir haben es da zu tun mit einem Manne, der ganz in der mentalen Welt leben, ganz in der Gedankenwelt leben kann. Nicht nur in der Gegenwart leben Gedanken, sondern auch in der Vergangenheit, und so werden Gedanken Taten sein in der Zukunft.
[ 11 ] Ich habe in der letzten okkulten Stunde geschildert, wie der Theurg einen Blick erhält für die Tiefen der Weltbewegung. Dem erweiterten Blick des Theurgen bietet sich ein viel tieferer Einblick, er dringt ein in die Absichten der Weltenlenkung. Der Graf Saint Germain vermochte die tiefsten treibenden Kräfte innerhalb der Weltbewegung zu sehen. Das hat er damals klar ausgesprochen, und es ist in den Aufzeichnungen der Gräfin d’Adhemar zu finden. Was er ihr damals aufzeigte, war, dass die Dinge so zu geschehen haben, wie der große Weltenplan es vorsieht, wie die großen Absichten sind.
[ 12 ] Es handelt sich hier bei dem Grafen Saint Germain um eine menschliche Individualität, welche ganz verwachsen war mit einer anderen Persönlichkeit, die mit der Französischen Revolution ebenfalls in Verbindung stand, dem Daimon des Grafen Cagliostro. Alle die äußeren Tatsachen, die sich vor aller Augen abspielen, sind aber nichts anderes als das, was innerlich geschieht. Es liegt dieser Sache aber auch noch etwas anderes zugrunde. Sie war gleichsam ein Symptom für eine unsinnliche Geschichte.
[ 13 ] Wenn wir die heutigen Tatsachen des Lebens richtig erkennen, so werden wir sehen, dass die Ursachen heute immer noch wirksam sind, die damals zur Französischen Revolution geführt haben. Man achtet heute nicht auf solche Tatsachen [, dass Christian Rosenkreutz in seiner damaligen Verkörperung als Graf Saint Germain 1775 in Paris sagte: «Es wird ein Jahrhundert vergehen, bis ich wieder erscheine» - und] «Wenn man auf mich nicht hört, werde ich vor Ablauf von drei Generationen nicht wieder erscheinen.» So hatte sich der Graf Saint Germain Mitte 1789 geäußert.
[ 14 ] Was sich damals in Frankreich [während der Französischen Revolution] dann vollzogen hat, nachdem man auf den Grafen Saint Germain nicht gehört hatte, ist aber lange [innerhalb der geheimen Gesellschaften] vorbereitet gewesen.
[ 15 ] Die Revolution ist hervorgegangen aus dem Rufe nach dem Rechte der Persönlichkeit. (Die vier unteren Prinzipien). Der Drang nach Freiheit gehört dem niederen Manas an. Der Ablauf der Ereignisse vollzog sich also nach einem inneren Plan. Aber jener Mann wollte die Güter, welche dann auf blutige Weise errungen werden mussten, auf eine friedliche Weise der Menschheit bringen. Die Verhältnisse am Hofe ließen es nicht zu, dass auf seinen Rat gehört wurde. Der äußere Verlauf musste nun den anderen Gang, das heißt, den blutigen Gang nehmen. Die Enzyklopädisten, die Aufklärer, haben einen Anteil an der Revolution. Diejenigen, welche nur das Sinnliche betrachten, wie es im «Systeme de la Nature» [von Paul Henri Thiry d’Holbach] geschieht, haben nur Maja in ihrem Blickwinkel. Goethe hat es als ein hohles Machwerk bezeichnet, als ausgeflossen aus den rein physischen, sinnlichen Interessen. Denken, Fühlen und Handeln ist in diesem Machwerk ganz materialisiert worden.
[ 16 ] Wir sehen also, die gegenwärtige Wissenschaft ist in Bezug auf Natur- und Kulturwissenschaft bereits ganz materialistisch geworden. Mit Notwendigkeit ist sie dies geworden. Auch unser Fühlen ist so materialistisch geworden. Wenn wir heute das materialistische Geschichtsdenken betrachten, so sehen wir: Der Mensch ist so völlig abhängig von den Vorurteilen seiner eigenen Zeit. Der Geschichtsforscher ist geradezu genötigt, diese Vorurteile seiner eigenen Zeit zurück zu projizieren in die früheren Zeiten. Wenn man dies in der richtigen Weise einzusehen in der Lage ist, dann ist es geradezu ungeheuerlich, welchen Vorstellungen man über das Leben verflossener Jahrhunderte begegnet. Dieses Behaftetsein mit den Vorurteilen der eigenen Zeit macht es, dass sich heute niemand mehr zurückversetzen kann in das Fühlen und Wollen des dreizehnten Jahrhunderts. Es ist damals aber alles ganz anders gewesen. Die Urteile, denen man heute begegnet, werden mit Ausschluss jeglicher Sachkenntnis gewöhnlich gemacht. Sie basieren nur auf der alleräußerlichsten historischen Basis. Man berücksichtigt überhaupt nicht jenen Satz: Alles ändert sich im Verlaufe der menschlichen Entwicklung.
