Kosmologie und menschliche Evolution
Mensch, Natur und Kosmos
GA 91
10 August 1905, Haubinda
13. Der Stein der Weisen
[ 1 ] Im Mittelalter hören wir häufig von der Kunst, Gold zu machen, und vom Stein der Weisen. Solche Dinge hängen zwar mit ganz tiefen Fragen des Lebens zusammen, werden aber oft missverstanden von Leuten, die von höheren Dingen nichts wissen. Unter «Stein der Weisen» hat man früher verstanden die Erzeugung irgendeines Minerals, das durch arzneiartige Einnahme vermocht habe, das Leben zu verlängern. Gold, wie es heute auf Erden zu finden ist, ist in der Tat nicht in derselben Form immer vorhanden gewesen, sondern hatte zuerst ganz andere Formen und hat sich allmählich dann verwandelt in Gold. Es ist beim Golde schwerer, es in einen flüssigen Zustand zu bringen als zum Beispiel beim Blei, aber es gibt auch flüssiges Gold, das bei hoher Temperatur rinnt wie Wasser. Man kann es noch weiter verflüssigen, dann entstehen Goldwolken, die den Planeten überziehen, und wenn Sie es immer mehr verflüchtigen, entsteht aus Gold — Sonnenlicht. Sodass wir im Golde einen Stoff haben, der im Innern der Erde durch das Erstarren des Sonnenlichtes so entstanden ist wie das Eis durch Erstarren des Wassers.
[ 2 ] Als die Erde noch Sonne war, war das Gold Sonnenlicht. Erst durch Abspalten der Sonne wurde die Erde so kalt, dass die in ihr gebliebenen Lichtstrahlen zu Gold erstarrten. Der Bergmann weiß das noch, und er behandelt so das Gold. Auf dem Monde wurde das Gold etwas starrer, als es auf der Sonne war; es rann in Bächen auf der Oberfläche des Mondes. Auf der Erde wurde es zu Goldadern und durchkreuzte die Erde, wie die Blutadern den Menschen durchkreuzen. Als die Erdenzeit da war, geschah es so, dass der Mensch selbst alles dasjenige aufnehmen konnte, was vorher zu Gold erstarrt war. Das Licht hat für den Menschen diese Bedeutung gewonnen. Indem der Mensch Feuer aus- und einsog, durchglühte es ihn ja selbst und durchzog ihn mit dem Stoff, der im Sonnenlicht enthalten ist. Das Ein- und Aussaugen des Feuers ist ein Vorgang, der äußerlich verknüpft war mit Leucht- und Lichterscheinungen; der Mensch war damals ein leuchtender und glitzernder Mensch. Überreste davon sind in den Wesen, die das Meeresleuchten bewirken, und auch im Leuchtkäfer. Diese Leuchtkraft hat der Mensch verloren dadurch, dass er die Wärme in sich eingesogen hat. In der nachlemurischen Zeit haben wir schon den warmen Menschen, und jetzt beginnt der Rückweg. Wenn der Mensch sich physisch weiterentwickelt, wird er die Wärme nicht nur in sich entwickeln, sondern wieder ausstrahlen und wie eine Sonne seine Umgebung erleuchten. Dann strahlt er das Licht aus wie früher die Sonne, und die Erde kann sich weiterentwickeln. Auf der Erde, die später Jupiter wird, strahlt er die leuchtende Goldkraft aus, sodass der Mensch Schöpfer des Goldes sein wird. So wird der Mensch durch seine eigene Entwicklung das chemische Laboratorium, das Gold erzeugt. Der Mensch wird zum Planetengeist und bringt dann hervor, was der Planet hervorgebracht hat. Eine materielle Verwandlung geht mit ihm wirklich vor, und so wird er zur Quelle des Goldes. Durch Meditation und Konzentration erzeugen wir die Kräfte, die dazu führen. Sodass heute für die Menschheit diese geistigen Verrichtungen die Naturkräfte sind, durch die er spätere materielle Verwandlungen vorbereitet. Heute könnte auch ein Christus nicht materiell unmittelbar Gold erzeugen in unserer physischen Erde, denn man kann nichts erzeugen, was die Umgebung nicht aufnimmt.
