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The Rudolf Steiner Archive

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Theosophie und Okkultismus
GA 90c

18 September 1903, Berlin

5. Embryologie, Geschlechtliche Fortpflanzung

[ 1 ] Es wurde eine richtige Frage an mich gestellt, die Frage lautete: Wann und auf welche Weise findet die Vereinigung des Ego, des eigentlichen menschlichen Selbstes, mit seinen verschiedenen Körpern statt?

[ 2 ] Ich bin bei der Beantwortung dieser Frage genötigt, weit auszuholen. Denn ich will die Antwort im Einklang mit den neuesten Anschauungen der heutigen Wissenschaft geben, um den Einklang der Wissenschaft mit der theosophischen Weisheit aufzuzeigen.

[ 3 ] Der Zeitpunkt, in dem die Seele sich im Körper niederlässt, das ist der Zeitpunkt, nachdem ich gefragt worden bin. Wir wollen bei der Beantwortung dieser Frage einen Vergleich benutzen. Den Vergleich zwischen einem Haus und seinen Bewohnern, also zwischen Körper und Seele. Es ist doch ganz klar, dass der Bewohner das Haus seinem Berufe entsprechend anpassen wird. Das Haus ist aber auch abhängig von der Grundlage, auf der es erbaut ist. Es kann auch zugrunde gehen durch Gesetze, die mit dem Bewohner gar nichts zu tun haben. So zum Beispiel durch die Witterung. Ebenso ist es auch bei unserem Körper im Verhältnis zu seiner Seele. Körper und Seele unterliegen jeweils ihren eigenen Gesetzen. Körper und Seele stehen miteinander in Beziehungen wie Haus und Bewohner. Sie gehen nur eine Zeit hindurch miteinander. Form und Gestaltung bilden sich nach den Bedürfnissen, zum Beispiel nach dem Beruf.

[ 4 ] Vom Standpunkt der Theosophie können wir nicht bloß die äußeren Gesetze in Betracht ziehen. Wir werden uns auch zu fragen haben: Wie wird das Haus bereitet? Wann wird der Körper fähig, eine Umhüllung zu sein? Wie entwickelt sich die Seele bis zu jenem Zeitpunkte hin, in dem sie Besitz ergreift von dem körperlichen Haus?

[ 5 ] Wenn wir heute die theosophische Literatur uns anschauen, so gibt sie uns keinen Aufschluss über die Zustände der Seele vor der Geburt. Die Forschungen der Naturwissenschaft aber über die Art und Weise, wie das Haus, wie die Körper aufgebaut sind, sind in einem wichtigen Stadium. Die physische Wissenschaft kommt uns da mit jedem Tag mehr entgegen. Die Ergebnisse der Wissenschaft sind aber in mannigfaltiger Weise unsicher, und sie bringen mannigfaltiges Neues.

[ 6 ] Meine Antwort ist mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft gegeben. Es ist kein Dogmaglaube. Denn die Wissenschaft muss von Tag zu Tag weiter fortschreiten.

[ 7 ] Nun wollen wir die Stadien der Seele zwischen zwei Inkarnationen betrachten. Zunächst befindet sie sich in dem Arupareich im Devachan. Zunächst ist der Zustand der Seele zu vergleichen mit dem Zustand des Pflanzenkeimes. Die ganze Pflanze ist eine Zeit lang in dem punktförmigen Lilienkeim zusammengezogen. Im Keime ist unsichtbar für unser äußeres Auge bereits die ganze Lilie enthalten. Im kleinen Keimkörnchen ist [geistig] die ganze Pflanze bereits enthalten. In der verschiedensten Weise kann das im Keim gestaltet sein. Wenn wir so den Keim anschauen, dann ist er aber doch ganz verschieden zu dem, was die Seele vorher war und auch nachher sein wird. Die Seele ist aber auch in einem Zustande, wo sie ganz befreit ist von allen Hüllen. Es gehört zum Entwicklungsplan, sie muss sich eine Zeit lang frei und unbehindert fühlen. Dann kann sie die Kraft, die sie in dieser Freiheit gewonnen hat, auf die neue Verkörperung verwenden.

[ 8 ] Von dieser höchsten Ebene herunterkommend, umgibt sich dann die Seele mit Gedankenstoff, mit dem Mentalkörper. Dann weiter dringend umgibt sie sich mit Astralstoff. In der Zeit vor der Geburt ist dies ein äußerst beweglicher Vorgang. Das Selbst wird da ein äußerst bewegliches Organ. Das Selbst erscheint da in Trichterform und auch in einer gewissen Färbung. Wie Sternenstrahlen aussendend ist der mittlere Teil. Der Keim, der aus dem Devachan kommt, steckt in einem Strahlenzylinder und ist aus goldgelbem Lichte strahlend; das umgibt sich dann mit astralem Stoff, sodass das Selbst dann eine solche trichterförmige Gestalt erhält. Mit ungeheurer Schnelligkeit vollzieht sich das. Was im goldgelben Strahlenzylinder steckt, ist die mentale-astrale Hülle des Selbstes.

