Kosmologie und menschliche Evolution
Mensch, Natur und Kosmos
GA 91
12 August 1905, Haubinda
15. Bewusstseinsformen
[ 1 ] Außer den sieben bekannten Bewusstseinsformen gibt es noch fünf, im ganzen zwölf Stufen. Das Tieftrancebewusstsein, traumloses Schlafbewusstsein, Traumschlafbewusstsein, waches Bewusstsein, psychisches Bewusstsein, überpsychisches Bewusstsein, spirituelles Bewusstsein.
[ 2 ] Das spirituelle Bewusstsein auf dem Vulkan ist so hoch, dass der Mensch eine Art Schöpfer wird. Wie steht es aber mit den höheren Wesenheiten, die begonnen haben, noch höhere Fähigkeiten auszubilden, als bloß alles zu wissen, tun und schaffen? Mit spirituellem Bewusstsein wäre der Mensch ein Magier, er könnte Wesenheiten schaffen. [Aber eines könnte er noch nicht: aus dem eigenen Wesen emanieren, Substanz abgeben.] Das ist die Fähigkeit der fünf höheren Bewusstseinsstufen: die Fähigkeit, nicht nur zu scheinen, Licht auszuströmen, sondern Stoff auszuströmen, eigene Substanz abzugeben.
[ 3 ] Wir können unterscheiden zwischen emanierendem Bewusstsein, wahrnehmendem Bewusstsein und tätigem, das heißt formschaffenden Bewusstsein. Wenn wir Formen schaffen, ist Substanz schon da, wir geben ihr bloß die Form. Wenn wir wahrnehmen, ist Form schon da, wir emanieren Bilder. Wenn wir emanierendes Bewusstsein haben, lassen wir den Stoff selbst ausströmen.
[ 4 ] Das eigentliche emanierende Bewusstsein sind die Stufen zwölf, elf, zehn und neun des Bewusstseins; die Stufen des wahrnehmenden Bewusstseins sind acht, sieben, sechs, fünf, und des formenden Bewusstseins vier, drei, zwei, eins. Bevor etwas geformt oder wahrgenommen wird, muss erst etwas da sein, und daher hat das emanierende Bewusstsein zuerst die Aufgabe, den Stoff zu einer solchen Welt auszustrahlen, den Stoff sozusagen aus sich herauszuspinnen. Dies nennt man die ‹erste Ausströmung›: Aus dem emanierenden Bewusstsein strömt der Stoff. Der Stoff ist nicht zu unterschätzen, er entsteht aus dem Opfer eines höheren Bewusstseins. Wo kommt der Stoff her? Er kommt da her, wo der künftige Stoff herkommen wird, er kommt aus dem Bewusstsein.
[ 5 ] Das Zweite, was geschieht, ist, dass das formende Bewusstsein eingreift; das ist die ‹zweite Ausstrahlung›. Und wenn dieses formende Bewusstsein Formen geschaffen hat, kann das wahrnehmende Bewusstsein sie aufnehmen — die «dritte Strahlung». Man nennt auch die erste Ausströmung, die das Stoffliche ausströmt, den dritten Logos; das Formende, das die plastischen Gestalten aufbaut, den zweiten Logos; und das wahrnehmende Bewusstsein den ersten Logos. Die christliche Esoterik nennt die Welt des dritten Logos, in welcher die Götter ihr Bewusstsein hinopfern, ausstrahlen: die himmlische Welt; die Welt des zweiten Logos: die Unterwelt; und die Welt des ersten Logos: die Menschenwelt.
[ 6 ] Wollen wir diese allgemeinen Begriffe auf unsere Menschheit anwenden. Auf dem Saturn haben wir das Ausströmen einer Materie, die Geister des Willens emanieren aus ihrem Bewusstsein heraus den Stoff. Aus diesem Stoff wird der Menschenleib geformt. In ihm verkörpern sich zuerst die Urkräfte — Asuras —, sie werden sozusagen Menschen. [Die christliche Wissenschaft nennt die Geister der Persönlichkeit auch Urkräfte.] Auf der Sonne sind es die Geister, die Söhne des Feuers, die Agnishvattas, welche Menschen werden. Auf dem Monde werden die Geister des Zwielichts, die Lunar-Pitris, Menschen. Auf der Erde werden Menschen richtige Menschen. Auf dem Jupiter werden tieferstehende Wesen Mensch — das sind die Bösen. Der Mensch steigt höher, wird in gewisser Weise ein Engel; auf der Venus wird er Erzengel und auf dem Vulkan Urkraft.