[ 3 ] Die Kunst, Gold zu machen, wurde im Mittelalter ganz materiell aufgefasst. Man wartete nicht ab, dehnte nicht die Geistigkeit auf viele Inkarnationen aus, sondern bloß auf eine, und vermaterialisierte dadurch.
[ 4 ] [Kommen wir nun zum] Stein der Weisen. Für jeden, der nicht Okkultismus betrieben hat, wirken die Schriften darüber wie von einem Wahnsinnigen geschrieben. Im achtzehnten Jahrhundert beschrieb ihn einer im «Reichsanzeiger» und sagte: Wer ihn nur einmal kennt, findet ihn überall; ihr habt ihn in eurem Zimmer, findet ihn auf der Straße, haltet ihn in der Hand. — Er beschreibt ihn also als etwas, wovon man nur nicht weiß, was es ist. Es ist etwas, was, wenn es der Mensch durch sich selbst wird erzeugen können, ihn wirklich unsterblich machen wird.
[ 5 ] Wir wissen, dass der Mensch in die ganze Natur hereingestellt ist, dass er abhängig ist von der Pflanzenwelt. Er atmet Sauerstoff ein, Kohlensäure aus; die Pflanze dagegen assimiliert Kohlensäure und stößt Sauerstoff aus. So ergänzen sich Mensch und Pflanze. Was der Mensch ausstößt, davon baut die Pflanze ihren Körper auf. Es versteht sich, dass es vorher Licht geben muss, bevor die Pflanze ihren Körper aufbauen kann; wenn das aber da ist, baut sie ihn aus der Kohlensäure auf. Solch eine Pflanze ist ein merkwürdiges chemisches Laboratorium. Der Hauptstoff ist Kohlensäure; was sie an Salzen aufnimmt, ist sekundär. Kohlensäure besteht aus Kohlenstoff und Sauerstoff. Die Pflanze behält den Kohlenstoff zurück und lässt den Sauerstoff wieder von sich. Der Mensch verbindet den Sauerstoff mit seiner Kohle und stößt sie von sich. Das können wir sehen, wenn wir Pflanzen nach Millionen von Jahren aus der Erde herausgraben; was finden wir dann? Wir finden Kohle. Die Pflanze hat sich in der Tat in der Kohle inkarniert, und die Kohle ist ihr Leichnam, ihr Mondkörper. Würden wir verfolgen, was die Pflanzenwelt tut, wenn sie sich selbst überlassen sein würde, so würden wir sehen, dass die Erde in einen Kohlenplaneten verwandelt würde.
[ 6 ] Nun haben wir gesehen, dass der Mensch das Mineralreich umwandelt, dass er mit denselben Kräften die Erde umackert, mit denen auch das Mineralreich arbeitet. Wenn die Erde aus ihrer jetzigen Runde herausschreitet, hat der Mensch sie ganz verwandelt, dann beginnt die fünfte Runde mit dem Pflanzenreich [als unterstem Reich]. Dann macht der Mensch mit dem Pflanzenreich, was er jetzt mit dem Mineralreich tut: Er wird es durcharbeiten und sich in ihm inkarnieren. Und damit gehen die laboratorischen Kräfte der Pflanzenwelt in ihn über, und er wird aus seinen eigenen Kräften heraus den Planeten in Kohle verwandeln. Damit sind wir an dem Punkt angelangt, an dem das Menschenreich unsterblich wird. Es wird der Mensch nicht mehr, wie es bei seinen mineralischen Inkarnationen der Fall ist, in einen Körper ein- und ausziehen, sondern er wird als Geistwesen den Stoff assimilieren und wieder ausziehen und damit aus seinem eigenen Stoff den Planeten herausbilden. Natürlich wird dann die Kohle in der feinen Form des heutigen Diamanten vorhanden sein; der Mensch bildet seinen diamantenen Planeten, den er durchzieht mit den Goldadern, wie früher die Sonne seinen Erdenplaneten mit Goldadern durchzogen hat. Der Mensch wird Planetengeist. So müssen wir Kortum verstehen, wenn er sagt, dass wir den Stein der Weisen fortwährend in der Hand halten: Es ist die Kohle.