[ 9 ] Aristoteles überliefert uns einen Ausdruck dafür: «Nous poeticos», höhere Seelen-Kraft, «nous pateticos», Seelen-Wahrnehmungen, Wahrnehmungs-Vermögen, nachdem die Seele im Fleische inkarniert ist.

[ 10 ] Niemals kann eine solche Trichterform in Verbindung mit einem Körper kommen, der ihr nicht mit seiner Gestaltung entgegenkommt. Und doch kann der eine Trichter sehr groß sein und der andere sehr klein, entsprechend dem Menschenkeim. Die neuesten Forschungen der Wissenschaft sind heute erst in der Lage, über die Entwicklung des tierisch-menschlichen Organismus Aufschluss zu geben.

[ 11 ] Solche Forschungen sind auf Korsika im Jahre 1875 gemacht worden. Die Forscher waren dort so weit gekommen, dass sie sagen konnten: Hier, in diesem Punkte nimmt die menschliche Persönlichkeit ihren Anfang. Der materialistische Forscher kann sagen: Wir kennen jetzt die Vorgänge, die zum Dasein führen auf dem materiellen Plane. Aber wenn wir nichts wissen würden von diesen vorhergehenden Zuständen, so würden wir durch die heutige Naturwissenschaft nur in die Lage versetzt sein, unsere äußere Persönlichkeit studieren zu können.

[ 12 ] Gleichzeitig mit diesem neuen Ausgangspunkt der Forschung ist in demselben Jahre die theosophische Weisheit über die Welt ergossen worden. Mit der Entdeckung, die Aufschluss gibt über die Entwicklung des tierisch-menschlichen Organismus, fällt die Verkündigung der Weisheit über die menschliche Seele durch die theosophische Gesellschaft zusammen. Die heutige Naturwissenschaft hat einen Standpunkt erreicht, der dem des Aristoteles nicht unähnlich ist.

[ 13 ] Die Frage kann aufgeworfen werden: Warum ist überhaupt innerhalb der dritten Runde die Sexualität, die Geschlechtlichkeit aufgetreten? Vorher hat die Fortpflanzung ja auf ungeschlechtliche Weise stattgefunden. Alle Religionen führen zurück auf den Menschen, der weder männlich noch weiblich war, auf Adam-Kadmon. Nun könnte man fragen: Warum geschieht die Fortpflanzung jetzt auf geschlechtliche Weise? Die Mysterienforscher haben da immer eine Antwort gewusst. Ich will die Antwort Ihnen in der Form der modernen Wissenschaft geben. Man hat bisher geglaubt, dass der ganze Befruchtungsprozess etwas anderes sei, als was er sich jetzt herausgestellt hat. Jetzt ist diese Frage zum Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Wie stellen sich nun aber die wissenschaftlichen Ergebnisse zur Frage der geschlechtlichen Fortpflanzung? Die geschlechtliche Art der Fortpflanzung wäre doch gar nicht von Natur notwendig. Die Natur hätte sich schließlich auch in einer anderen Weise helfen können. Die Wissenschaft sagt deshalb auch nicht mehr: Beide Geschlechter sind in gleicher Weise zur Fortpflanzung notwendig. Und das ist richtig, denn zur bloßen Fortpflanzung würde das Weibliche allein genügen. Dennoch hat die Natur einen anderen Weg gewählt, nämlich den Weg der Vermischung der Geschlechter, nachdem zwei Geschlechter geschaffen wurden. Und wozu dies, wenn sie ihn auch ohne die Vermischung besorgen könnte? Nun, die Natur hat die Schaffung zweier Geschlechter und dann die Vermischung der Geschlechter gewählt, weil sie vorausgesehen hat, dass, wenn von der dritten [Wurzel-]Rasse angefangen, sich die menschlichen Selbste werden inkarnieren wollen, dann zu dieser Inkarnation die geschlechtliche Fortpflanzung notwendig ist.

[ 14 ] Das heißt: Die Natur hat auch diesen Zeitpunkt vorbereitet, von wo ab die menschliche Intelligenz sich immer wieder in Hüllen, in Körper reinkarnieren soll. Von diesem Zeitpunkt ab, dass menschliche Selbste sich inkarnieren wollten, da sollte die Fortpflanzung durch die Vermischung der beiden Geschlechter vor sich gehen. Und warum sollte das geschehen? Damit mit jeder neuen Inkarnation eine Qualitätenmischung, eine Eigenschaftsmischung, überhaupt eintreten kann, welche vorher noch nicht da war. Die Fortpflanzung war demnach lediglich dadurch geschehen, dass eine Persönlichkeit mit einer anderen Persönlichkeit fähig wurde, einfach eine andere hervorzubringen. Vorher war eine ungeheuerliche Ähnlichkeit mit seinen Vorfahren vorhanden. Ohne die Zweigeschlechtlichkeit würde zwar der Mensch eine kleine Änderung durch die Berührung mit der äußeren Welt erleiden, aber er würde im Grunde seinen Vorfahren immer ähnlich geblieben sein, wie die Ähnlichkeit der Lilie[ntochter] und der Lilienmutter.