[ 17 ] Was heute als «Recht» betrachtet wird, das werden die Späteren wieder als «Unrecht» erkennen. Das gilt auch für geistige Bewegungen. Was den Rosenkreuzern des Mittelalters noch recht war, das ginge heute überhaupt nicht mehr. Die Menschen verlangen heute nicht nur mehr, sie verlangen auch etwas anderes. Heute kann man unmöglich so wirken, wie die Rosenkreuzer in früheren Jahrhunderten gewirkt haben. Diejenigen, welche den Menschen heute weiterbringen wollen, sind aber die Schüler derjenigen, welche in früheren Jahrhunderten gefordert haben, dass der menschliche Verstand über alles urteilen soll.
[ 18 ] Gehen wir noch weiter in der menschlichen Entwicklung zurück: Bei der Stiftung des Christentums konnte noch auf das Gefühl gewirkt werden. Man konnte damals auf den «Glauben» bauen. An solchen «Glauben» könnten wir heute aber nicht mehr appellieren.
[ 19 ] Die fortschreitende Geschichte wurde von den RosenkreuzerSchülern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts gerade lebendig gemacht. Wir bringen [ja] auch nur den Tribut unserem Zeitalter, wenn wir heute nun an den Verstand appellieren. Ganz wichtig ist es, sich immer vor Augen zu führen: Wir geben, aber immer ist der Zeitgenosse der Fordernde.
[ 20 ] Eine Wahrheit - so wird allgemein angenommen - sei leicht zu begreifen. Ist das aber wirklich so? Der Verstand kann zwar alles verstehen, aber sonst ist er das Ohnmächtigste, um wirklich in die inneren Geschehnisse einzugreifen. Niemals kann der Verstand von innen heraus begreifen. Der Verstand versteht immer nur die Dinge der Außenseite nach. Was geschieht heute in der Forschung? Tiere und Pflanzen werden chemisch untersucht. Man hat gefunden, wie die Stoffe aufeinander wirken, wie die Verdauung funktioniert. Was geschieht bei diesen Forschungen? Es wird mit dem Denken geordnet und mit dem Verstand kombiniert. Das macht der Verstand. Indem der Verstand aber so an die Tatsachen des Lebens herantritt, hat er zugleich, indem er ordnet, kombiniert, aus allem das Leben herausgetrieben. Die Verstandeswissenschaft hat es «herrlich weit gebracht». Sie hat Erstaunliches geleistet. Das wird selbstverständlich von uns voll anerkannt.
[ 21 ] 1875 haben Haeckels Schüler [Hertwig], Strasburger die Verbindung der Zellen erforscht und den Befruchtungsprozess beleuchtet. Die äußere Wissenschaft versteht heute sogar schon, wie die Persönlichkeit sich bildet. Die Geburt der Persönlichkeit wurde 1875 erhascht. Aber an der höheren Individualität musste die Wissenschaft vorbeigehen.
[ 22 ] Wenn wir nun aber weiter in die Vergangenheit zurückschauen, so sehen wir, dass frühere Jahrhunderte noch den Kern des Menschen gesehen haben. Und sie haben auch von diesem Kern gesprochen. Die heutige Wissenschaft hat aber den Menschen vollkommen losgelöst von seinen geistigen Urquellen. Die Naturwissenschaft wird nur sagen, dass materielles Fühlen und Wollen in dem Menschen lebt. In allem werden materielle Gründe gesucht, welche die Grundlage der späteren Generationen sind.
[ 23 ] Wenn man aber die Wahrheit erfassen will, so muss das Spirituelle heute hinzugefügt werden. Die Lehre von Reinkarnation und Karma, von Schicksalsverkettung gehören dazu. Der Verstand, absteigend, ist ganz ohnmächtig. Erst aufsteigend wird der Verstand aber wieder produktiv sein. Die früheren Menschen haben nicht bloß Verstand gehabt. Aus den Gedanken, die sich aus der Lehre von Reinkarnation und Karma ergeben, werden die höheren Seelenkräfte fließen.
[ 24 ] Ich will demnächst vor den Mitgliedern von dem sprechen, was bei der Entstehung des Christentums vorgelegen hat. Es wird notwendig sein, dass wir uns klar werden über die Gründung des Christentums. Ich werde versuchen, das Christentum in jener Form, wie es damals, als es in jener Zeit auftrat, begreiflich zu machen.