[ 7 ] Wir müssen nun zurückgreifen auf die ausstrahlende Materie von Seiten der Geister des Willens. Aus ihr wird der physische Leib geformt auf dem Saturn, umgebildet wird er auf der Sonne, auf dem Monde und auf der Erde, und nun beginnt er abzubröckeln, sich abzulösen vom Menschen — wenn er Engel wird, Ein Analogon haben wir im Korallenstock, er wurzelt im Wasser, mehr und mehr setzt er Kalk an, woran sich immer mehr und mehr Tierchen bilden, welche absterben; dadurch wächst die Koralle. So wird unser Planet immer mehr und mehr Kohle absetzen.
[ 8 ] Ohne Materie ist nichts, nie etwas; wenn die eine sich verliert, muss eine neue, wenn auch dünnere an die Stelle treten. Die Menschen gehen über ins Engelstadium, verlieren die physische Materie, erhalten aber den Ätherleib. Die Äthermaterie bildet den Körper bis zum Vulkan, wo sie sich verliert, wie hier die physische Materie.
[ 9 ] Die anderen Wesen, die schon höher waren, werden natürlich immer noch höher steigen. Die Geister des Zwielichts — Lunar-Pitris — sind auf der Erde um eine Stufe höher als der Mensch, und dementsprechend geht er aufwärts. Diese Stufe von Wesenheiten wird nicht nur auf dem Vulkan, sondern schon auf der Venus begabt sein mit spirituellem Bewusstsein. Auf einer Stufe früher, also auf dem Jupiter, haben die Agnishvattas — Erzengel — spirituelles Bewusstsein. Und noch um eine Stufe früher, auf der Erde, haben die Urkräfte — Asuras — ihr spirituelles Bewusstsein, sodass im normalen Gang auf der Erde diejenigen Geister der Persönlichkeit, die auf dem Saturn ihr Menschentum erreicht hatten, ihr spirituelles Bewusstsein erlangen. Sie sind mit freiem Willen begabt, daher können sie hier abirren. Daher geschieht hier auf Erden der Kampf zwischen den Urkräften, die sich abwenden, und denen, die ihren Aufstieg verfolgen. Diesen Kampf zwischen den Urkräften des Lichtes und denen der Finsternis schildern die Bhagavadgita und das Buch Henoch. Er spielt sich ab beim Moment der Menschwerdung. Es werden geboren zweierlei Urkräfte, eine Schar unter Führung des Abwärtsgehenden, eine andere Schar unter Führung des Aufwärtsgehenden; ihn nennt die christliche Esoterik: Christus.
[ 10 ] [Erinnern Sie sich an das Bild:] Die Pflanze stellt den umgekehrten Menschen dar. Bei der Pflanze ist der Kopf nach unten gerichtet, beim Menschen nach oben. Die Menschwerdung ist eine Umwendung. Als niederes Wesen war der Mensch mit dem Kopf nach unten gerichtet, später kehrte er sich nach oben. Wenn wir uns an Hephaistos erinnern, so ist dies ein [Bild für das] Abbröckeln der nach unten gerichteten Teile. Hephaistos wird verwundet durch den bösen Führer. Die gute Ur-Kraft — Christus — leuchtet von der Erde aus der Menschheit voran mit einem Bewusstsein, das dem Menschen selbst erst auf dem Vulkan beschieden werden wird. Christus offenbart sich als Erster aus der neuen, von dem Erdendasein ausströmenden Materie. Der Erste, der unabhängig von der alten Materie sich in der neuen manifestiert, ist Christus. Diese Offenbarung nennt man: die Geburt aus der jungfräulichen Materie [oder aus der Jungfrau]; aus dem zweiten Logos, Anfang des Johannes-Evangeliums.
[ 11 ] So ist das Erscheinen Christi auf der Erde der Mittelpunkt der ganzen Evolution. Es ist ein kosmisches Ereignis, das für die ganze Evolution eine Bedeutung hat.