[ 15 ] Wie wir sehen: Das Kind trägt aber nicht nur die Eigenschaften der Mutter, sondern auch die des Vaters. In dem Mischungsprodukt tritt eine ganz andere Art von neuem Wesen auf, und damit wird der einzelne Mensch das Resultat von zwei ganz verschiedenen Strömen. Alles Physisch-Materielle liefert nur der Mutterkörper. Und das männliche Geschlecht ist nur dazu da, damit die Eigenschaften verändert werden können. Das männliche Geschlecht gibt also nur den Anstoß dazu. Das Männliche dringt ein in das Mütterliche und nun tritt nicht eine Vereinigung, wie man geglaubt hat, ein, sondern es tritt hier ein strahlenförmiger Körper auf - Zentrosoma genannt. Ohne dieses Zentrosoma geschicht keine Fortpflanzung. Bei niederen Tieren kann man die Fortpflanzung sogar durch das Zusammenbringen mit einer Säure hervorbringen. Es treten dann zwei Kerne auf. Das Wiedererscheinen mit zwei Kernen sieht etwa so aus: Der eine Kern zieht die männlichen, der andere die weiblichen Eigenschaften an.

[ 16 ] Dieser Zustand ist jedoch noch nicht fähig, einen Seelenkeim aufzunehmen, nur neue Zellen können dadurch aufgebaut werden. Dieser Aufbau geschieht nach folgender Gesetzmäßigkeit: 1, 2, 4, 8, 16 Zellen und so weiter, bis zum Zustande des Maulbeerkeimes. Als okkulter Forscher sehen Sie außer dem, was ich jetzt beschrieben habe, die Kraft, die da wirksam ist. Die ist übergegangen von den Vorfahren. Das, was wir «physisches Prana» nennen, hat eine rosenfarbene Nuance. Es durchzieht die Zellen während ihrer Bildung und Zellenvermehrung. Das «physische Prana» kann den Vorgang noch weiterführen. Der Maulbeerkeim wird dann in zwei Schichten geteilt. Mit diesem Vorgang hat sich mit dem Menschenkeim ein Seelenkeim verbunden. Wenn wir diese Vorgänge vor uns haben, sind wir damit in den ersten Tagen des Embryolebens angekommen. Es verschwindet der Strahlen-Zylinder im Trichter. Er teilt sich in zwei Sterne. Diese beiden Sterne sind die Bildner von etwas, was sich in den beiden Schichten hier ausbildet. Jeder der Sterne ergreift eine der zwei Schichten. Sie wandern in den Embryo hinein. Diese Sterne sind es, was dann die Anlage bildet zu den zwei Nervensystemen, zu dem sympathischen, dem unbewussten Nervensystem, das die vegetativen Tätigkeiten besorgt, und dem zentralen Nervensystem. Dann kommt das «astrale Prana» hinzu. Dasselbe geschieht auch beim Keim des höheren Tieres. Der Keim eines höheren Tieres kann im Anfange vom Menschenkeim nicht unterschieden werden.

[ 17 ] Diese Verdickung bedeutet das eigentliche Auftreten des gegliederten Rückenmarks. Auf der einen Seite sehen Sie fünf Bläschen auftreten. Aus dem einen [entwickelt sich] das vordere, aus dem zweiten das mittlere, aus dem dritten das hintere und dann das Nach-Hirn.

[ 18 ] Jetzt tritt der Strahlenkegel, der verschwunden war, wieder auf (zwischen dem 20. und dem 30. Tage). Der Prana-Strom hat das Gehirn und das Rückenmark schon organisiert. Von da aus zieht es in dem vorbereiteten menschlichen Gehirn ein als mentales Prana. Wir haben also ein «physisches Prana», dann ein zweites Prana unter der Leitung des Astralen, das im sympathischen Nerven-System tätig ist und das Gehirn aufbaut, damit im zubereiteten Gehirn das eigentliche Selbst einziehen kann. Es ist noch nicht vorhanden, noch nicht äußerlich wahrnehmbar. Jede Seelenkraft bildet sich die Organe selbst aus. Von dem Gehirn aus bildet sich das schlummernde Selbst weiter, um sich anzupassen. Dann erfolgt das Einziehen des Selbstes in den Organismus als «mentales Prana».

[ 19 ] Mit einer dreimaligen Befruchtung haben wir es zu tun. Erstens auf dem physischen Plan, zweitens mit einer doppelten Befruchtung auf dem astralen Plan und drittens mit dem Einschlag des Selbst. Es muss dafür ein einziger Körper sein. Und das kann nur geschehen, nur erzielt werden durch die Qualitäten-Mischung mütterlich-weiblich und [väterlich-]männlich, durch die Zweigeschlechtlichkeit.

[ 20 ] Damit haben wir erkannt den eigentlichen Zweck der Fortpflanzung durch die Geschlechter. Die geschlechtliche Fortpflanzung ist nicht also als eine Ursache, sondern als ein Zweck zu verstehen.

[ 21 ] Die nächste Frage wäre nun die nach den Zuständen nach dem Tode. Ferner die Frage: Wie verhält es sich mit unserem Wahrnehmungsvermögen nach dem Tode, nach der Ablegung der Hüllen.